Preis der einzelnen Nummer 3.— M. • Bezugspreis in Deutschland • • • und Ausland siehe unten unter Bezugsbedingungen. . . . Anzeigenschluss immer 5 Arbeitstage vor Erscheinen. MÜNCHENER Zusendungen sind zu richten für die Schriftleitung: Arnulfstr. 26 (Sprechstunden 81^-1 Uhr), für Bezug: an J. F. Lehmanns Verlag, Paul Heyse-'t/asSe 26 für Anzeigen: L. Waibel, Anzeigen-Verwaltung, Weinsir. 2/111. Medizinische Wochenschrift. ORGAN FÜR AMTLICHE UND PRAKTISCHE ÄRZTE. Nr. 1. 6. Januar 1922. Schriftleitung: Dr. B. Spatz, Arnulfstrasse 26. Verlag: J. F. Lehmann, Paul Heyse-Strasse 26. 69. Jahrgang. Der Verlag behält sich das ausschliessliche Recht der Vervielfältigung und Verbreitung der in dieser Zeitschrift zum Abdruck gelangenden Originalbeiträge vor. Originalien. Zur pathologischen Anatomie und Nomenklatur der Lungentuberkulose*). Von Prof. Felix March and in Leipzig. In dem ganzen Gebiete der Medizin gibt es kaum irgend eineu Gegenstand, wo die Ungenaiugkeit der Terminologie bis auf den heutigen Tag mehr Ver¬ wirrung gestifiet hat als diesen. Virchow, Geschwülste II, 620 anderer Stelle hervorgehobeii habe 5 6). Die Einheitlichkeit bestand für j Laennec in dem gleichen Ausgang der eigentümlichen tuberkulösen Materie in Verkäsung und Erweichung. Die morphologische Ver¬ schiedenheit der tuberkulösen Knötchen und der diffusen Infiltration hat Laennec gebührend hervorgehoben, was übrigens Virchow j selbst in seinen Vorlesungen anerkannt hat, nur dass er die tuber- ! kulöse Natur der „Infiltration“ bestritt. Dass L. die entzündliche Natur ! der letzteren ablehnte, kann ihm nach dem damaligen Stand der Wissen- M. H.! Es ist vielleicht ein gewagtes Unternehmen, eine Ueber- sicht über die pathologische Anatomie der Lungentuberkulose in dem kurzen Raum einer Stunde zu versuchen; sie muss sich auf das Not¬ wendigste, auf die zurzeit besonders streitigen Fragen beschränken und dazu Stellung nehmen. Eine etwas genauere Darstellung der nisto- logischen Veränderungen würde eine sehr viel längere Zeit be¬ anspruchen und ohne mikroskopische Demonstrationen nicht möglich sein 1). Dennoch muss sich eine Stellungnahme zu den immer schwieri¬ ger zu beurteilenden Theorien über die biologischen Vorgänge bei der Lungentuberkulose auf die Kenntnis der pathologisch-anatomischen Ver¬ änderungen stützen, die bei ihrer grossen Mannigfaltigkeit ohne eigene Anschauung nicht möglich ist 2). • Bekanntlich gehen gerade in neuester Zeit die Ansichten über die Pathologie der Lungentuberkulose wieder sehr auseinander. L a e n - n e c, der eigentliche Begründer der pathologischen Anatomie der Lungentuberkulose, war es, der, wie sein Vorgänger Bayle, auf Grund genauer anatomischer (selbstverständlich nur makroskopischer) Untersuchungen die einheitliche Natur der Lungentuberkulose oder „tuberkulösen Phthise“ behauptete und diese von anderen zerstörenden Krankheiten der Lunge unterschied3). Der anatomische Charakter der Lungenschwindsucht besteht nach Laennec nicht, wie man lange Zeit glaubte, in einer Folge der Entzündung und Vereiterung des Lungengewebes, sondern in der Existenz der Tuberkel, d. h. Knötchen einer eigentümlichen Neubildung (Produktion accidentelle), die als graue, sog. miliare Tuberkel beginnen, dann im Zentrum, später im ganzen gelblich werden und dabei die Konsistenz eines festen Käses haben. Gewöhnlich fängt in diesem Stadium der Entwicklung der Tuberkel das umgebende gesunde Lungengewebe an, fest, grau, halbdurchscheinend zu werden durch Neu¬ bildung tuberkulöser Materie, die die Substanz infiltriert. Solche tuberkulösen Massen können sich auch durch eine ähn¬ liche Infiltration ohne vorherige miliare Tuberkel bilden. Durch Erweichung entsteht daraus teils durchscheinende Flüssigkeit, teils eine opake Masse wie weicher Käse; diese erweichte tuberkulöse Masse öffnet sich einen Ausweg in einen oder mehrere benachbarte Bronchien (1. c. S. 20 — 22). Aus dieser Beschreibung geht klar hervor, dass der von Virchow Laennec gemachte und oft wiederholte Vorwurf, dass er mit Bayle „die Hauptschuld an der Konfusion trage“, und dass in dieser angeblichen Einheit der Lungentuberkulose alle Besonderheiten der einzelnen Vor¬ gänge untergingen4), nicht ganz gerechtfertigt war, wie ich an *) Nach einem Vortrag in der Medizinischen Gesellschaft zu Leipzig am 29. November 1921. (Vergl. den Vortrag von Prof. Huebschmann, Oberassistent am Pathologischen Institut, in der Sitzung der Medizinischen Gesellschaft vom 26. VII. 1921: „Zur Pathologie der Lungentuberkulose“ in Nr. 43 der M.m.W., Aussprache in der Sitzung der Med. Ges. vom 13. XII. 1921.) D Noch weniger kann die enorme Literatur der Tuberkulose einiger- nassen gleichmässig berücksichtigt werden. Sehr viele wertvolle Arbeiten, ich . erwähne unter den Deutschen z. B. E. Ziegler, Kaufmann, Beitzke, Ribbert, Lubarsch, Benda, Herxheimer ausser vielen anderen, konnten nicht zitiert und noch viel weniger besprochen werden, was ich nicht als Unterschätzung aufzufassen bitte. Unter den Aus¬ ländern erwähne ich noch besonders die Werke von T e n d e 1 o o, Adam i, W. G. M a c C a 1 1 u m. 2) Eine Auswahl besonders charakteristischer makroskopischer Präparate von Lungentuberkulose, die der Vortragende im Laufe der letzten 20 Jahre gesammelt hat, wurden zur Ansicht aufgestellt. '') R- T. H. Laenne c: De l’auscultation mediate. Paris 1819, T. I, S. 19. ) R. Virchow: Die Geschwülste II, 623. Noch im Jahre 1882 er¬ klärte Virchow die Lehre Laennecs von der Einheit der Phthise, die er im Tuberkel gesucht habe „für einen der grössten Irrtümer in der Medizin“. Tatsächlich hatte Laennec die beiden anatomischen Formen der tuber¬ kulösen Lungenveränderung ganz richtig erkannt; von einer ätiologischen Ein- Nr. 1. schaff nicht zum Vorwurf gemacht werden, da es ein genaues ana¬ tomisches Kriterium dafür nicht gab und jede Neubildung — gleichviel | ob entzündlich oder nicht — aus einer formlosen, nicht organisierbaren 1 Absonderung hergeleitet wurde. C a r s w e 1 1 8) stand in seinem berühmten Werk noch ganz auf dem ursprünglichen Standpunkt, wie Laennec; dass die tuberkulöse Materie (Laennecs Production accidentelle) aus dem Blut ausgeschieden wird, nach C a r s w e 1 1 hauptsächlich von der Oberfläche einer sezernierenden Membran, besonders einer Schleimhaut, wie sie die Lungenbläschen und Bronchien oder auch die „Schleimfollikel“ des Darmes auskleidet: die tuber¬ kulöse Materie mischt sich dem normalen schleimigen oder serösen Sekret bei, von dem sie sich durch die Eigenschaft der Verkäsung unterscheidet: die Form der strukturlosen tuberkulösen Materie, ob als rundlicher Körper oder als diffuse Masse, ist rein akzidentell und ganz von der Umgebung abhängig: in den Lungen füllt sie die Luftbläschen und die Bronchien aus, deren Innen¬ fläche sie ringförmig bedeckt, während das Lumen anfangs noch flüssiges, schleimiges Sekret enthält, was Laennec und andere irrtümlich als zentrale Erweichung eines festen Knötchens deuteten; bei längerer Dauer kann die ganze Masse opak, gelb und fest werden. Auf diese Weise erklärt sich die von C a r s w e 1 1 so schön abgebildete bäumchenartig verästelte Form der tuberkulösen Herde der Lungen; durch Infiltration eines grösseren Teiles der Lunge mit tuberkulöser Materie entsteht eine gleichmässige Verdichtung, die in Zerfall (Gangrän) übergeht (Taf. IV, 1). Man darf selbstverständlich weder bei Laennec noch bei Carswell bei der akzidentellen tuberkulösen Materie an eine Gewebsneubildung im heutigen Sinne denken. Eine solche stellt sich nach C a r s w e 1 1 erst sekundär ein bei der Auskleidung einer Zerfallshöhle durch Umwandlung des koagulierten Fibrins in Schleimhaut- oder fibröses Gewebe, was für die Heilung der Phthise sehr wichtig ist. Im wesentlichen findet sich diese Anschauung von der Entstehung der tuberkulösen Materie als Exsudat aus den Gefässen auch bei Andral (der dasselbe dem Eiter an die Seite stellt), bei Hasse (1. c.), im wesentlichen sogar noch bei B. Reinhardt7) („ein auf einer bestimmten Stufe der Ent¬ wickelung stehengebliebenes Exsudat“), der aber doch das Eiterkörperchen, die Exsudatzelle als seine morphologische Grundlage betrachtete. Es war erst Virchow, der die Entstehung des Tuberkels als Neubildung aus den Gewebszellen nachwies. Laennecs Ablehnung der entzündlichen Natur des tuberkulösen Prozesses bezog sich auf die gewöhnliche Lungenentzündung und Ver¬ eiterung (1. c. S. 38. § 48). Die spätere Forschung hat ihm darin volt- I ständig Recht gegeben. Uebrigens ist ja auch die entzündliche Natur des Tuberkels nicht bloss durch Virchow selbst, sondern auch neuer¬ dings wiederholt in Abrede gestellt worden. Virchow unterschied bei j der Phthise das aus dem Zerfall von miliaren Tuberkeln der Bronchial- i Schleimhaut entstehende Geschwür, welches nach der Zerstörung der Bronchialwand auf die Umgebung übergreift und „peribronchial“ wird; I dann entsteht in der Umgebung ein nicht tuberkulöser, sondern ent- ' zündlicher Prozess, eine Pneumonie mit Neigung „zu eitriger Zerstörung“. Nach Virchow ist daher die Bronchiolitis und Bronchitis tuberculosa der wesentlichste Ausdruck der Phthisis tuberculosa8). Der Nachweis der ersten Entstehung des tuberkulösen Prozesses in der Wand der Bronchien und der dadurch erst erklärte notwendige Zusammenhang mit den Kavernen heit konnte höchstens im Sinne einer Dyskrasie oder Diathese (Skrofulöse) die Rede sein. Es war ein eigentümliches Zusammentreffen, dass in dem¬ selben Jahre, in dem das obige Urteil gefällt wurde, mit der Entdeckung der Tuberkelbazillen die schon vorher angenommene ätiologische Einheit der Tuberkulose sicher festgestellt wurde. Virchows Referat über seinen Besuch des klimatischen Kurorts Abastuman. Virch. Arch. 1882, 82, S. 183. s) F. Marchand: Die neuen Anschauungen über die Natur der Tuber¬ kulose. D.m.W. 1883 Nr. 15 und: Klinische, anatomische und ätiologische Krankheitsbegriffe. M.m.W. 1920, Nr. 24, S. 681. 6) Robert Cars well: Illustrations of the elementary forms of Disease. London 1838. 7) Benno Reinhardt: Charitee-Annalen Ser. I. 1850, 1, S. 262. — Derselbe: Tuberkulisierung der Exsudate und Tuberkulose überhaupt. Siehe dessen Pathologische Untersuchungen, herausgeg. von R. Leu- b u s c h e r, Berlin 1852. 8) Es verdient hervorgehoben zu werden, dass bereits Hasse, ein aus¬ gezeichneter Beobachter, die in der Umgebung der erweichenden Tuberkel im Lungengewebe sich verbreitende Entzündung genau beschrieben hat. MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT. Nr. 1. segenfiber der früheren umgekehrten Auffassung war ein besonderes V AufV^Tr^mm/eTnes tuberkulöse* i h. aus einer knötehe,.- förmiRen Neubildung entstandenen Prozesses und einer rachttub k der Bronchialwand keineswegs aus eigentlichen Knötchen nervo zugehen pflegt, sondern aus einer mehr diffusen, zur <5nd den Ktfatta und dass auch die Knötchen wen» ^ Ä«Sh siÄ'i ä ra?Tinc hl ». £" k « m r » « BIU iV,.h s!nS ?: f ; «n ‘AS Cher Natur ir «sr str let; tÄTÄ«: jsäsä UnleDte Vi'rc liTwsehe Dualitätslehre trennte unmittelbar zusammen- ÄiÄr^£f"fXwr^SÄhafchS ins-isch-aiiatomische Diagnostik entstand, so wertvoll auch die genauere, durch virchow angebahnte histologische Untersuchung der tuberku- £en Prozesse war«). Ich glaube, diesen Hinweis, auf diese im all¬ gemeinen bekannten Dinge nicht unterlassen zu dürfen, da in neuerei Zeit sowohl von pathologisch-anatomischer als von klinischer Seite -erade bei der Lungentuberkulose wieder der Versuch gemacht wird, die Trennung der sog. „produktiven“, d. h. Knötchenform der Tube¬ rose von der entzündlichen „exsudativen“ wieder durchzufuhren, also Z“ SaÄre»uÄZÄ"choff versuchte neue Nomenklatur der Lungentuberkulose (Schwindsucht) zusammen, der Ersatz des für die ganze ätiologisch einheitliche Krankheit nun einmal allgemein ein- führten Namens Tuberkulose durch P h t h ,1 s e, des Adiektm ^tuber- k n lös durch phthisisch, auch in allen den Fallen wo von ein Phthise d h. von Zerstörung, Schwindsucht nicht die Rede ist ). Pr K H. he Bazillus wird zum Bac. phthisicus degradiert Durch di^se auf alle tuberkulösen Prozesse ausgedehnte Anwendung dei Bezeichnung P h th i s e, phthisisch entstehen nicht nur neue Schwierigkeiten für die Verständigung, sondern auch sprachliche Wider- sprücfie wTe z B. „produktive Phthise“ anstatt produktive Tuberku- ineP . Schwund Zerstörung kann nie produktiv sein ). Auf die anatomisch-histologischen Schwierigkeiten der rerinung der produktiven und der exsudativen Prozesse werde ich noch ruckkomm en^ Einteilung der Lungentuberkulose in drei, so¬ wohl klinisch als pathologisch-anatomisch verschiedene Stadien lasst sich nicht Streng durchführen. Ich ziehe es vor, von den Verpremmgs wegen der Tuberkulose in der Lunge auszugehen, also abgesehen von der ziemlich selbstverständlichen Ausbreitung per hämatogenen, dem aerogenen (bronchogenen) und dem interstitielle (lymAmatSstenm?f einfachsten stellt sich die Tuberkulose der Lunge bei der Eruption der a k u t e n M i 1 i a r t u b e r k u 1 o s e in einer voi- “») Ich erinnere mich noch sehr genau, dass wir unsp “*s . YechzUr Krankheiten .‘derer 0,«u„e. «. T lür die de, Knochen be, denen * . • » Ä SÄÄSÄÄ « - Te’ "T«Vi- 9» K daraiul be,«.., das, die ssiiisilssMä ÄtaÄ ^aLalirVtedS4lXlchtöff erfolgt. Eine Wiedertaufe Wäre^fl.nA%\UhWoUfnf:CheZur Nomenklatur der Phthise.. Zschr f Tuber Sei° C //'s uAs "mein blo^Y Meute® sondern ab gerne me aiSehiriing22)WbenschreiS aber Ss“" Fora Se" Abzehrung (Tabesi sehr genau k r a t e s von Schwindsucht. Aretaeus. auf dessen klassische Schilderung der Phthise sich Aschoff bezieht, beschreibt sehr treffend den H ab t tu s phthLicus (siehe Haeser: Oesch. f. Med. 1. S. 346), aber nicht die Lungen¬ veränderungen. her normalen Lunge durch Einführung der Tuberkelbazillen durch die Blutgefässe sei es durch Einbruch eines tuberkulösen Herdes m eine Körnervene IW e i ge rt12)) oder anderweitiges Eindringen in die Venen oder von den Lymphgefässen un^ deni E)' uct us ' ^oraacus U • ficki:,)i aus oder durch Injektion von Bazillen in die Venen oeim SUChDas makroskopische Bild ist allgemein bekannt; die gleichmassige Grösse und Verteilung der kleinen grauen Knötchen i in den &a"z “kutc " “ SS Äj. Rrnnchialwaud zu einer homogenen Masse verschmilzt, so dass da SSÄ resniratnrius beginnenden intraazinosen Heides bei Nicol U- c., Tafe v In ‘ kann ebenso auch für das sekundäre Uebergreifen eines hämatogenen Miliartuberkels auf den Bronchiolus selten; solche Bdder finden sich keineswegs selten bei notorischer hämatogener 1 ub®Julose besonders bei Kindern. Nicht selten gehen be. ^ langerein § Be stände diese umschriebenen Herde in grossere, ganze Lobuli umfassende käSUWeeJn ÜL i’e be rte L? t e*?* ) ‘''in deinem bekannten Werkais bestimmten Stadem zum Tode führt, nämlich dann, wenn die Tuberkel etwa hirsekorngross geworden sind, sonst musste man auch em Miliartuberkel mit erbsengrossen Knoten finden, so beruht diese An gäbe auf nicht ausreichender pathologisch-anatomischer Erfahru g. Ganz besonders schnell vollzieht sich die Bildung grosserer, aus Gruppen von infiltrierten Alveolen und ganzen Azini zusammen¬ gesetzten Knötchen in der kindlichen Lunge, wo es oft nicht möglich ist, Ulf dem Blutwege entstandene tuberkulöse Herdchen von bronchogen entstandenen zu ^unterscheiden. Sekundäres Uebergreifen au kleine Arterien und Venen mit der Möglichkeit weiterer Verbreitung auf andere Organe, lokale Verbreitung durch die Lymphgefasse sind häufige Folge , dlC Aii der ^Bildung* "d e^ K n ö tch en beteiligen sich, wie bei allen tuber¬ kulösen Prozessen in der Lunge, in. erster Linie die wuchernden Alveolarepithelien, die Gefässendothelien der Bki tkapiUare n dl^ der Infektion zugrunde gehen, wodurch die Gefasslosigkeit der Knotcnei erklärlich ist Bindegewebszellen, Lymphozyten und spärliche Leuko- z den fehrner fldiges Fibrin, welches .sich in allen in Verkäsung be¬ griffenen Teilen mehr oder weniger reichlich unterscheidet. Rjesen Sellen (die aus verschiedenen Elementen, aus Epithel- und Endothel¬ zellen hervorgehen) sind bei den länger bestehenden Knötchen häufig, können Xe" bei den schnell entstandenen, besonders be, Kindern ganz fehlen Die käsige Nekrose beginnt im Zentrum1 des Knötchens und kann bei grösseren Herden zur Erweichung und Einschmelzung fuhren. Die elastischen Fasern werden durch die gewucherten Zeilen i aus- e umdeS' u gt bSiben aber noch erhalten. Bei längerer Dauer “ durch Zunahme des das Knötchen durchziehenden Binde- £°w3,es bei zurücktreTender Verkäsung und nach Resorptmn des toten Materials zur Bildung fester fibröser Knötcheiu die a's ausgehgh zu betrachten sind (sehr häufig an der Pleura) £er Gehalt an Bazillen kann sehr wechseln Es geht daraus hervor, dass der „Miliartuberkel keineswegs eine einheitliche Neubildung, sondern ein recht zusammen- gesSs Gebilde ist. an dem sich auch exsudative Vorgänge reichlich beteiligen können so dass keine Veranlassung ist, ihn als eine produk- tiv^e Neubildung von anderen tuberkulösen Prozessen ihn andererseits wegen seines zusammengesetzten „tubuloazinosen B-uies (nach v. Baumgarten) und des zum grossen Teile mtra alveolären Sitzes nicht als tuberkulöses Knötchen, als Tuberkel zu bezeichnen17). Das tuberkulöse Knötchen geht ohne scharfe Grenze in das käsig-pneumonische Herdchen üben Vergleicht man diese kur Beschreibung mit der ausgezeichneten Darstellung in Orths Lehr huch (ßd I 1887 S 457) und seiner pathologisch-anatomischen Dia¬ gnostik so wird man sich überzeugen, dass sie im wesentlichen dam. übereinstimmt, aber ebenso auch mit der Schilderung der di.sseminierten Miliartuberkulose und dem die Tuberkel umgebenden kasig-pneumom- »{ Bkfw^n und^Bericht /er- Naturf.-V^'r^Mü'ndien 1877= vergl. dazu 5 ‘ ' '1') "sfehe 'hierübe0'1 die' Diskussion in der Sitzung ^^Pathologischen D^e se S Ausgänge* ^e ?U i I U Bub er kulose Ybis zur ' Höh.enbildung) bei 5 bis 6 Wochen Dauer sind bereits von C.F-.Hasse beschrieben worden. Spez. P‘lth«) v.^aü mieten: Geber den Beginn und das . 69° g ^27 tuberkulöse n Prozesses bei der Lungenphthise. Zieglers Beitr 1911, 6n ?' Rindfleisch: Lehrbuch der pathologischen Gewebslehre. 2 J La gu esse und Hardiviller: Bibliographie anat. T. VI, 1896. n ■* N,‘ c° l: Entwicklung und Einteilung der Lungenphthise. Beitr. z. Klm. d. Tub. 1914, 30. ■ f) K. Husten: Zieglers Beitr. 68, S. ) H. Loeschke: Daselbst, S. 213. ‘ ) E. Rindfleisch: Die chronische f. klm. Med. 1874, 13, S. 43 u. 245. — De tuberkulöse in Ziemssens Handb d 5. 2. S. 150. im ganzen hält er ungeeignet. „Tuber- 496. Lungentuberkulose. D. Arcli. rs. : Chronische und akute Lungen- spez. Path. u. Ther. 2. Auf!., 1877, gewiesen zu haben als es Laennec und seinen Nachfolgern möglich war. Dass das anatomische und histologische Bild einer diffusen käsigen Pneumonie total verschieden von einer knötchenförmigen Tuberkulose ist, ist bekannt genug; die pralle homogene Füllung der sämtlichen Alveolen mit fibrinösen Massen bei der ersteren, oft ohne erkennbare Reste von Zellen oder Zellkernen, mit gefässlosen Alveolar¬ wänden, die nur noch an dem Verlauf der elastischen Fasern erkennbar sind, hat keine Aehnlichkeit mit einer knötchenförmigen Tuberkulose; in aen Anfangsstadien finden wir aber dieselben Bilder, wie in der Um¬ gebung des miliaren Tuberkels, eiweissreiches, flüssiges Exsudat, Des¬ quamation des gewucherten Epithels, Anhäufung der grossen ge¬ quollenen (oft verfetteten) einkernigen Zellen, Infiltration der ver¬ dickten Alveolenwände mit Lymphozyten, mit dem Absterben dei Zellen schnell zunehmende Fibrinausscheidung in den Alveolen, Auf¬ hören jeder Zirkulation, homogene Verkäsung und fortschreitenden Zerfall. Dasselbe Bild der mit verkästem Exsudat gefüllten Alveolen findet sich im Zentrum der miliaren käsigen Pneumonie (s. Abb. bei O r t h I. c. Taf. I, Fig. 4). Der Bronchiolus terminalis teilt sich -dichotomisch in zwei Bronchioli respiratorii, die auf der einen „inneren“ Seite mit Alveolen besetzt, auf der ausseren glatt and noch mit niedrigem Zylinderepithel bekleidet sind; an dieser Seite verlaufen die begleitenden Gefässe. Sehr oft findet man an Lungenschnitten etwas grössere Lufträume, die an der einen Seite die Epithel- beklei-dung zeigen, während auf der anderen Seite die alveolären Aus¬ buchtungen mit dem zarten respiratorischen Epithel liegen. Die Bronchioli respiratorii gehen unter wiederholter Teilung in die etwas weiteren kurzen Alveolargänge (Ductuli alveolares Schulze) über, die stellenweise noch niedriges Zylinderepithel haben, und dann in den stärker erweiterten blinden Sacculi alveolares (den früher sog. Infundibula) enden. (In der Abbildung bei Husten, die auch A s c h o f f wiedergibt, erscheinen die Alveolar¬ gänge etwas langgestreckt.) Der engste Teil des Gangsystems ist der Bronchiolus terminalis, der noch mit Muskelfasern versehen, also kontraktil ist. Da die Alveolen der benachbarten Systeme miteinander in Verbindung stehen, können alle entzündlichen, infektiösen Prozesse direkt von dem einen in das andere übergehen, wie die bekannten Fibrinstränge bei der Pneumonie zeigen. Während bei der katarrhalischen und der fibrinösen oder kruppösen lobulären und lobären .Entzündung das Exsudat das Lumen der Bronchiolen ausfüllt und kontinuierlich in die Alveolen übergeht, ist bei der abszedierenden Bronchopneumonie die Bronchialwand eiterig infiltriert; das eiterige Exsudat und die Infiltration des Gewebes mit schnell folgendem Zerfall geht auf das Alveolargewebe über, bei der tuberkulösen Bronchitis und Bronchopneumonie ist das gleiche der Fall, jedoch mit dem Unterschied, dass die Wand der Bronchiolen und die Alveolar-Septa tuberkulös, d. h. mit Lymphozyten und gewucherten Gewebszellen infiltriert sind, und in Verkäsung und Zerfall über¬ gehen. Die auf diese Weise entstandenen Höhlen hängen daher ausnahmslos ini) Bronchien, zusammen. (Tuberkulös-käsige Bronchopneumonie oder azinös-nodöse Phthise A s c h o f f s mit ihren verschiedenen Ausgängen, mehr oder weniger starker Bindegewebswucherung, die im allgemeinen bekannt sind.) Die festeren, schwärzlich pigmentierten Formen der knotigen Tuber¬ kulose finden sich zuweilen in Fällen von angeblich schnellem Verlauf, bei dem man klinisch eine frische Verkäsung vermutet hatte. , Vergleicht man die Abbildung Fig. 8 (S. 306) in meiner Asthmaarbeit (Zieglers Beitr. 61.) aus einer fibrinösen Pneumonie mit Nicols Abbildung (L c. Taf. III d) eines ganz frischen azinösen Prozesses mit beginnender tuberkulöser Verkäsung, so kann man sich leicht von der Uebereinstimmung beider uberzeugen, nur mit dem Unterschied, dass die Wand und das Zwischen- gewebe in der Nachbarschaft der beginnenden Verkäsung zellig infiltriert ist; weiter nach der Peripherie würde die Verkäsung vermutlich schon grösseren Umfang gehabt haben. (Im Text S. 250 ist das Gewebe in der Peripherie um die zentrale Nekrose „im Lumen des Bronchiolus“ als typisch tuberkulöses Granulationsgewebe bezeichnet.) . . v- Baumgarten will den Ausdruck Granulationsgewebe wegen des Mangels an Gefässen durch „tuberkulöse Infiltration“ ersetzen. Sie entspricht dem schon von Virchow als tuberkulöse (früher skrofulöse) Bronchitis und anschliessende Peribronchitis bezeiohneten Zustand (s. oben). Ich habe den Ausdruck tuberkulös-käsige Peribronchitis als gleichbedeutend mit tuberkulös- käsiger Bronchopneumonie aus Pietät beibehalten, halte aber den letzteren Ausdruck für richtiger (wie auch Orth) zur Vermeidung von Verwechslungen; es ist mir wohl bekannt, dass eine echte tuberkulöse Peribronchitis mit reihen¬ weise die Bronchiolen begleitenden Knötchen mit vielen Riesenzellen nicht se.ten vorkommt, die mehr den späteren Stadien angehört, die sich durch reichliche Bindegewebsbildung auszeichnen. Rindfleisch beschrieb als jüngstes Stadium der Laennec sehen 1 uberkelgranulation oder des „Tuberkelgranulum“ eine tuberkulöse Infiltration aller Kanten und Vorsprünge an der Uebergangsstelle der kleinsten Bronchien in die Lungenazim, indem er sich gegen die besonders von Cars well begründete Vorstellung wendet, dass die traubenförmigen weissen Körper mit Sekret gefüllte Bronchiolen (und Luftbläschen) seien. Virchow hatte sich bereits gegen die Lehre vom tuberkulösen Exsudat ausgesprochen (1. c. II. S. 626) und die Bronchialwand als Ursprung des Prozesses erkannt. In gewissen Fällen geht der tuberkulöse Prozess von der Wand des engen Bronchiolus terminalis aus, in vielen anderen von grösseren Bronchien (s. u.). Das Bild ist aber ebenso verschieden von dem der fibrinösen (Diplokokken-) Pneumonie, die nicht ganz selten auch in einer Lunge mit altem ausgeheilten tuberkulösen Herd (Sammlungspräparat Nr. 261, 1908, M. v. 45 J.; Nr. 187, 1906, M. v. 64 J.), und ebenso auch -durch Mischinfektion bei einem noch im Fortschreiten begriffenen tuberku¬ lösen Prozess verkommt. In diesem Fall kann die Unterscheidung so¬ wohl klinisch als pathologisch-anatomisch schwierig werden. Es ist eine sehr wichtige, aber, wie mir scheint, noch nicht sicher zu beantwortende Frage, ob die verkäsende Pneumonie im Anfangs¬ stadium einer Resorption fähig ist, wie es zuweilen selbst bei sehr umfangreicher lobärer Infiltration angenommen wird. Ist einmal Ver¬ käsung eingetreten, so ist selbstverständlich Resorption nicht möglich. '-") Charcot: Revue mensuelle 1877, zit. nach Grancher (1. c.). , _ 4* MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT, Nr. 1. Vnn französischen Autoren ist wiederholt der Versuch gemacht worden in der verkffenin Pneumonie dieselben Eormelemente nach- zuwdsen wie bei der knötchenförmigen Tuberkulose ja sogar die Existenz 'einer käsigen Pneumonie ganz in Abrede zu stellen und an öprpn Stelle eine tuberkulöse Pneumonie mit ulzeröser ren STÄ** immer durch die Qegenwart der SST T^intraalveoläre eÜiSe Äj Dunkt der Diathese, sondern auch vom anatomischen tuberkulös sein Ihlanot2®)! Gegenüber dieser Auffassung wurde besonders v Orth30) zugunsten der ursprünglichen Lehre Virchows Stellung u r r n ) zugunsten U Tj | m o- a r t e n noch vor kurzem an seinem ursprünghehen3»! seiner grundlegenden Beschreibung der histdogischen pSJme der Lungentuberkulose dargelegten Standpunkt31) fest¬ sten hat dass die verkäsende Pneumonie histologisch nichts anderes als ein echt tuberkulöser Prozess des Lungengewebes ist, und dass selbst zw sehen typisch lobulären oder lobären chronisch-käsigen Pneumonien und dem typischen Tuberkel des Lungengewebes nur quantitative und graduelle Differenzen existieren . Da nach der fast allgemeinen Auffassung die Entzündung die Be¬ deutung eines reaktiven Prozesses gegenüber der Einwirkung von Schädlichkeiten besitzt, so ist die Frage naheliegend, wie weit dem tuberkulösen Prozess eine solche Bedeutung zukommt. Dass auch hier Reaktive Vorgänge eine grosse Rolle spielen, die zur Heilung fuhren können ist zweifellos und wohl allgemein anerkannt. Als solche kommen in erster Linie (vielleicht allein) die s°g' in Frage- auch die Riesenzellenbildung hat nach der Ansicht vieler diese Bedeutung Bei den zu schneller Verkäsung führenden sog. ex¬ sudativen Vorgängen, obwohl auch bei diesen ausser der Exsudat 10 starke Zellwucherungen mitwirken, stehen doch die sehr bald untei der Einwirkung der Toxine auftretenden Degenerationserscheinungen so sehr in dem Vordergrund, dass A s c h o f f s ) Auffassung derselben als defensive“ Vorgänge nicht begründet erscheint. Mit der Ausstossung eines nekrotischen, eitrigen Pfropfes beim Furunkel mit nachfolgender Vernarbung lässt sich doch der Vorgang der Einschmelzung des - kästen Lungengewebes schwerlich vergleichen (1. c. b. II). auch werden dadurch die Tuberkelbazillen keineswegs beseJjgti vidiriehr tritt an der Innenfläche der Höhlen bekanntlich eine oft kolossale Ver¬ mehrung derselben ein. Die dritte Verbreitungsart der Tuberkulose auf dem Wege der Lvmphbahnen oder im Bindegewebe (i n t e r s 1 1 1 1 eile I u b e r - kulose) bedarf keiner eingehenden Erörterung, da sie eine gering r Selbständigkeit besitzt, aber sehr oft die beiden Hauptformen begle: itet Man findet die Dissemination von Knötchen auf dem Lymphwege ui der bekannten charakteristischen Weise in der Umgebung eines Herdes der Kinderlungen und der der Erwachsenen im Lungengewebe und in der Pleura, und die weitere Verbreitung im penbronchialen und perivaskulären Gewebe bei der chronischen Phthise, nicht selten in Form von netzförmg angeordneten, mit Knötchen besetzten Zugen i noch lufthaltigem Gewebe. Die peribronchitische Tuberkulose schhesst sich in der schon von V i r c h o w beschriebenen Weise an die tuberku¬ lös-käsige Bronchitis an, geht auf das benachbarte alveolare Ge¬ webe über und führt zu den zirrhotischen Schrumpfungen. (Schluss folgt.) Uebsr Ziegenmilchanämie. Von Prof. Dr. W. Stoeltzner, Direktor der Universitäts- Kinderkbnik in Halle a. S. Die sogenannte Anaemia pseudoleucaemica infantum gehört zu den Krankheiten, über die wir zwar mancherlei wissen, die uns aber nichts¬ destoweniger in hohem Grade unverständlich sind. Der Sektionsbefund zeigt deutlich, dass Bildung und Zerstörung der roten Blutkörperchen lebhaft gesteigert sind. Einerseits hochgradige Hämosiderosis, besonders der Leber; andererseits das intensiv rote Knochenmark in verstärkter Erythropoese begriffen; ausserdem neu- gebildete myeloide Herde nicht nur in der bedeutend vergrosserten Milz, sondern auch in Leber und Lymphdrüsen, ja sogar in den Nieren. Das Blutbild bestätigt den gesteigerten Erythrozytenumbau und lehrt darüber hinaus, dass die Zerstörung über die Neubildung über wiegt. Polychromasie, sehr zahlreiche kernhaltige Erythrozyten oft auch zahl¬ reiche Megalozyten und Megaloblasten; gleichzeitig bedeutende Ver¬ minderung der Erythrozyten zahl. 2?) j Q ran eher: Tuberculose pulmonaire. Arch. de Physiol. norm. »* ... nr \T 1C7Ö 1 11 507 et pathol. 2ieme Sdr. T. V. 1878 p. 1 u. 507. , - .. 28) Cornil et Ranvier: Manuel d’Histologie path. 2. Aufl. 1884, 11, P' V. Hanot: Des Rapports de l'Inflammation avec la Tuberculose. Thfese de Paris 1883. S. auch HGard, Cornil, Hanot. La Phthisie pulmonaire. 2. P. anat. pathologique. 2. Ed. Paris 1888. A„.isteilten M) Joh. Orth: Ueber käsige Pneumonie. Festschrift der Assistenten f. Virchow, 1891. . , ... 1ÜCC „ c 31) P Baum garten: Zschr. f. klin. Med. 1885. 9, S. 259. 32^ l. Asch off: Die natürlichen Heilungsvorgänge bei der Lui.gen- phthise. Wiesbaden 1921. Krass ausgedrückt, ist also nicht nur das Er^r^ten fabriwerende Stammhaus das rote Knochenmark, auf das stärkste bescnauig . sondern auch zahlreiche Filialen in Milz, Leber unu ärmeren uigane produzieren unter Hochdruck Erythrozyten. Aber die Nachfrage ist so stürmisch dass auch dieser ad maximum entwickelte Betrieb ment genug liefern kann, obwohl die Ware vielfach in noch unfertigem Zu- StanRei?lffi”e5raÄ würde eine derartige Erkrankung des Blu¬ tes und der Blutbildungsstätten zwei Möglichkeiten der Erklärung zu lassen Entweder könnte es sich handeln um eine primäre Steige- rumr der Neubildung von roten Blutkörperchen, die aber so hinfällig wären dass auch die vermehrte Produktion mit dem Untergang nicht Schritt halten könnte. Oder es könnte sich handeln um eine primäre Steigerung der Erythrozytenzerstörung, die sekundär eine sehr ver¬ mehrte wenngdich trotzdem nicht ausreichende regenerative. Neu- büdung zur Folge hätte. Für die erste Möglichkeit durfte es in der ganzen Pathologie kein Analogon geben. Dagegen gibt es f ur du - zweite Möglichkeit in der klinischen und in der .expenme: incr.P cn zahlreiche Beispiele, dass sie unzweifelhaft die uberwiegenue Wahrscheinlichkeit für sich hat. Wir dürfen also „fS6 Zerstörung von der Anaemia pseudoleucaemica primär eine gesteigerte Zerstörung Erythrozyten vorliegt, und dürfen die gesteigerte Neubildung als sekun¬ däre regenerative Erscheinung auffassen. Die Anaemia pseuao leucäemica ist somit ihrem Wesen nach eine chronische hämolytische AnäDeer' Ausdruck hämolytisch soll nicht besagen, öass die Erythro- zyten im strömenden Blute aufgelöst werden. Hamoglobmamie pflegt man bei der Anaemia pseudoleucaemica nicht anzutieffen. VV ahrschein lieh erfolgt die Auflösung der geschädigten Erythrozyten, zum minde¬ sten in der Hauptsache, in den Organen, die andererseits der R^ tion der roten Blutkörperchen dienen; also im Knochenmark, m nder Milz in der Leber und in den myeloid metaplasierten Lymphdiusen. Den chronisch hämolytischen Charakter teilt d\ Anaemia pseudo¬ leucaemica mit der perniziösen Anämie des Erwachsenen. Nebenbei bemerkt, ist diesen beiden schweren Blutkrankheiten auch die veraltete Bezeichnung gemeinsam. Denn bei der Anaemia pseudo leucaemica steht die Störung der Erythropoese entschieden im Vordergrund und die perniziöse Anämie ist nicht in allen Fällen perniziös. Es fragt sich nun in welchem Verhältnis die beiden Krankheiten ihrem Wes nach zueinander stehen. Soweit ich sehen kann, beruhen alle Ver¬ schiedenheiten zwischen ihnen darauf, dass bei üer Anaemia Pseudo- leucaemica ein stärkeres Regenerationsvermogen festzustel en st D e extramedulläre myeloide Metaplasie, die auch bei der B l ermer sehen Anämie nicht ganz fehlt, ist bei der Anaemia pseudoleucaemica un¬ gleich mächtiger entwickelt; das klinische Wahrzeichen dessen ist der grosse Milztumor. Ferner weist das regelmassige massenhafte Auf¬ treten von kernhaltigen Erythrozyten darauf hin. dass bei der Anaemia pseudoleucaemica die regenerative Erythropoese in. einem Umfange gesteigert ist, wie das bei der B i e r m e r sehen Anämie höchstens vor übergehend, gelegentlich der sog. Blutkrisen, vorkommt. Zu dem ultimum refugium, der Umstellung der Regeneration auf den embryo¬ nalen megaloblastischen Typus mit erhöhtem Färbeindex, nimmt der Organismus bei der Anaemia pseudoleucaemica nicht so regelmassig Zuflucht wie bei der Biermer sehen Anämie. Für die letztere ist der megaloblastische Typus der Regeneration so ^ut wie obligatorisch bei der Anaemia pseudoleucaemica kommt er zwar ebenfalls sehr häutig vor, oft genug findet man aber auch den postembryonalen normoblasti- SChtAber die hämolytischen Noxen treffen nicht nur die Erythrozyten, Sondern auch die Leukozyten; und hier zeigt sich das uberlegene Regenerationsvermögen der Anaemia pseudoleucaemica am alleraeut lichsten. Bei ihr finden wir als Regel eine ansehnliche Leukozytose, bei der Biermer sehen Anämie, ausser in Remissiqnszeiten, ebenso regelmässig Leukopenie. Vergleichen wir die Anaemia pseudo- ffiSKnit der in Remission begriffenen B i e r m e r sehen Anämie, so nähern sich die Blutbilder bedeutend. Durch experimentelle Hämo¬ lyse hat Re c k z e h 3) bei jungen Tieren das Bild der Anaemia pseudo¬ leucaemica, bei ausgewachsenen das Bild der B 1 e r ™ ® s hervorrufen können. Ich komme nach alledem zu dem Schluss dass die beiden Krankheiten im Wesen identisch sind, und dass die Unter¬ schiede sich aus den Altersverschiedenhelten der Erkrankten erklaien Das Verhältnis ist also ähnlich wie dasjenige zwischen der Rachitis und der Osteomalazie. Die Anaemia pseudoleucaemica ist. die rela¬ tiv gutartige frühinfantile Form der B i e r me £ sehen Anämie. Wie bei der Analyse eines jeden Krankheitszustandes, so ist auch in unserem Falle streng zu unterscheiden zwischen ens morbi und causa morbi. Wenn Anaemia pseudoleucaemica und Biermerscne Anämie in ihrem Wesen identisch sind, so folgt daraus keineswegs, dass auch ihre Ursachen identisch sein müssten. Nach allem was darüber ausgesagt werden kann, hat die Anaemia pseudoleucaemica ebensowenig wie die Biermer sehe Anämie eine einheitliche Aetio- loGe Die Art des hämolytischen Giftes bleibt in manchen Fallen ganz' unbekannt; in anderen Fällen darf eine alimentäre oder eine in¬ fektiöse Herkunft der schädlichen Stoffe, angenommen werden. Neben den äusseren Ursachen, den hämolytischen Giften, ist als innere Ursache offenbar eine konstitutionelle Disposition von wesentlicher ätiologischer Bedeutung. i) Reckzeh: Ueber die durch das Alter der Organismen bedingten Verschiedenheiten der experimentell erzeugten Blutgiftanamien. Zschr. t. klin. Med. 1904, 54. 6. Januar 1922. MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT. 5 Viel umstritten ist die Stellung der Anaemia pseudoleucaemica einerseits zu den „einfachen“ Anämien des frühen Kindesalters, anderer¬ seits zu der regelmässig mit ihr verbundenen Rachitis. In beiden Punkten bringen die neuen Erfahrungen, über die ich im folgenden berichten möchte, wesentliche Aufklärung. Seit etwa einem Jahre sehen wir hier in Halle auffallend viele schwere Anämien bei kleinen Kindern, die längere Zeit mit Ziegen¬ milch ernährt worden sind. Wenngleich die Verwendung von Ziegen¬ milch für die Säuglingsernährung häufiger geworden ist, als sie früher war, so wird doch noch immer die übergrosse Mehrzahl aller Säuglinge entweder mit Frauenmilch oder mit Kuhmilch ernährt; da nun zurzeit die meisten schweren Säuglingsanämien mit Ziegenmilch ernährte Kinder betreffen, so ist zwischen der Ziegenmilch und der Anämie zweifellos ein kausales Verhältnis anzunehmen. Ein zufälliges Zu¬ sammentreffen ist um so unwahrscheinlicher, als der Zusammenhang zwischen Ziegenmilchernährung- und schwerer Anämie auch anderen Beobachtern an anderen Orten aufgefallen ist. Das Verdienst, zuerst auf diesen Zusammenhang hingewiesen zu haben, gebührt einer Aerztin, Johanna Schwenke2)- Sie hat im Jahre 1918 mitgeteilt, dass in mehreren in der Breslauer Kinderklinik beobachteten Fällen von Anaemia pseudoleucaemica nicht Kuhmilch, sondern Ziegenmilch verabreicht worden war. Im Jahre 1919 meldet B lühdorn3) aus der Göttinger Kinderklinik dasselbe. Zwei Drittel seiner Fälle betreffen mit Ziegenmilch ernährte Kinder, während nach der relativen Seltenheit, mit der die Ziegenmilch in der Göttinger Gegend als Säuglingsnahrung verwendet wird, eine weit kleinere Zahl zu erwarten wäre. Göppert und Langstein4) nennen 1920 unter den Ursachen der Säuglingsanämien die Ziegenmilch mit in erster Linie. Natürlich wäre es ein grobes Missverständnis, wenn jemand meinen wollte, die Anaemia pseudoleucaemica oder gar alle schweren Säuglings¬ anämien seien nunmehr als Vergiftungen durch Ziegenmilch erkannt. Die Ziegenmilch ist ein ätiologisches Moment neben anderen: die Ziegenmilchanämie ist zurzeit infolge der vermehrten Ziegenhaltung besonders häufig; mit Einschränkung der Ziegenmilch als Säuglings¬ nahrung wird sie wieder selten werden, und es werden die Anämien anderer Aetiologie wieder in den Vordergrund treten. Die Ziegen¬ milchanämie ist eine episodische Erscheinung der Nachkriegszeit. Sichere Erkrankung an schwerer Ziegenmilchanämie haben wir im Laufe des Jahres 1921 in 4 Fällen gesehen. Die Kinder standen, als sie in unsere Beobachtung eintraten, im Alter von 5 bis 15 Monaten und waren die letzten 2 bis 5 Monate mit Ziegenmilch ernährt worden. Das jüngste und das älteste Kind hatten eine ziemlich schwere Rachitis, die beiden mittleren waren, soweit das am Lebenden beurteilt werden kann, von Rachitis frei. Die beiden rachitischen Kinder hatten einen grossen Milztumor; von den beiden anderen hatte das eine eine nur eben deutlich fühlbare Milz, bei dem anderen war eine Milzschwellung überhaupt nicht nachzuweisen. Alle 4 Kinder sahen wachsbleich aus. Der Hämoglobingehalt schwankte zwischen 20 und 40 Proz. Der Färbeindex verhielt sich nicht einheitlich. Die Erythrozytenzahl betrug 720 000 bis 2 200 000. Megaloblasten wurden in den beiden Fällen ohne Rachitis und ohne Milztumor ver¬ misst. Die Zahl der Leukozyten schwankte zwischen 12 000 und 27 000. In je einem Falle mit und ohne Milztumor bestand neben der schweren Anämie eine Bronchopneumonie, die zum Tode führte, bevor das Weglassen der Ziegenmilch auf die Anämie zur Wirkung kommen konnte. Die beiden anderen Kinder, die von Komplikationen frei waren, sind durch Weglassen der Ziegenmilch und Umsetzen auf gemischte Kos£ mit knapp 'A Liter Kuhmilch pro Tag geheilt worden. Bei dem Kinde ohne Milztumor stieg schon in den ersten 10 Tagen nach Weg¬ lassen der Ziegenmilch die Erythrozytenzahl von 720 000 auf 1 800 000 Bei dem anderen Kinde, das den pseudoleukämischen Typus darbot, hat es allerdings 4% Monate gedauert, bis Anämie und Miiztumor ver¬ schwunden waren; doch ist auch das in Anbetracht der Schwere des Falles ein sehr guter Erfolg. In der Ziegenmilchanämie haben wir eine schwere Säuglingsanämie mit genau bekannter Aetiologie vor uns. Es ist nun sehr bemerkens¬ wert, dass eine und dieselbe Noxe, eben die Ziegenmilch, bei manchen Kindern eine Anaemia pseudoleucaemica. bei anderen eine schwere „einfache“ Anämie hervorruft, die beide nach Aussetzen der Ziegen¬ milch zur Heilung kommen. Da die Anaemia pseudoleucaemica eine hämolytische Anämie ist, und da nicht angenommen werden kann, dass die Ziegenmilch auf zwei verschiedenen Wegen zwei ganz verschiedene Arten von schwerer Anämie verursacht, so sind auch die „einfachen“ Ziegenmilchanämien als hämolytische Anämien anzusehen. Das heisst, hämolytische Anämien können beim Säugling bald unter dem Bilde der Anaemia pseudoleucaemica, bald unter dem Bilde einer „einfachen“ Anämie auftreten. Eine Trennung zwischen „einfacher“ Anämie und Anaemia pseudoleucaemica in dem Sinne, dass zwei verschiedene Krankheiten vorlägen, ist nicht aufrecht zu erhalten. Die ätiologische Einheitlichkeit der Ziegenmilchanämien erlaubt es, zu dem Verhältnis zwischen der Anaemia pseudoleucaemica und den „einfachen“ Säuglingsanämien so bestimmt Stellung zu nehmen. Ini Grunde wird damit nur eine Auffassung gestützt und wohl endgültig 2) Johnnna Schwenke: Ueber schwere Anämien im frühen Kindesalter. Jahrb. f. Kindhlk. 1918, 88. H. 3—5, S. 294. 3) Blühdorn: Ueber alimentäre Anämie im Säuglings- und frühen Kindesalter. B.kl.W. 1919 Nr. 8. 4) Göppert und L a n g s t e i n: Prophylaxe und Therapie der Kinder¬ krankheiten. Berlin, Julius Springer, 1920, S. 212. festgestellt, der die besten Kenner der kindlichen Anämien sich .ohnehin mehr und mehr zuneigen. F i n k e 1 s t e i n, J a p h a, K 1 e i n s c h tiu d t, Nägel i, v. Pfaundler, Schwenke sind übereinstimmend der Ansicht, dass eine scharfe Trennung der Anaemia pseudoleucaemica von den „einfachen“ Anämien nicht möglich ist. Schon innerhalb der, Anaemia pseudoleucaemica bestehen insofern Unterschiede, als in manchen Fällen die Umstellung auf den embryonalen Regenerations¬ typus vermisst wird. Diese Fälle ohne Megalozyten und Megaloblasten und mit einem Färbeindex unter 1 sind einerseits mit den Fällen mit megaloblastischem Blutbilde, andererseits mit den „einfachen“ An¬ ämien ohne grossen Milztumor durch fliessende Uebergänge verbunden. Auch bei gewöhnlichen sekundären Anämien junger Kinder treten be¬ kanntlich kernhaltige Erythrozyten und auch Myelozyten gar nicht selten im Blutbilde auf. Ebensowenig ermöglicht die Milzschwellung, die extramedulläre myeloide Metaplasie oder die Hämosiderosis eine durchgreifende Trennung. Kehren wir zur Ziegenmilchanämie zurück, so ist es klar, dass die hämolytische Noxe in allen Fällen die gleiche ist, mag es nun zur Ausbildung einer „einfachen“ oder einer pseudoleukämischen Anämie kommen. Welcher besondere Umstand ist nun für die Ausbildung der pseudoleukämischen Form entscheidend? Die naheliegende Vermutung, dass die leichteren Fälle als „ein¬ fache“, die schwereren als pseudoleukämische Anämie verlaufen, trifft nicht zu. Gewiss ist die pseudoleukämische Anämie eine sehr schwere Anämie; doch haben wir die niedrigsten Hämoglobin- und Erythrozyten¬ zahlen gerade bei der „einfachen“ Ziegenmilchanämie gefunden. Ebensowenig wie eine besondere Schwere der hämolytischen Ver¬ giftung kann ein besonders frühes Lebensalter für die Entwicklung der pseudoleukämischen Anämie verantwortlich gemacht werden. Alle unsere Fälle betreffen ganz junge Kinder; und interessanterweise hatten das allerjüngste und das relativ älteste Kind eine Anaemia pseudoleucaemica, die beiden im Alter dazwischen stehenden eine „einfache“ Anämie. Wir sehen also einerseits bei Säuglingen schwerste hämolytische Anämie ohne pseudoleukämischen Charakter; andererseits bei der B i e r m e r sehen Anämie des Erwachsenen ganz regelmässig die Umstellung auf den embryonalen Reaktionstypus. Es bleibt nichts anderes übrig, als einen inneren konstitutionellen Faktor dafür verantwortlich zu machen, dass auf dieselben Einwir¬ kungen, die bei anderen kleinen Kindern eine „einfache“ Anämie zur Folge haben, sich bei manchen eine Anaemia pseudoleucaemica ent¬ wickelt. Welcher Art kann nun dieser konstitutionelle Faktor sein? Fs muss ein Moment sein, das den ersten Lebensjahren eigentümlich ist und das in dieser frühen Lebenszeit in weiter Verbreitung und in allen erdenklichen Abstufungen vorkommt. Macht man sich das klar, so wird man sogleich an die Rachitis denken.. Von unseren vier Kindern mit schwerer Ziegenmilchanämie hatten die beiden mit Anaemia pseudoleucaemica eine ziemlich starke Rachitis, die beiden mit „einfacher“ Anämie waren von Rachitis frei. Das ist kein Zufall. Dass die Anaemia pseudoleucaemica regelmässig mit Rachitis verbunden auftritt, ist seit langem bekannt. Ueber die Be¬ ziehungen der beiden Zustände zueinander herrschen bis jetzt die grössten Meinungsverschiedenheiten. Auf der einen Seite wird das regelmässige Zusammenvorkommen als zufällig angesehen: auf der anderen Seite gehen Aschenheim und Benjamin5) soweit, dass sie die Anaemia pseudoleucaemica in der Rachitis aufgehen lassen und sie als rachitische Megalosplenie bezeichnen. Beides ist unrichtig. Vielmehr ist die Anaemia pseudoleucaemica die Form, in der die chro¬ nischen hämolytischen Anämien bei rachitischen Kindern auftreten. Chronische Hämolyse macht bei Säuglingen ohne Rachitis eine mehr oder weniger schwere „einfache“ Anämie; Rachitis an sich macht über¬ haupt keine erheblichere Anämie; wohl aber modifiziert die Rachitis die Reaktion auf hämolytische Gifte dahin, dass die Blutregeneration den kompensatorisch überlegenen pseudoleukämischen Tvpus annimmt. Die Anaemia pseudoleucaemica ist die epirachitische Form der friihinfan- tilep hämolytischen Anämien. Ich komme nun zu der Frage, welcher Bestandteil der Ziegenmilch das hämolytische Agens darstellt. Bisher hat nur Blühdorn versucht, die anämisierende Wirkung der Ziegenmilch zu erklären; er beschuldigt ihren hohen Fettgehalt. Diese Erklärung kann nicht befriedigen. Denn die Ziegenmilch hat einen geringeren Fettgehalt als die Frauenmilch; und doch wirkt die Frauenmilch nicht wie die Ziegenmilch anämisierend; im Gegenteil, es ist bekannt, dass selbst schwere Anämien unter Ernährung mit Frauen¬ milch abheilen können: obwohl die Frauenmilch im Gegensatz zur Ziegenmilch unverdünnt genossen zu werden pflegt. Ich mache mir von dem Zustandekommen der Ziegenmilchanämie folgende, vorläufig hypothetische, Vorstellung. Bekanntlich werden die hohen Fettsäuren, die im Darm aus den Fetten abgespalten werden und dann als Seifen zur Resorption kommen, schon in der Darmwand wieder zu Glvzeriden synthetisiert. Diese Veresterung zu Neutralfetten wirkt entgiftend: sie schützt den Körner vor der Ueherschwemmung mit hämolytisch wirksamen Seifen TM e y e r s t e i n 6)1. Nun fragt es sich, ob diese für die hohen Fett¬ säuren sichergestellte sofortige Rückbindung an Glyzerin auch für die 5) Aschenheim und Benjamin: Ueber Beziehungen der Rachitis zu den hämatonoetischen Organen. I. Mitteilung: Die rachitische Megalo- ,'p!er;e ( Anaemia pseudoleucaemica infantum). D. Arch. f. klin. Med. 1909. 97. e) Meyerstein: Ueber Seifenhämolyse innerhalb der Blutbahn und ihre Verhütung im Organismus. D. Arch. f. klin. Med. 1912, 105. 6 MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT. Nr. 1. löslichen Fettsäuren Geltung hat. Der sehr geringe Gehalt der Frauenmilch an löslichen Fettsäuren scheint mir dafür zu sprechen, dass die letzteren in der menschlichen Darmwand ment, oder wenig¬ stens bei reichlicherer Zufuhr nicht mit genügender Vollständigkeit zu Glyzeriden zurückverestert werden. Trifft das zu, so werden die lös¬ lichen Fettsäuren in nicht entgifteter Form in das Blut gelangen; und da die Ziegenmilch etwa 8 mal so viel lösliche Fettsäuien enthalt wie die Frauenmilch, so scheint es mir nahezuliegen, die in der Ziegen- milch besonders reichlich enthaltenen löslichen Fettsäuien, die der Ziegenmilch und der Ziegenbutter auch ihren eigenartigen Geruch und Geschmack verleihen, also die Capron-, üapryl- und Capi insäure, als die Träger der anämisierenden Wirkung zu vermuten. Mein Mit¬ arbeiter Herr Dr. Weinberg, ist damit beschäftigt, diese Säuren aut ihre hämolytischen Eigenschaften näher zu untersuchen und sie in diesem Punkte mit den übrigen Fettsäuren zu vergleichen. Die Kuhmilch nimmt bezüglich ihres quantitativen Gehaltes an lös¬ lichen Fettsäuren zwischen der Frauenmilch und der Ziegenmilch eine Mittelstellung ein. Qualitativ unterscheidet sich die Kuhmilch von der Ziegenmilch insofern, als in ihr die relativ harmlose Buttersäure über die Capron-, Capryl- und Caprinsäure überwiegt. Ist die hämolytische Wirkung der Ziegenmilch auf Rechnung ihrer löslichen Fettsäuren zu setzen, so ist also zu erwarten, dass der Kuhmilch eine ähnliche anämi- sierende Wirkung zukommen wird, jedoch in weit geringerem Grade. Das ist tatsächlich der Fall. Dass unter Ernährung mit Kuhmilch Säuglinge anämisch werden können, ist allgemein bekannt. Auch die Kuhmilchanämie tritt bald als „einfache Anämie, bald als Anaemia pseudoleueaemica auf. Wird die Kuhmilch durch gemischte Kost, ci- setzt so heilen diese Anämien in einigen Monaten ab. Der geringe Eisengehalt der Kuhmilch kann nipht das kausale Moment sein; denn erstens ist auch die Frauenmilch, die nicht in ähnlicher Weise anami- sierend wirkt, sehr eisenarm; und zweitens findet sich, worauf Kleinschmidt7) hingewiesen hat, bei der Kuhmilchanämie in Leber und Milz Hämosiderosis. Dieser Befund im Verein mit dem Umstande, dass die Kuhmilchanämie unter dem Bilde der Anaemia pseudo- leucaemica auftreten kann, lässt keinen Zweifel daran bestehen, dass auch die Kuhmilchanämie eine hämolytische Anämie ist. Die KuhmUch wirkt auf dieselbe Weise wie die Ziegenmilch, nur weit milder. Für die schwereren Fälle von Kuhmilchanämie ist die Annahme einer bc- sonderen Disposition nicht zu entbehren. Zusammenfassung. 1. Ernährung mit Ziegenmilch hat bei Säuglingen häufig eine schwere hämolytische Anämie zur Folge. 2. Als Träger der anämisierenden Wirkung werden die löslichen Fettsäuren der Ziegenmilch angesprochen. 3. Aussetzen der Ziegenmilch und Uebergang zu gemischter Kost bringt die Ziegenmilchanämie zur Heilung, vorausgesetzt dass nicht schwere Komplikationen bestehen. 4. Die Ziegenmilchanämie tritt bei nichtrachitischen Kindern als ..einfache“ Anämie auf, bei rachitischen als Anaemia pseudoleueaemica. Die sog. Anaemia pseudoleueaemica ist die epirachitische Form der frühinfantilen hämolytischen Anämien. Aus der Universitäts-Frauenklinik (Prof. v. Jaschke) und der Med. Universitätsklinik (Geh. Rat Prof. Voit) in Giessen. Ueber die Bedeutung der renalen Schwangerschafts- glykosurie für die Diagnose der Schwangerschaft. Von Dr. A. Seitz und Dr. F. Jess. ln Nr. 50 Jahrgang 1920 dieser Wochenschrift empfehlen Frank und No th mann die experimentell durch Einnahme von 100 g Trau¬ benzucker erzeugte renale Schwa ngerschaftsglykosurie als Hilfsmittel zur Frühdiagnose der Schwangerschaft Diese Empfeh¬ lung stützt sich auf die von den Autoren, ebenso wie von G r ün th al ) festgestellte Tatsache, dass gerade in den ersten 3 Schwangerschafts¬ monaten durch Zufuhr von 100 g ’I raubenzucker eine Glykosurie mit solcher Regelmässigkeit aultritt, dass sie ihnen ermöglichte, die Dia¬ gnose auf Gravidität zu stellen, wenn eine Diagnose mit den sonstigen Untersuchungsmethoden noch nicht zu stellen war. Auch erwies sich das Phänomen brauchbar zur Frühdiagnose der Tubargravidität, und weiter ergab sich die interessante Tatsache, dass bei Tubargravidität die Glykosurie ausblieb, wenn ein Ei zwar vorhanden war, aber nicht mehr im lebenden Connex mit dem mütterlichen Organismus stand (Tubarabort). Gerade diese Feststellung erschien uns bedeutungsvoll, denn sie eröffnete die Aussicht, in der oft so schwierigen und verant¬ wortungsvollen Differentialdiagnose der intakten, besonders aber der gestörten und der pathologischen Schwangerschaft sicherer und schnel¬ ler als bisher zu einer Entscheidung zu kommen und festere Grund¬ lagen für das therapeutische Handeln zu gewinnen. Wir haben, vor allem um die differential diagnostische Bedeutung der renalen Schwangerschaftsglykosurie kennen zu lernen und wenn mög¬ lich weiter auszubauen, bald nach dem Erscheinen der Arbeit von Frank und Nothmann begonnen, geeignete Fälle von intakter und gestörter Schwangerschaft zu untersuchen; unter diesem Gesichts- 7) K le i n s c h m i d t: Ueber alimentäre Anämie und ihre Stellung unter den Anämien des Kindesalters. Jahrb. f. Kindhlk. 1916. 83. 1) Inaug.-Diss. Breslau 1920. punkte mussten auch gynäkologische Erkrankungen mit herangezogen -werden, die gelegentlich differentialdiagnostisch gegenüber der Extrau¬ teringravidität in Frage kommen können, vorwiegend Adnexerkrankun¬ gen entzündlicher und blastomatöser Natur. In der Methodik richteten wir uns nach dem Vorgehen von Frank und Nothmann. Zu Beginn des Versuches wurde die Blase durch Katheter entleert, durch Venenpunktion Blut entnommen und in einem mit einer Messerspitze Natriumfluorid beschickten Röhrchen auf- gefangen, darauf wurden 100 g Traubenzucker in 300— -500 ccm 1 ee gelöst der zu untersuchenden Person verabfolgt, wobei die tatsächliche Einnahme der ganzen Menge kontrolliert wurde. Weitere Harnportionen wurden zu den von Frank und Nothmann angegebenen Zeiten untersucht; die zweite Blutentnahme machten wir. wie die beiden Autoren, anfänglich nach dem ersten Auftreten von Zucker im Hain, um Vergleichswerte mit den negativ reagierenden Fällen zu gewinnen, machten wir sie später ganz schematisch 45—60 Minuten nach der Aufnahme des Traubenzuckers, zu welcher Zeit, wie wir m Uebei- einstimmung mit Frank und Nothmann fanden, die Zuckeraus¬ scheidung aufzutreten pflegt. , Die Bestimmung des Blutzuckers wurde von dem einen von uns in dem Laboratorium der medizinischen Klinik nach der Leti- mann-Maquenne sehen Methode 2) durch Reduktion ausgefuhi t. Die Methode hatte bei einer grösseren Zahl von Bhitzuckeibestim- mungen recht gute Resultate ergeben. Ueber Einzelheiten der Methodik hat kürzlich Stepp2) eingehender berichtet. Da es uns hauptsächlich darauf ankam. die diagnostische und be¬ sonders die differentialdiagnostische Bedeutung der Reaktion kennen zu lernen, waren in erster Linie solche Fälle auszuwählen, irr denen die Möglichkeit vorlag. das Vorhandensein oder Fehlen einer Gravidität entweder durch den weiteren Verlauf oder durch die Laparotomie oder die histologische Untersuchung ausgeschabter Massen einwandfrei fest¬ zustellen. Dieser Forderung genügen von unserem Materiale 36 falle. I. Intakte Graviditäten. Wir fanden hier eine Glykosurie in der Hälfte der untersuchten Fälle aus dem 2.-8. Schwangerschaftsmonat, und zwar verteilen sich die Fälle mit vorhandener und fehlender Zuckerausscheidung ziemlic.i gleichmässig auf alle genannten Monate; also auch die Frühgraviui taten aus dem 2. und 3. Monat reagierten nur zur Hälfte positiv. Die Grunde, warum es uns nicht mit der gleichen Regelmässigkeit wie F r a n k und Nothmann und nach einer neueren Mitteilung auch Nürnberger ) gelang, eine artifizielle Glykosurie in den ersten Monaten der Gra- vidität auszulösen, konnten wir nicht ermitteln. Abgesehen davon dass uns das häufige Ausbleiben der Zuckerausscheidung bei unseren Unter¬ suchungen veranlasste, die Methodik aufs Schärfste durchzuführen 1, suchten wir nach Gründen allgemein-konstitutioneller Art, ohne freilich brauchbare Anhaltspunkte zu finden. Erwähnen möchten wir aber, dass bei 2 von den negativ bleibenden Fällen eine Lungentuberkulose voi- lag. Wir müssen aus diesen Untersuchungsergebnissen schliessen, dass die alimentäre Glykosurie kein konstantes Vor¬ kommnis in der Schwangerschaft d a r s t e 11 1 und bringen damit nur eine Bestätigung der schon früher bekannten Tatsache, dass ihre Häufigkeit sehr schwankend ist. L. Seitz gibt sie in seinem zusammenfassenden Referat0) mit 20—80 Proz. an. Der Blutzuckerspiegel blieb in allen untersuchten Fällen innerhalb der physiologischen Breite, deren oberste Grenze wir nach Frank bei 0,190 Proz. annahmen. Die innerhalb dieser Grenze auftretenden Schwankungen nach der Zuckeraufnahme gegenüber den zu Beginn des Versuches ermittelten Werten zeigten aber doch bestimmte Beziehun¬ gen zur Zuckerausscheidung, auf die wir später noch zurückkommen möchten. II. Gestörte und pathologische Gravidität. Die Mitteilung von Frank und Nothmann, dass bei intaktei Tubargravidität, solange das Ei sich in Connex mit der Tubenwand befand, die Reaktion positiv war, und negativ ausfiel, wenn es den Zusammenhang mit dem mütterlichen Organismus verloren hatte (lu- barabort), schien die Möglichkeit zu eröffnen, auch bei Störung dei intrauterinen Gravidität diagnostische Anhaltspunkte zu gewinnen, vor allem bedurfte die Frage einer Klärung, wann die Reaktion ausblieo, ob nach der Entfernung des ganzen Eies aus dem mütterlichen Orga¬ nismus, oder nach Absterben des Föten, aber tioch mit der Uteruswand in Kontakt bleibender Placenta, und wann nach mehr odei werugei vollständiger Ausstossung des Eies oder nach der Rückbildung der Gra¬ viditätsveränderungen bei der Mutter die artifizielle Glykosuiie wieder verschwand. Aus der inzwischen erschienenen Arbeit von Nürn¬ berger geht hervor, dass, solange noch grössere Reste der Placenta an der Uteruswand hafteten, die Reaktion positiv war, während sie bald* 1 nach vollständiger oder fast vollständiger Ausstossung zuruckging. Von unseren hierhergehörenden Beobachtungen sei Folgendes hervoi- gehoben : 2) Vgl. bei Griesbach und Strassner: Hoppe-Seylers Zschr. t. physiol. Chem. 1913, 88, S. 209. :l) Arch. f. exper. Path. u. Pharm. 90 H. 1 u. 2. b D.m.W. 1921 Nr. 38. , t ... r>) Der Versuch wurde fast ausnahmslos in den Morgenstunden angestellt, wenn die zu untersuchenden Personen noch kein oder kein nennenswertes Frühstück eingenommen hatten. °) Verhandl. d. Deutsch, gyn. Gesellsch. 1913. 6. Januar 1922. MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT. 7 1. Eine Pat. mit Blasen mole reagierte mit einer starken und lang¬ dauernden Glykosurie. 2. Missed abortion. Nach 9monatlicher Amenorrhoe wurde ein der 8. Woche entsprechendes Ei ausgeräumt, wobei sich feststellen Hess, dass das Ei in der linken Tubenecke sass und der Uteruswand überall durch feste Stränge anhaftete. Die Reaktion war negativ. 3. In einem anderen Falle konnte nach der Menstruationsanamnese ein Missverhältnis zwischen Graviditätsmonat und Entwicklung des Uterus, wel¬ cher zu klein erschien, angenommen werden. Bei der Frau bestand der dringende Wunsch nach Unterbrechung. Trotzdem keine Glykosurie im Ver¬ such auftrat (Blutzucker vor- und nachher 0,116 Proz.), wurde abgewartet. Nachuntersuchung in einigen Wochen ergab eine intakte Gravidität. III. Aborte. a) Ein Fall von Abort.us imminens reagierte 6 Tage vor der spontanen Ausstossung des Eies negativ. Im Sinne von Frank und N o t li - mann wäre dieser Befund so zu deuten, dass das Ei zur Zeit der Unter¬ suchung schon völlig von der Uteruswand abgelöst war. b) Abort us i n c o m p 1. M. II, Reaktion negativ, Abrasio; keine Graviditätsbestandteile. c) Abortus incompl. M. IV. 4 Tage nach der Ausräumung unter¬ sucht, ergab keine Zuckerausscheidung. d) Abortus incompl., Abrasio; mangelhaft zurückgebildete Dezidua, kein Chorion. Probe mit Traubenzucker positiv. Hieraus würde zu folgern sein, dass alimentäre Glykosurie auftreten kann, solange überhaupt noch Graviditätsveränderungen irn mütterlichen Organismus bestehen. Die Beobachtungen bei Blasenmole einer- und Missed abortion andererseits sind ebenfalls nur so zu verstehen. Bei Blasenmole, wo die toxischen Erscheinungen im mütterlichen Organismus fast regel¬ mässig sehr ausgesprochen sind, trat eine starke und langdauernde Glykosurie auf, während sie in dem sicheren Falle von Missed abortion, wo das Ei sicher schon längere Zeit abgestorben war und nur noch die Bedeutung eines Fremdkörpers im Uterus hatte, ausblieb. Im glei¬ chen Sinne wäre der negative Ausfall der Reaktion in dem 6 Tage vor Eintritt der Ausstossung des Eies untersuchten Falle von Abortus imminens zu verwerten, vorausgesetzt, dass man mit Frank und Not h ma nn die alimentäre Glykosurie bei jeder Frühgravidität zu finden erwartet. Da wir aber die Reaktion nur in der Hälfte der Fälle auslösen konnten, möchten wir über ihre Verwertbarkeit bei der gestörten in¬ trauterinen Schwangerschaft, bei Abortus incompletus u. a. kein Urteil , fällen. IV. K o n t r o 1 1 f ä 1 1 e. Als solche wurden gynäkologische Erkrankungen ausgewählt, bei denen eine Extrauteringravidität entweder wirklich angenommen wer¬ den musste, wo also die Reaktion zur Klärung der Diagnose beitragen sollte, oder nach dem Tästbefund im allg. differentialdiagnostisch in Frage kommen konnte. Von diesen 7 Fällen trat bei 3 Glykosurie auf: 1. Taubeneigrosse Ovarialzyste ohne Zeichen für Gravidität, abradierte Schleimhaut frei von Graviditätsbestandteilen. Blutzucker vor der Trauben¬ zuckereinnahme 0,105 Proz.. 75 Minuten nachher 0,190 Proz. Zuckerausschei¬ dung von 1 Stunde bis 1 Stunde 45 Minuten nach der Aufnahme dauernd. 2. Verdacht auf Tubargravidität, Blutzucker bei Beginn des Versuches 0,104 Proz. 45 Minuten nach Traubenzuckereinnahme 0.182 Proz.; im Harn | einmal, und zwar Yi Stunde nachher, chemisch und polarimetrisch Zucker nachweisbar. Operationsdiagnose ; Pyosalpinx. 3. Operationsdiagnose: doppelseitige Parovariazylste. Blutzucker bei Versuchsbeginn 0,089 Proz., 55 Minuten nach Zuckeraufnahme 0,198 Proz.; im Harn 4 Stunden anhaltende Zuckerausscheidung. Infantil-asthenische | Virgo. Auch unter den negativ reagierenden Kontrollfällen befand sich keine Extrauteringravidität. An sich entspricht das Verhalten der Kontrollfälle durchaus der bekannten Tatsache, dass auch gesunde Individuen nach Zufuhr von 100 g Traubenzucker in nüchternem Zustande Zucker ausscheiden können. Der dritte Fall kann streng genommen nicht als Kontrolle gelten, weil der Blutzuckerwert die Grenze der physiologischen Breite nach der Zuckerzufuhr, wenn auch nicht erheblich, überschreitet, also eine Störung des Zuckerstoffwechsels anderer, nicht zu ermittelnder Genese angenommen werden kann. Aber auch die beiden anderen Kontr ollfälle, welche Zuckerausscheidung zeigten, bewegen sich mit ihren Blutzuckerwerten hart an der oberen Grenze des Physiologischen. Hervorzuheben ist auch die starke Erhöhung des Blutzuckerspiegels nach der Zuckeraufnahme gegenüber den bei Beginn des Versuchs er¬ mittelten Werten in allen 3 Fällen (0,085, 0,078 und 0,109 Proz.). Wir haben daraufhin die Schwankungen des Blutzuckerspiegels bei unseren sämtlichen verwertbaren Fällen, den sicher schwangeren aus allen Monaten und den sicher nicht schwangeren geprüft und fest- gQstellt. dass, wenn der Blutzucker in nennenswertem Masse, d. h. 0,060 bis 0,100 Proz. innerhalb der von Frank angegebenen physiologischen Breite und innerhalb der ersten 45 bis 90 Minuten nach Zufuhr von 100 g Traubenzucker ansteigt, auch meist eine Zucker¬ ausscheidung im Harn auftritt, und zwar sowohl bei schwan¬ geren, als auch bei nichtschwangeren Frauen. Ein Unter¬ schied zwischen beiden Kategorien ist insofern zu. bemerken, als bei geringeren Erhöhungen des Blutzuckers (0 bis 0,60 Proz.) bei nicht Schwangeren niemals Glykosurie auftrat, wohl aber öfters bei Schwan¬ geren. Einzelheiten ergeben sich aus der beigefügten Tabelle. Im Uebrigen möchten wir uns an dieser Stelle damit begnügen, auf die Tatsache hinzuweisen. Zusammenfassung. Nach unseren Untersuchungen tritt nach Zufuhr von 100 g Trau¬ benzucker bei der Hälfte aller Schwangeren des 2. bis 8. Monats Glykosurie auf, ohne dass der Blutzucker den zur Zeit als obere physiologische Grenze geltenden Wert übersteigt. Eine besondere Beteiligung der frühen üraviditätsmonate konnten wir nicht feststellen, wohl aber unterblieb die Zuckerausscheidung fast immer in den späteren Schwangerschaftsmonaten (VIII, IX, X). ln diagnostischer und differentialdiagnostischer Hinsicht kommt der Erscheinung höchstens der Wert eines wahrscheinlichen Schwan¬ gerschaftszeichens zu. Schwangerschaften des 2. — 10. Monats. Blutzuckerspiegel Zuckerau sscheidung Ansteigen bzw. Absinken i m Harn nach 100 g Traubenzucker positiv negativ Absinken 1 2 + 0 1 + -0—0,040 Proz. 3 8 +' 0,041—0,060 Proz. 3 0 + 0,061 — 0,100 Proz. 3 1 Kontrol 1 f ä 1 1 e. Blutzuckerspiegel Zuckerau sscheidung Ansteigen bzw. Absinken i m Harn nach 100 g Traubenzucker positiv negativ — 0 0 + 0 0 '+ 0—0.040 Proz. 0 2 + 0,041 — 0,060 Proz. 0 1 + 0,061 — 0,100 Proz. 3 1 dem bakteriologischen Laboratorium Essen des Vereins zur Bekämpfung der Volkskrankheiten im Ruhrkohlengebiet. Der Einfluss des Nährbodens auf die Agglutinabilität des Typhusbazillus. Von Dr. Joseph Hohn, Leiter des Laboratoriums. Es ist eine schon lange bekannte Erfahrung, dass der Nährboden einen Einfluss ausübt auf die Agglutinabilität des Typhusbazillus. Bis¬ her waren fast nur Substanzen bekannt, die agglutinationsmindernd einwirkten. So stellt Kirstein1 *) eine Abschwächung der Agglutinabilität durch Züchtung auf Harnagar und durch erhöhten Alkalizusatz zum Nährboden fest. H i r s c h b r u c Ir) beobachtete eine Verminderung durch Phenolzusatz (0,1 Proz.), durch Zusatz von Sublimat (1:50 000), durch Malachitgrün und durch Züchtung bei 40 — 41 °. Bekannt ist der Einfluss auf die Agglutinabilität durch Aufenthalt der Typhusbazillen im Tierkörper (Exsudatbakterien). Ver¬ schieden sind die Beobachtungen über die Agglutination nach Zusatz von Agglutinin zum Nährboden; während die einen eine Inagglutinabilität fest¬ stellten, fand Tarchetti eine erhöhte Agglutinabilität; Porges und Prantschoff3) erhielten teils Spontanagglutination, teils blieb jeder Einfluss aus. Von Riemer4) wurde der Einfluss der Alkaleszenz des Nährbodens auf die Agglutination untersucht. Er fand, dass bei den 10 von ihm untersuchten Typhusstämmen 9 eine deutliche Verminderung der Agglutinabilität zeigten durch erhöhten Alkalizusatz. Er benutzte Agar mit einem Zusatz von 2 und 4 ccm 1 */i n NaaCO:) zu 100 Agar vom Phenolphthalein¬ neutralpunkt. Der Autor zeigte ferner, dass die herabgeminderte Agglutina¬ bilität durch Weiterzüchten auf dem stark alkalischen Agar bei einzelnen Stämmen wieder ausgeglichen wurde. Ein einmaliges Ueberimpfen auf den alkalischen Nährboden genügte, um die Agglutinabilität zu vermindern und anderseits wieder zu erhöhen auf normalem Agar. Weltmann und S e u f f e r h e 1 d s) und unabhängig von ihnen Schiff“) fanden eine Steigerung der Agglutinabilität von Weil-Felix- Bazillen durch Zusatz von Traubenzucker zum Nährboden. In seiner Arbeit zeigte Schiff, dass von vollkommen zuckerfreiem Agar die Agglutination von Weil-Felix ausblieb, während durch Zusatz von Trau¬ benzucker sich die Agglutination steigern liess bis zur Spontanagglutina¬ tion bei 5 proz. Zusatz. Bei Nachprüfung dieser Angaben kam van der Reis7) zu abweichenden Resultaten; W. Michaelis3) konnte den Befund von Schiff bestätigen. Zugleich fand er, dass Milchzuckerzusatz die Agglutinabilität nicht erhöhte. Nach meiner Rückkehr aus dem Felde anfangs 1919 machte ich die Erfahrung, dass die zum Widal benutzten Typhusstämme sehr bald in ihrer Agglutinabilität nachliessen. Schon nach mehrmaligem Ueber¬ impfen gingen die vorher gut agglutinierenden Stämme stark zurück; die Flockung wurde so minimal, dass die Stämme zur Reaktion nicht mehr verwandt werden konnten und immer wieder durch neue er¬ setzt werden mussten. Der benutzte Agar war teils von Pferdefleisch teils von Rindfleisch hergestellt und mit Eiweiss geklärt. Eine Aende- rung der Alkalität brachte auch keine Besserung der Agglutinabilität der Typhusstämme. Schiff hatte in seiner Arbeit darauf hingewiesen, dass Trauben¬ zuckerzusatz zum Nährboden ausser bei Weil-Felix auch bei Typhus 4) Kirstein: Zschr. f. Hyg. 46. ') Hirse h bmch: Arcli. f. Hyg. 1906 56. 3) Porges lind Prantschoff: Zbl. f. Bakt. 41. 4) Riemer: M.ni.W. 1913 Nr. 17. n) Welt m a n n und Seufferheld: W.kl.W. 1918 Nr. 52. “) Schiff: M.ni.W. 1919 Nr. 6. 7) van der Reis: M.m.W. 1919 Nr. 38. K) W. Michaelis: D.m.W. 1920 Nr. 23 u. Zschr. f. Hyg. 91. 8 MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT. Nr. 1. und Paratyphus A die Agglutination steigere, während die von Para¬ typhus B unbeeinflusst bliebe und dass Cholerabazillen sogar maggluti- nabel würden. „ „ , Hierdurch veranlasst, ging ich daran, den Einfluss von Trauben¬ zucker auf die Agglutinabilität der zur G ru b e r - Wid a Ischen Re¬ aktion verwendeten Stämme zu prüfen. Es zeigte sich bald, dass die Agglutinabilität ganz wesentlich gebessert wurde. Ich nahm zunächst an dass ein längeres Ueberimpfen auf Traubenzuckeragar zur Steige¬ rung nötig wäre. Es zeigte sich jedoch, dass ein einmaliges Ueber¬ impfen genügte; anderseits brachte die einmalige Uebertragung von Traubenzuckeragar auf geklärten Agar die Agglutination wieder völlig Es wurde nun die systematische Untersuchung einer Reihe von Typhusstämmen in Bezug auf das Verhalten ihrer Agglutinabilita nach Uebertragen auf die verschiedenen Zuckernahrboden vor- genommen Als Zusätze wurden benutzt Galaktose, Maltose,. Dextrose. Saccharose, Milchzucker, Lävulose, ausserdem Stärke, Glyzerin, Mannit. Die Zusätze wurden 1 proz. gemacht, Glyzerin 2 proz. Dazu wurden die Stämme auf geklärten Agar und frisch hergestellten, ungeklärten Ao-ar übertragen. Ich hatte unterdessen die Erfahrung gemacht, dass die Agglutinabilität eines Typhusstammes durch Ueberimpfen auf un¬ geklärten Agar wieder vollständig hergestellt wurde. In I ab. 1 a sind die Agglutinationsverhältnisse von 3 Typhusstämmen zusammengestellt. Stamm 15 ist aus der Gallenblase isoliert, die Stämme 387 und 610 sind Blutstämme. Zur Agglutination wurde ein Serum der Sächsischen Serumwerke benutzt mit dem Titer 1 : 50 000, die Ablesung erfolgte 2 Stunden nach Aufenthalt im Brutschrank. völlig klar Benutzt wurde Galaktose von der Firma Merck-Darmstadt, noch aus der Vorkriegszeit stammend. Bezüglich des Wachstums ist zu bemerken, dass dasselbe mit Aus¬ nahme auf Traubenzuckeragar ein gutes war. Besonders üppig war dasselbe auf Glyzerin und Galaktoseagar. Auch positive Gruber-Widal sehe Blutproben wurden mit Galaktose- und Traubenzuckerstämmen neben inagglutinablen von ge¬ klärtem Agar angesetzt. Es zeigten sich dabei dieselben Differenzen; prompte Agglutination der beiden ersten Stämme, Versagen des letz¬ teren. Mit Normalserum ergaben die Traubenzucker- und Galaktose¬ kulturen nie Agglutination. ^ Auch der Prozentgehalt von Zucker ist von Einfluss auf die Aus¬ flockung. Ich fand einen Prozentsatz von 1 Proz. als besten Zu- Scltz In der Abschwemmung zeigten die verschiedenen Kulturen das¬ selbe Verhalten wie in der Agglutination mit frischer Kultur. Auch hier war die Ausflockung von Galaktoseagar besonders stark, während die Abschwemmung von geklärtem Agar inagglutinabel blieb. Die Agglutinationen wurden vom Dezember 1919 mit Unter¬ brechungen bis September 1920 vorgenommen. Anfang August 1921 wurde aus dem Blut eines Typhuskranken, welches aus dem Kruppschen Krankenhaus eingesandt war, ein Stamm 168 gezüchtet, der zunächst vollkommen inagglutinabel gegen Typhusserum war. Klinisch bestanden Fieber, Roseolen und Milz¬ tumor. Der Gruber-Widal war zuerst bis 1:100 schwach positiv, nach weiteren 5 Tagen starke Agglutination bis 1 : 200. Aus dem Blut¬ kuchen wuchs nach Anreicherung in Galle auf der Drigalskiplatte eine Tabelle 1. b Ty.-St. 168 Verdünnung 1000 Agar filtr. geklärt Ty 15 „ 387 „ 610 Agar ungeklärt Ty 15 „ 387 ,, 610 +++ ++ ++ 5000 ++ ++ ++ 10 000 20000 ++ ++ ++ + + .+ .+ +' +' 40000 NaCl 1000 2000 4000 8000 NaCl ++ +' .+ + nicht angesetzt Oalaktoseagar Ty 15 „ 387 610 sed. sed. sed. sed. sed. Mannitagar Maltoseagar Ty 15 „ 387 „ 610 Ty 15 „ 387 „ 610 sed. sed. sed. sed. sed sed. -H-+ sed +++ +++ +-H sed. ++ sed. ++ tt ++ sed. sed. sed. sed. Säureaggl. nach 15Std. nicht anges sed. sed. sed. sed. sed. sed. sed. sed. Dextroseagar Milchzuckeragar Ty 15 „ 387 „ 610 sed. sed. sed. Ty 15 „ 387 „ 610 ++ +++ Saccharoseagar Ty 15 „ 387 „ 610 + • +S ++ +++ + 4+ +s sed. sed. ++ + + + von Drigalskiagar = ebenso +s I +s -K : +* Laevuloseagar Ty 15 „ 387 „ 610 ++ ++ +' + + +' .+ +' .+ + Qlyzerinagar (2°/0) Stärkeagar (1%) Ty 15 „ 387 „ 610 Ty 15 „ 387 „ 610 + +S ++ + ++ +5 + _ - ++ I + + + ++++ Säure bildung auf Lackmus¬ zuckeragar nicht angesetzt + + + sed. sed sed. sed. sed. sed. sed. sed. +++ .+ nicht angesetzt nicht anges. +n +' .+ nicht angesetzt Zeichenerklärung: sed. = sedimeUiert (stärkste Agglutination), +* = schwach positiv, ++ = stark positiv. Ablesung nach 2 Stunden bei 37« Aus den Untersuchungen geht der deutliche Einfluss der. Zusätze zum Nährboden auf die Agglutinabilität hervor. Die Unterschiede sind sehr erhebliche. Inagglutinabel bleiben die Stämme von geklärtem Agar und bei Stärkezusatz; schwer agglutinabel sind sie von Saccharose-, teils auch von Milchzucker- und Glyzerinagar;. gute Agglutination, findet sich von ungeklärtem Agar. Am besten wird die Ausflockung beeinflusst durch Galaktose, Mannit, Maltose und Dextrose. Die stärkste Steige¬ rung ergibt der Zusatz von Galaktose. Am besten, war das zu er¬ kennen bei der Beobachtung der Agglutination unmittelbar nach Ver¬ reiben der Kultur in der betreffenden Serie, also 3 — 4 Minuten später. Schon nach dieser Zeit trat eine deutliche Ausflockung teils bis zur Verdünnung 1:20 000 auf, die bei 1:1000 bereits nach dieser kurzen Zeit als -| — b bezeichnet werden musste. Meist schon nach 1 Stunde war die Flockung beendet; zu dichten Haufen geballt lagen die Bazillen am Boden des Reagenzglases, die darüberstehende Flüssigkeit fast Reinkultur blauer Kolonien. Bei Prüfung derselben mit den üblichen Typhusnährböden mussten diese Koloniefl beweglicher Stäbchen als Typhusbazillen angesprochen werden, wenn auch vorläufig mit. hoch¬ wertigem Serum keine Agglutination weder in der Probeagglutination auf dem Objektträger noch in der Reihenagglutination, erfolgte. . Auch mehrmaliges Ueberimpfen auf gewöhnlichen Agar sowie auf Drigalski- agar bewirkten keine Agglutinabilität; Vornahme der Agglutination bei 52—55 0 führte zu keinem Resultat. Der Stamm wurde dann mit NaCl- Lösung abgeschwemmt und im Wasserbad 1 Stunde lang auf 100 erhitzt — auch dadurch wurde er nicht agglutinabel. Dagegen be¬ wirkte die Uebertragung auf den von den früheren Untersuchungen bekannten lproz. Galaktoseagar eine maximale, grossflockige Agglutination bis zum Endtiter des Serums, und damit konnte der Stamm auch nach dieser Hinsicht als echter Typhusstamm diagnostiziert werden. Eine 6. Januar 1922. MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT. 9 Uebertragung von Galaktoscagar auf gewöhnlichen Schrägagar hob die Agglutinabilität sofort wieder auf. Die Tab. 2 und 3 zeigen die Agglutinationsverhältnisse von Galaktoseagar sofort nach der Ver¬ reibung und nach 2 Stunden bei 37 ". Tabelle 2. Tabelle 3. Ty.-St. 168 direkt nach Verreiben Galaktoseagar. von Ty.-St. 168 nach 2 Stund, bei 37°; Ueberiinpfung Galakt/Galaktose. 1000 >000 4000 8000 XaCI 1000 2000 4000 8000 IfaCl Oalaktoseagar 1. Generation +S _ _ _ _ Galaktoseagar 1. Generation +s +8 _ _ Galaktoseagar 2. Generation + + + — — Galaktoseagar 2. Generation +++ +++ + ++ — Galaktoseagar 3. Oeneration ++ ++ + — — Galaktoseagar 3. Generation s . sed. sed. sed. — Galaktoseagar 4. Generation ++ ++ -f + _ • Die Vornahme der Agglutination des Typhusstammes 168 von den verschiedenen Nährböden ergibt die Tab. 1 b. Der Stamm zeigt gegen¬ über den früher untersuchten 3 Stämmen ein ziemlich abweichendes Verhalten. Inagglutinabel ist er von Agar, Milchzucker- und Trauben- •zuckeragar, gut agglutinabel von Mannit-, Maltose-, Lävulose-, Glyzerin¬ agar, schlecht agglutinabel von Saccharoseagar. Die beste Flockung ergibt auch hier wieder der Galaktoseagar. Die Inagglutinabilität von Milchzuckeragar erklärt nun auch die von der Drigalskiplatte. Auch in der Abschwemmung verhielt sich die Verschiedenheit der Aggutination von den einzelnen Nährböden genau so wie in der frischen Kultur. Positiv nach W i d a 1 agglutinierende Blutproben, die gleich¬ zeitig mit den inagglutinablen und den agglutinablen Kulturen angesetzt wurden, ergaben dasselbe Resultat wie in der Reihenagglutination: negatives Verhalten des Agar-Milchzucker-Traubenzuckerstarnmes, gute Agglutination mit den positiven flockenden Zuckerstämmen. Auch hier agglutinierte wieder am besten der Galaktosestamm. Das Verhalten des Stammes 168 in der Säureagglutinat' i nach Michaelis9) in der Modifikation von Eisenberg10) von m ver¬ schiedenen Nährböden zeigt Tab. I c. Die stärkste Gerinmr ergibt auch hier, gleichlaufend mit der Serumagglutination, die C laktose- Maltose-Mannit-Lävulose-Glyzerinkultur. Die Reaktion trat regel¬ mässig in den Röhrchen 3 und 4 auf und war am stärksten bei der Glyzerinkultur; hier erstreckte sie sich zum Schluss auch auf die Röhr¬ chen 5 und 6. Beachtenswert ist der negative Ausfall von der Trauben¬ zuckerkultur und die Andeutung der Reaktion von der Agar-, Milch¬ zucker-Saccharosekultur. Zur Prüfung der Frage nach dem Bindungsvermögen des inaggluti¬ nablen Agar-Traubenzucker-Milchzuckerstammmes für spezifisches Ag¬ glutinin wurden Bindungsversuche vorgenommen: Zum ersten Versuch wird ein Typhusserum vom Titer 1 : 20 00C benutzt. Bezeichnet man mit t den Titer des Serums, so ist 100 1 = 0,005 100 t werden in 5 ccm physiologischer NaCl-Lösung mit 5 Normalösen Agarkultur verrieben, desgleichen mit 5 Normalösen Traubenzucker- | kultur in 2 sterilen Zentrifugengläsern. Zur Kontrolle 100 t + 5 ccm NaCl-Lösung ohne Kultur. Die 3 Röhrchen bleiben zur Bindung 3 Stun¬ den im Brutschrank, dann Zentrifugieren der beiden ersten Gläser. Die Prüfung der Filtrate mit dem Galaktosestamm ergibt: keine Agglutination des Filtrates der Agar- und Traubenzuckerkultur, prompte Agglutination der Kontrolle. Der zweite Bindungsversuch wird mit einem Typhusserum vom Titer 1:50 000 in der gleichen Weise vorgenommen unter Benutzung der Milchzucker- und Traubenzuckerkultur. Zur Agglutination wird der Mannitstamm verwendet. Der Versuch verläuft genau wie der erste Bindungsversuch. Aus diesen Untersuchungen geht hervor, dass das Bindungsvermögen für das spezifische Agglutinin in der inagglutinablen Agar-Milchzucker- Traubenzuckerkultur in keiner Weise geschädigt ist, sondern nur das Vermögen der sichtbaren Ausflockung, des Index für das Vorhandensein der Agglutinine. Der Einfluss des Nährbodens auf die Agglutinabilität des Typhus¬ stammes 168 geht aus den Untersuchungen unzweideutig hervor. Es handelt sich um einen Stamm, der von Agar-Traubenzucker-Milchzucker- agar als inagglutinabel zu bezeichnen ist, von Saccharose- als schwer- agglutinabel, von Mannit-Maltose-Lävulose-Glyzerinagar als leicht ag¬ glutinabel, von Galaktoseagar als sehr leicht agglutinabel. Der Begriff der Agglutinabilität ist somit für diesen Stamm etwas Relatives und hängt , _ _ ..igste zusammen mit dem Nährboden, auf dem er gezüchtet wird. Wir haben es hier vollkommen in der Hand, die Agglutinabilität willkürlich zu verstärken oder abzuschwächen. Die Uebereinstimmung der gesteigerten Serum- mit der Säure¬ agglutination ist bereits oben erwähnt. Desgleichen geht die Säure¬ bildung auf Lackmusnährböden (Tab. I c) mit den entsprechenden Zu¬ sätzen im grossen und ganzen konform mit der gesteigerten Serunr- agglutination. Eine Ausnahme macht die Traubenzuckerkultur, bei der wir Säurebildung finden bei negativer Agglutination. Gas wird in Bouillon bei keinem der Zusätze gebildet. °) Michaelis: D.m.W. 1911 Nr. 21 und 1915 Nr. 9. lu) Eisen b erg: Zbl. f. Bakt. 83. Nr. 1. W. Michaelis zieht zur Erklärung der gesteigerten Agglutination von Weil-Felix durch Traubenzucker die Säurebildung heran und glaubt, dass es sich hier um eine Summation von Serum- und Säureagglutination handele. Er konnte auch zeigen, dass Nutrosezusatz bei Traubenzucker¬ agar die vorher gesteigerte Agglutination sichtbar beeinträchtigt, aller¬ dings erst nach mehrmaligem Ueberimpfen des Stammes auf diesen Nährboden. Er glaubt eine Erklärung hierfür zu finden in einer Bindung der Säure durch die Nutrose. Der gleiche Versuch wurde von mir bei der Mannitkultur gemacht; es trat aber keine Abschwächung, sondern eine Verstärkung der Agglutination ein. Aus der chemischen Zusammensetzung der verwendeten Zucker¬ arten lässt sich keine gemeinsame Ursache für die gesteigerte Ag¬ glutinabilität herleiten. Von den 6 Zuckerarten gehören 3 in die Gruppe des Traubenzuckers von der Formel C0H12O0 — Dextrose. Lävulose, Galaktose. Wir sehen hier höchste Steigerung der Agglutinabilität (Galaktöse) zusammen mit völliger Inagglutinabilität (Dextrose). Das¬ selbe gilt von der Rohrzuckergruppe C12H22O11, in welche Saccharose, Milchzucker und Maltose gehören. Nur die beiden Alkohole, Glyzerin und Mannit, zeigen gleiche Steigerung; allerdings Glyzerin wieder nicht bei den Stämmen auf Tab. I a. Von besonderem Interesse ist noch das Verhalten der Stämme der Tab. I a auf geklärtem und ungeklärtem Agar. Eine Deutung dürfte wohl darin zu finden sein, dass durch den Klärungsprozess alle aggluti¬ nationshervorrufenden Substanzen ausgefällt wurden. Im ungeklärten Agar genügten aber die Reste der Alge, um die nötigen Substanzen zur Agglutination zu liefern. Eine weitere Möglichkeit bestände auch in dem verschiedenen Gehalt solcher Substanzen in dem zur Herstellung des Nährbodens verwendeten Fleisch. Hervorzuheben ist aber, dass Typhusstamm 168 auch nicht von ungeklärtem Agar agglutinabel war. Wir sehen, dass nicht alle Zuckerarten die Agglutinabilität gleich- mässig beeinflussen und nicht einmal besteht eine Uebereinstimmung aller Typhusstämme für bestimmte Zuckerarten. Gleichmässige Stei¬ gerung für alle Stämme ergaben nur Galaktose, Mannit, Maltose; alle übrigen Zusätze beeinflussten die Agglutinabilität verschieden. Nach Pal tauf11) ist die charakteristische Eigenschaft der ag¬ glutinablen Substanz der Bakterien die spezifische Bindung und die antigene Natur, während die Ausflockung selbst ein sekundärer Vorgang ist, der durch verschiedene Einflüsse gehemmt werden kann und durch Zustandsänderungen des Eiweisskörpers modifiziert wird. Es besteht daher auch nach P a 1 1 a u f kein Grund, für die agglutinable Substanz den im Sinne der Seitenkettentheorie komplexen Bau anzunehmen. Nach dem agglutinatorischen Verhalten der hier untersuchten Typhus¬ stämme durch Züchtung auf den verschiedenen Nährböden dürfte man vielleicht zu den noch weiteren Schlussfolgerungen berechtigt sein, dass die Ausflockbarkeit der Typhusstämme nichts Urspiingliches und den Stämmen Eigentümliches ist, sondern eine durch gewisse Sub¬ stanzen des Nährbodens erworbene Eigenschaft. Die Agglutinabilität würde damit auf der Eigenschaft des Stammes beruhen, aus dem Nähr¬ boden gewisse Substanzen abzubauen, die ihm erst die Ausflockbarkeit verleihen. Umgekehrt würde dem inagglutinablen Stamm diese Fähigkeit für einzelne Nährböden fehlen. Wir sehen daher auch die interessante Erscheinung, dass derselbe Typhusstamm 168 inagglutinabel. schwer, leicht, sehr leicht agglutinabel ist, je nachdem wir ihn auf einem Nährboden mit bestimmten Zusätzen züchten, so dass wir also will¬ kürlich seine Agglutinabilität steigern und abschwächen können. An Stelle der Inagglutinabilität müssen wir hiernach das Unvermögen des Typhusstammes setzen, aus dem Nährboden im weitesten Sinne, also auch aus dem Menschen- und Tierkörper, die zu seiner Ausflockung nötigen Substanzen abzubauen bei gleichzeitigem Erhaltensein der spezifischen Bindung für die Agglutinine. Wie man sich im einzelnen den Einfluss dieser Substanzen vor¬ zustellen hat, bedarf noch der weiteren Untersuchung. Vieles spricht dafür, dass eine Modifikation des Eiweisskörpers des Bakteriums durch die Säureproduktion eintritt und dadurch eine veränderte Oberflächen¬ spannung, einiges spricht auch dagegen. Wir werden aber immer mehr durch die Untersuchungen dazu geführt, mit P a 1 1 a u f den eigent¬ lichen Flockungsprozess als einen chemisch-physikalischen Vorgang an¬ zusehen. Durch diese Erkenntnis machen wir uns unabhängig von der In¬ agglutinabilität und der schlechten Agglutinabilität einmal bei der Dia¬ gnose des Typhusbazillus an sich, dann auch bei der Typhusdiagnose durch die W i d a 1 sehe Reaktion. Wir suchen hier ja immer nach leicht- agglutinablen Stämmen, um die Reaktion möglichst frühzeitig deutlich zu machen. In dem üalaktoseagar haben wir ein Mittel, um jederzeit über maximal agglutinierende Stämme zu verfügen. Auch Typhus¬ abschwemmungen werden wir zweckmässig von 1 proz. Galaktoseagar zur Herstellung eines Typhusdiagnostikums machen, ohne dabei fürchten zu müssen, .Spontanagglutinationen zu erhalten. Ob bei anderen inagglutinablen Bakterien dieselben Zusätze zum Nährboden von Wirksamkeit sind wie bei den Typhusstämmen, wäre zu untersuchen. Wichtig wäre diese Prüfung besonders für die Ruhr¬ bazillen. bei denen Inagglutinabilität viel häufiger vorzukommen scheint als bei Typhusbazillen. Einzelne Vorversuche in dieser Hinsicht haben mir gezeigt, dass hier die Verhältnisse bezüglich der Zuckernährböden anders zu liegen scheinen. Immerhin wäre es möglich, dass sich auch hier Stoffe finden Hessen, die dasselbe bewirken wie der Zusatz von Zucker und Alkoholen zum Nährboden bei Typhusbazillen: die Hervor- rufung und maximale Steigerung der Agglutinabilität. u) Pallauf: Hb. d. pathog. Mikroorganismen 2, 1. Hälfte. Die Agglu¬ tination. 5 10 MÜNCHENER MEDIZINISCH E WOCHENSCHRIFT. Nr. 1. Zusammenfassung. 1. Die Agglutinabilität des Typhusbazillus ist unter Voraussetzung eines hochwertigen Serums in weitestem Masse abhängig vom Na bodui. Agglutinationsbe{ördernd wirkt der Zusatz verschiedener Zucker¬ arten zum Nährboden ferner Glyzerin und Mannit. 3. Die Agglutinabilität des Typhusbazillus wird durch die ver¬ schiedenen Zuckerarten in ungleichmässiger Weise beeinflusst. Am besten wirken Galaktose, Mannit, Maltose. 4. Die Agglutinabilität ist keine dem Typhusbazillus eigentum.iche und primär vorhandene Eigenschaft. Sie wird erst erworben durch den Abbau bestimmter Substanzen aus dem Nährboden, 5. Im Abbau von agglutinationsbewirkenden Substanzen verhalten sich die Typhusbazillen verschieden, so dass derselbe Stamm je nach Benutzung der verschiedenen zuckerhaltigen Nährböden als inagglut - mabel schwer — leicht — sehr leicht agglutinabel erscheinen kann. 6 Die Inagglutinabilität des Typhusbazillus beruht auf_ der Un¬ fähigkeit des Stammes, aus dem vorhandenen Nahrmaterial solche Substanzen abzubauen, die seine Flockbarkeit bewirken. 7 Zur Züchtung gut (maximal) agglutinierender Typhusstamme wird 1 proz. Galaktoseagar empfohlen sowohl zur Verwendung bei der ü ru¬ ber - W i d a I sehen Reaktion als auch zur Herstellung von Abschwem¬ mungen als Typhusdiagnostikum. Aus der Infektionsabteilung (Oberarzt: Prof. Dr. Reiche) des Allgemeinen Kjankenhauses Hamburg-Barmbeck (Direktor: Prof. Dr. Rumpel). Diphthosanbehandlung bei Diphtheriebazillenträgern ). Von Dr. P. R. Biemann. Sekundärarzt. Die allgemeine Gefahr der Diphtheriebazillenträger ist hinreichend bekannt. Eine erfolgreiche Prophylaxe der Diphtherie ist erst möglich, wenn es gelingt, die Keimträger mit Erfolg zu bekämpfen Der un¬ freiwillig lange Aufenthalt der Diphtheriepatienten nach Abklingen der eigentlichen Erkrankung ist eine grosse Last für die Kliniken, _ Kranken¬ kassen und für die sonst gesunden Bazillenträger selbst die einmal dem Erwerbsleben lange entzogen werden und sodann sich durch die Ab¬ geschlossenheit, deren Notwendigkeit sie meistens nicht oder nur schwer begreifen in der Infektionsabteilung äusserst beengt und überflüssig fühlen. Es ist deshalb begreiflich, wenn schon seit langer Zeit von den verschiedensten Seiten und auf getrennten Wegen versucht worden ist, geeignete Mittel zur Bekämpfung der Bazillenträger zu finden. Es sind in dieser Hinsicht viele Versuche, teils in Kliniken teils m La¬ boratorien gemacht, um einmal durch Medikamente mit hoher bak¬ terizider Eigenschaft, das andere Mai durch mechanische Mittel, oder durch Verbindung beider der Klärung dieser Frage naherzukommen. Erinnert sei z. B. an die Versuche mit den Chininderivaten die von Schäfer, Sommer,Morgenroth.Tugendreich,W. Pfeif¬ fer Braun und I s a a c k (von letzterem gegen Meningokokkentragerj u a gemacht sind, mit Optochin, Eukupin in Salben, Lösungen, Sprayapplikationen, Pinselungen etc. in den verschiedensten Konzen¬ trationen, Es erwies sich hierbei das Eukupin dem Optochin m seiner keimtötenden Wirkung noch überlegen, doch schon bald wurde von einigen Seiten über mehr oder weniger schädigende Nebenwir¬ kungen berichtet. Versteckt findet sich sogar manchmal eine Notiz: „Erblindungen oder sonstige Sehstörungen wurden nicht beobachtet. Elise Hermann warnt vor dem Gebrauch dieser Chininderivate besonders bei kleinen Kindern da sie hier Schleimhautschadigungen bewirkt haben. „ , ■ , , ,, Langer, der sich ebenfalls mit diesem Problem beschäftigt hat, fand bei seinen Versuchen mit Akridiniumfarbstoffen, die schon vor Jahren von Ehrlich als Mittel gegen Trypanosomenerkrankungen an¬ gewandt waren, dass dem F 1 a v i c i d hohe bakterizide Eigenschaften innewohnen, besonders gegen Gram-positive Bakterien. Optochin wirkt in einer Verdünnung von 1:10— zuuuu ent¬ wicklungshemmend für Bakterien, von 1:2—8000 totend. Die Wirkung des Eukupin ist noch eine 5 mal bessere als die des Optochin. , „ T r y p a f 1 a v i n, das zu den Akridiniumfarbstoffen gehört und einen guten Eingang als modernes Therapeutikum gefunden hat — u. a. hat Spiess dies Präparat auch zur Desinfektion der Mund- und Rachenhöhle verwandt — wirkt in einer Verdünnung von 1: A—l Mil¬ lion entwicklungshemmend, von 1 — 1000 in /£ Stunde tötend. Flavicid wirkt in einer Verdünnung von 1:1 Million toten a für Bakterien, von 1:5000 tötend in wenigen Minuten, von 1:50 für Kaninchenaugen reizlos. Erst in einer Verdünnung von 1:10 zeigen sich leichte Schleimhautschädigungen beim Kaninchenauge. Näheres in der angeführten Literatur. Flavicid ist im Kampfe gegen Staphylokokken dem 1 rypa- f 1 a v i n um das 10 fäche, gegen Diphtheriebazillen um das 5 fache überlegen. Diese hohe bakterizide Eigenschaft sowie die giosse Breite der therapeutischen Toleranz lassen das Präparat als ganz besonders geeignet für die Anwendung gegen Bakterienerkrankungen erscheinen, zumal schädigende Nebenwirkungen sich ausschliessen lassen, ohne dem *) Nach einem am 25. X. 1921 im Aerztlichen Verein zu Hamburg ge¬ haltenen Vortrag. Mittel auch in grossen Verdünnungen die bakterienvernichtende Wir¬ kung zu nehmen. . , . ... . . _ _ Ausserdem ging Langer von der sicher richtigen Annahme aus, dass die Bakterien sich mit Vorliebe lange im Nasenrachenraum auf¬ halten. da sie hier den therapeutischen Applikationen nicht recht er¬ reichbar sind. Mit seinem B e r i e s e 1 u n g s v e r f a h r e n glaubt er, da er ein unschädliches, dabei aber doch hochwirksames Mittel in dem Flavicid gefunden hatte, der Lösung des Problems der Bazillen¬ trägerbekämpfung erheblich nähergekommen zu sein. Da das r 1 a v i - cid einen bitteren Geschmack hat. wurde es mit Saccharin versetzt; ein Vorschlag, der schon von Schäfer als Geschmackskorrigens für das ebenfalls bittere Eukupin gemacht war. Das versusste Flavi- c i d erhielt den klangvollen Namen Diphthosan, das von der Aktien- Gesellschaft für Anilinfabrikation in Berlin hergestellt wird. Eine Pastille Diphthosan enthält: 0,1 Flavicid. 0,85 Kochsalz, Auf unserer Diphtherieabteilung sind im Laute der Jahre die ver¬ schiedensten Mittel bei Bazillenträgern angewandt worden, ohne je¬ doch zu den gewünschten Resultaten zu führen. Es lagen dort oft Patienten (vorzüglich Kinder) seit vielen Wochen, zum Teil sogar seit Monaten, mit positivem Bazillenbefund. Als Langer seine Versuche und Erfahrungen mit den Akridinium¬ farbstoffen veröffentlichte, schienen uns die Ergebnisse und die Art der Verwendung des Präparats wohl geeignet, das Mittel aui unserer Ab¬ teilung anzuwenden, um die angegebenen Erfolge nachzuprüfen. Das Präparat wurde uns — es war noch nicht im freien Handel — * auf unseren Wunsch von der Fabrik bereitwilligst und kostenlos zur Verfügung gestellt. Da die übersandte Menge keine sehr grosse war, konnten nicht sehr viele Fälle damit behandelt werden. Um trotz¬ dem ein möglichst umfangreiches Bild zu erhalten, wurden teils frische Diphtheriefälle, die in der Rekonvaleszenz noch mit keinem anderen Mittel behandelt waren, teils solche, die bereits mit eindm oder ver¬ schiedenen Medikamenten vorbehandelt waren, ohne dass dadurch die Diphtheriebazillen1 zum Verschwinden gebracht werden konnten, aus- gesucht Die Anwendungsart bestand bei Nasenbazillenträgern in 3— 4 mal täglichen Nasenspülungen mit 10 ccm einer Lösung von 1,0 Diphtho¬ san : 500,0 Aq. dest. (das entspricht einer Flavicidverdünnung von 1 : 5000) in jede Nase — infolge geringen Materialvorrats nicht häufiger, wie Langer eigentlich für besonders hartnäckige Fälle verlangt oder in Gurgeln bei positivem Rachenbefund, resp. 2 — 3 mal täglichen Spülungen bei Vaginaldiphtherie. Die Verdünnungen waren stets die¬ selben wie oben angegeben. . Es mag gleich vorweggenommen werden, dass irgendwelche Schä¬ digungen sowie Klagen seitens der Patienten niemals beobachtet sind. Es baten viele Kranke, die mit anderen Medikamenten nicht negativ wurden, oft darum, mit Diphthosan behandelt zu werden, ein Wunsch, dem leider aus vorher beregten Gründen nicht immer entsprochen wer¬ den konnte. . , x . , . • Erwachsene spuckten die Spülflüssigkeit sofort wieder aus dem Munde heraus, ebenso die grösseren Kinder; die kleinen Kinder und Säuglinge schluckten die Spülflüssigkeit zum Teil herunter, ohne dass irgendwelche Schädigungen von seiten des Magens oder Darmes in die Erscheinung traten. Bereits nach den ersten Spülungen hatten sich alle an den im Anfang natürlich etwas ungewohnten Eingriff gewöhnt. Die Untersuchungen der mikroskopischen Präparate wurden stets von derselben Laboratoriumsschwester vorgenommen, die auch alle anderen Abstriche von nicht mit Diphthosan behandelten Patienten untersucht. Da sie nie auf die Krankenabteilung kommt, wusste sie natürlich nicht, welches die mit Diphthosan Behandelten waren. Die Kontrolle der Präparate ist sehr scharf. Die Kulturen werden stets erst nach 48 Stunden abgeschlossen, die Patienten erst als keimfrei ent- lassen, wenn hintereinander 2 Abstriche nach je 48 Stunden negativ sind, Waisenhauskinder, Schwestern etc. zwecks grösserer Sicherheit sogar erst nach 3 negativen Abstrichen. „ , Durch diese bei uns stets geübte grosse Vorsicht bei der Ent¬ lassung erklärt es sich, dass einige Patienten sehr lange auf der Ab¬ teilung lagen, da oft nach 2 negativen der 3. Abtrich wieder positiv war, so dass dann erst wieder 3 Abstriche hintereinander negativ sein mussten, bevor der betreffende Kranke entlassen werden konnte. Ein auch sehr gekürzter Auszug aus den einzelnen Krankenge- schichten würde natürlich hier zu viel Raum einnehmen. Es mag deshalb eine Tabelle mit einigen zum Verständnis nötigen Erläuterungen genügen. Mit ’ Diphthosan behandelt sind in der Zeit vom 3. XII. 1920 bis 9. VII. 1921 im ganzen 32 Fälle, die dann noch nach Nase, Rachen und Vagina getrennt aufgeführt sind. (Siehe nächstfolgende Tabelle.) Die verschiedenen Summen bei den Gesamtfällen einerseits und dann von Nase, Rachen und Vagina zusammen andererseits erklären sich dadurch, dass bei einigen Kranken nur Nase oder Rachen oder Vagina, bei anderen 2 oder alle 3 Organe gleichzeitig behandelt wurden. Die in der ersten Rubrik (Gesamtfälle) in Klammern aufgefuhrten Zahlen bedeuten eine Trennung nach den Di.-Baz. - A u s s c h e i d e r n (1. Zahl), d. h. solchen Patienten, die nach einer bei uns überstandenen sicheren Diphtherie in der Rekonvaleszenz noch bazillenpositiv waren, sowie nach den echten Di.-Baz. - T rägern (2. Zahl) . das sind solche Kranke, in deren Anamnese sich keine vor kürzerer oder längerer Zeit überstandene Diphtherie fand, die also entweder bei uns wegen einer katarrhalischen oder follikulären Angina, die klinisch nicht als echte Diphtherie angesprochen werden konnte, zur Aufnahme kamen, 6. Januar 1922. MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT. 11 I — II = 2 mal SSS. III = IV v -- Die Gruppeneinteilung bedeutet: sofort 2 mal SS!. 1 mal SS!, dann auf Wunsch gegen Revers entlassen oder 1 mal +, 2 mal +, 2 mal SS!. öfter +, 2 mal SS!. bis Ende +. Gruppe Gesamtiä le Nase Rachen Vagina Anzahl 0/0 Anz *hl % Anzahl % Anz.hl % I 13 41 (10 + 3) | 11 (1) 44 4(1) 19 2(2) 67 II 2 7 16 + 3) 6 22 2 5(3) 8 20 1 9(4) 5 42 1 (1) 33 III 2 '1 + 1) 6 2(2) 8 2(2) 10 — - IV 3 i2 -(- 1) 9 2(1) 8 1 5 — — V 5 (3 + 2> 16 3 12 4 19 — - Summa 32 (22 + 10) 25 21 3 bei denen aber im Nasen- oder Rachenabstrich resp. in beiden Diph¬ theriebazillen kulturell nachgewiesen wurden, oder solche, die gelegent¬ lich einer auf einer anderen Station aufgetretenen Diphthe rieepidemie als bazillenpositiv auf die Infektionsabteilung verlegt wurden, ohne selbst Diphtheriesymptome zu bieten. Die in den letzten 3 Rubriken (Nase, Rachen und Vagina) in Klammer aufgeführten Zahlen bedeuten die nicht mit anderen Medi¬ kamenten vorbehandelten Fälle. Alle Patienten haben bis zum ev. Beginn der Diphthosanbehandlung mit H2O2 gegurgelt. Eine lokale Be¬ handlung des Rachens erfolgte in diesen Monaten meistens mit Pyok- tanin 3proz., mitunter mit Providoform 5 proz., Trypaflavin Vs bis 2 proz. oder Lugolscher Lösung; Nasenbehandlung mit H2O2, XA bis 2 proz. 1 rypaflavin oder 1 proz. Eukupin-Salbentampons. Die oberen Zahlen in Gruppe ll sind die nach nur einem -©'-Abstrich gegen Revers Entlassenen, von denen war der eine (Fall 15) nach 18 tägiger anderweitiger Behandlung noch +++, der 2. (ball 22) nach 32 tägiger Behandlung +, beide nach Beginn der Diphthosanbe¬ handlung sofort 1 mal ssr. Unter den 13 bällen der Gruppe I ist einer (Fall 4), bei dem nach 33 tägiger Behandlung mit anderen Medikamenten noch 4 Rachen¬ abstriche + waren, ein zweiter (Fall 11), bei dem nach 40 tägiger Behandlung noch 4 Nasenabstriche -j- bis -f — f- mit einem dazwischen¬ liegenden -©-Abstrich, ein dritter (Fall 8). bei dem nach 59 tägiger Be¬ handlung noch 6 Nasenabstriche -(- mit einem dazwischenliegenden -^-Abstrich, ein vierter (Fall 9), bei dem nach 78 tägiger Behandlung noch 9 Rachenabstriche + bis V — | — |- mit 2 dazwischenliegenden -©'-Ab- strichen und ein fünfter (Fall 7), bei dem' sogar nach 101 tägiger Be- handlung noch 10 Nasenabstriche + mit 6 dazwischenliegenden -©'-Ab¬ strichen waren. Bei diesen Fällen waren sofort nach Beginn der Diphthosanbehandlung die beiden ersten Abstriche in Fall 4, 9 und 11 die drei ersten in den Fällen 7 und 8 negativ. In Gruppe II (untere Zahlen) findet sich ein Fall (Fall 20), der nach 58 tägiger Behandlung noch 5 mal in Nase und Rachen + war mit 2 dazwischenliegenden -©r-Abstrichen, nach Beginn der Diphthosan¬ behandlung war noch ein Abstrich +, die 3 nächsten sss. 2 Fälle (18 und 19) waren nach 1 bzw. 3 tägiger (!) Diphthosanbehandlung in Nase und Rachen noch einmal +, dann 2 mal -©r. 1 Fall (16) war nach 38 tägiger Behandlung im Rachen stets +, nach 11 tägiger Diphthosan¬ behandlung 2 mal +, dann nach Trypaflavin und Pyoktanin 3 mal +, dann, nach wieder aufgenommener Diphthosanbehandlung sofort 2 mal -©. In Gruppe V ist ein Fall (28), der nach 224 tägiger Behandlung mit tast allen oben angeführten nacheinander in buntem Wechsel an¬ gewandten Medikamenten in Nase und Rachen ++ bis +++ war, mit einigen eingestreuten negativen Phasen, nach 21 tägiger Diphtho¬ sanbehandlung waren 5 Abstriche teils gänzlich -©, teils spärlich +; hier war jedenfalls eine Abnahme in der Zahl der Diphtheriebazillen evident und es wäre wohl sicherlich gelungen, den Patienten gänzlich bazillenfrei mit Diphthosan zu machen, doch wollte die Pflegemutter das Kind unbedingt am 24. XII. nach Hause haben. Diese sämtlichen hier etwas näher beschriebenen Fälle sprechen mit den anderen der Gruppe I und II entschieden für die Brauchbarkeit des Präparats und, soweit Nasenbazillenträger in Frage kommen, für das Berieselungsverfahren. Die in Gruppe III und IV zusammengefassten Fälle halten ungefähr die Mitte. L Absolute Versager sind die 4 in Gruppe V Verbliebenen, einer von ihnen (Fall 32) war nach 31 tägiger anderweitiger Behandlung im Rachen ■“™ + bis ++. mit 2 -©"-Abstrichen zwischendurch; nach 14 tägiger Diphthosanbehandlung war ein Abstrich -©, 2 +. Ein zweiter Fall (30) war nach 45 tägiger Behandlung in der Nase 6 mal + bis +++. im Rachen 1 mal •©, 5 mal + bis H — h nach 23 tägiger Diphthosanbehand¬ lung in der Nase 1 Abstrich -©, dann 3 mal ++, im Rachen 1 Ab¬ strich -©, 3 -f- bis +++ (hier musste wegen Auftreten einer Pneu¬ monie die Diphthosanbehandlung 11 Tage unterbrochen werden). Der dritte Fall (31) war nach 44 tägiger Behandlung im Rachen 5 mal -R bis +++ (niemals -©), nach 41 tägiger Diphthosanbehandlung 1 mal sss und 5 mal -f bis +++. Diese 3 und der obenerwähnte Fall 28 mussten auf Wunsch gegen Revers als nicht keimfrei entlassen werden. Bei dem letzten Fall (29) der^Gruppe V waren nach 29 tägiger Behandlung die 3 Nasenabstriche -r bis ++t, von den Rachenabstrichen 1 +, 2 ©; nach 36 tägiger Diphthosanbehandlung die 5 Nasenabstriche + bis +++, die 5 Rachenabstriche +. Das Kind ist dann einer schweren Larynx- und Trachealdiphtherie, die also trotz ständiger Diphthosan¬ behandlung entstanden ist (!), und Bronchopneumonie er¬ legen. Wenn man sich die einzelnen Ergebnisse in Prozenten, die zwecks besserer Uebersicht abgerundet sind, gegenüberstellt, so ergibt sich fol¬ gendes Bild. Erlolge prompte (Gruppe I u. II) Erfolge mittlere Gruppe III u IV Versager (Gruppe V) 69 •/„ 15% 16% 7 Wo 16% )2"/0 66% 15% 19% 1'0% — 72% 6% 22% 71 % 29% 7- 0 o 14% 14% 60% 20% 20% Gesamtiälle ...... Nase . Raihen . Vagina . V i behandelte Fälle . . Nicht vuruchandelte Fälle D e Baznlenaussc leider . Die Bazillenti äger . . . D. h. also, dass die Nasenbazillenträger etwas günstiger abschliessen als die des Rachens (72 Proz. : 66 Proz.) Auffallend gute Resultate (100 Proz.) zeigen die Vaginaldiphtherien, was wohl aurch die günstige Applikation des Medikaments bei diesen Fällen erklärt ist. Bei den beiden vorletzten Gruppen halten sich die prompten Er¬ folge die Wage; bei den mittleren Erfolgen schliessen die nicht mit anderen Präparaten vorbehandelten Fälle wesentlich günstiger ab, um dafür die andern in der Versagerrubrik mit relativ hoher Prozentzahl allein stehen zu lassen. Es ist aber natürlich zu bedenken, dass die grösste Mehrzahl der zur Zeit dieser Versuche auf der Diphtherie¬ abteilung befindlichen Kranken auch mit der sonst üblichen Behand¬ lung negativ geworden sind. Die prozentuale Gegenüberstellung der Bazillenausscheider und -träger ergibt bei den prompten Erfolgen ein Ueberwiegen der ersteren, in den beiden anderen Rubriken höhere Zahlen für die letzteren, wo¬ durch die schon bekannte Tatsache bestätigt wird, dass eine erfolg- ieiche_ Bekämpfung der echten Bazillenträger schwieriger ist als eine Entkeimung der Bazillenausscheider. Ein Unterschied in bezug auf das Alter der Patienten konnte nicht beobachtet werden. Die vorbehandelten Fälle waren meist sehr hart¬ näckige, die sich gegen alle bislang bei ihnen verwandten therapeuti¬ schen Massnahmen mehr oder weniger refraktär verhielten. Ein grosser Teil von ihnen konnte, wie oben gezeigt, entweder sofort oder doch ziemlich bald nach Beginn der Diphthosanbehandlung als keimfrei ent¬ lassen werden nur bei einer kleinen Zahl gelang es nicht, das er¬ wünschte Ziel zu erreichen. Es ist nicht ausgeschlossen, dass die Ge¬ samtresultate noch bessere geworden, wenn, wie Langer es bei hart¬ näckigen Fällen empfiehlt, die Spülungen öfter als 3— 4 mal täglich wiederholt wären. Hier war uns jedoch eine natürliche Grenze durch die nur geringe Menge des zur Verfügung stehenden Präparats gesetzt. Ls lag uns mehr daran, wie es auch wohl für die Gesamtbeurteilung eines neuen Medikaments in der Therapie wichtiger ist, das Diphthosan bej möglichst vielen verschiedenartigen Fällen auszuprobieren, als uns gleich bei den ersten hartnäckigen Fällen zu verbeissen und dann für andere nichts vom Präparat mehr übrig zu haben. Die bei objektiver Beurteilung recht günstig erscheinenden Re¬ sultate sind sicher einerseits auf die Methode des Berieselungsver¬ fahrens, das eine leichte Applikation des Diphthosans an sonst sehr schwer zugänglichen Stellen gestattet, sodann aber sicher auch auf die hohe bakterizide Eigenschaft des Präparats zurückzuführen. Letz¬ terer Vorzug lässt das Flavicid ganz besonders geeignet erscheinen, auch bei anderen als durch Diphtheriebazillen hervorgerufenen Erkran¬ kungen, z. B. bei Sepsis, Meningitis, Hautaffektionen, infizierten Wun¬ den etc. in kutaner, intravenöser oder endolumoaler Applikation den Körper im Kampfe mit den Mikroorganismen wirkungsvoll zu unter¬ stützen. Jedenfalls scheint das Flavicid resp. Diphthosan ein weiterer wertvoller Baustein und Zuwachs im therapeutischen Schatz für eine aussichtsreiche Bekämpfung der durch Diphtheriebazillen oder andere Bakterien hervorgerufenen lokalen oder allgemein septischen Erkran¬ kungen zu sein und wohl wert, auch in anderen Kliniken kritisch geprüft und angewandt zu werden. Literatur. Braun: M.m.W. 1917 Nr. 6. - Hermann: Mschr. f. Kindhlkd. 1919, 15, Nr. 7. — Isaack: M.m.W. 1917 Nr. 31. — Langer: D.m.W. 1920 Nr. 37. Ders.: D.m.W. 1920 Nr. 4L — Ders.: Ther. Halbmonatsh. 1920 H. 20. — Morgenroth: Jahresk. f. ärztl. Fortbild. 1917 Nr. 1. — W. Pfeiffer: M.m.W. 1917 Nr. 6. — S c h ä f e r: B.kl.W. 1916 Nr. 38. — Sommer: B.kl.W. 1916 Nr. 43. — Spiess: D.m.W. 1920 Nr 19 5’ Nr. 1. Aus der Universitäts-Kinderklinik Göttingen. (Direktor: Prof. Dr. Göppert.) Kapillarlähmungen im Darm bei Grippe ). (Pseudoenteritis anaphyiactica.) Von Dr. F. Lim per, Assistent der Klinik. fiöDoert [11 wies als erster im Darm von an foudroyanter epi¬ demischer Genickstarre verstorbenen Kindern KaPlIl?.r1‘aÄnR' ^ Er brachte diesen Befund in Beziehung zu den {et en Tieren ners |2j, den Erscheinungen bei Sepsin- und Abnn-vergrfteten Ger und endlich zum parenteralen Darmkatarrh, von dem sp ater noch d Rede sein wird. Gleichzeitig sprach er die V für en idemische es im vorliegenden Falle nicht mit der Wirkung eines für epidemiscne MenCigitis spezifischen Giftes zu tun hatten, sondern dass sich das Slei Daran! Sb ‘sthT NoÄSXkuch bei anderen Infektionen jÄlSi » suchen. Ich habe dir i Dä rme von an Qrip e Verstorbenen histologisch untersucht ) : Sowohl von Erwachsene die der eigentlichen, pandemischen Grippe im Jahre 191b erlegen > a \, auch von Säuglingen, die im Verlauf einer jener Infektionen des Respirationstraktus (Naso-Pharyngitis, Bronchitis, IJr°'lcl110P|Je™lm usw ), die wir unter dem Namen Grippe zusammenfassen, ad exitum kamVon den Erwachsenen waren keine Krankengeschichten mehr vor¬ handen Bei den Kindern war der Verlauf folgendermassen. Die a fangs leichte Erkrankung nahm nach 6-14 Tagen plötzlich eine Wen¬ dung zur Verschlechterung mit folgenden Symptomen: 1 emp-eratui - s urz Blässe mit lokaler Zyanose um den Mund, kleiner oder gar nicht fühlbarer und mit unseren gewöhnlichen Herzmitteln mcht beeinfluss¬ barer puis Krämpfe und endlich, soweit darauf geachtet wurde. Dicker wefden des Leibes. Eine halbe bis einige Stunden spater trat de. 1 °d Ehe "Sektion ergab makroskopisch ausser den e r war teten V e rande - rtingen am Respirationstraktus am Darm starke und stärkste njek- tioif bis in die feinsten Gefässchen, zuweilen fleckweise Rötung. Die mikroskopische Untersuchung des Darmes zeigte in [^^osa im Submukosa auffallend viele weite, von zarten Endothehen umkleidete, strotzend mit Erythrozyten gefüllte Raume; enge Arteten nicht oder nur wenig erweiterte und mässig gefüllte Venen. Kein Oedem. kei zellige Infiltration, also keine Zeichen von Entzündung. r . Der Darm von den Erwachsenen, die an der pandemischen Gripp gestorben waren, bot dasselbe Bild, desgleichen ein jungst untersuchter Darm von einem an Sepsis ad exitum gekommenen Säugling (in dessen gleich nach dem Tode entnommenem Blut reichlich Bact. coli naChWiT haben Walsoe’eine Darmveränderung vor uns, die klinisch unter den Anzeichen des anaphylaktischen Schocks entstanden ist, makro¬ skopisch ganz den Eindruck einer Entzündung macht und über de en nichtentzündlichen Charakter erst die nukroskopische Untersu^hu aufklärt; ich möchte sie sonnt Pseudoenteritis anaptn laC\Vira wiesen n’die Kapillarlähmung im Darm als au dem f emst¬ reagierenden Gefässgebiet nach, selbstverständlich Endet sie sich auch an anderen Kapillargebieten. So beobachtete Lieh wjt ; 31 bt Grippe einen von der Körpertemperatur, der Hautrötung dei Kra und Schlagfolge des Herzetls unabhängigen Kapillarpuls, den er als Ausdruck einer Schädigung durch Kapillargifte ansprach. Wenn wir die Göppert sehen und die von mir angeführten Falle betrachten so finden wir, dass bei den ersteren die Krankheit gleic i von Anfang an foudroyant verläuft während bei meinen erst nach einer gewissen Reaktionszeit die foudroyante Wendung zum Schlecuten CintrWir sehen hierin ein Zeichen von der verschiedenen immunisatori¬ schen Fähigkeit der Organismen. Bei den Göppert sehen Fallen be¬ sitzt der Körper gleich von vornherein eine genügende Immumsations fähigkeit, so dass durch reichlichen Zerfall von Bakterienieibern sofor im Anfang der Erkrankung grosse Toxinmengen - , ob es - steh um <äas Friedberger sehe Anaphylatoxin handelt, bleibe dahingestellt freiwerden, die den Körper überschwemmen und den hefigen Jmpetus hervorrufen. Bei meinen Fällen erwirbt sich der Körper erst im Verlauf der Krankheit genügende immunisatorische Fähigkeit und es tritt ei jetzt auf, was wir bei den Genickstariefallen gleich im g “‘“[Selbe,, Vorgänge, die wir hier in extremer Weise tödlich «r- laufen sehen, können natürlich auch in abgeschwachte. Form i in Er¬ scheinung treten. Ein Symptom einer solchen abgeschmackten R aktion ist der parenterale Darmkatarrh. Wir verstehen daruntei die im Anfang oder während einer Infektion auftretenden schleimigen oder schleimig-blutigen Stühle. Eine Abgrenzung gegen Ruhr ist oft sehr SÜ1WDas anatomische Substrat für diesen parenteralen Darmkatarrh sehen wir in den geschilderten Veränderungen am Darm in Form der Kapillarlähmung. *) Vortrag, gehalten auf der Sitzung des Niedersächsischen Vereins für innere Medizin und Kinderheilkunde in Hannover am 22 X. ^1921. >) Das Material verdanke ich dem liebenswürdigen Entgegenkommen deS Direktors des hiesigen pathologischen Institutes, Herrn Qeh.-Rat Kau m a n n, dem ich auch an dieser Stelle verbindlichst danke. Literatur. 1 F Göppert: Der Darm bei foudroyant verlaufender Genickstarre, v u L vaaiois 7 — 2 Heubner: Ueber Vergiftung der Blut- 1919 Nr. 46. _ lieber chronische Appendizitis im Kindesalter. Von Oberarzt Dr. Lunckenbein, Ansbach. So klar und charakteristisch sich uns in den allermeisten Fällen das Krankheitsbild der akuten Appendizitis darstellt so schwierig und kompliziert kann die Diagnose werden, wenn es sich um eine c h 1 - nische Erkrankung des Wurmfortsatzes handelt; alle die sonst so^ zwingenden Symptome, wie Erbrechen, Bauchdeckenspannung. 1 Ms- ri hä n omen^ Fieber usw ., fallen' weg; an . ihre Stelle treten meist recht unklare vieldeutige und vom eigentlichen Krankheitsherd wegfuhrende Erscheinungen, die uns irreführen. Die Schwierigkeiten nehmen be- grehlicher weise zu, wenn es sich um Patienten kindlichen Alters handelt, bei denen ungenaue Angaben der subjektiven Beschwerden und manche im Bereiche der Möglichkeit liegende Dmerentia diagnosc SS iS Tod, mck verschleiern. Ich halte es deshalb ‘rote der sc hon vorhandenen überreichen Appendizitisliteratur für .ge‘echt^rt'kL. 3 noch wenig bekannte Erscheinungsformen der chronischen ‘ APPendizit.s m Kindesalter an der Hand von drei unglücklich verlaufenen Fallen die ich in letzter Zeit beobachten konnte, hinzuweisen, um so mehr, als diese Fälle eindringlich erkennen lassen, dass wir m der chronischen Wurnifortsatzentzündung ein heimtückisches, gefährliches Leiden zu bekämpfen haben. .. Der Einfacheit halber skizziere ich kurz de^ lef? ®Pt\all{’ dtervIoll. dem erstbeobachtc ten sich in den massgebenden Punkten fast voll kommen deckt: . Mittelkräftiger, gut genährter bteich a"f*«ftÄErbSchS weckter Km.be im Alter von 4/, Jahren. Abends \ Uhr plötzlich Lrbrechen, Aufstossen, reflektorische Bauchdeckenspanr.ung bei Druc R?, scher Lf^P-Ä«: Äg i Ses;Sortorc;,ekvo,r dÄTASSJ ä“ Jnd ca 3 stunden nach dem Auftreten der ersten •msveführt wurde Befund: Wurm nach oben geschlagen, kolbrg verdicKU, ‘ziemlich adhärente Spitze; keine auffallende üe^ssin^ narbig geschrumpft, von einer Reihe erbsengrosser, dercb.™llt.fifhte^ .U T.®. xv:p vnn einer Perlenschnur durchzogen; diese lassen sich auch ins Mt enferium verfolgt Beim Losfösen der Spitze Austreten geringen eitrigen lnhaltFS: handelte sich also um eine schon länger bestehende chronische Er- 5Ätedt^ „achte deshalb die Eltern auf diese Komplikation und deren möglichen Folgen aufmerksam obwohl die Operation in ca. 15 Minuten völlig g *■ vor Uuücn war. Leider mit Recht.. 10 Stunden roppe^‘Xamke t ieg- Frhrechen- 24 Stunden post operationem trotz völliger Enthaltsamkeit leg lieber Nahrungsaufnahme abermals Blutbrechen; dabei spontaner ^bgansB1 Flatus weicher Leib; 32 Stunden post operationem Exitus unter Blut brechen und allen Anzeichen einer inneren Blutung. Sektionsbefund- Im Abdomen keine Spur einer Peritonitis; die am Mes- entenolum festgestellten Drüsen lassen sich ‘"^Mesenterium und längs de Gefässe bis zum Piortadereintntt verfolgen Lebet etwas ve'kleiner ü S c h n i 1 1 f 1 ä c h e z e i g t d a s ty Pi s che B ild d erMuska tl Der (mikroskopisch sind die Venae centrales erweitert) • d^JgFrsche hiung dunkelgeronnenem Blut, an der Magenwand keine auffallende ErschemunZ; dagegen im unteren Teil des Oesophagus (wie auch im ' j®1.«, liehe Spur eines geplatzten Varix! Lungen ohne Befund. Die rmkroskopisc Untersuchung mehrerer Drüsen ergibt, dass es sich um rem entzündliche Produkte handelt. Wir haben also als F o 1 g e z u s t ä n, d e einer chroni¬ schen Appendizitis eine Lymphangitis bzw. Lymph¬ adenitis mit sekundärer Stauungsleber. Var x b i 1 d u n g im Oesophagus und Verblutungstod i ” 0 S e i li es geplatzten Varix. Die Erweiterung der Oesophagus- venen ist bei der vorhandenen Stauungsleber kein auffal Im Fall 1 lag der gleiche Sektionsbefund vor; im Fall 2 erfolgte der Tod 17 Tage nach der Operation unter den Erscheinungen emer intesti¬ nalen Sepsis. Die Sektion ergab hier ebenfalls ausgedehnte Lymph- angitis und Lymphadenitis, vom chronisch erkrankten Wurm und dessen Mesenteriolum ausgehend; einzelne Drüsen ^aren aber vereitelt u in der Leber, die ebenfalls das charakteristische Bild dei Stauungs eber bot fanden sich 5-6 kleine Abszessherde. Auch hier war ein andere Krankheitsursache, speziell Tuberkulose oder eine Darminfektion, be¬ stimmt auszuschliessen. Ich meine, diese drei Fälle, die alle einwandfrei auf chronische Er¬ krankungen des Wurmfortsatzes zurückgeführt werden können, und die drei Kinder im Alter von 4%— 5 Jahren betrafen, müssen zu der An¬ nahme drängen, dass wir schon vom 3. Lebmsjahr an auf Erscheinungen der schleichenden Wurmerkrankung achten müssen; denn was ich als Konsiliararzt auf dem Operationstisch sah, war das Endstadium, eines monatelang zurückliegenden entzündlichen Pro^fsses- Wichtig ist es nun. aus dem Krankheitsverlauf und dem Obduktions¬ befund gewissermassen retrospektiv diagnostische Winke und Hilts- mittel herauszuschälen, die uns die Erkenntnis dieser heimtückischen 6. Januar 1922. MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT. 13 Erkrankung erleichtern können. Es gelang mir bei den Eltern und behandelnden Aerzten wichtige Aufschlüsse zu bekommen. Im Vordergrund der chronischen Appendizitis stehen Magen¬ besehwerden und Schmerzen in der Nabelgegend. Der Druckmmkt ist rechts oberhalb und seitlich des Nabels, zeitweise zwischen Nabel und Magen. MacBurney scher und L a n z scher Punkt können völlig schmerzfrei sein. H. Kümmell weist in seiner Abhandlung (M.m.W. 1921 Nr. 41, auf den „Schmerzpunkt bei der chronisch verdeckten Appendizitis“ hin und nimmt ihn ebenfalls „nahe am Nabel, etwa 1 — 2 cm unterhalb desselben, senkrecht oder etwas nach rechts abweichend“ an, wobei er diesen Punkt als K-Punkt bezeichnet. Nach den vorliegenden Sektionsergebnissen möchte ich die mehrfach kritisch beleuchteten abdominellen Druckpunkte bei der chronischen Appendizitis in ursäch¬ lichen Zusammenhang bringen mit der anscheinend doch recht häufigen gleichzeitigen Lymphadenitis und Lymphangitis und mit der sekundären Leberstauung. Sowohl der charakteristische Magenschmerz als auch der „periodische Nabelschmerz“ der Kinder, die Colica appendicularis, lässt sich ohne Zwang erklären, wenn wir an die rein mechanische Druckwirkung der entzündlich geschwollenen Lymphdrüsen und Lymph- gefässe mit ihren Folgeerscheinungen denken auf Leber. Magen und Verdauungstraktus. Die Ansicht Len anders, der die Magen¬ schmerzen mit „einer entzündlich fortgeleiteten Affektion des Ganglion solare“ erklärt, gewinnt durch die Sektionsbefunde an Wahrscheinlich¬ keit. Und speziell die kolikartigen Schmerzen finden ihre Erklärung in einem hin und wieder auftretenden Reiz, sei er mechanischer oder infektiös-entzündlicher Art, auf die nervösen Zentren der betreffenden Darmabschnitte. Als weitere charakteristische Krankheitserscheinung ist das periodenweise Unwohlsein dieser Kinder zu erwähnen, das sich meist innerhalb y/eniger Tage abspielt und langsam spontan wieder ab¬ klingt. Es besteht hierbei vor allem Appetitlosigkeit, die sich bis zum Ekel und Brechreiz steigern kann, Kopfschmerz, Müdigkeit und Ab- geschlagenheit; die sonst munteren und frischen Kinder suchen das Bett auf. sehen fahl und bleich und verfallen aus, sind dabei auch psychisch leicht reizbar und erregt; Temperatur meist subfebril. Selbst¬ verständlich werden solche vorübergehende Anfälle von Unwohlsein, namentlich wenn sie sich öfter wiederholen und als anscheinend harm¬ los erweisen, bei den Kindern nicht gleich tragisch genommen, und wenn die bei der akuten Appendizitis so deutlich in Erscheinung treten¬ den Symptome fehlen, wird wohl kaum der Appendix in den Bereich der Erkrankungsmöglichkeiten gezogen. Es scheint mir, dass diese periodenweise sich wiederholenden Anfälle von Unwohlsein ebenfalls im Zusammenhang mit der Ausbreitung oder Exazerbation der Lymphangitis oder Lymphadenitis stehen. Tm Verein mit den oben angeführten Schmerzen und Druckpunkten sind sie jedenfalls — bei Ausschluss anderer Erkrankungsmöglichkeiten — das wichtigste und eindeutigste Symptom bei der chronischen Wurmfortsatzerkrankung. Im allgemeinen betrachtet sind die erkrankten Kinder auch in den Intervallzeiten keine besonders frische oder robuste Naturen. Die Eltern klagen, dass trotz aller Sorgfalt die körperliche Entwicklung nicht recht vorwärts geht; man denkt an zu rasches Wachstum, an Würmer, Drüsentuberkulose, mangelhafte Blutbildung usw. Wer kommt da auf die Idee, dass eine Stauungsleber der Grund für die un¬ erklärliche Appetitlosigkeit sein kann! Selbstverständlich liegt es mir fern, etwa gar einer Polypragmasie in bezug auf die Appendixoperation auch im Kindesalter das Wort zu reden. Hierfür ist gar kein Grund vorhanden; denn ich glaube, dass die Fälle von chronischer Appendizitis im Kindesalter selten sind, aber immerhin ist es geboten, an die Möglichkeit einer solchen Erkran¬ kung zu erinnern; auch glaube ich, dass wir bei den nach Appendek¬ tomien, manchmal auftretenden Magendarmblutungen öfter „Embolie“ annehmen als gerechtfertigt ist; denn die pathologisch-anatomische Er¬ klärung kann auch lauten: Lymphadenitis, Pfortaderstauung, Varix- bildung und Varixblutung. Aus der chirurgischen Universitätsklinik Qiessen. (Direktor.: Geh. Rat Prof. Dr. Poppert.) Dauerheilung des operierten Brustkrebses mit und ohne prophylaktische Röntgenbestrahlung*). Von Dr. med. Fritz v. d. Hütten, Assistent der Klinik. Unter der günstigen Entwicklung der Röntgentherapie hat sich im Laufe der letzten 10 Jahre beim Mammakarzinom radikale Operation (Amputation mit Wegnahme des Pektoralis major und minor und Aus¬ räumung der Drüsen in der Achselhöhle) und nachfolgende prophylak¬ tische Röntgenbestrahlung als das Normalverfahren ausgebildet. Die guten Resultate, die bei diesem Vorgehen erzielt wurden (F i s h c r, Treber, Hoffman n, Lehmann und Scheven, Anschütz u. a.) gaben dem Ausspruch von S t r a u s s die Bestätigung, dass die Unterlassung der Nachbestrahlung als ein Kunstfehler anzusehen sei und dem behandelnden Arzt zum Vorwurf gereiche. Loose, Seitz und W i n t z u. a. verzichteten, einen Schritt weitergehend, auf die Opera¬ tion ganz und bestrahlten primär, wobei sie gute Resultate mitteilten. Die Publikationen Looses verlieren jedoch von vornherein an Be¬ weiskraft durch das Fehlen von Zählen, Statistiken und Kranken- *) Auszugsweise vorgetragen in der Med. Gesellschaft Giessen. geschienten. Blieben Misserfolge und Versager der Röntgenbestrahlung dem einzelnen Beobachter auch nicht verborgen, so kam den meisten doch die Statistik von Perthes-Neher überraschend, nach der die pestoperative Röntgenbestrahlung die Gesamtergebnisse nicht nur nicht verbessert, sondern sogar verschlechtert hat; besonders die Bestrahlung der letzten Jahre mit Apparaten neuesten Typs (Intensivbestrahlung) hat einen erhöhten Prozentsatz an Metastasenbildung und lokalem Re¬ zidiv im ersten Jahre im Gefolge (nichtbestrahlte Fälle 28 Proz., intensivbestrahlte 41 Proz.). Dieselbe Erfahrung haben laut Veröffent¬ lichung von Tichy und Kästner die Marburger und Leipziger chirurgische Klinik machen müssen (Rezidiv im 1. Jahr: nichtbestrahlte Fälle 11,2 bzw. 33 Proz., intensivbestrahlte Fälle 45,5 bzw. 47,6 Proz.). Ich habe auf diese sich wiedersprechenden Veröffentlichungen hin auch das Material unserer Klinik einer Nachprüfung unterzogen, obwohl die Zahl der prophylaktischen Nachbestrahlungen eine verhältnismässig geringe ist. Wir haben uns nämlich bei den gelegentlichen Nach¬ untersuchungen einzelner Fälle immer wieder von dem absolut nega¬ tiven Erfolg der Bestrahlung überzeugen müssen, so dass wir die Nachbestrahlung nicht systematisch durchgeführt haben. Die Zu¬ sammenstellung auch unserer bestrahlten und nichtbestrahlten Fälle mag entscheiden, ob wir richtig gehandelt haben. Unser Material setzt sich zusammen aus 197 Mammakarzinomen, die von 1910 bis 1920 zur Operation kamen. Von 174 Fällen konnte ich genaue Auskunft erhalten, 20 waren nicht aufzufinden oder die Angaben so ungenau, dass ich sie nicht verwenden konnte. 2 Patienten kamen am Tag der Operation infolge Herzschwäche zum Exitus, eine starb am 8. Tag an Pneumonie. Das bei uns gebräuchliche Operationsver¬ fahren ist das bereits oben erwähnte. Von Ausräumung der Supra- klavikulardrüsen unter temporärer Resektion der Klavikula oder gar Resektion an der knöchernen Thoraxwand haben wir keinen Gebrauch mehr gemacht; denn solche Fälle sind trotz radikalster Massnahmen als aussichtslos zu betrachten. Bei der Gegenüberstellung von bestrahlten und nichtbestrahlten Fällen ist die Einteilung in Gruppen je nach der Schwere des klinischen Befundes unbedingt nötig; nur dann geben die Veröffentlichungen, wie ja auch eine Reihe vorliegen, ein klares Bild über den Wert der Rönt¬ genbestrahlung. Die Gesamt zahl der bestrahlten und nichtbestrahl¬ ten Fälle und das G e s a m t heilungsresultat in Prozenten können nie¬ mals als Unterlage für ein objektives Urteil gelten; sind z. B. in einer der Gruppen viele Frühfälle, dagegen in der anderen weit vorgeschrit¬ tene, so kommt man zu falschen Resultaten. Ich habe unsere Fälle nach dem modifizierten S t e i n t h a 1 sehen Schema (An schütz) in 3 Gruppen eingeteilt, und zwar: I. Ca. nicht über hühnereigross, gegen Haut und Unterlage frei ver¬ schieblich, keine Drüsen. II. Ca. mit Haut oder Unterlage verwachsen, Drüsen in Achsel¬ höhle, aber nicht zu ausgedehnt. III. Ca. ganze Brustdrüse einnehmend, ulzeriert, gegen Haut und Unterlage unverschieblich, massige Drüsenaussaat, Supraklavikular- drüsen. Die Einteilung wurde mit aller möglichen Objektivität vor¬ genommen, ehe ich die Resultate der jetzigen Untersuchungen erhalten habe (Fragebogen an die behandelnden Aerzte). Neben dieser Grup¬ pierung je nach Schwere des klinischen Bildes sind die Fälle noch ein¬ geteilt in A nichtbestrahlte, B unzulänglich bestrahlte und C. intensiv bestrahlte. Technik der Bestrahlung: Gruppe B: Triplexapparat von Siemens, selbsthärtende Siederöhre, Funkenlänge am Induktor 35, an der Röhre 32 cm, 2.5 MA.. 150 000 V., HFA. 23 cm, 3 mm Aluminiumfilter, Belichtungszeit 10 — 15 Min.; pro Feld (3 — 4 Felder) ca. 40 x, alle 4 Wochen bis zu 20 Sitzungen. Gruppe C: Ferngrossfelderbestrahlung. HFA. 50 cm im Durchschnitt, ge¬ legentlich höher, 1,0 mm Cu-Filterung. jedesmal im Bestrahlungsfeld die regionären Lymphdrüsen einbegriffen, ev. 2 Felder. 1. Symmetrieapparat von Reiniger, Gebbert & Schall, Siederöhre bzw. Elektronröhre von Müller, parallele Funkenstrecke 37 cm. primäre Belastung 4 Ampere, sekundäre 2,0 MA., Spannung 150 — 180 000 V. resp. Belastung, welche am Sklerometer 100 — HO anzeigt. 2. Glühkathodenapparat von Siemens, 38 cm parallele Funkenstrecke. 150 000 V, 2,5 MA. Belastung bei primärer Intensität von 4 — 5 Ampere, Glühkathodenröhre oder Coolidgeröhre oder Müller sehe Siederöhre. Dauer der Bestrahlung pro Feld 12 Stunden in einer Sitzung; im Bedarfsfall Wiederholung nach 3 Monaten. Wenn ich zunächst die Fälle der Gruppe 1 in Betracht ziehe, so umfasst diese 32 Patienten: eine kurze tabellarische Uebersicht mag am schnellsten über das Heilungsresultat orientieren. In der Bezeich¬ nung verweise ich auf das vorher Gesagte. I. 32 Fälle. A. 23 Fälle: nach 3 Jahren leben rezidivfrei von 19 Patienten 19 (100 Proz.) „ 5 „ „ „ „ 12 „ 12 (100 „ ) ,. 10 „ ,. „ .. 5 „ 4 ( 80 „ ) Rezidiv im ersten Jahr 0, 1 Rezidiv und Exitus nach 9 Jahren. B. 3 Fälle: nach 3 Jahren rezidivfrei von 3 Patienten 3 (100 Proz.) „ 5 „ „ 2 ' „ 2 (100 „ ) Rezidiv im ersten Jahre 0. C. 6 Fälle. Die Zeit seit der Operation und der Bestrahlung ist für die 3 und 5 jährige Beobachtung zu kurz. 6 Patienten sind seit 1 Jahr, 3 seit 14 MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT. Nr. 1. 2 Jahren rezidivfrei; ein Rezidiv ist also bisher in keinem Fall ein¬ getreten. Wir sehen die günstigen Resultate dieser Frühfälle; abgesehen von dem einen Rezidiv nach 9 Jahren in Gruppe A. haben wir 100 Proz. Heilung, einerlei ob die Kranken prophylaktisch bestrahlt wurden oder nicht. Hervorzuheben wäre noch gegenüber anderen Beobachtungen, dass die Intensivbestrahlung (6 Fälle) in keinem Fall das Rezidiv im ersten Jahr, fern oder lokal, propagiert hat. Mit aller Vorsicht kann ich mich also die Gruppe I betreffend dahin ausdrücken, dass die Heil¬ erfolge mit und ohne Bestrahlung gleich günstig sind, dass also die prophylaktische Nachbestrahlung überflüssig ist, sie aber auch, soweit die Kürze der Beobachtungszeit dies beurteilen lässt, nicht geschadet hat. Es sei mir gestattet vor der Gruppe II die Gruppe III anzuführen. III. 45 Fälle. A. 39 Fälle. rezidivfrei nach 3 Jahren von 35 Patienten 3 (8,6 Proz.) „ „ 5 „ „ 23 „ 2 (8,7 „ ) „ „ 10 „ „5 „ 0(0 „ ) Rezidiv im ersten Jahr von 39 Patienten 28, also (71,8 Proz.), davon lokal 7, fern 6. B. 4 Fälle: rezidivfrei nach 3 Jahren von 3 Patienten 0 (0 Proz.) „ ,. 5 „1 „ 0 (0 „ ) Rezidiv im ersten Jahr von 4 Patienten 3 (75 Proz.), davon lokal 1, fern 1. 1 weitere Patientin, deren Operation und Bestrahlung erst 2 Jahre vor¬ über ist, starb im 2. Jahr am Rezidiv. C. 2 Fälle: 1 Patientin lebt nach 1 Jahr mit Rezidiv; 1 Patientin ist nach zirka 2 Jahren am Rezidiv gestorben. Rezidiv lokal 1, fern 1. Ist die Heilungsziffer hier schon bei den nichtbestrahlten Fällen eine schlechte, so wird sie absolut ungünstig bei den Bestrahlten, einer¬ lei ob ungenügend oder intensiv bestrahlt wurde. Keine dieser Kranken ist länger als 2 Jahre rezidivfrei geblieben; eine Begünstigung der Meta¬ stasierung ohne Lokalrezidiv ist, soweit die ungenügenden Angaben darüber zu erhalten waren, nicht festzustellen Von einer Besserung durch die Röntgenstrahlen kann hier keine Rede mehr sein, doch kann ich mich zur Annahme einer kausalen Verschlimmerung vorläufig nicht entschliessen, denn bei dieser an sich ungünstigen Gruppe und bei der geringen Zahl der Bestrahlungen ist ein Zufall nicht ausgeschlossen. Dagegen glaube ich. dass in Gruppe II, der numerisch stärksten, der Wert der Röntgenstrahlen sich festlegen lässt; denn in dieser ist die Heilungstendenz keine so absolut schlechte wie in Gruppe III. II. 82 Fälle. A. 70 Fälle, rezidivfrei nach »» »» »» >» 3 Jahren von 63 Patienten 31 (49,2 Proz.) 5 „ „ 46 „ 18 (39.1 „ ) 10 „ „ 21 „ 4 (19,1 „ ) Rezidiv im ersten Jahr von 70 Pat. 31 (44,3 Proz.), davon lokal 6, fern 5. B. 8 Fälle: rezidivfrei nach 3 Jahren von 7 Patienten 1 (14,3 Proz.) „ „ 5 „1 „ 0(0 „ ) Rezidiv im ersten Jahr von 8 Pat. 4 (50 Proz.), davon lokal 2, fern 3. C. 4 Fälle: 1 Pat., vor 1 Jahr operiert und bestrahlt, ist gesund. Von 3 Pat., vor 2 Jahren operiert und bestrahlt, sind 2 am Rezidiv gestorben, 1 lebt und ist gesund. Rezidiv im ersten Jahr von 4 Pat. 2, davon lokal 1, fern ? Das im Verhältnis zu anderen Statistiken relativ gute Resultat der nichtbestrahlten Pat. (A n s c h ü t z 44 Proz. für 3 jährige und 35 Proz. für 5 jährige Beobachtung, wir 49.2 bzw. 39.1 Proz.) erfährt eine auf¬ fallende Verschlechterung unter der Einwirkung der Röntgenstrahlen. Während durch die Operation allein von 63 Pat. 31 = 4« ? pr^z. n-cb 3 Jahren, von 46 Pat. 18 = 39.1 Proz. nach 5 Jahren rezidivfrei leben, bleiben von den prophylaktisch ungerügend nachbestrahlten Patienten nur 14 3 Proz, (1 Pat. von 7) nach 3 Jahren rezidivfrei. Auch die Intensiv¬ bestrahlung hat von 3 Pat. in den ersten 2 Jahren nach der Be¬ strahlung 2 an Rezidiv als tot zu buchen. Ein Vergleich zwischen un¬ zulänglicher und Rezidivbestrahlung ist bei unserem kleinen Material nicht möglich, aus demselben Grunde verbietet sich e;ne nrozmüHc Gegenüberstellung. Doch können wir beim Ueberblick über die ein¬ zelnen Gruppen ganz allgemein sagen, dass die prophylaktische Rönt¬ genbestrahlung bei den Fällen der Gruppe I überflüssig ist, und die Resultate der Gruppen II und III verschlechtert hat. Auf die Rezidivbestrahlung will ich nur kurz eingehen. Von 8 Pat., die mit ungenügenden Röntgendosen beschickt wurden, lebt nach 3 Jahren nach der Bestrahlung noch eine, allerdings mit Rezidiv und in elendem Allgemeinzustand. Die anderen sind tot, 5 starben im Jahre der Bestrahlung. Von den intensiv bestrahlten 8 Kranken kamen 6 im ersten Jahr zum Exitus, eine lebt 1 Jahr, eine 2 Jahre nach der Bestrahlung m i t Rezidiv. Geheilt worden ist also keine Pat. durch die Röntgen¬ bestrahlung. Auf Grund ähnlicher Erfahrungen hat P a y r die prophylaktische Re- strshlung eingestellt. Perthes will mit noch intensiveren Strahlen- apnkkationen Weiterarbeiten. Tietze und Jüngling sagen, leider mit Recht, dass wir uns mit den Röntgenstrahlen beim Mammakarzinom noch im Stadium der Versuche befinden. Vielleicht liegen die Miss¬ erfolge nur an der falschen Dosierung; ob wir aber mit noch intensiverer Bestrahlung Besseres erreichen können, scheint mir zweifelhaft. Haendlys Untersuchungen sprechen eine zu beredte Sprache da¬ gegen. H a e n d 1 y hat 2 Serien bestrahlter Genitalkarzinome mikro¬ skopisch untersucht. Bei der ersten handelt es sich um 29 Fälle, bei denen keine oder nur schwer geschädigte Karzinomzellen am primären Sitz gefunden wurden. Von 22 Untersuchungen zeigten 21 am um¬ gebenden Bindegewebe und an der Muskulatur schwere Veränderungen: Hyaline Degeneration, die bis zum Zerfall ging; die Gefässwandmusku- latur war durch hyalin degenerierte Fibrillen ersetzt, die Intima ge¬ wuchert bis zur Abstossung des Endothels. Vielfache Thrombosen, ge¬ staute dilatierte Kapillaren bewiesen die hochgradige Nebenschädigung. In einer zweiten Serie von bestrahlten Zervixkarzinomen stellte sich heraus, dass trotz dieser Bindegewebs- und Gefässschädigungen 92 mal Karzinomzellen noch vorhanden, ja sogar 62 mal lebensfrisch waren und sich in mehr oder minder ausgedehnter Mitose befanden. Aehnlichc Erfahrungen machte er mit den Schnitten vom Mammakarzinom. Dem Bindegewebs-Gefässapparat müssen wir aber eine ausserordentlich wichtige Rolle in der Vernichtung der Karzinomzelle zuschreiben (Opitz, Theilhaber, Bier, Fränkel u. a.). dessen Schädi¬ gungen mit Applikationen immer grösserer Strahlendosen zunehmen muss. Diese durch die pathologisch-anatomischen Untersuchungen Haendlys neuerdings wieder gestützten Ueberlegungen (Teil¬ haber, Fränkel) finden in gewissem Grade ja auch in der Klinik ihre Bestätigung: Perthes, Tichy, Kästner fanden mit steigen¬ der Intensität der prophylaktischen Nachbestrahlung eine Verschleebte- rung der Resultate. Weiterhin haben Lazarus, Exner und Dö- derlein bei Bestrahlung von geringer Intensität abnorm viel Fibro¬ blasten festgestellt, Rick er, die bei schwachen Dosen auftretende Hyperämie durch starke in Anämie, Stase und Thrombose übergehen sehen (Tierexperiment). Besonders zu denken gibt noch der Fall Wetzeis aus der Jenenser chirurgischen Klinik: Ein Patient mit inoperablem Magenkarzinom, kommt 14 Tage nach der zweiten Röntgenbestrahlung (Intensivreformapparat, Coolidgeröhre, 2 MA.. HFA. 23 cm, 3 mm AI-Filter. 20 Minuten Belichtungsdauer) zum Exitus. Der Sektionsbefund des pathologischen Anatomen ergab: Eitrig-fibrinöse Peritoni¬ tis aus grossem Defekt an der vorderen Magenwand; fast perforierende Nekrose des linken Leberlappens; die Einschmelzung am Magen verläuft sowohl durch von Karzinom durchwachsenes, wie davon völlig freies Gewebe; keine elektive Wirkung der Röntgenstrahlen, denn Karzinomzellen am Rande der Nekrose zum Teil nicht vernichtet. Wir dürfen eben über der lokalen Erkrankung das umgebende Ge¬ webe und seine Reaktion und besonders nicht den Aligemeinorganis- mus vergessen. Auf F r ä n k e 1 s interessante Anregung, die Drüsen mit innerer Sekretion durch Röntgenreizdosen mit zum Kampf gegen den Karzinomherd mobil zu machen, möchte ich an anderer Stelle eingehen. Den Standpunkt, das Mammakarzinom nicht mehr zu operieren, sondern primär zu bestrahlen, lehnen wir vollkommen ab ;_ meine obigen Ausführungen machen eine weitere Begründung überflüssig. Erwähnen will ich nur noch das damit erzielte Resultat der Freiburger Frauenklinik, welches Opitz veröffentlicht hat: in Gruppe I (gutoperable Fälle) von 17 Mammakarzinomen 2 geheilt = 14,28 Proz.! Wir können vorläufig die Röntgenstrahlen in der Prophylaxe und der Rezidivbehandlung der Mammakarzinome nicht als einen Gewinn ansehen. müssen allerdings für die Intensivbestrahlung wegen der Kürze der Zeit und der Kleinheit des Materials ein abschliessendes Urteil noch zurückstellen. Vorläufig halten wir jedoch Frühdiagnose und Frühoperation für den einzig richtigen Weg, der die betrüblichen Gesamtresultate verbessern kann. Literatur. 1 Albers-Schönberg: M.m.W. 1918. S. 980. — 2. B a s s: Bruns’ Beitr. z. Chir. 1921, 121, 3, S. 642. — 3. Bier: M.m.W. 1921. _ 14. — 4. Brattström: Bruns’ Beitr. 1921, 121, 3. S. 636. 5. Fisher: Zbl f. Chir. 1916, S. 102. — 6. Fränkel: Strahlentherapie 1921. 12, 2, 5. 603. — 7. Hoff mann: Bruns’ Beitr. 1921, 121, 2. S. 413. — 8. Holst: Zbl f. Chir. 1920, 36, S. 1110. — 9. Haendly: Strahlentherapie 1921. 12. 1. S. 1. — 10. Judt: Zbl. f. Chir. 1914. S. 1143. — 11. Käs.tner: Rruns’ Beitr. 1921, 121, 2, S. 413. — 12. Köhler: Zbl. f. Chir. 1920, S. 472. — 13. Lazarus-Barlo w: Strahlentherapie 6. S. 173. — 14. Lehmann und Scheven: D. Zschr. f. Chir. 1920, 153, H. 5 u. 6, S. 331. — 15. Lin¬ de n b e r g: D. Zschr. f. Chir. 128, S. 156. — 16. Loose: Fortschr. d. Röntgenstr. 26, H. 3. — 17. Derselbe: M.m.W. 1917. Nr. 6 u. 11. — 18. Derselbe: M.m.W. 1918. Nr. 7. — 19. L o s s e n: M.m.W. 1921, Nr. 17. S. 518. — 20. Müller: M.m.W. 1920, Nr. 20, S. 569. — 21. N e h e r: Bruns’ Beitr. 1920. 119, 1. S. 127. — 22. Opitz: Strahlentherapie 10, S 973. — 23. Röntgenkongr., Berlin 1921. April. — 24. Rodmann: Zbl. f. Chir. 1915. S 568. — 25. S c h w a r z k o p f: Bruns’ Beitr. 80, 2, S. 317. — 26. S e i t z und Wintz: M.m.W. 1920, Nr. 6. — 27. Steinthal: Zbl. f ''üir. 1911, S 1482. — 28. S t r a u s s: M.K1. 1919. S. 343. — 29. T a r e k: Zbl. f. Chir. 1915. — 30. Tichy: 7bl. f. Chir. 1920. S. 470. — 3t. Theilhaber: Strahlentberapie 11, 1. S. 208. — 32. Telemann: D.m.W. 1920. Nr. 17. S. 457. — 33. Treber: Strahlentherapie 6. S. 193. — 34. Wetterer: Strahlentherapie 10, S. 772. — 35. Wetzel: Strahlentherapie 12, 2, S. 585. 6. Januar 1922. MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT. 15 Aus der Städtischen Krankenanstalt in Kiel. (Prof. Dr. Hoppe-Seyler.) Ueber die Kolloidnatur des Quecksilbers bei der intra¬ venösen Injektion von Neosalvarsan-Quecksilbersalz- mischungen. Von Dr. C. Toi lens, Oberarzt der Anstalt. Die Originalmethode Linsers [ll, die Syphilis durch intravenöse Injektionen eines Gemisches von Neosalvarsan und Sublimat zu be¬ handeln, ist nach vielseitiger Mitteilung ausgezeiclfnet in Anwendung und Wirkung. Dennoch ist sie mannigfach abgeändert; und zwar be¬ stehen alle Modifikationen im Ersatz der Quecksilberkomponente — des Sublimates — durch ein anderes Hg-Salz. Bruck \2] wählte Novasurol, H e r b e c k [3] Embarin, Lenzmann [4l schlug Cyarsal vor. Nach Mitteilung der betreffenden Autoren — auf Lenzmanns Arbeit wäre unten noch einzugehen — sind die Modifikationen in klinischer Wirkung und Beeinflussung des Wassermanns der ursprüng¬ lichen Linsermethode durchaus gleichwertig. Dazu sollen sie noch die Vorteile der modernen Quecksilbersalze bieten. Ich persönlich habe nur mit dem Neosalvarsan-Sublimatgemisch gearbeitet, und ich kann seine Vortrefflichkeit nach zahlreichen Kuren, wie andernorts [5], so auch hier hervorheben. Aber ich bin mit gutem Grunde ebenso überzeugt von der Güte der Abänderungen. Gibt es nun eine gemeinsame Grundlage, auf der sich die gleichmässig gute Wirkung aller obigen verschiedenen Behandlungsarten aufbaut? Giesst man in eine etwa 10 proz. Neosalvarsanlösung eine Queck¬ silbersalzlösung — etwa 3 proz. Sublimatlösung — im ungefähren Men¬ genverhältnis von 5:1, so wie es in Wirklichkeit beim Zubereiten der Injektionsflüssigkeit geschieht, so entsteht bekanntlich eine starke grau- oder grünlichschwarze Trübung. Beim Sublimat und Novasurol läuft dieser Vorgang schnell ab, beim Cyarsal langsamer. Mit Embarin habe ich keine Versuche angestellt. Lenzmanns Angabe, das Cyarsal- Neosalvarsangemisch bleibe klar, trifft nur für kurze Zeit zu, einige Zeit nach der Mischung tritt die Trübung mit gelb-grüner Farbe ebenfalls ein. Durch Biilow |6l und Roth mann \l] wissen wir, was dieser Niederschlag beim Neosalvarsan-Sublimatgemisch ist. Da handelt es sich ohne Zweifel um kolloidales Quecksilber. Ebendieselbe Kolloidbil¬ dung muss beim Novasurol und auch beim Cyarsal vorliegen. Beim Novasurol tritt sie schnell ein. beim Cyarsal langsamer, aber aus bleibt sie nicht. Dass der Vorgang beim Cyarsal langsamer geht, ist leicht verständlich, weil das Cyarsal — Cyanmerkurisalizylsaures Kalium — als komplexes Salz ohne dissoziierte Hg-Ionen und somit ohne deren grosse chemische Aktivität nur schwer vom Neosalvarsan zu redu¬ zieren ist. Daher übrigens auch seine Reizlosigkeit auf die Venenwand und seine verhältnismässig geringe Giftigkeit. Für die kolloidale Natur des Niederschlags sprechen noch verschie¬ dene Beobachtungen. Die Untersuchungen konnte ich nach Angabe Herrn Prof. Dr. Sch ad es, des Leiters der physikal.-chem. Abtei¬ lung der hiesigen med. Univ.-Klinik, unternehmen. Ich bin Herrn Prof. Schade zu grossem Dank verpflichtet. Es ergab sich Folgendes: Gute kolloide Lösungen von Schwermetallen, wie z. B. auch vom Kollargol, haben 'meist eine schön leuchtend rote oder gelbe Farbe. Ist die Metallverteilung nicht ideal fein, so wird die Farbe braun, oder sonst irgendwie verändert, die Lösung bleibt aber noch klar. Erst wenn die Metallteilchen noch gröber werden, wird sie trübe und schliesslich schlägt die Farbe in Grau um. Analoge Phänomene lassen sich bei den Quecksilbersalz-Neosalvarsanlösun- gen beobachten. Beim Hineintropfen des Hg-Salzes in die Neo¬ salvarsanlösung entsteht zunächst für einen Augenblick ein klarer roter Hof um den einfallenden Tropfen. Dann ein roter, dann ein gelber Niederschlag, aus dem schliesslich die schwarzgrüne Injektionsflüssig¬ keit wird. Schon diese Farbenerscheinungen sprechen mit grosser Sicherheit für das Auftreten kolloiden Quecksilbers während der Re¬ aktion. Und zwar lässt sich das Quecksilber im Zustande seiner gelben, kolloiden Lösung eine geraume Zeit erhalten. Setzt man nämlich reichlich Wasser zu, so erhält man eine lebhaft gelbe, leicht opaleszierende, fast klare Flüssigkeit. Die ursprüngliche Sal- varsanlösung ist jetzt viel zu sehr verdünnt, als dass ihr Gelb noch nennenswerten Einfluss haben könnte. Die gelbe Farbe des stark verdünnten Neosalvarsan-Quecksilbergemisches gleicht durch¬ aus der einer kolloidalen Silberlösung. Der Versuch gelingt auf gleiche Weise mit der Novasurol- und mit der Cyarsal-Neosalvarsanmischung. Ohne Zweifel ent¬ hält die gelbe Lösung also auch hier kolloidales Quecksilber und daneben als Ursache der Opaleszenz gröbere Quecksilberpartikelchen, die an der Grenze zum Kolloidalen stehen mögen. Diese dickeren Quecksilberkügelchen sind unter dem Mikroskop — mit Immersion — als schwarze, auffallend gleiche, runde, lebhaft bewegliche Teilchen, etwa von der Grösse kleiner Kokken, gut erkenn¬ bar. Auch im Dunkelfeld lassen sie sich als runde, lebhaft bewegliche Lichtpünktchett gut erkennen. Allerdings fällt die Lösung nicht immer so klar und nur gering opalisierend aus. wie oben beschrieben. Manch¬ mal bleibt sie graugelb und man sieht mit blossem Auge eben sichtbare Partikelchen in ihr herumschwimmen. Diese lassen sich dann abfil¬ trieren, während die zuerst beschriebenen sehr kleinen Ouecksilbertei!- chen ohne weiteres die Poren des Filters passieren. Warum die Lösung einmal fast klar ausfällt, das andere Mal nicht, vermag ich nicht mit Sicherheit anzugeben. Ich glaube, dass man die Ursache in verschie¬ denen Verdünnungsverhältnissen suchen muss. Wie schon gesagt, ist die kolloidale Quecksilberlösung nicht ideal. Dazu müsste sie rot und klar sein. Es sind noch mikroskopisch sichtbare Teilchen in Menge vorhanden. Aber diese sind so klein, viel kleiner als rote Blutkörperchen, dass sie wohl kaum jemals Embolien verur¬ sachen können. Um so weniger liegt die Emboliegefahr vor, als augen¬ scheinlich die Teilchen niemals fest zusammenkleben, wenn sie auch unter dem Mikroskop des öfteren in Haufen zusammenliegen. Anderer¬ seits muss in dieser kolloidalen Lösung die Gesamtoberfläche aller Teil¬ chen eine sehr grosse, somit sehr wirksame sein. Lösliche Qu ecksilbersalze scheinen in den G e - j mischen nicht mehr vorhanden zu sein. Mit ihnen be- j schickte Dialysierschläuche — Fischblasen — Hessen wenigstens keine Quecksilberverbindungen in das umgebende Wasser durchtreten, wäh¬ rend Sublimat allein, wenn auch nicht schnell doch allmählich hin- durchdialysiert. Somit ist meines Erachtens die Bildung einer brauchbaren kolloi¬ dalen Quecksilberlösung sowohl bei der Linserschen Original¬ methode, als auch bei ihrer Modifikation erwiesen. Es ist L i n s e r also, soviel ich weiss 'zum ersten Male, gelungen, ein injektionsfähiges, gutes Quecksilberkolloid herzustellen. Ein Vorgang, der sich bis vor kurzem in der Technik nicht in gleicher Vollkommenheit hat erzielen lassen. Die Ursache der Kolloidbildung ist die Reduktionswirkung des Neosalvarsans, das dabei zugleich die Rolle des nötigen Schutzkolloides spielt. Mit diesem Nachweis ist die Frage nach der ge¬ meinsamen Grundlage der Linserschen Methode und ihrer Modifikationen gelöst. Es ist eben die Bildung und Injektion von kolloidalem Quecksilber zum Neo¬ salvarsan. Auf die noch ungeklärte Frage, ob zur Syphilisbehandlung kolloi¬ dales Quecksilber oder Hg-Salze vorzuziehen seien, und auf das weitere Schicksal des kolloidalen Quecksilbers im Körper sei hier nicht ein¬ gegangen. Jedenfalls haben Rothmann und Lenzmann darin Recht, dass kolloidales Quecksilber die Venenwand nicht schädigt und deshalb die wiederholte Injektion ermöglicht. Auch darauf sei hier hin¬ gewiesen, dass anscheinend die Injektionskur mit grauer Salbe das Quecksilber dem Körper in kolloidaler Form einverleibt. Das eine kann man wohl sicher sagen, wer geneigt ist, dem kolloidalen Queck¬ silber als solchem ein gut Teil der guten Wirkung der L i n s e r methode zuzuschreiben, der muss die Verwendung eines Hg-Salzes anstreben, aus dem durch Neosalvarsan-Einwirkung das Kolloid schnell und voll¬ ständig entsteht. Neben Novasurol erscheint Cyarsal geeignet, dessen zweizeitige Verwendung auch Lenzmann, wenn auch aus anderen Gründen empfiehlt. Am besten erscheint mir Sublimat, schon aus Billigkeitsgründen. Wenn es nun bei den verschiedenen Methoden doch darauf hinaus¬ läuft, kolloidales Quecksilber entstehen zu lassen und zu injizieren, so liegt der Gedanke recht nahe, dem Neosalvarsan von vorn¬ herein kolloidales Quecksilber zuzusetzen. Zunächst scheiterte dieser Wunsch am Mangel eines solchen Präparates. Ein haltbares Quecksilberkolloid hatte die Technik bisher anscheinend nicht herstellen können. Darum gerade scheint der gelungene Prozess beim Salvarsan-Hg-Gemisch so interessant. In letzter Zeit ist mir aber doch auf meine Bitte von der Firma Dr. Klopfer. Dresden-Leubnitz, ein Hydrargyrum kolloidale zur Verfügung gestellt, das zwar auch noch nicht ideal schön, aber doch recht brauchbar ist. Es ist ein schwarz¬ graues, feines Pulver mit einem Kohlehydrat als Schutzstoff. Der Quecksilbergehalt beträgt 25 Proz. In reichlich Wasser löst sich das Pulver noch grau mit einem gelblichen Schimmer. Mit wenig Wasser gibt es eine trübe, schmutziggraue Flüssigkeit. Mikroskopisch sind, ähn¬ lich den obigen Lösungen, kleine runde' Teilchen zu sehen. Die Injek¬ tionslösungen sollen möglichst frisch hergestellt werden, die Haltbarkeit ist aber ganz gut, dauert jedenfalls mehrere Tage. Beim Vermischen mit Neosalvarsan scheinen beide Teile unverändert zu bleiben. Der Farbe nach ist das Klopfersche kolloidale Quecksilber wohl nicht so gut, wie das im Neosalvarsan-Sublimatgemisch entstehende, es müsste, um dieses zu erreichen, eine gelbe Lösung geben. Es gibt aber einige Umstände, welche zu Gunsten des Klopferschen Präparates sprechen, und die vielleicht seine Unterlegenheit ausgleichen. Fügt man näm¬ lich zu der gelbeil aus Sublimat-Neosalvarsan entstandenen Lösung physiologische Kochsalzlösung, oder, wie es den natürlichen Verhält¬ nissen besser entspricht. Serum hinzu, so schlägt die Farbe in Grau um. ungefähr der des Klopferschen Präparates entsprechend. Dieser Vorgang spielt sich vermutlich auch nach der intravenösen Tniektion :m Blute ab. Das Klopfersche Hvdrarevrum kolloidale verändert seine Farbe nicht merklich beim Zusatz von Serum. So ist denn auch wohl praktisch der Erfolg der gelben und der grauen Lösung des Hydrar¬ gyrum kolloidale derselbe. Noch ein anderer, sehr gewichtiger Umstand spricht für das Handelspräparat. Bei dem Zusatz dieses Hydrargyrum kolloidale erfährt das Neo¬ salvarsan anscheinend keine Veränderung. Es wird also gerade der Vorgang vermieden, vor dem schon Ehrlich warnt, die Oxydation mit ihren giftigen Produkten. Wenn diese Produkte, möge es sich um labiles Arsen handeln, oder um freie arsenige Säure, bisher als unschädlich betrachtet werden dürfen, so kann das wohl nur durch die minimale Menge ihres Auftretens bedingt sein. Das Hydrargyrum kolloidale Klopfer lässt sich dementsprechend in der Tat gut zur intravenösen Injektion verwenden. Es ist von uns 16 MÜNCHEN KR MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT. Nr. 1. viele hunderte Male angewandt, ohne dass wir je Schaden angerichtet hätten. Zunächst begannen wir, der Neosaivarsanlosmg l ccm ein ? nroz Lösung zuzusetzen, angsam sind wir auf eine 6 pioz. Losung gestiegen bei der wir stehen geblieben sind. Wir benutzen jetzt also zu einer’ Injektion ca. 5 ccm Flüssigkeit. die.0,4 o^nrnz^nbifzu und 0 08 g Hg kolloidale enthalten. Davon wöchentlich 2 Spritzen bis zui Gesamt zahl v on 1 2 im Durchschnitt. Ein Unterschied L in .de, ^Wirkung dieses Gemisches und der des Linserschcn ist nicht zu bemerken Die Erfolge sind ebenso gut, Störungen kamen ebensowenig vor. Die Be¬ einflussung des Wassermann ist vorzüglich, ebenso scheint die Dauei- " irkLefderUkommtS das Hydrargyrum kolloidale noch nicht in handlicher Form in den Handel, wie z. B. das kolloidale Silber, dessen leichte, bequeme Anwendungsmöglichkeit durch die Herstellung der in - nullen eingeschmolzenen, injektionsfertigen Lösung gewährleistet wird. Vorderhand muss die Injektionsflüssigkeit noch durch Auflösen des Pul¬ vers jedesmal hergestellt werden. Das ist. wenn es sich nur um eine Injektion handelt, für den Praktiker zu zeitraubend und mühsam.. Für ihn ist m. E. Sublimat das richtige Mittel. Wo cs sich aber, wie in Krankenhausbetrieb, darum handelt, hintereinander viele Injektionen zu machen, sodass man auf einmal eine grossere Menge kolloidmen Quecksilbers in Lösung gebraucht, da scheint mir das neue Prapaiat d Ur ° ich Smödi t e^ b ei dieser Gelegenheit auf eine weitere Verwendungs¬ möglichkeit des Hydrargyrum1 kolloidale hinweisen. Ich glaube, dass es bei septischen Erkrankungen nicht ohne Wirksamkeit ist. Ich konnte cs allerdings erst in recht wenigen Fällen anwenden, habe aber j^r den Eindruck des Erfolges. Besonders gut war der Erfolg m einem Falle von Lungenabszess mit septischen Erscheinungen bei dem dahin kontinuierliche Fieber auf tägliche Injektion von 0,(L g Hg. ko 11. in den ersten Tagen fast gesetzmässig einige stunden nach der Ein¬ spritzung zur Norm absank, zuerst um bald wieder anzusteigen spater um allmählich zu verschwinden. Der Fall kam zur Heilung. Ebenso glaube ich bei eiterigen Adnexerkrankungen, ferner namentlich bei Ge¬ lenkrheumatismus mit Endocarditis eine gewisse günstige Wirkung e - kennen zu können. Ich glaube daher, bei aller gerade auf diesem Gebiet gebotenen Skepsis, dass sich Versuche, hier das Hydrargyrum kol¬ loidale zu verwenden, lohnen könnten. Literatur. 1. M.Kl. 1919 Nr. 41. — 2. M.m.W. 1920 Nr. 15 und 35. — 3. D.m.W. 1920 Nr. 48. - 4. M.Kl. 1921 Nr. 40. - 5. Ther. Halbmpnatsh 1921 H. 7. 6 Vortrag Bülow: M.m.W. 1920 Nr. 15. — 7. D.m.W. 1921 Nr. 3. - s! Schades Lehrbuch der physik. Chemie in der inneren Medizin. Ueber künstliche Erzeugung von akuter, allgemeiner Anidrosis bezw. Oligidrosis durch Formaldehyd. (Vorläufige Mitteilung.) Von Rolf Griesbach, Giessen. Selbstversuche: Juli 1921. Wiederholte Formalinpinselung der Eüsse. . Schreib- a\ Verrichtung der gewöhnlichen Arbeiten (Klinik, Laboratorium, o tisch) Ergebnis: Keine Temperatursteigerung, keine subjektiven Storungen des Allgemeinbefindens. Ausgesprochene Oligidrosis pedum, die 4 T g anhält. b)Ttor Stunden8 körperlich anstrengende Arbeit (Sport) in Nach- mittagssonne. Ergebnis: allgemeine Oligidrosis /.. Z. der Betätigung. Anidro sispedu m, Hitze- und Druckgefühl im Kopf. Temperatur 38,3. 8 Stunden anhaltend, langsam abfallend. Q Körpediche'lRuhe. aber Belichtung des Körpers mit H olieji- soniie bis zur leichten Dermatitis; anschliessend warmes Vollbad (39 O). Ergebnis: wiederum allgemeine Oligidrosis, Temperatur 37,7, 4Ä Stun¬ den anhaltend. Aus den vorliegenden Fällen glaube ich — allerdings vorläufig mit allem Vorbehalt — die Schlüsse ziehen zu dürfen, L dass vor allzukonzentrierter Formalinlösung zu therapeutischen Zwecken gewarnt werden muss, „ .. 'y dass Temperatursteigerungen nach Applikation von Formalm nicht"’ auf eine toxische Wirkung des HCOH im eigentlichen Sinne zurückzuführen, sondern dass sie als die typischen Ausfallserschei¬ nungen von Oligidrosis aufzufassen sind, da sie scheinbar nur auf- treten wenn der Organismus einer künstlichen Erwarmung (Sonne, körperliche Arbeit, Bad usw.) ausgesetzt wird, und er an der selbst¬ tätigen, physikalischen Wärmeregulation durch Schweissabgabe ver- liHd^dass bei lokaler Applikation von Formalinlösung das HCOH ' nur auf die Schweissdrüsensekretion der applizierten Stellen sondern auch auf die des g e s a m t e n Organismus hemmend wirken muss, was sich einerseits durch die auftretende allgemeine Oligidrosis und andererseits durch die damit verbundene Hyper- thermie kundtut. ...... . ^ Ich möchte hierbei noch bemerken, dass Individualität eine Kölle zu spielen scheint, wie auch Patzschke und Plaut bei ihrem beschriebenen Fall bezüglich der Einwirkung des Naphthalins oder eines anderen Giftes eine prädisponierte Haut annehmen. _ „ Immerhin ist es von Interesse, festzustellen, ob Formalin ein Stoff ist. welcher nicht nur durch oberflächliche Gerbung die Schweissdrusen- sekretion an den applizierten Stellen reduziert, sondern auch durch Svmpathikusbeeinflussung die Schweissdrüseninnervation allgemein zu lähmen vermag. Ein derartiges Verhalten ist um so mehr m _ Er¬ wägung zu ziehen, als auch [nach Adamkiewicz )] bei sensibler und Wärmereizung der Haut reflektorisch, unabhängig vom Kreislauf die Schweissabsonderung vermehrt wird, und der Ort des Schwitzens unabhängig von dem Orte des Hautreizes ist. .. , Ich " behalte mir vor, über die Ergebnisse der diesbezüglichen Untersuchungen noch zu berichten. Fälle von angeborener, allgemeiner und lokaler Anidrosis, meist in Verbindung mit anderen konstitutionellen Anomalien des Organismus, wurden mehrfach beschrieben (Q u i 1 f o r d, L i n s e r, Schmid, Löwy, Wechselmann u. a.). Sie fuhren zu den typischen Temperatursteigerungen, die infolge Mangels an Wärme¬ ausgleich durch Schweissabsonderung das subjektive Befinden stark beeinträchtigen und die Leistungsfähigkeit des betroffenen Individuums in hohem Masse herabsetzen können. ...... Ueber einen Fall von erworbener, allgemeiner Anidrosis durch toxische Einwirkung — • allerdings sekundär auf dem Boden einer ein oh¬ mischen Dermatitis — berichteten nur W. Patzschke und R. Plaut in Nr. 35 der M.m.W. vom 2. IX. 21. . Im Anschluss an diesen Artikel möchte ich 2 Falle und einen Selbstversuch von An- bzw. Oligidrosis nach Applikation von Formalin- beschreiben, die für kufze Zeit die typischen Symptome der Anidrosis zeigten Formalin (35 Proz. Formaldehyd-lHCOHl-gehalt) ist in verdünnter Form als Spezifikum gegen allgemeine und lokale Hyperidiosis (speziell H. pedum) bekannt. , Bei lokaler Anwendung unverdünnter Formalinlosung ergab sich folgendes; Fall 1. Gefreiter A„ Ersatzbataillon. 20jähr.. kräftig gebauter Mann, litt von jeher an leichter allgemeiner und starker Hyperidrosis pedum. Am 18 VII 1917 erstmalige Applikation unverdünnter Formalinlosung aut Füsse und Achselhöhlen. Tags darauf fühlte er sich nach 4 ständigem Marsch matt und klagte über starkes Benommensein, das sich mit der zunehmenden Sonnenhitze erheblich steigerte. Die gesamte Schweissabsonderung war im Gegensatz zu dem sonstigen Verhalten äusserst m i n l m a 1. . chwciss- sekretion an Füssen und unter den Achseln fehlte völlig. Nur mit Aufbietung energischen Willens wurde der Marsch durchgehalten. Fine stunde nach Rückkehr in die Kaserne meldete er sich mit Schwindel- und Hitzegefuhl krank. Temperatur 39,8. Die Hyperthermie hielt trotz strenger Bettruhe 3 Tage an. „ . Fall 2. Herr B., Giessen. 22 Jahre; leidet an Hyperidrosis pedum und hat schon des öfteren ohne irgendwelche Störungen des Allgemeinbe¬ findens verdünnte und unverdünnte Formalinlosung angewandt. Am 3 VI 1920 nach Pinselung der Füsse mit unverdünnter Formalinlosung an¬ strengendes Hockey-Wettspiel (lK> Stunden) in glühender Sonnenhitze. Abends Temperatur 38,6. die 18 Stunden anhielt. In dieser Zeit hatte sich der vorher eingetretene Mangel an Schwcisssekretion wieder behoben. nicht Die Grundlage der funktionellen Anpassung des Muskels im Sport. Von Dr. Deppe, Dresden. Die charakteristische Eigenschaft der Organismen ist das Ver¬ mögen, sich selbst zu erhalten. In dieser Hinsicht ist als zweckmassig anzusehen alles, was ihre Lebensdauer erhöht und, da die Lebens- äusserungen sich der ■wissenschaftlichen Untersuchung als fcnergie- vorgänge darstellen, der Besitz eines grossen Energievorrates, ent- sprechend der räumlichen Ausdehnung des Körpers. Stellt sich diese der freien Natur infolge der „notwendigen gegenseitigen Abweichung der Funktionen des Organismus“ (Grub er) als eine ziemlich smiche Grösse dar, so kann indes der Züchter die Stammform um das Mehr¬ fache vergrössern. und zwar durch Veränderung der Funktionen aut Grund der Lebensweise, besonders der. Nahrung.. Die Energie¬ aufspeicherung, die durch bestimmte chemische Verbindungen ei folgt, steht also in einem gewissen Verhältnis zur Körpermasse, resp.. zu. Masse der Körperteile. Das Beispiel der Tierzucht zeigt, uns dabei be¬ sonders zwei Richtungen: Zucht zur Mast, z. B. Schweine, und Zucht zur Arbeitsleistung, z. .B. Pferde, wenn auch immer daran festzuhalten ist dass solcher Zucht verhältnismässig enge Grenzen gezogen sind. Auch das Ziel der Leibesübungen kann als eine „Zucht zur Arbeits¬ leistung“ angesehen werden, wie ja der Sportler direkt von seinei „Form“ spricht, die er sich durch Anpassung der Funktionen im Organismus anerarbeitet hat. Und zwar bezieht sich diese Anpassung einmal auf Zuwachs an Muskelmasse und Kraft, und zweitens, was noc.i wichtiger ist, auf die — durch Uebung — immer mehr zunehmende Unermüdlichkeit der geübten Muskeln, die wiederum „die Hauptursache der gesteigerten Kraftentwicklung“ ist. Schon Kraus (Vorwort zur „Hygiene des Sports“, herausgegeben von Dr. Weissbein, Leipzig, Grethlein & Co.) weist darauf hin, dass die optimale Energie nur dann in Wirksamkeit tritt, wenn die Leistung allmählich gesteigert wird . und die Muskelnährstoffe genügend zugeführt werden. In diesem Sinne spricht er direkt vom Training als einer „Nutritionsanspannung , er hätte ebensogut „Nutritionsanpassung“ sagen können. Wie nun die Erforschung der Entwicklungsmechanik unter Leitung ven W. Roux mit den normalen gestaltenden Wirkungsweisen der einzelnen Gewebsarten und Organe, sowie mit den Faktoren dieses ») Adamkiewicz: Die Sekretion des Schweisses. Berlin 1878. 6. Januar 1922. MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT. 17 Wirkens sich beschäftigt, und u. a. zur Lehre von der funktionellen Anpassung geführt hat, so scheint mir die Grundlage dieser letzteren im Prinzip der „Lockerung“ zu liegen, das, wie ich in einem Aufsatze „Der Begriff der Lockerung als Grundlage der Leibesübungen“ (Monatsschrift für lumen, Spiel und Sport, voraussichtlich Dezemberheft 1921) dar¬ zulegen versucht habe, als ein Grundgesetz für die Methodik der Leibes¬ übungen überhaupt erscheint, wobei unter „Lockerung“ in negativer Beziehung die Vermeidung alles Krampfhaften und das Freisein von aller Anspannung und allem Zwang zu verstehen ist, so dass man in positiver Hinsicht z. B. für Gliedmassen sagen kann: ein Glied ist als locker zu betrachten, wenn es entspannt ist und sein Schwergewicht empfunden wird. Wenn wir daher versuchen, die Beziehungen zu prüfen, in der die funktionelle Anpassung zur Lockerung steht, so wollen wir dabei unter möglichster Berücksichtigung sportlicher Verhältnisse zunächst einmal prüfen, wie sich die Skelettmuskulatur in dieser Hinsicht verhält. Auch bei vollster Entspannung bleibt der lebende Muskel in einem gewissen Spannungszustand, den wir als Muskeltonus kennen. Dieser ist. indes keine sich stets gleichbleibende Grösse, sondern er ist z. B. beim Dauergeher weit geringer, als beim Schnelläufer, wie überhaupt der Tonus der Dauermuskeln, wenn wir so die für Dauerleistungen tätigen Muskeln kurz bezeichnen wollen, viel geringer ist, als der Tonus der Kraftmuskeln, d. h. der für- Kraftleistungen benötigten Muskeln. Jeder Turner kennt jene als weicher, diese als härter. (Im Tätigkeits¬ bericht der Deutschen Hochschule für Leibesübungen vom Sommer¬ semester 1921 weist Dr. Ko hl rausch u. a. darauf hin, dass die Muskulatur nach den. für das Sportabzeichen in nicht forciertem Tempo gelaufenen 10 km auffallend weich war und erst in den folgenden Tagen erheblich härter wurde, während beim 100-m-Lauf die Härte sofort auftrat.) Dass der Muskeltonus gewissermassen die „Widerstandsfähigkeit des Muskels gegenüber Dehnungen in der Ruhe“ darstellt, ist, worauf auch Lange1) (S. 30) hinweist, schon erkennbar z. B. an der Haltung der Glieder bei manchen Berufsarbeitern, ebenso bei gewissen Sportlern, die auf eine bestimmte 'Körperleistung trainiert sind. So werden bei Arbeitern, die fest zugreifen müssen, in der Ruhelage die Finger ge- krümmt gehalten, und bei Leuten, die mit Hilfe des Bizeps oft schwere Gewichte heben, sieht man in der Ruhe das Ellenbogengelenk leicht ge¬ beugt. So meint Lange, den Tonus der Muskulatur geradezu am besten an dem Widerstande prüfen zu können, den die erschlafften Arme gegenüber passiven Bewegungen leisten. Hiervon wird auch das Verhältnis des Muskeltonus zur Ermüdung und zur Uebung berührt. Denn gelingt es, die Ermüdbarkeit herab¬ zusetzen, so sinkt meist gleichzeitig der Dauertonus. Durch die Herab¬ setzung des. Tonus wird ja gerade die Herabsetzung der Ermüdbarkeit erreicht, weil dadurch die Glieder leichter in ihre Ausgangsstellung, also in .den. Zustand der Lockerung zurückkehren können. Insofern lässt sich die Lockerung auch definieren als der geringste Grad der An¬ spannungsfähigkeit des Muskels oder auch als der grösste Grad seiner Abspannungsfähigkeit. . Vergleichen wir ferner einen Muskel im Zustande der Zusammen¬ ziehung und der Erschlaffung, so sehen wir den zusammengezogenen Muskel hart und verkürzt, so dass die in ihm laufenden Gefässe in ihrer Ausdehnungsmöglichkeit beschränkt und — zumal die Venen infolge ihrer nicht starren Wandung — zusammengedrückt werden. Daher wenn auch der. Wechsel zwischen Anspannen und Erschlaffen als ein baugsystem wirkt und so die vom Herzen aus durch Pressen im Sinne einer Spritze erfolgende. Stromkraft des Blutes fördert und erhöht, so 1S* syderseits eine wirkliche Durchblutung des Muskels nur im schlaffen, mindestens nicht angespannten Zustande möglich. Durch die Lockerung, d. h. durch die Fähigkeit, die Muskeln so zu beherrschen, dass sic nicht angespannt sind, bis auf die, die gerade gebraucht werden wird daher vor allem erreicht: 1. Ausschalten von Muskeln, deren Mit- Tätigkeit zur Erzielung der beabsichtigten Wirkung nicht erforderlich ist. Durch das Ausschalten der Mitbewegungen wird also der Muskeltonus im Nachbarmuskel möglichst niedrig gehalten. 2. Dadurch Ersparnis von Nahrungsstoffen, die in den ausgeschalteten Muskelgruppen sonst zur Arbeitsleistung gebraucht wären, und Ersparnis ihrer Verarbeitung, also verminderte Zu- und Abfuhr von An- und Abbaustoffen. 3. Gleich¬ zeitig Ersparnis an Nervenimpuls zur Muskeltätigkeit und so Entlastung des Zentralnervensystems. . So steht die Lockerung in enger Beziehung zum Muskeltonus, den sie unmittelbar beeinflusst. Nicht soweit der Tonus unter der Ein¬ wirkung der in den Muskel eintretenden Sympathikusfasern steht; denn der ist zentraler. Art. Wohl aber, insofern der Muskeltonus von dem Gesamtquerschnitt des Muskels, also von der Zahl seiner Fasern ab- ha"gt- Ten,!? drer grössere Tonus kommt ja dem stärkeren Muskel zu; und da die Kraft eines Muskels von seiner Dicke abhängt, so wird eine dauernde Ionuserhöhung nur durch kräftige Uebungen erzielt, und zwar wenn der Muskel in der Zeiteinheit unter grösserer Belastung arneuet. . Je mehr es nun mit Hilfe der Lockerung gelingt jeden Muskei tur sich arbeiten zu lassen, also möglichst ohne Beihilfe des Nachbarmuskels, um so ausgiebiger wird die Kräftigung des Muskels sein, und um so höher wird sein Tonus gehoben. Wirkliche Kräftigung eines Muskels geht daher Hand in Hand mit Erhöhung seines Tonus und mit der Lahigkeit zur Lockerung. Es spielt auch hier die Roux- sctie Lehre von der trophischen Wirkung der funktionellen Reize hinein, . ) Lange: Ueber funktionelle Anpassung, ihre Grenzen, ihre Gesetze in ihrer Bedeutung für die Heilkunde. Berlin, 1917 Nr. 1. wonach der funktionelle Reiz eines jeden Gewebes zugleich sein Bit¬ dungs- und Erhaltungsreiz ist. Allerdings ist dabei nicht zu übersehen, dass der Einfluss der Arbeit auf den Muskel hinsichtlich seiner Massenzunahme wechselt je nach der Art der Arbeit, dass nämlich die Muskeln sich ganz ver¬ schieden verhalten, je nachdem Kraft- oder Dauerarbeit ihnen zu¬ gemutet wird, eine Tatsache, die dem so gern angeführten Vergleich des Muskels, mit einer Maschine widerspricht. Denn, wie Lange dargetan hat, besteht zwischen Reiz und Reiz¬ erfolg am lebenden Körper keine so einfache Beziehung wie an leb¬ losen, physikalischen und chemischen Systemen, und zwar in quanti¬ tativer Hinsicht, insofern eine kleine Energiemenge als Reiz eine grössere Energiemenge als Wirkung entstehen lässt,' wie besonders in qualitativer Beziehung, also hinsichtlich der Richtung: In der leblosen Natur erlischt ein Reiz, sobald die Wirkung eingetreten ist; dagegen im lebenden Muskel z. B. geht infolge der Tätigkeit seine Spannkraft nicht verloren, sondern wird sogar erhöht; und ebenso wird ein Knochen unter schwerer Belastung nicht kürzer und krümmer, sondern gerader und länger. Muskel- und Knochengewebe passen sich also solchen Reizwirkungen an. Diese funktionelle Anpassung bietet aber einen Gegensatz zwischen dem Geschehen der organischen und der anorga¬ nischen Welt. Was nun die (zweckmässige) Anpassung an vermehrte Tätigkeit anlangt, so hat Roux 1879 zwei Grundgesetze der funktionellen An¬ passung aufgestellt, ein physiologisches und ein morphologisches Grund- gesetz. Nach jenem ändert die stärkere Funktion den qualitativen Charakter der Organe, indem sie ihre spezifische Leistungsfähigkeit erhöht, so dass durch stärkere Tätigkeit die Leistungsfähigkeit erhöht wird; der mehr gebrauchte Arm nimmt also nicht nur quantitativ, der Masse nach zu, sondern auch qualitativ, der Leistung nach. Und nach dem morphologischen Grundgesetz wird durch grössere Arbeit ein Organ nicht in jeder Richtung vergrössert, sondern nur in der Richtung, in der die Aibeit geleistet wird: z. B. eine Sehne, die nur der Länge nach auseinandergezogen wird, nimmt auch nur in der Länge zu, nicht auch in Breite und Dicke. Also nicht jede vermehrte Arbeit bedingt eine Massenzunahme des aibeitenden Organs, und nicht jede Zunahme der tätigen Substanz in¬ folge Mehrarbeit muss zweckmässig sein. Wenn z. B. ein Mensch, der bisher Kraftarbeit geleistet hat, zu Dauerarbeit übergeht, so kann trotz Zunahme der absoluten Arbeitsgrösse seine Muskelmasse ab- nehrnen : infolge zweckmässiger Anpassung führt daher in diesem Falle ■ i»*r i Massenabnahme. Denn von den zwei Arten, in denen ein Muskel Mehrarbeit leisten kann — durch grössere Kraft in der Zeit¬ einheit oder durch länger andauernde gleiche Kraft, also durch längere JJau erarbeit ist eine Zunahme der Muskelmasse nur im ersten Falle zu erwarten, sei es durch quantitative Vermehrung der Muskelfasern im allgemeinen, sei es durch qualitative Verdickung der einzelnen Faser. Irn zweiten Falle hat der Muskel ja nicht mehr Kraft nötig, er muss nur längere Zeit a s vorher arbeiten, und bedarf dazu für diese Zeit nur imd erhöhte Abfuhr der Ermüdungsstoffe. Die Wichtigkeit, solcher Erkenntnisse für die Lehre von der Uebung als der zweckmässigen Vorbereitung zu einer Höchstleistung ergibt "sich von selbst. Da nun, wie wir oben dargetan haben, durch das Prinzip der „Lockerung durch Ausschalten unnötiger Muskeltätigkeit und dadurch bedingte Ersparnis an Nahrungsstoffen und Nervenimpuls die eigent¬ liche Oekonomie der Muskelarbeit erst gewährleistet ist, so können wir zusammenfassend sagen, dass die „Lockerung“ als die Grundlage der funktionellen Anpassung des Muskels im Sport erscheint. Zur Behandlung der Oxyuriasis. Von Prof. Felix Franke, Braunschweig. Von demselben Gedanken ausgehend wie Nordhof (s. Nr. 49 dieser .Wochenschrift) habe ich, nachdem ich gegen die Oxyuren die verschiedenen reichlich angepriesenen Mittel versucht hatte, schon seit etwa 5 Jahren auf alle innerlich zu reichenden Mittel verzichtet, ausser den Gelon. Aluminii subacet, die ich in einzelnen Fällen verordne, namentlich dann, wenn ich glaube, dass meine Belehrung über die Krankheit und ihre natürliche Behandlung eines kleinen Adjuvans be¬ darf. Ich verfahre etwas strenger als Nordhof. Bei der Belehrung der Kranken bwz. ihrer Angehörigen versäume ich nicht zu erwähnen, dass innere Mittel oft deshalb nicht helfen, weil die Würmer gar nicht selten im Wurmfortsatz sich aufhalten, wie ich selbst bei einer ganzen Anzahl von Wurmfortsatzexstirpationengesehen habe (einmal fanden wir 96, ein anderes Mal 143 der Tierchen in ihm) und daher von dem Mittel gar nicht getroffen werden. Für die Behandlung fordere ich ausser sorgfältiger Reinigung des Körpers auch eine solche des Bettes, da die als unsichtbarer feinster staub in es geratenden Eier des Wurmes nicht nur in das Bettuch, sondern wohl auch nicht selten auf das Inlet der Matratze oder des Unterbettes sich verteilen. Also nicht nur Wechsel der Bettwäsche, sondern auch sorgfältiges Reinigen der von ihr bedeckten Betteile durch Bürsten und Klopfen womöglich im Freien! Ausklopfen auch der Kleidung, namentlich von innen! Sodann empfehle ich Aufträgen der grauen Salbe in die Afterfalte 2 — 3 mal am Tage, nach dem Stuhlgange erst, nach vorhergehender sorgfältiger Reinigung der Aftergegend. Weiter lasse ich eine Hemdhose Tag und Nacht tragen, die man sich ja tur Kinder leicht durch Annähen des Höschens an das Leibchen her- 6 18 MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT^ Nr. 1. stellen kann; Erwachsene tragen auch nachts die Unterhose und zwar unter dem Hemde. Dadurch wird eine Reinfektion wahrend des Schlafes sicherer vermieden als durch die Badehose. Die Fingernagel lasse ich nicht nur gründlich ausbürsten, sondern auch ganz kurz halten, Diese Massnahmen werden einen Monat lang streng durchgefuhrt, wei ch ?mmer befüTchtet habe, dass bei kürzerer Anwendung doch emma Reinfektion eintreten könnte. Soweit ich habe feststellen können, hat diese Kur nie versagt. _ Aus der Praxis des Herrn Dr. med. Ochseniusin Chemnitz. Lymphatische Leukämie unter dem Bilde symmetrischer Parotisschwellung. Von Dr. Hans Langsch. Die gekürzte Krankengeschichte zuvor: Uneheliches Adoptivkind F. K., geboren 6. V. 1920. ohrsDeichel- Am 2 VII 1921 sei beiderseits eine starke Schwellung der unrspeicnei 7esfies"il. worden, die als.Munrps andesehen wurde »n ™,e, e snrechender Behandlung nicht zuruckging. Seit dem 10. Ml. wuraen /.dui fleischblutungen blutunterlaufene Flecke an Kopf und Gliedmassen beme • Das Kind würde immer blasser, matter, sei appetitlos erbräche, hatte ge- ■'esteigerte Temperatur, der Urin sei trüb, der Stuhl pechschwarz. Befund am 18. VII.: Gelbblasses, kräftig gebautes Kind Erhebliche derbeB scharfumgrenzte Schwellung beider Parotiden, die Haut darüber nicht entzündlich gerötet, beide Ohrläppchen nach aufwärts und nach der -eite verdrängt. Zahnfleisch blutig-nekrotisch. Hals- und sonstige Eymphdrus kaum vergrössert. Systolisches Geräusch an der Herzspitze. Unterer Rand der derben Milz in Nabelhöhe, Leberrand 3 Querfinger unter dem Rippe bogen. Hautblutungen an Kopf und Extremitäten • RilltkörDer- Blut: WaR. negativ. Starke Leukozytose. 105 000 weisse BiutKorper chen 1 85 Milt, rote Blutkörperchen. Geringe Anisozytose. 20 Proz. Hg ■ I vmnhozvten 92 Proz , darunter Riederformen; Polynukleare: a) neutrophile 1 Prof b eosinophile 0,5 Proz.; Monozyten 6 Proz., Myelozyten 0,5 Proz. Diagnose- Lymphatische Leukämie. Ueberweisung ins Kuchwald krankenhaus (Leiter: Prof. Dr. C 1 e m e n s). Dort UI?.terT r®ml^ie2rw n y,? Fipiipr his 59 8 schlechter Nahrungsaufnahme, Krafteverfall, Tod am 26. vll. F“ DeS slkuÄSt, von Herrn Prof. Nauwerck gütigst überlassen, Sd 0?erm Parotisschwellung beiderseits. filz vergpss^rt .^12 : b.^2,5, vergrösser^'Lebe^’g^bbräunlRh.'1 di^erLäpSpchenzeichnung öfters auffallend deutlich. Knochenmark dunkelrot bis schwarzrot, hämorrhagisch. M.kro- ^k-nnisrh- T eukämische (lymphozytäre) Infiltration in Milz, Niere, Leoer. Das Bemerkenswerte dieses Falles akuter lymphatischer Leukämie sc iein mir in spinen Anfangssymptomen, der symmetrischen Schwellung beider Paro¬ len zu Sem Selbsf noch am’ 18. VII. imponierte er zunächst durchaus als Mumps, zumal grössere Lymphdrüsenschweltungen fehlten auch in schweren Fällen von Parotitis epidemica sehr häufig . Scfwelhm*en der Mil/ vor (Pf aun die r-Schlo s smann 1910). Stutzig tnacnie allerdings die derbe Konsistenz und scharfe Abgrenzung der Parotis- schwellungen. , . • Nach Feer (Diagnostik der Kinderkrankheiten 1921) kann bei lymphatischer Leukämie ausnahmsweise auch das Bilu der Miku licz sehen Krankheit auftreten. v. P f a u n d 1 e r, bef“JjteA JjS lheir Lehrbuch der Kinderheilkunde 1920) von der Seltenheit fukamisch Infiltrate in Speichel- und Tränendrüsen. Ro em in gh liefert dazu einen kasuistischen Beitrag (Referat in: Jb. f. Kindhlk. 1921, 95). Kleinschmidt (B.kl.W. 1917) sah selbst an lymphatischer Leukämie erkrankte0 Kinder mit der Diagnose Mumps Er stellt ate > Typus i der akuten lymphatischen Leukämie im Kindesalter u. a den auf. der _untei dem Miku licz sehen Symptomenkomplex auftritt. Die Hyperplasie der Tränen- und Speicheldrüsen „erhält dadurch besondere Bedeutung, dass sie schon frühzeitig, ja als 1. Symptom sich einzustellen Pheg • Es beruht diese Schwellung der Parotiden auf einer Wucherung des in ihnen enthaltenen lymphatischen Gewebes, gleichzusetzen den grossen symmetrischen Organinfiltrationen in Niere und Hoden. mcf Hingewiesen sei noch auf die Mitteilung R. Wagners (Rel. Zbl. f. d. ges. Kindhlk. 9) über einen Fall von symmetrischer Parotis¬ schwellung. Milz- und Leberschwellung und Chloranämie. in d(* J^e Wucherung des lymphadenoiden Gewebes der Parotis im Zusammen¬ hang mit einem Status lymphaticus angenommen wird. • Es erschien nicht überflüssig, diesen Fall von akuter lymphatischer Leukämie seiner Beziehungen zur Differentialdiagnose der Parotis- schwellungen wegen zu erwähnen. Bemerkungen zur Frage der Rachitis (Kritik der Arbeit Müllers in Nr. 44, 1921 ds. Wchschr.) von Privatdozent Dr. Fr. Schede, München. Die Veröffentlichung Müllers in der Nr. 44 dieser Zeitschrift hat wohl bei vielen Kopfschütteln und Widerspruch erregt, nicht so sehr durch die Kühnheit der darin enthaltenen Behauptungen, als viel¬ mehr durch den gänzlichen Mangel an wissenschaftlichen Grundlagen. Behauptung wird an Behauptung gereiht, ohne dass man auch nur den Versuch einer Beweisführung entdeckt. Nach dieser Feststellung konnte man die Sache eigentlich auf sich beruhen lassen mit dem Ausdruck des Bedauerns, dass die Dinge leider nicht so einfach sind. Aber das Problem, um das es sich handelt, die Rachitis, ist gerade zur Zeit so sehr im Fliessen und in der Neubildung begriffen, dass jedes Abweichen von wissenschaftlicher Grundlage die Fragestellung umnebeln und die Diskussion ins Uferlose führen muss. Nur aus diesem Grunde fühle ich mich veranlasst, mich mit der Müll er sehen Arbeit kritisch bcschüitis^^i Müller hat ein unbestreitbares Verdienst um die Erkenntnis der Muskelhärten verschiedenen Ursprungs und um die Ausbildung ihre Behandlung durch Massage. Aber schon in seiner Massagelehre ver¬ lässt er den festen Boden des Erwiesenen und begibt sich auf den We., der ihn nun (meiner Auffassung nach) in die Irre geführt hat. Schon hier begegnen wir dem Begriff des Hy pertonus unu der hypertonischen Muskelerkrankung, die nunmehr auch der wesent¬ liche Faktor im Bilde der Rachitis sein soll. . Müller nimmt ohne weiteres an, dass einer Muskelharte em Hypertonus zugrunde liegt. Das ist aber nun ganz und gar nicht er¬ wiesen. Die Palpation einer resistenten Muskelpartie ; sagt uns noch nichts über ihren Tonus. Es ist möglich, dass ein Hypertonus vor¬ liegt. ebensogut aber ist das Gegenteil möglich. Zum mindesten hatte sich Müller in seiner letzten Arbeit mit den Ansichten Sch ad es und Langes über die Natur der Muskelhärten (seiende Ge™nung Stauung von Ermüdungsstoffen: diese Zeitschrift, 1921, Nr. 4 und U auseinandersetzen müssen. Tonus ist der Erregungszustand ruhenden Muskels; ein Hypertonus also eine Erhöhung des E - regungszustandes. Ob die vermehrte Resistenz einzelner Muskelpartien wie wir sie bei rheumatischen Erkrankungen, bei Arthritiden, bei Rachitis etc. finden, durch eine Erhöhung des Erregungszustandes be¬ dingt ist, wissen wir nicht. Solange das aber nicht erwiesen ist, bleib das ganze Ideengebäude Müllers in die Luft gebaut. Abgesehen von dieser Frage muss ich im Folgenden auf Einzelheiten emgehen, da Müller eine Reihe von verbreiteten und praktisch bedeutungs¬ vollen Symptomen willkürlich und nach meiner. Meinung falsch deutet. Ich greife nur einige besonders auffallende Beispiele heraus. Müller findet beim Rachitiker Härte, Spannung und Druck¬ empfindlichkeit in einem grossen Teil der Muskulatur und unterscheidet dabei zwischen gedehnten und verkürzten Muskeln. Ich bestreite zu¬ nächst, dass die von Müller beschriebenen Befunde bei ledern Ra¬ chitiker vorhanden sind. Die Rachitis ist sehr vielgestaltig, sie befallt die verschiedensten Organsysteme, und jeder, der viel Rachitiker sieht, wird auch solche mit gesunder Muskulatur und ungestörter Beweg¬ lichkeit gesehen haben. Dass die Muskulatur Otter rachitisch ei- krankt, als allgemein angenommen wird, soll nicht bestritten werden. Aber unerwiesen und unwahrscheinlich ist es. dass die M u s Ke l - härten irgendwie charakteristisch für die rachitische Muskel- eikrDi«U geschilderte Druckempfindlichkeit und Härte der Adduktoren z. B. findet sich bei jeder Coxa vara, bei jedem Schenkelhalsoruch, bei jeder Arthritis des Hüftgelenkes, ebenso 'die des Glut. med. und munmus-Dehnung einer Muskelgruppe und die Verkürzung ihrer Anta¬ gonisten finden wir bei jeder dauernden Haltungsänderung des Rumpfes und der Extremitäten: Bei der Kyphose des Rachitikers genau so wie bei der Alterskyphose oder beim, spondyhtischen Buckel, bei rachitischen Beinverbiegungen genau so wie bei der Poliomyelitis. Das Bestreben Müllers, alles auf seine Formel zu bringen, ver¬ führt ihn zu Beobachtungsfehlern und zu Gewaltsamkeiten. . Er spricht z. B. von einer Schwellung des Ext. digitorum beim Crus varum. Diese vermeintliche Schwellung ist in Wirklichkeit nur eine Vorwölbung des Muskels infolge der Torsion des Unterschenkels, die sofort verschwindet, wenn man die Torsion, beseitigt. Der Ext. digitorum ist übrigens bei rachitischen Beinverbiegungen niemals ge¬ dehnt, häufig aber verkürzt. Eine Reihe von Behauptungen steht in Widerspruch mit allen be¬ kannten Tatsachen der Muskel- und Gelenkmechanik und muss jedem unverständlich sein, der sich jemals damit befasst hat. Wie soll die „Schmalheit der Schultern“ beim rachitischen Kmd durch den Zug der Adduktoren des Arms und des Schulterblatts en stehen? Wie soll die willkürlich angenommene Verkürzung des Uua- dratus lumborum eine Kyphose der Lendenwirbelsäule verursachen . 1 ic Hühnerbrust und der Trommelbauch sollen nach Müller durch eine Verkürzung der seitlichen Bauchmuskulatur entstehen. Welche Anhaltspunkte hat Müller dafür, dass eine solche Verkürzung wir .ic. besteht? Nach Jansens Untersuchungen entsteht die Hühnerbrust durch den Zug des Zwerchfells am erweichten Thorax. Der liommel- bauch wird allgemein als die Resultante der Darmerkrankung und der Atrophie der gesamten Bauchmuskulatur angesehen. Ich kann mich nicht erinnern, ein rachitisches Kind gesehen zu haben,, dessen 1 rom¬ melbauch sich nur nach vorn wölbte, seitlich dagegen eingezogen war. Wie will Müller diese allgemein anerkannten Anschauungen wider- leeen? Der Zug der Adduktoren des Oberschenkels soll das Genu varum verursachen. Wie kann er das, da er doch am Condylus femoris • P 1 Q . al'"! Solche Beispiele Hessen sich noch in dreifacher Zahl aus M ü 1 l.e r s Arbeit beibringen. Die angeführten werden genügen, um zu zeigen, wie Müller mit den bisherigen Forschungsergebnissen umspringt, ohne sich die Mühe zu nehmen, seine Behauptungen zu beweisen -- nur in dem Bestreben, das ganze, vielgestaltige Bild der Rachitis m seine einfache Formel zu zwängen. .« n _ _ In noch stärkerem Masse lassen die folgenden Teile der M u l l e r - schen Arbeit, in denen er sich mit der Rolle der Schilddrüse befasst, alle und jede Kritik vermissen. Denn hier wird nun die — ebenfalls willkürlich angenommene Kontraktur der Vorderhalsmuskeln plötzlich MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT. 19 6. Januar 1922. ■nicht als „primärer Hypertonus“ angesprochen, sondern als ein reflek¬ torischer Vorgang, der die druckempfindliche Schilddrüse entlasten soll. Nachgewiesen müsste erst werden, dass die Schilddrüse beim Ra- chitiker wirklich druckempfindlich ist, und warum. Die einfache Pal¬ pation ist hier sehr unzuverlässig. Nachgewiesen müsste ebenfalls erst werden, dass die Schilddrüse durch Kontraktion der Vorderhals¬ muskeln wirklich entlastet wird, was kaum gelingen wird, da ja Müller selbst sagt, dass die Tätigkeit dieser Muskeln die Schild¬ drüse auspressen soll. Immerhin wäre es möglich, dass es sich so verhielte. • Die Folgerungen aber, die Müller nun an diese Hypothese knüpft, dass nämlich dadurch eine Hypofunktion der Schilddrüse und der Epithelkörperchen' entstehe und dass diese die eigentliche Ursache der rachitischen Allgemeinsymptome darstellen soll, diese Folgerungen sind denn doch als phantastisch zu bezeichnen. Es trifft sich gut, dass kurz nach Müllers Arbeit in dieser Zeitschrift die Untersuchun¬ gen aus der S t ö 1 tz n e r sehen Klinik erschienen; vielleicht entnimmt M_ü 1 1 e r aus diesen Untersuchungen, dass auf die Frage der Be¬ teiligung der Schilddrüse und der Epithelkörperchen bei der Rachitis schon sehr viel sorgfältige Arbeit verwandt worden ist, dass bisher eine .Unterfunktion dieser Drüsen nicht festgestellt werden konnte, dass im Gegenteil eine Unterfunktion des Nebennierenmarks viel wahr¬ scheinlicher ist und dass überhaupt die innersekretorischen Vorgänge nicht so einfach sind, wie Mülle r sie darstellt. Worauf stützt nun Müller seine Behauptung? Eine Aehnlichkeit zwischen Myxödem und Rachitis wird wohl ausser Müller noch niemand gefunden haben. Nun noch einige Worte über den Zusammenhang der Rachitis mit dem Rheumatismus. Es liegen tatsächlich Anhaltspunkte dafür vor, dass gewisse Zustände des erwachsenen Körpers; Schlaffheit der Mus¬ keln und Bänder, Bereitschaft für rheumatische Erkrankungen des Be¬ wegungsapparates, Neigung zu venösen Stauungen, neurasthenische Symptome einen Komplex bilden, der der Rachitis wesensverwandt ist. Ich selbst habe auf diese möglichen Zusammenhänge auf dem Orthopädenkongress d. J. i(dem auch Müller beiwohnte) hin¬ gewiesen, habe'aber ausdrücklich betont, dass ich damit nur eine Ar¬ beitshypothese aufstellen wollte. Der Nachweis wird, wenn er über¬ haupt gelingt, noch viel Arbeit erfordern. Müller ist weniger be¬ denklich. Ich. fasse zusammen: Die Müll ersehen Behauptungen beruhen teils auf unerwiesenen Annahmen, wie das Bestehen eines Hypertonus bei der Rachitis, das Fortbestehen eines Hypertonus beim erwachsenen Rheumatiker und Neurastheniker, die Druckempfindlichkeit der Schild¬ drüse. Zum andern Teil stehen sie in direktem Gegensatz zu anerkann¬ ten Tatsachen der Körpermechanik und der Lehre von der inneren Sekretion, und gehen ins Phantastische, ohne den Beweis auch nur zu versuchen. Ich kann nicht finden, dass die Entstehungsweise der Rachitis nach der Lektüre der MüliersUm Arbeit „vollkommen durchsichtig“ ist. Ich glaube vielmehr, dass Müller den ganzen Fragenkomplex in hohem Masse verwirrt hat. Probleme, die wie die Rachitis die wissenschaftliche Welt auf das lebhafteste beschäftigen, sind stets gewissermassen von einer Atmos¬ phäre von Ahnungen umgeben, die von vielen gleichzeitig gefühlt wer¬ den. Wer Selbstkritik hat und nicht verblendet ist, der lässt sich durch solche Ahnungen wohl auf neue Wege führen, aber er bemüht sich zunächst, durch exakte Forschung feste Grundlagen zu schaffen, ehe er mit Behauptungen an die Oeffentlichkeit tritt. Wer sich weniger beschwert fühlt und Ahnungen als Tatsachen verkündet, der riskiert, dfiss er über kurz oder lang widerlegt wird. Er kann aber auch, wenn die exakte Forschung tatsächlich seine Ahnungen bestätigt, den Ruhm ernten, seinen schwerfälligeren Mitarbeitern vorausgeeilt zu sein. Und diese Lockung verführt immer wieder Einzelne. So war es mit man¬ chen homöopathischen Ideen, mit manchen sogenannten Naturheilmetho¬ den, so ist es auch mit den Müller sehen Behauptungen. Das ist aber keine Arbeit, sondern Spiel. Und zwar ein Spiel, das der exakten Forschung die Arbeit ausserordentlich erschwert und dem Praktiker den Blick trübt. Zum Andenken an die erste Totalexstirpation des karzinomatösen Uterus. (Ausgeführt Von Dr. Joh. Nep. Sauter in Konstanz.) Der 28. Januar 1922 ist für die Gynäkologie ein Gedenktag ersten Ranges, weil vor 100 Jahren die erste gänzliche Exstirpa¬ tion der karzinomatösen Gebärmutter ausgeführt wurde mit dem Erfolg, dass die Kranke von der Operation genas und danach noch 4 Monate lebte und nicht an einem Rezidiv, sondern an einer interkurrenten Krankheit starb.' Diese Operation ist heute alltäglich geworden. Die erste war jedoch eine bahnbrechende Tat von kühnstem Mut. doch von dem Arzt, der sie zuerst vollzog, kein Gelegenheitsstreich, sondern erst nach jahrelangem Ueberlegen und Studieren aller vorausgegangeuen Versuche unternommen worden. Die Exstirpatio uteri totalis ist immer, auch heute noch, eine sehr schwere und verantwortungsvolle Aufgabe; die Gefahr und die Mühe wird jedoch durch die Krebskrankheit riesig erhöht und oft undurch¬ führbar gemacht; sie war vor Sauter schon versehentlich, aber auch beim vor gefallenen karzinomatösen Uterus absichtlich von Langenbeck ausgeführt und zwar unter Ausschälung aus dem Peri¬ toneum; bei Sauter jedoch wurde der Uterus in situ exstirpiert und mit ihm ein Karzinom, das durch starke Blutungen und Schmerzen die Kranke erschöpft, nachweislich schon über ein halbes Jahr bestanden hatte und, wie die Abbildungen beweisen, zu einem grossen Blumen¬ kohlgewächs ausgewachsen war. so dass man den Mut und die Tat Sauters um so mehr bewundern muss. Im Grunde genommen hatte der Krebs in diesem Falle schon zu lange bestanden und klagte auch schon damals Sauter in seinem Büchlein *) über die „r j z e p t ver¬ schreibenden und nicht untersuchenden“ Aerzte. weil sie deswegen die Kranken zu spät zur Operation schicken. Das kleine Büchlein, das der kühne Pfadfinder der Heilkunst hinterlassen hat, legt nicht nur Zeugnis ab für die Leistung als Opera¬ teur. sondern auch für den seelenvollen Gemütsmenschen, der seit dem Jahre 1817, wo er eine Frau mit Uteruskärzinom elend leiden und sterben sah, die Literatur studierte und sich einen Plan zurecht machte, wie man eine solche Gebärmutter vorkommendenfalls exstirpieren könnte. Doch als der Fall 4 Jahre später kam, bedrückten ihn die Bedenken so sehr, dass er von sich aus nicht den Mut fand, die Opera¬ tion vorzuschlagen und erst sich aufraffte, als die Frau, von heftigen Schmerzen gequält, ihn fragte — wie die unglücklichen Kranken in dieser _ Lage regelmässig fragen — : „Gibt es denn kein Mittel mehr, um mir zu helfen?“ Und als er dies der Frau bejaht hatte und sie soiort Zugriff und ihn beim Wort nahm, bangte er noch tagelang vor dem Beginn und kämpfte in sich, ob er es wagen oder ablehnen sollte. Nur der Gedanke, die Kranke in eine trostlose Verfassung zu versetzen und sich selbst zu beschämen, trieb ihn, den geäusserten Vorschlag auch durchzuführen. Man sieht aus diesen Angaben, wie reiflich der Mann seine Tat troti seiner langen 34 jährigen Erfahrung und Uebung überlegte. Wir wollen auf die Einzelheiten nicht eingehen, nur so viel bemerken, dass er die Ausschälung subperitoneal versuchte und mit dem Skalpellstiel nach vorne schabte, aber nicht durchkam, dann das Peritoneum spaltete, den Uterus vorn herauswälzte, aber keine einzige Unterbindung machte, sondern zum Schluss nur aluminierte Scharpie in die Scheide füllte wie seine Vorbilder Osi ander und Langenbeck auch getan hatten. Durch das Schaben nach vorn scheint die Blase verletzt worden zu sein, denn die Frau hatte Incontinentia urinae und bei der Sektion einen Defekt der hinteren Blasenwand. Wer in den Wissenschaften etwas tatsächlich Neues hervorbringt, streut Samenkörner aus, die manchmal auf dürren, unfruchtbaren Boden fallen und untergehen, manchmal aber fruchtbares Erdreich finden und zu einem segenspendenden Baum der Erkenntnis auswachsen. Für die Aussaat Sauters waren damals die Verhältnisse zu ungünstig. Die Operation wurde zwar einigemal im gleichen Jahrzehnt wiederholt und dann immer im Laufe des 19 Jahrhunderts vereinzelt gewagt, aber fast immer mit schlechtem Ausgang. Die Zeit war nicht reif und musste erst die Antisepsis erfunden werden, ehe diese schwere Operation erfolgversprechend werden konnte. Aber was gut ist, findet doch immer wieder seine Anerkennung. Das von Sauter ausgestreute Samenkorn war in 50 Jahren nicht verdorrt und wurde von He gar (1874) ausgegraben und darauf fussend ein Programm einer brauch¬ baren Totalexstirpation theoretisch begründet. Als dann W. A. Freu n^ (1878) seine abdominale Methode geschaffen, diese aber wieder anfangs beti übend schlechte Erfolge aufwies, so dass man nahe daran war, sie zu verlassen, griffen Czerny, Karl Schröder und Bill- roth (1879) fast gleichzeitig auf die Sauter sehe Operation zurück, die nun überraschende Erfolge zur Heilung des Gebärmutterkrebses zeitigte und den Anfang einer neuen Aera bildete. _ _ Zweifel- Leipzig. Einige entbehrliche Fremdwörter im ärztlichen Sprach¬ gebrauch. Der „Patient“ Wie der Petent, der Deliquent, der Inkulpat der Juristen, so sollte auch der „Patient“ der Aerzte verschwinden. Aber viele scheinen in dieses Wort geradezu verliebt zu sein. Da liest man dicht hinter¬ einander: „Patient“ war früher gesund. „Patient“ gab an, Magen¬ schmerzen zu haben, „Patient“ klagt über Kopfweh. Nicht einmal der Artikel wird oft dem Armen zugebilligt! Warum in aller Weit nicht: der Kranke und die Kranke? AlsoniedermitdemPatienten, es lebe der Kranke! Das „Individuu m“. Auch das „Individuum“ könnte in rein ärztlichen Berichten allmäh¬ lich zu Grabe getragen werden. Wozu: es handelt sich um ein kräftiges „Individuum“, oder um ein lang aufgeschossenes „Individuum“, anstatt um einen kräftigen Mann oder um eine kräftige Frau, oder um einen lang aufgeschossenen Knaben oder ein lang aufgeschossenes Mädchen? Daheim ist bekanntlich der Mensch im wörtlichen Sinne gar nicht „unteilbar . Es können ihm Arme und Beine abgenommen werden. Ausserdem hat die Bezeichnung „Individuum“ bekanntlich nicht selten einen unangenehmen Beigeschmack. Man spricht zwar von *) Die gänzliche Exstirpation der karzinomatösen Gebärmutter ohne selbst entstandenen oder künstlich erzeugten Vorfall vorgenommen und glücklich vollführt von Dr. Joh. Nep. Sauter, Grossherzogi. Bad. Medizinalrat und Amtsphysikus in Konstanz. Mit Abbildungen in Steindruck. Konstanz 1822. 20 MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT. Nr. 1. herabgekommenen Individuen, niemals aber von heraufgekommenen, etwa gar bei einem Minister. Und es ist schon vorgekommen, dass ein einfaches ungelehrtes Menschenkind das Wort „Individuum als Be¬ leidigung aufgefasst hat. Das „ätiologische Momen t“. Ein prachtvoll dahinrollendes Wortgebilde, etwa wie die ->amyo- tronhische Lateralsklerose“, die sich übrigens schwerer ins Deutsche übertragen liesse, als jenes, obgleich „Vorderhornseitenstrangschwund auch ganz gut ist. Aber warum für das „ätiologische Moment nicht einfach Ursache, oder Vorbedingung, oder Veranlassung, je nachdem. Dazu kommt, dass „Aetiologie doch die Lehre von der Ursache, nicht d'e Das^ weite Wort in dem schönen Wortgebilde, das »Moment ist zwar recht beliebt, aber auch zum grössten Teile recht überflüssig. Es kann durch „Umstand“. „Tatsache“ u. dergl sehr gut : ersetzt wer¬ den oder in seiner eigentlichen Bedeutung durch „Augenblick. Aber wie gelehrt klingt es, wenn „noch ein weiteres Moment in Betracht kommt, oder „ein weiteres Moment hervorgehoben wer¬ den muss. Möge auch einmal das „Moment“ in. Betracht gezogen werden, dass das „Moment“ kein deutsches Wort ist. Der „Prophylaktike r“. Ein wahrhaft fürchterliches Wort! Es sollte doch eigentlich nur der mit dem Worte bezeichnet werden, der verhütet, vorsorgt, wacht, ebenso wie der Taktiker der ist, der stellt und nicht der, welcher gestellt wird. So wird aber der Schwindsuchtsverdachtige oder der mit der Anlage zur Schwindsucht Behaftete, oder gar der schon leicht Kranke, also der, welcher geschützt werden soll als „ProphylakLker bezeichnet Allerdings öfters schamhaft mit Gansefusschen. Könnte man nicht „die Gefährdeten“ oder die „Veranlagten zum richtigen Prophylaktiker, dem Arzte, senden, wobei ja frei lieh auch der Beschützte zugleich sein Beschützer werden kann und soll. Prof. Friedrich Schul tze. Für die Praxis. Die Behandlung des Magengeschwürs. Von Friedrich M ü 1 1 e r - München. Die Unsicherheit, welche sich in der Therapie des Magengeschwürs geltend macht, ist hauptsächlich hervorgerufen durch die Unsicherheit der Diagnose. Doch lässt sich nicht verkennen, dass die Diagnose des Magengeschwürs in den letzten Dezennien an Sicherheit gewonnen hat°und zwar einmal durch den Nachweis kleiner Blutmengen im Stuhl und dann vor allem durch die Röntgendiagnostik. Freilich sind auch diese beiden Methoden nicht ohne Fehlerquellen: derjenige Arzt, wel¬ cher bei jedem schwach positiven Ausfall einer Benzidinprobe genügt ist die Diagnose auf Ulcus ventriculi zu stellen, wird oft genug eine Fehldiagnose machen, und auf dieser dann allerdings eine sehr erfolg¬ reiche Therapie aufbauen. Es handelt sich weniger darum, die proben immer mehr zu verfeinern, also darum : ihre Zu verl ass ig keit zu erhöhen, und dazu ist erforderlich, dass die Kost vor An¬ stellung der Probe 3 Tage vollkommen fleischlos gewesen sein .muss und dass die Untersuchung mit Guajak oder Benzidin im Aether- e x t r a k t des mit Essigsäure angesäuerten Stuhls vorgenommen wird wie dies mein damaliger Assistent Hermann W e b e r vorschlug - Auch darf nicht vergessen werden, dass Blut im Stuhl und im Erbrochenen nicht bloss von einem Magengeschwür herruhren kann. Es sind uns mehrere Male Fälle vorgekommen, wo wir wegen schwerer Magen- blutring ein Ulcus ventriculi annahmen und die Patientin sogar zur Operation brachten, während dann die Sektion keine Spur eines ge- schwürigen Prozesses, aber das Vorhandensein einer Schrumpfm i nachwies. Auch wird bisweilen wegen konstanter kleiner Blutmeng im Stuhl ein Magengeschwür angenommen, während die Blutung tat¬ sächlich aus dem Darm stammt, z. B. aus einem tub e r M'los^ r karzinomatösen Darmgeschwür oder aus Hämorrhoiden. Die Röntgen¬ untersuchung kann dann den sicheren Beweis für ein Uicus liefern wenn eine deutlich ausgesprochene Nische, namentlich an der kleinen Kurvatur vorhanden ist. Auch wird eine an derselben Stelle der grossen Kurvatur immer wieder sich zeigende ringförmige Einschnürung berechtigten Verdacht auf ein Ulcus erwecken Aber in sehr vielen Fällen von sicherem Ulcus ventriculi fehlen diese röntgenologischen Anhaltspunkte, und gerade die Diagnose des Ulcus juxtapy oncum ent¬ zieht sich sehr häufig dem Nachweis durch Rontgenstrahlen. Es ist jetzt wohl allgemein anerkannt, dass die Säureverhältnisse des Magens keinen sicheren Schluss für das Vorhandensein oder Fehlen eines Ulcus ventriculi gestatten. Eine ausgesprochene Superaziditat tinöet sich nur in ungefähr 40 Proz. der Fälle. Doch ist es freilich selten, dass in den Fällen von anhaltender hoher Superaziditat schliesslich bei der Sektion oder der Operation kein Ulcus gefunden wird. _ Die Lokalisation eines Spontanschmerzes oder eines zirkumskripten Druckschmerzes im Epigastrium und auch in der Pylorusgegend. also am rechten Rand der Wirbelsäule, ist in ihrer diagnostischen Bedeutung von James Mackenzie ernstlich in Frage gezogen worden, der nachwies, dass der lokale Druckpunkt sehr oft gar nicht im Bereich des Magens liegt. Findet sich jedoch eine konstante Druckempfindlich¬ keit, welche bei der Untersuchung unter dem Fluoreszenzschirm immer einer bestimmten Stelle etwa der kleinen Kurvatur oder des Pylorus entspricht so dürfte ein solches Verhalten doch wohl in hohem Grade für das Vorhandensein eines Ulcus sprechen. ... Kann somit die Diagnose des Ulcus ventriculi in einer sehr grossen Zahl von Fällen mit einiger Sicherheit gestellt werden, so fehlt es doch anderseits an Beweisen dafür, ob und wann ein solches Ulcus als ausgeheU t zu betrachten ist. Die Tatsache, dass die Magen¬ geschwüre häufig ausheilen, ergibt sich nicht bloss aus zahlreichen Ob¬ duktionsbefunden, sondern ist neuerdings auch von Harald O e h n < :1 * dadurch bewiesen worden, dass eine früher vorhandene Nische unter der Behandlung allmählich verschwunden ist. Man wird sich aber hüten müssen, aus dem Aufhören der Beschwerden und vor allem der Schmerzen allein schon den Schluss auf die Ausheilung des Magen¬ geschwürs zu ziehen. Dieser Fehlschluss hatte früher zu der Annahme verleitet, dass Patienten mit 'ausgeheiltem Magengeschwür sehr häufig eine Neigung zur Entstehung neuer Magengeschwüre zeigten. Die Obduktion hat aber in solchen Fällen gewöhnlich nur ein einziges altes tiefgreifendes Geschwür ergeben, dessen Dauer auf Jahrzehnte zuruck- datiert werden musste. Da wir also tatsächlich nur in seltenen Fa en die wirkliche definitive Vernarbung eines Magengeschwüres feststellen können, so werden wir uns darüber klar sein müssen, dass die 1 hera- pie in der Hauptsache das Ziel ins Auge fasst, die vom Ulcus erzeugten Symptome, also die Schmerzen wie auch die Blutbeimen¬ gungen im Stuhl auf längere Zeit zum Verschwinden zu bringen. Zur Behandlung des Magengeschwürs stehen uns abgesehen von den chirurgischen Eingriffen (die hier nicht erörtert werden sollen) hauptsächlich drei Wege zur Verfügung: 1. die Ruhekur, 2. die Diätkur und 3. die arzneiliche Behandlung. Die von Ziems sen, Leube und vielen anderen eingefühlte Be¬ handlung durch mehrwöchige Bettruhe ist in neuester Zeit namentlich von den schwedischen und amerikanischen Aerzten wieder in ver¬ schärfter Weise empfohlen worden, als unerlässliche Voraussetzung für jeden definitiven Erfolg. Es kann auch gar keinem Zweifel unter¬ liegen, dass bei allen Patienten mit schweren Schmerzen, wie auch bei solchen mit grösseren Blutungen, die mehrwöchige Bettruhe von ent¬ scheidendem Einfluss ist. Sicherlich spielt für ihren Erfolg die psychi¬ sche Beruhigung und die Fernhaltung von allen möglichen nervösen Schädigungen eine Rolle. Anderseits aber lasst sich nicht verkennen, dass die Mehrzahl der Patienten mit leichten Ulcusbeschwerden zu einer so langwierigen Bettruhe nicht zu bewegen sind. Sie können ihren Haushalt, ihren Beruf aus zwingenden Gründen nicht völlig aut- geben, sie haben für eine solche Kur nicht die Zeit und nicht das Ge d, und sie können tatsächlich auch ohne Liegekur unter geeigneter diäte¬ tischer und arzneilicher Behandlung beschwerdefrei werden. Voraus¬ setzung ist allerdings, dass die Patienten ein pedantisch geregeltes Leben führen und dass sie nach jeder Mahlzeit eine Liegezeit von mindestens Stunden durchführen. Ein wesentliches Hindernis für die Behandlung solcher leichter Fälle liegt in der sog. ungeteilten Ar¬ beitszeit, welche den Bureaubeamten nach der Mittagsmahlzelt keine Ruhepause gewährt. Bei der d i ä t e t i s c h e n Behandlung wird man sich zunächst die Fia^e vorlegen müssen, ob es nach frischen Blutungen erlauot ist, zunächst einige Tage völligen Hungems zu verordnen oder ob die von Lenhartz vorgeschlagene kühnere Behandlung mit sofortiger Nah¬ rungsaufnahme empfehlenswerter ist. Dass die Lenhartz sehe ei- ordnung meist ohne Schaden vertragen wird, dürfte ■ wohl erwiesen sein. Damit ist aber noch nicht gesagt, das sie auch von N u t z e n sei und dass nicht ein mehrtägiger Hunger noch besser sei. Die amerikanischen und skandinavischen Autoren schliessen sich dieser An¬ schauung an und jedenfalls muss betont werden, dass ein mehrlagiger Hunger " nicht den geringsten Schaden herbeiführt Ja, man dar! überhaupt beim Ulcus ventriculi in den ersten Wochen dien Kalorien¬ gehalt der Nahrung entschieden niedriger halten, als er dem tatsäch¬ lichen Verbrauch entspricht, nur darf sich die Unterernährung nicht auf eine grosse Reihe von Wochen erstrecken. Will man aber den Magen wirklich ein paar Tage lang durch Hunger ruhig stellen, dann darf man den Patienten auch nicht das beliebte Schlucken von Eis¬ stückchen empfehlen, sondern man muss den Durst durch ein lropt- klystier bekämpfen. ... . ,,, Die diätetischen Verordnungen beim Magengeschwür gingen ur- so''ün glich von theoretischen Vorstellungen aus: „der Sauregehalt des Magens ist beim Geschwür erhöht, diesen gilt es herabzusetzen, indem man die Säure bindet und nur ein Nahrungsmittel ist geeignet die Salz¬ säure zu binden, nämlich das Eiweiss“. Aus diesem Grunde haben Leube und Ziemssen eine fleischreiche Kost empfohlen. Nun haben aber die Untersuchungen von P a w 1 o w gezeigt, dass gerade das Fleisch und seine Extraktivstoffe, also auch die Suppen und Saucen in besonders hohem Grade die Eigenschaft haben, die Sauresekretion des Magens zu steigern, und man wird desha.b auf Grund der Be¬ obachtungen von Pawlow ebenso gut zu dern gegenteiligen . er¬ schlag kommen können, nämlich zu demjenigen, Fleisch und rleisch- produkte gänzlich zu verbieten. In diesem Dilemma wird sich der Arzt hauptsächlich von den Angaben des Patienten leiten lassen, denn dieser hat bei der Beurteilung des Erfolges doch schliesslich das letzte Wort zu sprechen. Tatsächlich gibt es sehr viele Falle von Magen¬ geschwür und namentlich von Superaziditat, bei welchen sich eine fleischfreie oder mindestens sehr fleischarme Kost von auffallendem Nutzen bewährt; es gelingt bei diesen Patienten sehr leicht sie zu Vegetariern zu erziehen und nicht wenige bezahlen eine Rückkehr zur Fleischkost alsbald mit dem Neuauftreten ihrer Schmerzen. . Ein Versuch mit fleischfreier Kost ist also jedenfalls erlaubt, und in jenen 6. Januar 1922. MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT. 21 Fällen, wo Fleisch ohne Beschwerden ertragen wird, wird man er- fahrungsgemäss solche Fleischgerichte besser vermeiden, welche sich schlecht zerkleinern lassen (Roastbeef) oder welche mit Fett stark durchwachsen sind und somit der Auflösung im Magensaft Schwierig¬ keiten entgegen setzen. Kalter gekochter magerer Schinken hat sich, wie die Karlsbader Erfahrungen zeigen, meist als zweckmässig er¬ wiesen, warmer Schinken und überhaupt fettes Schweinefleisch ist nachteilig. Zwischen Kalbfleisch und Rindfleisch scheint kein nennens¬ werter Unterschied zu bestehen und die Warnung vor Wildbret dürfte kaum begründet sein. Eher diejenige vor dem fetten Fleisch der Gans. Natürlich sollten auch starke Fleischsuppen und Saucen ver¬ mieden werden. Hirn und Bries haben früher in der Diät der Magen¬ kranken eine grosse Rolle gespielt, vielleicht wegen ihrer weissen „blanden“ Farbe. Tatsächlich gehören beide keineswegs zu den leicht verdaulichen Speisen, wie schon C. V o i t gezeigt hat. — Die Eier, denen der Laie meist einen übertrieben hohen Nährwert zuschreibt, sollten nicht in zu grosser Menge genossen werden; sie verursachen viel weniger Beschwerden, wenn sie zerquirlt in Milch oder in allerlei Suppen und Mehlspeisen verkocht gereicht werden, als wenn sie roh oder gar hart gesotten genossen weiden. Im allgemeinen gilt die Regel, dass die Kost des Ulcuskranken ziemlich arm sein soll an Fett, und die Erfahrung der meisten Magen¬ kranken zeigt, dass alle Gerichte, welche eine Hülle von Fett darbieten, Beschwerden erzeugen. Das gilt nicht nur von den in Fett gebackenen Fleisch-, Fisch- und Mehlspeisen, sondern auch von den gerösteten Kartoffeln und von dem in Oel eingehüllten Salat. Ferner sind die Magenkranken überaus empfindlich gegen alle Fette, welche nicht von untadelhafter Beschaffenheit sind. Eine ranzige Butter kann ihnen grosse Beschwerden verursachen, während frische Butter vertragen wird. Am besten wird zweifellos das Milchfett vertragen, und der Rahm erweist sich oft als besonders wertvoll und zwar nicht nur wegen seines hohen Kaloriengehaltes, sondern geradezu als schmerzstillend. Aber auch reines bestes Olivenöl ist bisweilen von grossem Nutzen, namentlich in manchen Fällen von Pyloruskrampf, Nüchternschmerz und Superazidität. Man kann zu einer richtigen Oelkur oder Rahmkur schreiten, indem man z. B. früh morgens nüchtern oder nachts einen Esslöffel Oel oder eine Tasse Rahm gemessen lässt. Die Milchkur ist schon von Cruveilhier empfohlen worden, der bekanntlich das Magengeschwür zuerst beschrieben hat, und das regime lacte stricte gilt noch heute in Frankreich als die Kur des Ulcus. Wohl nicht ganz mit Recht. Der Arzt, welcher an sich selbst einen mehrtägigen Versuch mit reiner Milchnahrung gemacht hat, wird sie nicht so leicht einem Patienten als längere Kur zumuten. Grössere Mengen purer Milch werden von Magenkranken oft schlecht ver¬ tragen und es sollten nicht mehr als ein halber oder dreiviertel Liter davon getrunken werden. Viel besser pflegt Milch vertragen zu werden, wenn sie mit Amylaceen verkocht wird, in Breien, als Kartoffelpüree, als Milchreis, mit Nudeln usw. Die amylaceen haltige n Speisen stellen den wichtigsten Bestandteil für die Ernährung der meisten Magenkranken dar. Zwie¬ back, Reis, Griess, Hafermehl, Graupen. Nudeln jeder Art, Makkaroni usw., Kartoffelpüree, ja lockere Knödel, alles dies mit Milch zubereitet, sind besonders empfehlenswert. Schwarzes Brot ist dagegen unbedingt zu vermeiden. — Es müssen verboten werden : schwarzer Kaffee. Essig und alle mit Essig zubereiteten Speisen, also z. B. Salate, ferner sauerer Wein, und alle übersüssen Gerichte und Konditorwaren. — Schliesslich sei erwähnt, dass die Rückkehr zur gewöhnlichen Kost erst nach einer Diätkur von mindestens einem halben Jahr, wenn überhaupt, er¬ folgen darf. Die arzneiliche Behandlung ist gegenüber der diäteti¬ schen bei uns vielfach zu Unrecht vernachlässigt worden; es kann gar keinem Zweifel unterliegen, dass sie in vielen Fällen von grossem Nutzen ist. Das Argentum nitricum ist ein altbewährtes Medikament, namentlich in jenen Fällen, welche durch starke Schmerzen aus¬ gezeichnet sind. Man gibt es am besten in folgender Verordnung: Argentum nitricum 0,2, Aqua dest. 150,0 morgens nüchtern einen Ess¬ löffel voll, in einer Tasse warmen Wassers getrunken. Diese Kur kann 3 bis 5 Wochen lang fortgesetzt werden, freilich nicht ad infinitum, wie dies früher manchmal geschah, mit dem Resultat, dass sich bei den Patienten eine Argyrose einstellte. Im Anschluss an die Silberkur kann das Wismut als subnitricum oder carbonicum für eine Reihe von Wochen dargereicht werden; die Erfahrung hat gezeigt, dass die Auf¬ nahme einer grossen Wismutmahlzeit (zum Zweck der Röntgendurch¬ leuchtung) oft eine auffällige Beruhigung der Schmerzen zur Folge hat. Das Wismut sollte in nicht zu kleinen Dosen gegeben werden, also etwa in der Menge von einem guten Teelöffel und ebenso wie das Silber des morgens nüchtern in einer Tasse warmen Wassers. — Durch Riegel ist das Atropin eingeführt worden, um die Salzsäureproduktion des Magens herabzusetzen. Es soll nicht geleugnet werden, dass das Atropin in manchen Fällen sehr günstig wirkt, doch sollte es nicht in grösseren Dosen als bis zu einem viertel oder halben Milligramm pro Tag. gegeben werden, denn es hat die unliebenswürdige Eigen¬ schaft, bei längerem Fortgebrauch nicht bloss die lästige Trockenheit des Rachens, sondern vor allem auch eine quälende psychische Unruhe zu erzeugen. Viel wirksamer und dabei ganz unschädlich erscheint das Atropinderivat Eumydrin, welches in der 10 fachen Dose gegeben werden kann. Also etwa Eumydrin 0,1 auf 100 Pillen, zweimal täglich 2 Pillen, oder 0,1 zu 20,0 Wasser, zweimal täglich 10 — 21) Tropfen. In dieser Form- hat sich uns das Eumydrin sehr bewährt; es wird ohne Schaden und bei gleichbleibender Wirkung monatelang vertragen. Beim Vorherrschen von schmerzhaften Pyloruskrämpfen ist das Papa¬ verin zu empfehlen, das auf den Magen eine viel stärkere Wirkung zu entfalten scheint als auf die spastischen Zustände des Darms. Man gebe vor der Zeit der erwarteten Schmerzen, also vielleicht 2 — 3 mal im Tage,, ein Plätzchen zu 0,03 oder 0,04. Das Natron bicarbonicum pflegt bei vielen Magenkranken die Schmerzen prompt zu beseitigen. Man hüte sich aber davor, es zu häufig zu geben, und die Patienten daran zu gewöhnen, sie können zu reinen „Natronisten“ werden. Es scheint, dass durch den häufigen Natrongebrauch die Superazidität durch Ueberkompensation geradezu grossgezogen wird. Man muss sich darüber klar sein, dass eine Besserung der Magen¬ beschwerden niemals erwartet werden kann, solange jene spastische Obstipation fortbesteht, welche das Ulcus ventriculi in der Regel begleitet. Sie wird am besten durch Belladonna bekämpft und zwar nach der alten Trousseau sehen Regel mit Pillen, welche je ein Zentigramm Extractum belladonnae enthalten. Von diesen werden meistens zwei, des abends vor dem Schlafengehen genommen, aus¬ reichen, um Stuhl zu erzeugen. Ist das nicht der Fall, so muss eine kleine Menge Extractum aloes oder Rhel zugefügt werden. Also etwa: Extractum aloes 2,5, Extractum belladonnae 0,6, fiant pilulae 60. 2 bis 3 Pillen des Abends. Von der arzneilichen Behandlung der Magenblutung ist nicht viel zu erwarten; selbstverständlich darf nicht etwa Adrenalin subkutan oder intravenös eingespritzt werden, weil durch die Erhöhung des Blutdrucks die Gefahr einer Blutung nachweislich gesteigert wird. Aber auch die lokale Einführung von Adrenalin in den Magen, 3 — 5 mal täglich 20 Tropfen der üblichen Lösung in etwas Wasser, hat uns keine überzeugenden Erfolge gebracht. Vielleicht deswegen, weil die anfäng¬ lich erzeugte lokale Anämie bald von einer Hyperämie abgelöst wird. Ebensowenig haben sich die Blutplättchenpräparate bewährt. Ob mit Gelatine per os oder subkutan oder mit Kalksalzen eine Stillung der Blutung befördert werden kann, ist unentschieden. Bücheranzeigen und Referate. L. K r e h 1: J. v.Meriings Lehrbuch der inneren Medizin. I. Band mit 113 Abbildungen im Text. II. Band mit 204 Abbildungen im Text und 8 Tafeln. 13. durchgesehene und vermehrte Auflage. Jena, Gustav Fischer, 1921. 1490 Seiten. Preis 110 M. Das im Laufe der Jahre immer mehr an die führende Stelle gelangte Lehrbuch der inneren Medizin bildet sich jetzt zu einem „Jahrbuch“ aus. Vor kaum Jahresfrist konnte ich in dieser Wochenschrift (1921 Nr. 6 S. 183) der zwölften Auflage das Geleit geben und schon liegt die drei¬ zehnte vor. So wird es dem Meisterwerk leicht, sich auf der erreichten Höhe zu erhalten. Die Menge des neuen Stoffs ist bei der Kürze der Pausen zwischen den Auflagen immer leichter zu bewältigen. Seit der zwölften ist nicht mehr viel Neues hinzugekommen. Aber sehr an¬ erkennend möchte ich hervorheben, dass, meinem in der vorigen Anzeige geäusserten Wunsche entsprechend, mit einer Verminderung des Gesamtumfangs des Buches wenigstens der Anfang gemacht ist, in¬ dem die 13. Auflage 3 Bogen weniger hat. Zum Teil ist diese Ver¬ kleinerung durch Wegfall einiger weniger wichtiger Abbildungen er¬ reicht worden. Vielleicht wäre es möglich, in der nächsten Auflage bei den Herz- und Lungenkrankheiten einige lehrreiche Röntgenbilder einzufügen, die nicht viel Raum beanspruchen würden. Wenn es tun¬ lich wäre, auch meinen in der obenzitierten Anzeige ausgesprochenen Wunsch nach leichter verständlicher Darstellung, insbesondere der Stoff¬ wechselkrankheiten und Neurosen, zu erfüllen, so würde sich das Lehr¬ buch unter den jüngeren Medizinern noch mehr Freunde erwerben. Diese kritischen Bemerkungen haben natürlich nur den Zweck, dem Buch zu immer höherer Vollkommenheit zu verhelfen. Dass es be¬ reits den höchsten Ansprüchen genügt, beweist der beispiellose Erfolg, an dem ausser dem Herausgeber und den Mitarbeitern auch die Verlags¬ buchhandlung mit der tadellosen Ausstattung des Buches beteiligt ist. — Die Anzeige kann ich nicht schliesseti, ohne des viel zu frühen Todes meines lieben früheren Kollegen und Freundes D. Gerhardt zu ge¬ denken, dem der Herausgeber in der Vorrede einen tief empfundenen, warmen Nachruf widmet. Mögen recht viele diese Worte lesen, damit die Aerztewelt in »ihrer Gesamtheit erfährt, was unsere Wissenschaft an D. Gerhardt verloren hat. P e n z o 1 d t. Edward Mellanby: Experimental Rickets. London 1921. Publi¬ kation des Medical Research Council. 78 Seiten Text und 129 Ab¬ bildungen. Preis 4 Schilling. Diese ausgezeichnete Schrift, die der Verfasser als „vorläufige Mit¬ teilung“ bezeichnet, berichtet über glänzend durchgeführte Fütterungs¬ versuche an fast 400 jungen Hunden. Radiographie, Bestimmung des Kalkgehalts der Knochen und genaue histologische Untersuchung nach den besten Methoden sind bei der Feststellung der Versuchsergebnisse in weitestem Umfange herangezogen worden. Völlige Beherrschung des schwierigen Stoffes, strenge Sachlichkeit des Urteils und klare Darstellung machen die Lektüre zu einem seltenen Genuss. Die vom Verfasser an seinen Versuchstieren erzeugte Rachitis stimmt mit der menschlichen Rachitis vollkommen überein. Auf alle Ergebnisse der Versuche einzugehen, ist im Rahmen eines kurzen Referates unmöglich. Hervorgehoben sei, dass Verfasser die Identität des antirachitischen Vitamins mit dem fettlöslichen Wachstumsvitamin für wahrscheinlich hält. Zulage von Fleisch wirkt quoad Rachitis günstig, grössere Mengen Brot dagegen sehr ungünstig. Auch Säure- 22 MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT. Nr. 1. kasein wirkt ausgesprochen ungünstig, üabkasein dagegen nicht. Das wirksamste diätetische ProphylaKtikum und Heilmittel bleibt der Leb trau Die Bewegungsbeschränkung steht nach Mellanbys Lrgen nissen hinter den diätetischen Faktoren an ursächlicher Bedeutung ent¬ schieden klassischen Untersuchungen Mellanbys, die ungeheure Kosten verursacht haben müssen, bringen dem deutschen Leser die ve - zweifelte Notlage unserer wissenschaftlichen Uistimte d°pP|^tn|c!irn| lieh zum Bewusstsein. Stoeltzner-Ha • Friedrich D i m in e r : Der Augenspiegel und die ophthalmoskopische Diagnostik. Dritte, vollständig umvearbeitete u"d afn"d 633 Seiten. Mit 146 Abbildungen im Text und 16 Tafeln. Leipzig und Wien, Franz Deut icke, 1921. Broschiert M. DO.—. Das stattliche Werk ist zwei Meistern der Augenheilkunde ge¬ widmet, Ernst Fuchs zur Feier seines 70. Geburtstags und Hermann v Helmholtz zur 100. Wiederkehr des semigen. Das in der früher F u c h s sehen Klinik in diesem Sommer enthüllte prachtvolle Marrrim - porträt. das Josef M ü 1 1 n e r geschaffen und das beim atzten Ophthai- mologenkongress allgemein bewundert wurde, sowie eine von Jos Tautenhayn gegossene Plakette von Helmholtz sind in schone WkSKSL Ausgaben des Werkes nrehr für die Bedürf- nisse des Anfängers berechnet und dementsprechend wenig umfang- refch waren wollte Verfasser in diesem Buch das Thema vollständig erschöpfen und auch dem Vorgeschrittenen als Basis für weitere For¬ schungen nutzbar machen. So sind den einzelnen Kapiteln Literatu - hin weise beigefügt, die das wichtigste enthalten. Das Buch bringt zu¬ nächst eine optische Einleitung,, sodann ein Kapitel über die des Augenspiegels, wobei auch die- nur für Spezialisten m Betracht kenn menden reflexfreien elektrischen Augenspiegel nach . T h i or ne r, Wolff Qullstraiid u. a. eingehend beschrieben und abgebildet werden.' Auch die Gu 11s trän d sehe Nernst-Spaltlampe und die Mikroskopie des Augenhintergrundes, welche unter J?rHnrn W^ kro^ unter Anwendung starker Vergrosserungen mit dem Ho™hautm kro- skop vorgenommen wird, erfahren eingehende Berücksichtigung Dass hier ein ganz neues und weites Gebiet für die ophthalmoskopische Diagnostik erschlossen ist. dessen klinische Bedeutung freilich erst die Zukunft wird abwägen können, wird immer einleuchtender. Genauer geschildert wird auch die Photographie des Augenhinter¬ grundes, eine Methode, um die sich Verfasser durch Konstruktion eures eigenen Apparates und gründliche Studien verdient gemacht hat. Von den 16 dem Werk beigefügten Tafeln bringen 6 mikrophotographische Aufnahmen zur Histologie des Auges, die übrigen 10 stellen ausnahms¬ los photographische Hintergrundsaufnahmen dar, die zweifellos dieprak- tische Verwendbarkeit der Methode für wissenschaftliche und Unter- richtszwecke dartun. Da je 15 Aufnahmen auf einer Tafel vereinigt sind, handelt es sich um 150 einzelne Bilder, die sich auch vortrefflich zur Projektion eignen. Gegenüber gewissen Nachteilen, die - diese Bil¬ der durch das Fehlen der Farben in gemalten Atlanten, aufweisen-, haben sie unbestreitbare Vorteile durch die protokollarisch sicher .niedergeleg¬ ten Lokalisations- und Umrissverhältnisse. So eignen sie sich Ranz be¬ sonders auch zur Projektion im Augenspiegelkurs und m der Klinik Der zweite, über */ 3 des Werkes einnehmende Teil ist ganz der Diagnostik der bei der Augenspiegeluntersuchung sichtbaren Anomalien gewidmet. Hier bot sich dem Verfasser Gelegenheit seine eigene reiche Erfahrung auf diesem Gebiet zu verwerten. So ist ein originelles Buch entstanden, das dem Studierenden, der tiefer eindringen- will, wie dem wissenschaftlichen Forscher gleich gute Dienste leisten wird Die Ausstattung durch den Verlag ist -eine sehr gute was bei den jetzigen Verhältnissen — das Buch ist in Wien gedruckt — doppelt anzuerkennen ist. S a 1 z e r - München. spielen“, von ujrIassenden^Turnfeste^i^wie^sie^in^der^Schwe^Hcr- ietzF^iach'dem uns Fjie allgemeine Wehrpflicht genommen ist, nur S-SäS SS susfehen E der DurcAIühnmg der „Deutschen Reichs-Jugendwett- kämpfe“' ist ein wichtiger Schritt in dieser Entwicklung getan. Das Büchlein ist aus der Praxis entstanden und soll die Veranstaltung von Wettspielen und Wettkämpfen, soweit sie für Volks- und Jusend feste in Bedacht kommen, erleichtern. Es gibt an praktischen .Beispielen eine Fülle wertvoller Anregungen für die Anlage und Ausnutzung de. Kampfplatzes die Zusammenstellung der Kämpfe, die Best{)n?"lpI1^gtt H Pes bespricht die verschiedenen Gruppen der sportlichen Wett¬ kämpfe wie Laut Sprung, Wurf, Ringen, die Wettspiele die turne¬ rischen' Massenübungen; auch die Wettkämpfe scherzhafter Ar, S uralten Bestandteil unserer Volksfeste bilden, sind berücksichtigt. Grassmann - München Prof. Dr. Max Joseph: Lehrbuch der Geschlechtskrankheiten für Aerzte und Studierende. 8. Auf!. Mit 54 Abbildungen und 1 Tafe . Leipzig 1921, Thieme. VII + 217 S. Die neue Auflage des bekannten Lehrbuches lässt der Verfasser, der Not der Zeit gehorchend, in erheblich gekürzter Form erscheinen. Trotzdem sind alle wichtigen neuen Errungenschaften genügend ge¬ würdigt. so dass es dem Werke wohl gelingen wird? durch seine Vor¬ züge, besonders durch die gewandte und ungewöhnlich übersichtlich Darstellung auch in dieser neuen Form seinen Platz unter den zahl- reichen venerologischen Lehrbüchern zu behaupten. Ref. hatte nur den Wunsch, dass die nongonorrhoischen Urethritiden entsprechend ihrer grossen Bedeutung für die Praxis, etwas ausführlicher behandelt und auch die liongonorrhoischen Komplikationen in den Kreis der Be¬ trachtung gezogen werden. Siemens- München. F A Schmidt: W ettkämpfe, Spiele und turnerische Vorführungen bei Jugend- und Volksfesten. 7., völlig umgearbeitete Auflage Mit 45 Abbildungen im Text und auf 4 Tafeln. Verlag von G. B. 1 e u b n e r, Leipzig und Berlin, 1921. (116 Seiten.) Wie bei ihrem ersten Erscheinen, so dient die kleine Schrift auch diesmal vornehmlich der schönen Aufgabe, den Sinn für eine gesunde Ausbildung des Körpers in allen Kreisen unseres Volkes, besonders aber in der Schuljugend zu wecken. Durch Veranstaltung von sport¬ lichen Wettkämpfen und turnerischen Vorführungen grossen Stils soll das Interesse für alle Arten körperlicher Uebung gefördert werden. Der Verfasser tritt für die Einrichtung von „vaterländischen rest- Zeitschriften-Uebersicht. Zeitschrift für Immunitätsforschung und experimentelle Therapie. Band 32. Nr. 5 (Auswahl). R. T r o m m s d o r f - München : Zur Frage der Steigerung des Agglutin.n- titers durch grosse Blutentziehungen. versuche berichtet in denen bei Kaninchen AAS.' Ä«—» iSntrnTÄ “eVtÄrn"' “ ’ÄÄ « durch Krosse Bln.cn.zich.nKen hc Kaninch“ eine namhafte Erhöh.»* da» Ajgl«.,mn.;ters r Joseph Tannenberg- Marburg: Betrage zur Theorie und Praxis oer Sachs-Georgi- und Wassermannreaktion. Reaktion einer Nach- Verf hat verschiedene Ausführungsarten der S.-ü.- KeaKtion einer * Prüfung1 unterzogen und dabei les.ges.ejli. jmjajWgjJ» fraktionierten Extraktverdunnung wie .die E's*,ch^an Jer Spezifität der iE bSW W™e',bB'i2e b“ 1 Marburg. Exoerlmenielles - Verf hat die von Petruschky angegebene Methode der LinreiDung äktk st. $ Erb« bei intrakutaner und subkutaner Anwendung, um die erste Reaktion erreipe"t r u schky macht -demgegenüber in einer Antwort ^tend. da« die Tierversuche für die Beurteilung der Schutzbehandlung des Menschen nicht ausschlaggebend sein können. Er schlägt eine praktische Methodik vor. E. Putter-Greifswald: Zur .Technik der Herzpunktion beim Meer- SCh'V Neben "einigen anderen praktischen Fingerzeigen schlägt Verf. zur Herz¬ punktion eine neue Nadel mit ganz kurz abgeschrägter Spitze yor^ ah,1,,^ fder Quincke sehen Lumbalpunktionsnadel. L. S a a t h o f f - Oberstclo . Zeitschrift für Tuberkulose. Band 35. Heft 3. Bruno Hey mann und Masaaki K o i k e - Berlin: Ueber die Be¬ schaffenheit der aus Schildkrötenbazillen hergestellten ^“berkulosemittel. Dem Praktiker wird namentlich das von Wichtigkeit sein, dass in 39 gleichwertig signierten und richtig behandelten Friedmannampullen stark schwankende Mengen von toten und lebenden Keimen den verschiedenen Wertigkeitsangaben entsprechende Abstufung des Antigen wurde häufig vermisst.“ Von 24 Baumampullen lau * Schluss- giinstiger nicht besser von Chelomnampullen. „Die praktischen bc“luss folgerungen aus diesen Ergebnissen möchten wir der Aerzteschaft und der .Mcdi^mulverwaUung^ubM-lassem ^ f ^ _ Kön}gSberg: Weitere Untersuchungen wie sich das Tuberkulin höheren Tempera¬ turen ge“ er verhalt ob die durch Tuberkulin und Proteinkörper beim tuberkulösen Menschen verursachten Entzündungen gleichartig sind, ob das T u b e r ku ü rf a 1 solches" oder erst durch im Körper entstandene Abbauprodukte lirkt und endlich, ob im tuberkulösen Körper bei der Vere.mgung von tuber¬ kulösem Gewebe und Tuberkulin ein neuer Korner gebildet wird, der dann erst die Entzündungsreaktion hervorruft, viele labeilen. _ , . H. M a e n d 1 - Alland: Intravenöse Kalziumtherapie bei Lungentuber- klll0SVerf11 wefst^nach. dass diese Injektionen besser als jedes andere Mittel Blutungen zu stillen in der Lage sind. Bei Lungenblutungen gibt er alle Geht Stunden 5 ccm einer zehnprozentteen Kalziumlösung bis zum Stehen der Blutung und dann noch einige Tage täglich ..eine Spritze“ (also wohl 5 ccm) Aber auch sonst ist der Einfluss sehr günstig: das Sputum nimmt ab, Darmschmerzen verschwinden; Fieber wird wenig beeinflusst, wohl aber weichen die ■ hartnäckigen subfebrilen Temperaturen. Eine kleine Bemerkung ist praktisch brauchbar Kommt die Einspritzung neben die Vene, also ins Gewebe, so gibt es eine Nekrose. Man kann diese verhüten, wenn man sofort die Flüssigkeit wegmassiert. 6. Januar 1922. MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT. 23 E Peters- Davos: Viskoslinetrische und refraktometrische Serumunter- suchungen und ihre Bedeutung für die Diagnose und Prognose der Lungen¬ tuberkulose. , Diese Messungen ergeben ,,in ihren absoluten Werten keine Anhaltspunkte iür Diagnose und Prognose der Lungentuberkulose“. Wilhelm v. F r i e d r i c h - Pest: Kann die Milch das Alttuberkulin er¬ setzen? Bei allem (Juten, was man von Milch- und ähnlichen Injektionen (Caseosan) saven kann, darf man nicht vergessen, dass sie nicht, wie das I uberkulin, auf Tuberkulose spezifisch wirken. Heilst ättenbeilage. Liebe: Kritisches zu v. Hayeks ..Tuberkuloseproblem“. v. Hayek: Offene Antwort an Herrn Kollegen Q. Liebe. Liebe- Waldhof-Elgershausen. Archiv iür klinische Chirurgie. Bd. 116. Heit 2. Siedamgrotzky: Spätresultate nach Nierensteinoperationen. Statistischer Beitrag. Nachforschung über das Spätschicksal der wegen Nierensteinen in den letzten 20 Jahren an der Klinik Hildebrands ope¬ rierten Patienten. 73 Operationen an 66 Kranken. In 85 Proz. einseitiges, in 15 Proz. doppelseitiges Leiden. 26 Nephrektomien. 27 Pyelotomien und 12 Nephrotomien. Die .Pyelotomie wird bevorzugt, die Nephrotomie bedeutet eine zu schwere Schädigung der Niere, trotz richtiger Auswahl des Schnittes, trotz Naht und aseptischer Heilung. Sgalitzer: Zur Röntgendiagnostik der Nierenkonkremente. Zur Differentialdiagnose der Nierensteine gehören unbedingt Röntgenauf¬ nahmen in zwei Ebenen. In der seitlichen Aufnahme fällt der Schatten der Konkremente auf den Körper des 12. Brust-, 1. oder 2. Lendenwirbels. Auf diese Weise können verkalkte Mesenterialdrüsen. Kotsteine, Gallensteine mit Sicherheit ausgeschlossen werden. Das Zweiplattenverfahren orientiert in erschöpfender Weise über Zahl, Lage und Form der Konkremente. Dadurch werden alle anderen Hilfsmethoden, die nicht ganz ungefährlich sind, wie z. B. Einführung eines schattengebenden Ureterkatheters usw. überflüssig. M o s z k o w i c z: Die Dickdarmresektiou nach der Vorlagerungsmethode. Im Ileusstadium soll -man niemals vorlagern, sondern den Dickdarm oberhalb der Stenose eröffnen. Es wird die eigene, sorgfältig auszuführende Technik, die eine Modifikation des Mikulicz sehen Verfahrens darstellt, empfohlen. 8 Fälle, einer nach 3 Jahren gestorben. K epp ich: Ueber den intraperitonealen Druck (Druckmessungen am Menschen und Tierversuche). 1. Der intraperitoneale Druck ist unter normalen Verhältnissen meistens vermindert ( ). kleiner als der auf den Bauchdecken von aussen lastende atmosphärische Druck. Seine Grösse schwankt zwischen 0,5 — 3,4 cm Wasser¬ säule. 2. Bei pathologischen Veränderungen (Ulcus. Karzinom des Magens, Ver- grosserung der Gallenblase) wurde in den meisten Fällen eine Druckver- nunderung (~) von 0,2 7,0 cm Wassersäule gemessen. 3. Der intraperitoneale Druck ist ziemlich konstant, wird durch die Atmung, Bauchpresse, Druck auf die Bauclniecken nur selten und unwesentlich beeinflusst,, ebenso nicht durch Lageveränderungen. ■ , akuten entzündlichen Erkrankungen des Peritoneums war der mtraperitoneale Druck bis zu 18 cm Wassersäule erhöht (+). 5. Nach dem künstlichen Pneumoperitoneum bleibt eine wesentliche Drucksteigerung (~r) mehrere Tage lang bestehen. 6. Ein besonderer Zusammenhang zwischen Abdominalerkranklingen und Grosse des mtraperitonealen Druckes kann nicht festgestellt werden. frakturen*1 n n 6 7 U"d Schönbauer: Zur Behandlung der Schädelbasis- 48 ^1L^r0Z' ^orKtaIität‘ ,D.fr Krf.ste Teil dieser Fälle ist in den erste,, a-gmt0iben‘ den übngen nacb Lesern Zeitpunkt Gestorbenen tand sich die Todesursache meistens in verschiedenen Komplikationen The- rapie soll konservativ sein. Trepanation nur bei Hirndruck durch Blutung ns soll ihr aber die Lumbalpunktion immer vorgeschickt werden Bei un¬ veränderter Bewusstlosigkeit, starren Pupillen, erhöhtem Liquordruck und Eiweissgehalt, die über 24 Stunden fortdauern. soll stets operiert werden Anlegung eines Ventils an der Verletzungsstelle; wenn keine vorhanden ist Dekompressivtrepanation nach Cushing. täubung " k W': D'e Aberenzunfl' der allgemeinen und der örtlichen Be- 1921 VNrtria7 aUf dem 45' Chirurgenkongress- Referat für die M.m.W. Rumpel: Ueber Zvstennieren. 1921,VNrtrii88: 2Uf dam 45' Chirurgenkongress- Referat für die M.m.W. Pe r t h e s: Ueber die Strahlenbehandlung bösartiger Geschwülste 1921,VN°rrt?8K aUf d6m 45' Chirurgenk0ngress- Referat für die M.m.W. . Deutsche Zeitschrift für Chirurgie. 166. Band. 5.-6. Heft. S a a m ' c-4 ' Mdnchen : °Ho v. Schjerning. Nachruf, zur rphLBUdde: ^.'ne se,te"e Kn'egelenksmissbilduiig, zugleich ein Betrag zur Lehre vom angeborenen Schienbeindefekt. (Aus der chirurgischen Uni ‘"Lk Koln-Lmdenburg. Dir.: Geh., Med.-Rat Prof. Dr. T ilmann) 3 K-it!3rfpSChseibUfng e\n£I- faf Ilaren Kmegelenlsmissbildung, die den Vater und 3 Kinder betraf und die besonders eine Gabelung des unteren Femurendes Femur'enlUShderHLltFatUr fgibt sich’ dass die g,eiche Gabelung des unteJen d a der r°rm des angeborenen Tibiadefektes vorkommt die auf A.ussProssung und Verkümmerung des Tibiastrahls im Sinne der rektIIhndhun^einQp g e n b a u r s beruht. Kommt es hierbei zu einer Kor- cfullr dung Forrn. eiI(er nochmaligen Anlage des Tibiastrahls so Pnt_ - e t die erwähnte Missbildung des Kniegelenkes, die durch eine ' Spaltung Aushiid Gren Femure',desL und eine Verbreiterung des Schienbeinkopfes mit i dung z™eier Epmhysenkerne gekennzeichnet ist. Der Effekt ist ein angeborenes Genu varum und eine Störung des Längenwachstums? r a n k e 1. Bolzung von Amoutationsst"mofen, ihr Schicksal und ihre Rat A B i e“r")e- ( ^ Universitäts-Klinik in Berlin Dir " Geh darinDHS,bereitt 3Uf dem Chirurgenkongress 1920 mitgeteilte Verfahren besteht d?n"nda.ss T? querer Durchbohrung des Knochens des Amputationsstumpfe em Knochenbolzen meistens aus der Fibula in diesen- Kanal eingetdeben wird! so dass seitlich je ein Knochenende des Bolzens mit Muskulatur gedeckt, prominiert und somit Angriffspunkt für die modifizierte Prothese bildet, viel¬ fach wurde statt eines Bolzen jederseits einer verwendet, festerer Sitz und Vereinfachung der Prothese bei Verringerung ihres Gewichtes und die Be¬ freiung der Nachbargelenke sind die für den Prothesenbau gewonnenen Vorteile des Verfahrens. S o n n t a g - Leipzig: Operierte Mondbeinverrenkung. Eine isolierte volare Mondbeinverrenkung mit Rotation des Knochens um etwa 90 bot typisch klinische (Vorsprung, Halbfauststellung der Finger, nervöse Störungen) und röntgenologische Symptome und wurde durch Ex¬ stirpation des Knochens geheilt. Literatur. Kurt Sch eye r: Zur Frage der Pyelo- oder Nephrolithotomie mit be¬ sonderer Berücksichtigung der Röntgendiagnostik. (Aus der Chirurg. Abt. d. israel. Krankenhauses zu Breslau. Primärarzt: Dr, G o 1 1 s t e i n.) Von 1910 1920 wurden bei 46 Patienten 54 Operationen wegen Nephro- lithiasis ausgeführt, darunter 34 konservative Nierensteinoperationen: 26 Pyelo¬ tomien, 3 Nephrotomien und 5 Urethrotomien. Die Pyelotomie genügt zu¬ sammen mit der Röntgenuntersuchung zur Auffindung der Nierensteine. Bei freier Wegsamkeit des Ureters bleibt ganz unabhängig von Infektion oder Naht keine Urinfistel zurück. Die Nephrotomie soll für die Fälle mit aus¬ gesprochenen Parenchymsteinen und mit fehlenden oder nicht darstellbaren Nierenbecken reserviert bleiben. Vorschütz: Die knöcherne Versteifung der Wirbelsäule bei Erkran¬ kung derselben. (Aus dem St. Josephs-Hospital Elberfeld.) Bericht über 26 nach A 1 b e e operierter Fälle.’ Verf. machte mit dem Verfahren gute Erfahrungen und empfiehlt es vor allem für die beginnende Spondylitis. Alexander Schüppel: Beitrag zur stenosierenden Tuberkulose des Dünndarms. (Aus der chir. Abt. d. städt. Krankenhauses Altona. Direktor: Prof. Dr. J e n c k e 1.) 1. Spastischer Ileus bei Dünndarmtuberkulose, Ausheilung. 2. Ulzeröse Darmtuberkulose mit Fernspasmen des Magens, die zu der Diagnose eines Karzinoms des Pylorus geführt hatten. 3. Strikturierende Tuberkulose des Jejunum, die durch Enteroanastomose geheilt wurde. Die Enteroanastomose ist in solchen Fällen der schonendste Eingriff mit guter Prognose. Oswald Seemann- Dortmund: Bügel zur Streckbehandlung der Ver¬ letzungen des Handgelenkes. Der Bügel wird geliefert von B. Braun- Melsungen. A. Prikul: Ueber die Behandlung der Aktinomykose mit Röntgen- strahlen. (Aus der chir. Fakultätsklinik in Dorpat. Dir.: Prof. K. K o n i k.) Der Fall von ausgedehnter Warzen- und Halsaktinomykose kam lediglich durch Röntgenbestrahlung (3 Serien zu je 6 und 7 Bestrahlungen 1—2 mm Al. 9 10 Wehnelt A E.D. auf jede Stelle) zur Ausheilung. H. Flörcken - Frankfurt a. M. Zeitschrift für orthopädische Chirurgie einschliesslich der Heilgym¬ nastik und Massage. XLI. Band. 6. Heft. Gustav Eversbusch - München: Experimentelle Untersuchungen über die Lähmungstypen bei der zerebralen Kinderlähmung. alIsgedebrlten Untersuchungen an dem Material der orthopädischen Klinik München-Harlaching kommt E. zu folgenden Resultaten: Nicht die Topo¬ graphie und die pathologisch-anatomische Eigenart der Hirnläsion sind bei der Beurteilung der zerebralen Kinderlähmung allein massgebend für das klinische Bild, sondern vor allem auch die Intensität des Reizes, der das zentrale Neuron trifft. Schwache Reize lösen an der oberen Extremität athetotische Bewegungen der Extensoren und Supinatoren aus und führen an der unteren Extremität zu Spasmen der Plantarflexoren und Kniebeuger. Starke Reize rufen an der oberen Extremität Spasmen der Flexoren und Beuger, an der unteren solche der Plantarflexoren und Kniebeuger hervor. Reize von schwankender Stärke lösen abwechselnd Beuger- und Strecker¬ krampf aus. (Vergl. auch M.m.W. 1921 S. 627.) Fr. Dun ck er: Die operative Entfernung extraartikulärer tuberkulöser Knochenherde. Der Verfasser hat 17 Fälle von extraartikulären tuberkulösen Herden operativ behandelt und mit Ausnahme von 2 Fällen sehr gute Dauerresultate erzielt, sowohl bei geschlossener als abszedierter tuberkulöser Osteomyelitis. Kontraindiziert ist die Operation bei Tuberkulose des Fussskeletts und aus¬ gesprochener Alterstuberkulose. F. Mommsscn - Berlin-Dahlem: Ein neues Exartikulationsbein. 4 Abbildungen veranschaulichen die Konstruktion einer Hüftgelenks¬ feststellung, dei einerseits an die Unterfläche des Beckenteils der Prothese nur wenig aufträgt, andererseits eine exakte Feststellung des Hüftgelenks erreicht. F. M o m m s s e n - Berlin-Dahlem : Muskelverhältnisse beim kurzen Unterschenkelstumpf und ihre Beziehungen zum Prothesenbau. Infolge höheren Ansatzes der Unterschenkelmuskulatur ist die Kraft der kurzen Unterschenkelstumpfe im Gegensätze zu kurzen Oberschenkelstümpfen nicht geringer als die der langen Unterschenkelstümpfe. Die Ausnutzbarkeit der ganzen Stumpfkraft hängt von der Festigkeit der Verbindung zwischen lebendigem Stumpf und toter Prothese ab. Weichteile bieten bei Beugung und Stie^kung ebenso Schwierigkeiten, sowohl die vorderen wie die hinteren Weichteile des Unterschenkels, wie die des Oberschenkels. Nach an sich selbst ausgeführten Untersuchungen kommt M. zu interessanten Ergebnissen der Muskelwirkung auf den kurzen Unterschenkelstumpf, aus welchen er die Wirkung der Hoohlagerung des Kniescharnieres über die Knieachse folgert. R. P ü r c k h a u e r. Die Analyse der Hüftgelenksbewegungen am Lebenden, dargestellt an Bewegungen in der Frontalebene. Ein Beitrag zur funktionellen Gelenk¬ diagnostik von Richard S c h e r b. Beilageheft der Zsclir. f. orthop. Chir. 4L Die hochwissenschaftliche, auf genaue mathematische Berechnungen auf¬ gebaute Arbeit muss im Orginal nachgelesen werden. R. Pürckhauer. Zentralblatt liir Chirurgie. 1921. Nr. 50. Herrn. Kümmell jr.-Hamburg: Ueber eine Gruppenreaktion mit Blut¬ körperchen zum Nachweis aktiver Tuberkulose. Ausgehend von der Eigenharnreaktion nach W i 1 d b o 1 z, deren Wesen darin besteht, dass Urin von aktiv tuberkulösen Menschen auf 1/io seines Volumens eingedampft und in minimaler Menge beim Spender intrakutan injiziert ein Infiltrat an der Injektionsstelle hervorruft, hat Verf. weitere 24 MÜNCHENER MEDIZINISCHE WÜCHENSCHRIEI . Nr. 1. Versuche gemacht; erbenützt 10 ^^CeS^sS^Bodens^z "et! Blut versetzt wird; die Blutkörperchen s grossen Quaddel. Bereits wird dann intrakutan injiziert bis zu Ausser dem Blutspender SKÄ-Ä ««» Aumode» vo„ . . tumoren bei der Trepanation durch f Verl, auf ■lkS;l£1“iTÄ!?ir£t ... «-«-* ■*» •“MSÄ den“»”;,., konstruierten Apnarai, den Widerstand im Hin, S Sirnf.i»or mittels de, W I, e ,, t s t o n e sehen Bracke zu he- stimmen, r ,Landau; Beitrag zur Technik der Magenoperationen. Ans 4 Abbildungen ist die Technik des Verfassers bei Magenulcus leicht ■ m ,-t, Resekt on des das Ulcus tragenden Magenteiles, Anastomosen- b IduSg VerfchTuss des Duodenums ; zuletzt Ablösung des Qeschwürteiles von Scktal Auch bef tÄÄm ufeus dUdeni sichert ein Serosalappen gut die ÄM m““ - der VeU 6hat 6jede,a Vuch^ schwer^Adtselhöhlenfurunkulose auf zweimalige Röntgenbestrahlung In ^ Jochen abheilen Zentralblatt für Gynäkologie. 1921. Nr. 50. I H o f b a u e r - Dresden: Zur Klärung der Eklampsiefrage. .|1lsfiihrlicher Weise nimmt Verf. zu allen die Eklampsiefiage be¬ wegenden ' strittigen Fragen Stellung. Immunisatorische Vorgänge hnden unter dem Einfluss des Eintrittes von plazentarem Eiweiss nicht statt. da- gegen treten im maternen Blut Abwehrfermente auf. Diese plazentaren Fermentintoxikationen erklären die typischen Organverandei ungen Als ent- Schutz ist die Erhöhung des Cholesterinspiegels im Blute anzu¬ sprechen. ^Difaltf AnLhauung, die Schwangerschaftsniere : auf eine ? renale isrhurip zurückzuführen, wird wieder modern. Für den eklamptiscne SvmntomenkoSex kommt die gesteigerte Hormontätigkeit des Hypophysen- A d renal svstenis P zur Geltung. Diese vasokonstriktorischen Hormone sind die Ursache der Angiospasmen bei Eklampsie und Nephropathie. Die Behandlui g V” Eklampsie hat vor allem die Aufgabe, die Hypophysenwirkung auszu- Salten Dahin gehören Aderlass. Choraldehyd und Luminal und Injektion von Ovarialextrakt. Dass die Arbeit sich natürlich mit den modernen Autoren, wie Zangemeister, Westermar , Oessner u. a. zum Teil nolemischer Form auseinandersetzt, ist naturlicn. poleimscner ro Aetiologie und Behandlung der Eklampsie Verf berichtet über gemeinsam mit Ernst Schulz ausgefuhrte Versuche, durch die in der Plazenta qin pankreatinähnliches Ferment nachgewmsen i n i-nnntp Dip Pta7enta i st die Stelle, an der das eklamptische C j 1 1 1 gebildet wird Dass der veränderte Chemismus das Krankheitsbild bedingt, fst durch exakte serologische, toxikologische und chemische Forschungen er¬ wiesen. Darum ist als Behandlung auch die Schnellentbindung zu fordern, rinri'n Resultate statistisch sich als weitaus die besten erwiesen haben. WGessn er- Olvenstedt-Magdeburg: Die badische Eklampsiestatistik ^ der Kriegsarbeit für die Frauen und der Rückkehr von Ruhe in ihren häuslichen Verhältnissen die Eklampsie wieder7 häufiger werden würde, hat sich in Baden bestätigt. Die Geburt n und der Rückkehr von Ruhe in ihren nausucnen veriiuum»™ um. -‘-VE.“ wieder1 häufiger werden würde, tat eich in Baden bes«„2, Die Geburten haben in Baden gegenüber dem Jahresergebnis von 1918 um rund 5U Rroz.. Sie Eklampsien um rund 250 Proz. zugenommen. Mit der Ernährung hat die Eklampsie aber recht wenig zu tun. . _ .. W. W i e g e 1 s - Schwerin i. M.: Ueber eineii besonderen Fall von totalem Dammriss^ Jahren eine schwere Zangenentbindung durchgemacht und war seitdem völlig inkontinent. Im Anschluss an das zweite Wochenbett beseitigte W. ihr auf operativem Wege mit bestem Erfolge den totalen Dammriss. Kombinierte Transversus-Levatornaht. , _ Archiv fiir Verdauungskrankheiten mit Einschluss der Stoffwechsel¬ pathologie und der Diätetik. Heraus«. Piof. J. Boas. Band XXVIII. Doppelhaft 3/4 . Grote und S t r a u s s - Halle: Untersuchungen bei einem Fall ^chro¬ nischer Pankreatitis. (Aus der med. Universitätsklinik Halle. Pro . h ' nie inchgewiesene, nur partielle Schädigung der Pankreassekretion, d. h. Intaktheit der Amylaseabsonderung bei hochgradiger Lipasestorung, sei less jedenfalls einen mechanischen Abschluss des Ausfuhrungsganges aus u d t insofern von Bedeutung, als die Patientin demnach, trotz ^'^chter KosF fast ausschliesslich vom Kohlehydratanteil lebt, so ^ sich Setzungen im Körper vorausgesetzt werden ' n U S s e n A c 1 1 o 1 ° k i s c H c r k Ua t sich die Möglichkeit einer gastrogenen Dyspepsie auf Onad d Heterochylie de! Mageninhalts, doch ist auch an eine primäre Pankreaserkrankung zu denken. Singer- Wien: Zur Pathogenese und Klinik des Duodenalgeschwürs. Aus des Verfassers auf mehrere Jahre zurückreichendcn klinisch-anatomi¬ schen Befunden ergibt sich, dass die Entstehungsbedingungen des Zwolfnnger- darmgeschwüres keinesfalls einheitliche si . Rolle der Vagusgenese lösenden Momenten in Betracht kommt. Die uU$scr allem Zweifel und des peptischen Magenduodenalgeschwurs s ’^'t ‘ ltuberkulöse Erkrankung der im Zusammenhang damit eine ausg P rjSchen Symptomen im Vorder- Lunge, teils mehr latenter Art, mit den i £ klinisch manifesten grund der Erscheinungen teils *cm ®SieUb«en Geschwür«« des Tuberkulose mit manifesten autoptisch ieSchwüren gibt es ausserdem Magendarmtraktes. N eb e n d l e s e n n eu r o 1 1 sch e n ^ G esc h^/ur p p g p ^ Sepsis. Ver- solche. bedingt durch Bleivergiftung, hluss tritt s noch der Frage brennung, sowie auch durch Trauma. - äVmlirVien Ergebnissen, wie wir ääSää * - — Anwendung in einem Fall v®n “I^^onder^^ucFi* den Dickdarm diagnostischen Um nicht nur den Dünndarm, sond5™ chen hat E. einen ge- und therapeutischen Massnahmen zugangU Bes“hre;bung’er hier gibt, wobei ShdmVchnaUerÄsdder Befürchtung nicht zu Snf ZI" ÄÄ»— »“ -* zutragen. M • Ueber den Einfluss des Kauaktes auf v. Friedrich-Frankfurt a. m.. ueDerucii inneren die Sekretion des Magens bei Ges“* ,, nd D [eS Prol. E h r m a n n.) Abteilung des städt. Krankenhauses Neukollm rek Verdauungs¬ in vorliegender preisgekrönter Arbeit d« ,n|eJ Kauaktes und und Stoffwechselkrankheiten untersucht F.^ ^ E^ ^ zunächst prü{t?, ob zwar stellte er seine Versuche in ., • jviagensaftsekretion zu er- die Kaubewegung allem bzw. der S.PelctE ‘ . uppe muSste die Nahrung zeugen imstande sei? In einer zweiten versuchsgruppe sch,uck_ einmal tüchtig zerkaut werden, ein anderesms ^ ciner dritten Gruppe endlich fertig gereicht unter Veimeidung des K< • , .. quer auch chemisch wurden die verschiedensten Na Rurigs ’ ]ediglicFi kauen mussten indifferente Stoffe gegeben, die dle Ju ^!ldPe dann jeweils exprimiert bzw. ohne zu schlucken. Der Magemnh azidität und Fermente bestimmt, aspiriert, gemessen, filtriert und HC 1. ' Gesamtazia tax u ß ^ herausgreifen Aus den zusammenfassenden Ergebni M-.eensekretion hervorzurufen, auch so. dass der Kauakt an sich genügt, um Magenseki re™re„d psychische Ein¬ scheint der Speichel dabei eine Rollt Wichtigkeit ist ferner, dass durch flüsse anscheinend ohne Belang. erzielen ist als ohne Kauen, so ausgiebiges Kauen eine derbere Kost von fester Konsistenz dass es sich empfiehlt bei Subaziditat , ■ HvDerazidität mehr eine länger kauen zu lassen u"d .*“nK zu vermeiden. Die verschiedenen Pürierte Kost zu reichen, um d‘S und Gewürze verhalten Nahrungsbestand teile, Eiweiss, KoUehydrate. «e Stoffe rufen nicht sich verschieden, chemisch indifferen K dgr Sekretionsstärke immer Magensaftsekretion hervor. Nach der Reiher E . , „ t Eier, verlialten sich die einzelnen = ' rJÄt0,L! ’T ‘wteSSn, nie im unmitteibaren ^Schluss a^ eme Ga^njenterostomie^_aufgeH auffallend starke intestinale Dyspepsie war alter wa Salzsäure auf die Fh! r m d fas t as e* W/. uz u s c h rei b e n ,b "ir' gen dw eich' e Störung der Pankreassekretion War Me®??!!' 'n frTcM ’-Senhagen: Darmstriktur und perniziöse Anämie. ^Lmmenfass^n^lässtTch üScr den vorliejnd« ™ „tfSÄ nS^gülartiSTtJarrstri^ Geschwüren) entwickeln kann und zwar ^t striktur gelegenen Anai0ea ss mann -Berlin: Zur Röntgendiagnose des Magenpolypen. (Aus Trichobezniir differentialdnignostisch^ abzuerenzen. The<)rie ^ Technik de, Aziditätsbestlminuna des M.kenlnhalis. (Bemerkungen an der Arbert von W Haber, se« sieb hier man sie nur richtig deutet. Archiv Sür Psychiatrie und Nervenkrankheiten. 64. Band. 1. und 2. Heft. 1921. eit. \yc\. , . . wird doch hi ihnen durch antisoziale Handlungen zum Ausdruck kommen. 6. Januar 1922. MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT. 25 Auch wenn ihnen die Möglichkeit zur Aneignung und zum Festhalten von Kenntnissen nicht fehlt, verhindert doch ihre grosse Ablcnkbarkeit eine für die Allgemeinheit wertvolle und erspriessliche Tätigkeit. Im Gegensatz zur Pseudodemenz der pathologischen Reaktion Hysterischer findet sich bei den Degenerativen oft eine Pseudointelligenz. Ihre Willenstätigkeit ist durch die Unfähigkeit zu determinieren aus der normalen Bahn gedrängt. Die Antriebs¬ fähigkeit, die sog. innere Peitsche fehlt ihnen. Sie wird bei den ver¬ brecherischen Jugendlichen meist von fremden Händen geschwungen. Arthur S o n n e n b e r g - Wolfenbüttel: Ueber die inneren und äusseren Ursachen des Jugeudirreseins unter besonderer Berücksichtigung der Kriegs¬ schädigungen. (Aus der Universitäts-Nervenklinik Halle a. S.) Beiin Jugendirresein kann äusseren Momenten keine ursächliche, höchstens eine auslösende Bedeutung beigemessen werden, d. h. ohne die zahlreichen exogenen Schädigungen wäre die Psychose vielleicht nicht so schnell und in nicht so ausgeprägter Form manifest geworden. Als alleinige Ursache der Schizophrenie bleibt daher die Endogenität bestehen. Wir müssen also eine schizophrene Anlage auch in allen denjenigen Fällen von Jugendirresein annehmen, in denen keine anamnestischen Anhaltspunkte für eine solche vorliegen. W. Jacobi-Jena: Ueber die Beziehung des dichterischen Schaffens zu hysterischen Dämmerzuständen, erläutert an der Art Goethe scher Produktivität. Im unbewussten Schaffen Goethes haben wir ein Aufströmen reif¬ gewordener, in bestimmter Richtung arbeitender Denkprozesse vor uns, eine Entladung der Psyche in der Richtung der grössten Kraft. Es ist aber nicht zu verkennen: es gibt Berührungspunkte zwischen dem unbewussten, zwang- mässigen Schaffen Goethes und gewissen somnambulen Anfällen, traum¬ artigen Bewusstseinszuständen eigener Form, die plötzlich anfallsartig auf- treten und deren Wurzeln aus Erlebnissen der Vergangenheit herauswachsen, Zustände, die sowohl nachts kommen — und da wohl am besten als Steigerung normaler Traumvorgänge aufzufassen sind — , aber auch ganz besonders am Tage in die Erscheinung treten. Aber Goethe war nicht krank, er, ein Mensph, uns Deutschen immer das Sinnbild innerer Kraft und Stärke, un¬ bezwingbar durch die tiefsten Erlebnisse persönlicher Art, besiegte sie durch die Selbstbeherrschung seiner Natur. Der Psychopath dagegen kann sich nicht selbst befreien, er krankt an seinen Erlebnissen, ist also krank. Jul. Büscher: Störungen der Funktionen von Hypophyse und Zwischen¬ hirn bei Lues cerebri. (Aus der psychiatr. und Nervenklinik Kiel.) (Mit 2 Textabbildungen.) Mit Wahrscheinlichkeit wird in einem ausführlich mitgeteilten sehr lehr¬ reichen Falle ein luetischer Prozess an der Basis des Gehirns mit vornehm- licher Lokalisation im Bezirke der Hypophyse und des Zwischenhirns an¬ genommen, der sich vermutlich in Form einer umschriebenen Meningo¬ enzephalitis abgespielt hat. H. Pette: Zur Symptomatologie und Differentialdiagnose der Kleinhirn¬ brückenwinkeltumoren. (Aus der Universitäts-Nervenklinik Hamburg.) Der Arbeit liegen 7 Fälle von wirklichen Kleinhirnbrückenwinkeltumoren und 3 Fälle, die unter ähnlichen Symptomen verliefen, zugrunde. Bei den letzteren handelte es sich um ein intrapontines Sarkom, um multiple Konglomerattuberkel und um einen Fall von Pseudotumor. Wern. H. Becker: Paul M o r p h y, seine einseitige Begabung und Krankheit. Paul M o r p h y, der grösste Schachmeister, der je gelebt hat, war völlig einseitig begabt, vielleicht sogar imbezill. Er wurde bereits in jungen Jahren nach einer Glanzperiode von wenigen Jahren geistig insuffizient, versagte im Kampf um das Dasein immer mehr und war in den letzten Lebensjahren vor dem früh erfolgten Tode ein ausgesprochener, pflegebedürftiger Geisteskranker. Eine genauere Diagnose seiner Geisteskrankheit lässt sich aus den vor¬ handenen Akten nicht mehr stellen. Es handelt sich jedenfalls bei ihm um das frühzeitige Auftreten einer einseitigen Begabung mit Ausgang in psychische Schwäche. W. L o e 1 e - Hubertusburg: Struktur und Seele. Eine histologische Be¬ trachtung. (Mit 3 Textabbildungen.) Heinrich Rüge: Kasuistischer Beitrag zur pathologischen Anatomie der symmetrischen Linsenkernerweichung bei CO-Vergiftung. (12 Fälle.) (Aus dem pathol. Institut des Stadtkrankenhauses Friedrichstadt zu Dresden.) (Mit 2 Textabbildungen und 9 Kurven.) Bei der CO-Vergiftung sind es hauptsächlich die Gefässerkrankungen, welche die Schädigung des Gehirns hervorrufen. Erst werden zunächst die Nervenelemente getroffen, die sich infolge der nachfolgenden Schädigung der Gefässe nicht wieder erholen können. Die Gehirn- und Gefässveränderungen lassen vermuten, dass das CO ein spezifisches Nerven- und Gefässgift ist und zwar scheint es besonders auf die Gefässe des, Gehirns im Bereich des mitt- Ieren Linsenkernes zu wirken. Symmetrisch gelegene Erweichungsherde und Gefässveränderungen im mattieren Teile des Linsenkernes sind für die CO- Vergiftung typisch. Mikroskopisch findet sich in allen Fällen eine starke Hyperämie im Erweichungsherd und seiner Umgebung. Die Gefässe zeigen in zunehmendem Masse hyaline Degeneration und Verfettung und beginnen' von der Media aus zu verkalken. Schliesslich kommt es soweit, dass man überhaupt nur drei blaue Ringe sieht, welche die früheren Gefässwände ersetzt naben. Dazu treten noch zahlreiche Blutungen. Bei den Veränderungen der Gefässe spielt die Arteriosklerose eine grosse Rolle. Je stärker die Arterio¬ sklerose ist, desto schwerer sind die Gefässveränderungen. Bruno Müller: Ueber einen Fall von Stirnhirnverletzung. (Aus der psyclnatr. und Nervenklinik Königsberg i. Pr.) Durchschuss durch grosse Teile beider Stirnlappen. Folgeerscheinung- grundlegende Veränderung der Psyche, ausgesprochene Hemmung, gänzliche Aspontaneitat, hochgradiger Mangel an Willensantrieb bis zu stumpfem, euphoristischen Hinbrüten mit stereotypem Lächeln und zeitweiliger Betonung Usu,biek‘lven Wohlbefindens: Vortäuschung einer hochgradigen Demenz irch den Mangel an Antrieb; Urteilsfähigkeit, besonders auch seinem eigenen Zustande gegenüber, gestört; Gedächtnis und Merkfähigkeit lückenhaft, Asso¬ ziationen primitiv Der Fall bietet eine höchst wertvolle und anregende Bereicherung des kasuistischen Materials der Stirnhirnaffektionen. J. R ü 1 f: Zur Stellung der Dystrophia myotonica. Auf Grund eigener Beobachtung. (Aus der Bonner Universitätsklinik für psychisch und Nerven- kranke.) Weitgehende Uebereinstimmung des vorliegenden Falles mit den bisher ei14?;11 FaiIei?’ ,In welcher Form die supponierte zentrale Erkrankung mit einer Stoffwechselerkrankung oder mit einer etwa vorliegenden innersekre¬ torischen Erkrankung in Verbindung gebracht werden könnte, darüber spricht sich Verf. am Schlüsse zu weiterer Ueberlegung und Forschung anregend aus. ßücherbesprechungeii. Germanus Flat a u - Dresden. Berliner klinische Wochenschrift. 1921. Nr. 51. M. H. K u c z y n s k i - Berlin: Die Kultur des Fleckfiebervirus ausser¬ halb des Körpers. Verf. ging bei seinen Versuchen von dem Gedanken aus, zum Zwecke der Viruskultur das virulente Gewebe selbst zu züchten, zumal das betr. Virus ein Parasit des endothelial-histiozytären Systems ist. Aus den im einzelnen geschilderten Versuchen wurde die Ueberzeugung gewonnen, dass das Virus des Fleckfiebers mit den von Rocha-Lima eingehend studierten Parasiten der Fleckfieberlaus identisch ist. Durch die Kultur des Fleck¬ fiebervirus im Gewebe wurde erreicht, dass die Identität des Virus- mit der Rickettsia Prowazeki endgültig sichergestellt ist., E. Tobias- Berlin: Ueber einen Fall von jugendlicher Claudicatio inter- mittens non arteriosclerotica mit Raynaud sehen Erscheinungen. Mitteilung über eine an einem 25 jähr. Patienten gemachte Beobachtung, bei welchem es sich' nicht um eine gutartige angiospastische Erkrankung handelte, sondern um eine maligne, indem es schon nach 2 jähr. Bestehen zu Gangrän kam, die ständig fortschreitet. H. L. Tetzner - Z'ttau: Ein Fall von Polyneuritis mit erhaltenen Knie¬ sehnenreflexen. Bei dem mitgeteilten Fall von Polyneuritis könnte ursächlich ein tropisches Virus in Betracht kommen, während Tabes ausscheidet. Krankengeschichte des 39 jähr. Patienten. P. M a n a s s e - Berlin : Ueber operative Behandlung des Schulter- Schlottergelenks nach Schusslähmungen. Aus der Zusammenfassung der gemachten Beobachtungen: die betreffen¬ den Schlottergelenke werden durch die Umpflanzung des M. pect, major an die Stelle des M. deltoides völlig beseitigt, gleichzeitig wird eine aktive Be¬ weglichkeit mässigen Grades für den Oberarm nach allen Richtungen er¬ reicht. Orthopädische Stützapparate und Arthrodese sollten nur Anwendung finden, wenn die Muskelumpflanzung aussichtslos erscheint. Hammerschlag - Berlin-Neukölln: Ueber Abortbehandlung. Aus Hunderten von Abortusfällen werden folgende therapeutische Leit¬ sätze abgeleitet: in geeigneten Fällen von Blutungen ist der Versuch zu machen, die Schwangerschaft zu erhalten. In allen anderen Fällen ist zu¬ nächst die Spontanausstossung anzustreben. Inkomplette aseptische Aborte sind aktiv zu beenden. Septische Aborte sind zunächst exspektativ zu be¬ handeln. Die digitale Ausräumung mit gelegentlicher Unterstützung durch geeignete Instrumente ist das für den Praktiker beste Verfahren. E. M e 1 c h i o r - Breslau: Ueber den heutigen Stand des Basedow¬ problems in Theorie und Praxis. Verf. macht den Versuch, dem Praktiker eine Orientierung zu geben über die z. T. noch ganz im Flusse befindlichen theoretischen Anschauungen betr. der Pathogenese des Basedow, erörtert die M ö b i u s sehe Theorie, die Basedowdisposition, für welche der Kropf unstreitbar eine prädisponierende Rolle spielt und die Beziehungen zwischen Basedow und Thymus. Die Vergrösserung dieser geht parallel der Schwere des Grundleidens (Capelle). Beti. der klinischen Einteilung wird vorgeschlagen, die Fälle mit vorwiegen¬ der nervöser Komponente von den ausgesprochen thyreotoxischen Fällen zu trennen. Ein sicheres interes Mittel gegen den Basedow gibt es nicht, auch das Röntgenverfahren hat die Erwartungen nicht erfüllt. Verf. erörtert dann besonders noch die Indikationen für einen operativen Eingriff, den Zeitpunkt derselben. Die Erregungszustände vor und nach der Operation werden wirk¬ sam mit Adalin bekämpft. A. Magelssen- Christiania: Genius epidemicus (in Berlin). In diesem Teile des Aufsatzes werden die Zusammenhänge zwischen Wetter und Ehe, Wetter und Geburten, Wetter und Lungentuberkulose bzw. Scharlach an weiteren Kurven auseinandergesetzt. Es muss auf das Original verwiesen werden. M. S c h n e i d e r - Zittau : Der serologische Luesnachweis mittelst der Flockungsreaktionen nach Sachs-Georgi und Meinicke und der Wassermann sehen Reaktion. An Hand seiner Untersuchungen kommt Verf. zum Schlüsse, dass die Flockungsreaktionen, in erster Linie jene nach Sachs-Georgi, bei guter Technik wohl imstande sind, die WaR. zu ersetzen. Spätpositiver, schwacher Ausfall der S.-G.-R. muss mit Vorsicht verwertet werden. Jede der 3 Reak¬ tionen kann trotz sicherem klinischen Befund negativ ausfallen. Grassmann - München. Medizinische Klinik. Heft 50. Nonne: Ueber einen klinisch und anatomisch untersuchten Fall von Meningitis cerebrospinalis acuta syphilitica (mit positivem Spirochätenbefund) im Frühstadium der Lues. Die Blutzelleninfiltration und die Form der Gefässerkrankung, beides im gesamten Zentralnervensystem, war bezeichnend, dazu charakterisiert durch den Nachweis der Spirochaeta pallida. Auf Grund des klinischen Bildes ist zu fordern, dass bei jeder akuten zerebrospinalen Meningitis auch an die Syphilisätiologie zu denken wäre. E. Ko Ile: Zur chemotherapeutischen Aktivierung der Salvarsan- präparate mit besonderer Berücksichtigung der Metallsalvarsane und der einzeitigen intravenösen Salvarsan-Ouecksilbertherapie. Durch die bezeichnten Präparate gelang es auch in kleinen Dosen die \\ukung des Arsens — im Tierversuch — wesentlich zu steigern durch eine Umstimmung oder Aktivierung der Gewebe, welche der üblichen Protoplasma¬ aktivierung zu entsprechen scheint. Ganz anders wirken die echten Metall- salvursane, denn sie sind stabile Verbindungen mit neuen chemischen Eigen- schäften; daher ergibt sich hier eine Potenzierung von Silber mit Salvarsan. H. Schlesinger: Zur Klinik und Therapie des intermittierenden Hinkens. Zusammenfassender Vortrag über Aetiologie, Klinik, Diagnose und Differentialdiagnose sowie der Therapie. Empfohlen wird auf Grund bester Erfolge die subkutane Injektion von Natrium nitrosum; 20 — 30 Einspritzungen, / - 1 com 0,2: 10,0 bilden eine einzelne Kur. O. Fischer: Ueber die unspezifische Therapie und Prophylaxe der progressiven Paralyse. Paralyse ist nicht unheilbar. Luesspezifika scheinen therapeutisch und prophylaktisch wertlos zu sein. Auffallende Erfolge ergab, je jünger das Nr. 1. Individuum und je kürzer die Krankheit dauerte desto sicherer, die Leuko- iyt°s"ohe,Toe Ä”i U: Ä-”' Betau»«« der etadaliven Form von SÄ Indikationen, anei, », Lnii- IferTÄÄ M den it«, toten Antwortern ^ ^ # Methodenwah, 5n der Röntgendiagnostik. Die unzweck- rnässleen und die ,^*®kd,S1ijfh|"tz^ed^ Vielen aus dem Herzen gesprochen s,„dD"ndr1ieAbd£hTei“mbaed«“keUSde? Fräse de, Rod.taditaos« ithHglrclüarng beieuchtei; ^ Cymarintheraple. Digitalis Fmnfehlune des Mittels zusammen oder an Stelle der Digitah. . K Meyer' Ueber das Vorkommen von Diphtheriebazillen im Auswu . r'p! Tuberkulösen fand sich auffallend oft (unter 100 Fällen 15 mal) im E. Runge: Geburtshilfe der Unfallstation. Deutsche medizinische Wochenschrift. 1921. Nr. 48. bewiesen Die diagnostische Bedeutung der Farbstoffausscheidung : aus den Nieren erfährt dadurch eine neue Einschränkung. Die Therapie der Qic . von Geschoss- c K“T“z»r «ooo der .oeontine.U, urlnae. ^ Q ö b e j u S 1 5 c k e 1 sehen Pyramiden-Faszienplastik namentlich auch für die Fälle von männlicher Epispadie mit totaler !"kontinenz. aLedde rhose- München : Chirurgische Prak¬ tiker. J. Fibiger -Kopenhagen: Virchows Reiztheorie und die heutige experimentelle Geschwulstforschung. Schluss folgt. H S t a h r - Danzig: Schusterdaumenkrebs. „ . , , Vom pathologisch-anatomischen und biologischen Gesichtspun wird der verhornende Plattenepithelkrebs besprochen, der _ sich 1 nicht wfog des Schusterpechs, sondern infolge vieler sich erbo lender Werner mechanischer Schädigungen, quasi expenmen teil erzeugt, am linken uau eines 17 jährigen Schuhmacherlehrlings entwickelt hatte. .. . A. Mayer- Tübingen: Ueber die Wirkung der Lumbalanästhesie auf die g'atte Muskulatur Lumbalinjektiorl konnte mehrfach Stuhlabgang gesehen werden Der Grund dazu ist nicht sowohl in einer SphinktererscMaffung als vielmehr in einer Ausschaltung der die Darmperistaltik hemme 'nd®n Su„e eines 711 erblicken Andererseits kam aber auch zweimal die Losung eine spastischen Heus durch die Lumbalanästhesie zur Beobachtung Die nac Lumbalanästhesie verhältnismässig häufige Harnverhaltung ist viel leicht Ü _ h eine Ausschaltung des Parasympathikus (Pelvikus) und 1 damit bew: irk Detrusorerschlaffung zu erklären. Im Widerspruch hierzu steht die C'ithelin sehe Therapie der Enuresis mit Sakralanasthesie. FH ä r t e 1 und v.Kishalmy- Halle a. S.: Chemotherapeutische Be¬ handlung akuter Eiterungen mit Morgenroths R'vanol. Weichteil- 6 Fälle von eitriger Bursitis praepatellans, 10 Falle von weicnxe 1 abszessen 1 paranephritischer Abszess, 4 Fälle von Mastitis puerperalis und 2 Fälle von mischinfizierten tuberkulösen Drüsenabszessen wurden durch folgendes Verfahren geheilt: Mehrfache Entleerung des Eiters durch P“™*10" und jeweilige Nachfüllung mit Rivanollösung 1 : 1000, nach Abheberung Stich- inzisiom ' völlige Entleerung der Abszesshöhle; Nachbehandlung nötigenfalls noch mit Heissluft, Saugglocke u. ä. Zweifelhaft gestalteten sich ^ Erfolge bei Kniegelenksempyemen, Pleuraempyem, bereits inzidierten Abs*®sse * Sehnenscheidenphlegmonen und vernähten Fisteln. Einstweilen scheint nur d'e Behandlung^ geschlossener Höhlen Aussicht auf Erfolg zu bieten, wahrend Spülungen im offenen Gewebe wirkungslos bleiben. P. M a t z d 0 r f - Hamburg: Zur Kenntnis der klinischen Zeichen einer Pvramidenerkrankung der oberen Extremitäten. , . , « d. Der May er sehe Fingergrundgelenkreflex und der Ler ische na Vorderarmreflex fehlen oder sind bedeutend herabgesetzt bei läsionen des betroffenen Armes. Beide Reflexe verschwinden bei Bewusst- e^F. Eisler und R. Lenk- Wien: Die Bedeutung der Faltenzeichnung des Magens für die Diagnose des Ulcus ventriculi. . Durch die gewöhnliche Kontrastfüllung des Magens geht die feinere Wand¬ zeichnung verloren. Es wird ein Verfahren angegeben, wie die Falten¬ zeichnung der Magenschleimhaut zu Gesicht gebracht werden kann Die unter normalen Verhältnissen fast parallel den beiden Kurvaturen verlaufenden Falten zeigen beim Vorhandensein eines Ulcus oder einer Ulcusnarbe einen nach diesem Punkte hin konvergierenden Verlauf. Wo die konvergierenden Falten zusammenstossen, sieht man gelegentlich das charakteristische B d der U^cu|msche(. t e . Hang a g.: Versuche über Keimesänderung durch Inkret- UDie Abkömmlinge von weissen Mäusen, die mit Thymusopton gefüttert worden waren, zeigten deutliche Wachstumshemmungen im Gegensatz zu Abkömmlingen von Tieren, die Jodothyrin erhalten hatten. E. I s s e 1 - Berlin: Mischspritzen von Novasurol und Neosalvarsan bei LUCt Die™ Kombination von Novasurol mit Neosalvarsan hat sich als sehr wirksam sowohl auf die syphilitischen Erscheinungen als auf die WaK er¬ wiesen Jedoch mahnen 2 Todesfälle unter 188 Behandelten zur Vorsicht C. Stern -Düsseldorf: Vergleichende Untersuchungen mit „amtlichen Extrakten“ zur WaR« Es ist -nicht der 'Extrakt allein, welcher entscheidend für den Ausfall der Reaktion ist. Daher bürgt die Verwendung „amtlicher“ Extrakte durchaus nicht für sicher einwandfreie Ergebnisse. Wesentlich ist vielmehr eine dauernde Kontrolle, dass die verwendeten Reagentien für die im jeweiligen Betriebe erprobte Versuchsanordnung auch richtig eingestellt sind. E. P 0 h 1 e - Frankfurt a. M.: Der Einfluss der Wasserstoff lonenkonzen- tration auf die Aufnahme und Ausscheidung saurer und basischer organischer Farbstoffe im Warmblüterorganismus. Die von B e t h e aufgestellte Behauptung, dass saure Zellen am besten saure Farbstoffe, alkalisch oder neutral reagierende Zellen vorzüglich basische Farbstoffe speichern, mit anderen Worten, dass von entscheidender Be¬ deutung für den Stoffaustausch zwischen Zelle und Umwelt die an den Grenz¬ flächen herrschende Wasserstoffionenkonzentration ist, wurde auch am Hunde Schweizerische medizinische Wochenschrift. 1921. Nr. 47 und 48. Nr 47 M Lü'dni- Basel: Die Röntgentherapie in der inneren .Medizin, verf sah guten Erfolg bei der chronischen Leukämie, aleukämischen Lymphadenose, Polyzythämie (Bestrahlung sämtlicher Knochen), Basedow, Drüsen- und Peritonealtuberkulose, Mediastinalsarkom. Drusen und^ 1 . SchwaneerSchaft und Geburt nach Rontgenbe- •«•BÄ’SSÄ’Ä 2« M» «ach der Myomb=s„,hl«»g mit verzettelten"6 Dosen ein besonders kräitises, gesundes Kind geboren wnrde Man muss annehmen, dass nicht alle Follikel gleich radiosensibel sind, dass abe" fus den lebensfähig bleibenden sich später in der Regel normale Fruchte entWZadnek- Berlin: Knochenmarkbcfunde am Lebenden bei kryptogeneti¬ scher perniziöser Anämie, insbesondere im Stadium der Remission. Verf. hat durch Anbohrung des Knochens am Unterschenkel bei ’ von perniziöser Anämie Mark entnommen und fand, dass bei v£ber aad b. weitgehender Remission das lymphoide Mark fehlt, g -®.1 b e * J^^Kt also vorhanden ist Wie die anderen Symptome der perniziösen Anämie ist also auch dieses Symptom rückbildungsfähig, woraus Verf. schhesst, dass das Wesen derS Krankheit1 nicht in einer primären, spezifischen Knochen- marksyeränderui^ be^k ^ Untersuchungen der Magenfunktionen ohne An¬ wendung der Schlundsonde. Schluss folgt. , föfipvinn« Nr. 48. D i n d- Lausanne: Biologie de la Syphilis. Ouelques reflexions sur la syphilis. son pronostic et la valeur biologique de ses ma”lfes*atj?"*" L i 1 i e s t r a n d und Magnus: Versuche über die Wirkung der Kohlen- säurebädeMn St.eMorltz.suchten, ob im kühlen COs-Bad bei gesteigerter Wärmeabgabe chemische Wärmeregulation auftritt, also Zunahme des Saue ^Verbrauchs. Das ist nicht der Fall. Sie fanden beim Gesunden Ab¬ nahme der Körpertemperatur, Zunahme der Lungenventilation und Zunahm des Minutenvolumens des Herzens um 52 Proz. und des Schlagvolume . Der Blutdruck bleibt unverändert. Demieville- Lausanne: Erytheme noneux et Tuberculose. Um a n s k y - Bern: Die Pathogenese der Syphilis maligna. Verf führt den eigenartigen Verlauf der Syph. maligna mit Ja sohn, Naegeli u. a. auf eine allergische Reaktion zuruck; der Organis¬ mus bekämpft die Infektion im Zustande der Ueberempfindlichkeit. C u s t e r - Berneck: Die Untersuchungen der Magenfunktionen ohne An- wendune der Schlundsondc. (Schluss.) . . , Verf. hat -in vieljähriger Tätigkeit die von S a h 1 1 angegebenen Methode bewährt gefunden und glaubt, dass sie viel zu wenig in der Praxis ange¬ wandt werden. Er beschreibt sehr* ausführlich die J'fetbylenb^u'J0J°f°am' Salol- und Dermoidreaktion. L. J a c o b - Brem . Oesterreichische Literatur. Wiener klinische Wochenschrift. Nr. 49. St. R u s z n y a k - Pest: Untersuchungen über die pharmako¬ logische Prüfung des vegetativen Nervensystems. Vpo-ntnnip“ Ergebnis: Pilokarpinüberempfindlichkeit bedeutet keine „Vagoton e , Adrenalinüberempfindlichkeit keine „Sympathikotome . Die Ueberempiindlich- keit auf genannte Mittel schliesst sich gegenseitig nicht aus und erstickt sich oft nur auf einzelne Organe. Da die funktionelle Diagnostik des g tativen Nervensystems vorerst pharmakologisch nicht testzulegen ist, kan nicht von Vago- oder Sympathikushypertonie im allgemeinen, sondern nur von den Erscheinungen an einzelnen Organen gesprochen werden. E. S e i d 1 e r - Wien: Ueber Perikarddivertikel. Beschreibung eines Falles mit Obduktionsbefund. L. Kotier und A. Perutz-Wien: Ueber die für den Arzt wichtigen Identitätsproben des Neosalvarsans. „ _ _ Für den Arzt kommen neben der Prüfung der Packung, Kontro Inummer und Signatur im wesentlichen nur die einfachen Proben mittels Silbernitrat oder Eisenchlorid, ev. noch die Diazo- oder Wasserstoffsuperoxydreaktion in Betracht • 4. Strassberg - Wien: Zur intravenösen Behandlung hartnäckig juckender Hautkrankheiten. . Bei Urtikaria und universellen nässenden Ekzemen haben Autoserum¬ injektionen oder S p i e t h 0 f f s Eigenblutinjektionen oft einen, wenn auch öfters nur vorübergehenden Erfolg, ln hartnäckigen Fällen nützten denn öfters auch Afenilinjektionen, auch Injektionen von 2 ccm einer 50 proz. 1 rauben- zuckerfösung.^si- wien: innerhalb fünf Jahren zweimalige SyphUlsinfektion nach Sterilisatio magna nach der ersten Erkrankung. Krankengeschichte eines sicher festgestellten Falles. Nr. 50. F. D e r e b s c h 0 k - Wien: Ein Fall von grossknotiger Milz- tuberkulose mit Hirntuberkeln. . Krankengeschichte, Obduktionsbefund, diagnostische Bemerkungen. K J e 1 1 e n i g g - Graz: Darmlänge und Sitzhöhe. J. fand im Gegensatz zu Henning als Durchschmttsverhaltms der Sitzhöhe zur Darmlänge nicht 1:10, sondern 1:12 (Schwankungen von 1;8— 15). Demnach erscheint die allgemeine Aufstellung eines Durchschnitts zur Berechnung der resorbierenden Darmfläche nicht angängig. H. WeisspODpel - Wien: Beiträge zu den Kehlkopferscheinungen bei Syringomyelie. ... ... „ Am häufigsten wird bei Syringomyelie eine meist einseitige Postikus¬ lähmung und anschliessend völlige Rekurrenslähmung, seltener auch verlang¬ samte und zuckende Bewegungen des Stimmbandes. 6. Januar 1922. MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT. 27 F. Marchand - Leipzig: lieber Gallensteine und Krebs der Gallenblase. Nach dem Material des Leipziger pathologischen Instituts (136 Fälle) widerspricht M. entschieden der Auffassung v. A 1 d o r s (W.kl.W. Nr. 40), dass der üallenblasenkrebs nicht zu den Komplikationen der Galleastein- krankheit gehöre. Mit geringen Ausnahmen schliesst sich der Krebs an vor¬ handene oder vorhanden gewesene Gallensteine an, die also die indirekte Ursache desselben sind. Die grosse Häufigkeit bei Frauen erklärt sich aus der Art der Kleidung. B e r g e a t - München. Amerikanische Literatur. C. F. Craig: Ueber Träger pathogener Organismen infolge nicht er¬ kannter Infektionen. (Journ. Am. Med. Assoc., Chicago, 1921, 77, Nr. 11.) Bei den Iniektionskrankheiten, wie Diphtherie, Typhus abdominalis, Malaria, Amöbiasis usw. kommen viele Fälle vor, die so atypisch verlaufen, • oder bei denen die Symptome so leicht sind, dass sie von dem behandelten Arzte nicht diagnostiziert werden. In manchen Fällen ist die Erkrankung so leicht, dass gar kein Arzt zu Rate gezogen wird. Es ist daher ratsam in allen Fällen, die unter Behandlung eines Arztes kommen, eine bakteriologische Untersuchung des Blutes, der Fäzes usw. vorzunehmen, um einer zu grossen Zunahme von Trägern pathogener Organismen vorzubeugen. E. C. ,Rosenow: Die Beliandung der akuten Poliomyelitis durch Pferdeserum. (Journ. Am. Med. Assoc., Chicago, 1921, 77, Nr. 8.) Das Immunserum wurde durch wiederholte Einspritzung von pleomorphen Streptokokken von Poliomyelitiskranken bereitet. Bei der Behandlung der Patienten wurde das Serum nicht intraspinal, sondern intravenös eingespritzt. Experimente an Affen haben gezeigt, dass intraspinale Injektionen die Tiere nicht gegen intrazerebrale Inokulationen des Virus schützen. 259 Patienten wurden mit diesem Serum behandelt, wovon 189 vollkommen geheilt wurden. 37 Fälle, die Panilyse aufwiesen, erholten sich, wobei die Paralyse ver¬ blieb. 59 Patienten, die vor der Behandlung keine Paralyse aufwiesen, wurden geheilt, aber mit Testierender Paralyse. 19 Fälle starben. J. F. Yarbrough: Die Aetiologie der Hypertonie. (Med. Record, j N. Y 1921, Nr. 9.) Verf. ist der Ansicht, dass die wahre Ursache der Hypertonie in einer Kohlehydratanämie besteht. In allen Fällen, die unter seine Beobachtung kamen, bestand ein grosses Uebergewicht der Kohlehydratnahrung, be¬ gleitet von Azidämie. In allen Fällen sank der Blutdruck schnell, sobald eine strenge Proteinnahrung befolgt wurde und zugleich alkalische Mittel genommen wurden. In allen Fällen, in denen experimentell die Proteinnahrung durch Kohlehydrate ersetzt wurde und die Alkalien ausgesetzt wurden, stieg der Blutdruck sofort. L. Freemann: Die Ursache und Verhütung zerebraler Störungen bei der Unterbindung der A. carotis communis. (Ann. of Surgery, Phila., 74, September.) Die Annahme, dass die Ursache zerebraler Störungen in einer Anämie als Folge eines mangelhaften Kollateralkreislaufes zu suchen sei, ist wahr¬ scheinlich unrichtig. Die Ansicht Perthes, dass sich an der Unterbindungs¬ stelle eine Thrombose mit nachfolgender Embolie entwickelt, ist viel rationeller. Für diese Theorie spricht das plötzliche Auftreten der Symptome und der grössere oder kleinere Zwischenraum der denselben vorhergeht. Das Ueber- wiegen der Fälle nach dem mittleren Alter kann durch die grössere Brüchig¬ keit der Tunica intima erklärt werden, wodurch bei der Unterbindung Un¬ ebenheiten entstehen, die die Thrombose verursachen. Wenn diese Theorie richtig ist, so wird die einfache Perthes sehe Unterbindungstechnik von grossem Werte sein. A. C a r r e 1 und A. H. Ebering: Die Vermehrung der Fibroblasten in vitro. (Journ. Exper. Med., Baltimore, 1921, 34, Oktober.) Die Tatsache, dass Gewebe, die im Plasma eines erwachsenen Tieres kultiviert werden, nur während einer gewissen Zeit am Leben bleiben, ist in den letzten Jahren genügend nachgewiesen worden. Kein Gewebe kann . länger als 3 Monate am Leben erhalten werden, auch wenn dasselbe ge¬ waschen und in frische Nährböden gesetzt wird. Wenn jedoch dem Plasma eines erwachsenen Tieres embryonischer Gewebesaft beigefügt wird, wird die Zellteilung in hohem Masse befördert und die Gewebsmasse nimmt mächtig an Umfang zu. Ein Fibroblastenstamm von einem kleinen Fragment eines Embryoherzens hat während der letzten 9 Jahre dreissigtausend Kulturen her¬ vorgebracht und ist gegenwärtig ebenso lebenskräftig wie am Anfang. Wenn dieser Stamm seinem freien Wachstum überlassen worden wäre, so würde das Volumen der hervorgebrachten Gewebemasse grösser als die Erde sein. Es ist gewiss, dass eine Mischung von Embryonalsaft und Plasma von erwachsenen Tieren die Fähigkeit besitzt, die Zellvermehrung zu befördern, aber die respektive Rolle der Bestandteile des Nährbodens bei dieser Zell¬ vermehrung ist noch immer unbekannt. Um die Herkunft der Substanzen, welche von den Fibroblasten im Plasma erwachsener Tiere allein gebraucht werden und welche Bestandteile im Plasma mit Embryonalsaft für die Zell¬ vermehrung verantwortlich sind, zu erforschen, wurden von den Verfassern neue Experimente gemacht, welche zu den folgenden Schlüssen führen: 1. Die temporäre Vermehrung der Fibroblasten, die im Plasma eines er¬ wachsenen Tieres kultiviert werden, kann nicht dem Serum zugeschrieben werden. Sie kann vielleicht das Resultat einer geringen Menge von Embryo¬ nalsaft im Gewebe sein. 2. Die unbegrenzte Vermehrung der Fibroblasten m einem Nährboden bestehend aus Plasma von erwachsenen Tieren und Embryonalsaft kann weder dem Serum noch dem Fibrin zugeschrieben wer- den. Sie ist gänzFch von Substanzen, die im Embryonalsaft enthalten sind, abhängig. 3. Es besteht ein bestimmter Zusammenhang zwischen der Schnel¬ ligkeit des Wachstums und der Konzentration des Embryonalsaftes im Nähr¬ boden. W. H. M a n w a r i n g: Darm- und Leberreaktionen bei der Anaphylaxie. (Journ. Am. Med. Assoc., Chicago, 1921, 77, Nr. 1.) 1. Die anaphylaktische Reaktion bei Meerschweinchen und Hunden ist charakterisiert durch eine explosive Bildung und Abgabe durch das Leber¬ parenchym von Substanzen, welche erschlaffend auf glatten Muskel ein- wirken. <2. Diese Substanzen sind direkt, verantwortlich für die hepatische Gefässerweiterung bei Hunden und entweder direkt oder indirekt verant¬ wortlich für die allgemeine Gefässerweiterung. 3. Bei Meerschweinchen wirken diese Substanzen als ein anaphylaktischer Mechanismus mit dem Be¬ streben, die initialen Bronchial- und Gefässkrämpfe zu überwinden oder sie zu verhindern, wenn die Proteininjektionen in die Mesenterialvenen gemacht werden. 4. Die chemische Natur dieser Substanzen, welche eine erschlaffende Wirkung auf den glatten Muskel ausüben, ist unbekannt. Soweit ist kein Grund vorhanden, anzunehmen, dass sie Antikörper seien. Es liegen Gründe vor, anzunehmen, dass sie nicht Spaltprodukte des spezifischen artfremden Proteins sind. 5. Bei Hunden bestehen Gründe, zu glauben, dass die Leber¬ reaktion nach einer vorhergehenden Serumreaktion auftritt. 6. Die hämor- rhagischen Darmläsionen, die bei Hunden Vorkommen, sind ein sekundäres Phänomen, verursacht durch die lokale Wirkung von Darmenzymen. B. M. Bernheim: Ganzbluttransfusion und Transfusion zitrierten Gewebes. (Journ. Am. Med. Assoc., Chicago, 1921, 77, Nr. 4.) ln von 20 40 Proz. aller Fälle von Bluttransfusion zitrierten Blutes findet eine mehr oder weniger schwere Reaktion statt. Es ist daher ratsam, die¬ jenigen Fälle, welche von einer gefährlichen Reaktion bedroht sind,’ aus¬ zuscheiden und bei denselben eine üanzbluttransfusion vorzunehmen. Es sind vornehmlich 2 Gruppen von Patienten, bei welchen zitriertes Blut gefährliche Reaktionen hervorruft: 1. Patienten, welche grossen Blutverlust erlitten haben. 2. Patienten mit primärer oder sekundärer Anämie, bei welchen die Blut¬ veränderung einen sehr hohen Grad erreicht hat. A. M. Chesney: Eine immunologische Studie über den Influenza¬ bazillus. (Journ. Infect. Diseases, Chicago, 1921, 29, August.) Die Untersuchungen wurden an 12 Stämmen des Influenzabazillus, welche von Influenzakranken der letzten Epidemie gewonnen wurden, gemacht. Agglutinationsreste und Absorptionsexperimente zeigten, dass von den 12 Stämmen 4 (33'A Proz.) in ihren immunologischen Reaktionen identisch waren. Es konnten keine Beziehungen zu Stämmen anderer Herkunft nach¬ gewiesen werden. Der Influenzabazillus repräsentiert eine heterogene Gruppe von Organismen, welche alle Hämoglobin zu ihrem Wachstum erfordern, die aber in ihren antigenen Eigenschaften sich verschieden verhalten, obgleich immunologisch identische Stämme bei demselben Patienten Vorkommen können. Diese Resultate sprechen nicht für die Ansicht, dass der Pfeiffer- sclie Bazillus der Erreger der Influenza sei. F. D w e d d e 1 1 : Die Behandlung der Lungentuberkulose mit Schwefel¬ dioxyd. (Med. Record, New York, 1921, 100, Nr. 9.) Verf. berichtet über günstige Resultate in Fällen von Lungentuberkulose, die durch Einatmung von Schwefeldioxyd behandelt wurden. Das Gas soll aber in starker Verdünnung angewandt werden. Wenn so gebraucht, ist es nicht irritierend. Verf. rät, bei dieser Behandlungsmethode zuerst nur Fälle in den Anfangsstadien auszuwählen. L. Eloesser: Ein Symptom, das bei mit C h a r c o t sehen Gelenken komplizierten Tabesfällen vorkommt. (Jouin. Am. Med. Assoc., Chicago 1921, 77, Nr. 8.) Einige Tabiker weisen Analgesie des Knochens, aber nicht der Haut auf. Dies kann festgestellt^ werden, indem man eine Nadel durch die Haut auf den Knochen sticht. Solche Patienten können nach akut entwickeltem C h a r c o t schem Gelenk Schmerz empfinden. Der Schmerz wird in der ge¬ streckten Haut und in den weichen Teilen, aber nicht im Knochen empfun¬ den. Diese Art Schmerz spricht gegen die Theorie, dass die C h a r c o t sehen Gelenke durch Trauma und den Mangel des warnenden Schmerzgefühls ver- ursacht werden. Schmerzfasern für Haut und Knochen haben wahrschein¬ lich im Rückenmark verschiedene Pfade. L. Jackson: Ueber Negrikörper in den Speicheldrüsen und anderen Organen bei der Wutkrankheit. (Journ. Infect. Diseases, Chicago, 1921, 29, Genaue Untersuchungen der Speicheldrüsen normaler und wutkranker Hunde zeigen, dass sie einen günstigen Boden bilden für das Wachstum ge¬ wisser Protozoen. Einige Entwicklungsformen dieser letzteren können von den N e g r i sehen Körperchen gar nicht unterschieden werden. Es ist jedoch sicher, dass in vielen Fällen von Wutkrankheit die Negrikörperchen mit Sicherheit identifiziert werden können. P. F. Orr: Studien über den Bacillus fcotulinus. (Journ. Med. Re¬ search, Boston, 1921, 42, Nr. 2.) Die Toxine, welche von 10 verschiedenen Stämmen von B. botulinus herrührten, verhielten sich ziemlich thermolabil. Bei 80 0 C wurden sie innerhalb 5 Minuten vernichtet, bei 72 0 C innerhalb 18 Minuten. Die Erhitzung irgendeines Nahrungsmittels bis zum Siedepunkt zerstörte alle Spuren der Botulinustoxine. Der durchschnittliche Temperaturkoeffizient für die Vernich¬ tung der Toxine bei Erhöhung der Temperatur von 65° auf 72 0 C ist 5,2, wahrend er bei einer Erhöhung von 72 u auf 80 0 C 4,2 beträgt. . F. J. Taussig: In welchen Fällen erfordern Uterusfibrome noch immer eine operative Entfernung? (Journ. Am. Med. Assoc., Chicago, 1921, 77, Nr. 5.) Sowie die Patienten lernen, frühzeitig den Arzt zu konsultieren, wird die Strahlenbehandlung mehr und mehr an die Stelle der chirurgischen Be¬ handlung treten. Bei Negerfrauen jedoch, bei denen die Uterusfibrome sich viel früher und viel schneller entwickeln, wird die chirurgische Behandlung immer notwendig sein. Es gibt bestimmte Kontraindikationen für die Strahlen¬ behandlung und die Auswahl der Fälle sollte immer einem erfahrenen Gynäko¬ logen überlassen werden. C. A. Mc Williams: Der Wert der verschiedenen Methoden der Knochentransplantation nach den Ergebnissen von 1390 Fällen. (Ann. of Sur- gery, Phila., 1921, 74, September.) Günstige Resultate wurden in 82 Proz. aller Fälle erzielt. Die Resul¬ tate der verschiedenen Methoden sind folgende: Günstige Resultate mit Knochenstiften 95,8 Proz., mit der osteoperiostalen Methode (D e lä¬ ge n i e r e) 87,3 Prcz., mit der End-zu-End-Methode (ohne Einlage) 82,5 Proz., mit der Einlagemethod.e 80,9 Pioz., mit der intramedullären Methode (M u r p h y) 76,6 Proz. Das Periosteum, ob vorhanden oder fehlend, scheint keinen Einfluss auf die günstigen Erfolge auszuüben. Die Erfolge mit und ohne Periosteum waren ungefähr an Zahl gleich. E. Reynolds und D. Macomber: Mangelhafte Nahrung als Ursache der Sterilität. (Journ. Am. Assoc., Chicago, 1921, 77, Nr. 8.) Eine Anzahl von Experimenten an Ratten führen Verf. zu folgenden Schlüssen: Viele Fälle von Sterilität sind funktionell und können nicht auf anatomische oder pathologische Ursachen zurückgeführt werden. Eine mässige Verminderung der Fruchtbarkeit in beiden Individuen kann die Paarung gänz¬ lich unfruchtbar machen. E. S. Judd: Die Beziehungen der Leber und der Bauchspeicheldrüse zu Infektionen der Gallenblase. (Journ. Am. Med. Assoc., Chicago, 1921, 77, Nr. 3.) Verf. ist der Ansicht, dass die Gallenblasenentzündung selten ohne Leber- entzündung vorkommt. Die Entzündung im Lebergewebe ist oft so leicht, dass sie übersehen wird. Die enge Verbindung der, Leber mit der Gallenblase durch die Lymphgefässe erleichtert eine gegenseitige Infektion. Pankreatitis kommt häufig mit Gallenblasenentzündung vor. Es ist möglich, dass die Entzündung des Pankreas durch die Galle, welche in den Ductus pancreaticus strömt, verursacht wird. Aber dies kommt selten vor. Es ist wahrscheinlich, dass die Infektion meistens durch die Lymphgefässe 48 auf das Pankreas übertragen wird. Barch die Behandlung der Cholezystitis verschwindet and, die P*““ d|e Rassel sei, ca Fachsinkörnerehca. ‘J»ur“ n'“™ ÄeScn 'sind das Prodnk, generativer Veränderungen' im 'zell^rcdo'pl^loa, aber nicht im Zellkern. Ilrn Fhasma- zelle wird hiebei am meisten betroffen, aber jede A“utv™,en ,faben keinen eine solche Degeneration al'!^1S® 'hea Körperchen, da die mikroskopische Anteil an der Bindung der Ru s s e I schen B,utz*ellen Qder Blutpigment Untersuchung keinen Zusammenhang Körperchen bei der und den Fuchsinkörperchen aufweist. . Auch S der Fall ist. Gramförbung^stajk positiv, w.is epileptischer Ersclieinungen bei Kindern vom Standpunkte der konstitutionellen Grundlage. (Med. Recor , n^DHrÄe^Ers^inungen «g.n d^ Resultat einer Dyskrasie welche selbst J‘e das endokrine, meta- bokliscShe0dund hämopoietische System SBffi? JÜBTÄB Lebensbedingungen angewand werden. Uie piastiscne r j j a n n. ist die günstigste Zeit für solche Massnahmen. A. A 1 1 e m a Vereins- und Kongressberichte. Aerztlicher Verein zu Danzig. (Eigener Bericht.) Sitzung vom 17. November.1921. MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT Nr. 1. r.;:T=f ä“ e^Ä^ ÄffA SÄ™1 weniger ^tnsseraIEntfernunlg telepathisch verbunden zu sein wähnen^ Nach 0Per,Sf gB;“en‘kr£i.a.e . bei SSiS Mamrnakarzfnom! da hie, an dl. kegelte «rsw säWST 5v Tmd grössten Krebsinstitut Deutschlands. Einzig die ganz aus dem Rahmen dem ^°®fne"n%eaDh,"Slder Kieler und Rostocker Klinik sprechen zugunsten 1deri * NÄehandS! De Glauben an eine Karzinomvernichtungsdosis ist SÄS& nur durch die klinischen Erfahrungen, sondern naine^- kannte “zelge^^ass^Mäustkarzbiome^seftst6 nach* Bestrahlung njit 2— 3 facher Bindegewebsschutzes fiSPdTtoi Weg derUdirekten Ca.-Vernichtung durch Verkupferung der Ca.-Zelle Melbewusst weiter verfolgt. Wird das Krebsheilungsproblem letzten Endes nicht gelost, bleiben immer noch die gewichtigen palliativen \orzuge der Röntgen bestrahlung bestehen. Sie treten besonders beim Brustkrebs deutlich hervor, rwtlirlip Rezidive lassen sich mit grosser Sicherheit beseitigen. Das Auf- Seten von Fernmetastasen “das nach meinen Erfahrungen entschieden be¬ günstigt wird, ist ein Vorzug. Den Kranken wird dadurch ^ a s ( sch me r zh a f t e Siechtum der äusseren ulzerierenden Karzinose erspart. Endlich sind d e löntgenstrrahfen ein Anodynum von langer, bisher unerreichter Wirkungs- dauen ^ Dia2I,ose des Chorionepithelioma uteri malignum. Eine 26 jährige ll.-para erleidet in ihrer zweiten Entbindung im Juli 1920 starke Blutung in der Plazentarperiode. Schwieriger Crede Ver^®Ü.e Involution mit lange anhaltendem blutigen Wochen J“5®; ^JÄm ze”über- menorrhöe dann Polymenorrhoen, die ab Januar 1921 in Dauerblutungen uDer gehen Die Uterusausschabung (25. IV. 1921) ergibt Schleimhautbrockel, die sich makroskopisch nicht von einfacher Hyperplasie unterscheiden. Mikro¬ skopisch finden sich neben sehr spärlichen drüsigen Elementen grosse Ver¬ bände wuchernder Zottenepithelien. vorwiegend vom Typus der Langhans zellen Im weiteren Verlauf schubweise erfolgende starke Blutabgang«. Untersuchung ergibt tastbare und messbare Vergrößerung des Uterus. Bei vorsichtiger Sondierung des Korpus profuser Blutabgang. Der Uterus wird daraufhin exstirpiert (30. VII. 1921). An seiner Hinterwand findet s ch eine breitbasig der Schleimhaut aufsitzende birnförmig-polypose Neubildung v n blauschwarzer Färbung. Mikroskopisch: Zottcnektoblast in breiten Bändern in die Muskulatur tief eingedrungen, diese streckenweise parzellierend^ Langhanszellen überwiegend. Lebhafte Kernfarbung. scharfe Zellgrenzen sprechen gegen Retention chorioepithelialer Elemente, sichern vielmehr den Untersuchung auch anscheinend ganz harmlosen Schabungsmaterials gi n™t ich für solche Fälle, wo sich im Anschluss an einen wenn auch lange z u rück Hege n d e-n Gestationsvorgang Menstruationsstörungen angeschlossen haben Frühdiagnosen sind noch weit lohnender als beim Karzinom Man darf beim Chorionepitheliom, wenn es früh erkannt wird, auf etwa 75 Proz. . Dauerheilung rechnen. _ _ _ _ Gesellschaft für Natur- u. Heilkunde in Dresden. (Vereinsamtliche Niederschrift.) Sitzung vom 3. Oktober 1921. Vorsitzender: Herr P ä s s 1 e r. Schriftführer: Herr Grunert und Herr W c m m e r s. Herr W. Weber: Ueber Aerztedeutsch. (Der Vortrag erscheint in d'LSLA u\°sp r a c h e: Herr Panse möchte den dankenswerten Aus¬ führungen des Vortragenden noch hinzufügen, dass man sich auch gegen die aus den Anfangsbuchstaben mehrerer Worte zusammengesetzten Wortbil¬ dungen wie Bugra, und gegen die neuerdings üblich werdenden Abkürzungen (Anfangsbuchstaben statt der ganzen Worte) in der Fachl.tteratur wenden S c ^mprhriich wird die D i s - Wegen Verhinderung des Herrn -Prof, bauerorucn kUSHer°rnCreämKe r spricht über die Behandlung des Magengeschwürs. nlrr K ecke über die chirurgische Behandlung des Magengeschwürs. Siese beiden Vorträge werden im Wortlaut wiedergegeben werden. Sitzung vom 14. Dezember 1921. " JJ ÄÄÄSSrÄ » «gj wsimmmmsB wesentlichen1 Steh das l.sfmmenrücken der */«“£" £5 “ i stunden, während die postoperativen Skoliosen ^Vl’hll der Verbindung der Konvexität nach der kranken Seite durch den Weg fall der Verbindung ÄÄStrtss konstitutionellen Veränderung etwas grundsätzlich anderes sei, nehme ihren 1 lr«nriimr von den Rippen aus. Wenn man einen gesunden jungen Menschen S mfch vornrunrnach der Seite abbiegt, so kann man stets mehr oder weniger deutlich das Auftreten eines hinteren Rippenbuckels auf der Konvex reite bemerken Dieser entsteht dadurch, dass die hinteren Rippenabschnjtte einerseits durch die sich ausbiegende Wirbelsäule, anderseits durch ^ stärkte Spannung in den seitlichen Thoraxabschnitten, unter vermehrten Druck gesetzt werden Zu gleicher Zeit bewirkt die nun veränderte Stellung der Rippen vor allem durch kräftigen Druck auf den Querfortsatz des Wirbels eine Konvexrotation desselben. , p.minfes alle Während sich beim Gesunden nach ,d?r, Aufr^“n^.f eu0^twut^nelier diese Erscheinungen wieder restlos ausgleichen, kan wurde ruch Veränderung des Knochensystems, wie sie oben gekennzeichnet wurde, auch nach dem Aufrichten des Rumpfes eine anfangs m7I^l%^eh^rrbGsndäue?nd hinteren Rippenabschnitte und damit eine Konvexiotation des Wirbels dauernd Zurückbleiben Damit ist auch die Möglichkeit einer exzentrischen Belastung derrUwSbeiegegeben ‘und wir sehen dann im Laufe von Monaten und Jahren das Leiden von einer leichten Veränderung wn Relief des Rückens bis zu den ausgeprägten Formen der Kyphoskoliose fortschreiten. Dementsprechend scheinen heute die besten Angriffspunkte für eine operative Behandlung der Skoliose die Rippen zu sein. ^ ersten OperaLonen wurden in verschiedener Weise bereits ausgeführt. Zwar stehen voll be friedigende Erfolge noch aus, doch zeigte essictl deutlich, dwfr hefsäule0 ein Veränderung der' SpannungS.erhäUni»e »wischen »PP» therapeutischer Einfluss auf die skoliotische Verbmgung. genomm ^ kann Für die Operation kommen nur versteifte Skoliosen Nachbehandlung ist so wichtig wie die Operation selbst. Herr Lange ist der Ansicht, dass schwere Kyphoskoliosen fast^tets rachitischen Ursprungs sind, auch wenn, w e in M ul ^ ^ da$ andere ^tefe'radiitisc.ie'dchen'or allem den naschen ^enkranz. *“ Fra" 5 1 de, Umstand, dass schwere Kyphoskoliosen nur in Länton vorkommem S pläÄ^rSZ” )«Si£g»0»- , nie,." der Oebdr, meiern» raschesten Wachstum befind^chen Teile also b.s zu ^ zwisch&1l sf ss r r» wmmmmm Herr v Romberg glaubt entsprechend der alten Anschauung zwisc io vom ÄS“ Richard M . y sehen Tafeln schnitte von zwei Kyphosko hotikern wird ein e ÄÄÄ n und •SäKiSSS^SSS Serratus anticus major. So entsteht eine senr n°cngru s Druck- Atmungsmechanismus und des Lungenkreislaufs D e durch i die DrucK Steigerung in der Lungenarterie entstehende Hypertrophie der reenten Kamm Ät wir hohe Grade Bisweilen wird durch ungenügende Kompensation des HMdern sseS der Unke Ventrikel abnorm wenig gefüllt und atrophisch wie Sei Mitralstenose (Carl Hirsch). Die Bronchitiden Hip das äussere Bild des Krankheitsverlaufs beherrschen, wie nerr Fr Müller mit Recht betonte, werden durch die vermehrte Belastui g SrSteÄM stä-ä WelSf)astUrteÜ' über die Herrtätigkeit kann sich bei der gewöhnlichen Ver¬ te,™“ S He, eens noch weniger als Sons, ,ut die perkutonsche BesUm- JfflS'ÄSE Kamme;. S AbwetbLgen^ Zvanose die bei der gewöhnlich abweichenden Form der Leber durch B m ■ BnSe„er|°clfü“ vor T»£»lost'^”0.el!«ch angenommen wird verleiht die ICyphoskohose'Ticht Neid’eri h.«e lirtersuchung zu stellen. Der Mechanismus der Kreislaufstörung . den Lungen bei' Kyphoskoliose entspricht nicht einer Stauung w.!® b®’ Mlt^a ‘ Hindernis ^liegMenseits^d^s0 'Lungenkreislaufs.611 BeT Kyphoskoliose ist es in iieS:’:* ÄefS durchflossen. Eine vermehrte Blutfüllung findet sich nur in den, Lunge arterien. Herr Borst meint, dass für die habituelle oder konstitutionelle Kypho¬ skoliose abnorme Belastung (schiefe Haltung), Schwache der Muskeln und Bänder. Veränderungen der Knochensubstanz in Frage kamen . Das letztere Moment erscheint ihm das wichtigste. Beziehungen zur Rachitis besteh jedenfalls häufig Wenn nicht immer Auftreibungen an den Gelenkenden ge- funden werdenf so muss man bedenken, dass es neben der enchondra en auch eine periostale und endostale Rachitis gibt. Ferner kann die Rachitis aus gelfei ft sein, die Difformität ist geblieben. In einem eigenen wahrscheinlich hieher gehörigen Fall von habitueller Kyphoskoliose war mikroskopisch nur eine sehr starke Atrophie der Knochensubstanz, nichts für Rachitis oder SSÄ <£ rffST 1TÄJ ä ir ÄSSicSÄ vDon ÄÄkSy» rachitischer und osteomalazischer Kyphoskoliose, von Kyphose und e , • r i Wirbelsäule bei Spondylitis deformans und bei Arthritis an ÄfcÄÄ weil»» *••*« Knoche»., rophie aufwiesen. 6. Januar 1922. MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT. 33 Endlich wurde ein Fall von Skoliose in frühem Kindesalter bei Keilwirbel¬ bildung demonstriert. Herr Pfaundler: Das Fehlen von Epiphysenschwellungen am Brust¬ korb und an den Extremitäten der vorgestellten Patientin beweist meines Er¬ achtens nichts gegen Rachitis. Selbst bei florider Erkrankung können ge¬ legentlich die Bedingungen für das Zustandekommen dieser Schwellungen fehlen, wie das neuerdings insbesonders von Schiff ausgeführt wurde. Aus anderen Gründen, insbesonders wegen des Fehlens aller sonstigen Hinweise in der Anamnese, ferner nach dem Aussehen der Knochen im Röntgenbilde, halte ich eine Rachitis solchen Grades, dass sie die bestehende Wirbelsäulenverkrümmung hätte verursachen können, für ausgeschlossen; ich kann mich auch der von orthopädischer Seite geäusserten generellen Meinung, dass die schweren Formen von Kyphoskoliose durchweg rachitischer Natur seien, nicht anschliessen. Die vorgestellte Kranke bietet nebst dem Buckel noch drei sehr markante Erscheinungen, nämlich eine hochgradige symmetrische und* universelle Muskelatrophie, die nach ihrer Verbreitung sicher keine Folge eines skoliotischen Spinalschadens sein kann, ferner eine ebenso verbreitete und hochgradige Knochenatrophie, endlich eine sehr sinnfällige Progenie. Die Gesamtheit dieser Zeichen ist uns an mehreren Krankheitsfällen der Kinder¬ klinik begegnet. Ich demonstriere hiervon den markantesten Fall, der später an der II. medizinischen Klinik Aufnahme und in der Dissertation meines damaligen Assistenten F. Börger Bearbeitung gefunden hat. Die pro¬ jizierten Bilder entstammen dieser Publikation; die Aehnlichkeit der beiden Fälle scheint beachtenswert. In dem Börger sehen Falle handelte es sich unzweifelhaft um einen Spätzustand bei progressiver Muskeldystrophie. Dass diese mit Kyphoskoliose, ferner mit Progenie und mit Knochenatrophie einher¬ geht, ist von massgebenden Beobachtern (Lorenz, Oppenheim, Friedreich, Schult z-e) festgestellt worden. Die beiden letzteren legen in überzeugender Weise dar, dass die Knochenatrophie der Muskel¬ atrophie nicht oder nicht nur untergeordnet, sondern beigeordnet sei. Es entsteht hiernach die Frage, ob progressive Muskelatrophie auch in dem v. Müller sehen Falle vorliegt. Dies glaube ich nicht annehmen zu dürfen. Das Fehlen aller Reste von Hypertrophie der Muskulatur würde angesichts der bekannten Beobachtungen von Leyden und von Moe- b i u s etc. ebensowenig beweisend sein, wie das scheinbar erratische Auf¬ treten, das ja nach ausführlichen Erhebungen von W e i t z in 3 von 4 Fällen des Leidens konstatiert wird. Gegen progressive Muskeldystrophie spricht aber vielleicht das Verhalten der elektrischen Erregbarkeit, ferner die Lokalisation der Atrophie und insbesonders die auffallend geringfügige Funk¬ tionsstörung. Wenn auch sehr ermüdbar, ja durch leichte Arbeit und kurzes Gehen erschöpft, ist die Patientin v. Müllers doch ganz agil, wie man es in vorgeschrittenen Stadien der typischen Dystrophie nach 20 jährigem Bestände des Uebels kaum je antreffen wird. Wenn ich mir erlaubt habe, jenen Vergleichsfall trotzdem heranzuziehen, so egschah es, da es Fälle zu geben scheint, in denen atypischer Weise die Funktionsstörung nicht über den erkennbaren Muskelschwund hinausgeht und ferner da von S c h u 1 1 z e und von Eulenburg höchst merkwürdige Beobachtungen über das Vorkommen von einfachen Muskel- und Knochenatrophie bei den Geschwistern von typischen progressiven Dystrophikern vorliegen. Man gewinnt den Eindruck, dass es sich in diesen Familien um zwei gekuppelte Idiovariationen handelt, die sich im Erbgange trennen, die gewissermassen „auseinandermendeln“ können. In einer derartigen evolutiven Variante, die sich in trophischen Störungen an verschiedenen mesodermalen Systemen äussern, möchte ich das Rätsel dieses Falles suchen. Die Mechanik der Entstehung der Skoliose ist dadurch natürlich nicht geklärt, ebensowenig die scheinbar ganz spontane Entstehung der Deformität in der Präpubertätsperiode, doch wären diese Fragen auf das schon ausführlich behandelte Problem der Wirbelsäulen¬ verbiegungen und der gesetzmässigen Latenz bei der Gruppe der endogenen Muskelatrophien zurückgeführt. Es müsste nach dem Gesagten nicht die Muskulatur sein, deren Ausfall die Wirbelsäulenverkrümmung ermöglicht, sondern die Ursache könnte auch im Knochen, etwa in einer abnormen Ent¬ wicklungstendenz oder in einer Ernährungsstörung gelegen sein. Herr Sei t z zeigt an 300 Fällen von Wirbelsäuleverbiegungen aus der Kinderpoliklinik, dass im ersten Lebensjahrfünft Kyphosen vorwiegen, während vom 6. zum 15. Lebensjahr die Skoliosen ansteigen, ebenso die schwersten Formen: die Kyphoskoliosen, deren Maximum ins 10.— 15. Lebensjahr fällt; vorwiegend sind es hier weibliche Individuen, die fast stets auch asthenischen Habitus zeigen. Unter 15 schweren Kyphoskoliosen fanden sich 3 Geschwist^r- paare. Herr H o h m a n n; Ausgebildete Kyphoskoliosen des späteren Alters können sein solche, die zuerst im Pubertätsalter infolge Rachitis tarda ent¬ stehen, wo wir auch andere Erweichungsprozesse der Knochen entstehen sehen, wie Coxa vara und Genu valgum. Bei Operation von Coxa vara in irischen Fällen oft auffallend weiche Knochen, dünne Kortikalis, blutreiche Spongiosa zu sehen, leichte Infraktionen bei Redression oder bei Trauma, ähnlich wie bei florider kindlicher Rachitis. Oder auf der Grundlage kind¬ licher Rachitis stellt sich in der Pubertät plötzlich erhebliche Verschlimme¬ rung der Skoliose ein, wahrscheinlich infolge einer neuen Erweichung der Knochen, einer Rachitis tarda. Hier fehlen oft Epiphysenverdickungen, oft auch die sekundäre Eburneation. Oder wir sehen die Kyphoskoliose als die tndform des Körpers nach einer kindlichen Rachitis, die in der Kindheit vollständig abgelaufen ist. Diese Fälle sehen oft dem von Müller vorge¬ stellten Fall ganz ähnlich: Keine Spur von Epiphysenverdickungen, von Bein- deformitäten, dagegen schwache Muskeln (Demonstration eines solchen Falles). Die Rachitis und Spätrachitis befällt nicht immer alle Knochen, sondern mit Auswahl: Wirbelsäule und Schädel, oder Schenkelhals, oder unteres Femur¬ ende usw. Der schiefe Gesichtsschädel des Müller sehen Falles ist statisch zu erklären, als statische Anpassung an die seitliche Verbiegung der Wirbel¬ säule, ähnlich bei Schiefhals. Auch bei Spondylitis Anpassung des Schädels an die anteroposteriore Deformität durch Verlängerung des Schädels im anteroposterioren Durchmesser = Spitzkopf. Desgleichen hierbei, wie bei Kyphoskoliosen Prognathie infolge der gleichzeitigen Halslordose. Die Hohl- tussbildung sagt mir nichts anderes, als dass keine rachitische Verbiegung des russskelelts in dem Falle stattgefunden hat. Die Muskelschwäche zeigt sich bei allen Dyskrasien, bei der infantilen Rachitis mit Hypotonus der Muskeln, bei Rachitis tarda ganz allgemein, siehe die schwachen Lehrlinge, an deren erweichtem Skelett Belastungsveränderungen auftreten, X-Beine- Coxa vara, Schreinerskoliose. Infolge ihrer Muskelschwäche, bzw. ihrer von Haus aus schwachen Konstitution ergriffen sie leichten Beruf (Schneider- oder Sitz¬ beruf) und blieben Schwächlinge mit dünnen Muskeln und dünnen Knochen. Sie erfuhren an sich nicht die konstitutionsstärkende Wirkung der körper¬ lichen Arbeit (siehe K a u p s Untersuchungen von Fortbildungsschülern). In gleicher Weise zeigen auch die Spondylitiker im späteren Leben mit einer in der Kindheit durchgemachten schweren Spondylitis und Deformität den konstitutionsschwachen Typus. Wahrscheinlich handelt es sich in dem v. Müller sehen Fall doch um eine Rachitis tarda. Die neuere Auffassung von S c h m o r 1 u. a., dass es sich bei Rachitis, Spätrachitis und Osteo¬ malazie wahrscheinlich um die gleiche Dyskrasie, nur in verschiedenen Alters¬ stufen handelt, ist sehr einleuchtend. Die weitere Forschung hat darüber das letzte Wort zu sprechen. Herr Oberndorfer: Nach der alten Rokitansky sehen Lehre sollte ein Ausschliessungsverhältnis zwischen Kyphoskoliose und pro¬ gredienter Tuberkulose erwartet werden, denn bei Kyphoskoliose zeigen die Lungen die Zeichen schwerster chronischer Stauung; tatsächlich kommt aber, wenn auch nicht sehr häufig, schwerste Phthise bei Kyphoskoliotikern mit schwerer Stauung vor. Der Widerspruch ist aber ein nur scheinbarer: die Teile der Lunge, die sich entfalten können, die also nicht unter der Kom¬ pression des deformierten Thorax stehen, bleiben in der Regel frei von Tuber¬ kulose, während stärkste tuberkulöse Veränderungen, oft kavernöse Umwand¬ lungen ganzer Lappen in den am stärksten zusammengepressten Lungenteilen zu finden sind; diese Teile befinden sich aber eben wegen der Zusammen¬ pressung nicht im Zustand der Stauung, sondern sind dauernd extrem anämisch. Die Tuberkulose des Kyphoskoliotikers bildet somit einen fundamentalen Beweis für den Antagonismus von Tuberkulose und chronischer Stauung. Herr Drachter berichtet über ausgedehnte Versuche an Hühnern, die er wegen ihrer einendig unterstützten Wirbelsäule für besonders geeignet hielt, um den Einfluss statischer Momente auf die Wirbelsäule zu studieren. Er zeigte an Skeletten des Haushuhnes — bei dem Rachitis nicht Vorkommen soll — , dass hochgradige Kyphoskoliosen, die der menschlichen hinsichtlich Rotation und Torsion recht ähnlich sind, spontan Vorkommen, dass hingegen die experimentelle Auslösung derart hochgradiger Verbiegungen nicht gelingt. Verkürzung eines Beins, einseitige Entfernung von Stammesmuskeln, Zu¬ sammenziehen der Rippen einer Seite, und andere Eingriffe Hessen Jahr nach dem Eingriff Kyphoskoliose nicht entstehen. Die Kyphoskoliose des Haushuhns dürfte also keinesfalls durch ausserhalb der Wirbelsäule gelegene Kräfte allein zu erklären sein, vielmehr müssen die Voraussetzungen für die Entstehung solcher Skoliosen beim Huhn in der Wirbelsäule selbst (oder den ihr anliegenden Teilen des Beckens) gelegen sein. Vielleicht handelt es sich um Vorgänge, wie sie zur Erklärung des Turmschädels von R i e p i n g heran¬ gezogen wurden, d. h. um Verschiebung und abnorme Verschmelzung von Ossifikationszentren. Herr Fr. v. Müller betont im Schlusswort, dass die Diskussion eine Klärung des Problems der Kyphoskoliose nicht gebracht habe. Da sich die Kyphoskoliose nur in ganz seltenen Fällen bis in das erste und zweite Lebens- jahr zurück verfolgen lässt, so dürfte die kindliche (eigentliche) Rachitis dafür kaum in Betracht kommen, und es erscheint recht zweifelhaft, ob man jene eigentümlichen dystrophischen und rarefizierenden Knochenprozesse des zweiten Lebensjahrzehntes mit der Rachitis des frühen Kindesalters identifizieren darf. Diese Rachitis tarda ist es aber, welche bei der Skoliose gefunden wird. Sie steht vielleicht in Beziehung zu der Coxa vara und den Genu valgum desselben Lebensalters. Die von Herrn Borst demonstrierten Präparate von Kyphoskoliose zeigen dieselbe enorme Ver¬ dünnung der Rippen und die poröse kalkarme Beschaffenheit der Wirbelsäule, wie das von uns demonstrierte Röntgenbild. Es handelt sich also um eine eigenartige Verarmung des Knochens an kalkhaltigen Knochenbälkchen, ins¬ besondere um eine grosse Verdünnung des Knochengewebes, und das Skelett zeichnet sich infolgedessen durch ein auffallend niedriges Gewicht aus. Gewiss zeigen auch die hier demonstrierten Fälle von Pott scher Kyphose eine gewisse Verdünnung der Rippen, aber doch nicht jene extreme Knochen¬ dystrophie, welche bei der konstitutionellen Kyphoskoliose gefunden wird. Es geht nicht an, die Verdünnung der Knochen und die Armseligkeit der Muskulatur bei der Kyphoskoliose einfach als Folgeerscheinung der Thorax¬ verbiegung anzusehen. Aus den Erörterungen einiger Vorredner könnte man entnehmen, dass die Patienten deswegen so dünne Knochen und Muskeln haben, weil sie durch ihre Kyphoskoliose im normalen Gebrauch ihrer Glieder gehindert sind. Ich glaube, man wird die Anschauung geltend machen müssen, dass sie vielmehr kyphoskoliotisch geworden sind, weil ihre Knochen und Muskeln dystrophisch waren und sind. Die Patientinnen werden nicht deshalb kyphoskoliotisch, weil sie Schneiderinnen sind, sondern sie müssen ihren fiüheren Beruf aufgeben und Schneiderinnen werden, weil sie skohotisch und muskelarm sind. Gegenüber Herrn Drachter muss darauf hingewiesen werden, dass bei Syringomyelie, Poliomyelitis anterior und manchen anderen Rückenmarks- und Muskelerkrankungen Skoliosen aufzutreten pflegen, deren Genese unbedingt auf eine einseitige Atrophie und Lähmung der Muskulatur der Wirbelsäule zurückzuführen ist. Wissenschaftlicher Verein der Aerzte zu Stettin. (Offizielles Protokoll.) Sitzung vom 8. November 1921. Vorsitzender: Herr Hager. Schriftführer: Herr Mühlmann. Herr Welcker: Vorstellung eines Falles von W i 1 s o n scher Krank¬ heit (Amyostase). 29 jähr. verheirateter Buchdruckmaschinenmeister. Beginn des Leidens 1915 mit epileptiformen Anfällen, deshalb als d. u. vom Militär entlassen. Nach der Entlassung Schwäche in den Beinen, Schwindelanfälle und solche epileptiformen Charakters. Grosse nervöse Reizbarkeit März 1920 Grippe. Seitdem Aufhören der epileptiformen Anfälle, dafür aber heftige Neuralgien im linken Bein und rechten Arm. Seit Herbst 1920 auffallende Verschlech¬ terung der Sprache, grosse Schwerfälligkeit der Zungen- und Kaumuskel¬ bewegungen. Erlahmung von Armen und Händen, erschwerter Gang. Kopf sinkt nach vorn über, dauernder Speichelfluss. Februar 1921 Berufsaufgabe 6. X. 1921 Krankenhausaufnahme. Befund: Innere Organe o. B. Wassermann negativ. Pat. liegt steif ohne Bewegung im Bett, Gesicht maskenartig starr. Blick geradeaus gerichtet, seltener Lidschlag. Linker Mundwinkel leicht hcrabgezogen. Dauernder Speichelfluss. Sprache monoton, leicht verwaschen. Der Kopf sinkt vornüber. Dauerndes Zittern des Unterkiefers. Nacken- 34 Nr. 1. Steifigkeit. Grosse Beweguii^rmut. Wände. Zu- lenken überall deutlicher Widerstand. " (irosse Rigidität der Mus¬ greifen unmöglich. Deutliche Adudoc o ■ • ‘ Sensibilitätsstörungen, kulatur. (lang schleifend deutliche Propu sion Kerne Se^a ss; ^ Augen. Ohren normal. Intel! ge nz . normal, sowie im Elektrische Erregbarkeit normak F,„ I”, f"m7e 1ÄÄSÄH le«l inaethalh »enirrer M.naie bis Jahre^ tJisjx b i 2»äääSSä ^Ä«SSÄ«^ 'gMÄÄ Ä^SÄrJÄ1»' v& äs 5Ä!fI.“^SblÄ-äÄ.m,,J.U.: Keine Fiste,, nornrale fc. SS“'Q«^>«*.»>'t"“ ♦ Pl“d • , . ■sÄärtJsrvft!«?« & ans «Meter Ste'luns a.irichleie, m.t Bdnen" «5lfaa«llnt. Eisenkante, er fiel sotortumunowd der Scheitelhöhe befand sich PilMiilÄ *■1»! Reflexe und ^lektrijche "de'uUiehe Fis^rHrüe Sn" l^mt- ISSgs^-li-SSSi Hals- bzw oberen Brustmark Vorgelegen hat. ... 1U r‘ Herr Schallehn: Demonstration eines exstirpierten Uterus grav.dus in sext. mens, einer 27 jährigen Frau mit Portiokarzinom. HPrr N ei ss er- Ueber Hei ne- Med in sehe Erkrankungen. Ein Dutzend Fälle, die im letzten halben Jahr beobachtet worden sind, zeichnen sich aus durch das Vorwiegen aufsteigender, auch abst®lge"d® L ährnungen Landry scher Paralyseformen, die mitunter noch nach Ablauf desHeberhaiten Stadiums deleiät »e, lauten. Andere w.eto te.ch.en smh u„ .55 *«•••*»? w» di. Säjkk ä WS K^ÄSÄ Fnrm jpr Fnzenhalitis mit der Poliomyelitis auftreten. ... F Gerade dieser letztere Umstand spricht dafür, dass alle diese infektiösen Erkrankungen des zentralen Nervensystems, die uns seit dem ersten Amtreten der Influenza in den neunziger Jahren nicht verlassen haben zwar nicht identische Krankheiten sind, aber auf gemeinschaftlicher Grundlage beruhen Das jetzt wieder häufiger werdende Vorkommen von Infbienzabazillcn. auch E? Gesunde!), gibt viefl.iclu einen Hinveis A„«snrnche- Herr 0. Meyer: Ich stimme mit Herrn .n c 1 s s c 1 darin überein, dass Beziehungen zwischen der H e i n e - M e di n sehe n Er¬ krankung und der Encephalitis lethargica bestehen müssen. Dieser An nch habe ich schon vor 2 Jahren auf der Tagung der P ’o m m e rsc he n Neu ol ogis chen Gesellschaft und in dem Abschnitt : Ueber Heine - NlVd ihn sehe Erkrankungen im S«V WeUk* le * e s AuasdrJckUgCeJebenr Die histologischen Befunde' "sind "zwar nicht in allen, aber . SäM ,‘ffr Befunde in jedem Falle so charakteristisch wären, dass man daraus mit Sicherheit die Diagnose Heine-Medin oder Encephalitis^ könnte Ich kann auf Einzelheiten nicht eingehen. Bedauerlich ist, dass wir gegenwärtig, wo wir die beiden Erkrankungsformen in seliaufterein .Masse SuÄ Das 's p rieht nach meiner Ansicht, aber abgesehen davon dass die Zahl de •ingestellten Tierversuche wohl nicht genügt, nur dafür, dass das Virus ,der pSSeims St identisch ist, mit den, de, • Demgegenüber fordert die Tatsache eine Erklärung, dass beide Erk kungenim Anschluss an die grosse I nf 1 uen z a e pid eme in den 90er Jahren des vorigen Jahrhunderts und wiederum jetzt epi- SÄ1 nichtKderCgiringstI' Üs für di{u Umber schuft ^Jnflue^abazmus kun°gnenerWmuhsnste £*££1"*» «“f f“r % ^ lethfScn ein dem Poliomyelitisvirus nahe verwandter Erreger ,» Betracht kommt, r s , „ „ „ 0 ?e, Umstand da« , di. 5™^® Ä.Ä mmmm d Die ersten Krankheitserscheinungen machen sich nicht nur im Halse und den Respfrationsorganen. sondern bänlig in de» Verdannngsorganen d r B - fallenen bemerkbar. Wenn man danach mit Eduard Mulle, einem ae ssr äj? sw: =ar &£ sehr hinfällig, gegen Kälte ziemlich resistent. handelt sind Des. Da es sich hiernach sicher um ein infektiöses Virus handelt, sind infektionsmassnahmen am Krankenbett und auch nach Ablauf der Krankhe.t an gezeigt. q Sch5ne erinnert an die Arbeiten von Eduard Mül ! er Marburg und weist darauf hin. dass die meisten Epidemien bisher das , LanJ mid dif kleineren Städte gegenüber den grossen Städten bevorzugt haben. Audi sind die Epidemien im Winter meist stark zurückgegangen. Diese mente S sind im Augenblick für Stettin von prognostisch günstiger Bedeutung. Immerhin empfiehlt es sich strenge Vorsichtsmassregeln zu t reff ien. Herr G Freund hat im letzten Vierteljahr 4 frische raue von Poliomyelitis in der Privatpraxis gesehen. Er schlagt, um ein einheitliches Vorgehen der Aerzte dem Publikum gegenüber zu ermöglichen, vor. die Ansteckungsgefahr (Schulbesuch der Geschwister etc.) ebenso wie beim Scharlach als 6 Wochen dauernd zu bezeichnen. .... Beschluss eines Rundschreibens durch den Aerzteausschuss an die Aerzte. In der Sitzung des wissenschaftlichen Vereins der Aerzte vom b No¬ vember ist die Anregung gegeben worden, dass sämtliche Falle von Ence- nhalitis ’ethargica Poliomyelitis anterior (essentielle Kinderlähmung), auf- steigender Lähmung und ähnlichen Erkrankungen dem Kreisarzt gemeldet wer¬ den Bei der Bedeutung der Erkrankung und bei der starken Beunruhigung der Bevölkerung bitten wir, diesem Wunsche nachzukommen und auch die¬ jenigen Fälle namhaft zu machen, die im Laufe dieses Jahres in Ihre Be¬ obachtung gelangt sind. Herr Schmidt: Ueber Morbus Basedow. Referat nicht eingegangen. .. . Herr Neisser: Ueber perniziöse Anämie. Erscheint als Originalartikel. Kleine Mitteilungen. Ein neues Zahnradstativ zur Quarzlampe nach Prof. Kromayer. Die Quarzlampengesellschaft Hanau a. M. stellt uns nachstehende Ab¬ bildung und Beschreibung eines neuen, Stativs zur Quarzlampe nach Kro¬ mayer zur Verfügung: Das von Dr. C e m a c h - Wien angegebene Stativ ist mit Zahnstange und Zahnradtrieb zur Feinverstellung in horizontaler Richtung versehen. Die zarte Verstellungsmöglichkeit ist ge¬ genüber der alten Stativanord¬ nung eine grosse Verbesserung. Die Verstellung geschieht durch die beiden Handräder. Das Ge¬ wicht des Mechanismus und der Lampe ist durch ein im Innern des Stativrohres gehendes Ge¬ gengewicht aufgehoben, wodurch leichter Gang und Feststellen ohne weiteres in jeder einge¬ stellten Höhe erreicht wird. Feststellschrauben gestatten aus¬ serdem das absolute Feststellen in der gewünschten Höhe. Be¬ sitzer von Kromayerlampen, die mit dem Stativ alter Art ausge¬ rüstet sind, können das neue Zahnradstativ nach Dr. Ce- mach auch nachbeziehen; die existierenden Lampen passen ohne weiteres in das neue Stativ. Es wird bei nachträg¬ lichem Bezug ein ganz neues Stativ geliefert; die vorhandenen Lampen und vorhandenen Wi¬ derstände (bei Gleichstrom) bzw. Transformatoren (bei Wechselstrom) können weiter¬ benutzt werden. Die Herstel¬ lerin ist die Quarzlampen-Ge- sellschaft m. b. H„ Hanau am Main. 6. Januar 1922. 35 MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT. Ueber eitrige Orchitis, durch den Micrococcus m e I i t e n s i s verursacht, berichten Pierre L o in ba r d und Maurice B e g u e t (Presse mddicale 1921 Nr. 76). Im Verlaufe des, durch den Micro¬ coccus melitensis verursachten Mittelmeerfiebers beobachtet man in etwa 5 6 Proz. der Fälle Komplikationen an den Geschlechtsorganen. Orchitis, Orchi-Epidydimitis, die durch ihre kurze Dauer (2 — 3 Wochen) und durch Gutartigkeit charakterisiert sind, nur ganz ausnahmsweise wurde Eiterung beobachtet, wofür Verfasser ein Beispiel anführen und wo im Eiter der Micrococcus melitensis im Reinzustand gefunden wurde und die Heilung sich nach erfolgter Inzision so lange verzögerte, dass schliesslich Kastration vor¬ genommen werden musste. Die Diagnose dieser spezifischen Orchitis ist nur durch den mikroskopischen Lokalbefund möglich und klinisch kämen be¬ züglich der Differentialdiagnose typhöse, paratyphöse, Meningokokken-, Para¬ meningokokken- und tuberkulöse Orchitis in Betracht. Zur rechten Zeit be¬ kannt., könnte die eiterige Melitokokkenorchitis in ihrem Zerstörungsprozesse durch Serum- und Impfbehandlung aufgehalten werden; die bezüglichen Unter¬ suchungen von Ser ge nt und L’heritier haben sehr interessante Re¬ sultate ergeben, welche nicht nur verringerte Häufigkeit der eiterigen Kom¬ plikationen, sondern sogar Stillstand des schon vorhandenen Eiterungsprozesses hoffen lassen. St .Venenpunktion und Sterilisation der Stahlnadeln in Chloroform-Paraffin behandelt Paul L e v y (Presse medicale 1921 Nr. 78). Die Lösung, welche L. zur Sterilisation der Stahlnadeln empfiehlt, ist 3 proz. Chloroform-Paraffin, welches den Vorzug der Einfachheit hat und das Metall im Gegensatz zur Sterilisation in der Hitze (Flamme oder Dampf) nicht angreift; das Paraffin, das die Nadelöffnung nach Verdampfung des Chloroforms umgibt, unterstützt in hohem Masse den Ablauf des Blutes und ermöglicht, ganz feine Nadeln zu benützen, woher wiederum Leichtigkeit und Schmerzlosigkeit des Einstichs und die Möglichkeit, mit Erfolg auch die kleinen Venen bei Frauen, Kindern und Säuglingen zu punktieren. St. Therapeutische Notizen. Walter Jacobi - Jena teilt zur Frage der e n d o 1 u m b a 1 e n S a 1 - varsantherapie mit, dass in der psychiatrischen Universitätsklinik in Jena 2 Patienten im Anschluss an die endolumbalen Salvarsaninjektionen, die mit allen von Genneri ch geforderten Vorsichtsmassregeln gemacht wurden, zugrunde gingen. In beiden Fällen ergab die Sektion auffallend starke Füllung der Piagefässe und in den Maschen der Pia stecknadelkopf- bis linsengrosse Blutungen, neben denselben Leukozyten- und Lymphozyten¬ infiltrate. Es besteht kein Zweifel, dass die endolumbale Injektion zu diesen schweren Reizzuständen geführt hat und dass dieselbe als ein sehr schwerer therapeutischer Eingriff zu bezeichnen ist. (Therapeutische Halbmonatshcfte 1921, 10.) H. Thierry. Curt Wachtel- Breslau teilt aus dem dortigen pharmakologischen Institut Versuche mit, die über die Giftigkeit der Lupinen gemacht wurden. Das Tjerexperiment ergab, dass die per os genommenen Lupinen vollkommen unschädlich sind, so dass ihrer Beimengung zum Brot kein Be¬ denken entgegensteht. (Ther. Halbmonatshefte 1921, 11.) H. T h i e r r y. Studentenbelange. Promotionsgebühren an den deutschen Universitäten. Eine Umfrage über die Höhe der Promotionsgebuhren an den deutschen Universitäten hat ergeben, dass diese im allgemeinen der durch die Geld¬ entwertung bedingten Preissteigerung noch nicht gefolgt sind. Die Gebühren für den Liz. theol. schwanken zwischen. 185 M. (Berlin) und 600 M. (Giessen) meist etwa 250- — 400 M„ die für den Dr. theol. zwischen 340 M. (Bonn) und 600 M. (Giessen und Leipzig), meist ungefähr 450 M. Für den Dr. jur sind 340 M. (Bonn. Frankfurt) bis 800 M. (Leipzig) zu zahlen, gewöhnlich ungefähr 350 — 500 M. Die Kosten des Dr. rer. pol. schwanken zwischen 300 M. (Leipzig) und 600 M. (Giessen). Ein D r. me d. hat in Leipzig 320 M., in Giessen 600 M. zu bezahlen, meist zwischen 350 und 500 M., ein Zahnarzt im allge¬ meinen etwa dasselbe oder etwas mehr als ein Mediziner. Teuer ist der Dr. med. vet. : 400 M. in Hamburg, 960 M. in Leipzig. Dagegen ist der Dr. phil. wieder billiger: Kiel: 200 M., Giessen 600 M., meist 250 — 400 M. Ausländer zahlen teilweise noch denselben Betrag, teilweise bis zum drei¬ fachen, in Wiirzburg das Zehnfache. Da eine Ausgleichung wohl nur durch Erhöhung der niedrigen Gebühren möglich wäre, ist sie vom Standpunkt des Promotionsrechtes aus wohl nicht zu begrüssen. (Aus „Hochschulbeiiage der Deutschen Ztg.“) v. V. Studentische Selbstbesteuerung. Auch an der Heidelberger Universität ist, wie in Tübingen, eine Selbst¬ besteuerung der Studenten durchgeführt. Das Ergebnis betrug im Sommer¬ semester 1921: 9654 M„ im Wintersemester 1921/22: 6158 M„ also 3496 M. weniger als im vorigen Semester. v. V. Herdergesellschaft in Riga. An der Universität Dorpat werden noch verhältnismässig viele Vor¬ lesungen in deutscher Sprache gehalten, während die Regierung Lettlands die kulturellen Belange der deutschen Minderheit nicht berücksichtigt. Die Deutsch-Balten sahen sich daher genötigt, sich ein Institut zu gründen, das im Rahmen einer Volkshochschule den Lehrgang der Universität in den für die Deutsch-Balten besonders wichtigen Gebieten ergänzen sollte. Als jedoch das Volkshochschulwesen der freien Verfügung der nationalen Minderheiten entzogen wurde, wählte man, um nicht dem Chef des lettischen Bildungs¬ wesens unterstellt zu werden, die Form einer wissenschaftlichen Gesellschaft, die in regelmässigen Kursen ihren Mitgliedern Gelegenheit gibt, sich auszu¬ bilden. In feierlicher, ernster Versammlung gründete man sich am 19. Sep¬ tember als „H erdergesellschaf t“, und diese jüngste deutsche ,, Uni¬ versität“ im Baltenlande zeigt, sowohl durch Auswahl des Lehrplanes als durch Zahl de>' Hörer ihre Daseinsberechtigung. Unter dem Rektorate von Exzellenz Prof. Dr. Sokolowski haben sich bisher etwa 300 Hörer ein¬ getragen. Im Vordergründe stehen die philosophischen Vorlesungen, be¬ sonders Theologie und Germanistik. Geplant ist eine Abteilung für neuere Geschichte Osteuropas mit besonderer Berücksichtigung der baltischen Ver¬ hältnisse. Der Nationalökonomie dienen Vorlesungen über Agrarreform. Das Semester begann am 19. September und dauerte bis Weihnachten. Das nächste Semester beginnt am 25. Januar und geht bis zum 1. Mai. (Aus der „Deutschen Hochschule“.) Wir Reichsdeutschen können diese tapfere kulturelle Tat der Deutsch¬ balten nur mit grösster Freude und Bewunderung begrüssen. Wir lernen daraus, was deutsche Tatkraft auch in Zeiten grösster Not vermag. Durch die Agrarreform und die Unterdrückung deutschsprachigen Unterrichtes wurde die Axt an das Deutschtum im Baltikum gelegt. Wir hoffen, dass das Herderinstitut in Riga bei dem Wiederaufbau deutscher Kultur in den Ostsce- provinzen eine kräftige Hilfe sein wird. v. V. Tagesgeschichtliche Notizen. München, den 3. Januar 1922 *). In den Mitteilungen des Volksgesundheitsamtes (Wien) gibt der mit der Leitung des österreichischen Unterrichtsamtes betraute Vizekanzler die Einführung eines wöchentlichen obligaten Freiluft¬ nachmittags und eines monatlichen Wandertages an den Mittelschulen (Gymnasien aller Arten, Realschulen und Mädchen¬ lyzeen) bekannt. Die Freiluftnachmittage sind von Hausaufgaben frei zu halten und sollen während zweier Stunden dem Turnen, Schwimmen, Schneelauf und Spiele gewidmet sein. Auf freudige Mitarbeit der Schüler ist grösster Wert zu legen. Der monatliche Wandertag soll halb- und ganztägigen Lehrwande¬ rungen und Ausflügen dienen, die ebenso wie den, unterrichtlichen Erforder¬ nissen jedes Faches, so auch „reiner Wanderfreude und Wanderkunst“ und solchen Leibesübungen Rechnung tragen sollen, zu denen ein ganzer Tag er¬ forderlich ist. Weite Fahrten mit hohen Kosten sollen zurücktreten hinter dem Kennenlernen der engeren Heimat und zu Gunsten des erzieherischen Wertes einfacher und bescheidener Lebensweise im Freien. Besonders betont wird noch in dem Erlasse, dass einer Sport- und Wanderfreudigkeit der Schulen über das festgelegte Mindestmass hinaus natürlich hiedurch keine Schranke gesetzt werden, soll. — Der Erlass "scheint uns eines guten Geistes zu sein und dürfte, richtig ausgeführt, bei der Jugend selbst frohen Anklang finden, denn er betrachtet Natur und Leibesübung nicht nur als Mittel zu irgendeinem mehr oder minder praktischen Zwecke, sondern er erkennt auch den lebendigen Eigenwert von Körperkultur und Wandern, dem er den Rang einer Kunst einräumt, die erlernt werden muss — so wie es der rechte Wandervogel schon lange übt. — Man schreibt uns aus Erlangen: Am 11. Dezember fand in der Aula der Universität anlässlich der Eröffnung des erweiterten zahnärztlichen Instituts und Unterrichts ein Festakt statt, an dem die gesamte Universität sowie die zahnärztlichen Vertretungen aus ganz Bayern und aus dem Reich, ferner Vertretungen der staatlichen und städtischen Behörden und zahlreiche Gäste teilnahmen. Nach einer die Feier eröffnenden Ansprache des Rektors der Universität hielt der Direktor des zahn¬ ärztlichen Instituts, Prof. Dr. R e i n m ö 1 1 e r, eine Rede über den zahn¬ ärztlichen Unterricht und die zahnärztliche Fortbildung. Insonderheit gedachte er dabei der Verdienste seiner Vorgänger und teilte mit, dass ihm die Er¬ weiterung des Instituts durch die grosszügige Unterstützung seitens der Firma R e i n i ger, Gebbert & Schall, besonders ihres Generaldirektors Dr. Zitzmann ermöglicht worden sei. An den Stiftungen für das Institut beteiligten sich ausserdem die Firmen Wienand t- Sprendlingen, Wagner- Nürnberg, Grötsch und K ü n n e t h - Nürnberg. K ü g e m a n n - Nürnberg und Zimmermann - München. Die im zahnärztlichen Bezirksverein Nürn¬ berg, Franken und Oberpfalz zusammengeschlossene Zahnärzteschaft stiftete den Betrag von 100 000 M. Die Gesamthöhe der Stiftungen ü^ersteigt die Summe von 800 000 M. Weitere namhafte Stiftungen für das Institut stehen in Aussicht. Mit der Erweiterung des Instituts ist auch die Dreiteilung des Unterrichts durchgeführt worden. In Anerkennung ihrer hervorragenden Leistungen zur Hebung der wissenschaftlichen zahnärztlichen Ausbildung wurden, wie schon gemeldet, die Zahnärzte Fr. L i n n e r t - Nürnberg und G. W e i b g e n - Nürnberg zu Doktoren der Zahnheilkunde ehrenhalber er¬ nannt. Kurz vor Jahresschluss ist die Frage der freien Arztwahl bei den Bahnkrankenkassen in Bayern akut geworden. Die Mit¬ gliederversammlung des Vereins bayerischer Bahnärzte vom 27. November v. J. in Würzburg hat einen Antrag auf Einführung der freien Arztwahl bei diesen Kassen mit erheblicher Mehrheit abgelehnt, was zur Folge hatte, dass die Bahnärzte des Direktionsbezirkes Nürnberg (mit einer Ausnahme) ihren Austritt aus dem Verein erklärten und den Landesausschuss bayer. Aerzte mit der Vertretung ihrer Interessen gegenüber den zuständigen Ver¬ waltungsbehörden betrauter!. Damit hat sich eine Spaltung in der Organi¬ sation der bayerischen Bahnärzte vollzogen. Der Landesausschuss seinerseits hat in einem offenen Brief an den Verein bayer. Bahnärzte diesen daran erinnert, dass sein Beschluss vom 27. November den Beschlüssen deutscher und bayerischer Aerztetage entgegensteht, die die gesetzliche Festlegung der organisierten freien Arztwahl gefordert hätten und dass seine Mitglieder als Mitglieder der bayer. ärztlichen Standesorganisation an diese Beschlüsse gebunden seien. Er spricht die Hoffnung aus, dass durch den Austritt mög¬ lichst vieler Bahnärzte aus dem Verein bayerischer Bahnärzte ersichtlich werde, dass die bayerischen Kollegen in einer Stunde der Entscheidung ihrer Standesorganisation die Treue halten. Er erkennt aber auch die Notlage einer grossen Anzahl alter Balmärzte an, deren Sorge, bei Einführung der freien Arztwahl ihre Existenz zu verlieren, begründet erscheint. Der Landesaus¬ schuss verspricht daher diesem bestehenden Notstand der alten bewährten Bahnkassenärzte Rechnung zu tragen. — Nur die Erwägung, dass die Ein¬ führung der freien Arztwahl bei den Bahnkrankenkassen einer Anzahl älterer Kollegen das sichere Brod, auf das sie angewiesen sind, rauben könnte, ohne den zahlreichen an ihre Stelle tretenden jüngeren Aerzten eine ge¬ nügende Existenz zu bieten, hat viele Aerzte veranlasst, zur Frage der freien Arztwahl bei diesen Kassen eine besondere Stellung einzunehmen. Wenn es dem Landesausschuss gelingt, die Interessen jener Kollegen bei Einführung der freien Arztwahl zu wahren, so kann er in der Tat hoffen, die gesamte , *) Eines katholischen Feiertages wegen musste diese Nummer einen Tag früher fertiggestellt werden. 36 _ Aerzteschaft bei seinem Eintreten für die freie Arztwahl, bei den Bahn- krankenkasse^ hinter ^sich ^haben. ksverein München - St a d t hat in seiner Sitzung vom 21. Dezember 1921 beschlossen, den Jahresbeitrag dnschbesslich des Beitrags für den Invalidenverein (20 M) und für den A e r 7 1 e v^r e i n sb und (10 M ) auf 50 M. zu erhöhen. Ausserdem wurde ein besonderer Antrag auf Erhöhung des Beitrages für d len bestehende Opposition vermochte ihre Kandidaten für die Stellen des 1. II Vorsitzenden durchzusetzen; nachdem jedoch die gewählten Beisitzer d Wahl ausschlugen verzichteten auch jene, so dass eine zweite Wahl, die im Hnunr stattfinden soll! nötig ist. Die denkwürdige Sitzung zeigte, welche Macht den jungen Kollegen im ärztlichen Standesleben zukommt, wenn sie davon^ Gebrauch z^machen^wanschen.« b e , k u , 0 s e g , s „ t „ s soll dem- klinik zu Düsseldorf, Moorenstrasse, eine Versammlung der Vereinigung niederrheinisch-westfälischer Kinderärzte statt. Änrneidungen von Vortrage und Demonstrationen werden erbeten an den Vorsitzenden Dr. Th. Hoff a, Barmen, Wertherstrasse. i „ n t n n i vr,r — In Haiti wurde ein Gesetz angenommen, das die I m p f p flieh t vor schreibt. Jedes Kind muss innerhalb dreier Monate nach der Geburt geimpft werden- die Impfung muss alle 7 Jahre wiederholt werden. . _ ’ Zum Vorsitzenden der amerikanischen. Chirurgenvereinigung wurde Hirvpv Cushing - Boston gewählt. „ .1 _ rjje dritte TagungfürVerdauungs-und Stoffwechsel¬ krankheiten wird ihre Sitzungen am 28. und 29. April in B a d Horn - bürg abhalten Behandelt werden die beiden Themata: Gallensteinleiden Snd Beziehungen zwischen Störungen der Kreislaufs- und Verdauungsorgane. Anmeldungen zur Aussprache an den Vorsitzenden Herrn Geh. R< v N o o r d e n. Frankfurt a. M„ Hans-Sachs-Str. 3. ‘ —Pest Italien In Torre Annunziata (Provinz Neapel) starb am 29. September ein Arbeiter eines Betriebes der sich mit der Verwertung von Müllereirückständen befasst; die Leichenöffnung ergab Pest. Fe n wurde am 24. Oktober in Catania 1 Pesttodesfall festgestellt. — Fleckfieber. Deutsches Reich. In der Woche vom 11. bis 17. Dezember wurden 141 Erkrankungen festgestellt, und zwar in Frankfurt a O 139 (bei Wolgadeutschen), in Stettin und Osternothafen (Kreis Usedom- Wollin, Reg.-Bez. Stettin) je 1 (bei Heimkehrern). - Oesterreich Vom 27. November bis 3. Dezember 2 Erkrankungen in Oberosterreich (Stadt Linz). — In der 49. Jahreswoche, vom 4. 10. Dezember 1921, hatten vo deutschen Städten über 100 000 Einwohner die grösste Sterblichkeit Wiesbaden mit 25,0, die geringste Neukölln mit 6,2 Todesfällen pro Jahrv|!I{|d ^°Q0_^‘n" wohner. Hochschulnachrichten. Erlangen. An der Erlanger Universität wurde eine funfgliedenge Pressekommission gebildet, in die die med. Fakultät Herrn Prof Dr. Oskar Schulz abordnete. — Der Assistent der psychiatrischen Klinik der Univer¬ sität Erlangen, Privatdozent Dr. Gottfried Ewald, ist zum etatsmassigen Oberarzt daselbst ernannt worden, (hk.) „ .. Greifswald. Prof. Hermann Straub, Vorstand der med. Poli¬ klinik Halle wurde zum Nachfolger von Prof. Dr. M o r a w 1 1 z als Vorstand der medizinischen Klinik berufen. Die Liste lautete: Straub, 5tepp, Grafe primo loco; Siebeck, Gross secundo loco; B 0 h m, Ass- Heidelberg Den Privatdozenten in der medizinischen Fakultät der Universität Heidelberg, Dr. med. Erich Frhr v. R e d w i t z ^h’rurK'^ Dr. Hermann Freund (Innere Medizin und Pharmakologie), Dr. Heinrich Eymer (Geburtshilfe und Gynäkologie), Dr. Viktor Frhr. v. W e 1 z s a c k e r (Innere Medizin). Dr. Arthur Meyer (Chirurgie) und Dr. Ernst Freu d e n - b e r g (Kinderheilkunde) wurde die Dienstbezeichnung ausserordentlicher ro- fessor verliehen, (hk.) , . „ . „ D,.„t„cc„r Würzburg. Der mit dem Titel und Rang eines a. 0. Professor bekleidete Privatdozent und Konservator am physiologischen Institut der Universität Würzburg, Dr. Dankwart Ackermann, ist vom 1. Januar 1922 ab zum etatsmässigen ausserordentlichen Professor der physiologischen Chemie ebenda ernannt worden, (hk.) _ Wien Der Privatdozent der Universität Wien, Dr. Casar A m st e r, hat einen Ruf als ordentlicher Professor für experimentelle Pharmakologie an die neue lettische Universität Riga erhalten und zum Sommersemester 1922 angenommen. Todesfälle. ,, ...... „ In Marburg starb am 27. Dezember 1921 Dr. Max L 0 h 1 e 1 n. Pro- fessor der allgemeinen Pathologie und der pathologischen Anatomie, als ein Opfer seines Berufes im Alter von 44 Jahren. Der Verstorbene trat im Jahre 1902 in das Pathologische Institut in Leipzig ein, dem er, mit mehreren Unterbrechungen durch kürzere Aufenthalte in Berlin und in Paris . zu Studienzwecken und einen längeren in Kamerun als Regierungsarzt, als Assistent als Privatdozent und als ausserordentlicher Professor angehorte, bis er einem Ruf als Prosektor am städt. Krankenhaus in Charlottenburg folgte Während des Krieges war L ö h 1 e i n als Armeepathologe im Osten tätig und wurde sodann an die Universität Marburg berufen. Sem Arbeits¬ gebiet betraf ausser bakteriologischen Untersuchungen hauptsächlich d.e patho¬ logische Anatomie der Nierenkrankheiten und der Infektionskrankheiten (Dysenterie). Mit Löhlein ist einer der erfolgreichsten jüngeren Patho¬ logen und eine liebenswürdige Persönlichkeit vor der Zeit dahingeschieden. In Düsseldorf verschied im Alter von 60 Jahren am 23. v. M. der ärztliche Direktor der städt. Krankenanstalten, Generalarzt a. D. Dr. Wilhelm C 1 a s s e n. (hk.) , , , , „ , _ ., ... In Dresden starb am 14. Dezember 1921 hochbetagt Geh. Samtatsrat Dr. O e h m e, ein in der Stadt sehr bekannter und beliebter Arzt. (Berichtigung.) In der Arbeit von Weick sei: Ueber die Lymphozytose in 1921 Nr. 51 d. W. ist auf S. 1643, II. Abschnitt, Zeile 7 8 statt hohe oder niedere L e u k 0 zytenzahl zu lesen L y m p h 0 zytenzahl Korrespondenz. Noch einmal : Untersuchungen über den Einfluss der schwedischen Spann- beuge und der K I ap p sehen Tiefkriechstellung auf die Wirbelsäule. Von Med.-Rat Prof. Dr. Müller, Preuss. Hochschule für Leibesübungen. Herr Prof James Fränkel macht mich darauf aufmerksam, dass die Folgerungen aus meinen Untersuchungen, mit denen er vöUiK “ber.einf™^ eine weitere Bestätigung seiner Ausführungen in seinen Arbeit er 1. „Lokali¬ sation der Umkrümmungen“ und andere „Forderungen n der bk°llose, b handlang“ in Nr 5 der M.m.W. 1909 und „Ueber Mobilisierung des Brust¬ körbe!;“ in Nr 28 der M.m.W. 1909 sind. Meine kleine Studie sollte nicht weiter in das orthopädische Fachgebiet eindringen, sonst hatte ich den her¬ vorragenden Anteil, den Prof. Fränkel am Ausbau des K 1 a p P sehen Kriechverfahrens durch Anfügung der Tiefkriechübungen hat, auseinander- geseu! AudT glaubte ich. dass dieser Anteil der Aerztewelt bekannt wäre Nähere Aufklärung findet man in den erwähnten beiden Artikeln und Klapp: Funktionelle Behandlung der Skoliose, 2. Auflage. Weihnachtsgabe für arme Arztwitwen in Bayern. 8. Gaben Verzeichnis, zugleich Quittung. Uebertrag: 50 591.75 M. und 1 Dollar. Bez.-Verein Koburg 500 M. — D ü rr i n g -Feucht 20 M. — «ä nSs - b a u e r - Nürnberg 20 M. — Hans G 1 u 1 1 n i - Kempten 50 M Landge^ Arzt H a u s 1 a d e n - Eichstätt 20 M. - Fr. H 0 f m a an - NmnbergJO M Kassenarztverein Kissingen 250 M. ~ K r a 5 * ‘ P£ltlng,n10M M‘ M e v e r K r e z - Reichenhall 50 M. - San.-Rat M a s u r- Koburg 20 M-Mey r München 20 M. - Nu ssb au m- München 50 M. ^°*ienbacl^r Fürth 30 M. — Ferd. R e n n e r -Deining 30 M. — O. R_e "n e r 10 M. — Bez.-Arzt S a u e r t e 1 g.- Nürnberg 100 M. Törwang 50 M. — Scheel- Uebersee 20 M. — Schiffer - Ruhpolding 2(1 M. - Schmid- Altötting 50 M. — Graf v. Schonborn - WiesentheiJ 200 M. - Hofrat T h e i 1 e - Hof 30 M. — w ü r dl n ge r ‘ Haag 20 ^ _ Buff-München 50 M. - Prof. E i s en re 1 ch -München 100 M. _ Fries- Augsburg 25 M. — Bez.-Verein Furstenfeld.bruck 100 M. Haube r-Arnstorf 50 M. — H e i d 1 0 f f - München 10 M. — San-R. Hitzelberger - Kempten (abgel. Honor. d. H. Dr. L 0 r e n z - Obergünz- burg) 50 M. — Le itn er -Erding 50 M. — J^ut®cH1er - Kempten 50 M. — Peckert-Grafing 50 M. — Bez.-Arzt R a uh -Erding 30 M — Jos. Schmid- Schongau 25 M. - Bez.-Arzt Sc h w ab - Schwabmunchen 25 M. — Uebelhoer - Windsheim 20 M. — W 1 1 s c h e 1 - Nürnberg 15 M. _ B a y r - Wemding 30 M. — Geh.-R. Prof. Denk er -Halle 1 . . Fromm- München 50 M. — San-R. G 1 e 1 s s n e r - Kissingen 50 M. — Horn-München 20 M. — K a s p a r - Nürnberg 30 M — Martius- Amberg 50 M. — M e r k 1 - Amerdingen 25 M. — Prof. Mutzer - München 100 M' — Hofrat S c h e i d e m a n d e 1 - Nürnberg 25 M. — Landger.-Arzt Schultz-Bamberg 50 M. - T h 0 m s e n - Rüdenhausen 30 M. — Wilh. Sehre in e r - Sitnbach 20 M. — A u g s b e r g e r - Schnaittach 20 M. C e 1 1 0 - München 50 M. — D i r n h 0 f e r - Tauberzell 15 M. E c k - Brückenau 50 M. — E r r a s - Kolbermoor 20 M. — G r a s r ein e r - Plancgg 100 M _ Hand wer c k - München 25 M. — M. H. in München 90 M. — K 0 e r b e r - Bayreuth 50 M. — M a y e r - Sommerhausen IC I M. — Muggenthaler - München 30 M. — Ob.-Reg.-R. R o h me r - Würzburg 50 M. - Rosenthal- Kempten 50 M. — S c h 1 1 r f - Heidingsfeld 20 M. — Eleonore Schmidt- Augsburg 100 M. — W 1 m m e r - München 10 M. — San.-R. A 1 1 w e i n - München 100 M. — Rieh. Beck- Nürnberg 40 M — Bez.-Arzt C 1 e s s i n - Germersheim 100 M. — San.-Rat Eberter - Althus- ried 20 M. — Arthur J. Hirsch- München 50 M. ^eTztl-, Pez,l Hof 1095 M — Hübner - Passau 20 M. — Körner - Oberelsbach 20 M. — Kraus- Regensburg 20 M. — Ob.-Med.-R. Maar- Kissingen 30 M — Müller- Gerolshofen 25 M. — Munker- Grönenbach 30 M. — San.-Rat Neger- München 20 M. — Prof. P o 1 a n o - 200 M. Bez.-Arzt R i t ter- Neustadt a. WN. 20 M. — R o t h II - Bamberg 30 M. — Spieler - München 25 M. — Schoenhueb - Geisenhausen 20 M. — Ob.-Med.-R. Sch w e l n - b e r g e r - Traunstein 25 M. — Stein- Prien 25 M. W o 1 1 er s - Unter¬ ammergau 20 M. — Z a n 1 1 - Nandlstadt 50 M. — C o r n e t - Reichenhall 200 M — Aerztl. Bez.-Ver. Erlangen 176 M. — Essig- Simmerberg 30 M. — Förster- Schöllnach 25 M. — Griessmann - Nürnberg 50 M. — Hofrat H e i n 1 e i n - Nürnberg (abgel. Honor.) 100 M. - Hintermaye r - Grafing 50 M. — Ob.-Med.-Rat K u n d t - Deggendorf 50 M. — San.-R. Lohrer- München 25 M. — San.-R. Heinr. Pinggera- München (abgel. Kollegenhonor.) 30 M. — R e i c h o 1 d - Weissenborn 50 M. — Schnabel¬ mai r - Ortenburg 50 M. — Kassenarzt-Vereinigg. Schweinfurt 500 M. — Ungenannt München (Honorarablösung für Prof. Böhm) 300 M. — Mich. Wassermann - Bamberg 50 M. — Weber- Kirchheimbolanden 10 M. — Käthe Weiner- Nürnberg 20 M. — Käthe Weiner- Nürnberg (abgel. Honorar von Herrn Kennerknecht) 30 M. — Ob.-Med.-R W o h 1- muth - München 20 M. — Alkan- Coburg 50 M. — Bank f. Hdl. u. Ind. Augsburg ohne Namensnennung 30 M. — Hanns B a u e r - Landshut 10 M. — Prof. Burkhardt -Nürnberg 500 M. — D e i d e s h e l m e r - Passau 100 M. — Hof.-R. D o e r f 1 e r - Regensburg 100 M. — Aerztl. Verein Straubing 300 M. — San.-R. Döring- Bayreuth 30 M. — S t e i n b e r g e r- Bayreuth 25 M. — S a c k - Bayreuth 50 M. — K e r n - Pirmasens 30 M. — Kassen-Ver. Königshofen.Grabfeldgau 120 M. — Un^enannt-Rothenburg 50 M. — J. P. -München 20 M. — v. Poschinger - München 50 M. — S t e r n - München 50 M. — Wächter - München 100 M. — Prof. Weber- München 200 M. — Z e i 1 1 e r - Wörth a. D. 100 M. — Summa 59 717.75 M. und 1 Dollar. Allen Gebern besten Dank. Ueberraschend zahlreich flössen die Gaben, deshalb konnten bis zum Fest alle gemeldeten 132 Witwen und Waisen mit je 400 M. bedacht werden. Es kommen aber immer noch Nachzügler; deshalb bittet um weitere Gaben durch Ueberweisung auf Konto Nr, 6080 Nürnberg der Kassier der Witwenkasse Dr. Hollerbusch, Fürth, Mathildenstrasse 1. Verlag von ]. F. Lelnnann m München S.W. 2, Paul Hey.estr. 26. - Druck vo . E. Mühlthaler’s Huch- und Kunstdruckerei, München. Preis der einzelnen Nummer 3.— Jt. • Bezugspreis in Deutschland • • • und Ausland siehe unten unter Bezugsbedingungen. * • » Anzeigenschluss Immer 5 Arbeitstage vor Erscheinen. MÜNCHENER Zusendungen sind zu richten für die Schriftleitung: Ar.iulfstr. 26 ( prechstunden 8'4—\ Uhr), für Bezug: an J. F. Lehmanns Verlag, Paul Heyse-strasse 26, für Anzeigen: L.Waibel, Anzeigen-Verwaltung, Weinstr. 2 III. Medizinische Wochenschrift. ORGAN FÜR AMTLICHE UND PRAKTISCHE ÄRZTE. ' Nr. 2. 13. Januar 1922. Schriftleitung: Dr. B. Spatz, Arnulfstrasse 26. Verlag: J. F. Lehmann, Paul Heyse-Strasse 26. 69. Jahrgang. Der Verlag behält sich das ausschliessliche Recht der Vervielfältigung und Verbreitung der in dieser Zeitschrift zum Abdruck gelangenden Originalbeiträge vor. Originalien. Aus der Orthopädischen Anstalt der Universität Heidelberg. (Direktor: Prof. v. Baeyer.) Orthopädischer Ausgleich der Hypotonie und Tiefen¬ anästhesie bei Tabikern. Von H. v. Baeyer. Die Bedeutung der Hypotonie der Muskeln für die Bewegungen des Tabikers ist mehrfach, am eingehendsten von 0. Foerster1) untersucht worden. Dabei ist aber, soweit ich die Literatur kenne, nicht näher auf die verschiedenen Arten von Muskeln, nämlich die ein¬ gelenkigen und mehrgelenkigen; eingegangen worden, obwohl diese beiden Arten sich in bezug auf ihre gliedermechanische Wirkung be¬ trächtlich unterscheiden. Die mehrgelenkigen Muskeln sind, ohne sich zu kontrahieren oder zu erschlaffen, imstande, Kräfte von einem Ge¬ lenk auf ein anderes zu übertragen (Transmission). Voraussetzung hierfür ist, dass die Muskeln sich in einem Spannungszustand befinden. Dadurch nun, dass die mehrgelenkigen Muskeln Übereinandergreifen (ischiokrurale Gruppe zieht zum Unterschenkel, Gastrocnemius kommt vom Femur) entsteht eine Kuppelung einer ganzen Anzahl von Ge¬ lenken eines Gliedes, die durch diese eigentümliche Anordnung in ihren Bewegungen bis zu einem gewissen' Grad assoziiert werden. Be¬ sonders gilt dies für das Bein, das im allgemeinen nur gleichmässig ablaufende Bewegungen zu machen hat, während der Arm in der ver¬ schiedensten Art gebraucht wird. Wenn wir z. B. beim Gesunden das Hüftgelenk aktiv oder passiv beugen, so treten durch Vermittlung der tonisch gespannten mehrgelenkigen Muskeln Kräfte auf, die das Knie mitläufig beugen und den Fuss dorsalflektieren (Entspannung des M. gastrocnemius und dadurch Ueberwiegen der Spannung der Fuss- dorsalflektoren). Die sog. Transmission kann somit entweder mit¬ läufige Bewegungen auslösen oder, sie kann konträre Bewegungen bremsen (z. B. das Vorschwingen des Unterschenkels beim Beugen des Spielbeinoberschenkels im Gehen). Die eigenartige Anordnung der mehrgelenkigen Muskeln be¬ günstigt ein geordnetes synchrones Zusammenspiel der einzelnen Glied¬ abschnitte, das nur soweit zentral bedingt ist, als der hiebei notwendige Muskeltonus, der sich aber nicht zu ändern braucht, vielleicht doch eine Funktion der Ganglienzelle darstellt. Es können also koordinierte Be¬ wegungen erfolgen, ohne dass besondere bewegunggebende Impulse in die verschiedenen, die bewegten Gelenke versorgenden, Muskeln fliessen oder dass Impulse sistiert werden (mechanische Koordination). Dies Zusammenspiel der Gliedabschnitte, dessen Ordnung und Zweckmässigkeit nicht durch koordinierte zentrale Impulse bedingt ist, sondern seinen Grund in der anatomischen Anordnung der tonisch erregten Muskeln hat, bezeichnete ich als muskuläre Koordi¬ nation2). An einem Beinmodell (Fig. 1 u. 2), an dem die mehrgelenkigen Muskeln und der M. tib. ant. durch gespannte Gummibänder dargestelit sind, lässt sich das, was hier unter muskulärer Koordination verstanden wird, nach den verschiedenen Richtungen hin, und zwar sowohl die assoziiert bewegungsübertragende als auch bewegungshemmende Wir¬ kung besonders sinnfällig zeigen. Fehlt nun wie bei der Tabes, der Tonus der Muskeln, so muss die muskuläre Koordination gestört sein. Der Kranke hat den Bewegungen . viel grössere Aufmerksamkeit zuzuwenden, weil der periphere, durch die mehrgelenkigen Muskeln bedingte Automatismus versagt. Dies äussert sich z. B. beim Gang beim Vorschwingen des Spielbeines; normalerweise wird hiebei das Vorpendeln des Unterschenkels durch die rasch zunehmende tonische Insuffizienz der ischiokruralen Muskeln gebremst, beim Tabiker fehlt diese Dämpfung, daher wenigstens zum Teil das übermässige Vorschleudern des Unterschenkels. Die Dämp¬ fung einer Bewegung durch die eingelenkigen Muskeln spielt eine viel geringere Rolle, weil sie aus mechanischen Gründen viel langsamer zunimmt. Ein anderes Beispiel: Auf dem Fehlen der muskulären Koordination beruht, wenigstens teilweise, wohl auch die mangelhafte Ueber- einstimmung (Foerster) der Hiift- und Kniebeugung beim Knie- Hacken- Versuch. Durch die mehrgelenkigen Muskeln sind die beiden ') 0. Foerster: Die 'Physiologie und Pathologie der Koordination. 1902. ') v. Baeyer: Zur Frage der mehrgelenkigen Muskeln. Anat. Anzeiger 1921, 54, Nr. 14/15. Nr. 2. Gelenke, wie schon ausgeführt, in ihren Bewegungen in gewissem Grad voneinander abhängig; weist nun dieser Mechanismus Mängel auf, so werden die Bewegungen auch abnorm verlaufen. Aus dem Gesagten ergibt sich, dass ein Teil der Koordinations¬ störungen beim Tabiker auf mechanischen Defekten beruht. Es lag daher nahe, diese Defekte auch wieder mechanisch auszugleichen. Diesen Zweck erfüllt eine Bandage (Tonusbandage, Fig. 3). die aus zirkulären starren Bändern um die Taille, den Oberschenkel und Unterschenkel besteht; diese zirkulären Bänder sind durch elastische Züge etwa in der Anordnung der mehrgelenkigen Muskeln verbunden, der eine oder andere eingelenkige Muskel muss auch ersetzt werden. Im allgemeinen werden auf diese Weise der M. rect. fern., die ischiokruralen Muskeln und der M. gastroen. nachgebildet, ausserdem geben wir einen Zug in der Verlaufrichtung des M. tib. ant. und des M. glut. max. Im Bereich des Fusses endet der vordere Zug am Stiefel in der Ballengegend und der hintere an einem Sporn im Absatz. Fig. 2 a. Die spezielle Wahl und Zahl der Züge und die Stärke ihrer Span¬ nung hängt von der jeweiligen Bewegungstörung ab, die beim Ver¬ passen der Tonusbandage sorgfältig zu analysieren ist. Hier kommt es auf die Beobachtungsgabe und das Geschick des Arztes sehr an. um gute Resultate zu erzielen. Der Tonusbandage kommt nun noch eine weitere Eigenschaft zu, die dem Tabiker gestattet, die Bewegungen wesentlich exakter zu ge¬ stalten. Es fehlt dem Patienten bekanntlich die Tiefensensibilität; dadurch ist ihm die Erkennung der jeweiligen Gelenkstellung erschwert, ferner fällt dadurch der Teil des Muskeltonus, der reflektorisch bedingt ist, mehr oder minder fort. Ermöglichen wir nun dem Kranken, durch Substitution des verlorengegangenen Tiefengefühls durch noch funk¬ tionierende Hautsensibilität die Bewegungen und Stellungen bewusst oder unbewusst zu erkennen, so wird er die Impulse wieder genauer dosiern können und vielleicht stellt sich sogar, da die Grundlagen für einen Reflexvorgang nunmehr wieder gegeben sind, der reflek¬ torische Teil des Muskeltonus auch wieder ein. 3 MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT, Nr. 2. 38 _ _ _ _ _ Frühere Versuche»), das Tiefengefühl durch die Hautsensibilität höherer Segmente zu substituieren, brachten sehr gute Resultate, doc bot die damalige Methode technische Schwierigkeiten, die wir nicht eanz über windeif konnten und die einer weiteren Verbreitung der Mass¬ nahmen entgegenstanden. Der von F o e r s t e r angegebene sensible Indikator 4) dient einem ähnlichem Zweck, doch übertragt er nicht die Bewegungen auf entferntere Körperpartien und ist nur für das Huft- gelenDurchStidTemTonusbandage sind nun die technischen Mängel der Ataxieschienen überwunden und sie leistet ™“Jestens „Ä Zerrüngen übermittelt die Bewegungen der peripheren Gelenke durch Zerrungen der Haut zentraler Körperabschnitte, wo die Sensibditot meist wemger „elitten hat als an der Peripherie. Der Patient erhalt also wieati Zeichen von Bewegungen seiner Glieder und kann sich über die - tel- lung der Gelenke informieren, ohne das Auge zuhilfe ziehen zu müssen. Er "überblickt“ mittels das Hautgefühles die Bewegung seiner Extremi¬ tät ” Die Haut vermag diese Reize meist auch dort noch genügend deut¬ lich zu erkermei wo das Gefühl für die Hautverschiebung») schon völlig gestört ist; dies hat seinen Grund darin, dass das Tastgefuhl eine andere Kategorie von Sensibilität darstellt und bei der Tabes weniger in Mit¬ leidenschaft gezogen wird. Wraftcphln«« der Die Tonusbandage bewirkt endheh noch einen Kraftschluss der Gelenke und zwar auch wenn die Extremität frei schwingt. • Zusammenschluss wird normalerweise vorwiegend durch den Tonus der Muskeln hervorgerufen, wobei den mehrgelenkigen Muskeln auch wieder eine besondere Rolle zufällt. Denn sie vermögen die von ihnen ver¬ sorgten Gelenke für die mitläufigen Bewegungen aneinanderzupressen, ohne die Beweglichkeit wesentlich » hemme,,, während die e,n- gelenkigen Muskeln durch Kontraktion irgendwelcher Art die Be¬ wegungen mit Ausnahme weniger spezieller Falle behindern. Der Kraftschluss der Gelenke an der freischwingenden Extremität scheint für den geordneten Ablauf einer Bewegung nicht ohne Be¬ deutung zu sein, er verhindert auch kleine Distraktionen, die, wenn sie gehäuft auftretem, dem üelenkapparat auf die Dauer schädlich sein mUSDte Tonusbandage bewährte sich bisher bei der Behandlung atak¬ tischer Gangstörungen sehr gut. Die Ataxie wurde fast augenblick¬ lich ganz beträchtlich gebessert, die Besserung nahm durch das Tragen der Bandage zu. eine Gewöhnung trat nicht ein. Bei mittelschwerer Ataxie gelang es innerhalb eines halben Jahres, die Storung so zu bessern dass sie kaum mehr erkennbar war, die Sicherheit im Dunkeln kehrte wieder, der Spazierstock konnte beim Gehen entbehrt werden. Das Rombergsche Phänomen nahm an Intensität ab oder \ei- schwand ganz. Recht schwere Fälle von Ataxie fühlten sich duich die Bandage ebenfalls sehr erleichtert, ein derartiger Patient konnte nach wenigen Wochen seinen Beruf als Buchbinder wieder auf nehmen. Dort wo eine Uebungsbehandlung die Geh- und Stehvei suche ein leiten musste, erwies sich die Bandage ebenfalls als ein sehr nützliches Unterstützungsmittel. ,. . . , . Liegt ein Genu recurvatum höheren Grades vor, so bietet leidet die beschriebene Bandage nicht genügend Halt, hier muss auf Hulsen- apparate, aber kombiniert mit der Tonusbandage zuruckgegriffen werd . Zusammenfassung. A Die ataktischen Bewegungen des Tabikers sind zum Teil eine Folge der Hypotonie in den mehrgelenkigen Muskeln B. Mittels einer Tonusbandage, bestehend aus zirkularen Bändern und elastischen Zügen, angeordnet vorwiegend nach Art und Lage der mehrgelenkigen Muskeln, kann man Ataktikern wesentlich nutzen. 1 Die Bewegungen der Beingelenke werden wieder inniger von einander abhängig. Man ist somit imstande, einen Teil der fehlenden muskulären Koordination wieder herzustellen. 2. Die fehlenden sensiblen Merkmale der Bewegungen kann man durch Uebertragen der Bewegungen auf noch empfindliche Hautpartien ersetzen (Substitutionstherapie). , . . u 3. Die Gelenke, denen infolge der Hypotonie der Zusammenhalt mangelt, werden auch bei hängender Extremität wieder kraftschliissigei. Aus der inneren Klinik des städtischen Krankenhauses zu Münster i. W. (Prof. Dr. Arneth.) Ueber die Art und Herkunft der Zellen des Eiters bei Conjunctivitis und Urethritis gonorrhoica auf Grund ver¬ gleichender qualitativer Zelluntersuchung nach Arneth Von Medizinalpraktikant Ludwig K r a u s - Münster. Ueber die Herkunft der Zellen des Eiters, der Sekrete und Exkrete, Transsudate und Exsudate bestehen noch die verschiedensten, sich viel¬ fach diametral begegnenden Ansichten. . pn„nt,r«„it(1r In besonderem Masse ist das der Fall bei den im Gonorrhoeeiter auftretenden Zellformen. , , „ Fast alle zytodiagnostischen Untersuchungen des Gonorrhoeeiters geben nur Aufschluss über das quantitative und zum geringen teil auc :1) v. Baeyer: Orthopädische Behandlung der Ataxie. 31. Kongress in 4) O. Foerster: Die Störungen in der Fixation des Knies und Beckens bei Nervenkrankheiten. 9. Orthopädenkongress 1910 ») v. B a e v e r: Ein neues Symptom bei der Tabes. M.m.W 19.4 Nr 2 Qualitative Verhalten der eosinophilen Zellen und Mastzellen. Einige weni^, 'Autoren heben auch 0aS Verhalten der einkernigen ZellelOTen^e hervor, während das prozentuale und vor allem genauere quali tat v Verhalten der neutrophilen Leukozyten die geringste Beachtung g IUndMete auf Veranlassung von Herrn Prol. Arneth ausgeführten Untersuchungen betreffen 3 Fälle von Konjunktivitis und 2 Falle von Urethritis gonorrhoica. F 2 Taee Von den gonorrhoischen Konjunktivitiden wai der eine Fall 2 : lag und der andere 3 Wochen alt. Zur Kontrolle wurde auch das eitrige Sekret eines nicht gonorrhoischen Bindehautkatarrhs (des 3. Fall einer vergleichenden Untersuchung unterworfen . n Fällen Die Untersuchungen am Trippereiter wurden in 2 frischen Fallen, die s und 6 Tage alt waren, ausgeführt. Die uualitat i v e n Ei t e r z ellb 11 dun t e r s u ch ung en wurden sämtlich erstmals nach der von Arneth1) m dm Hamatologm eingeführten Untersuchungsmethodik gemacht und dann mit den tb falls, und zwar immer gleichzeitig ausgeführten Blutbilduntersuchunge vergüchen.h ^ Untersuchungen auf Neutrophile, Eosinophile, Mastzellen und lvmphoide Zellen in gleicher Weise im Eiter wie .1™ e ten, so sollte aus dem Vergleich der einzelnen qualitaüven Zelteüde (in Fiter und Blut) ein Urteil zu gewinnen versucht werden, ob und inwiefern auf Grund der gefundenen Verhältnisse in und ausserhalb der Blutbahn Rückschlüsse auf die Herkunft der Zellen möglich sind, also speziell ob ein morphologisch begründeter Zusammenhang zwischen den 7pllen des Eiters und Blutes besteht. _ .. _ Auch sollte festgestellt werden, ob und inwiefern unter den Zeilen des eitrigen gonorrhoischen Sekretes etwa anders geartete Zellen - wie sie sich bei gleichzeitiger Untersuchung im Blute vorfinden, anZUEsfüessend’sich aber noch eine ganze Reihe anderer Ausblicke gewinnen sowie Prüfungen der in der Literatur angeführten Hypo- thesen ausführen, worauf am Schlüsse näher eingegangen ist. Wenn auch die Zahl der untersuchten Fälle mit Rücksicht auf de eingehenden Charakter der Untersuchungen eine beschrankte bleiben musste, so geht doch aus der ausgezeichneten Übereinstimmung der Befunde hervor, dass auch bei mehr Fällen schwerlich andere Resulta zu erwarten gewesen wären. 1. Conjunctivitis gonorrhoica. a) Q u a n t i t a ti v e s Blut- und Eiterzellenbild 0 ab. 1 . in beiden Fällen (1 und 2) mit massigeren Leukozytosewerten ergab die Differentialleukozytenzählung ungefähr gleiches Verhalten. Wie es bei Kindern im Säuglingsalter (um solche handelte es sich hier, s. Tab. 1) gewöhnlich anzutreffen ist (nach Ehrlich bis zu 70 Proz.), fand sich ein relatives Ueberwiegen der Lymphozyten gegenüber der Norm, also eine relative Lymphozytose auf Kosten der Neutrophilen : statt etwa 25 Proz. Lymphozyten deren 32 bis 33 Proz. und statt etwa 65 bis 70 Proz. Neutrophile deren etwa 56 bis. 62 "oz- Eosinophile, Lymphozyten und Monozyten sind ebenfalls in etwas erhöhtem Prozentsatz vorhanden, bei der erhöhten Leukozytenzahl also abS°Wenn wir mit dem Differential b 1 u t zellenbild (= Quant i - tatives nach Arneth) das dazugehörige Differentiale i t er zell¬ bild in jedem Falle (Tab. 1) vergleichen, so springt die beträchtliche quantitative Verschiebung zugunsten der Neutrophilen im Eiter vzirKa 90 Proz. gegenüber ca. 55 Proz. im Blute) sofort ins Auge. Es ist das also der Fall, trotzdem im Blute eine relative Lympho¬ zytose gleichzeitig besteht. Wir würden, wenn wir den gleichen Massstab im Blute wie im Eiter anlegen, sagen, dass es sich um eine beträchtliche neutrophile Leukozytose 1 m Eiter handelt (von ca. 90 Proz.). „ Die Lymphozyten sind nur zu ca. 10 Proz., die Eosino¬ philen zu 1 Proz. und weniger, die Mastzellen gar nicht ver¬ treten. Monozyten fanden sich etwa im Prozentverhaltms des normalen Blutes. , _ . . „ „ • Im Falle 2 und 3 fanden sich auch Reizunigsformen in vermehrter Menge im Eiter. , , , . . Es ist also eine elektive Ansammlung hauptsächlich der neutrophilen Zellen und ein Zurücktreten der übrigen Zellelemente im gonorrhoischen Eiter hervorstechend. , , , Es wird nun besonders wichtig sein, zu untersuchen, ob und wie sich dabei auch die qualitative Zusam me nsetzun g (nach Arneth) innerhalb der einzelnen Zellarten geändert hat. b) Qualitatives Blut - und Eiterzellenbild. Tabelle 1. Es ergibt sich aus der nachstehenden Tabelle das überraschende Re¬ sultat, dass auch die Zellansammlungen des gonorrhoischen und/ ebenso des nicht gonorrhoischen Bindehauteiters eine gleichmässige Durch¬ mischung der neutrophilen Zellmassen und Zellklassen auf weisen, wenn bezüglich der Rubrizierung die gleichen Gesichtspunkte wie bei den neutrophilen Zellen im Blute eingehalten werden. Wie der Vergleich der Fälle ergibt, ist jedoch ein wichtiger Unter¬ schied zwischen den neutrophilen Zellbildern des Eiters und jenen dis Blutes in einer stärkeren Entwicklung der Eiterzellbilder nach recht;; = einer „Rechtsverschiebung“ gelegen. *) Die qualitative Blutlelire. h a r dt. 1920. 2 Bände. Leipzig, Dr. W. Klink- 13. Januar 1922. MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT. Ta b e 1 lei. Quantität i v e s und qua 1 i t a t i v s Blut - u n d E i t c r z e 1 e n b i 1 d. Quantitatives Rluthild Qualitatb es neutrophiles Blutbild Fall 1 ii III IV V u m. Kl. Ues.- Zahl N Eo Ma L Mo R M W a | b a r 1 b 2K 2 S 1 K IS 3 K 3S 2K IS 2S 1 K 4K 4 S 3 K IS 3S 1 K 2 K 2 S 2 K 3 S 3 K 2S 4 K IS 5 K I. Säugling Conj. gon Seit 2 Tagen 12700 56 5 — 33 6 — — — 2 — 4 8 10 12 16 4 18 14 2 _ 4 6 _ _ _ 6 30 5 L u II. Säugling Conj. gon. Seit 3 Woche i 13000 55 2 2 32 9 - — 3 1 - . 1 2 21 7 8 14 9 21 3 1 3 2 4 _ 1 5 29 52 13 1 III. Säugling Conj. non gon. Seit 14 Tagen 14 800 62 3 — 31 4 0,2 - i 2 3 12 7 8 5 21 24 1 3 4 5 3 _ - 1 _ 22 58 16 1 Quantitatives Eiterzellenbild Qualitatives neutrophiles Eiterzellenbild I 88 — — 9 3 — - I - 1 - 1 - 1 i 8 ! 6 8 14 | 12 | 16 | 9 5 1 6 5 3 - 2 3 1 i 22 51 20 6 II 89 1 — 7 2 0,2 1 - 1 12 i — 13 19 17 | - 12 | 16 2 - 4 3 1 _ _ _ _ 4 41 45 10 III 84 2 12 1 1 - - - 2 4 6 7 1 4 14 | 16 7 | 3 10 8 4 2 5 4 4 ' — 12 41 32 13 N _ Neutrophile, Eo = Eosinophile, Ma = Ma,tzellen, L = Lymphozyten, Mo = Monozyten, R = Reizzellen. Das trifft zu in ausgesprochenster Weise im Fall 1 und 3, beides mehr akuten Fällen, während im Fall 2 ungefähr das gleiche Zellenver¬ hältnis in den neutrophilen Unterklassen besteht. Dafür fanden sich aber in diesem Falle bei der Rubrizierung der neutrophilen Zel¬ len mit Gonokokkeneinschlüssen besonders viel zerfallene Zellen, die eben deswegen nicht oder nicht mehr zum Blutbilde ver¬ wertet werden durften. Da es sich aber bei diesen Zellen nach den Rest¬ befunden immer um ausgesprochen höherklassige Zellen handelte, so wird es sich auch im Fall 2 in Wirklichkeit mehr um eine leichtere Rechtsverschiebung handeln. Es ist immerhin auffallend, dass es sich in diesem Beispiele 2 um einen älteren Fall dreht, bei dem nur noch wenige Gonokokken nachzuweisen waren. Teleologisch gesprochen könnte man nach diesen Befunden sagen, dass in den frischen Fällen hauptsächlich die ältesten, gereiftesten und vollwertigsten Zellen zum Kampfe gegen die Gonokokken aus dem Blute in den Entzündungsherd hinausgesandt bzw. in ihn angelockt werden, weswegen sich auch das qualitative Eiterzellenbild in diesen frischeren Fällen etwas mehr als das Blutzellbild in den älteren Fällen nach rechts verschoben zeigt. Die Rechtsverschiebung würde natürlich in dem Eiter der Fälle 1 und 3 noch bedeutender erscheinen, wenn alle bereits im Zerfall be¬ griffenen oder mehr oder weniger schwer geschädigten Zellexemplare noch zum Zellbilde hätten verwertet werden können. Grundsätzlich ist dies aber immer zu vermeiden. Es wurde im Falle 1 weiterhin versucht, 100 neutrophile Zellen mit Gonokokkenei n Schlüssen in einem be¬ sonderen Zellbilde anzulegen. Dasselbe ergibt (Tab. 2). dass Tabelle 2. Qualitatives Zellbild der Neutrophilen mit Gonokokkeneinschlüssen. Fall 1. Kl. 2 Kl. 3 KI. 4. Kl. Gesamt¬ zahl M w a | b T a | b 2 K 2 S 1 K 1 S 3 K 3 S 2 K 1 S 2 S 1 K 4K 4 S 1 _ _ _ _ _ 22 8 20 25 8 12 4 100 Kern- oder Protaplasraavakuolen besassen davon : 56% • ' 82% 2 Go-Zelien nicht differenz^erbar da fast alle zerfallen. es ausschliesslich die Zellen der 2. und 3. Klasse sind, also ausgesprochen auf der Höhe der Entwicklung stehende, man könte sagen, in der Voll¬ kraft ihres Lebens sich befindende Zellen, die vom Organismus mit diesem persönlichen Kampfe (Phagozytose) betraut werden. Es ist dies ein Ergebnis, wie es in bester Weise zu den von A r n e t h 1. c. entwickelten Anschauungen über die Leistungsfähigkeit und Wertigkeit der neutrophilen Zellklassen auf Grund ihrer morpho¬ logischen Kernbeschaffenheit passt. Es finden sich weder ganz jugend¬ liche Zellen aus der Klasse I, noch ganz alte Zellexemplare vertreten; letztere sind jedenfalls bereits im Kampfe gegen die Gonokokken zu¬ grunde gegangen = verbraucht worden und aus dem neutrophilen Eiterbild verschwunden, die ersteren aber noch zu jung, um für den direkten Kampf gegen den Erreger in erster Linie angelockt zu werden. Die neutrophilen qualitativen Zellbilder des Blutes und des Eiters zeigen in ihrem gegenseitigen, sich ergänzenden harmonischen Ver¬ halten beweisend, dass in der Tat alle neutrophilen Zellen des konjunktivalen Gonorrhöeeiters ausgewanderte Blut¬ leukozyten sein müssen, da ihre innnere Organisation, wie sich eben im qualitativen Zellbilde verrät, absolut die gleiche ist wie im Blute. Rundkernige, also jugendliche Neutrophile (Myelozyten im eigentliche Sinne) wurden im Eiter von uns nicht gefunden, wohl einige W-Zelien; dann waren sie aber auch im Blute vorhanden und zwar wiederum in dem älteren Falle II. Die geschilderten Verhältnisse liefern den Beweis, dass in der Tat alle Zellen des normalen Blutes von der ersten bis zur letzten Klasse vom Körper als zum Kampfe gegen die Gonokokken und ihre Gifte geeignet befunden werden. Degenerierte Zellen können sich da un¬ möglich darunter befinden, wie mit Bezug zu V. Schilling, der auch in der ersten Klasse „degenerative Stabkernige“ unterscheidet, zu be¬ tonen ist. Immer sind es die 2. und 3. Klassen, die am reichlichsten vertreten sind. Um diese beiden Klassen gravitiert also das Eiterzell¬ bild wie auch das neutrophile Blutbild unserer Fälle. Es wäre jedenfalls auch wichtiger, bei einem n i ch t normalen neutrophilen Blutbilde, etwa einem stark nach links oder auch rechts verschobenen, zu untersuchen, wie sich das qualitative Eiterzellenbild bei Hinzutreten der Konjunktivitis oder Urethritis gonorrhoica verhält: ob also bei entsprechender Zusammendrängung der neutrophilen Eiter¬ zellen in andere Klassen auch das Eiterzellenbild entsprechend mehr nach rechts oder links verschoben ist. Bei der myeloischen und lym¬ phatischen Leukämie käme dieses natürlich ganz besonders zum Austrag. Ueber die in der vorstehenden Tabelle 2 noch enthaltenen Vakuolenbefunde siehe im Zusammenhänge am Schlüsse. Eosinophile Zellen mit Gonokokkeneinschlüssen wurden niemals in allen Präparaten, und dies gilt auch für den Tripper¬ eiter, gesehen. Der Vergleich der qualitativen eosinophilen Zellbilder im Konjunktivaleiter und im Blute ergibt eine Rec'htsverschiebung der qualitativen Blutbilder. Die erste Klasse, die sonst reichlicher be¬ völkert ist, ist so gut wie verödet. Tabelle 3. Qualitatives eosinophiles ZellbiLd in Blut und Eiter. Fall 1. Kl. 2. Kl. 3. Kl. Gesamtzahl M a V b a r b 2 K 2 S 1 K 1 S 3 K 3 S 2K 1 S 2 S 1 K 1 — — — — 1 8 3 6 — _ 2 — 20 1 2 — — - — — 8 5 - 3 — 4 - 20 | Blut 3 — — — — — 7 1 5 6 - 1, — 20 J 1 2 _ _ _ _ 12 4 3 1 20 1 Eiter 3 — — - — 11 4 2 3 - - — 20 ) Es passt dies wieder ausgezeichnet zu den Ar neth sehen Be¬ funden von dem Nichtbeteiligtsein der Eosinophilen bei zahlreichen In¬ fektionskrankheiten. z. B. der Pneumonie. Trotz gleichzeitiger grösster Eesstätigkeit der Neutrophilen (s. o.) finden wir ja auch keinen ein¬ zigen intrazellulären Gonokokkeneinschluss bei den Eosinophilen: sie werden also in der Peripherie nicht benötigt und so kommt es mangeln¬ den Bedarfes wegen zu einer Rechtsverschiebiing ihres Zellbildes. Im Falle 1 fanden sich trotz 5 Proz. Eosinophiler im Blute über¬ haupt nur Reste von zerfallenen Eosinophilen im Eiter. Auch Vakuolen fanden sich inden eosinophilen Zellen nicht. (Nähere Angaben siehe bei den Gonokokkeneinschlusszellen mit Vakuolen.) Bemerkenswert ist immerhin, dass das qualitative eosinophile Eiter zellenbild, obwohl selbst mitsamt den eosinophilen qualitativen Blutzellenbildern nach rechts verschoben, doch wieder für sich eine relativ grössere Linksverschiebung aufweist, und zwar konstant in den beiden letzten Fällen, in denen überhaupt allein Eosinophile anzu¬ treffen waren. 3* 40 MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT. Nr. 2. Sehr bemerkenswert gestaltete sich auch das Verhalten des quali¬ tativen Lymphozyten- und M o n o z y t e n z e 1 1 b i 1 d e s ( * Vor allem ist hier wieder deutlich die von A r n e t h behauptete und in seinen Blutstudien bewiesene Zusammengehörigkeit der grossen Lymphozyten und der Monozyten (Mononukleare + Uebergangszellen) zu erkennen, weil sie in den Eiter- und Blutzellbildern in einem direk¬ ten biologisch-organischen Zusammengehorigkeits Verhältnis stehen. ' ln allen 3 Fällen handelt es sich nämlich, wenn wir zunächst die Verhältnisse bei den grossen Lymphozyten und Monozyten im Zu¬ sammenhänge überblicken, im Eiter um Linksverschiebungen gegenüber ihrem qualitativen Verhalten im Blute. Das besagt, dass in dem Eiter reichliche grössere Elemente, also grosse Lymphozyten = die jugenü liehen Vorstufen der Monozyten, vorhanden sind. Das kindliche Blut — es handelt sich in den 3 Fallen um solches — ist schon physiologisch durch eine gewisse Grosslymphozytose aus- gezeichnet und daher von vornherein in dieser Hinsicht ein gutes Untei- SUChEntsprechend dem zahlreichen Auftreten der jugendlicheren Vor¬ stufen im Eiter treten natürlich die M o n o nuk 1 e a r e n u n d Ueber¬ gangszellen selbst an Zahl zurück (übereinstimmend m allen q Fällen') Es handelt sich also hier im Eiterzellenbild um eine Linksverschie¬ bung des qualitativen Zellbildes der grossen Lymphozyten und gleich¬ laufend des der Monozyten gegenüber dem gleichzeitigen Verhalten dieser Zellen im Blute selbst. f Die Tendenz zur grosslymphozytaren Ansammlung im Eiter maci.t sich aber auch in allen 3 Fällen eklatant bei den k lei n e n und mittelgrossenLymphozyten geltend, und es ist überraschend, wenn man hier konstant sieht, wie sich die einzelnen Befunde aus¬ einander ergeben und daher in sich begründet sein müssen. _ In allen 3 qualitativen Lymphozyteneiterzellbildern findet sich nam- Eiterbildungen auf Grund ihrer qualitativen Analyse im innigsten kau¬ salen Zusammenhang mit dem Verhalten der Blutleukozyten stehe müssen, dass eine lokale Entstehung in dieser Form^und Mannigfaltig¬ keit ganz ausgeschlossen erscheint, und dass ganz bestimmte funktio¬ nelle Gesetze für diese Zellansammlung bestehen. Es wäre gekünstelt, eine andere Grundlage für diese Ansammlung, Auswanderung oder Anlockung als die des Bedarfes an den Einbruch- steilen der Infektion anzunehmen. Wir sehen, dass alle Zellarten des Blutes angelockt werden, Nur allein die Mastzellen fehlten. Auch Reizzellen waren in 2 Fallen nach- ZlUS Wir'sehen aber auch, dass bei den granulierten Zellen (den Neutro¬ philen und Eosinophilen) andere Gesichtspunkte dabei massgebend sine als bei dem lymphoiden Zellkomplex, und zwar fast gegensätzlicher Art insofern, als die erster en eine Rechtsentwicklung des Zellbides dar¬ bieten die letzteren aber umgekehrt eine Linksverschiebung. Es muss dies natürlich streng biologisch begründet sein, und haben wir schon oben bezüglich der Neutrophilen und Eosinophilen unsere An¬ sicht ausgesprochen. . Bezüglich der Lymphozyten ist wohl anzunehmen, dass bei den kleinen Lymphozyten, die eine Veränderung in ihrer qualitativen Zu¬ sammensetzung eingehen, auch kein grösserer Bedarf vorhegt, dass da¬ gegen bei den mittleren- Lymphozyten, grossen Lymphozyten und Monozyten mit einer gesteigerten Tätigkeit zu rechnen ist. Die direkte persönliche Aggressivität gegenüber den Gonokokken bleibt aber ausschliesslich den Granuloyzten, speziell den Neutrophilen Vorbehalten, da wir niemals in eosinophilen, lymphozytären und den Zellelementen Gonokokken auffinden konnten. 2. Urethritis gonorrhoica. Die Untersuchungen, die zwei frische Gonorrhöefälle bei Erwach¬ senen betrafen, harmonieren in- ausgezeichneter Weise mit dem vor- Fall Qualitatives Lympliozyten-Zellblld Klein Mittel Gross Oes.- 1 R 1 W 1 T 1 P Zahl 1 a | b | a | b | | Ges.- 1 R 1 W 1 T 1 P Zahl 1 a 1 b 1 a 1 b 1 | Oes.- 1 R 1 W I t | p Zahl ja 1 b 1 a | b 1 1 Monozytenbild Oes.- 1 Mo j w Zahl | *- I w 2K 2S t 55 36 11 l 6 2 — — 22 4 13 2 48 35 9 4 - - - 23 8 12 3 51 24 13 6 8 - — 26 5 9 1 42 26 9 _ 3 4 7 _ 34 11 » 2 41 37 3 1 - — — 33 13 18 3 46 29 13 4 — — - 39 9 17 — 1 Fall Quantitatives Blutbild Zahl N 1 Eo | Ma L Mo 1 R 4. Mann, Tripperselt 5 Tagen 8 400 ] 66 2 1 25 6 - 5. Mann, Tripper seit 6 Tagen 10800 6t 6 0,2 28 2 4 77 — 15 2 6 5 74 2 _ 1 23 1 - ualitative Blut- u n d Eiterzellenbilder. Neutrophiles Zellbild m|W|t M | a 1 b 1 a 1 b 2 K 2 S 1 K 1 S 1K 3 S 2K 1 S 2 S 1 K 4 K 4 S 3 K 1 S 3 S 1 K 2 K 2 S 2 K 3 S 3 K 2 S 4 K. 1 S 5 K B 1 u t - _ | — | 1 | — .| 2 12 5 6 9 IS 26 3 4 6 7 — 1 - 3°/o 17% 59% 20% 1% _ | | , | _ 3 5 5 7 2 18 21 11 1 10 4 11 1 — - — l°o 13% 48% 37 »/0 1% E i t e r | | | i 2 1 3 3 16 4 18 12 8 2 12 4 o 1 4 2 2 1% 8% 50% 32»/„ ^ 70 1 - 1 - _ 1 - 4 1 2 I 12 22 1 2 21 18 3 1 2 2 1 4 1 - — 1 3 1 4 1 1 18»/ 63% 11«/ ° 70 •) Mo = Mononukleäre. lieh eine Verminderung der kleinen Lymphozyten und ,ein(e c 4]1 n 2 quanüfattv^B Lu t Md^wteder diefbereits oben besprochene relative dCr CSSTSr SÄsÄnÄ “ ie(Sdmcahbgeld Ä Ä Eiterzellen und die entsprechende Abminderung eine n^cht1 unbedeutende VermehrungP (etwa 10 Proz.) erfahren haben, des lymphoiden Zellkomplexes (s. u.). ist ebenfalls wieder eine weitere Verschiebung nach links — also eine Verjüngung des Zellbildes deutlich (mehr Ra- und Rb-Zellen). Bei den kleinen Lymphozyten ist dagegen keine Blutbildverschie- bung deutlicher zu erkennen. . _. , , Das geschilderte Verhalten der verschiedenen Zellen im Blute und im Eiter beweist, dass es sich bei den hier vorliegenden Zellansamm¬ lungen des gonorrhoischen und auch soweit dies auf Grund eines Falles (3) möglich ist, nicht gonorrhoischen, entzündlichen Bindehaut¬ sekretes (Eiter) um einen sehr komplizierten und doch äusserst zweck¬ mässigen biologischen Vorgang handelt, dass derartige entzündliche -) Die Blutbilder wurden bei den 5 Fällen durcheinander angelegt und an die Zusammenstellung erst gegangen, nachdem alle Zahlungen und Rubrizierungen völlig zu Ende geführt waren. Es handelt sich also um streng objektive Aufstellungen, ln -der ausgezeichneten Uebereinstimmung der Vor¬ gänge bei den entzündlichen Eiterbildungen ist wieder ein Beweis für -die Leistungsfähigkeit und Richtigkeit der Methodik, andererseits aber auch der damit erhaltenen Resultate gegeben. Wie sich die Verhältnisse bei der aseptischen Eiterbildung gestalten, wie die Zellansammlungen in serösen Häuten beschaffen sind, wird noch weiter zu untersuchen sein. MU Bezug auf unsere Fälle käme vor allen Dingen auch in Betracht, ob sich bei chro¬ nischer Gonorrhöe die Verhältnisse nicht beträchtlich verändern. 13. Januar 1922. MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT. 41 Das neutrophile qualitative Eiterzellenbild ist wieder bedeutend nach rechts verschoben, was sich auch entsprechend in dem qualitativen Zellbilde der Gonorrhöe-Fresszellen geltend macht. Auch hier (Tab. 6) ist wieder ersichtlich, dass die Zellen mit intrazellulären Gonokokken der 2., 3. und 4. Klasse angehören, also den Klassen, die offenbar Zellen mit grösster phagozytärer Tätigkeit enthalten. Tabelle 6. Qualitatives Eiterzellbild der Neutro¬ philen, mit Gonokokkeneinschlüssen. Fall 1. Kl. 2. Kl 3 Kl. 4. Kl. Gesamt¬ zahl M W a | b T a | b 2 K 2 S 1 K 1 S 3K 3 S 2 K 1 S 2 S 1 K 4K 2K 2 S 4 _ _ _ _ _ 17 2 22 29 18 8 4 100 Kern- od . Pr< toplasmavakuoien besessen : 51 % 68 °/o 97% 5 — — — — — 16 4 14 34 4 16 10 - 2 100 48% 61 °o 100% Wir sahen, wie oben, wiederum keine Neutrophilen mit Gono¬ kokkeneinschlüssen in der 5. Klasse und auch der 1. Klasse, obwohl doch genügend fünfklassige Zellelemente im Eiterzellbild verzeichnet sind. Es ist dies also auch hier ein sehr bemerkenswertes Verhalten. Ferner ist bemerkenswert, dass sich im vorstehenden neutro¬ philen Gonokokkeneiterbilde (Tab. 6) besonders viele zwei- und dreikernige Zellen (= 2 K- und 3 K-Zellen) vorfinden, während wir im Eiter- und noch mehr im Blutzellbilde deren viel weniger an¬ treffen. Ob dies mit der Anwesenheit der Kokken in den Zellen und dadurch bedingter überstürzter Kernfragmentierung zusammenhängt oder ob diese Art von Zellen mit mehr oder weniger zur Ruhe gekommener, also fertiger Kernentwickelung besonders zur Phagozytose befähigt ist, steht dahin. (Im Sputum bei Pneumonie usw. findet sich Aehnliches.) 1 Der 5. Fall bietet eine geringe Abweichung. Es finden sich zwar in der I. Klasse des qualitativen Eiterzellbildes überhaupt keine Exemplare und wir würden, wenn wir hier nicht die anderen Klassen im einzelnen angelegt hätten, übersehen haben, dass hier lange keine so grosse Rechtseinstellung der neutrophilen Eiterzellen besteht, wie z. B. im Falle 4, dass vielmehr im Vergleiche zu dessen neutrophilem Blutbilde innerhalb der II. — IV. Klasse sogar eine beträchtliche Links¬ verschiebung herrscht. Dabei finden sich aber immer noch 8 Proz. in der 5. Klasse. Die Verhältnisse bei den Eosinophilen sind dieselben wie bei der Conjunctivitis gonorrhoica. Intakte Eosinophile fehlten in dem Eiterzellbilde des Falles 4 ganz. Im Falle 5 ist ihr qualitatives Blut- und Eiterbild nach rechts ver¬ schoben. Aus allen eosinophilen Blutbildern ist die überwiegende Menge der Zellen der II. Klasse immer ersichtlich, wie dies A r n e t h auch bereits betont hat (Tab. 7). Tabelle 7. Qualitatives eosinophiles Zellbild in Blut und Eiter. Fall 1 II III Oesamtzahl v\ V a V b 1 a r b 2 K 2 S 1 K I S 3 K 3 S 2K 1 S 2 S 1 K 4 5 — - - — 13 14 — 5 4 2 ? - — - 20 20 , Blut 4 5 - — - — - 13 — 2 3 1 1 — Lj Eiter Das Verhalten der lymphoiden Zellen (Lymphozyten + Monozyten) ist genau dasselbe wie bei der Conjunctivitis gonorrhoica und sind daher die obigen Ausführungen auch hier zutreffend. Der Ein¬ schlag ins Grosslymphozytäre ist im Falle 4 am bedeutendsten (Tab. 8). Tabelle 9. Qualitatives Eiterreizformenbild bei Ure¬ thritis gonorrhoica. Fall Klein Mittel Gross Ges- Zahl R a | b w a | b T P R a | b W a | b T P R 1 w a | b | a | b T P 4 | 1 4 2 | 1 3 — — | 11 | 3 | — 25 Fall handelt, bei dem auch im Blute und in ausserordentlicher Weise im Eiter, wie bereits erwähnt, eine Vermehrung der Grosslymphozyten bei entsprechendem Monozytenblutbild gefunden wurde (bei fast nor¬ malem quantitativen Gesamtblutbild!). Da sich im Blute eine ausgesprochene Rechtsverschiebung bei den Neutrophilen vorfindet (Tab. 5) und in noch höherem Grade im neutrophilen Eiterbilde, so erscheinen genetische Beziehungen zwischen den Reizungsformen und den Neutrophilen natürlich ganz ausgeschlossen. Es stimmt dies also mit den Befunden Arneths bei der Influenza (im Blute) überein (1. c. S. 297). Es liegt vielmehr auf der Hand, dass nach den engsten Beziehungen, die auch hier zwischen den qualitativen Blut-Lymphoid- zellen einerseits und den Eiterreizungsformen andererseits aus ihren qualitativen Blutbildern zu erkennen sind, es sich nur um eine, Abstam¬ mung der Türk sehen Zellen, wie sie A r n e t h (1. c. S. 299) zur Ver¬ meidung von Missverständnissen genannt haben möchte, vom lym¬ phoiden System handeln kann. Da im Blute des Falles keine und im Eiter reichlich Türk sehe Zellen vorliegen, so ist ferner ersichtlich, dass die Entwicklung der¬ selben aus den lymphatischen Zellen auch ganz in der Peripherie, in dem Eiter selbst, möglich sein muss. Aehnlich wie E s t o r f 3) bei der Zerebrospinalmeningitis im Lumbal¬ punktat, haben auch wir in unseren Gonorrhöefällen 4 und 5 Aus¬ zählungen der Zellen mit Vakuolen vorgenommen (Tab. 2 u. 6). Aus Tabelle 2 geht zunächst hervor, dass ein grosser Prozentsatz der neutrophilen Eiterzeilen in der II. und III. Klasse (weit über die Hälfte) Vakuolen enthielten. Dann zeigte sich, dass die Vakuolen¬ zellen zum überwiegenden Prozentsätze solche mit Gonokokkenein¬ schlüssen waren (Tab. 6). Unsere Resultate decken sich auch qualitativ völlig mit denen von Meyer-Estorf, der ebenfalls nur in Zellen der II. — IV. Klasse (nicht der I. Klasse) des Lumbalsekretes Vakuolen fand. Es sind also immer die leistungsfähigsten Zellen, nicht etwa jugendliche der I. Klasse, die zu Vakuolenbildung befähigt sind, worin wir wohl wiederum eine erhöhte Tätigkeit (phagozytäre bzw. sekretorische) im Kampfe gegen die Gonokokken erblicken müssen. M e y er-Estorf hat diese Befunde als wichtigstes Argument gegen die Existenz der degenerativ Stabkemigen von V. Schilling, die sich unter den T-Zellen der I. Klasse befinden sollen, ins Feld ge¬ führt. Wir möchten die Zellen mit Vakuolen jedoch nicht wie Meyer- Estorf als degenerative auffassen. Da sie meist über die Hälfte Gonokokkeneinschlüsse enthalten, muss im Gegenteil hierin ein Beweis für ihre ausserordentliche Aktivität erblickt werden. Zum Schlüsse seien noch einige bei der Durchmusterung der Prä¬ parate gemachte Beobachtungen, die mit den rein qualitativen Verhält¬ nissen nur in losem Zusammenhang stehen, erwähnt und auch auf einige Gesichtspunkte eingegangen, die in der Literatur bereits angeführt sind. Auch unsere Schlussfolgerungen sollen noch etwas präziser gegenüber einigen Literaturangaben hervorgehoben werden. 1. Den Parallelismus zwischen den Neutrophilen im Eiter und im Blute halten wir durch unsere Untersuchungen für erbracht. 2. Wir fanden nie Gonokokkeneinschlüsse bei den Eosinophilen und bei denselben auch keine Vakuolenbildung. Wir glauben demnach, dass, wo sich anscheinend intrazelluläre vereinzelte Gonokokken vorfinden, besonders bei sonst grossem Gonokokkenreichtum der Prä¬ parate, es sich dabei um mechanische, vereinzelte Gonokokken- a u f lagerungen handeln dürfte, die also nur intrazelluläre Gonokokken bei den Eosinophilen Vortäuschen. 3. Auch den Parallelismus zwischen den Eosinophilen im Eiter und Tabelle 8. Qualitatives Lymphozyten-Zellblld Monozytenbild Klein Mittel Gross Oes- R W T p Zahl a | b a | b 1 Ges- R W T p Zahl a | b a | b 1 r Oes- R 1 W T p Zahl a | b | a | b 1 1 Zahl' Mo W| afb 2K 2S ’K Blut 4 41 23 14 4 - - — 31 8 21 1 1 — - 11 1 3 6 1 — - 17 2 3 1 6 — 4 i 5 62 49 8 4 ' 22 7 10 2 3 — ~ 2 - 1 — 1 14 1 2 1 2 - 4 4 Elter 27 1 1 — - - 38 15 18 4 ~ 1 — 23 — 11 9 2 1 — 1 8 1 3 2 1 - 1 36 11 2 - - — 32 9 16 2 ' 5 - — 11 1 6 - 4 - - 6 - 1 2 — - 2 Im Falle 4 fanden sich auch reichlich Reizungsformen (6 Proz.) im Eiter, so dass die Anlegung eines Zellbildes derselben — also aus dem Eiter — möglich war (Tab. 9). Es liegt hier ein ausgesprochen grosszelligeres Reizungsformenblut¬ bild vor. Es ist besonders bemerkenswert, dass es sich gerade um den im Blute halten wir durch unsere Untersuchungen für erwiesen. Immer befanden sich Eosinophile im Blute und immer auch — event. nur als Trümmer — im Eiter. *) D.m.W. 1919 S. 1213. Siehe auch B.kl.W. 1920 S. 593. 42 MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT. Nr. 2. Wo Eosinophile deutlich im Eiter vorhanden waren, fanden sie sich auch im Blute. Ihre Blut- und Eiterbilder waren konstant nach rechts verschoben, im Eiter immer relativ mehr. , . Einkernige (= rundkernige) Eosinophile fanden wir niemals wie andere, weder im Blute noch im Trippereiter. • . 4 Da wir Mastzellen im Eiter in unseren Präparaten me gefunden haben, können wir natürlich nicht in eine Erörterung über den Para lelis- mus dieser Zellen im Blute und Eiter eintreten. Wenn es aber einmal der Fall sein sollte, dass Mastzellen sich im Eiter zeigen, dann durfte auch diese Frage mit unserer Methode sich leicht entscheiden lassen. Der Analogieschluss aus dem Parallelismus der anderen Zellen macht natürlich von vornherein auch hier den Parallehsmus wahrscheinlich. Ein etwa sogar vermehrtes Auftreten von Mastzellen im Eiter wurde aus denselben Gründen wie unten bei den Lymphoidzellen nicht für *r in, Eiter u„4 Blute vorhandener, lymphoiden Zellen erscheint uns durch unsere Untersuchungen erbracht, und damit dürfte allen anderen Spekulationen, die m cei LiteraUr mehr¬ fach dargelegt sind, der Boden entzogen sein. Es ist besonders he merkenswert, dass es möglich war in das grosse Durc^e,,Jan1fierv^ hierhergehörigen Zellen mit Hilfe der Arneth sehen Methode .volle Klarheit zu bringen. Etwaige Differenzen zwischen den Befunden im akuten und chronischen Eiter wären noch zu klären. Gonokokkeneinschlüsse in den grossen Mononuklearen und grossen und anderen Lymphozyten wie überhaupt in einkernigen ^,;cn, v. ie dies von Pappen heim erwähnt wurde, fanden wir me. Wir müssen daher wiederum annehmen, dass es sich bei derartigen vereinzelten e- obachtungen um zufällige Auflagerungen statt Einlagerungen hande.t. Speziell sei dann noch zu einer anderen Anschauung P a p p e n h c i m s, der darin, dass im Blute etwa 2— 4 Proz , im Eiter aber io — 15 Proz. Monozyten vorhanden seien, den Gegenbeweis für die Abstammung aus dem Blute und einen Beweis für deren Histio- genese erblickt, bemerkt, dass wir darin keinen Gegenbeweis erblicken können da doch mit dem funktionellen Momente der Anlockung bzw. eines selbsttätigen Austretens aus dem Blute gerechnet werden muss. Wenn weiterhin im chronischen Eiter wirklich mehr nm- nukleäre Elemente, wie angegeben, auftreten sollten, wurde zu untersuchen sein, ob dies vielleicht ganz andere Zellen sind und des¬ wegen als histiogen betrachtet werden müssen. Bei unseren Unter¬ suchungen akuterer Fälle. ist uns keine einzige Zelle begegnet, die sich abweichend von den im Blute anzutreffenden Zehen verhalten hatte. Die vorstehenden Unterscheidungen wären sicherlich nicht in dem Umfange möglich gewesen, wenn wir nicht die ganz ausführliche und daher zu wissenschaftlichen Untersuchungen unbedingt notwendige Methodik Arneths zur Anwendung gezogen hätten. Arneth hat dies erst kürzlich wieder Schilling gegenüber betont (D.m.W. Wer von vornherein auf das Detail verzichtet, wird nicht erwaiten dürfen in die Tiefen der Vorgänge im Blute und bei den peripheren entzündlichen und exsudativen Prozessen einen Einblick zu tun. Eine ausserordentliche Harmonie und Zweckmässigkeit eröffnet sich da nach jeder Richtung. , .x . Alle biologischen Probleme, die mit der Tätigkeit der Blutzeilen _ auf jeglichen Reiz hin, bezüglich ihres Verbrauches und Ersatzes, bei Nichtbedarf aller oder einzelner Arten, bei Erschöpfung und Lähmung — im Blute selbst, in den Geweben, in den Sekreten und Exkreten in Zu¬ sammenhang stehen, dürften so bei der Untersuchung nach Ar net ti¬ schen Grundsätzen einer wesentlichen Forderung entgegengebracht werden können.. Dies zeigt auch wieder die vorliegende Studie. Aus der III. medizinischen (Nerven)-Abteilung des Allgemeinen Krankenhauses St. Georg in Hamburg. (Oberarzt: Prof. Dr. Sa enger +■) Ueber die Behandlung von Tumoren mit Salvarsan mit besonderer Berücksichtigung der Hirngeschwülste. Von Dr. Paul Matzdorff, Assistenzarzt. Im Beginn der Salvarsanära wurde die Therapia sterilisans magna von einigen Autoren auch bei den malignen Geschwülsten versucht (Czerny und Caan [2], Zieler [8l). Der Einfluss des Salvaisans auf Hirntumoren ist wohl infolge von Fehldiagnosen öfter beobachtet worden, doch finden sich in der Literatur nur die Fälle von N o e t h e 15 1 und Jooss [3l (die Beobachtung 192 in Non n es Lehrbuch, 4. Aufl. 1921 ist wohl mit letzterem identisch) aus dem Jahre 1912. Die seit dieser Zeit aufblühende Röntgenbestrahlung der Geschwülste scheint das Interesse an dieser Frage völlig zurückgedrängt zu haben. Ein Fall, den ich vor Kurzem beobachten konnte, veranlasste mich, der Frage, ob Hirntumoren durch Salvarsan beeinflusst werden kön¬ nen, wieder näherzutreten. Zunächst die Krankengeschichte. Q. Sch., 47 Jahre alt, Kellner. Erste Krankenhausaufnahme am 19. II. 1921. Pat. ist mütterlicherseits mit Tuberkulose belastet und selbst vor 11 Jahren in einer Lungenheilstätte gewesen. Die Frau ist gesund, die Ehe kinderlos. Bisher ist Pat. angeblich nie krank, insbesondere nie geschlechtskrank gewesen. Vor ca. 4 Wochen ist er plötzlich bewusstlos umgefallen. Er fühlte sich danach einen I ag lang schlecht, hatte aber sonst keinerlei zerebrale Beschwerden. Bis vor 8 Tagen völliges Wohlbefinden. Seit dieser Zeit ständig- zunehmende, nachts exazerbierende Kopfschmerzen. Seit gestern einigemal? Erbrechen, soinnolent. an eine Lues cerebri gedacht und eine Jod¬ wird mit einer Neosalvarsan- Innere Organe ohne krankhaften Befund. Pat. ist stark Kloufemufindlichkeit der ganzen rechten Schädelhallte. M . PS“tatus fanden sich folgende Abweichungen von der Norm. Herabsetzung des linken Kornealreflexes, linkseitige t^-'r e n " F a zial i S Die setzung der Hörfähigkeit links. Schwache im linken un eren Jaaalis • £ linken Gliedmassen sind zeitweise etwas hypertonisch und le acht < atakt s _ . «abinski und Oppenheim links zeitweise angedeutet. HirndrucK Symptome insbesondere entsprechende Augenhintergrundsveränderungen WareDieniCWaR0ima' BluT ist stark positiv. Die Lumbalpunktion des unruhigen Patienten ergibt starke Druckschwankungen, etwa 230 cm Wasse Pandy +, Globulin Phase I: Opaleszenz. Zellen 6: 3 — WaR. bis 1,0 aus gewertet negativ. Es wurde vorwiegend Quecksilber-Kur begonnen. Vom Verlauf interessiert: . . 4 IV. Beendigung der Schmierkur. Der Status hat sich in der Zwischenzeit fast nicht geändert, nur die Schwäche im linken Arm ist deut¬ licher geworden. Eine erneute Lumbalpunktion ergibt fast den gleichen Be¬ fund wie bei der Aufnahme, nur die WaR. ist bei 1,0 "Ft. Trotz differentialdiagnostischer Bedenken kur begonnen (0,3). 9. IV. 0,45 Neosalvarsan. 13. IV. Der Pat., der vordem dauernd gequält, stumpfsinnig im Bette lag, fühlt sich sich für seine Umgebung zu interessieren. A 1 einer organischen Veränderung System sind geschwunden. „„ 27. IV. Inzwischen 3 mal 0,6 Neosalvarsan. Pat. ist seit 8 Tagen völl £ beschwerdefrei. 2. VI. Nach Beendigung der Neosalvarsankur obiektiv geheilt entlassen. Gewichtszunahme 6,8 kg. Aufenthaltes des Pat. im Krankenhause sank die Pulsfrequenz me unter 80 Schläge in der Minute. Auch sonst wurden ausser Kopfschmerz und Erbrechen keine zerebralen Symptome beobachtet. 11. VI. Zweite Aufnahme im Krankenhause. Seit wenigen Tagen zu¬ nehmende Kopfschmerzen. Seit 2 Tagen Somnolenz. Körperlicher Befund wie bei der ersten Aufnahme. Lumbalpunktion: Anfangsdruck 170cm n*u, Pandy und Globulin Phase I stark positiv, Zellen bei fraktionierter Ent¬ nahme 8/3, 39/3 und 53/3. Queckenstedt +. WaR. im Blut und Liquor negativ. Trotzdem erneute kombinierte spezifische Kur. 16. VI. Pat. macht einen bedeutend gebesserten Eindruck, verlangt zum ersten Maie spontan zu essen. . 20. VI. Seit gestern Abend zunehmende Benommenheit, schneller Vertan, nachmittags Exitus. n . Sektion (Dr. B ö s 1 i n g, patholog. Institut des Krankenhauses. Prof. Dr. Simmonds): Aortitis Iuica, tuberkulöse Herde in beiden Lungen¬ spitzen, faustgrosse Geschwulst im rechten Schläfenlappen von teils salziger, teils weicher Konsistenz und braunrotem und gelbem Aussehen. Erwe'chu' g von heftigsten Kopfschmerzen auffallend wohler und beginnt l e o b j a m ektiven Zeichen Zentral n-erven- (6.75 g) subjektiv und Während des ganzen T 1 m «roll ml rr AA ilrr/vclrrvivicr^Vl • filinQJirk'n tYI Kurz zusammengefasst handelt es sich um einen Patienten, der 4 Wochen nach einem aooplektiformen Anfall an allmählich zunehmen¬ der Somnolenz und linksseitiger Hemiparese erkrankte. Der positive Ausfall der WaR. im Blut und die Vermehrung des Eiweissgehaltes im Liquor legten die Annähme einer Lues cerebri vascularis nahe. Durch Schmierkur und Joddarreichung wurde keine wesentliche Besserung erzielt. Neun Tage nach der ersten (= vier Tage nach der zweiten) Neosalvarsaninjektion fühlte sich Patient subjektiv bedeutend gebessert, obiektiv waren keine krankhaften Störungen mehr nachweisbar. Vom 22. IV. bis zum 5. VI. d. h. für einen Zeitnum von 6 Wochen .st Patient völlig Symptom- und beschwerdefrei. Nach dieser Zeit Wieder¬ einsetzen der früheren Symptome, die nach einer erneuten Salvarsan- injektion eine vorübergehende Besserung erfuhren, dann aber schnell zum Tode führten. Die Sektion ergab ein faustgrosses, stark erweichtes GHosarkom. E p i k r i t i s c h ist zu bemerken, dass nach der Lage des Falles die Fehldiagnose erklärlich ist, und dass gerade um die Zeit der stärksten Zweifel an der Diagnose Lues cerebri nach den ersten Neo- salvarsangaben eine verblüffende Besserung eintrat, die an einen be¬ sonders guten Erfolg der Neosalvarsankur glauben liess. Die zur Beobachtung gekommenen Herdsymptome sind durch Nach¬ barschaftswirkung des Tumors auf die innere Kapsel, die vorhandenen Allgemeinbeschwerden als Hirndruckerscheinungen aufzufassen, sodass das Krankheitsbild durch den Sektionsbefund vollauf klargestellt ist. Schwieriger ist die Deutung des Krankheitsverlaufs. Dass Jod und Quecksilber keine auffallende Besserung brachten, ist nicht erstaunlich, obwohl unter dieser Therapie nicht zu selten auch nicht spezifische Erkrankungen des ZNS. günstig beeinflusst werden. Die zweimalige, ganz auffallende Besserung im Befinden des Patienten nach Salvarsan kann man zwar als ein zufälliges Zusammentreffen der Therapie mit einer spontanen Remission auffassen, doch halte ich diese Erklärung nicht für richtig. Dass ausser dem Tumor noch luische Veränderungen am ZNS. vorhanden waren, die an den Symptomen mitbeteiligt waren und die durch die Therapie zum Verschwinden gebracht wurden, er¬ scheint unwahrscheinlich, da das ganze Krankheitsbild durch den Tumor allein genügend erklärt ist und ein Ansprechen der krischen Veränderun¬ gen auf Quecksilber und Jod doch wohl zu erwarten gewesen wäre. Das zweimalige Eintreten einer. Besserung auf Salvarsan und die von anderer Seite gemachten Beobachtungen über den Einfluss des Sal- varsans auf Geschwülste drängen doch zu der Annahme, dass eine di¬ rekte Beeinflussung des Tumors durch das Salvarsan stattgefunden hat. N o e t h e. der 1. c. ein mit Salvarsan behandeltes ZylinderzQllen-Sarkom des Stirnhirns beschreibt, beobachtete nach dieser Behandlung eine vorübergehende Besserung und rät zu einer Nachbehandlung operierter Fälle mit Salvarsan. Jooss berichtet i. c. über einen Patienten, der 13. Januar 1922. MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT. 43 wie unser Fall unter der Annahme einer Lues cerebri mit Salvarsan behandelt wurde, bei dem sich später ein Angiosarkom des Gehirns hcrausstellte. Bei diesem trat im Anschluss an die zweite Injektion eine rapide Verschlechterung des Zustandes mit den Zeichen einer plötzlich eintretenden Steigerung des Hirndrucks ein. Er kommt daher zu dem Schluss, man müsse sich hüten, einen Hirntumor mit Salvarsan zu behandeln. Es stehen miir noch zwei einschlägige Fälle zur Ver¬ fügung, die ich aber nur ganz kurz anführen will, weil die Salvarsan- wirkung bei ihnen nicht so rein zum Ausdruck kommt. Bei dem einen handelte es sich um einen von meinem damaligen Chef, Professor Saenger, intra vitam diagnostizierten destillierenden Prozess der Vier¬ hügel, veröffentlicht in W i 1 b r a n d und Saenger „Die Neurologie des Auges“, Bd. 8. 1921, S. 349 unten, bei dem wegen der Aussichts¬ losigkeit einer Operation an dieser Stelle sowie vor allem, weil here¬ ditäre Belastung vorlag, eine kombinierte antiluische Kur durch¬ geführt wurde, obwohl der serologische Befund keinen Anhalt für Lues bot. Es trat unter dieser Behandlung eine deutliche, vorübergehende Besserung auf, die aber hier nicht mit Sicherheit auf das Salvarsan bezogen werden kann, weil ausserdem noch Jod und Quecksilber ge¬ geben wurden. Bei der Sektion fand sich ein ganz auffallend erweichtes Gliom der Vierhügel. Der andere Fall verlief ähnlich wie der Von J o o s s. Leider .wurde die Patientin trotz des bedrohlichen Zustandes, in dem sie sich befand, von ihren Angehörigen aus dem Krankenhause genommen, sodass eine Bestätigung .der Annahme eines Tumor cerebri weder durch Autopsia in vivo noch in inortuo möglich war. Die Patientin starb wenige Tage später. Uebereinstimmend nehmen alle angeführten Autoren eine Beein¬ flussung der von ihnen beobachteten Tumoren durch Salvarsan an und ich schliesse mich ihrer Meinung durchaus an. Während des Lebens der Patienten kam die Wirkung in dem einen Teil der Fälle durch gesteigerte Hirndrucksymptome, in dem anderen Teil durch vorübergehende mehr oder minder vollkommene Besserung zum Aus¬ druck. Bei den zur Sektion gelangten Fällen fand sich stets eine auf¬ fällige, ausgedehnte Erweichung und Verflüssigung der Geschwulst¬ massen und auch mikroskopisch reichlich regressive Veränderungen an den Tumorzellen, die über das übliche Mass hinausging. Zelldegenera¬ tion und Erweichungen findet man zwar bei fast allen unreifen Ge¬ schwülsten in mehr oder weniger grosser Ausdehnung, sodass man schwer sagen kann, ob ein Teil derselben auf die Therapie zurück¬ zuführen ist, aber die übereinstimmende Beobachtung einer auffallenden Stärke derselben nach Salvarsan ist doch eine auffallende Tatsache. Die dissimilatorische Wirkung des Arsens auf manche pathologische Neubildungen ist ja bekannt. H. H. Meyer \4] nennt namentlich ausser dem syphilitischen Gumma auch das maligne Lymphom. Diese Geschwulstform leitet nun klinisch und anatomisch von den entzünd¬ lichen Granulationsgeschwülsten zu den echten Tumoren über. Czerny und Caan beobachteten die beste Beeinflussbarkeit durch Salvarsan an Sarkomen, eine etwas schlechtere an Karzinomen. Dass reife Geschwülste wie Fibrome. Lipome und Papillome, die von selbst nicht zu Einschmelzungen neigen, auf Arsen oder irgendeine andere interne Therapie ansprechen, ist mir nicht bekannt. Unter Berück¬ sichtigung dieser Tatsachen liegt es nahe, eine Parallele zu ziehen zwischen der Arsen- und Röntgentherapie von Geschwülsten. Auch hier schmelzen am leichtesten die entzündlichen Neubildungen ein, sowohl das tuberkulöse, von dem es wohl allgemein bekannt ist, als auch das syphilitische Gumma (vergl. Wett er er. Handbuch der Röntgen¬ therapie, 1908, S. 536). Energischer muss schon das maligne Granulom bestrahlt werden. Die höchsten Dosen sind zur Behandlung echter Geschwülste erforderlich. Von diesen reagieren auch nur die unreifen Geschwülste und zwar die Sarkome leichter als die Karzinome. Reife Geschwülste sind auch bei den höchsten Dosen, die das umliegende gesunde Gewebe vertragen kann, nicht beeinflussbar. Es ist also bei der Röntgeneinwirkung die gleiche Reihe vorhanden wie bei der Arsen¬ einwirkung: entzündliche Granulationsgeschwülste, malignes Lymphom, Sarkom, Karzinom, reife Geschwülste, in dem Sinne, dass die zuerst genannten am leichtesten, die zuletzt genannten am schwersten bezw. praktisch gar nicht zu beeinflussen sind. Wie man sich die Arsenwirkung vorzustellen hat, ist nicht sicher zu sagen. Vielleicht handelt es sich vorwiegend um einen direkten Ein¬ fluss des Arsens auf die Tumorzellen, wie es Meyer 1. c. anzunehmen scheint, vielleicht ist auch die von Ricker und Knape [7] nach- gewiesene, Stase erzeugende Wirkung des Salvarsans dabei mit im Spiele, sodass die Hyperämie als Heilmittel, wie sie Bier [1| auch für Geschwülste annimmt, an der einschmelzenden Wirkung des Sal¬ varsans beteiligt ist. Unter allen Umständen glaube ich berechtigt zu sein, anzunehmen, dass das Salvarsan die malignen Geschwülste elektiv beeinflusst. Nicht ganz einfach ist auch die Frage, warum der klinisch beobach¬ tete Erfolg so verschieden ist. Bei den Fällen mit vorübergehender Besserung kann man sich vorstellen, dass die Einschmelzung des Tumors auch zu einer Verkleinerung desselben geführt hat und so die allgemeinen Hirndruck- und Nachbarschaftssymptome verringert worden sind. Diejenigen Patienten, die mit stürmischen und vermehrten Hirn¬ erscheinungen antworteten, lassen eine ganze Reihe von Erklärungen zu. Ich will sie nur kurz anführen. Die Salvarsan dosis kann zwar die lebensschwachen Tumorzellen geschädigt und verflüssigt, auf die jungen und kräftigen hingegen nur als ReizdosiS gewirkt haben, sodass ein verstärktes Wachstum resultierte. Es ist aber auch möglich, dass die Abbauvorgänge im Gehirn so rapide vor sich gingen, dass die damit verbundene Hyperämie und seröse Durchtränkung der Umgebung zu den erneuten Hirndrucksymptomen Anlass gaben. Schliesslich kann man die Besserung und auch die Verschlechterung auf veränderte Zirkulationsverhältnisse im Gehirn zurückführen wollen. Bei der man¬ gelhaften Kenntnis, die wir von ihnen haben, ist diese Meinung durchaus nicht von der Hand zu weisen, besonders, da nach Meyer (1. c.) das Arsen besonders auch auf die Zellen der Kapillaren wirkt. Die klinische Wirkung des Salvarsans auf Hirntumoren scheint sich ebenfalls mit derjenigen der Röntgenstrahlen zu decken. Auch hier beobachteten einige Autoren eine Besserung. Von den wenigen, die darüber berichten, erwähne ich nur Quick [6|. Ich konnte vor Kurzem einen Patienten beobachten, der wegen eines in der Tiefe des linken Temporalhirns wuchernden Glioms palliativ trepaniert worden war und der nach einer Röntgenbestrahlung mit vermehrten Beschwerden infolge verstärkter Hirndruckerscheinungen reagierte. Man hat also hier ebenso wie beim Arsen klinische Besserung wie Verschlechterung zu ver¬ zeichnen. Alle diese Beobachtungen veranlassen mich, zu glauben, dass man in manchen Fällen von Tumoren mit Salvarsan einigen Nutzen stiften kann. Von vornherein auszuschalten sind natürlich operable Geschwülste, dann aber auch alle reifen Geschwülste, wie es z. B. die Akustikustumoren zu sein pflegen, die manche wegen der hohen Mor¬ talitätsziffer bei der Operation auch zu den inoperablen zählen möchten. Aber diffus wachsende unreife Geschwülste des Hirns sowie Fälle von diffuser Karzinomatose der Hirn- und Rückenmarkshäute, die fast nur mit Morphin behandelt werden können, ebenso vielleicht auch multiple Krebsmetastasen könnte man vielleicht versuchsweise mit Salvarsan behandeln und zwar, wie schon Czerny und Caan hervorheben, lange Zeit und mit hohen Dosen. Dass in geeigneten Fällen die Röntgentherapie nicht vernachlässigt werden darf, brauche ich wohl nicht besonders zu betonen. Literatur. 1. M.m.W. 1921 S. 415. — 2. M.m.W. 1911 S. 881. — 3. M.m.W. 1912 5. 1436. ■ — 4. Meyer und Gott lieb: Experimentelle Pharmakologie. Urban & Schwarzenberg, Berlin-Wien 1920. — 5. M.m.W. 1912 Nr. 10. — 6. Ref. Zbl. f. d. ges. Neurol. 25. S. 326. — 7. Med. Kl. 1912 Nr. 31. — 8. Ref. M.m.W. 1912 S. 59. Aus dem dermatologischen Ambulatorium. (Dres Delbanco, Haas und Zimmern, Hamburg. Erfahrungen mit Neosilbersalvarsan. Von F. Zimmern. Seit Februar 1920 sind wir in der Lage, das uns von Herrn Ge¬ heimrat Ko Ile in liebenswürdiger Weise zur Verfügung gestellte neue Präparat Neosilbersalvarsan in derselben Weise, wie früher das Silber- salvarsan, bei einer grossen Zahl ambulanter Patienten zu verwenden. Wir sind nun nach 1 yA jährigem Gebrauch des Mittels, nach Durch¬ führung von ca. 560 Kuren an etwa 470 Patienten mit weit über 5000 Injektionen in der Lage, uns ein Urteil über dies Präparat zu bilden und dies der weiteren Oeffentlichkeit vorzulegen. Eine genaue zahlenmässige Angabe, in welcher Zeit z. B. Spiro¬ chäten verschwinden, wieviel Injektionen bzw. Gramm zum Schwinden von Erscheinungen und zum Negativwerden der Serumreaktion not¬ wendig sind, wollen wir nicht bringen. Solche Angaben sind nur mit den Beobachtungen anderer Autoren zu vergleichen und sind, da Dosierungen, Abstände der Injektionen, Art und Alter der klinischen Erscheinungen, Härte und Breite der Serumreaktion immer variieren, schwer auf einen Generalnenner zu bringen. Unserer Ansicht nach genügt zur Beurteilung eines Salvarsanpräparats die Durchführung der Behandlung mit dem Mittel durch längere Zeit hindurch. Klinische und serologische Rezidive bzw. ein Freibleiben davon, ferner Spätschäden, wie Ikterus, sind dann von ausschlaggebender Bedeutung und be¬ gründen den Wert oder Unwert des Mittels im Vergleich zu den bisher erprobten fünf Salvarsanpräparaten. Wir haben im ganzen 12 verschiedene Operationsnummern erprobt und konnten bei den ersten fünf Nummern, zum mindesten in bezug auf Verträglichkeit und Nebenwirkungen grössere Unterschiede fest- stelleni So kamen bei einer Nummer bis zu 20 Proz. angioneurotische Oedeme vor. die, wenn auch meist nur allerleichtester Art, zu einer sofortigen Aufgabe dieser Nummer zwangen. Die Lösung dieses Prä¬ parates zeigte unter dem Mikroskop kleinste ungelöste Teilchen, welche die bekannten Nebenwirkungen bei der Injektion leicht erklären. Ferner zeigten die einzelnen Nummern Unterschiede im Grade und der Art der Löslichkeit. Die einen lösten sich schnell, auf der Wasser¬ oberfläche schwimmend, andere sanken unter, klumpten und lösten sich langsam. Die späteren Operationsnummern zeigten keine Unter¬ schiede mehr in der Art ihrer Lösung, der klinischen Wirkung und den Nebenerscheinungen. Ein ausserordentlich grosser Vorteil des Neosilbersalvarsans, der es besonders für poliklinischen Betrieb bzw. für den viel¬ beschäftigten Praktiker geeignet macht, besteht darin, dass das Prä¬ parat gelöst ruhig einige Zeit, bis zu mehreren Stunden stehen kann, ohne wie die früheren Präparate durch Oxydation an Giftigkeit erkennbar zuzunehmen. Es wurde immer eine 10 proz. Stammlösung angesetzt, mit L u e r scher Spritze jedesmal der den Dosen 0.2. 0,3, 0,4, 0,5 entsprechende Teil, also 2 bzw. mehr Teilstriche, entnommen und destilliertes Wasser bis auf 10 ccm nachgezogen und eingespritzt. Man soll im allgemeinen nicht zu schnell spritzen, doch wird man auch 44 MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT. Nr. bei einem Einlaufen der ganzen Menge in ca. 10—15 Sekunden keine Schäden erleben. Infiltrate sind natürlich ebenso schmerzhaft wie bei den anderen Präparaten. 1? T Es wurden pro Kur 3 g in 10, seit Januar 1921 4-4,5 g n 12 ln jektionen gegeben und zwar 0,2 ein bis zweimal, dann einmal L 0.3 u nun immer 0,4 event. 0,5 bis zur beabsichtigten Gesamtdosis. Bei Männern und Frauen wurden im allgemeinen dieselben Dosen gegebe . Oefter wurde bei nicht glatter Verträglichkeit eine kleinere Dosis zwischengeschaltet. Die Abstände zwischen den eiMelnen während der Kur betrugen anfangs 3. dann 4—5, bei den letzten Injek¬ tionen etwa 6 Tage; also entsprechend unserer Dosierung bei Süber- salvarsan Seit Februar 1921 etwa wurde Novasurol in Misch¬ spritze gegeben, meist nicht mehr als %—V*. ccm dieses Mittels. Diese Mischspritzen nach Linse r. die sich ja in der ambulanten Praxis, in der die Patienten nicht immer Schmierkuren bzw. Injektionskuren mit wirksamen Präparaten durchführen können oder wollen. es bei Sekundärfällen und bei Lues latens in Anwendung. üriitiare Lues wurde, so lange die Serumreaktion negativ blieb rein mit Neosilber behandelt, ebenso Tabes ohne Hg, aber mit reichlich Jod. Es wurden im ganzen behandelt: ca. 470 Fälle: Lues I. d. h. nur seronegative Fälle an 100 Lues I und II . “J’er }^0 Lues latens, darunter auch Lues cerebn über ISO Tabes 33 Paralyse Lues III wmde nur mit Hg und Jod behandelt. Ausgeführt worden im ganzen 560 Kuren, von denen aber eine ganze Reihe, etwa 70— 80, durch Ausbleiben der Patienten oder aus anderen Gründen nicht durch- geführt werden konnten. ' ... Die klinischen Wirkungen sind genau dieselben, wie bei bilber- salvarsan Die grosse, dem Silbersalvarsam gebührende Bedeutung braucht an dieser Stelle nicht von neuem beleuchtet zu werden J. Die Erscheinungen schwinden^ da die Dosierung ja höher genommen werden kann, schneller. Die klinischen und serologischen Rezidive nach ungenügenden Kuren oder bei älterer Lues nach zu langen Pausen zwischen den einzelnen Kuren entsprechen dem bei den früheren Präparaten Gesehenen. Wir sahen also, wie sonst auch, eine Reihe von Neurorezidiven, Meningorezidiven, Reindurationen, zweimal chancriforme Papeln, einmal an der Stirn, einmal am Knie. Ferner, worüber schon berichtet wurde, mehrere klinische Rezidive maligner Art mit negativer Serumreaktion unmittelbar nach der Kur. Diese Fälle kamen aber sowohl bei Behandlung mit Silbersalvarsan und Neo- salvarsan als auch nach Hg-Kur vor. Hervorzuheben gilt, was ja auch vom Silbersalvarsan bekannt ist, die ausserordentlich roborierende Wir¬ kung des Präparates und die gute Gewichtszunahme. Besonders mit der Wirkung bei Tabes waren wir ausserordentlich zufrieden. Hier sind die Erfolge wenigstens in bezug auf Rückgang der Beschwerden, z. B. lanzinierende Schmerzen, sehr gut und schnell einsetzend. Ebenso bei gastrischen Krisen, nur soll hier die Dosis 0,3 im allgemeinen nie. t überschritten werden. Von Nebenerscheinungen sahen wir, ausser den schon erwähnten, bei einer Nummer gehäuft vorkommenden Angioneurosen, die üblichen, bei allen Salvarsanpräparaten auftretenden Formen. Die Zahl der Angioneurosen ist aber erheblich kleiner als bei Silbersalvarsan und bei Neosalvarsan. Neosilber wurde fast immer von Patienten, die unter Silbersalvarsan diese Erscheinung zeigten, gut vertragen besonders wenn man sich mit kleinen Dosen wieder einschlich. Enzephalitis oder ähnliche Symptome sahen wir nie. Idiosynkrasien gegen Sal- varsan an sich, z. B. Fieber, Kopfschmerzen. Erbrechen, kurz eine absolute Unverträglichkeit, auch bei kleinsten Dosierungen, kam, wie bei jedem anderen Präparat, natürlich auch vor. Dagegen ist die Zahl der Dermatitisfälle geringer als bei den anderen Präparaten. Wir sahen im ganzen 7, darunter 4 ganz leichte, und 3 schwerere Fälle; die letzteren erforderten 6 — 8 Wochen Krankenhausbehandlung und waren nach je 3, 5 und 9 Injektionen aufgetreten. Diese unangenehmen Beigaben der Salvarsantherapie lassen sich bei genügender Vorsicht so gut wie völlig vermeiden, wenn man auf die Prodromalsymptome, wie Fieber, gestörtes Allgemeinbefinden und leichteste Erytheme nur genügend achtet. Wird dann die Therapie sofort ausgesetzt, kommt es selten zu einer weiteren Ausbreitung und Schäden.. Wir haben niemals die, be¬ sonders bei Sulfoxylat vorkommenden, einige Zeit nach der Kur erst einsetzenden, nie vorauszusehenden schweren Derrnatitiden gesehen. Einmal wurde ein fixes Erythem beobachtet. Spätikterus sahen wir im ganzen 10 ma' in der üblichen Weise verlaufend. In 2 Fällen zog sich die Erkrankung über 4 Wochen hin. In allen Fällen wurde aber später wieder Salvarsan anstandslos vertragen. Es treten weniger Angioneurosen auf, als bei den anderen Prä- PJia Dermatitisfälle sind seltener und scheinen, soweit es sich au unserem Material übersehen lässt, leichter ^u v6^^- ^8 kann mit allen Hg-Präparaten Sublimat, Novasurol, Cyarsal, Embarin in Misci SPr" IVlmm Beherrschung der Inlektionstechnik mit dunklen Lö- sungen ist es den bisherigen Präparaten vorzuziehen. Aus der dermatologischen Klinik der Universität Leipzig. (Direktor; Obermedizinalrat Prof. Dr. Rille.) Zur Frage der endolumbalen Salvarsanbehandlung. Von Dr. Tibor Benedek, Volontärarzt der Klinik. Zusammenfassung. Neosilbersalvarsan steht in seiner klinischen Wirksamkeit dem Sil¬ bersalvarsan gleich. Man kann aber bessere Erfolge damit erzielen, da höhere Gesamtdosen gegeben werden können. . Es kann mehrere Stunden gelöst stehen bleiben, ohne Schaden zu verursachen. Die Stammlösung bietet einen grossen Vorteil für den poliklinischen Betrieb. *) D e 1 b a ii c o bittet mich an dieser Stelle mitzuteilen, dass nach seiner Auffassung das Neosilber nicht ganz so spirillozid wirkt wie das Silber¬ salvarsan, dafür aber die grösseren Vorzüge einer geringeren Gefahrenzone ein- schliesst. Je näher das Salvarsanpräparat dem Ideal der Sterilisatio magna kommt, umsomehr wächst die Gefahr der Anbehandlung, der Meningo- rezidive usw. (cf. Delbanco und Zimmern: M.K1. 1920). Atu Anfang dieses Jahres trat Gennerich [ll mit einer zu- sommenfassenden Darstellung seiner endolumbalen Salvarsanbehand¬ lung der Lues des ZNS.1) vor die Oeffentlichkeit der Syphilidologen U'ld Während6 aber die Neurologen urid Psychiater (W e y g a>Ja e " Jacob-Kafka [2], v. Schubert [3l, Schacherl 14J. Nae- geli [5l Lewinsohn [6], Zadek [7l, Nonne [8], Jacobi [ I u a.) im Verlaufe des vorigen Dezennium, durch die ersten erfolg- ver'heissenden Mitteilungen von Gennerich U0, 11] angeregt, the a- oeutische Versuche an einer kleinen Anzahl von Metaluetikern (Tabes dorsalis. Taboparalyse, Paralyse) unternommen haben, liegen bisher von Seiten der Syphilidologen. der Hautkliniken nur vereinzelte M t tuhingen anor'therapeutischen Erfolgen und Dauerresultaten reiche Gennerichsche Kasuistik lässt aber ganz klar erkennen, dass das¬ jenige Gebiet, wo sich die latente syphilitische Affektion des ZNS schleichend und heimtückisch entwickelt und noch am aussichtsvollsten anzugreifen ist, eben den Syphilidologen zufällt. Neurorezidive, histo¬ logische Meningorezidive, Meningitis luica, Syphilis cerebiospmali d ~ men fast ausschliesslich zu den Syphilidologen. der Neurologe dcr Psychiater sieht erst meistens die beginnende Metalues, die vollent wickelte Tabes und Paralyse. j ....... r m dpr Durch systematische Liquorkontrollen der Syphilitiker kann der Syphilidologe die zukünftigen Kandidaten der huschen und metaluischen Erkrankungen des ZNS. noch rechtzeitig mit grosser Wahrschein¬ lichkeit erkennen und dieselben durch Assanierung des Liquors bzw. der erkrankten Meningen mittels der endolumbalen Methode der voll¬ ständigen Heilung zuführen. Eine ganze Reihe von Autoren (Alt - mann und Dreyfus[12], Fruhwald [13,14,15], Haupt- m a n n [16]. Kyrie [17] u. a. m.) stellte schon die Forderung die anti- luetische Behandlung nicht nur bis zum Verschwinden der kutanen Syphilis bzw. bis zur negativen Blut-WaR. zu verfolgen, sondern bis zur vollständigen Assanierung des Liquors durchzufuhren, Gennerich bewies es an einem ganz grossen, systematisc durchbehandelten und vielfach kontrollierten Material, dass die As¬ sanierung des Liquors bezw. der Meningen, fast ausschliesslich nur durch die endolumbale Methode erreichbar ist. n Angespornt durch die Erfolge und besonders durch die Dauer- I resultate der reichhaltigen Gennerich sehen Kasuistik, habe ich an dem hiesigen poliklinischen Material die ersten endolumbalen Be¬ handlungen unternommen. . , . . Zur Ausführung der endolumbalen Behandlung habe ich mir ein eigenes Instrumentarium zusammengestellt, durch dessen jetzige1 Aus¬ gestaltung ich manchem Mangel zu steuern geglaubt habe. Das In¬ strumentarium sichert eine glatte, einfache Ausführung der endolum- balen Behandlung und es hat sich mir bei den bisherigen Behandlungen in jeder Hinsicht recht praktisch bewährt. Gennerich [11] empfahl seinerzeit eine möglichst f e i n e Lumbal¬ punktionsnadel ohne die zahlenmässige Stärke derselben anzugeben. U ersten Punktionen wurden infolgedessen mit einer recht feinen Q . sehen Punktionsnadel (innerer Durchmesser 0,5 mm) ausgeführt. Die Liquo - entnähme ebenso wie auch das Infundieren dauerte unnötig lange zumal die ersten zwei bis drei Infusionen in ..horizontaler Lage vorgenommen wo rde n sind. Bei dieser Anordnung (dünne Nadel — horizontale Lage) brauchte mai zur Entnahme und Infusion von etwa 60 ccm Liquor über t7* Stunden. Sobald ich aber eine stärkere Punktionsnadel (äussere Starke 1,65 mm, innere Stärke 0,85 mm, Abbildung) verwandt habe und dazu übergegangen bin, die Sitzungen von Anfang bis zu Ende in i sitzender .Lage der Patienten durchzuführen, habe ich erreicht, dass die Sitzungen bei der Ent¬ nahme von 75—90—150 ccm Liquor im Durchschnitt etwa 25 40 Minuten in Anspruch genommen haben. Selbstverständlich wird inan zeithc le Schwankungen bei den einzelnen Sitzungen auch bei derselben Person öfters beobachten. Eine weitere Verkürzung der Sitzungsdauer ist aus dem Grunde nicht mehr möglich, da den grössten Teil der Zeit die vorsichtige a n i g- s a m e Liquorentnahme beansprucht, die Infusion dauert auch bei 80—90 ccm Bei der Ausgestaltung der Büretten habe ich mir folgende Aufgaben gestellt: 1. sichere Vermeidung des Eintritts von Luftblasen, in den Rucken- markskanal ; 2. die bequeme Beseitigung eines ev. Blutgerinnsels aus dem Bürettenschlauchsystem, das sonst zur Verlegung des Nadellumens bei der Infusion führen kann; 3. eine einfache innige Mischung des Salvarsans mit dem Liquor auch in den Schläuchen. . .... Um diese Zwecke zu erreichen, arbeite ich mit zwei gleichartigen Büretten Die Bürette (Abb.) ist 21 cm lang, mit einem Querschnittdurch¬ messer von 3,5 cm; unten in der Fortsetzung der Zylinderachse ist sie mit J) ZNS. = Zentralnervensystem. 13. Januar 1922. MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT. 45 einem Auslaufshahn versehen und auf der dem Hahn entgegengesetzten Seite, knapp oberhalb des Hahnes, mit einem kleinen konischen Glasansatz von 2,5 cm Länge, um hier den Gummischlauch anzuschliessen. Sie ist von unten an kalibriert und fasst 150 ccm Flüssigkeitsmenge. Die Büretten sind noch oben mit einer kleinen, entsprechenden Glaskappe versehen, die auf dem nicht geschliffenen Oberrand der Bürette aufsitzt, um den Eintritt von Staub etc. zu vermeiden und den Luftaustritt zu ermöglichen. Die beiden Büretten werden mit einem entsprechend dünnen Schlauch von etwa je 40 cm Länge verbunden, so dass sie vorne in ein Glasrohrdreieck zusammenlaufen. Die beiden Schläuche sind noch genau in der Mitte durchgeschnitten und daselbst ist ein Glasröhrchen von etwa 8 cm Länge eingeschaltet, um beim Infundieren die Höhe der rucklaufenden Flüssigkeitssäule im Schlauchsystem beobachten zu können. Am freibleibenden dritten Arm des Glasrohrdreiecks kommt ein Stückchen Gummischlauch derselben Stärke von etwa 3 — 5 cm Länge, um das ganze System mit dem Metallkonus der Punktionsnadel zu verbinden. Hier möchte ich noch einfügen, dass dieser Metallkonus ebensoweit durchgebohrt (die innere Lichte!) sein muss, wie die Nadel selbst, sonst bremst ein dünner (feiner), gebohrter Konus trotz der passenden Nadelstärke den Liquorstrom sehr stark ab. Die ganze Zusammenstellung des Instrumen¬ tariums geht aus der Abbildung deutlich hervor 2). Die Desinfektion des ganzen Instrumentariums wird in einer mit destilliertem Wasser angefüllten, gewöhn¬ lichen Sterilisationspfanne vor¬ genommen. Nach der beendeten Sterilisation werden die Instru¬ mente steril aus der Pfanne herausgehoben und in einem sterilen Tuche bis zum Ge¬ brauch aufbewahrt. Bevor man noch das Bürettenschlauchsystem an die Punktionsnadel ansteckt, wird dasselbe mit steriler phy¬ siologischer NaCl-Lösung aus¬ giebig durchgespült. In den ersten 2 — 3 Sitz¬ ungen habe ich die Patienten im Liegen, in horizontaler Seiten¬ lage punktiert, da vor der sitzen¬ den Lage in der Literatur ver¬ schiedentlich gewarnt worden ist. Bald kam ich aber zu der Einsicht, dass die Seitenlage zu einer Liquorentnahme über 20 bis 25 ccm vollkommen unge¬ eignet ist. Nach anfänglichem guten Abfluss von 20 — 25 ccm Liquor bleibt der Liquorstrom stehen und da hilft weder das Herumdrehen noch das Vor¬ oder Rückwärtsbewegen der Nadel: der Liquorstrom steht unentwegt still. Man kann zwar .in diesem Falle, wie es Gennerich [l] vor¬ schlägt, den Patienten aufsetzen, damit der Liquorstrom wieder in Bewegung kommt, um den Patienten hinterher wieder in Seitenlage zu bringen. Dieses Vorgehen verursacht eine grosse Zeitvergeudung, strengt den Patienten an und ist m. E. wegen der seitlichen Ausschwingung der Wirbelsäule nicht ohne Gefahr: die Nadel kann dabei eventuell abbrechen. Da mein Ziel war, nach Gennerich s Vorschlag soviel Liquor zu entnehmen, wie der einzelne Rückenmarkskanal überhaupt abgibt, um mit dem Sa-Liquorgemisch so hoch wie möglich bis zu den Hirnhäuten empor¬ zukommen, musste ich auf die seitliche Lagerung der Patienten bei den zukünftigen Behandlungen aus den oben angeführten Gründen ein für allemal verzichten. Es ist bekannt, dass die „horizontale“ Liquordruckhöhe im Durchschnitt etwa 120 mm Wasser beträgt, die zu 350 — 420 mm Wasser emporschnellt, wenn der Patient in sitzende Lage kommt. Aus diesen ob¬ jektiven Zahlen geht es schon ganz klar hervor, dass man bei der horizontalen Seitenlage während der Liquorentnahme über eine Liquorsäule hinaus, die eben die Druckhöhe bei dieser Lage anzeigt, wird kaum hinauskommen können, so dass nur der einzige richtige Weg, um das Ziel — die grösstmögliche Liquorentnahme in der verhältnismässig kürzesten Zeit unter Scho¬ nung des Patienten — zu erreichen, allein die sitzende Lagerung des Patienten in Betracht kam. Bei ca. 60 in der beschriebenen Weise aus¬ geführten endolumbalen Behandlungen habe ich niemals Herzkollaps oder sonst irgendein stürmisches Vorkommnis erlebt, das mir diese Art der Liquorentnahme im mindesten hätte widerraten können. Die ständige genaue Pulskontrolle hat mir gezeigt, sogar bei Liquorentnahmen bis 150 ccm, dass diese Methode bei Vorsicht und Pulskontrolle keine Gefahren innehat. Bei der Ausführung der endolumbalen Behandlung sitzt also der Patient am Rande seines rollenden Bettes, den Rücken dem Arzt zu¬ gekehrt. Von einer genauen Beschreibung der Vorbereitungen zur Punktion selbst (Desinfektion der Haut, Aufsuchen der Punktionslinie etc.) will ich hier ab- sehen; diesbezüglich wird betreffs der Einzelheiten auf die einschlägigen Monographien von Eskuchen [18], Kafka [19] hingewiesen. Soll man vor dem Einstechen irgendeine Anästhese anwenden? Der einzig schmerzhafte Punkt ist die Hautstichstelle. Als Anästhetikum wird im allgemeinen Chloräthyl empfohlen. Ich wende es aber kaum an. Erstens sind viele Leute (hyperästhetische Tabiker!) an der Stelle sehr empfindlich, zweitens tut die Kälteeinwirkung mehr weh als der Stich selbst. Ferner wenn man die gewählte Stelle in der Tat erfrieren macht, bekommt man einen brettharten Hautfleck, wodurch jede Orientierung unmöglich gemacht, das richtige Eindringen in Frage gestellt wird. Die an manchen Orten geübte Skarifikation der Haut vor dem Einstechen halte ich für ganz überflüssig. Bei sehr empfindlichen Patienten ist noch am besten, wenn man eine Schleich- 2) Das Instrumentarium wird nach meiner Angabe fabrikmässig bei Riedel, Leipzig, Liebigstrasse 1 b hergestellt. Nr. 2. sehe Quaddel setzt. Ich steche meistens — ■ die Nadel ist immer scharf ge¬ schliffen — ohne jede Anästhesie ein, und ich habe deswegen von den Patienten keine Klagen gehört. Ich führe die Punktionsnadel immer ganz genau in der Sagittal- ebene zwischen den Proc. spinös, ein und nicht etwa seitlich durch das For. intertransvers. Hierbei sei noch auf die eminente Wichtigkeit einer absolut richtigen Nadelführung hingewiesen. Von der richtigen Nadelführung hängt es ab, wieviel Liquor man — ceteris paribus — erhalten kann. Die Nadel soll am günstigsten etwas mit nach oben gerichteter Spitze unter etwa 70 — 80 0 (Winkel nach unten) ein¬ gestochen werden. Als Einstichstelle wähle ich meistens die Spalte zwischen den Proc. spinös, des 3. — 4. Wirbels. Es wurde aber bald die Erfahrung gemacht, dass man im Interesse der glatten, ungestörten Liquorentnahme dieselbe Einstichstelle im allgemeinen in zwei aufeinanderfolgenden Sitzungen hintereinander nicht wählen darf. Wahrscheinlich liegen hier bindegewebige Adhäsionen vor, die auf die Einwirkung des Ein¬ stiches zurückzuführen sind und die eine glatte Liquorentnahme mitunter sehr erschweren. Aus diesem Grunde wechsle ich die Einstichstelle bei jeder Sitzung, so dass ich bald zwischen dem 3. — 4., bald 4. — 5., oder sogar dem 2. — 3. Lumbalwirbel eindringe und auf diese Weise konnte ich mir immer eine glatte Liquorentnahme sichern. Wenn trotzdem im ersten Augenblick kein Liquor hervortritt, so ändert man die Lage der Nadel durch Drehen, Vor- oder Rückwärtsschieben. Wenn nun die Punktionsnadel richtig eingestochen worden ist und beim Herausziehen des Mandrins der Liquor erscheint, wird erst das notwendige Quantum 6 — 8 ccm Liquor für Untersuchungszwecke aufgefangen. Jetzt stellt man den Sperrhahn an der Punktionsnadel auf einen Augenblick ab, bis die vorbereiteten, sterilen, mit physiologischer NaCl-Lösung ausgiebig durch¬ gespülten Büretten samt Schläuchen mittels des metallischen Konus an die Nadel angesteckt sind. Durch das Verdrehen des Arretierungsstiftes am Konus wird ein Herausrutschen desselben aus der Nadel verhindert. Der Sperrhahn wird wieder aufgemacht, die Büretten, ohne an der Nadel zu zerren, tief gesenkt und die Abflussgeschwindigkeit des Liquors durch das entsprechende Verstellen des Hahnes in Grenzen gehalten. Gegen Ende der Entnahme wird der Hahn ganz aufgemacht. Sind schon etwa 15 — 20 ccm Liquor in den Büretten aufgefangen, so hebt man die eine Bürette — ohne den Sperrhahn abzustellen — in die Höhe, dann umgekehrt, um durch das Spiel zweier kommunizierenden Gefässe die Luft aus den Schläuchen herauszutreiben. Auf diese Art ist absolut sicher verhütet, dass Luftbläschen in den Rückenmarkskanal eintreten. Bei einer event. lumbalen Venenplexusblutung kann man das Blut auf die oben beschriebene Weise aus den Schläuchen heraustreiben. Sollte sich trotz alledem ein Blutgerinnsel bilden, was bei einer stärkeren Blutung doch Vorkommen kann, so sammelt sich das Gerinnsel unten in den Büretten ober¬ halb des Auslaufhahnes an und es kann durch denselben aus den Büretten bequem entfernt werden. Hat man schon 30 — 40 ccm Liquor entnommen, so melden die Patienten im allgemeinen — einen ganz leichten Kopfschmerz. Falls die Kopf¬ schmerzen während, der Entnahme stärker werden, stellt man den Hahn einfach ab, um nach ein paar Minuten mit der Entnahme fortzufahren. Ich entnehme aus den am Eingänge gleich erwähnten Gründen die grösstmögliche Liquormenge. Mit der Entnahme höre ich erst auf, wenn die Patienten zu starke Kopfschmerzen bekommen oder ein Brechreiz sich meldet. Zu diesem Zeitpunkt hat man aber schon ständig 80 — 90 — 140 ccm Liquor. Hat man die erreichbare Liquormenge entnommen, so wird der Hahn abgestellt. Der Patient wird vorsichtig in horizontale Lage gebracht (Achtung auf die Beibehaltung der Rückenkrümmung wegen der Nadel!) und bekommt eine Rolle unter das Gesäss, so dass der Kopf beim Infundieren tiefer liegt. Dadurch wird die Infusionsdauer auf wenig — • 2 bis 3 Minuten — abgekürzt, ohne die Gefahr, durch dieses Vorgehen Druck¬ symptome hervorzurufen. Von der eben zubereiteten Salvarsanlösung 3) wird erst jetzt das notwendige Quantum zu dem Liquor mittels einer graduierten Pipette hinzu¬ gesetzt. Durch das abwechselnde paarmalige Heben und Senken der Büretten strömt die ganze Liquormenge und auch der Inhalt der Schläuche von der einen in die andere Bürette hinüber und auf diese Weise mischt sich das Salvarsan mit dem Liquor durch und durch. Benützt man Salvarsannatrium, so kann man die Vermischung an der leichten opaleszierenden Verfärbung der ganzen Flüssigkeitsmenge erkennen. Ist die Mischung durchgeführt, so werden beide Büretten in gleicher Höhe hochgehoben, der Sperrhahn wird aufgemacht und der mit Salvarsan versetzte Liquor strömt in den Rücken¬ markskanal glatt wieder zurück bis auf etliche Kubikzentimeter, die in den Schläuchen und event. in den Büretten Zurückbleiben und die horizontale Druckhöhe des Liquors anzeigen. Durch leichtes Drücken an den Schläuchen bringt man dann auch diesen Rest bis zum Glasröhrendreieck in den Kanal hinein. Da stellt man den Hahn ab, die Nadel wird mit einem kurzen Ruck herausgezogen, die Punktionsstelle mit steriler Gaze und Heftpflaster zuge¬ klebt. Nach beendeter Sitzung werden die Patienten in demselben rollenden Bett in den Krankensaal hineingeschoben. Das Fussende des Bettes wird durch Holzklötze — von der Dicke zweier Ziegelsteine — hochgestellt. Pat. liegt horizontal auf dem Rücken, ohne Keilkissen 48 Stunden lang. Nach 2 Tagen verliessen die Patienten immer die Station. Die Sitzungen werden in zweiwöchentlichen Abständen wiederholt. Ueber die bisherigen klinischen Erfahrungen und Resultate soll diesmal nur kurz zusammenfassend berichtet werden. Ein ausführlicher klinischer Bericht sei nach Abschluss einer grösseren Anzahl von Be¬ handlungen für eine andere Mitteilung Vorbehalten. Vor allem möchte ich darauf hinweisen, um diesbezügliche Be¬ fürchtungen zu zerstreuen, dass die endolumbale Salvarsanbehandlung auch in der Krankenhauspraxis leicht durchführbar ist. Die Patienten verweilen 2, höchstens 3 Tage auf der Station und so nehmen sie den auch anderweitig notwendigen Bettbelag nicht zu lange in Anspruch. Die Patienten unterwarfen sich ohne weiteres einer vielfach wieder¬ holten Punktion. ,!) Es wird Neosalvarsan, aber auch Salvarsannatrium verwendet. Nach Gennerich wird die kleinste erhältliche Menge von 0,045 g NeoSa (Na-Sa) in 10 ccm physiologischer NaCl-Lösung aufgelöst, wo 1/io ccm der Lösung 0,45 mg Salvarsan entspricht. 4 46 MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT., Nr. 2. Bisher sind 13 Fälle mit etwa 60 endolumbalen Infusionen behan¬ delt worden. Nadh der Art der Affektion verteilen sich die Falle 1. Meningitis luica 3; 2. Lues cerebn 5; 3. Tabes dorsalis 5. Darunter waren 10 Männer und 3 Frauen. .. Von den Fällen sind 5 gleichzeitig auch intravenös, die übrigen nur endolurnbal unter ständiger Serumkontrolle behandelt worden ie nachdem das Blut im gegebenen Falle nach Wassermann positiv oder negativ reagierte. Die simultane Behandlung störte das therapeu¬ tische Vorgehen nicht, da sich die Wirksamkeit der endolumbalen Be¬ handlung jederzeit, wenn auch nicht an der klinischen Besserung längs bestehender Ausfallserscheinungen (Tabes), immerhin aber am V halten des „Reaktionsspektrums“ im Liquor feststellen hess. Von den verschiedenen Untersuchungsmethoden sind folgende ständig ausgeführt worden: 1. vor Beginn der endolumbalen Behand¬ lung und während derselben 1-2 mal Blutwassermann; 2 WaR. im Liquor nach der Auswertung von Hauptmann ; 3 von den Eiwe ss- proben: a) Pandy, b) Nonne-Apelt Phase I, c) daneben zur Kontrolle die Schichtungsprobe nach Ross-Ja me s und d) die Weich brodtsche Sublimatprobe; 4. Gesamteiweissbestimmung nach Nissl; 5. Zellzählung in der Kammer nach Fuchs-Ros en- tha l ; es wurde immer die erste Liquorportion genommen, 2— 3 Kam¬ mern werden durchgezählt und als Wert das arithmethische Mi t- Alle diese Reaktionen halte ich für notwendig, um auf möglichst breiter Basis den Zustand des Liquors verfolgen zu können. Zur An¬ stellung der Reaktion braucht man ein paar ccm Liquor, wenig Zeit, da sie einfach und schnell auszuführen ist. Die klassischen vie. Reaktionen“ von Nonne (WaR. im Blut und Liquor, Phase 1 und Zellzahl) sind zu wenig, um sich daraus ein klares Bild über den Zustand des Liquors zu machen. . Während der Sitzungen sind stürmische Erscheinungen (Herzkollaps etc.) bisher nie beobachtet worden. Die Patienten halten die Sitzungen recht gut aus. Beim Infundieren meldeten die Patienten hie und da kurz anhaltende, rasch vorübergehende Paraesthesien. wie Kalte- und Wärmegefühl, an den Glutaeen, penanal oder an den Oberschenkeln. Bei Tabikern sind auch bei ganz vorsichtiger Dosierung leichte, lan- zinierende Schmerzen beobachtet worden. Nach der Infusion fühlen sich die Patienten recht wohl. Leichte Temperatursteigerungen bis 37 6° C kamen öfters an dem der Behandlung folgenden, tage vo . Am zweiten Tage nach der Sitzung war die Temperatur wieder normal. Eine sensible Spinalreizung kam zweimal zur Beobachtung, einmal als eine leichte Detrusorschwäche, im zweiten Falle m rorm einer perianalen, anästhetischen Zone, ln diesen Fallen haben die etwas hohen Dosen — 1,8 mg Neosalvarsan dreimal hintereinander in zwe.- wöchentlic'hen Abständen verabreicht — eine ch e m i s ch e Reizung der sensiblen Ganglien hervorgerufen. Innerhalb 14 Tagen war die spinale Irritation vorbei. Nach der Herabsetzung der Dosen auf 1,35 mg. 0 9 mg Neosalvarsan bei derselben Liquormenge ist keine chemiscne Reizung mehr aufgetreten. Bei einem Tabiker dagegen, wo die von Gennerich vorgeschlagene Dosierung von 1 mg Neosalvarsan um i/4 _ i/„ mK übertreten worden ist, kam es zu länger anhaltender sen¬ sibler und motorischer Schwäche der unteren Extremitäten. Bei einigen Patienten sind bereits ganz bemerkenswerte s ub- j e k t i v e Erleichterungen durch die endolumbaie Behandlung herbei- geführt worden: in Fällen, wo mit einer ganz starken kombinierten intra¬ venösen Kur (5—6 g Neosalvarsan + 30 Hgcyan!) gar keine subjek¬ tive Besserung zu erzielen war. Bei anderen ist das „Reaktions- spektrum“ bereits vollständig negativ geworden oder ist auf dem Wege, negativ zu werden. In manchen Fällen wieder (Tabes dors., Lues cerebri) trotzt der stark positive Liquor der bisherigen Behandlung. Im Durchschnitt sind 3—7 endolumbaie Infusionen bei den Patien¬ ten bisher ausgeführt worden unter genauer Beobachtung der von Gennerich vorgeschlagenen Dosierungsmethode. Bei der Zurückhaltung, der die Gennerich sehe Methode allenthalben begegnet, muss ich hier noch zum Schluss eine Arbeit von Kohrs izuj aus der Kieler Hautklinik kurz berühren. ti _ , .... Ro, Abgesehen davon, dass ich an der Hand der bisherigen Behandlungs¬ resultate zu ganz anderen, entgegengesetzten Schlussfolgerungen kommen würde als Kohrs an der Hand seiner 11 endolurnbal behandelten balle, sehe ich mich gezwungen, dem genannten Autor in Bezug auf einige Funkte seiner Arbeit entgegenzutreten. , J. _ , . . Aus dem Spirochätennachweis und der durch die Sz ecsi sehe Uxydas - reaktion erwiesenen hämatogenen Lymphozytose im Liquor scheint tur den genannten Autor der Beweis erbracht zu sein, dass eine ausgiebige kombinierte Hg-Sa-Kur den Liquor bzw. die erkrankten Teile des ZNS. zur Genüge günstig beeinflussen kann. Mag das in manchen ballen auch möglich sein, so kommt Gennerich [21) in seiner Arbeit über Liquorver¬ änderungen und an der Hand seines durchbehandelten und dauerbeobachteten Materials (Erhebungen an tausenden von Fällen!) zu ganz anderen Schlüssen. In der obigen, einfachen Beweisführung von Kohrs liegt ausserdem noch ein weiterer Trugschluss. Er nimmt nämlich ohne weiteres an, dass Arzneimittel, namentlich Hg, Sa, aus der Blutbahn ebenso schrankenlos und in ausreichender Menge in den Liquor übertreten können wie Spirochäten oder hämatogene Lymphozyten. Das ist aber überhaupt nicht der Fall. So wurde der N i c h t ü b e r g a n g der Quecksilbersalze in den Liquor bei ver¬ schiedener Form der Einverleibung von S i c a r d, v. Jaksch u. a. konsta¬ tiert. Bloch und S i c a r d haben zwar den Nachweis des Salvarsans im Liquor in einigen Fällen nach intravenöser Applikation erbracht, allerdings in verschwindend kleiner Menge. Sie stellten nämlich nach intravenöser Injektion von 0,5 g Salvarsan einen Gehalt von 2 — 3 mg Arsen auf 1 Liter (1!) Liquor fest! Demgegenüber hat Lewandowsky berechnet, dass 1 rag Salvarsan intraspinal etwa der Wirkung von 2 g (!) Salvarsan intravenös entspricht, wobei besondere Organafiinitäten, wie etwa die der Leber, welche das Salvarsan abfangen und speichern, noch gar nicht berücksichtigt sind. Diese objektiven pharmakologischen Feststenungen sprechen mehr u d endolumbaie Einverleibung des Salvarsans als K o h r s Beweise für die & länglichkeit einer auch noch so starken intravenösen Kur in bezug aut ihre therapeutische Wirkung auf das ZNS «Kuhn Mit solchen hohen intraspinalen Dosen (4— 6— 7 mg NaSa ) wie K - arbeitet, hat man nur ganz am Anfang der endolumbalen Aera gearbeitet. Damals hat man schwere irreparable sensible und motorische Be* obachtet Allerdings vermisst man seine diesbezüglichen klinischen obachtungen in seiner Mitteilung. Gennerich ist gleich am Anfang zu ganz kleinen Dosen gekommen, und auf Grund der klimschen Beiibacht i K und Erfahrung widerrät er dringendst Dosen von über 2 1 mg . Mi eine l obachtungen sprechen auch dafüV, dass man nlcht Rückenmark (z. B. bei Lues cerebri) Dosen von 1,8mg NeoSa (Nab> ) dreimal hintereinander in 14 tägigen Abständen geben darf, da man sonst sofort verschiedene Störungen hervorruft. Die khmsch-emp^ische, vor¬ sichtige Dosierungsmethode von Gennerich hat „Berger I22j experi mentel.1 im Tierversuch an Hunden nur vollauf bestätigen können- Was die technische Ausführbarkeit der endolumbalen Methode betrifft, bieten sich bei einiger Gewandtheit und richtigem Instrumentarium gar keine äusseren Schwierigkeiten, die nach Kohrs’ Ansicht das Verfahren zuruck¬ steilen sollen. Gennerich hat zur Genüge gezeigt, dass man im Gebiete des ZNS. durch intravenöse Kuren höchstens nur vorübergehende Sehe i n - erfolge erzielen kann, während eine frühzeitige endolumbaie Durc.i- behandlung zu einer Dauerausheilung führt. In dem Streit der Meinun¬ gen über den Wert und die Wirksamkeit der endolumbalen Methode können nur Statistiken vom Umfange der G e n n e r i ch sehen zu posi¬ tiven oder negativen Endergebnissen führen. Anmerkung bei der Korrektur: Während der Drucklegung ist eine Patientin im Anschluss an die 3. endolumbaie Behandlung gestonei. Der Exitus letalis ist durch eine Komplikation entstanden, die mit der endo¬ lumbalen Methode als solcher in keinem Zusammenhang stand. Lieber den Fall soll demnächst ausführlich berichtet werden. Literatur. 1 Gennerich: Syphilis des Zentralnervensystems. Berlin 1921 2. Weygandt- Jakob-Kafka: Klinische und experimentelle Erfah¬ rungen bei Salvarsaninjektionen in das Zentralnervensystem. M.m.W. 19 Nr 29 — 3 v Schubert: Zur Technik der endolumbalen Neosalvarsan- therapie. M.m.W. 1914 Nr. 15. — 4. S c ha c h e r L Zur Technik und Indikation der endolumbalen Salvarsanbehandlqng. W.kl.W. 1917 -Nr. / S 217. — 5. Naegeli: Die endolumbaie Salvarsanbehandlung bei syphi¬ litischen Erkrankungen des Zentralnervensystems. Ther. Mh. 1915 S. 645. 6. Lewinsohn: Lähmung des Atmungszentrums im Anschluss an eine endolumbaie Neosalvarsaninjektion. D.m.W. 1915 Nr. 9. 7‘ ^J1 C „ _ Todesfall hach intralumbaler Neosalvarsaninjektion. Med Kl. 1915 Nr. li. 8. Nonne: Syphilis und Nervensystem. Karger, Berlin 1921. 9. Ja- co bi- Zur Frage der endolumbalen Salvarsantherapie. Ther. Mh. 19^1 Nr lö — 10 Gennerich: Zur Technik der endolumbalen Salvarsan- behand'lung. M.m.W. 1914 Nr. 15. — 11. Gennerich: Beitrag zur lokalen Behandlung der meningealen Syphilis. M.m.W. 1915 Nr. 49. 12. Al t¬ mann und Dreyfus: Salvarsan und Liquor cerebrospinalis. M.m.W. 1913 Nr 10 __ 13 Frühwald: Das Verhalten des Liquor cerebrospinalis bei Syphilis. M.m.W. 1916 Nr. 9. — 14. Frühwald: Ueber Liquorverande- rungen bei Alopecia syph. Denn. Wsch. 1918, 67, S. 815. — 15. Fruh- wald- Ueber das Verhalten des Liquor cerebrospinalis bei Fruhsyphilis. Der prakt. Arzt, 56, H. 6/7. — 16. Haupt mann: Die Diagnose der fruh- luetischen Meningitis aus dem Liquonbefund. D. Zschr. f. Nervhlk 1914 51. — 17. Kyrie: Ueber den derzeitigen Stand der Lehre von der Pathologie und Therapie der Syphilis. Deuticke, Wien, 1918. — 18. Eskuchen: Die Lumbalpunktion. Wien-Berlin 1919. — 19. Kafka: Taschenbuch der prakt. Untersuchungsmethoden der Körperflüssigkeiten bei Nerven- und Geistes¬ kranken. Springer, Berlin 1917. — .20. Kohrs: Liquorbefunde bei be¬ handelter Syphilis. Derm. Zschr. 32, S. 71. Gennerich: Liquorver¬ änderungen in den einzelnen Stadien der Syphilis. Berlin 1913. 22. Be r- ger: Neosalvarsan und Zentralnervensystem. Zschr. f. d. ges. Neurol. 1914, Orig.-Bd. 23. _ Aus der Provinzial-Hebammenlehranstalt Elberfeld. (Direktor: Prof. Ed. Martin.) Erfahrungen mit Buttermehlnahrung. Von Dr. Hans Schlossmann. In der Säuglin-gsabteilung unserer Anstalt haben- wir in steigendem Masse seit 1% Jahren von der C z e r n y - Kl e i n s c h m i d t sehen Buttermehlmahrung Gebrauch gemacht. Bisher erhielten 50 Kinder die fettangereicherte Nahrung, einige von ihnen vom 10. Lebenstage an, die meisten viele Monate hindurch. Es handelt sich bei unseren Säuglingen zum grossen Teil um unter¬ gewichtige Kinder, die zu Hause nicht gediehen, oder um annähernd normalgewichtige, die uns wegen mangelnder häuslicher Pflege zu¬ gewiesen wurden. Ferner haben wir Säuglingen, die wegen akuter Er¬ nährungsstörungen aufgenommen wurden, meist schon sehr bald nach dem Äufhören der Durchfälle die Buttermehlnahrung gegeben. Bei der Herstellung der B u 1 1 e r m e h 1 n a h r u n g sind wir von der von Czerny und Klein Schmidt1) angegebenen Methode etwas abgewichen. Wir haben die Butter- und Mehlmengen nicht auf die Verdünnungsfliissigkeit, sondern auf die Gesamtflüssigkeit berechnet. Die gebräunte und geröstete Einbrenne wurde mit Halb¬ milch + 5 Proz Zucker, bei Säuglingen innerhalb des 1. Lebensmonats mit Drittelmilch + 5 Proz. Zucker versetzt. So brauchten wir z. B. zur Herstellung eines Liters Bnttermehlnahrung 70 g Butter, 70 g b Czerny und K 1 e i n s c h m i d t: Jb. f. Kindhlk. 1918, 87. 13. Januar 1922. MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT. 47 Mehl und 50 g Zucker, also fast das doppelte der von Czerny und Kleinschmidt vorgeschriebenen Mengen. Unsere Buttermehl¬ nahrung enthielt 8—9 Proz. Fett, 14 Proz. Kohlehydrate, 1,5—2 Proz. Eiweiss und damit etwa 1440 Kalorien pro Liter gegen 920 nach der ursprünglichen Herstellungsweise. Wir sind uns natürlich darüber klar gewesen, dass eine kalorisch so hochwertige Nahrung nicht voll aus¬ genutzt wird, und vom ökonomischen Standpunkt aus — wie schon Lange 2) betont hat — wenig praktisch ist. S t o 1 1 e 3) hat aus Stoff¬ wechseluntersuchungen die Ausnützung des zugeführten Fettes bei der üblichen 4 — 4M; proz. Buttermehlnahrung auf etwa 75 Proz. berechnet gegenüber der fast quantitativen Verarbeitung und Resorption — von mindestens 94 Proz. — des Frauenmilchfettes. Bei unserer über 8 Proz. - enthaltenden Buttermehlnahrung wird die Ausnützung des Fettes rela¬ tiv noch geringer, absolut genommen aber immer noch sehr hoch ge¬ wesen sein. Die hochkalorische Nahrung wurde von den Säuglingen im allgemeinen gut vertragen. Es ist dies ein Beweis dafür, dass auch weit erheblichere Fettmengen, als man meist annimmt, Säuglingen unbesorgt gegeben werden können, wenn nur durch die Zubereitung das Fett zuträglich und bekömmlich gemacht wird. Zahlreiche frühere Versi die mit unverändertem Milchfett als Zugabe zur verdünnten Milch in der Form der Sahnemischungen haben verhältnismässig häufig Miss¬ erfolge gezeitigt. Die bessere Bekömmlichkeit der Buttermehlnahrung wird s n Czerny und Kleinsichmidt auf die Befreiung des Fettes von freien Fettsäuren durch Erhitzen zurückgeführt. Auch beim Mehl kann die Verdaulichkeit durch den Röstprozess günstig beeinflusst werden, wie Czerny und Klein Schmidt schon vermuteten und neuerdings Aron4) sowie Plantenga5 *) besonders betonten. Jeden¬ falls wurden auch die 14 proz. Kohlehydrate unserer Buttermehlnahrung gut genommen und vertragen. Wir haben das beste Gedeihen dann gesehen, wenn wir unsere Säuglinge nicht ausschliesslich mit Buttermehl ernährten, sondern zu einer Zwiemilchernährung griffen. In den ersten Lebens¬ wochen gaben wir zur Frauenmilch, später zur Halbmilch Buttermehl¬ nahrung hinzu. Grösseren Kindern haben wir auch Buttermehlnahrung, Brei und Gemüse gereicht. Im allgemeinen wurde nicht mehr als die Hälfte des quantitativen täglichen Bedarfes durch Buttermehlnahrung gedeckt, um eine übermässige Belastung mit der sehr kalorienreichen Nahrung zu yermeiden. Auch von K 1 e i n s c h m i d t ß), St ölte, Ochsenius7) und Türk8) ist gerade von der Zwiemilchernährung mit Buttermehlnahrung Günstiges berichtet worden; nur Lange sah auch hier häufig Misserfolge. Die Beobachtung F r i e d b e r g s 9), dass die Buttermehlnahrung nur in verhältnismässig grossen Mengen gegeben Erfolg habe, fanden wir nicht ganz bestätigt. Gaben wir manchmal zu Beginn nur eine Buttermehlmahlzeit, so blieb zwar der erhoffte Erfolg zuweilen aus und trat erst ein, wenn auch die 2. und 3. Flasche durch Buttermehl ersetzt wurde. Gerade bei Frühgeburten lind sehr unter¬ gewichtigen Kindern aber sahen wir öfters schon bei ganz geringen Buttermehlmengen überraschende Erfolge. Die täglich zugeführte Flüssigkeitsmenge betrug, wenn wir wie im allgemeinen die Hälfte der Nahrung als Buttermehlnahrung gaben, etwa 1h des Körpergewichtes, bei stark untergewichtigen Kindern oft sehr viel mehr, die Kalorien¬ zufuhr 120 bis über 200 pro Kilogramm Körpergewicht. Wir können die mit Buttermehlnahrung gefütterten Säuglinge in drei Grupen einteilen: 1. Für 5 Frühgeburten mit einem Geburtsgewicht von 1250 — 2500 g mögen 3 Fälle als Beispiel dienen. Kind Ba., Geburtsgewicht 1250 g. aufgenommen mit 12 Tagen und 1400 g wegen mangelnder häuslicher Pflege. Bekommt 8X40 Frauenmilch (F.M.). Wiegt mit 5 Wochen 1900 g, bekommt 6X50 F.M., 2X50 B.M.N. Gewicht mit 11 Wochen 2500 g, jetzt 3 X 80—120 Halbmilch und 3 X 80—120 B.M.N. Wiegt mit 28 Wochen 5050 g. Kind Be. Geburtsgewicht 1600 g, 'aufgenommen mit 7 Wochen und 1300 g, da es zu Hause nicht zunimmt. Bisher nur Brust. Bekommt 10X40 F.M. Mit 12 Wochen 1550 g, 9X40 F.M., 1 X 40 B.M.N. Mit 15 Wochen 1900 g, 10 X 40—50 F.M. Mit 18 Wochen 2000 g, 4X60 F.M., 4X60 B.M.N. Mit 20 Wochen 2200 g, 6X70 B.M.N. Mit 23 Wochen 2350 g, 8 X 50 F.M. Mit 27 Wochen 2300 g, 4 X 50 Halhmilch, 3 X 60 B.M.N.. 2 X 50 Gemüsebrei. Mit 34 Wochen 3100 g. Kind Mö. Geburtsgewicht 2025 g, aufgenommen am 2. Lebenstage wegen Tuberkulose der Mutter. Bekommt bis zum 17. Tage llX30 F.M. (trinkt nicht mehr), wiegt dann 2100 g, von jetzt ab zur Hälfte Halbmilch, zur Hälfte B.M.N. (200 steigend bis 360). Gewicht mit 10 Wochen 2350 g, in gut 7 Wochen also 1250 g Zunthme. Ein ähnliches Bild zeigen die beiden anderen Kinder. Die Butter- mehlnahrung wurde sehr gut vertragen, nur in einem Falle sahen wir uns veranlasst, wegen eines leichten Durchfalles für einige Tage die Buttermehlnahrung durch Frauenmilch zu ersetzen. Interessant ist der Fall Be., der bei reiner Frauenmilchernährung zuerst sehr wenig, später gar nicht zunimmt, während die Zufütterung von Buttermehl¬ nahrung auch in der geringen Menge von 40 g täglich wenigstens einen leidlichen Gewichtsansatz erzielte. 2. Ferner erhielten 23 erheblich unterernährte Kinder Buttermehlnahrung, 12 von diesen waren jünger, 11 älter als 3 Monate. Besonders gut war der Erfolg bei den ersteren. -) Lange: Zschr. f. Kindhlk. 1919, 22. 3) St ölte: Zb. f. Kindhlk. 1919, 89. 4) A/on: Jb. f. Kindhlk. 1920, 92. 5) Plantenga: Jb. f. Kindhlk. 1920, 92. ß) Klein Schmidt: B.kl.W. 1919, Nr. 29. 7) Ochsenius: M.m.W. 1919 Nr. 34. 8) Türk: D.m.W. 1919 Nr. 19. Kind Sehe. Alter bei der Aufnahme 7 Wochen, Gewicht 2300 g. Be¬ kommt zuerst 8 Tage 10 X 45 F.M., wobei er nicht zunimmt, dann 5 X 60 F.M., 3X50 B.M.N., wobei er in 4 Wochen 650 g zunimmt. Dann mit 3X 120 F.M. und 3Xl20 B.M.N. Zunahme in 8 Wochen 1050 g, mit 3Xl30 Zweidrittel¬ milch und 3Xl30 B.M.N. in weiteren 7 Wochen 850 g. Kind W. Alter bei der Aufnahme 3 Wochen, Gewicht 2550 g. Bisher nur Brust. Auf den 1. Versuch mit Halbmilch reagiert er mit starkem Durch¬ fall, darauf wieder nur Frauenmilch. Wiegt mit 6 Wochen 2700 g. Nun wird ein neuer Versuch zu Zwietnilch überzugehen mit B.M.N. gemacht, die sehr gut vertragen wird. Zunahme in den nächsten 3 Wochen 575 g. Nur bei 2 Kindern trat nach einer guten Zunahme am Anfang nach kurzer Zeit doch wieder ein Gewichtsstillscand ein; erst bei Zufüttern von Brei stellte sich die erhoffte gleichmassige Zunahme ein. Von den 11 Kindern älter als 3 Monate bekam eines nach der ersten Buttermehlnahrung starken Durchfall, so dass wir von einem weiteren Versuch absahen. In einem anderen Falle wurde die Buttermehl¬ nahrung zwar gut vertragen, eine Zunahme trat aber nicht ein. Um so besser war der Erfolg bei den übrigen 9 Kindern. Kind Wü. 4 Monat, Gewicht 2950 g, atrophisches Kind, ausgedehnte Furunkulose. Bisher Halbmilch. Bekommt 3 X 120 Halbmilch, 3 X 120 B.M.N. Die Furunkulose heilt gut ab. Zunahme in 7 Wochen 1150 g. Kind Kr. 9'A Monat, Gewicht 4150 g, stark atrophisch, spuckt nach jeder Mahlzeit. Bekommt 5 X 90 Halbmilch, 5 X 90 B.M.N., nach 3 Wochen 3 X 120 Zweidrittelmilch, 3X 120 B.M.N., 2X 120 Gemüsebrei. Das Spucken verliert sich fast vollständig, Zunahme in 9 Wochen 1400 g. Ueber den Einfluss der Buttermehlnahrung auf habituelles Speien haben auch Ochsenius sowie Friedberg9) Günstiges berichtet. Die natürliche Immunität wird durch die Buttermehlnahrung nicht merklich, jedenfalls nicht ungünstig beeinflusst. T h i e m i c h lu) spricht geradezu von einer guten Wirkung auf Pyodermien, und unsere Be¬ obachtung des Falles Wü., dessen Furunkulose sehr gut abheilte, würde damit übereinstimmen. 3. Sodann haben wir noch 22 annähernd normalgewich¬ tigen Kindern Buttermehlnahrung gegeben, von denen 15 jünger als 3 Monate gewesen sind. Es waren durchweg Säuglinge, die bei den üblichen Kuhmilchmischungen einen Gewichtsstillstand oder doch nur geringe Zunahme zeigten. In 18 Fällen war der Erfolg gut, nur in 3 Fällen wurde auch mit Buttermehlnahrung kein Anstieg erzielt. Die einseitige Einschätzung der Gewichtszunahme ist aber über- hciupt kein richtiger Massstab für die Beurteilung eines Ernährungs- erfolges, ebenso wichtig ist die Beobachtung des Allge¬ meinzustandes. Dieser entsprach bei unseren Säuglingen ganz den Anforderungen, die man an ein gutes Gedeihen stellt.' Rosige Hautfarbe, straffe Muskulatur, grosse Bewegungsfreudigkeit, guter Turgor sprachen für die allgemeine gute Körperentwicklung und be¬ stätigten die Erfahrungen früherer Beobachter. Es sei erwähnt, dass wir in dem letzten heissen Sommer unter unseren Buttermehlkindern nicht eine einzige Ernährungstörung hatten, auch ein Beweis für die gute Bekömmlichkeit der Nahrung. Nach unseren. Erfahrungen hat sich die Buttermehlnahrung zur Aufzucht von Frühgeburten, schwachgeborenen und untergewichtigen Kindern durchaus bewährt. Für einen besonderen Vorteil gegenüber der Butter- und Eiweissmilch halten wir es, dass die Buttermehlnahrung auch im Privathause gut herzustellen ist. So kann manches Kind früher der mütterlichen Pflege zurückgegeben werden, als es sonst im Inter¬ esse des Kindes möglich wäre. Ueber die Verbreitung des Kropfes bei Schulkindern. Von Dr. med. Johanna Kraeuter, Schulärztin an den Städtischen Mittelschulen für Mädchen in München. Als Schulärztin an den städtischen Mittelschulen für Mädchen in München habe lieh im Laufe dieses Jahres Gelegenheit gehabt, eine relativ grosse Anzahl von Mädchen in verschiedenen Altersklassen zu untersuchen. Mein Untersuchungsmaterial besteht ausser den höheren Mädchenschülerinnen im Aiter von 10 — 16 Jahren (Gymnastiastinnen bis zu 19 Jahren), den Riemerschmidschen Handelsschülerinnen von 14 bis 16L? Jahren, den Frauenarbeitsschülerinnen von 14 — 19 Jahren, auch noch aus den Kindern der beiden Kindergärten in Bogenhausen und am St. Annaplatz im Alter von 3—6 Jahren. Nicht vertreten ist also nur das Alter von 6—10 Jahren. Bei diesen Untersuchungen machte ich nun verschiedentlich die Beobachtung, dass es pathologische Zustände gibt, die fast nicht beachtet werden von den Trägerinnen und deren1 Eltern und daher nur sehr selten zur Behandlung kommen, dem Schularzt aber ihrer Häufigkeit wegen auffallen. Es sind dies Krankheiten, die nicht direkt hindernd oder lebensbedrohend sind, wie z. B. Adenoide, leichte Haltungsanomalien usw., und deren Folgen die Eltern nicht kennen. Dazu gehören auch die Strumen. . Zur Behandlung gelangt nur ein ganz geringer Bruchteil, und das meist erst, wenn ernstliche Störungen von Seiten des Herzens oder der Atmung eintreten, oder aber, wenn die Eitelkeit des jungen Mäd¬ chens erwacht. Und auch dann gehen die wenigsten zum Arzt, die meisten lassen sich vom Apotheker oder gar vom Kurpfuscher irgend¬ eine mehr oder weniger schädliche Kropfsalbe geben. Fragt man ein kropfbehaftetes Kind, wie lange es schon den „dicken Hals“ hat, so erhält man zur Antwort: „schon immer“, oder das Kind weiss überhaupt nichts von dessen Existenz. n) Friedberg: Jb. f. Kindhlk. 1920. 93. ') Th ie mich: Med. Kl. 1919 Nr. 41. 4* 48 MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT^ Nr. 2. Sehr verbreitet ist noch immer die Ansicht, dass Singen. Turnen, Schwimmen etc prädisponierende Momente zur Kropfbi düng seien, u kommen au"s diesem Grunde immer wieder Kinder m,t kleinen Kropfcn fnhne Erscheinungen von seiten des Herzens oder der Atmung; Gesuchen um Dispens vom Turnen oder Singen, „damit der Kropf nie . noch mehr wachse“. . . „ .ilf Zur Uebersicht über die Kropfhäufigkeit lasse ich eine kurze Auf¬ stellung der von mir untersuchten 1840 Kinder, eingeteilt nach dem Alter, folgen: Zahl der untersuchten Kinder 114 (Kindergärten) . 243 höh. Mädchensch. 94 „ 224 „ 69 ,, 543 sämtl Mittelsch. . 250 ., „ 212 „ 91 Im Alter von 3-6 J 10-11 ]. 11- 12 J 12- 13 J. 13- 14 1 14- 15 J. 15- 16 J. 16- 17 J. 17- 19 J. J, . Bei einer Anzahl perniziöser Anämie fanden sich sehr hohe Werte des Katalaseindex (KL), bis zum 3— 4 fachen des Normalen; diese hohen Zahlen für KI fanden sich nur im schwersten Stadium, nicht in der Remissionszeit. Wo also ein erhöhter Kl. sich findet, liegt perniziöse Anämie vor, der negative Befund spricht jedoch nicht gegen perniziöse Anämie. H. Hartz: Experimentelle Untersuchungen über Fehlerquellen bei der klinischen Blutdruckmessung. (Aus der mediz. Poliklinik der Universität Halle-Wittenberg.) Bei der palpatorischen Bestimmung des maximalen Blutdrucks nacn Riva-Rocci bedeutet das Verhalten des zwischen Manschette und last¬ stelle gelegenen Arterienstückes eine wesentliche Fehlerquelle. Der pal- patorisch gemessene Maximaldruck ergibt wegen dieser Fehlerquelle stets zu niedrige Werte. Die Grösse des Fehlers hängt vor allem von der Elastizität der Arterienwandung des zwischen Manschette und Tastpunkt gelegenen Gefässstuckes ab. Je entspannter die Arterie ist, desto grösser wird der Fehler, vermehrte Spannung verkleinert die Fehlerbreite. Der Einfluss der Gefässweite auf den Fehler der palpatorischen Blutdruckmessung tritt gegen¬ über dem Einfluss der Wandspannung zurück, weil es sich um ein durch die Manschette abgesperrtes und deshalb unter niedrigem Druck stehendes Arterienstück handelt, dessen Wandungen unter allen Umständen wegen des niedrigen Binnendrucks einen ungünstig niedrigen Elastizitätskoeffizienten haben Ganter und van der Reis: Die bakterizide Funktion des Dünn¬ darms. (Untersuchungen mit der Darmpatronenmethode.) (Aus der mediz. Klinik Greifswald und dem Hygieneinstitut.) (Mit 2 Abbildungen.) 13. Januar 1922. MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT. 61 Im menschlichen Dünndarm werden künstlich (durch sog. Darmpatronen) eingebrachte, nicht darmeigene Kerne unabhängig vom Füllungszustand des Darmes und der Diät abgetötet, in der Hauptsache durch die bakterizide Kraft des Darmsaftes. Der Dünndarm enthält eine obligate Flora; es kann deshalb nicht von einer Autosterilisation, sondern nur von einer Autodesinfektion des Dünndarms gesprochen werden. H. v. Ho esst in: Stoffwechselversuche an entwässernden Odematösen. (Zugleich ein Beitrag zur Frage des zirkulierenden Eiweisses.) Manches spricht dafür, dass das Oedeineiweiss ein leichter zersetzliches, also labileres Eiweiss darstellt als das Organeiweiss, namentlich die geringe Harnsäureausscheidung während der Entwässerung. Da die Zellbestandteile (Kern und Protoplasma) bei Hunger und wohl auch bei Unterernährung in gleichem Masse abnehmen, hätte man bei alleiniger Beanspruchung des Körpereiweisses höhere Harnsäurewerte erwarten müssen, das gleiche gilt für die Phosphorausscheidung. Auffallend niedrig ist fast in allen Versuchen der geringe N-Umsatz, was vielleicht mit dem Zustande der ödematösen Schwellung bzw. der Entwässerung in Zusammenhang steht. Besprechungen. Bamberger - Kronach. Archiv für klinische Chirurgie. Bd. 116. Heft 3. König Fritz: Die operative Behandlung der chirurgischen Tuberkulose. Vortrag auf dem 45. Chirurgenkongress. Referat für die M.m.W. 1921, Nr. 17. Nordmann O. : Zur Operation der akuten Cholezystitis. Vortrag auf dem 45. Chirurgenkongress. Referat für die M.m.W. 1921, Nr. 17. Szenes; Zentripetale Narbenmassage. Narben, die flächenhaft am Knochen fixiert sind, können durch die zentripetale Narbenmassage gelöst werden. An Weichteilen fixierte Narben werden erst nach längerer Massage und in geringerem Umfange gelockert. Bei strangartigen Narben versagt das Verfahren. In Narben gelegene- Ge¬ schwüre können ausgeheilt werden. Es besteht die Notwendigkeit, dass die Massage nur von ärztlicher Hand ausgeführt oder zumindestens von einem Arzte strengstens überwacht werde. Am reich und Sparmann: Die Behandlung des frischen, durch Schussverletzung gesetzten, offenen Pneumothorax. Der offene Pneumothorax muss primär verschlossen werden, womöglich in den ersten 24 Stunden. Es besteht sonst direkte Lebensgefahr durch Erstickung, durch Verblutung aus Thoraxwandgefässen und besonders aus einer Lungenwunde, ferner ist die Gefahr der Infektion bei offenem Pneumo¬ thorax besonders gross. Es soll auch bei Unmöglichkeit, in Druckdifferenz operieren zu können, der Eingriff ausgeführt werden. Er richtet sich immer nach dem einzelnen Fall. Verfasser operieren in Chloroformtropfnarkose. Sehr sorgfältige Nachbehandlung. Israel: Ueber örtliche Infektion der Hand mit Maul- und Klauenseuche. Ein Fall von infiltrierend hämorrhagisch-knotiger Form. Keine Spaltung! ■ Denn man stört damit die natürlichen Kräfte der Abwehr. In schwersten Fällen Einspritzung von Neosalvarsan. Sonst Salbenverbände. Büchner und Rieger: Können freie Gelenkkörper durch Trauma entstehen? Eine Gelenkmaus kann niemals durch Einwirkung äusserer Kräfte ent¬ stehen, da diese viel zu gross sein müssten, um eine derartige Wirkung hervorbringen zu können. Die Entstehung der Gelenkmäuse lässt sich durch einen Gefässverschluss infolge von Fettembolie erklären. _ Reschke: Versuche über die Beeinflussung der peritonealen Resorption durch hypertonische Lösungen zwecks Anwendung solcher Lösungen bei der Peritonitis. Die Versuche bewiesen, dass die hypertonischen Lösungen die Resorption der Bakterien und ihrer Toxine einschränken. Allerdings dauert diese Resorptionshemmung nicht sehr lange. Das Abhalten des Giftes für nur wenige Stunden könnte jedoch den kranken Körper wieder zur Erholung kommen und neue Kräfte sammeln lassen. Brunner: Ueber den Einfluss der Röntgenstrahlen auf das Gehirn. II. Der Einfluss der Röntgenstrahlen auf die Regenerationsvorgänge im Gehirne mit besonderer Berücksichtigung der Neuroglia. Die reifen Gliazellen des Tiergehirns sind gegenüber Röntgenstrahlen ausserordentlich wenig empfindlich, und sie folgen, wenn sie durch einen Reiz zu reparatorischer Wucherung angeregt werden, auch bei intensiver Ein¬ wirkung der Röntgenstrahlen diesem Reize. Das gleiche Verhalten zeigen die Bindegewebszellen der Pia, was mit den Versuchsergebnissen Werners übereinstimmt, der ebenfalls eine geringere Empfindlichkeit des Bindegewebes der Haut gegenüber Radiumstrahlen nachweisen konnte. E. Seifert: Zur Biologie des menschlichen grossen Netzes. Beobachtungen an Flächenpräparaten menschlicher Netze. Während des Fötallebens vorhandene, aus Wanderzellen bestehende primäre „Milchflecken“ wandeln sich nach der Geburt in Fettknoten um. Diese können wieder bei Beanspruchung in sekundäre Milchflecken ubergehen, welche ebenfalls aus Wanderzellen bestehen. Sie spielen eine ausserordentlich wichtige Rolle bei akuten und chronischen Entzündungen des Peritoneums. Die Flächenbild¬ untersuchung bedeutet einen grossen Fortschritt für das Studium der Biologie und Funktion des Omentum majus. Nowak: Zur Technik der Duodenalresektion bei Ulcus duodeni. Ausgiebige Resektion des Zwölffingerdarmes bis zur oberen Flexur empfiehlt sich als Methode der Wahl bei Ulcus duodeni. Der Ductus chole- dochus und pancreaticus muss unbedingt geschont bleiben. Die Gefahren der Resektion (B i 1 1 r o t h I und II) sind kaum grösser als die der indirekten Methoden, sie ist bei der überwiegenden Mehrzahl der Fälle anwendbar, die indirekten Methoden lassen sich auf ein Minimum einschränken. Das Duodenum kann nach sorgfältiger Abstopfung der Bauchhöhle ruhig eröffnet werden. Drainage darnach ist nicht notwendig. Der Stumpf kann 2 — 3 cm lang sein und bleibt gut ernährt. Eine aus¬ giebige Peritonisierung ist immer möglich. Streissler: Erfahrungen mit der P r e g I sehen Jodlösung. Gute Erfahrungen mit der von P r e g 1 angegebenen kolloidalen Jod¬ lösung. Die Anwendungsweise ist vielseitig. 1. äusserlich auf Schleim¬ häuten, 2. in Körperhöhlen (Empyem, Peritonitis), 3. subkutan oder intra¬ muskulär, 4. intravenös (Sepsis). Sehr günstige Erfolge auf dem Felde der eitrig-akuten chirurgischen Infektionskrankheiten und in der Wundbehandlung; weniger ermutigend bei allgemeiner Sepsis. Die chirurgische Tuberkulose scheint dem Mittel weniger zugängig zu sein. Hohlbaum - Leipzig. Zentralblatt für Chirurgie. 1921. Nr. 52. K. H. B a u e r - Göttingen: Ueber die Exstirpation der Magenstrasse. Nach dem Lokalisationsgesetz der Magengeschwüre haben alle typischen Ulcera peptica ihren Sitz in der Magenstrasse. Lässt sich also mit der Exstirpation der Magenstrasse auch wirklich die ganze Geschwürsregion ent¬ fernen? Zur Klärung dieser Frage entfernte Verf. bei Hunden radikal die Magenstrasse mit folgendem Ergebnis: Die Exstirpation der Magenstrasse ist ohne nennenswerte Bedeutung für Bau und Funktion des Magens; es bildet sich aber wieder eine neue Magenstrasse; die mechanisch-dispositionellen Momente sind also wieder von neuem gegeben. Theoretisch ist die Magen¬ strasse unter gewöhnlichen Verhältnissen der Lokalisationspunkt für die Ulzera; unter besonderen Bedingungen kann aber auch an anderen Stellen (Gastroenterostomiestelle, neue Magenstrasse) wieder ein Ulcus entstehen; diese Ueberlegungen nötigen zu einer vorsichtigen Beurteilung der Möglichkeit einer kausalen Therapie. Praktisch ist aber ein Fortschritt zu erwarte::, wenn wir mit dem Ulcus auch die ulcustragende Magenstrasse exstirpieren ; es entsteht eine neue, gesunde Magenstrasse mit guter Funktion und Entleerung des Magens, ohne dass viel funktionierende Schleimhaut und Muskulatur ge¬ opfert wurde; freilich legt die Tatsache, dass wieder eine neue Magenstrasse sich bildet, eine gewisse Reserve auf. Fel. F r a n k e - Braunschweig: Zur Operation der eingeklemmten Hernia obturatoria. Verf. hat bei der Operation einer eingeklemmten Hernia obturatoria einen Weg eingeschlagen, der der Kocher-schen Bruchsackversorgung ähnelt: er näht den nach innen gestülpten und extraperitoneal emporgezogenen, straff gespannten Bruchsack an den M. obliquus fest; gleichzeitig bildet er aus dem M. pectineus einen Muskellappen, stopft diesen in den Bruchkanal hinein, um die Möglichkeit eines Rezidives noch sicherer auszuschalten. Die Arbeit verdient in der Originalarbeit studiert zu werden. E. Heim- Schweinfurt-Oberndorf. Zentralblatt für Gynäkologie. 1921. Nr. 51. G. B e r t o 1 i n i - Alessandria: Anatomisch-pathologische Beiträge zur weiblichen Genitaltuberkulose. Zusammenstellung der Untersuchungsergebnisse an 55 Fällen, von denen die Mehrzahl sich auf Peritoneum und Tube erstreckte. Die oft betonte Schwierigkeit der makroskopischen Diagnose zeigte sich auch an diesem Material. R. Th. v. J a s c h k e - Giessen: Beitrag zur Frage: Herzfehler und Schwangerschaft. Bemerkungen zur gleichnamigen Arbeit von Paul Werner und Rud. Stiglbauer im Arch. f. Gyn. 115, H. 1. Kritische Korrektur der Mortalitätsziffer von Herzfehler (Mitralstenose) bei Schwangerschaft. E. A. B j ö r k e n h e i m - Helsingfors: Geburt, kompliziert durch einen Ovarialtumor. Der indizierte Kaiserschnitt wurde abgelehnt. Durch Forzeps gelang es, das relativ kleine Kind zu entwickeln, nachdem der Ovarialtumor durch das Rektum geboren war, ohne die Mastdarmwand zu verletzen. A. C a 1 m a n n - Hamburg: Ueber die Art der Wehenanregung durch Hypophysenextrakte und über das neue Mittel Physormon. C. bestätigt die auch von anderen Autoren erzielten vortrefflichen Re¬ sultate mit Physormon. R. Graf -Wien: Zur Collifixatio uteri. Ergänzung zu der H a 1 b a n sehen Publikation über den gleichen Gegen¬ stand in Nr. 41 des Ztbl. f. Gyn. Werner- Hamburg. Berliner klinische Wochenschrift. 1921. Nr. 52. W. H i s - Berlin: Wesen und Formen der chronischen Arthritiden. In seinem in Oeynhausen gehaltenen Vortrage gibt H. eine gedrängte Charakterisierung der einzelnen Formen von Arthritis und erörtert die für eine Einteilung derselben massgebenden Gesichtspunkte anatomischer, klinischer und ätiologischer Natur, auf die vielen Schwierigkeiten hinweisend, welche einer wirklich einwandfreien Gruppierung entgegenstehen. Die Rolle von Konstitution und Infektion wird in diesem Zusammenhänge besprochen und am Schlüsse eine Einteilung dieser so zahlreichen Erscheinungsformen gebracht. Die Einsicht in die pathogenetischen Vorgänge muss die Therapie bestimmen. Gicht und andere chronische Krankheiten müssen scharf aus¬ einandergehalten werden. Entfernung infektiöser Primärherde kann nur bei entzündlichen Formen Besserung bringen, betreffs des Funktionszustandes ist zu berücksichtigen, dass Inaktivität die Ankylose befördert. Die klimatischen Einflüsse dürfen nicht zu hoch eingeschätzt werden. E. Wulff- Reval: Zur Frage der Gegenanzeige des künstlichen Pneumo¬ thorax bei Lungenemphysem. Verf. teilt einen Fall mit, wo es bei vorhandenem Lungenemphysem nach Anlegung des künstlichen Pneumothorax schliesslich zum tödlichen Ausgange kam. Das Zusammentreffen des Pneumothorax mit der Lungenblähung führt zu einer schweren Störung der Herztätigkeit, so dass dieser Eingriff bei Emphysem unbedingt zu unterlassen ist. H. Pineas: Suglllationen bei Tabes. Dieses Symptom wurde vom Verf. bei 3 Tabikern beobachtet. Es zeigten sich bei ihnen in unregelmässigen Zwischenräumen in wechselnder Stärke meist an den unteren Extremitäten, auch am Stamm mehr minder ausgebreitete Hautblutungen. Es liegt nahe, diese Blutungen als eine luefische Gefäss- schädigung aufzufassen. E. W o 1 f f - Berlin : Ueber Zirkumzisionstuberkulose. Mitteilung zweier Fälle. Die nach der Beschneidung auftretende Er¬ krankung war für Lues gehalten worden. Das eine Kind starb, das andere kam zur Heilung. E. Kuznitzky und W. Langner - Breslau : Ueber Salvarsan- exantheme. 42 Beobachtungen sind der Mitteilung zugrunde gelegt. Verfasser er¬ örtern die Schwere der Erkrankung, Dosis des Salvarsans, Ursache und Therapie. Die Prognose ist als zweifelhaft anzusprechen, mit Sicherheit können diese Erkrankungen leider nicht vermieden werden. Eugen Sagi und Adalb. S a g i - Pressburg: Ueber ein Verfahren zur Herstellung von Lösungen in beliebigem Zeitpunkte. Ist im Original einzusehen. Grassmann - München. 62 MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT. Nr. 2. Medizinische Klinik. Heft 51. q L Dreyfus: Prognostische Richtlinien bei isolierten syphilogenen P"P,K;“”S:irpoSl„ve Kranke mit isolfcrt.» jSei ÄÄirSÄÄÄ scheinlichkeit die Hirnlues zum Stillstand gekommen. Sind sie seronegativ, so bedürfen sie keiner Behandlung. _ . , . ü Dorner: Das Auslöschphänomen bei Scharlach. . . . Hs bildet sowohl in der passiven Anstellung der Probe als auch in du aktiven Sn wertvolles Hilfsmittel in der Scharlachdiagnose. Verwendet wird Normalserum, Rekonvaleszenten- und frisches Scharlachserum. Das Exanthem darf bei Anstellung der Probe nicht schon im Abblassen begrirten sein, darf bei Anstellung^ praktische Methoden in der Magen- diagnostik^ikohoi probefrühstück hat vor dem üblichen eine Reihe von Vor¬ zügen aufzuweisen, denen wesentliche Nachteile nicht gegenuberstehen. Resultate der Probe sind sicher und eindeutig. Umfrage ^über Sde“' Röntgendiagnostik. Die unzweck- «“die Anordnung de, Einzel.niersuchnng (Durchleuchtung, Aufnahme). Auch hier wieder beherzigenswerte Winke, unter anderem zum Kapitel des negativen Befundes usw. A Dollinger: Grünfärbung eines Säuglings nach Spinatgenuss. Grün waren vor allem die dem Licht ausgesetzten Hautstellen gefärbt. Skleren blieben frei. Nach Aussetzen der Spinatnahrung verschwand langsam die Grünfärbung. L Isacson: Ueber ein neues Schnupfenmittel. . Günstige Wirkungen werden von 5 proz. Lemgallol-Zinkpaste berichtet. An Stelle der Salbe kann auch das 2^—5 proz. Pulver von Nutzen sein. K. F. Winkler: Erfahrungen mit einigen neueren zur Luesdiagnose angegebenen Methoden und Modifikationen. * . + Trotz der grösseren Einfachheit der D o 1 d sehen Trubungsreaktion hat sie im Vergleich zu anderen spezifischen Reaktionen doch eine Reihe von Nachteilen, welche ihre praktische Verwendbarkeit wesentlich einschi a ikei . A Fleisch: Ueber Gefässgymnastik (Selbstmassage der Gefasse). Ais Protest erinnert Verf. an die Ergebnisse seiner eigenen ausgedehnten Arbeiten, die dahin lauten, dass von aktiver Arterienarbeit bet der Forderung des Blutstromes keine Rede sein kann. E. Runge: Geburtshilfe auf der Unfallstation. s- Deutsche medizinische Wochenschrift. 1921. Nr. 49. F i b i g e r - Kopenhagen : V i r c h o w s Reiztheorie und die heutige experimentelle Geschwulstforschung. (Schluss aus Nr. 48.) Es ist nunmehr wiederholt und verschiedenen Forschern gelungen, Karzinom und Sarkom willkürlich zu erzeugen. Hierher gehören die metastasierenden Spiropterakarzinome im Vormagen bunter Ratten, das transplantierbare Zystizerkussarkom bei Ratten, das bei Kaninchen und weissen Mausen teils durch Einpinselung, teils durch Einspritzung erhaltene Teerkarzinom. Wenn auch das Wesen der Wirksamkeit der genannter Schädigungen noch der Klärung bedarf, ist doch auf diese Weise bei de experimentellen Geschwulsterzeugung das schon v | r c h o w ange- nommene Vorliegen einer Reizwirkung als sicher festgestellt. Auch der Anilin-, der Röntgenkrebs u. a. sind solche auf dem Boden eines chronisch einwirkenden Reizes sich entwickelnde Geschwülste. Dass für die Ent¬ stehung von Geschwülsten neben dem Reiz auch noch eine besondere Alt-, Rassen- und individuelle Disposition, wie sie ebenfalls bereits von Virchow angenommen wurde, eine wichtige Rolle spielt, hat die experimentelle Ge¬ schwulsterzeugung gleichfalls erwiesen. . „ . H. Ziemann -Berlin: Zum Problem der Resistenz der Syphilisspiro- ehäten und der Krankheitserreger überhaupt. ... . ~ . Eine Resistenzsteigerung der Spirochäten ist einerseits durch Heiub- minderung der allgemeinen Immunkräfte des Körpers, andererseits durch die Verabreichung von zu schwachen Salvarsandosen denkbar. . . H. D o l d - Marburg a. L. : Aufhebung der Reaktionsfähigkeit luischer Sera durch Formaldehyd. , . . c . Durcli Formaldehyd wird die normalerweise zwischen mischen Seren und Extrakt erfolgende Präzipitation gehemmt oder aufgehoben. Diese Erschei¬ nung wird durch eine Beeinträchtigung der Quellungsvorgänge erklärt, die bei der Präzipitation eine wichtige Rolle spielen. Sera, die zur Untersuchung auf Lues bestimmt sind, dürfen daher nicht etwa durch Formaldehydzusatz konserviert werden.. . H. Hecht-Prag: Eine neue Flockungsreaktion bei Syphilis. Technischer Ueberblick. Einzelheiten sollen an anderer Stelle erscheinen. M. Rosenberg- Charlottenburg: Welchen Rückschluss gestattet die Reststickstoffbestimmung des Blutes auf die tatsächliche Stickstoffretention im Körper. ... j ■ „ Der Reststickstoff im Blut gibt kein absolutes Mass, sondern nur einen Anhaltspunkt für die gesamte N-Retention im Körper, da er letztere nui zum Teil anzeigt und ferner im Parallelismus zwischen Blut- und Oewebsretention nicht besteht. Zur Beurteilung der Nieretiinsufuzienz ist daher neben der Be¬ stimmung des- Reststickstoffs auch noch die Retention von Harnstoff, Keratin und Indikan festzustellen. ... G. K n e i e r - Breslau: Ueber intrakardiale Adrenalininjektion bei akuter Herzlähmung. . . , ln zwei Fällen wurde die intrakardiale Adrenalininjektion bei akuter Herzlähmung infolge Erstickung angewendet, das eine Mal (Kompre.iSi jn der Trachea durch ein Aortenaneurysma) ohne, das andere Mal (Kehlkopfexstir¬ pation in Lokalanästhesie) mit augenblicklichem Erfolg. Die nachfolgende Obduktion konnte beide Male das Fehlen von Herz- oder Perikardschädigungen durch die Kanüle nachweisen. Die Injektion soll nach Möglichkeit nicht später als 3 Minuten nach dem letzten Atemzug gemacht werden. E. V o g t - Tübingen: Anatomische und technische Fragen zur intra¬ kardialen Injektion. Als Ort des Einstiches eignet sich am besten der 4. Zwischenrippenraum (oberer Rand der 5. Rippe dicht am Brustbein), da dieser wesentlich breiter als der 5. ist und hier eine Verletzung sowohl der A. mammaria interna ..is (ier pRura am sichersten vermieden wird; auf diese Weise \viid der rechte Ventrikel punktiert. Die Punktion geschieht zweckmassig mit be’cit aufgesetzter SpriUe*1 um bei etwaigem Anstechen der Pleura ein E.nstromen von Luft zu verhütet Verletzung der Kranzgefässe oder Schädigung des Reizleitungssystems ist bei Verwendung dünner Nadeln kaum zu ’’ef“rc‘lt ABin g e 1 - Braunschweig: Zur Technik der intralumbalen Luft¬ einblasung. insbesondere zum Zwecke der „Enzephalographi ie . Bei diesem neuen Verfahren werden zwei Kanülen eingestochen, von denen d e eine dem Abfliessen des Liquors, die andere der Lüfte, nb asung dient F Külz-Leipzig: Zur Frage des Ersatzes von Blutverlusten durch U m Zusatz Sy on^6— 7 Cp"r oz. Gummi zur Kochsalzlösung verlangsamt ihre Aus¬ scheidung aus der Blutlxihn. .... •• K. S c h o 1 1 - Kassel: Diagnostische Leitungsanasthesie. a!' H /nTz e-VeHiiK^Teilexzision des Nagels bei Paronychie am Nagel- KrlU1 Quere Durchtrennung des Nagels distal vom Entzündungsherd mit dem Messer, und Entfernung des proximalen Nagelstuckes kürzt den angenehmen nagellosen Zustand wesentlich ab. (). G a n s - Heidelberg: Zur Biologie der Haut. Für kurzen Bericht nicht geeignet. ' . . B o e n n i n g h aus- Breslau: Kein Karbolparaffin statt Karbolglvzer n. Karbol löst sich nicht im Parafiin, sinkt vielmehr ungelöst zu Boden und kann, wie in dem hier beschriebenen Falle, schwere Verätzungen lieivo - rufen . H K r i t z I e r - Erbach: Unzuverlässige Fieberthermometer. Staatlich nicht geprüfte Thermometer müssen mit einem geeichten Thermometer verglichen werden. p . G Ledderhose - München : Chirurgische Ratschlage für den Prak- ... Baum- Augsburg, liker. Schweizerische medizinische Wochenschrift. 1921. Nr. 29. A Vogt-Basel: Die Katarakt bei mvotonischer Dystrophie. Verf. beschreibt 4 Fälle der seltenen Erkrankung, die ein eigenartiges Bild der Linse darboten, staubförmige, leicht glänzende Punkte, die aus¬ schliesslich der Rinde angehören und die in auffälliger Weise mit farbig leuchtenden Kriställchen untermischt sind, die wahrscheinlich aus Cholesteann bestehen. Er geht ausführlich auf den S t e i n e r t sehen Symptomenkomplcx ein, auch auf die hereditären Verhältnisse und betont, dass die Katarakt gelegentlich Generationen hindurch als anscheinend ganz isoliertes Symptom uuftrrtt. j j e n tl a r d t _ Winterthur: Die Aetherbehandlung der Peritonitis. Bericht über 51 Fälle aus der Literatur und 50 Fälle des Kantonspitals Winterthur. Die Kombination von Aethcr mit Kampferöl hat sich nicht be¬ währt, dagegen ist die Wirkung reinen Acthers (nicht mehr als 100 g, bei Kindern weniger!) gut, so dass die Mortalität bei diffuser Peritonitis nui 23,5 Proz. gegenüber 40 Pro,z. und mehr sonst betrug. Da relativ häufig Adhäsionen eintreten, soll man die Methode nur bei schweren Fällen anwenden, nicht prophylaktisch. Zu grosse Dosen lähmen und machen Kollaps, besonders bei Kindern. . P F Nigst-Bern: Hernienbeschwerden und Operationsindikation. Von 1487 Patienten kamen ca. wegen Beschwerden zur Operation, die übrigen aus mehr prophylaktischen Gründen. Nur 26 waren in ihrer Arbeits¬ fähigkeit gehindert, mehr als 54 trug während der ganzen Dauer des Be¬ stehens der Hernie oder nur eine Zeit lang mit Erfolg ein Bruchband. L. Jacob- Bremen. Vereins- und Kongressberichte. Gesellschaft für Natur- und Heilkunde zu Dresden. (Vereinsamtliche Niederschrift.) Sitzung vom 10. Oktober 1921. Vorsitzender: Herr P ä s s 1 e r. Schriftführer: Herr: W e m rn e r s. Vor der Tagesordnung: Herr Haenel: Vorstellung eines Falles von Torsionsdystonie. Im Jahre 1911 veröffentlichte Oppenheim eine Reihe von Fällen eigenartiger Bewegungsstörungen, die er bei meist jugendlichen Individuen jüdischer Rasse beobachtet hatte: tonische Krämpfe von wechselnder Intensität, vorwiegend in den Beinen, dem Becken und Rumpfe, bestehend in Drehungen und Verrenkungen bizarrer Art, Wechsel von Lordose und Kyphose; geringere Beteiligung der Arme; Gesicht, Hirnnerven, Sprache, Intelligenz unbeteiligt; progressiver Verlauf. Anatomie und Pathogenese unbekannt. Er nannte die Krankheit Dystonia muscular. deformans. Fast zu gleicher Zeit beschrieben Ziehen und Flat au ähnliche Bilder; ersterer sprach von einer tonischen Torsionsneurose, letzterer von progressivem Torsionsspasmus. Von späteren Beobachtern fand zuerst T h o m e 1 1 a 1919 bei einem Dystoniekranken eine Erweichung im Putamen, A. W e s t p h a 1 in ähnlicher Weise, so dass K M e n d e 1, der 1920 die bisherigen Fälle unter dem Namen Torsions-, dystonie zusammenfasste. sie unter die extrapyramidalen Bewegungs¬ störungen einreihen und sie von den Neurosen abscheiden konnte. Der vorgestellte Fall, ein 43 jähriger Maurer, erkrankte April 1920 nach; einem „Schnupfen“ mit Schmerzen in den Beinen, Schultern, dem Rücken, Sehstörungen und zunehmender Schwäche. Juni 1920 ins Krankenhaus; dort hervorgehoben die Langsamkeit der Bewegungen, die schleppende Sprache,, das Verharren in einmal eingenommenen Stellungen; an den Augen ein grob¬ schlägiger rotatorischer Nystagmus und eine Rötung der Papillen, beides als angeborene Anomalien aufgefasst. WaR. im Blute negativ. Allmähliches Schwinden der Starre, gebessert Oktober 1920 entlassen. Diagnose schwan¬ kend zwischen Hysterie und postenzephalitischem Prozesse. Februar 1921 neue ärztliche Untersuchung: Jetzt fielen Zwangsbewegungen in Bemen und Hüften drehender Art. ein ungleichmässiger. eckiger „stachliger“ Gang, rhythmische Zuckungen der Oberschenkel auf; der Fall wurde jetzt als Neurose begutachtet. — Heute sehen wir bei dem Kranken eine leichte Ptosis, die ihn veranlasst, die Brauen fast dauernd mit starkgefalteter Stirn hocli- zuziehen; enge, sehr wenig, aber prompt reagierende Pupillen, keine Spur von Nystagmus mehr, etwas verwaschene Optikusgrenzen. Sprache, Mimik, obere Extremitäten ungestört. Am auffallendsten sind ununterbrochene 13. Januar 1922. MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT. 63 drehende, schiebende, lordotische Bewegungen im Bereiche des Beckens und der unteren Wirbelsäule, die am kürzesten .und treffendsten mit einem un- unterdrückbaren Bauchtanze verglichen werden können, in vermindertem Masse setzen sie sich auch auf die Beine fort, die auch in der Rückenlage nicht ruhig gehalten werden können; der Gang ist dadurch ungleichmässig, mit nach Länge und Tempo ungleichen Schritten, Laufschritt ist unausführbar. Keine Störungen der Kraft, der Sehnen- und Hautreflexe, der Sensibilität. Muskeltonus schwer zu prüfen, aber weder dauernd erhöht, noch herabgesetzt. Die gesamten Störungen sind in langsamer Besserung begriffen. Der Fall ist in mehreren Beziehungen beachtenswert: 1. ist er eine neue Bestätigung dafür, dass die Torsionsdystonie nicht auf das Jugendalter beschränkt ufid keine Neurose ist. Denn dass Patient eine Enzephalitis durchgemacht hat geht zum mindesten aus dem Augen¬ befunde starker, nach 1 Jahre wieder geschwundener Nystagmus — un¬ zweifelhaft hervor; 2. zeigt er, dass hypo- und hyperkinetische Zustände nicht nur bei ver¬ schiedenen Enzephalitiskranken auftreten, sondern dass sie bei ein und dem¬ selben Individuum Vorkommen und ineinander übergehen können; 3. müssen wir aus dem Falle den Schluss ziehen, dass die Rumpf¬ bewegungen nicht nur in der Hirnrinde ihre bestimmte Lokalisation haben, sondern dass auch in den Stammganglien, speziell im Linsenkern, die ein¬ zelnen Körperregionen von einander getrennt vertreten, d. h. lokalisiert sind; 4. gibt , er einen Hinweis darauf, dass die Prognose der Enzephalitis¬ folgen doch nicht immer so trübe ist, wie wir sie in der Regel erleben müssen, und dass in dieser Hinsicht die hyperkynetischen Formen besser gestellt zu sein scheinen als die hypokinetischen. (Eigenbericht.) Tagesordnung; Herr Weiser: Die Entwicklung der Röntgentherapie und Röntgen¬ technik im letzten Jahrzehnt. (Mit Krankenvorstellung und physikalischen Demonstrationen.) Verein der Aerzte in Halle a. 8. (Bericht des Vereins.) Sitzung vom 26. Oktober 1921. Herr Kochmann: Wirkung des Kokains auf das Herz, ein Beitrag zur Entstehung der Rhythmusstörungen. ; Kokain ruft in grossen Konzentrationen 1 : 2000 Mol. Lösung diastolischen Herzstillstand hervor, und zwar zunächst der Ventrikel und erst später der , Vorhöfe. Geringere Konzentrationen bis 1 : 20 000 Mol. bedingen Verlang¬ samung des Herzschlages, Verminderung der Systolengrösse und Ausfall von Kammerkontraktionen bei gleichmässig fortschlagenden Vorhöfen. Noch stärkere Verdünnungen rufen nur Verlangsamung der Schlagfolge und Ver- | kleinerung der Systolengrösse hervor. Bei Konzentrationen von 1 : 160 000 können Amplitudengrösse und Frequenz vermehrt sein. Alle Erscheinungen I sind durch giftfreie Ringerlösung reversibel zu gestalten. Auch am ganzen j Frosch lassen sieh ähnliche Herzsymptome hervorrufen. Die Pulsverhng- samung unter Kokainwirkung wird durch eine beginnende Lähmung der Reiz- I erzeugung, die Verkleinerung der Amplitude durch eine Abnahme der Erreg- I barkeit der Kammermuskulatur erklärt. Letzteres wird experimentell durch j Reizversuche am stillgestellten Herzen bewiesen (erste Stanniusligatur). Der Ausfall von Ventrikelkontraktionen ist auf eine Verlängerung der refraktären ' Phase zurückzuführen, da die Erregbarkeit des Ventrikels ihr Maximum noch ! nicht erreicht hat, wenn der normale Reiz von den Vorhöfen auf die Ventrikel iibergelcitet wird. Die Restitutionsprozesse sind also ausserordentlich ver- I langsamt. Dabei kann die Erregbarkeit unter Kokain die alte Höhe er- ; reichen wie beim nicht vergifteten Herzen. Eine Blockierung im H i s sehen Bündel findet durch Kokain nicht statt, was sich unmittelbar auch daraus I ergibt, dass nach der zweiten Stanniusligatur, bei der ja das H i s sehe Bündel ausgeschaltet ist, und der Ventrikel autonom schlägt, dieslben Er¬ scheinungen unter Kokain eintreten, wie beim unverletzten Herzen. Vortragender ist der Ansicht, dass auch klinisch die Verlängerung der relativen refraktären Phase bei Pulshalbierungen und Ausfall von Kammer- ; systolen eine Rolle spielt, und ein Block im Bündel nur anzunehmen ist, wenn anatomisch eine Verletzung des Bündels gefunden wird. Das Herz lässt sich in verhältnismässig kurzer Zeit an Kokain gewöhnen, so dass es sich spon¬ tan, erholt und seine Füllung zur Zeit der Erholung für ein zweites Herz noch toxisch ist. Ein solches Herz, das sich unter Kokain spontan erholt hat, wird durch eine nochmalige Kokaingabe von gleicher Konzentration nicht mehr oder nur wenig geschädigt. Vortragender macht auf die biologisch und klinisch wichtigen Ergebnisse der Untersuchungen aufmerksam: 1. Umkehr der Wirkung durch kleine Gaben, 2. Ausfall von Kammersystoten und Hal¬ bierung des Pulses infolge Verlängerung der relativen refraktären Phase, 3. Angewöhnung eines isolierten Organes an eine chemisch bekannte Substanz, ein Vorgang, der in engen Beziehungen zu immunisatorischen Vorgängen steht. Besprechung: Herr Straub weist auf die klinische Bedeutung der von dem Vortragenden vertretenen Anschauungen über das Zustandekommen des Systolenausfalls bei der Kokainvergiftung hin. Dieselbe Erklärung einer verminderten Reizbarkeit durch Verlängerung der refraktären Phase zusammen mit zunehmender Latenzzeit für schwache Reize hat Straub zum Ver¬ ständnis der Verhältnisse bei partiellem Vorhof-Kammerblock, bei interpolierten ventrikulären Extrasystolen und bei partiellem Sinus-Vorhofblock des Men¬ schen gegeben. Herr Beneke: Wenn ich die letzten Kurven bezüglich der Einwirkung der zweiten Dosis Kokain nach vorheriger Ausspülung der ersten recht ver¬ standen habe, so ist der Effekt dabei ganz negativ, während man doch viel¬ leicht nach den Angaben über ganz minimale Dosen eine Steigerung der Herzaktion hätte erwarten können; wenn der Herzmuskel sich an das Gift allmählich gewöhnte, so müsste die zweite Dosis etwa gleichwertig mit einer sehr geringen primären sein. Deshalb könnte das Ausbleiben der Reaktion vielleicht eher als ein Ausdruck der inzwischen eingetretenen Immunität aufgefasst werden, wobei es bedeutungsvoll sein würde, dass hier der Erwerb einer Immunität i n n e r h a I b weniger Minuten er¬ folgt sein würde. Ich erlaube mir die Frage an den Herrn Vortragenden, ob er dieser Argumentation zustimmen würde. Herr Kochmann stimmt Herrn Beneke zu und betont die Schwie¬ rigkeit der Versuche. Herr Buchholz: Abriss der Supraspinatussehnc. Bericht über eine Schulterverletzung, welche in der Literatur bisher nur wenig Beachtung gefunden hat. den Abriss der Sehne des Supraspinatus nebst Zerreissung des Daches der Schultcrkapsel. Die Ursache dieser Ver¬ letzung, von welcher im Massachusetts General Hospital zu Boston 24 Fälle zur Operation gekommen sind, ist entweder eine direkte, Fall oder Schlag gegen die Schulter, oder eine indirekte, Fall auf die rasch vorgestreckte Hand, schnelles Emporheben eines schweren Gegenstandes etc. In etwa 25 Proz. aller Fälle war der Sehnen- und Kapselriss nur Teilerscheinung einer Luxation oder Fraktur des Oberarmes. Die Breite des Risses schwankt zwischen wenigen Millimetern und mehreren Zentimetern, so dass in schwe¬ ren Fällen ein etwa talergrosser Defekt zustande kommt. Durch die freie Kommunikation zwischen der Gelenkkapsel und der Bursa subakromialis wird die spontane Heilung beeinträchtigt, ja es ist der Verdacht geäussert wor¬ den, dass es sich in Fällen von sog. Kalkablagerung in der Bursa um eine ungenügende Heilung der zerrissenen Supraspinatussehne handelt. Die wichtigsten Symptome sind Schmerzen in mannigfachen Variationen, Druckempfindlichkeit und Dellenbildung direkt medial von dem Tuberculum majus und vor. allem ein der Grösse des Abrisses entsprechendes Missverhältnis- zwischen passiver und aktiver Abduktion, insofern als die letztere in schwe¬ ren Fällen vollständig, in leichteren teilweise, doch meist in sehr charakte¬ ristischer Weise behindert ist. auch wenn die passive Bewegungsfreiheit un¬ gestört ist. Die Differentialdiagnose gegenüber sog. funktioneller Lähmung des Deltoideus kann gewisse .Schwierigkeiten machen. Auch bei veralteten Fällen mit schwerer Versteifung des Schultergelenkes kann es im Anfang schwer, ja bei unzulänglicher Anamnese unmöglich sein, die Diagnose zu stellen, die erst bei längerer mediko-mechanischer Behandlung aufgeklärt wird, wenn die Bewegungsfreiheit zwar passiv, aber nicht aktiv wieder¬ erlangt wird. Die rationelle Behandlung ist die Naht, welche vbn einem von der vor¬ deren Ecke des Akromion herabziehenden, die Bursa subdeltoidea und sub- acromialis freilegenden Schnitt aus vorgenommen wird. Bei ausgedehnter Zerreissung ist es notwendig, das Akromion in frontaler Richtung zu durch¬ trennen, wodurch eine sehr gute Uebersicht gewonnen wird. 2 — 4 Nähte werden durch mehrere durch das Tuberculum majus gelegte Bohrlöcher hin¬ durchgezogen und in voller Abduktion des Armes geknüpft, eine Stellung, welche durch Gips oder Schienen für mehrere Wochen, in allen Fällen mehrere Monate in langsam abnehmendem Grade erhalten wird. Bei der Nachbehandlung, die von grosser Wichtigkeit ist, kommt es hauptsächlich darauf an, dass der Arm erst dann in Adduktionsstellung übergeführt wird, wenn die Abduktoren genügend erstarkt sind, um das Gewicht des Armes vollkommen zu beherrschen. Dazu bedarf es in allen Fällen eines sorgfältigen Drainierens des Deltoideus. Bei unvorsichtigem, zu schnellem Vorgehen be¬ steht die Gefahr, dass die Abduktoren niemals ihre frühere Kraft wieder¬ erlangen, während sonst die Prognose quoad functionem eine sehr gute ist, allerdings mit Ausnahme der Fälle, bei denen sich gleichzeitig eine aus¬ geprägte Arthritis deformans findet. Besprechung: Herr Grund. Her Eisler: Die von den Vorrednern erwähnte Insuffizienz des Del- toides beim Versuche, den Arm im Schultergelenk zu abduzieren. braucht m. E. nicht auf einer wirklichen Schädigung des Muskels oder seines Nerven zu beruhen. Es genügt schon eine durch halbbewusste Angstgefühle oder unklare Koordinationsbestrebungen erzeugte fehlerhafte Innervation des Del- toides. Denn sobald uei herabhängendem Arm der Muskel in seiner ganzen Masse zur Kontraktion gebracht wird, kann eine Abduktion nicht eintreten, weil die Muskelbündel teils oberhalb, teils unterhalb der etwa sagittal; stehen¬ den Abduktionsachse verlaufen. Die Arbeit des durchflochten erscheinenden, d. h. stark domieltgefiederten und kurzfaserigen Mittelabschnitts des Muskels, die für sich allein die Abduktion leistet, wird durch die gleichzeitige Tätigkeit der schlicht- und langfaserigen ventralen und dorsalen Randabschnitte, die ihrer Lage nach abduzieren müssen, unwirksam gemacht. Diese Rand¬ abschnitte vermögen entsprechend ihrem Verlaufe zur transversalen (Beuge-) Achse des Schultergelenks bei Einzelarbeit den Arm ventral- oder dorsal- wärts zu heben, entsprechend ihrem Verlaufe zur longitudinalen (Roll-) Achse ein- oder auswärts zu rollen, den durch den Mittelabschnitt mehr oder weniger obduzierten Arm ventral- oder dorsalwärts zu führen und ihn bei gemeinsamer Arbeit in dieser Abduktion beliebig festzustellen. Medizinische Gesellschaft zu Jena. (Offizielles Protokoll.) Sitzung vom 23. November 1921. Demonstration. Herr Nieden zeigt das Magenresektionspräparat eines 49 jährigen Mannes, der von ihm vor 1 Woche wegen Ulcus peptic. jeiuni radikal operiert wurde. Bei dem Pat. war vor 2 Jahren wegen Ulc. duodeni eine Gastro- enterost. retrocol. post, mit Pylorusabschnürung durch Lig. teres vorge¬ nommen. Ein Jahr post op. erneute Beschwerden. Diesmal wurde Resektion des ganzen pylorischen Abschnittes, Auslösung der Anastomose, End-zu-End- Anastomose des Jejunum und antekolische Einpflanzung des Jejunums in den unteren Teil des Magenquerschnittes vorgenommen, ausserdem Dickdarm¬ resektion mit Seit-zu-Seit-Anastomose. Der Sitz der beiden Jejunalulzera seitlich von der Anastomose lässt Vortr. vermuten, dass eine Schädigung durch den Druck der Darmklemme bei der Entstehung der Ulcera mitbe¬ teiligt ist. Tagesordnung. Herr Magnus und Herr Duken: Ueber Rachitisbehandlung. Bei älteren Kindern, etwa vom 4. — 3. Lebensjahr, ist die Methode der unblutigen Redression von A n z o 1 e 1 1 i und Röpke sehr brauchbar: die verkrümmten Beine werden im „Erweichungsgipsverband“ für 6 Wochen inaktiviert, sie werden weich und atrophisch und lassen sich manuell biegen oder knicken, ohne dass die rohen Methoden maschineller Osteoklase nötig werden. Im zweiten Gipsverband wird die korrigierte Stellung festgehalten und durch Belastung der Extremität die Atrophie rückgängig gemacht, der Knochen gefestigt. Die Methode wird für frische Fälle entbehrlich, sobald man den Zeitpunkt genau fixieren kann, in dem die Rachitis abgelaufen ist und die Erhärtung des Knochens beginnt. Gelingt es, diese Frage zu lösen, dann kann man in diesem Augenblick korrigieren und die Knochen in guter Stellung fest werden lassen. Die chirurgische Behandlung könnte unmittelbar sich an die pädiatrische anschliessen. Der Ucbergang der Rachitis vom floriden zum ausheilenden Stadium lässt sich röntgenologisch wie klinisch sehr gut festlegen unter Erscheinungen, die an anderer Stelle ausführlich ge¬ würdigt werden sollen. Der geeignete Augenblick zur Korrektur der Ver¬ krümmungen ist das Stadium der Ausheilung. Aus klinischen Gründen er¬ scheint es nicht zweckmässig, die Korrektur in einem früheren Stadium vor- 64 MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT Nr. 2. zunehmen. Der floride Rachitiker bekommt sehr leicht Pneumonien, deren Behandlung bei Vorhandensein des Gipses erschwert ist, bedeutungsvoller aber ist, dass die Narkose im floriden Stadium wegen der bestehenden Pneumoniegefahr ein lebensgefährlicher Eingriff ist, der zurückzustellen ist bis zu einem Zeitpunkt, wo er sich ohne grössere Gefahr durchfuhren lasst. Dieser Augenblick ist im ausheilenden Stadium gegeben. Die Behandlung der Rachitis mit künstlicher Höhensonne nach dem Vorschläge von Huld- schinsky ermöglicht eine schnelle Heilung. Die Bestrahlungen haben sofort im floriden Stadium zu beginnen und sind während und nach der Korrektur weiter durchzuführen. Unter der Bestrahlung setzt der rachitische Knochen während der Zeit der Eingipsung, also der Inaktivierung, seinen Kalk tadellos an, er verhält sich darin anders als der normale Knochen, der atrophieren würde. Diskussion: Herr Ibrahim, Herr G u 1 e k e. ... Herr Nieden fragt an, ob bisher Beobachtungen über Rezidive nach Behandlung der floriden Rachitis mit ultravioletten Strahlen gemacht seien. Ferner wünscht N. Auskunft über das Verhalten derjenigen rachitischen Knochendeformitäten (obere Extremität, Schädel), die nicht mit korrig.erenden Verbänden behandelt wurden. Falls hier Rückbildung zur Norm gesehen wurde, würde man eventuell auch an den Beinen auf den Gipsverband ganz verzichten und sich auf Höhensonne und mehrwöchentliche Bettruhe be¬ schränken können. , , , , Schlusswort: Die häufig übrig bleibende Coxa vara kann dadurch bekämpft werden, dass die korrigierten Beine in Spreizstellung, also in Abduktion, fixiert werden. Die theoretischen Erwägungen über Kalkabbau und -anbau im Gipsverband sind in der Tat unbefriedigend. Rezidive wurden nicht beobachtet, sind auch durchaus unwahrscheinlich. Schwere Knochen¬ deformitäten, die nicht korrigiert wurden, blieben meist unverändert bestehen. Die Korrektur ist also eine Notwendigkeit. Herr Klughardt: Die Grundlagen der Kieferorthopädie und ihre Be¬ deutung für die allgemeine Medizin. Der Vortragende erläutert, dass sich die Kieferorthopädie nicht auf die Korrektur einer anormalen Zahnstellung zu kosmetischen Zwecken beschränkt, sondern dass sich die Aufgabe auf die Umformung der Kiefer und des Gesichtsschädels erstreckt — sie leistet dem Spezialarzt wertvolle Hilfe bei der Beseitigung der Nasenstenosen und der damit verbundenen Mundatmung. Nach den Erfahrungen des letzten Krieges gilt sie für ein unentbehrliches Hilfsmittel der Kieferchirurgie, ln der Einleitung wurden die Anomalien der Zahnreihen und der Kiefer nach der von Angle geschaffenen Klassifikation behandelt und die therapeutischen Massnahmen für die einzelnen Klassen be¬ sprochen. Dabei wurde die Extraktionsfrage einer kritischen Betrachtung unterzogen. Im weiteren behandelte der Vortragende die neuen Methoden der chirurgischen Orthodontie zur Behebung der Makrognathie. Sodann wurde das A n g 1 e sehe System kritisch beleuchtet; der Leitsatz von der normalen Einstellung des ersten bleibenden Molaren wurde durch zahlreiche anormale Milchgebisse widerlegt, und der neue Weg für die Diagnose der Kieferanomalien — die Messung — eingehend erläutert. Dabei fand die Methode van Loons kurze Erwähnung: eingehender wurden die moderne Gnathostatik Simons an zahlreichen Lichtbildern behandelt. Sodann ging der Vortragende auf die neuen Ergebnisse der histologisch-experimentellen Forschung über. Zum Schlüsse wurden die mit Kieferanomalien verbundene Mundatmung und ihre den Gesamtorganismus schädigenden Einflüsse be¬ handelt; ausserdem besprach der Vortragende die Bedeutung der Kiefer¬ orthopädie für die Kieferchirurgie, so die orthodontische Apparatur für Kieferresektionen, für die Behandlung der Kieferfrakturen und für die Nach¬ behandlung der plastischen Gaumenoperationen. Allgemeiner ärztlicher Verein zu Köln. (Bericht des Vereins.) Sitzung vom 17. Oktober 1921. Vorsitzender: Herr Cahen I. Schriftführer: Herr J u n g b 1 u t h. Herr A. Dietrich; Die Zellularpathologie Virchows und ihre Weiterentwicklung. Das Werk Rud. Virchows begann mit der Einführung naturwissen¬ schaftlichen Denkens und der empirischen Forschungsweise in die Medizin. Das Zweite war die Weiterführung des anatomischen Gedankens, den Vir - c h o w von Morgagni aufnahm und den er von den Organen auf die Zellen übertrug. In den Zellen erkannte er die letzte Einheit des Körpers, aus der sich alle Gewebe und Organe aufbauen, während andere Bestandteile nur aus Leistungen von Zellen hervorgehen oder in Abhängigkeit von ihnen stehen. Aber der dritte Punkt, den Virchow hinzufügte, war das Gesetz von der Kontinuität des Lebens: Omnis cellula e cellula. Diese 3 Grund¬ lagen entwickelte Virchow in zwei Richtungen weiter: 1. in einer Durchdringung des Verhältnisses von gesundem und krankem Leben und 2. in der Aufstellung des Lokalisationsprinzips der Krankheit. Virchow erkennt- keine Lebenskraft an. bekennt sich jedoch zu einem Vitalismus, der die Einheit des Lebens in Form und Aeusserung begreift, aber sie nicht einfach aufgehen lässt in physikalischen oder chemischen Kräften. Die Zelle muss auch die Einheit der Krankheit darstellen. Krankheit ist verändertes Zelleben oder Leben unter veränderten Bedingungen. Die Aeusserungen des Lebens zerlegte Virchow in eine dreifache Form der Reizung: funktionelle, nutritive, formative Reizung. Bei den krankhaften Reizungen aber ist die Causa externa und die Causa interna zu unterscheiden. Auch sind zu unterscheiden: das Leiden, ein veränderter Zustand, von der Krankheit, die eine Tätigkeit, den Ablauf von Verände¬ rungen zur Voraussetzung hat. Die wichtigste Folgerung aber ist die An- schauung, dass jede Krankheit eine Lokalisation habe, dass sie sich auf- lösen lasse in Störungen grösserer oder kleinerer Summen der Lebenseinheiten. Von diesem Punkte aus hat die Zellularpathologie ihre grösste Einwirkung auf den Gesamtgang der modernen Medizin ausgeübt. Die Lokalpathologie rief die Lokaltherapie hervor. Da die Zellularpathologie kein festgefügtes System, kein Dogma, sondern ein wissenschaftliches Prinzip darstellte, s.o konnte sie sich auch weiter entwickeln, trotzdem durch den Gang der wissenschaftlichen Forschung sich manche Grundlagen verschoben. Der Haupteinwand, dass die Zelle nicht die letzte Lebenseinheit sei, sondern dass noch feinere Differenzierungen in ihr, die Kernsubstanzen und die Granula, die Träger des Lebens seien, konnte die Lehre Virchows ebensowenig beeinflussen wie die Erkenntnis. dass auch den Zwischensubstanzen, sowie den Flüssigkeiten ein gewisses Eigenleben zugesprochen werden muss. Immer bleibt Leben an Substanz gebunden und die Zelle die wesentlichste Organisationsform Auf der anderen Seite aber hat die histologische Forschung die Methode der Zer¬ legung (Analyse) in immer feinere Elemente verlassen und sich der zu- sammenfassenden Betrachtung von Gewebseinheiten. einer Synthese mei¬ de n h a i n) zugewandt. Virchow sprach bereits von einem Organismus sozialer Art in gegenseitigen Beziehungen und Wechselwirkungen der Ieile Diese Auffassung ist noch viel mehr vertieft worden. Besonders sind durch die Kenntnis der innersekretorischen Drüsen und ihres verwickelten Zusammenwirkens die Wechselbeziehungen im Körper für Gesundheit und Krankheit sehr in den Vordergrund gestellt worden. Aber auch jeder 1 eil des Körpers zeigt etwas dem Körper Eigentümliches, Individuelles, wie die Transplantationsversuche lehren. Man muss auch nach den Erfahrungen der menschlichen Pathologie die Ganzheit des Körpers (Drisch) neben der zellulären Zusammensetzung nicht vernachlässigen. . Die Betrachtung des Körpers in seiner Ganzheit muss besonders bei der Lehre von der Konstitution berücksichtigt werden. Virchow erkannte bereits die Konstitution als die Summe der erblichen und erworbenen Eigen¬ schaften des Körpers. Die Konstitution zellulär zu fassen, ist nur in den wenigsten Fällen gelungen. Aber die Durchdringung der Konstitutions¬ forschung mit dem anatomischen Gedanken wirkt sichtend und fordernd. Auch der Vorwurf, dass die Zellenlehre die Krankheitsursache vernach¬ lässigt habe, ist hinfällig, denn Virchow hat auf den Unterschied von Krankheitswesen und Krankheitsursachen ausdrücklich hingewiesen. Die allzu scharfe Betonung der belebten Krankheitserreger hat bei vielen Krank¬ heiten einem' tieferen Verständnis der zusammenwirkenden Bedingungen Platz machen müssen, z. B. bei der Tuberkulose. , Somit ist die Grundlage des Werkes von Rudolf V i rc h o w uner- schü'ttert. Naturwissenschaftliche Forschungsmethode muss führen und der anatomische Gedanke die Grundlage der Pathologie bleiben. Aber die Rich¬ tung des Ausbaues wird sich mehr dem Bestreben nach einem Verstehen der Zusammenhänge zuwenden als einer Zerlegung der Einzelerscheinungen, j Aussprache: Herr Moritz weist auf die grossen Fortschritte hin welche seit Virchows Zeiten unsere Anschauungen über das physio- logische und pathologische Geschehen im Organismus gemacht haben Ins¬ besondere sei es die nähere Erkenntnis der kolloidalen mtra- und extra- zellulären Struktur des Körpers, die Licht in viele bisher dunkle Zusammen¬ hänge zu bringen anfange und ganz neue Perspektiven eröffne Die m ä« Entwicklung begriffene „Kolloidpathologie“ liefere allgemeinere Betrachtungs¬ weisen die auf das Geschehen in und ausser den Zellen Anwendung finden können. Die Ausführungen beleuchteten kurz das Wesen der kolloidalen Zu¬ stände und wurden mit Beispielen belegt. ... ' Herr F ü t h, der wegen der vorgeschrittenen Zeit sich nicht darüber verbreiten kann, wie oft wir auch heute noch in der Geburtshilfe und Gynäkologie auf Virchows Forschungen zuruckgreifen ), erwähnt nur kurz, dass heute eine Anschauung wieder Boden gewinnt, die V l rchow schon vor etwa 65 Jahren ausgesprochen hat, dass nämlich die Menstruation ein pathologischer Vorgang sei. Medizinische Gesellschaft zu Magdeburg. (Offizielles Protokoll.) Sitzung vom 6. Oktober 1921. Herr Erich Meyer: Behandlung des chronischen Gelenkrheumatismus. Vortr. berichtet' über die Erfahrungen, die mit neueren Behandlungs¬ methoden bei chronischen Gelenkerkrankungen an der Med. Klinik buden- burg (Prof Schreiber) gemacht wurden, und teilt dabei die Ergebnisse der Oeynhauser Tagung (23.-26. IX. 1921) mit. Er beschrankt . sich auf die Besprechung der Fälle von chronisch-rheumatischer Polyarthritis, Arthritis deformans und primär chronischer Arthritis. Erstere geht meist aus einer akuten Polyarthritis hervor und wird häufig durch chronische Entzundungs- prozesse an den Mandeln, den Nebenhöhlen der Nase oder am Zahnfleisch (Alveolarpyorrhöe) unterhalten. Die beiden letzten Formen lassen sich klinisch schwer unterscheiden, am besten noch auf der Röntgenplatte an den tur Arthritis deformans charakteristischen Randwucherungen. Die Aetiologie dieser beiden Formen ist noch sehr unklar. Es scheinen in manchen Fallen innersekretorische Störungen eine Rolle zu spielen (Auftreten der Gelenk- erkrankung in der Klimax. Zusammentreffen mit abnormer Fettleibigkeit), vielleicht auch nervös-trophische Einflüsse, in anderen Fällen Intoxikationen vom Darm aus (chronische Obstipation, Ruhr, Lambliainfektion). Eine ätio¬ logische Therapie gibt es bisher nicht. In der Behandlung stehen noch immer an erster Stelle alle physikalischen Massnahmen, die darauf hinzielen, den erkrankten Gelenken Wärme zuzuführen und den Gesamtston¬ wechsel anzuregen. Symptomatisch wirkt gegen die Schmerzen gut die Hoch¬ frequenz. Vom Radium als Emanation wurde kein Erfolg gesehen, weder als Trinkkur, noch beim Baden, noch als Aufschläge. Die Therapie der Protoplasmaaktivierung hat in manchen Fällen günstige Re¬ sultate gezeitigt; besonders geeignet scheinen Fälle mit Gelenkschwellung zu sein Ein wesentlicher Unterschied zwischen Lac, Aolan, Kollargol wurde nicht beobachtet. Vom Sanarthrit wurden nur wenige unsichere Erfolge ge¬ sehen. Die Wirkung desselben wird als Reizkörperwirkung aufgefasst. Das Yatren-Kasein scheint nach den Mitteilungen aus der B i e r sehen Klinik ganz besonders aussichtsreich zu sein. Versuche mit einer Schwefel¬ therapie, wobei kolloidale Präparate wegen der grossen Schmerzhaftigkeit bei der Injektion bisher nur in kleiner Dosis gegeben wurden, blieben ohne nennenswertes Ergebnis, im Gegensatz zu den auffallend günstigen Resultaten der Göttinger Klinik. Vom Fibrolysin wurde in den Fällen, wo es zu fibrösen Versteifungen gekommen war, mehrfach günstige Wirkung beobachtet. Diskussion: Herren Habs, Steffens, Kretschmann. Herr Bauereisen berichtet im Anschluss hieran über se.ne Erfah¬ rungen mit Yatren in der Gynäkologie. Bei chronischen Adnexerkrankungen und bei Zystitis habe es sich gut bewährt. Bei Zystitis wurden 5— 10 ccm einer 5 proz. Yatrenlösung in die Blase injiziert. Auch bei Angina sah er gute Erfolge; das Yatren wurde hierbei in Substanz auf die Tonsillen ge- *) Wer sich dafür interessiert, sehe einmal das Autorenverzeichnis in Veits Handbuch der Gynäkologie und in W i n c k e 1 s Handbuch der Ge¬ burtshilfe ein. Er wird erstaunt sein, wie oft Virchow da noch zitiert wird. 13. Januar 1922. MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT. 65 stäubt. Bei Sepsis hingegen versagte das Yatren oder war nicht besser als die Silberpräparate. F'räulein Bambach: Zur Salvarsanbehandlung der multiplen Sklerose. B. bespricht zunächst kurz die älteren Anschauungen über die Patho¬ genese der multiplen Sklerose, um dann ausführlicher auf- die im letzten Jahrzehnt durch pathologisch-anatomische, experimentelle und klinische For¬ schungen und Beobachtungen gewonnenen Ergebnisse einzugehen. Danach er¬ scheint die Annahme begründet, dass es sicli bei der multiplen Sklerose um eine infektiöse Erkrankung handelt, bei der vermutlich Spirochäten eine ätiologische Rolle spielen. Auf Grund solcher Erwägungen wurde, wie es bereits auch von anderer Seite nach den Angaben der Literatur geschehen ist. hier in der Med. Klinik Altstadt (Prof. O 1 1 e n) seit 1918 bei geeigneten Fällen von multipler Sklerose die Salvarsanbehandlung durchgeführt. Unter 24 Fällen wurden Kranke nicht berücksichtigt, bei denen es sich um sehr fortgeschrittene Stadien mit starken Kontrakturen usw. handelte. Bei den Übrigen 16 Fällen wurde die Salvarsanbehandlung durchgeführt; es wurde ausnahmslos Neosalvarsan gegeben, meist nicht mehr als 0,15 pro dosi. einmal wöchentlich, in der Regel 10 Einspritzungen im Verlauf . einer Kur, die bei mehreren Fällen nach K — >4 Jahr wiederholt wurde. Unter den 16 Fällen wurde bei 12 Kranken eine entschiedene objektive Besserung der Symptome erzielt, insbesondere bei frischen Fällen und bei solchen mit vorwiegend halb¬ seitigen Symptomen. Obgleich bei der Neigung der Krankheit zu Spontan¬ remissionen die bei der Salvarsanbehandlung eingetretenen Besserungen "mit Vorsicht zu bewerten sind, erscheint es nach den bisherigen günstigen Er¬ gebnissen durchaus begründet, die therapeutischen Versuche fortzusetzen. (Eine ausführliche Mitteilung erscheint an anderer Stelle.) Diskussion: Herren Otten, Schreiber, Gold stein, Voelsch, Sandmann, Lennhoff. Herr Otten betont, dass die Salvarsantherapie wesentlich bessere Re¬ sultate zeitigte als die früher angewandte andersartige Arsenmedikation. Jedoch sei ein endgültiges Urteil noch nicht möglich, da jahrelange Remis¬ sionen Vorkommen. Die Encephalitis epidemica zeigt zuweilen im Verlauf Aehnlichkeit mit der multiplen Sklerose. Herr S c h r e i b e r ist mit den Resultaten der Salvarsanbehandlung nicht so zufrieden, was wohl zum Teil daran liegt, dass meist vorgeschrittene Fälle behandelt wurden. Auch mit der Proteinkörpertherapie wurden Erfolge erzielt. Herr Gold st ein: Ausser mit Arsenpräparaten lassen sich auch mit Fibrolysin zuweilen gute Resultate erzielen. Herr Voelsch nimmt ebenfalls exogene Ursache für die Entstehung an. Hinweis auf den perivaskulären Beginn der Erkrankung. Wahrschein¬ lich kommen verschiedene infektiöse oder toxische Ursachen in Frage. Herr Sandmann: Bei der Beurteilung des Wertes einer Therapie bei multipler Sklerose sollte Besserung der Augensymptome am besten ganz ausser acht gelassen werden, da die flüchtige Natur besonders der Augen¬ muskellähmungen und Skotome direkt pathognomonisch sei. Herr Lennhoff weist darauf hin, dass die spezifische Wirkung des Salvarsans auf Spirochäten von ihm experimentell erwiesen sei. Aerztlicher Kreisverein Mainz. (Offizielles Protokoll.) Sitzungvom 18. Oktober 1921. Herr Herzog: Krankenvorstellung. 15 jähr. Junge erkrankte vor über 1/4 Jahren an Encephalitis epidemica und zeigt nun den Symptomenkomplex des Parkinsonismus, ein Geschehen, das Vortragender nun schon in 12 Fällen beobachtet hat. Patient zeigt blöden Gesichtsausdruck, offenen Mund, fortwährend reichlichen Speichelfluss und gleicht fast einem Mongoloiden. Herzog vergleicht das klinische Bild mit den striären extrapyramidalen Lähmungen, der Wilson sehen Krankheit und überlegt die Möglichkeit, dass es sich bei diesen Erscheinungen der Encephalitis lethargica, wie bei der Wilson sehen Krankheit um toxische Wirkungen handeln könnte; es bleibt in solchen Fällen das patho¬ logisch-anatomische Bild hinter den Erwartungen zurück; erhebliche Bes¬ serung der psychischen Erscheinungen (Apathie) wurde durch Hyoszin er¬ reicht. Vortragender betont ferner noch einmal die Verschiedenheit der klini¬ schen Erscheinungen in den Epidemien von 1889 und 1920/21 (vgl. B.kl.W. 1921 Nr. 10). Neben grosser Mannigfaltigkeit der Zustandsbilder der letzt¬ jährigen Epidemie fällt die typische, chronische Erscheinungsform des Par¬ kinsonismus auf. Herr Herzog trägt vor über „Kopfschmerzen“ unter Hervorhebung von 4 Quellen falscher Diagnosen. Diese 4 Quellen stellen sich folgendermassen dar; a) Einstellung mancher Aerzte auf chronische Leiden, so dass sie an Kopfschmerzen als Initialsymptom akuter Krankheiten (Typhus u. a.) nicht denken. b) Neigung, sich vorzeitig auf eine Diagnose festzulegen, z. B. auf Migräne, die in ausgeprägter Form nicht selten Initialsymptom einer tuber¬ kulösen Meningitis ist; oder auf sog. Migräne-, .Aequivalente“ (ein böses Kapitell); ferner auf chronische Nephritis bei gleichzeitiger toxischer, ortho- tischer etc. Albuminurie, auf Arteriosklerose bei manchen toxischen Cephal- algien (Tabak); auf einfache Gesichtsneuralgie bei Lues cerebri, progressiver Paralyse, Ponserkrankungen usw. c) Neigung mancher Spezialisten, einen Kopfdruck oder eine Pseudo¬ neuralgie mit leichten Anomalien ihres Gebietes (Stirnhöhlenkatarrh, Muschel¬ schwellungen und anderen Verengerungen der Nasenwege; Akkommodations¬ krampf, Insuffizienz der Interni, vorzeitiger Hyper- und Presbyopie, leichten Refraktionsanomalien, Dysmenorrhöe, Zervixkatarrhen, Hyperaciditas hydro- chlor. u. a.) ohne weiteres in ursächliche Verbindung zu bringen, obwohl beide Dinge oft nichts mit einander zu tun haben oder koordinierte Symptome eines Allgemeinleidens sind oder schliesslich das lokale Uebel nur ein ver¬ anlassendes Moment darstellt. Oft trägt hier auch der Rückschluss ,,ex juvantibus“ bei, indem manche (dann meist vorübergehende) „Heilung“ bei Neuropathen und Hysterikern auf die intensive Beschäftigung mit der Persönlich¬ keit, bei anderen (Erschöpften) auf die mit der Ruhe- oder Dunkel- oder einem etwaigen Eingriff folgende Liegekur zurückgeführt werden kann. Manche un¬ angenehme Korrektur der Diagnose erfolgt in solchen Fällen durch die (be¬ sonders nach Kokaininjektionen) in Erregungszustände versetzten queru¬ lierenden Psychopathen und reizbaren Schwächlinge in deutlicher Weise. Gemeingut ist gewiss der Zusammenhang von Gesichtsneuralgien mit Zahn¬ leiden und Kopfschmerzen. Trotzdem fallen sicherlich dem Heilungsdrarg einerseits noch viel zu viel gesunde Zähne zum Opfer, anderseits ist die Diagnose der Pulpitis (auch manchen Zahnärzten) noch nicht genügend bekannt. d) Die Unkenntnis des Bildes der „Kopfgicht“ (Rheumatismus der Kopf¬ schwarte mit Knötchenbildung), eines sehr dankbaren Objektes medikamentös¬ physikalischer Therapie. Sitzung vom 25. Oktober 1921. Herr Gg. B. Gruber: Vorweisung pathologisch-anatomischer Befund¬ stücke, unter denen die Beobachtung von Druckgeschwüren im Dickdarm durch Massen liegen gebliebenen, verhärteten Eubaryts vor einer Stenose des Darmrohres, die durch metastatische Lymphdrüsen bedingt war, erwähnens¬ wert ist; der betreffende Patient starb infolge Durchbruchs dieser Geschwüre an Peritonitis. Herr Gg. B. Gruber trägt im Rahmen einer Gedächtnisrede auf Rud. Virchow aus Anlass der" 100. Wiederkehr seines Geburtstages über unsere heutige Stellung zur Zellularpathologie vor. Kann das zellulare Anschauungs- und Forschungsprinzip auch nicht in dem ursprünglich streng lokalisierten Sinn des anatomischen Gedankens aufrecht erhalten werden, so ist es doch auch heute noch ein guter Leitfaden der biologischen Krankheitsforschung und steht nicht im generellen Widerspruch zur For¬ derung der physiologischen, funktionellen Fragestellung der modernen Medizin. Die Zellularpathologie ist heute noch nicht überlebt, kann sie auch nicht auf alle Fragen Antwort geben, die ihr, vielleicht in Verkennung ihrer Grenzen, gestellt worden sind. Münchener Gesellschaft für Kinderheilkunue. (Eigener Bericht.) Sitzung vom 9. Juni 1921. Herr Schmincke demonstriert Präparate und Bilder von folgenden Fällen: 1. 5 Monate altes Kind mit Ikterus und biliärer Zirrhose bei Aplasie der grossen Gallengänge. 2. 4 Monate altes Kind mit erworbenem hämolytischem Ikterus: die histologische Untersuchung der Milz ergab starke Blutfülle der Pulpa, inten¬ sive Eisenreaktion der Sinusendothelien ; in der Leber ausgedehnte Gallen¬ thrombenbildung. 3. 1)4 Jahre altes Kind mit Riesenzellenpneumonie nach Masern. 4. 4 Monate altes Kind mit sporadischem Kretinismus bei Hypothyreose. Die Sphenookzipitalnaht zeigte Verschmälerung der Knorpelwucherungszone und Verringerung der Knochenanbildung. 5. 10 Jahre altes Mädchen mit schwerer Rachitis und starker Anämie, die durch fast universelle Vermauerung der Knochenmarksräume durch starke Osteoidproduktion ihre Erklärung fand. 6. 2 Monate altes Kind mit Analprolaps und ulzeröser Proktitis des unter¬ sten Rektums, perforiertem Duodenalgeschwür und multiplen Magenge¬ schwüren. Tod an eitriger Peritonitis. 7. 1 Jahr altes Kind mit angeborener Blasenspalte. 8. Akzessorisches Pankreas in der Pylorusgegend des Magens bei einem 4 Monate alten Kind. 9. Marchand sehe Nebennierenbildung an beiden Samenleitern bei einem Neugeborenen. 10. 9 Jahre altes Mädchen mit präsakraler gliomatöser Geschwulst bei Spina bifida ant. sacralis und präanaler subkutan gelegener Dermoidzyste, Vagina und Uterus duplex, Kommunikation des Rektums mit dem einen Scheidenkanal. 11. 2 Fälle von angeborener kavernöser Lymphangiombildung bei einem 3 Monate alten Mädchen in der Schulterblatt- und bei einem 2 Monate alten Mädchen in der Halsgegend. 12. Hochgradige Vergrösserung des Herzens bei einem Neugeborenen durch diffuse Rhabdomyombildung. Mikroskopisch zeigte sich ein Aufbau der Herzmuskelwandung aus embryonalem undifferenziertem Muskelgewebe. Aussprache; Herren Reinach, Husler, Gött, Schmincke. Herr K. E. Ranke spricht über die Entwicklungsformen der Tuber¬ kulose und ihre klinische Erkennung. Aussprache vertagt. Würzburger Aerzteabend. , (Offizielles Protokoll.) Sitzung des Aerztlichen Bezirksverein, s vom 13. De¬ zember 1921 im Luitpoldkrankenhaus. Herr Morawitz demonstriert: 1. Endocarditis lenta. 35 jähr. Kriegsteilnehmer, der in der Kindheit Chorea, aber vor seiner Erkrankung kein Vitium cordis gehabt hat. Am Herzen die Erscheinungen der Aorten- und Mitralinsuffizienz, im Urin wenig Eiweiss, einige Zylinder und Erythrozyten als Ausdruck einer embolischen Herdnephritis. Aus dem Blute wurden keine Streptokokken gezüchtet. Es wird besonders die Proteinkörpertherapie der Endocarditis lenta besprochen. Im vorliegenden Falle trat Entfieberung und subjektive Besserung nach intra¬ muskulären Blutinjektionen (alle Woche 10 ccm Blut eines Gesunden) ein. 2. Parkinsonianismus nach Encephalitis lethargica. 42 jähr. Mann. Im Sommer 1920 Enzephalitis, dann völlige Erholung, so dass der Kranke wieder arbeitsfähig wird, seit dem Sommer dieses Jahres zunehmende Bewegungs¬ armut, Steifigkeit, geistige Unbeweglichkeit. Jetzt bietet der Kranke das Bild der Paralysis agitans sine agitatione. Es geht daraus hervor, dass der Parkinson sehe Symptomkomplex lange Zeit nach Ueberstehen der Enze¬ phalitis zur Entwicklung kommen kann. 3. L i 1 1 1 e sehe Lähmung, bei einem 25 jähr. Manne von Geburt an be¬ stehend. Im Sommer 1921 Enzephalitis. Seitdem choreatisch-athetotische Bewegungen. Vielleicht hat die von Kindheit an bestehende Veränderung des Grosshirns eine Disposition für die Enzephalitis abgegeben. 4. Lungengangrän. 48 jähr. Mann, bei dem sich Lungengangrän im An¬ schluss an eine nicht in Lösung übergegangene Pneumonie des rechten Ober¬ lappens entwickelt hatte. Recht guter Erfolg mit Salvarsan. 5. Perniziöse Anämie. 38 jähr. Frau. Im Sommer wurde nach unwirksam gebliebener Arsentherapie die Milz exstirpiert (Geh. Rat König). Danach 66 MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT Nr. 2. vorübergehende Remission. Die neuerdings wieder aufgetretene Verschlim¬ merung wird erfolgreich mit intravenösen und intramuskulären Blutinjektionen behandelt. Ausführungen über die Therapie der perniziösen Anämie. Herr König stellt die beiden Patienten mit Carcinoma linguae vor, welche er vor 3 Wochen (Sitzung vom 22. XI. 1921) gezeigt hat. rau 1 verdächtig durch Wassermannreaktion auf Lues, ist inzwischen operiert. Mikroskopisches Präparat deutliches Karzinom. Drüsen vergrössert ohne Karzinom. Fall 2: Demonstriert die Vorzüge des vor der Durchsagung des Unter¬ kiefers auf der linken Seite ausgeführten Hautschnittes, welcher die Fazialäste gegenüber dem alten Verfahren schont und die gesamten Drusengruppcti wirksamst freilegt. _ Gesellschaft der Aerzte in Wien. (Eigener Bericht.) Sitzung vom 25. November 1921. Herr H. UM mann: Experimentelle Transplantation von Papillomen. Herr G. Hofer: Histologische Untersuchungen der Trachea nach ^^Die histologische Untersuchung ergibt 1. Epithelveränderungen, indem das mehrmalige Zylinderepithel in geschichtetes Pflasterepithel übergeht. 2 Entzündung mit Exsudatbildung und Blutungen. 3. Zunehmendes Ver¬ schwinden der Drüsen. Die Ergebnisse der histologischen Untersuchung klären die Komplikationen nach Tracheotomie auf. Zur Beseitigung der Be¬ schwerden hat Haslinger eine Befeuchtungskanüle konstruiert. Herr H. Haslinger: Demonstration eines Befeuchtungsapparates für die Tracheotomiewunde. Herr M. Haiek: Larynxstenosen. Der demonstrierte Pat. wurde (nach einer ersten 1 racheotomie im Jahre 1913) 1920 wegen Versteifung der Gelenke ein zweitesmal tracheotomiert. Die von C i t e 1 1 i vorgeschlagene partielle Entfernung der Stimmbänder wäre aussichtslos gewesen. Pat. wollte nach der Tracheotomie seine Kanüle absolut los werden und wollte sprechen. Pat. hat das nach Anweisung des Vortr. auch erlernt. Vortr. ist seiner Zeit durch einen anderen Pat., der seine Kanüle wegwarf, darauf aufmerksam gemacht worden, dass bei lockerem Hemdkragen und rückwärtsgeneigtem Haupt das Sprechen nach Tracheotomie ganz gut möglich sei, weil der aus der Trachea kommende, de norma gegen das Ligam. conicum gerichtete Luftstrom unter diesen Um¬ ständen gegen die Glottis gelenkt wird. Pat. spricht zwar mit exspiratorischer Luftverschwendung. 2 — 3 Monate wird es noch dauern, bis Pat. dekanuliert werden kann, weil dann die Trachealwunde sich nicht verkleinern wird. Die gleichbleibende Grösse der Kanülenöffnung ist aber notwendige Bedingung für das Dekanülement. Herr K. Tschiassny: Drainage der peritonsillären Abszesse. Herr K. Haslinger demonstriert einen 37 jährigen Landwirt mit einer durch Kalkstiff Stoff erzeugten schweren Dermatitis und teilweisen Nekrose der Haut. Herr VV. S t e c k el: Irrtümer, Gefahren und Grenzen der Psychoanalyse. Aus ärztlichen Standesvereinen. Neuer Standesverein Münchener Aerzte. Sitzung vom 19. Dezember 1921. Zu Beginn der Sitzung gedachte der Vorsitzende Herr Bergeat mit ehrenden Worten der jüngst verstorbenen Mitglieder, Dr. Wuth und Hofrat Heiss. Die Anwesenden erhoben sich zum Zeichen der Trauer von den Sitzen. Mit Bezug auf eine Bekanntmachung im Aerztlichen Vereinsblatt teilte Herr Jordan mit, dass von den bayerischen F ortbildungskursen Aerzte des befreundeten Auslandes wie vor dem Kriege Kenntnis erhielten und dass solche auch an den Kursen teilnehmen. Hierauf berichtete Herr Bergeat über den Hauptpunkt der Tages¬ ordnung : Revision der Verträge mit den Krankenkassen bezüglich der Teuerungszuschläge. Schon auf der General¬ versammlung des Leipziger Verbandes in Karlsruhe konnte S t r e f f e r nichts Günstiges über die zentralen Verhandlungen mit den Kassen berichten. Trotz neuerlicher Verhandlungen und Schiedssprüche im Oktober und wieder im November und Dezember wurde eine Einigung nicht erzielt, weil die Kassen nicht wollten. Die Schiedssprüche haben aber auch gezeigt, dass an der Pauschalbezahlung immer noch festgehalten werden soll. Die zentralen Verhandlungen fürs ganze Reich sind nunmehr vom Leipziger Verbände preis¬ gegeben worden und es müssen örtliche Verhandlungen stattfinden, bei uns wohl für ganz Bayern. Befremdend sei es zu sehen, führte Ref. weiter aus, dass gerade die Aerzte, wie kaum ein zweiter Stand, trotz ihrer Organisation nicht imstande gewesen seien, eine zeitgemässe Bezahlung ihrer Berufsarbeit durchzusetzen. Ueberall, wo sie in Verhandlungen stehen, bei den Krankenkassen, Berufs¬ genossenschaften, Versicherungsgesellschaften, Versicherungsanstalten, be¬ gegne man demselben Widerstand eines zähen Unternehmergeistes. Gerade die Stellen, welche berufsmässig in sozialen Fragen arbeiten, zeigen ein auffallend geringes Empfinden für die soziale Lage des Aerztestandes, auf dessen Mitarbeit sie angewiesen seien. Während sie bezüglich der Ver¬ waltungsorgane willig der Teuerung folgen (s. Verwaltungskosten der Kassen), scheine ihnen vielfach die Teuerungsnot für die Aerzte nicht vorhanden zu sein. Auf diese Weise könne es nicht ausbleiben, dass die Aerzte zu Ab¬ wehr- und Druckmitteln greifen. Herr V o c k e berichtete über ähnliche Verhältnisse bei der Versiche¬ rungsanstalt. Seit 8 Monaten strebe man das Honorar von 30 M. für das Gutachten an. Trotzdem inzwischen der Geldwert wieder erheblich ge¬ sunken sei, werde dies nicht zugestanden mit der Begründung, es würde den Ruin der Anstalt bedeuten. Unverständlich sei diese Stellungnahme, nachdem doch die Versicherungsbeiträge gegenüber den früheren um das Sechzehnfache erhöht worden seien. Sollte der Landesausschuss nichts er¬ reichen, so sei man auf örtliches Vorgehen angewiesen. ln der D i s k u s s i o n, an der sich die Herren C r ä m e r, N o b i 1 i n g, Krausen, Bergeat, Vocke, Spatz, Hoferer und Grass- m a n n beteiligten, wurde besonders betont, dass nur der verloren sei, der sich für verloren gibt und dass die Aerzte ihrer Macht sich mehr bewusst sein sollten und dass einen Teil der Schuld an der bisherigen Erfolglosigkeit die Schwerfälligkeit der Organisation trage. ■ . Herr Bergeat ging noch kurz auf die von den Krankenkassen oc- triebene gesetzliche Regelung der k a s s e n ä r z 1 1 ic h e nV e r¬ hält n i s s e ein. Der Vorentwurf der Reichsregierung (Nr. 43 der Aerzti. Mitteilungen) berücksichtige in der Hauptsache nur die Wünsche der Kassen und würde einer Verewigung des unglücklichen Berliner Abkommens gleich sein. Von Aerztefreundlichkeit sei in dem Entwurf nichts zu finden. Die Aerzte, die sich dagegen zur Wehr gesetzt hätten, seien an den Reichstag verwiesen worden. Daraufhin habe der Leipziger Verband einen Gesetzentwurf (Nr. 50 der Aerzti. Mitt.) herausgebracht, der unsere Forde¬ rungen ausspricht. Der Reichstag habe nun zu entscheiden; ob die Parteien für die Bedürfnisse der Aerzte Verständnis zeigen würden, sei fraglich, ln Bayern und Süddeutschland sei vorläufig eine Einigung erzielt, mit der wir zufrieden sein könnten. Diese Verhältnisse mussten durch ein Zusammen¬ gehen der süddeutschen Aerzte mit aller Kraft verteidigt werden. Unter Punkt „Anregungen“ wurde die neuerlich wiederholt erfolgte Verleihung des Titels eines Justizrates an Rechtsanwälte besprochen, während die Aerzte, welche doch ihrem Berufe nach mit den Rechtsanwälten auf gleicher Stufe stehen, dauernd unberücksichtigt bleiben. Dieser Zustand müsse von der Aerzteschaft mehr und mehr als eine peinliche Zurücksetzung ihres Standes empfunden werden. . Der Vorsitzende verwies auf die diesbezüglichen Ausführungen in Nr. 50 der Münch, med. Wochenschr. und die Versammlung erklärte sich voll¬ kommen mit denselben einverstanden. Die nun folgenden Wahlen ergaben die Wiederwahl der bisherigen Vorstandschaft (Bergeat, Lukas, K. Goertz, Kuchenbauei, Jochner, Hoferer, Grassmann) und des Ehrengerichtes. Für das Jahr 1922 werden nach dem Ergebnis der Auslosung die Herren V ö 1 c k e r und Steinhäuser aus der Reihe der Mitglieder regelmässig zu den Vorstandschaftssitzungen beigezogen. Den Schluss der Sitzung bildete die Aufnahme von fünf neuen Mit¬ gliedern. K. Goertz. Kleine Mitteilungen. Therapeutische Notizen. Behandlung der Lepra. Den Public Health Reports zufolge \ werden auf dem Lepraforschungsinstitut zu Kalihi (Hawai) und auf der . Leprosenkolonie zu Kalaupapa neuerdings die Aethylester des Chaulmoograöls j (oleum gynocardiae) mit recht gutem Erfolge therapeutisch angewandt. Sie I stellen z. Zt. das wertvollste Mittel zur Bekämpfung der bisher als unheilbar geltenden Lepra dar und sind dem einfachen Chaulmoograöl durch ihre Ver- . wendbarkeit bei allen Patienten und die Möglichkeit einer schmerz- und gefahrlosen subkutanen Applikation bei guter Resorption überlegen. Be¬ sonders gut ist die Wirkung bei jungen Leuten und in frischen Fällen. Bei i« den Kranken der angeführten Stationen pflegten unter der Behandlung die klinischen Erscheinungen zu verschwinden und die Krankheit zum Stillstand zu kommen; ob jedoch diese Besserung von Bestand ist, kann erst längere Beobachtungszeit lehren. Bisher haben 8 Proz. der Behandelten Rückfälle „• erlitten. Die totale Kolektomie, ihre Indikationen, Technik und Zufälle bespricht Arbuthnot L a n e - London (Presse medicale 1921, Nr. 62). Neben Karzinom des Kolon und Megakolon bilden schwere Fälle von Kolitis, chronische Darmverhaltung (Stase) und gewisse chronische Krankheiten, wie deformierender, tuberkulöser Rheumatismus usw. die Indi¬ kationen zur totalen Entfernung des Grimmdarms. Die Anzeige zur Operation . bei Darmverhaltung ist gegeben, wenn neben den Verdauungsstörungen Er¬ scheinungen von Autointoxikation vorhanden sind und wenn man einen der zahlreichen pathologischen Zustände, die als Ausgangspunkt die Darmstase haben, feststellt: deformierender, tuberkulöser Rheumatismus, Addison - sche Krankheit, Exophthalmus, Raynaud sehe Krankheit usw. Bei all diesen Krankheiten muss man die radioskopische Untersuchung des Darmes vornehmen und bei vorhandener Stase die Kolektomie ausführen. Man erlebt bedeutende Besserung und Kräftigung der Patienten, besonders wenn die Veränderungen nicht zu alte sind. Die Bedingungen eines Gelingens der Operation sind folgende: es muss eine gute Technik, wie sie Verfasser unter Beifügung von Abbildungen genau beschreibt, zur Anwendung kommen, nach¬ dem die Indikation natürlich auf das Gewissenhafteste gestellt ist und der Kranke noch mehrere Monate nach der Operation überwacht werden, damit die Darmfunktion geregelt wird. Der Arzt muss auch andere Folgezustände der chronischen Stercorämie, wie Driiseninsuffizienz, Muskel-, Nerven- auch psychische Störungen zu verbessern versuchen. Die grosse Mehrzahl der Operierten sind nach den über 20 jähr. Erfahrungen L.s wie neugeboren: Kopf¬ schmerzen verschwinden, ebenso die Blässe der Haut, die Menstruations¬ störungen usw., die chronischen Krankheiten, wie deformierender, tuberkulöser Rheumatismus, B r i g h t sehe Krankheit, bessern sich bedeutend oder ver¬ schwinden sogar, wenn der Fall am Anfang behandelt wurde. St. Hans W e b e r - Zittau teilt 2 Fälle von Luminalexant he m mit, '-j das mit Angina und hohem Fieber einherging. Das Exanthem liess in beiden Fällen an Skarlatina denken, wenn nicht manche Punkte dagegen gesprochen ; hätten; von diesen insbesondere das gute Allgemeinbefinden, das wenig ver- . änderte Blutbild mit der fehlenden Leukozytose, die Albumenfreiheit des Urins. Das Aussetzen des Luminals brachte sofort Heilung: in einem Falle 1 konnte das Luminal sogar weiterhin, ohne neue Störungen hervorzurufen, ; angewendet werden. (Ther. Halbmonatshefte 1921, 15.) H. T h i e r r y. Bund deutscher Assistenzärzte. Rundschreiben Nr. 9 (Bericht über den diesjährigen Vertretertag) ist zusammen mit einem Fragebogen, dessen statistisches Ergebnis einem Standardtarifvertrag zugrunde gelegt werden soll, abgeschickt. Es wird • dringend gebeten, den ausgefüllten Fragebogen spätestens innerhalb 14 Tagen, an die Geschäftsstelle des B.D.A. einzuschicken. In der Facharztfrage, deren Regelung jetzt vielerorts in Angriff ge¬ nommen wird, gibt der Bundesvorstand den Ortsgruppen folgende Richtlinien an die Hand: 13. Januar 1922. MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT. 67 1. Regelung der Facharztfrage ist wünschenswert, allerdings nicht auf dem Wege des Gesetzes oder der Verordnung, sondern durch Ueberwachung der Zulassung als Facharzt durch die örtlichen Aerzteörganisationen nach gemeinsam mit den beteiligten Aerategruppen aufzustellenden Gesichtspunkten (Fachärzteverband, Aerztevereinsbund, L.V. und B.D.A.). Alle Inter- ; essenten gruppen müssen gehört werden. 2. Für diejenigen Aerzte, die unter den bisherigen Bedingungen die Ausbildung zuin Facharzt begonnen haben, besonders für Kriegsteilnehmer, müssen Liebergangsbestimmungen getroffen werden. 3. Als Ausbildungszeit für die sog. „kleinen Fächer“ (Hals-Nasen-Ohren, Dermatologie, Augen) hält der Bundesvorstand zwei Jahre für ausreichend. 4. Wo die vom Facharztverband angestrebte Ausbildungszeit von 4 Jahren für Chirurgie, Innere Medizin und Gynäkologie in Widerspruch steht mit einer kürzeren Befristung der Assistenzarztstellen, ist auf eine entsprechende Abänderung der Befristung zu dringen. Unter allen Um¬ ständen muss gefordert werden, dass die Ausbildung zum Facharzt in einer Stelle erworben werden kann. 5. Auf die Ausbildung bei geeigneten Fachärzten, auch wenn sie keine Krankenhausabteilungen etc. leiten, kann bei dem heutigen Stellenmangel nicht verzichtet werden. 6. Ausbildung in Volontärarztstellen ist anzunehmen, wenn in ihnen ge- h nügend Gelegenheit gegeben war, sich in dem betreffenden Spezialfach aus- |. zubilden. 7. Als Nachweis der Ausbildung sind Zeugnisse über Art und Dauer i der Tätigkeit als genügend zu betrachten. Werturteile der ausbildenden Aerzte dürfen nicht verlangt werden. Die Veröffentlichungen des Bundesvorstandes werden von jetzt ab ausser in den „Aerztlichen Mitteilungen“ auch in den medizinischen Wochen¬ schriften (M.m.W., B.kl.W., D.m.W., Med. Kl.) erscheinen, nachdem sich die Schriftleiter dieser Wochenschriften zur Aufnahme bereit erklärt haben. Zusendungen, Zuschriften oder Anfragen an die Geschäftsstelle des B.D.A., worauf Antwort oder deren Rücksendung erwartet oder gewünscht wird, ist mit Rücksicht auf die hohen Postgebühren künftighin Rückporto von 2 M. beizulegen. Alle Zuschriften etc. sind zu richten an die Geschäftsstelle des Bundes Deutscher Assistenzärzte, Leipzig, Dufourstr. 18/2. Der Vorstand: 1. A.: Dr. Kortzeborn, 1. Vorsitzender. Studenten belange. Der Kampf des Deutschtums in Südslawiien. Die Bergakademie in Leoben hat die südslawischen Studenten von dem Studium an ihrer Hochschule ausgeschlossen als Antwort auf das Verhalten der südslawischen Behörden gegenüber den deutschen Hochschulern des Banats, denen sie durch Passverweigerung das Studium an österreichischen und deutschen Hochschulen unmöglich machen, ln der südslawischen Presse herrscht grosse Entrüstung über dieses Vorgehen der Bergakademie in Leoben; man macht dafür aber nicht die eigenen Behörden verantwortlich, sondern den schwäbisch-deutschen Kulturbund in Neusatz (südslawischer Banat). Das Neusatzer „Deutsche Volksblatt“ gibt auf diese Anschuldigung u. a. folgende Entgegnung: „Man müsste mit Blindheit geschlagen oder gänzlich in nationaler Voreingenommenheit befangen sein, um darin, etwas anderes zu erblicken als die Reaktion jugendlichen Ueberschwanges gegen die noch immer vorkommende Behinderung schwäbischer Heimatgenossen am Besuche deutscher Hochschulen, indem ihnen die Reisepässe unter den nichtigsten Vorwänden vorenthalten werden. Wie weit man in dieser Hinsicht geht, beweist die Tatsache, dass heute noch ein evangelischer Theologe vergebens auf seinen Reisepass wartet, obwohl es in unserem Staate eine evangelisch¬ theologische Fakultät, an der er seinen Studien obliegen könnte, gar nicht gibt. Und die Mediziner, die knapp vor einem Rigorosum stehen und durch das Uebelwollen der Passbehörden zur Untätigkeit verurteilt sind, während ihre slawischen Kommilitonen unangefochten arbeiten und ihre Prüfungen ablegen können! Wir kennen einen serbischen Mitbürger, der, selbst Arzt, genau weiss, warum er seinen Sohn nach Heidelberg schickt, und wir freuen uns dieser Anerkennung der deutschen Wissenschaft und deutschen Arbeit, ja wir wünschen nichts sehnlicher, als dass recht viele serbische, kroatische und slowenische Akademiker nach deutschen Musen¬ sitzen pilgern, um aus eigener Anschauung deutsche wissenschaftliche Arbeit, aber auch deutsche Kultur im Gegensatz zu westlicher Zivilisation kennen zu lernen. Aber wir werden nie und nimmer zugeben können, dass es unseren eigenen Söhnen nicht gestattet sein soll, ihre wissenschaftliche Ausbildung dort zu holen, wo unsere slowenischen Staatsgenossen gastliche Aufnahme finden.“ (Aus „Hochschulbeilage der Deutschen Zeitung“.) Den Standpunkt der Neusatzer Zeitung können wir nur voll und ganz teilen und dabei hoffen, dass das energische Eintreten unserer südslawischen Kommilitonen bei ihren heimatlichen Behörden zur Beseitigung dieser unhalt¬ baren Zustände führt. Sollte dies nicht zum Ziele führen, wird die deutsche Studentenschaft die weiteren Schritte unternehmen müssen. v. V. Tagesgeschichtliche Notizen. Münche n, den 11. Januar 1922. — In London tagte Mitte Dezember eine vom Gesundheits¬ rat des Völkerbundes berufene Versammlung von Sachver¬ ständigen aus dem Gebiete der Serologie; auch nicht dem Völkerbund angehörige Länder waren vertreten (Deutschland durch Kolle und H. Sachs). Der Zweck der Tagung war die Vereinheitlichung der in den einzelnen Ländern verschiedentlich darge¬ stellten und verschiedentlich wirksamen Sera. Vier Ausschüsse wurden ge¬ bildet. Der erste unter dem Vorsitz von L. Martin beschäftigte sich mit dem Antidiphtherie- und dem Antitetanusserum. Für Diphtherie kommen eigentlich nur 2 Sera in Betracht, das des Frankfurter Instituts für experi¬ mentelle Medizin und das des Sanitätsamtes in Washington; beide weichen nicht wesentlich voneinander ab, es sollen nur Experimente zum genauen Vergleich der beiden Sera gemacht werden, ihre Ergebnisse werden weiter¬ gegeben an das staatliche Seruminstitut in Kopenhagen und dort kontrolliert. Tetanusserum wird von 4 verschiedenen Ausgangspunkten und in 4 ver¬ schiedenen Titren hergestellt, ihr gegenseitiges Verhältnis soll genau studiert werden, die einzelnen Forschungsplätze sollen ihre Sera austauschen und gegenseitig untersuchen, und so versuchen zu einer Vereinheitlichung zu kommen. Auch hier wirkt das Kopenhagener Institut als Zentralstation. Ein zweiter Ausschuss unter Dr. Dopters Vorsitz erörterte die Fragen des Serum bei der Meningokokken- und Pneumokokkeninfektion, auch hier sollen die einzelnen Präparate ausgetauscht und untersucht werden; die Frage¬ stellungen beziehen sich vorwiegend auf den besten Weg der Einführung (subkutan oder peritoneal), auf die Titrierung des Serums, auf die prophy¬ laktische oder spätere Anwendung und auf die Monovalenz und Polyvalenz der Seren. Prof. Kolle führte den Vorsitz in einem dritten Ausschuss, der sich mit dem Dysenterieserum beschäftigte; auch hier wird ein Austausch der nach verschiedenen Prinzipien hergestellten und bemessenen Sera stattfinden, Pferde sollen in den Experimenten nur mit dem Bacillus dysenteriae Shiga geimpft werden, während die Sera von mit anderen atoxischen Stämmen ge¬ impften Tieren vorläufig unberücksichtigt bleiben sollen. Ein vierter Ausschuss unter Prof. B u 1 1 o c h s Leitung beschäftigte sich mit der Serodiagnose der Syphilis und kam zu folgenden Vorschlägen: in einer Anzahl von Instituten soll die Wassermannreaktion mit den Methoden von Sachs-Georg i, Meinicke und Dreyer-Ward verglichen werden und zwar so, dass in jedem Institut 1000 Fälle von zweifelloser Lues und 1000 Fälle von möglichst sicher ausgeschlossener Lues geprüft werden sollen; bei diesen Prüfungen soll das Serum von Kranken mit Syphilis des Zentral¬ nervensystems und der Augen besonders berücksichtigt werden, die einzelnen Forscher sollen sich gegenseitig in ihren Instituten besuchen und die Arbeit sollte in enger Beziehung mit den Kliniken durchgeführt werden. Gewisse Kontrollmassregeln werden empfohlen und besonderer Wert wird gelegt auf folgende Punkte: Verlässlichkeit des Verfahrens, Einfachheit der Technik, Zeitdauer und Kosten der Bestimmungen, Leichtigkeit und Genauigkeit der Beobachtung, Prozentsatz der zweifelhaften Fälle und schliesslich Erreich¬ barkeit quantitativer Ergebnisse; auch hier sollen die Einzelergebnisse dem Kopenhagener Institut unterbreitet werden. Somit ist zum erstenmal wieder ein internationaler Arbeitsplan für ein grosses wissenschaftliches Werk festgelegt worden. Der gewandte Leiter des englischen Gesundheitsamtes, Sir Alfred Mond (selbst deutscher Abkunft) drückte bei dem Festmahl noch seine Genugtuung aus, auch Vertreter der nicht dem Völkerbund ungehörigen Völker auf dem Kongress anwesend zu sehen (es geht eben doch nicht ohne die deutsche Mitarbeit). In 6 Monaten soll der Kongress sich wieder im Pasteurinstitut in Paris versammeln, während die Ausschüsse in der Zwischenzeit Weiterarbeiten. — Der preussische Landesgesundheitsrat hat seine Beratungen über den Entwurf eines preussischen T uberkulosegesetzes abgeschlossen. Das Wohlfahrtsministerium wird nunmehr den Gesetzentwurf fertigstellen und ihn möglichst bald dem Staatsministerium zur Beschlussfassung vorlegen. — Seit dem 4. Januar befindet sich der Aerzteverein Rostock mit der grössten Krankenkasse, der Allgem. Ortskrankenkasse, im „Vertrags- losen Zustan d“, weil diese Kasse mit über 18 000 Mitgliedern sich weigert, den Aerzten das Honorar zu zahlen, das ihnen für die letzten 2 Quartale durch Entscheidung des Schiedsgerichts beim Oberversicherungs¬ amt zusteht; die Kasse hat Berufung an das — nicht bestehende - — Reichsschiedsamt eingelegt. Die Aerzteschaft wird von den Direktoren und Assistenten der Üniversitätspolikliniken wirksam unterstützt. — Der Rostocker Aerzteverein, dessen Taxsätze wir in Nr. 49, S. 1608 d. Wschr. mitteilten, hat neuerdings folgende Honorarsätze für seine Mit¬ glieder als Mindestsätze verbindlich gemacht: Praktische Aerzte: Sprech¬ stunde: I. Kl. 15 M., 11. Kl. 20 M„ III. Kl. 30 M.; Besuch: I. Kl. 20 M.. II. KI. 30 M., III. Kl. 60 M. Fachärzte: Sprechstunde: I. Kl. 30 M., II. Kl., 40 M„ III. Kl. 60 M.; Besuch: I. Kl. 40 M„ II. Kl. 60 M.. III. Kl. 80 M. Professoren: Sprechstunde: I. Kl. 40 M„ II. KI. 60 M., III. Kl. 80 M.; Besuch: I. Kl. 60 M., II. Kl. 80 M., III. Kl. 100 M. Bei gemeinsamen Beratungen (Konsultationen) wird für jeden Beteiligten die Beratungs- und Hausbesuchs- gebühr addiert. — Ueber Wiener Arztpreise berichtet die Voss. Ztg. : Nach einer Vereinbarung ihrer Berufsorganisation legen die Wiener Aerzte jetzt den Patienten gedruckte Formulare zur Unterschrift vor, auf denen die im Augenblick geltenden Preise vermerkt sind und bestätigt wird, dass der Arzt mit dem Patienten kein Sonderabkommen getroffen hat. Das Honorar für den Besuch der Sprechstunde bei einem einfachen Privatarzt ist auf 1000 Kronen, beim Besuche des Arztes in der Wohnung des Patienten auf 2000 Kronen, für die Teilnahme an einem Konsilium auf 3000 Kronen festgesetzt. Fachärzte und insbesondere Chirurgen berechnen ein um durchschnittlich 100 v. H. erhöhtes Honorar. Eine Operation wird unter dem tarifmässigen Preis von 100 000 Kronen nicht durchgeführt. Infolgedessen ist die Inanspruchnahme der Privatärzte ganz ausserordentlich zurückgegangen, während in den Ambulatorien der Spitäler der Andrang der Patienten sich verdoppelt hat. Unter den Armen, die in den Spitälern behandelt werden und den Nachweis ihrer Mittellosigkeit erbringen, befinden sich vor allem die Pensionierten und Beamten, soweit sie nicht Krankenkassen angehören. Aus der Marcel Benoist-Stiftung wird, wie im vorigen Jahre, ein Preis von 20 000 Franken ausgesetzt für die nützlichste wissen¬ schaftliche Erfindung, Entdeckung oder Studie, vornehmlich einer solchen, die für das menschliche Leben von Bedeutung ist, die ein schweizerischer oder seit mindestens 5 Jahren in der Schweiz ansässiger Gelehrter während des Jahres 1921 gemacht hat. Anmeldungsfrist bis 31. März 1922 beim Sekretariat der Stiftung im eidgenössischen Departement des Innern in Bern. — Auf der a. o. Tagung des Preussischen Hebammen-Verbandes in Köln am 16. Dezember 1921 wurde einstimmig folgender Beschluss gefasst: „Die 10. Hauptversammlung erblickt in der Werbearbeit der Firma Vollrath Wasmuth in Hamburg für das Präparat R a d - J o ein marktschreierisches Vorgehen für ein Geheimmittel, das erfahrungsgemäss in keiner Weise den in den Drucksachen angepriesenen Wirkungen hinsichtlich der Erleichterung der Geburt entspricht. Die preussische Hebammenschaft lehnt deshalb jeg¬ liche Verwendung des Rad-Jo ab.“ (Pharm. Ztg.) — Mit Beginn des neuen Jahres trat San. -Rat Dr. P 1 e 1 1 n e r - Dresden von seiner Stellung als leitender Arzt der chirurgisch-orthopädischen Ab¬ teilung der Kinderheilanstalt nach 20 jähriger ehrenamtlich versehener, erfolg- MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT. Nr. 2. 68 reicher Tätigkeit zurück. Et wurde in Anerkennung seiner Verdienste zum konsultierenden Chirurgen der Anstalt ernannt Als sein ^WeN mefs vom Verwaltungsrat der Anstalt der Dresdner Chirurg Dr. Hans W e m m e r s gewählt. (^eh MedRat pro5 Dr Friedrich Rinne in Berlin {eie[*e am 2. Januar seinen 70. Geburtstag. Er war bis zum vorigen Jahre Leiter der chirurgischen Abteilung des Berliner Elisabeth-Krankenh luses. — Vom 6.— 18. Februar findet in M a g d e b u r g ein L«“r*a* aus dem Gebiete der Inneren Medizin statt. Die beiden medizinischen Abteilungen, sowohl des Altstädtischen wie -Je s Sudentanier Krankenhauses, werden für diese Zeit ganz in de“ Dienst beYund Fortbildung gestellt. Die beiden Direktoren, Prof. Schreiber unu Prof Ütten halten von 9 — 11 Uhr vorm, abwechselnd medizinische Klinik, woran sich dann 2 Stunden Labora'toriumsarbeit anschliessen. Nachmittags finden praktische Kurse und theoretische Vorträge der Kranken!« »«Oberärzte und Assistenten statt. (Anmeldungen an Prof. S c h r e \ t l e sr - Sudenbu g.) In ähnlicher Weise findet vom 20. Februar bis 4. März em Lehrgang der Chirurgie statt, der von den Professoren H a b s und W e n ü e l gemeinsam mit den Oberärzten und Assistenten der chirurgischen Abteilungen abeehalTen w d Anmeldungen an Prof. Habs, Altstädtisches Krankenhaus, abgetanen ° T der „freien Vereinigung für Mikrobiologie soll in der Woche nach Pfingsten 1922 in Würzburg (Hygienisches Institut) stattfinden Als Referate sind in Aussicht genommen: 1. Desinfektion einschl. SwM« '!■ Theorie und Praxis Anmeldungen von Vorträgen werden bis zum 15. Mai 1922 an den bchritt tuhrei_erbeten.n^hste p Q r t b j i d u n g s k u r s für A e r z t e an d er Staatlichen Frauenklinik zu Dresden findet vom 3. .9. ^P_riljn19“en Nürnberger Fortbildungsvorträgen (Nr. 50, S. 1641) wird am 21. Januar statt Prof. v. N o o r d e n O.-R.-M.-R. Mayer sprechen. D_e yersammlung der Vereinig u in g n i e de r r heim sch- westfälischer Kinderärzte (vergl. d. Wschr. Nr. 1 S. 36) findet am 29. Januar (statt 22 Januar) statt. — Am 15. Januar beginnt in Saragossa ein Kongress für Unfall¬ heilkunde. T „ ' , — Pest Italien. In Catania wurden vom 17.— 19. Oktober v. J. 3 tödlich verlaufene Pestfälle bei Arbeitern einer Getreidemühle fes' gestellt; in Venedig erkrankte am 27. Oktober 1 Arbeiter einer Muhle. A.uf der Insel Rhodus wurden am 13. Oktober 3 Pesterkrankungen, davon 1 mit tödlichem Ausgang, angezeigt. — Peru. Vom 1.— 30. September 45 Erkrankungen (und 22 Todes¬ fälle). — Britisch Ostafrika. Vom 1. — 31. Juli v. J. 41 Erkrankungen und 30 Todesfälle in Uganda. ,,, . .„ 0A no — Fleckfieber. Deutsches Reich. In der Woche vom 18. 24. De¬ zember wurden 30 Erkrankungen gemeldet, davon im Flüchtlingslager Heils- berg (Reg.-Bez. Königsberg) 11, in Hamburg 1 und in Frankfurt a. O 18 (davon 17 bei Wolgadeutschen und 1 bei einer Krankenschwester). Nach¬ träglich wurden für die Zeit vom 4. — 10. Dezember noch 13 Erkrankungen bei Heimkehrern und Kriegsgefangenen mitgeteilt. In Frankfurt a O wurden bei einem am 6. Dezember eingetroffenen Transport von 386 Wolgadeutschen bis zum 17. Dezember insgesamt 241 Erkrankungen und 16 Todesfälle an Fleckfieber festgestellt. ,.tpn — In der 50. Jahreswoche, vom 11. bis 17. Dezember 1921, hatten von deutschen Städten über 100 000 Einwohner die grösste Sterblichkeit Augsburg mit 34,7, die geringste Neukölln mit 6,6 Todesfällen pro Jahr und 1000 Einwohner. , V° Wi-jt vY+Y — In der 51. Jahreswoche, vom 18. bis 24. Dezember 1921, hatten deutschen Städten über 100 000 Einwohner die „grösste Sterblichkeit von Stuttgart mit 32,1, die geringste Neukölln mit 9,3 und 1000 Einwohner. Todesfällen pro Jahr Vöff. R.-G.-A. Hochschulnachrichten. Berlin. Prof. Dr. Franz K e i b e 1 in Königsberg hat den Ruf aut den Lehrstuhl der allgemeinen Anatomie und Entwicklungslehre an der Universität Berlin als Nachfolger Oskar Hertwigs angenommen, (hk ) — Folgenden Privatdozenten wurde die Dienstbezeichnung „ausserordent¬ licher Professor“ verliehen: Dr. Ludwig F. Meyer (Kinderheilkunde), Dr Richard Weissenberg (Anatomie), Dr. med. et phil. Franz Hu b- otter (Chirurgie, Geschichte der Medizin), Dr. Alfred Güttich (Ohren-, Nasen- und Halsheilkunde), Dr. Maximilian W e i n g a e rt n e r (Nasen- und Kehlkopfheilkunde), Dr. Paul Jungmann (Innere Medizin), Dr Friedrich Munk (Innere Medizin), Dr. Hermann Z o n d e k (Innere Medizin), Dr. Arnt Kohlrausch (Physiologie), Dr. Georg Joachimoglu (Arzneimittel¬ lehre). Dr. Johannes Guggenheimer (Innere Medizin), Dr Bernhard Martin (Chirurgie), Dr. Hans Se eiert (Psychiatrie und Neurologie, Dr. Eugen Kisch (Chirurgie), Dr. Friedrich Brüning (Chirurgie), Dr Franz B 1 u m e n t h a 1 (Dermatologie), Dr. Otto K u f f 1 e r (Soziale Medizin), Dr. Alexander v. Lichtenberg (Chirurgie), Dr. Edgar Atzler (Physiologie), Dr. Franz S c h ü c k, Dr. Georg W alter höfer (Innere Medizin), (hk.) „ B .. Frankfurt. Dem Privatdozenten für innere Medizin, Dr.^ cmil R e i s s wurde die Dienstbezeichnung „ausserordentlicher Professor1 ver¬ liehen. (hk.) . , , . .... . , Giessen. Die Universität weist im laufenden Wintersemester 1910 immatrikulierte Studierende, davon 105 Studentinnen, auf. Die medi¬ zinische Fakultät zählt 318 Studierende. Mit den 285 Hörern, Hörerinnen und Hospitantinnen beträgt der Gesamtbesuch 2195. (hk.) Halle. Im laufenden Winterhalbjahr zählt die Universität 3221 immatri¬ kulierte Studierende, in der medizinischen Fakultät 571, davon 55 Studierende der Zahnheilkunde, (hk.) — Prof. Straub hat den Ruf nach Greifswald als Nachfolger von Prof. M o r a w i t z angenommen. Köln. Der Privatdozent für Anatomie Dr. med. Otto O e r t e 1 in Köln wurde zum Abteilungsvorsteher der Abt. für topographische Anatomie am pathologischen Institut der dortigen Universität ernannt, (hk.) Marburg Die Zahl der Studierenden betrug im Wintersemester 1921/1922 2250 (im S.-S. 1921 2488). davon 1971 Männer, 279 Frauen (im S.-S. 2175 und 313). Die medizinische Fakultät zählte 591 Männer und 51 Frauen (692 und 62). W U r z b u r g. Den Privatdozenten in der medizinischen Fakultät, Dr. Ernst L e u p o 1 d (Allg. Pathologie und pathol. Anatomie), Dr. Wilhelm Nonnenbruch (Innere Medizin), Dr. Walter V o g t (Anatomie) i und Dr. Georg Ganter (Innere Medizin), bisher in Greifswald, ist der Titel und Rang eines ausserordentlichen Professors verliehen worden. Zu° denf ^bereits erwähnten (d. Wschr. 1921, Nr 52 S 1688) Tode des Hygienikers Dr. Gärtner schreibt uns die im Seuchen- und Hunge gebiet "Kasan (Russland) tätige sanitäre Hilfsexpedition des Deutschen R KreUTiSeferschüttert melden wir den Verlust unseres Mitarbeiters .. des .Privat¬ dozenten der Hygiene an der Universität Kiel, Dr pWr°pilH schwere Fleck- in treuester Pflichterfüllung zog sich Gärtner eine schwere riech typhuserkrankung zu, der er trotz aufopferndster Pflege nach hinzugetretener Nephritis und Pneumonie am 13. Tage der Erkrankung >m San.tatszuge der Deutschen Hilfsexpedition am 10. Dezember 1921 erlag Wolfgang Gärtner war geboren am 26. Juni 1890 zu Jena Sohne des bekannten Hygienikers August G ä r tn e r In edler Begeisterung für seinen Spezialberuf meldete er sich im August 1921 sofort zur Hilfsexpedition für Russland und teilte seit 4 Monaten mit seinen Karnernden Freud und Leid. . . , ,, Wolf Gärtner fiel in unerschrockener Ausübung seines gefahrvollen BelUSein Name wird unter den Heroen der deutschen Aerzteschaft unver¬ gesslich bleiben. r. u 1 ^ s- In Berlin starb der frühere Direktor der Städtischen Irrenanstalt in Dalldorf, Geh. Med.-Rat Dr. Wilhelm Sander im 84. Lebensiah tr tand 45 Jahre im Dienste der Berliner städtischen Irrenpflege, um deren Organi¬ sation er sich grosse Verdienste erworben hat. (Berichtigung.) In der Arbeit des Prof. M “ 1 ’ 6 Einfluss der schwedischen Spannbeuge auf die Wirbelsäule in d wschr. 19-1 Nr. 47 sind Abb. 2 und 4 vertauscht worden. Die Unterschriften unter den Abbildungen stehen am richtigen Platze. Nr. 5187 a 1. Amtlicher Erlass. (Bayern.) Staatsministerium des Innern. 1. von Weihnachtsgabe für arme Arztwitwen in Bayern. 9. Gabenverzeichnis, zugleich Quittung. Verordnung über die Gebühren für ärztliche Dienst¬ leistungen bei Behörden. Im Hinblick auf die fortdauernde Teuerung werden zu den Gebühren für j ärztliche Dienstleistungen bei Behörden, Verordnung vom 17. November 1902 GVB1 S. 715\und deren Aniage, 4. August 1910, GVB1. S. 415 J geändert durch die Verordnung vom 14. August 1920, GVB1. S. 407, folgende Teuerungszuschläge gewährt. Die Sätze der Verordnung vom 17. November 1902 GVB1. S. 715. werden in § 3 Abs. 2 und 3 auf das Fünffache, in ö 11 Abs 2 aut das Vierfache erhöht. Die Vergütung des Vertreters eines Amtsarztes oder des Verwesers einer Amtsarztstelle bemisst sich nach § 9 Abs. 2 der Bek. vom 23. Januar 1912 über den bezirksärztlichen Dienst MAB1. S. 153, und § 8 Abs. 3 der Bek. vom 22. Marz 1915 über den landgerichtsärztlichen Dienst, MAB1. S. 45, IMAB1. S. 19, nach Massgabe der im Hinblick auf die Teuerung bestimmten Erhöhungen. Die entgegenstehenden Vorschriften des § 10 der Verordnung vom 17. November 1902 sind aufgehoben. Die Vergütungen nach der Gebührenordnung (Beilage zur Verordnung vom 17. November 1902) sind bei Ziff. 1, 4, 10 und 14 unter Zu¬ grundelegung des Sechsfachen, bei Ziff. 2, 3, 5, 6, 7, 8, 9, 12 und 13 unter Zugrundelegung des Vierfachen, bei Ziff. 11 unter Zugrundelegung des Zweifachen zu berechnen. Diese Verordnung tritt am 15. Januar 1922 in Kraft; die Verordnung 14. August 1920, GVB1. S. 407, tritt am 15. Januar 1922 ausser Geltung. München, 7. Januar 1922. gez. Dr. S c h w e y e r. Uebertrag: 59 717.75 M. und 1 Dollar. B e v e r - Kempten 25 M. — Robert Bing- Nürnberg 50 M. Hering- Bayreuth 30 M. — O.St.A. Meier- München 20 M. — Schreiner - Simbach 30 M. — Frau Hofrat Eisenreich - München 20 M. — H e i d - Tapfheim 30 M. — Ludw. Maier- Oberstaufen 20 M. — Öbermed.-Rat M a r z e 1 1 - München 10 M. — P r i m b s- Waldmünchen 40M — Resch - Bad Tölz 200 M. — Risshausen - Reisbach a. Vits 50 M _ Schiff ne r - Nürnberg 30 M. — S c h i f f n e r - Nürnberg (ab¬ gelehntes Honorar) 20 M. — Schnabelmaier - Dorfen 30 M. — Kassen- ärztl Abteilung des Bez.-Ver. Starnberg 50 M. — V e i t h, Kreisfürsorgearzt, Kinderheim Wöllershof 25 M. — D i e 1 1 e n - Neuendettelsau (abgelehntes Honorar des Herrn Dr. Jobst Krauss- Nürnberg) 50 M. — Eckhard- Inzell 50 M. — San.-Rat Strecker- Bad Brückenau 100 M. — San.-Rat Bergeat- München 50 M. — Bez.-Arzt Lauer- Schwabach 25 M. •— Mohr- Nürnberg 40 M. — W e i n b e r g e r - Gabersee .20 M. — Diel¬ mann - Schweinfurt 30 M. — Max Hönigsberger - München 50 M. — Wilh Pettenkof e r - München 100 M. — E. Z. in M„ auf Wunsch des Herrn Dr. Rascher- München 120 M. — Neresheimer - München 50 M. — Obermed.-Rat D e t z e 1 - Rockenhausen (Pfalz) 50 M. — Jäger- Geisenfeld 50 M. Summa: 61 182.75 M. und 1 Dollar. Ausserdem erhielten wir: Vom Aerzteverband Bad Tölz 2536 M.; vom Kassenärztlichen Verein Gemünden-Lohr 5000 M.; vorn Bezirksverein Hof (Lokalverband Wunsiedel-Naila-Selb) 1275 M. Allen Gebern besten Dank! Der Kassier der Witwenkasse: Dr. H o 1 1 e r b u s c h - Fürth. Druckfehlerberichtigung: Im letzten Gabenverzeichnis ist statt Herrn Kennerknecht Fr 1. Dr. Kennerknecht zu setzen. Verlag von J. F. Lehmann in München S.W. 2, Paul Heysestr. 26. — Druck von E. Mühlthaler’s Buch- und Kunstdruckerei, München. Preis der einzelnen Nummer 3. — Jt. • Bezugspreis in Deutschland • • • und Ausland siehe unten unter Bezugsbedingungen. • • • Anzeigenschluss immer 5 Arbeitstage vor Erscheinen. i • MÜNCHENER Zusendungen sind zu richten für die Schriftleitung: Amulfstr. 26 (Sprechstunden 8K— 1 Uhr) für Bezug: an], F. Lehmanns Verlag, Paul Heyse-'trasse 26, für Anzeigen: L. Waibel, Anzeigen-Verwaltung, Weinstr. 2/I1I. Medizinische Wochenschrift. ORGAN FÜR AMTLICHE UND PRAKTISCHE ÄRZTE. Nr. 3. 20. Januar 1922. Schriftleitung: Dr. B. Spatz, Arnulfstrasse 26. Verlag: J. F. Lehmann, Paul Heyse-Strasse 26. 69. Jahrgang. Der Verlag behält eich das ausschliessliche Eecbt der Vervielfältigung und Verbreitung der in dieser Zeitschrift zum Abdruck gelangenden Originalbeiträge vor. Originalien. Bemerkungen zur klinischen Diagnose der Entwicklungs- formen der menschlichen Tuberkulose. Von Dr. Karl Ernst Ranke. Es ist in dieser Wochenschrift schon mehrfach über die Möglichkeit berichtet worden, innerhalb des Formenkreises der menschlichen Tuberkulose verschiedene Entwicklungsstadien zu unterscheiden1). In den bisherigen Arbeiten ist, wie das für die eingehende Begründung einer neuen Auffassung notwendig, das pathologisch-anatomische Ver¬ halten in erster Linie berücksichtigt worden. Es ist daraus vielfach gefolgert worden, dass meine Auffassung im wesentlichen am Sezier¬ tisch entstanden sei, und dass für die Praxis das aufgefundene System deshalb noch lange nicht verwertbar zu sein brauche. Es liegt mir deshalb daran, festzusteFlen, dass der Gang der Entdeckungen gerade der umgekehrte gewesen ist. In der klinischen Beobachtung war ich an grossem Beobachtungsmaterial auf regelmässig wiederkehrende kli¬ nische Differenzen im Krankheitsbild der Tuberkulose gestossen, die sich unschwer von einander hatten unterscheiden lassen und die ihrer¬ seits erst die Veranlassung geworden sind, die gleichsinnigen Differenzen im pathologisch-anatomischen Substrat näher zu untersuchen, um auf diese Weise noch tiefer in das Wesen der Unterschiede einzudringen. Diese klinischen Differenzen haben sich mir in einem Zeitraum von nunmehr 10 Jahren als für die Diagnose mit voller Zuverlässigkeit ver¬ wendbar bewährt. Ich habe trotzdem bisher mit der Besprechung der klinischen Bilder gezögert, weil sie ungleich schwieriger treffend zu beschreiben sind als das zugehörige pathologisch-anatomische Struktur¬ bild, das neben der Beschreibung noch durch schematische Abbildung und Photographie unzweideutig gekennzeichnet werden kann. ln der Zwischenzeit sind schon mehrfach von anderer Seite ein¬ zelne Teilgruppen aus dem grossen Gebiete aufgegriffen und klinisch näher beschrieben worden. Die wichtigsten Differenzpunkte scheinen mir dabei noch nicht genügend he rausgeh oben worden zu sein. Auch in der Diskussion dieser Fragen mit zahlreichen Kollegen stellt sich dem Verständnis immer die Schwierigkeit in den Weg. dass für die Konzeption des allgemeinen Krankheitsbildes der Tuberkulose ihre Spätstadien allzusehr als grundlegendes Vorbild benützt werden. Das gilt namentlich für die leichten Formen der generalisierten Tuberku¬ lose, die so ungemein häufig sind, und deren richtige Beurteilung ge¬ rade für den praktischen Arzt von der allergrössten Bedeutung ist. Ich möchte deshalb versuchen, im folgenden die wichtigsten Gesichtspunkte für die klinische Diagnose der allergischen Entwicklungsformen der Tuberkulose kurz zusammenzufassen. Es ist selbstverständlich, dass dabei den pathologisch-anatomischen Schilderungen gegenüber nichts wesentlich Neues zutage treten, sondern dass es sich lediglich um die Erkennung der beschriebenen anatomischen Vorgänge am Lebenden handeln kann. Es hat sich gezeigt, dass für die Grundzüge der klinischen Bilder die Kombination von vier verschiedenen Ausbreitungsweisen der tuberkulösen Herderkrankungen im Körper unter sich und mit drei deutlich unterscheidbaren Reaktionsweisen des befallenen Organismus den Ausschlag geben. Als diese vier verschiedenen Ausbreitungs¬ weisen waren bezeichnet worden: 1. das Kontaktwachstum des Herdes, also das unmittelbare Fortschreiten der Erkrankung von Zelle zu Zelle innerhalb der Randzonen der Herderkrankung und 2. drei verschiedene Formen der Metastasierung und zwar die Verschleppung auf dem Lymphwege, diejenige innerhalb der Blutgefässe und schliesslich noch diejenige im Lumen aller sonstigen im Körper vorgebildeten Hohlräume und Röhrensysteme. Neben das Kontaktwachstum treten also die lymphogene, die hämatogene und die von mir als intrakanalikulär be- zeichnete Metastasierung. An Reaktionsweisen konnte eine primäre, mit der die Erkrankung beginnt von einer späteren sekundären mit ;iusgesprochen anaphylaktischen Zügen und eine dritte mit deutlichem Hervortreten einer eigenartigen Teilimmunität unterschieden werden. Da gerade diese letztere Unterscheidung der Reaktionsweisen und ihrer Strukturbilder — der histologischen Allergien — früher wenig beachtet und von mir erstmals näher beschrieben worden sind, so sollen sie auch hier jeweils bei der Schilderung der zugehörigen klinischen Bilder noch einmal charakterisiert werden. ) M.m.W. 1913: Die Tuberkulose der verschiedenen Lebensalter; 1914: Zur Diagnose der kindlichen Tuberkulose und 1917: Primäre, sekundäre und tertiäre Tuberkulose des Menschen. Für die Ausbreitlingsweisen gestaltet sich die Erkennung am Lebenden sehr einfach. Die Verschleppung auf dem Lymphwege führt ausser einer namentlich in der Lunge gelegentlich auf dem Röntgenbild erkennbaren Veränderung der Lymphgefässe selbst vor allem zu Drüsenerkrankungen. Es ist von Baumgarten mit Recht darauf hingewiesen worden, dass Lymphdrüsen auch hämatogen erkranken können. Das muss theoretisch zugegeben werden, kann aber schon pathologisch-anatomisch höchstens im Experiment einmal sicher nach¬ weisbar sein. Am Lebenden werden wir gut tun, eine Lympndrüsen- erkrankung praktisch als Zeichen einer lymphogenen Metastasierung zu betrachten. Ganz sicher ist das überall da, wo, wie so ungeheuer häufig in dem Frühstadium der Tuberkulose, sich in deutlicher Ab¬ hängigkeit von einem Organherd eine Erkrankung gerade der ihm regionären Drüsen eingestellt hat. Die hämatogene Metastasierung verrät sich ebenfalls unmittelbar durch den Sitz des Herdes. Ein Tuberkel in der Retina, in der Nebenniere, im Nierenparenchym oder sonst irgendwo an den zahlreichen Körperstellen, an die der Tuberkel¬ bazillus nur auf dem Blutwege hingelangen kann, wie im Knochen, in den Gelenken etc., ist überall da, wo Kontaktwachstum und intra¬ kanalikuläre Verschleppung nicht in Frage kommen können, eben hämatogen. Das gilt z. B. auch für die Mehrzahl aller Bindegewebs-, Knochen- und Gelenktuberkulosen. Die intrakanalikuläre Verschlep¬ pung endlich ist durch die gleichen Beziehungen des Herdes zu Drüsen¬ gängen, inklusive ihrer weiteren Ausführungswege, also dem Genital- trakt, dem Darmrohr, dem Bronchialbaum und ähnlichen Hohlräumen gegeben. Die klinischen Eigentümlichkeiten der vollausgesprochenen Haupt¬ formen sind in zahlreichen typischen Bildern dem praktischen Arzt seit langem geläufig. Ihre grossen klinischen Unterschiede haben von jeher zu einer Abtrennung der wichtigsten unter ihnen geführt. Das häufige Vorkommen von Zwischenformen hat aber die praktische Unter¬ scheidung solange für die wissenschaftliche Bearbeitung der ganzen Frage unbrauchbar gemacht, als es nicht gelungen war. in das eigent¬ liche Wesen des Unterschieds einzudringen. Dass eine tuberkulöse Erkrankung, die ausschliesslich die Lunge befällt, und hier in jahrzehntelangem Bestehen zu schwersten Zer¬ störungen und schliesslich zum Tode führt, ohne doch jemals auf andere Gebiete des Körpers überzugreifen, etwas anderes ist als die zahlreichen Tuberkulosen, bei denen in allen möglichen Organen und Geweben tuberkulöse Herde aufschiessen. das ist schon sehr lange Allgemeingut der ärztlichen Ueberzeugung. Erst die Entdeckung des Tuberkel¬ bazillus als einheitliche „Krankheitsursache“ hat ja die Vereinigung dieser Formen unter einem einheitlichen Krankheitsbegriff zur Folge ge¬ habt. Ein Einblick in das Wesen dieser Differenzen ist aber dadurch in hohem Grade erschwert worden, dass es neben diesen „isolierten Phthisen“ zahlreiche Fälle von Lungentuberkulose gibt, bei denen auch andere Organe mitergriffen sind. Das schien die Möglichkeit einer Ab¬ trennung einheitlicher Krankheitsbilder aus dem vielgestaltigen Ganzen auszuschliessen, während doch wieder im ärztlichen Bewusstsein Lungenschwindsucht und allgemeine Tuberkulose dauernd als Gegen¬ sätze empfunden wurden. Der wichtigste Schritt zur Lösung der Hauptschwierigkeit scheint mir in dem Augenblick getan, in dem wir bei der Beurteilung einer | tuberkulösen menschlichen Erkrankung den Blick nicht mehr auf das befallene Organ oder Organsystem’, sondern auf das Gesamtbild der Erkrankung des Gesamtorganismus richten. Wir werden also nicht mehr von Drüsentuberkulosen, Knochen- und Gelenk¬ tuberkulosen, oder von Weichteil’-, Haut- und Lungentuberkulose sprechen, sondern wir werden zunächst vollkommen davon absehen müssen, welches Organ von der Krankheit ergriffen ist Es wird sich zunächst ausschliesslich darum handeln, festzustellen, welche Aus¬ breitungsweisen der Tuberkulose im Körper sich aus den Krankheits- erscheinungen zu erkennen geben und auf welche Weise der befallene Körper gegen die Krankheit reagiert. Es bedarf also, wie schon erwähnt, für die klinische Erkennung der Entwicklungsformen keiner neuen Gesichtspunkte. Es genügen die pathologisch-anatomisch gewonnenen Teilvorgänge, und die Art ihrer Zusammenstellung zu einem Gesamtbild der Erkrankung. Es ergeben sich damit mehrere wohldefinierte und leichtkenntliche Krankheitsbilder. Wir gewinnen aber auch Richtlinien, nach denen sich uns eine Be¬ urteilung der wesentlichen Eigenschaften auch der ganz atypischen Tuberkulosen ermöglicht. Besonders wichtig ist, dass sich die sog. . konstitutionellen Eigentümlichkeiten nun mit viel grösserer Deutlichkeit ! von einem breiten gleichmässigen Grunde abheben können und sich uns 70 MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT. Nr. 3. die Aussicht eröffnet, auch noch innerhalb der rätselvollen Sammel¬ begriffe Konstitution und Disposition erkennbare Einzelvorgänge auf- zufinden. _ Beginnen wir mit der isolierten primären Tuberkulose, so treffen wir auf eine Reihe von Eigentümlichkeiten, die sie in gewissem Sinne neben den luetischen Primäraffekt stellen. Wie bei diesem neben der Initialsklerose die indolenten Bubonen zur Diagnose notwendig sind, so ist beim tuberkulösen Primärkomplex die Zusammensetzung aus Primärherd und regionären Drüsenveränderungen das Massgebende. Der Primärherd pflegt sehr klein zu sein. Er kann vor allem in der Lunge, zweifellos aber auch in den übrigen erst¬ infizierten Organen mehrfach vorhanden sein. Die Infektion kann ferner auch in mehreren Organen zugleich Fuss fassen. Der Primär¬ herd selbst entzieht sich infolge des Fehlens einer intensiven peri¬ fokalen Entzündung im allgemeinen zunächst dem Nachweis, wenn es sich nicht um Haut- oder Schleimhautinfektionen von nicht zu gering¬ fügigem Grade und an für die Erkennung günstig gelegenem Orte handelt. Wichtig für die Erkennung des Primärkomplexes ist dagegen die Tatsache, dass die Drüsenveränderungen an Masse den Primäraffekt stets beträchtlich übertreffen. Dadurch wird die Drüsen¬ erkrankung der leichter erkennbareT eil desPrimär - komplexes. Das trifft besonders dann zu, wenn die Drüsen der Be¬ tastung und Betrachtung mehr oder weniger direkt zugänglich sind. Das sind also in allererster Linie die verschiedenen Drüsengruppen des Halses, in zweiter Linie diejenigen der Extremitäten^ inkl. der Axillar- und Inguinaldrüsen; seit der Entdeckung der Röntgenstrahlen auch die Lungenwurzeldrüscn, während bei den peritonealen Lymph- drüsen meist erst beträchtliche Schwellungen oder Verkalkungen nach¬ weisbar werden. Die typische Form der Heilung eines zunächst makroskopisch isoliert bleibenden Primärkomplexes mit seiner Verkalkung macht ihn für die Erkennung auf dem Röntgenschirm noch ganz besonders geeignet. Kalkherde in Hilusdrüsen und im Lungengewebe sind seit der Vervoll¬ kommnung der Durchleuchtungstechnik heute ein alltäglicher Befund geworden. Sie sind mit verschwindenden Ausnahmen als Reste tuber¬ kulöser Primärkomplexe anzusehen. Wo der Primärkomplex isoliert bleibt, handelt es sich stets um „leichte“ Erkrankungen. Seine Erkennung, die gewöhnlich erst in oder nach der Abheilung erfolgt bringt uns deshalb meist wenig oder keine Anhaltspunkte für die Einleitung irgendeiner Behandlung. Von viel grösserer praktischer Bedeutung ist die Erkennung der Frühformen der generalisierenden Tuberkulose. Hier handelt es sich nicht mehr um eine lokale Veränderung, sondern um eine sehr ausgesprochene All¬ gemeinerkrankung. Das wichtigste Kennzeichen sind die Spuren hämatogener Disseminationen. Sie gehen ausnahmslos Hand in Hand mit toxischen Wirkungen, sei es, dass die Bazillen selbst erst im Organismus verarbeitet werden, oder, was ja stets unvermeidlich ist, dass ausser den Bazillen auch toxische Substanzen aus den bestehenden Herden in die Zirkulation geraten. In den leichtesten Formen setzt sich das Bild einer beginnenden chronisch generalisierenden Tuberkulose zusammen aus einem nachweisbaren Primärkomplex, der diesmal sich mit einer entzündlichen perifokalen Zone umgibt und einer Allgemein¬ erkrankung, die neben ganz allgemeinen Erscheinungen, wie Gewichts¬ abnahme, Störungen des Wohlbefindens, des Gewebsturgors und der Körpertemperatur noch mehr oder weniger direkte Spuren der hämato¬ genen Aussaat erkennen lässt. Als solche sind neben dem Neuauf¬ treten dauernderer hämatogener Herderkrankungen vor allem die Tuberkulide und die Phlyktänen zu nennen. Eine ganz leichte Erkrankung der Art wird etwa unter dem fol¬ genden Bild verlaufen: Ein gesund erscheinendes Kind zeigt eine positive Tuberkulin¬ hautreaktion. Bei sorgfältiger täglicher Beobachtung lässt sich nun in wechselnder Reihenfolge das schubweise Auftreten von vielleicht nur ganz vereinzelten Tuberkuliden, sowie von Drüsenschwellungen fest- steilen. Die letzteren sind ausserhalb dieser Schubzeiten gewöhnlich stabil, offensichtlich reizlos. Bei sorgfältiger Beobachtung des Kindes zeigt sich aber, dass diese Drüsen gelegentlich anschwellen, schmerz¬ haft werden und dann nicht mehr so scharf für den tastenden Finger von der Umgebung abgegrenzt sind. Die Temperaturmessung verrät, dass diese Attacken in der Regel mit Fieber einsetzen und mehr oder weniger lang von ihm auch begleitet sind. Durchsucht man nun die Haut, so finden sich auch gerade in diesen Zeiten nicht selten Tuberku¬ lide ?). Nach einigen Tagen, in den leichten Fällen spätestens nach einigen Wochen, ist alles abgeklungen. Die Schmerzhaftigkeit der Drüse ist verschwunden. Die Drüse selbst bleibt im ungünstigen Falle über den früheren Stand hinaus vergrössert, im günstigen bildet sie sich zurück auf ihr früheres Volumen oder auch unter dasselbe. Aus der unscharfen Begrenzung der Drüse, die zusammen mit der Schmerz¬ haftigkeit als Folge einer Randreaktion eines tuberkulösen Herdes nach dem Typus der 2. Allergieform, d. h. also als akute perifokale Ent¬ zündung aufzufassen ist, entwickelt sich nun eine mehr oder weniger *) Dieses Bild des akuten Anfalls ist meines Wissens erstmals beschrieben worden von Ibrahim in: Prognose der tuberkulösen Infektion im frühen Säuglingsalter. Beitr. z. Klin. d. Tuberk. 21, Heft 2. deutliche bindegewebige Fixierung der nun schmerzlosen Drüse an ihre Umgebung. , . . „ , _ , So verliert die Drüse allmählich ihre frühere rundliche Kontur, sie verhärtet undwird mitder Um¬ gebung verlötet drei für die Diagnose einer ab¬ heilenden tuberkulösen Drüsenveränderung ganz besonders charakteristische Symptome. Im Gegensatz dazu sind die drei vorgenannten Erscheinungen: die entzündliche Re¬ aktion in der Drüse und ihrer unmittelbaren Umgebung, das Fieber und das Auftreten von Tuberkuliden oder Phlyktänen als Zeichen eines akuten Zwischenspiels einer aktiven, wenn auch chronischen, generali¬ sierenden Tuberkulose anzusehen. Wo Tuberkulide vorhanden sind, steht es fest, dass es sich dabei um den klinischen Ausdruck einer Re¬ aktion auf einen Einbruch von Virus in ungelöstem oder doch nur kolloidalem Zustand in die Blutbahn handelt. Je schwerer die Erkrankung ist um so deutlicher werden die Er¬ scheinungen, die krankhaften Veränderungen immer sinnfälliger, die Herd- und Herdrandreaktionen immer stürmischer, während die ge¬ setzten Einzelherde immer weiter wachsen. Dabei ist daran festzu¬ halten, dass die anaphylaktische Randreaktion ein Ausdruck eines energischen Kampfes ist, also auch starke Abwehrkräfte erschlossen lässt. Gelingt es dem Körper, die hämatogenen Disseminationen so weit zu beherrschen, dass eine allgemeine Miliartuberkulose nicht auf- kommen kann, so entsteht das jedem Praktiker bekannte Bild der multiplen Drüsen-, Knochen- und Weichteiltuberkulose, mit ihren aus¬ gedehnten Einschmelzungen und Vereiterungen. Die hochgradige spe¬ zifische Ueberempfindlichkeit kann nun das Krankheitsbild beherrschen. Wir haben dann die „skrofulöse“ Form der generalisierenden Tuber¬ kulose vor uns. Es ist erstaunlich, welche ungeheueren entzündlichen Verände¬ rungen in diesem Stadium noch einer vollkommenen Heilung zugängig sind. Das ist der Formenkreis, in dem die Sonnenbehandlung, vor allem im Hochgebirge, ihre verblüffendsten Erfolge zeitigt. Jeder kennt aus den Veröffentlichungen von Rolli er, Bäcker u. a. die Bilder von Kindern in jämmerlichstem Ernährungszustand und mit verkrüppelten Gliedmassen, aus denen unter der Einwirkung der Sonnenbehandlung blühende gesunde Geschöpfe wurden, die aller ihrer Glieder mächtig sind und nur mehr in zahlreichen, wenig störenden Narben die Spuren des furchtbaren Kampfes tragen, den sie siegreich bestanden haben. Jeder kennt aber auch die traurigen Endstadien, in denen nach oft jahre¬ langem, erstaunlich hartnäckigem Kampf der Organismus schliesslich doch noch sehr häufig unter dem Bild der Miliartuberkulose — aber auch dem der Erschöpfung und des Amyloids — erliegt. Zwischen diesen beiden Extremen liegt das weite Feld derjenigen Erkrankungen, in denen weder der Parasit noch der Organismus zu einem endgültigen Siege gelangen. Für die Erkennung des chronisch-aktiven Primärkomplexes in der Lunge spielt die streng lokalisierte Bronchitis in dem Abflussgebiet zwischen Herd und Lungenwurzel eine Hauptrolle. Bei jahrelangem Bestehen derselben — wie es die meisten abheilenden chronischen Fälle charakterisiert — wird der befallene Bronchus von Bindegewebs- massen schliesslich geradezu erwürgt. Die Schleimhaut atrophiert bis auf geringfügige Reste. Es entsteht so ein vergleichsweise sehr wenig elastischer Strang mit grosser Neigung zur zentripetalen Retraktion. Da ähnliche Vorgänge auch um die Blutgefässe herum stattfinden, hier allerdings meist ohne die Durchgängigkeit des Blutgefässes zu alterieren. so entsteht ein Strangsystem in dem von Toxin durchflossenen Lymph- gefässgebiet, das den befallenen Lungenteil dauernd verändert Diese Stränge sind also Bindegewebswucherungen, ausgehend von den Lymph- scheiden um Gefässe und Bronchien und sind zum weitaus grössten Teil als Wirkung der Virusdurchströmung bei bestehender histologischer Gift¬ überempfindlichkeit aufzufassen. Nur ein ganz geringer Teil der Ver¬ änderungen besteht aus echten Tuberkeln, verdankt also seine Aus¬ bildung der Ansiedlung einer bazillären Einzelkolonie. Diese Stränge sind zunächst auf dem Röntgenbild gefunden worden, auf dem sie ja auch ganz besonders in die Augen fallen. Die Ver¬ änderung in der Lunge macht aber auch auskultatorisch und per¬ kutorisch häufig sehr merkbare Erscheinungen : leichte Dämpfungen, oft mit tympanitischem Beiklang infolge der Entspannung, Nachschleppen bei der Atmung, chronische, mehr oder weniger streng lokalisierte Bronchitis und nicht selten auch rauhes und leises Atmen des von den chronisch veränderten Bronchien versorgten Lungengewebes. Wer die schweren Veränderungen derartiger Bronchien gesehen hat, begreift dass die von ihnen versorgten Lungen¬ gebiete teilweise oder ganz atelektatisch werden müssen. Die vollen Atelektasen beschränken sich dabei gewöhnlich auf kleinere Einzel¬ gebiete, während die Entspannung und relative Luftleere je nach der Aus¬ dehnung des Primärkomplexes auch recht beträchtliche Partien eines Lungenlappens befallen kann. Tritt nun im Krankheitsablauf, wie bei der fortschreitenden Tuber¬ kulose in der Regel, eine schubweise Verschlimmerung auf, an der sich derartige veränderte Lungenpartien beteiligen, so müssen notwendig alle diese Erscheinungen sehr wesentlich verstärkt werden. Bei starker seröser, entzündlicher Durchtränkung des ganzen Gebiets und ver¬ mehrter Sekretion in den befallenen Bronchien müssen die Erschei¬ nungen die Diagnose einer akuten Bronchopneumonie sehr nahelegen, um so mehr, als das Allgemeinbefinden mit seiner schweren Störung und dem oft sehr hohen Fieber in der gleichen Richtung zu deuten scheint. Da das Ganze bei einem offensichtlich schwer tuberkulösen Kranxen auftritt, so macht der Arzt sich und die Angehörigen auf das Aeusserste 1 20. Januar 1922. MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT. 71 gefasst und ist dann von dem nahezu völligen Verschwinden der alar¬ mierenden Erscheinungen bei Abklingen der Reaktion überrascht und desavouiert. Ganz ähnlich liegen die Erscheinungen bei den, sei es nun hämatogen, lymphogen oder intrakanalikulär entstandenen sekundären Manifestationen. Auch hier stehen die Erscheinungen einer geweb¬ lichen Allergie exsudativen Charakters durchaus im Vordergrund, nur ist alles noch gröber, noch sinnfälliger, die anatomischen Zerstörungen viel weitgehender, die Krankheitserscheinungen noch schwerer und bedrohlicher. Infiltrationen und Einschmelzungen irreparabler Art fangen an, im Krankheitsbild eine beherrschende Rolle zu spielen. Neue Formen treten erst auf, wenn sich die Reaktionsweise des Organismus noch einmal verändert. Je weiter der allergische Entwicklungsgang der Erkrankung fort- i schreitet, desto mehr tritt die histologische Ueberempfindlichkeit ; (Allergie II) und mit ihr bei der Tuberkulinanwendung die Stich¬ reaktion gegen die Bazillenstoffe und das „Tuberkulin“ in den Hintergrund. Das macht sich auch in den klinischen Krankheitszeichen bemerkbar. Ueberall wird die Natur des Kampfes zwischen Organismus und Parasit verändert. Der Bewegungskampf und mit ihm die Meta¬ stasen treten auffallend zurück. Auch die gewaltigen Sturmangriffe der ■ ersten Kampfzeit flauen immer mehr und mehr ab. An die Stelle der mächtigen aktiv entzündlichen Randzone mit ihrer starken ödematösen Durchtränkung und den ungeheuren Lymphozytenansammlungen, zu¬ gleich aber auch dem massenhaften Untergang weisser Blutzellen in weitausgedehnten, von feinem Kernschutt erfüllten Leichenfeldern, tritt ein immer mehr versumpfender Grabenkrieg, ein Abriegeln der im Angriff nicht mehr bewältigbaren feindlichen Positionen. Damit uitt der eigentliche tuberkulöse Herd in den Krankheitserscheinungen immer mehr in den Vordergrund. Besonders deutlich ist das in der Lunge, in der sich das Spät¬ stadium der Tuberkulose so besonders gern festsetzt, dass die isolierte Phthise, die Lungentuberkulose ohne humorale Metastasen, als ihr Prototyp angesehen werden muss. Es treten nicht nur keine humoralen Metastasen mehr auf, sondern es liegt in der reinen Form der tuber¬ kulöse Herd auch in einer vergleichsweise wenig veränderten Um¬ gebung. Die chronisch-pneumonischen Herderscheinungen werden dauernd und stehen ganz im Vordergrund des klinischen Bildes. Sie bleiben lokalisiert und sind nicht mehr von so weitreichenden chronisch- bronchitischen Erscheinungen der näheren oder ferneren Uihgebung begleitet. Man kann oft direkt neben einem grösseren tertiär-tuberku¬ lösen Lungenherd klares Vesikuläratmen aus vollkommen reizfreiem, alveolär gebauten Gewebe hören und das gleiche auch auf dem Sek¬ tionstisch zu sehen bekommen. Dazu ist es nicht unbedingt notwendig, dass ein solcher Herd bindegewebig abgekapselt ist. Das krankhafte Geschehen spielt sich nun für die klinische Be¬ obachtung also vorwiegend im Herde selbst ab. So ist das „Trocken¬ werden der Herde“ und das Zurücktreten frischer Entzündungserschei¬ nungen im Herde selbst auch klinisch das wichtigste Zeichen dafür, dass der Kampf sich, wenigstens momentan, zu gunsten des Organismus ge¬ wendet hat. Umgekehrt ist das Auftreten einer entzündlichen Reizung im Herde — - auskultatorisch also Zunahme der Sekretion, das Feuchter¬ und Zahireicherwerden der Geräusche — nicht mehr als einfache, viel¬ leicht heilsame Randreaktion, sondern meist als Zeichen eines Fort- schreitens der Erkrankung zu bewerten. Bei allen diesen Veränderungen des tertiären Befundes ist aber charakteristisch, dass sie im allgemeinen sehr langsam erfolgen und im Vergleich zu den Aenderungen des zweiten Stadiums geringfügiger sind, dass eine Rückbildung in so weitgehendem Masse wie bei den rein reaktiven Veränderungen der generalisierenden Tuberkulose nie¬ mals vorkommt, eben weil das tuberkulös zerstörte Gewebe selbst hier die augenfälligsten klinischen Erscheinungen verursacht. Die vor¬ wiegende Heilungsform ist nun nicht mehr die Verkalkung wie beim Primärkomplex oder eine rasche Einschmelzung und damit eventuell Ausstossung oder Resorption des Herdes, wie bei den typisch sekun¬ dären Herden, sondern die Abkapselung und bindegewebige Vernarbung. In der Lunge allerdings, in der die Krankheit ein sehr zartes zer¬ störungsfähiges Gewebe befällt, bleiben Einschmelzungen noch lange möglich. Sie scheinen hier zum Teil unter dem Einfluss von Misch¬ infektionen zustande zu kommen, wie das auch für die akut-pneumo¬ nischen Erkrankungen der voll entwickelten tertiären Form die Regel ist. Bei dem dauernden Zusammenhang zahlreicher Lungenherde mit der Aussenwelt, ist eine Mischinfektion auf die Dauer ebenso unver¬ meidbar, wie bei der Darmtuberkulose. Es ist aber stets daran fest¬ zuhalten, dass die Verflüssigung des tuberkulösen Produktes auch in den Spätformen der Tuberkulose nur z u r ü c k t r i 1 1 und seltener wird, nicht aber vollkommen ausbleibt. Da die tertiären Tuberkulosen in einem vergleichsweise hochgradig immunen Körper liegen und sich ausbreiten müssen, ist es selbstver¬ ständlich, dass gerade sie zu ihrem Zustandekommen lokal oder all¬ gemein günstiger Nebenbedingungen bedürfen. Im allgemeinen gilt die Regel, dass je „schwerer“ die Infektion, um so rascher der Verlauf der üesamterkrankung ist und um so geringfügiger der Einfluss von Organ¬ disposition und Konstitution1, die beide für den Verlauf und ganz be¬ sonders für die Entstadien der ganz chronischen Formen geradezu aus- , schlaggebend sind. Es verdient beachtet zu werden, dass die echt tertiären Erkran¬ kungen so gut wie ausschliesslich in der Lunge, also in einem der Infektion von aussen gegenüber ganz besonders empfänglichen Organ Nr. 3. beobachtet werden. Abgesehen von der Lungentuberkulose, den Haut¬ tuberkulosen, der Darmtuberkulose entstehen alle übrigen Organ¬ tuberkulosen notwendig hämatogen oder doch auf dem Zirkulations¬ wege. So häufig nun die Inhalationstuberkulose der Lunge ist, so gibt es selbstverständlich doch auch zahlreiche hämatogen entstehende Lungentuberkulosen. Ihr Prototyp ist aber die Miliartuberkulose, wo¬ bei nicht nur die ganz akuten allgemeinen Miliar¬ tuberkulosen im Auge behalten werden dürfen. Wir finden in der Lunge neben multiplen kleinknotigen und den subakuten grossknotigen auch ganz chronische, weniger ausgebreitete hämatogene Tuberkulosen. Eine sehr auffällige Eigenart mancher nicht unmittelbar das ganze Organ befallender, aber doch schwerer, fortschreitender hämatogener Lungentuberkulosen ist das vorwiegende Befallen de¬ zentralen Partien. Zahlreiche kleinknotige Herde im hilusnahen Lungen¬ gewebe sind deshalb meist der röntgenologische Ausdruck einer ganz besonders gefährlichen Form des Beginnes in der Lunge. Die Inhalationstuberkulose ist in ihrer typischsten Form durch den Primärkomplex vertreten. Viel verwickelter ist der Ablauf im schon früher infizierten, mehr oder weniger immunen Individuum. Hier treten die Hiluserscheinungen mit der ausbleibenden lymphogenen Ver¬ breitung und ebenso die perifokale Bronchitis sehr stark in den Hinter¬ grund. Die Ausbreitung geschieht von vornherein vorwiegend intra- bronchial und richtet sich gerade in diesen Fällen in der bekannten typischen Weise spitzenwärts. Hier gilt also das allgemein aus¬ gesprochene Gesetz noch einmal im besonderen innerhalb der Lunge, dass in den tertiären Formen die Lokaldisposition zu einem ausschlag¬ gebenden Faktor wird. Ganz besonders eindrucksvoll wird der Unterschied, der hier für die Lungentuberkulosen kurz skizziert wurde, bei den beiden Hauptformen der Kehlkopftuberkulose, der typischen Kehlkopfphthise als Teil¬ erscheinung einer isolierten tertiären Lungenerkrankung und der durchaus nicht ganz seltenen primären Kehlkopf- und Trachealtuberku- lose. Im ersteren Falle steht der eigentliche Krankheitsherd durchaus im Mittelpunkt des krankhaften Geschehens. Sein Sitz, seine Grösse, seine Beschaffenheit verursachen unmittelbar als solche die krankhaften Erscheinungen. Hustenreiz, Heiserkeit, Schluckbeschwerden sind die wichtigsten Kennzeichen. Auch der Druckschmerz beim Umgreifen des Kehlkopfes und der ausstrahlende Schmerz in die Ohrtrompeten und das Mittelohr gehören zu solchen direkten Herdsymptomen. Eine Erkrankung in den regionären Drüsen fehlt aber oder ist auf das eben noch erkennbare Minimum der typischen abortiven Metastasen beschränkt. Ganz anders ist es bei den primären und frühsekundären derartigen Er¬ krankungen. Hier treten die Erscheinungen der Kehlkopferkrantumg als solche nicht selten geradezu in den Hintergrund, während die oft un¬ geheuren Drüsenpakete zu beiden Seiten des Halses und eventuell auch die Folgen einer schweren hämatogenen Aussaat mit ihrem Bild einer schwersten infektiösen Gesamterkrankung durchaus im Vordergrund stehen. Für den Praktiker ist es wichtig, dass die Reaktionsweise der ver¬ schiedenen Entwicklungsformen der Tuberkulose auch dem Tuberkulin gegenüber die gleichen Grundzüge wieder erkennen lässt, hier sogar sie ganz besonders deutlich zeigt. Die frühsekundären Tuberkulosen zeigen bei kräftiger Gegenwirkung des befallenen Körpers eine sehr hohe Alt- tuberkulinempfindlichkeit in der Form der Stichreaktion. Ausgedehnte sehr schmerzhafte Infiltrate mit erysipelatöser Rötung der darüber liegenden Haut in noch grösserem Umfang, auch Blasenbildung in der¬ selben, sind hier das Gewöhnliche. Ich habe in einem solchen Fall auf 0,3 mg Alttuberkulin eine Schwellung und erysipelatöse Rötung des ganzen Armes von den Fingerspitzen bis über das Schultergelenk hinaus beobuentet, die jede Bewegung des Armes unmöglich machte und auch nach 3 Wochen noch nicht vollkommen abgeklungen war. Dieselbe Kranke zeigte bei einer ca. 34 Jahr späteren Wiederholung noch auf ein Millionstel Milligramm eine starke Stichreaktion. Als sie 6 Jahre später mit dem Beginn einer tertiären Lungentuberkulose wieder vorübergehend zur Beobachtung kam. wurde zwar die Tuber¬ kulininjektion in Erinnerung an die früheren Erlebnisse verweigert, aber eine Hautimpfung nach Ponndorf gestattet*. Dieselbe wurde mit purem Alttuberkulin vorgenommen und ergab trotzdem nur eine massige Rötung und Schwellung der Impfschnittränder ohne wesent¬ lichen Hof Dabei war die Kranke aber nicht anergisch, denn sie über¬ wand die neue Attacke, der Krankheit in wenigen Wochen. Bei der echten Phthise, dem Prototyp der tertiären Lungenerkran¬ kung, tritt nun regelmässig die Stichreaktion, d. h. also der Ausdruck der allgemeinen geweblichen Anaphylaxie in den Hintergrund, während die Reaktionsformen, die bei der sekundären Tuberkulose zurücktreten, nun überwiegen. So hatte die oben erwähnte Kranke in der Zeit der ungeheueren Stichreaktion eine Temperatursteigerung, die nicht höher als 37,4 in recto im Maximum an den 3 Tagen nach der Einspritzung kam. Allerdings war die Temperatur vor der Injektion und nach den 3 Reaktionstagen nicht höher als 36,9 im Maximum gewesen. Die Allgemeinerscheinungen wurden von ihr mit dem Gefühl einer leichten Influenza beschrieben, lassen sich also auch nicht annähernd mit dem Grad der Stichreaktion vergleichen. Bei der echten Phthise sehen wir zwar Giftempfindlichkeit ganz ähnlichen Grades, aber veränderten Typs. Ein Millionstel Milligramm Alttuberkulin kann jetzt eine deutliche Fieberreaktion und eine dem Kranken sehr schwer fühlbare Allgemein¬ reaktion auslösen, während von einer Stichreaktion dabei vielleicht überhaupt nichts gesehen werden kann. Es ergibt sich daraus, dass nicht die Giftüberempfindlichkeit schlechthin die generalisierenden 3 72 MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT. Nr. 3. tuberkulösen Formen charakterisiert, sondern gerade die histologische Allergie nach dem sekundären Typ, die uns als akute exsudative Ent¬ zündung unmittelbar an der Stelle der Einverleibung des üiftes en ¬ gegentritt, dieses hier iesthält, lokalisiert, vielleicht absattigt. Damit , wird es wahrscheinlich, dass die Tuberkulintherapie sich diesen Ver¬ hältnissen anpassen und davon vielleicht auch einigen Vorteil tur di Behandlung ziehen kann. _ _ Verfolgen wir diesen Unterschied in der Reaktionsweise gegenüber dem Alttuberkulin noch etwas weiter, so sehen wir, dass die starke Stichreaktion der sekundären Formen sich vollkommen innerhalb des Kreises der als Anaphylaxie beschriebenen Erscheinungen halt. Die Re¬ aktion ist eine allgemein entzündliche. Man kann ihr hei der ausseren Betrachtung nicht ohne weiteres ansehen, mit welchem Stott sie aua- gelöst wurde. Erst die mikroskopische Untersuchung wurde unter Um¬ ständen den typischen histologischen Bau einer tuberkulösen Gewebs¬ veränderung im Zentrum des künstlichen Herdes nachweisen können. Im Gegensatz dazu verrät die Wirkung kleinster Tuberkulinmengen bei den schweren fortschreitenden tertiären Lungentuberkulosen eine aul¬ fallende Aehnlichkeit mit der von Behring entdeckten spezifischen Giftüberempfindlichkeit hochimmunisierter Tiere gegen das zur Immuni¬ sierung verwendete Toxin (Diphtherie und Tetanus). Es darf deshalb wohl nicht als Zufall angesehen werden, dass die Verstärkung der mehr oder weniger spezifisch tuberkulotoxischen Wirkungen gerade beim Phthisiker, also ebenfalls wieder dem Träger einer nachweisbaren weit¬ gehenden Immunität, angetroffen wird. Wir gewinnen von hier aus einen Ausblick auf Verständnismöglichkeiten für das rätselvolle Krank¬ heitsbild der isolierten Phthise, die mir heute sehr weitreichend er¬ scheinen wollen, und zweifellos auch für die Praxis verwertbar gemacht werden können. Schliesslich sei nicht unerwähnt, dass es sich auch bei der Tetanus- und Diphtherieimmunität nicht um eine vollständige und vollkommene, sondern um eine Teilimmunität — hier gegen ein echtes Toxin — handelt. Wir werden daraus den Schluss ziehen, dass es auch in bezug auf die Immunität noch allerhand Dinge zwischen Himmel und Erde gibt, die wir nicht vorschnell als ausreichend bekannt ansehen dürfen. Auch die Immunität ist, wie jede grosse wissenschaftliche Intuition ein antizipierter Begriff, zunächst nur in der allgemeinsten Fassung berechtigt, im Detail aber nur auf Probe bis zur Bewahrung unserer jeweiligen Vorstellungen an der Erfahrung aufgestellt. Bleiben wir also auch für unser spezielles Forschungsgebiet des schönen Satzes von Karl Ernst v. Baer eingedenk: „Die Wissen¬ schaft ist ewig in ihrem Quell, unermesslich in ihr e.m Umfang, endlos in ihrer Aufgabe, unerreichbar in ihrem Ziele.“ _ Aus der II. medizinischen Klinik der Charitee Berlin. (Direktor: Geheimrat Prof. Dr. Kraus.) Die Behandlung der Lungentuberkulose durch Anregung des Kreislaufs. (Mit einer Bemerkung über Eukupin.) Von W. Arnoldi, Assistent der Klinik. Im Jahre 1892 berichtete Bruno Alexander über die Behandlung der Lungentuberkulose mit subkutanen Kampferinjektionen. Fast zu gleicher Zeit teilten auch Huchard und Faure-Miller günstige Ergebnisse dieser Behandlungsmethode mit Alexander ging in fol¬ gender Weise vor: An 4 aufeinanderfolgenden Tagen wird 1 ccm Oleum cbmphoratum mite injiziert. Dieser Turnus wird mehrfach, mit 8 bis 10 tägigen Zwischenpausen wiederholt. Das gilt für fieberfreie Kranke, bei Temperaturerhöhung gibt man dagegen nur 0,1 ccm im Anfang, und wenn diese Dosis gut vertragen wird, späterhin mehr. Die besten Erfolge sah der Autor bei älteren Fällen von Phthise mit Kavernen. Aus¬ drücklich wird betont, dass nicht immer die Wirkung eine günstige war und zuweilen Misserfolge, ja sogar Verschlimmerungen vorkamen Es handelt sich also durchaus nicht um ein unbedingt harmloses Verfahren, und zu seiner Anwendung ist eine genügende klinische Erfahrung not¬ wendig. In geeigneten Fällen schwinden nach Alexander Nacht- schweisse, Auswurf, Fieber, hebt sich der Appetit, und die Leistungs¬ fähigkeit, sowie auch das Aussehen werden gebessert. Hämoptoe bil¬ dete keine Kontraindikation, eine Angabe, der später v. Criegern widerspricht in seinem Bericht über die Erfahrungen mit der Kampfer¬ behandlung in der Klinik von Hoff mann in Leipzig. Hier fand man keinen Einfluss bei unkomplizierter Tuberkulose. Bei älteren Fällen dagegen mit Kavernen erwies sich der Kampfer unbedingt als nützlich. Unter der Behandlung stieg der Blutdruck; auf die Atemnot, den Husten¬ reiz die Schmerzen und mitunter auch den Schlaf wirkte der Kampfer nicht förderlich ein, wohl aber auf die Arbeitslust, die Leistungsfähigkeit, die Nachtschweisse und den Auswurf. Nach jahrelangem Gebrauch lässt die Wirkung nach. Als ich vor 3 Jahren, ebenso zufällig wie Alexander, und ohne seine Arbeiten zu kennen, die Kampferbehandlung aufgriff, machte ich bald die gleichen Erfahrungen wie dieser Autor. Der erste Kranke war ein Mann von 33 Jahren mit ausgedehnter Tuber¬ kulose beider Lungen (Röntgenplatte), der sich weigerte, in eine Heilstätte zu gehen, oder auch nur seine anstrengende berufliche Tätigkeit einzu¬ schränken. Er klagte über grosse Schwäche, Nachtschweisse, starken Husten und mässig starken Auswurf. Sein Gewicht hatte in den letzten 6 Jahren um 45 Pfund abgenommen. Die Temperatur ist nachmittags ein wenig erhöht. Im Auswurf befinden sich zahllose Tuberkelbazillen. Behandlung: Jeden 2. Tag 1 ccm Ol. camph intramuskulär Ferner Dürkheimer Maxquelle. Schnelle Besserung aller Erscheinungen, Gewichts¬ zunahme in 3 Monaten 15 Pfund, dann weiter 5 Pfund Sputum wmd bazillen- frei. Seit 2 'A Jahren Wohlbefinden, keine weitere Behandlung erforderlich. Dieser Erfolg ermutigte mich, die Methode auch bei anderen Fällen anzuwenden. Neben dem Kampfer verordnete ich, je nach den Um¬ ständen, Phosphorlebertran, Kalzium oder Arsen zeitweilig. Ging eine Hämoptoe kurz voraus, so leitete ich die Behandlung mit Adonigen ein 3 mal 5—8 Tropfen. Ich werde auf dieses Praparat spater noch zurückkommen. Die Fieberkurve I mit Anmerkungen über die Ver- Es handelt sich um einen JO jährigen Mann mit ausgedehnter Lungen¬ tuberkulose, der vor 14 Tagen plötzlich Blutauswurf bemerkte, ferner Nacht¬ schweisse, Husten usw. Ihm war bis dahin nichts über sein] Durch die Behandlung rapider Gewichtsanstieg bis auf 40 Pfund, aus Ke zeichnete Besserung aller Erscheinungen and Wiedererlangen der vollen Arbeitsfähigkeit. „ . . , , . , ...... Bei manchen Kranken war mehr Geduld und Ausdauer erforderlich, andere sprachen schneller auf die Behandlung an. Im Durchschnitt betrug die Dauer der Behandlung etwa Jahr, wie es auch Alexan¬ der angibt. Die Höhe der Dosis, wie auch die Länge der Zwischen¬ pausen, sind stets den besonderen Verhältnissen des Einzelfalles an¬ zupassen. Als Richtschnur für die Beurteilung gelten neben dem Unter¬ suchungsbefund die subjektiven Empfindungen der Kranken ). Leichte Benommenheit, Kopfschmerzen oder dergl. treten am läge der ln" jektion zuweilen auf. Das ist unbedenklich, wenn am folgenden läge die Kranken sich Wohlbefinden. Ferner richte man sich nach der lern- peratur. Es darf nicht zu einer längerdauernden Fiebersteigerung kommen Das Gewicht muss genau kontrolliert werden und soll bei abgemagerten Personen bis zu einem normalen Werte ansteigen. Viel schwieriger als bei den Fällen mit subfebrilen oder noimalen Temperaturen gestaltet sich die Behandlung Lungentuberkulöser mit stärkerem Fieber. Unter solchen Umständen habe ich den Kampier oder das Adonigen mit Eukupin kombiniert. Vorbehaltlich der Bestati- gung durch andere Untersuchungsmethoden und von seiten anderer Be¬ obachter möchte ich annehmen, das das Eukupin sich nicht nur bei der Behandlung von fiebernden Tuberkulösen bewährt, sondern auch zur Entscheidung der Frage beitragen kann, ob das Fieber durch den tuberkulösen Prozess als solchen, oder durch eine Mischinfektion hervor¬ gerufen wird. , . , , , .... Fall II betrifft einen 59 jährigen Kranken mit ausgedehnten alteren und frischeren Lungenveränderungen. Seit dem 22. Lebensjahr tuberkulös. Im Auswurf keine Tuberkelbazillen. Atemnot und leichte Zyanose bei der Aufnahme. Lungenschwarte, Bronchitis und Peribronchitis chronica. Aus der Kurve ist ersichtlich, wie günstig die kombinierte Behandlung mit kleinen Dosen Adonigen, Kampfer und Eukupin . . T7 _ — _ ^ r, , M TT .... \r t AM I T OTT71 PntC. Zunahme 20 Pfund. Die geschilderte Behandlungsmethode war wirkungslos bei einer Reihe von Kranken mit schwerer, vorwiegend exsudativer Lungen¬ tuberkulose im letzten Stadium. Auch bei ausgeprägten thyreotoxischen Erscheinungen ist der Kampfer nicht angebracht, viel eher das. Adonigen, dessen Wirkung eine mildere und auch andersartige ist. Es ist ratsam, bei jedem fiebernden Kranken vorsichtig „tastend“ die Behandlung zu beginnen, zunächst mit Adonigen, dem in kleinen Dosen und unter Um¬ ständen grösseren Zwischenpausen Kampfereinspritzungen folgen. Gelingt es dann, ohne Schaden, zu höheren Dosen Kampfer über¬ zugehen, so ist diese Behandlung wirkungsvoller, als die mit Adonigen Nicht selten sieht man nach Injektionen von Kampferöl allgemeine, sowie Herdreaktionen auftreten, die durchaus denen gleichen, die nach Tuberkulininjektionen beobachtet werden. Ich verweise auf Kurve I und führe eine weitere Fieberkurve II an, die von einem desolaten Falle von Lungentuberkulose im letzten Stadium der Erkrankung stammt. Die Fiebererhöhung am Tage nach der Injektion von 0,5 ccm Ol. camphor. ist deutlich. Alexander untersuchte bereits andere Kreislaufmittel in ihrer Wirkung auf die Tuberkulose. Nur das Coffein, natr. benzoic. erwies *) Die Angaben der Kranken über subjektive Beschwerden (Magen¬ schmerzen!) sind fast so wesentlich wie die Temperaturmessung. MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT. n 20. Januar 1922. ;icti ihm als wirksam, wenn auch in geringerem Grade als der Kampfer. 2s war diesem Autor entgangen, dass bereits in der älteren Literatur Beobachtungen ähnlicher Art niedergelegt sind. Focke berichtet leuerdings über Angaben der englischen Aerzte aus dem 18. und 19. Jahrhundert über die Wirkung der Digitalis. Sanders erwähnt 1808 dabei auch schon den Kampfer. Ich selbst habe zuweilen Digitalis- iräparate in kleinen Dosen nicht unwirksam gefunden, ebenso Koffein, n neuerer Zeit gebe ich dem aus Adonis vernalis hergestellten und /on C i t r o n experimentell genau untersuchten Adonigen als einem nilden, gut verträglichen und wirksamen Präparat den Vorzug. Die > » 5 — 20,8 ,, „ Die bisher genannten Sterblichkeitsziffern können aber nicht dazu dienen, den Wert einer sachgemässen Behandlung darzulegen. Um das tun zu können, müssen wir, wie immer schon geschehen, alle die¬ jenigen Fälle ausscheiden, welche der Therapie von vornherein nicht mehr zugängig, nämlich schon bei Aufnahme in die Klinik verloren waren. Wollen wir ermessen, was unsere Behandlung zu leisten imstande ist, so dürfen wir nur die mit noch lebendem Kind übernommenen Fälle allein be¬ trachten. Von 140 lebenden und lebensfähigen Kindern wurden durch unsere Behandlung gerettet 87, wurden totgeboren 53 = 37,9 Proz. Mor¬ talität. Und zwar von 100 Kopflagen „ 3 Steisslagen „ 18 Fusslagen „ 19 Querlagen Hier zeigt sich nun wurden totgeboren 39 — 39,0 Proz. Mortalität, „ „ 1 = 33,3 ,, „ „ „ 6 — 33,3 „ „ „ 7 = 36,8 „ die schlechtere Aussicht für die Kopflagen. Therapie. Ueber die ratsamste Behandlung des Nabelschnurvorfalls ist durch das neuerschienene Handbuch von D ö d e r 1 e i n, durch die neuen Lehrbücher von S t o e c k e 1 und v. Jaschke-Pankow und Auf¬ sätze von E. Zweifel, v. Franque und Zangemeister die Diskussion wieder in Gang gebracht worden. 1. bei Kopflagen: Die Reposition der vorgefallenen Nabelschnur, sofern sie nicht vor der Vulva liegt, wäre an sich das in erster Linie gegebene, einfachst erscheinende Verfahren. Oft bleibt es aber bei einem vergeblichen Versuch, die Nabelschnur an ihren physiologischen Platz über den vorangehenden Kindsteil zurück¬ zubringen, auch wenn man die unterstützende Beckenhochlagerung in Seitenlage oder Knieellenbogenlage hinzunimmt. Misslingt die Re¬ position bei weitem Muttermund, so ist zur Rettung des Kindes immer noch die schnelle Entwicklung möglich; ist der Muttermund jedoch eng, so ist erstens die Reposition selbst sehr schwierig und zweitens ist nach den langen Versuchen das Kind meist verloren. Auch trotz der erzielten Reposition stirbt das Kind nicht selten ab. Die Reposition, wobei wir von Instrumenten keinen Gebrauch gemacht haben, wurde öfter versucht als in unseren Protokollen ausdrücklich vermerkt. Ge¬ lungen ist sie in 12 Fällen mit dem Erfolg, dass 9 Kinder lebend kamen = 25 Proz. Mortalität. An diesem Resultat hat aber, wie ich betonen muss, nicht die Reposition allein Anteil, denn der weitere Ver¬ lauf war nur 2 mal spontan mit 1 toten Kind, 2 mal wurde dagegen noch die Entwicklung mit der Zange notwendig, jeweils mit lebendem Kind ferner veranlassten 3 Rezidive des Nabelschnurvorfalls noch die innere Wendung und ganze Extraktion (1 totes Kind). Auch die von Bumm, v. Franque, Runge, Schmidt, Stoeckel, Zange¬ meister, Zweifel u. a. für diese Geburtskomplikation empfohlene Metreuryse haben wir anschliessend an die Reposi- t i o n und zwar in Fällen von engem Muttermund angewendet im ganzen . 5 mal. 4 Kinder konnten gerettet werden — 20,0 Proz. Mortalität. Von anderen Dilatationsmethoden haben wir nur selten Gebrauch gemacht. Bei digitaler Erweiterung haben wir kein lebendes Kind erzielt. In einem Falle habe ich durch vaginale Hysterotomie mit an- j schliessender Zange ein lebendes Kind entwickelt. Sonst war die vaginale schneidende Methode nicht eingebürgert. Sicherlich verdienen im Hinblick auf die Besserungsbedurftigkeit der Mortalität die Metreuryse nach Reposition und die vaginale Hysterotomie viel mehr angewendet zu werden. Gerade durch das schneidende Verfahren sind wir, in der Klinik wenigstens, in die Lage versetzt, binnen kurzem uns die Entwicklungsmöglichkeit des zu schaffen, wo sie uns infolge mangelhafter Erweiterung des Hals- ; Kanals noch verwehrt ist und dies auch ohne die nicht so zuvei lässige j Methode der Reposition. Auf die Metreuryse nach Reposition wird, zumal in der Hauspraxis, der Facharzt häufiger hinauskommen müssen, wenn er nicht oft auf das kindliche 'Leben verzichten will; denn die sonst in Frage kommende kombinierte Wendung vermag doch nur einen Zufallserfolg zu versprechen. Uns hat die vorzeitige innere Wen¬ dung, 3 mal angewendet, 3 mal vollkommen im Stich gelassen. Iheore- tisch hofft man zwar, dass nach hergestellter Fusslage der Nabel¬ schnurdruck nicht mehr totbringend sich geltend mache, m der 1 raxis zeigt sich aber, dass sowohl die kombinierte Wendung selbst, als auch der nachfolgende Weichteildruck bei der spontanen Ausstossung zu oft schädlich wirken. Denn daran müssen wir unbedingt fest- halten, dass die Extraktion bei unvollkommener Eröffnung des Hals¬ kanals wegen der Rissgefahr mit Rücksicht auf die Mutter un¬ erlaubt ist. Becken ausgeführt mit lebendem Kind. Auch die abdominelle Schnittentbindung verdient bei der gebühren¬ den Einschätzung des kindlichen Lebens in einer weitaus grösseren Anzahl der klinischen Fälle angewendet zu werden. Die Indikation dürfte gleichzeitig durch das so häufig kombinierte enge Becken un¬ schwer gegeben sein, vor allem in Fällen von Erstgebärenden und von I engem Weichteilbefund, weil hier die Entwicklung zu grossen Schwierigkeiten begegnen kann, ln keiner geringen Anzahl von Fällen ] hätte das Kind durch den Kaiserschnitt wohl gerettet werden können, wie wir bei nachträglicher kritischer Beurteilung der Fälle sehen; j, aber es schien unter dem Eindruck der grossen Gefahr des Nabel¬ schnurvorfalls die Gefahr des engen Beckens nicht genügend gewürdigt. Einfach und aussichtsreich gestaltet sich die , Behandlung des j Nabelschnurvorfalls und -druckes, wenn er erst bei vollkommener oder nahezu vollkommener Eröffnung des Muttermunds sich ereignet. Dann ; ist die innere Wendung mit an geschlossener ganzer Extraktion die beste Methode, ln 51 Fällen haben wir so ver- fahren mit einem Verlust von 10 Kindern = 19,6 Proz. Mortalität.^ Zur richtigen Einschätzung dieses Ergebnisses muss aber ergänzend hinzugefügt werden, dass 6 tote Kinder auf zum Teil hochgradig ver¬ engte Becken entfallen. Es waren Fälle, die zu sicherem Erfolg dem Kaiserschnitt hätten zugeführt werden müssen. Sofort wird das Re¬ sultat fraglicher, wenn wir mit der Extraktion zurückhaltender sind. Bei halber Extraktion nach innerer Wendung kamen in 3 Fallen 2 Kinder tot, bei Spontanverlauf in 1 Fall tot. Bei der Anwendung der Zange bei schnell ins Becken ein¬ getretenem Kopf hatten wir verhältnismässig viel Glück. Dass hierbei nur schnelles Operieren einen Erfolg versprechen kann, ist klar, wenn wir bedenken, dass wir nur bei feststehendem Kopf dieselbe angelegt haben. Von 19 Fällen sind 15 gut verlaufen mit lebendem Kind = 21 Proz. Mortalität. Bemerkenswert dabei ist, dass die atypische Zange (15 Fälle mit 2 toten Kindern = 12,7 Proz.) besser abschnitt als die typische (4 Fälle mit 2 toten Kindern = 50 Proz.). Das erklärt , sich wohl ungezwungen so, dass bis zum typischen Zangengerecht- i stand des Kopfes tief im Becken natürlich eine grössere Schädigung I des Kindes durch längeren und intensiveren Nabelschnurdruck sich : geltend gemacht hat als bis zum eben erreichten hohen Querstand. ; Auch die K i e 1 1 a n d sehe Zange hat an dem Erfolg mitgewirkt. In 9 Fällen, in welchen das Kind schnell abstarb, kam die Per¬ foration zur Ausführung, in 6 anderen derartigen haben wir die Spontangeburt abgewartet. Ueber die Therapie bei den übrigen Lagen fasse ich mich kurz: I 2. bei Fusslagen: Ganze Extraktion 10 mal: 1 tot, halbe Extraktion 5 mal: 3 tot, spontan 3 mal: 2 tot. 3. bei Steisslagen: Ganze Extraktion lmal: 0 tot. halbe1 Extraktion 2 mal: 1 tot. 4. bei Querlagen: Innere Wendung und ganze Extraktion 12 mal: 4 tot, innere Wendung und halbe Extraktion 2 mal: 1 tot. kom- ; binierte Wendung 2 mal: 2 tot, Kaiserschnitt 3 mal: 0 tot. Der Kaiserschnitt wurde hierbei wegen gleichzeitiger Beckenverengerung ausgeführt und zwar zweimal bei ganz engem Muttermund, wo dieser Weg der Entbindung unzweifelhaft fürs Kind der sicherste war. Für die Aussicht auf Erhaltung des kindlichen Lebens ist unstreitig von grosser Bedeutung die Weite der Muttermundsöffnung im Augenblick des Vorfalls der Nabelschnur. Um diesen Einfluss zahlen- mässig zu erforschen, habe ich die Sterblichkeit der Kinder für jede Muttermundsweite errechnet. Massgebend war die Weite zur Zeit der Diagnose. 20. Januar 1922. MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT. 75 Muttermund weite Kopflagen Becken¬ endlagen Querlagen Handteller bis vollkommen . . . 28,3 o/o 21,4% 36,4% _ 2 Querfinger bis Kleinlinndteller 55,0% 57,1% 50,0% Ist der Muttermund enger als handtellergross, so steigt die Sterb¬ lichkeit ganz auffallend. Wollen wir die Sterblichkeit bessern, so müssen wir, wie schon gesagt, von den schnellen Erweiterungsverfahren mehr Gebrauch machen oder, den zervikovaginalen Weg ganz umgehend, die abdominale Schnittentbindung ausführen. Beim vollendeten Nabelschnurvorfall mit bereits erkennbaren Druckerscheinungen wird unsere Behandlung — abhängig von nicht unwesentlichen Begleitumständen (enges Becken, Weichteilschwierig¬ keiten, zu späte Diagnose etc.) — - stets mit Misserfolgen rechnen müssen. Anders ist es, wenn wir den Fall im Vorstadium bereits in Behandlung bekommen, wenn es sich um Vor liegen der Nabel¬ schnur handelt. Hier haben wir die Situation wesentlich günstiger. Bei Kopflagen war Vorliegen der Nabelschnur in 22 Fällen i erkannt; 2 Kinder starben = 9,1 P r o z. Mortalität. Die Be¬ handlung bestand darin, dass das Erhaltensein der Fruchtblase bis zur vollkommenen Eröffnung des Muttermundes angestrebt wurde, um dann die entbindende Operation sofort anzuschliessen. Dies wurde i erreicht durch die Schutz-Kolpeuryse in 6 Fällen. 5 mal wurde danach durch innere Wendung und ganze Extraktion das Kind lebend entwickelt; 1 mal starb es noch ab und kam spontan. Ferner diente in 3 Fällen mit nur lebendem, gewendetem und extrahiertem Kind die Schutz-Metreuryse. Die innere Wendung und ganze Ex¬ traktion konnte in 8 Fällen zur rechten Zeit gemacht werden mit vollem Erfolg. Die Zange konnte von 4 Kindern 3 retten. Der einmal ausgeführte Kaiserschnitt brachte ein lebendes Kind. Bei Fusslagen war 3 mal und bei Querlagen 1 mal Vorliegen der Nabelschnur mit jeweils extrahiertem lebenden Kind gesehen. Eine Beobachtung muss ich noch besonders hervorheben. Wir haben 12 Fälle erlebt, in welchen, trotzdem die Nabelschnur zur Zeit der Ausführung der Behandlung bereits puls los war. das Kind noch lebend entwickelt werden konnte. Ent¬ scheidend für das Leben des Kindes waren uns die Herztöne. Dies betonen auch Runge, v. Jaschke-Pankow, Baisch u. a. Ich I halte diese Beobachtung für ausserordentlich wichtig, weil sie uns die Warnung gibt, allein auf das Fehlen der Pulsation hin von einer Therapie Abstand zu nehmen, vielmehr uns dringend ermahnt, in jedem Falle nur die Herztöne entscheiden zu lassen und unbekümmert um ! die erloschene Pulsation alles für das Kind zu tun. Ja. ich möchte sogar in Fällen, wo nachweislich eben erst auch die Herztöne ver¬ klungen sind und die Entwicklung des Kindes ohne schneidende Me¬ thoden augenblicklich möglich ist, raten, so zu handeln, wie wenn das Kind noch lebte. Die Gesundheit der Mutter wird nur indirekt beim Nabel¬ schnurvorfall in Mitleidenschaft gezogen. Neben der Infektionsgefahr besteht die Hauptgefahr in Nebenverletzungen vor allem des Hals¬ kanals, wenn, ohne künstliche Erweiterung vorausgeschickt zu haben, auf gut Glück das Kind schnell entwickelt wird. Dabei gelingt es in der Regel nicht einmal, das kindliche Leben zu retten. Das Wichtigste der Therapie des Nabeschnurvorfalles lässt sich in folgende Leitsätze zusammenfassen: Das frühzeitige Erkennen der Lageanomalie der Nabel¬ schnur ist vor allem anzustreben. Bei allen zu Nabelschnurvorfall dis¬ ponierenden Geburtskomplikationen muss an die Möglichkeit gedacht werden. Die Kontrolle der kindlichen Herztöne und das Suchen nach dem Nabelschnurgeräusch ist schon bei stehender Blase wichtig. Die Herztöne pflegen bei Nabelschnurdruck in jeder Wehenpause sich nur langsam zu erholen. Bei Vorliegen der Nabelschnur gilt es, die Fruchtblase bis zur vollkommenen Eröffnung des Muttermundes zu erhalten. Dies kann am besten durch Einlegen eines Schutzballons in die Scheide ge- : schelien. Beckenhochlagerung oder entsprechende Seitenlagerung der Frau kann unterstützen. Ist die Entfaltung des Halskanals vollendet, so wird sofortige innere Wendung bei stehender Blase und anschliessend ganze Extraktion das Kind am sichersten retten. Höchstens bei einer Erstgebärenden wird man wegen der zu erwartenden Weichteilschwierigkeiten an das Ein¬ pressen des Kopfes unter gleichzeitiger Reposition der Nabelschnur denken können. Bei engem Becken wird man in der Klinik den Kaiser¬ schnitt in Erwägung ziehen. Um den Vorfall der Nabelschnur rechtzeitig zu erkennen, muss grundsätzlich sofort nach Blasensprung aufmerksam vaginal untersucht und eine exakte Kontrolle der kindlichen Herztöne durch¬ geführt werden. Besonders wichtig ist dieser Brauch, wenn zuvor der vorangehende Kindsteil noch nicht feststand. Bei Vorfall und engerem als handtellergrossem Muttermund sind in der Klinik bei Missverhältnis zwischen Becken und Kopf oder bei zu erwartenden grossen Weichteilschwierigkeiten die abdominelle Schnitt¬ entbindung, sonst die vaginale Zervixspaltung mit sofort angeschlossener entbindender Operation oder die Reposition der Nabelschnur mit nach¬ folgender Metreuryse die aussichtsreichsten Verfahren. In der Haus¬ praxis wird neben der anzustrebenden Reposition mit Metreuryse, im Falle der Undurchfiihrbarkeit die kombinierte Wendung, jedoch ohne sofortige Extraktion, gewählt werden müssen. Bei mindestens handtellergrosser Eröffnung des Muttermunds ist in Anstalt und Haus die innere Wendung mit angeschlossener ganzer Extraktion die beste Methode; in einzelnen Fällen von schnellem Ein¬ treten des Kopfes ins Becken auch die Zange. Selbstverständlich darf eine durch Beckenverengerung gegebene Indikation zum Kaiserschnitt nicht übersehen werden. Bei Steisslagen wird man möglichst bald einen Fuss herunterholen und am besten nach Reposition, um sobald als möglich und nötig die Extraktion anschliessen zu können. Bei Fusslagen wird man eher zunächst abwarten können und ein- greifen, wenn das Kind in Gefahr kommen sollte. Bei Querlagen ist schon durch die regelwidrige Lage der Weg der Behandlung vorgezeigt. Um Zeit zu gewinnen für die rite auszuführende Desinfektion bzw. für das Herbeirufen des Arztes und die Vorbereitung zur Operation ist der Hebamme oder assistierenden Person anzuraten, in Beckenhoch¬ lagerung oder Seitenlage der Gebärenden den vorangehenden Kindsteil sachte vom Beckeneingang wegzudrängen, um den Nabelschnurdruck möglichst auszuschalten. Bei sicher abgestorbenem Kind verlangt der Nabelschnurvorfall keine Behandlung. Entscheidend für den Tod des Kindes sind die Herztöne und nicht der Nabelschnurpuls, da trotz fehlender Pulsation am Nabelstrang nicht selten ein lebendes Kind entwickelt werden konnte. Aus der Universitäts-Frauenklinik Jena. (Direktor; Professor Dr. Henkel.) UeberZerreissungen desTentoriums und der Falx cerebri unter der Geburt. Von Privatdozent Dr. Robert Zimmer mann, Oberarzt der Klinik. Das klinische Interesse an den intrakraniellen Blutungen bei Neu¬ geborenen wurde von Beneke (M.mW. 1910 S. 2125) und durch die bekannten Arbeiten von S e i t z geweckt. Seitdem ist die ätiologische Bedeutung der dem Pathologen schon lange bekannten (Virchow; Ges. Abhandl. Bd. 2, S. 878) Tentoriumrisse aufgedeckt. Seitz glaubt die Hälfte aller intrakraniellen Blutungen auf Tentoriumzer- reissungen zurückführen zu können, während Beneke in ihnen die häufigste Ursache erblickt. Die praktische Bedeutung der Tentorium- zerreissungen wird dadurch beleuchtet, dass z. B. Benthin (Mschr. f. Geburtsh. 36, S. 309) sie unter 78 Sektionen von Neugeborenen 8 mal, Leopold Meyer (Verh. d. D. Ges. f. Gyn. 1911 S. 766) unter 64 Sek¬ tionen 28 mal bei 1200 Geburten fand, in 12 von L. Meyers Fällen war die Tentoriumzerreissung die Todesursache, d. h. 1 Proz. aller Neugeborenen gingen daran zugrunde. Die grosse Häufigkeit des ge¬ fährlichen Ereignisses wurde erst bekannt, seitdem Neugeborene nach der von Beneke angegebenen Technik seziert werden. Diese be¬ steht bekanntlich darin, dass die Grosshirnhemisphären zur Sichtbar¬ machung des unberührten Tentoriums abgetragen werden. Pott (Zschr. f. Geburtsh. 1911, 69, S. 674) teilte die Tentorium- zerreissungen in 3 Grade ein. 1. Es blutet zwischen die Blätter des Tentoriums; das ist die leichteste und zugleich häufigste Form. 2. Ein¬ riss der oberen Tentoriumplatte, wobei die Gefässplatte des Ten¬ toriums mit lädiert wird und die Blutung sich vorwiegend oberhalb des Tentoriums ausbreitet. 3. Querrisse durch die freien Tentorium- kanten, oft doppelseitig; sie stellen die schwerste Form dar, es blutet meist nach ober- und unterhalb des Tentoriums. Die Ausbreitung der durch Tentoriumriss entstandenen Blutungen ist nach Sitz und Menge demnach verschieden. Sie können selbst die ganze Grosshirnoberfläche einseitig oder doppelseitig umspülen. Unterhalb des Tentoriums ergossene Blutmengen verbreiten sich über die Kleinhirnoberfläche usw. und können sogar bis in den Rücken¬ markskanal Vordringen. Dass die Blutung oft bedeutenden Umfang am¬ nimmt, wenn die grossen Blutleiter angerissen werden, ist begreiflich. Blutungen in die Hirnsubstanz selbst werden nur selten beobachtet. Nach dem Sitze teilt Seitz die intrakraniellen Blutungen ein in: supra- und infratentoriale und in Mischformen. Die meisten Autoren nehmen diese Einteilung an, nur Esch (Zschr. f. Gyn. 1916 S. 324) erhebt Bedenken. Da meistens die trennende Tentoriumplatte ein¬ gerissen ist, überwiegen die Mischformen, und die reinen supra- oder infratentorialen Blutungen gehören zu den Seltenheiten. Bei rein supratentorialen Blutungen ergeben sich je nach Mächtig¬ keit des Ergusses verschieden stark ausgeprägte und symptomreiche Krankheitsbilder : Spannung oder Vorwölbung der grossen Fontanellen, stärkeres Klaffen der Lambdanaht auf der betroffenen. Seite; daneben Allgemeinsymptome, wie Unruhe, Schreien, Blässe der Haut, Reiz- und Lähmungserscheimmgen am Fazialis, Hypoglossus, den Extremi¬ täten usw. Demgegenüber stehen bei rein infratentorialen Blutungen Stö¬ rungen des Atemzentrums im Vordergründe mit Zyanose, blassblauem Aussehen1; daneben bestehen Spinalreizerscheimmgen, wie Nacken¬ starre, Opisthotonus, Starre der Glieder usw. Rindensymptome und Vortreibung der Fontanellen können späterhin durch Rückstauung und Gedern hervorgerufen werden; sie sind dementsprechend bilateral. 76 MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT. Die Miscliformen vereinigen die Symptome der reinen Formen in den verschiedensten, von den Verhältnissen im Einzelfalle abhängigen Ausmassen. Die Bedeutung einer solchen Einteilung in diagnostischer und therapeutischer Hinsicht liegt auf der Hand. Es ist daher Esch an sich beizustimmen, wenn er die weitere Forderung nach einer örtlichen Lokalisation aufstellt. Es fragt sich nur, ob diese Forderung erfüllbar ist. Bei dem auch von ihm betonten Unterschiede zwischen dem Gehirn des Erwachsenen und dem unentwickelten Gehirn des Neu¬ geborenen, welches sich gegen Druck und Blutstauung so wenig emp¬ findlich zeigt, wird eine genaue Lokalisation des Ergusses auf der Hirnoberfläche diagnostisch nur selten möglich sein. Wir werden uns zufrieden geben müssen, wenn es uns gelingt, rein einseitige und supra- und infratentoriale Blutungen zu diagnostizieren. Bei der Kleinheit der Verhältnisse im kindlichen Schädel deckt zudem ein Erguss von nur wenigen Kubikzentimetern einen grossen Teil der Hirnoberfläche. Das Ueberwiegen der Mischformen zieht auch in der Mehrzahl der Fälle allen Bestrebungen nach genauer topographischer Diagnosestellung eine schwer überwindbare Grenze. Wenn im folgenden unsere Erfahrungen auf diesem Gebiete mit¬ geteilt werden, so findet das seine Berechtigung schon in der prak¬ tischen und forensischen Bedeutung der Tentoriumzerreissung. Ausserdem hatten wir Gelegenheit, bei rein infratentorialer Blutung einen merkwürdigen Symptomenkomplex zu beobachten, auf den weiter unten näher eingegangen werden soll. Fallt. Nr. 33/1919. Querlage mit Nabelschnurvorfall. Becken normal. Geburtsverlauf: Wendung, Extraktion. $ 3750 g, 56 cm, blass, scheintot. Sektionsbefund: Im hinteren Teile der Konvexität Blut in reichlicher Menge, besonders über dem Tentorium. Im Tentorium zahlreiche Dehiszenzen in den Faserlagern, die teilweise durchblutet sind. — Grosse Thymus. F a 1 1 2. Nr. 36/1919. II. dorsoanteriore Querlage. Tiefsitzende Pla¬ zenta. Becken normal. Geburtsverlauf: Wendung, Extraktion. 2 2200 g, 48 cm, blass, scheintot, einige schnappende Atembewegungen. Sektionsbefund: Infra- und supratentoride Blutung. Zahlreiche Einrisse und Durchsetzung mit Blutungen im Tentorium. Hypertrophie der Schilddrüse. Unreife. Fall 3. Nr. 54/1919. I. dorso-anteriore Querlage mit Vorfall des Armes in die Klinik eingeliefert. Keine Herztöne. Becken normal. Wendung, Ex¬ traktion. $ 3000 g. 51 cm, totfaul. Sektionsbefund: Im Tentorium r. eine blutige Stelle im hinteren Teile, ohne Einriss. F a 1 1 4. Nr. 325/1920. Luetische Frühgeburt, M. IX, 1. Schädellage. Becken normal. Geburtsverlauf: spontan. 2 2150 g, 47 cm, nicht asphyk- tisch. t am 3. Tage. Luftwege frei; zeitweise starke Zyanose; geringe Nahrungsaufnahme. Am 3. Tage zunehmende Atemstörungen, L . Sektions¬ befund: Keine Deformitäten am Schädel; massige Blutungen, wahrscheinlich aus Tentoriumrissen, auf den hinteren Abschnitten beider Grosshirnhemi- sphären; alle Ventrikel strotzend mit Kruor ausgefüllt. Im Tentorium eine streifenförmige Blutung links. Pneumonie aller Lungenlappen. Nekrose und Blutungen der Nebennieren. Fall 5. Nr. 283/1920. Frühgeburt M. VII, 11. Steisslage. Becken nor¬ mal. Geburtsverlauf spontan. $ 1410 g, 40^4 cm, wimmert, atmet regel¬ mässig; am 2. Tage +. Sektionsbefund: Im Tentorium rechts flächenhafte Blutung; kein Riss. Unreife. Fall 6. Nr. ??/ 1921. Uterusruptur (in Kaiserschnittsnarbe, nach weni¬ gen Wehen). Kind in Bauchhöhle ausgetrieben. Becken plattrachitisch, all¬ gemein verengt 1°. Geburtsverlauf: Laparotomie. 2 Blauer Scheintod. Wiederbelebung. + nach 36 Stunden an Atemstörung. Keine Konfiguration. Ueber der rechten Hemisphäre reichlich Blut, ebenso links. Tentorium beider¬ seits mit Blut bedeckt. Tiefer Riss vom Tentorium zur Falx. Auch unter dem lentoiium Blut. Fötale Endokarditis. ♦ Fall 7. Nr. 179/1921. I. Schädetlage. Becken allgemein verengt, platt¬ rachitisch 11°. Geburtsverlauf: Sectio caesarea. $ 3310 g. 50 cm, apnoisch mit gut pulsierender Nabelschnur entwickelt. Schwere Atemstörungen, Wiederbelebung erfolglos. Starke Konfiguration des Kopfes. Sektionsbefund: Riss durch die Falx cerebri nach der Höhe des Scheitels, Eröffnung des Längsblutleiters. Weiche Hirnhäute stark blutgefüllt. F a 1 1 8. Nr. 140/1920. I. Schädellage. Becken plattrachitisch I n. Ge¬ burt: spontan. Herztöne beim Durchschneiden des Kopfes 120 — 140. Nabel¬ schnur pulsiert nach Geburt des Kindes. 2 3460 g, 52 cm, asphyktisch, atmet einmal; Erlöschen der Herzaktion, +■ Grosse Kopfgeschwulst. Sek¬ tionsbefund: Riss im Tentorium rechts mit Blutung in die weichen Häute des Kleinhirns und (geiinger) die Hinterhauptslappen. Fall 9. Nr. 170/1920. I. Schädellage. Hydramnion. Becken: allgemein verengt, platt 1°. Geburtsverlauf: Forzeps wegen plötzlicher Verschlechterung der Herztöne (96 — 88). $ 3000 g. 53 cm. Nach der Geburt macht das Kind einen Atemzug, darauf Atemstillstand und schnelles Verschwinden des Herz¬ schlages. Starke Konfiguration. Sektionsbefund: Blutung in die weichen Hirn¬ häute an der Oberfläche des Kleinhirns. Kleine Blutung im Tentorium und hanfkorngrosser Riss desselben neben dem Sinus rechts. Am Grosshirn nichts Besonderes. III. Ventrikel frei. Fall 10. Nr. 25/1920. I. Schädellage. Eklampsie. Keine Herztöne. Becken normal. Geburtsverlauf: Forzeps. 2 reif und ausgetragen; tot¬ geboren. Sektionsbefund: Ausserordentlich starke Durchblutung der weichen Häute des Gehirns. Fragliche Risse in der Falx (unsichere Technik). Fall 11. Nr. 324/1921. II. Schädellage. Becken normal. Geburtsverlauf: spontan. 2 2530 g. 47)4 cm: asphyktisch (blau) geboren. Wiederbelebung. Nach 12 Stunden Exitus unter Atemstörungen. Sektionsbefund: Ausgedehnter Riss der Falx cerebri. Haematocephalus externus. Parenchymatöse Blutungen des Magens, Aspirationsblutungen der Lunge, Blutungen der Haut im Bereiche der Mamillen und des Brustbeins. Blutungen des parietalen Peritoneums. Meckel sches Divertikel. Fall 12. Nr. 4/1921. I. Schädellage. Becken allgemein verengt, platt II . Geburtsverlauf: spontan. Herztöne beim Durchschneiden des Kopfes 120. $ 3260 g. 54 cm. asphyktisch. Nabelschnur um den Hals geschlungen, pulsiert. Eine Atembewegung,, danach unter Aufhören der Herztätigkeit Exitus. Nicht seziert. Fall 13. Nr. 402/1920. I. Schädellage. Kreissend, mit einschneidendem Kopfe eingeliefert. Becken allgemein verengt, platt I". Geburtsverlauf: snontan, unmittelbar nach Einlieferung. Herztöne beim Durchschneiden 110. 2 2320 g, 49 cm, totgeboren. Nicht seziert. Zur Raumersparnis wurde das Material in tabellarischer Weise geordnet. Es umfasst 8 Fälle mit Tentoriumverletzung und 3 Fälle mit Zerreissung der Falx cerebri. Die Läsionen wurden durch Obduk¬ tion festgestellt; die Einzelheiten des Befundes sind in der letzten Spalte kurz angegeben. Ausserdem sind 2 Fälle angefügt (Nr. 12 und 13), bei denen aus äusseren Gründen die Sektion nicht ausgeführt werden konnte. Die Symptome waren aber auch hier eindeutig ge¬ nug, um die Diagnose zu gestatten. Die Beobachtungen verteilen sich auf 1050 Geburten. Die Häufigkeit des Ereignisses steht im Einklang mit den Erfahrungen anderer Autoren. 4 Kinder waren Frühgeburten, bei denen die Ursache der Verletzung mit grösster Wahrscheinlichkeit in der geringen Widerstandsfähigkeit des Gewebes lag und bei deren Geburt Gewalteinwirkungen keine Rolle spielten. In 8 Fällen war die Verletzung des Tentoriums die einzige Todesursache (Fall 1. 2, 4, 6, 7, 8, 9, 11) wahrscheinlich, aber nicht durch Sektion bewiesen, auch im Fall 12 und 13. so dass bei Einrechnung derselben diese Zahl sich auf 10 erhöht. Sicher nicht die Todesursache, sondern nur ein mehr weniger belangreicher Nebenbefund war die Verletzung des Ten¬ toriums in Fall 3, 5, 10. In diesen letzteren und im Fall 4 handelte es sich um Läsionen 1. Grades, alle anderen waren Formen, 2. bis 3. Grades (Pot t). In 6 Fällen erfolgte die Geburt spontan, dabei handelte es sich 3 mal um normale und 3 mal um in mittlerem Grade verengte Becken. Die übrigen Entbindungen erfolgten durch Kunsthilfe. Die Fälle 1, 2, 6 und 10 betrafen Mischformen, bei denen die Aus¬ breitung des Blutergusses sowohl unterhalb als auch oberhalb des Ten¬ toriums erfolgt war. Bei Fall 1 handelte es sich bei normalem Becken und grossem Kinde um Wendung und Extraktion wegen Querlage mit Nabelschnur¬ vorfall. Ohne Zweifel war das Kind schon durch die Komplikation ge¬ schädigt. Nach der Geburt gab es keine Lebenszeichnen, die Wieder¬ belebungsversuche blieben erfolglos. Bei dieser Sachlage konnte die intrakranielle Blutung nicht erkannt werden. Der Tod des Kindes wurde zunächst auf die Nabelschnurkomplikation bezogen. Beim Durch¬ leiten des Kopfes durch den Muttermund waren zwar einige Schwie¬ rigkeiten entstanden, doch wurden diese schnell und ohne grosse Ge¬ waltanwendung überwunden. Trotzdem ist anzunehmen, dass hierbei die Läsion des Tentoriums eingetreten ist. Im Gegensätze hierzu war das Kind II unreif und klein, und von einem Missverhältnis konnte nicht die Rede sein. Bei der leichten Operation war Kraftanwendung überhaupt nicht nötig. Die Entwicklung erfolgte mit W i e g a n d - A. Martin schem Handgriffe nach Inzision des Muttermundes. Man kann nicht annehmen, dass der Druck der äusseren Hand, der bei den geringen Widerständen nur unbedeutend war, die Schuld trägt. Die Ursache ist wohl eher in der Zerreisslich- keit des Gewebes zu suchen, die in der Unreife des Kindes ihre Er¬ klärung findet. Ebenso war der Befund einer intrakraniellen Blutung im Falle 6 überraschend. Bei der Frau war 1918 der Kaiserschnitt ausgeführt worden, 1919 hatte sie spontan geboren (Kind lebt). Auch jetzt schien kein Missverhältnis vorzuliegen, welches die spontane Entbindung in Frage gestellt hätte, die vordere Konvexität des Kopfes sprang jeden¬ falls nicht über die Symphyse vor. Nach schwacher Wehentätigkeit erfolgte der Blasensprung bei handtellergrossem Muttermunde. Da aber der Kopf beweglich über dem Becken blieb, so wurde innerlich untersucht und eine Plazenta praevia marginalis an der Hinterwand festgestellt. Ohne dieses Hindernis wäre der Kopf sicher ohne grosse Schwierigkeiten in das Becken eingetreten. Bei Umlagerung der Frau erfolgte ohne irgendwelche Vorzeichen die Ruptur der alten Kaiserschnitt¬ narbe des Uterus. Das Kind trat in die Bauchhöhle aus und die Herz¬ töne verschwanden. Durch sofortige Laparotomie wurde es in blauem Scheintode entwickelt, ging aber nach 36 Stunden unter allgemeinen Konvulsionen und Atemstörungen zugrunde. Der Kopf des Kindes zeigte nicht die geringste Konfiguration, er trug nicht einmal eine Kopf¬ geschwulst, und trotzdem diese schwere Zerreissung des Tentoriums. Der Uterus wurde exstirpiert, die Mutter genas. Der Tod des Kindes ist einwandfrei auf die intrakranielle Blutung zurückzuführen. Im Fall 10 war das Kind infolge der Eklampsie intrauterin ab¬ gestorben. Die Entwicklung des toten Kindes mit der Zange ver¬ ursachte erst die intrakranielle Blutung. Um rein supratentoriale Blutungen handelte es sich in Fall 4. 7 und 11. Das Kind 4 wurde im 9. Schwangerschaftsmonate von der luetischen Mutter geboren; dem entsprach sein Reifezustand. Nach der Geburt zeigte es zunächst nichts auffallendes, dann erfolgten anfalls¬ weise auftretende Atemstörungen mit starker Zyanose. Die Nahrungs¬ aufnahme war gering; Unruhe, Krämpfe usw. wurden nicht beobachtet. Unter zunehmenden Atemstörungen erfolgte am 3. Tage der Tod. Der Schädel war nicht konfiguriert, trotzdem war bei der Spontangeburt der kleinen Frucht eine Tentoriumzerreissung eingetreten, aus der heraus die zunehmende Blutung erfolgte. Wiederbelebungsversuche waren nicht gemacht worden. Trotz der beträchtlichen Komplikationen seitens der Lungen und Nebennieren ist mit grösster Wahrscheinlichkeit in der intrakraniellen Blutung die Hauptursache des Todes zu erblicken Die Symptome entsprechen den allgemeinen Erfahrungen. In Fall 7, Kaiserschnitt bei plattrachitischem Becken 2. Grades war der Kopf sehr stark konfiguriert, die Läsion durch die gewaltige Wehentätigkeit erklärt. Die Zerreissung der Falx mit Eröffnung des Längsblutleiters macht die rein supratentoriale Blutung verständlich 1 Das Kind wurde mit gut pulsierender Nabelschnur entwickelt, atmete 20. Januar 1922. MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT. 77 aber nicht. Wiederbelebungsversuche blieben erfolglos. Der Fall ist eindeutig. Im Falle 11 war die spontane Geburt bei normalem Becken zum erwarteten Termine erfolgt, das Kind jedoch nicht ganz reif. Die Gesamtgeburtsdauer betrug 42% Stunden. Die Konfiguration des Kopfes hielt sich in durchaus massigen Grenzen; ein Missverständnis bestand nicht. Man könnte geneigt sein, der langen Geburtsdauer die Schuld für den grossen Riss in der Falx beizulegen, die grössere Wahr¬ scheinlichkeit spricht jedoch dafür, dass eine abnorme Zerreisslichkeit des kindlichen Gewebes, insonderheit der Gefässe, bestand, was aus den zahlreichen Blutaustritten an anderen Stellen hervorgeht. Das Kind war asphyktisch zur Welt gekommen und wiederbelebt worden, starb aber nach 12 Stunden. Die Symptome einer supratentorialen Blutung waren ausserordentlich deutlich, besonders die Vortreibung der Fonta¬ nellen und das starke Klaffen der Nähte. Lambda- und Koronarnaht klafften rechts stärker als links. Um Tentoriumzerreissungen 1. Grades handelte es sich in Fall 3 und 5, in denen eine Blutung auf die Gehirnoberfläche nicht erfolgt war. Kind 3 war totfaul, Kind 5 unreif und lebensunfähig. Die Ver¬ letzung kommt in beiden Fällen nicht als Todesursache in Frage. Reine Formen von infratentorialen Blutungen stellen Fall 8 und 9 dar. Im ersteren war zwar auch eine geringe Blutung noch oberhalb des Tentoriums erfolgt, sie war aber so gering, dass sie das Symptomen- bild nicht beeinflusste. Das Kind war gross und musste ein enges Becken passieren, die Herztöne gaben aber niemals zu Besorgnissen Veranlassung und wurden noch unmittelbar vor dem Durchschneiden des Kopfes kontrolliert. Das Kind kam asphyktisch zur Welt und wurde sofort abgenabelt. Nach dem Abnabeln machte es einen einzigen spontanen Atemzug, die Atmung stand danach vollständig still, und die Herztätigkeit er¬ losch. Wiederbelebungsversuche blieben erfolglos. Auch im Fall 9 handelte es sich um ein reifes Kind bei engem Becken. Aus kindlicher Indikation (verlangsamte Herztöne) wurde die Zange aus Beckenmitte gemacht. Das Kind wurde mit gut pulsierender Nabelschnur geboren und sofort abgenabelt. Wie im vorhergehenden Falle machte es einen einzigen spontanen Atemzug, dann stand die Atmung vollkommen still, bald auch das Herz. Wiederbelebung er¬ folglos. In beiden Fällen starke Konfiguration des Schädels. In beiden Fällen waren die Risse am Tentorium unbedeutend und die Blutung infratentorial. Beide Male setzte die Atmung spontan ein; es erfolgte ein kurzer schnappender Atemzug, dem unmittelbar der Tod des Kindes folgte. Während supratentoriale Blutungen auch bei grosser Ausdehnung über die Hirnoberfläche häufig genug nur geringe Symptome auslösen, oder erst später, im Verlaufe von Stunden und Tagen, schwerere Er¬ scheinungen veranlassen, ist bei unseren beiden Fällen von infra- tentorialer Blutung im unmittelbaren Anschluss an den ersten Atem¬ zug der Tod eingetreten. Die Zirkulation war auch bei und nach der Geburt im Gange. Auch das Atemzentrum sprach auf die physiologi¬ schen Reize am Die mit dem ersten Atemzuge einsetzende Kata¬ strophe ist nur so zu erklären, dass die bei der Geburt entstandene Ver¬ letzung zunächst nicht zu einem Blutaustritte unter das Tentorium geführt hatte, der genügend gross war, um eine Beeinträchtigung des Atemzentrums herbeizuführen. Erst durch die Strömungsveränderungen im Kreisläufe des Kindes im Gefolge des ersten Atemzuges wurde ein stärkerer Erguss in den Raum unter dem Tentorium verursacht, der bei der straffen Ausspannung des Tentoriums sehr schnell zu dem ver¬ derblichen Drucke auf die lebenswichtigen Zentren führte. Fall 12 und 13 kamen aus äusseren Gründen nicht zur Sektion. Wir halten uns aber nach den Erscheinungen, die sich vor und noch der Geburt boten, und bei dem Fehlen jeder anderen Todesursache, für berechtigt, auch bei ihnen auf Grund unserer Erfahrungen eine infra- tentoriale Blutung infolge von Tentoriumverletzung anzunehmen. Be¬ merkenswert ist in dieser Hinsicht auch Fall 2. der unter denselben Symptomen zugrunde ging und bei welchem die Sektion zahlreiche Einrisse und Blutaustritte im Tentorium aufdeckte. Das Tentorium trennte jedoch den supra- und infratentorialen Bluterguss. Es besteht die Wahrscheinlichkeit, dass hier die supratentoriale Blutung von unter¬ geordneter Bedeutung war, und dass der plötzliche Tod nach dem ersten Atemzuge in Analogie zu den anderen Fällen auf den infratentorialen Bluterguss zurückgeführt werden muss. Für einen Teil der infratentorialen Blutung besteht mithin die Möglichkeit der Diagnose an Hand der geschilderten Erscheinungen. Fiir ihr Zustandekommen scheint mir von Belang zu sein, dass der Erguss unter dem Tentorium von diesem unter Spannung gehalten wird. Voraussetzung hierfür ist, dass keine offene Verbindung durch das Tentorium hindurch mit den oberen Abschnitten des Schädelraumes besteht. Blutungen in die Gehirnsubstanz wurden in keinem unserer Fälle beobachtet. Nachtrag bei der Korrektur; Inzwischen hat sich unser Material noch vermehrt. 1. Nr. 387/1921. II. Schädellage, vorzeitige teilweise Lösung der richtig sitzenden Plazenta. Becken normal. Spontangeburt im 10. Monat. Herztöne dauernd kontrolliert, 112 — 140. Kind 2, 2600 g. 47.5 cm, blau scheintot. Wiederbelebungsversuche erfolglos. Sektionsbefund: reichliche infratentoriale, geringe supratentoriale Blutung, flüssiges Blut im Rückenmarkskanal. Unter¬ fläche des Tentoriums stark durchblutet. (Es handelt sich also um eine Mischform bei Tentoriumverletzung I. °.) In zwei weiteren Fällen traten ebenfalls bei leichten Spontan¬ geburten, einmal handelte es sich um den II. Zwilling, das andere Mal um vorzeitige Lösung der richtig sitzenden Plazenta, subdurale Blu¬ tungen auf, ohne dass die Blutungsquelle gefunden werden konnte. Falx und Tentorium waren in beiden Fällen intakt. Bei dem einen Falle war ante partum intrauteriner Fruchttod (durch die Plazentarlösung) erfolgt, bei dem anderen (II. Zwilling) war die Blase gesprengt und die Austreibung durch K r i s t e 1 1 e r sehe Handgriffe wegen schlechter Herztöne beschleunigt worden. Sie erfolgte ohne Schwierigkeiten in kürzester Frist. Das Kind (2, 2650) kam schwer asphyktisch, Wieder¬ belebungsversuche waren erfolglos. Aus der chirurgischen Abteilung des Krankenhauses München- Schwabing. (Chefarzt: Privatdozent Dr. Robert Dax.) Zur Kenntnis der akuten Perforation des Ulcus ventriculi aut duodeni. Von Dr. Theodor Brunner, Assistenzarzt. In den ersten zehn Jahren des Bestehens der chirurgischen Ab¬ teilung des Krankenhauses München-Schwabing (Geh. Sanitätrat Dr. Franz Brunner) wurden dort insgesamt 23 akut perforierte Magen- und Duodenalgeschwüre beobachtet, davon in den Jahren vor dem Krieg nur einzelne, dann steigend mehr. Vom 1. VIII. 1920 bis 1. VIII. 1921 kamen 14 zur Aufnahme, nebst einer unter demselben Bilde verlaufenden Karzinomperforation. Eine Mehrung, die mit der Zunahme sonstiger operativer Fälle in gar keinem Verhältnis steht. Ueber eine ähnliche Beobachtung berichtet auch Rosenthal bereits 1918, W. Reinhard 1919. Eine erhebliche Zunahme der überhaupt zur chirurgischen Behandlung kommenden Ulzera verzeichnet v. E i s e 1 s b e r g auf dem deutschen Chirurgenkongress 1920 und dem bayerischen Chirurgentag 1921. Er führt das auf für Ulcuskranke besonders ungünstige Ernährungsverhältnisse der Kriegs- und Nach¬ kriegszeit zurück. Die Mehrung des Vorkommens der für den Kranken verderblichsten Komplikation des Ulcus rotundum, der akuten Per¬ foration in die freie Bauchhöhle, die in München in früheren Jahren relativ selten vorkam, veranlasste uns, an Hand unserer Fälle den Praktiker, von dem oft in hohem Masse das Schicksal des Kranken abhängt, neuerdings darauf hinzuweisen. Es ist eine heute allgemein bekannte Tatsache, dass die Behand¬ lung des perforierten Ulcus nur eine operative sein kann. Ebenso sicher bestätigen die zahlreichen Veröffentlichungen über diesen Gegen¬ stand, dass die Operation, je früher ausgeführt, desto aussichtsvoller ist. Bis zu 12 Stunden post perforationem ist die Prognose der Opera¬ tion gut, darüber hinaus wird sie rasch schlechter. Fälle, die durch Operation am 2. Tage post perforationem und später noch gerettet wurden, sind Ausnahmen, die meist nur unter bestimmten Voraus¬ setzungen möglich sind. Ausserdem bietet die Frühoperation Aussicht auf ein kurzes Krankenlager und die Möglichkeit der Befreiung von Ulcusbeschwerden überhaupt, zum mindesten Besserung derselben. Bei der Spätoperation bei oft ausgesprochener eitriger Peritonitis und ihren Folgen ist, wenn sie überhaupt zu Heilung führt, ein langes Krankenlager und ein schlechterer Enderfolg zu erwarten. Sie muss dann häufig als reine Notoperation ausgeführt werden, wobei nicht auf die Beeinflussung des Ulcus selbst Rücksicht genommen werden kann, wovon später zu sprechen sein wird, und ein mehr oder weniger grosser Narbenbruch nicht zu vermeiden sein wird. Die frühzeitige Diagnose der Perforation hat jedenfalls eine über¬ ragende Bedeutung über die Technik der Operation, die wiederum von jener weitgehend abhängig ist. Für das frühzeitige Erkennen des Durchbruchs bietet schon die Anamnese, deren Erhebung allerdings durch den schwerleidenden Zustand häufig recht erschwert sein kann, die wichtigsten Anhaltspunkte. Aus ihr kann in der grossen Mehrzahl der Fälle der Zeitpunkt des Eintrittes der Perforation genau bestimmt werden. Meist handelt es sich um Kranke, die schon längere Zeit, oft schon jahrelang mehr oder weniger schwer magenleidend waren, teilweise unter typischen Ulcusbeschwerden. Dies trifft für unsere sämtlichen Fälle zu, mit Ausnahme von Fall 3, bei dessen desolatem Zustand eine ordentliche Anamnese nicht mehr erhoben werden konnte. Der Perforation geht meistens eine kürzere oder längere AnfalPneriode voraus (Fall 4 mit 14). Doch sei betont, das zahlreiche Fälle be¬ schrieben wurden, in denen die Perforation vorher anscheinend völlig Gesunde betraf. Das Ereignis der Perforation selbst wird begleitet von einem ganz plötzlich einsetzenden ausserordentlich heftigen Schmerz im Leib, der verschieden oder gar nicht lokalisiert, häufig in die Oberbauch- und Magengegend verlegt wird. Seine Beschreibung ist in alle Lehrbücher übergegangen. In mehr oder weniger charakte¬ ristischer Form wird er so gut wie immer angegeben. Er kann so stark sein, dass ein kräftiger Mann dabei zusammenbricht (z. B. Fall 6). Ein Schmerz von solch augenblicklicher Heftigkeit kommt wohl kaum bei einer anderen abdominalen Erkrankung vor. Er kann in die rechte oder linke Schulter ausstrahlen. Erbrechen kann den Eintritt der Per¬ foration begleiten. Der Befund bei der frischen Perforation eines Ulcus ventriculi aut duodeni in die freie Bauchhöhle ist der des schwersten peritonealen Schocks. Das eingefallene Gesicht ist blass, die Lippen sind blutleer, manchmal ist zyanotische Blässe vorhanden, die Augen sind umrandet, die Nase und die Extremitäten kühl, manchmal mit kaltem Schweiss bedeckt. Die Atmung ist beschleunigt, kostal. Der vor Schmerzen stöhnende Kranke macht einen schwerkranken Eindruck. In über¬ raschendem Gegensatz dazu steht oft der relativ langsame, volle, regel- 78 MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT. Nr. 3. massige Puls. Die rektale Temperatur ist meist nicht erhöht. Der Leib ist oft eingezogen, jedenfalls nicht särker aufgetrieben, bretthart ge¬ spannt, besonders die Rekti und insbesondere die Oberbauchgegend, häufig auch die rechte Unterbauchseite äusserst druckschmerzhaft. Die abdominale Atmung ist infolgedessen ganz ausgeschaltet. Daim- geräusche sind meist nicht mehr zu hören. Stuhl und Winde sind an¬ gehalten. Abnorme Dämpfung und Nachweis freier Flüssigkeiten kommen nur bei Austritt sehr grosser Flüssigkeitsmengen in Frage. Das Verschwinden der Leberdämpfung, das früher als wichtiges Zeichen gewertet wurde, hat keine besondere diagnostische Bedeutung. Es ist abhängig von der ausgetretenen Gasmenge, die häufig fehlen kann und wird ebenso hervorgerufen durch Blähung des Kolons in der. liegend der Flexura hepatica in anderen Erkrankungsfällen (L i e b 1 e i n, F l n- s t c r c r). Der peritoneale Schock wird zurückgeführt auf die plötzliche Ueber- schwemmung des intakten Peritoneums mit fremden Stoffen (Fin¬ sterer). Man könnte annehmen, dass dann der Schock und sein primäres Symptom, der initiale Schmerz, desto, heftiger wäre., je aus¬ giebiger diese Berührung stattfände, also im gleichen Verhältnis stünde zur Menge der ergossenen Flüssigkeit und der Grösse der Oeffnung, wie Reinhard angab. Aus unseren Fällen kann man das kaum ableiten. Wenn wir die bis 4 Stunden post Perforationen! operierten Fälle betrachten, bei denen anzunehmen ist, dass das ursprüngliche Bild noch am wenigsten durch sekundäre Exsudation des Peritoneums verändert ist, so finden wir: Schwerer Initialschmerz und viel Exsudat 1 mal (Fall 8). Schwerer Initialschmerz und wenig Exsudat 3 mal (Fall 6, 7. 10). Geringerer Initialschmerz und viel Exsudat 1 mal (Fall 11). Es handelt sich in allen Fällen um kleine, stecknadelkopf- bis blei¬ stiftdicke Perforationen, deren grösste sich allerdings bei Fall 8 findet. Besonders zu betonen ist die erwähnte Beschaffenheit des Pulses, die auf Vagusreizung zu rückgeführt wird. Den von den meisten Beob¬ achtern beschriebenen kleinen oder über Hundert beschleunigten Puls haben wir nur bei je einem Frühfall gesehen (Fall 8 und 6). Petren hat wohl mit der Bewertung des Pulses zwischen 80 und 100 als gün¬ stiges prognostisches Zeichen insofern recht, als eine darüber hinaus- gehende Pulsbeschleunigung als Anzeichen von Peritonitis zu betrachten ist, die schon nach wenigen Stunden einsetzen und das ursprüngliche Bild verändern kann. Für den peritonealen Schock ist bei herzgesunden kräftigen Menschen der volle, relativ langsame, rege.l- und gleich- mässige Puls typisch, der nicht zu Irrtiimem in der Diagnose Anlass Meist dauern in den nächsten Stunden die heftigen, häufig im .Ober¬ bauch lokalisierten Schmerzen fort, die durch kein Mittel wirklich zu beseitigen sind. Ein eigentliches Ruhestadium nach dem des Schocks (Symmonds; nach Wetterstrand) haben wir nicht beobachtet, wenn man nicht Fall 9 hier anziehen will. Die. alte War¬ nung vor der Morphiuminjektion (per os ist es weniger schlimm, da es doch nicht zur Resorption kommt), wegen ihrer die Diagnose gefährlich verschleiernden Wirkung (Lennander, Petren), bedarf nach unserer Erfahrung der Wiederholung. Der Zustand des Schocks geht mehr oder weniger langsam und fliessend in einigen Stunden in das bekannte Bild der diffusen Peri¬ tonitis über. Die Schnelligkeit dieser Entwicklung ist abhängig von der Virulenz der eingedrungenen Erreger und der Menge der ergossenen Flüssigkeit, auch von Sitz und Grösse der Perforation. Diagnostisch wertvoll ist, dass ein langes Bestehenbleiben der harten Bauchdecken¬ spannung im Oberbauch nach Eintreten meteoritischer Auftreibung des Leibes häufig zu beobachten ist (Finsterer). Die Perforation betrifft meist ältere Ulzera, was in unserer Be¬ obachtungsreihe nach Anamnese und autoptischen Befund ausnahmslos der Fall war. Wie viele Ulzera perforieren, ist schwer zu schätzen. Dementsprechend schwanken die Angaben der Autoren (1 — 18 Proz., Literatur bei Finsterer) Wann ein Ulcus durchbricht, ist ausser¬ ordentlich verschieden. Viele perforieren jedenfalls im Schlaf. Ein Trauma spielt als Entstehungsursache nur gelegentlich eine Rolle (Thiem). Auch die Füllung des Magens ist von untergeordneter ur¬ sächlicher Bedeutung. Auch bei leerem Magen kommt . der Durch¬ bruch vor. Die Perforation kann in jedem Lebensalter eintreten, bei 7 jährigen Mäddhen und 80 jähriger Greisin wurde sie beobachtet (Brentano: nach Finsterer). 70jährige wurden mehrfach ope¬ riert und geheilt (Amberger). Zweifellos am häufigsten ist sie in Ten kräftigsten Lebensjahren. In unseren Fällen: bis 20 Jahre 1 mal 20 — 30 Jahre 2 mal 30 — 40 ., 5 mal 40—50 „ 2 mal 50 — 60 ,. 4 mal. Bei der einzigen Frau (57 Jahre) unter unseren Fällen lag keine Perforation in die freie Bauchhöhle, sondern ein Abszess der Bursa omentalis vor (Fall 14). Auffallend ist, dass zahlreiche Beobachter der neueren Zeit das Ueberwiegen des männlichen Geschlechtes sahen (Amberger, C i t r o n b 1 a 1 1, D e m m e r, Finsterer, Petren, Wetterstrand u. a.). während Konrad Brun n e r (nach Wetter- Strand) das Verhältnis der Frauen zu den Männern gleich 4 zu 1 angibt. Die Prädilektionsstelle der Perforation ist beim Magen die Vorder¬ wand des Pylorus und dessen Umgebung in der Nähe der kleinen Kurva¬ tur (Fall 1 mit 8, 10, 11, 12); beim Duodenum die Vorderwand der Pars horizontalis superior (Fall 9 u. 13). Der einzige Durchbruch an der ^ Magenhinterwand, den wir sahen, führte zur Abszedierung in der Bursa omentalis und im subphrenischen Raum. Auch an anderen Stellen I kommen Durchbrüche vor, selten ausserhalb der Magenstiasse (Kardia, I kleine Kurvatur, Pylorus), wo eben die nichtheilenden alten Geschwuie | vorzugsweise ihren Sitz haben. Bei 3 Fällen (10, 11, 12), bei denen I die Perforation am Pylorus selbst sass. konnte bei der Operation nicht entschieden werden, ob sie dem Magen oder Duodenum angehörte. I Zu fühlen ist das in dem kallösen und entzündlich infiltrierten Gewebe I nicht. Die als Grenze anerkannte Pylorusvene ist infolge des dicken I Fibrinbelages meistens nicht zu sehen. Das Herausfliessen von Galle j würde in einem solchen Falle für Duodenalperforation sprechen, d. h. I wenn der Pylorus verschlossen ist. Ein bei der bekannten Multiphzrtat 1 der Ulzera nicht seltenes Vorkommnis ist die Perforation von 2 Ge¬ schwüren. Wir haben einen Fall (9) durch eine wahrscheinlich erst nachher eingetretene Perforation eines zweiten Geschwürs an der Hin- terwand der Pars horizontalis superior duodeni verloren, gegenüber j der übernähten an der Vorderwand. Es gibt auch eine Beobachtung über gleichzeitigen Durchbruch von 3 Geschwüren (Jaboulay; nach 1 W e 1 1 e r s t r a n d). Die Form der Perforation ist meist rund, scharf- 1 räudig. Ihre Grösse schwankt: 5X8 und 6 X 6 cm wurden schon j gesehen (W e 1 1 e r s t r a n d). Meist ist das Loch bis etwa erbsen¬ gross Wir sahen 4 grössere, bis zu Zehnpfennigstückgrösse (Fall 2, j 5 8, 14). Das Exsudat ist von typischer Beschaffenheit, ähnelt dem j gewöhnlichen Mageninhalt, ist trübe, schleimig, fibrinreich, von säucr- lichem Geruch. Es wird manchmal durch Getränke oder Nahrung ge- | färbt oder enthält grobe Nahrungsbestandteile (Reste von Pilzen Fall 2 j und 5). Es setzt sich zusammen aus dem ergossenen Mageninhalt , und der Ausschwitzung des gereizter. Bauchfells. Später wird es j eitrig, erst sehr spät jauchig und übelriechend. Gas, d. h. verschluckte j Luft findet sich manchmal und sichert beim Ausströmen aus der La- ,1 parotomiewunde sofort die Diagnose. Der Weg, den nach den Untersuchungen von Mikulicz, Len- n a n d e r u. a. (zit. nach L i e b 1 e i n, Melchior) die aus der Perfo- , ration ausströmende Flüssigkeit nimmt, ist von grosser praktischer Be- j deutung. Beim typischen pylorusnahen Ulcus des Magens oder Duo- I denums fliesst die aus der ja meist nur kleinen Oeffnung langsam i ausströmende Flüssigkeit in der Rinne des schwach geneigten Meso¬ colon transversum nach rechts ab, aussen am Colon ascendens herunter i und sammelt sich in der Fossa iliaca. Dieser Umstand lässt begreiflich j erscheinen, dass dann sehr frühzeitig der Hauptsitz der Schmerzen, Spannung und Druckempfindlichkeit in der rechten Unterbauchseite gefunden wird, wo sie Veranlassung zur häufigsten Fehldiagnose, der | der Appendizitis, geben. Von hier aus strömt der Erguss in das kleine Becken herab, bei kurzer Anheftung des Colons ascendens schon weiter oberhalb dieses überkreuzend. Bei rascherem Ausströmen von Magen- oder Darminhalt oder einem Hindernis irgendwelcher Art auf der Strecke des beschriebenen Weges zur Flexura hepatica, läuft die Flüssigkeit vorne über das Netz herunter. Dies erklärt, dass das • Netz frühzeitig ausgeprägte Entzündungserscheinungen aufweist, während der Dünndarm weniger rasch ergriffen wird. Beim hochsitzen- • den Magengeschwür entspricht der Weg nach links zur Flexura lienalis 1 und am Colon descendens dem der rechten Seite. Bei der selteneren J derartigen Lokalisation des Durchbruchs kommt er weniger in Frage. Bei grosser Oeffnung und grossen Mengen erfolgt . die Ausbreitung rascher und regelloser. Beim Durchbruch an der Hinterwand kommt es leichter zu abgesackter Peritonitis (Fall 14), da hier die peri- f gastritischen Verwachsungen beim alten Geschwür weit häufiger und umfangreicher sind als vorne, wo sie nur sehr selten zur Anheftung des Magens an der vorderen Bauchwand führen. Die Infektion des Peritoneums nimmt meist keinen stürmischen . Verlauf, da die Zahl der pathogenen Keime im Magen und Duodenum an sich geringer ist als in unteren Darmabschnitten (z. B. Appendix), und der saure Magensaft die Virulenz herabsetzt (Konrad Brunner j nach L i e b 1 e i n). Eine besondere Abart der Perforation ist die gedeckte Perforation, , die mit der subakuten öfters zusammengeworfen wird. Klarer wäre es, von subakuter Perforation nur in Fällen zu sprechen, in denen sie | sich langsamer vollzieht, vielleicht durch peritonealen Reiz angekündigt j wird (Moynihan, V i 1 1 a r d und P i n a t e 1 1 e nach Petren) oder auch zu weniger stürmischen Initialsymptomen führt. Die Bezeichnung ; „gedeckte Perforation“ sollte nur für die Fälle angewendet werden, I in denen der Durchbruch zwar akut eintritt, aber sekundär eine Deckung I der Oeffnung stattfindet, sei es durch Fibrin, Netz, Leber, Gallenblase, oder vordere Bauchwand. Schnitzler hat ihr eine ausführliche 'j Beschreibung gewidmet. Derartige Fälle haben schon vorher F i n -■ stere r, Petren u. a. gesehen ohne sie besonders zu bewerten. Ersterer hat neuerdings einen Fall gesondert beschrieben. Die Deckung | wird nur möglich sein bei kleiner Oeffnung, geringer Füllung des | Magens oder Duodenums, so dass nur kürzere Zeit Inhalt ausfliesst, reichlicher Fibrinbildung, die entweder selbst das Loch verstopft oder die Verklebung mit dem Nachbarorgan besorgt, 'und bei besonders i geringer Virulenz und Menge der ausgetretenen Keime, so dass cs i nicht oder doch erst spät zur Eiterung, allenfalls Abszessbildung kommt. Ihr Vorkommen gibt die Erklärung für manche Fälle, bei denen bei der Operation das Loch in den dicken Fibrinpelzen (Petren) nicht ge¬ funden wurde, und für den milden Verlauf, der die Rettung von aus¬ gesprochenen Spätfällen durch Operation ermöglichte (Fall 12. 42 Stun¬ den post perf. operiert und geheilt, Finsterer) und für Fälle. die : ohne Operation in Heilung ausgingen. Nach Schnitzler soll bei der I 20. Januar 1922. MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT. gedeckten Perforation nach den ersten stürmischen Symptomen Er¬ holung beobachtet werden. Bei unserem Fall traf das nicht zu. Dass auch diie gedeckte Perforation, selbst wenn sie diagnostiziert wird (Finsterer; möglichst frühzeitig operiert werden muss, bedarf bei dei Unsicherheit eines derartigen Verschlusses wohl kaum besonderer Hervorhebung. . Eei voller Ausprägung des Bildes könnte die Frühdiagnose sicher in j dreivieitel der Fälle, bei denen der Arzt rechtzeitig gerufen wird, gestellt werden. Die Frühdiagnose ist jedoch keineswegs so häufig, lni weiteren Verlauf, bei schon eingetretener diffuser Peritonitis ist die , 'asiiose wesentlich schwieriger. Doch kann auch hier der typische | lnitialschmerz den richtigen Weg weisen. Praktisch ist hier die Er¬ kennung dei ülcusperforation als solcher zunächst von geringerer Bedeutung, denn mit Ausnahme von ganz desolaten Fällen wird die ' Behandlung immer eine operative sein. Meistens wird die Fehldiagnose i Appendizitis gestellt. Dies hat seinen Grund in einer gewissen Aelm- ■ lichkeit der Anamnese. Auch in der Appendizitisanamnese spielen oft angebliche Magenschmerzen eine Rolle. Doch ist der Perforations- | schmeiz bei. ihr wohl nie ein derartig heftiger. Die erwähnte Aus- ei tungs weise des Exsudats erschwert weiter die Differentialdiagnose. i Ausgedehnte Druckempfindlichkeit und Spannung auch in der Ober- : bauchgegend werden bei frischer Appendizitis auch im Fall der Per- I selten Vorkommen. Diese Verwechslung hat noch keine dele- i tare Bedeutung, wenn sie nur zur sofortigen Operation führt Bei 1 dieser gibt die Beschaffenheit des Exsudats Aufklärung. Auch uns sind i LS,, o e Fa eu b®SeSnet?. ein Frühfall (Fall 8, geheilt), ein Spätfall irall 2, gestorben). Im übrigen gibt es wohl keine akute abdominale Erkrankung, mit der die ülcusperforation nicht schon verwechselt wor- 1 den wäre. Die Karzinomperforation kann dasselbe Bild wie die des I V leus rotundum zeigen, wie auch unser Fall 15 beweist, der erst bei der mikroskopischen Untersuchung des Sektionspräparates als Karzinom , aulgedeckt wurde. Schlecht abzugrenzen sind anderweitige sel¬ tenere Darmperforationen (Meckelsches Divertikel. Darmtuberkulose, i yphus ambulans). .Geplatzte Zysten des weiblichen Genitales führen ; zu Erscheinungen, die meist von den unteren Bauchabschnitten aus- j sehen und dort am stärksten ausgeprägt sind, abgesehen von der j anamnestischen Verschiedenheit. Die geplatzte Tubargravidität zeigt i ausserdem die Symptome der intraabdominellen Blutung. Vor der Ver- wechslung mit Pneumonie oder tabischer Krise schützt eine ein¬ gehende Untersuchung. ' „ ,Ein,en Fall sog. Scheinperforation (P e tr e n) haben wir beobachtet. | Es. handelte sich um einen 34 jährigen Mann, der vor 15 Jahren einen 1{ Deichselstoss auf den Bauch mit nachfolgenden langen und schweren I Krankenlagern erlitten hatte. Er wies alle diagnostisch wichtigen 1 änamuestischen und Befundsmcrkmalc einer akuten Ülcusperforation I d],e rv* Euchhöhle auf, so dass an der Diagnose kein Zweifel be- I ,fnd- Die ,obere mediane Laparotomie ergab ausser ausgedehnten alten Verwachsungen, die den Einblick sehr erschwerten, nichts. Auch die zugänglich gemachte hintere Magenwand zeigte keine Spur eines Ulcus. Die Gallenblase war in Ordnung. Vom Pararektalschnitt aus wurde eine Appendix entfernt, deren Wand etwas verdickt war und deren Schleimhaut punktförmige Blutungen aufwies. Mikroskopisch j zeigte die Subserosa. leichte entzündliche Infiltration. Darnach wTird ! niäii' sie kaum als Ursache anschuldigen können. Der Heilungsverluf war ein völlig glatter und rascher. Aufklärung brachte er in keiner Richtung. Tabische und hysterische Zeichen fehlten vollständig. Alle zur Aufnahme gelangten Fälle von ülcusperforation wurden operiert. Dass der Schockzustand kein Grund zur Aufschiebung der Operation sein kann, ist klar, wenn man weiss, dass er in diffuse Peri¬ tonitis übergeht. Der Gang der Operation war grundsätzlich folgender: supra- umbilicale mediane Laparotomie, Naht der Perforationsstelle, erst durch¬ greifend, dann ein- bis zweifache Serosatibernähung allenfalls mit Heran¬ ziehung von Netz. Ausgiebige Spülung der ganzen Bauchhöhle mit körperwarmer physiologischer Kochsalzlösung unter Eventration des Dünndarms. und möglichster Beseitigung von Belägen. Gastro- enterostomia retrocolica posterior. Völliger Verschluss der Bauchwunde uurch Schichtnaht, ausser bei ausgesprochen diffus eitriger Peritonitis, ohne Rücksicht auf zurückgelassene Spülflüssigkeit. Die blosse Naht der Perforation genügt jedenfalls, die Exzision des Uicus als Verfahren der Wahl hat nur noch wenig Anhänger (D e a v e r). ••ii, Uie Sestielte Netzplastik wurde nur ausgeführt, wenn die Serosa- nahte allein nicht sicher genug schienen. Anderes Material zu ver¬ wenden, hatten wir keine Veranlassung (z. B. Ra ab e, freie Peritoneal¬ transplantation). Die von Rehn eingeführte Spülung mit Eventration des Dünn- *nlSVT^ie ei(ien a^en Streitpunkt in der Peritonitisbehandlung dar- steht (Deutscher Chir.-Kongr. 1909) hat in ihrer Anwendung bei der 'Viagen- und Duodenalulcusperforation in neuerer Zeit sicher Freunde gewonnen, die ihre guten Erfolge darauf zurückführen (Amberger, Demmer, Nötzel [alle R e h n sehe Schule], Bircher Eberl e, v. Eiseisberg, v. Haberer, Hohlbaum [Payrsche Klinik], wrogius, Körte u. a.). Gegenöffnungen anzulegen haben wir nicht *.4)" gehalten. Jedenfalls muss die Spülung ausgiebig sein (30 bis p Fiter) und richtig von der Tiefe heraus ausgeführt werden. Mit Keinhar d glauben, wir, dass es ein Verdienst der Spülung ist, wenn Sen me ’n^ra‘lbdom'na^en Abszesse in der Nachbehandlung beobachtet Die Ausführung der Gastroenterostomie beim perforierten Magen- und Duodenalulcus ist eine sehr umstrittene Frage (Rovsing) Ihr Nr. 3. Zweck ist zunächst der, eine Entlastung des Magens durch rasche Ent¬ leerung und Schutz der Naht beim pylorusnahen oder Duodenalulcus durch Umgehung des Pylorus zu erreichen. Darüber hinaus soll sie ausserdem das Ulcus in der Folge heilend beeinflussen. Letzteres liegt ausserhalb des Zieles der Operation bei der Perforation, die bei dem schweren Zustand des Kranken rasch gemacht werden muss. Je nach- dem dei Chiruig die erste Absicht etwa auf eine andere Weise besser verwirklichen zu können glaubt (z. B.Salzman n) und je nach seiner Wertschätzung der Gastroenterostomie in der Ulcusbehandlung über¬ haupt, die ja eine sehr verschiedene sein kann (v. E i s e 1 s b e r g. Deutsch. Chir.-Kongr. 1920), und je nach der Einschätzung der Wieder¬ standskraft, des Kranken und der eigenen Technik wird er die Gastro¬ enterostomie nicht oder nur unter bestimmten Voraussetzungen oder gi undsätzlich anwenden. Bei vor oder durch Operation entstandener Pvlorussteno.se hat sie jedenfalls zahlreiche Anhänger (Arnberg er Finsterer, Petr ein, Wagner, Wetterstrand u. a.). Wir haben die Gastroenterostomie in unseren sämtlichen Fällen freier Perforation ausgeführt, mit Ausnahme von Fall 3, wo die Operation wegen des desolaten Zustandes abgebrochen und deshalb auch nicht gespult wurde, und in Fall 8, wo sie unterblieb, weil die Operations¬ dauer nach vorausgegangener Appendektomie und bei Ausschluss der btenosegefahr ohne zwingende Gründe nicht weiter verlängert werden iNeuerdmgs haben Chirurgen, die in der Ulcusbehandlung überhaupt zu radikaleren Methoden hinneigen, im Vertrauen auf ihre Technik in günstig gelagerten Frühfällen Resektionen (Billroth 2 und 1. Quer- resektion) beim perforierten Ulcus mehrfach ausgeführt und 'Erfolge berichtet (Eberl e, Eu nicke, v. Haberer, Massari, Petren) Lhe Resektion ist jedoch immer ein grosser und nicht einfacher Eingriff. Vur glauben, dass es wichtig ist, die Operation möglichst abzukürzen. Eine Resektion kann, wenn nötig, später nach Erholung des Kranken mit grosserer Ruhe und Sicherheit ausgeführt werden. Im Notfall, bei Unmöglichkeit des Nahtverschlusses der Oeffnung, nat man sich auf Tamponade mit oder ohne Gastroenterostomie be- schrankt, die schon Fälle gerettet hat (W e 1 1 e r s t r a n d). Auch die Fl?ria i Uerf°raFon in die Bauchwunde wurde erfolgreich aus- gefuhrt (Bur k). Auf Drainage haben wir in Frühfällen verzichtet und den Verschluss der Laparotomiewunde möglichst ausgedehnt anzuwenden gesucht. Auch dort, wo wie in Fall 12 und 13 das Ziel einer festen Narben- bhdung ohne Bruch nicht erreicht wurde, hat sie einen anderen bchaden nicht angerichtet. Zugegeben ist. dass in diesen beiden Fällen die Vernärbung bei Anwendung einer Drainage (Rehn sehe Schule) vielleicht eine bessere geworden wäre. Breite Tamponade leistet wohl nicht mehr wie Drainage und führt sicher zum Narbenbruch, der doch nicht ganz gleichgültig sein kann. Wir hatten unter 13 Fällen freier Perforation: 8 Frühfälle (bis 12 Stunden p. perf.) davon bis 6 Stunden p. perf. 6 — 12 Stunden p. perf. 5 Spätfälle davon 12 — 24 Stunden p. perf. 2. Tag p. perf. 3. Tag p. perf. 4. Tag p. perf. . „ ^ Von den Frühfällen erlag einer einer Pneumonie (Fall 1), einer fp1 nf ni eriD0ni jS ^°lge Perforation eines zweiten Ulcus duodeni irali 91. Bei den Spätfällem war die Todesursache Peritonitis. Diese spielt m der Statistik der Todesursachen der Perforation weitaus die grösste Rolle. Sehr häufig sind auch Lungenkomplikationen tödlich (Pneumonie, Gangrän, Empyem). Komplikationen bei Fällen mit glücklichem Ausgang sahen wir: Bronchitis i mM (Fall 13); Pneumonie 2 mal (Fall 6, 11); Aszites 1 mal (Fall 4); Ueuserscheinungen 1 mal (Fall 11); tiefer Abszess am Ober¬ schenkel 1 mal (Fall 11); doppelseitige eitrige Parotitis 1 mal (Fall 12). Ueber die Nachbehandlung ist besonderes kaum zu sagen, sie unter- scheidet sich nicht wesentlich von der anderer schwerer Magen- und abdominaler Operationen. Wert legen wir auf Schutz vor Abkühlung und gute Durchlüftung der Lunge, geben auch frühzeitig und reichlich nerzmittel. Von Tropfeinläufen machen wir ausgiebig Gebrauch. 6 geh. 2 gest. 6 5 geh. 1 gest. 2 1 geh. 1 gest. 2 geh. 3 gest. 2 1 geh. 1 gest. 1 1 geh. 0 gest. 1 0 geh. 1 gest. I 0 geh. 1 gest. iw u ji k c u ^ e s c n i c n i e n. E N. G., Mann, 40 Jahre. 5. VIII. 1920. Alte, im Felde verschlimmerte Versteifung der rechten Hüfte. Seit einem Jahr wiederholte Magembeschwerden, die jetzt seit mehreren Wochen an- aauern und ganz unabhängig von der Nahrungsaufnahme sind. Zuweilen saures Aufstossen, nie Erbrechen. Appetit gut. Stuhl stets regelmässig. Früher starker Biertrinker. Heute vormittag 9 Uhr erkrankte er bei der Arbeit nach dem Genuss von einem Rollmops und einem Glase Bier plötzlich mit äusserst heftigen Schmerzen im Leib und mehrfachem Erbrechen Liess sich sofort ms Krankenhaus bringen. Befund: Schwer krankes Aussehen. Massiger Ernährungszustand. Blass, trockene Lippen, umrandete Augen Zunge feucht, wenig belegt. Temperatur 37,2 rektal. Puls 96, regelmässig! von mittlerer Füllung und Spannung. Herz und Lunge o. B. Leib mässig aufgetrieben, Bauchdecken gespannt. Starke Druckempfindlichkeit, besonders im Oberbauch, rechts stärker als links, weniger rechte Unterbauchseite Keine Darmgeräusche. Sofortige Operation: 6)4 Stunden post perf. Lap. med! supraumb. Am Magen, Vorderwand dicht am Pylorus, nahe kleiner Kurvatur erbsengrosse Perforation. In der Umgebung in Zweimarkstückgrösse Fibrin- belage. Geringe Exsudatmenge, in der Nähe der Perforationsstelle starker eitrig, mit Flocken durchsetzt. Darm injiziert. Zweifache Naht der Perforation. Dann wird noch ein Netzzipfel darauf genäht. Spülung. Ga.E. post. Bauchdeckenschichtnaht. Verlauf: Während die peri- 4 80 MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT. Nr. 3. srs, »TÄÄg j reste an Nahtstelle und unterem Dünndarm. Multiple Ulzera Um magemunuu 2. A. M„ Mann, 54 Jahre. 22. IX. 1920. ^c-hmerzen im Vor 18 Jahren Krankenhausbehandlung wegen heftige ^ Leib. Sonst angeblich immer gesund. Am 19. IX. nach m Untergauch> (Schwämme) mit sehr heftigen Leibschmerzen, besonders Tagen SÜch erkrank,. Zunahme de, iuhJtr ».Ih S mit Erbrechen dunkelbrauner Massen 21. IX. T abends erfolgte der Bahn von Neumarkt nach München. Am selben Tag erfüWung sd ^,iSe,;:chl sä' sä hsfÄSTfü; schnitt rechts Reichliche dunkelbraune nicht stinkende Flüssigkeit, ln sich vereinzelt Teile der Pilzmahlzeit finden. Serosa des Dünndarms gerötet, SaumfeAnmder ktoteü Kurt, tu? mittein ist der Radialpuls nicht mehr fühlbar. 9 Uhr 15 Min. abends Exitus. FrüTie^ant^Uch^stet gesund ^ Am 30L X. mittags habe er sich nach dem 5^rSr1k,xr12Sn^S^ÄÄ'ÄhÄSf; Befund- Puls fadenförmig, fliegend, Atmung schwer, beschleunigt, ausg sprochene Facies abdomF Na,.' und Extremität» kahl Leib aiifgetrieben stark druckempfindlich. Keine Darmgerausche. Irotz infausten Zustandes Operation: 3. Tag post perf. Lap. med. supraumb. Dünn¬ darm hochgradig gebläht, eitrig belegt. Grosse Menge . ^ngp”’lorus Übe5 riechenden Exsudates. An der kleinen Kurvatur nahe beim Pylorus ube erbsengrosse Perforation, aus der massenhaft bräunlicher, schaumiger, säuer¬ lich riechender, mit wenig festen Bestandteilen gemischter Mageninhalt aus¬ strömt. Doppelte Naht wegen der erheblichen Auflockerung der schmierig belegten Serosa schwierig. Einlegen von 3 dicken Streifen. Bauchdecken¬ schichtnaht 2. XL mittags Exitus. Sektion: diffuse eitrige Peritonitis. Lungenödem. Thrombose beider Venae femoralis. Multiple, altere Ulcera rotunda des Magens. 4. J. H., Mann, 58 Jahre. 5. XI. 1920. Seit 20 Jahren magenleidend, mit typischen Ulcusbeschwerden. Vor einer Woche setzte ein ungewöhnlich schwerer Anfall ein. Stuhl seit 28. A. a - gehalten Seit 30. X. täglich 1—2 mal Erbrechen wässeriger Massen Starkes Aufstossen. Vergangene Nacht setzten ganz plötzlich, so dass « - davon er¬ wachte, sehr heftige Leibschmerzen ein, die in der Lebergegend besannen un< sich dann über den ganzen Leib ausbreiteten. Befund: Schwächlich gebauter, abgemagerter Mann. Schwerkranker Eindruck. Facies abdominalis. Zunge weiss belegt, trocken. Leib eingezogen, bretthart. Ueberall ausserst druck¬ schmerzhaft. Sofortige Operation: Etwa 12 Stunden post perf. Lap. med supraumb. Am Magen nahe dem Pylorus an der kleinen Kurvatur kleine Perforation. Reichlich Mageninhalt in der Bauchhöhle. Darmschlingen teil¬ weise fibrinös belegt. Zweifache Naht der Perforation. Netzdeckung. Ga E. post. Spülung. Bauchdeckenschichtnaht bis auf 3 dicke Streifen. In der Folge erhebt sich die Temperatur nie über 38,1 rektal, der Puls nicht über 110. Stuhl am 4. Tage post operationem. Langsame Erholung. Am 27 XI. noch Aszites nachweisbar. Bei Entlassung am 20. XII. noch Knöchelodem. Ge¬ wicht 40 kg, Grösse 158,5. Nachuntersuchung 3. IV. 1921. Gewicht 49 kg, guter Allgemeinzustand. Keine Beschwerden. Kann mit Ausnahme schwerer Speisen alles essen. 10. X. 1921: Sieht gut aus. Mager Beschwerdefrei. Bei vorsichtiger, geregelter Lebensweise voll arbeitsfähig (Beamter). 5. B. Fr., Mann, 30 Jahre. 9. XI. 1920. Seit 4 Jahren magenleidend mit häufigen krampfartigen Schmerzanfallen. Seit Januar 1919 erhebliche Verschlechterung. Häufig heftige Magen¬ schmerzen, Appetitlosigkeit. Nach künstlich hervorgerufenem Erbrechen Er¬ leichterung. Stuhl häufig angehalten mit Durchfällen wechselnd. . Am 4. XI. neuerdings starke Schmerzen, so dass er ins Bett musste, häufiges massen¬ haftes Erbrechen, bräunlich-übelriechend. 6. oder 7. XI. schwarzer Stuhl. Am 8. gegen Mittag ging er aus. Auf der Strasse brach er plötzlich mit heftigen Schmerzen im Leib zusammen, bekam keine Luft mehr. Zu Hause dauerten die heftigen Schmerzen fort, bis er nachts ins Krankenhaus gebracht wurde. Befund: Kräftig gebauter Mann. Facies abdominalis. Zunge trocken, dick belegt. Kostale Atmung. Puls 112, regelmässig, klein, Temperatur 38,3. Leib flach, bretthart gespannt, überall sehr druckempfindlich. Keine Darm¬ geräusche. Operation: Etwa 18 Stunden post perf. Lap. med. supraumb. In der Bauchhöhle reichliche graugrünliche Flüssigkeit, die Reste einer Pilz¬ mahlzeit enthält. Darmschlingen injiziert, Magen gebläht. An der kleinen Kurvatur eine etwa pfenniggrosse Perforation, deren Umgebung in gut Fünf¬ markstückgrösse derb kallös ist. Zweifache Naht. Spülung. Ga.E. post. Bauchdeckenschichtnaht bis auf 3 Streifen. Während der Operation Kollaps, der trotz NaCl-Infusion, reichlicher Herzmittel usw. nicht behoben wird. Der Radialpuls wird nicht mehr fühlbar. Wohl hauptsächlich durch Strophanthin wird Exitus bis 10. XI. nachmittags 4 Uhr hinausgeschoben. Sektion: Eitrig¬ fibrinöse Peritonitis, ausgehend von Ulcus callos. perf. des Magens. Oedem und Hypostase beider Lungen. 6. N. G., Mann, 33 Jahre. 20. XI. 1920. Seit längeren Jahren magenleidend. Vor 2 Jahren deswegen im Kranken¬ haus. Zeitweise schwarzer Stuhl, saures Aufstossen, Schmerzen in Magen¬ gegend. Vor 4 Tagen traten wieder Magenschmerzen auf. Arbeitete weiter. Heute vormittag 9% Uhr stand er an einer Maschine und wollte eben eine Anordnung treffen, als ganz plötzlich äusserst starke Schmerzen einsetzten, so dass er zu Boden sank und starke Atemnot litt. Sofortige Verbringung ins Krankenhaus. Befund: Kräftiger Mann. Blass, etwas zyanotisch. Schwer¬ krankes Aussehen. Krümmt sich vor Schmerz. Atmung 26, Puls 112. Leib eingezogen, gespannt, überall, besonders in Magengegend druckschmerzhaft. Operation: 2 /* Stunden post perf. Lap. med. supraumb. Am Magen an der kleinen Kurvatur vor dem Pylorus erbsengrosse Perforation in weisslich- strahlender Narbe. Wenig Exsudat. Serosa überall glatt und glänzend. Dreifache Naht. Spulu.a . Oa.E POSE, Xt««“ »Ä“' ' Glatte Heilung bis auf kleine Eiterung am ee eins?tzend, rasch abklingend. J pneumonie beider Unterlappen, am 2. ^ ^ erholt. 9. XII. Entlassung. Nachuntersuchung 8. X. 1921. “ *„ach un- I Arbeitet ständig fühlte sich wohl bis vor Nikotingenuss häufig morgens .ÄÄflSh m! Shssssää ;rem^raf,tUT^igerZtgenkontrolle X 1*920 «gib rasche Entleerung des bis 80, 6 Tag) Röntgenkontrolle tu. ai^ ^ ^ def Kranke neUerdings wflmSKatarfhes 'der SerenVuft’wege und allerlei nervöser Beschwerden im Krankenhaus Nach 4er Operation halten hie «Unbeschwerte» aane auf- gehört. Zuletzt wieder etwas saures Aufstossen. Schon" 1 ä ii' g er e 11 Z e i t 9 Mage nie sch werde n . Vor X Jahr deswegen in ärzt¬ licher Behandlung. Am 31. XII. 1920 traten QUSeu” Oberbauch auf, erstreckten sich auch in die rechte Unterbauchseite, neu ^ nachmittags 4 Uhr bei der Arbeit plötzlich '™efsen ’ Er¬ dass er sich nicht mehr bewegen konnte. Hat mittags noch gegessen, r-r brechen nachmittags auf künstlichen Reiz. Gegen Abend eingeliefert, fund Junger wenig entwickelter, kleiner, schlanker Mann. Augenscheinlich grosse Schmerzen." Angaben unsicher langsam Blasses Gfcht JUss, Lippen, Augen umrandet, Zunge feucht, kaum belegt. Hände und Fusse kuh . P ik klein um 80. Temperatur 36,4 rektal. Leib eingezogen, bretthart Sehr grosse Druckempfindlichkeit, Spannung und Druckschmerz am stärksten m der rechten Unterbauchseite, wo auch spontan jetzt die ärgsten Schmerzen angegeben werden. Keine abnorme Dämpfung. Diagnose: Appendicitis perf Operation: 3/2 Stunden post perf. Pararektalschnitt .\0.rllnege"derK°u""dnar"u auffallend feucht, gestaut. An der Appendix nur Injektion ein Kotstein fühlen Typische Appendektomie. Lateral des Zoekums und Golo ascendens Ansammlung reichlich stark getrübten und mit durch¬ setzten Exsudates. Bauchdeckenschichtnaht. Lap. med. supraumb. Mage gebläht, stark gefüllt, an der Vorderwand nahe der kleinen Kurvatur da™ea‘ breit vom Pylorus ein Bleistiftdicke haltendes Loch in weisslich narbiger Umgebung, aus dem fortwährend Mageninhalt abfliesst. Weiter kardiawarts an der Vorderwand eine kleine, weissliche, strahlige feste Narbe. Dreifaches Uebernähen der Perforation unter Heranziehen eines Netzzipfels. sPulu"S- Von Ga.E. wird mit Rücksicht auf die längere Operationsdauer, den schweren Zustand und die gute Durchgängigkeit des Pybrus abgesehen. Bauchdecke - schichtnaht. Verlauf: Beide Wunden heilen p. p. Heilverlauf glatt. Röntgen kontrolle 4. II. 1921 ergibt gute Entleerung des leicht verzogenen Magens. 12. II. entlassen. Nachuntersuchung 17. X. 1921. Hat sich kräftig entwickelt. Frisches Aussehen. Volles Gesicht. Fühlt sich gesund. Isst alles. Vo 5 Wochen einmal leichtes Magendrücken. Trinkt und raucht nicht. Narben fest mit Keloidbildung. 9. Kö. A., Mann, 23 Jahre. 5. II. 1921. Während des Krieges 1 Jahr Soldat. Wegen Anfällen mit Bewusstsein*- verlust, Schreien und Krämpfen entlassen. Vor einem Jahr erlitt er einen Schlag mit einem schweren Hammer auf die Stirn. °er Vater behauptet, seitdem sei sein Sohn „nicht mehr ganz richtig“. Seit 3—4 Monaten dumpfe Schmerzen in der Magengegend, hauptsächlich vor dem Essen. Oft braun¬ schwarzes Erbrechen. In der letzten Woche fühlte er sich recht unwohl Frösteln, starker Durst, Appetitlosigkeit. Nachmittags A 5 Uhr spurte er auf der Strasse einen Riss durch die Brust und den Oberbauch. Darauf konnte er sich nur noch kriechend in ein Geschäft schleppen, wo er ganz zusammen¬ brach Kein Bewusstseinsverlust. Reichlich Erbrechen, das sich mehrfach wiederholte. Winde und Urin seither angehalten. Wird um 9 Uhr abends eingeliefert. Befund: Gibt nur zögernd und schwerfällig Auskunft. Ruhig. Blass. Lippen rot. Foetor ex ore. Zunge leicht belegt, feucht. Puls 88, gut gefüllt, mässig gespannt, regel- und gleiohmässig. Temp. ax. 36,8. nerz, Lunge o. B. Leib leicht eingezogen, im ganzen gespannt, besonders die Rekti Druckempfindlichkeit rechts auf der ganzen Seite mehr als links, doch nirgends erheblich. Flanken frei. Rechts im Unterbauch Dämpfung. In den nächsten 2 Stunden zweimal galliges Erbrechen. Hat etwas geschlafen, fühlt sich wohler. Sieht nicht verfallen aus. Puls und Temperatur unverändert. Der Kranke ist ruhig, macht einen etwas stumpfen Eindruck. Er setzt sich im Bett allein auf. Leib leicht eingezogen, Rekti deutlich gespannt, keine erheb¬ liche Druckempfindlichkeit. In der rechten Unterbauchseite leichte Dämpfung Die Leberdämpfung ist in ganzer Ausdehnung von Tympame überlagert Rektal leichte Druckempfindlichkeit des Douglas. Diagnose: Ulcus ventricu aut duodeni perf.? Operation: 6. II. 1921 8 Stunden post perf. Lap. med supraumb. Sofort Vordringen von schmierigem Exsudat. An der Vorderseite des Pylorus erbsengrosse Perforation, aus der etwas Galle fliesst. Zweifache Naht. Dünndarmserosa überall getrübt, injiziert, reichlich Skybala. Ga.E post. Bauchdeckenschichtnaht. Verlauf: In den nächsten Tagen zunächs Rückgang der peritonealen Symptome. Am 10. II. 1921 rasche Verschlech terung. 12. II. 3 Uhr morgens Exitus. Sektion: 1. Ulcus an der Vorderwani der Pars Ihoriz. sub. duodeni genäht. 2. Ulcus an der Hinterwaiid perforiert Jauchige Peritonitis. 10. Sch. G„ Mann, 33 Jahre. 16. III. 1921. Seit 1910 magenleidend. Hat den ganzen Krieg im Feld mitgemacht Letzte Nacht hatte er heftige krampfartige Magenschmerzen. Als er heut 20. Januar 1922. MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT. 81 1214 Uhr mittags spazieren ging, bekam er plötzlich einen stechenden Schmerz im Magern der zum Nabel und zur linken Schulter ausstrahlte. Er fühlte ein schnelles Schwinden seiner Kräfte. Befund: Aussehen verfallen. Zunge kaum belegt, feucht. Puls 85, voll, regelmässig. Kostale Atmung. Leib nicht auf¬ getrieben, hart gespannt, starker Druckschmerz, am meisten im Epigastrium, nach abwärts allmählich abnehmend. Keine Dämpfung, keine Darmgeräusche. Operation: 3 Stunden post perf. Lap. med. supraumb. Sehr spärliches Exsudat. Magen prall gefüllt. An der Pylorusvorderwand hirsekorngrosse Perforation in derber Umgebung. Zweifache Naht und Netzdeckung. Spülung. Qa.E. post. Bauchdeckenschichtnaht. Glatter Verlauf. Wunde p. p. geheilt. Röntgenkontrolle 31. III 1921 ergibt gute Entleerung des Magens. Stauung im Duodenum. 11. Sch. J., Mann, 36 Jahre. 3. IV. 1921. Seit 1916 magenleidend. Im Januar d. J. wegen Magengeschwür in Krankenhausbehandlung. Heute vormittag X>9 Uhr plötzlich Schmerzen im Bauch, etwas Erbrechen. Nach einigen Minuten konnte er weitergehen, musste sich aber bald wieder hmsetzen. Befund: Kräftiger, gut genährter Mann. Leichte Zyanose. Pupillen klein (vorher Mf.). Puls 90, regelmässig, kräftig. Temperatur 37,4 rektal. Oberbauch besonders rechts bretthart gespannt. Rechts neben Medianlinie stärkste Druckempfindlichkeit. Unterbauch frei. Spärliche Darmgeräusche. Operation: Etwa 4 Stunden post perf. Lap. med. supraumb. Entweichen von Gasen. Diffuses Exsudat. Erbsengrosse Per¬ foration an der Pylorusvorderwand. Zweifache Naht. Spülung. Ga.E. post. Bauchdeckenschichtnaht. Der weitere Verlauf war durch eine Pneumonie des rechten Unterlappens, grössere Fadeneiterung in der Wunde, einen aus¬ gedehnten tiefen Abszess am rechten Oberschenkel und leichte Ileuserschei- nungen kompliziert. 14. V. 1921 entlassen. Bericht vom 11. X. 1921: Fühlt sich ganz wohl und arbeitsfähig. Kann alles essen. 12. B. J., Mann, 29 Jahre. 21. V. 1921. Seit 1917 magenleidend. Während des Krieges zweimal wegen Nerven- und Magenleidens vom Militär entlassen. Vor 14 Tagen neuerdings heftige Schmerzen in der Magengegend, Erbrechen, konnte nur noch Milch trinken. Vorgestern nachmittags wurde ihm im Bureau so übel, dass er heimgehen musste. Auf der Strasse konnte er nicht mehr weiter. Ein Herr half ihm. Zu Hause ging er mit heftigen Schmerzen ins Bett. Als er um L>4 Uhr auf¬ stehen wollte, war es ihm „als ob sich unter äusserst heftigen Schmerzen der Magen plötzlich in den Darm entleerte", wobei er zusammenbrach. Aerzt- liche Behandlung brachte keine Linderung. Kein Erbrechen. Stuhl und Winde angehalten. Als Appendizitis eingewiesen. Befund: Schlanker, wenig kräftiger Mann, Facies abdominalis, Lippen trocken. Zunge feucht, stark belegt. Leib etwas aufgetrieben. Am Oberbauch, besonders median starke Spannung und Druckschmerz. Beides auch auf der ganzen rechten Seite vorhanden, doch nicht so stark wie in der Mitte oben. Links ist Eindrücken etwas möglich. Sofortige Operation: 42 Stunden post perf. Lap. med. supraumb. Vor dem geblähten Magen wenig stark getrübtes Exsudat. Auf der Vorder wand des Pylorus liegt die Leber an. Dazwischen dicker Fibrinbelag, unter dem nach einigem Suchen vorne oben am Pylorus ein stecknadelkopfgrosses Loch ge¬ funden wird. Zweifache Naht. Trübes, nicht übelriechendes Exsudat haupt¬ sächlich in der rechten Bauchseite und im kleinen Becken angesammelt. Netz hochgradig gerötet. Dünndarm gebläht, gestaut, trübe. An rechts gelegenen Schlingen Fibrinauflagerung. Im Colon descendens und sigmoideum Skybala. Spülung. Ga.E. post. Bauchdeckenschichtnaht. Der Verlauf war kompliziert durch schwere doppelseitige, eitrige Parotitis, die beiderseits inzidiert werden musste und Eiterung an der Operationswunde, wo der Faden der fortlaufenden Peritonealnaht in toto zur Abstossung kam. Am 30. VI. 1921 hatte sich der Kranke im ganzen sehr gut erholt, war ibeschwerdefrei, konnte entlassen werden. Beginnender Narbenbruch. 13. S. J., Mann, 54 Jahre. 21. VII. 1921. Seit mehreren Jahren magenleidend. 6. — 11. Juli täglich heftige Schmerzanfälle mit Erbrechen und Schlaflosigkeit. Am 20. morgens Lcib- schimerzen, weswegen er gegen Mittag zu Bett ging. Als er nachmittags ruhig dalag, hatte er plötzlich das Gefühl, als ob im Oberbauch etwas durchrisse. . Er stiess einen lauten Schrei aus. Gegen die heftigen Schmerzen waren ärztlich verordnete Medizin und Mf. -Injektionen wirkungslos. Befund: Vorgealterter Mann, mager, Gesicht eingefallen, blass. Stöhnt und jammert über heftigste Leibschmerzen. Temp. 37,8, Puls 100, mässig gefüllt. Leib etwas aufgetrieben, stark gespannt,' überall sehr druckschmerzhaft, besonders m der Mitte der Oberbauchgegend und rechts davon. Keine Darmgeräusche Sofortige Operation etwa 18 Stunden p. perf. Lap. med. supraumb. Gas und reichlich stark trübes, galliges Exsudat. An der Vorderwand der Pars horiz. sup. duodeni erbsengrosses Loch, aus dem Galle ausfliesst. Zweifache Naht. Netz stark gerötet. Dünndarm in den oberen Teilen gebläht, trübe mjmert Einzelne Fibrinbeläge. Spülung. Ga.E. post. Bauchdeckenschicht- naj b- er Heilverlauf wurde gestört durch eine schwere eitrige Bronchitis und Eiterung in der Wunde, die ganz auseinanderwich. Am 10. X 1921 war er noch in ambulanter Behandlung. Verspürt noch Druck in der Magen¬ gegend. Beginnender Narbenbruch. 14. M. B„ Frau, 57 Jahre, 14. I. 21. Früher ganz gesund. Seit Mai 1920 immer heftiger werdende Magen¬ beschwerden. Vor 10 Tagen wurde sie infolge plötzlich einsetzender heftiger Schmerzen im Oberbauch ohnmächtig. Seither mehrfach Erbrechen übel¬ riechender Massen, Auftreibung des Leibes, Stuhl und Windverhaltung, die nach einigen Tagen wieder behoben werden konnte. Der zugezogene Arzt empfahl Krankenhausaufnahme, welchem Rat Sie erst heute folgt. Befund: ^-tark abgemagert. Verfallenes Aussehen. Blass. Zunge trocken, graubraun belegt. Temp. 37,8 rektal. Puls 104, klein, regelmässig. Leib im ganzen stark aufgetrieben. Reflektorische Bauohdeckenspannung nur in der rechten Oberbauchgegend. Keine abnorme Dämpfung, Leberdämpfung regelrecht. Leb¬ hafte Darmbewegung unterhalb des Nabels sichtbar. Diagnose: Neoplasma ventriculi? Operation: 5. I. 1921, 12 Tage post perf. Lap. med. supraumb. Man stösst auf einen zwischen Leber- und Zwerchfell liegenden Abszess, aus dem stinkendes Gas entweicht und der dünne, trübe Flüssigkeit enthält. Leber mit Colon transversum fest verklebt. An der gegen den Magen zu sehenden Abszesswand quillt aus einer sondendünnen Oeffnung am Leberrarid trübe, stinkende Flüssigkeit vor. Nach Erweitern der Oeffnung gelangt man U? die Bursa omentalis. Nach Austupfen der Jauche erkennt man an der ugenhinterwand an der kleinen Kurvatur ein etwa zehnpfennigstückgrosses Loch. Naht. Gazestreifen an Perforationsstelle und Abszesshöhle, Verkleine¬ rung der Bauchwunde durch Schichtnaht. Die Kranke erholt sich nicht mehr, 6. I. 1921 2 Uhr morgens Exitus. Sektion: Ausser Bestätigung des Operations¬ fundes weiche Milz. Thrombose beider Venae fetnorales, iliacae und der unteren Hälfte der Kava. 15. R. M„ Mann, 43 Jahre. 9. V. 1921. Seit mindestens 2lA Jahren (in englischer Kriegsgefangenschaft) Magen¬ schmerzen. 8. V. 1921 morgens 4 Uhr erwachte er infolge starken Magen¬ drückens, das auf heisse Leibwickel wieder so weit zurückging, dass er einschlief. Gegen 7 Uhr, kurz nachdem er aufgestanden war, befiel ihn ein so heftiger Schmerz in der Magengegend, dass er sich auf das Bett sinken Hess und sich ganz krümmte. Durch Arzt vormittags verordnete Pulver konnten die dauernd fortbestehenden heftigen Schmerzen nicht lindern. Be¬ fund: Massiger Ernährungszustand. Facies abdominalis. Zunge belegt, trocken. Puls mässig bescleunigt, regelmässig, kräftig. Temp. 38,5. Leib aufgetrieben, hart gespannt, äusserst druckempfindlich, Oberbauch am meisten. Keine Peristaltik. Sofortige Operation. 32 Stunden post perf. Lap. med. supraumb. Gas und stark trübes Exsudat. Unter dem sehr grossen linken Leberlappen an der vorderen Magenwand, etwa in deren Mitte, erbsengrosses Loch in dicken Fibrinbelägen. Umgebung in Dreimarkstückgrösse kallös. Zweifache Naht. Darmserosa überall trüb injiziert. Spülung. Ga.E. post. Bauchdeckenschichtnaht. 12. V. 1921 Exitus an Peritonitis. Sektion: Diagnose ' Karzinom erst mikroskopisch gestellt. Literatur. Amberger: Arch. f. klin. Chir. 1 12, H. 3 u. 4. — B i r c h e r: Verhdlg d. Schweizer Ges. f. Ghir. 1918, ref. Zbl. f. Chir. 1920, Nr. 14, S. 335. — Burk: Zbl. f. Chir. 1920 Nr. 25. — C i t r o n b 1 a 1 1: D. Zschr. f. Chir. 1912, 117. H. 1 u. 2. — Deaver: Ref. Zbl. f. Chir. 1920, Nr. 28, S. 872 — Demmer: Bruns Beitr. 1918, 111, H. 2, S. 400. — Eberle: Zbl. f. Chir. 1920 Nr. 45. — v. Eiseisberg: Arch. f. klin. Chir. 1919, 112, H. 3 u 4 und 1920, 114, H. 3. — Eunicke: D.m.W. 1919 Nr. 28. — Finsterer- Bruns Beitr. 1910, 68 und Ref. Zbl. f. Chir. 1920, Nr. 33, S. 1013 — v Ha¬ ber61': Ref. Zbl. f. Chir. 1920 Nr. 4, S. 84. — H o h 1 b a u m: Ref. Zbl. f. Chir. 1920, Nr. 36. S. 1124. — Krogius: XII. Versamml.' d. Nordisch, g/hir. Vereins zu Christiania 1914. Ref. Zbl. f. Chir. 1919, Nr. 46, S. 910 und Ref. Zbl. f. Chir. 1920, Nr. 32, S. 995. — L i e b 1 e i n und Hilgen- r ein er: D. Chir. Nr. 46 c, S. 126. — Massari: Ref. Zbl. f. Chir. 1920, Nr. 30, S. 432. — Melchior: Neue D. Chir. 25, S. 207 u. ff — Noetzel: Verhandl. d. D. Ges. f. Chir. 1909, 38, II, S. 638 ff. und Arch. f. klin. Chir. 1920, 114, H. 2. — Petren: Bruns Beitr. 1911, 72, S. 139. — Raabe: Ref. Zbl. f. Chir. 1919 Nr. 44, S. 878. — Rein¬ hard: D. Zschr. f. Chir. 1919. 149, H. 3 u. 4, S. 145—236. — Rosen¬ öl: Bruns Beitr. 1918 110, H. 3, S. 551. — Rovsing: XII. Versamml d. Nordisch. Chir. Vereins z. Christiania 1919. — Salzmann: M.m.W. 1921, Nr. 40, S. 1294. — Schnitzler: Verhdlg. d. D. Ges. f. Chir. 1912! 41, I, S. 189. — Thiem: H. d. Unfallerkrankungen 1910, 2, 2 Teil — Wagner: D. Zschr. f. Chir. 1913, 120, H. 5 u. 6. — Wetterstrand' D. Zschr. f. Chir. 1913, 121, H. 5 u. 6 Ueber Bronchotomie bei tiefen unheilbaren Ver¬ engerungen der Luftröhre. Von Aurel Rethi-Pest. Die im unteren Drittel der Trachea sitzenden Stenosen sind zu therapeutischen Zwecken im allgemeinen schwer zugänglich. Der grösste Teil ist sogar unheilbar. Die Stenose ist zumeist ein Folge¬ zustand der Kompression durch mediastinale Tumoren und Aneurysmen, nicht selten sehen wir hochgradige narbige Stenosen, ja sogar bös¬ artige Tumoren der Trachea. Das Sklerom kann auch Erstickungstod herbeiiiihren durch tiefsitzende Stenosen. Während im oberen Teil der Trachea befindliche Stenosen gewöhn¬ ter1 durch Tracheotomie beeinflussbar sind, können wir bei tiefsitzen¬ den Stenosen durch die Tracheotomie meistens kein besonderes Re¬ sultat erhoffen. Zur Illustration sollen folgende Krankengeschichten dienen: C7 ... V März 1916 wird auf die Univers.itäts-Nasen-Kehlkopfklinik eine 57 jährige Patientin aufgenommen, bei der ausserordentliche Atembeschwerden j).es^ten- . tracheotomiere sofort, aber das Atmen bessert sich trotz der Kanüle nicht, sondern es verschlechtert sich. Deshalb appliziere ich eine lange, spiralige König sehe Kanüle, die durch die Stenose durchdringend der Patientin das Atmen sichert. Pat. atmet ruhig. Der interne und Röntgen¬ befund, der jetzt schon ruhig erhoben werden konnte, war Aneurysma aortae Nach 4 Tagen verblutet Pat. durch die Trachea infolge Arrosion des Aneurysma. 2. Am 20. Dezember 1916 wird ein 46 jähriger Patient von der I. Medi¬ zinischen Klinik auf die Laryngologische Klinik mit der Diagnose Aneurysma aortae transferiert. Die Atembeschwerden sind sehr erheblich. Ich mache sofort die Tracheotomie und lege eine lange, spiralige K ö n i g sehe Kanüle em. Das Atmen ist gut, aber Pat. verblutet nach 5 Tagen durch die Trachea. 3. Im Dezember 1915 machte ich eine untere Tracheotomie bei einem Patienten, der im Bereiche der Bifurkation eine narbige Stenose infolge von Lues hatte. Die lokalen Dilatationsversuche waren erfolglos geblieben Pat starb nach 4 Monaten. In den genannten Fällen war ich dem voraussichtlichen Krankheits¬ verlaufe gegenüber gänzlich machtlos. Deshalb lenkte ich meine Auf¬ merksamkeit auf die von Glück empfohlene Bronchotomie, welche uns in solchen Fällen allein ermöglicht dem Kranken Hilfe zu leisten. Den Sinn der Operation bietet die Erscheinung, dass der Patient durch eine bronchiale Fistel bei geschlossenem Mund und Nase atmet. Die Luft geht also nicht durch den Kehlkopf zu den bronchialen Endästchen, sondern in retrograder Richtung vom Bronchus zur Trachea (retro¬ grade Atmung). Glück empfahl ursprünglich die sog. Bronchotomia postica, deren Sinn darin besteht, dass man, neben dem Rückgrat euidringend, nicht die Pleurahöhle eröffnet, sondern die Pleura parie- talis oberhalb der Wirbelsäule abhebt und so den extrapleural auf- gesuchten Hauptbronchus eröffnet. Dieser Weg ist aber nicht zweck- 4* 82 MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT. Nr. 3. »lässig, denn er birgt wegen der Infektion des Mediastinums und dei Nähe der grossen Gefässe eine eminente Gefahr in sich, denn letztere werden sehr leicht infolge langer Kanüle arrodiert. Dieser Weg ist also aussichtslos. , . , , Viel ermutigender ist es, den Hauptbronchus im Lungengewebe aufzusuchen und eine ständige perpulmonale bronchiale Fistel anzulegen. In diesem Falle müssen wir natürlich die Pneumothoraxbildung verhin¬ dern können. Hochdruck darf nicht angewendet werden, da, wie ein Fall mich lehrte, der hohe Druck einen derartigen Positionswechsel des Aneurysmas verursacht, dass eine vollständige Kompression dei Trachea entstehen kann. Es ergab sich also als eine wichtige Erfahrungs¬ tatsache, dass man bei dieser Operation keinen hohen Druck anwenüen darf. I. Teil (Pneumopexie). Der Zweck ist die Verhinderung des Pneumothorax durch Anbringung einer, die Verwachsung hervorrufen¬ den Naht. Hautschnitt verläuft parallel zur Wirbelsäule, von der Medianlinie 4 cm entfernt, beginnt an der 4. Rippe, setzt sich bis unter die 9. Rippe fort und endet am oberen Ende in einem kurzen, am unteren Ende in einem ungefähr 10 cm langen Querschnitt. Wir legen die 5., 6., 7. und 8. Rippe frei, und während wir von der 8. Rippe entsprechend der Wunde das grösste Stück entfernen, geschieht dies bei den oberen Rippen stufenweise weniger. Die interkostalen Arterien werden unterbunden, und die interkostalen Weichteile werden von der Pleura parietalis behutsam entfernt. Bei intensiver Beleuch¬ tung schimmert die entsprechend der Atmung bewegte marmorierte Oberfläche der Lunge durch. Hernach umstechen wir mit einer fort¬ laufenden Naht am Rande der Wunde die pleuralen Blätter (Fig. 1). Es ist eine feine Nadel und feine Seide notwendig, und beim Nähen müssen wir darauf achten, dass wir beim Ausstechen die Pleura nicht mit der Nadel nach vorwärts drücken und so den Stichkanal erweitern. Als Naht wird allgemein die sog. Roux sehe Rückstichnaht gebraucht. Ich fand es in meinen Versuchen viel entsprechender mit einer wellen¬ artigen, doppelten, in den Durchstechungspunkten sich treffenden Naht zu arbeiten (Fig. 2), welche viel sicherer schliesst als die Roux sehe; war Deshalb versuchte man die Anwendung chemischer Irritantien, u a. taucht Karewsky die Seidenfäden in Terpentinöl und ver¬ sucht durch dessen irritative Wirkung eine Verwachsung hervor- zurufen. , , Den eigentlichen Zweck des ersten 'leiles der Operation, und zwar die Verwachsung, erreiche ich auf ganz einfache Weise. Da die Ver¬ wachsung der beiden intakten Pleuraflächen durch die Naht nicht voll¬ ständig gesichert ist, entferne ich nach der Naht die Pleura parietalis (Fig. 3) im Bereiche der Naht. Dadurch erreiche ich, dass die die Lunge bedeckende Pleura mit der Wundfläche des Mautlappens in Berührung kommt, wodurch eine rasche Verwachsung zustande kommt, wir müssen jedoch daran denken, dass wir auf den Hautlappen jene Linie bezeichnen, in welche wir beim zweiten Hautschnitt eindringen. Des¬ wegen legen wir beim Zurückschlagen des Hautlappens an zwei Punkten, oben und unten, je eine, den Lappen nicht durchstechende, oberflächliche kleine Naht an, deren Spur zwei kleine Narben, den oberen, bzw. den unteren Endpunkt des zur II. Phase gehörenden Hautschnitts, darbietet (Fig. 4). Dadurch sind wir dagegen geschützt, dass wir den Schnitt auf nicht verwachsenes Gebiet fortsetzen. Die Entfernung zwischen den zwei Punkten muss mindestens 8 cm betragen. Der Hautlappen wird mit Knopfnähten fixiert. II Teil. (Die eigentliche Br onchotomie.) Zwischen den bei der ersten Operation mit je einer Naht bezeichneten zwei Punkten eindringend und die Haut durchschneidend, durchbrennen wir entsprechend der Schnittwunde den oberflächlichen Teil des Lungen¬ gewebes in einer Tiefe von 2 — 3 cm mit dem Theimokauter; nachher ist es am besten, mittels 2 anatomischen Pinzetten stumpf fort¬ zuarbeiten. Richtung sagittal. Oft finden wir ein kleines bronchiales Aestchen auf, dem wir folgen müssen, nachdem es unbedingt in den Hauptbronchus des Lappens führt; wir erleichtern die Orientierung, wenn wir auf einen Moment in das Bronchusästchen eine Sonde ein¬ führen. Es ist aber ratsam, vorläufig den kleinen Bronchus nicht zu eröffnen, bis wir zum Hauptbronchus des Lappens gelangen, damit ein eventuell verletztes üefäss nicht in den Bronchus hineinblutet. Wenn ein grösseres Gefäss uns im Wege liegt, so wird es im vorhinein um¬ stochen; jedoch können wir in tieferen Regionen nicht knüpfen. Des¬ halb lassen einige in Bedarfsfällen die Pinzetten durch einige Tage in der Wunde. — Das ist überflüssig, und ich benütze statt dessen ein ganz einfaches Verfahren. Ich wertde nämlich nach der Umstechung die von mir vor Jahren konstruierte und als Ersatz der Knüpfung tief e i Nähte empfohlenen Plomben an (Fig. 5). Die zwei Fäden wenden durch die Plombe gezogen. Die Plombe wird auf die entsprechende Zange angebracht; nach dem beliebigen Zusammenpressen des beiliegenden Teiles schliesse ich die Zangen, worauf die Plombe die Fäden sicher fixiert. Bei Umstechung ist es am richtigsten, mit einem Doppelfaden zu umstechen und ein Fadenpaar von der _ Pinzette, das andere hinter der Pinzette abzuplombieren. Natürlich darf man die freien Fäden nicht abschneiden, damit die Plomben nach einigen Tagen mit Hilfe dieser Fäden entfernt werden können. Ls ist von grosser Wichtigkeit, dass das Operationsgebiet genügend übersichtlich sei, und deshalb soll man nicht in einer engen Rinne arbeiten. Wenn wir den grossen Bronchus eröffnet haben, so fuhren wir eine Königsche Kanüle ein und tamponieren die Wunde rings um die Kanüle locker aus; später müssen wir eine entsprechende, spiralige Kanüle mit ganz offenem Endteil anfertigen lassen. Schliesslich muss ich betonen, dass wir den ersten Teil der Opera¬ tion erledigen müssen, so lange der Kranke noch in einem vollkommen guten Zustande und die Stenose nicht derart hochgradig ist, dass beide Teile der Operation wegen der Gefahr der Suffokation in einer Sitzung ausgeführt werden müssen, weil in diesem1 Falle die Prognose wegen der Gefahr des Pneumothorax nicht so gut ist. Die Gebrauchsfähigkeit der Operation will ich mit folgendem charakteristischen Beispiele demonstrieren: Am 14. April 1919 wird K. K., 50 jähriger Hotelangestellter, aui unsere Abteilung aufgenommen, von dem wir erfahren, dass er seit 3 Monaten schwer atmet, dass sich sein Zustand ständig verschlimmert und zeitweise auch Lr- stickungsanfälle eintreten. Vor 20 Jahren hatte Pat. ein Geschwür. Das Atmen ist bei unserem abgeschwächten Pat. stridorös und die Aktion der Hilfsmuskeln gesteigert. Durch direkte Tracheoskopie erblicken wir im Be¬ reiche der Bifurkation ein flach hervorgewölbtes, stark pulsierendes, tumor¬ artiges Gebilde, welches den grössten Teil des Tracheallumens ausfüllt. Der Zustand des Pat. verschlimmert sich, weshalb ich mich zur per¬ pulmonalen Bronchotomie des rechten, unteren Lappens entschliesse. Den ersten Teil dieser Operation erledigte ich am 23.. Juni 1919, die Wunde heilte per primam. Von nun an beobachtete ich ruhig die Ereignisse, denn falls beim Pat. eine schwere Dyspnoe eintreten sollte, könnte ich sofort die Bronchotomie machen, ohne der Gefahr des Pneumothorax ausgesetzt zu sein. Die Atembeschwerden steigern sich in der 3. Woche nach der Operation. Am 16. Juli Erstickungsanfall mit Zyanose. Bronchotomie. Die Zyanose ver¬ schwindet rasch, der Kranke atmet gut durch die bronchiale Fistel. Pat. ver¬ lässt baldigst sein Bett. Er nimmt an Körpergewicht zu, sein Atmen ist gut. Entsprechend der Kanüle bildet sich ein in den Bronchus führender Schlauch, welcher sich langsam zu epithelisieren beginnt. Wenn wir, 4 Monate nach der Operation, die bronchiale Wunde zuhalten, atmet Pat. verhältnismässig gut durch den Mund. Die Erklärung liegt darin, dass die am unteren Lappen rings um die Mündungsstelle gebildete Narbe einen Zug nach rechts hervorrief, durch den die Trachea vom Druck der Aneurysma befreit wurde, wodurch die Kompression der Trachea vermindert wird. Pat. geht tagsüber spazieren, die Nahrungsaufnahme ist gut, Gesichtsfarbe befriedigend, an Körpergewicht Zunahme. Am 30. November 1919 wird Pat. auf die laryngologische Abteilung des St. Rochusspitals aufgenommen, wo er tadellos behandelt wird. Der in gutem Zustande befindliche Pat. wird wegen Platzmangel auf die laryngo¬ logische Abteilung des Zitaspitals transportiert. 20. Januar 1922. MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT. 83 Ohne den Fall kritisch zu behandeln, möchte ich nur einige Angaben zur Krankengeschichte beilügen. Ohne mich zu verständigen wurde auf obengenannter Abteilung die Kanüle entfernt und an der Wunde ein gut schliessender Verband angelegt. Patient atmet wohl durch seinen Mund, wie ich das zuvor erwähnt habe, aber der Speichel konnte mangels Kanüle nicht ex- pektoriert werden, sondern verursachte die Vereiterung des gebildeten Schlauches. Beim Patienten traten Temperaturerhöhungen ein, wes¬ halb er die Entlassung vom Spital verlangte. Patient wurde auf die Abteilung des'Prof. Po ly ak im neuen St. Johann-Spital aufgenommen, aber das Fieber dauerte — trotz sorgfältigster Behandlung — andauernd an. Patient wird schwächer und der Exitus tritt am 5. September 1920 ein. Die Obduktion bestätigte die Diagnose. Der Patient lebte also 14 Monate und 12 Tage, trotzdem er am Tage der Operation in ultimis war. Es ist höchst wahrscheinlich, dass der Exitus nicht eingetreten wäre, wenn man die Kanüle nicht entfernt hätte, um so mehr, als das Wachstum der Aneurysma Stillstand. In dieser Hinsicht besteht die Bedeutung der Operation darin, dass die Ueberanstrengung der Herz¬ tätigkeit, welche durch das langsame und forcierte Atmen, sowie auch durch die Lungenhyperämie bedingt war, eliminiert wurde. Von ausserordentlicher Wichtigkeit ist, dass bei Aneurysma, welches am häufigsten die tiefe Stenose verursacht, der Internist — falls Atembeschwerden auftreten — zwecks Untersuchung zur rechten Zeit den Kranken zum Laryngologen verweist, nachdem der Grad und die Art der Stenose durch direkte Tracheoskopie sicher feststellbar ist. Auf diese Weise können wir dem Kranken viel Qual ersparen und sein Leben beträchtlich verlängern. Aus der Medizinischen Universitätsklinik zu Frankfurt a. M. (Direktor: Prof. Dr. Q. v. Bergmann.) Azetonurie und experimentelle Adrenalinglykämie bei Ruhr. Von Dr. Butten wiese r, Assistent der Klinik.) Bekanntlich treten im Hungerzustande oder bei einseitiger Be¬ schränkung der Kohlehydrate in der Nahrung sehr rasch Azetonkörper im Urin auf. Seit den Untersuchungen von Embden und Isaac fll haben wir die Vorstellung, dass in der Leber zwei chemische Reak¬ tionen miteinander konkurrieren. Normalerweise bildet sich dort aus dem Glykogen und dem einströmenden Nahrungszucker Milchsäure. Falls dieser Prozess durch Verarmung der Leber an Glykogen, durch Fehlen der Kohlehydrate im Leberblut oder durch eine pankreas¬ diabetische Stoffwechselstörung unterbunden ist, tritt in der Leber ein zweiter Vorgang verstärkt hervor: die Azetessigsäurebildung aus niederen Fettsäuren und Aminofettsäuren. Wenn die Kohlehydrat¬ karenz einige Tage anhält, gewinnt die Leber die Fähigkeit, auch aus Eiweiss und vielleicht auch aus Fett (Geelmuy den \2\) Glykogen zu bilden, so dass die Azetonkörperbildung wieder zum Verschwinden kommt oder abnimmt. Nur bei schwerem Diabetes ist auch die Glykogenbildung aus Eiweiss behindert, so dass dauernd Azeton im Urin ausgeschieden wird. Bei der diesjährigen Ruhrepidemie in Frankfurt a. M. kamen auf die Ruhrstation der Medizinischen Klinik sehr viele Patienten, die in den ersten Tagen im Urin Azeton und zum Teil sogar Azetessigsäure ausschieden. Es ist nach der E m b d e n - 1 s a a c sehen Auffassung zu erwarten, dass eine Glykogenverarmung der Leber vorliegt. Aus Untersuchungen von Herter, Richards, Blum, Ringer [3] u. a. wissen wir, dass bei Glykogenschwund der Leber in Tierversuchen die nach Adrenalininjektionen konstant einsetzende Hyperglykämie aus¬ bleibt. Widersprechende Angaben über Adrenalininjektionen bei Hungertieren von Noel-Paton, Fr oe lieh u. a. RI können zum Teil damit erklärt werden, dass bei diesen Tieren nach längerem Hunger die Leber die Fähigkeit gewonnen hat, aus Eiweiss und Fett Glykogen zu bilden, so dass bei diesen Experimenten kein vollständiger Glykogen¬ schwund der Leber vorliegt. In Tab. 1 sind die Befunde für die Blutzuckerwerte von 7 Ruhrpatienten mitgeteilt, bei denen 1 mg Adrenalin subkutan injiziert wurde. Der Blut¬ zucker wurde kurz vor der Injektion, eine halbe Stunde, *■ 1 Stunde und 2 Stunden nach der Injektion bestimmt. Die Untersuchungen wurden mit der neuen Mikromethode von Bang [4l ausgeführt (cf. 2. Aufl. „Mikrometho¬ den zur Blutuntersuchung“). Es fand stets eine Doppelbestimmung statt, die Differenzen betrugen höchstens 0,009. In der Tabelle werden die Mittelwerte angeführt. In Tab. 2 sind 3 Kontrollversuche bei Ruhrpatienten angestellt, deren Urin azetonfrei war. In Tab. 3 wurde bei den 2 Patienten der Tab. 1, bei denen nach Adrenalininjektionen eine Hyperglykämie ausblieb, am folgen¬ den Tage, wo beide noch Azeton ausscheiden, erneut Adrenalin gespritzt, nach¬ dem sie eine halbe Stunde vorher 100 g Dextrose per os zu sich genommen hatten. Aus Tabelle 1 geht hervor, dass nach Adrenalininjektionen bei 2 Patienten tatsächlich die Hyperglykämie ausbleibt. Auch bei den 5 andern Patienten kommt es zu einem bedeutend geringeren Anstieg der Glykämie als bei den 3 azetonfreien Patienten der Tabelle 2. Auch Tomaszewski [5l fand bei seinen zahlreichen Versuchen mit Adrenalininjektionen ebenfalls stets höhere Werte. In Tabelle 3 kommt es nach Darreichung von 100 g Dextrose bei nachfolgender Adrenalin¬ injektion zu einem bedeutenden Anstieg der Glykämie. Meine auf Anregung von Prof. Katsch unternommenen Unter¬ suchungen sprechen einerseits für die heute ja fast allgemein vertretene Ansicht, dass die Wirkung des Adrenalins in bezug auf Einsetzen einer Hyperglykämie die Anwesenheit von Glykogen in der Leber voraus- Tabelle 1. Blutzucker Name Alter Diagnose Vor der Adren.- Injekt. - 4) o3 «tn Nach 1 Stde. 1 Nach j 2 Stdn. Urin 1 Do. Wei. 46 J. Dysenterie 0,120 0,121 0,116 0,118 Azeton \ , , Azetessigs. j ' “ 2 Ba. Lin. 69 J. 19 0,087 0,09 0,088 0,082 Azeton | , _ , Azetessigs. ) "1 ' 3 Ev. Hö. 19 J ft 0,093 0,141 0,148 0,125 Azeton -R- (- Azetessigs. 0 4 Oe. Och. 27 J. ft 0,078 0,152 0,143 0,135 Azeton -f— h Azetessigs. + 5 An. Rü. 22 J. ft 0,086 0,139 0,151 0,142 Azeton -| — (- Azetessigs. -)- 6 An. Slro. 28 J. ft 0,096 0,156 0,155 0,143 Azeton -j- Azetessigs. 0 7 Js. Wa. 36 J ft Ta 0,102 bell 0,158 e 2. 0,160 0,132 Azeton + Azetessigs. 0 1 Cla. Ou. 27 J. ft 0,108 0,163 0,198 0,145 2 Chr. Eck. 57 j. ft 0,098 0,179 0,209 0,165 Azeton ) n Azetessigs. / 3 Cla. Ack. 56 ] ft 0,122 0,198 0,206 0,174 Tabelle 3. (‘A Stunde vor der Adrenalin Injektion 100 g Dextrose per os.) 1 Do. Wei. 46 J. ft 0,092 0,166 0,288 0,146 Azeton \ , . Azetessigs. / ' “ 2 Ba. Lin. 69 J. ft 0,083 0,175 0,204 0,159 Azeton +- Azetessigs 0 setzt und bekräftigen andererseits die Anschauung, dass ein Auftreten von Azetonurie auf einen Glykogenmangel der Leber hinweist (Embden und Isaac). Zusammenfassung. 1. Bei 7 Ruhrpatienten, die Azeton im Urin ausschieden, trat nach Adrenalininjektion in 2 Fällen keine, in 5 Fällen eine nur geringe Hyper¬ glykämie auf. 2. Nach vorheriger Darreichung von 100 g Dextrose steigt bei Adrenalininjektion die Hyperglykämie bei Ruhrpatienten mit Azetou- ausscheidung beträchtlich an. Literatur. 1. Embden und Isaac: Bildung von Milchsäure und Azetessigsäure in der diabetischen Leber. Zschr. f. physiol. Chemie 1917, 99. — 2. Oeel- muyden: Ueber den Gehalt des Blutes an Fett und über den Gehalt der Leber an Fett und Glykogen. Acta rnedica Scandinavica 1920. Lit. n. Kon- gresszbl. f. inn. M. u. Grenzgeb., 20. Sept. 1920. — 3. Zitiert nach Bang: Der Blutzucker. 1913, Verlag Bergmann, Wiesbaden. — 4. Bang: Mikro¬ methoden zur Blutuntersuchung. (2) 1920. — 5. Tomaszewski: Beiträge zur Kenntnis der Adrenalinglykosurie bei Menschen. D. Arch. f. klin. M. 1918, 124. Ueber die Brauchbarkeit von Meinickes D. M. Von Prof. Ruete, Marburg. In der Literatur findet man im Vergleiche mit den Arbeiten über die von Sachs und Georgi angegebene Reaktion nur verhältnis¬ mässig wenige, die sich mit der von M e i n i c k e angegebenen „Li¬ poidbindungsreaktion“ (und hier besonders mit der dritten, vereinfach¬ ten Modifikation) beschäftigen, so dass man gewissermassen den Ein¬ druck hat, als seien die meisten Untersucher durch die von M e i n i c k e angegebene zweizeitige Methode, seine Kochsalz- und Wassermethode, kopfscheu gemacht worden. Diese Methoden, die infolge ihrer Zwei- zeitigkeit und ihrer genauen Titriermöglichkeit gewiss manches für sich hatten, waren für den praktischen Gebrauch reichlich umständlich, so dass es verständlich ist, dass sie in vielen Laboratorien für die laufen¬ den Untersuchungen nicht durchgefuhrt wurden. Erst mit seiner dritten Modifikation (D.M.) brachte Me in icke eine Methode, die, ebenso wie die andern, einzeitig auszuführen ist, daher äusserst ein¬ fach und nach den vorliegenden Resultaten zum mindesten ebenso zu¬ verlässig ist wie die andern als Ersatz des Wassermann angegebenen Methoden. Da über die Brauchbarkeit einer derartigen Reaktion nur an der Hand eines grösseren Zahlenmaterials entschieden werden kann, habe ich die in der Literatur gefundenen Zahlen zusammengestellt, denen ich die von uns gefundenen Werte gleich angeschlossen habe. Ueber besondere von uns gemachte Erfahrungen sei am Schlüsse kurz be¬ richtet. Es haben untersucht: Blasius 1182 Fälle Gaethgens 1018 ,, Hübsch mann 2800 Schmitt und Pott 1333 W i r 4796 ., Alle Autoren kommen ungefähr zu demselben Resultat, dass D.M. äusserst einfach, brauchbar und für Lues spezifisch sei. dass sie aber, ebenso wie die anderen Reaktionen, nicht imstande sei, die WaR. voll MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT. Nr. 3. 84 und ganz zu ersetzen, da immer noch Unterschiede mit der WaR. auf- treten. Leider lässt sich nach den bisherigen Angaben noch nicht mit voller Sicherheit angeben, ob dieser Unterschied mit der WaR. zu¬ gunsten oder ungunsten der D.M. ausfällt. Nach Prozenten berechnet fanden 1. Uebereinstimmung: Blasius üaethgens Hiibschmann P P C P h Schmitt u. Pott Wir in 83,9 Proz. in 92,4 in 83,0 „ in 96,4 „ in 94,5 in 95,2 ,, 2. Differenzen: Blasius Qaethgens Hübschmann Pesch Schmitt u. Pott Wir in 16,1 Proz. in 7,6 in 17,0 in 3,6 „ in 5,5 in 4,8 ,, verteilten sich auf: Von diesen Unterschieden a) WaR. +, D.M. — : bei Blasius 2,54 Proz. bei Q a e t h g e n s 5,0 bei Hübschmann 5,0 „ bei Pesch 1,85 bei Schmitt u. Pott 3,9 ,, bei Uns 2,77 „ b) WaR. — . D.M. +: bei Blasius 4,49 Proz. bei Qaethgens 0,78 „ bei Hübschmann 12,0 bei Pesch 1,80 „ bei Schmitt u. Pott 1,65 bei Uns 2,03 „ Aus diesen Tabellen entnehmen wir einerseits, dass die Ueber¬ einstimmung zwischen WaR. und D.M. recht erheblich ist, ander¬ seits, dass die Prozentzahlen der einzelnen Autoren bei Angabe der Differenzen sehr stark auseinandergehen. Qaethgens und Hübschmann können leider nicht angeben, um was für Fälle es sich gehandelt hat, bei denen beide Reaktionen differieren. Bei Blasius finden wir genauere Aufzeichnungen, da die Patienten, von denen das Blut stammte, ihm meistens bekannt waren. In allen differierenden Fällen handelte es sich um sichere Lues. Primäraffekte gaben in der gleichen Anzahl Differenzen; bei je 6 Fällen war D.M. +, WaR. — und umgekehrt D.M. — und WaR. +• Bei den andern differierenden Fällen handelte es sich um Lues latens und um Fälle kurz nach der Behandlung. Wägt man den Wert der D.M. gegen die WaR. nach den Angaben von Pesch ab, so findet man, dass unter 102 divergenten Fällen 40 mal die D.M. dem Wassermann überlegen war, da bei WaR. — , D.M. + 23 mal behandelte Lues, 3 mal alte Lues, 1 mal luetische Drü¬ senschwellung, 1 mal Alopecia und 1 mal Periostitis luetica vorlag. Einmal gab es eine unspezifische Reaktion, und zwar bei einem Falle von Lungentuberkulose. Umgekehrt war der Wassermann in 10 Fällen der D.M. überlegen. Dafür ergab die WaR. 15 unspezifische Resultate gegen 1 bei der D.M. Etwas anders liegen die Verhältnisse bei Schmitt und Pott. Von 74 divergenten Reaktionen fallen 52 zugunsten des Wassermann aus. Von diesen 52 Fällen betreffen 17 solche mit klinisch sicherer Lues, 6 Fälle waren ohne Angaben und 6 mit nur unsicheren Angaben. In 20 Fällen trat Eigenhemmung auf und 3 mal handelte es sich um einen unabgestimmten Wassermann, da Lues auszuschliessen war. Zugunsten der D.M. fallen 22 Fälle aus. Von diesen hatten 11 eine sichere Lues, einer einen PA. mit positivem Spirochätenbefund. In den anderen Fällen konnte Lues nicht mit Sicherheit angenommen werden. Die Diagnosen waren folgende: Polyneuritis, Myokarditis, Kopfschmerzen mit Schwindel, sekundäre Anämie, Gallenblasentumor mit Ikterus, Tbc. pulmonum gravis, perniziöse Anämie, Diphtherie, Icterus catarrhalis und Pyelitis. In allen diesen Fällen soll die Aus¬ flockung äusserst gering gewesen sein. Bei der ersteren Gruppe können wir gleich eine ganze Anzahl von Fällen abziehen; denn Fälle ohne oder mit nur unsicherer. Angabe können wir unmöglich zugunsten der WaR. rechnen, noch weniger die¬ jenigen, in denen eine Lues auszuschliessen war. Es bleiben dann nur 17 klinisch sichere LuesfäWe übrig, bei denen die D.M. versagt hat. Ihnen gegenüber stehen 12 ebenfalls einwand¬ freie Fälle, in denen die D.M. der WaR. überlegen war. Bei den anderen unspezifischen Ausfällen der D.M. soll es sich nur um eine äusserst minimale Ausflockung gehandelt haben. Leider wird nicht angegeben, wie diese Flockung war; denn eine sehr fein verteilte Aus¬ flockung, die man nicht als positiven Ausfall rechnen kann, bekommt man öfter zu sehen. « Zusammenfassung. 1. Nach den bisher vorliegenden Arbeiten, die 11 129 Fälle um¬ fassen, finden wir eine durchschnittliche Uebereinstimmung zwischen WaR. und D.M. in 94,2 Proz. 2. Eine Ueberlegenheit der Wa.R. über die D.M. ergibt sich im Durchschnitt in 3,60 Proz. 3. Eine Ueberlegenheit der D.M. über Wa.R. ergibt sich im Durch¬ schnitt in 3,88 Proz. 4. Zahlenmässig lässt sich eine Ueberlegenheit der einen Reaktion vor der anderen nicht nachweisen D.M. bietet insofern Vorteile, als bei ihr keine Eigenhemmung zu verzeichnen ist. Ueber die an unserer Klinik gemachten Erfahrungen sei kurz folgendes gesagt. Die Reaktion wurde stets so ausgeführt, wie sie von Mein icke angegeben wurde; 0,2 ccm unverdünntes Serum, das Vi Stunde inaktiviert worden war. wurde mit 0,8 ccm Extrakt in der vorgeschriebenen Verdünnung zusammengebracht, d. h. eine bestimmte Menge Extrakt wurde mit M> Vol. Aq. dest. gemischt, 1 Stunde bei Zimmertemperatur stehen gelassen und ihm dann das siebenfache Vol. 2 proz. NaCl-Lösung schnell zugesetzt. Als Extrakt benutzten wir den Originalextrakt nach M e i n i c k e. den wir aus der Adlerapotheke in Hagen i. W. bezogen. Der Extrakt arbeitete stets tadellos. Wir haben uns mit Absicht stets an die genauen Vor¬ schriften gehalten, und nicht versucht, irgendwelche Veränderungen der Methode vorzunehmen, da nur so der Wert der Reaktion nach¬ geprüft werden konnte. . Die Resultate wurden mit blossem Auge, der Lupe und im Agglutinoskop abgelesen. Dabei macht man die Erfahrung, dass viele Sera eine diffuse Körnelung, die ich mit einer gleichmässigen Bakterien- aufschwemmung vergleichen möchte1, aufweisen. Derartige Sera, die bei Betrachtung mit dem blossen Auge oder der Lupe keine Flockung aufweisen, bezeichnen wir als negativ. Bei positiven Seren tritt eine mehr oder weniger stark ausgesprochene Agglutination auf, die sich schon dem blossen Auge, besser noch unter der Lupe oder im Ag¬ glutinoskop als deutliche Flockenbildung darstellt. Die Sera selbst sind so rut wie immer brauchbar; ob sie schon längere Zeit gestanden haben, ob sie chylös. leicht hämorrhagisch oder ikterisch sind, beeinflusst den Ausfall der Reaktion nicht. Dieser Punkt ist dann besonders angenehm, wenn es sich um Seren handelt, die bei der Wassermann sehen Reaktion eine Eigenhemmung ergeben. . - Manchmal kommt es vor, dass Sera nach 24 ständigem Aufenthalte im Brutschrank nach D.M. ein negatives, nach Wassermann aber ein positives Resultat aufweisen. Viele Sera werden dann nach 12 ständigem Stehen bei Zimmertemperatur schwach positiv. Die stark positiven Sera fallen nach 24 ständigem Stehen derart aus, dass in der Kuppe des Reagenzglases ein deutlicher Bodensatz zu sehen ist; bei nur schwach positiven ist das nicht der Fall. Diese Eigenschaft könnte vielleicht als Gradmesser für die Bezeichnung der Stärke des Ausfalles benutzt werden, obgleich wir die Erfahrung gemacht haben, dass keine absolute Norm dafür aufgestellt werden kann, welche Reaktionen als ganz stark positiv und welche als weniger stark positiv (z. B. H — h) bezeichnet werden sollen. _ Wir fanden nämlich, dass an manchen Tagen der am stärksten positive Ausschlag der D.M. nur so stark war, wie wir ihn an anderen Tagen mit d F bezeichnen würden. Man muss daher sämtliche Resultate der einen Serie mit einander vergleichen und kann nur nach dem Vergleiche die definitive Bezeichnung angeben. Wodurch diese, allerdings nur sehr geringfügigen Schwankungen hervorgerufen werden, können wir nicht angeben. Von der Annahme ausgehend, dass sie unter anderem vielleicht auch von Temperatur¬ unterschieden im Raum ausgehen könnten und unter der ferneren Vor¬ aussetzung, dass durch ' diese Temperaturunterschiede am meisten die im Zimmer stehende Kochsalzlösung beeinflusst würde, haben wir die- D.M. mit erwärmter, bei Zimmertemperatur gehaltener oder durch Eis abgekühlter Kochsalzlösung angesetzt. Es fanden sich aber keine Unterschiede im Ausfall der Reaktion. Beschleunigen lässt sich die Flockung, wie wir an einer grösseren Anzahl von Seren feststellen konnten, durch die Zentrifugiermethode von Gaethgens. Wir gingen dabei so vor. dass wir frische und ältere Meinickeansätze zentrifugierten*. Die Ansätze, die schon eine Zeitlang gestanden hatten, oder vorher in den Brutschrank gebracht waren, flockten im Uebermass und unspezifisch. Die frischen Ansätze dagegen, die sofort nach der Bereitung Vs Stunde lang zentrifugiert wurden, flockten spezifisch. Wir erhielten jedoch einige vom Haupt¬ versuch abweichende Flockungen. Aus diesem Grunde können wir die Zentrifugiermethode für die Praxis nicht empfehlen, da sie mehr un¬ spezifische Resultate ergibt. Benutzt man sie jedoch, so soll man nur ganz frische Ansätze zentrifugieren, also nie mehr bereiten, als die Zentrifuge Einsätze hat. Auch scheint es, als ob nicht jeder Extrakt gleichmässig gute Resultate beim Zentrifugiern ergibt. Kleine Diver¬ genzen in der Zusammensetzung und Einstellung können grosse Ab¬ weichungen beim Zentrifugieren ergeben. Durch das Zentrifugieren wird die Neigung des Ansatzes zur Flockenbildung vermehrt und das nicht immer zugunsten spezifischer Resultate. Wir halten die Zentri¬ fugiermethode jedoch theoretisch für bedeutsam, da sie vielleicht dazu beitragen kann, unsere physikalischen Vorstellungen über das Wesen des Flockungsvorganges zu verbessern. Die Wassermann sehe Reaktion wurde stets nach der Original¬ vorschrift mit 3 Extrakten, darunter einem staatlich geprüften, gemacht. Unter diesen Bedingungen wurden nun beide Reaktionen neben einander angesetzt. Ueber die Prozentverhältnisse wurde schon be¬ richtet. Die Zahlenwerte sind folgende: Qesamtzahl der untersuchten Fälle 4796 Uebereinstimmung 4587 D.M. +, WaR. — 71 D.M. — , WaR. + 138. Von der Gesamtsumme der divergierenden Sera müssen wir 40 abziehen, die uns von der Frauenklinik gesandt waren, und diese kurz einer gesonderten Besprechung unterziehen. Ein grosser Teil des betreffenden Blutes, das kurz vor der Geburt, während und nach der Geburt entnommen war, wies ganz eigenartige Verhältnisse auf, die noch dringend einer Klärung bedürfen. Ich möchte diese Eigentümlich¬ keiten. auf die schon Opitz, Esch u. a. aufmeritsam gemacht haben, nur ganz kurz streifen, da Herr Prof. Esch diese Angelegenheit aus¬ führlicher zu bearbeiten gedenkt. Von den 40 divergierenden Fällen, deren Krankengeschichten wir genau kennen, ergaben 4 WaR. — , D.M. + und 2 WaR. — , D.M. ±. Bei 4 von diesen Fällen war nichts von Lues zu finden. Die Kinder kamen lebend zur Welt; ihr Gewicht schwankte zwischen 3400 und 3690 g und ihre Länge zwischen 50 und 51 cm. Es waren also durchaus normale Kinder. Ganz interessante Verhältnisse gibt ein Fall wieder, 20. Januar 1922. MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT. 85 bei dem das Blut während der Geburt WaR. — , D.M. + war, das Nabelschnurblut WaR. — , D.M. — , während beide Reaktionen 9 Tage später einen stark positiven Ausschlag gaben. Von Lues war klinisch nichts zu finden; eine weitere serologische Reaktion konnte bisher noch nicht vorgenommen werden. In 2 Fällen lag eine sichere Lues vor. Beide waren nach Eintritt der Gravidität infiziert, hatten eben ihre Behandlung beendigt und gebaren durchaus normale Kinder. In 34 Fällen war WaR. teils schwach, teils stark positiv, während D.M. negativ war. Unter diesen 34 Patientinnen waren 4 Frauen mit Lues II, die alle 4 auffälligerweise nur einen ganz schwach positiven Wassermann aufwiesen, trotzdem ein Kind am 2. Lebenstage an Lues starb, während ein anderes am 29. Tage einer phlegmonösen Unterhaut¬ zellgewebsentzündung erlag. Bei den andern, zum Teil mit stark positivem Wassermann, war nichts von Lues zu finden; die Kinder lebten und waren normal mit Ausnahme von zweien, von denen das eine 2410 g wog, 48 cm lang war und einen Hydrops hatte, während das andere wenige Stunden nach der Geburt starb. Ob bei diesen Patientinnen eine Vermehrung der Globuline, bei den andern vielleicht eine solche der Lipoide stattgefunden hat, oder durch welche Umstände sonst die Umstimmung der Reaktionen erfolgt ist, lässt sich zurzeit noch nicht entscheiden. Für den praktischen Gebrauch dürfte daraus zu schliessen sein, dass bei Schwangeren oder Wöchnerinnen aus der Seroreaktion allein kein Schluss auf Lues ge¬ zogen werden kann; eine Frage, die vielleicht einmal bei der Annahme einer Amme von grosser Wichtigkeit werden kann. Ziehen wir diese Sera und noch eine Anzahl von uns von auswärts gesandten, zu denen wir keine Diagnose erhalten konnten, ab, so verbleiben 26 Fälle von WaR. — und D.M. + und 30 Fälle von WaR. + und D.M. — , bei denen wir die Diagnosen und den Zeitpunkt der Entnahme genau kennen. Von diesen 56 Seren entfielen 12 auf unspezifische positive Re¬ sultate bei der WaR., während D.M. negativ war. Diese Fälle verteil¬ ten sich auf Asthma bronchiale (2), Migräne (2), Obstipation (1), Darm¬ leiden (1), Magenbeschwerden (1), Pityriasis versicolor (1), Gonor¬ rhöe (1). Bei 2 Fällen wurde keine genaue Diagnose angegeben, nur betont, dass es sich nicht um Lues handele; ein weiteres Mal handelte es sich um einen Säugling, bei dem wir, ebenso wie bei seiner Mutter, keine Spuren von Lues finden konnten. Bei der Pityriasis versicolor war die WaR. anfangs H — K nach 14 Tagen — , während die D.M. immer negativ war. Umgekehrt hatten wir 2 unspezifische positive Resultate bei der D.M., und zwar einmal bei einer Thrombose und einmal bei einem Fall, bei dem ebenfalls nur angegeben wurde, dass es sich nicht um Lues handele Bei Primäraffekten war WaR. — , D.M. + 3 mal (vor der Kur), WaR. +, D.M. — 3 mal (nach der Kur). Bei Lues III war 1 mal WaR. +, D.M. — . In den übrigen Fällen handelte es sich um Lues II, teils vor, teils nach der Behandlung. Sie verteilten sich folgendermassen: Es fanden sich: Vor der Kur: WaR. — . D.M. + 12 mal WaR. +, D.M. — 11 mal. Nach der Kur: WaR. — . D.M. + 7 mal WaR. +, D.M. — 4 mal. Einmal fanden wir WaR. — , D.M. + bei einem Säugling mit einwandfreier Lues, wobei die Diagnose durch den Befund bei der Mutter erhärtet wurde. Bei den Fällen von Lues II, in denen M e i n i c k e s D.M. der WaR. überlegen war, handelte es sich z. T. um solche Fälle, die ent¬ weder seit längerer Zeit nicht, oder um solche, die nur un¬ genügend behandelt waren. In anderen Fällen handelte es sich um Patienten, die mit Erscheinungen gekommen waren, die an Lues maligna erinnerten und früher schon sehr energisch behandelt worden waren. Bei solchen Fällen, bei denen D.M. am Schlüsse der Kur noch positiv war, behandelten wir weiter, da wir die Beobachtung ge¬ macht hatten, dass sonst sehr schnell Rezidive eintraten. Um ähnliche Fälle handelte es sich auch bei den Seren, bei denen die WaR. der D.M. überlegen war, so dass beide Reaktionen in dieser Beziehung als gleichwertig anzusehen wären, wenn nicht die Zahlen (19 D.M. + gegen 15 WaR. +) zugunsten der D.M. sprechen würden. Bei Lues III finden wir einen positiven Wassermann gegen einen nega¬ tiven Meinicke, während bei Lues I die D.M. in 3 Fällen früher posi¬ tiv ausfiel als die WaR., wogegen in 3 Fällen die WaR. länger positiv blieb. Bei diesen 3 Fällen gaben beide Reaktionen vor der Behandlung einen gleichmässig positiven Ausschlag. Für die Sicherung der Dia¬ gnose wird aber in vielen Fällen der frühere positive Ausfall der D.M. von grosser Wichtigkeit sein, das längere Anhalten der WaR. ein wich¬ tiger Fingerzeig, nicht zu früh mit der Behandlung aufzuhören. Bei der Untersuchung von Lumbalflüssigkeiten finden wir eine starke Ueberlegenheit der WaR. Von 54 untersuchten Liquoren waren nach WaR. 18 positiv, nach D.M. nur 10. Es ergab sich, dass die D.M. nur dann einen positiven Ausschlag ergibt, wenn bei der Auswertung nach Hauptmann, die WaR. in fast allen Verdünnungen positiv ist. Schlusssätze. 1. D.M. ist äusserst bequem, einfach und zuverlässig. 2. D.M. ergibt weniger unspezifische Resultate wie WaR. 3. D.M. ergibt bei Lues mehr positive Resultate als WaR. 4. Ergeben WaR. oder D.M. am Schlüsse der Behandlung noch ein schwach positives Resultat, so soll die Behandlung, wenn irgend möglich, bis zum völligen Negativwerden fortgesetzt werden. Ein negatives Resultat der WaR. allein genügt nicht. 5. D.M. ergibt nur bei stark positiven Spinalflüssigkeiten ein posi¬ tives Resultat. In allen andern Fällen ist die WaR. bedeutend über¬ legen'. 6. In manchen Fällen ergibt die WaR. ein positives Resultat, wo D.M. negativ ist. Um möglichst viele Luesfälle zu erfassen, ist es da¬ her unumgänglich notwendig, nicht nur die eine oder andere Reaktion auszuführen, sondern mindestens alle beide anzuwenden. 7. Bei Auswahl von Ammen darf man sich nicht ohne klinische Untersuchung nur auf den Ausfall der Seroreaktion verlassen, da diese häufig in der Geburtsperiode unspezifische Resultate ergibt. In diesen Fällen ist die D.M bedeutend spezifischer als die WaR. 8. Bei Benutzung der Zentrifugiermethode nach Gaethgens nur ganz frische Ansätze benutzen, da ältere leicht umspezifische Flockungen ergeben! Aus der Universitäts-Hautklinik in Bonn a. Rh. (Direktor: Prof. E. Hoff mann.) Bemerkungen über die Flockungsreaktionen nach Sachs- Georgi und Meinicke (III. Modifikation) und die Trübungsreaktion nach Dold. Von Dr. Rudolf Strempel, Assistent der Klinik. Nach Einführung der Wassermann sehen Reaktion war das Be¬ streben einer Anzahl Autoren darauf gerichtet,' eine Serodiagnose der Syphilis zu finden, die mit spezifischem Verhalten einfacheres Arbeiten verband und weniger kostbares Material verlangte als die Komplement¬ bindungsmethode. Keine der zahlreich angegebenen Methoden hat sich einbürgern können. Erst Sachs-Georgi und Meinicke ge¬ lang es, sog. Ausflockungsreaktionen auszuarbeiten, die tausendfacher Nachprüfung standgehalten und infolge ihrer Einfachheit und vor allem wegen ihrer Spezifität für Lues in ausgedehntem Masse Eingang in die Praxis gefunden haben. Es hat sich weiter herausgestellt, dass diese Flockungsreaktionen teilweise der WaR. überlegen sind, da sie in man¬ chen Fällen von Lues feineren Ausschlag geben als diese. Nachdem ich mich bereits früher mit der Nachprüfung dieser Methoden beschäftigt und auch darüber berichtet habe [1], habe ich neuerdings mein Augen¬ merk auf vergleichende Untersuchungen der dritten Modifikation von Meinicke (D.M.) und der Reaktion von Sachs-Georgi mit WaR. bei klinisch bekannten Luesfällen gerichtet und dabei ebenfalls eine Zunahme der serologisch positiven Resultate gegenüber der alleini¬ gen Anwendung der WaR. erzielt. Die Ausflockungsreaktionen wurden genau nach Angabe der Autoren angestellt. Zur D.M. wurde nach An¬ gabe Meinickes hergestellter Extrakt aus der Adlerapotheke in Hagen bezogen, zur SGR. wurde nach Vorschrift der Autoren angefer¬ tigter und genau geprüfter Extrakt herangezogen. Für diese Reaktion wurde die Brutschrankmethode gewählt. Die WaR. wird im Labora¬ torium der Hautklinik in der üblichen Weise mit 2 Extrakten angestellt. Auf die D.M. möchte ich angesichts der verhältnismässig wenigen aus der Literatur ersichtlichen Nachprüfungen nochmals hinweisen. Zwi¬ schen beiden Flockungsreaktionen besteht ein weitgehender Parallelis¬ mus hinsichtlich der Ergebnisse, vorausgesetzt, dass genaues Arbeiten und richtige Verwertung der Ablesung erfolgt. Die D.M. ist empfind¬ licher als die SGR. Sie gibt häufiger neben WaR. allein positiven Be¬ fund, während SGR. negativ ausfällt. Was die Ausflockung bei D.M. betrifft, so ist sie bei dieser Reaktion meist stärker und grobkörniger als bei der Schwesterreakti'on. Eine feine, im Agglutinoskop nur schwache Flockung ist bei D.M. nur bedingt zu verwerten, da auch bestimmt negative Sera nicht selten eine feine Ausflockung zeigen. Bei dem Mangel einer Kontrolle fällt dieser Faktor sehr ins Gewicht. Die SGR. gibt daher ein sichereres Gefühl der Beurteilung und hat deshalb auch mehr Anwendung gefunden. Dem Vorschlag G u t f e 1 d s [2], der die Anstellung einer Serumalkoholkontrolle neben den Versuchs¬ röhrchen für die D.M. empfiehlt, ist daher nur zuzustimmen. _ Was nun den Vergleich beider Reaktionen mit der WaR. betrifft, d. h. in welchen Grenzen sich die Unterschiede der einzelnen Methoden bei behandelten und nichtbehandelten Luesfällen bewegen, so hat sich bei über 1000 Seren eine Uebereinstimmung sämtlicher 3 Reaktionen in über 90 Proz. ergeben. Das untersuchte Material stammte fast durchweg von be¬ kannten Luespatienten aller Stadien. Die Differenzen machten sich in der Hauptsache bei behandelten Fällen bemerkbar. Hier sind die Flockungsreaktionen ohne Zweifel überlegen, da sie länger positiv blei¬ ben. Im Primärstadium der Lues, bei Primäraffekten, sind diese Vor¬ teile geringer, wenn sie auch öfters eher den Beginn des seropositiven Stadiums anzeigen als die WaR. Anderseits gibt es, wenn auch selten, Versager bei positiver WaR. und klinisch sicherer Syphilis, so dass keine strenge Gesetzmässigkeit im Ausfall der Reaktionen zu erkennen ist. Gegenüber der WaR. versagt die SGR. öfters als die D.M. In folgender Tabelle habe ich einige Ergebnisse zusammengestellt: SGR. D.M. WaR. Lues I (Primäraffekt) + + — Lues I (Primäraffekt) + + — Lues I (Primäraffekt) — — ++++ Lues I (Primäraffekt) +— +— ++++ 86 MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT. Nr. 3. Lues II (gegen Ende der Kur) SQR. ++ D.M. ++ WaR. Lues II (gegen Ende der Kur) ++ ++ — Lues III (gegen Ende der ersten Kur) ++ ++ — Lues latens (während der Kur) ++ ■i — H — Lues III (während der ersten Kur) — + — Lues II (nach Beendigung der ersten Kur) — ++ . — Lues III (vor der Kur) — — +++ Lues II (vor der zweiten Kur) — ++ ++++ Lues II (vor der ersten Kur) — ++++ Lues II (nach der ersten Injektion) — ++ ++++ Zusammenfassend lässt sich sagen, dass sich beide Reaktionen sehr bewährt haben. Neben der WaR. ausgeführt, zu ihrer Ergänzung und Verschärfung, sind sie eine grosse Bereicherung der serologischei? Luesdiagnostik und geben auch in klinisch unklaren Fällen mit posi¬ tiver WaR. ein grösseres Gefühl der Sicherheit. .Die Reaktionen ver¬ langen erfahrene Untersucher im Laboratorium, für den praktischen Arzt sind sie in ihrer jetzigen Form nicht geeignet. Vor kurzem ist von Dold [3] eine sog. Trübungsreaktion zum sero¬ logischen Luesnachweis empfohlen worden, die infolge ihrer einfachen Technik auch uns zur Nachprüfung veranlasst hat. Gegenüber der WaR besitzen die Flockungsreaktionen den Nachteil, das sie erst einen Tag später abgelesen werden können und auch die Ablesung selbst wesent¬ lich umständlicher und zeitraubender ist als bei der WaR. Dold wurde von der Erwägung geleitet, dass den Flockungsreaktionen wie auch der WaR. primär der gleiche Reaktionsvorgang, eine Präzipitation, zugrunde liegt. Der sichtbaren Flockenbildung nach Mischung ge¬ eigneter Extraktverdünnungen mit luetischen Seren läuft ein kolloidales Stadium voraus, das sofort nach Zusatz der Extraktverdünnung zum positiven Serum einsetzt. Dieses Anfangsstadium suchte Dold sicht¬ bar zu machen. Durch Zusatz geeigneter Extraktverdünnungen werden Luesseren getrübt, während normale Seren nach Extraktzusatz nur die leichte Opaleszenz des Extraktes erkennen lassen. Als Extrakt benutzt Dold alkoholischen cholestearinierten Rinderherzextrakt, wie er bei der SGR. Verwendung findet. Abgesehen von der Aenderung der Mengen¬ verhältnisse entspricht die Versuchsanordnung genau der SGR. Zu 0.4 ccm unverdünntem, eine halbe Stunde bei 55° inaktiviertem Serum werden 2 ccm eines 1: 10 mit physiologischer Kochsalzlösung verdünn¬ ten Extraktes zugefiigt. Daneben wird eine Serumkontrolle mit 2 ccm einer gleichartig hergestellten Verdünnung 96 proz. Alkohols mit 0,4 Serum angesetzt. Ausserdem eine Extraktko’ntrolle mit 0.4 Kochsalz plus 2.0 ccm Extraktverdünnung. Nach zweistündigem Aufenthalt der Versuchsgestelle im Brutschrank und weiterem zweistündigem Stehen¬ lassen bei Zimmertemperatur wird abgelesen. Nach diesen Angaben wurden in letzter Zeit im Laboratorium der Hautklinik eine grössere Zahl Sera geprüft. Im Gegensatz zu Pöhlmann [4], der einzigen mir bisher bekannten Nachprüfung, habe ich mich von der Brauchbarkeit dieser Methode überzeugen können. Die Gesamtzahl der nach Dold neben der WaR. untersuchten Blutproben beläuft sich auf 515. Mit 426 dieser Seren wurde daneben auch die SGR. und D.M. angestellt. Dabei -ergab sich eine Uebereinstimmung zwischen WaR. und Dold in 92 Proz., und zwar reagierten übereinstimmend positiv mit WaR. 131 Sera, übereinstimmend negativ 343 Sera, divergent verhielten sich 41 Sera. Bei den übereinstimmenden Fällen lässt sich erkennen, dass die Stärke der Trübung sehr oft dem Grade der Hemmung parallel geht, jedenfalls häufiger, als dies bei den Flockungsreaktionen der Fall ist. Die nach WaR. und Dold1 schwach positiven Fälle sind es allerdings auch, die die meiste Schwierigkeit in der Beurteilung machen, da sich die schwache Trübung von starker Opaleszenz oft nur schwer unter¬ scheiden lässt. Bei stark positiven Seren dagegen ist die Trübung leicht zu sehen. Zu Beginn der Untersuchungen war mir die Unterscheidung der positiven und negativen Seren nicht ganz leicht. Doch schärft sich das Auge rasch für die Erkennung der Trübung. Abgelesen wurde nach Angabe Dolds nur bei gutem Tageslicht gegen das Fensterkreuz auf einige Meter Entferung. Hierbei lassen die negativen Sera gleich den Kontrollen das Fensterkreuz klar und ungetrübt erscheinen, während positive Sera einen deutlichen einem Nebel ähnlichen Schleier über dem Kreuz zeigen. Ich bin insofern von den Angaben des Ver¬ fassers abgewichen, als ich sofort nach dieser Betrachtung die Röhr¬ chen einer Durchsicht im Kuhn-Woithe sehen Agelutinoskop unter¬ warf. Ich war erstaunt, auch hier eine deutliche Differenz zwischen positiven und negativen Proben zu sehen. Die positiven Gemische zeigten auch hier starke Trübung, die sich zur Wolke, ja bis zur flok- kigen Wolke oder feinen Flockenbildung steigerte, während die nega¬ tiven Sera klar und durchsichtig erschienen. Daher dürfte eine Kom- bination der Betrachtung gegen das Fensterkreuz mit Durchsicht im Agglutinoskop am sichersten sein. Trübe oder hämolytische Sera lassen sich nur bedingt verwenden. Ein leichterer Grad von Trübung macht keine Schwierigkeiten in der Beurteilung, da die positiven Seren eben stärker getrübt sind, stark getrübte oder stark hämolytische Sera sind von der Untersuchung auszuschliessen. Die Untersuchung bei künst¬ lichem Licht oder gegen einen dunklen Hintergrund hat sich nicht so bewährt. Hierbei spielen zu viel subjektive Momente mit. Es emp¬ fiehlt sich, für jedes Versuchsröhrchen und die dazugehörige Kontrolle gleichweite Röhrchen von gleichmässi’g glattem Glase zu verwenden. Der verschiedene Ausfall zwischen Wassermannreaktion und Dold- rcaktion ergibt sich aus nachstehender Tabelle. WaR. — + — -f Dold-Rcaktion + — + + Zahl der Fälle 15 19 2 5 Die 15 nach Dold positiven, nach WaR. negativen Sera rühren von bekannten Luespatienten her. In der Mehrzahl waren es äitere Fälle, . die bereits längere Zeit in Behandlung standen. Ein nach WaR. sero¬ negativer Primäraffekt zeigte positiven Befund nach Dold in Ueber¬ einstimmung mit SGR. und D.M. Bedeutsamer ist das folgende Ergeb¬ nis, das negative Verhalten der Doldreaktion bei positiver WaR. Diese 19 Blutproben stammten gleichfalls von luetischen Personen, teils vor teils in Behandlung stehend. Auffallend war, dass es sich um frischere Syphilis handelte. Diese Versager sind nicht ohne weiteres zu deuten. • Sie lassen den Schluss zu, dass die quantitativen Verhältnisse zwischen Serum und Extrakt für die angegebene Versuchsanordnung nicht immer die optimalen Bedingungen darstellen. Der Vergleich der Trübungreaktion mit SGR. und D.M. fällt etwas besser aus. Von den 426 gemeinsam untersuchten Seren zeigten gleich- mässigen Ausfall 399 Proben, also Uebereinstimmung in 93,7 Proz. . Bei behandelten Luesfällen werden nach Dold im Verein mit SGR. und D.M. mehr positive Resultate erzielt als nach WaR., während anderseits I die erwähnten Fehlschläge bei den Flockungsreaktionen in diesem Masse ausbleiben. Einwandfrei negativer Befund nach Dold ergab öfters positiven Ausschlag bei allen drei übrigen Methoden. Zur weiteren Prüfung der Ergebnisse wurden die Versuchsgestelle ■ über Nacht auf den Brutschrank gesetzt und am nächsten Tage erneut ! abgelesen. In den meisten Fällen war in den positiven Röhrchen Flockenbildung eingetreten, doch eine ganze Reihe bei Ablesung gegen ; das Fensterkreuz deutlich getrübter Sera liess auch jetzt nur Trübung oder Wolkenbildung ohne Flockung im Agglutinoskop erkennen. Zu¬ sammenfassend zeigen die Versuche, dass die von Dold angegebene , Trübungsreaktion weitgehende Uebereinstimmung mit den übrigen sero¬ diagnostischen Luesmethoden zeigt und zu weiterer Nachforschung berechtigt. Die Heranziehung von Sera anderer Krankheitsgruppen zur Untersuchung nach Dold, ev. die gleichzeitige Verwendung mehre- < rer Extrakte im Versuch dürfte lehrreich und zur Beurteilung wichtig • sein. Sehr zu denken gibt der negative Ausfall der Doldreaktion bei posi- j tivem Befund der übrigen Reaktionen und klinisch sicherer Lues. Ueber weitere Nachprüfungen soll später berichtet werden. Literatur. 1. Med. Kl. 1921 Nr. 3. — 2. D.m.W. 1921 Nr. 43. — 3. Med. Kl. 1921 Nr. 31. — 4. M.m.W. 1921 Nr. 42. Aus dem allgemeinen Röntgeninstitut des Eppendorfer Krankenhauses in Hamburg. Ueber einen eigenartigen Zwischenfall bei der Anlegung eines Pneumoperitoneums. Von Privatdozent Dr. Alexander Lorey, Oberarzt für das Röntgenfach. Gelegentlich eines Besuches im Eppendorfer Krankenhaus im Jahre 1912 demonstrierte Jakobäus die von ihm angegebene Methode ; der Laparoskopie. Zu diesem Zweck wird ein Troikart in das Abdomen > eingestossen, der Aszites abgelassen und dafür Luft eingeblasen, und nun durch den Troikart ein zystoskopartiges Instrument eingeführt, mit dem man sich das Innere der Leibeshöhle betrachtet. Es interessierte mich nun zu sehen, welche Veränderungen die in der Bauchhöhle zu¬ rückgebliebene Luft im Röntgenbild hervorruft. Als ich einen zuvor laparoskopierten Mann mit Leberzirrhose und Aszites vor den Rönt¬ genschirm stellte, bot sich mir ein eigenartiges Bild. Die Luft hatte Leber und Milz vom Zwerchfell abgedrängt, so dass deren Konturen, soweit sie nicht in dem mit horizontalem Niveau sich einstellenden Aszites untergetaucht waren, scharf zu erkennen waren. Ich habe dieses Bild auf dem Röntgenkongress im Jahre 1912 demonstriert und auf die diagnostische Bedeutung der Luftfüllung der Bauchhöhle zur Erkennung von Erkrankungen in der oberen Hälfte der Bauchhöhle hin¬ gewiesen. Ich habe dann bei einer Reihe von Patienten, zunächst bei solchen mit, dann auch ohne Aszites ein Pneumoperitoneum angelegt und darüber in der Sitzung der Biologischen Abteilung des Aerztlichen Vereins in Hamburg am 18. XI. 13 berichtet und mehrere Fälle in der Festschrift zur Feier des 25 jährigen Bestehens des Eppendorfer Kran¬ kenhauses im Jahre 1914 mit Abbildungen veröffentlicht. Ich empfahl damals in der Mittellinie unterhalb des Nabels in Lokalanästhesie eine kleine, etwa 2 cm lange Inzision zu machen und das Peritoneum mit einer stumpfen, vorne geschlossenen Kanüle, wie sie Brauer bei der Anlegung des Pneumothorax nach seiner Schnittmethode benutzt, zu durchstossen. Ich selber war damals allerdings bereits dazu über¬ gegangen die Punktion des Abdomens mit einer spitzen Kanüle ohne vorherige Inzision auszuführen, scheute mich jedoch noch, diese Me¬ thode allgemein zu empfehlen, da ich befürchtete, dass bei unsach- gemässer Ausführung der Punktion ev. eine Darmverletzung oder Luftembolie eintreten könnte, wenn die Spitze der Kanüle unglück¬ seligerweise in eine Vene gelangte. Leider war das Material, welches mir zur weiteren Erprobung der Methode zur Verfügung stand, ein relativ kleines, da ich keine eigene Krankenabteilung habe, und die Leiter der Abteilungen, die mir die Kranken zur Röntgenuntersuchung überweisen, sich ziemlich ablehnend ver¬ hielten, da ihnen dieser Eingriff zu gewagt vorkam. Durch Beginn des Krieges und meine Einziehung zum Heeresdienst wurden diese Untersuchungen dann gänzlich unterbrochen. Um so mehr freut es mich, dass durch die Arbeiten von Rautenberg 20. Januar 1922. MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT. 87 und besonders Qoetze, die von mir zuerst angegebene Methode weiter ausgebaut ist und allgemeine Verbreitung und Anerkennung gefunden hat. Namentlich Qoetze hat durch zahlreiche, an einem grossen Material systematisch ausgeführte Untersuchungen die In¬ dikation für die pneumoperitoneale Röntgendiagnostik erweitert und gezeigt, dass dadurch nicht nur die Diagnostik der Organe in der oberen Hälfte des Abdomens bereichert wird, sondern dass das Pneumoperitoneum auch bei Erkrankungen der übrigen Bauch- und sogar der Beckenorgane mit Erfolg angewendet werden kann. So bildet denn heute die pneumoperitoneale Röntgendiagnostik eine wert¬ volle Bereicherung der Untersuchung der Bauchorgane mit Röntgen¬ strahlen, wenn ich allerdings auch nicht verschweigen möchte, dass die diagnostischen Ergebnisse derselben heute von manchen Seiten etwas überschätzt werden und diese Untersuchungsmethode nur da angewandt werden sollte, wo erfahrungsgemäss eine Förderung der Diagnose, die auf anderem Wege nicht zu erzielen ist, erwartet werden kann. Denn eine gewisse Belästigung ist für den Patienten fast immer damit ver¬ bunden, so das Gefühl des Aufgeblähtseins und vor allem der manch¬ mal recht lästige Schulterschmerz. Diese Beschwerden lassen sich aller¬ dings erheblich mindern, wenn man nach der Untersuchung die Luft wieder möglichst ablässt und darauf achtet, dass die Patienten einige Tage absolute Bettruhe einhalten und sich auch im Bett nicht auf¬ richten. Im übrigen gilt aber heute die Anlegung des Pneumoperitoneums bei sachgemässem Vorgehen und Einhalten der von mir bereits in meiner ersten Arbeit angegebenen Kontraindikationen (frisch entzünd¬ liche oder eitrige Prozesse in der Bauchhöhle, wozu noch schwere Kreislaufstörungen und schwere Erkrankungen der Atmungsorgane kommen) und bei Beachtung der von Qoetze beschriebenen Kau- telen bei der Ausführung desselben, als ein relativ harmloser Eingriff. Dass jedoch auch bei sachgemässer Ausführung einmal recht un¬ angenehme Komplikationen auftreten können, beweist folgender Fall, den ich der Oeffentlichkeit um so weniger vorenthalten möchte, als meines Wissens ein derartiger Zwischenfall noch nicht beschrie¬ ben ist. Eine 53 jährige Patientin mit Ikterus und Lebertumor wurde wegen Verdacht auf malignen Tumor zur Anlegung eines Pneumoperitoneums und Röntgenuntersuchung überwiesen. Das Pneumoperitoneum gelang mühelos, es wurden 2 Liter Luft eingeblasen. Die Patientin wurde darauf in Bauch-, Rücken- und Seitenlage, sowie im Stehen durchleuchtet, ohne dass sie ausser Schulterschmerz irgendwelche Beschwerden äusserte. Es w'urde dann eine Aufnahme im Liegen angefertigt, der eine im Stehen angeschlossen werden sollte. Kaum stand die Patientin auf den Füssen, als sie plötzlich hochgradig unruhig und erregt wurde und rief: „Mein Hals platzt, ich er¬ sticke“. Als ich die Patientin wenige Minuten später sah, machte sie einen höchst bedrohlichen Eindruck. Sie war ausserordentlich unruhig und rang heftig nach Luft. Das Gesicht war etwas gerötet, der Puls klein und fre¬ quent. Bei der Betrachtung sah man, dass der Hals in den seitlichen Partien über den Schlüsselbeinen geschwollen war, die normale Höhlung der Schlüsselbeingruben war durch ein Polster ausgefüllt, welches beim Be¬ tasten deutliches Knistern zeigte. In kurzer Zeit breitete sich die Schwel¬ lung und das Knistern bis zu den Kieferwinkeln aus. Es hatte sich also in kürzester Zeit ein Hautemphysem am Halse entwickelt, während am übrigen Körper nicht das geringste von Emphysem nachzuweisen war. Durch kräftige Morphiumdosen gelang es ziemlich schnell die grosse Un¬ ruhe der Patientin zu beheben. Am nächsten Tage hatte sich das Emphysem verteilt, es reichte nach oben bis zu den Schläfen, nach unten bis zum Rippenbogen. Die Atemnot war verschwunden, der Puls wieder regelrecht. Nach 2 weiteren Tagen war von dem Emphysem nichts mehr nachzuweisen. Wenn wir uns fragen, wie das Emphysem zustandegekommen sein kann, so ist natürlich der am nächsten liegende Gedanke, dass durch den Stichkanal Luft ausgepresst und im subkutanen Gewebe des Ab¬ domens und des Thorax nach oben gewandert war. Dies konnte je¬ doch durch die sofort vorgenommene Untersuchung ausgeschlossen werden. Denn es war lediglich in den Oberschlüsselbeingruben und den direkt oberhalb gelegenen seitlichen Partien des Halses Emphysem nachzuweisen. Die Luft musste sich vielmehr längs der grossen Ge- fässe oder der Speiseröhre einen Weg nach oben gebahnt haben. Nun ist der Peritonealraum aber ein abgeschlossener Sack, aus dem, so¬ lange er unverletzt ist. Luft nicht austreten kann. Wir müssen also annehmen, dass das Peritoneum an einer Stelle eingerissen war. Diese Annahme bereitet der Erklärung m. E. keine Schwierigkeiten. Durch das Einblasen der Luft in die Bauchhöhle werden Milz und Leber von dem Zwerchfell abgedrängt. Wenn der betreffende Patient nun auf¬ rechte Körperstellung einnimmt, so baumein diese Organe gewisser- massen an ihren Aufhängebändern. Durch den Zug dieser schweren Organe, namentlich der Leber, deren Volumen und Gewicht in unserem Fall noch durch Schwellung derselben vermehrt war, kommt es zu einer Dehnung dieser Bänder (Lig. suspens. hepatis, Lig. coronar.), und man kann sich leicht vorstellen, dass dadurch das dünne Peritoneum ein- reisst. Nun hat die Luft freie Bahn, und vielleicht noch unterstützt durch Erhöhung des intraabdominellen Druckes infolge Anspannung der Bauchmuskeln beim Aufrichten, ist sie durch diesen Riss gepresst worden und hat sich in dem lockeren Bindegewebe um den Oeso¬ phagus herum einen Weg durch das Zwerchfell und hintere Mediastinum nach oben geoahnt. Leider war die Patientin nicht dazu zu bewegen, sich nochmals durchleuchten zu lassen, man hätte sonst vielleicht das mediastinale Emphysem nachweisen •können. Wenn auch der anfangs recht drohend aussehende Zwischenfall für die Patientin ohne dauernde Folgen geblieben ist, so muss uns doch dieses Vorkommnis zur Warnung dienen. Wir müssen möglichst ver¬ meiden bei Patienten mit Pneumoperitoneum Bewegungen auszu¬ führen, bei denen die Aufhängebänder gezerrt werden. Wir können allerdings nicht darauf verzichten, die Patientin in allen möglichen Durchleuchtungsrichtungen zu untersuchen und müssen sic dazu auch oft aufrechte Körperstellung einnehmen lassen, da in einer Reihe von Fällen die Untersuchung in dieser Körperstellung uns besonders wert¬ volle Aufschlüsse gibt. Wir müssen aber peinlich darauf achten, dass die Patienten keine schnellen Bewegungen ausführen, bei denen die Lage der Leber und Milz sich schnell ändert, und dürfen nicht zu¬ lassen, dass die Patienten sich aus eigener Kraft aufrichten, sondern verlangen, dass sie dabei unterstützt werden. Aus dem Zentralröntgenlaboratorinm des Allgemeinen Kranken¬ hauses in Wien. (Vorstand: Prof. Dr. G. Holzknecht.) Röntgenbehandlung der Perniones. Von Dr. Robert Lenk. Die grosse Menge von Publikationen für und gegen die Strahlen¬ behandlung des Karzinoms hat die Autoren und Leser der Röntgen¬ literatur derart in Anspruch genommen, dass die ganze Reihe der übri¬ gen, zum grossen Teil ausgezeichneten Indikationen zur Röntgen¬ bestrahlung Unverdientermassen in den Hintergrund traten und der Vergessenheit anheimzufallen drohen. Der Praktiker, in dessen Hand ja die Indikationsstellung gelegen ist, kennt sie nicht oder nicht mehr, sehr zum Schaden vieler Patienten, denen dadurch ein wichtiges Heil¬ mittel vorenthalten wird. Im folgenden sei an eine sehr aktuelle, anscheinend in Ver¬ gessenheit geratene Röntgenindikation erinnert. Die Perniones, diese so sehr verbreitete, gewiss nicht gefähr¬ liche, aber äusserst unangenehme Affektion ist durch die meisten ge¬ bräuchlichen, zum grossen Teil umständlichen Behandlungsmethoden sehr schwer beeinflussbar. Hingegen bringt in den allermeisten, auch in den schwersten, mit Blasenbildung und Exfoliation einhergehenden Fällen eine einzige schwache BestrahlungWerschwinden, das den Win¬ ter über oder mindestens mehrere Wochen anhält. Eventuelle Rezi¬ dive durch neuerliche Kälteeinwirkung lassen sich dann fast immer wieder rasch beseitigen. Wirkungsmechanismus: Beeinflussung der geschädigten Gefässe. Dauer der Behandlung: Erfolg meist kurze Zeit nach einer einzigen Bestrahlung; selten Wiederholung nach 14 Tagen notwendig. Verlauf: Mitunter nach rasch vorübergehender Exazerbation schwindet der Juckreiz innerhalb 1 — 2 Tagen, Rötung und Schwellung wenige Tage später. Rezidive kommen vor, reagieren immer wieder gut. Unterstützende Behandlung: Bei etwas stärkerer Früh¬ reaktion wechselwarme Bäder. Technik: Harte Therapieröhre, 0,5 mm Al.-Filter, % — % Ery¬ themdosis. Aus dem Krankenhaus Wattwil. (Direktion: Chefarzt Dr. E. Bau mann.) Ueber die traumatische Nierenzyste. Von Dr. Erwin Bau mann. Die traumatische Nierenzyste ist eine äusserst seltene Erkrankung. In manchen Werken der Unfallmedizin ist sie nicht einmal erwähnt, in den grössten meist nur mit einem Satze abgetan. Daher mag die Mitteilung eines kürzlich beobachteten Falles einer grossen trauma¬ tischen Nierenzyste gerechtfertigt sein. M. H., 6 jähr., K.-G. 752/20. Aus der Anamnese: Das früher stets gesunde Mädchen fiel am 8. X. 1920 in einer Scheune ca. 9 m hoch auf einen Zementboden herunter und blieb dort bewusstlos liegen. Der herbei- gerufene Arzt konstatierte starke Blutunterlaufungen beider Augen, besonders links, mit Bewusstseinstrübung während eines Tages. Keine Ausfallserschei¬ nungen seitens des Zentralnervensystems. Ueber dem linken Hiiftbeinkamm seitlich ebenfalls starke Sugillationen, die sich bis zur untersten Rippe in der linken Axillarlinie ausdehnen. Nie Temperaturerhöhungen, nie beschleunigter oder verlangsamter Puls. Urin stets normal. Seit dem 8. Tage nach dem Unfall klagte Pat. stets über ziehende und drückende Schmerzen in der linken Oberbauchgegend. Ausser einer leichten Schwellung daselbst, wenig druckempfindlich, fand der Arzt stets normale Verhältnisse. Am 30. X., 23 Tage nach dem Unfälle, konstatierte der Arzt zum ersten Male in der Gegend des Colon descendens eine stark druckempfindliche, innerhalb kurzer Zeit rasch gewachsene Vorwölbung. Da damit ziemlich rascher Kräfteverfall, motorische Unruhe, Temperaturerhöhungen und Erbrechen eintrat, wies der behandelnde Arzt das Kind als Notfall in das Krankenhaus ein. Eintrittsbefund am 2. XI. 1920: a) S t a t. univers.: Stark anämisches, mageres, schwer leidend aussehendes Kind. Augen blauschwarz umrändert, Lippen trocken, blass, borkig belegt. Atmung oberflächlich, frequent, kostal, r. > I„ mit exspiratorischem Glucksen. Strabismus con- vergens. Sensorium teilweise getrübt. Schmerzstöhnen. Extremitäten blass, kühl; Finger- und Zehennägel zyanotisch. Stuhl und Urin angehalten. Tem¬ peratur 38,2°, Puls 104, schwach, unregelmässig, Herztöne leise, rein, frequent. Lungen o. B. b) S t a t. 1 o c a 1. : Abdomen in toto aufgetrieben. Der linke Rippenbogen ist vorgewölbt. Unter ihm tritt eine längsovoide, kugelförmige Vorwölbung zu tage, die, kindskopfgross, die ganze linke Beckenhälfte ein¬ nimmt. Kein freier Erguss, keine Darmzeichnung. Ueber dem ganzen Ab¬ domen sind die Bauchdecken straff angespannt, diffus druckempfindlich, mit Defense musc. auf der linken Seite und Entlastungsschmerz. Ueber der Vor¬ wölbung brettharte Spannung, so dass eine genaue Palpation unmöglich ist. Der Tumor scheint glatt, prall-elastisch zu sein. In der Flanke und Lumbal- 88 MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT. Nr. 3. gegend besteht absolute Dämpfung; vorne relative Dampfung, jedo.ch mit deut¬ lichem Beiklang von Darmschall. . , , ,. „ _ .. „ Trotz des desolaten Zustandes wird in Aethernarkose die Operat frir R a u m a n n) vorgenommen; Probelaparotomie durch kleinen, ca. tanK» l“n”sschnniu °.,aL,ek,al i» Nab.lhtte Bel.nd: ändert Es liegen stark kollabierte Darmschlingen vor. Der pa pierenae Fincer gelangt auf einen retroperitoneal liegenden prallelastischen fluktuieren¬ den Tumo ""von der unveränderten Milz bis ins kleine Becken reichend Die I aee des unverschieblichen Tumors weist auf die linke Niere hin. Nach Verschluss des Probeschnittes wird in rechter Seitenlagö tomieschnitt nach Bergmann angelegt und die linke Nrnre ^eig gt Nach Durchtrennung der nur mässig adharenten äusseren Nierenkap sei liegt eine blauschwarz durchschimmernde Zyste vor, aus der sich nach der Inzismn im Strahl ca. lH Liter klare, gelb hohe Flüssigkeit entleert D e äussere Wnrid der 7vste liegt in der Kortikalis un>d ist nur ca. 2 3 mm dicK. men EnBernung eines Teiles derselben konstatiert die eingeführte Hand eine grosse glattwandige Höhle, deren Wand von einer dickschleimigen, teils rosa, teils schokoladebraun gefärbten Detritusmasse beschlagen ist. D e Wand selber besitzt kein eigentliches Epithel, sondern setzt sich a Elementen der Rindenschicht zusammen. Mikroskopisch lassen sich in de Zyste keine morphologischen Bestandteile, bakteriologisch keinfe Mikroorgam - men nachweisen. Im Detritus ist Blutfarbstoff vorhanden. Die Zyste wird locker mit Pyoktaningaze austamponiert und die Wunde teilweise verschloSfoigt erstmals Urinabgang, der nicht blau gefärbt ist; die Höhle kommuniziert also nicht mit den Ausführungsgängen der Niere. Das Allgemeinbefinden bessert sich zusehends und rasch. Die Temperatur kehr nach der Operation zur Norm zurück, die Höhle sezermert sozusagen g nicht Unter Kürzung der Blaugaze granuliert sie üppig und rasch zu 25 Tage nach der Operation ist sie fest geschlossen und am 4. XII. wird das Kind als vollständig geheilt mit blühendem Aussehen bei normalem Urin- befund aus dem Krankenhause entlassen. Im vorliegenden Falle hat also ein 6 Jahre altes Mädcnen durch einen 9 m hohen Sturz von der Tenne auf den Zementboden eine linksseitige Wz Liter Inhalt fassende Nierenzyste erlitten. Die ausser¬ ordentlich seltenen traumatischen Nierenzysten müssen streng von der sog. Zystenniere getrennt werden. Letztere kommt nicht so sel¬ ten vor und betrifft häufiger beide als nur eine Seite. Wahrscheinlich ist sie stets angeboren und beruht meist auf einer Entwicklungsstomn?. Pathologisch-anatomisch wird sie von der Mehrzahl dei Autoren für Retentionszysten gehalten, die durch Entzündungsvorgänge (Vi r ch o w, Dur lach Thorn, Arnold u. a.) oder aber durch Missbildungen (Kaufmann, R i b b e r t, H i 1 d e b r a n d, Meyeru. a.) verursacht werden. Hieher gehören auch die sog. vereinzelten Zysten der Niere, die bei sonst unveränderter Niere eine beträchtliche Grösse erreichen können und nach Braun warth nur quantitativ von der eigentlichen Zystenniere abweichen. Die Höhle ist in allen diesen Fallen von Pflasterepithel ausgekleidet, der Inhalt kann serös, durch Hamorrhagien auch rot oder bräunlich gefärbt oder bei pathologisch veränderten Zellen kolloid sein. Im Gegensatz zu diesen primär epithelial umgrenzten Hohlräumen steht die eigentliche N i e r e n z y s t e, ein Hohlraum im Nierengewebe, die ohne eigene Zystenwand von. Nierenparenchym umgrenzt ist (wie in unserem Falle), das dann allerdings bei längerem Bestehen allmählich durch Untergang der Organzellen zu einer Art von Hülle degenerieren kann. Diese traumatische Nierenzyste entsteht ohne Zweifel so, dass im Rindengebiet der Niere oder zwischen den Kapselschichten infolge eines Sturzes oder einer Quetschung eine Blutung stattfindet, die dann zur Zystenbildung führen kann. Der peri¬ phere Sitz der Blutung bedingt es, dass die häufigste Erscheinung einer traumatischen Nierenverletzung, das Blutharnen, ausbleibt. Tritt also bei einer subkutanen Läsion der Nierengegend, sei es durch ein direktes oder durch ein indirektes Trauma, ohne Blutharnen eine schmerzhafte Schwellung auf, so muss man neben einer Blutung in das pararenale Gewebe stets an die Möglichkeit einer geschlossenen Nierenblutung denken. Die sichere Diagnose wird, wie in unserem Falle, oft erst unter dem Messer gestellt werden können. Zwanck- Schi Hing sehe Hysterophor mit zwei schmetterlings- fliigelartigen Platten und für ganz schwere Fälle die gestielten Pessare, die nach Art des alten S c a nz on i - Modelles durch einen Beckengurt getragen werden, wie z. B. der La ve da n- Hysterophor. Alle diese Pessare greifen jedoch die Scheidenwände nicht fläch^u- haft an und machen daher Druckerscheinungen. Selbst die harmlose¬ sten Pessare können tief einwachsen, wenn sie längere Zeit nicht ge¬ wechselt werden. Beim Zwanck sehen Pessar sind sogar tiefe Per¬ forationen in Blase und Mastdarm beschrieben. Ausserdem sind die bisher genannten Pessare nicht imstande, die Scheidenschleimhaut voh- ständig zurückzuhalten; diese pflegt vielmehr meistens über die Pessar¬ bügel hinweg mehr oder weniger stark wieder nach aussen zu pro- la hipren Aus diesem Grunde werden seit den ältesten Zeiten Pessare ver¬ sucht, die die Scheide möglichst ausfüllen. Wie Schröder in seinem Lehrbuche der Gynäkologie erzählt, hat schon Soranus durch zweck¬ mässige Lagerung der Frau den Prolaps reponiert und /^Pessare aus Wolle in die Scheide eingeführt. Oskar Frankl (die physika.i- schen Heilmethoden in der Gynäkologie) berichtet, dass nach Busen die Naturvölker Schwämme, Nüsse, Granatäpfel und zusammengerolltc Stoffstücke und nach A b u 1 c a s im (10. bis 11 Jahrhundert in Cordova) auch aufgeblasene tierische Membranen als Pessare verwandt haben. In südlichen Ländern werden noch heute Zitronen und Orangen a s Pessare eingeführt, die gleichzeitig durch die Form und durch ihre chemische Eigenart wirksam sind. Breisky (Prager med. Wochen¬ schrift, 1884, Nr. 33) wählte eiförmige Pessare aus Hartgummi deren Handhabung aber wegen des starren Materials nicht leicht ist Neuer¬ dings empfiehlt D u r 1 a c h e r - Ettlingen (M.m.W 1921, Nr 44) Gummi¬ ballons, die in einen Schlauch mit Ventil auslaufen und durch ei Handluftpumpe in der Scheide selber gefüllt werden. Die Patientinnen sollen das Wechseln selber vornehmen und zwar täglich. Du rlacti e r nennt den Apparat Luftkissenpessar. Diese Methode ist m. E. für die Patientinnen auf die Dauer zu umständlich. Jedenfalls sehe ic nicht den geringsten Vorteil gegenüber der einfachen Methode, die vor etwa 20 Jahren von Leopold L a n d a u angegeben ist; diese besteht darin, dass gewöhnliche, glatte Gummibälle als Pessare ver¬ wandt werden. Diese Bälle sind verhältnismassig billig und leicht einzusetzen; sie machen durchaus keine Druckerscheinungen und halten die Scheidenschleimhaut gut zurück. Ein zu kleiner Ball springt, ohne zu verletzen, aus der Scheide heraus; und hat man einen zu grossen Ball gewählt, so merkt dies die betreffende Patientin sofort daran, dass die Urinentleerung erschwert oder gar unmöglich wird, und wird von selber die schleunige Herausnahme des Balles verlangen. Die gebräuchlichsten Grössen sind Bälle von 5 — 10 cm Durchmesser, ^e re Stauungen hinter dem Ball treten nicht ein. Ich hege daher auch keine Bedenken, den Ball bei ulcerierten Prolapsen sofort einzusetzen und finde stets, dass die Dekubitalulcera ohne sonstige Behandlung hinter den Bällen abheilen. Alle 6 Wochen soll der Ball gewechselt werden. Dies geschieht in der Weise, dass auf dem Zeigefinger der einen Hand eine Kugelzange an den Ball herangeschoben und in diesen ein¬ gehakt wird; beim Anziehen entweicht die Luft, und der Ball kann wie ein leerer Sack aus der Scheide herausgezogen werden. Ich habe diese Ballmethode in der L a n da u sehen Klinik in Berlin und in meiner Privatpraxis seit Jahren in grösserem Umfange duren- gefiihrt und möchte sie auf Grund guter Erfolge empfehlend in Er¬ innerung bringen. _ Natur und Entstehung diastatischer Fermente. (Eine Erwiderung zu Prof. Biedermanns Bemerkungen in dieser Wochenschrift 1921, Nr. 44.) 1 T _ TT» * _ L A _ TW- Literatur. Arnold: Beitr. z. path. Anat. 1890, 8. — Braun warth: Ueber Nierenzysten. Virch. Arch. 1906, 186. — Dur lach: Ueber Entstehung der Zystenniere. Diss. Bonn 1885. — H i 1 d eT> ran d : Lange nb eck s Arch. 1884, 48. — Kaufmann: Ueber sog. fötale Rachitis. 1892. Kretsch¬ mer: Solitary cysts of the Kidney (mit Literatur). Journ. of urology Vol. IV. N 6 1920 —Meyer: M.m.W. 1903 Nr. 18. — Reichmann: Nieren- zf stell. Hb. d. ges. Ther. 3. - Riblxsrt: Verh. d. dtsch patlu Qes. 1899. — Rovsing: Zystenniere, im Lehrb. d. Chir. 3. 1 niem. no. d. Unf. -Erkrank. 2, 2. — Thorn: Beitr. z. Genese d. Zystenniere. Diss. Bonn, 1882. — Virchow: Ges. Abh. 1856. Die Ballbehandlung der Prolapse. Von Dr. Siegfried S am s o n - Hamburg. Genitalprolapse jeglichen Grades sind operative Fälle. . Es bleiben aber noch eine ganze Reihe von Fällen übrig, bei denen die Operation abgelehnt wird oder wegen hohen Alters oder wegen gleichzeitig be¬ stehender anderweitiger Erkrankung zeitig oder dauernd nicht in frage kommt. Und schliesslich gibt es eine Reihe von Prolapsen, die selbst nach den weitgehendsten Fixationsmethoden wieder rezidivieren. Für diese Fälle sind seit Ambroise Pa re Pessare der verschie¬ densten Formen konstruiert. Am meisten gebraucht werden das H o d g e pessar, dann das Pessar von Thomas, das May e r sehe Ringpessar, Schultzes Schlittenpessar, das Schatz-Prochow- n ick sehe Sieb-Schalenpessar, das Menge sehe Keulenpessar, der Durch die Bemerkungen auf meinen Artikel über dieses Thema (d. Wschr. 1921, Nr. 43) macht Prof. Biedermann aus der von mir sachlich gehaltenen wissenschaftlichen Differenz eine unliebsame Polemik. Hätte Prof. Biedermann meine ausführliche Arbeit, die gleichzeitig mit genanntem Artikel an die „Fermentforschung abging, vorerst gelesen, und das konnte ich deshalb erwarten, weil auf dieselbe ausdrücklich verwiesen war, so würde er billigerweise nicht dazu ge¬ kommen sein, mir Leichtfertigkeit im wissenschaftlichen Vorgehen in bezug auf Kenntnisnahme der Originalliteratur sowie der Vcrsucas- technik vorzuwerfen. Hingegen muss ich konstatieren, dass die An¬ nahme Biedermanns, ich hätte für meine Versuche eine amylo¬ pektinreiche Stärkelösung verwendet, eine unrichtige Supposition ist, da ich in dem Artikel dieser Zeitschrift unter dem Verweise auf die detaillierte; Arbeit gar keine methodischen Angaben machte. Aus letzterer aber geht hervor, dass in allen meinen Versuchen stets eine amvlopektinfreie Amyloselösung zur Unter¬ suchung gelangte. Damit fällt das Hauptargument Bieder¬ manns gegen meine Versuchstechnik u n d ebenso seine darauf gestützten Scnlüsse. Diese Lösung bereitete ich durch Erwärmen der Stärke in 1 proz. Lösung während 1 Stunde bei 80°, weil die Resultate ganz Identisch waren mit jenen Versuchen, wo die Stärke nur auf 80 0 erwärmt wurde. Dies in voller Ueberem- stimmung mit der Angabe von Biedermann1), wo er die starke während Va Stunde kochte und der Versuch ebenso glatt verlief! J) Biedermann: Fermentforschung 1916, Nr. 5, S. 388. 20. Januar 1922. MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT. 89 Was den Zeitfaktor anlangt, so zitiere ich Biedermann2): „Auch wenn man noch so sehr auf möglichste Gleichartigkeit der Ver¬ suchsbedingungen achtet, so fallen doch die Zeiten der Umsetzung an den verschiedenen Tagen keineswegs ganz gleich aus. sondern sind beträchtlichen Schwankungen unterworfen, die sich unter Umständen über Stunden erstrecken können.“ Die Auffassung Biedermanns über die Thermostabilität diastatischer Fermente sei durch folgende zwei Zitate charakterisiert: „Für den Speichel ergab sich sogar, dass gekochte Proben, welche stundenlang ohne Stärke¬ zusatz stehen blieben, dabei nicht nur nicht an diastatischer Kraft ge¬ wannen. sondern im Gegenteil bei nachträglichem Zusatz von Stärke sehr bedeutend verlangsamt wirkten“ . . 3). Ferner : „Dass die Thermostabilität der organischen Grundlage diastatischer Fermente nur eine partielle und relative ist, das Erhitzen von Speichel oder reinen Fermentlösungen bis zum Kochen nur schwache Spuren von Wirksamkeit hinterlässt, die erst nach langem Stehen (unter Toluol¬ schutz) wieder etwas zu nimmt etc.“4). Das ist seine These und seine Antithese. Wenn nun das ganze Problem der „Autolyse“ der Stärke, dieses an sich wichtige Fermentproblem, neuerdings für Biedermann5) nur noch geringes Interesse geniesst, so kann ich nicht umhin, die Ursache in dem mehrfach gelieferten Beweis der Nichtexistenz der¬ selben zu suchen. Sollte ich schliesslich Biedermann davon nicht überzeugen können, so ist das auch nicht meine besondere Absicht, sondern ich warte mit Zuversicht das entscheidende Urteil vom un¬ befangenen Fachkreise ab. Ich habe nicht die Absicht, mich mit Herrn Dr. R o t h 1 i n in weitere Erörterungen über die von mir nachgewiesene Stärkeautolyse einzulassen und werde auch meinerseits das Urteil eines Fachmannes abwarten, der unbefangen meine überaus einfachen Versuche gena u nach Vorschrift nachgeprüft. Biedermann. Aus der Universitäts-Frauenklinik Frankfurt a. M. (Direktor: Geh. Hofrat Prof. Dr. Seitz.) Nochmals die Frage der Gasvergiftung im Röntgenzimmer. (Erwiderung an Herrn Friedrich Lönne.) Von Dr. med. et phil. Heinrich Guthmann, Oberarzt der Klinik. In Nr. 47 der Münch, med. Wochenschrift teilt Lönne mit, dass er die von mir zur Bestimmung des Ozons in der Röntgenluft benützte Methode1)2), die sich auf die E r 1 w e i n - W e y 1 sehe Reaktion gründet, nicht für geeignet halte. Lönne bezweifelt vor allem die Spezifität der Erlwein-Weyl sehen Reaktion und findet eine Farb¬ bildung der alkalischen Metaphenylen-Diaminlösung auch bei Zusätzen von Wasserstoffsuperoxyd und Natriumnitrit Diese Angabe ist sicher falsch. Ich kann nur auf Grund meiner vielen exakten und unvor¬ eingenommenen Untersuchungen immer wieder darauf hinweisen, dass die Reaktion, natürlich in bestimmten, genau festgestellten Grenzen, spezifisch ist, vorausgesetzt, dass absolut reine Reagentien be¬ nützt werden, was bei den Beobachtungen von Lönne sicher nicht der Fall gewesen ist, sonst hätte er diese Re¬ aktionen nicht bekommen können. Die gelbbraunrote Farbe, die das alkalische Metaphenylen-Diamin bei der Reaktion mit Ozon bildet, ist ja zwar etwas unstabil, jedoch gelingt es bei entsprechender Technik sehr leicht eine Vergleichsfarblösung, wie von mir angegeben, inner¬ halb einer Zeit herzustellen, bei der die Veränderung der Farbe des Reagens unmessbar klein ist. Durch lange Beobachtung habe ich fest¬ stellen können, dass die Farblösung in 2 Stunden eine nur sehr geringe Nuancenänderung zeigt und habe den Zeitraum von einer Viertel¬ stunde nur gewählt, um absolut sicher zu gehen. Die Empfindlichkeit der Reaktion ist eine derartige, dass es sehr leicht ist, 0,08 mg Ozon in der Luft nachzuweisen. Als Hauptargument gegen die Methode wendet Lönne ein, dass man zum Durchleiten der 1000 Liter Luft, wie er schreibt, eine Zeit brauche, die so gross sei, dass das Reagens sich in seiner Farbe wieder verändere. Das wäre auch der Fall, wenn es nötig wäre, mit soviel Luft zu arbeiten. Lönne übersieht aber, dass man, um die zur Messung ausreichende Farbtönung zu erhalten, höch¬ stens 100 Liter Luft durch die Reagenzlösung leiten muss, und dass dies in einer Viertelstunde möglich ist, muss sogar Lönne zugeben. Lönne gibt weiter an, dass die gewöhnliche Luft ebenfalls fast die gleiche Reaktion gibt. Wie war diese Luft gereinigt? Im weiteren Ver¬ lauf der Mitteilung kommt Lönne auch zu meiner Meinung, dass die Kaliumiodidmethode zum Nachweis der äusserst geringen Menge von Ozon und nitrosen Gasen nicht geeignet sei. Nichtsdestoweniger be¬ nützt er die Methode, wie er einige Zeilen weiter unten schreibt, zu Messungen und kommt mit deren Hilfe zu Werten, die so gering sind (0,2 mg Ozon, salpetrige Säure etc. in 1 cbm Luft), dass nach diesem Ergebnis von einer Vergiftungsmöglichkeit überhaupt nicht gesprochen weiden könnte. Trotzdem aber glaubt Lönne daran, dass das Ozon f) Biedermann: Fermentforschnng 1916, Nr. 5, S. 427. ■') Biedermann: Fermentforschung 1916, Nr. 5, S. 423. 4) Biedermann: M.m.W. 1921, Nr. 44, S. 1428. 5) Biedermann: M.m.W. 1921, Nr. 44, S. 1428. 4) Sitzungsberichte der Phys.-med. Sozietät in Erlangen 1918/19. 50 — 51. ') Strahlentherapie 12, Heft 1. , mit an der „Gasvergiftung im Röntgenzimmer“ beteiligt sei. Ich betrachte dies als eine stillschweigende Anerkennung der allein und zu¬ erst von mir durch genaue quantitative Messungen gewonnenen Zahlen. I Die Schlussbemerkung, dass sich beim Betrieb von Quecksilberdampf¬ lampen Ozon bildet, ist ja auch nichts Neues, und ist es von jeher üblich gewesen, in solchen Räumen für gute Ventilation zu sorgen. Für die Praxis. Die Behandlung des Ulcus corneae serpens. Von Bruno Fleischer, Erlangen. Die eitrigen Hornhautentzündungen sind für jeden praktischen Arzt, der nicht in der Lage oder gewillt ist, diese Fälle ohne weiteres dem Spezialisten zuzuweisen, eine der wichtigsten Augenerkrankungen — wegen der Zahl dieser Fälle und wegen der schweren möglichen Fol¬ gen, die eine nicht sachgemässe Behandlung nach sich ziehen kann, einerseits und wegen der günstigen Erfolge, die eine frühzeitige und sachgemässe Behandlung anderseits erzielen kann. Aus der grossen Menge der verschiedenen eitrigen Hornhautentzündungen greife ich in der heutigen Besprechung das Ulcus corneae serpens heraus, wegen der besonders grossen Verantwortung, die der behandelnde Arzt übernimmt, und wegen der Fortschritte, die die Diagnose und Therapie desselben gemacht hat. Die Diagnose des Ulcus serpens lässt sich vielfach aus dem äusserlichen klinischen Befund stellen. Meist handelt es sich um die Folge leichter oberflächlicher Verletzungen, die eine geringfügige Schür¬ fung der Hornhaut zur Folge haben, vielfach im landwirtschaftlichen Be¬ trieb, so infolge von Verletzungen mit Stengeln von Pflanzen, Stroh, kleinen Aestchen, Steinchen usw. Der Sitz ist sehr häufig nahe dem Zentrum der Hornhaut. Die Patienten kommen meist erst einige Tage nach der Verletzung zum Arzt, wenn die durch die Verletzung ent¬ standene Erosion nicht glatt verheilt ist und Beschwerden, vielfach stärkere ausstrahlende Schmerzen auftreten, infolge der durch die In¬ fektion entstandenen eitrigen Entzündung. In diesem ersten Stadium ist das klinische Bild vielfach noch kein charakteristisches und kann in einer geringfügigen' weisslich-gelblichen Infiltration bestehen, meist mit bereits vorhandener starker Injektion des Auges und nicht selten, aber nicht immer, mit bereits vorhandenem kleinen Hypopyon und begleitender Iritis* Dieses Stadium gibt für die Behand¬ lung noch günstige Prognose und es muss jeder derartige Fall sofort in sachgemässe Behandlung genommen werden; gefährlich ist blosses Abwarten und nichtspezifische Behandlung nur mit Atropin und Verband. Die Infektion erfolgt in der Mehrzahl der Fälle vom1 Tränensack aus, aus einer vorher bereits bestandenen Dakryozystitis infolge einer Stenose der Tränenwege. Es muss daher in jedem Fall durch Druck mit dem Finger auf die Tränensackgegend darauf untersucht werden; die Möglichkeit des Ausdrückens von patho¬ logischem Inhalt aus dem Tränensäcke, eitriger, eitrig-schleimiger, schleimiger, schleimig-wässeriger oder wässeriger Natur, unter Um¬ ständen nur in geringer Menge, lässt die Diagnose stellen. Zweck¬ mässig ist auch das Durchspülen des Sackes im Fall des Fehlens von pathologischem Inhalt, wodurch unter Umständen noch ein durch Ausdrücken nicht festzustellender pathologischer Inhalt erkannt werden kann. — Die Feststellung einer Dakryozystitis indiziert im allgemeinen die sofortige Behandlung derselben, am zweckmässigsten durch Ex¬ stirpation des Sackes, um die Infektionsquelle auszuschalten. Es wird daher der Kranke in diesem' Fall im allgemeinen dem Spezialisten zu überweisen sein, wenn zwar auch zuweilen eine Heilung der Horn¬ hautentzündung bei bestehender Dakryozystitis zu beobachten ist. Da die Ueberweisung der Patienten an den Spezialisten aber doch mehr oder weniger lange Zeit in Anspruch nehmen kann, so wird trotzdem sofort auch das Ulcus zu behandeln sein. Für die Behandlung ist die Art des Infektions¬ erregers von grösster Wichtigkeit und der Versuch der Diagnose desselben unbedingt zu machen. Dies ist im allgemeinen leicht möglich durch einen Abstrich von dem eitrigen Ulcus auf ein Deckglas oder einen Objektträger: mit kleinem sterilen Spatel (oder Nadel), wie er zum Fremdkörperentfernen auf der Hornhaut be¬ nützt wird, nach vorheriger Einträufelung von Kokain (2 — 4 proz.) wird von der infiltrierten Partie, am besten mit dem Instrument unter dem Epithel1, das ja meist erodiert ist, hervorschabend, eine geringe Menge des erweichten Gewebes abgestrichen und auf dem Objektträger ver¬ strichen; dabei Schonung des gesunden Gewebes, nach Trocknung Fixieren durch zweimaliges Durchstreichen über der Flamme; Färbung am besten mit abgekürzter Grammethode: Herstellung der ver¬ dünnten Färbeflüssigkeit für denjenigen, der nicht häufig zu färben hat, am besten selbst unmittelbar vor dem Färben, da die verdünnte Lösung nicht längere Zeit hält; aus einer konzentrierten alkoholischen, vorrätig zu haltenden Lösung von Gentianaviolett oder Methvlviolett ein Teil (Tropfen) und 2lA proz. Karbolwasser. 9 Teile; darauf Färben 25 Sekunden, Abspülen mit Wasser; zwecks Beizung Aufträufeln von Jod-Jodkalilösung 1:2:300 und Beizung damit 15 Sekunden, ohne Abspülen. Entfärben in 96 proz. Alkohol, bis keine Farbstoffwolken mehr abgehen. Nachfärben mit rotem Farbstoff, am besten Safranin, 5 proz. wässerige Lösung; Abspülen, Trocknen, Untersuchen unter Immersion. Das Ulcus serpens kann durch verschiedene Erreger hervorgerufen werden: in erster Linie durch Pneumokokken, dann Diplo- 90 MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT. Nr. 3. b a z i 1 1 e n, viel seltener durch andere Bakterien, die im allgemeinen nicht das typische Bild machen (Staphylokokken, Streptokokken, Bac. pyocyaneus, Schimmelpilze). Die Diagnose ist aus dem Abstrich daher im allgemeinen leicht zu stellen: Pneumokokken Gram-positiv, paarig, häufig' mit Kapsel, lanzettförmig mit der Spitze aneinander zugekehrt; Diplobazillen paarig, plumpe, wurstförmige, Gram-negative Stäbchen. Die bakterielle Diagnose ist so wichtig wegen der verschiedenen Behandlung, die die verschiedenen Erreger verlangen: Wahrend früher meist bei allen Formen kauterisiert wurde, hat sich neuerdings die Behandlung mit chemischen Mitteln bewährt und ist wirksam ins¬ besondere in frühen Stadien: die chemische Behandlung ist viel weniger eingreifend, da sie kein gesundes Gewebe zerstört, was bei der zen¬ tralen Lage der Ulcera besonders wichtig ist. Optochmum hydrochlor. ist Spezifikum für Pneumokokken, Zinc. sulfuricum für Diplobazillen. Und die chemische Behandlung ist deswegen von so grosser Wichtig¬ keit für den Praktiker, weil sie kein besonderes Rüstzeug verlangt. Die Optochinbehandlung des Pneumokokkengeschwüres hat sich mir durchaus bewährt, was ich gegenüber manchen anderen Erfahrungen hervorheben möchte. Wichtig ist allerdings die Art der Behandlung: Man kann von dem Mittel nur eine Wirkung erwarten, wenn es mit den Pneumokokken unmittelbar in Berührung kommt und wenn die Lösung frisch und genügend konzentriert ist Daher An¬ fertigung der Lösung selbst stets vor Gebrauch: 2 proz. Losung talso Vorrätighalten von abgewogenen Mengen [0,2 g zu 10 ccm Wasser], Lösung erfolgt leicht). Mit der 2 proz. Lösung kleines mit Watte um¬ wickeltes (Glas-) Stäbchen tränken und damit das Geschwür nach Kokainisierung 2 Minuten lang (Uhr in der Hand) betupfen ; zweck¬ mässig ist in der 2. Minute eine Art Ausreiben oder Auswischen des Geschwürs mit dem Wattestäbchen, um auch die unter dem Epithe' gelegenen Infiltrationen zu treffen; die Behandlung verursacht etwas Brennen, aber keine erheblichen Beschwerden. Die Betupfung bewirkt leichte weissliche Verätzung des Geschwürs, eventuell des benach¬ barten Epithels. Darnach Verband. Behandlung der Iritis mit geringen Mengen Atropin (1 proz., bis die Pupille weit wird). Nachsehen am selben Tag oder am nächsten Morgen; meist quellen der Geschwürsgrund und die Ränder etwas auf, was den Eindruck einer stärkeren Infiltiation machen kann. Bei günstiger Wirkung dieser einmaligen Behandlung keine weitere Progression. Zweckmäsig ist am nächsten Tag Ein¬ streichen von 1 proz. Optochinsalbe, um Neuinfektion zu verhüten. Heilung in beginnenden Fällen auf diese Weise meist in wenigen Tagen unter Zurückbleiben einer kleinen oberflächlichen Narbe; Nach¬ behandlung mit gelber Augensalbe u. a. Schreitet das Geschwür fort, eventuelle nochmalige Betupfung am folgenden oder übernächsten Tage. Tritt kein Stillstand ein, sofortige Ueberweisung an den Spe¬ zialisten. Tägliche, womöglich 2 mal tägliche Nachschau, ist dringend erforderlich! , , , . Diese Behandlung gibt gute Erfolge auch noch dann, wenn das Geschwür schon das charakteristische Bild bietet: progressiver wall¬ artiger Rand meist nach einer Richtung hin, grösseres Hypopyon — wenn es nur noch oberflächlich und für das Mittel zugänglich ist. Es wird also auch dann noch vom praktischen Arzt in Behandlung ge¬ nommen werden können, bzw. vorbehandelt werden können. Viel schwieriger liegen die Verhältnisse, wenn die Infiltration schon nach der Tiefe fortgeschritten ist — was leider vielfach der Fall ist, da die Leute zu spät zum Arzt gehen — oder nicht zeitig sach- gemäss behandelt wird. Man kann zwar auch in diesen Fällen noch recht gute Wirkung von energischer Optochinbehandlung sehen, aber sie ist unsicher und die Nachbehandlung auch bei günstiger Wirkung schwieriger und langwierig, wegen der Folgen der schwereren Iritis, des Hypopyöns, der eventuellen Perforation — auch bei guter Wirkung des Mittels — , des Sekundärglaukoms. Es wird also in solchen Fallen rascheste Ueberweisung an den Spezialisten unbedingt indiziert sein. Ergibt die bakteriologische Untersuchung Diplobazillen, so ist Behandlung mit Zincum sulfuricum angezeigt und ergibt — auch in fortgeschritteneren Fällen — noch gute Erfolge und zwar m Form von Bädern (mit „Augenbadewanne“) oder mit häufigen Emtraut- lungen von XA proz. Lösung: 1 — 2 stündlich einen Tropfen: darauf meist Rückgang der Infiltration, Verlieren des eitrigen Charakters derselben in 2—3 Tagen, langsamer Uebergang in Vernarbung. Unterstützung der Tropf enbehandlung mit Einstreichen von Zinc. sulf.-Salbe (/* bis 1 proz.) nachts und Nachbehandlung mit dieser Salbe. Bei Mischinfektion von Pneumokokken und Diplobazillen, oder bei negativem Ausstrich kombinierte Behandlung mit Optochmbetupfung und Zinkeinträufelung. Doch sind letztere Fälle, da die ätiologische Diagnose nicht sicher ist, bei geringster Progression besser m spe- zialistische Behandlung zu übergeben. Dasselbe ist bei andersartigem Befund — da hier spezifische che¬ mische' Behandlung nicht möglich ist — , insbesondere bei bösartigem Charakter der Infektion, starker Injektion, Iritis und Hypoyon, indiziert. Wie aus dem Gesagten hervorgeht, rede ich der chemischen Be¬ handlung in Anfangsstadien das Wort — insbesondere, da diese Be¬ handlung sofort und ohne Instrumentarium von jedem praktischen Arzt ausgeführt und gute Erfolge haben kann, was bei den schweren Opfern, die das Ulcus serpens auch heute noch fordert, von grossem Nutzen sein könnte. Denn viele Augen gehen dadurch zugrunde, dass mit dei Behandlung in Anfangsstadien' gezögert wird, in denen allein ein fast sicherer Erfolg ohne wesentliche Beeinträchtigung der Funktion des Auges möglich ist. In solchen Anfangsstadien führen freilich auch andere Verfahren zum Ziel, so der Wessely sehe Dam p f k a u t e r (durch strömenden Dampf erhitzte Metallspitze), der keine Zerstörung gesun¬ den Gewebes zur Folge hat, oder die Iontophorese (Einleitung von Metallionen ins Gewebe durch schwachen galvanischen ^trom). Letztere Therapie leistet auch bei versagender chemischer Behandlung noch manchmal Gutes und sie ist noch in weitem Masse ausbaufähig. Auch wird in beginnenden Fällen eine kleine Galvanokausis den Herd leicht beseitigen können, aber sie zerstört Gesundes und macht intensivere Narben. Diese Behandlungsmethoden verlangen aber be¬ sonderes Instrumentarium, das nicht sofort und überall zur Hand ist und daher meist dem Spezialisten zu überlassen sein _ werden, wie schliesslich die schweren Fälle, wo vielleicht noch chirurgische Be¬ handlung, Spaltung des Geschwürs nach Saemisch c.cn Prozess zum Stillstand' bringen kann oder wo Behandlung des Sekundärglaukoms durch entsprechende Massnahmen noch manche Augen retten kann oder wo Konjunktivaiplastik nach K u h n t gelegentlich noch Rettung bringt. , Wesentlich, von allergrösster Bedeutung ist die sofortige Behand¬ lung der ersten Stadien des Geschwürs und da könnte der praktische Arzt viel Segensreiches stiften. Schliesslich ist aber noch die vor- b e u g e n d e B e h a n d 1 u n g d e r T r ä n e n k a n a 1 - u n d Tränen¬ sackerkrankungen zu erwähnen; jede Dakryozystitis soll spe- zialistisch behandelt werden; die chirurgische Behandhing der Tranen- sackentzündung radikal durch die Exstirpation des Sackes, unter Erhaltung der Tränenabfuhr durch die Schaffung eines neuen Weges in die Nase mit vollständiger oder partieller Resektion der nasalen Tränensackwand, der knöchernen Wand, der Fossa lacrimalis und der Nasenschleimhau, (von aussen oder ev. von der Nase aus) bringt m allgemeinen die pathologischen Keime (Pneumokokken zum Verschwin¬ den, die sonst in den allermeisten Fällen die Ursache der Homnaut- infektion werden! Bücheranzeigen und Referate. Handbuch der vergleichenden Physiologie, unter Mitarbeit zahl¬ reicher Fachgelehrten herausgegeben von Hans W i n t e r s t e i n. Jena, Gustav Fischer. Lieferung 48—51, je M. 15.—. Dieses für alle naturwissenschaftlichen Kreise wichtige Handbuch, das schon bei Ausbruch des Krieges seiner Vollendung nahe war. hat mit den vorgenannten 4 Lieferungen sein Erscheinen wieder aui- genommen und soll nunmehr rasch zu Ende geführt werden Lieferung 48 und Bogen 1—3 der Lieferung 50 bringen mit Seite 919 bis 1052 die 2. Hälfte des I. Bandes zum Abschluss und enthalten die Atmung der Vögel (Schluss) und der Säugetiere, bearbeitet von F B ab äk. Gegenüber der ausschliesslich auf den Menschen und einige wenige Säugetiere zugeschnittenen Darstellung der Atmung in den ge¬ bräuchlichen Lehr- und Handbüchern der Physiologie ist die hier ge- gebene Einführung in die Mannigfaltigkeit der den besonderen Lebens¬ bedingungen angepassten, aber überall der gleichen Aufgabe dienenden Einrichtungen hCchst bemerkenswert. Lieferung 49 und Bogen 3—6 der Lieferung 50 fuhren mit Seite 641 bis 784 die 2. Hälfte des II. Bandes weiter und enthalten die Exkretion der Crustaceen (Schluss) von B u r i a n und M u t h, der Tracheaten von Ehrenberg, der Wirbeltiere (anatomisch-histologischer Teil) von Noll. Die durch zahlreiche Abbildungen erläuterte Darstellung legt bei den niederen Tieren, dem gegenwärtigen Stand der Kenntnisse ent¬ sprechend, das 'Schwergewicht auf die morphologischen Verhältnisse, mit dem Uebergang zu den höheren Formen gewinnen aber auch die funktionellen und chemischen Vorgänge mehr und mehr an Bedeutung. Lieferung 51 eröffnet mit Seite 461 — 556 die zu den Aufgaben der 1 Hälfte des I. Bandes gehörige Darstellung der zirkulierenden Körper¬ säfte durch Bottazzi, die bis zu den Würmern fortschreitet. Bei der Vertrautheit dieses wie der vorgenannten Darsteller mit den von ihnen übernommenen Gebieten gewinnen die ausführlichen Literatur- nnniiurfiiep k p p r Wert M. v. Frey- Wtirzburg. Handbuch der inneren Medizin. Herausgegeben von L. Mohr (t) und R. Stähelin. Springers Verlag 1919. VI. Band Grenz¬ gebiete, Vergiftungen, Generalregister. Weiss broschiert 56 M., geb. 80 M. , . Mit dem VI. Band ist der Abschluss des gross angelegten Werkes erschienen. Der eine der Herausgeber, der erfolgreiche Forscher und Arzt L. Mohr, hat das Erscheinen des von ihm gegründeten Werkes nicht mehr erlebt. Auf der Rückkehr aus dem Felde ist er einer heim¬ tückischen Krankheit erlegen. Auch mancher der Mitarbeiter des VI. und der früheren Bände ist nicht mehr, und wehmutsvoll gedenken wir beim Durchblättern des vorliegenden Werkes der herben Verluste die die deutsche medizinische Wissenschaft in den letzten Jahren erfahren hat Die Arbeit dieser Männer aber bleibt in der Geschichte der inneren Medizin ein Markstein. Würdig reiht sie sich an die grossen älteren Werke, so an das klassische, aber in den meisten Banden heute veraltete Nothnagel sehe Handbuch an. . Der VI. Band ist eine Ergänzung der vorangehenden; in seiner Zusammenstellung ein Novum überhaupt, das besonders dankbai auf¬ genommen wird. ' Eingeleitet wird der Band durch grosszügig ergebnis¬ artig abgefasste Artikel über chirurgische Eingriffe bei inneren Krank¬ heiten. Der Baseler Chirurge Hotz hat eine _ ausserordentlich wert¬ volle Zusammenfassung der chirurgischen Eingriffe bei Erkrankung der Thoraxorgane, W. K o t z e n b e r g - Hamburg die chirurgischen Ein¬ griffe bei Erkrankungen der Abdominalorgane und bei solchen der Drüsen mit innerer Sekretion, sowie bei Nervenkrankheiten verfasst.. 20. Januar 19 22. MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT. 91 In allen diesen Aufsätzen, aus denen die grosse eigene Erfahrung spricht, ist auf engem Raum das zusammengestellt, was den prak¬ tischen Arzt interessieren muss. Jede Abschweifung und alles zu Detaillierte ist mit Recht vermieden. Man erlebt beim Durchlesen die grossen Wandlungen1, die die Beziehungen der inneren Medizin zur Chirurgie durchgemacht haben und lernt fast auf jeder Seite. Ein Aehnliches gilt von dem Gebiet, das K r ö n i g, Schneider, Pankow, Schlimpert und B u m c k e bearbeitet haben. Das so überaus wichtige und interessante Kapitel der Beziehung der weib¬ lichen Sexualorgane zu den Erkrankungen der übrigen Organe be¬ handelt viele Einzelfragen, die täglich an den Arzt herantreten. Es gibt kaum eine Frage, über die man sich hier nicht gern und mit Erfolg Rat holt. Die Krankheiten des Ohres in ihrem Zusammenhang mit internen Leiden sind von Wittmarck, die des Auges von Bach und Knapp bearbeitet. Die recht grossen und tiefgehenden Darstellungen sind eine Fundgrube für jeden praktisch oder wissen¬ schaftlich arbeitenden Arzt. Es finden sich hier auch Hinweise der sonst nicht leicht zugänglichen Spezialuntersuchungen, so dass die Bibliothek des Nichtspezialisten schon allein durch diese Kapitel auf das wertvollste ergänzt wird. In dem VI. Band sind weiterhin die Vergiftungen von C 1 o e t ta - Zürich, Faust- Würzburg, Hübener- Berlin, Zangger - Zürich dargestellt. Eingeleitet werden diese Kapi¬ tel durch eine allgemeine. Uebersicht von Zangger, die entsprechend der überragenden Bedeutung dieses universellen Forschers mehr bietet, als der Titel sagt. Aus derselben Feder stammt die Bearbeitung der anorganischen und organischen Gifte, die sich in vorteilhafter Weise von den älteren Darstellungen durch die moderne Erfassung des chemi¬ schen Problems unterscheidet. Die Alkaloide und andere Pflanzen¬ stoffe sind von Cloetta, die Vergiftung durch tierische Gifte von Faust in übersichtlicher und umfassender Weise dargestellt. Be¬ sonders wichtig ist das für den Praktiker so bedeutsame Kapitel der Nahrungsmittelvergiftungen, das in Hüben er einen berufenen Be¬ arbeiter gefunden hat. In allen Abschnitten finden sich ausführliche Literaturzusammen¬ fassungen, aus denen der wissenschaftlich arbeitende Leser sich rasch über die einschlägigen Arbeiten orientiert. So reiht sich auch dieser Schlussband würdig an die vorangehenden an. Er ist ein weiterer Beweis für den hohen Stand, auf dem allen Verkleinerern zum Trotz die deutsche Wissenschaft steht. Möge das Werk, dessen buchhänd¬ lerischer Erfolg für seine Schätzung spricht, recht bald neue Auf¬ lagen erleben, nachdem die früheren Bände zum Teil schon vergriffen und kaum mehr beim Antiquar aufzufinden sind. Erich Meyer- Göttingen. W. v. G a z a - Göttingen: Grundriss der Wundversorgung und Wundbehandlung. Berlin, S p r i n g e r, 1921. Preis M. 61.60 Ein inhaltsreiches Buch, das man jedem chirurgisch tätigen Arzte und somit jedem Praktiker dringend empfehlen möchte. Verfasser hat ganz recht, wenn er im Vorwort schreibt, dass in der Praxis die Grund¬ sätze der ersten Wundversorgung und Wundbehandlung nicht genügend bekannt sind. Um diese Kenntnisse sich zu erwerben, muss man sich zunächst einen guten Einblick in die feineren Vorgänge bei den Ver¬ letzungen und bei der Wundheilung verschaffen. Verf. bringt darum im ersten Teil seines Buches eine sehr klar geschriebene Darstellung der Wundheilung und Wundinfektion, in welcher auf die Stoffwechselvor¬ gänge der Wunde und auf die verschiedenen Stadien des Heilungsver¬ laufes besondere Rücksicht genommen ist. Nach diesem ersten theo¬ retischen Abschnitt werden in den weiteren mehr praktischen Teilen zunächst die allgemeinen Grundsätze der Wundversorgung und Wund¬ behandlung entwickelt: Umschneidung der Wunden, Sorge für Sekret¬ abfluss, Ruhigstellung und Lagerung, orthopädische Wundnachbehand¬ lung. Nach sehr bedeutungsvollen Bemerkungen über die Asepsis des Arztes folgen dann die Vorschriften über die Behandlung der Zufalls- wunden und der infizierten Wunden. Daran schliessen sich Regeln für die Behandlung der geschlossenen Infektionsherde (Panaritium, Furunkel, Abszesse, Phlegmone), die Behandlung der tuberkulösen Eiterung, die Behandlung des Milzbrandes, des Rotzes, der Maul- und Klauenseuche, des Ulcus cruris, des Brandes und der Infektion bei Diabetes. Im letzten Abschnitt werden die einzelnen Wundmittel (Verbandstoffe, Wund¬ pulver, Antiseptika, Oele, Salben, Pasten, Wundplomben) besprochen. Besondere Kapitel sind der Blutstillung, dem feuchten Verband, der Protoplasmaaktivierung, der Wundverklebung, der Hyperämiebehand¬ lung gewidmet. Diese kurze Uebersicht möge dem Leser zeigen, wie ausserordent¬ lich wichtig und mannigfaltig der Inhalt des G.schen Buches ist. Man kann keine Seite des Werkes aufschlagen ohne eine für die Praxis be¬ deutungsvolle Anregung über Dinge anzutreffen, denen man sonst in der chirurgischen Literatur nicht oder wenigstens nicht in dieser voll¬ kommenen Zusammenstellung begegnet. Gut gewählte Beispiele sind überall in den Text eingestreut und erläutern namentlich die Vor¬ schriften für die Behandlung der frischen Wunden. Wer das G.sche Buch immer und immer wieder mit Eifer und Andacht liest, wird davon für sich und seine Kranken hohen Gewinn davontragen. K r e c k e. Verhandlungen der zweiten Tagung über Verdauungs- und Stoff¬ wechselkrankheiten, 24. — 26. IX. 1920. Im Aufträge des Vorstandes herausgegeben von dem Schriftführer der Tagung. Berlin 1921. Verlag von S. Karger. 210 S. Preis 28 M. Trotzdem die zweite Tagung über Verdauungs- und Stoffwechsel¬ krankheiten schon über Jahresfrist hinter uns liegt und zufolge der Verhältnisse die Verhandlungen erst vor kurzem der Oeffentlichkeit übergeben werden konnten, stehen die im September 1920 behandelten Themata auch heute noch im Brennpunkt unseres Interesses und zwar nicht nur des engeren Fachkollegen, sondern jedes wissenschaftlichen Arztes überhaupt. Allen voran die drei Reierate von Suttner- Berlin, S c h m i e d e n - Frankfurt a. M„ Schwarz- Wien über das Ulcus duodeni, seine chirurgische Behandlung, sowie seine röntgeno¬ logischen Symptome, bieten besonders auch durch die ausgiebige Dis¬ kussion und die dadurch bedingte Beleuchtung der Materie von den ver¬ schiedensten Seiten soviel des Wissenswerten und Neuen, dass schon allein um deswillen den Verhandlungen weiteste Verbreitung zu wünschen wäre. Weitere nicht minder aktuelle Referate befassen sich mit der Frage des Diabetes im Krieg, Prof. R i ch t e r- Berlin, der diagnostischen Bedeutung der Lehre von der inneren Sekretion iur die Klinik der Verdauungs- und Stoffwechselkrankheiten, B i e d 1 - Prag, sowie schliesslich der Folgezustände der Ruhr vom diagnostischen und therapeutischen Standpunkt, Strauss - Berlin. Zusammenfassend lässt sich wohl sagen, dass vorliegende Verhandlungen eine Fülle von Anregung und Belehrung jedem zu bieten vermögen, der nicht nur gewohnt ist, oberflächlich in solchen Tagungsberichten zu blättern. A. Jordan - München. W. A. Collier: Einführung in die Variationsstatistik. 72 S. Ber¬ lin 1921. Springer. 33 M. Mehr ein Kompendium als eine „Einführung“. Leider sind die Methoden Fechners, die m. E. nicht weniger gut begründet als die Pearsons, dabei abei erheblich einfacher sind, nicht berücksichtigt. Aus der Besprechung der „Zuverlässigkeitsbestimmungen“ wird der Anfänger kaum entnehmen, dass es sich dabei um Berechnungen des mittleren Fehlers der kleinen Zahl handelt. An mehreren Stellen ist die Ausdrucksweise nicht glücklich, an einzelnen scheint es sich um Missverständnisse des Verf. zu handeln. L e n z - München. F. D e 1 i t a 1 a: GH apparecchi ortopedici. Con 248 Illustrazioni. Bologna (Cap p eil i) 1921. Das Buch bringt eine kurze Beschreibung der üblichen orthopädi¬ schen Apparate. Leider haben die vielen, in Deutschland während des Krieges entstandenen Neukonstruktionen noch keine Berücksichtigung finden können. F. Lange- München. R. Fürstenau, M. Immelmann und J. S c h ü t z e - Berlin: Leitfaden des Röntgenverfahrens für das röntgenologische Hilfspersonal. 4. vermehrte und verbesserte Auflage. 1921, Verlag Enke, Stuttgart. Preis geh. 102 M. Das vor 7 Jahren erstmals erschienene Buch hat sich in seinen rasch folgenden Auflagen den Fortschritten der Technik immer ange¬ passt; es bildet einen vollständigen Lehrgang für Röntgenlaboranten, ist das einzige in seiner Art und erfüllt seinen Zweck ausgezeichnet. Es vermittelt physikalische, technische, anatomische, photographische Kenntnisse und gibt praktische Anleitung für diagnostische und thera¬ peutische Arbeiten, ohne den Lernenden zu verleiten, in das dem Arzt vorbehaltene Gebiet hineinzudringen. G. Schridde und Nägeli: Die hämatologische Technik. Zweite umgearbeitete Auflage. Jena, Gustav Fischer, 1921. Preis 28.60 M. Die zweite Auflage des bewährten Buches sei hier kurz empfohlen. Das Gebiet der physikalisch-chemis'chen Methoden ist beträchtlich er¬ weitert worden. Praktisch weniger wichtige Färbemethoden des Blut¬ ausstrichs sind nicht mehr berücksichtigt, da die panoptische May- Giemsafärbung alle anderen überflügelt hat. Kämmerer - München. Dr. Carl Hochsinger: Gesundheitspflege des Kindes im Eltern¬ hause. 5. Auflage. Franz Deu ticke, Leipzig und Wien, 1921. 270 Seiten. Preis broschiert 32 M. Auch in der neuen, vermehrten und verbesserten Auflage bewährt sich das bekannte Buch als umsichtiger und höchst bestimmter, das will sagen, manchmal reichlich subjektiver Ratgeber in allen Fragen der häuslichen Hygiene des Kindes. G ö 1 1. Zeitschriften - Uebersicht. Zeitschrift für physikalische und diätetische Therapie einschliesslich Balneologie und Klimatologie. 1921. H. 11. August Bier zum 60. Geburtstag gewidmet. Kirchberg: Zu August Biers 60. Geburtstag. A. M a 1 1 w i t z: Die Leibesübungen als Lehr- und Forschungsfach. Jede wissenschaftliche Hochschule in Deutschland muss sich in den nächsten Jahren um eine den örtlichen Verhältnissen angepasste Lösung dieser Frage, um Einrichtung gymnastischer Abteilungen, Vorlesungen über Leibesübungen etc. bemühen, wie es in Berlin, München, Giessen, Leipzig schon begonnen ist. Der praktische Arzt steht diesen Fragen meist noch hilflos gegenüber, ein Zeichen dafür, wie notwendig die praktische und theoretische Ausbildung auf diesem Gebiet während der Studienzeit ist. A. Zimmer: Zur Bäderreaktion. Verf. zieht eine Parallele zwischen der Wirkung der Bäder, wie sie be¬ sonders Schober für Wildbad beschrieb und der Reizkörpertherapie, aus¬ führlich auf die Allgemein- und Nebenwirkungen der letzteren eingehend, wobei er auch die Reaktionen nach Röntgen- und Radiumbestrahlung mit zum Vergleich heranzieht. Die Reizkörpertherapie hat ein weiteres Anwendungs¬ gebiet und ist leichter dosierbar, macht aber die Bäderbehandlung nicht über¬ flüssig, da man nacheinander mit beiden Methoden oft mehr erreicht und durch die Reizkörpertherapie wertvolle Anhaltspunkte für die Reaktionsfähigkeit der Kranken gewinnt, so dass man die Bäder besser dosieren kann. 02 MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT. Nr. 3. 1 K oh 1 r a u s c h - Berlin: Auffällige Beherrschung willkürlicher und Be- ' einflussung unwillkürlicher Muskulatur. „ . ... Beschreibung eines in Kliniken viel gezeigten „Muskelmannes , der will¬ kürlich verschiedene Extremitätenmuskeln. Rumpfmuskeln, die Unke Zwerch¬ fellhälfte kontrahieren kann, einseitige PupiLlenveränderung durch geringe Kon- oder Divergenzbewegungen hervorruft, auch Temperaturdifferenzen der Haut, Aussetzen des Pulses über 5 Sekunden. Goldscheider: Heilgymnastischer Unterricht für körperlich minder¬ wertige Schulkinder. , , Ebenso wie besonderen Unterricht für Minderbegabte brauchen wir 1 urn- unterricht für körperlich Minderwertige. Vorschläge zur Organisation. L. Jacob- Bremen. Archiv für Iflinische Chirurgie. Band 117. 1. Heft. Guleke: Objektives und Subjektives im Krankheitsbild der Arthritis deformans^m Besteher) von iauten Gelenkgeräuschen bei Bewegungen darf nicht ohne weiteres auf Arthritis deformans geschlossen werden. Auch beim Gelenkrheumatismus kommen derartige Geräusche in gleicher Intensität vor. Sie entstehen durch Verschiebung der zottig gewucherten Synovialis, die bei beiden Erkrankungen vorkommt. Trotz dem Fehlen von Gelenkgerauschen kann eine Arthritis deformans vorhanden sein. Die subjektiven Beschwerden zeigen oft grosse Abweichungen vom objektiven Befunde. ü 1 u c k: Ueber Osteoplastik. „ „ ...... ia Vorgetragen auf dem Chirurgenkongress 1921. In dieser Zeitschrift Nr. 1» bereits referiert. Frangenheim: Angeborene Ostitis fibrosa als Ursache einer intra¬ uterinen Unterschenkelfraktur. .. , ... 1S Vorgetragen auf dem Chirurgenkongress 1921. In dieser Zeitschrift Nr. ls bereits referiert. Brüning: Die Bedeutung des Neuroms am zentralen Nervenende für die Entstehung und Heilung trophischer Gewebsschäden nach Nerven¬ verletzung. , , . , ,■ Narbendruck und Neurombildung am zentralen Nervenende sind die hauptsächlichsten Ursachen für trophische Gewebsschädigungen nach Nerven¬ verletzungen. Zur Beseitigung des Reizzustandes wird die Neurolyse resp. Resektion des Neuroms und Nervennaht empfohlen. Bei neuerlicher Neurom¬ bildung Entfernung desselben und Versorgung, des Nervenstumpfes _ in der bei Amputationen üblichen Weise. Versagen diese Verfahren, ist die peri- arterielle Symathektomie nach L e r i c h e und erst nach erfolgloser Er¬ schöpfung aller dieser Massnahmen die Amputation indiziert. Habe rer: Die Bedeutung des Pylorus für das Zustandekommen des postoperativen Jejunalulcus. Vorgetragen auf dem Chirurgenkongress 1921. bereits referiert. In dieser Zeitschrift Nr. 17 Kelling: Ueber die Beziehungen zwischen Pylorusausschaltung und peptischem Jejunalgeschwür und über die Berücksichtigung der Gefäss- versorgung bei Magenoperationen. . Individualisierendes Verfahren empfiehlt sich in der chirurgischen Be¬ handlung des Magengeschwüres. Im allgemeinen ist die Resektion zu bevor¬ zugen. Das Wesentlichste zur Verhütung des peptischen Geschwüres ist in einer sorgfältigen Rücksichtnahme auf eine gute Gefässversorgung des Magen- stumpfes zu erblicken. Bei der Resektionsmethode nach K r ö n 1 e i n werden peptische Geschwüre besonders häufig beobachtet, da bei diesem Verfahren die Jejunalschlinge ungünstig beansprucht wird. In der Nachbehandlung Ist vor allem zur Ernährung Milch zu empfehlen, alle stärker gewürzten und gesalzten, sowie grob-mechanischen Speisen zu verbieten. Keysser: Das Versagen der Röntgentiefenbestrahlung und die Be¬ deutung der biologischen Prophylaxe für eine erhebliche Verbesserung der operativen Behandlung bösartiger Geschwülste. Vorgetragen Chirurgenkongress 1921. Referiert in dieser Zeitschrift Nr. 15. Hinz: Die unmittelbaren und Dauererfolge der Cholezystektomie. Die besten Dauererfolge geben die akuten auf die Gallenblase be¬ schränkten Entzündungen. Nur in 5 Proz. dieser Fälle waren postoperativ noch Beschwerden vorhanden. Ungünstiger sind die Resultate bei den chronischen Gallensteinleiden und noch ungünstiger bei den akuten Gallen¬ blasenentzündungen mit Mitbeteiligung des Choledochus. Bei diesen ergab die Nachuntersuchung in 24 resp. 25 Proz. der Fälle ungünstige Resultate. Die postoperativen Beschwerden sind nur zum geringen Teile in operativ bedingten Adhäsionen und Narbenbildungen zu suchen, sondern zum grössten Teile in Narbenveränderungen, die vor der Operation infolge der langen Dauer des Leidens schon bestanden haben. Frühzeitige Gallensteinoperation ist das einzige Mittel, die Dauererfolge günstiger au gestalten. Klose: Die reine Synechie und der plastische Ersatz des Herzbeutels. I. Chirurgisch-experimenteller Teil. Vorgetragen Chirurgenkongress 1921. Referiert in dieser Zeitschrift Nr. 16. Lorentz: Pseudarthrosen unter besonderer Berücksichtigung der Kriegsbeschädigten. Vorgetragen Chirurgenkongress 1921. Referiert in dieser Zeitschrift Nr. 18. Breitner: Zwerchfellhernien. An Hand 4 selbstbeobachteter Fälle von traumatischen Zwerchfellhernien und der darüber in der Literatur niedergelegten Beobachtungen wird der Ein¬ klemmungsmechanismus, Symptome und Behandlung des Leidens besprochen. Ist das Zwerchfell an einer Stelle derart verletzt, dass ein Prolaps des Magens in den Thorax möglich ist, so tritt dieser unmittelbar nach der Ver¬ letzung ein und bleibt dauernd bestehen. Der Magenprolaps kann ein partieller (L i 1 1 r e sehe Magenhernie) oder ein Totalprolaps sein, letzterer ist stets mit einer Drehung um seine Längsachse verbunden. Diese erste Torsion bedingt an sich noch keine Okklusion. Erst die zweite Drehung um die Vertikalachse des Körpers durch eine gewaltsame Lageveränderung des Magens infolge schwerer körperlicher Anstrengung führt zu völligem Ver¬ schlüsse. Diagnostisch bedeutungsvoll ist vor allem die sorgfältige Be¬ urteilung der Art und Richtung des ehemaligen Traumas — Rekonstruktion der Schussrichtung. Besonders wichtig ist es, an das Vorliegen einer Zwerch¬ fellhernie zu denken. Operative Behandlung unbedingt indiziert. Hohlbaum - Leipzig. Archiv iiir orthopädische und Unfallchirurgie. Band 18. Heft 3 u. 4. Heft 3. E r 1 a c h e r - Graz: Ueber die Endergebnisse der direkten Ver¬ letzungen der grossen Gelenke. . An dem grossen Kriegsverletztenmaterial Spitzys in Wien mit 1539 1 untersuchten Fällen bespricht E. die verschiedenen Verletzungen der einzelnen ■ grossen Gelenke: 12 Proz. aller Amputationen im Anschluss an direkte Ge- I lenkverletzung, davon die Hälfte wegen Knie-, 30 Proz. wegen Fussver- 1 letzung. Fast die Hälfte aller Gelenkverletzungen heilte mit knöcherner Ankylose. lYi Proz. mit Schlottergelenk aus. Am Handgelenk stört an sich ' Ankylose oder Kontraktur, wenn in guter Stellung, nicht allzuviel, jedoch hindert schwer die Aufhebung der Drehung. Ellenbogengelenk: Resektionen hinterlassen schwere Schlottergelenke. Versteifung im Winkel von etwa 90 gibt relativ gute Brauchbarkeit. Schultergelenk: Nach Resektionen und Zer- trümmerungen Schlottergelenke mit schwerer Schädigung der Brauchbarkeit. 1 Sprunggelenk: Versteifung im rechten Winkel erlaubt relativ gutes Gehen. 9 Kniegelenk: Resektion bedingt entweder schweres Schlottergelenk mit un¬ brauchbarem Bein oder Ankylose, die bei Strecksteilung nicht ungünstig ist. | Hüftgelenk: Bei Zertrümmerung oder Resektion Schlottergelenk oder Ankylose.« Bei letzterer bedeutet starke Ab- und Adduktion schlechten Gang. W a g n e r - Magdeburg: Ueber Osteochondritis def. cox. iuv. und coxa vara adol., zugleich ein Beitrag zur Pathogenese dieser Erkrankungen. Erkennt das Trauma als Hauptursache an und glaubt 2 Fälle von Goxa vara adol. als Folgezustände juveniler Osteochondritis ansehen zu sollen. ( M eye r -Göttingen : Das Verhalten der Epiphysenlinie bei der Coxa vara. Die angeborene Coxa vara lässt sich nur mit Vorbehalt auf dem* j Röntgenbild erkennen, wegen Aehnlichkeit mit Rachitis. Die nach kongeni¬ taler Luxation erinnert an die Perthes sehe Krankheit. Die rachitische ist sehr charakteristisch. Die Statica wird als osteomalazischer oder rachitischer Prozess erklärt. W i e d h o p f - Marburg: Erfahrungen mit der Arthrodesenoperation der Schulter zur Behandlung von Schlottergelenken nach Schussverletzungen mit Betrachtungen über den nach der Operation wirksamen Gelenkmechanismus. Die Operation bringt für den durch Zerstörung des Schultergelenkes schwer geschädigten Arm eine wesentliche Verbesserung der Funktion. Aller- | dings sind nicht alle Bewegungen des normalen Schultergelenkes wieder her¬ zustellen: Z. B. die Erhebung des Armes genau nach vorn, die vertikale Erhebung, die Rückwärtserhebung sagittal und die Kreiselung, dagegen ist j die Erhebung seitlich in der Frontalebene' möglich und die Rückwärts¬ bewegung um 10 — 20° auch in der Frontalebene, wenn der Arm bei der i Operation, wie zweckmässig geschehen soll, um 20 0 vor diese gestellt wird, j F i e b a c h - Königsberg: Ein Beitrag zur Kasuistik der traumatischen Kniegelenksluxationen. Ausser den Kreuzbändern und der hinteren Kapsel zerreisst unbedingt das innere Seitenband, das äussere ist weniger gefährdet. Bei der Repo¬ sition bei Luxation nach vorn muss grosse Rücksicht auf die Poplitealgefässe i genommen werden. _ G a u g e 1 e - Zwickau : Ueber isolierte Luxation des Kahnbeins am Fuss nach unten. Von dieser seltenen Verletzung (nur ein Fall von T h i e m) sah G. einen i Fall mit vollständiger Luxation nach innen und unten durch Aufschlagen mit dem rechten Fuss auf einen am Boden stehenden Gerüstbock beim Sturz von 3 m Höhe. Anscheinend indirekte Gewalteinwirkung, indem Pat. mit Vorderfuss aufsprang, wodurch das Kahnbein bei übermässiger Dorsalflexion nach unten herausgesprengt wurde. P f r a n g - Würzburg: Anatomische Beschreibung des Skeletts und der Weichteile eines angeborenen Klumpfusses. Im Original zu lesen. Das Wichtigste ist die mächtige Entwickelung der Peronei und die Schwäche der Achillessehne, ferner die starke Ent¬ wickelung der Fibula als hinterer und lateraler Standknochen zum Stützpunkt des abnormen Fussgewölbes, die Bewegung des Fusses in einem neugebddeten Gelenk zwischen Tibia und Kalkaneus und in dem gegen die Norm erheblich freieren Gelenk zwischen Kuboid und 5. Metatarsus, alles Folgen der funk¬ tioneilen Anpassung. B r i x - Flensburg: Eine seltene Strecksehnenverletzung am Finger. Schnitt mit einem Glas an der Streckseite des Fingers. Die beiden End¬ glieder stehen in Beugestellung, können aktiv nicht gestreckt werden. Werden sie passiv gestreckt, kann Pat. die Strecksteilung halten. Will er dieselben beugen, so schnellen sie in starke Beugestellung. Operation bestätigt An¬ nahme der Spaltung des Streckapparates in der Längsrichtung. Die Hälften waren seitlich am Finger heruntergerutscht und verwachsen. Lösung und Zusammennähung über dem Gelenk bringt volle Heilung. Heft 4. Anton-Halle: Was bedeutet die Ent Wicklungsmechanik von W. Roux für den Arzt? Würdigung der Forscherpersönlichkeit R o u x s anlässlich seines 70. Ge¬ burtstages, als des Schöpfers der Ursachenlehre des Werdens, der Gestalt und Struktur mit Hilfe experimenteller Arbeiten, wobei die Selbstregulierung, die funktionelle Anpassung entdeckt wurde. Die Orthopädie verdankt ihm für ihr Fach vieles, da es sich bei ihr zumeist um die Ausnutzung der funktionellen Anpassungsfähigkeit der Gewebe handelt. W i r t z - Aachen : Periostale Ossifikation. Kommt zu dem Resultat, dass es eine Myositis ossificans traumatica nicht gibt, sondern dass es sich um Abriss und Verlagerung des Periosts handelt, welches einen Kallus bildet. M e y e r - Göttingen: Schein- oder Hiifsbewegungen bei der Radialis- lähmung. Erklärt die Tatsache, dass bei manchen Kriegsverletzten mit Radialis- lähmung eine Streckung der Hand sowie Streckung und Abduktion des Daumens bis zu einem gewissen Grad trotz vollkommener Lähmung der Streckmuskeln möglich ist. Dieselbe hängt ab von der Dehnbarkeit der ge¬ lähmten Sehnen und Muskeln, dem Hebelarm an Hand- und Fingergelenken, der Schwere der Hand, der Kraft der Interossei und einem Geschick des Verletzten, Interossei und lange Fingerbeuger so miteinander in Funktion zu setzen, dass nacheinander End-, Mittel- und Grundphalangen gebeugt werden. Kazda - Wien: Brüche des Fersenbeins. Beschreibung der verschiedenen Formen, Entstehungsart. Symptome, Therapie und Prognose. (Biegungs-, Zertrümmerungs- und Rissbruch und ihre Kombinationen.) Uebersichten: Magnus- Jena: Aus dem Gebiete der allgemeinen Lehre von den Knochenbrüchen und ihrer Behandlung. 20. Januar 1922. MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT. 93 Wiemann-Würzburg: Narkose, örtliche Betäubung. Leitungsanästhesie. M e y b u r g - Plauen: Amputationen und Prothesen. Bettmann - Leipzig: Spezielle Frakturformen. Bettmann - Leipzig: Luxationen. HL B 1 e n c k e - Magdeburg: Orthopädische Verbandtechnik und Appa- ratotherapie. B e 1 1 m a n n - Leipzig: Heilgymnastik und Massage. S c h 1 e e - Braunschweig: Die Fortschritte in der sozialen Fürsorge für die Gliederbehinderten. D e b r u n n e r - Berlin: Bericht über XV. Kongress der D. orthopädi¬ schen Gesellschaft. W a r s t a t - Königsberg: Verstümmelnde und konservative Extremitäten¬ operationen. Wiemann-Würzburg: Ueber die operativen Verfahren zum Ersatz des Daumenverlustes. Hohmann - München. Zentralblatt für Gynäkologie. 1921. Nr. 52. M. Trancu R a i n e r - Bukarest: Ein Fall von Netzlymphangiektasien als Begleiterscheinung eines erweichten Uterusflbroms. Es handelt sich um ein ausgedehntes, nekrotisches, fibröses Myom, dessen Blut- und Lymphgefässe sehr erweitert sind, als Begleiterscheinung chronische Reizung des Netzes und ungewöhnlich starke Netzlymphangiektasien. ^ Einer¬ seits besteht eine starke Blutzufuhr durch die so sehr erweiterten Gefässe, mancherseits Lymphstauung, die sowohl durch die starke Entwickelung des Netzbindegewebes, wie auch durch ein Hindernis im Abfluss der Lymphe begünstigt wird. Durch Exstirpation des Tumors und Resektion des Netzes wurden andere Zirkulationsstörungen verursacht, die sich durch nacheinander an verschiedenen Körperteilen auftretende Oedeme kundgaben. bis zuletzt der normale Zustand wieder hergestellt war. H. H e 1 1 e n d a 1 1 - Düsseldorf: Zur Behandlung entzündlicher Adnex¬ erkrankungen mit Terpentineinspritzungen. Weiterer Bericht über 30 mit Terpichin behandelte Fälle. Die Resultate sind ungünstig. Weitere Versuche anzuraten. Werner- Hamburg. Zeitschrift für Kinderheilkunde. 29. Band. 5. u. 6. Heft. 1921. M. Pfaundler- München: Ueber die Indizes der Körperfülle und über „Unterernährung“. Legt die sehr einleuchtenden Gründe dar, warum die Auswahl speisungs¬ bedürftiger Kinder (Quäkerspeisung) nach Indizes, die vom mathematischen Standpunkt einwandfrei die Körperfülle auszudrucken gestatten, so oft nicht gelingt, ja nicht gelingen kann. In den Fällen, wo die Indexwerte brauch¬ bar sind, lässt sich die Unterfülle einfacher durch Vergleich des tatsächlichen Gewichtes mit dem Längensollgewicht feststellen. Unterfülle beweist aber nicht Unterernährung; es gibt mehrere Typen von „satten Untervollen“, denen also mit vermehrtem Nahrungsangebot nicht zu helfen ist. J. D u k e n und A. Weingartner - Jena: Klinischer und pathologisch- anatomischer Befund bei einem Fall von frühinfantiler, progressiver, spinaler Muskelatrophie (W erdnig-Hoffmann). Stellten in einem angeborenen Fall von W erdnig-Hoffmann neben schweren Zerfallserscheinungen an Glia und Ganglienzellen auch einige Fehl¬ bildungen fest (Heterotopie weisser Substanz, Versprengung von Ganglien¬ zellen), woraus sie auf Resistenzlosigkeit des Nervensystems gegen funktio¬ nelle Inanspruchnahme schliessen. Kurt S c h e e r - Frankfurt a. M.: Ueber die Ursachen der Azidität der Säuglingsfäzes. Stärker säurebildend als die Gram-negative Flora des unteren Dünn- und oberen Dickdarms ist die Gram-positive des unteren Dickdarms (Bifidus); der bakteriellen Säurebildung wirken entgegen neben dem Kalk vor allem die Darmsekrete und die fäulniserregenden Bakterien. Hans E i t e 1 - Charlottenburg: Kongenitale Stenose des oberen Je¬ junums, unter dem Bilde einer Atresie verlaufend (Ventilverschluss). Interessante Kasuistik. Fritz H o f s t a d t - München: Ueber Spät- und Dauerschäden nach Ence¬ phalitis epidemica im Kindesalter. Unterscheidet im klinischen Verlauf der epidemischen Enzephalitis, die er als Krankheit sui generds auffasst, die akute Erkrankung (1. Teil) und die Spätschäden und Endzustände (2. Teil). In beiden Teilen manifestiert sich das Leiden in verschiedenartigen Erscheinungsformen, die Verf. an grossem Material schildert und die hier nur aufgezählt werden können. Im akuten Stadium erwähnt er: 1. Rein enzephalitische Bilder (choreatische, myoklonisch- lethargische, choreatisch-athetotische Unterformen). 2. Unter dem Bilde der Lan dry sehen Paralyse verlaufende, tödlich endende Formen. 3. Menin- gitische. 4. Enzephalitische. 5. Abortive Formen. In dem auf dieses erste Stadium nach kürzerem oder längerem Intervall folgenden 2. Teil ist die häufigste und kennzeichnende Form die Agrypnie, aber auch als chronische Chorea, als amyostatischer Symptomkomplex, als psychische Störungen, viel¬ leicht auch als adiposogenitaler Komplex tritt der Spätschaden nach Enze¬ phalitis in Erscheinung. A. A d a m - Heidelberg: Ueber Darmbakterien. III. Ueber den Einfluss der H-Ionenkonzentration des Nährbodens auf die Entwicklung des Bacillus bifidus. Die Art der Darmflora ist abhängig von der Wasserstoffzahl des Darm¬ inhaltes, diese wiederum vom Angebot säure- oder basenbildender Nahrung und von der Produktion von Neutralisations- und Puffersubstanzen. Walter K a h n - Dortmund: Ueber die Dauer der Darmpassage im Säug¬ lingsalter. Sie schwankt zwischen 4 und 20, beträgt im Mittel 15 Stunden. L. Wacker und F. K. B e c k - München : Untersuchungen über den Fett- und Cholesterinstoffwechsel beim Säugling. Massgebend für die Cholesterinbilanz ist die Fettausscheidung im Stuhl; sie ist um so schlechter, je niedriger die Fettresorption. H. B e u m e r - Königsberg: Ueber den Verlauf intravenöser Zuckerinjek¬ tionen bei Säuglingen. Gesunde und ernährungsgestörte Säuglinge vertragen relativ grosse Mengen intravenös einverleibten Zuckers ohne Schaden; bei einigen Atro¬ phien und Toxikosen konnten sogar geradezu gute Erfolge durch solche In¬ jektionen erzielt werden. Otto J a c o b i - Greifswald : Beitrag zur Frage des ätiologischen Zu¬ sammenhanges zwischen Varizellen und einzelnen Fällen von Herpes zoster. Kasuistik. Gott. Jahrbuch für Kinderheilkunde. Band 96. Heft 1 u. 2. H. Rasor: Ueber den Einfluss des Milchzuckers auf die Dünndarm- peristaitik. (Aus der Heidelberger Kinderklinik.) Röntgenologische Beobachtungen bei Säuglingen unter Verfütterung von Baryum-Milchzucker und Rohrzuckerbrei. Bei M.-Z.-Brei erfolgte der Eintritt in den Dickdarm durchschnittlich um 3 Stunden früher als bei R.-Z.-Brei. Dementsprechend zeigte sich der erste Baryumstuhl bei M.-Z.-Brei in sehr viel kürzerer Zeit als bei R.-Z.-Brei. Die Versuche lassen also vermuten, dass der M.-Z. tatsächlich in spezifischer Weise die Dünndarmbewegungen beschleunigt und somit dem M.-Z. als solchem eine physiologische Reiz¬ wirkung auf die Dünndarmperistaltik zuzuerkennen ist. E. Freudenberg und P. György: Zur Pathogenese der Tetanie. (Aus der Heidelberger Kinderklinik.) Wertvoller Beitrag zum Tetanieproblem, jedoch zu kurzem Referat un¬ geeignet. Hans Opitz: Weiterer Beitrag zur Frage der aktiven Immunisierung gegen Diphtherie beim Menschen. (Aus der Universitätskinderklinik zu Breslau. Dir.: Prof. Dr. S t o 1 1 e.) Die Dosis immunisatoria minima für Diphtherietoxin ist beim Menschen grösser als 1 Ln-Dosis. Fünffach überneutratisierte Toxin-Antitoxingemische, die im Tierversuch weder Toxoid- noch Toxonwirkung erkennen lassen, wirken in gleicher Weise aktiv immunisierend wie reine Toxinlösungen. Daraus folgt, dass nicht ein etwaiger kleiner Toxinüberschuss der immuni¬ sierende Faktor ist, sondern dass in vivo Toxin aus seiner Bindung mit dem Antitoxin wieder frei werden muss. Die Bindung Toxin-Antitoxin ist also reversibel. Erich Krasemann: Zur Theorie der Buttermehlnahrung. Vorläufige Mitteilung. (Aus der Universitäts-Kinderklinik in Rostock. Dir.: Prof. Dr. H. Brüning.) Bei Untersuchungen über die Blutalkaleszenz bei gesunden und kranken Säuglingen nach dem R o h o n y sehen Verfahren konnte Verf. nach Zusatz von Fett zur Nahrung regelmässig eine Verminderung der Blutalkaleszenz feststellen, einige Male wurden sogar azidotische Werte gefunden. Bei Ver¬ abreichung von Buttermehlnahrung blieb die erwartete Herabsetzung der Blutalkaleszenz aus, meistens erfolgte sogar ein geringer Anstieg. Nach Krasemann ist die Ursache hierfür in dem Prozess des „Einbrennens“ zu suchen, wie er durch Verfütterung „gebräunter“ Butter feststellen konnte. O. Zschocke: Ueber die Scheinverkrümmung der unteren Glied¬ massen des Neugeborenen. Eine Verkrümmung der Tibia mit der Konkavität nach einwärts besteht in Wirklichkeit nicht, wie das Skelettpräparat zeigt; sie wird vorgetäuscht durch die im Verhältnis zur Schmalheit der Diaphyse bedeutende Dicke der Gelenkenden, durch die Retroflexion des Tibiakopfes, durch die Auswärts- kreiselung des Unterschenkels bei gleichzeitiger Adduktion und durch den Einfluss der Gesamthaltung des Beines. — Ursache für die dem Fötus und Neugeborenen eigentümliche Haltung der unteren Gliedmassen ist das Be¬ harren in der Urform, Gegeneinanderwendung der Fusssohlen als die eines Klettertieres nach K 1 a a t s c h. Fritz Thoenes: Ueber Muskeluntersuchungen an Neugeborenen mit besonderer Berücksichtigung der kongenitalen Lues. (Aus dem pathol.- auatom. Institut am Stadtkrankenhaus Dresden-Friedrichstadt. Dir.: Geh. Med. -Rat Dr. S c h m o r I.) Da ohne Zusammenfassung zu kurzem Referat nicht geeignet; vergleiche die Originalarbeit. E. Freudenberg und O. Heller: Ueber Darmgärung. Dritte Mit¬ teilung: Der Einfluss verschiedener Zuckerarten, des Fettes sowie der Nahrungskonzentration auf die Gärung. Die Bedeutung der Korrelation Eiweisskalk : Milchzucker für die Darm¬ gärung, die stärkere Gärungsförderung durch Milchzucker gegenüber Rohr¬ zucker, der Einfluss resorptionshemmender Massnahmen (Brennen des Rohr¬ zuckers) lassen sich sehr sinnfällig durch fortlaufende Bestimmungen der PH-Werte im Stuhl zur Anschauung bringen. — Störung der Fettspaltung und Fettresorption führt zur Degeneration der Bruststuhlflora bei Brusternährung. Ebenso wird diese geschädigt, wenn die Frauenmilch vor der Aufnahme der Lipolyse unterworfen wird bei gleichzeitiger Einengung. Die Konzentration des Nahrungsgemisches hat keinen Einfluss auf die Gärung. Josef Langer- Prag: Bromoderma congenitum. Kasuistischer Beitrag dieser seltenen Hauterkrankung. Josef Langer: Ueber symptomatische Paralysis agitans bei Kindern nach Encephalitis epidemica. (Aus der deutschen Universitäts-Kinderklinik im deutschen Kinderspitale in Prag.) Kasuistische Mitteilung dreier Fälle von Paralysis agitans im Anschluss an „Grippe“. Da pathologisch-anatomische Befunde über die betreffenden Fälle nicht vorliegen, dürften nach Analogie ähnlicher Fälle Gefässalteration, Blutungen, Untergang von Nervengewebe und Verkalkungen wohl die Faktoren sein, die bei dem vorliegenden Krankheitsbild bestimmend mitwirken. Erwin Freundlich: Zur Kenntnis der Gallensteinbildung im frühen Kindesalter. (Aus dem patholog. Institut der Universität Berlin. Dir.: Geh. Med.-Rat Prof. Dr. Lu bar sch.) Kasuistische Mitteilung. Albrecht Peiper: Die Minderwertigkeit der Kinder alter Eltern. (Aus der Universitäts-Kinderklinik in Berlin.) Lesenswerte Arbeit, welche erkennen lässt, dass mit zunehmendem Geburtsalter der Eltern die Minderwertigkeit der Kinder im Verhältnis stark zunimmt. Ohne weitgehende rassenhygienische Forderungen auf Grund der gefundenen Tatsachen aufzustellen, redet Verf. doch mit Ploetz der „Frühehe“ (besonders beim Manne) das Wort. Erwin Thomas: Ueber einige Wirkungen der Soorbestandteile. (Aus der Kinderklinik der Universität Köln [Lindenburg]. Leiter: Geh. Rat Prof. Dr. S i e g e r t.) Zu kurzem Referat nicht geeignet. Literaturbericht, zusammengestellt von R. Hamburger- Berlin. Buchbesprechungen. 0. Rommel- München. Deutsche Zeitschrift für Nervenheilkunde. 72. Band. 5. — 6. Heft. F. E d e 1 m a n n - Dresden: Ein Beitrag zur Vergiftung mit gasförmiger Blausäure, insbesondere zu den dabei auftretenden Gehirnveränderungen. Bei der Sektion eines an subakuter Blausäurevergiftung zugrunde ge¬ gangenen Mannes fanden sich im Gehirn ausgedehnte Blutungen und Er¬ weichungsherde im Bereich der Linsenkerne. Durch die histologische Unter¬ suchung Hess sich feststellen, dass diese zum grossen Teil im unmittelbaren 94 MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT. Nr. 3. Zusammenhang mit Blutgefässen standen, deren Wandungen stark geschädigt waren. Auch Thrombenbildung war in ihnen zu beobachten. Sonst war das Gehirn, ausser einer allgemeinen akuten Ganglienzellenerkrankung, nicht be¬ troffen. ... 1.1 L. B c li ed e k - Klausenburg: Auftreten von Sklerodermie im Anschluss an psychogene funktionelle Störungen. Ein einschlägiger Fall. P. Schröder - Greifswald: Encephalitis epidemica und Wilson sches Krankheitsbild. „ , .... , 3 Fälle, bei denen sich nach vorausgegangener Encephalitis lethargica und einem 5— 7 monatigen, völlig beschwerdefreien Intervall das Bild einer Pseudosklerose herausbildete. In einem 4. Fall ging die hyperkinetische Form der Enzephalitis voraus, dann folgte eine Apoplexie und erst spater zeigte sich das Wilson sehe Syndrom, aber ohne Augensymptome. Milz und Lebererscheinungen. Skopolamin wirkte in allen Fallen prompt in der Dosis von 2 mg pr. d. W. P a r r i s i u s - Tübingen: Kapillarstudien bei Vasoneurosen. Auf Grund ausgedehnter kapillarmikroskopischer Beobachtungen bei Vasoneurotikern wird die innere Verwandtschaft der ausserordentlich zahl¬ reichen, auf konstitutioneller Grundlage entstehenden Gefässneurosen darge¬ legt Die alte Einteilung in vasokonstriktorische und vasodilatatonsche Neurosen wird verlassen. Es zeigt sich, dass ähnlich wie am Verdauungs- traktus rein spastische und rein atonische Zustände doch nur ausnahmsweise verkommen, dass vielmehr bei einem und demselben Kranken nicht nur zu verschiedenen Zeiten, sondern zugleich sowohl spastische wie atonische Phänomene beobachtet werden. Die Gefässneurose erscheint somit unter dem allgemeinen Gesichtspunkte einer Disharmonie zwischen sympathischen und autonomen Einflüssen. Morphologisch lässt sich der Uebergang von leicht spastisch-atonischen Kapillarveränderungen bis zu den schwersten ZirkulaFons- störungen mit lokalem Gewebstod oder bis zur Anhäufung grosserer Blut¬ massen im venösen Anteil des üefässsystems verfolgen. Das Krankheits¬ bild der bekannten klagereichen Patientin wird durch die vorliegenden Be- obachtungen aus einem rein funktionellen zu einem organischen. Wer die zahlreichen Hautkapillaraneurysmen dieser Patienten sieht, wird verstehen, dass sie ernstliche Beschwerden hervorzurufen imstande sind. Durch das häufige Zusammenfallen dieser vasoneurotischen Konstitution mit Geschwürs¬ bildungen im Magendarmkanal und am Unterschenkel wird die Frage ange¬ schnitten, ob diese Defekte nicht in ähnlicher Weise erklärt werden können wie die Raynaud sehe Gangrän. A B i n g e 1 - Braunschweig: Intralumbale Lufteinblasung zur Höhen¬ diagnose intradnraler. extramedullärer Prozesse und zur Differentlaldiaguose gegenüber intramedullären Prozessen. „ln 2 Fällen von intraduralen extramedullären Rückenmarksprozessen löste "die Einblasung von Luft in den Lumbalsack Schmerzen aus, die einen Schluss auf den Höhensitz zuliessen. In einem Falle von völligem Abschluss des Duralsackes Hess sich der Rauminhalt des Duralsackes von der Höhe der Kanülenmündung bis zum Abschluss exakt bestimmen, es konnte daraus ein Schluss auf die Höhe des unteren Abschlusses gezogen werden. In 2 Fällen von intramedullären Prozessen löste der Durchtritt der Luft durch den Duralsack keinerlei Empfindungen aus, dagegen traten Kopfschmerzen auf, als Zeichen dafür, dass die Luft in das Gehirn eingedrungen war.“ Penner- Augsburg. Archiv für experimentelle Pathologie und Pharmakologie. 91. Band. 3., 4. u. 5. Heft. J. Schüller und F. A t h m e r - Leipzig: Ueber den Antagonismus der Lokalanästhetika gegenüber Veratrineffekt am Muskel. Der Veratrineffekt am quergestreiften Muskel lässt sich durch die ver¬ schiedensten Lokalanästhetika aufheben, ohne dass man bisher entscheiden kann, wo die Anästhetika angreifen und ob die Verkürzung tonisch oder tetanisch ist. .... Cor i- Wien: Untersuchungen über die Ursachen der Unterschiede in der Herznervenerregbarkeit bei Fröschen zu verschiedenen Jahreszeiten. Ein Beitrag zur Frage des peripheren Antagonismus von Vagus und Sympathikus und zur Beeinflussung der Herznerven durch Schilddrüsensubstanzen. Verf. konnte einen peripheren Regulationsmechanismus zwischen Vagus und Sympathikus nachweisen derart, dass wie im Zentralnervensystem eine Steigerung der Erregbarkeit des einen Systems die Erregbarkeit des anderen herabsetzt und umgekehrt. Die in der wärmeren Jahreszeit beim Frosch fehlende Vaguswirkung bzw. die verstärkte Tendenz des Herzens auf den Sympathikusreiz anzusprechen, hängt mit der Funktion der Schilddrüse zu¬ sammen, vielleicht in der Weise, dass die im Winterschlaf eingetretene Involution der Schilddrüse sich wieder ausgleicht und die normale Funktions¬ höhe wieder erreicht wird. Die Schilddrüsensubstanzen wirken auf die sym¬ pathischen Nervenendigungen des Froschherzens erregbarkeitssteigernd. J o a c h i m o g 1 u - Berlin: Weitere Erfahrungen über Digitalis. Digitalistinktur zeigte nach einjähriger kühler Aufbewahrung keine Ab¬ nahme ihrer Wirksamkeit. Die Auswertung der Digitalispräparate am Frosch ergab im Hochsommer wegen der veränderten Reaktion der Tiere zu geringe Werte. Ausser den Herzglykosiden fanden sich keine für Frösche giftige Substanzen in den Digitalispräparaten. F. Re ach- Wien: Weitere Untersuchungen über den Choledochus- Sphinkter. In früheren Versuchen hatte Verf. gezeigt, dass der Choledochus-Sphinkter bei Magenfullung sich schliesst, bei Magenentleerung sich öffnet. Er fand das gleiche Verhalten beim Meerschweinchen nach der Dekapitation, also nach Ausschaltung des Gehirns. H. R h o d e - Göttingen: Untersuchungen über lokalanästhetische Wirk¬ samkeit bei Antipyretizis, Opiumalkaloiden und Salzen. W. Nonnenbruch - Wurzburg: Untersuchungen über die Blutkonzen¬ tration. 1. Mitteilung: Intravenöse Salzwassereinläuie mit und ohne Gummi- (Gelatine-)-Zusatz. Tierversuche zeigten, dass die gewöhnlich benützte 6 proz. Gummi- arabicum-Ringerlösung (Baylisslösung) keinen besonderen Vorteil zur Auffüllung des Gefässsystems vor der gewöhnlichen Ringerlösung hat, da die injizierten Kolloide selbst bald in die Gewebe gehen und damit ihr wasser¬ bindender Einfluss im Blut wegfällt. Nach der Entnierung erfolgte bei Ka¬ ninchen ein starker Einstrom von Wasser, Kochsalz und Eiweiss in die Ge- fässbahn, eine hydrämische Plethora. Vielleicht ist auch die Anämie bei chronischer Nephritis teilweise auf eine solche zurückzuführen. Rosenthal und M e i e r - Breslau: Ueber den Reaktionstypus des Gallenfarbstoffs und über die quantitativen Verhältnisse von Bilirubin und Cholesterin im Blut bei verschiedenen Itkerusformen. ,. Beim Ikterus der Neugeborenen ist das Cholesterin nicht vermehrt, die direkte Diazoreaktion stark verzögert, ähnliches Verhalten fanden die Ver¬ fasser bei der Phenylhydrazinanämie des Hundes. Ikterus nach loluylen- diamin und Phosphorvergiftung zeigte dagegen beim Hunde den lypus cholämischer Blutbeschaffenheit mit Cholesterinvermehrung und direkter posi¬ tiver Diazoreaktion. H. Freund -Heidelberg: Studien zur unspezifischen Reiztherapie. Verf. hatte in früheren Untersuchungen gezeigt, dass im Blut ausserhalb der üefässbahn wirksame Substanzen durch Zellzerfall (beim denbrinierten Blut hauptsächlich durch Blutplättchenzerfall) entstehen, die ähnliche Wir¬ kungen entfalten, wie man sie bei den Proteinkörperinjektionen sieht. F„r fand nun, dass diese wirksamen Substanzen extrahierbar sind. Beim nor¬ malen Kaninchen und Menschen fehlen sie im Frischblutextrakt, jedoch ge¬ lingt der Nachweis dieser hormonartigen Stoffe („Zellzerfallshormone ) bei unspezifischer Reiztherapie. Stoffe von ähnlicher Wirkung entstehen auch bei der Organfunktion, wie Versuche am tätigen, isolierten Froschherzen zeigten. O. Hess-Köln: Die Wirkung intraarterieller Adrenalininjektion auf den arteriellen und venösen Blutdruck beim Menschen. Nach intraarterieller Injektion des Adrenalins (in die Art. radial, oder cubital ) war die Blutdrucksteigerung wesentlich geringer als nach intra¬ venöser oder subkutaner, auch die typischen Veränderungen der Leukozyten¬ kurve waren nicht deutlich oder fehlten. Man muss also bei Untersuchungen des Adrenalingehaltes des Blutes beim Menschen arterielles Blut benützen. N o t h m a n n - Breslau: Die galvanische Erregbarkeit des menschlichen Skelettmuskels nach intravenöser Zufuhr hochkonzentrierter Kalziumlösungen. Es war nach Injektion von 25 ccm 10 proz. CaCte-Lösung beim Cie- sunden eine starke Herabsetzung der elektrischen Erregbarkeit nachzuweisen, die nach 15 — 20 Minuten am stärksten ist und einige Stunden anzuhalten sc]iejnt L. Jacob- Bremen. Zeitschrift für Hygiene und Infektionskrankheiten. 1921. 94. Band. 2. und 3. Heft. Bruno L a n g e - Berlin: Untersuchungen über Superinfektion. Wenige Tage nach der ersten Infektion eines Tieres tritt vielfach bere.ts ein Schutz gegen eine nachfolgende Superinfektion auf. Das ist aber nicht bei allen Infektionen in gleichem Masse der Fall. Bei der Hühnercholera der Meerschweinchen scheint er nur schwach vorhanden zu se:n, er war auch gering bei Mäusetyphus und Gärtnerinfektion. Ein hoher Impfschutz zeigte sich aber bei Streptokokken- und Pneumokokkeninfektion der Ka¬ ninchen. In den Fällen, wo der Schutz nicht vorhanden ist, sind die Be¬ dingungen gegeben, um die Zustände einer chronischen, latenten oder rezidi¬ vierenden Infektion entstehen zu lassen. H. M u n t e r - Berlin: Ueber Abspaltung bakteriolytischer und hämo¬ lytischer Ambozeptoren. Wieder freigewordene Bakteriolysine Hessen sich im Tierexperiment und auch in vitro nachweisen, ebenso gelang die Feststellung abgespaltener hämo¬ lytischer Ambozeptoren. Die Anwesenheit frischer, unbeladener Blutkörper¬ chen ist dabei nicht unbedingt erforderlich. J. Morgenroth und L. A b r a h a m - Berlin: Depressionsimmunität bei intravenöser Superinfektion mit Streptokokken. Nach einer Anzahl von Versuchen kommen die Verfasser zu folgenden Schlussfolgerungen: 1. Nach subkutaner, intraperitonealer und intravenöser, chronisch verlaufender Vorinfektion mit Streptokokken tritt bei Mäusen innerhalb 1—3 Tagen eine Immunität gegen die akut verlaufende intravenöse Nachinfektion mit Streptokokken ein. 2. Diese Immunität (Depressions¬ immunität) führt zu einer mehr oder weniger ausgeprägten Verzögerung oder auch zum Ausbleiben des Todes. Selma M e y e r - Düsseldorf : Ein experimenteller Beitrag zur Frage der Pathogenität klinisch virulenter und klinisch avirulenter Diphtherlebazillen. In 29 schweren und leichten Diphtheriefällen und auch von Bazillenträgern wurden Tierexperimente angestellt. In den schweren Fällen stimmten die Tierversuche mit der hohen Pathogenität, die sich beim Menschen gezeigt hatte, uberein. Leichtere Erkrankugnen lieferten nicht immer Bazillen mit gleicher Virulenz, vielfach waren letztere hochvirulent. Die Erreger, die man aus Bazillenträgern oder Rekonvaleszenten isolierte, waren durchschnittlich sehr pathogen, so dass für die Praxis diese Kranken etwa noch 8 Wochen lang als Infektionsquellen angesehen werden müssen. Willführ und W e n d 1 1 a n d t - Berlin: Ueber Massenerkrankuugen durch Ratinkulturen. In einer brandenburgischen Schul- und Fürsorgeerziehungsanstalt er¬ krankten 95 Insassen mit Fieber, Erbrechen und Durchfall, nach Art einer Para¬ typhusinfektion. Trotz mehrerer ernsteren Erkrankungen ist glücklicherweise Niemand gestorben, wenn auch die Rekonvaleszenz länger dauerte. Die Infektion ist zurückzuführen auf Reinkulturen von Ratinbazillen, die aus der dortigen’ Apotheke entnommen waren und in der Anstaltsküche zu Ködern für die Ratten verarbeitet worden sind. Auf diese Weise gelangten die Bakterien in die für die Mahlzeit zugerichtete Hauptspeise. Von 69 Serum¬ proben der Erkrankten agglutinierten 84 Proz. mit dem homologen Ratin¬ bazillenstamm. Mit verwandten Stämmen war die Agglutination viel schwächer. Es war also damit die Infektion, mit dem Ratinbazillenstamm erwiesen. Diese Fälle mahnen zur Vorsicht, weil immer noch angenommen wird, dass die Rattenvertilgungsbakterien nicht menschenpathogen wären. A. Luger, E. Landa und E. Silberstein - Wien: Das Krankheits¬ bild der experimentellen herpetischen Allgemeininfektion des Kaninchens. Bei 13 Kaninchen, welche mit dem Inhalt der Bläschen von Herpes f e b r i 1 i s auf die Kornea geimpft worden waren, entwickelte sich die charak¬ teristische Keratitis und es starben an der Infektion 7 Tiere. Die Inkubations¬ zeit dauerte im Mittel 7 — 14 Tage. Währenddessen zeigte sich Unruhe, Erreg¬ barkeit, Zittern und Fieber bis 38 °. Die Allgemeinerscheinungen dauerten 1 — 5 Tage, dann trat der Tod ein. Eine Infektion mit Gehirn-Rückenmarks¬ emulsion von verstorbenen Tieren gelang sowohl bei intravenöser wie sub¬ duraler Einverleibung Bei der Allgemeinerkrankung konnte eine protrahierte Attacke und ein paroxysmaler Anfall unterschieden werden, obwohl auch alle Uebergänge zu sehen waren. Mit dem Blut, Gehirn und Milzpulpa ver¬ storbener Tiere liess sich eine herpetische Impfkeratitis an der Kornea hervor- rufen. 20. Januar 1922. MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT. 95 A. I.ug er und E. La n da- Wien: Ein Beitrag zur Frage der Ueber- tragbarkeit des Herpes zoster auf das Kanineben. Im Gegensatz zum Herpes febrilis führte die Ueberiinpiung von Biäscheninhalt des Herpes zoster auf der Kornea des Kaninchens zu keiner charakteristischen makroskopischen Reaktion. Die Kornea wird auch nicht immun gegen eine neuerliche Impfung mit Herpes febrilis. Auch eine Allgemeininfektion konnte nach der Impfung mit Herpes zoster nicht erzielt werden, ganz gleichgültig, ob mit Bläscheninhalt oder Lumbalflüssigkeit oder Serum geimpft wurde. Die Zosterkörperchen von L i p s c h ii t z konnten nur in den Zosterbläschen 'der Haut nachgewiesen werden. Fritz S i e k e - Frankfurt a. M.: Phenolbildung durch Bakterien. Unter den bei Gesunden und Kranken häufig auftretenden Kolibakterien fanden sich zwei anscheinend voneinander verschiedene Stäbchen, die Phenol bilden. Später zeigte sich auch die Phenolbildung bei Hühner¬ cholera und bei Ozaena. Die phenolbildenden Kolistämme sind B a c t. coli phenologenes und Bact. paracoliphenologenes genannt worden. Um solche phenolbildende Kolistämme leichter zu gewinnen, wurden Nährboden mit Tyrosinzusatz hergestellt, aus denen die Bakterien das Phenol abspalten. Bei der Agglutinationsprüfung ergab sich, dass das Coli phenologenes-Serum nur den homologen Stamm agglutinierte und einen Teil der anderen Coli phenologenes-Stämme. Hans Reiter und Hermann Osthoff - Rostock: Die Bedeutung endo¬ gener und exogener Faktoren bei Kindern der Hilfsschule. Die Verfasser haben 400 Kinder einer Rostocker Hilfsschule untersucht auf die Einflüsse für die Entstehung des jugendlichen Schwach¬ sinns. Sie sind dabei zu dem Ergebnis gekommen, dass der Vererbung der grösste Einfluss zuzuschreiben ist. Bei weitem weniger kommen in Frage Geburtstraumen, konstitutionelle und andere Erkrankungen; auch für Tuber¬ kulose und Syphilis finden sich keine besonderen Anhaltspunkte. Das Milieu spielt vielleicht zwar eine Rolle, aber ein entscheidender Einfluss konnte nicht machgewiesen werden. In Bezug auf die wirksame Verhütung des Schwach¬ sinns sprechen sich die Verfasser sehr pessimistisch aus. Die Besserung der sozialen Verhältnisse und die Bekämpfung der verschiedenen Krankheiten dürften kaum eine wirksame Prophylaxe gegen den angeborenen. Schwach¬ sinn sein. P. Schmidt und H. Hoppe-Halle: Weitere experimentelle Studien zur Anaphylaxiefrage. Im Anschluss an seine früheren Untersuchungen, hat Schmidt neue Versuche mit einem nach Kl ostermann völlig eiweissfrei gemachtem Agar angestellt und fast regelmässig tödliche anaphylaktische Schocks aus- lösen können, bei Anwendung inaktiver Sera blieb dagegen jede Wirkung aus. Berkefeldfiltration macht das Agaranaphylatoxin wirkungslos, es ist also wahr¬ scheinlich nicht völlig gelöst. Die Wirkung lässt sich am wahrscheinlichsten so erklären, dass ein Gefässspasmus eintritt infolge der von den Endothelien adsorbierten Agaranaphylatoxinteilchen. Der Tod im anaphylaktischen Schock ist ein ausgesprochener Erstickungstod, kein Herztod. K 1 o s t e r m a n n - Halle: Ueber eiweissfreien Agar-Agar. Dem Verf. gelang es nach dem modifizierten Verfahren von M a y r - h o f e r, der die Stärke eiweissfrei machte, auch den Agar von Eiweiss zu befreien. Solcher Agar gibt keine Ninhydrin-, B'iuret- und Xanthoprotein¬ reaktion mehr, auch nicht die Reaktion nach Lassaign e. Eduard R e i c h e n o w - Hamburg: Untersuchungen über das Verhalten von Trypanosoma gambiense im menschlichen Körper. Nachdem in der sehr ausführlichen Arbeit eine grosse Zahl interessanter Einzelbeobachtungen, die leider hier nicht Platz finden können, beschrieben sind, werden auch Angaben über die Beziehungen von Trypanosoma gambiense und Spirochaeta pallida zum Zentralnervensystem gemacht und dabei die Uebereinstimmung zwischen beiden Parasiten betont, die darin liegt, dass sie im Laufe der ersten Krankheitsmonate die Zerebro¬ spinalflüssigkeit befallen. Da beim Vorhandensein der Spirochäten im Liquor keine Erscheinungen von seiten des Zentralnervensystems aufzutreten brauchen, was auch bei der Schlafkrankheit der Fall ist, so haben wir es in beiden Fällen mit einem Latenzstadium zu tun, aus dem im einen Falle die schweren Symptome der Schlafkrankheit, im anderen Falle Tabes oder Paralyse hervorgehen können. Die Unterschiede in beiden Infektionen be¬ stehen darin, dass bei der Zerebrospinalsyphilis das latente Stadium die Regel ist, bei der Schlafkrankheit aber die Latenz seltener eintritt, ausserdem ist die Latenzperiode bei der Syphilis viel länger. Fr. B a u m g ä r t e 1 - Giessen: Untersuchungen über gattungsspezifische Partialfunktionen des Typhusimmunkörpers und ihren Einfluss auf die Biologie der Paratyphusbazillen. Masaaki K o i k e - Berlin: Die Lebensdauer der Schildkröten- und Trompetenbazillen im Meerschweinchen und ihr kulturelles und biologisches Verhalten bei Tierpassagen. Im Gegensatz zu den vielbesprochenen Beobachtungen Kollos, Schloss bergers u. a., wonach Kaltblutertuberkelbazillen im Organismus des Tieres durch Passagen die Pathogenität von echten Tuberkelbazillen er¬ reichen könnten, hat der Verf. durch seine Versuche festgestellt, dass dies weder bei den Friedmannschen Schildkrötenstämmen noch mit sog. Trompetenbazillen der Fall ist. Interessenten dieser Frage werden schon wegen der verschiedenen Resultate zwischen den Forschern nicht umhin können, die belangreiche Arbeit genau zu studieren. Sie bietet ein reiches Material. G. S c h r ö d e r - Schömberg: Bemerkungen zu der Arbeit von B. Lang e: Weitere Untersuchungen über einige den Tuberkulosebazillen ver¬ wandte säurefeste Saprophyten. Band 93, Heft 1. 1921. Bruno L a n g e - Berlin: Erwiderung auf vorstehende Bemerkungen Schröders. R. O. Neumann - Bonn. Deutsche medizinische Wochenschrift. 1921. Nr. 50. F. Kraus und S. G. Z o n d e k - Berlin : Zur Lehre vom Aktionsstrom. Zu kurzem Bericht nicht geeignet. A. H o f f ni a u n - Düsseldorf: Ueber Herzschmerzen. Der Herzmuskel selber scheint unempfindlich zu sein im Gegensatz zum Perikard. Echte Herzschmerzen finden sich, soweit sie nicht psycho- neurotischer Natur sind, in der Hauptsache bei Lues der Aorta und Arterio¬ sklerose der Kranzarterien. Sonst können sie vorgetäuscht sein durch Er¬ krankungen der Thoraxwand (Interkostalneuralgie, Erkrankungen der Rippen und des Rippenfells) oder des Mediastinums (Drüsenschwellungen, Senkungs¬ abszesse) oder veranlasst sein durch Hochdrängung des Zwerchfelles infolge irgendwelcher Veränderungen der benachbarten Bauchorgane. V. Schilling- Berlin: Ein „Hämatologisches Besteck fiir die Praxis“ mit einigen Neuerungen für einfache Blutuntersuchung. Beschreibung des Bestecks und der erforderlichen Technik; statt der Thoma-Zeiss sehen Zählkammer wird die von B ü r k e r empfohlen. Beigegeben ist ein „Zählfenster“ für Blutplättchenzählung nach F o n i o. J. Bauer- Wien: Die hämoklastische Krise. Der nach Einverleibung von 200 — 300 g Milch im nüchternen Zustande im Laufe von 20 Minuten bis \XA Stunden zu beobachtende Leukozytensturz gibt einen wichtigen Anhalt für eine Insuffizienz der Lebertätigkeit oder einer Teilfunktion der Leber; sein Fehlen ist jedoch kein Beweis gegen eine Leb :r- ir.suffizienz. S. G. Z o n d e k - Berlin: Untersuchungen über das Wesen der Vagus- iind Sympathikuswirkung. Vortrag, gehalten am 24. X. 1921 im Ver. f. Inn. Med. u. Kindhlk. in Berlin (Bericht in Nr. 44 der M.m.W.). W. S c h o 1 1 z und C. R i c h t e r - Königsberg: Ueber die Wirkung intra¬ venöser Traubenzuckerinjektionen auf die Haut und ihre Erkrankungen. Intravenöse Traubenzuckerinjektionen, 16 — 30 ccm einer 50proz. Lösung (— S — 15 g), bewirken einen Flüssigkeitsstrom von den Geweben nach den Blutgefässen, sowie eine Leistungssteigerung in den Körperzellen. Sie sind empfehlenswert bei Pemphigus, ferner bei frischen Ekzemen und Dermatitiden (auch Salvarsan- und Hg-Exantheme), welche der lokalen Behandlung trotzen, auch bei Ekzemen, welche starke Neigung zur Ausbreitung haben. Steinberg - Königsberg: Ueber die Erhöhung der spirilloziden Wirkung des Salvarsans in Verbindung mit Traubenzucker. Die Kombination des Salvarsans mit Traubenzucker zur intravenösen Injektion erzielt eine nahezu doppelt so starke Wirkung auf Spirochäten, als Salvarsan allein. E. W. T a sc he n be rg - München: Zur stomachalen Kampfertheraoie. Camphochol, ein neues Kampferpräparat. 3 — 5 mal täglich eine Camphocholtablette (1 Tablette = 0,028 Kampfer) wurden bei Herzinsuffizienzen, bei Angina pectoris und bei Infektionskrank¬ heiten, Pneumonien, Sepsis, Erysipel und hochfiebernden Lungentuberkulosen gegeben. Die Wirkung war im allgemeinen günstig, wobei einstweilen dahin¬ gestellt bleiben muss, wieweit sie das Herz selber oder das Hirn samt Vaso¬ motorenzentrum betrifft. Rasch beseitigt wurde die Digitalisbradykardie. P. B o r i n s k i - Berlin: Gesundheitsschädliche Stempelfarben. Zwei neue Fälle von Säuglingsvergiftung durch anilinhaltdge Wäsche¬ stempelfarbe lässt die Vermeidung derartiger Farben für Säuglingswäsche notwendig erscheinen. H. R o g g e - Lübeck: Das Kochsalz in der Wundbehandlung. Hochprozentige Kochsalzlösungen wirken zwar keimwidrig, aber auch stark reizend. Sie sind daher nicht zweckmässig bei frischen, bereits infizierten, noch nicht granulierenden Wunden, bei älteren Wunden mit ver¬ letzter Granulationsdecke und Neigung zu lokaler oder allgemeiner Infekt'on, bei trophischen und varikösen Geschwüren sowie bei septischen oder pyämischen Wunden. Für gewöhnlich genügen 0,5 — 2 proz. Lösungen. A. L i s s a u e r - Münsterberg: Eine Aenderung des Perkussionshammers. Verlängerung des Stieles auf 30 — 35 cm; Erörterung der daraus ab¬ geleiteten Vorteile. O. S t r a u s s - Berlin : Ueber postoperative Bestrahlung des Karzinoms. Verf. bekennt sich als Anhänger der prophylaktischen Nachbestrahlung, die möglichst bald nach der Operation beginnen, "U der Hauteinheitsdosis nicht überschreiten und nach der 6. Sitzung für Vi Jahr ausgesetzt werden sollte. G. L e d d e r h o s e - München: Chirurgische Ratschläge für den Prak¬ tiker. Baum- Augsburg. Medizinische Klinik. Heft 52. A. Bum: Die Mobilisierung in der Extremitätschirurgie. In der mobilisierenden und immobilisierenden Behandlung der Extremi¬ tätenverletzungen ist eine sorgfältige Individualisierung Erfordernis; es gibt keine Universalmethode. Nicht ohne Bedeutung ist auch hier die kritische Verwertung der Radiologie, da anatomische und funktionelle Heilung nicht immer zusammenfallen. F. Reiche: Zur Behandlung des Keuchhustens nach V i o I i. Die Behandlung des Keuchhustens mit dem Serum vakzinierter Kälber hatte in der Untersuchungsreihe des Verfassers keinen Einfluss auf die Zahl und Schwere der Anfälle oder auf den Ablauf der gesamten Erkrankung. Nacke: Seltener Schwangerschafts- und Geburtsverlauf bei im kleinen Becken festgewachsenem Uterus myomatosus. 5/4 Monate vor der (3 Wochen vor Schwangerschaftsablauf) einge- leiteten Frühgeburt Laparotomie und Reposition des Uterus durch manuelle Lösung der Verwachsungen. Später verlief die Wendung auf den Fuss und die Geburt ohne wesentliche Störung. Mutter und Kind am Leben. Tumor macht jetzt kaum Beschwerden. F. Po r des: Methodenwahl in der Röntgendiagnostik. Die unzweck¬ mässigen und die zweckdienlichen Wege. Ausführliche Erläuterung zu dem aufgeführten Schema und für die Zu¬ sammenfassung des' gewonnenen Befundes. Die beherzigenswerte Arbeit ver¬ dient ausgedehnte Berücksichtigung. L. Strauss: Ueber vergleichende quantitative Fermentuntersuchungen im Duodenalsaft und den Fäzes, zugleich eine Kritik der Fermentuntersuchungs- methoden im Stuhl. Kritische Bemerkungen und Vorschriften für die Untersuchung auf Trypsin, Diastase und Lipase. E. Runge: Geburtshilfe der Unfallstation. S. Schweizerische medizinische Wochenschrift. 1921. Nr. 49. E. B o s c h - Zürich : Beitrag zur Kasuistik der zentralen Hüftgelenks- luxation. Verf. beschreibt 13 Fälle des seltenen Krankheitsbildes, die fast alle später nachuntersucht werden konnten. H. Brun-Luzern: Bemerkungen zu der Publikation von Dr. R. Gla¬ ser: „Die Gallensteinkrankheit und die Kolloidschutzlehre von L i c h t w i t z — Cholsanin“. Es ist bisher kein Beweis geliefert, dass Cholsanin Gallensteine auflöst. Einen der Fälle G läse r s, bei dem auf Grund der Röntgenuntersuchung MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT. Nr. 3. Heilung angenommen war. hat Verf. später wegen sehr zahlreicher ■ Steine operieren lassen. Gallensteine sind auf der Röntgenplatte leichter darzustellen, wenn man das Kolon vom Anus her aufbläht, so dass der rechte obere Quadrant der Bauchhöhle aufgehellt wird. J. S t r e b e 1 - Luzern: Phonometrische Ermüdungsmessungen. Zu kurzem Referat nicht geeignet. de Reynier - Leysin: Nouveau releveur de 1 eplglotte. J L. Jacob - Bremen. Oesterrelchische Literatur. Wiener klinische Wochenschrift. Nr. 51, 1921. B. L i p s c h ü t z - Wien: Zur Frage der experimentellen Erzeugung der Teerkarzinome. , In Bestätigung der Untersuchungen anderer konnte L. durch leerpinse- lungen bei Mäusen (45 Proz.) Neoplasmen erzielen, welche die Struktur teils von Karzinomen, teils von Sarkomen aufwiesen und sich in einzelnen Fällen subkutan auf gesunde Tiere transplantieren bessern Ausserdem traten ungewöhnlich geformte Pigmentflecke auf, welche nicht durch direkte leer- wirkung zu erklären sind. Auch das Auftreten miliarer Zysten in der Haut wurde in einem Fall beobachtet. H Haar- Wien: Ueber den diagnostischen Wert der Globulinver- mehruiig im Liquor cerebrospinalis bei Erkrankungen des Kindesalters. H. fand im wesentlichen folgendes: Bei urämisch-eklamptischen und be- sonders gehäuften spasmophilen Krämpfen erreicht der Globulingehalt des Liquor dieselbe Höhe wie bei Meningitis tuberculosa. Bei funktionellen Krämpfen ist er im Krampfstadium am höchsten und sinkt nach Ablauf der Krämpfe während er bei Meningitis tuberculosa vom Reizstadium bis zum Tode ständig ansteigt. Bei einer Reihe von Erkrankungen des Zentral- nervensystems ist der Globulingehalt ebenso hoch wie bei der Meningitis tuberculosa. Daher ist der diagnostische Wert der P a n d y sehen Reaktion für die Meningitis tuberculosa zwar bei negativem Ausfall ziemlich beträcht¬ lich, in differentialdiagnostischer Hinsicht aber beschränkt und hauptsächlich der’ kontinuierliche Anstieg der positiven Reaktion von Bedeutung. O. Sachs -Wien: Weitere Beiträge zur Anatomie und Histologie des weiblichen Urethralwulstes. . ..... F. H ö g 1 e r - Wien: Ueber perineurale Antipyrininjektionen bei Ischias. Die perineurale Antipyrininjektion nach Heidenhain hat in 21 Fällen rasche Heilung herbeigeführt, nur sind grössere Dosen notwendig (4—5 g Antipyrin auf 10 ccm Aq. destill. mit Zusatz von 0,5 1 ccm einer 0,5 1 prom. Novokainlösung, arn schmerzhaftesten Druckpunkt des Ischiadikus am Gesäss mit langer Nadel auf einmal einzuspritzen). B e r g e a t - München. Wiener medizinische Wochenschrift. Nr. 50. Klimatotherapie. K. H e 1 1 y - Wien: Licht, Luft und Volksgesundheit. K. Biehl-Wien: Höhenklima und Ohr. F. Glas- Wien: Die Sonnenbehandlung bei Kehlkopftuberkulose. F. H a n s y - Semmering: Die Indikationen für Höhenkuren. V. H e c h t - Semmering: Ueber Mastkuren im Höhenklima. O. H o v o r k a - Gugging: Unterschied zwischen Luft- und Sonnen¬ bädern. , , . N. Jagic und G. Spengler: Zur Klinik des Klimakteriums. P. L i e b e s n y - Wien: Kapillarkrelslaufbeobachtungen im Höhenklima. A. P e t ö - Semmering: Die Intrakutanmethode im Rahmen allgemeiner Tuberkulosetherapie. A. Pilcz-Wien: Klimatotherapie und Nervenkrankheiten. L. Rethi-Wien: Die Bedeutung der Höhenkurorte für die Stimme. J. Schütz- Baden b. Wien: Höhenklima und Nierenleiden. G. Singer- Wien: Höhenkuren und Krankheiten der Verdauung. H. Spitzy-Wien: Die Krankheitserscheinungen und die Behandlung der Knochen- und Gelenkstuberkulose. J. Sorgo-Wien: Methodik der Behandlung der Lungentuberkulose mit Sonnenlicht und künstlichem Licht. Nr. 51. M. H e i 1 1 e r - Wien: Beeinflussung des Pulses resp. des Herzens durch die normalen Funktionen des Organismus. Der Puls und das Herz reagieren in der feinsten Weise auf die ver¬ schiedenartigen Sinnes- und psychischen Eindrücke, Körperbewegungen, Funktionen des Magens, des Darmes und der Blase, Denken, Sprechen usf., und zwar durch Grössenzunahme des Pulses und gleichzeitige Verkleinerung der Herzdämpfung oder Kleinerwerden des Pulses und Vergrösserung der Herzdämpfung. In ähnlicher Weise reagiert die Zahl des Pulses. Angabe zahlreicher Beobachtungen im einzelnen. Nr. 52. G. S c h e r b e r - Wien: Die Behandlung der Skabies mit Mitigal. Ohne wesentlich teuerer zu sein als andere Mittel und bei gleicher Heil¬ wirkung und Reizlosigkeit hat das Mitigal den Vorzug, die Berufstätigkeit des Kranken in keiner Weise zu beeinträchtigen. B e r g e a t - München. Im Druck erschienene Inauguraldissertationen. Universität Rostock. 1921. Pierchalla Ludwig: Myasthenia pseudoparalytica mit Thymushyper- plasie. . . . , Rohden Ludwig: Ueber Syphilis congenita und ihre Beziehungen zur Peritonitis fetalis. Schmeertmann Fritz: Ein Fall von Bulbärparalysc bei rachitischem Zwergwuchs. Sch oop Erich: Myotonische Dystrophie mit Tetanie. Schultz Wilhelm: Die Lehre von den Doppelbildungen. Seidel Franz: Ueber verlagerte Zähne und ihre chirurgische Bedeutung. Soeken Gertrud: Zur Methodik der Säureuntersuchung in der Scheide und einige Resultate. Timm Heinr. Aug.: Ein Fall von Tumor des linken Schläfenlappens. Vahlensieck Carl: Ernährungserfolge im 2. Lebensjahre bei gesunden und kranken Kindern. Vogelsang Hildegard: Ueber die zystische Entartung der Myome, zu¬ gleich ein Fall von zystischem Riesenmyom. Weber Hanns: Basedow-Krankheit mit Bronchitis fibrinosa. Westphal Fritz: Ueber das leukozytäre Blutbild, insbesondere die Eosinophylie bei der Tuberkulose im Kindesalter. Wieling Paul: Ein Fall eines gutartigen Epithelioms der Haut. Vereins- und Kongressberichte. Aerztiicher Verein zu Danzig. (Eigener Bericht.) Sitzung vom 1. Dezember 1921. Herr Vorderbrügge: Ueber Diagnose und Behandlung der Finger- r Uebersichtsvortrag. Hinweis auf die Wichtigkeit frühzeitiger Diagnose der einzelnen Formen der Panaritien und die Bedeutung ihrer funktions erhaltenden Heilung. Die altbewährte chirurgische Behandlung der Panaritien kann durch neue Methoden (Stauung, Proteinkörpertherapie etc.) nicht ersetzt, sondern nur unterstützt werden. Das Sehnenscheidenpanaritium gehört in klinische Behandlung und soll von geübter Hand mit dem Ziel der Erhaltung der Fingerbeweglichkeit operiert und nachbehandelt werden. Beim Knochen- panaritium soll nach Entleerung des Eiters die Sequestrierung abgewartet, nicht primär reseziert werden. Der beste Schutz für uns Aerzte vor der gefährlichen Operationsinfektion ist subjektive Asepsis und antiseptische Ver¬ sorgung jeder kleinsten Verletzung. Herr Hermann Stalir: Ueber die Milz bei Lymphogranulomatose. In einer übersichtlichen Tabelle wird erläutert, welche Stellung die Lymphogranulomatose im System der Hämoblastosen einnimmt. Klarheit konnte nur durch Vermeidung der immer noch gebräuchlichen Ausdrucke: Pseudoleukämie, Hodgkin und Lymphosarkom erreicht werden, deren Ge¬ brauch nun nicht mehr zeitgemäss ist. Die jetzige Einteilung beruht auf der feineren histologischen und zytologischen Diagnostik. Unter 10 eigenen Fällen, die demnächst in der „Medizinischen Klinik“ eine ausführlichere Dar¬ stellung finden werden, sind 6 Sektionen enthalten. Ausser den Veränderungen an den Lymphknoten, die besprochen und demonstriert werden, .ist am wichtigsten die spezifische Erkrankung der Milz, die in 5 unter 6 Sektions- fällen festgestellt werden konnte und zwar 2 mal die grossknotige Form (Präparate). Am Sektionstisch kann des öfteren nur vorerst die Diagnose Hämoblastose gestellt werden. Einzig die Erkrankung der Milz liess es zu, dass bei einem erst vor kurzem erkrankten 42 jährigen Manne mit einer \ er- änderung der grossen Gallengänge (Photographie), die makroskopisch an Karzinom denken Hess, frühzeitig Lymphogranulomatose diagnostiziert werden konnte Eosinophilie im histologischen Bilde wurde bei Spätformen fast ganz vermisst, wenn sie nicht durch Streptokokkeninfektion kompliziert waren. Des öfteren war die Leber, einmal die Lunge beteiligt. Die Milz braucht keineswegs jedesmal miterkrankt zu sein. Ebenfalls Angaben, die für mass¬ gebend gehalten werden, widerspricht es, dass 5 (unter 10) Patienten das 5. Dezennium erreicht hatten, ein Mann war sogar 56 Jahre alt. Gesellschaft für Natur- und Heilkunde zu Dresden. (Vereinsamtliche Niederschrift.) Sitzung vom 17. Oktober 1921. Vorsitzender: Herr P ä s s 1 e r. Schriftführer: Herr G r u n e r t und Herr W e m m e r s. Tagesordnung. Herr H i 1 1 e r epidemie. , , . H. berichtet von 10 Fällen epidemisch auftretender Myelitiden mit besonderer Bevorzugung des Rückenmarksgraus, die bis auf einen Fall seit Februar 1921 auf der I. inneren Abteilung des Krankenhauses Dresden- Friedrichstadt (Prof. Dr. P ä s s 1 e r) beobachtet worden sind. Alter der Erkrankten 54—16 Jahre, nur ein 6 jähriges Kind. 6 Fälle von Polio¬ myelitis ant., 3 diffuse Poliomyelitiden mit leichter Be- teiligung der weissen Substanz, eine spinale Blasenlähmung. Aus Gründen der Epidemiologie, des Alters, fehlender Prodrome, der Eigenart und des Verlaufs der Lähmungen erschien eine Einordnung unter die n e 1 n e - M e d i n sehe Krankheit nicht den Tatsachen gerecht zu werden. _ Der Charakter der Erkrankung zeigte hingegen Analogien zur Encephalitis epidemica. Unter Hinweis auf die nicht seltenen Uebergänge von Enzephalitis und Myelitis (insbesondere Poliomyelitis): „Enzephalomyelitide n“, sowie auf analoge spinale Erkran¬ kungen der Literatur unserer und der früheren Influenzaepidemien wird die ausgesprochen, dass die mitgeteilten Fälle mit der Ence- epidemica eine ätiologische Einheit bilden. Ein Zusammen- Erkrankung mit der Influenza wird als sehr wahrscheinlich an- Es wird schliesslich darauf hingewiesen, dass die nicht geringe Fälle von Heine-Medin scher Krankheit bei Er- Zeiten von Influenzaepidemien beobachtet wurden, Fälle (a. G.): Ueber epidemische Myelitis bei der Grippe- Vermutung p h a 1 i t i s hang dieser genommen. Zahl sporadischer wachsenen, die zu der mitgeteilten Art gewesen sind. Die Schwierigkeit der Differentialdiagnose könnte ihre Erklärung möglicherweise in der Verwandtschaft der fraglichen Krankheitserreger finden (Ed. Müller, Levaditi). Mancherlei spricht dafür, dass eine nicht geringe Anzahl auch der spontanen Hämatomyelien der Literatur akute Myelitiden (Myelitis apoplectica Leyden) der gleichen Aetiologie gewesen sind. . , i ^ ... ... .. Aussprache: Herr Arnsperger berichtet über gleichartige Krankheitsfälle. Bei einem derartigen Kranken war bemerkenswert, dass er mehrere Jahre vorher genau die gleiche Erkrankung durchgemacht hatte mit Ausgang in völlige Heilung. Ein anderer Kranker hat angegeben, dass in seiner Wohnung dauernd Gasgeruch bemerkbar gewesen wäre und führte seine Erkrankung auf chronische Leuchtgasvergiftung zurück. Ganz abzu¬ lehnen ist die Möglichkeit nicht, da wir ja wissen, dass die Gasvergiftung auch Bilder machen kann, die der epidemischen Enzephalitis gleich sind; es wäre die Möglichkeit zuzugeben, dass auch tnyelitische Veränderungen gleicher Natur durch die Gasvergiftung zustande kommen können. Bei einem weiteren Kranken wurde eine antiluetische Kur trotz Fehlens des Nachweises der luetischen Aetiologie angewandt. Auffallend war, wie auf die Kur das bis> dahin nicht zur Heilung neigende Krankheitsbild sich änderte und die Besse¬ rung bis zu fast völliger Heilung rasche Fortschritte machte. Bei dem ge¬ häuften Auftreten der disseminierten Myelitis, wie sie der Vortragende sah, ist die Annahme des Zusammenhanges mit der Encephalitis epidemica völlig berechtigt, namentlich da ja dieser Zusammenhang bei ähnlichen tödlich ver¬ laufenden Krankheitsfällen durch die pathologisch-anatomischen Unter¬ suchungen gestutzt wird. 20. Januar 1922. MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT. 97 Herr Pässler: Die Hauptfrage, welche sich an unsere Beobachtungen knüpfte, war natürlich die, ob die Myelitisepidemie von dem Virus der Heine-Medin sehen Krankheit oder von dem Virus der jetzt während der Grippeepidemie aufgetretenen Enzephalitis erzeugt wurde. Wenn sich auch keine grundsätzlichen Abweichungen unserer Fälle von dem bei Heine- Medin scher Krankheit Möglichen nachweisen Hessen, so war doch vieles für letztere Krankheit ungewöhnlich (vorwiegende Erkrankung von Er¬ wachsenen, in einigen Fällen blitzartiges Auftreten ohne nachweisbare Vor¬ läufer, häufige starke Beteiligung der Blase, überaus lange fortschreitende Besserung) so dass wir uns bis auf weitere Klärung der ganzen Frage für berechtigt halten, die Myelitis bei Grippe von der gewöhnlichen epidemischen Kinderlähmung (Heine-Medin sehe Krankheit) zu trennen. Herrn Brückner ist aufgefallen, dass in den letzten vier Wochen besonders viel Fälle von frischer Poliomyelitis in der Kinderheilanstalt zu¬ gegangen sind. Herr A. Schanz: 'Die Fälle, welche der Herr Vortragende geschildert hat, sieht man in der orthopädischen Praxis mit gewisser Regelmässigkeit. Um die Zeit des Kriegsbeginnes bekam ich auffällig viele in die Hände, ich hatte damals den Eindruck einer Art Epidemie. Herr H i 1 1 e r (Schlusswort). Aerztlicher Verein in Frankfurt a. M. (Offizieller Bericht.) Sitzung vom 17. Oktober 1921. Vorsitzender: Herr v. Wild. Schriftführer: Herr Grosser. Herr v. Bergmann: Ueber essentielle arterielle Hypertonie. v. B. stellt sich auf den Standpunkt, dass die Abgrenzung einer sog. „essentiellen“ Hypertonie klinisch deshalb berechtigt sei, weil zahlreiche Fälle von Blutdruckerhöhung Vorkommen, bei denen kein Anhaltspunkt für eine genuine arteriosklerotische Schrumpfniere oder eine allgemeine Arterio¬ sklerose vorliegen. Die Nierenfunktion ist in solchen Fällen intakt und der Schluss, dass obwohl funktionell keine Nierenstörung vorliegt, dennoch die Blutdruckerhöhung Folge einer am Lebenden nicht nachweisbaren Nieren¬ erkrankung sei, in keiner Weise zwingend. Denn erstens fehlt trotz aller Theorien noch immer eine einleuchtende Erklärung wie die Schrumpfniere zum Hypertonus führt und zweitens ist die Feststellung, dass Menschen, die jahrzehntelang eine Blutdruckerhöhung haben, schliesslich beim Tode Ver¬ änderungen der Niere zeigen, die oft so geringfügig sind, dass sie sich nur mikroskopisch nachweisen lassen, kein Beweis für die These: Hypertonie ist Schrumpfniere. v. B. meint in Uebereinstimmung mit vielen Autoren, dass der erhöhte Blutdruck zunächst funktionell nur Folge der Enge der Arteriolen sei. (Der Ausdruck Spasmus der Arteriolen ist nicht ganz glücklich.) Folge dieses erhöhten Vasotonus ist schliesslich Abnutzung der Gefässe, anatomische Ver¬ änderung der Arteriolen (J o r e s). So entsteht erst in vielen Fällen die primäre Schrumpfniere als Folge essentieller Hypertonie. Ja die funktionelle Enge der Gefässe spielt auch noch während der Schrumpfniere wohl eine wesentliche Rolle. Die Enge der Arteriolen kann erklärt werden durch chemischen Einfluss auf die peripheren feinsten Gefässe, adrenalinoide Wirkung (das Adrenalin selbst ist es nicht), oder durch erhöhte Reizbarkeit im neuromuskulären Apparat der kleinsten Gefässe ohne Vermittlung eines chemischen Agens, auch an physikalisch-chemische Faktoren, an Ver¬ änderungen in der Beziehung Kapillaren und interzellulare Flüssigkeit wäre zu denken. Wieweit die Peripherie primär die Arteriolenenge bedingt, bleibt ganz hypothetisch. Dagegen lässt sich schon heute für eine veränderte Vaso¬ motoreneinstellung vom Zentrum aus manches wahrscheinliche anführen. Das Vasomotorenzentrum bedingt beim Normalen die konstante Einstellung des Blutdrucks, seine Lähmung, z. B. Bakterientoxine, bedingt Blutdruck¬ senkung, seine Reizung Blutdruckerhöhung, dauernd erhöhter Reizzustand des Vasomotorenzentrums bewirkt durch Arteriolenkontraktion den Hypertonus, ganz analog etwa wie beim Fieberzentrum das erhöhte Niveau der Febris continua. Misst man mehrmals täglich den Blutdruck der Hypertoniker, so ist eine Hypertonie vom Kontinuatypus nicht häufig, immerhin bei ausge¬ sprochener Arteriosklerose und Schrumpfniere öfters zu finden. Dagegen Schwankungen so, dass abendlich Erhöhungen, morgens Erniedrigungen be¬ stehen (ganz wie bei der Regulation des Wärmezentrums), das häufigste Vorkommnis. In Praxis und Krankenhaus sind die üblichen Vormittags¬ messungen geeignet, viele Fälle von Hypertonie glatt übersehen zu lassen. Grosse intermittierende Schwankungen stützen ebenfalls die Lehre vom reizbaren Vasomotorenzentrum. (Demonstration zahlreicher Beispiele an Kurven.) Angst vor einem kleinen Eingriff, psychische Emotion, sofort beantwortet durch steilen, gelegentlich ganz kurzen Blutdruckanstieg, sprechen neben anderen dafür, dass nicht immer die Gefässkrise den Schmerz bedingt, dass ; auch der Schmerz psychisch den Hypertonus auslöst. Die grosse Bedeutung der von Affekten ausgelösten Erregung des Vasotonuszentrums ist weit mehr zu beachten wie bisher, gerade auch unter therapeutischem Gesichtspunkt. Psychische und körperliche Ruhe senkt bei diesen Kranken den Blut- 1 druck, ebenso wie gelegentlich die Narkotika des Vasomotorenzentrums. Symptom atolo gisch wird bei Hypertonikern auf schwerste Schwindelanfälle hingewiesen, die zerebellaren Eindruck machen. Auch Schmerzzustände nicht nur am Herzen und im Abdomen („Angina pectoris“, „abdominis“), auch in den Beinen, im Kreuz, einseitig in der Hüfte, lumbago¬ ähnlich und im Hinterhaupt. Offenbar alles lokalisierte Angiospasmen, zu denen der Hypertoniker disponiert ist; auch die sog. pseudourämischen Aequivalente V o 1 h a r d s gehören hierher. Ob die essentielle Hypertonie als Krankheitseinheit gelten darf, bleibe dahingestellt. Ob sie nur als pathologische Reaktion des Vasomotoren¬ zentrums aufzufassen ist, bleibt ebenfalls zweifelhaft. Auch die Ursachen dieser Erregbarkeit können mannigfach sein. Zunächst scheint dem Vor¬ tragenden aber ein Fortschritt gegeben, wenn gerade durch das Studium ständiger Blutdruckkurven bei der Hypertonie das Interesse sich auf die Zustände im Vasomotorenzentrum konzentriert und die Hypertonie in ihrer klinischen Symptomatologie wie in ihrer Pathogenese und nach therapeuti¬ schen Gesichtspunkten ausgebaut wird, als wäre sie ein Leiden sui generis, als dessen Folgen Arteriolosklerose und Schrumpfniere erscheinen. Analogien zur Lehre vom Fieber als der veränderten Einstellung der Wärmeökonomie vom Wärmezentrum aus und zur Lehre vom Diabetes, als der geänderten Kohlehydratmobilisierung vom Zuckerzentrum aus (Claude B e r n a r d), ja der Auffassung des Diabetes insipidus als einer Störung in der zentralen Regulation, werden auch das Problem der zentral erfassten Hypertonie fördern. Aerztlicher Verein in Hamburg (Eigener Bericht.) Sitzung vom 3. Januar 1922. Herr Gross zeigt a) einen Patienten mit operativ geheilter Gallen¬ fistel, b) einen Heftpflasterverband, der bei Rippenfrakturen den Thorax in Insprirationsstellung fixieren soll. Herr D r e i f u s s stellt einen Fall vor, bei dem er eine Hernla encystlca operiert hat. Wie meist in diesen Fällen, konnte die Diagnose erst bei der Operation gestellt werden. Herr Könitz zeigt einen Fall von chronischer gutartiger Hyperthyreoidie Hertoghe. Die Erkrankung begann im Jahre 1892, und bis vor wenigen Wochen konnte der Kranke noch seinem Beruf als Maschinenbauer nachgehen. U. a. zeigte der Kranke erhöhte Zuckertoleranz, psychische Verlangsamung, erheblich unter der Norm gelegenen Grundumsatz, verzögerte Flüssigkeits¬ ausscheidung beim Wasserversuch, schlechtes Konzentrationsvermögen. Be¬ sonders an den beiden letztgenannten Erscheinungen konnte der Erfolg der Schilddrüsentabletten ziffernmässig demonstriert werden. Herr Embden zeigt einen Fall von Manganvergiftung bei einem Braunsteinmüller. Seit seiner ersten Publikation waren infolge der gewerbehygienischen Massnahmen solche Vergiftungen nicht mehr vorge¬ kommen. Jetzt wird statt des südrussischen der stark staubende brasi¬ lianische Braunstein verarbeitet, wodurch wohl das neuerliche Vorkommen eines solchen Falles bedingt ist. Erstes Symptom war Stottern; daran schlossen sich an Paralysis agitans erinnernde Symptome, Aktionstremor be¬ sonders bei Verrichtungen mit erhobenen Armen, Mikrographie. Berufs¬ wechsel verhindert zwar das Fortschreiten der Krankheit, die vorhandenen Symptome werden aber nicht beeinflusst. Herr Schottmüller berichtet über die neuerliche Influenzaepidemie. Influenzabazillen wurden nur in einem Teil der Fälle gefunden. Das Blut war stets steril. Der Erreger dürfte ein filtrierbares Virus sein, das die An¬ siedlung von Strepto- und Pneumokokken und von Influenzabazillen be¬ günstigt. Herr Schmilinsky berichtet über einen Fall von Oesophago- Duodenalfistel infolge von Syphilis. Der betreffende Kranke hat gelernt, durch bestimmte Körperhaltung beim Essen das Hineingelangen der Speisen in die Luftwege zu vermeiden. Bei gelegentlichem Erbrechen gelang ihm dies nicht. Besprechung des Vortrags des Herrn Much: Das Neueste über Wesen und Wert der Vakzinetherapie. Herren Dreifuss, Matthae i. E. F. Müller, Richter, Wichmann, Delbanco. Barfurth, Peiser. Fr. W o h 1 w i 1 1 - Hamburg. Medizinische Gesellschaft zu Jena. (Offizielles Protokoll.) Sitzung vom 7. Dezember 1921. Herr Biedermann: Die Behandlung der Zwerchfellhernien. Vortragender operierte vor 1/4 Jahren eine Hernia diaphragmatica trau¬ matica falsa, die nach Schussverletzung entstanden war. Vorstellung des geheilten und beschwerdefreien Patienten. Operation erfolgte vom Bauche aus. Schnitt nach Marwedel. Durch eine für die Faust durchgängige Lücke im Zwerchfell waren 21 3 vom Magen, die Milz, Dickdarm und ein Netzzipfel hindurchgetreten. Naht mit Seidenknopfnähten. Zur Entspannung der Naht Rippenresektion und Infraktion des Rippenbogens. Dauererfolg. Drei Diapositive. Herr Co bet: Ueber die therapeutischen Eingriffe bei Pleuraerkran¬ kungen. Erscheint in der Med. Kl. Herr Giese: Ueber gerichtsärztliche Kunstfehler. Medizinische Gesellschaft zu Magdeburg. (Offizielles Protokoll.) Sitzung vom 20. Oktober 1921. Herr Brandt demonstriert einen Patienten, bei dem ein eitriger Bubo inguinalis mit Hilfe des W e 1 a n d e r sehen Verfahrens (Sticheröffnung und Injektion von Arg. nitric. 3: 1000 in die Eiterhöhle) in 10 Tagen ohne Berufs¬ störung zur Heilung gebracht wurde und empfiehlt, dieses praktische und bequeme Verfahren nicht in Vergessenheit geraten zu lassen. Herr Rahnenführer: Ein Fall von Brown-Sequard scher Halbseitenläsion infolge Schussverletzung des Halsmarks. Der Med. Klinik Altstadt (Prof. O 1 1 e n) wurde ein ehemaliger Soldat zur Begutachtung überwiesen, der August 1917 durch Granatsplitter an beiden Armen und am linken Unterschenkel verwundet war. Gleichzeitig war eine schlaffe Lähmung beider Arme und Beine aufgetreten, die sich allmählich zurückbildete. Bei der jetzigen Untersuchung, 4 Jahre nach der Verletzung, fand sich : Herabsetzung der Schmerz- und Temperatur¬ empfindung auf der rechten Körperhälfte von der Höhe der 3. Rippe resp. 2. Brustwirbels an abwärts, in der Mittellinie scharf begrenzt; keine Störung der Berührungsempfindlichkeit; Motilität und Re¬ flexe rechts normal. Auf der linken Seite stark gesteigerte Periost-, Patellar- und Achillessehnenreflexe, Fussklonus und positiver Babinski; ferner Parese des linken Armes mit Beugekontraktur der Finger und Lähmung des linken Fusses. Dazu Pupillendifferenz und neuerdings Anfälle von Be¬ wusstlosigkeit und Krämpfen. Aus den Schussverletzungen an beiden Armen und am linken Unterschenkel liess sich der neurologische Befund nicht er¬ klären. Die Kreuzung der sensiblen und motorischen Lähmung wies vielmehr auf eine Brown-Sdquard sehe Halbseitenläsion des Halsmarkes hin. Deshalb Röntgenaufnahmen der Halswirbelsäule, die einen linsengrossen, drei- 98 MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT. Nr. 3. eckigen Granatsplitter in Höhe des 5—6. Halswirbels im Bereiche des . Hals- markes selbst erkennen Hessen. (Demonstration der Röntgenaufnahme .) Der kleine Splitter hatte vermutlich eine so geringe äussere Verletzung verursacht, dass sie von den Untersuchern ganz übersehen wurde und auch dem Patienten von einer solchen Verletzung nichts bekannt wai. dem Als Ursache der ursprünglichen Tetraplegie war früher eine Verletzung des Rückenmarkes durch Sturz auf den Rücken angenommen worden. Von einer Extraktion des Splitters wurde jetzt Abstand genommen, da es schwer sein dürfte, den kleinen Splitter ohne eine neue Läsion von Nervenbahnen zu entfernem die Wichtigkeit einer rechtzeitigen radiologischen Untersuchung bei unklaren Erkrankungen des Rückenmarkes, wenn ana¬ mnestisch ein Trauma in Betracht kommt. Herr Böge: Echinokokkus der Wirbelsäule und des Rückenmarks. B. berichtet über einen Fall von Echinokokkus der Wirbel saule bei einem 4» iähr Mälzer, der am 18. IV. 1921 in die Medizinische Klinik Altstadt (Prof. Otten) kam. Es bestand bei dem schwer kachektischen Kranken eine in wenigen Wochen entstandene spastische Paraplegie beider Beine und Steigerung der Sehnenreflexe: Babinski beiderseits positiv, Sensibilität t fu alle Qualitäten vom 6. Dorsalsegment ab vollkommen aufgehobem ^"ho alvi et urinae. Elektrische Untersuchung an den Beinen o B . KLop a lichkeit des 6—9. Brustwirbeldornfortsatzes, ausserdem Defekt m der 8 Rippe in der linken vorderen Achsellinie, aus dem sich die Lunge wie eine Hernie vorwölbte. Auf dem Röntgenbild der Wirbelsäule zeigt sich unscharfe B - grenzung der Umrisse des 5.-7. Brustwirbels mit tedweiser Zerstörung der Brustwirbelkörper. Thoraxaufnahme zeigte links in Hohe der 6 9. R I pp dichten, breiten Schatten, der sich vom Hilus zur Peripherie hinzieht. Exitus ^Nach dem klinischen und radiologischen Befund wurde angenommen: teilweise Zerstörung des 5.-7. Brustwirbelkörpers durch bösartige Neu¬ bildung, Zerstörung des Brustmarkes durch Kompression oder Tumormassen in Höhe des 6. Dorsalsegmentes. Metastase in der linken Thoraxwand mit Zerstörung der 8. Rippe. Sektion: Bestätigung des klinischen Befundes nur hinsichtlich der Aetiologie jetzt erst völlige Klärung: Unter der Pleura deV 6—9 Rippe von der Achsellinie bis zur Wirbelsäule grosse Hohle mit zahllosen Echinokokkusblasen verschiedener Grösse Teilweise Zer¬ störung des 5. und 6. Wirbelkörpers durch Echinokokkusblasen ipi 7 und 9. Brustwirbelkörper je eine pfennigstückgrosse Fistelöffnung m den Wirbel- kanal hinein. Kompression des Rückenmarkes an diesen Stellen durch Echinokokkusblasen mit Nekrose und Leukozyteninfiltration der weissen und grauen Rückenmarkssubstanz. Infektionsmodus nicht ermittelt. (Demon¬ stration der Röntgenbilder und einer Skizze des Sektionsbefundes.) Herr Otten: Zur Diagnose und Therapie der Herzklappenfehler. O. beginnt eine Vortragsreihe über Diagnose und Therapie der flerz- klappenfehler mit einer Besprechung der Untersuchungsmethoden, die uns über dieürösse. LageundFormdesHerzen s Aufschluss geben. Nach einer kritischen Würdigung der Perkussions methoden erörtert O. eingehender Technik und Bedeutung der Orthodiagraphie und re r n - Photographie für die Untersuchung des gesunden und kranken Herzens. Verwertbare Ergebnisse erhält man mit der Orthodiagraphie nur bei voller Beherrschung der Methode und wenn es gelingt, die Herzumrisse möglichst vollständig, insbesondere die oft im Zwerchfellschatten liegende Herzspitze darzustellen. Die bei der Ausmessung des Orthodiagramms gewonnenen sog. Normalzahlen sind wegen der von verschiedenen Bedingungen abhängigen Schwankungen kritisch zu verwerten. Technisch einfacher und objektiver ist die Herzfernphotographie in 2 m Abstand. Gegenüber diesem Verfahren, das nur ein Momentbild liefert, gestattet die Orthodiagraphie gleich¬ zeitig die Betrachtung des tätigen Herzens. Ebenso wichtig wie die Be¬ stimmung der Herzgrösse und der Lage des Organs im Thorax, ist dei duicli beide Verfahren gewährte Aufschluss über die Herz form, sowohl im Frontalbild wie in den verschiedenen Durchleuchtungsrichtungen. O. führt im Lichtbild eine Reihe von orthodiagrapliischen und Herzfernaufnahmen vor und weist besonders auf die für verschiedene Herzklappenfehler und andere Herzerkrankungen charakteristischen Formveränderungen hin. Aerztlicher Kreisverein Mainz. (Offizielles Protokoll.) Gemeinsame Sitzung mit der Rhein, naturforschenden Gesellschaft Mainz am 2. November 1921. Herren S c h m i d t g e n und Gg. B. G r u b e r sprechen über innere Sekretion, speziell über das Steinach sehe Verjüngungsproblem. Schmidtgen erklärt zunächst den Begriff „innere Sekretion , schildert dann ihre Bedeutung hinsichtlich der Keimdrüsen und der sekun¬ dären Geschlechtsmerkmale, wie sie sich aus Kastrations- und Wieder¬ einpflanzungsversuchen im Experiment dargetan hat. Hier sind von be¬ sonderem Interesse die Steinach sehen Experimente über Maskulimerung und Feminierung an Meerschweinchen, desgleichen die G o o d a 1 e sehen Vei- suche an Hähnen. Steinachs Verjüngungsversuche an Ratten zeigen, dass gewisse Erscheinungen des Alters auf die Atrophie oder Degeneiation von endokrinen Drüsen und damit zusammenhängender Verminderung der Hormonbildung zurückgeführt werden, dass ausserdem diese sexuellen Ausfallserscheinungen für einige Zeit durch erneute Hormonbildung behoben werden können. Durch Ligatur des Samenabführungsweges beim Männchen oder durch Implantation lebensfrischer Keimdrüsen wurde solche neue Hormonisierung erreicht. Schleid t hat am S t e i n a c h sehen Ratten¬ material gezeigt, dass der Effekt solchen Vorgehens komplizierter Natur ist, insoferne es sich um eine Beeinflussung der Korrelation verschiedener inkretorischer Drüsen handelt. Auch die Harms sehen Versuche an Hunden werden gewürdigt, welche für die Steinach sehe Deutung der Verjüngungsexperimente eine Beschränkung auf die Sexualsphäre gezeigt haben. Vortragender vertritt die Anschauung, dass durch Steinachs Versuche nur eine partielle Verjüngung bei Ratten bewiesen ist, nämlich soweit die Alterserscheinungen tatsächlich Folge eines Ausfalls endokriner Drüsenfunktion sind. Trotz dieser Einschränkung sind die Steinach sehen Forschungen für die Kenntnis der Biologie der Inkretion von grossei Be¬ deutung. , , _ , . . , Gg. B. Gr über bespricht die Deutung, welche Steinach und Kämmerer den Rattenverjüngungsversuchen gegeben haben. Leider lassen Steinachs Ausführungen einen Mangel in der histologischen Befun - darstellung erkennen; noch mehr: sie bringen Behauptungen über histologische Details besonders der weiblichen Keimdrüsen, welche von histologischer und pathologisch-histologischer Seite nicht als richtig aner^"nt J a"c h s Dies echt sowohl aus der S t i e v e sehen Kritik der Deutung Steinach, hervor als aus den Bekundungen der verschiedensten Pathologen, auf der Jenaer’ Pathologentagung 1921. Die Zwischenzellen des H°^.ns .sl^t ^ die Träger der Inkretion der Sexualhormone. Sie wirken, wohl als nutntive Flemente mit den Zellen des generativen Bodenanteils zusammen. Von der Anwesenheit und Beschaffenheit und Regenerationsfähigkeit des Keimepithels. b/w von der Resorption seiner Stoffwechselprodukte mögen jene Erschei¬ nungen abzuleiten sein, welche sich imSteinach sehen Rat enverjungungs- versuch zeigten. Besondere weibliche „Zwischenzeiten entsprechend den L e v d i g sehen Zellen des Hodens sind unbekannt. Es gibt eben keine Pubertätsdrüse. Ein Vorkommen dieser fraglichen Zellen im Homosexuellen¬ hoden ist nicht bestätigt worden. Die Schlüsse über Homosexualität, 'welche allzu differenziert aus Steinachs interessanten Arbeiten und aus L chtensterns Hodentransplantation auf Homosexuelle gezogen worden sind mü’ssen auf ihre Berechtigung noch sorgfältigst geprüft werden. Die Kämmerer sehen Ausführungen über Anwendung des Ver!U,1^u”^' gedankens auf den Menschen sind verfrüht. Die Mitteilungen S t e l n a c h s über erfolgreiche derartige Operationen bei Männern können völlig zwanglo. find näherHegend erklärt werden; hier muss weitere Erfahrung abgewartet werden an Beobachtungen, die eindeutiger sind Die Anwendung des Problems auf das Weib mittels Röntgenbestrahlung hat ja schon S t e i n a c h nur ganz vorsichtig angedeutet. Auch ihr Ergebnis ist mehrdeutig und zudem fraglich, ja nicht ungefährlich. Die Ovarientransplantation ist mangels Ueber- oflanzungsmaterials praktisch kaum in Frage zu ziehen. Der Kämmerer sehe Hinweis auf erfolgreiche amerikanische heteroplastische Ovarien- hnpbntation von der Ziege auf den Menschen, deren Erfo g. wie er sich in der Diskussion eines in Mainz gehaltenen populären Vortrages ausdrucktt nur eine Frage der chirurgischen Geschicklichkeit und Asepsis sei, ist in jeder Richtung höchst fragwürdig. Eine Lebensverlangerung bautet .^e{ St ein ach sehe „Verjüngung“ wohl kaum. S t e l n a ch s Verdienst auf dem Gebiet der inkretorischen Keimdrüsentätigkeit muss durchaus anerkannt werden’ aber die Deutung, die er und seine Schule dem experimentellen Effekt gegeben haben, ist offenbar irrtümlich, die Verheissung einer Lebens¬ verlängerung durch Anwendung der Experimente auf den Menschen ^un¬ bedingt verfrüht. _ _ _ Aerztlicher Verein zu Marburg. (Offizielles Protokoll.) Sitzung vom 23. November 1921. Herr Schwenkenbecher: Keuchhusten bei Erwachsenen. Vortragender berichtet über eine kleine Keuchhustenendemie in seiner Familie, deren Entstehung er in längerer Reihe verfolgen konnte. Habei zeigte es sich, dass die Erkrankung eine auffallend grosse Anzahl von E wachsenen befallen hatte. . i, *,.«««., al« im Der Keuchhusten der Erwachsenen war und ist. sicher häufiger als im Allgemeinen vermutet wird. Zeitweilig aber scheint sich auch sein Uharakter zu verändern, so dass aus der sonst zumeist auf das Kindesalter beschrankten Infektion eine epidemieartige Erkrankung wird, die auch Erwachsene in grosser Zahl ergreift, sofern diese sich noch nicht durch eine uberstandene Pertussis eine dauernde Immunität gesichert hatten. Herr R u e t e: Demonstration der Hofiraann sehen Leuchtbildmethode. R geht kurz auf die Ausdehnung der Dunkelfelduntersuchungen auf ge¬ färbte Ausstriche und Schnittpräparate ein, erläutert die Wichtigkeit der Ein¬ fügung der halbgeölten Mattscheibe, erwähnt die B e r e k sehen Unter¬ suchungen (nicht Fluoreszenz, sondern selektive Beugung) und dl® schichte der Leuchtbildmethode (Arinng, S i e d e n topf, O e 1 z e). Darauf werden die Vorzüge der Beobachtung im farbigen Licht durch Ein¬ schieben von farbigen Filtern, durch die der Untergrund bei richtiger An¬ wendung vollkommen zum Verschwinden gebracht werden kann, besprochen. Die Methode hat sich bis jetzt bei der Untersuchung auf Tuberke 1- bazillen, die nach Zieht gefärbt und mit blauem Filter betrachtet, auf voll¬ kommen dunklem Grunde grünlich hell aufleuchten, bewahrt. Ferner leistet sie gute Dienste bei der Untersuchung auf Spirochaeta pallida. sowohl im Schnitt nach L e v a d i t i wie im Ausstrich nach Schaudinn, F o ntan a, G i e in s a usw gefärbt. Die Methode ist von Wichtigkeit zur Fruherkennung der Syphilis, da der praktische Arzt jetzt nur auf Objektträger ausgestrichenes Reizserum einzusenden braucht, das, gefärbt im Dunkelfeld, mehr Spirochäten erkennen lässt als im Hellfeld. Nach B e r e k eignet sich die Methode besonders gut zu Unterrichts- und Demonstrationszwecken, da durch Einschieben geeigneter Filter das Nicht¬ gewünschte zum Verschwinden gebracht werden kann, so dass nur das, was gezeigt werden soll, übrig bleibt. Durch Einschalten des Hellfeldes kann dann das Objekt leicht erkannt werden. Demonstration von Präparaten. Diskussion: Herr Kein in g: Die Demonstration wird im Gegen¬ satz zur herrschenden Meinung beweisen, dass fixiertes, gefärbtes Material brauchbare Dunkelfeldbil de r gestattet, nicht jedoch, dass man in geeigneten Fällen mehr sieht. Nur eigenes Erproben der Methode unter Wahrung günstiger optischer Be¬ dingungen kann diesen Beweis erbringen. Einen grossen Fort¬ schritt für das Leuchtbild bedeutet die F ar bi ilt er metho de nach Berek. Sie gestattet nicht nur eine befriedigende Erklä¬ rung der optischen Phänomene im farbigen Dunkelfelde, sondern bedeutet gleichzeitig auch eine wesentliche Bereicherung unserer Mikroskopietechnik. Dem Kliniker und Naturwissenschaftler wer¬ den neue Wege für zahlreiche Spezial untersuch u n g e n er¬ öffnet Die für das Dunkelfeld brauchbaren Farbstoffe können spektral analytisch ausgesucht werden, während sie früher durch wahlloses Probieren gefunden werden mussten. F ar blösungen mit scharfgetrennten Absorptionsstreifen im Sjrektrum er¬ möglichen deutliche Koutrastfärbungen im Dunkelfeld. Bei verschleierten resp. teilweise übereinandergelagcr- ten Absorptionsstreifen mancher Farbstoffe können durch Zwischen- Schaltung passender farbreiner Filter mit trennenden Absorptionsstreifen deutliche Kontraste erzielt werden. Durch ent- 20. Januar 1922. MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT. 99 sprechende Filter können Farbkomponenten des farbigen Dunkelfeldleuchtbildes ausgelöscht resp. verstärkt werden, so dass man objektive Rückschlüsse auf die selektive Färbbar¬ keit eines Gewebes oder Gewebselementes ziehen kann. — Das Ausgeführte wird an Hand der Demonstrationsobjekte von Herrn R u e t e praktisch vorgeführt. Herr W eckesser: Vorführung dermatologischer Fälle. Fall I: Pemphigus vegetans. Typische Lokalisation an Genitale und Aftergegend, in der linken Achselhöhle, Lippen und Mundschleimhaut; be¬ sonders bemerkenswert drüsige, plateauartige Erhebungen auf dem Kopf. Dunkelfelduntersuchungen, die verschiedensten Spirochätenfärbungen, Kul¬ turen und Tierversuche lassen nichts Besonderes finden. Besserung nach Behandlung mit Anästhesinsalbe und Salvarsan. F a 1 1 II. B o ec k sches Sarcoid. Hühnereigrosser, ovaler Tumor auf dem linken Schulterrand von Hautgefässen durchzogen, im Zentrum etwas einge- dellt. Ein gleicher Tumor, etwas flacher, an der Innenseite des rechten Unterschenkels. Typisches histologisches Bild. Erhebliche Besserung nach Röntgentherapie. Fall III. Erythema exsudativum multiforme. In batikmusterartiger An¬ ordnung über die ganzen unteren Extremitäten. Heilung nach einigen Tagen durch Salizyl. Fall IV. Naevus sebaceus. Angeboren, bei 18 jähr. Mann, kleine bis erbsgrosse, aneinandergereihte Tumoren vom linken Schulterblatt bis über die Mitte des linken Oberarms linienförmig ziehend. Naturforschende u. medizinische Gesellschaft zu Rostock. Sitzung vom 10. November 1921. Vorsitzender; Herr Peters. Schriftführer: Herr Triebenstein. Herr Schwarz: Ueber Röntgenbehandlung von Sarkomen. Herr Sch. berichtet über 4 Fälle von Sarkom, die durch Röntgenbestrah¬ lung geheilt wurden (retroperitoneale Metastasen eines erfolgreich operierten Rundzellensarkoms des Hodens, Spindelzellensarkom des Fusses, Riesen¬ zellensarkom des oberen Tibiaendes, Sarkom der Schädelbasis), weiter über einige Fälle von Mediastinaltumoren mit Demonstrationen der Röntgenbilder vor und nach der Bestrahlung. Aussprache: Die Herren E h r i c h, Müller, Pol, Müller, v. Brunn. Herr Eggers: Gelenkplastik des Kniegelenks nach Payr bei Pyarthros. Herr E. stellt ein 17 jähr. Mädchen vor, bei dem er eine Kniegelenks¬ mobilisation mit Einlagerung eines Faszienstreifens nach Payr ausgeführt hat. Das Knie war infolge eines Pyarthros, der mit Drainage im Jahre 1920 behandelt war, fast vollständig versteift. 8 Monate nach der Operation besteht jetzt gute Gehfähigkeit, aktive Streckung bis 180°, Beugung bis 80 u. Leichte seitliche Wackelbewegungen werden durch einen leichten Zelluloid¬ hülsenapparat mit Gelenk beseitigt. Herr M e t g e: Ueber Splanchnikusbetäubung. Kurzer Ueberblick über die Entwicklung der Splanchnikusbetäubung nach Käppis aus der Paravertebralanästhesie und über unser Wissen über die viszerale Sensibilität der Bauchhöhle überhaupt. Bericht über die 53 bisher an der Klinik in Splanchnikusanästhesie ausgeführten Operationen. Durchweg gute Anästhesien, z. T. erhebliche Blutdrucksenkungen. Besondere Hervor¬ hebung der Todesfälle: eine Embolie der Art. fern, aus Thrombose der Bauchaorta, ein Kollaps beim Zusammentreffen starker Blutdrucksenkung mit schwierigen, blutreichem Eingriff (Magenresektion, Ca.). Im allgemeinen mildert die Splanchnikusbetäubung den Operationsschock bzw. lässt ihn schneller überstehen. Herr Eifel dt: Ueber Wasserversuche in rder chirurgischen Nieren¬ diagnostik. Herr E. berichtet über Wasser- und Konzentrationsversuche an chirurgi¬ schen Nierenkranken. Die zugrundelegenden Befunde erscheinen demnächst als ausführliche Arbeit in den Grenzgebieten für innere Medizin und Chirurgie. Herr Schwarz: Ueber primäre Speicheldrüsenaktinomykose. Herr Sch. berichtet über einen von ihm beobachteten und untersuchten Fall von primärer und isolierter Speicheldrüsenaktinomykose, in dem die Infektion der Speicheldrüse auf dem Wege des Speichelganges zustande ge¬ kommen war. In der Speicheldrüse fand sich zentral ein kleiner Abszess mit Getreidegranne und ihr aufsitzenden Aktinomyzesdrusen. Medizinisch-Naturwissenschaftlicher Verein Tübingen. (Medizinische Abteilung.) Sitzung vom 12. Dezember 1921. Vorsitzender: Herr Stock. Schriftführer: Herr Brösamlen. Herr Jüngling: Ostitis tuberculosa multiplex cystica und ihre Be¬ ziehungen zum Lupus pernio. Der Vortragende demonstriert das Krankheitsbild an Hand von 4 Fällen (zum Teil veröffentlicht in den Fortschritten auf dem Gebiet der Röntgen¬ strahlen Bd. 27). Die stets multipel auftretende Erkrankung bevorzugt die Phalangen, Metakarpen bzw. Metatarsen, kommt aber auch in anderen Knochen vor: Handwurzelknochen (Fall 1), Nasenbein (Fall 3), Epicondylus humeri (Fall von Albers-Schönberg), Malleolus internus und Kalkaneus (Fraenkel). Röntgenologisch tritt sie in zwei inein¬ ander übergehenden Erscheinungsformen auf: im floriden Stadium ist unter Umständen der grösste Teil des Knochens von wabigen, konfluierenden Auf¬ hellungen durchzogen. In älteren Fällen während der Ausheilung ziehen sich die Aufhellungen immer mehr in den Köpfchen der Phalangen bzw. Metakarpen zusammen, wo sie rundliche bis kartenherzförmige, wie mit dem Locheisen ausgestanzte Defekte erzeugen. Periostitische Reizerscheinungen fehlen voll¬ ständig, die Gelenke sind primär nicht befallen. Klinisch zeichnet sich die Erkrankung aus durch sehr langsamen Verlauf, Beginn meist in der Pubertät. Weiterhin ist charakteristisch die Kombination mit Weich¬ teil Prozessen und zwar in Gestalt von Knotenbildung in den Sehnen¬ scheiden, den Schleimbeuteln, dem Unterhautzellgewebe und der Haut selbst. Fälle mit diesen gleichzeitigen Weichteilveränderungen werden von den Dermatologen als Lupus pernio bezeichnet. Die Weichteilveränderungen können sekundär sein, indem der im Knochen beginnende Prozess in die Weichteile, ja bis durch die Haut (Fall 2 und 4) durchwuchert. Meist be¬ stehen aber die Knochen- und Weichteilprozesse koordiniert neben¬ einander, eine sekundäre Arrosion des Knochens von den Weichteilen her dürfte wohl nicht Vorkommen. Histologisch sind die Prozesse identisch: Knötchen vorwiegend aus Epitheloidzellen bestehend, am Rande wenige Lymphojzyten, meist keine Langhans sehen Riesenzellen, im Schnitt keine Tuberkelbazillen (Bericht von O p p e n h e i m - München). Analoge Fälle sind in der letzten Zeit von Muster, Gans, Hosemann, F r ä n k e 1 bekanntgegeben worden. In einem der vorgestellten Fälle (Fall 4), sowie im Fall Gans ist der Tierversuch auf T uberkulose positiv ausgefallen, was insofern bemerkenswert ist, als dieser bei Lupus pernio im allgemeinen negativ zu sein pflegt. (Auch in Fall 2 der vor¬ gestellten Fälle negativ; der Patient ist an Lungen- und Wirbelsäulentuber¬ kulose zugrunde gegangen.) Von der landläufigen Knochentuberkulose unterscheidet sich die O. t. m. c. ganz wesentlich, vor allem durch das völlige Fehlen der Nekrosen; Sequesterbildung ist nie beobachtet. Bricht der Prozess nach aussen durch die Haut durch (Fall 2 und 4), so wird er nicht fistulös, sondern es ragen einfach trockene Granulationen aus der Perforationsöffnung der Haut heraus. Die Weichteilveränderungen bei dem sog. Lupus pernio rechnet die Mehrzahl der Dermatologen zu den Tuberkuliden. Im selben Sinne könnte man die O. t. m. c. als Tuberkulid des Knochens bezeichnen in Analogie zu tuberkuliden Prozessen, die auch in anderen Organen Vorkommen (Lewan- d o w s k y). Differentialdiagnostisch kommen für das Röntgenbild Enchon- drom, Ostitis fibrosa, Lues (mal perforant) in Betracht. Aus Röntgenaufnahme + klinischem Bild ist die Diagnose wohl immer mit Sicherheit zu stellen. Röntgenbehandlung hat in den meisten Fällen versagt. Diskussion: Die Herren Schmidt, Mönckeberg, John Miller, Stock, Jüngling. Herr Scheerer: Krankenvorstellung. 1. Fall von fulminierender Er¬ blindung. Klinisch typischer Fall, der aber ophthalmoskopisch auch Synechien, Glaskörpertrübungen und einen grossen peripheren Netzhautherd aufwies. Alle Erscheinungen verschwanden spurlos, der Visus wurde anscheinend wieder normal (3 jähr. Knabe). Aetiologie unbekannt, 4 Wochen vor Er¬ blindung wirkungslos genommenes Wurmmittel als Ursache unwahrscheinlich. 2. Röntgenbestrahlung bei Iristuberkulose. Ein anscheinend verlorenes Auge wurde innerhalb 5 Monaten zweimal mit je etwa 14 HED. bestrahlt und erholte sich jedesmal überraschend von den vorher bestandenen Reizzuständen (Knötchenbildung, grosses organisiertes Kammerexsudat, Sekundärglaukom). Der Fall ist nicht rein, da ausserdem operiert wurde, was aber anscheinend ohne nachhaltige Wirkung blieb, ermuntert aber doch zu weiterer Anwendung des Verfahrens. 3. Demonstration der Seidel sehen Fluoreszinprobe auf Fistulation nach E 1 1 i o t scher Trepanation an einem beiderseitigen juvenilen Glaukom. Die auf einer Seite versuchte plastische Deckung gelang bisher nicht. Diskussion: Herr J ü n g 1 i n g, Herr Stock. Herr K. Alpers: Beitrag zum Veronalnachweis in Leichenteilen. Der Vortragende hatte Leichtenteile auf Veronal und andere Gifte zu untersuchen. Die Teile stammten von einer Frau in mittleren Jahren, welche im 6. Monate schwanger war; sie war unter Vergiftungserscheinungen am 4. Juli nachmittags erkrankt und etwa 24 Stunden darauf gestorben. Die Teile kamen 8 Tage nach der Beeerdigung zur Untersuchung. Es steht nach dem Verlauf der Krankheit und nach Zeugenaussagen fest, dass die Frau am Nachmittage des 4. Juli 10 g Veronal eingenommen hat. Ausserdem wurde die Vermutung ausgesprochen, dass die Verstorbene in selbstmörderischer Absicht oder in der Absicht, die Leibesfrucht abzutreiben, vielleicht noch anderes Gift genommen haben könnte. Flüchtige und Metallgifte waren nicht nachzuweisen. Die Prüfung auf Veronal wurde aufs sorgsamste in dem schwach schwefelsauren Auszug von 0,5 kg des fein zerschnittenen Magen¬ darmkanals vorgenommen. Es wurden jedoch nur 3 mg einer Substanz ab¬ geschieden, die folgende für Veronal bezeichnende Reaktionen gab: Sie zeigte saure Reaktion und Kristallform des Veronals, die sublimierte unzer- setzt; sie war schwer in Wasser löslich und gab mit salpetersaurem Queck¬ silberoxyd noch in grosser Verdünnung Niederschläge. Versuche, die für die Reaktionen benutzte Substanz wieder zu gewinnen und für die Schmelzpunkt¬ bestimmung zu reinigen, misslangen. Es kann aber angenommen werden, dass die isolierte Substanz Veronal gewesen ist. Bei der Prüfung auf Alkaloide wurden Spuren Koffein gefunden. Es wurde später aus den Akten festgestellt, dass der Arzt der Kranken Koffeininjektionen gegeben hatte. Der Vortragende hält es für unwahrscheinlich, dass zur Zeit des Todes, also etwa 24 Stunden nach Einnahme von 10 g Veronal, sich nur noch einige Milligramme desselben im Magendarmkanal vorgefunden haben, sondern glaubt vielmehr, dass nach dem, was wir über die Resorption des Veronals und seine Abscheidung durch den Harn wissen, bedeutend mehr Veronal als aufgefunden zur Zeit des Todes in dem Darm vorhanden gewesen sein muss, dass aber eine Zer¬ setzung des Veronals in den acht Tagen, die seit der Beerdigung verstrichen waren, vor sich gegangen ist. Der Harn der Verstorbenen stand nicht zur Verfügung, er war von dem Arzte der Kranken kurz vor ihrem Tode zu diagnostischen Zwecken abgenommen worden. Herr Alpers: Ueber die Verschlechterung des Nähr- und Geldwertes der Wurstwaren während und nach dem Kriege auf Grund der Untersuchungen des Hygienischen Institutes. Es gelangten etwa 80 Proben Wurst, die in Metzgereien Tübingens und Hohenzollerns vertraulich angekauft waren, zur Untersuchung auf Asche-, Wasser-, Fett- und Proteingehalt bzw. Gehalt an organischem Nichtfett nach Feder, sowie auf verbotene Konservierungsmittel und stärkehaltige Binde¬ mittel. Aus Fett- und Proteingehalt wurde der Kalorienwert der Würste berechnet. Aus den tabellarisch zusammengestellten Ergebnissen sei folgen¬ des hervorgehoben: Es fällt ein bedeutender Rückgang des Fettgehaltes während der Kriegs¬ und Nachkriegszeit auf. So zeigte z. B. Schinkenwurst 1914 22,43 Proz.. 1916/19 8,55 Proz., 1921 (Januar bis April) 8,81 Proz. mittleren Fettgehalt. Die Metzger sind also bei der während des Krieges angenommenen Gewohn¬ heit, aus dem Fettgewebe der Schlachttiere das Fett gesondert zu gewinnen, auch in der Nachkriegszeit geblieben. Während der letzten Kriegsjahre war allerdings auch die Schwierigkeit, fette Schlachttiere aufzuziehen, an der Fettverarmung der Wurst schuld. Der absolute und relative Wassergehalt der Würste ist gegenüber der Friedenszeit durchweg erhöht. Die Erholung 100 MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT. Nr. 3. ist zum Teil auf die Fettverarmung, zum Teil auf Streckung der Wurst mit WaS Die 'wurstwaren sind gegenüber den meisten anderen Nahrungsrnitteln einseitig verteuert, wie folgende Zahlen zeigen. Manjrhiel für eine : Mark ^an Kalorien (sog. Reinkalorien): Schinkenwurst: 1914 - 1131^ 19UI19 JW. 1921 = 47. Gewöhnliche Leberwurst: W14 - 1797, 1916/19 2b2r\9l\_ • Bessere geräucherte Leberwurst: 1914 - 2223, 1917 447^19 Blutwurst (schwarzer Schwartenmagen): 1914 JJ67> 19"n eeen‘ Erbsen; Presswurst: 1914 — 1582, 1917 377, 1921 ■ g_ 1914 = 10 344 1921 = 827, Kartoffeln: 1914 — 10 712, 1921 y52- Der Rückgang des Kaloriengehaltes ist besonders durch die Fettve - armung bedingt. Nachtrag zum Offiziellen Protokoll der Sitzung vom 4. Juli 1921. Vorsitzender: Herr Mönckeberg. Schriftführer: Herr B r o s a m 1 e n. . Herr Weitz spricht über die Vererbung bei Muskeldystroplne. Dem Erbgang der Muskeldystrophie wird an Hand von 15 genealogisch genau durchforschten Familien, in denen die Krankheit beobachtet wurde und eines grossen, aus der Literatur gesammelten Materials nachgegangen. Na_h dem die Möglichkeit, dass bei der Erkrankung ein dominanter, ein einfach rezessiver ufid ein geschlechtsgebunden-rezessiver Erbgang nebeneinander vorkommt ventiliert ist, und nachdem weiter festgestellt ist, d£ss so das starke Ueberwiegen der männlichen Erkrankten und die sicher beobachtete Vererbung der Krankheitsanlage durch gesunde Frauen hindurch auf weibliche Personen nicht erklärt werden kann, wird die Hypothese aufgestellt, dass „die Krankheitsanlage durch Mutation entstehe (im männlichen und weiblichen Geschlecht wahrscheinlich gleichhäufig), dass sie dem dominanten Erbgang folge, und im männlichen Geschlecht, ein gewisses Alter des Erkrankte vorausgesetzt stets die Krankheit bewirke, dagegen im weiblichen Geschlecht nur bef einem gewissen Teil, und dass die Eigentümlichkeit des Weibes, das Leiden trotz bestehender Anlage nicht zu bekommen, sich in manchen Fal cn stärker zeige als in anderen.“ Unter den durch Mutation krank gewordenen Personen kommen nur die leichter Erkrankten zur Fortpflanzung und werden die Stammväter oder Stammütter der Familien mit dominantem Erbgang, die übrigen bilden isolierte Fälle. Die gesunden Frauen mit Kr^nk^‘tsan'^seeV^' erben die Anlage im Durchschnitt auf die Hälfte ihrer Kinder. Diese er¬ scheinen, wenn mehrere erkranken, als sog. familiäre Falle. Wenn m eine Geschwisterreihe ausser Erkrankten gesunde weibliche Personen mit der Krankheitsanlage Vorkommen, welche die Krankheit auf Deszendenten ve - erben, so wird, wenn nur männliche Personen erkranken, ein geschlechts¬ gebunden-rezessiver Erbgang vorgetäuscht. Das Bestehen eines Gesetzes der Anteposition und eines progressiven, schwer degenerativen Charakters der Muskeldystroplne innerhalb einer Deszendentenlinie wird abgelehnt nach genauer Darlegung der fa’schen Schlüsse, durch die die gegenteilige Ansicht gestutzt scheint. Auf das nicht seltene Vorkommen von Homologie und Homochrome bei Aszendenten und Deszendenten wird hingewiesen. Das häufige Vorhandensein der Homo- chronie und Homologie unter Geschwistern wird bestätigt. Die Erscheinungen der Homochrome und Homologie und das nicht seltene Vorkommen der Anteposition werden durch das Vorhandensein von vererb¬ baren Modifikationsfaktoren, welche den Grundfaktor, die Krankheitsanlage, beeinflussen, zu erklären gesucht. .... . „ Der Auffassung, dass reine Fälle von Muskeldystroplne ausserst selten seien und dass zahlreiche Uebergänge zu anderen endogenen Krankheiten die Aufstellung der Krankheit „heredofamiliäre Degeneration* erfordern, wird widersprochen. „ , , • ■ v . , Ä „ Das Vorkommen mehrerer endogener Erkrankungen bei einem Kranken wird durch die Annahme erklärt, dass das schädigende Agens in dem Keim, aus dem das kranke Individuum hervorging, mehrere Krankheitsanlagen ver- ursacht habe Diskussion: Die Herren Hoffman n, Gaupp, Lehmann, Prell, Weitz. _ _ _ _ Physikalisch-medizinische Gesellschaft zu Würzburg. (Eigener Bericht.) 1. Sitzung vom 12. Januar 1922. Herr M. Meyer: Ueber das Karzinom des Siebbeines. M. hat 5 Fälle von Siebbeinkarzinom klinisch und anatomisch untersucht Er bespricht besonders die Knochenbildung an 4 der Geschwülste. Es findet ausser Umbau mittels Osteoblasten und Osteoklasten am praformierten Knochen Knochenneubau im Geschwulststroma selbst statt und zwar auf neoplastischem und metaplastischem Wege, auf dem Umwege über Knorpel und schliesslich an schleimig degeneriertem Tumorstroma durch Kalk¬ ablagerungen, aus denen schliesslich Knochen entsteht. 2 Geschwülste zeigten z. T. hochgradige schleimige Degeneration. 3 mal handelte es sich um Adenokarzinome, 1 mal um ein Carcinoma solidum, 1 mal um ein 1 latten- epithelkarzinom. . Herr W. Schmitt: Untersuchungen zur Physiologie der Plazentar- gcfässc Experimentelle Untersuchungen an den Gefässen des fötalen Blutkreis¬ laufes in der Plazenta. Bestätigung der Angabe, dass die Gefasse der Plazenta und Nabelschnur nervenlos sind an mit der Natronlauge-Silber¬ methode nach Schultze-Stöhr gefärbten Präparaten. Die Richtigkeit dieser anatomischen Befunde vorausgesetzt sind diese Gefasse die einzigen ohne Innervation und eignen sich zur Untersuchung der viel umstrittenen Frage nach dem Ursprung des peripheren Gefässtonus und nach dem Angriffs¬ punkt peripher wirkender Reize. Methodik: 1. Künstliche Durchströmung ganz frischer Plazenten, 2. Gefässstreifenmethode nach M a c W i 1 1 i a m und v. Frey. Die Plazentargefässe reagierten auf diejenigen Reize, welche an den Gefässmuskeln angreifen (Histamin, BaCb, Pituglandol) in gleicher oder ähnlicher Weise, wie dies von den Gefässen der übrigen Organe des Warm¬ blüters bekannt ist. Adrenalin dagegen wurde nahezu regelmässig wirkungs¬ los gefunden, was für die Annahme L a n g 1 e y s spricht, dass Adrenalin an den Nervenendapparaten in der Gefässwand und nicht an der Gefäss- muskulatur angreift. Eine besonders hohe Empfindlichkeit zeigten die Pla¬ zentargefässe gegenüber dem Sauerstoff. Auf Zuleitung von Sauerstoff in den Versuchszylinder wurden Verkürzungen des Gefässstreifens um 40 bis 50 Proz. der ursprünglichen Gefässlänge erzielt; es Hess sich eine bestimmte Sauerstoffkonzentration eine bestimmte Qe^ssweite her ruft Bei Einleitung eines Gasgemisches von 4,7 Vol.-Proz. Sauerstoff ginnt die Kontraktion. Bei Zuleitung von Gasgemischen von hohe^emK^aV^' stoffgehalt traten stärkere Gefässkontraktionen auf Zul®>tun« säure oder Stickstoff erschlaffte die Gefasse wieder. Nach diesen Unter¬ suchungen ist es wahrscheinlich, dass auch im lebenden Organismus die Gefässweite in der Plazenta von dem Sauerstoffgehalt des Blutes abhängt. Die Plazenta stellt das Atemzentrum des Fötus dar. .... Aussprache: Herr P. Hoffmann weist auf eine Arbeit von Sleisch (unter Hess) hin, welche sehr geringen Änderungen des Pa., welche den im Blute liegenden entsprechen, einen starken .^‘^“^ehau oten Regulation der Gefässweite zuspricht. Angaben von A t z 1 e r behaupte aber das Gegenteil. Die Untersuchungen von Schmitt sprechen für Sleisch (Stickstoff macht Erstickung). . , Herr v. Frey stimmt der Ansicht vom peripheren Atemzentrum in aer Plazenta zu. Daneben haben auch die Gefässe des Fötus ihrerseits Anteil. Er stellt die Frage, wann die Gefässnerven beim Embryo entstehen. Herr Braus berichtet über amerikanische Arbeiten, welche eine enge (1 mm) und eine lange spiralige (10 cm) Wicklung der parmmuskulatur nach¬ wiesen, deren Kontraktion Verengerung resp. Dilatation macht Beispiel, dass Reiz auf Muskulatur allein ohne Nerv verschiedene Wirkung haben kann. Herr Schmitt: Bei den Rindergefässen macht elektrischer Reiz, be¬ sonders bei den dünnen Gefässen, meist Verlängerung. Mikroskopisch findet sich vorzugsweise Ringmuskulatur. Bei den Plazentargefassen erfolgt Ver¬ kürzung. Mikroskopisch ist die Längsmuskulatur starker. N. Verein deutscher Aerzte in Prag (Eigener Bericht.) Dezember 1921. Jaksch-Wartenhorst: 1. Fall von Chorea Huntington. Der Stammbaum ergibt, dass das Leiden bereits in der 3 Generation vorkommt und auch eine Tochter der Pat. zeigt nervöse Erscheinungen. 2. Fall von Chorea postgripposa, geheilt durch Injektion von 100 ccm Grippeserum. H. H. Schmid bespricht 2 Kranke mit retropentonealen Tumoren, die beide durch Operation geheilt wurden. Der eine war ein retroperitoneales Fibrosarkom, der andere ein unreifes Spindelzellensarkom. Schubert stellt einen Fall von echten leukämischen Tumoren der Haut vor. Sämtliche Lyinphdrüsen des Körpers waren stark vergrossert. Sub- leukämischer Blutbefund: 4,5 Millionen Erythrozyten, 19 000 weisse Blut¬ körperchen, darunter 78,8 Proz. Lymphozyten und 18,8 Proz. Leukozyten. Elschnig demonstriert zum ersten Male 9 ophthalmologische rilme. Ghon: Zur Altersbestimmung der Kindertuberkulose. Kmd mit kongeni¬ taler Lues, das sich von seiner Mutter überdies mit Tuberkulose infizierte, am Ende der 17. Lebenswoche an allgemeiner Miliartuberkulose starb. Käsiger Primärherd in der Lunge, Lymphadenitis der regionären Lymphknoten, Anfang der 13. Lebenswoche intradermale Tuberkulinreaktion negativ, Ende der 15. positiv. Der tuberkulöse Prozess war aerogen erworben, 4 5, höchstens 7 Wochen alt. , , , .. Stark enstein: Pharmakologische Beeinflussung der Flusslgkeits- abgabe. Atophan steigert gewisse Formen der Diurese, ohne selbst auf die normale Harnsekretion Einfluss zu nehmen. Atophan bringt nicht an und für sich im Körper deponiertes Wasser zur vermehrten Ausscheidung, sondern nur solches, das der Niere zur Disposition gestellt wird. Diese Vorbedingung ist bei jeder Hydrämie gegeben, aber auch dann, wenn durch ein Diuretikum (Xanthinderivate) mehr Wasser als in der Norm der Niere zugeführt wird. In diesem Falle steigert dann Atophan die Wirkung des Diuretikums Die Wahl des Diuretikums ist von der jeweiligen pathologischen Ursache der Wasserstauung abhängig. Der Angriffspunkt dieser Atophanwirkung liegt in der Niere und dürfte durch die Lähmung einer Hemmung (Sympathikus t) bedingt sein, während die eigentlichen Diuretika extrarenal angreifen. Pribram: Klinische Beobachtungen über die Einwirkung des Atophans auf die durch Diuretika bewirkte Harnausscheidung. Es werden Kurven demonstriert, die zeigen, dass die durch entsprechende Diuretika (Digitalis mit Koffein bei inkompensierten Vitien, Theobromin und Kalium aceticum bei Nephropathien) bedingte Diurese nach Atophanverabreichung unter Umständen einer wesentlichen Steigerung fähig ist. B e n d a berichtet über Austritt der Fettmassen aus dem Innern einer Dermoidzyste des' Ovariums (mikrochemischer Nachweis), teils durch die Lymphgefässe der Zystenwand, teils zwischen den Bindegewebslamellen hin¬ durch. , . . . . . Wodak und M. H. Fischer haben eine neue, bei jeder Art von Vestibularisreizung auftretende Reaktion, die sie als Arm-Tonus-Reaktion bezeichnen, gefunden. Sie beobachteten nämlich eine durch die Vestibularis¬ reizung entstehende Aenderung der subjektiven Schwereempfindung. Lässt man in dieser Phase die Versuchsperson beide Arme horizontal vor sich hinhalten, so tritt eine Differenz in der Höhe auf, der Arm der subjektiv schweren Körperhälfte sinkt, der andere steigt. Dieses Phänomen dauert etwa Vi — 34 Stunde und zeigt je nach Art der Reizung rascheren oder lang¬ sameren häufigen Umschlag. F. P i c k: Es hat sich herausgestellt, dass der Fall von Huntington - scher Chorea, den Jaksch vorgestellt hat, die Tochter eines Mannes ist, den P. 1895 wegen des gleichen Leidens sah und er demonstriert den damals aufgestellten Stammbaum. L u c k s c h demonstriert Zellelnschlüsse bei Encephalitis epidemica, die den von J o e s t bei der Borna sehen Krankheit der Pferde gefundenen sehr ähnlich sehen. Kleiner: Alveolarpyorrhöe. Zusammenfassender Ueberblick über den derzeitigen Stand der Aetiologie, Klinik, Diagnostik iund Therapie dieser Krankheit. Es wird auf die Wichtigkeit der Röntgenuntersuchung hinge¬ wiesen. Als Therapie wird Schleimhautaufklappung in Verbindung mit medi¬ kamentöser Behandlung (60 proz. Acid. lact.) empfohlen, als Befestigungsmittel die Rhein sehe Schiene. W o t z i 1 k a - Aussig: Nasen- und Mundatmung. Der Atemstrom findet in der Nase grösseren Widerstand als im Munde, daher sind die Atem¬ bewegungen des Thorax und Zwerchfells bei Nasenatmung grösser als bei Mundatmung. Die Weite der Nasenöffnung wird durch das Spiel der Nasen¬ flügel, die des Nasenlumens durch den Füllungsgrad der Corpora cavernosa 20. Januar 1922. MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT. der Nasenmuscheln verändert. Mit zunehmender Verengerung der Nase wer¬ den die Thoraxbewegungen kleiner, die Zwerchfellbewegungen grösser. Die intrapleuralen Druckschwankungen nehmen in kaudaler Richtung zu, gehen den Atembewegungen, besonders des Zwerchfells, parallel und sind bei Nasen¬ atmung grösser als bei Mundatmung. Der Atemstrom jeder Nasenseite führt möglicherweise in die gleichseitige Lunge. Gesellschaft der Aerzte in Wien. (Eigener Bericht.) Sitzung vom 3. Dezember 1921. Herr S. Ehrmann stellt einen Mann mit Lepra tuberosa vor. Herr A. T h i e m e (aus München) demonstriert Uvachrombilder von Dermatosen und Reproduktionen von Uvachrombildern in Farbendruck. Herr M. H a j e k demonstriert ein Mädchen nach Dekanulement nach Tracheotomie. Die Kranke kann ohne Kanüle sehr gut sprechen und sogar etwas singen, weil eine Art Ventilverschluss dadurch hergestellt wird, dass die Mm. sterno- cleidoinastoidei und die Mm. sternohyoidei sich gleichzeitig kontrahieren. Herr Q. Pleschner: Fremdkörper ln der Urethra. Herr P. Llebesny: Untersuchungen mit dem von O. Müller an¬ gegebenen Kapillarmikroskop. Herr A. Fei sch und Herr A. Schüller: Tuberkulöser Kopfschmerz. Die meisten Pat. sind nicht spitalsbedürftig. Die Kopfschmerzen haben meist den Typus der neurasthenischen Kopfschmerzen. Therapeutisch hat sich die Lumbalpunktion gut bewährt, ebenso Tuberkulin in grossen Dosen. Sitzung vom 9. Dezember 1921. Herr K. Fleischmann demonstriert eine Frau mit Ovarientransplan¬ tation. Die Frau litt an Amenorrhoe und an Kinderlosigkeit. Es wurde ihr rechts und links in den M. obliquus externus je ein halbes Ovarium einer anderen Patientin implantiert. Der Uterus hat sich vergrössert, Blutungen mit dem Typus der Menses sind aufgetreten; in der linken Tubenecke sitzt ein Tumor. Herr F. D e m m e r demonstriert ein 3 Monate altes Kind, das mit einer halbeigrossen, nicht reponiblen Geschwulst in der Nabelgegend zur Auf¬ nahme kam. Die Operation ergab, dass es sich um ein Darmstück handelte; das Mesenterium fehlte sektorenförmig. Es wurde eine Anastomose zwischen dem oberhalb der Atresiestelle erweiterten Dünndarm und dem Colon ascendens angelegt. Herr G. Riehl: Starkstromwirkungen an der Haut. Bei Verbrennungen spielt die Höhe der Temperatur und die Dauer der Wirkung eine Rolle. Der Starkstrom kann hingegen alle Gewebe bis auf die Knochen zertrümmern; dagegen sind bei Starkstromverletzungen die Haut¬ veränderungen nur mit Verbrennungen 3. Grades zu vergleichen. Exitus wird durch die Summe der Veränderungen an den inneren Organen durch die Joule sehe Wärme bedingt. K. Kleine Mitteilungen. Ueber eine neue Betäubungsmanie, die „C h 1 o r o d i n - S u c h t“ in England, berichtet die Pharm. Ztg. Chlorodin übt ähnliche Wirkungen aus wie Morphium und Kokain. Die Mengen, die bisher davon im freien Verkauf zu erhalten waren, wirkten so stark, dass sie bei längerem Gebrauch die Gesundheit völlig untergruben. Der Chlorodindämon hat besonders Frauen ergriffen; er scheint zunächst von aus den Tropen Zurückgekehrten eingeführt worden zu sein, die dort Chlorodin gegen Ruhr erhielten und sich die Droge dann nicht mehr abge- wöhnen konnten. Die englischen Behörden haben nun in Apotheken den Verkauf nur noch auf ärztliche Rezepte hin gestattet. Es dürfte sich um das in dem British Pharmaceutical Codex aufgeführte Chlorodyne handeln, das als wesentliche Bestandteile 0,5 Proz. Morphium hydrochloricum, 6 Proz. Chloroform, 3 Proz. Tinct. Cannabis Indicae enthält. Therapeutische Notizen. Zur Impfbehandlung der akuten gonorrhoischen Urethritis bringt Demonchy (Presse medicale 1921 Nr. 76) eine kurze Zusammenfassung sowohl über die Darstellung des Impfstoffes wie über seine praktischen Erfahrungen. Er hält es nicht für absolut notwendig, dass dem zur Reinkultur dienenden Nährboden (gewöhnliche Peptone des Handels, zu 2 Proz. in Bouillon gelöst) ein vom Menschen oder Tier stammen¬ des Serum (Aszitesflüssigkeit, Serum, defibriniertes Blut) zugefügt wird, sondern es genüge, ein an Aminosäuren reiches Pepton zu wählen und nicht zu stark zu alkalisieren. Die zu injizierende Dosis der Vakzine muss um so geringer sein, je ausgesprochener die Kongestionserscheinungen sind. Bei der Irischen akuten Urethritis, wenn der Ausfluss erst 2—3 Tage mit zahlreichen extrazellulären Gonokokken besteht, injiziert man anfangs % cg, wenn er älter ist, genügen 1—2 mg; bei subakuten Formen, die 25—30 Tage zurück¬ datieren und noch nicht behandelt worden sind, muss man anfangs 1 — 2 cg injizieren, um eine beträchtliche Allgemeinreaktion hervorzurufen. Bei allen akuten oder subakuten Komplikationen (Orchitis, Prostatitis) verfährt man ähnlich. Die Zahl und Folge der weiteren Injektionen richtet sich nach dem klinischen Bilde und den mikroskopischen Veränderungen des Ausflusses (Zahl der Gonokokken im Verhältnis zu den Leukozyten). Die besten Resultate werden erzielt, wenn man der Vakzinetherapie eine Anzahl (7) täglicher Spülungen folgen lässt. Wenn man hingegen von Anfang an mit der Lokal¬ behandlung einsetzt, so sollten nur Spülungen des vorderen Teils der Harn¬ röhre gemacht und alle 3 Tage Dosen von 2 — 5 mg injiziert werden; die Dauer der Behandlung wird im allgemeinen eine längere sein, aber die Komplikationen sind seltener, wenn man die grossen Spülungen und die höheren Dosen erst m der Periode der Besserung anwendet, als wenn man erstere schon von Beginn an vornimmt. Im letzteren Falle ist es vorzuziehen, die Vakzine im Endstadium erst anzuwenden; man erzielt zahlreiche Erfolge, wenn man auf Dosen von 2 5 mg eine starke Dosis von 2 — 5 cg folgen lässt. Diese beiden Methoden: Impfung, dann Spülung oder umgekehrt geben gleicherweise 101 gute Resultate mit den Vakzinepräparaten, welche D. nach seiner Technik herstellen liess. Die zweite hat den Vorzug der leichteren Anwendbarkeit, aber erstere jenen, rascher zu wirken und verdient daher unsere spezielle Aufmerksamkeit. St. Franz Amon- Erlangen erprobte das von der Firma Bayer & Co., Leverkusen hergestellte Antiskabiosum „M i t i g a 1“, eine organische Schwefelsäureverbindung, an der Erlanger dermatologischen Klinik. Bei allen 60 njit dem Mitigal behandelten Fällen trat ein voller Erfolg ein. Bei über 90 Proz .der Fälle war der Juckreiz bereits nach der 2. Einreibung des Oels verschwunden; die objektiven Erscheinungen waren oft schon nach der ersten Einreibung im Rückgänge. Ein Rezidiv wurde nicht beobachtet. Das Mittel erwies sich als vollkommen unschädlich auch für die kindliche Haut (der jüngste Patient war 10 Wochen alt). Es ist in der Anwendung sauber und beschmutzt die Wäsche nicht. Der Preis für eine Flasche, die für eine Kur genügt, beträgt 12 Mark. (Therapeutische Halbmonatshefte 1921, 11.) H. T h i e r r y. W. Rieder- Frankfurt a. M. berichtet über eine Kombination von Skopolamin mit Laudano n, wie sie bei Röntgentiefenbestrah¬ lungen in der Schmieden sehen Klinik gegeben wird. Durch eine Ver¬ abreichung von 0,04 g Laudanon zusammen mit 0,0004 g Skopolamin, das in sterilen Ampullen erhältlich ist, konnten auch die sensibelsten Patienten die stundenlang dauernden Bestrahlungen aushalten. Sie wurden dadurch in einen Dämmerschlaf versetzt, der 7 — 8 Stunden anhielt; bei noch länger dauernden Bestrahlungen musste noch eine halbe bis eine ganze Spritze nachgegeben werden. Unangenehme Nebenwirkungen der Injektion wurden nie beobachtet bei den über 200 bisher damit behandelten Fällen. Auf Grund der günstigen Erfahrungen rät R. zur Anwendung dieser Kombination auch im Operationssaal und bei der Ausführung des Pneumo¬ peritoneums. (Therapeutische Halbmonatshefte 1921, 11.) H. T h i e r r y. Studentenbelange. Reichsbund der Kriegsteilnehmer. Der Verband der Kriegsteilnehmer deutscher Hochschulen erlässt einen Aufruf, in dem er die Notlage der akademischen Kriegsteilnehmer darstellt und betont, dass grosse Mittel erforderlich sind, um die von ihm begonnene Nothilfe fortzusetzen. Er will durch Gewährung von Darlehen und Unter¬ stützungen den bedürftigen studierenden Kriegsteilnehmern die Ablegung des Examens ermöglichen und ihnen nach dem Examen den Eintritt in das Berufsleben erleichtern. Im November 1921 wurden zum ersten Male 600 000 M. an Unterstützungen ausgegeben. Einzahlungen sind zu leisten auf das Postscheckkonto München 13 921 oder auf das Bankkonto 230 der Städtischen Sparkasse München. (Aus Hochschulbl. d. Voss. Ztg.) v. V. Zum Verfassungskampf in der deutschen Studentenschaft. Im Allgemeinen studentischen Pressedienst ist folgende Bekanntmachung des Vorstandes der deutschen Studentenschaft erschienen; „Am Freitag, den 9. und Sonnabend, den 10. Dezember 1921 tagte in Göttingen der Spruchhof der reichsdeutschen Studentenschaft, der sich mit den schwebenden Verfassungsfragen zu beschäftigen hatte. In der Presse sind bereits die widersprechendsten Gerüchte aufgetaucht über die angeblich gefällte Entscheidung. Wir warnen davor, weiterhin mit diesen meist recht tendenziös gehaltenen Ausführungen, die in keiner Weise den Tatsachen entsprechen, die studentische Oeffentlichkeit zu beunruhigen. Der Entscheid des Spruchhofes wird der Oeffentlichkeit sofort bekanntgegeben, nachdem er Rechtskraft erhalten hat.“ Es ist zu wünschen, dass die Entscheidung des Spruchhofes in dieser wichtigen Frage möglichst bald der Oeffentlichkeit bekanntgegeben wird, damit endlich Klarheit herrscht über die Verfassung der deutschen Studenten¬ schaft. v. V. Bund deutscher Assistenzärzte. L Die in Nr. 2, 1922 der „Aerztl. Mitt.“ veröffentlichten und den medizinischen Wochenschriften zur Veröffentlichung eingesandten Richtlinien betreffs der Facharztfrage wurden in ausführlich begründeter Form auch dem Vorstand des Verbandes der Fachärzte Deutschlands übermittelt. Gleichzeitig wurde dieser gebeten, seiner Forderung, dass die Fachärzte ihre Assistenten zeitentsprechend besolden sollen, durch Einwirkung auf seine Ortsgruppen und durch erneuten Hinweis in den Fachärztl. Mitteilungen Nachdruck zu verleihen. Die z. Z. oft noch recht unzeitgemässe Bezahlung der Privatassistenten wurde dabei besonders betont. Die Frage des vom diesjährigen Vertretertag angeregten Kartells des B.D.A. mit dem V.d.F.D. ist in die Wege geleitet. 2. Die Veröffentlichung der Notizen des B.D.A. in den medizinischen Wochenschriften bietet nunmehr die Möglichkeit, weitere Kreise mit den Bestrebungen des B.D.A. bekannt zu machen. Die Ortsgruppen sind zur Mitarbeit eingeladen. Etwaige Beiträge müssen Rücksicht nehmen auf die Kostbarkeit des Raumes und sind an. die Geschäftsstelle einzusenden, wo sie redigiert werden. 3. Beitritt zum B.D.A. erfolgt durch Anschluss an die nächste Ortsgruppe. Voraussetzung ist die Mitgliedschaft zum L.V. Der B.D.A. hat keine Einzel¬ mitglieder, sondern setzt sich zusammen aus Ortsgruppen und bildet als Ganzes eine Sondergruppe des L.V. Ortsgruppenverzeichnis befindet sich im Neudruck und kann demnächst von der Geschäftsstelle bezogen werden. 4. Abzüge vom Gehalt für freie Station dürfen nach Beschluss des dies¬ jährigen Vertretertages höchstens 25—33% Proz. betragen. 5. Beschleunigte Rücksendung des Fragebogens ist geboten, ausführliche Berichte über die gegenwärtige Lage bei den Ortsgruppen sind sehr er¬ wünscht. Anfragen etc. unter Beifügung von 2 M. für Rückporto an die Ge¬ schäftsstelle des B.D.A., Leipzig, Dufourstr. 18, 2. Der Vorstand: Dr. Kortzeborn, 1. Vorsitzender. 102 mHNCHFNER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT. _ Nr. 3. Tagesgeschichtliche Notizen. t. _ — IC Toninr München, den 18. Januar 1922. Die — (iewerbeärzte, wie sie in anderen Ländern sich bereits be- Ctet ^ - Zur ^ Unterstützung der technischen Gewerbeaufsichtsbeamten in ge- ääss satg ”Hr sä £1 . ä “s* vr i,°ä s,nsn m *äk5 r SÄST Är»Ä d”f *ns Bä Prüfung und Fortbildung der Gewerbearzte erlasst der Minister für Volks Wohlfahrt Qesetz betreffend Wochenhilfe und Wochenfür¬ sorge vom 28. Dezember 1921 bringt gegenüber der bisherigen ^chtslage nach zwei Richtungen wesentliche Aenderungen. Einmal wird der Betrag des Stillgeldes erhöht und zwar gleichmässig für die Versicherten-Wochenh l die F unilien wochenhilfe und die Wochenfürsorge von bisher 1.50 M. täglich auf LsS M täglich. Ferner wurde die sog. .^nderbemittelu « der Wochenfürsorge, welche letztmals durch Alt. I I ZifL 2 des Gesetzes vom 29 Juli 1921 auf 10 000 M. erhöht wurde, nunmehr auf 15 000 M. neraut gesetzt. Bei dem Erhöhungsbetrag von 500 M. für jedes vorhandene Kind unter 15 Jahren ist es auch diesmal verblieben. Das neue Gesetz ist . am 5^Janimr ds. J^n -^Leipsdg hat aus Gesundheitsrücksichten sein Mandat zum vorläufigen Reichswirtschaftsrat niedergelegt. An seiner Stelle wurde * Herr Herzau- Berlin als Ersatzmann gewählt und berufen Auch in der Schriftleitung der „Aerztlichen Mitteilungen lasst sich Herr Ha In ann zurzeit (von Herrn Dippe) vertreten. Die Nachricht von der Er¬ krankung ihres erprobten Führers erfüllt die Aerzteschaft mit ernster Sorge. Dass er den wir schlechterdings nicht entbehren können, uns bald in voller Kraft wiedergegeben werden möge, ist der aufrichtige und allgemeine Wunsch der ^non^rnzt^urde ein Arzt wegen angeblich schlechter Behandlung einer Femurhalsfraktur, entgegen dem Gutachten der sach¬ verständigen Aerzte, die die Behandlung für genügend erklärt hatten, zur Zahlung einer hohen Entschädigung verurteilt. Die Jury gründete ihren Spruch vornehmlich darauf, dass der Arzt es unterlassen hatte Röntgenaufnahme zu machen. — Die Universum-Film-Aktiengesellschaft Berlin, Kothenerstr. 1 4 (Ufa), hat unter Benutzung amtlichen Materials eine Reihe weiterer medi¬ zinischer Volksbelehrungsfilme herausgegeben. Es sind er¬ schienen bzw. stehen vor der Vollendung die Filme: Säuglingspflege. Krüppelnot und Krüppelhilfe; die Pocken, ihre Gefahren und deren Be¬ kämpfung; die Wirkung der Hungerblockade auf die Volksgesundheit, ein Tuberkulosefilm; Hygiene des häuslichen Lebens Andere Filme s'emher A sind in Vorbereitung. Ein Erlass des preuss. Ministers für Volkswohlfahrt ordnet an. die Vorführung auch dieser Volksbelehrungsfilme nach Möglichkeit zu fördern, insbesondere auch die Kreismedizinalrate auf die Filme auf¬ merksam zu machen und ihnen ihre Verwertung für Vertragszwecke zu empfehlen. g Deut$che ä r z 1 1 i c h e Gesellschaft für St r a h 1 e n- therapie veranstaltet vom 6. März bis L April einen 4 wöchentlichen Fortbildungskurs, welcher unter Leitung von Prof. Dr. V . S c h m le d e n in den Kliniken und Instituten der Universität Frankfurt a M. ab gehalten wird. Der Kurs soll hauptsächlich der praktischen Ausbildung der Teilnehmer in der Röntgentiefentherapie wird vom 2. bis 5. April in Hamburg an der Universitats-Hautklinik (Direktor- Prof. Dr. A r n i n g) und in der Lupusheilstätte eine Vortragsreihe für D e r m a t o 1 o g e n, Vbm 24. bis 29. April in Tübingen unter Leitung von Prof Dr Perthes ein Vortragszyklus über das Gesamtgebiet der Strahlentherapie mit Demonstrationen und praktischen Uebungen und vom 29. April bis 1. Mai eine Radiumtagung der Gesellschaft in B ad Kreuz¬ nach stattfinden. Anmeldungen für das Praktikum in Frankfurt a. M. sind zu richten an Dr H. H o 1 f e 1 d e r, Chirurgische Universitätsklinik, für den Kurs in Hamburg an Priv.-Doz. Dr. Hans R i 1 1 e r, Krankenhaus St Georg, für den Vortragszyklus in Tübingen an Priv.-Doz. Dr. O. Jüngling, Chirurgische Klinik und .für die Radiumtagung an Dr. W Engel mann. Bad Kreuznach, Ludendorfstr. 12. Beitrittserklärungen für die Deutsche Gesellschaft für Strahlentherapie nimmt entgegen der Schriftführer I rof. Hans Meyer, Bremen, Parkallee 73. — Die nächsten Ferienkurse der Dozentenverei n l g uns f u r ärztliche Ferienkurse in Berlin finden vom 2. bis 29. Marz statt. Monatskurse werden jeden Monat veranstaltet. Sämtliche Disziplinen finden Berücksichtigung. Programm durch die Geschäftsstelle Berlin NW. 6, Luisenplatz 2—4 (Kaiserin-Friedrich-Haus). — In den Nürnberger Fortbildungsvortragen sind folgende weitere Aenderungen nötig geworden: Am 28. Januar spricht nicht Oberarzt S c h e i d e m a n d e 1, sondern Geh.-Rat v. Noorden und am 11. Februar spricht statt O.-R.-M.-R. Mayr O.-A. Scheidemandel. — Der 38. Baineologenkongress, der vom 15.— 18. Marz 1922 unter dem Vorsitz von Wirkl. Geh. Ob. -Med. -Rat Prof. Dr. Dietrich m Berlin (Kaiserin-Friedrich-Haus, Luisenplatz 2—4) tagen wird, wird in der Hauptsache die Beeinflussung des Stoffwechsels und der Stoffwechselkrank¬ heiten durch die Baineologischen Heilfaktoren behandeln. In dem allgemeinen Teil werden Geh.-Rat Strauss und Prof. Bickel über den Einfluss der Bade-, Klima- und Trinkkuren auf den Stoffwechsel, Prof. Franz Müller über Balneologie und Stoffwechselfragen früher und jetzt, und Prof. Erich Müller über die Stoffwechselkrankheiten im Kindesalter sprechen, einzelnen S.oBweeLeJtankhelte» werten i« dnreh enien , n, ecken Vortrnn eingelcitet. Die Einleitung über Diabetes hat Geh -Rat M ink o w s k i ub nommen, über Gicht Geh.-Rat Hl s, über Fettsucht Prof. Dr. P. E K • C J t e r, über innere Sekretion Geh.-Rat Franz, Pro . S c h 1 a y u Prof. Mansfeld. Auskunft über den Kongress erteilt der stellve tr . Ue neralsekretär der Baineologischen Gesellschaft Dr. Hirse h, Charlottenburg, Fraunhof^str.A16v zt)iche Handbuch für Bayern, das infolge der schwierigen Verhältnisse seit 1914 nicht mehr erscheinen konnte, wid» mehT Anfang April durch die Fr. Bassermannsche Verlagsbuchhandlung in München neu herausgegeben werden. Wn„h- vnm , b;s — Fleckfieber. Deutsches Reich. In der Woche vom l. ms 7. Januar wurden in Frankfurt a. O. bei einem aus dem russischen Hunger¬ gebiet eingetroffenen Transport von 171 deutschstämmigen Flucht g 57 Fleckfieberfälle ermittelt. Nachträglich wurden noch mitgeteilt iur die Zeit vom S. Dis 24. Dezember v. 1 8 Kriegsgefangenen in Osternothafen (Kreis Usedom-Wollin, Reg.-Bez Stettin), vom' 25. bis 31. Dezember v. J. 17 Erkrankungen —darunter 1 £rankenpflege- nerson — in Frankfurt a. O. — Polen. Vom 11. September bis 8. Oktober v. J. 693 Erkrankungen (und 53 Todesfälle), davon in der Stadt Warschau ix (\) in den Bezirken Posen 6 und Pommerellen 1. — In der 52. Jahreswoche, vom 25. bis 31. Dezember 1921, hatten ^ von deutschen Städten über 100 000 Einwohner die grösste Sterblichkeit Wies¬ baden mit 36,9, die geringste Neukölln mit 7,4 Todesfällen pro Jahr un 1000 Einwohner. Voff‘ K.-U.-A. Hochschulnachrichten. . | Erlangen. Der Hofzahnarzt Dr. med. dent. et phil. Christian j üreve, vormals in München, ist unter Verleihung des Titels und Ranges 1 eines ausserordentlichen Professors als Privatdozent für Zahnheilkunde in die j medizinische Fakultät der Universität Erlangen aufgenommen worden j Dr G r e v e ist als Abteilungsvorstand in das Erlanger zahnärztliche Institut j eingetreten und hat zugleich einen Lehrauftrag für konservierende Zahnheil- j künde erhalten, (hk.) .... ] Freiburg i. B. Den Privatdozenten an der Universität Freiburg j Dr. Karl A m e r s b a c h (Laryngo-, Rhino- und Otologie), Dr. Hans B o k e r (Anatomie, vergl. Anatomie und Entwicklungsgeschichte) und Dr. Paul L i n d i g (Geburtshilfe und Gynäkologie) wurde die Dienstbezeichnung ausserordentlicher Professor verliehen, (hk.) / +ot.v,oihiahr Heidelberg. Die Universität weist an diesem Winterhalbjahr I 2424 immatrikulierte Studierende auf, davon in der medizinischen Fakultät 3 638, darunter 136 Studierende der Zahnheilkunde, (hk.) . . . ! Kiel Prof Dr W. Berblinger wurde vom Preuss. Ministerium ] für Wissenschaft, Kunst und Volksbildung mit der Vertretung des durch das j Ableben von Prof. Löh lein erledigten Ordinariats für allgemeine Patho¬ logie und pathol. Anatomie an der Universität Marburg für das Winter¬ semester 1922 beauftragt. ... ' „ . München. Habilitiert: Dr. Max Nadoleczny für Sprach- und Stimmstörungen. Habilitationsschrift: Untersuchungen über den Kunstgesang Probevortrag: Phonetik und Heilkunde. — Habilitiert: Dr. med. Paul Martini, Assistent der II. med. Klinik, für innere Medizin. Vortrag: Ueber den Muskeltonus. Ferner Dr. med. Johannes L a n g e, Assistent der - psychiatrischen Klinik, für Psychiatrie. Probevortrag: Ueber Gewohnungs- schwäche und krankhafte Gewohnheiten. ... , . Münster. Für das neugegründete Extraordinariat der Zahnheilkunde ist der beauftragte Dozent und Direktor des zahnärztlichen Instituts Prof. Max A p f e 1 s t a e d t ausersehen, (hk.) _ , , .3 Würzburg. Die medizinische Fakultät der Universität Wurzburg hat in ihrer Sitzung vom 21. XII. 1921 den Dr. Josef Schneider-Preis für die beste Arbeit auf dem Gebiete der Erforschung und Bekämpfung der tuber¬ kulöse während der letzten 10 Jahre einstimmig dem a. o. Prof. Dr. Karl Ernst Ranke in München zuerkannt. Die nähere Begründung lautet: „Sie haben durch Ihre verdienstvollen anatomischen Untersuchungen über _ den Primärkomplex und das sekundäre Stadium der Tuberkulose das klinische Verständnis für den Beginn der Tuberkuloseinfektion vertieft und damit die Brücke geschlagen, um auf dem Boden der pathologischen Anatomie die Anfänge der Tuberkulose -klinisch besser zu verstehen. Da der Kampf gegen die Tuberkulose in erster Linie ein solcher sein wird, der sich mit den ersten- Stadien befasst, so kommt Ihren Untersuchungen eine grosse praktische Be¬ deutung zu.“ Mit dem Preise, der hiermit zum ersten Male verteilt wird, ist die Zuweisung von M. 5460. — aus den Zinsen der Dr. Josef Schneider- Theresiastiftung verbunden. — Die medizinische Fakultät hat den Rinecker- Preis (eine silberne Medaille nebst 1000 M.) dem früheren langjährigen ord. Professor an der Strassburger Universität Dr. Franz Hofmeister, jetzt Honorarprofessor für physiologische Chemie in Würzburg, zuerkannt, (hk.) Todesfall. ^ u u t < In Berlin starb am 2. ds. der bekannte Verlagsbuchhändler Geh. notrat Alfred K r ö n e r. 60 Jahre alt. K r ö n e r s Verlag war im wesentlichen ein philosophischer, er pflegte aber auch die Naturwissenschaften und ist be- kannt als Verleger der Werke Wundts, Darwins und H a e c k e 1 s. Lebhaft interessierte er sich für die junge Wissenschaft der Vererbungslehre, zu deren Förderung er 1913 bei der Bayerischen Akademie der Wissen¬ schaften eine Stiftung von 30 000 M. machte. Korrespondenz. Kostenfreie Lieferung von Sonderdrucken. Wie früher mitgeteilt wurde, haben die Verleger der grossen medi¬ zinischen Wochenschriften wegen der unverhältnismässig hohen neuen Druck- und Papierpreise die früher übliche kostenfreie Lieferung von Sonderdrucken | von Originalarbeiten eingestellt und dafür eine entsprechende Erhöhung des | Verfasserhoinorars eintreten lassen. Da diese Abmachung von seiten ariderer Verleger nicht eingehalten und sie dadurch hinfällig geworden ist, wild der Unterzeichnete Verlag in Zukunft, wie früher, von Originalarbeiten aut Wunsch 25 Sonderdrucke kostenfrei liefern, gleichzeitig aber, um diejenigen Verfasser, die keine Sonderdrucke beziehen, nicht schlechter zu stellen, diesen einen den Herstellungskosten von 25 Sonderdrucken entsprechenden Zuschlag zum Honorar gewähren. L F. Lehmanns Verlag. Verlag von J. F. L eh m ann in München S.W. 2, Paul Heysestr. 26. - Druck von E. Mühlthaler’s Buch- und Kunstdruckerei, München. Preis der einzelnen Nummer 3. - 1. • Bezugspreis in Deutschland • • • und Ausland siehe unten unter Bezugsbedingungen. ... Anzeigenschluss immer 5 Arbeitstage vor Erscheinen. MÜNCHENER Zusendungen sind zu richten Medizinische Wochenschrift. ORGAN FÜR AMTLICHE UND PRAKTISCHE ÄRZTE. Nr. 4. 27. Januar 1922. Schriftleitung: Dr. B. Spatz. Arnulfstrasse 26. _ ' Verlag: J. F. Lehmann, Paul Heyse-Strasse 26. 69. Jahrgang. Der Verlag behält sich daa ausschliessliche Recht der Vervielfältigung und Verbreitung der in dieser Zeitschrift zum Abdruck gelangenden Originalbeiträge vor. Originalien. Aus der Medizinischen Klinik Kiel. (Direktor: Prof. Dr. Schittenhelm.) Ueber cholämische Lipämie. Von Max Bürger. ln der Erörterung der Pathogenese der Cholelithiasis ist der Ur¬ sprung des Gallencholesterins vielfach diskutiert worden. Nach der alten N a u n y n sehen Anschauung ist der Gehalt der Galle an Cholesterin nahezu konstant und rührt in erster Linie von den Mauserungsvor¬ gängen der Epithelien der Gallengänge her. Noch neuere Autoren sind für diese Anschauung eingetreten. W e i n t r a u d 0 glaubt, dass die Leberzellen weder als Bildungsstätte noch als Ausscheidungsorgan für das im Blute dauernd vorhandene Cholesterin anzusehen seien. Auch Hoppe-Seyler2) schliesst sich dem an. Demgegenüber haben A s c h o f f und seine Schüler, vor allem B a c m e i s t e r 3), der Leber eine wichtige Bedeutung im Cholesterinhaushalt zugeschrieben, ln eigenen 4) mit B e u m e r durchgeführten Untersuchungen sind wir zu der Ueberzeugung gekommen, dass die Leber als ein Ausscheidungs¬ organ für das Cholesterin anzusehen ist, und dass ein behinderter Gallen¬ abfluss eine Riickstauung von Cholesterin im Blute zur Folge haben muss. Wir wiesen bereits 1913 darauf hin, dass es bei Cholämie infolge Gallenabflussbehinderung zu einer Vermehrung des Cholesterins bis auf das Vierfache des normalen Wertes kommen kann, j Unsere damaligen Mitteilungen fanden von verschiedenen Seiten Bestätigung und unsere Auffassung der Leber als Ausscheidungsorgan des Cholesterins Zustimmung [Hueck und Wacker5), Rosen- t h a 1 und Holzer5), E p p i n g e r 7), L i c h t w i t z 8), R e t z 1 a f f 9)]. Gleichzeitig wurde damals eine erhebliche Vermehrung des Gesamt- fettgehaits des Blutes der Ikterischen von uns festgestellt, die ohne sichtbare Trübung des Serums einhergeht (latente Lipämie), und zwar fand sich diese Erscheinung trotz fettarmer Kost der untersuchten Fälle. Eingehender hat sich F e i g 1 10) mit unseren Resultaten beschäftigt. Er bestätigt an grösserem Material die cholämische Hypercholesterinämie, findet Erhöhungen bis zum Fünffachen der Norm. Die starke Ver¬ mehrung des Gesamtfetts wird von ihm gleichfalls festgestellt; auch er vermisst eine Trübung bei dieser Form der Lipämie, gebraucht statt des von uns eingeführten Ausdrucks „latent e“, die Bezeichnung „mas¬ kierte“ Lipämie. Auch die später noch zu erörternde geringe Ver¬ esterung des Cholesterins bei cholämischer Hypercholesterinämie wird von ihm nach dem Bloorschen Verfahren bestätigt. Diese Befunde regen in mehrfacher Hinsicht zur Weiterarbeit an. Einmal wurde durch die gleichzeitige erhebliche Vermehrung der Blut¬ fette, Lipoide und des Cholesterins bei behindertem Gallenabfluss ein helles Schlaglicht auf die Beziehungen des Cholesterins zum intermediären Fettstoff Wechsel geworfen. Anderer¬ seits ist durch die jetzt gegebene Möglichkeit, das Bilirubin im Blute quantitativ zu bestimmen, die Frage der Erörterung zugänglich geworden, ob sämtliche Formen von Ikterus mit einer der Bilirubinvermehrung ent¬ sprechenden Steigerung des Blutcholesterins einhergehen. Nachdem ich das bereits 1913 getan, ist neuerdings wieder (u. a. von R o s e n t h a 1 und Holzer) darauf hingewiesen worden, dass der mechanische Stauungs- ikterus bei Verlegung der Gallenwege durch Steine, Karzinome, Nar¬ ben oder geschwollene Drüsen von einer Rückstauung sämtlicher Gallenbestandteile ins Blut begleitet Ist, während beim dissoziier¬ ten Ikterus der französischen Autoren11) lediglich eine Vermehrung D Weint raud: v. Noordens Handb. d. Patli. d. Stoffw. (2) 1, 741. 2) Hoppe-Seyler: Quincke-Hoppe-Seyler, Die Krankheiten der Leber, Wien-Leipzig 1912 (2) S. 53. *) Ba'cmeister: Bioch. Zschr. 1910, 26. 223. ) Bürger und Beumer: B.kl.W. 1913 Nr. 3. — Dieselben: Arch. f. exp. Path. u. Pharm. 1913, 71, 311. — Dieselben: Zschr. f. exp. Path. u. Pharm. 1913, 13. — Dieselben: Ebenda 13. — Dieselben: Bioch. Zschr. 1913, 56, 446. 5) Hueck und Wacker: Biochem. Zschr. 100, 93. ”) Rosen thal und Holzer: D. Arch. f. klin. M. 1921. 135, 257—280. ) Eppinger: Die hepato-lienalen Erkrankungen, Berlin 1920, S. 146. 8) Licht witz: Klin. Chemie, Springer, 1918, 248. ®) Retzlaff: D.m.W. 1921 Nr. 28. ) Joh. F e i g Ii: Ueber das Vorkommen und die Verteilung von Fetten und Lipoiden im menschlichen Blutplasma bei Ikterus und Cholämie. Bioch. Zschr. 1918, 90, 1. “) Literatur bei Br ul 6: Ictires, 2. Ed., Paris 1920, Masson. ) Bürger: Verh. d. D. Kongr. f. inn. M. 30, 331. Nr. 4. des Gallenfarbstoffs oder der Gallensäuren, nicht aber eine solche des Cholesterins im Blute stattfindet. Der pleiochrome Ikterus zeigt nun eine einseitige Ver¬ mehrung des Bilirubins im Blute ohne gleichzeitige Vermehrung des Blutcholesterins. Ich fand in einem Falle von hämolytischem Ikterus, über den ich auf dem Deutschen Kongress für innere Medizin, Wies¬ baden 1 9 1 3 12) berichtete, folgende Werte: 1000 g Serum enthalten Trockensubstanz 83,985 Eiweiss 69,631 Totalextrakt 5,349 freies Cholesterin 0,129 Cholesterin als Ester 1,547 Gesamtcholesterin: 1,676 Das Serum ist intensiv gelb gefärbt und gibt die G m e 1 i n sehe Probe. In einem neuerdings in meine Beobachtung gekommenen Fall von hämolytischem Ikterus fanden sich folgende Werte: Totalcholesterin 1,710 davon freies Cholesterin 0,55 gebundenes Cholesterin 1,160 in 1000 g Serum. Das Serum enthält nach Hymans van den Bergh 0,136 Prom. Bilirubin. In diesen beiden Fällen besteht eine hochgradig ikterische Ver¬ färbung des Serums mit erheblicher Vermehrung des Bilirubins, ohne dass die Werte des Cholesterins entsprechend wesentlich erhöht sind, sie liegen in beiden Fällen noch an der oberen Grenze der Norm. Tabelle 1 Hämolytischer Ikterus. 1000 g Serum enthalten : Gebund. Cholest. in 0/„ v. Total- cholest. Fall Nr. Autor Bilirubin Oesamt¬ fett Gesamt- cholest. Freies Cholest. Ester- cholest. Gehalt in % v. Totalfett 1 Bürger1) (1913) sehr reich 1. 5,349 1,676 0,129 1,547 92,3 31,3 2 Bürger (1921) 0,136 1,710 0,55 1,160 67,8 2 a Rosenthal und Holzer (1921) 18 Zeiteinh. - 1,100 — - — — 1000 g Blut enthalten : 3 Eppinger2) (1920) 5,434 0,906 0,491 0,415 45,8 16,6 4 Eppinger (1920) 6,327 1,167 0,854 0,313 26,5 18,4 ') Bürger: Kongress für in iere Medizin 1913. S. 331. -) Eppinger: Die liepatolienalen Erkrankungen. 146. Springer, Berlin 1920. Auf Tab. 1 sind die von mir, von Eppinger, von Rosen thal und Holzer untersuchten Fälle von hämolytischem Ikterus zusammen¬ gestellt. Die von Eppinger übernommenen Werte sind nicht ohne weiteres mit den meinen vergleichbar, da sie sich auf Gesamtblut be¬ ziehen, nicht auf Serum wie die meinen. Alle Daten zeigen überein¬ stimmend, dass das üesamtfett jedenfalls nicht über die Norm erhöht ist. Besonders hervorheben. möchte ich, dass das Serumcholesterin meiner Fälle zu einem hohen Prozentsatz verestert ist, ganz im Gegen¬ satz zu dem Verhalten beim mechanischen Ikterus. Die entsprechen- denZahlen liegen bei Eppinger niedriger, weil bei ihnen das Chole¬ sterin der Blutkörperchen eingezogen ist, welches wie unsere 13) alten Untersuchungen am Menschen erwiesen und wie Wacker und Hueck für das Tier mehrfach bestätigt- haben, nur freies Chole- I StG rin enthalten. Wir haben demnach hier das Recht, von dissoziiertem Ikterus irn Sinne der französischen Autoren zu sprechen. Gegenüber diesen Formen von hämolytischem Ikterus, die ohne oder ohne wesentliche Hypercholesterinämie einhergehen, wohl aber mit einer gewaltigen Vermehrung des Bilirubins (pleiochromer Ikterus) stehen die Fälle mit behindertem Gallenabfluss, die eine starke Steige¬ rung der BIutcholesterinwert\ mit sich bringen. Es muss in diesem Zusammenhänge aber bemerkt werden, dass die von Grigaut und seinen Schülern14) und meist auch von Rosen- 13) B e u m e r und Bürger: 1. c„ speziell Arch. f. exp. Path. u. Pharm. 1913. 71, 316 ff. ”) Grigaut: Le cycle de la cholesterinemie, Steinheil, Paris 1913. 104 MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT. Nr. 4. t h a 1 und Holzer geübten kolorinietrischen Cholesterinbestimmungs- verfähren besonders bei stark farbstoffhaltigen Seren unzuverlässig sind, worauf ich mit Reinhardt13) in anderem Zusammenhänge hingewiesen habe (Xanthosis diabetica). Eine exakte Reststellung des dissoziierten Ikterus ist nur mit der von piir und Beumer ) in die Klinik eingeführten Windaus sehen Cholesterinbestimmung des Blutes methodisch möglich. , Das Bilirubin wurde nach Hijmans vandenBergh ) bestimmt. Die Modifikation von Thannhauser und Andersen ). die eine wesentliche Verbesserung der Methode bedeutet, konnte noch keine Berücksichtigung erfahren. , Das Gesamtiett wurde nach Ausfüllung des Serums mit der zehn- fachen Menge Alkohol, Auswaschung des Koagulats mit Alkohol und Aether bis zur Fett- und stets kontrollierten Cholesterinfreiheit, Ab- destillieren des Filtrats und Aufnahme des Rückstands in Petroläther gewogen. Es wird in getrennten Portionen des Filtrats einmal das freie, in einer zweiten Portion nach energischer Verseifung das Ge¬ samtcholesterin bestimmt. Man findet bei diesem Vorgehen ca. 5 g ätherlöslichen Gesamtextrakt in 1000 ccm Serum, ein Wert, der sich mit den bei früheren Untersuchungen gefundenen, gut deckt. Ich gebe zunächst eine Uebersicht sämtlicher von mir bei Ikterischen gefun¬ denen Werte, aus welcher hervorgeht, dass mit Ausnahme eines Falles von acholurischem Ikterus eine beträchtliche Vermehrung der Gesamt¬ fette des Serums sich findet. Die Zahlen erreichen im Maximum das Vierfache der Norm, liegen im allgemeinen 2— 3 mal so hoch als unter physiologischen Bedingungen. Trotz dieser erheblichen Zunahme ist das Serum in allen diesen Fällen klar und nicht milchig, wie bei den übrigen Formen der manifesten Lipämie. Zum Unterschied zu jenen bezeichne ich diese bei Ikterischen beobachtete Blutfettanhäufung als latente cholämische Lipämie. (Tab. 2.) Tabelle 2. Cholämische Lipämien*). Lfd. Nr. Spez. Diagnose Dauer des Ikterus 1000 ccm Serum enth g Totallett Lfd Nr. Spez. Diagnose Dauer des Ikterus 1000 ccm Serum entli g Totalfett 1 Normal — 4,020 1 10 Karzinom der Gallen¬ wege (Sekt.-Befd.) ? 11,438 Karzinom der Gallen- wege (.Sekt.-Befd.) ? Mon 22,395 1 2 11 Choledochusverschl. (Stein) ? 9,893 Katarrhal. Ikterus 16,701 3 12 Duodenalulcus (Ikt.) 24Ta.e 11,050 Katarrhal. Ikterus 12Tasie 15,783 4 13 Sepsis (Hämolytisch. Streptokokken) ? 10,237 5 Katarrhal. Ikterus 4 Woch 13,633 6 Hypertroph. Leber- ? Mon. 12,551 14 Hepat. Ikterus 14 Tage 9,166 zirrhose 15 Hypertroph. Leber¬ zirrhose lOTage 8,987 1 Pankreaskarz. Leber- 4 Woch. 11,625 metastas. (.Urämie Sekt.-Betd.) 16 Cholelithiasis ? Mon. 9,092 7a Katarrhal. Ikterus lOTage 9,66 17 Akute gelbe Leber- a rophie 1 6 Tage 10,80 Katarrhal. Ikterus lOTage 11,422 8 18 Akute gelbe Ltber- 5 Tage 13,100 9 Chron. Cholangitis ? 11,479 atrophie 11 *) Ausführlich mitgeteilt in einer Dissertation von Hans Krämer: „Lieber Cholelipämie“. Kiel ly20. Diese Erscheinung ist nach zwei Richtungen hin interessant. Ein¬ mal erscheint es paradox, dass bei geringer Fettzufuhr und der durch den Gallenschluss resp. verminderten Zufluss zum Darm erheblich ver¬ schlechterten Resorption die Fette im Blut vermehrt werden und auf¬ fälligerweise die festgestellte Fettvermehrung nicht wie sonst nach der Verdauung oder unter pathologischen Bedingungen, z. B. beim Dia¬ betes, durch milchige Trübung des Serums sichtbar wird. Ich bin geneigt, das letzte Phänomen, wie es schon in der mit B e u m e r ge¬ meinsam verfassten Mitteilung geschah, mit der Retention aer gallen¬ sauren Salze in Beziehung zu bringen. Bekanntlich können die Cholate erhebliche Fettsäuremengen in Lösung halten. Von Ochsengalle werden 4 — 5 Proz. Oelsäure, von den Fettsäuren des Schweineschmalzes 3,5 Proz. aufgenommen. Vielleicht spielen bei dem Lösungsvermögen noch andere Derivate der Cholsäure eine Rolle, z. B. Choleinsäure, die ein Kombinationsprodukt aus Desoxycholsäure und Fettsäuren ist IW i e 1 a n d 19)J. Sicher scheint, dass die Retention solcher Gallen¬ bestandteile und ihr Uebertritt ins Blut dort der Emulsionsbildung des Fettes entgegenwirkt. Warum wird nun das im Blut in vermehrter Menge zirkulierende Fett nicht in die Zellen aufgenommen resp. in die Depots abgeführt? Hier bewegen sich alle Erklärungsversuche auf hypothetischem Gebiet. Zunächst ist im Auge zu behalten, dass die Zellen offenbar auf die Auf- 1B) Bürger und Re in hart: Z. f. ges. exp. M. 1918, 7, 119. — Dieselben: D.m.W. 1919 Nr. 16. 1B) Bürger und Beumer: 1. e., Z. f. exp. Path. u. Ther. 1913, Kapitel Ikterus und Choiämie. 1 ‘ ) Hijmans v. d. Bergh: Der Galienfarbstoif im Blute. Leipzig 1918. 18) Thannhauser und Andersen: D. Arch. i. klin. M. 1921, 137, 179. ,n) Wieland: Zschr. f. phys. Chemie 97, H. 1. nähme des in Form der Hämokonien feinverteilten Rettes eingestellt sind. Die Emulsion bedingt eine starke Oberilachenvergrosserung und bereitet den lipolytischen Zellfermenten eine grössere Angriffsfläche. Bleibt die Emulgierung aus, wird deren lätigkeit erschwert. Die Fettaufnahmefähigkeit der Zellen soll nach neueren Untersuchungen von Lombroso durch ein inneres Sekret des 1 ankreas unterstützt werden, welches die Blutfette resorptionsfähig macht. Nun werden gerade die höchsten Werte für das Blutfett bei Choledochusverschluss gefunden, und es ist bekannt, wie häufig bei diesem Zustand das Fan- kreas mitaffiziert wird (Q u i n c k e - H o p p e - S e y 1 e r, S. 242) ; durch eine Beeinträchtigung der innersekretorischen Pankreasfunktion beim wiirripn dip Rlutfette für die Zellen mehr oder minder unangreifbar. , . . 1 Ein dritter Erklärungsversuch gründet sich auf die über den mter- 1 mediären Fettstoffwechsel von Hu eck und Wacker*) entwickel- 1 ten Vorstellungen. Sie glauben, dass der Abbau der Fette über das | Lezithin, entweder direkt zu den Endprodukten der Oxydation oder I über die Kohlehydrate führe. Sie denken sich die Phosphatide aus I Triglyzeriden durch Austausch eines Fettsäurerestes mit einem mit j Phosphorsäure gekuppelten Cholinradikal entstanden. Verbindet sich j die aus dem Triglyzerid abgestossene Fettsäure mit Cholesterin, so 9 wäre neben der Vermehrung des Cholesterinesters gleichzeitig die- jenige des Lezithins erklärt. Durch Mangel an Cholin soll die Lezithin- 1 bildung verzögert werden, und auf diesem Umwege eine Stagnation des 1 Fettabbaus eintreten, die sich in einer Lipämie äussert. Die Vor- . Stellung, dass generell der Abbau der Glyzeride über die Phosphatide j geht, wird sicher auf- Widerspruch stossen. Soviel erscheint nach dem vorliegenden experimentellen Material gewiss, dass zwischen deml Cholesterin und den Lipoiden einerseits und den Glyzeriden ander¬ seits innige Wechselbeziehungen bestehen. Es gelang Sakai*-)| durch reichliche Zuführung von Nahrungsfett den Cholesterinspiegel m die Höhe zu treiben. Anderseits ist das Cholesterin befähigt, den Spie- ge 1 der Gesamtlipoide des Blutserums auf das 4 — 4/4 fache zu erhöhen, wie Hu eck und Wacker29) am Kaninchen zeigten. Interessanter¬ weise trat diese Vermehrung in manchen Rällen ein, ohne dass es] zur milchigen Trübung des Serums kommt, also dieselbe Er-, scheinung, die wir als latente Lipämie bei Ikterischen aufianden. I Die Analogie, die alimentäre Hypercholesterinämie bei den Füt- terungsversuchen und die Retentionshypercholesterinämie der Ikte¬ rischen, ist also nur insoweit gewahrt, als es in beiden Fällen zu einer Vermehrung der Gesamtlipoide nach Anreicherung des Chole¬ sterins im Blute kommt. Aber gerade dasjenige Ereignis, welches Wacker und Hu eck als erklärendes Moment für die Vermehrung der üesamtblutfette anführen können, die mehr oder weniger intensive Veresterung des freien Cholesterins, das also eine grosse Menge Fett¬ säuren an sich gerissen hat, versagt für die cholämische Lipämie, da hier eben die Veresterung ausbleibt. Nach meiner Auffassung spielei neben den von Hu eck und Wacker gewürdigten chemischen Un Setzungen, die freilich, wie die Autoren selbst zugeben, noch rein hypotetischer Natur sind, physikalische Verhältnisse der Lösung des retinierten freien Cholesterins' eine wesentliche Rolle. Für diese Auffassung spricht auch die durch uns und später durch E p p i n g e r 24) festgestellte Tatsache, dass es beim hämolytischen dissoziierten Ikterus trotz grosser Bilirubinmengen im Blute nicht zu einer Vermehrung der Gesamtfette gekommen ist. Die Anreicherung der Gallenfarbstoffe und ihrer Derivate im Blute steht also offenbar in keinem ursächlichen Zusammenhang mit der Vermehrung der Ge¬ samtfette beim Ikterus, sondern diese ist eine zwangsläufige Folge der Zurückhaltung von freiem Cholesterin im Blute. Als letzter Punkt, der in diesem Zusammenhänge interessiert, steht die Frage nach dem wechselseitigen Verhalten der Bilirubin mengen einerseits und der Gesamtcholesterin¬ menge andererseits beim abklingenden Retentionsikterus und weiter¬ hin das wechselseitige Verhalten des veresterten, zum freien Cholesterin unter diesen Bedingungen 26). Ich habe an einem grossen Material dieses Problem seit längerer Zeit ver¬ folgt und kann nach den bisher vorliegenden Erfahrungen an unseren Fällen sagen, dass bei wiedereinsetzendem Gallenabfluss die Bilirubin¬ werte im allgemeinen rascher zur Norm zurückkehren als die Chole¬ sterinwerte. Ich gebe dafür ein Beispiel in Tabelle 4. Eine feste zählenmässige Beziehung zwischen Bilirubin- und Cholesterinwerten habe ich auch beim mechanischen Ikterus nicht auffinden können. Gelegentlich kommt eine Steigerung des Cholesteringehalts beim totalen Choledochusverschluss, wie Stepp zuerst betont hat, nicht zu¬ stande, das liegt meines Erachtens an der vollkommen darniederliegenden Nahrungsresorption und der bei Karzinomatösen bekannten Deponierung des Cholesterins in den Retikulumzellen der Milz und des Knochenmarks. Ein ganz paradoxes Verhalten beobachtete ich in zwei Fällen, in denen bei sinkenden Bi l i r u bin werten die Cholesterinwerte im Serum noch ansteigen: 2f<) Lombroso: Ann. di chir. med. 1921 (11), H. 2, 109 — 116. 21) Hueck und Wacker: Biocli. Zschr. 1919, 100, S. 84. 22) Sakai: Biochem. Zschr. 1914, 62, 287. 23) Hueck und Wacker: Ebenda 1919, 100, S. 84. 24) Ep p in g er: Die hepatolien. Erkrankungen. Berlin 1920. 25) Die erste Frage ist von Rosenthal und Holzer 1. c. stu¬ diert worden: sie finden bald eine zeitliche Koinzidenz der Abnahme von Bilirubin und Cholesterin beim abklingenden mechanischen Ikterus, bald sinkt das Cholesterin, bald das Bilirubin rascher ab. 27. Januar 1922. MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT. 105 Fall 22 der Tabelle 3. Seit 14 Tagen Ikterus „kath.“. Datum 1 00 g Serum enthalten: n °/oo Bilirubin Total- cholest. Fre es Cholest. Gebund. Cholest Geb. Chol in % vom Totalch 1 28. VI. 1,600 1,230 0,370 23,1 0,062 9. VII. 1,870 0,370 1,500 80,2 0,232 21. VII. 2,100 0,870 1,130 56,5 0,023 11. VIII. 2,100 0,620 1,480 70,4 1 0,007 Schur. Nr. 21 der Tabelle 3. Seit 8 Tagen Ikterus „kath.“. 2. VII. 1,370 0,910 0,460 33,5 0,068 12. VII 1,120 1,080 0,240 21,4 0,103 21. VII. 2,370 1,350 1,020 43,0 0,031 17. VIII. •1,430 0,710 0,720 50,3 0,005 Solche Beobachtungen bieten dem Verständnis einige Schwierig¬ keiten. Offenbar geht die Bilirubin und Cholesterinabscheidung in der Leber nicht an der gleichen Stelle vor sich. Mehr kann man vorsichtigerweise nicht sagen. Es ist ja verlockend nach den histo¬ logischen Untersuchungen von A s c h o f f 20), den K u p f f e r sehen Stern¬ zellen eine besondere Rolle im Lipoidstoffwechsel zu vindizieren. Asch off sah bei Retentionsikterus in diesen Zellen eine hochgradige Lipoidspeicherung. Aber die chemische Untersuchung der ganzen Leber ergab in solchen Fällen keine grossen Ausschläge 27). Ich glaube, man kommt mit folgender Erklärung gut aus: Bei wiedereinsetzendem Gallenabfluss ist die Cholesterinabscheidung noch relativ behindert. Die Anwesenheit der Galle im Darm begünstigt nun schon die Fett- und Cholesterinresorption zu einer Zeit, in der die normalen Abfluss¬ bedingungen für das Cholesterin aus der Leber noch nicht gegeben sind; es summieren sich die Faktoren wiedereinsetzender Resorption und relativer Abflussbehinderung und es resultiert Erhöhung der Cholesterinwerte bei sinkendem Bilirubin. Dass dem so ist, zeigte auch die relative Zunahme des Estercholesterins bei steigenden Werten für das Gesamtcholesterin, während bei Gallenabschluss vom Darm die Komponente des freien Cholesterins dauernd überwiegt, wie ich Im folgenden zeigen werde: Tabelle 3. Uebersicht. 1000 g Serum enthalten: Z Spezielle Diagnose Dauer des Ikterus vor der —i. 17) £ f ° I ^ < Untersuchung o o H -= CJ ü. •= u °« in “V oo 1 la 2 3 4 5 6 Normal Normal Hämolyt. Ikterus Hämolyt. Ikterus Ikterus katarrh. Hypertr. Leberzirrh. Cholelithiasis Pankreaskar/ .Leber¬ metastasen (Sekt ) Ikterus katarrh. Ikterus katarrh Ikterus bei Ulcus duodeni Ikterus katarrh. Salvarsan-Ikterus Karz. d Gallenwege Sepsis Diabetes, Ikterus Diabet Saiv. -Ikterus Ikterus katarrh. Salvarsan Ikterus •kterus katarrh. Ikterus katarrh. Ikterus katarrh. Ikterus katarrh. Uterus katarrh. Salvarsan-Ikterus Ikterus katarrh. Ikterus katarrh. Ikterus katarrh. Uterus katarrh. Salvarsan-Ikterus Akute gelbe Leber¬ atrophie (Sektion) I Akute gelbe Leber¬ atrophie II Seit 7 Jahren Seit der Kindheit 4 Tage 19 Tage Monate 10 Tage 10 Tage 24 Tage 12 Tage 4 Wochen Monate ? 4—6 Wochen 20 Tage 1 Vt Monate 3 Wochen ca 8 Wochen 8 Tage 14 Tage 8 (?) Tage 8 Tage 14 Tage 8 Tage 4 Wochen 6 Tage 1,465 0,943 '1,676 1,710 2,068 2,218 2,125 2,106 1,442 1,735 1,165 1,529 1,487 3,854 1,055 2,320 2,760 1,500 2,540 2,560 5,160 1,3/0 1,600 1,590 1,970 1,720 2,570 2,100 2,060 2,130 1,506 0,645 0,385 i ,129 0,55 0 831 1,186 1,2' 4 1,318 1,320 1, t 94 0,95S 1,156 1,293 2, J69 0,798 1,830 2,120 1,230 1,680 1,340 4,540 i ,910 1,230 0.7 0 1 180 1,5 1 1,730 1,240 1,850 1,110 0,960 1,490 1,070 0,820 0,558 1,547 1,160 1,237 1,1 >32 0,921 0,788 0,1 2 0,641 0,207 0,373 0,194 1,385 0,257 0,490 0,640 0,270 0,860 1,220 0,670 0,460 0,370 0,8’3 0,790 0,210 0,840 0,860 0,210 1,030 0,546 0,420 56 59.2 92.3 67.8 59 8 46.5 43.3 37.4 8,5 36.9 17.7 24.4 13,0 35.7 24.3 21.3 23,2 18,0 33 8 47.6 12.9 33.5 23.1 54.9 40.1 12.2 32.6 40.9 10,2 48,3 36.2 23.2 0,002 0,002 Stark Termciirt 0,136 0,0011 0,0043 0,0191 0,0239 0,0502 0,0601 0,0873 0,1054 0,i219 Stark erkühl Mark erhebt 0,164 0,061 0,1 24 0,034 0,096 0,090 0,068 0,(62 0,070 0,046 0,0402 0,0167 0,0411 0,0444 0,232 0,220 ringen Retentionen von Gallenbestandteilen gekommen, Der höchste Wert der Tabelle (Fall 20) beträgt etwa das Vierfache der Norm Das Serum enthält hier 5,16 g Totalcholesterin. Es handelt sich um ein Kind von 12 Jahren mit schwerstem katarrhalischen Ikterus, Leber¬ und Milzschwellung. Ihm folgt Fall 13, ein seit Monaten bestehender vollkommener Verschluss des Choledochus durch Karzinom der Qallenwege. Der darauf folgende Wert von 0,267 g ist kein Fall von reinem Ikterus sondern durch einen leichten Diabetes kompliziert. Im allgemeinen scheinen die Werte mit zunehmender Dauer des Choledochusver- schlusses anzusteigen. Werden die Gallenwege wieder frei, so wird das Blutcholesterin relativ rasch auf seinen Normalbestand reduziert. Dafür gebe ich folgendes Beispiel: Bei einem alten Patienten mit schwerem Salvarsanikterus werden gefunden in 1000 Serum: Tabelle 4. Datum Total- cholest Freies Cholest. Gebund Cholest. Geb Chol, in % von fr. Chol Bilirubin 23. 5. ? 1,150 ? — 0,053 4. 6. 2,510 1,680 0,860 33,8 0,034 30. 6. 1,550 1,210 0,340 21,9 0,004 1,370 0,370 1,000 72,9 0,002 Am 23. V. und 4. VI. ist der Stuhl acholisch, am 30. VI. ist Sublimat¬ probe wieder positiv. Die Werte für das Gesamtcholesterin sind am letzten Untersuchungstage, an welchem auch das Serumbilirubin den Normalwert wieder erreicht hat, im Bereich der physiologischen Schwan¬ kungen angelangt. Es besteht offenbar die Tendenz, bei allen Formen von mechanischem Ikterus, sobald die Gallenwege wieder frei werden, die im Blut zurückgehaltenen Cholesterinmengen auf dem Wege über die Leber mehr oder weniger rasch zu eliminieren. Bemerkenswerter- weise ist in einem Fail von akuter gelber Leberatrophie eine Erhöhung des Cholesterinwerts nicht eingetreten, obwohl hier weitaus die grösste Menge Bilirubin im Serum gefunden wurde (Fall 30). Auch dieser Fall lehrt, dass Cholesterin und Bilirubin in der Leber nicht die gleichen Wege gehen. Besonders interessant sind die Verhältnisse der Veresterung des zurückgestauten Cholesterins. Während normaler¬ weise beim Menschen und beim Tier gut zwei Drittel -des Gesamt¬ cholesterins in gebundener Form im Blute zirkulieren, zeigt die Tabelle 3, dass bei der cholämischen Lipämie die Dinge sich umgekehrt verhalten, d. h. der grössere Teil des Cholesterins in unverestertem, also freiem Zustande sich befindet. Fast den niedrigsten Wert fand ich bemerkenswerterweisc gerade in dem Falle, in welchem der höchste Wert für das Gesamtcholesterin gefunden wurde (Fall 20). 87,1 Proz. des Cholesterins fanden sich hier im freien Zustande, doch sind auch Fälle, bei denen eine starke Vermehrung des Cholesterins bisher nicht eingetreten ist, mit sehr niedrigen Esterwerten in der Tabelle vertreten, z. B. Fall 8, Fall 12. Soweit ich bisher sehe, scheint die Veresterung des Cholesterins um so schlechter zu sein, je länger der Ikterus besteht und je vollkommener der Abschluss der Galle vom Darm ist. Das ist durchaus erklärlich. Mit zunehmender Dauer des Ikterus liegen Appetit und Nahrungsaufnahme darnieder. Die zugeführten Fettmengen werden infolge diätetischer Vorschriften sehr niedrig gehalten. Die Resorption derselben ist nach den bekannten Erfahrungen besonders von F. Müller29) erheblich verschlechtert. Eine Möglichkeit zur Ver¬ esterung des zurückgestauten freien Cholesterins der Galle ist daher erheblich eingeschränkt oder vollkommen aufgehoben. Dass diese Erklärung das Richtige trifft, zeigen vor allem laufende Untersuchungen, bei denen in Abständen von 12—14 Tagen die Be¬ stimmungen wiederholt werden. In dem angeführten Beispiel sind die prozentischen Werte für gebundenes Cholesterin anfänglich sehr niedrig (33,8 resp. 21,9 Proz.). Sobald aber die Galle wieder freien Abfluss hat, wird der Normalwert von 72,9 Proz. veresterten Cholesterin wieder erreicht. Die gleiche Erfahrung habe ich bisher in 6 weiteren Fällen machen können. Es unterscheidet sich der mechanische Ikterus vom pleiochromen Ikterus ohne Störung des Gallenabflusses, also nicht nur durch die Er¬ höhung des Gesamtcholesterins im Serum, sondern auch durch die andersartige Verteilung von ungebundenem und freiem Cholesterin. Die von mir untersuchten Fälle von hämolytischem Ikterus hatten 92,3 resp. 67,8 Proz. gebundenes Cholesterin, Werte, welche von keinem der übrigen Fälle der Tabelle 3 auch nur annähernd erreicht werden. Man wird in differentialdiagnostisch unklaren Fällen diese Verhältnisse für die Sicherung der Diagnose mit heranziehen können. Auf der Tabelle 3 sind 29 verschiedene Fälle von Ikterus wech¬ selnder Aetiologie zusammengestellt, und die Werte für Totalcholesterin, freies und gebundenes Cholesterin eingetragen. In der letzten Spalte ist das gebundene Cholesterin in Prozenten vom Totalcholesterin er¬ rechnet. Die beiden Fälle mit hämolytischem Ikterus der Tabelle 1 sind hier noch einmal aufgeführt. • Die Werte für das Totalcholesterin liegen bei 3 Fällen durchaus Bereiche der Norm (Fall 10, 14 und 21). Im Falle 10 und 14 handelt es^sich nicht um einen totalen Verschluss, es ist hier zu relativ ge- > A sc ho ff: Verh. d. Naturf.-Ges. zu Freiburg, Dezember 1913. ') Grigaut: Le cycle de la Cholestdrindmie. Zusammenfassung. L Bei Fällen von mechanischem Ikterus findet sich eine latente Iipämische Cholämie, worunter eine Vermehrung der Gesamtserumfette einschliesslich der Lipoide ohne Trübung des Serums durch Hämokonien verstanden wird. 2. Bei Fähen von hämolytischem Ikterus fehlt sowohl die Ver¬ mehrung des Gesamtfettes wie die des Cholesterins. 28) Stepp: Z. f. Biol. 69, H. 10 u. 11. — D e r s e 1 b e: M.m.W. 1918 Nr. 29 S. 781. 20) F. Müller: Untersuchungen über Ikterus. Zschr. f. klin. Med. 12, 45, 1887. 3* 106 MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT-. Nr. 4. 3. Bel der cholämischen Lipämie ist die mit Cholesterin das Primäre, die Vermehrung der Olyzeride die Folge Mit zunehmender Dauer des Uterus und zunehme^erVo^ ÄSSLS* eSÄfÄÄ Ikterus r von r^ängerer BluTholesterins65 scWechter Bei mechanischem Ikterus von längerer ÄTalS weniger als ein Drittel des Cholesterins in gebundener Form vorhanden, beim hämolytischen Ikterus sind wie der Norm zwei Drittel oder mehr vom Gesamtcholesterin verestert. 5 Bei wiedereinsetzendem Gallenabfluss sinken die vorher - höhten Werte des Blutcholesterins rasch zur Norm ab und der ver¬ eiterte Anteil des Blutcholesterins steigt auf den physiologischen Wert V °" 6° In ^eitenen Fällen kommt es bei wiedereinsetzendem Bilirubm- abfluss zum Darm mit fallenden Serumbilirubinwerten zu einei vorib gehenden Steigerung der Blutcholesterinwerte. Ueber den Gehalt der Hypophysenhinterlappen-Extrakte an uteruserregenden Substanzen. Von Paul Trendelenburg in Rostock i. M. sss särzsssü, ÄeE. r„r“DeÄÄ mdft verwendeten Handelsextrakte aus Hypophysenhinterlappen au ihren Gehalt an wirksamer Substanz zu prüfen. Angesichts d r verschiedenen Forschern nachgewiesenen grossen Empfindlichkeit der wirksamen Substanzen gegen Alkali und Sauerstoff und ihrer leichten A&7erbarkei waren von vorneherein gewisse Schwankungen der Wirksamkeit zu erwarten-, aber unsere Versuchsergebnisse ubertrafen die Erwartung bei weitem und wiesen eine ausserordentlich auftal igt Minderwertigkeit der vorhandenen Handelsextrakte aut. Das Ideal einer Wertbestimmung der wirksamen Substanzen des HypoPhysenh nteZppens würde ihre chemische Isolierung und Wägung sS Trotz der umfassenden chemischen Arbeiten der verflossene Jahre ist es jedoch bisher noch nicht gelungen, die reinen Körper mit Sicherheit zu gewinnen oder gar quantitativ aus dem Drusenmaterial in reiner Form darzustellen. Das, was die chemische Methode zur Zeit nicht leisten kann, vermag — wenn auch nicht . s0 do in oraktisch genügender Schärfe der pharmakologische Nachweis zu er¬ setzen. Denn am ausgeschnittenen Uterus des Meerschweinchens lassen sich die Extrakte auf ihre Wirksamkeit auswerten. Wie bei allen sol chen pharmakologischen Titrierungen ist die Fehlerbreite jeder Be¬ stimmung eine weit grössere als bei exakten chemischen Analysen, und selbst bei einwandfreier Methodik beträgt die Genauigkeit einer Bestimmung höchstens ± 20 Proz. Immerhin leistet die pharmakologische Auswertung das, was der Praktiker von ihr erwarten darf: sie gibt Auskunft darüber, ob ein Handels¬ extrakt den nach den Angaben der Firmen über die Konzentration desselben zu er¬ wartenden Wert, wie ihn ein in ent¬ sprechender Konzentration hergestellter Auszug aus frischem Drüsenmaterial auf¬ weist, wirklich annähernd besitzt. Ueber die einzelnen Punkte, auf die bei Hypophysenauswertung besonders zu achten ist, wurde an anderer Stelle ) ausfühl lieh ge¬ richtet. Hier sei nur kurz erwähnt, dass die Versuche am ausgeschmt- tenen in geeigneter Salzlösung aufgehängten Uterushorn des Meer- schweinchens in der Weise ausgeführt werden, dass zunächst die einer bestimmten Menge Hypophysenhinterlappensubstanz entsprechende Menge eines mit allen notwendigen Vorsichtsmassnahmen selbst be¬ reiteten Extraktes in die Salzlösung zugegeben wird; sobald der Uterus die der zugesetzten Menge entsprechende Zusammenziehung, die gra¬ phisch registriert wird, ausgeführt hat, wird mit frischer Salzlösung ausgespült und sobald in wenigen Minuten der Uterus wieder er- schiafft ist, wird die der ersten Dosis entsprechende Hintedappen- menge in Form des zu untersuchenden Extraktes zugegeben. Dip Ex¬ traktmenge wird dann in neuen Versuchen weiter gesteigert, bis der Ausschlag mit dem durch den Standardextrakt bewirkten uberein- stimmt. .. Zur Untersuchung gelangten folgende Präparate: Coluitrin von Dr. Freund und Dr. Redlich, Berlin: Hypophysal von Dr. A. Bernard Nachf., Berlin, Hypophysenextrakt Schering, Berlin; Hypophysin der Höchster Farbwerke: Pituglandol der Chemischen Werke Grenzach; Pituitrin von Parke, Davis & Co., London; Physhormon von Queisser & Co., Hamburg. Von allen Präparaten wurden verschiedene, durchweg frisch von den Firmen oder aus Apotheken bezogene Proben (Pituitrin erhielten wir frisch aus der Schweiz) geprüft. Bei dem Vergleich dieser Han¬ delsextrakte mit selbstbereiteten Extrakten erwiesen sich alle als we¬ sentlich z T. als ausserordentlich unterwertig. Um am ,^u,sKgesotr[“1.1*: tenen Uterus die durch 0,1 mg frische Drüse (als selbstbereiteter Extrakt zugegeben) hervorgerufene Kontraktion zu erreichen. -mussten bieder Regel nicht weniger als 5 mg Drüse in Form der Hände ls- extroktc zugesetzt werden. D. h. es war meist nur etwa W, der zu —wartenden wirksamen Substanzen vorhanden! . , Vum Beleg seien einige Kurven wiedergegeben. Bei dem in dei Abbildung 1 wiedergegebenen Versuch wurden 3 Handelsextrakte (der Firmen 4 C F.) mit Extrakten aus 4 Rinder'hypophysenhinterlappen, die wir selbst bereitet- hatten, verglichen. Von letzteren wurde je¬ weils die 0 1 mg Drüse entsprechende Menge zugegeben und diese Menge genügte jedesmal 'zur starken Kontraktionserregung Dagegen hatte' o 1 mg Drüse in Form der Handelsextrakte gar keine, die lü-fache Menge erst eine minimale Wirkung und selbst das 50-fache wirkte tu einem Fall noch schwächer als 01« der fnschen Druse Ganz ähnliche Ergebnisse sind in Abbildung - und 3 wiede gegeben: 2 weitere Handelsextrakte hatten in der 5 mg resp. 2 mg Drüse entsprechenden Menge eine schwächere Wirkung als 0,12 mg frischer Drüse. Also auch hier eine sehr starke Minderwertigkei . Schon aus den mitgeteilten Versuchen folgt, dass die Handels¬ extrakte nicht nur von herabgesetzter Wirksamkeit sind, sondern weiter auch, dass zwischen den einzelnen Präparaten sehr eriiebhche Unterschiede festzustellen sind. Diese ergeben sich noch klarer aus einer in der Tabelle angeführten Versuchsreihe, in der die Wertigkeit der Extrakte genauer, als es in den wiedergegebenen Versuchen ge¬ schah bestimmt wurde und zwar durch Vergleich der Extraktwirkung mit der eines chemisch reinen Körpers, des Histarnins, das in ahnlic Weise wie die Hypophysenhinterlappensubstanz den isolierten Uteru erregt Wirksamkeit von 1 g feuchter Hinterlappensubstanz als Handelsextrakt, , in Milligramm Histamin-HCl ausgedrückt. . Firma A: = 0,8 mg Histamin-HCl Firma B: = I Firma C: = 0,25 mg Firma D: (2 Proben) = 4 und 3 mg Firma E: Firma F: (3 Proben) Firma Q: Firma H : = 1,5 mg = 8, 0,5 und 0,6 mg 4 mg 7 mg Demnach liegt der Durchschnittswert bei 2,8 mg Histamin für 1 g feuchte Drüsensubstanz. Die Schwankungen nach oben und unten sind sehr grosse, bis 8 mg und 0,25 mg. In gleicher Weise wurde die Wirksamkeit frisch bereiteter Hinterlappenauszuge mit Histamin- lösung verglichen. Da ergab sich als Durchschnittswert von 12 ver¬ schiedenen' Extrakten: 1 g feuchte Hinterlappensubstanz wirkt wie 170 mg Histamin-HCl, also auch in dieser Versuchsreihe stellten wir eine ausserordentlich auffallende Minderwertigkeit der Handelsextraktc fest (durchschnittlich ist die Wirksamkeit nur le « derjenigen, welche Abb. 1. nach der Deklaration verlangt werden könnte!). Ueber die Grunde für d;e Minderwertigkeit der Handelsextrakte lassen sich nur Vermutungen äussern, da die Herstellung derselben nicht genau bekannt ist. Ver¬ mutlich werden zur Enteiweissung unzweckmässige Verfahren ein¬ geschlagen sodass durch Adsorption Verluste entstehen. Auch durfte / J r 0,1*. 0,1 Aj 0,1 X. o.v °S i,S A« r-° Abb. 2. QB l.o Abb. 3. i.O i) p. Trendelenburg und E. Borgmann: Biochem. Zschr. 1920, 106, 239. die Reaktion der Extraktionsflüssigkeit eine grosse Rolle spielen und schliesslich weist eine Angabe Fühne r s ) darauf hin, dass möglich weise das Ausgangsmaterial schon minderwertig wan Denn F u hne stellte fest, dass bei der Isolierung der wirksamen Körper aus einem Hinterlappenextrakt nach, dem Verfahren, wie es die Höchster Farb¬ werke bei der Hypophysindarstellung anwenden, keine Verluste ein- treten. Nun ist aber eine Hypophysinlösung, die einem 20 prozentigen Extrakt entspricht, nach meinen Messungen nicht annähernd so wirk¬ sam, wie ein aus ganz frischem Material gewonnener gleich starker Extrakt, demnach entstand der Verlust schon vor (oder wahrend) der Extraktbereitung. Bisher haben alle Finnen ihre Extrakte auf bestimmte -) H. Fühner: Biochem. Zschr. 1916, 76, 232. 27. Januar 1922. MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT. 107 Menge Ausgangsmaterial eingestellt. Meist entspricht 1 ccm des Ex¬ traktes 0,2 g, in einigen Fällen 0,1 g frischer Hinterlappensubstanz. Nach unseren Versuchsergebnissen ist diese Form der Einstellung un- zweckmässig und zu ersetzen durch eine pharmakologische Einstellung. Auf meine Veranlassung stellen die Chemischen Werke Grenzach ihr Hinterlappenextrakt Pituglandol neuerdings nicht mehr auf das Aus¬ gangsmaterial, sondern mit der geschilderten Uterusmethode auf einen bestimmten und, soweit die Methode dies ermöglicht, konstanten Wirk¬ samkeitswert ein. Ich bin überzeugt, dass ein solcher Extrakt, bei dem durch geeignete Zusammensetzung der Extraktionsflüssigkeit zudem der beim Lagern der Ampullen eintretende Wirksamkeitsverlust auf ein Minimum herabgedrückt ist, in der Praxis gleichmässigere Wirkungen haben wird, als sie die bisher angebotenen Handelsextrakte haben konnten. Lieber Proteinkörpertherapie. Von Prof. Dr. Wolfgang Weichardt, Erlangen. Die Grundlagen der Proteinkörpertherapie liegen weit zurück. Schon die alten Transfusoren hatten, wie A. Bier nachweist, oft eine erstaunlich richtige Einstellung auf die Erfordernisse derselben erreicht. Immerhin, die Protemkörpertherapie beschänkte sich, von den Trans¬ fusionen älterer Aerzte abgesehen, auf Versuche, die meist einen inneren Zusammenhang vermissen lassen und gewöhnlich bald wieder aufgegeben wurden, jedenfalls keine grössere Verbreitung gewannen. Man kann an der Hand der Literatur leicht nachweisen, dass die neue, so intensive und fruchtbringende Bearbeitung dieses Gebietes erst einsetzte, nachdem ihm eine einheitliche Grundlage gegeben worden war. Die Betrachtung unter dem Gesichtswinkel der Leistungssteige¬ rung1) hat sich praktisch sehr bewährt. Von diesem Prinzipe aus können alle Symptome sowohl wie die experimentellen Untersuchungen über den Wirkungsmechanismus einheitlich zusammengefasst werden. Es kann von einer bewussten Therapie mit Proteinkörpern erst ge¬ sprochen werden, seitdem die Beurteilung von einem Symptom aus verlassen worden ist und die Gesamtheit der Wirkungsmöglichkeiten in Betracht gezogen wird. Zahlreiche Autoren stellten sich in der letz¬ ten Zeit auf diesen Standpunkt und teilten wertvolle Neuauffin¬ dungen mit. In dieser Wochenschrift habe ich im Jahre 1918 eine Arbeit über | die Proteinkörpertherapie folgendermassen beendet: „Es gibt wohl fast kein Gebiet, auf welchem nicht Hilfsmittel für die Weiterforschung nach dieser Richtung gefunden werden können, um so grösser ist die Gefahr, dass die einheitliche Auffassung wieder verloren geht. Die zweite Gefahr besteht darin, dass Teilresultate zu rasch für praktische Zwecke herangezogen werden.“ Wie die neueste Literatur zeigt, ist es durch unsere mannigfachen Bemühungen in der gekennzeichneten Richtung gelungen, nunmehr die Einheitlichkeit aufrecht zu erhalten. Die Arbeiten, welche die Protein¬ körpertherapie von einem Symptom aus beurteilen, erscheinen nur noch in verschwindender Anzahl. Es ist das zweifellos ein Fortschritt. Da¬ gegen scheint mir die zweite Befürchtung durchaus noch nicht gegen¬ standslos zu sein. Noch unfertige Teilresultate der experimentellen Forschung werden bereits als Grundlage für die ganze Therapie an¬ genommen, ja sogar zur Namengebung für diese Thera¬ pie in ihrer Gesamtheit herangezogen. (Kolloidoklastische Therapie, Kolloidtherapie, Osmosetherapie, Reiztherapie u. v. a. m.) Meines Erachtens ist kein Name aufzufinden, welcher der Viel¬ heit der Wirkungsmechanismeu bei der Proteinkörpertherapie gerecht werden könnte. Man kann diese höchstens im einzelnen studieren und sie durch treffende Definierungen und Benennungen für sich charakterisieren. Nach der Klarstellung im einzelnen gewinnen wir ein Bild des Gesamteffektes. Das eine ist auf diesem Gebiete bisher ganz sicher, dass es prinzipiell falsch ist, eine einzige Ursache für die Vor¬ gänge der Proteinkörpertherapie verantwortlich zu machen, genau so, wie es prinzipiell falsch war, sie von einem Symptom aus (Leukozytose, Antikörperbildung, Fieber, Entzündung usf.) beurteilen zu wollen. Die Proteinkörpertherapie hat sich als leistungssteigernde Massnahme praktisch als wertvoll erwiesen. Was wir bei ihr sehen oder wenigstens in den meisten Fällen erreichen wollen, ist lediglich eine Leistungssteigerung des Organismus nach einer be¬ stimmten oder nach den verschiedensten Richtungen hin. Dass bei jedem Eingriff die Kolloide des Körpers verändert werden können, wird niemand bezweifeln. Die ganze Therapie aber deshalb Kolloidtherapie zu nennen, scheint mir kein wesentlicher Gewinn. Lediglich das experimentelle Studium der Art der Veränderung im ein¬ zelnen fördert unsere Erkenntnis. Unter Kolloidtherapie verstand man zuerst die Behandlung mit kolloidalen Mitteln (Luithlen). Ein wesentlicher Anteil bei der Proteinkörpertherapie ist zweifellos Reizwirkung. Ich habe in meinen früheren experimentellen Stu¬ dien über Aktivierung das genügend gekennzeichnet. An zahlreichen Stellen ist, wo es mir angebracht schien, direkt das Wort „Reiz“ ge¬ braucht. Noch niemand hat wohl unter dem Ausdruck Aktivierung 4) Siehe die Arbeiten über uuspezifische Leistungssteigerung in M.m.W. 1921 Nr. 2 u. 12; 1920 Nr. 4 u. 38; 1919 Nr. 11; 1918 Nr. 22; 1915 Nr. 45. D.rn.W. 1921 Nr. 31; B.kl.W. 1921 Nr. 31; B.kl.W. 1907 Nr. 28; s. ferner Erg. d. Hyg. etc. 5. S. 275 u. a. a. O. Leistungssteigerung der Funktion hemmender Nerven kann sich natürlich in einer Leistungsminderung eines Organs auswirken und wünschenswert sein. etwas anderes verstanden oder wenigstens verstehen sollen, als eine Reizung der Zelle oder ihrer Bestandteile 2). Nachdem nun aber neuerdings die Begriffe auf diesem Gebiete schärfer herausgearbeitet worden sind, sollte man es meines Erachtens vermeiden, für die Leistungssteigerung des Gesamtorganismus nach den verschiedensten Richtungen hin den Reiz als einzige Ursache anzusehen. Den Reiz bezeichnete ich mit aktiver Leistungssteigerung, um damit zum Aufdruck zu bringen, dass es noch eine andere gibt, welche mit dem Reiz an sich absolut nichts zu tun hat, die passive. In Nr. 4 dieser Wochenschrift 1920 sind auf S. 91 beide Arten der Leistungssteigerung durch Gegenüberstellung charakterisiert. Die Leistungssteigerung ist also der übergeordnete Be¬ griff, es ist auch meines Erachtens unrichtig, sie ohne weiteres mit Erregung gleichzusetzen. Die Grenzen der aktiven Leistungssteigerung, also des Reizes, sind früher in dieser Wochenschrift mehrfach von mir gekennzeichnet. So auf S. 91, 1920 folgendermassen: „Sind die Wirkungen, welche man mit derartigen aktivierenden Mitteln hervorzubringen vermag auch gewöhnlich an sich viel hoch¬ gradiger als bei der passiven Steigerung, so ist doch zu bedenken, dass es sich um organotrope Mittel, um Reize3) handelt, welche sich bei der Wiederholung abschwächen 4) und vor allem bei erschöpften Organen versagen können.“ Es ist also nicht nur die schwierige Dosierungsfrage, durch die uns sehr bald Grenzen gezogen sind. Wie früher mehrfach ausgeführt, ist gross und klein hier ein besonders relativer Begriff, der ganz von dem Zustande des jeweilig zu beeinflussenden Organes abhängt5). Ja es gehört oft eine gewisse experimentelle Kunst dazu, die Anregung mit Proteinkörpern zur Anschauung zu bringen. Der Experimentator trifft häufig Organe, bei denen die geringste Zustandsänderung, die sonst leistungsteigernd wirkt, in jedem Falle lähmt. Vor allem haben auch gewisse Eiweissspaltpro¬ dukte durchaus nur lähmende Wirkung. In meinen früheren Arbeiten ist ausdrücklich von höhermolekularen Eiweissabbau¬ produkten die Rede, welche in kleinen Dosen anzuregen, in grossen zu lähmen pflegen. Das jetzt viel genannte A r n d t - S ch u 1 z sehe Ge¬ setz sollte meines Erachtens nicht in der Verallgemeinerung, wie es gewöhnlich geschieht, ausgesprochen werden, wenn es den experimen¬ tell festzustellenden Tatsachen entsprechen soll. Der aktiven Leistungssteigerung (i. e. Reiz) ist also durch den jeweiligen Zustand des Organes sehr bald eine Grenze gesetzt. Dabei versteht es sich von selbst, dass die Wichtigkeit der Virchow sehen Reizlehre, wie sie in besonders eindringlicher und klarer Weise von B i e r in dieser Wochenschrift 1921, Nr. 46 dargestellt worden ist, durchaus nicht verkannt werden soll. Die Bemühungen, die praktische Dosierungsfrage nach dieser Richtung zu orientieren, sind sehr zu begriissen. In der letzten Zeit finden sich besonders in den Arbeiten von Zimmer6) darüber wertvolle Angaben. In Anbetracht der vielfach ausschliesslichen Betonung des Reizes scheint es mir jedoch nötig, auf die anderen Seiten der Beeinflussungs¬ möglichkeiten der Proteinkörpertheraoie wieder hinzuweisen7): Hierzu gehören alle humoralen Reaktionen, die zweifellos bei der Proteinkörpertherapie ebenfalls eine Rolle spielen. Auch hiernach ist die ganze Therapie meines Erachtens bereits in verfrühter Weise ge¬ nannt worden-, so kolloidoklastische Therapie „wegen- der günstigen Veränderung, die- diese Substanzen in dem kolloidalen Gleich¬ gewicht unserer Säfte hervorbringen“ [Widal und Mitarbeiter8]). Diese Vorstellungen sind freilich ohne experimentelle Begründung vage. Wie ich früher ausgeführt habe, scheinen zwar viele Symptome, die bei der Proteinkörpertherapie ausgelöst werden, durch Erhöhung der Antikörperbildung, verstärkte Leukozytentätigkeit. Reizung des bindegewebigen Abwehrapparates u. a. m. erklärlich, nicht aber der plötzliche Umschlag, der oft nach parenteraler Proteinkörperinjektion oder auch während des natürlichen Verlaufes einer Infektion als Krise in Erscheinung tritt, die plötzliche Ueberlegenheit des Körpers dem Infektionsprozess gegenüber, welche den Infektionserreger in keiner Weise mehr aufkommen lässt. Eine geradezu ideale, fast mit absoluter Immunität vergleichbare Abwehr einer kurz vorher noch schweren In¬ fektion. Ich suchte experimentell das Wesen dieser Immunität zu ergrün¬ den. Man kann in der Tat alkohol- und wasserlösliche Extrakte aus dem Tierkörper ausziehen, welche in geringer Menge das Wachstum -) Vergl. A. Bier: M.m.W. 1921 S. 1524. :>) Im Original nicht gesperrt. 4) Wenn kein sensibilisiertes Organ vorliegt. 5) Ein gutes Beispiel sind die Froschherzen, die man im ermüdeten Zu¬ stande durch auf bestimmte Weise frisch hergestellte höhermolekulare Eiweiss¬ spaltprodukte im Sinne der Leistungssteigerung beeinflussen kann (s. M.m.W. 1915 S. 1526). Die gleichen Dosen, welche im Herbste gleich nach dem Fange anregen, pflegen später zu lähmen. 6) M.m.W. 1921 S. 539 und B.kl.W. 1921 S. 508. 7) Wenn auch die Wege, welche die Forschung nach diesen neuen Rich¬ tungen geht, vorläufig noch unsichere und wenn auch manche der tastenden Versuche noch vieldeutig und die Ansichten angreifbar sind, so sollte man sie doch nicht kurzweg ablehnen, lediglich, weil uns ältere Vorstellungen vertrauter scheinen. Wenn es auch verfehlt ist, die Proteinkörpertherapie als Ganzes nach ihnen zu beurteilen oder sie gar nach ihnen zu benennen, so beruht -doch m. E. ein gutes Stück Therapie der Zukunft auf diesen Be¬ einflussungsmöglichkeiten. Es wird aber, das muss freilich betont werden, noch viel Einzelarbeit, besonders nach chemischer und physikalischer Seite bedürfen, um hier sichereren Boden unter den Füssen zu haben. 8) Presse med. 1921 Nr. 19. 108 MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT. Nr. A. ausgesprochener Parasiten, d. h. solcher Infektionserreger, die sich in bezug auf ihre Fermenttätigkeit ganz dem lebenden Körper angepasst haben, befördern, sie in grösserer Merge aber hemmen, ja vollkommen unterdrücken 9). Zur Demonstration eignen sich am besten gewisse Streptokokkenstämme, die in bezug auf ihr Wachstum auf künstlichen Nährböden wählerisch sind. In kleinen Mengen regen diese Extrakte aus dem Organismus die Fermenttätigkeit der Streptokokken deutlich an, so dass sie jetzt auch einfachere organische Substanzen, wie Natrium asparaginicum und Glyzerin zu verwerten vermögen. Die Hemmung des Wachstums derartiger Parasiten in grössei e n Konzentrationen dieser Extrakte ist m. E. am ungezwungensten auf p h y s i k a 1 i s c h e Vorgänge zurückzuführen, denn es erfolgt eine Hemmung, obgleich für den chemischen Aufbau genügend geeignete Gruppen vorhanden sind. . Am wahrscheinlichsten scheinen mir Fällungsvorgänge, die in den klar filtrierten Extrakten bei Streptokokkenwachstum reichlich' zu be¬ obachten sind Machen sich solche Fällungen in den Randpartien des Bakterienplasmas geltend, so müssen sie eine Verminderung der Dis¬ persität und infolgedessen des Bakterienstoffwechsels bedingen. Die Vermehrung der Infektionserreger würde dadurch erheblich hint- angehaUen Ausser physikalischen Prozessen kommen zweifellos noch andere mit in Betracht. Jedenfalls können sich derartige Vorgänge rein humoral abspielen und eine gesteigerte Abwehr eines Infektions¬ prozesses istauchohneReizung der Körperzellen mog¬ ln einer sehr interessanten Abhandlung aus dem Jahre 1901 „Die Transfusion von Blut, insbesondere von fremdartigem Blut und ihre Verwendbarkeit zu Heilzwecken von neuen Gesichtspunkten betrach¬ tet“ spricht A. B i e r bei seinen therapeutischen Versuchen über Trans¬ fusion von Lammblut von „Aenderung der Zusammensetzung des Blu¬ tes, welche möglicherweise auf gewisse Bakterienarten tötend oder abschwächend wirken könnte“ (d. Wschr. 1901 Nr. 15 S. 569). Ohne Reizung der Körperzellen ist ferner noch eine andere Art von Leistungssteigerung möglich, die Absättigung lähmender Gruppen, lieber diesen Begriff siehe die bereits genannte Veröffentlichung in dieser Wochenschrift 1920 Nr. 4 S. 91. So wichtig also auch der Reiz auf die Körperzellen bei der Protein¬ körpertherapie ist, es wäre m. E. verfehlt, sich jetzt schon auf diesen Wirkungsmechanü mus allein festzulegen, er schliesst durchaus nicht alle anderen Wirkungsmöglichkeiten, deren Resultat Leistungssteige¬ rungen im Gesamtorganismus sind, in sich ein. Für die Praxis der Proteinkörpertherapie kommt die Absättigung lähmender oder unerwünscht wirkender Gruppen durch chemisch de¬ finierbare Körper m. E. vorerst in Frage, wenn es sich darum handelt, besser wirkende Proteinkörperpräparate herzustellen. Wir hätten dann bis zu einem gewissen Grade ein chemisches Analogon zur sog. Simul- tanimmunisierung der Immunitätsforschung, in diesem Falle eine Aus¬ schaltung lähmender oder unerwünscht wirkender Gruppen aus dem Ge¬ misch der höhermolekularen Ei weissabbauprodukte. Auf diesem Wege bieten sich gerade der Proteinkörpertherapie noch aussichtsvolle Aus¬ baumöglichkeiten l0), ferner nach der Richtung, dass uns die spezifische Wirkung der einzelnen Spaltprodukte besser bekannt wird11). Aus den angeführten Gründen halte ich auch den Ausdruck „orale Reiztherapie“ für verfrüht, solange nicht durch quantitative Stoffwechsel¬ untersuchungen am Gesamtorganismus und quantitative Untei- suchungen am isolierten Organe die Art der Wirkung des jeweils an¬ gewendeten Mittels sichergestellt worden ist12) (vergl. auch A. Schi t- tenhelm: diese Wochenschrift 1921 S. 1478). Bis dahin sollte eine derartige Therapie nach dem angewendeten Mittel und nicht nach dem angenommenen Wirkungsmechanismus genannt werden. Man treibe also wie bisher Proteinkörpertherapie und betrachte sie unter dem Gesichtswinkel der Leistungssteigerung. Eine solche kann beruhen auf: 1. organotroper Wirkung a) unspezifischer Art (beim sensibilisierten Organe oder beim spezifisch eingestellten mit spezifischer Auswirkung). b) spezifischer Art (durch Gruppen mit spezifischer Wirkung); 2. humoraler Wirkung a) unspezifischer Art (Zustandsänderungen der Körpersäfte), b) spezifischer Art (Absättigung lähmender Gruppen) 13). Den höhermolekularen nicht oder schwer dialysablen Eiweissabbau- produkten ist eine Sonderstellung zuzuweisen, wie ich das von jeher getan habe: 1. wegen ihrer physikalischen Beschaffenheit und 2. wegen der Vielheit der beim Abbau auftretenden Gruppen, welche für die Gesamtwirkung ein wesentlicher Faktor ist. 9) Erg. d. Hyg. etc. 5, S. 307. Bei Milchsäurebehandlung, Infektion mit Friedländer etc. wurden diese, das Streptokokkenwachstum befördernden Spaltprodukte im Organismus vermehrt. Zu diesen Versuchen gehört eine sehr gute bakteriologische Zähltechnik. 10) Mir scheinen manche Produkte der inneren Sekretion in diesem Sinne zu wirken und es wäre zu untersuchen, ob nicht Präparate, wie die Milch, ihre besondere Wirkung bei der Proteinkörpertherapie dem Vorhanden¬ sein solcher Gruppen verdanken. u) Siehe A. S c h i 1 1 e n h e 1 m: Zur Frage der Proteinkörpertherapie. M.m.W. 1921 S. 1476. 12) Ueber die sekundäre Abspaltung leistungssteigernder Gruppen nach der Einführung differenter Substanzen und nach elektrischer Reizung s. M.m.W. 1918 S. 583/84. Nach neueren Versuchen von O. L o e w i am Herzen können bereits durch die Nervenreizung allein spezifische Substanzen, die im Sinne der Nervenreizung wirken, entstehen. Im allgemeinen lässt sich die begreifliche Absicht mancher neuerer Forscher, eine möglichst umschriebene originelle Ursache für die Wir¬ kung der Proteinkörpertherapie zu finden, nicht verkennen; so sollen nach einer neueren Arbeit von Rosenthal und Holzer ) 1 ara- sympathikus- resp. Sympathikusreize von ausschlaggebendem Einfluss sein, andere sehen wieder in der entzündeten Zelle oder den Leukozyten den Angelpunkt. Ich möchte diesen Erklärungsversuchen gegenüber auf Grund lang¬ jähriger Erfahrung zunächst eine sehr skeptische Stellung einnehmen. Die Verhältnisse auf diesem Gebiete sind zweifellos viel komplizierter, als dass eine einheitliche Ursache angenommen werden könnte. In der Tat konnte L ö h r 15) an der Med. Klinik in Kiel die Resultate von R o s e n t h a 1 und Holzer nicht bestätigen. Was den Entzündungsbegriff anbetrifft, so wird in der letz¬ ten Zeit gegen die Bezeichnung Heilentzündung von D i e t r i c h ) gel¬ tend gemacht, dass ein mystischer Zweckbegriff eingeführt würde. Es wird nach diesem Autor ein Erfolg in den Begriff hineingebracht, der in einem wunderlichen Lichte erscheint, wenn die entzündlichen Ei schei- n ungen selbst den Untergang bringen, z. B. bei Pneumonie. March and17) sieht in einer zu weiten Ausdehnung des Ent¬ zündungsbegriffes auf die allgemeinen Abwehrreaktionen des Organis¬ mus eine Verwechslung des lokalen reaktiven Vorgangs mit einer Krankheit (Infektion), an der der ganze Organismus mehr oder weniger teilnimmt 18}. , . Einigkeit über den Entzündungsbegriff besteht keineswegs. Für die praktischen Zwecke der Proteinkörpertherapie ist m. E. der Begriff der Sensibilisierung massgebend. Die sensibilisierten Zellen oder die sensibilisierten Organe verhalten sich anders als die normalen. Sie reagieren hochgradig bei spezifischer, weniger stark bei imspezifischer Beeinflussung. Eine sensibilisierte Zelle ist chemisch oder physikalisch anders als die normale. Diese Veränderungen des sensibilisierten Organs äussern sich oft so, dass von einer Entzündung gesprochen werden kann. Das braucht aber durchaus nicht der Fall zu sein. Der Einfluss gewisser Lichtarten auf den gesteigerten Blutdruck. Von Dr. Adolf Kimmerle, leit. Arzt des Institutes für physikal. Therapie des Krankenhauses Eppendorf-Hamburg. Gelegentlich von Beobachtungen über das Verhalten des Blutdrucks 1 nach Bogenlampenlichtbestrahlungen fand ich bei einigen Fällen mit beträchtlich erhöhtem Blutdruck eine merkliche Blutdrucksenkung. Be¬ zogen sich die ersten Untersuchungen lediglich auf solche Fälle, welche annähernd normalen Blutdruck, eher etwas subnormale Werte zeigten, so lag der Gedanke nahe, bei krankhaft gesteigertem Blutdruck thera¬ peutisch diese zunächst mit Recht als schädlich erachtete Blutdruck¬ senkung zu gebrauchen. Waren für anämische Zustände, bei welchen von uns die Bogenlampenlichtbestrahlung vor allem aus therapeutischen Gründen in den letzten Jahren angewandt wird, Blutdrucksenkungen eine stets überflüssige, ja meist schädliche Beigabe, so konnte sie andererseits bei hypertonischen Zuständen vielleicht nützlich sein. Man war dazu um so mehr berechtigt, als es ja nach unseren Erfahrungen bei der Behandlung der Anämie und den dabei gemachten Beobach¬ tungen über das Verhalten des Blutdrucks ohne und mit Einatmung der Lampenluft, andere Einflüsse als die der durch blosse Wärme ent¬ standenen Hyperämie sein müssen, welche den Blutdruck herunter¬ setzen. Es müssen in der Lampenluft Stoffe enthalten sein, welche, eingeatmet, auf das Herz und das Gefässsvstem, vermutlich seine nervösen Apparate, einwirken. Wie dabei die Blutdrucksenkung zu¬ standekommt, ist noch unaufgeklärt, wie auch über das Entstehen des erhöhten Blutdrucks bei den verschiedenen Veränderungen des Ge- fässsystems, der Nieren usw., die Ansichten noch geteilt sind. Man könnte aber denken, dass nach Einatmung der Bogenlampenluft ge¬ wisse lähmende Einflüsse sich geltend machen, welche auf irgendeine Weise, wahrscheinlich auf chemischem Wege, den Tonus herabsetzen; es sei dahingestellt, ob es eine direkte oder reflektorische E'nwirkung j auf die Vasokonstriktoren oder Vasodilatatoren ist. Die Blutdruck¬ senkung könnte bedingt sein durch eine Reizung der Vasodilatatoren, , aber ebensogut könnte sie als eine reflektorische Hemmungswirkung auf das Konstriktorenzentrum in der Medulla oblongata aufgefasst werden. — Als reflektorische Reize z. B. wirken ausser Kälte und Wärme auch gewisse Gifte. Bestimmtes lässt sich darüber erst dann aussagen oder wenigstens schliessen, wenn man weiss, woraus das Gasgemisch der Bogenlampenluft besteht. Es gibt ja Mittel, welche, per os genommen, oder ins Gewebe injiziert, den Blutdruck herab¬ setzen, so das Nitroglyzerin, das Vasotonin, das Papaverin, aber nie in dem Masse, wie ich dies in manchen Fällen von Hypertonien nach : der Einatmung der Bogenlampenluft beobachtet habe. Gewisse Nitrit¬ verbindungen, Nitroxylverbindungen werden in der Bogenlampenluft sicherlich enthalten sein. Am nächsten käme dieser Verbindung das 2 13) Oder von Gruppen mit unerwünschter Wirkung. 14) Rosen thal und Holzer: B.kl.W. 1921, Nr. 25, S. 675. 15) Ther. Halbmonatsh. 1921. H. 12, S. 303. 16) M.m.W. 1921 S. 1071. 17) D.m.W. 1921 S. 1197. 18) Ueber die Entzündung s. vor allem R. Virchows Trennung der Frage nach dem Wesen der Entzündung von derjenigen nach den Symptomen. L. Asch off: D.m.W. 1921 S. 1187. 27. Januar 1922. MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT. Nitroglyzerin, dessen blutdruckherabsetzende Wirkung bei manchen Zu¬ ständen benützt wird. Bei der künstlichen Höhensonne habe ich sowohl bei der Hypertonie als auch bei anderen Fällen diese Wahrnehmung nie gemacht, nie Blutdrucksenkungen in diesem Umfange beobachtet. Mit der Erfahrung nach Bogenlampenlichtbestrahlung decken sich auch die Beobachtungen, welche manche Badeärzte bei der Behandlung chro¬ nischer Nephritiden mit natürlichen Sonnenbädern gemacht haben. Selbstverständlich muss die Anwendung des Sonnenbades sehr vor¬ sichtig abgestuft werden und eignen sich lange nicht alle chronischen Nephritiden dazu. Im folgenden kurz die Krankengeschichten einiger Fälle. Aus leicht ersichtlichen Gründen kann ich nicht alle Fälle hier anführen, sondern ich muss mich darauf beschränken, einzelne mar¬ kante Fälle hcrauszugreifen. Wir verwenden stets Gleichstrombogenlampen von 40 — 50 Amp., wie wir sie auch zur Behandlung der Anämie benutzen, setzen den Patienten in 40 — 50 cm Abstand vor die Bogenlampe — grössere Ab¬ stände verringern die Wirkung, näher heranzugehen ist nicht erlaubt, wegen der zu grossen Hitzeentfaltung; der Schutz der Augen durch schwarze Gläser ist selbstverständlich. 1. Fall. Frau Anna Gr., 67 .Jahre alt, selbst nie ernstlich krank ge¬ wesen. Am 15. V. 1921 wurde sie schwindelig, verspürte Kopfschmerzen. Bei der Aufnahme Befund einer ausgebildeten Arteriosklerose, verstärkter 2. Aortenton, Blutdruck 190 mm Hg (R i v a - R o c c i). Bei der Aufnahme hatte man den Eindruck, dass ein leichter apoplektischer Insult voraufgegangen war. Mit Rücksicht auf die Angaben der Patientin darf man annehmen, dass unter anderm auch eine Arteriosklerose der Gehirnarterien vorliege. Der erhöhte Blutdruck war in den mehr oder weniger arteriosklerotisch ver¬ änderten kleineren und kleinsten Gefässen zu suchen. Der Wasserversuch und Konzentrationsversuch bestätigten die Vermutung, dass es sich um eine Nephrosklerose handelte. Patientin erhielt seit dem 25. V. 1921 salz¬ arme Diät, Bettruhe. Die Beschwerden, der Blutdruck blieben unverändert; am 9. VII. 1921 wurde mit der Bogenlampenbestrahlung begonnen, zunächst mit 10 Minuten Dauer bei 50 cm Abstand. Am 11. VII. 1921 dauerte die Be¬ strahlung und somit die Einatmung bereits 40 Minuten, der Blutdruck ging von 193 auf 93 mm Hg zurück; 15 Minuten nach Beendigung der Bestrahlung war der Blutdruck schon wieder 128 mm Hg. Am 12. VII. 1921 erreichte man in der gleichen Zeit eine Blutdrucksenkung von 206 auf 88 mm Hg. Jetzt, es war zudem ein sehr schwüler und heisser Tag, fühlte Patientin das Be¬ dürfnis sich hinzulegen. 20 Minuten nach Beendigung der Bestrahlung war der Blutdruck wieder 130 mm Hg, 50 Minuten später bereits 175 mm Hg. Nun wurden die Bestrahlungen wochenlang fortgesetzt, nachdem Patientin sich daran gewöhnt hatte, diese auch ganz gut vertragen. Die Patientin gab spontan an, dass sie keine Kopfschmerzen mehr habe, sich besser fühle. Der Blutdruck war am 18. VFI. 1921 vor der Bestrahlung 163 mm Hg. am 15. IX. 1921, also 16 Tage nachdem die Bestrahlung ausgesetzt war, 167 mm Hg. Es war somit eine Blutdrucksenkung erreicht worden, die anfangs sich stets wieder rasch ausglich, nach wochenlanger Bestrahlung aber konstant blieb. Die anfänglich erzielten Ausschläge waren ungewöhn¬ lich gross, später, nach Adaption, schwankte der Ausschlag im Mtttel zwischen 167 — 137 mm Hg. 2. Fall. Wilhelm Ha., 72 Jahre alt. Früher Pneumonie, Typhus. Im Krankenhause vom 3. VIII. 1920 bis 1. IV. 1921. 3 Monate vor der Ein¬ lieferung starke Zahnfleischblutung, ietzt perniziöse Anämie, Hämoglobin¬ gehalt 27 Proz., Blutdruck 195 mm Hg Am 1. IX. 1921 Begin der Bogen¬ lampenbestrahlung zur Behandlung der Anämie. Bei diesem Falle fielen die grossen Schwankungen auf (183 — 150 mm Hg, 191 — 148 mm Hg). Die näheren Untersuchungen ergaben das Vorhanden¬ sein einer Nephrosklerose. Im Laufe der Behandlung, die bis zum 23. XII. 1920 fortgesetzt wurde, stieg der Hämoglobingehalt bis auf 80 Proz., ob prop- ter hoc oder post hoc, lasse ich dahingestellt. Gleichzeitig wurde auch der Blutdruck niedriger, so dass am 13. XII. 1920 ein Blutdruck von 150 mm Hg, am 6. I. 1921 ein solcher von 180 mm Hg und am 21. I. 1921 ein solcher von 155 mm Hg notiert wurde. Auch hier eine Blutdrucksenkung von der Dauer einiger Wochen; die Anämie wurde gebessert. Es kann also die Blutdrucksenkung nicht auf die zunehmende Anämie zurückgeführt werden, zudem war der Blutdruck am höchsten als der Hämoglobingehalt am niedrigsten war. 3. F a 1 1. Friederike L., 56 Jahre alt, sonst gesund. Jetzt Diabetes und Arteriosklerose. Im Krankenhaus seit 16. VII. 1921. Blutdruck 200 mm Hg. Seit 10. IX. 21 Bestrahlung mit der Bogenlampe. Am 14. IX. 1921 waren die Ausschläge 1 93 H 73 mm Hg. am 15. IX. 1921 205/150 mm Hg, am 17. IX. 1921 183'160 mm Hg, am 22. IX. 1921 192/167 mm Hg. Da hier gleichzeitig ein Diabetes vorlag, handelte es sich nicht aus¬ schliesslich um eine Nephrosklerose, sondern auch um nephrotische Ver¬ änderungen. Die einzelnen Ausschläge waren jedenfalls ziemlich gross, doch reagierte der Fall nicht so prompt und so nachhaltig, wie die beiden ersteren. 4. Fall. Claus D., 58 Jahre alt. Im Krankenhaus seit 5. VII. 1921; mit 14 Jahren Pneumonie, 1883 Lues, Hg-Kur. 1884 Gonorrhöe, 1914 Krampf¬ zustände in beiden Armen. Seit Januar 1920 zunehmende Mattigkeit und Kurzluftigkeit. Im Urin damals kein Eiweiss. Status praesens: Geringe Oedeme der Unterschenkel, Haut mässig gut durchblutet, Aorteninsuffizie.iz, Blutdruck 250 mm Hg. Durch Diät und Ruhe ging der Blutdruck ruf 180 mm Hg zurück (am 25. VIII. 1921). Nach Wasser¬ versuch, Konzentrationsversuch und der klinischen Beobachtung Annahme einer chronischen Glomerulonephritis. Am 31. VII. 1921 Beginn der Bestrah¬ lung; 195 '175 mm Hg, am 7. VI. 1921 Aussetzen der Bestrahlung, am 14. IX. 1921 Wiederbeginn der Bestrahlung, am 17. IX. 1921 Schwankung 180/160 mm Hg nach 40 Minuten. Die Kurve lässt hier vielleicht die Ver¬ mutung zu, dass jedesmal, nachdem die Bestrahlung einige Zeit lang aus¬ geführt war, die Diurese anstieg und umgekehrt bei Aussetzen nachliess. Hier liegt eine Kombination mit einer Aorteninsuffizienz vor. Es ist nach der Anamnese nicht ausgeschlossen, dass die früher überstandene Lues teilweise die jetzige Nierenveränderung bedingt hat. Die klini¬ schen Beobachtungen lassen ja auch eine Glomerulonephritis annehmen, wahrscheinlich schon mit Uebergang zur Indurativform, der sog. sekun¬ dären Nephrosklerose. 109 Während die beiden ersteren Fälle sich in der Aetiologie ähnlich waren — bei ihnen lag wohl sicher eine reine Nephrosklerose vor — , handelt es sich bei den beiden letzteren Fällen nicht nur um reine sklerotische Veränderungen, sondern es waren auch andere Erschei¬ nungen im Vordergründe, so im letzten Falle die einer chronischen Glomerulonephritis mit Uebergang in die sekundäre Indurativform. Die ersten 3 Fälle verhielten sich der Behandlung gegenüber mehr oder weniger einheitlich, die Blutdrucksenkung war deutlicher und ständiger, im letzteren Falle war die Blutdrucksenkung nicht so offen¬ kundig, auch nicht so anhaltend. Die Folgerung aus diesen Fällen könnte sein, dass die durch reine Gefässveränderungen (Arteriosklerosis) bedingte Biutdrucksteigerung durch das Einatmen der Lampenluft günstig beeinflusst werden kann. Der Vorgang wäre so zu erklären, dass das Gefässsystem selbst beein¬ flusst wird, vielleicht geschmeidiger, oder vorübergehend elastischer gemacht wird. Dabei werden auch die peripheren Widerstände ver¬ mindert, der Angriffspunkt wäre dann also das veränderte Gefässsystem. Ueber das Zustandekommen des hohen Blutdrucks bei Nephrosklerose besteht noch keine einheitliche Ansicht: Die meisten Autoren stellen bei diesem Zustande die Nieren mehr oder weniger in den Mittelpunkt der Betrachtungen, dabei nehmen die einen, z. B. v. Romberg, Fahr u. a. an, dass die Entstehung der Hypertonie von den Vor¬ gängen in den Nieren selbst abhängig sei, während andere, wie Fried¬ rich v. Müller, A s c h o f f u. a. eine Erkrankung der Nieren nicht unbedingt für notwendig halten. Bei dieser letzten Ansicht liegt der Gedanke an eine Systemerkrankung nahe, indem mehr oder weniger eine über den ganzen Körper verbreitete Arteriosklerose der kleinsten Arterien angenommen werden dürfte. Zur Hvpertonie kann es nur dann kommen, wenn die Erkrankung der Gefässe sehr ausgebreitet ist, die Mehrzahl der Gefässchen verändert ist. Nach der klinischen Beobachtung sind die beiden ersten Fälle reine Nephrosklerosen, also jene Form der Nierenerkrankung, die ohne vorausgegangene Nephritis entstanden ist und prinzipiell von den entzündlichen Prozessen zu unter¬ scheiden ist; es sind also rein arteriosklerotische Veränderungen am Gefässapparat, infolgedessen auch an den Nieren, welche den hohen Blutdruck bedingen. — Diese beiden Fälle haben am besten und zwar dauernd reagiert. Wenn also Fälle mit reinen Gefässveränderungen für diese Art der Behandlung die dankbarsten Obiekte sind, dann darf man andererseits schliessen, dass die blutdrucksenkende Wirkung darauf beruht, dass in erster Linie auf den Gefässapparat direkt ein¬ gewirkt wird. Wie es kommt, dass anscheinend gut und noch praktisch gesunde Gefässapparate weniger stark reagieren, als gerade die arteriosklerotisch veränderten Gefässe, ist allerdings sehr merkwürdig. Bei der Glomerulonephritis oder bei Parenchymschädigungen der Nieren, auch bei den Mischformen, tritt keine so entschieden nach¬ haltige Wirkung auf, weil die oben erwähnten Angriffspunkte mehr oder weniger fehlen und es sich nicht um reine primäre Gefäss- schädigungen in dem Nierenapparat handelt; die zu überwindenden Widerstände sind also anderer Natur. — Weitere Beobachtungen werden nach der einen oder anderen Seite hin Aufschluss geben. Wenn der Einfluss des Bogenlampenlichtes dazu verwendet werden könnte, den erhöhten Blutdruck dauernd zu senken, so wäre dies jedenfalls eine verhältnismässig einfache Methode. Die Kr'anken brauchten der Be¬ strahlung gar nicht direkt ausgesetzt zu werden, sondern man könnte, wenn die nötigen Einrichtungen dafür vorhanden sind, die Lamnenluft absaugen und die Patienten, die dabei in- einen anderen Raum gesetzt werden können, direkt diese Luft einatmen lassen. Man würde dadurch die manchmal sehr unangenehme und lästig sich bemerkbar machende strahlende Wärme ausschalten können, da es ja nicht nötig ist, letztere auf den nackten Körper einwirken zu lassen, sondern es auf die Ein¬ atmung der in der Luft enthaltenen Gase ankommt. Wenn nämlich die Einatmung dieser Gase verhindert wird, z. B. durch Anlegen einer Maske im Anschluss an einen Saugapparat, welcher frische Aussenluft zur Atmung liefert, dann bleibt auch bei der Hypertonie die Blutdruck¬ senkung aus. — Um eine dauernde Wirkung zu erzielen, halte ich es aber für nötig, dass lange genug und in den ersten Wochen kon¬ sequent Tag für Tag behandelt wird, Unterbrechungen der Behandlung machen den Erfolg häufig illusorisch. Aehnlich wie bei anderen chro¬ nischen Krankheiten sind auch hierbei Wiederholungen der Behandlung von Zeit zu Zeit nicht zu umgehen. — Unangenehme Nebenerschei¬ nungen habe ich bisher nie beobachtet. Aus der Universitäts-Frauenklinik in Innsbruck. lieber Konstitution und Vererbung erworbener Eigen¬ schaften. Von P. Mathes. Kliniker und Pathologen mühen sich in gleicher Weise program¬ matisch ab, die Konstitution zum Gegenstand exakter Forschung zu machen. Es ertönt der Ruf nach einer eigenen Konstitutionspatho¬ logie, nach einer eigenen Methodik sie zu betreiben: wenn schon die „Gesamtkonstitution“ nicht zu erforschen ist, so sollen es doch wenig¬ stens die „Partialkonstitutionen“ sein (Kraus, T o e n i e s s e n). Schon mischen sich in diese Rufe Töne, die wie Misstrauen und Resignation klingen; so be! Roessle1). wenn er sagt: „Gibt denn die heutige Konstitutionspathologie auf die Fragen nach dem ,Wie?‘ ‘) M.m.W. 1921 Nr. 40. 110 MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT Nr. 4. und , Warum?“ eine Antwort? Nein, denn es gibt noch fast keine Kon- stitutionspatholcgie“ — und später: „Jedes Gebiet erfordert seine eigene Methodik, eine solche ist für die Konstitutionsforschung nicht vorhanden“. So auch bei Toenniessen2): „Wenn wir aber .... nur die rein ererbten Eigenschaften als konstitutionell gelten lassen .... dann schrumpft der Begriff der Konstitution auf einen so klemen Be¬ zirk zusammen, dass er bedeutungslos und überflüssig wäre. Miss¬ trauen und Resignation sind hier am Platze. Eine Pathologie der K. wird es nie geben, weil Konstitution nur ein B e g r i f f i s t. Wir denken mit Begriffen; wir bilden die Begriffe, indem wir aus möglichst vielen Einzelerscheinungen möglichst viele gemeinsame Merk¬ male abziehen (Abstraktionen) und sie gedanklich vereinigen (Resyn- these); wir geben den Begriffen Namen, um uns mittels dieser über äussere und innere Erlebnisse zu verständigen. Aus den vielen Einzelfällen, dass die Jungen den Elterntieren glei¬ chen, haben wir den Begriff der Keimanlage abstrahiert. Der Begriff hat zum Inhalt, dass eine Keimanlage der anderen jedesmal zum mindesten sehr ähnlich sein muss, dass sie, wenn auch nicht Glei¬ ches, so doch immer Aehnliches hervorbringen muss, dass sie von innen durch Teilung und durch Paarung nur wenig, von aussen gar nicht veränderlich ist; wohlgemerkt: nur die Anlage, nicht das, was später daraus wird. Auf die menschliche Pathologie bezogen, habe ich im Jahre 1912 vorgeschlagen 3 4), den eben erörterten Begriff mit dem Namen Kon¬ stitution zu belegen. Ein Name, der bis dahin für die verschieden¬ sten Begriffe gebraucht worden ist (wie es auch heute wieder ge¬ schieht, Toeniesse n). Es ist Tandler mit seiner Rede auf dem Anthropologenkongress 1913 gelungen, diesem Vorschläge Eingang m die Literatur zu verschaffen, wenn er dabei auch die scharfe Begriffs¬ abgrenzung durch Zutaten wieder verwischt hat. K. -Forscher werden nun jene Beobachter genannt, die bei der Deutung ihrer Befunde dem Gedanken Raum geben, dass diese Befunde mit der imaginären Keimanlage (mit der Anlage; deren vermeintliches, materielles Substrat, die Chromosomen, wollen wir aus dem Spiele lassen) in Beziehung stehen. Es ist unbillig, von diesen Forschern zu verlangen, dass sie sich bei ihren Untersuchungen besonderer Methoden bedienen1): denn K. bedeutet alles und sie bedeutet nichts; sie bedeutet alles, denn das Sein des Untersuchungsobjektes allein ist schon konstitutionell. Gezeugtwerden und die Fähigkeit, zu zeugen, sind in der Anlage bedingt, sind erblich und vererbbar 5). Die K. be¬ deutet für die Untersuchung nichts, denn das Objekt der Untersuchung ist auch für die K -Forscher das alte: Der gesunde oder kranke Mensch, das Einzelindividuum, lebend im Kranken — tot im Seziersaal. Der Methoden für Untersuchung haben wir genug; wir müssen sie nur richtig anzuwenden und ihre Ergebnisse zu deuten verstehen. Es wird nie möglich sein, an einem solchen Ergebnis den k. Anteil etwa so festzustellen, wie man den Säuregehalt einer Lösung durch Titration bestimmt. Die K. ist nichts Körperliches, nichts etwa wie ein feines Gespinst, das das ganze „Soma“ durchzieht, wie es sich Toeniessen offenbar vorstellt, wenn er sagt: „So lange eine solche Somaschädigung anhält, ist der k. Zustand des betreffenden Organes verdeckt und nicht exakt .festzustellen (sonst ja? d. V.) - erst wenn die Somaschädigung verschwindet, tritt die k. Eigenart des Organes wieder unverändert hervor.“ Umgekehrt! Die Reaktion auf Reize ist ja gerade das, was uns am besten zeigt, von welcher Art das Einzel¬ organ oder das Einzelindividuum ist. Das gerade Gegenteil werden wir anstreben. Wir werden trachten, das Einzelindividuum unter den ver¬ schiedensten Bedingungen beobachten zu können. Sind die Be¬ dingungen von selbst nicht verschieden genug, so werden wir sie künstlich möglichst verschieden gestalten: das ist ja gerade das Wesen der funktionellen Prüfungen (man kann sie auch biologische nennen), es ist die Methodik der experimentellen Pathologie. Erst wenn das fertige Untersuchungsergebnis vorliegt, werden wir darüber nachzudenken anfangen können, ob und wie weit sich das be¬ obachtete, spezielle Ergebnis von dem nach den bisherigen Erfahrungen zu erwartenden unterscheide, was also dabei durch die Anlage des unter¬ suchten Objektes bedingt sein mag. Dass es . so ist, liegt in der Definition des K. -Begriff es. Das Wie? und Warum? rührt an die letzten Fragen nach dem Wesen des Lebens überhaupt. Welche Erwägungen können dazu nun angestellt werden? Jede Erwägung ist überflüssig, wenn nachgewiesen werden kann, dass die 2) M.m.W. 1921 Nr. 42. 3) Es geschah dies in einer Monographie mit dem schlecht gewählten Titel „Der Infantilismus, die Asthenie und deren Beziehungen zum Nerven¬ system.“ Sie hätte besser genannt werden sollen: „Das Konstitutionsproblem beim Weibe.“ Nebenbei bemerkt ist Toeniessen der Einzige, der dieser geschichtlichen Tatsache Erwähnung tut. Ich glaube aber annehmen zu können, dass auch ihm das Original nicht Vorgelegen hat, weil er sagt, dass ich diese Ansicht nicht näher bewiesen und gegen die anderen Auffassungen nicht gestützt hätte. Zu beweisen ist an einer solchen Denkhandlung so wenig wie an irgendeiner motorischen Handlung, und andere Auffassungen waren damals nur wenige vorhanden. Soweit sie aber vorhanden waren, habe ich sie in dem 5 Seiten langen Abschnitt über „Konstitution und Disposition“ eingehend erörtert. 4) Das Experiment der Züchtung ist auf den Menschen nicht anwendbar. Familientafeln werden uns in ausreichender Menge und Genauigkeit nie zur Verfügung stehen. s) Diese Erkenntnis ist nicht so alt und nicht so allgemein, als es den Anschein hat; den Australnegern fehlt sie auch heute noch (Sem o n: Irrt australischen Busch); der Zusammenhang von Geschlechtsakt und Fort¬ pflanzung ist ihnen nicht bekannt. in Frage stehende Veränderung in der Aszendenz oder Deszendenz vor¬ gekommen ist, ein in der menschlichen Pethologie wohl nicht allzu häufig vorkommender Fall. Für die meisten Fälle wird nur das übrig bleiben, was R o e s s 1 e so treffend „jenes künstlerische Erraten, die spezifische Intuition“ genannt hat. Um uns nicht wieder zu verlieren, ist es notwendig, klar zu de¬ finieren, was mit dem Worte Intuition benannt werden soll. Wenn der geniale Pflanzenzüchter Luther Burbank auf einem Spaziergange im südlichen Frankreich eine wildwachsende, unscheinbare Prunusai't findet, deren Samen nicht in eine steinige Hülle eingeschlossen ist. wenn er vermutet dass diese Eigenschaft vererbbar ist und nun daran geht, diese Prunusart mit anderen hochgezüchteten, wertvollen, grossen Pflaumen zu kreuzen, so war das J. Dass er richtig „erraten“ hat, beweisen die herrlichen, steinlosen Pflaumen, die seine Kreuzungs¬ versuche ergeben haben. Wenn Billroth in der vorantiseptischen Zeit findet/dass peinliche Sauberkeit bei Vornahme von Operationen deren Resultate günstig beeinflusst, so war das J.; wenn es auch ein Irrtum war, deshalb die Antisepsis abzulehnen, die mit besseren Gründen zur modernen Asepsis geführt hat. Intuition können wir die Fähigkeit nennen, mittels gering¬ ster äusserer oder innerer Wahrnehmungen, die nicht einmal klar ins Bewusstsein zu treten brauchen, Zusammenhänge, zwischen Tat¬ sachen oder Ideen gewissermassen nur zu fühlen, nicht einmal klar zu erkennen. Darin liegt der Kern des schöpferischen Tuns überhaupt j und so ist es auch in der medizinischen Wissenschaft und Praxis. Darin liegt offenbar auch die Macht des wahren Naturheil-„Künstlers“, nicht des gewöhnlichen Naturheil-. .Kundigen“, denn die „Kunde“ muss erst erworben werden. Wenn wir nicht wollen, dass schöpferisches Laienempfinden den j Sieg über den Professionalismus davon trage, dann müssen wir aka¬ demischen Lehrer bei unseren Schülern die Gabe der J. zu wecken versuchen: durch unmittelbare Anschauung am Krankenbette, nicht durch Instanzenverschiebung ins Laboratorium mit Mikroskop und I Reagenzglas; diese Fähigkeiten lassen sich leicht nebenher erlernen. Wir müssen unsere Schüler lehren, den ganzen Menschen in seiner individuellen Beschaffenheit zu erfassen, die V er- schiedenheiten in der Beschaffenheit der einzelnen Kranken mit einander j zu vergleichen; die Abweichungen sind im ganzen und grossen ja immer I nur ein Zuwenig oder ein Zuviel in derEntwicklung. seltener desQanzen, I öfters seiner Teile. Dasist dasZielund derSinnder söge- I nannten Konstitutionsforschung im einzelnen. Wenn I diese Erkenntnis als Niederschlag der vielen wohl recht fruchtlosen Erörterungen über den K.-Begriff erhalten bleibt, so waren diese nicht | umsonst; vielleicht war aber umgekehrt das Interesse für diese Er- j örterungen schon ein Zeichen dafür, dass diese Art der Betrachtung I der, einzelnen kranken Menschen sich durchzusetzen angefangen hat 3 gegen die frühere Art, die vor allem das Ziel hatte, abstrakte Diagnosen- I begriffe zu formulieren. Es wäre zu überlegen, ob es nun nicht auch 1 besser wäre, das viel umstrittene und viel gedeutete Wort K. wieder I ganz- fallen zu lassen und ein anderes an desen Stelle zu setzen; j Bauer spricht von Körperverfassung, Toeniessen schon besser von Körperzustand. Kretschmer") von K ö r r> e r h n u. j ich gebrauche gerne die Wendung „seit jeher“ oder „anlage- g e m ä s s“. _ Nach diesen Ausführungen wird es leicht sein, sich über die zweite 9 Frage der Vererbung erworbener Eigenschaften zu ! einigen. Der direkten Vermehrung bei Einzelligen durch Teilung':' wird die der indirekten Vermehrung bei vielzelligen Organismen durch Keimzellen begrifflich gegenüber gestellt. Im ersten Falle ; wird das gesamte Einzelindividuum durch den Vorgang aufgebraucht, - im zweiten Falle beteiligt sich an dem Vorgänge nur eine kleine Gruppe von Zellen; diese haben sich in frühesten Entwicklungsstadien abge¬ sondert (Weismanns Keimbahn), verharren in einem wenig differen¬ zierten, aber omnipotenten Zustand und stehen damit in einem scharfen j Gegensatz zfi den Körperzellen, die die verschiedensten Arten von Differenzierungen durchgemacht haben, aus denen sie in ihren früheren Zustand nicht wieder zurückgeführt werden können: sie beher¬ bergen die Keimzellen schon da wie einen selbstän¬ digen Organismus. Dabei müssen wir uns aber dessen be¬ wusst bleiben, dass wir mit dieser Begriffsbildung zwei Extreme aus einer natürlichen Reihe künstlich ausschneiden. In diesen Be¬ griffen findet nicht mehr Platz die Vermehrung durch Knosmmg und noch weniger die Tatsache, dass bei einzelnen Formen beide Arten der Vermehrung nebeneinander Vorkommen, ja. dass wie z. B. bei Aszidien die ausgeschnittenen Keimzellhaufen aus Somazellen wieder ersetzt werden können. \ Solchen Tatsachen gegenüber nimmt nun der biologische Forscher einerseits und der Praktiker anderseits einen ganz verschiedenen Standpunkt ein. Der biologische. Forscher wird bestrebt sein, möglichst viele solcher Zwischenstufen in den Kreis seiner experimentellen Beobachtung zu ziehen. So hat Kämmerer z. B. Aszidien das Ernährungsrohr gekürzt und den Tieren dann die Ovarien entfernt: Ovarien sind aus dem übrigen Körperbestand nach¬ gewachsen und die aus diesen hervorgeangenen Jungen hatten auch ein kürzeres Ernährungsrohr. Man braucht die Richtigkeit dieser Be¬ obachtungen gar nicht anzuzweifeln: die neu entstandenen Keimzellen sind eben keine Keimzellen im Sinne der früheren ®) Körperbau und Charakter. Berlin, Springer, 1921. 7. Januar 1922 MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT. 111 »efinition Ovarien im Sinne unserer Begriffsbildung ersetzen ich nicht wieder aus Somazellen, ein solches verloren gegangenes ivariuin bleibt verloren; dagegen ist es wohl begreiflich, dass die omazellen, die sich bei K.s Versuchen zu Keimzellen zurückver- andelt haben, etwas von dem korrelativen Einfluss der früher erlittenen erstümmelung in ihre neue Funktion der Vermehrung mit hiniiber- enommen haben. Die Versuche sind somit kein Experimentum crucis ir die Vererbung erworbener Eigenschaften überhaupt, wie Kam- lerer behauptet. Der praktische Tierzüchter, der Eugeniker, der Arzt erden trotzdem auch weiterhin dem biologischen Forscher egenüber an ihrer Ansicht festhalten, dass die Keimzellen der Objekte, üt denen sie es zu tun haben, erfahrungsgemäss dem Einflüsse der ussenwelt und damit auch der Somazellen entrückt sind, was die Er- altung ihrer ihnen eigentümlichen Entwicklungsrichtung anbelangt; ie werden sich dagegen sträuben, dass der biologische Forscher seine rfahrungen verallgemeinert, wie dies in so weitgehendem Masse Kam- lerer getan hat, als er jüngst in einem Vortrag behauptete, dass lies, was wir zur Vervollkommnung unseres Geistes und Charakters in, auf dem Wege der Vererbung unseren Nachkommen zugute omme. Solche Behauptungen haben vielleicht ethischen und erzieh- chen, aber sie haben keinen wissenschaftlichen Wert. Was wir für ie Vervollkommnung unserer Selbst tun und erstreben, kommt nur nseren Mitmenschen zugute, unseren Nachkommen nur, soweit sie uch unsere Mitmenschen sind. ots dem Mütter- u. Säuglingsheim (O.-Arzt Prof. Dr. Schoedel) er staatl. Frauenklinik (Direktor Prof. Dr. Krull) Chemnitz. Subjektive und objektive Beeinflussung der Laktation. Von Johannes Schoedel. So oft Steigerung der Milchdrüsentätigkeit einerseits Arzt und ■lütter erwünscht erscheint, beinahe ebenso oft begegnet man ander- eits nicht nur bei der Mutter, sondern auch beim Arzt Irrtümern über ie Grenzen der Beeinflussungsmöglichkeit. Will man hier auf sicherem Grunde fussen, so ist zunächst einmal in zuverlässiges Bild über die Stillfähigkeit unserer Bevölkerung er¬ wünscht. Erfahrungen der Fürsorgestellen sind in dieser Frage un- uverlässig, solche der Entbindungsanstalten zu kurz. Mütterheime nit ihrer länger währenden Belegung können hier tiefere Einblicke :ewähren : Vollkommener Milchmangel wurde wie anderwärts so auch in der intbindungsabteilung der hiesigen Frauenklinik nie beobachtet. Trotz¬ dem wäre es falsch, von 100 Proz. Stillfähigkeit zu reden. Jeder uzt weiss, dass der Sekretfluss allein zur Stillfähigkeit nicht genügt, lass ohne weiteres schwerkranke Mütter ausscheiden und dass auch •ei einem Tel von Bildungsfehlem der mütterlichen Brust wie der indlichen Saugwerkzeuge alle Mühe vergebens ist. Geht schon o ein Teil der 100 Proz. Stillfähigkeit verloren, so gibt es noch us vielen anderen Gründen im täglichen Leben zahlreiche Versager m Stillgeschäft, sodass ein grosser Teil der Kinder nur vorübergehend, mr Tage oder Wochen an der Brust erhalten wird. Fragen wir m allgemeinen nach der Stillfähigkeit einer Bevölkerung, so ver¬ teilen wir darunter eine auf Wochen und Monate ausgedehnte Lak- ation. In diesem Sinne fand sich im Jahre 1904 in Chemnitz durch Jmfrage bei Impfterminen eine Stillfähigkeit von 32 Proz. Unter dem Einfluss der allgemeinen Aufklärung, besonders aber unter der Ein¬ wirkung des Gesetzes über Wochenhilfe und Wochenfürsorge hat sich lies Zahlenverhältnis bedeutend gebessert sodass man nach den Er- ährungen der hiesigen Fürsorgesprechstunden wohl mindestens >ü — 70 Proz. rechnen darf. Doch auch diese Zahl ist noch nicht bewei¬ send für die obere Grenze der Möglichkeit. In der Familie ist diese ;aum zu erreichen, nur bei Loslösung der Mutter aus dem Kreise ler Familie und der sozialen Bedrängnisse wird diese Höchstgrenze ersichtlich werden. Deshalb spiegelt sich die Stillfähigkeit der hie¬ sigen Bevölkerung am besten in den Stillzahlen des Mütterheimes wieder. Hier stillten in den Jahren 1919 und 1920 1 — 3 Monate lang ausschliesslich 80 Proz., teilweise 16 Proz. 'Nur 4 Proz. stillten in der Beobachtungszeit ab. Wie wurden diese hohen Stillzahlen erreicht? Am leichtesten relingt das, wo die subjektive Beeinflussung wirksam ist, 1. h. dort, wo die Mutter selbst unsere Absichten unterstützt und '^r Suter und fester Wille unseren Wünschen entgegenkommt, wie weit der Wille der Mutter das Stillgeschäft fördert, dafür fol¬ gende Beispiele: Es gilt im allgemeinen der Lehrsatz, dass alleiniges Abdrücken ;der Abpumpen der Brust unter Wegfall des kindlichen Saugreizes ne Absonderung der mütterlichen Brust auf die Dauer nicht unter¬ sten kann. Dagegen ermöglichte unter unseren Augen eine Mutter ’ Monate lang den Fortgang der Laktation durch unentwegtes Ab- Irücken, deren Kind durch umfangreiche Abszessbildung monatelang ichwerst geschädigt war und infolgedessen zum Trinken an den voll¬ ständigen Hohlwarzen der mütterlichen Brust unfähig war. Eine an- lere Mutter erhielt 6 Monate lang ihre Brust für ihr Kind, eine Früh¬ geburt, durch Abdrücken im Gange, als dieses zunächst wegen Flach- varzen in seiner Schwäche nicht trinken wollte und später bei wach¬ enden Kräften nicht mehr an die Brust zu gewöhnen war. Nr. 4. Es wird weiterhin oft auf die ungünstige Beeinflussung der Milch¬ sekretion durch Erschütterungen der mütterlichen Gesundheit hinge¬ wiesen. Dass auch 'dies Hindernis bei Willigkeit zu überwinden ist, bewies uns eine Mutter, die am 2. Tage nach schwerer Laparotomie ihr Kind wieder an die Brust nahm und bereits nach 8 Tagen — sie war von graziler Gestalt — ausschliessliche Brusternährung erzwang. Dass mangelnde Energie der Mutter gegenteilig wirkt, ist allgemein bekannt und könnte mit zahlreichen Beispielen belegt werden. Sehr lehrreich war in dieser Beziehung folgender Fall: Wegen Verheimlichung ihrer unehelichen Schwangerschaft und Geburt vor dem Vater be¬ stand bei einer Insassin des Mütterheimes zunächst der Wunsch bal¬ digen Abstillens, um das Kind schnell anderwärts in Pflege geben zu können. Nach anfangs sehr erfolgreicher Laktation ging die Milch¬ menge jetzt schnell zurück. Als durch Vermittlung der Mutter Rück¬ kehr ins Vaterhaus mitsamt dem Kinde in Aussicht gestellt wurde, stieg die Tagestrinkmenge binnen wenigen Tagen wieder auf beach¬ tenswerte Höhe. Noch beweisender war das folgende Erlebnis: In der Fürsorgestelle fiel ein skelettös abgemagertes Brustkind und gleichzeitig die gegenüber diesem Zustand merkwürdige Gleichgültig¬ keit der Mutter auf. Nach ihrer Aufnahme ins Mütterheim erwies sie sich als hochgradig dement. Unter der Einwirkung ihrer Umgebung hatte sie zu Hause gestillt; das Kind war dabei an der Brust fast buchstäblich verhungert, weil, wie sich in der Klinik erwies, die Mutter in ihrer Geistesschwäche Sinn und Technik der Brusternährung in keiner Weise begriff. Die Erklärung für diese subjektive oder eigentwillentliche Be¬ einflussung des Milchflusses geben zum Teil die Bechterewschen Tierversuche, wobei es durch Reizung sensitiv-motorischer Rinden¬ gebiete gelang, die Milchsekretion des Mutterschafes zu beeinflussen. Es bestehen also nervöse Verbindungen zwischen Zentralnervensystem und Brustdrüse. Neben dieser unmittelbaren nervösen Beeinflussung wirken wohl aber in allen Fällen subjektiver Beeinflussung zwei wei¬ tere Kräfte begünstigend mit: 1. Die instinktiv geschickte Unterstützung des Trinkaktes durch die Mutter und 2. die bewusst genaue Ausführung aller von dritter Seite gegebenen Vorschriften, also die vom Willen unterstützte Ausnutzung der objektiven Beeinflussung. Wollen wir diese ergründen, so müssen wir uns zunächst mit den Kräften befassen, die Wachstum und Sekretion der Brustdrüse hervor- rufen. Zwei eindrucksvolle Entwicklungsphasen durchläuft die ur¬ sprüngliche Anlage der weiblichen Brustdrüse, eine unbedeutendere unter dem Einfluss des Pubertätsimpulses und eine bedeutsame und ausschlaggebende unter der Einwirkung des Schwangerschaftsimpulses. Ob nun diese letztere durch Hormone, die riaCh H a 1 b a n dem plazentaren Chorionepithel entstammen, oder durch endokrine Reize, die vom Fötus ausgehen, ausgewirkt werden, das bleibe dahingestellt. Eine Tatsache ist jedenfalls festzuhalten: Dieser Reiz, der Schwan¬ gerschaftsimpuls, ist nur ein Wachstumsreiz, der die Drüse im anato¬ mischen Bau bis zur Vollendung führt, der aber keinen Milch f 1 u s s erzeugt. Für ihn, der nach Beendigung der Geburt einsetzt, kommen diese chemisch-serologischen Einflüsse nicht mehr in Frage. Ihn be¬ wirken fast ausschliesslich ganz anders geformte Reize, nämlich die mechanischen Reize des Saugaktes. Diese Kenntnisse müssen wir im Auge behalten, wenn wir sekretionsfördernd wirken wollen. Denn immer wieder werden chemische Reize versucht und doch ist man damit auf dem Holzweg. Deshalb ist die Darreichung von Laktagol und anderen sogenannten Laktagoga, wie Sanatogen, Somatose, Malz- tropon u. s. f. immer wieder erfolglos. Erfolgreich sind sie höch¬ stens durch ihre suggestive Wirkung: Wir gewinnen bei ihrer Ver¬ wendung oft die Zeit, die nötig ist, den kindlichen Saugreiz voll zur Auswirkung kommen zu lassen. Falsch und wirkungslos ist aus dem¬ selben Grunde auch der jüngste Versuch auf diesem Gebiet, die Pro¬ toplasmaaktivierung des Milchdrüsenepithels durch Injektion von Frauenmilch und Eiweisspräparaten (Caseosan, Aolan). Durch Eigen¬ versuche haben wir uns davon überzeugt. In etwa 20 Fällen haben uns intramuskuläre Injektionen von 2 — 5 ccm Muttermilch keinen Er¬ folg gebracht. Wir haben Milch der Mutter selbst verwandt, aus¬ gehend von dem Gedanken der reinen Protoplasmaaktivierung und haben — ohne Erfolg — diese Versuche als Einzelinjektionen und in Wiederholungen angestellt. Wir haben aber auch von reichlich sezernierenden Ammen Milch bei milcharmen Müttern eingespritzt, aus¬ gehend von der Auffassung, dass vielleicht doch bei milchreichen Müttern reichliche Mengen biologisch oder chemisch wirksamer Reiz¬ stoffe vorhanden sein möchten. Die Ergebnisse waren bei uns ebenso ungenügend wie andernorts. Den einen oder anderen Scheinerfolg haben auch wir erlebt, so vorübergehend wie gelegentlich auch ohne solche therapeutische Anstrengungen unvermittelte Steigerungen der Tagestrinkmengen von einem Tage zum anderen zu beobachten sind; damit ist nicht gesagt, dass man solche Einspritzungen nicht ebenfalls gelegentlich suggestiv verwenden könnte. Unmittelbare Beeinflussung auf chemischem Wege ist unmöglich. Mittelbar — aber nur bei gleichzeitiger Einwirkung des mechanischen Reizes, des Saugreizes — ist in bescheidenem Umfange eine Be¬ einflussung der Güte und Menge der Milch wohl möglich, dann nämlich, wenn wir die Lebensverhältnisse der Mutter so gestalten, dass sie ein Lebensoptimum ergeben. Wir heben dann alle Leistungen des mensch¬ lichen Körpers, wir heben also auch die Leistungen der Milchdrüse. Das sind aber, was wir nicht vergessen dürfen, sicher in Bezug auf Güte und Menge der Muttermilch keine allzugrossen Erfolge, jedenfalls 4 112 MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT. Nr keine so grossen, dass wir damit allein Milchmangel und Unterernäh¬ rung des Säuglings je beheben könnten. Thiemich fasste in der Frage des Einflusses guter oder mangelhafter Ernährung auf die Lak¬ tation in der Nachkriegszeit sein Urteil vorsichtig dahin zusammen, dass „bei der knappen Kriegsernährung schwergehende Brüste schwäch¬ licher Mütter schneller versiegen als früher“. Damit werden alle die häuslichen, oft genug aber auch noch ärztlich verordneten Versuche hinfällig, erhöhte Milchproduktion durch erhöhte Kostzufuhr (Milch, Mehlsuppen, Malzbiere u. s. f.) zu erzielen, ebenso hinfällig wie die volkstümlichen Anschauungen über milchvermindernde und -verschlech¬ ternde Einwirkungen von Zwiebel, sauren Gerichten, frischem Obst, Salat u. s. f. Unsere guten Erfolge sind mit völlig gemischter Haus¬ mannskost erzielt, wobei neben 1 Liter Milch täglich alles und jedes gegeben wird, was auch sonst auf dem bürgerlichen Tische steht. In der Hauptsache erzielen wir aber unseren Erfolg nicht auf diesem Wege, sondern weil wir die mechanische Beein¬ flussung durch den Saugreiz als den weitaus wichtigsten Grund erhöhter Laktation betrachten und auswerten. An dem Satz ist nicht zu deuteln : Der kindliche Saugreiz bringt den Milchfluss in Gang. Diesen Reiz muss man deshalb in seiner Wirkung kennen und ausnützen, wenn man vollen Erfolg haben will. Glücklicherweise ist er unter Umständen vielseitig zur Wirkung zu bringen bezw. zu ersetzen. In Kenntnis und Anwendung dieser Viel¬ seitigkeit liegt bei schwacher Veranlagung der Drüse oft der ärztliche Erfolg, sobald man mit der Gutwilligkeit der Mutter rechnen darf. Diese Reizabwandlungen bewegen sich in folgenden drei Richtungen : In der Häufigkeit, der Mechanik und der Dauer des Reizes. Einige Bemerkungen zur Häufigkeit der Reiz Wirkung: Wir sind jetzt ärztlich so erzogen, dass wir das 5-, höchstens 6 malige Anlegen des Kindes für das Ideal ansehen, weil wir damit bei dem Kinde grosse Appetenz, bei der Mutter das jeweilige Leertrinken der Brust erreichen. Das ist und bleibt sicher das Ideal. Wir dürfen aber nicht vergessen, dass hier nicht immer nur die Appetenz des Kindes, sondern auch seine Saugkraft in Rechnung zu stellen ist und dass im Anfang, ehe die Brust in Gang kommt, oft ein häufiger, wenn auch schwächerer Reiz wirksamer ist als ein seltener stärkerer. Deshalb ist die Regel nach unseren Erfahrungen besser so zu fassen: Zunächst Versuch mit 5 — 6 maligem Anlegen; bei geringen Trinkergebnissen in den ersten Wochen jedoch alsbald 7 — 8 Mahlzeiten und erst nach Eintritt guter Leistungen der mütterlichen Brust — dann allerdings schnell und energisch — Rückgang auf 6 und 5 Mahl¬ zeiten. Durch starres Festhalten an geringer Zahl der Darreichungen kommt manche schwergehende Brust nie in Gang, manche spärlich fliessende nie in Fluss. Hier ist hinzuzufügen, dass man in solchen Fällen mangelhafter Milcherzeugung sogar gelegentlich von der gol¬ denen Regel nur einseitigen Anlegens beim einzelnen Trinkakt für kurze Zeit abweichen und zu doppelseitiger Brustdarreichung über¬ gehen kann. Diese Summation der Reize ist manchmal in unaus¬ giebigen Fällen recht vorteilhaft. Regel muss dann natürlich bleiben, dass die erste Seite ganz leer getrunken wird und dass bei dem nächsten Anlegen die zu zweit gereichte Seite zuerst gegeben wird. Was die Mechanik des Saugens betrifft, so ist die Ent¬ leerung der Brustdrüse nicht etwa der Erfolg einer inspiratorischen Leerstellung der Mundhöhle, wie man gemeinhin annimmt. Sie hat mit der Inspiration wohl sehr wenig zu tun. Die Entleerung der Brust vollzieht sich vielmehr durch zwei andere Kraftkomponenten: 1. durch eine Saugwirkung, die infolge Herstellung eines negativen Druckes in der durch Senkung von Unterkiefer und Zunge erweiterten Mund¬ höhle entsteht; 2. durch eine Druckwirkung auf die Sinus galactiferi und Milchausführungsgänge bei dem folgenden Kieferschluss. Durch gleichzeitige Darreichung der Mamilla und des benachbarten Warzen¬ hofteils, nicht nur der Mamilla, wie es fehlerhafter Weise noch oft geschieht, sind wir in der Lage, beide Wirkungen zu verbessern. Dies ergibt dann einmal dichten Mundschluss bei der Kiefersenkung und zum anderen gute Druckwirkung bei dem Kieferschluss. Die Streitfrage, ob der Saugreiz des Kindes für die Entleerung der Brust als fortgesetzt wirksam oder nur als auslösende Kraft anzusehen ist, sei hier nur gestreift. Für manchen Forscher ist es nicht unwahrscheinlich, dass der Saugreiz nur ein auslösendes Moment ist, auf dessen Einwirkung hin die Milchdrüse sich selbstständig ent¬ leert. Man denke nur an den häufig gleichzeitig einsetzenden un¬ freiwilligen Milchabfluss auf der Gegenseite. Sicher sind Reflex¬ wirkungen im Spiel und in gewissem Grade hat Pfaundler recht, wenn er sagt: „Nicht der Säugling, sondern die Mutter entleert die Milch aus der Brustdrüse“. Hier liegt vielleicht das Geheimnis der leicht und schwer gehenden Brust, sei es, dass wir es im Einzelfall mit einer leichten oder schweren Auslösung dieser Reflexe zu tun haben. Einige Worte über die Dauer der Saugwirkung. Sie ist eigentlich Angelegenheit des Kindes: Es trinkt, solange es Appetit und Kraft hat. Bei gesundem Kinde und gut gehender Brust ist das die einfache und gute Lösung. Von diesem Kinde wissen wir, dass es nicht mehr als 15 Minuten zum Satttrinken braucht: in dieser Zeit trinkt es die Brust leer. Doch nicht immer hat man es mit saugkräftigen und gesunden Kindern zu tun und deshalb darf man sich an diese Regel nicht unbedingt halten. Es gibt zwei Ausnahmen: Erstens das saug¬ schwache Kind, das Neugeborene, das Früh- und Schwachgeborene, das Geburtsgeschädigte. Ihnen muss man unter Umständen mehr Zeit zu¬ billigen. 20, höchstens 25 Minuten Dauer bedeutet natürlich für seine Mutter eine Anstrengung, die durch entsprechende Körperrühe, im Not¬ fälle durch Anlegen im Liegen wettgemacht werden muss. Zweit« j das verwöhnte Kind; hat man bei Saugschwachen nachzugeben, j hat inan hier erzieherisch zu kürzen, sonst gefährdet man unnj die Gesundheit der Mutter. Wir mögen nun den Saugreiz entweder nach Häufigkeit oder n< Dauer oder nach Art der Ausübung beeinflussen, Endziel aller , serer Bemühungen, objektiv die Mildidrüse in ihrer Tätigkeit zu st gern, muss immer eins sein: Das Leertrinken der jeweils gereich i Seite. Denn so wahr der Satz ist: „Die Brust kommt nur; Gang bei Einwirkung des Saugreizes“, so wahr ist der zweite Sa! „Die Brust bleibt nur in Gang bei jedesmaligem gründlichem Lei trinken“. Das ist das zweite Geheimnis weitestgehender Steigen | ihrer Tätigkeit. Aus diesem Grunde müssen wir immer wieder baldij auf 5, höchstens 6 Trinkzeiten zukommen. Denn nur so erziehen ' bei dem Kinde die nötige Trinklust. Dort, wo wir diese vollständ: Entleerung der Brust wegen Mangelhaftigkeit des Kindes nicht reichen können, dort müssen wir zu den Hilfsmitteln greifen, die i für solche Fälle zur Verfügung stehen, nämlich zu 1. dem Ersatzkind, dem kräftigen Zieher, 2. dem manuellen Entleeren: dem Abmelken oder Abspritzen, 3. dem maschinellen Entleeren: dem Abpumpen. Das letztere ist das mangelhafteste Verfahren. Dafür benützen \i das biaspiratorische Saughiitchen (Teterelle) oder eine IVUlchpurri (z. B. von Jaschke). Warum die vollständige Entleerung nötig ist, das entzieht sj noch in seiner tiefsten Begründung unserer Beurteilung. Am besil greifen wir hier wohl auf das Gesetz der Erfolgssteigerung duij Uebung funktioneller Tätigkeit zurück. Die vollständige Entleeru des Milchbaumes gibt immer wieder die Möglichkeit reichster Na bildung des Sekrets; sie verhindert jedenfalls weitgehendst Innendri in der Drüse, der ihr Parenchym, ihren Blut- und Lymphzufluss l| heiligt. Endziel ist aber nicht nur grösste Ergiebigkeit, sondii auch Ergiebigkeit von Dauer. Können wir die Dauer ( Milchflusses beeinflussen? Theoretisch ist sie unbegrenzt. Es g Südseeinsulaner, die 10 Jahre, nordamerikanische Indianer, die 12 Jal; und Eskimos, die 15 Jahre stillen. Es gibt bei uns Anstaltsamrm die über 2 Jahre dienen. Das sind jedoch nicht die Grenzen, ij denen in praxi zu rechnen ist. Hier spielen im Volksleben die v« schiedensten Gründe abkürzend mit. Nicht zu unterschätzen ist k turell-degenerative Funktionsschwäche, wie sie geschlechterlang Grossstadtleben mit sich bringt. Bunges sicher übertriebene ^ schauung von der verheerenden Wirkung des Alkohols, wie die Set' digungen der Siedlungs- und Wohnungsdichte, der Bewegungsmanj und der Lufthunger, der Vitaminmangel des Grossstädters gehör hierher. Bei dieser Abart von Frau und Mutter 'hoher und niedeij Gesellschaftsklassen versagt trotz besten Willens die Brust sehr fri Mit 4, 6 und 8 Wochen ist sie nicht selten am Ende ihrer Leistum fähigkeit. Wie können wir hier, wo Degeneration die Ursache v Misserfolgen zu werden droht und wo der gute Wille der Körpt schwäche erliegen will, helfend eingreifen? Hauptmassnahmen bleiben auch hier die bekannten zwei: Kräftig und richtig angewandter Saugreiz und regelmässiges Leertrinken. Do hier kommt noch eine dritte Massregel hinzu, d. i. die Verordnui körperlicher und seelischer Ruhe. Für körperliches Ai ruhen sorgen wir im Mütterheim, besonders für die erst kurze Z entbundenen Wöchnerinnen, in ausgiebiger Weise. Die tägliche beitsleistung wird beschränkt und dem Kräftemass angepasst; ai giebige und rechtzeitige Nachtruhe, Mittagsruhe und sogar gelegen liehe Bettlage im Laufe des Vormittags sind Selbstverständlichkeit« So gelingt es oft, diese körperlichen Schwächeperioden zu üb« winden. Ich erwähne den Fall einer kümmerlichen Mutter, die z nächst nur unter Zwiemilchernährung ihr Kind fördern konnte, langsa' aufblühte, mit 8 Wochen ausschliessliche Brusternährung durchfuhr und mit 4 Monaten als Anstaltsamme angeworben wurde. Die seelische Ruhe braucht man im Mütterheim seltener zu b denken, da die Mutter hier häuslichem Zwiespalt mehr oder wenig entrückt ist. Im Privatleben ist auf solche Betonung des seelisch« Gleichgewichtes sicher ausserordentlicher Wert zu legen. Die „ze rende“ Sorge ist sicher kein leerer Wahn, und psychische Erschüttern gen, Schmerz. Schreck und Aufregungen aller Art können den Milc fluss beschränken, ja sogar vorübergehend zum Stillstand bringen. D Arzt darf aber nicht vergessen, dass es sich hier nur um vorübe gehende Zustände von Stunden- und höchstens Eintagsdauer hande die bei zielbewusstem Vorgehen stets zu überwinden sind. Audi ui stehen Beispiele zur Verfügung, wo nach operativem Eingriff die Milc Sekretion für 24 Stunden fast Stillstand und nach Trauernachricht d Tagesmenge um die Hälfte sank. Halten wir jetzt noch weitere Umschau nach hier gebraucht« Massnahmen, so wären von physiologischen Hilfen nur noch die passh und aktive Hyperämie zu erwähnen. Passiv lassen wir bei ungenüge« der Leistung 2 mal am Tage 5 — 10 Minuten die Bier sehe Saugglocl wirken; aktive Blutüberfüllung suchen wir durch Föhnwirkung zu e zielen. Ein verlässliches Urteil über den Erfolg abzugeben, ist nie möglich, da wir diese Mittel nicht ausschliesslich, sondern neben de genannten anderen Hilfen gebrauchen. Und nun zum Schluss noch zwei Klippen, an denen nicht in d« Klinik, aber ausserhalb die Brusternährung scheitert: Einmal: Der Praktiker soll nicht vergessen, dass das Verlass« des Wochenbettes der Mutter oft die bis dahin gestellte Hilfe nimn 27. Januar 1922 MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT. 113 und sie wieder verantwortlich macht für alle Arbeit und Sorge des Haushaltes. Hier muss fürsorgerisch entlastend, besonders bei der schwächlichen Mutter, eingegriffen werden, denn das ist der Grund weswegen viele Frauen nur 2 und 3 Wochen stillen können. Zum anderen: Das Wochengeld wird in der 6. Woche post partum, das Stillgeld in der 12. Woche zum letzten Male gezahlt. Dem Für¬ sorgearzt ist bekannt, wie oft um diese Zeitgrenze die Mutterbrust plötzlich versiegt. Hier liegen nicht physiologische Gründe für das Versagen vor, sondern suggestive Einflüsse, die sich, auf Gewinnsucht und Begehrlichkeit gründen. Hier müssen unsere Bestrebungen auf Hebung der völkischen Ethik gerichtet sein, um den guten Willen zum Stillen an diesem Zeitpunkt wieder herzustellen. Aus der Universitäts-Frauenklinik in Hamburg, Eppendorfer Krankenhaus. (Prof. Dr. Heynemann.) Provokation latenter Gonorrhoe bei der Frau. Von Dr. Hans Nevermann, Assistenzarzt der Klinik. Die Erkennung, ob eine Gonorrhöe sicher geheilt ist, und mehr noch der Nachweis von Gonokokken bei einer latenten Gonorrhöe gehören bei der Frau zu den allergrössten Schwierigkeiten. Wir verfügen daher ! über eine grosse Zahl von Provokationsmassnahmen. Diese zerfallen in zwei grosse Gruppen: in solche, die lokal angewandt werden (mecha¬ nische, chemische, thermische), und solche, die auf dem Umwege über | das Blut und die Abwehrkräfte des Körpers wirken wollen. Dass den lokal angreifenden Methoden, bedingt durch den anatomischen Bau ; des weiblichen Urogenitaltraktus, oft in ihrer Anwendung Grenzen gesetzt sind, bedarf wohl keiner weiteren Erklärung. Und für die , Sprechstundenpraxis trifft dies noch mehr zu als für die Klinik. Aber auch die intravenöse Provokation kann bei den oft recht schlecht sicht- und erreichbaren Venen der Frau auf Schwierigkeiten stossen, ab- i gesehen davon, dass die intravenöse Einverleibung der Provokations¬ mittel doch auch nicht ganz gefahrlos ist. Ausgehend von dem Wunsch, j einerseits ein in der Anwendungsweise möglichst einfaches und gefahr- : loses, andererseits ein möglichst zuverlässiges Provokationsmittel für die Gonorrhöe bei der Frau zu finden, stellten wir Untersuchungen an ob die intrakutane Injektion verschiedener Mittel zum Ziele führe! Denn die intrakutane Injektion ist wegen ihrer einfachen und wenig i zeitraubenden Technik die Methode, die von allen gebräuchlichen Vertahren für Arzt und Patientin am angenehmsten ist. Bei unseren Untersuchungen über die Brauchbarkeit dieser Methode und der verschiedenen Mittel gingen wir so vor, dass zunächst morgens vor dem Urinieren aus Urethra und Zervix Abstriche gemacht wurden. Dann wurde die intrakutane Impfung vorgenommen. Am folgenden Moigen, zur gleichen Zeit und unter den gleichen Bedingungen, wurden wieder Abstrichpräparate angefertigt, ln einer grossen Anzahl von ballen wurden am 3. Tage noch weitere Abstriche vorgenommen. Die sämtlichen Präparate eines jeden Falles wurden zusammen gefärbt und dann die Präparate vor der Injektion jeweils mit denen nach der i Injektion verglichen. Angeregt durch die Veröffentlichung von E. F. M ü 1 1 e r 1), welcher fand, dass Aolaninjektionen bei der Gonorrhöe des Mannes eine Aus- rlussvermehrung hervorriefen, und dass man mit intrakutaner Einver- eibung geringer Mengen dieses Mittels die gleiche Reaktion bekommen könne, wie mit der 50 — 100 fachen Dosis bei subkutaner oder intra¬ muskulärer Anwendung, wählten wir zunächst zu unseren Versuchen das Aolan. Ueber die günstigen Ergebnisse dieser Versuche habe ich bereits früher, ausführlich berichtet2). Das Verfahren wird auch, wie ich aus der Literatur ersehe und aus persönlichen Mitteilungen weiss, bereits vielfach geübt. Nach Lin di g3) soll der wirksame Faktor im Aolan und bei der Milchtherapie überhaupt das Kasein sein. Dieses ist als Caseosan Handel und bekannt. Wir dehnten daher unsere Untersuchungen über intrakutane Gonorrhöeprovokationsmittel auf das Caseosan aus. Bevor ich über diese Untersuchungsresultate berichte, möchte ich meine Ergebnisse bei der intrakutanen Aolaninjektion noch einmal kurz hier wiederholen. Aolan. L Bei sicher Gesunden waren die Präparate vor und nach der Imp- iung gleich. Bei sicher Gonorrhöekranken war der Ausfluss nie vermehrt. Das Hräparat zeigte aber stets eine Vermehrung der frischen, d. h. gut färb- üaren, scharf begrenzten Leukozyten und eine Vermehrung der Gono¬ kokken. , Be* wahllos aus den Kranken der Abteilung herausgegriffenen rallen konnte in 25 Proz. von 28 registrierten Fällen nach der Impfung ane Gonorrhöe festgestellt werden. Stets war nach der Impfung die £ahl der etwa schon vorher vorhandenen anderweitigen Bakterien vermehrt und ebenso die der Leukozyten. Ausserdem war eine Ans¬ chwemmung frischer Leukozyten erfolgt. Etwa bestehender Ausfluss ■var nicht verändert worden. Das Allgemeinbefinden der Patientinnen •vurde niemals durch die Injektion beeinflusst. Bemerkenswert ist erner, dass sich bei einem grossen Teil der Gonorrhöekranken an der mpfstelle eine durch Rötung, Schwellung, Infiltration und Jucken *) B.kl.W. 1919, Nr. 34, S. 801. -) M.m.W. 1921, Nr. 5, S. 141. 3) M.m.W. 1919, Nr. 33, S. 921. j charakterisierte Reaktion zeigte, welche nach 1—2 Tagen wieder ab¬ klang. Bei nicht Gonorrhöekranken sahen wir diese Reaktionen niemals. Caseosan. Beim Caseosan war ebenfalls nach der Impfung bei Gesunden keine Aenderung im Präparat festzustellen. Bei sicher Gonorrhöekranken verhielt sich in der Hälfte der Fälle (8) das Präparat vor und nach der Impfung gleich. In der anderen Hälfte der Fälle hatten wir eine Vermehrung der frischen Leukozyten zu ver¬ zeichnen; eine vermehrte Ausschwemmung von Gonokokken konnten wir ein einzigesmal feststellen. Bei allen übrigen mit Caseosan Geimpften (55 Patientinnen), meist f yosalpingen, Adnextumoren, Beckenperitonitiden, hatten wir nur in 60 Proz. der Fälle eine zelluläre Aenderung im Präparat, bestehend in einer Vermehrung und Ausschwemmung frisdher Leukozyten und mitunter auch vermehrter Ausschwemmung sonstiger Bakterien. Nur in 4 Proz. der Fälle wurde das Auftreten von Gonokokken im vor der Impfung negativen Präparat, also eine erfolgreiche Provokation, fest¬ gestellt. In 40 Proz. der Fälle dagegen war das Präparat nach der Caseosanmjektion genau dem vor der Injektion gleichgeblieben. Der vor der Impfung vorhanden gewesene Ausfluss war durch die Injektion 12 mal etwas vermehrt, 4 mal verringert. Ein Zusammenhang zwischen quantitativer und qualitativer Ausflussveränderung bestand nicht. Eine Herdreaktion, erkennbar an stärkeren Schmerzen im Unterleib, war nur ein einzigesmal zu beobachten; in diesem Falle waren aber die Prä¬ parate gleichgeblieben, ln allen anderen untersuchten Fällen war weder eine Herd- noch jemals eine Allgemeinreaktion aufgetreten. Auffallend war dagegen, dass stets, ganz gleich, ob es sich um sicher Gesunde, sicher Gonorrhöekranke oder um andere Patientinnen handelte, eine Reaktion an der Impfstelle auftrat. Diese äusserte sich in Rötung, Schwellung, oft auch geringer Infiltration an der Einstich¬ stelle. In einem 1 eil der Fälle war die Berührung der Impfstelle ein klein wenig schmerzhaft, in einem anderen Teil der Fälle trat an der Impfstelle ein mehr oder weniger starkes Jucken auf. Wie schon gesagt, fanden wir diese Reaktion stets. Sie hielt 1—3, meist 2 Tage an- Dabei war das Vorhandensein von Gonokokken ohne jeden tinrluss auf Dauer und Stärke der Hautreaktion. Vielleicht ist in diesem Zusammenhang auch die Beobachtung von Interesse, die ich aus einigen Probeinjektionen an mir selbst gemacht habe, und die mir auch von zwei Schwestern unserer Klinik, die sich zur Erprobung der Hautreaktion zur Verfügung gestellt hatten, bestätigt wurde, dass nämlich die Injektion des Caseosans schmerzhafter und daher unangenehmer ist als die des Aolans. Diese von der intrakutanen Aolanimpfung recht abweichenden Er¬ gebnisse lassen erkennen, dass das Kasein keineswegs der allein wir¬ kende Faktor im Aolan ist. Pferdeserum. Im Bestreben, ein möglichst indifferentes Mittel bei unseren Ver¬ suchen zu verwenden, machten wir bei einer Reihe von Patientinnen intrakutane InjeKtionen mit einfachem normalen Pferdeserum. Leider ist hier die Zahl unserer Beobachtungen nur gering, da wir bereits nach 10 Fällen diese Versuche abbrachen. Der Grund des Aufgebens dieses Mittels war der, dass wir zweimal nach den Injektionen eine teils mehr, teils weniger schwere Serumkrankheit auftreten sahen. Da die Ergebnisse aber auch dieser wenigen Injektionen nicht ohne Interesse sind, soll hier über sie berichtet werden. Es waren nur Pyosalpingen und Beckenperitonitiden, die mit Pferdeserum intrakutan gespritzt wurden. Einmal war eine Herdreaktion in Form von stärker auftretenden Schmerzen im Unterleib zu verzeichnen. Ein anderes Mal war der schon bestehende Ausfluss nach der Injektion vermehrt. Nur bei diesem Fall sahen wir auch eine zelluläre Aenderung im Präparat nach der Impfung, nämlich ein vermehrtes Auftreten frischer Leukozyten. In allen anderen Fällen waren die Präparate nach der Impfung vollkommen unverändert. Eine Reaktion an der Impfstelle trat in sämtlichen Fällen auf, und zwar schon wenige Stunden nach der Injektion. Sie äusserten sich in mehr oder weniger starkem Jucken, zweimal auch in Brennen, sowie in Rötung, Infiltration und geringer Schwellung an der Injektionsstelle, 11 klagten die Patientinnen auch über ein starkes Hitze¬ gefühl an der Impfstelle. Die Reaktion war aber meist nur von kurzer Dauer; teils war sie schon am gleichen, teils am nächsten Tage ver¬ schwunden. Einmal hielt sie allerdings auch 6 Tage an. Arthigon. Hatten wir bisher mit unspezifischen Mitteln versucht, die Gono¬ kokken bei der latenten Gonorrhöe zu provozieren, so wandten wir uns nun den spezifischen Mitteln zu. Unter ihnen sind die bekanntesten das Arthigon und das Gonargin. Ich berichte zunächst über die intra¬ kutanen Injektionen mit Arthigon. Bei Gesunden fanden wir keine Aenderung im Präparat. Bei sicher Gonorrhöekranken war in etwa der Hälfte von 7 Fällen (56 Proz.) das Präparat vor und nach der Impfung gleich. In der anderen Hälfte hatte eine Ausschwemmung frischer Leukozyten statt¬ gefunden, während eine vermehrte Ausschwemmung von Gonokokken nur einmal zu beobachten gewesen war. Bei allen übrigen mit Arthigon Geimpften (33 Patientinnen) konnten wir in 18 Proz. ein Auftreten von Gonokokken im vorher negativen Präparat feststellen. Eine zellu¬ läre Aenderung im Präparat, ohne dass aber Gonokokken erschienen, fanden wir in 37 Proz. der Fälle; sie äusserte sich durch Auftreten 4* 114 MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT. Nr. 4. bzw. vermehrte Ausscheidung von irischen Leukozyten und Bakterien, ln den restlichen 48 Proz. der Fälle war das Präparat vor und nach der Impfung gleich. Eine Herdreaktion wurde viermal festgestellt in Form von ziehenden Schmerzen im Unterleib und Kreuz, einmal auch ausser¬ dem in einer geringen Temperaturzacke. Bei zweien dieser Falle war die Provokation gelungen. Der bestehende Ausfluss war in wenigen Fällen etwas vermehrt nach der Impfung, ohne dass er aper qualitativ verändert war. Im allgemeinen war er unverändert geblieben.. Eine Reaktion an der Impfstelle war fast in allen Fällen deutlich vor¬ handen. Nur einmal war die Impfstelle ganz, viermal iast ganz reak¬ tionslos. Sonst fanden wir stets eine Rötung, Schwellung und Infiltra¬ tion an der Impfstelle; mitunter waren die Stellen etwas schmerzhaft oder sie brannten. Nach 1, längstens aber 2 Tagen waren diese Er¬ scheinungen wieder geschwunden. Ich möchte an dieser Stelle einfügen, dass nach unserer Beobachtung die intrakutane Anwendung des Arthigons der intravenösen zum Zwecke der Provokation entschieden vorzuziehen ist. Ganz abgesehen von der einfacheren Technik, wie ich bereits erwähnte, ist doch schon der Um¬ stand, dass wir nach intrakutaner Anwendung keinen Schüttelfrost und keinen Fieberanstieg sahen — die eine kleine Fieberzacke ist ganz belanglos gewesen — ein Vorteil vor der intravenösen Applikation. Ferner sahen wir viel häufiger nach intrakutaner Injektion die Pro¬ vokation von Erfolg gekrönt, als nach intravenöser Injektion, wo uns die Provokation nur ganz ausnahmsweise einmal gelang. Einmal konnte ich nach vergeblichen Provokationsversuchen mit intrakutaner Arthigoneinspritzung durch eine intrakutane Aolanimpiung Gonokokken ins Präparat bringen. Gonargin. Einen wesentlich geringeren Einfluss übte merkwürdigerweise das Gonargin aus. , , , , T _ Bei sicher Gesunden waren die Präparate vor und nach der imp- fung gleich. Bei sicher Gonorrhöekranken war in 82 Proz. von 11 untersuchten Fällen das Präparat dem vor der Impfung gleich. Nur in 18 Proz. fanden wir eine Vermehrung der frischen Leukozyten; eine vermehrte Gonokokkenausschwemmung konnte dagegen nie beobachtet werden. Eine Provokation mit intrakutaner Gonargininjektion gelang uns niemals bei den von uns untersuchten übrigen 32 Fällen. Wir konnten auch nur in 30 Proz. derselben eine zelluläre Aenderung im Praparat nach der Impfung feststellen, während in 70 Proz. die Präparate nach der Gonargininjektion vollkommen denen vor der Injektion glichen. Auch eine Herdreaktion wurde nie beobachtet. Ebenso blieb der Aus- fluss in seiner Intensität unbeeinflusst. Stets dagegen konnten wir eine ziemlich intensive Hautreaktion an der Impfstelle feststellen. Und diese Hautreaktion war in allen Fällen die gleiche. Sie dauerte 2—3 Tage, ganz vereinzelt 4 Tage, und äusserte sich stets in Rötung, Infiltration, Schwellung und Druck- Schmerzhaftigkeit an der Impfstelle. Dies trat am auf die Impfung folgenden Tage am stärksten in Erscheinung, um dann allmählich wieder abzuklingen. Von einem Teil der Patientinnen wurde diese Reaktion als unangenehm empfunden. Vergleichende Zusammenstellung. Vergleichen wir unsere Resultate miteinander, so steht am gün¬ stigsten das Aolan da mit 25 Proz. gelungener Provokation; dann folgt das Arthigon mit 18 Proz., weiter das Caseosan mit 4 Proz. und schliesslich, vom Pferdeserum mit 0 Proz. abgesehen, das Gonargin mit 0 Proz. Auch wenn wir die zelluläre Aenderung im Ausstrichpräpaiat als Kriterium für die Wirksamkeit betrachten, kommen wir zu ähnlicher Reihenfolge. Beim Aolan war stets eine Beeinflussung des Urethra- und Zervixsekretes zu verzeichnen, also in 100 Proz., beim Caseosan in 60 Proz. beim Arthigon in 37 Proz., beim Gonargin in 18 Proz. der Fälle. Die Untersuchungen über Pferdeserumimpfungen ziehe ich nicht mit zum Vergleich heran, da ihre Zahl zu klein ist. Auffallend ist, dass gerade im umgekehrten Verhältnis eine Re¬ aktion an der Impfstelle auftritt: beim Gonargin und Caseosan in 100 Proz., beim Arthigon in 85 Proz., beim Aolan in 18 Proz. der Fälle. Vielleicht gibt uns das einen Anhaltspunkt, Rückschlüsse auf die Brauchbarkeit der Mittel und auf die Wirkungsweise der lntrakutan- impfung überhaupt zu ziehen. Je körperfremder ein einverleibter Stoff ist, desto grössere und intensivere Abwehrerscheinungen ruft er am Ort seiner Deponierung hervor. Ferner ist bekannt, dass gleiche Mengen gleicher Mittel bei subkutaner Einverleibung ohne jede Wir¬ kung sein können, während sie bei intrakutaner Injektion erhebliche Wirkungen ausüben können1). Dadurch ist bereits eine in ihrem Wesen noch nicht näher zu umgrenzende Funktion der Haut nach¬ gewiesen, welche imstande ist, an anderen erkrankten Organen und Gewebsteilen Zustandsänderungen hervorzurufen. Nach meinen Beobachtungen werden diese Zustandsänderungen an anderen erkrankten Organen, hier also am Urogenitaltraktus der Frau, in einem viel höheren Prozentsatz der Fälle durch die Mittel ausgelöst, die sich beim gesunden Organismus ohne entzündliche Reaktion in¬ jizieren lassen. Ferner geht aus meinen Untersuchungen hervor, dass diese Wechselwirkung zwischen Haut und einem anderen erkrankten Organ, die wohl als Immunitätsreaktion aufzufassen ist, durchaus nicht immer zustande kommt. Sie tritt in erhöhtem Masse nur dann ein, wenn wir zum Reiz ein Mittel verwenden, welches auch die kleinste Schädigung des Hautgewebcs durch die Impiung vermeidet, wie wir das aus den Reaktionen am gesunden Körper erkennen können. Man sieht schon aus diesen kurzen Andeutungen, dass hier wichtige Fragen der spezifischen und unspezifischen Immunität eine grosse Rolle spielen, zu deren Klärung auch derartige praktische Beobachtungen, wie sie sich aus meinen Untersuchungen ergeben, nicht ohne Wert sind. Dies hier näh^r vn prnrto.m würde über den Rahmen dieser Arbeit hinausgenen^ Praktische Ergebnisse. Praktisch haben meine Untersuchungen ergeben, dass die intra¬ kutane Injektion zur Provokation latenter Gonorrhöe bei der iau ein technisch einfaches, bequemes und gefahrloses Mittel ist Am besten eignet sich hierzu das Aolan. Weniger wirksam ist das Arthigon, während Caseosan und Gonargin, weil nur ganz gering wirkend, nicht zu empfehlen sind. , . . „ ... Irgendwelche Rückschlüsse auf das Vorhandensein einer Gonorrhoe lassen sich aus den Reaktionen an der Injektionsstelle nicht ziehen. Höchstens könnte vielleicht beim Aolan eine vorhandene Hautreaktion eine erhöhte Aufmerksamkeit beim Untosuchen der bekretpraparate gebieten. Man darf sich aber aus dem Ueber^chätzen einer solchen Hautreaktion beim Aolan nicht zum Stellen der Diagnose auf Gonorrhoe verleiten lassen. Aus der Frankfurter Kuranstalt Hohe Mark i. Taunus. Ueber Mittel und Wege, die Wirksamkeit des Salvarsans auf das erkrankte Nervensystem zu verstärken ). Von Dr. Fritz Kalberlah. Schon bald nachdem das Salvarsan in die Therapie durch Eh r- 1 i c h eingeführt war. setzten die Bemühungen der Kliniker ein die praktische Brauchbarkeit des Mittels zu erhöhen, die heilende Wirkung zu vertiefen und nachhaltiger zu gestalten, da nach der ersten Be¬ geisterung sehr bald der Rückschlag kam und die Erkenntnis, dass wir weder die erhoffte Therapia magna sterilisans im Sinne Eh r- lichs im Salvarsan erhalten hatten, noch aucn häufig selbst durch längere grosse Kuren einen befriedigenden Heilerfolg sahen. Vor allem enttäuschten die Fälle von sog. Metalues des Nervensystems, die Tabes und Paralyse, so dass lange Zeit viele Kjmiker sich dieser Behandlung gegenüber sehr ablehnend verhielten. Man hatte und hat noch heute bei diesen Erkrankungen entschieden den Eindruck, dass das Salvarsan nur ungenügende und unzureichende Angriffspunkte :m nervösen Gewebe zu gewinnen imstande ist, also nicht in ausi eichender Menge und Konzentration die Krankheitsherde erreicht, um hier die Bedingungen zum Untergang der Spirochäten zu schaffen. Um in der Sprache Ehrl ich s zu reden, es fehlte beim Schuss die Zielsicherheit nach dem Herd. Schon Ehrlich war sich dessen bewusst und unermüdlich bemüht, das Mittel zu verbessern und wirksamer aus¬ zubauen, verfolgte auch alle dahin gerichteten Untei suchungen der Kliniker mit grösstem Interesse, so auch die Versuche, über die ich heute kurz berichten möchte, und die ich schon zu E h r 1 1 c h s Leb¬ zeiten begonnen hatte. , _ , .. Das Problem, die therapeutische Kraft des Salvarsans allgemein und besonders im Hinblick auf das erkrankte, aber für Mittel schw er zugängliche Zentralnervensystem zu verstärken und zu vertiefen, kann auf die mannigfaltigste Art und von den verschiedensten Seiten aus in Angriff genommen werden. Ehrlich hat, nachdem er von der Arsanilsäure, dem sog. Atoxyl, durch Reduktion über das Diamido- arsenobenzol zum Altsalvarsan gelangt war, den aussichtsreichen Weg weiter verfolgt, immer mit dem planmässigen Bemühen, _ die pharrna- kodynamische Wirkung zu erhöhen und die pharmakotoxische zu ver¬ mindern, und K o 1 1 e hat die Arbeiten im gleichen Sinn in glucklichstei Weise aufgenommen und weiter gefördert durch Ausbau der vor Ehrlich schon begonnenen Versuche, dem Salvarsan Metalle, z. d Gold Kupfer und Silber anzukuppeln, von denen besonders das Silber- salvarsan eine grosse praktische Bedeutung gewonnen hat. ohne das; aber dadurch bisher für die Erkrankungen des Zentralnervensystem: wesentlich mehr erreicht worden ist. Als sich zeigte, dass in vielen Fällen Salvarsan allein nicht ge¬ nügend wirkte, kombinierte man es mit anderen schon bekannten spe zifischen Mitteln, vor allem mit Quecksilber und mit Jod, indem mai anfangs diese Mittel neben- oder nacheinander anwandte und in letzte Zeit auch intravenös gleichzeitig. Ich erinnere Sie an du L i n s e r sehe Sublimat-Salvarsaninjektion, an die Kombination mi Novasurol, an die neuerdings vorgeschlagene Auflösung des Salvarsan in Jod-Jodkalilösungen etc. Alle diese Wege sollen heute nicht Gegenstand unserer Be trachtung sein. , ..... , ., , Auch nicht die technische Frage der Applikation des Mittels selbsi ob die intramuskuläre oder die intravenöse Injektion die wirksamer und nachhaltigere bei nervösen Fällen ist und wie weit es möglic ist, das Artilleriefeuer des Salvarsanangriffes durch die Einspritzun des Mittels in die Carotis oder intrakraniell oder endolumbal vit wirksamer auf das Zentralnervensystem zu konzentrieren. Uns sollen heute zwei Möglichkeiten beschäftigen, das Salvarsa in verstärktem Masse im Zentralnervensystem als den uns hier besor *) Nach einem in der Vereinigung Frankfurter Neurologen gehaltene Vortrag (15. X. 1921). “) E. F. M ii 1 1 e r: M.m.W. 1921, Nr. 29, S. 912. 27. Januar 1922. MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT. 115 ders interessierenden Krankheitsherd zur Wirksamkeit kommen zu lassen, nämlich einmal der Versuch, das Salvarsan mit anderen Mitteln zu kombinieren, die an sich durchaus unspezifisch für die lulsche Er¬ krankung- sind, aber infolge ihrer ausgesprochenen Neurotropie bahnend auf das Spezifikum einwirken könnten, und dann der Weg, der darin besteht, dass wir auf irgendeine Weise dem Salvarsan den Eintritt in das nervöse Parenchym öffnen und frei machen, indem wir die Durchlässigkeit der Zellmembranen erhöhen. Schon Ehrlich hat auf die Möglichkeit hingewiesen, dass viel¬ leicht manche Substanzen mit ausgesprochener Organotropie auch auf andere gleichzeitig verabreichte Mittel bahnend und richtunggebend wirken könnten, oder wie er in der ihm eigentümlichen Art plastischer, bilderreicher Darstellung sich ausdrückte, dass sie gleichsam als Gleit¬ schienen oder als Transportvehikel das Pharmakon an den gewünschten Ort zu dirigieren imstande seien. Solche Körper würden also gewisser- massen Schlepperdienste im Organismus versehen, ohne selbst am Heilprozess beteiligt zu sein. Wir kennen nun mehrere derartige Substanzen aus der Anilinfarbstoffreihe, die sehr ausgesprochen neuro- trop und dabei sowohl für den tierischen wie menschlichen Organismus bei intravenöser Einverleibung unschädlich sind, ich erinnere nur an das Methylenblau, das Bismarckbraun und das Chrysoidin. Besteht diese Auffassung zu Recht, dann muss man auch im Tierversuch im Gehirn höhere Arsenmengen finden, wenn man Salvarsan mit solchen neurotropen Substanzen vereint gibt, als wenn man es allein verab¬ reicht. Ich habe nun derartige Untersuchungen vor einiger Zeit vor¬ genommen und möchte Ihnen kurz darüber berichten. Die Versuche wurden in der Weise angestellt, dass Kaninchen in die Ohrvene 0,1 Neosalvarsan entweder allein oder mit einem der oben genannten neurotropen, natürlich zuverlässig arsenfreien Farb¬ stoffe kombiniert erhielten. Die Tiere wurden dann nach 1 — 3 Stun¬ den, nach 3 — 24 Stunden oder nach mehreren Tagen durch Verbluten getötet, das völlig blutleere Gehirn in toto herausgenommen, genau gewogen und dann nach May-Hurter verascht, um die Arsen¬ mengen genau quantitativ bestimmen zu können 1). Es ergab sich nun folgendes Bild: In der Gruppe I (getötet nach 1 — 3 Stunden) betrug der Arsengehalt, umgerechnet auf 10 p- frische Gehirnmasse: bei Salvarsan allein im Durchschnitt 0,056 mg (2 Tiere) bei Salvarsan und Methylenblau 0,071 mg (2 Tiere) bei Salvarsan und Bismarckbraun 0,157 mg (2 Tiere). ln der Gruppe II (getötet nach 3 — 24 Stunden): bei Salvarsan allein nicht messbare Spuren As. (1 Tier) bei Salvarsan und Bismarckbraun 0,023 mg As. (3 Tie e) bei Salvarsan und Chrysoidin 0,028 mg As. (2 Tiere). Und bei Gruppe III (getötet nach mehreren Tagen): bei Salvarsan allein Spuren As. (2 Tiere) bei Salvarsan und Bismarckbraun 0,023 mg As. (3 Tiere) bei Salvarsan und Chrysoidin 0,026 mg As. (2 Tiere). Die Versuche zeigen also, dass es durch die Kombination des Salvarsans mit neutropen Substanzen möglich ist, dem Gehirn eine grössere, zum Teil doppelt bis dreifach so grosse Menge Arsen zu¬ zuführen, als bei der Applikation des Salvarsans allein, ausserdem aber auch, was mir noch wichtiger erscheint, dass es dadurch gelingt, das Arsenik länger und in deutlich erheblicherer Menge dort festzuhalten, so dass es zu einer Zeit noch quantitativ einwandfrei nachzuweisen ist, in der bei isolierter Salvarsaninjektion bereits keine messbaren Spuren mehr vorhanden sind; wodurch die therapeutische Einwirkung vertieft und nachhaltiger gestaltet werden könnte. Wie sich im ein¬ zelnen1 der Vorgang abspielt und wie wir uns eigentlich die Schlepper¬ dienste der neurotropen Substanzen zu denken haben, darüber können wir uns vorläufig keine klaren Vorstellungen machen, vielleicht so, dass die Fähigkeit dieser Stoffe, in grosser Menge in das nervöse Parenchym einzudringen, die Zellmembranen vorübergehend durch¬ gängiger und dadurch dem Heilmittel, dem allein diese Eigenschaft nicht zukommt, den Weg frei macht. Es würde sich dann um Vor¬ gänge handeln, auf die ich später noch zu sprechen komme. Die neurotrope Substanz würde dann im Sinne Ehrlichs tatsächlich die Funktion einer Gleitschiene, mehr als die eines Transportvehikels, übernehmen. Ich bin mir natürlich klar, dass aus unserer Versuchsanordnung und ihren Resultaten noch keine einwandfreien Schlüsse auf die tat¬ sächlich therapeutische Brauchbarkeit dieser Kombination gezosren. und dass das Ergebnis nicht ohne weiteres auf die menschliche Pathologie übertragen werden kann, aber immerhin erscheint mir der Versuch er¬ laubt und begründet, beim erkrankten Menschen, vielleicht zuerst bei Paralytikern, diese kombinierte Behandlungsform anzuwenden. Von ähnlichen Vorstellungen gingen übrigens Morgenrot h, Berlin u. a. aus, wenn sie vorschlugen, mit dem Salvarsan Stoffe wie Aethylhydrocuprein, Salizylsäure, Fibrolysin und ähnliches als Un¬ terstützungsmittel zu verbinden. Für unseren besonderen Fall scheinen aber diese Substanzen nicht geeignet. Der zweite oben bereits geäusserte Gedanke, dass das Salvarsan dadurch wirksamer in Aktion treten könnte, wenn es uns gelingen würde, ihm den Weg durch die sperrenden Zellmembranen der Gefässe und des nervösen Gewebes überhaupt zu öffnen, knüpft an die Lehre von der Permeabilität der Plasmagrenzschichten, besonders auch an die Untersuchungen Embdens über den Phosphorstoffwechsel an. *) Die Versuche habe icli im Physiologischen Universitätsinstitut (Pro¬ fessor E m b d e n) ausgeführt, die Arsenbestimmungen wurden im Labora¬ torium des Prof. Popp gemacht. Embden konnte nämlich bei seinen Versuchen zeigen, dass unter ganz bestimmten Bedingungen die in den Zellen vorhandene Phosphor¬ säure aus den Zellen (Muskeln, Retina) entweder durch Zunahme der Permeabilität der Grenzschichten austreten oder durch Absperrung in den Zellen festgehalten werden kann, woraus zu folgern ist dass die mehr oder weniger grosse Durchlässigkeit der Zellwände auch von wesentlicher Bedeutung für die Möglichkeit sein muss, einem Organ ein Heilmittel zuzuführen resp. dort wirksam werden zu lassen. Wir wollen nun in Folgendem untersuchen, welche Wege uns zu diesem Ziele offen stehen. In erster Linie ist es die Tätigkeit, die die Zellwände durch¬ gängiger macht. Es ist dies für den arbeitenden Muskel, die belichtete Retina, übrigens auch für das Rückenmark im Institut von Prof. Embden nachgewiesen. Für die Therapie würde es demnach darauf ankommen, einen erhöhten Tätigkeitszustand der Zellen des zu be¬ handelnden Organs, hier also des Zentralnervensystems, künstlich her¬ vorzurufen, was praktisch allerdings auf Schwierigkeiten stossen dürfte. Speziell bei Paralytikern dürfte es wohl schwer sein, eine erhöhte geistige Tätigkeit der Salvarsaninjektion vorangehen zu lassen. Die Tatsache übrigens, dass stumpf gehemmte Patienten sich dem Mittel gegenüber nicht unzugänglicher zeigen wie manisch erregte geistig produktive Kranke, lässt es nicht gerade aussichtsvoll erscheinen, auf diesem Wege mehr zu erreichen wie bisher. Das gleiche gilt wohl für die Steigerung der motorischen Funktionen. Am günstigsten wür¬ den die Bedingungen beim Paralytiker vielleicht nach oder bei einem paralytischen Krampfanfall liegen, der theoretisch wenigstens einen Zustand höchster Zelldurchlässigkeit bilden muss. Von besonderem Interesse ist die Tatsache, dass E n t z ü n - dungsvorgänge in den Zellen und Fieber überhaupt die Durch¬ lässigkeit der Zellmembranen steigern, wodurch sich auch der erhöhte Stoffwechsel bei diesen Zuständen erklären lässt. Es wäre das ge- wissermassen eine Selbsthilfe der Natur, die mit der Erkrankung zu¬ gleich auch der Hilfe den Weg freimacht. Dass solche Vorgänge tat¬ sächlich eine Rolle spielen, sieht man daran, dass man in tuberkulös erkrankten Organen einen erhöhten Jodgehalt gefunden hat. Hoefer weist mit Recht darauf hin, dass das Auftreten von Komplement und Normalambozeptor im Liquor bei Paralyse und Meningitiden und der Durchtritt aktiv erzeugter Agglutinine eine Zunahme der Permeabilität der Meningen etc. bei solchen Erkrankungen erkennen lassen. Das luetisch erkrankte Nervensystem wäre demnach also schon an sich dem Mittel zugänglicher als das gesunde. Allerdings wird die Permeabilität bei den chronisch entzündlichen Prozessen wie bei der Paralyse und Tabes wahrscheinlich weniger gross sein als bei frischen akuten Fällen, also bei der eigentlichen Syphilis des Nervensystems. Vielleicht be¬ ruht ja die akute Hirnschwellung, wie sie gelegentlich bei der Behand¬ lung der Lues nach Salvarsan auftritt, darauf, dass die akut entzündlich affizierten Gefässendothelien und dann die stark durchlässig gewor¬ denen Nervenzellenmembranen das Salvarsan plötzlich in bedrohlich grossen Mengen durchlassen. Praktisch würde für die Behandlung in erster Linie die Hervor- rufung eines künstlichen Fiebers (durch körperfremdes Eiweiss irgend¬ welcher Art. Infektionen mit Rekurrens. Mährin etc.) zugleich mit Ver¬ abreichung von Salvarsan auf der Höhe des Fiebers in Frage kommen. Natürlich müsste man mit den Dosen sehr vorsichtig sein. Immerhin findet sich hier vielleicht ein gangbarer Weg. Dahin gehört auch der Vorschlag Hoefers, diese vermehrte Permeabilität des erkrankten Zentralnervensystems einerseits und eine aktiv hervorgerufene Steigerung der Liquorabsonderung aus dem sal- varsangeschwängerten Blute anderseits dazu zu benützen, das Heil¬ mittel in grösserer Menge an die im Gewebe gelagerten Spirochäten heranzubringen. Zu diesem Zweck nimmt er kurz nach der intravenösen Salvarsaninfusion eine recht grosse Liquorentleerung durch Lumbal¬ punktion vor, um durch den dadurch erzeugten, dem intrakraniellen Blutdruck gegenüber negativ gewordenen Druck im Liquorsystem, der wahrscheinlich auch bis in die feinsten Lymphba'hnen und Gewebsliicken hineinreicht, ein schnelleres Ausströmen des Gewebesaftes in die Linuorräume und damit einen vermehrten Uebertritt von gelösten Substanzen aus den Blutgefässen hervorzurufen. Die nach der Punk¬ tion entstandene Hyperämie des Gehirns unterstütze dabei den ge¬ steigerten Saftstrom und die Möglichkeit einer erhöhten Zufuhr des Heilmittels, wobei die Liquorabsonderung durch intravenöse Kochsalz¬ infusionen oder Pilokarpin ausserdem1 noch künstlich angeregt werden könnte. Erfahrungen über die Brauchbarkeit dieser Methode liegen allerdings noch nicht vor. Eine weitere Möglichkeit, die Permeabilität der Zellen zu erhöhen, ist die lokale Asphyxie, die Erstickung allgemein gesprochen. Embden hat mit Recht daran erinnert, dass Bier mit seiner lokalen Stauung auf diese Weise Jod in erheblich grösserer Dosis an den Herd heranführen1 und dort intensiver in Wirksamkeit treten lassen will. Wegen der besonderen anatomischen Verhältnisse wird dieses Hilfsmittel der Stauung bei der Behandlung des zentralen Ner¬ vensystems wohl kaum in Frage kommen, wohl aber eventuell bei nerioheren Prozessen und den Gelenkerkrankungen luetischer Genese (Arthropathien). Besonders aussichtsreich erscheint es, unser Ziel durch künstliche Zufuhr solcher Substanzen zu erreichen, die in ausgesprochenem Masse die Fähigkeit haben, die Zellwand durchlässiger zu machen. Ich habe oben schon darauf hingewiesen, dass vielleicht die Orga¬ notropie auf dieser Fähigkeit, die Zellwände ganz bestimmter Organe leichter zu durchdringen, beruht, auf jeden Fall gibt es chemische 1 16 MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT. Nr. 4. Körper, die die Fähigkeit, die Permeabilität der Grenzschichten zu erhöhen, in sicher nachgewiesenem Masse 'haben, während andere, z. B. Kalzium, ausgesprochen sperrend wirken. Kennen wir erst mehr derartige Körper, die diese Eigenschaft in zuverlässiger Weise und vielleicht möglichst weitgehend elektiv für das nervöse Gewebe besitzen, dann hätten wir die Möglichkeit, das Heilmittel erst sehr ergiebig in das erkrankte Nervensystem eintreten und dann dort durch nachträgliche Sperrung möglichst lange festhalten zu können. Vielleicht finden wir ein solches Mittel am idealsten unter den hochkomplizierten Substanzen, wie sie die Sekrete innerer Drüsen, die Hormone, darstellen. So wissen wir z. B., dass das Schilddrüsen¬ sekret die Zellwände öffnet, Adrenalin dagegen abschliesst. Möglicher¬ weise wird es auch Hormone geben, die diese Aufgaben elektiv für das Nervensystem zu erfüllen geeignet sind. Jedenfalls sehen wir hier ein weites Feld der Forschung und experimentellen Prüfung vor uns, das vielleicht einmal praktisch verwertbare Früchte bringt. Schliesslich bleibt noch die Betäubung resp. Narkose, wo¬ durch ebenfalls die Zellmembranen eröffnet werden, zu erwähnen übrig. Doch liegen die Verhältnisse hier, wenigstens bei der Nar¬ kose, anscheinend dadurch komplizierter, dass dabei anfänglich sogar eine Sperrung eintritt. Das ist bereits aus anderweitigen Unter¬ suchungen bekannt, fand sich auch bei 2 Tierversuchen, die ich vor¬ nahm, bestätigt. Bei einem mit Alkohol betäubten Kaninchen fanden sich nach der Salvarsaninfusion nur ganz geringe Spuren Arsen, bei dem mit Urethan narkotisierten Tier überhaupt kein Arsen im Gehirn. Wie es sich jedoch bei länger anhaltender Narkose verhalten hätte, ob dann eine beträchtlichere Anreicherung mit Arsen eingetreten wäre, hatte ich keine Gelegenheit mehr zu untersuchen. Sollte es der Fall sein, so würde sich daraus die praktische Möglichkeit ergeben, dem Gehirn während eines tiefen und langen Betäubungsschlafes, wie er durch Hyoszin oder ein starkes Schlafmittel zu erreichen wäre, das Heilmittel in grösserer Menge zuzuführen. Damit wären wohl die Wege im wesentlichen vorgezeichnet, die uns dem Ziel, die Wirksamkeit des Salvarsans auf das Gehirn zu erhöhen, näherbringen könnten. Aus der Medizinischen Klinik der Universität Hamburg, Krankenhaus Eppendorf. (Direktor: Prof. Brauer.) Praktische Anwendbarkeit des Auslöschphänomens bei der Differentialdiagnose des Scharlachs. Von Dr. Q. Haselhorst. Bei der Differentialdiagnose des Scharlachs stehen uns eine Reihe von Kriterien zur Verfügung: prodromales Erbrechen, akuter Beginn, Exanthem, Angina, Himbeerzunge, periorale Blässe, Urobilinogenreak- tion, Rumpei-Leede, Döhle sehe Leukozyteneinschlüsse. Trotz dieser Fülle von Symptomen ist die Diagnose in einigen Fällen' äusserst schwer zu stellen. 1917 wurde von Schulz und Charlton1) ein neues Hilfsmittel, das sogenannte Auslöschphänomen angegeben, wel¬ ches später von Paschen2) und Neumann8) nachgeprüft und be¬ stätigt wurde. Zunächst kurz das Wesentliche der von Schulz und Charlton entdeckten Erscheinungen : 1. Normales Serum, ebenso Scharlachrekonvaleszentenserum (bei uns nach dem 25. Krankheitstag entnommen und kurz Spätserum ge¬ nannt). einem' Patienten mit Scharlach-Exanthem intrakutan injiziert, erzeugt an der Injektionsstelle eine Auslöschung, einen weissen Fleck, und zwar frühestens nach 6 — 8 Stunden. 2. Scharlachfrühserum (bei uns in den ersten 5 Krankheitstagen entnommen), einem Patienten mit Scharlachexanthem intrakutan inji¬ ziert. verursacht an der Injektionsstelle keinerlei Veränderung. 3. Die Auslöschung durch Normal- und Spätserum tritt nur bei Scharlachexanthem, nicht bei anderen Exanthemen ein. Wir haben nun, um ein Urteil über die differential-diagnostische Verwertbarkeit dieses Phänomens zu erhalten, dasselbe an einer grös¬ seren Reihe von Fällen und zwar sowohl bei sicherem Scharlach als auch bei zweifelhafter Diagnose angewandt, mit folgender Versuchs¬ anordnung: Es wurden 3 verschiedene Sera, Normal-, Scharlachspät- und Früh¬ serum durch Venenpunktion gewonnen, inaktiviert und in Ampullen zu 1 ccm steril eingeschmolzen (Bakteriologisches Institut Prof. Much). Bei jedem Falle wurden alle 3 Sera intrakutan injiziert und zwar an der Stelle des bestausgebildeten Exanthems, gewöhnlich auf der Brust, aber auch am Bauch, an den Ober- und Unterschenkeln. Es sei be¬ merkt, dass Fehler bei der Herstellung der Sera und der Methodik des Injizierens ausgeschlossen sind, da Aufzeichnungen erst nach mehr¬ monatlichen Vorversuchen gemacht wurden. Es seien zunächst die an 50 sicheren Scharlachfällen gewonnenen Ergebnisse mitgeteilt: Aussparung schwach + deutlich negativ 1. Normalserum 14 16 20 2. Spätserum 13 27 10 3. Frühserum 0 0 50 Die Zusammenstellung ergibt, dass Frühserum in allen 50 Fällen keine Aussparung erzeugt hat. Spätserum hat 10 Versager, Normal- *) Zschr. f. Kindhlk. 1917. 2) Derm. Wsehr. 1919 Nr. 22. s) D.m.W. 1920 Nr. 21. serum sogar 20. Auffallend war, dass der weisse Hof um die In¬ jektionsstelle bei Spätserum fast stets deutlicher war als bei Normal¬ serum. In 3 Fällen, in denen bei allen 3 Seren keine Aussparung ein¬ trat. handelte es sich bei hochrotem Exanthem um sehr trockene, mit feinsten Miliarien übersäte Haut. Ausser diesen 50 sicheren Scharlachfällen wurden noch 13 Fälle mit toxischem, Arznei-, Masern-Exanthem, Pityriasis rubra scalatiformis squamiformis, sowie Fieberröte und Erythema solare gespritzt. In keinem Falle trat eine Aussparung ein. Ergebnis: 1. Friihserutn löscht niemals aus. 2. Nur Scharlachexanthem wird ausgelöscht und zwar von Spätscrum in 80 Proz., von Normalserum in nur 60 Proz. der Fälle. Wenn wir auch die besseren Resultate bei Verwendung von Schar¬ lachrekonvaleszentenserum zu Grunde legen, so ergibt sich immer noch ein negativer Ausfall von 20 Proz.. eine Zahl, die mit Rücksicht darauf, dass sie bei klinisch sicherer Diagnose gewonnen wurde, sehr hoch ist. Bedenken wir ferner, dass in all den Fällen, die nur ein kurz dauern¬ des Exanthem zeigen, oder die erst bei dessen Abklingen eingeliefert werden, das Verfahren nicht anwendbar ist, so erfährt dadurch die praktische Brauchbarkeit eine erhebliche Einschränkung. Es ergibt sich noch eine weitere Folgerung: Entnimmt man einem zweifelhaften Falle Serum und injiziert dasselbe einem Patienten mit sicherem Scharlachexanthem zugleich mit Spätserum und löscht dann letzteres aus, ersteres dagegen nicht, so handelt es sich im Zweifels¬ falle um Scharlach. Das erfordert jedoch erstens viel Zeit und schei¬ tert zweitens gewöhnlich daran, dass selbst auf grösseren Infektions¬ abteilungen nicht stets frische Fälle mit noch deutlichem Exanthem vorhanden sind. Während einer Beobachtungszeit von mehr als einem Jahre er¬ hielten wir den Eindruck, dass gerade in den differential-diagnostisch schwierigen Fällen mit geringem Fieber, ohne typischen Rachenbefund, mit schwachem, häufig etwas fleckigem, schnell vorübergehendem Exanthem uns das Auslöschphänomen gewöhnlich ebenfalls im Stich liess. Hier sei nur ein Fall aus der ersten Zeit unserer Versuche an¬ geführt : Fräulein H.. 23 Jahre alt, wurde wegen einer Verletzung der Kopf¬ schwarte durch Steinwurf eingeliefert. Auf der Mitte des Kopfes befand sich eine 3 cm im Durchmesser messende, bis auf den Knochen reichende, ver¬ schmutzte und ziemlich stark sezernierende Wunde. 2 Tage später plötzlicher Temperaturanstieg auf 40,3°, diffuse Hautrötung, mässige Röte des Rachens, Zunge etwas weisslich belegt, nicht himbeerfarben und -gezeichnet, geringes Krankheitsgefühl, keine Milzschwellung, Rumpei-Leede zweifelhaft, Uro- bilinogen 0. Differentialdiagnose: Von der Kopfwunde ausgehende Allgemeininfektion ?, Angina ?, Scharlach ?. Das Auslöschphänomen fiel negativ aus; die Diagnose Scharlach wurde damit abgelehnt. In den nächsten Tagen fiel die Temperatur schnell zur Norm ab. Die Kopfwunde heilte schnell; keine Drüsenschwellung, keine Schuppung, kein Urinbefund, so dass Patientin 2 Wochen später entlassen werden konnte. Nach 10 Tagen wurde sie von dem sie behandelnden Arzt zurückgeschickt mit deutlicher Schuppung vom ausgesprochenem Typus der Scharlachschuppung. Es lag also doch Scharlach vor. Der negative Ausfall des Auslösch¬ phänomens hatte uns -irregeführt. In einem anderen Fall ging es uns ähnlich. Trotzdem bleiben einzelne Fälle übrig, in denen das Hilfsmittel seinen Zweck erfüllt. Wir empfehlen und wenden folgende Methode an: Auf der Aufnahmestation wird Scharlachspätserum in Ampullen zu 1 ccm vorrätig gehalten. Jeder zweifelhafte Fall erhält 2 Injektionen zu je 0,5 ccm. um Fehler beim Injizieren sicher auszuschliessen. Tritt nun Aussparung ein, so handelt es sich um sicheren Scharlach. Zeigen die Injektionsstellen mit Ausnahme einer geringen Rötung des Stich¬ kanals keine Veränderung, so spricht das mit gewisser Wahrscheinlich¬ keit gegen Scharlach. Sichere Schlüsse können wir daraus nicht ziehen. Bemerkungen: Einen Grund dafür, dass Rekonvaleszenten¬ serum besser auslöscht als Normalserum, wissen wir nicht anzugeben. Es ist anzunehmen, dass der Immunitätsgrad gegen Scharlach ein ver¬ schiedener ist, je nachdem jemand früher oder später oder noch gar- nicht scharlachkrank war. Wahrscheinlich wird der Titer auch bei Leuten, die zwar klinisch noch keinen Scharlach überstanden, aber längere Zeit auf Scharlachstationen gearbeitet haben, durch Summation geringster spezifischer Infektionen ein hoher sein. Wir sind der Ansicht, dass solche immunbiologisch sehr interessanten Fragen mittels des Auslöschphänomens, wobei Ausdehnung und Intensität der Aussparung die Grundlage für die Beurteilung abgeben, geklärt werden können. Wir möchten jedenfalls die Anregung geben, auch andernorts Versuche in dieser Richtung anzustellen. Aus der Unterrichtsanstalt für Staatsarzneikunde der Universität Berlin. Darstellung der Hämochromogenkristalle nach Takayama. Von Dr. Georg Strassmann, Assistent der Anstalt. Um das Vorhandensein von Blut in forensischen Fällen an Gegen¬ ständen festzustellen, genügt im allgemeinen der mikrospektroskopische Nachweis des Hämochromogens oder des Hämatoporphyrins. Zweck¬ mässig aber kann es sein, wenn neben dem mikrospektroskopischen Blutnachweis auch die mikroskopische Darstellung von Blutkörperchen oder Blutkristallen gelingt. Auf die Bedeutung der Hämochromogen- . Januar 1922. MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT. 117 stalle, die gleichzeitig das charakteristische Hämochromogenspektrum ben, für den forensischen Blutnachweis ist mehrfach hingewiesen orden [Puppe-Kürbitz1), Heine2) Leers3) u. a.]. Meist rd dazu das Blutpartikelchen mit einem Tropfen Pyridin und frischem hwefelammonium versetzt [B ü r k e r *), Lochte 5)1 oder mit Pyri- 1 und Hydrazinsulfat [Heine2), de D o m i n i c i s “)] oder Hydrazin- drat [M i ta 5)] und erwärmt. Auch andere Reagentien sind an¬ geben worden. Nur die Konservierung der bei Luftzutritt sehr ver- nglichen Kristalle macht Schwierigkeiten, wenn sie auch bisweilen durch gelingt, dass man die Flüssigkeit vorsichtig verdunsten' und inadabalsam zufliessen lässt [Puppe-Kürbitz1), Kalmus 5)]. Prof. F u j i w a r a machte mich auf eine Arbeit von Takayama, : in der japanischen Zeitschrift für Staatsarzneikunde 1912 er- lienen ist, aufmerksam, worin er zur Darstellung der Hämochromogen- stalle für den forensischen Blutnachweis 2 Reagentien empfahl, die Japan allgemein gebraucht werden, bei uns anscheinend weniger be- nnt sind. Das erste lange haltbare Reagens besteht in 5 ccm io proz. aubenzuckerlösung, 10 ccm 10 proz. Natronlauge, 65 ccm destilliertem asser und 20 ccm Pyridin. Von dieser Mischung werden zu dem atpartikelchen einige Tropfen auf dem Objektträger zugesetzt und :ses vorsichtig über einer kleinen Flamme erwärmt, bis die erst grün- ien Blutschiippchen sich rosarot färben. Nach einigen Minuten bilden h Hämochromogeukristalle, die an Zahl immer mehr zunehmen, und : sich in der Lösung ohne jedes Konservierungsmittel mehrere Tage ten. Nach vorsichtiger Umrandung mit Deckglaskitt kann man sie ichenlang konservieren, noch länger nach Umranden mit Kanada- Isam, doch können dabei eine Anzahl Kristalle allmählich ver¬ winden. Noch wirksamer erschien mir das zweite Reagens, das in 10 proz. tronlauge, Pyridin und Traubenzucker zu gleichen Teilen ää 3 und üilliertem Wasser 7 besteht. Hier bilden sich bereits ohne Erwärmen :h einigen Minuten zahlreiche Kristalle. Bei sehr altem Blut dauert bisweilen 20 Minuten oder noch länger, ehe sie entstehen. Auch r halten sich die Kristalle ohne Zusatz mehrere Tage bis 1 Woche, :h Umrandung mit Kitt oder mit Kanadabalsam erheblich länger. 2s Reagens verliert nach 2 — 3 Wochen an Wirksamkeit und muss ui neu hergestellt werden. Mir scheinen die beiden Reagentien den sonst für die Darstellung Hämochromogenkristalle üblichen überlegen zu sein. Noch an 20 Jahre altem, eingetrocknetem Blut gelang mir auf diese eise die Kristalldarstellung. Der Vorteil der Mischung ist hauptsächlich der. dass sich ohne les Konservierungsmittel die Kristalle tagelang halten. Es beruht ; wohl auf dem Zusatz des Traubenzuckers. Auch scheinen die Kri¬ lle mir an Zahl und Grösse besser herstellbar zu sein, als mit den ichen Methoden. Ist das Blut durch chemische Einwirkung in so hohem Grade ver- iert, dass die Kristalle mit keinem der gebräuchlichen Reagentien :eugt werden können, so misslingt auch meist die Methode von k a y a m a. Sie kann in forensischen Fällen mit geringsten Blutspuren an- itellt werden, da zum mindesten stets eine Umwandlung des Blut- bstoffes in Hämochromogen erfolgt, so dass selbst dann, wenn ne Kristalle sich bilden sollten, was aber in den meisten Fällen se¬ icht, der mikrospektroskopische Blutnachweis stets mit Hilfe dieser sungen möglich ist. Ich glaubte daher, wegen der bequemen Anwendbarkeit auf die thode der Hämochromogenkristalldarstellung von Takayama auf- rksam machen zu sollen. !wei Fälle von chronischer ankylosierender Wirbel¬ versteifung. Von Dr. med. J. Brennsohn, Riga. Aus der grossen Gruppe der chronischen Entzündungen der Wirbel- rie, die zur Ankylose derselben führen und die früher unter dem inkheitsbegriff „chronischer Rheumatismus der Wirbelsäule“ zu- nmengefasst wurden, sind in den letzten Jahrzehnten ein paar Krank- tstypen abgesondert worden, die eine Sonderstellung einnehmen und e Nomenklatur, wie die genaue Schilderung zweien Nervenärzten, den ifessoren v. Bechterew und v. Strümpell verdanken, obgleich sich im Grunde genommen gar nicht um eine Nervenkrankheit idelt. Zwar nimmt Bechterew auf Grund eines Sektionsbefundes e Primärdegeneration der weissen Hinter- und S eiten - irkstränge an, welche die Veränderungen der Wirbelsäule zur ge habe, gleichwie die Syringomyelie zur Skoliose führe. Andere toren schliessen sich dieser Ansicht nicht an und nehmen eine in an Ursachen noch unaufgeklärte besondere Form der Gelenkerkran- ig an, die sich auf die Wirbelsäule und die grossen Gelenke be- iränke und auf die bereits Strümpell im Jahre 1884 in seinem rannten Lehrbuche mit einigen Zeilen hingewiesen hat. Im Jahre *) Med. K I i ii . 1910 Nr. 38 und Aerztl. Sachverstand. -Ztg. 1909 Nr. 7. ') V. {. ger. Med. 43, 1912. 3) Die forensische Blutuntersuchung. Berlin, J. Springer, 1910. ) M.tn.W. 1909 Nr. 3. ') V. f. ger. Med. 1910, 39 (Supplement). 6) B.kl.W. 1909 Nr. 36. 1892 beschrieb Bechterew gleichzeitig im W ratsch und Neurol. Zbl. zwei Fälle dieser Krankheit. Weitere Veröffentlichungen von ihm (1897), Strümpell, Pierre Marie (1898) u. a. folg¬ ten, aus deren Vergleich man zwei Typen aufstellte, die in bestimmter Weise voneinander abwichen — den Bech¬ terew sehen und Strümpell-Marie sehen. Bei dem ersten handle es sich um eine Steifigkeit, die auf die Wirbel¬ säule allein beschränkt bleibe, in den oberen Teilen der Wirbelsäule beginne, sich allmählich nach unten ausbreite, also deszendierend sei. zu einer Verkrümmung im Brustteil führe, mit Schmerzen beginne, eine Anzahl nervöser Symptome aufweise und in deren Aetiologie Heredität, Trauma, zuweilen Syphilis eine Rolle spielen. Bei der Strümpell-Marie sehen Form befalle die Steifigkeit nicht allein die Wirbelsäule, sondern auch die Hüftgelenke, zuweilen auch die Schultergelenke. Die Krankheit verlaufe ohne nennenswerte Schmerzen, führe zu keiner Verkrümmung der Wirbelsäule, die im Gegenteil eine abnorme Geradheit aufweise, und als ätiologische Momente seien Infektionskrankheiten, in erster Linie Gonorrhöe, dann auch Tuberkulose, akuter Gelenkrheumatismus und Lues zu beobachten. Die seltenen Sektionsbefunde typischer Fälle haben bis jetzt über das Wesen der Krankheit keine vollkommene Aufklärung gebracht. Die Deutung, die Bechterew der von ihm beobachteten Degenera¬ tion der Hinter- und Seitenmarkstränge gab, wird von anderen Autoren nicht geteilt, die der Meinung sind, dass diese Degeneration sich auch bei anderen chronischen, zum Marasmus führenden Krankheiten finde und dass sie in keiner Beziehung zur typischen Steifigkeit stehe; bei demselben, später an Pneumonie zu Grunde gegangenen Kranken fand Bechterew auch einzelne Wirbel völlig miteinander verbacken und verwachsen, die Zwischenwirbelscheiben atrophisch oder ganz ge¬ schwunden, wodurch es zur Verwachsung der sich berührenden knö¬ chernen Wirbelteile gekommen war. Andere Autoren (Marie, Schle- s i n g e r u. a.) fanden Ossifikation des kurzen Bandapparates an den Wiirbelgelenken und zwischen den Bögen und Dornfortsätzen, Osteo- phytenbildung und Exostosen, Bildung von Knochenbrücken, Knochen¬ platten und -Spangen an den Wirbelkörpern, namentlich an den seit¬ lichen Partien derselben. Auch an einem gleichzeitig befallenen Hüft¬ gelenk fand Marie bei Gelegenheit der Resektion desselben Ver¬ knöcherung der Bandmassen. Durch die Atrophie der Knorpelscheiben einerseits, wie durch die Knochenwucherung an den Gelenken und Wirbelkörpern andererseits werde die Steifigkeit resp. die Verkrümmung der Wirbelsäule hervorgerufen. Was die Aetiologie betrifft, so nimmt Bechterew unter anderm auch traumatische Ursachen an. Jedoch bei der Häu¬ figkeit von Traumen und der Seltenheit dieser Krankheit kann man kein grosses Gewicht auf dieses ätiologische Moment legen. Bei den Fällen des S t r ii m p e 1 1 - M a r i e sehen Typus werden Infektions¬ krankheiten, besonders Gonorrhoe, als Ursachen angenommen. Wir werden bei der Schilderung unserer beiden Fälle sehen, ob wir die in ihrer Anamnese erwähnten ätiologischen Momente nach der oben ge¬ nannten Richtung hin verwerten können. 1. Der erste Kranke, dessen Krankheitsbild mehr dem Bechterew¬ schen Typus entspricht, hat ausser vielen andern Nervenärzten auch die beiden konsultiert, die dieser Krankheit den Namen verliehen haben, v. B e c h t e r e w und v. Strümpell. Eine Röntgenaufnahme dieses Falles war hier nicht zu ermöglichen, da der Kranke an den Rollstuhl gefesselt war. Durch die Liebenswürdigkeit des Herrn Prof. v. Strümpell, der eine Röntgenaufnahme dieses Kranken in Leipzig im Jahre 1910 anfertigen diess, be¬ sitze ich einen Abzug derselben; doch zeigt derselbe ausser einer Knochenspange nichts Charakteristisches. Dagegen charakterisieren ein paar photographische Aufnahmen den Fall und zeigen namentlich das stetige Fort¬ schreiten des Prozesses in prägnanter Weise. Die Aufnahme des ganzen Körpers links fand in der Heilstätte Zehlendorf bei Berlin -im Herbste 1910 statt und verdanke ich sie der Liebenswürdigkeit des Herrn Prof. Laehr; die beiden anderen sind von mir im Winter 1911 in der Wohnung des Kranken ange¬ fertigt worden. Es handelt sich um einen (im Jahre 1913) 23 jähr. jungen Mann, dessen Mutter etwas „nervös“ war und 41 J. a. an einer chro¬ nischen Nephritis starb. Sein Vater, sein Bruder, seine ganze Verwandtschaft väter¬ licher- und mütterlicherseits sind vollständig gesund. In der ganzen Aszendenz finden sich keine Knochen- und Gelenkerkran¬ kungen, keine konstitutionellen Krankheiten, kein Alkoholismus. Er wurde rechtzeitig ge¬ boren, begann rechtzeitig zu gehen und be¬ kam ebenso rechtzeitig seine Zähne. Er war ein zwar zartes, aber gesundes Kind; nur als er in das geschlechtsreife Alter kam, begann sich die nervöse Anlage von seiner Mutter her be¬ merkbar zu machen; er bekam Anfälle von Migräne und Flimmern vor den Augen, die sich in regelmässigen 2 — 4 wöchigen Zwischenräumen wieder¬ holten, mehrere Jahre andauerten und sich dann allmählich verloren. Er hielt sich schlecht und musste oft an das Einnehmen einer bessern Haltung gemahnt werden. Masern und Scharlach überstand er leicht und ohne Folgen. Im Jahre 1907, als er 18 Jahre alt war, bezog er die Dor- pater Universität, wo er sich viel mit Paukiibungen beschäftigte. Schmerzen, die sich am rechten Schultergelenk und am rechten Arm einstetlten, bezog er auf diese Uebungen und gab die letztem daher eine Zeitlang auf. Nachher bildete sich aber ohne nentiens- MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT. Nr. 118 werte Schmerzen eine Schwäche des rechten Armes aus, . den er nicht mehr erheben, nicht einmal um geringes abduzieren konnte, während das Ellbogen- und Handgelenk, sowie die Fingergelenke vollkommen frei blieben. Bald nachher fand sich eine geringe Empfindlichkeit im Rücken ein, die er wenig beachtete. Aber fast 2 Jahre später, im Frühjahr 1909, bekam er heftige Schmerzen in den mittleren und unteren Par¬ tien der Wirbelsäule, die nach tfen Seiten und vorn hin ausstrahlten und in der Nacht besonders quälend waren. Er hatte auch ein ausgesprochenes G ü r t e 1 g e f ü h 1, a's ob ein eiserner Reifen ihm um den Leib gelegt wäre. Zugleich war schon damals eine Steifigkeit der Wirbelsäule wahrnehm¬ bar. Auch im linken Hüftgelenk hatte er schon damals zeitweise Schmerzen, jedoch ohne Beeinträchtigung seiner Gehfähigkeit. Eine Badekur im Schwefel¬ bade Kemmern im Sommer 1909 brachte keine Linderung, eine Röntgenauf¬ nahme in Riga führte zu keiner sicheren Diagnose; ein Stützkorsett ver¬ ringerte nicht seine Beschwerden. Den Winter 1909/10 verbrachte er in St. Remo ohne nennenswerte Erleichterung. Unterdes machten die Ver¬ steifung der Wirbelsäule und die Schmerzen im linken Hüftgelenk weitere infauste Fortschritte. Er konnte noch längere Spaziergänge ausführen, aber nur kurze, kleine Schritte machen. Im Frühjahr 1910 konsultierte er v. Bechterew und v. Strümpell und unterzog sich dann 1910/11 verschiedenen physiko-therapeutischen und orthopädischen Kuren in Zehlen¬ dorf bei Berlin und in der Berliner chirurgischen Universitätsklinik. Schon im Jahre 1913 befand sich der Kranke in einem bedauernswerten Zustande. Die Steifigkeit und Unbeweglichkeit der befallenen Teile — der Wirbelsäule, Hüftgelenke und des rechten Schultergelenkes - — war schon damals derartig, dass alle diese Teile eine zusammenhängende, zum Teil starre Masse bildeten. Frei beweglich sind nur die linke untere Extremität, vor^ der rechten oberen die Finger und Ellbogen- und Handgelenke und von den beiden unteren Extremitäten die Zehen und Fussgelenke. Die geringen ihm verbliebenen Bewegungen kann er nur so ausführen, dass er den Körper als Ganzes ein wenig dreht und bewegt. Den Kopf hält er weit vor¬ geschoben. Beim Liegen stehen der Kopf'und die Halswirbelsäule weit vom Lager ab und der grosse Zwischenraum zwischen Kopf, Nacken und Unter¬ lage muss durch untergelegte Kissen ausgefüllt und der Nacken dadurch gestutzt werden. Die Wirbelsäule ist, mit Ausnahme einer geringen Beweglichkeit im Halsteil, vollständig versteift. Die Dornfortsätze des 10. bis 12. Brust¬ wirbels, sowie des 1. und 2. Brustwirbels prominieren leicht, bilden einen flachen Gibbus, die Lendenlordose ist ganz aufgehoben. An beiden S y n - Chondros es sacro-iliacae finden sich Exostosen, an der rechten von Haselnuss-, an der linken von Walnussgrösse. Die frühere spontane Schmerzhaftigkeit der Wirbelsäule besteht nicht mehr, die Processus spinosi sind jedoch noch bei Beklopfen schmerzhaft. Die Wirbelsäule als Ganzes bildet eine nach hinten konvexe Krümmung, im Brustteil in Form einer bogigen Kyphose. Die Muskulatur des Rückens ist- dünn und mager. Die von anderen Autoren angeführte Derbheit der Rückenmarksmuskulatur ist hier nicht bem’.rkbar. Mit besonderen Kunstgriffen wird er von seinem Lager auf den Rollstuhl und von diesem wieder zurück aufs Lager gebracht. Das rechte Hüftgelenk ist noch in geringem Grade beweglich, das linke in einem stumpfen Winkel fixiert, so dass er nicht auf den Nates auf¬ sitzt, sondern auf den mittleren Partien der Oberschenkel und der freie Zwischenraum wieder durch Kissen ausgefüllt wird. Im linken Hüftgelenk ist nur eine minimale, etwa 1 cm weite Adduktion und Abduktion möglich. Zu Zeiten war die Schmerzhaftigkeit in diesem Gelenk eine so hochgradige, dass die leiseste Erschütterung irgendeines Körperteils, wie beispielsweise das Reichen der Hand zur Begriissung, eine ausserordentlich schwere Schmerzattacke auslöste. Dabei hatten die Schmerzen zeitweise ganz den Charakter einer Ischias, verliefen in den Bahnen des Ischiadikus, ohne dass der Nerv selbst auf den bekannten Druckpunkten druckempfindlich war. Die ganze Figur des Kranken lässt sich mit einem lateinischen Z vergleichen, worauf schon Pierre Marie hingewiesen hat, wobei der obere Schenkel des Z von der Wirbelsäule, der mittlere Teil von den Oberschenkeln und der untere Teil von den Unterschenkeln gebildet wird, die sich ebenfalls in flektierter Stellung befinden. Die Brust ist tief eingefallen und abgeflacht; der frontale und sagittale Durchmesser sind stark reduziert, die Zwischenrippenräume. vertieft, das Abdomen wölbt sich kugelig vor. Die Atmung ist vornehmlich abdominal, das Abdomen wogt förmlich auf und ab. während die kostale Atmung stark zurückgetreten ist, ohne jedoch ganz aufgehoben zu sein, wie von einzelnen Autoren berichtet wird. Auffallend flatterndes Inspirium ist vorn rechts hörbar, an den übrigen Teilen normales Atmen. Am Herzen kein pathologischer Befund. Die Muskulatur des ganzen Körpers ist entsprechend der Inaktivität schlecht entwickelt, mässig atrophisch. Absoluter Schwund der Muskeln, wie etwa im Gefolge der Heine-Medin sehen Krankheit finden wir nirgends, auch nicht an der rechten Schulter, die eine Parese aufweist, aber keine wesentliche Ver¬ steifung. Das linke Bein ist dünner und magerer als das rechte. Das Nervensystem: Von seiten der Gehirnnerven ist nichts Be¬ sonderes zu sagen; Geruch. Gehör, Geschmack sind normal; Pupillen mittel¬ weit, reagieren träge, Gesichtsfeldbeschränkungen nicht vorhanden. Sensi¬ bilität der Haut normal. Die Patellarreflexe wesentlich gesteigert, besonders links, desgleichen die Fusssohlenreflexe, von denen wieder der linkseitige der stärkere ist. Die elektrische Erregbarkeit etwas herabgesetzt, aber keine Entartungsreaktion. Das rechte Schultergelenk paretisch. a>Die nur massige Atrophie der rechtsseitigen Schultermuskulatur steht in gar keinem Verhältnis zur Funktionsstörung. Der Appetit meist gut. Stuhl etwas erschwert, jedoch regelmässig. Harn normal. Die Temperatur war leicht erhöht, zeit¬ weise bis 38,0. Gegenwärtig (1921), ist der Prozess vollständig zum Stillstand gelangt. Schmerzen sind bereits seit langer Zeit gewichen. Unbeweglichkeit und Steifigkeit, wie oben beschrieben. Der Kranke verbringt den Tag im Roll¬ stuhl, zur Nacht wird er mit Hilfe auf das kunstvoll zubereitete Lager ge¬ bracht. Geistig hat er gar nicht gelitten; er beschäftigt sich mit juristischen Arbeiten. In diesem Krankheitsbilde interessieren uns mehrere Fragen. Ab¬ gesehen von der pathologisch-anatomischen Stellung, die wir bereits kurz berührt haben, in erster Reihe die Aetiologie. Von1 heredi¬ tären Momenten könnte in unserem Falle nur die „Nervosität“ der Mutter in Betracht kommen. Wir finden dieses Moment in seiner neu¬ rotischen Anlage, in seinen Anfällen von Migräne, in seiner grossen Reizbarkeit und Ueberempfindlichkeit. Für die Entwickelung seiner Grundkrankheit kommt aber alles dieses nicht in Betracht. Aehnlic verhält es sich bei unserem Kranken mit dem Trauma, auf welche Bechterew so grosses Gewicht legt. Ohne die ätiologische Be deutung des Traumas für viele Krankheiten herabsetzen zu wollen, i; doch zu bedenken, dass im Leben jedes Menschen mehr oder wenige schwere Traumen Vorkommen, ohne irgendwelche Störungen zu hit terlassen. Auch bei1 unserm Kranken finden wir ein Trauma. Ai einer Schlittenfahrt vor Beginn seiner Krankheit wurde er durch da ruckweise Anziehen des Pferdes mit dem Rücken gegen die Schütter lehne geworfen. Er klagte darnach einige Zeit über schmerzhaft Empfindungen im Rücken. Sind wir berechtigt, ein solches Traum; wie es im Leben fast jedes Einzelnen vorkommt, für die Entstehuri dieser Krankheit verantwortlich zu machen? Marie und Asti fanden in einigen Fällen die beiden Momente „Heredität“ un „Trauma“ so ausgeprägt, dass sie darnach dieses Krankheitsbi „erblich-traumatische Kvphose“ nannten. Auch die in d^r Aetjolog dieser Krankheit eine Rolle spielende „Erkältung“ dürfte kaum in ui serem Falle verwertet werden. Der Kranke gibt an, als Student i einem kalten Zimmer, wo er beständig fror, gewohnt zu haben. Abt auch dieses alltägliche Vorkommnis kann für die Aetiologie unsert Falles nicht in Betracht kommen. Noch weniger sind infektöse U: Sachen hier nachweisbar: keine Lues, keine Gonorrhoe, keine It fluenza. keine Angina. A e t i o 1 o g i s c h bleibt dieser Fall g a n unaufgeklärt Noch ist die Frage zu erörtern, welchem von be den Typen dieser Fall zuzuzählen ist. Unser Kranker zeigt sowoi die Symptome des Bechterewschen, wie des Strümpell Marie sehen Typus. Mit Bechterew hat er die ausserordentlid Schmerzhaftigkeit bei Beginn der Erkrankung gemeinsam, ebenso d ausgesprochene Verkrümmung der Wirbelsäule, die den Fällen dt Strümpell-Marieschen Typus fehlt, dagegen ist ihm mit Striimpel! Marie gemeinsam auch das Befallensein der Hilft- und Schulte gelenke, die zur Nomenklatur der „chronisch-ankylosierenden Entzüi düng der Wirbelsäule und der Hüftgelenke“ und zur Bezeichnung „Spoi dylosis rhizomelica“ (von spondylos = Wirbel und rhiza = Wurzel der Erkrankung der Wirbelsäule und der Wurzelgelenke (Hüfte, Schn ter) Veranlassung gegeben hat. II. Ein Pendant zu diesem Falle bildet der folgende, den ich seit N' vember 1920 zu beobachten Gelegenheit hatte und der ganz dem S t r ü m p e 1 1 - M a r i e sehen Typus entspricht. Es handelt sich um einen 58 jährigt Mann von grosser Statur und symmetrischem Körperbau. Er geht mit nach vorn gebeugtem Oberkörper, mit kurzen schlei¬ fenden Schritten, wobei er mit den Vorderteilen der Füsse auftritt. Dieser Gang prägt sich auch an den Sohlen seiner Stiefel aus, indem gerade die vorderen Teile abgenutzt sind und an diesen Stellen oft ge¬ flickt werden müssen. Das rechte Bein zieht er nach. Auffallend ist die Gerade¬ stellung der Wirbelsäule, indem die physiologischen an- tero-posterioren Krümmungen aufgehoben sind. An Stelle der physiologischen Lenden¬ lordose ist eine flache Gib- bosität der Lendenwirbel zu konstatieren, und an Stelle der physiologischen Brust¬ kyphose eine flachvertiefte Lordositätderselben. Man sieht eine lange, vertiefte Furche an der Brustwirbelsäule, auf deren Grund die Processus spinosi fühlbar sind. Die Verkrüm¬ mung des Rumpfes ist nur eine scheinbare, indem der Kranke j beim Gehen die Hüftgelenke gebeugt hält. Er vermag wohl seinen Rumpf gerade aufzu¬ richten, verliert aber dabei das Gleichgewicht und fällt hin, i was ihm ohnehin häufig beim Gehen passiert. Der Prozess ! ist hier ein aszendieren- j der, hat an den unteren Par- ] tien der Wirbelsäule begonnen > 1 und steigt allmählich höher Fall 2. hinauf, was auch aus dem Röntgenbild ersichtlich ist. Die unteren Partien der Wirbelsäule sind verstei während die oberen noch mehr weniger beweglich sind. Die Wirbelsäule ist jet spontan wenig empfindlich, das Beklopfen der Processus spinosi verursac i überhaupt keinen Schmerz. Ausser der Wirbelsäule sind auch die beid' Hüftgelenke befallen. Sie sind schmerzhaft, versteift, die Bewegungen de ' selben wesentlich verringert, besonders die Abduktion. Im Frühjahr 19 stellten sich auch Schmerzen und Bewegungstörungen in der rechten Schult ein, was darauf schliessen lässt, dass der Prozess nun auch auf die Schulte gelenke überzugehen beginnt. Diese Affektion der Wirbelsäule, der Hü : und Schultergelenke veranlasste Pierre Marie, .die Krankheit als Spondylot rhizomelica zu bezeichnen. Ferner weist unser Patient eine Reihe nervöser Symptome a Das rechte Bein ist atrophisch und paretisch. Die Reflexe beider Beine si gesteigert, insbesondere der linken unteren Extremität. Es bedarf n ' einer leichten Beklopfung der Quadrizepssehne, um eine heftige Aeusseru MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT. 110 27. Januar 1922. des Reflexes hervorzurufen. Ebenso ist der Fussklonus gesteigert, wieder links stärker. Das ßabinskiphänomen ist an beiden Füssen festzustellen, namentlich links schön ausgeprägt. Auch der Bauchreflex ist gesteigert. F.r leidet auch an Parästhesien. Er hat das Gefühl eines fremden Körpers zwischen den Fusssohlen und dem Boden. Die Pupillen sind ungleich, die inke ist etwas weiter. Beide reagieren träge gegen Licht. Diese nervösen Symptome hat unser Fall mit dem Bechterew¬ schen Typus der Krankheit gemeinsam, während sie bei Pierre Marie und Andre L e r i nicht hervorgehoben werden. Die A e t ä o 1 o g i e unseres Falles entspricht aber vollkommen dem Pierre Marie sehen Typus, indem Gonorrhöe mit der grössten Wahrscheinlichkeit als Ursache seiner Krankheit anzunehmen ist. Er hat vor 16 Jahren zum dritten Male eine rezidivierende Gonorfhöe durchgemacht. Fast unmittelbar daran schloss sich eine Gonitis gonor¬ rhoica dextra, die ziemlich rasch und günstig verlief, keine Versteifung des Kniegelenkes, wohl aber eine Atrophie des rechten Beines, welches an verschiedenen Stellen 2 — 4 cm dünner als das linke ist, zurückliess. An die Gonitis schloss sich, wie der Patient sich ausdrückt, ein allgemeiner Gelenkrheumatismus, auch der kleinsten Gelenke, der sich vollständig zurückbildete, aber Schmerzen in der Lumbo-sacro- coccygeal-Gegend und den Hüften zurückliess. Diese Erkrankung aller Gelenke ist als eine gonorrhoische aufzufassen und entspricht ganz der Schilderung bei Andre L e r i im 2. Band von Lewandowskys Hb. jd. Neurol. S. 524 — 550. Die Schmerzperiode dauerte bei unserem Kranken sehr lange Zeit. Erst seit 2—3 Jahren aber sind die schweren Gehstörungen, unter denen er jetzt leidet, eingetreten und haben sich besonders im Laufe des letzten Jahres gesteigert. Nicht nur das Gehen fällt ihm schwer, sondern auch das Sichniedersetzen und das Sich- umdrehen im Stehen und Liegen. Was die Diagnose dieses Falles betrifft, so kann von einer Verwechslung mit einer anderen Krankheit kaum die Rede sein. Die Aetiologie, der Verlauf, das Befallensein der Wirbelsäule und der Hüft¬ gelenke, zugleich die nervösen Symptome lassen eine andere Deutung gar nicht zu. Jeder Zweifel wird aber beseitigt durch die Röntgen¬ aufnahme dieses Falles. Das Röntgenogramm zeigt in deutlichster Veise die Verknöcherung des Ligamentumsupraspinale, des sog. Ligamentum apicum, welches die Spitzen der Pro¬ cessus spinosi miteinander verbindet, zugleich die Verknöcherung der antersten Zwischenwirbelscheiben der Lendenwirbel und eine Osteo¬ porose der Wirbel, die, wie gewöhnlich, so auch hier, von ler Peripherie zum Zentrum fortschreitet. Dieses Rönt- ;enogramm stellt vielleicht ein Unikum dar. Es zeigt das Charakteristische und Wesentliche dieses Pro¬ zesses, die Verknöcherung des Bandapparates, in prägnanter Weise. Es ist eine Verknöcherung ohne Hyperostose, ühne Osteophytenbildung. Dies ist um so bemerkenswerter, als alle andern vertebralen Erkrankungen rheumatischer, luetischer, traumati¬ scher und tuberkulöser Natur von der Bildung umfangreicher Osteo- phyten begleitet sind. In der Röntgenliteratur, soweit sie mir bis jetzt zugänglich war, habe ich ein so schönes Bild einer zusammenhängenden Verknöcherung des Bandapparates nicht gefunden. Erwähnenswert ist noch aus der Anamnese, dass zugleich mit ler letzten Gonorrhöe auch ein „Ulcus molle“ (?) bestand. Er wurde deshalb auch einer Salvarsanbehandlung in Petersburg unterworfen, trotzdem Wassermann negativ war. Auch eine gegenwärtig in Riga ausgeführte Wassermann - Reaktion verlief negativ. Am Herzen ist ein langgezogenes diastolisches Geräusch an der Herz¬ spitze nachweisbar. Zu erwähnen ist noch, dass sein einziges Kind, rin Töchterchen von etwa 9 Jahren, geistig in der Entwicklung zurück¬ geblieben ist. i .. Von Interesse ist die Deutung der nervösen Symptome, die beiden Fällen gemeinsam sind und die Bechterew zur Annahme einer pri¬ mären Erkrankung des Rückenmarkes veranlasst haben. Sie lassen sich .inschwer aus der Reizung, denen die austretenden Rückenmarkswurzeln durch die verknöcherten Bandmassen (Ligam. intercruralia u. flava) ausgesetzt sind, erklären. Die Osteoporose, die Entknöcherung, die wir an dem Röntgenbild des zweiten Falles beobachten, soll nach Andre L e r i das Primäre sein und auf infektiösen Ursachen beruhen. Da nun die Knochen infolgedessen sich abplatten und zusammen¬ fallen würden, so komme es zu einer Verknöcherung des Bandapparates als sekundärer Vorgang, gewissermassen als eine funktionelle Anpas¬ sung, als ausgleichender Prozess. Das verknöcherte Ligam. apicum halte demnach die Wirbel zusammen, gleichwie die Einsetzung einer Knochenspange zwischen die Processus spinosi der tuberkulös er¬ krankten Wirbel nach A 1 b e e das Zusammenstürzen der Wirbel ver¬ hindert. Therapeutisch Hessen sich beide Fälle in keiner Weise beein¬ flussen. Bei der Schilderung des ersten Falles erwähnte ich bereits ■ler Fülle von therapeutischen Massnahmen, denen sich der Patient Jahre lang unterwarf. Hinzufügen will ich noch, dass ich ihn auch mehrere Zyklen einer diätetischen Kur, eine kalkarme Diät, durch¬ machen Hess. Auch im zweiten Fall wurden antisyphilitische. anti- rheumatische und verschiedene physikalische Kuren unternommen, Antigonokokkenserum injiziert. Vorübergehend trat bei der Galvanisa¬ tion des Rückens mit grossen Plattenelektroden, durch Massage und Uebungsbehandlung der Beine eine Besserung des Ganges ein1, die iber nach einigen Wochen dem Status quo ante wich. Zum Schluss noch die Frage, ob wir es mit zwei verschiedenen Krankheiten oder mit zwei Typen derselben Krankheit zu tun haben? Ich glaube, mich der letzteren Annahme anschliessen zu dürfen und meine, dass es zu einer Kyphose kommt, falls die Entknöcherung der Nr. 4. Verknöcherung der Bandmassen sehr vorauseilt, dagegen die Gerad¬ heit der Wirbelsäule zustande kommt, falls die Verknöcherung der Bandmassen mit den Folgen der Osteoporose der Knochen gleichen Schritt hält. Aus der orthopädischen Universitäts-Poliklinik München. (Direktor: Geh. Huirat Prof. Dr. Fritz Lange, Oberarzt: Privatdozent Dr. Franz Schede.) Eine neue Fixationsschiene bei Verletzungen der Finger¬ strecksehne. Von Dr. Flerbert Alfred Staub, Assistenzarzt. Der Abriss der Fingerstrecksehne ist in den letzten Jahren häufiger beschrieben worden. K o e n i g erwähnte ihn in seinem Lehrbuche der Chirurgie und nimmt in dieser Arbeit Bezug auf eine früher von Busch erfolgte Veröffentlichung. In neuester Zeit haben Selb erg und Graf auf das Zustandekommen des Fingerstrecksehnenabrisses hingewiesen. Der Mechanismus für das Zustandekommen ist nach Schöning, der Versuche an der Leiche zu Grunde legte: ein starker Druck auf den Finger am Nagelgliedansatz bei in Extension fixiertem Interphalangealgelenk. Nach Graf kommt er durch forcierten Druck oder Schlag auf die gebeugten Endglieder bei gestreckten oder häufiger noch halb¬ gestreckten Grundgliedern zustande. Graf hat sich eine derartige Verletzung beim Hineinschlüpfen mit der Hand in den Aermel eines Operationsmantels aus derber Leinwand wand zugezogen. Ich selbst erlitt eine Fingerstrecksehnendurchtrennung durch Einklemmung des Ringfingers der rechten Hand beim Oeffnen einer Trambahntüre (Anfang Juni d. J.). Unmittelbar nach dem Unfall, der verhältnismässig schmerzlos verlief, stand das Endglied des Ringfingers gegen das Mittelglied in halbem rechten Winkel, eine Beobachtung die auch Graf gemacht hat. Bei dem Versuche, den Finger aktiv zu strecken, verspürte ich einen ausserordentlich starken, blitzartigen Schmerz, der wohl mit dem Auseinanderweichen der durchtrennten Sehnenenden zusammenhing. Darauf stand das Endglied gegen das Mittelglied etwa im Winkel von 110° gebeugt. Eine vorgenommene Röntgenaufnahme zeigte eine stecknadelkopfgrosse Knochenabsprengung von der radialen Partie des Endgliedes, dicht oberhalb des Gelenkspaltes. Geheimrat Ledderhose, den ich konsultierte, riet von einer Sehnennaht ab mit der Begründung-, dass die Sehnenenden sicherlich völlig aufgefasert seien — eine Ansicht, die nach dem Berichte G r a f s auch L e x e r geäussert hat — und empfahl Fixierung in Hyper¬ extension. Ich Hess mir darauf eine dorsale Schiene aus Duranabronze anfertigen, wie sie in der nachstehenden Abbildung dargestellt ist. Fig. 1 veranschaulicht das ausgeschnittene Duranablatt vor dem „Treiben“, die Zunge d wird so getrieben, dass sie gegen den Körper f in der punktierten Linie e in einem Winkel von etwa 170° gestellt ist. Die Oeffnung c liegt über dem Gelenkspalt und ist so weit zu wählen, als etwa die Sehnendiastase beträgt. Die Flügelpaare a a und b b werden zu Ringen umgebogen, ohne jedoch an der volaren Seite miteinander vernietet zu werden. Die Flügelenden, die als Federn wirken, berühren sich nicht. Die ganze Schiene wird konkav getrieben, der Rundung des Fingers entsprechend. Auf eine ausreichende Konkavität ist — zur Vermeidung von Druck be¬ sonders bei dem über dem Nagel gelegenen. Anteil d zu achten. Fig. 2 veranschaulicht die fertige Schiene im Profil. Diese Schiene habe ich während 2 Monaten getragen. Ich habe die Schiene beim Waschen, auch bei feineren manuellen Verrich¬ tungen (Gipsabgüssen und Verbänden) heruntergenommen. Ein Her¬ unternehmen wie Wiederanziehen der Schiene vollzog sich stets ohne jegliche Beschwerden. In den ersten Tagen der Benutzung des Appa¬ rates bestand in den unter dem Ausschnitte c gelegenen Weichteil¬ anteilen eine leichte Stauung, die jedoch nicht schmerzhaft war. Ich bin der Ansicht, dass infolge dieser Stauung die darunter gelegenen Sehnenenden zur Proliferation gereizt wurden und so eine Regeneration der durchtrennten Sehne in die Wege geleitet wurde. Das funktionelle wie kosmetische Resultat ist vorzüglich. Ich habe eine volle aktive Streckung des Fingers erhalten. Nur eine ganz geringe Auftreibung am radialen Teile des Gelenkes (Gegend der Knochenabsprengung) lässt sich bei genauester Betrachtung feststellen. Nach etwa einmonatlichem Tragen der Schiene bagann ich täglich mit Massage und aktiven Beuge- und Streckübungen, die ich etwa einen Monat lang fortsetzte. Die von mir angegebene und erprobte Schiene hat gegenüber anderen 120 MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT. Nr. 4. Methoden: Lex er: Bindenzügel vom Ellenbogengelenk her nach dem nach oben gebeugten Finger. Busch: Gipsverband in Extension. Sel- berg: Däumling mit Schieneneinlage, Walter: Cramerschiene auf Hohlhand, vorn die Fingerkuppe weit überragend, von diesem Ende aus Heftpflasterextension an dem verletzten Finger, Ziegler: Aluminiumrinne mit breitem Ansatz zur Befestigung in der Hohlhand, den Vorzug grösserer Unbehinderung der übrigen Finger sowie der Möglichkeit einer leichten Abnähme beim Waschen. Die von Graf angegebene Schiene: drei Metallringe durch seit¬ liche Metallbänder miteinander fixiert (der unterste Ring liegt an der Grundphalanx, der mittlere an Mittelphalanx, der oberste umfasst das verletzte Endglied und zwar so, dass es in stärkerer Hyperextension gehalten ist), ist für den Praktiker schwerer anzufertigen. Ich habe die Graf sehe Schiene in der Schede sehen Modifikation: Halbring unter Grundglied, Halbring über Mittelglied, Hohlrinne unter Endglied bei einem Kollegen, der 6 Wochen nach einem Strecksehnenabriss am kleinen Finger der rechten Hand, den er sich durch Sturz auf die Hand beim 1 ennisspielen zugezogen hatte, angewandt. Es bestand eine sehr schmerzhafte beginnende Beugekontraktur von etwa 136 Grad. Infolge der Beugekontraktur war ein Hineinschlüpfen in die eingangs be¬ schriebene Schiene beschwerlich — hierdurch ergibt sich gleich eine Einschränkung in der Indikation meiner Schiene, die ich nur bei frischen Verletzungen angewandt wissen möchte. Das bei dem Kollegen, der sich noch in meiner Behandlung befindet, in 6 Wochen erreichte Resultat ist eine aktive Beugung im End¬ glied bis 150 Grad, aus dieser Stellung aktive Streckung bis 180 Grad. Literatur. Graf: Ueber den Abriss der Fingerstrecksehnen am Endglied. Naturw.- med. Gesellschaft Jena 17. XII. 1919. M.m.W. 1920, Nr. 7, S. 200. * Koenig: Lehrbuch der speziellen Chirurgie. 3, S. 317. — Selber g: M.m.W. 1906 Nr. 14. — C. Walter: Vereinfachter Fingerstreckverband. M.m.W. 1915, Nr. 8, Feldärztl. Beil. — Ziegler: Zur Behandlung der Fingerfrakturen. Schweiz. Korr. Bl. 1918 Nr. 13. Aus der II. inneren Abteilung des Auguste-Viktoria-KrankerT hauses Berlin-Schöneberg. (Dirig. Arzt: Prof. Dr. Q las er.) Ist die Glyzerinreaktion nach Gabbe ein Indikator des Lipoidgehaltes im Blute nach Injektion körperfremder Stoffe? Von Dr. med. Bruno Engelmann, Assistenzarzt des Krankenhauses. In Nr. 43, 1921 der M.m.W. hat Gabbe [l] Mitteilungen gemacht über regelmässige Veränderungen der Lipoidmenge des Blutes nach Injektion körperfremder Stoffe und zu ihrer Bestimmung eine Probe angegeben, deren Bedeutung der sog. Kla u s n er sehen Reaktion [2] entsprechen soll, die als Globulinfällung aufgefasst wird. Man über¬ schichtet 0,5 ccm aktives, frisches Serum mit 0,5 ccm 5 proz. Glyzerin¬ lösung und liest nach 24 stündigem Aufenthalt im Brutschrank bei 37 0 ab. Die positive Reaktion zeigt sich in einer mehr oder weniger deut¬ lichen Trübung in der Ueberschichtungszone (Ringbildung). Nach G. sollen nun intravenöse Injektionen von Kollargol, Argoc'hrom, Pferde¬ serum etc. in Dosen, die keine oder nur sehr geringe Temperatur¬ erhöhungen hervorriefen, regelmässig eine Verstärkung der Reaktion oder Umwandlung einer negativen in eine positive zur Folge gehabt haben. Dagegen sollen Injektionen mit anschliessendem hohen Fieber, Schüttelfrösten etc. eine Abschwächung der Reaktion bewirkt haben mit Negativwerden einer vorher positiven Reaktion, event. mit nach¬ folgender Verstärkung der Reaktion über die ursprüngliche Stärke hinaus. Verfasser gibt am Schlüsse seiner Arbeit der Hoffnung Ausdruck, diese Probe werde sich zur Kontrolle der therapeutischen Wirkung und zur Feststellung der geeigneten Dosierung der für die „Reiz¬ therapie“ empfohlenen Mittel eignen. Bei dem Bedürfnis nach einer Massmethode, das sich bei den mannigfachen und immer zahlreicher werdenden Anwendungsmöglich¬ keiten der Reiztherapie immer bemerkbarer macht, nahmen wir diese Anregung an und machten nun unsererseits diesbezügliche Versuche. Die Angabe Gabbes, dass die Ernährung am Injektionstage knapp und fettarm gehalten wurde, veranlasste uns zunächst zu einer Reihe von Versuchen, die in naher Beziehung zu Untersuchungen standen, die auf der hiesigen Abteilung schon vorher längere Zeit betreffend Trübung des Serums nach oraler Fettzufuhr angestellt worden waren. Wie schon vorher angenommen und durch Versuche im Dunkelfeld [3l bestätigt wurde, beruhte diese Trübung auf Anhäufung massenhafter, feinster Fettstäubchen im Blutserum. Wir entnahmen im nüchternen Zustande Serum, gaben dann eine Fettmahlzeit mit 30 — 50 g Fett und entnahmen nach 2 — 3 Stunden aber¬ mals Serum. Mit beiden Sera nahmen wir dann die Ueberschichtungs- probe vor. Von den 23 Fällen mit den verschiedensten Krankheiten (Angina, Erysipel, abgelaufener Scharlach, Diphtherie. Lues II, Gonor¬ rhöe, Pleuritis) war bei 16 das Resultat klar und eindeutig. Das in nüchternem Zustande entnommene Serum war völlig klar, das Serum nach der Fettmahlzeit deutlich, mehr oder weniger, getrübt. Bei dem klaren Serum war die Glyzerinreaktion einwandfrei negativ, bei dem trüben zeigte sich an der Grenzschicht von Serum und Glyzerin eine deutliche Trübung. In einem Falle fiel der Versuch negativ aus, in 3 Fällen wurde durch Hämolyse die Kontrolle erschwert. Beachtenswert sind die 3 letzten Fälle; hier handelte es sich um ikterische Kranke. Vor und nach der Fettmahlzeit waren hier die Sera klar und bei allen fehlte bei der Ueberschichtungsprobe jede Ring¬ bildung. Der Grund ist einleuchtend: Die gestörte Fettverdauung und -resorption. Blieben wir unter der oben genannten Fettmenge, etwa 20 g und weniger, so blieben Trübung und positive Glyzerinreaktion aus. Im Anschluss an diese Versuche gingen wir, uns genau an die An¬ gaben von Gabbe haltend, dazu über, das Verhalten der Serumschicht¬ probe nach Injektion körperfremder Stoffe zu prüfen. Wir haben die Probe 75 mal angestellt und zwar nach Injektionen von 2 ccm 2 proz. Kollargol und 3—5 ccm 3 proz. Kollargol intravenös 10 ccm 10 proz. Kochsalzlösung, Milch 5—10 ccm intramuskulär. 10—15 ccm Pferdeserum intravenös, Yatren-Kasein (stark) 1—5 ccm intramusk., Caseosan 0,5 — 1 ccm intravenös, Fulmargin 1 ccm intravenös. Die Einspritzungen wurden bei den verschiedensten Krankheiten vor¬ genommen, bei Angina, Erysipel, Skarlatina, Diphtherie, Ruhr, Basedow, Paralysis agitans, Ischias, Enzephalitis, Kokainvergiftung, Tuberculosis pulmonum, Pleuritis exsudativa. Urtikaria, Impetigo, Ekzem, Skabies, Furunkulose, Pneumonie, Paranephritis, Zystitis, Pyelitis, Vitium cordis, Cholelithiasis, Ikterus, Gonorrhöe. Lues I und II, Monarthritis gonor¬ rhoica, Polyarthritis rheumatica, Stomatitis, Arthritis deformans. Con¬ junctivitis phyktaenulosa, Kohlenoxydvergiftung. Die Versuchsanordnung war folgende: In den ersten Versuchsreihen wurde in jedem Fall vor und 2 bis 3 Stunden nach «der Injektion Serum entnommen und mit beiden Sera die Reaktion angestellt; bei den folgenden blieb zwecks weiterer Kon¬ trolle die Entnahme vor der Einspritzung fort und statt dessen fanden noch weitere Serumentnahmen nach 4 — 18 — 24 Stunden nach der In¬ jektion statt. Die Patienten blieben am Tage der Injektion, bis zur letzten Serumentnahme, nüchtern oder erhielten Tee. Nur bei den Serumentnahmen nach 24 Stunden bekamen die Patienten Tee und Schleim, die Blutentnahme erfolgte am anderen Morgen nüchtern. Die Nahrung war also immer fettfrei, nicht „fettarm“, wie bei den Versuchen von Gabbe. Im einzelnen wurden die Serumentnähmen wie folgt vor- genommen: Bei den 34 Kollargolinjektionen, darunter 2 mit 3 und 5 ccm 3 proz. Kollargol, 20 mal 2 — 3 Stunden, 14 mal 4 resp 24 Stunden nach den Einspritzungen, bei den 22 Injektionen von Yatren-Kasein (stark) 4 mal 2 und 4 Stunden, 3 mal 24 Stunden nac denselben, sonst immer 2—3 Stunden nach der Injektion. Bei allen anderen Einspritzungen immer 2 — 3 Stunden nach diesen. Wir gelangten so zu folgendem Ergebnis: In 4 Fällen war die Glyzerinreaktion deutlich positiv, in 3 Fällen schwach positiv, 4 mal wegen Hämolyse und anderweitig bedingten Trübungen des Serums zweifelhaft, ln allen anderen Fällen fiel die Ueberschichtungsprobe mit Glyzerin einwandfrei negativ aus, d. h. die Ueberschichtungszone blieb von Trübung völlig frei, es bildete sich kein Ring. Erhöhte Temperaturen und Allgemeinreaktionen fehlten zum Teil, zum Teil waren sie nur in geringem Masse vorhanden, Nur in 8 Fällen traten stärkere Allgemeinreaktionen, Temperatur¬ anstiege bis 40,4 und Schüttelfröste auf. Einmal nach 5 ccm Yatren- Kasein (stark) intramuskulär bei Erysipel, 2 mal nach 3 und 5 ccm 3 proz. Kollargol bei Angina, die übrigen Male nach 2 ccm 2 pro Kollargol bei Nephrolithiasis, Polyarthritis rheumatica, Pneumonie, Pyelitis und Erysipel. Von den oben genannten 4 positiven Reaktionen waren 2 unter diesen eben angeführten Fällen. In dem einen, einem Erysipel, war das Serum vor der Injektion von 5 ccm Yatren-Kasein (stark) völlig klar, 4 Stunden nach derselben, nach Temperaturabfall, war dasselbe deut¬ lich getrübt und zeigte deutliche Ringbildung. In dem anderen Falle, einer Polyarthritis rheumatica, war das Serum vor der Injektion von 2 ccm 2 proz. Kollargol deutlich, die 2 und 4 Stunden nach der Einspritzung entnommenen Sera waren leicht ge¬ trübt, bei den beiden letzteren bildete sich in der Ueberschichtungszone deutliche Trübung. Bei den 6 übrigen Versuchen fand die Serumentnahme 1 ma ca. 3 Stunden nach der Einspritzung statt, 1 mal K Stunde nach dein Schüttelfrost, die anderen Male nach abgefallener Temperatur und Rückgang der Allgemeinerscheinungen. Stets waren alle Sera klar und bei keinem liess sich eine positive Reaktion erzielen. Auch in allen anderen Fällen waren die Sera, ob vor ob nach der Injektion, klar, mit Ausnahme von 2 Versuchen, wo nach 2 ccm 2 proz Kollargol die Sera leicht getrübt, aber keine positive Glyzerinreaktion aufwiesen. Zusammenfassung. 1. Nach Fettmahlzeit mit 30 — 50 g Fett wird das Serum trübe und zeigt bei der Ueberschichtung mit Glyzerin an der Grenzzone einen deutlichen Ring. 2. Nach Injektion körperfremder Stoffe bei fettfreier Kost tritt fast niemals eine positive Glyzerinreaktion auf. 3. Es ist als sicher anzunehmen, dass die positive Glyzerinreaktion mit der Fettaufnahme zusammenhängt, also nicht als Indikator für den wechselnden Lipoidgehalt im Serum gelten kann. 4. Die Ueberschichtungsprobe mit 5 proz. Glyzerinlösung ist dahe als Dosierungsmethode nicht anwendbar. Literatur. 1. Gabbe: M.m.W. 1921 Nr. 43. — 2. Klausner: Biochem. Zscln 1912 Nr. 47. — - 3. Br ule und Lu mi er re: Soc. medical, des hbpit. de Paris, 1910, 23. Dez. 27. Januar 1922. MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT. Aus der psychiatrischen Klinik in Heidelberg. lieber eine neue Spirochätendarstellung im Gefrierschnitt. Von Q. Steiner. Out in Formol fixiertes Material wird 1 Stunde in fliessendem Wasser ausgewaschen und Gefrierschnitte von 10 — 20 Dicke her¬ gestellt. Die Schnitte werden in destilliertem Wasser ausgewaschen und kommen dann einzeln in ein Schälchen mit 10 proz. alkoholischer (angesetzt mit 96 proz. Alkohol) Mastixlösung. Die Mastixlösung darf nicht trübe sein und soll nicht zu jung sein. Von dem Schnitt gehen in der Mastixlösung weisslich-wolkige Schlieren ab. die sich in der Mastixlösung wieder vollkommen lösen müssen. Der Schnitt darf keine Flecken haben, und muss überall durchscheinend sein. In dieser Mastixlösung wird der Schnitt höchstens 1 — 2 Minuten gelassen, kommt dann in eine grosse Schale destillierten Wassers, wird in dieser etwas hin- und hergeschwenkt und sofort in eine weitere Schale destil¬ lierten Wassers, die nicht mehr milchig getrübt sein darf, gebracht. Derartig vorbehandelte Schnitte kommen in eine 0,1 proz. Silber¬ nitratlösung auf 24 Stunden in den Brutschrank bei 37 °. In die Schale mit Silbernitratlösung können einige Schnitte, aber nicht mehr als 6 zu¬ sammen verbracht werden. Kurzes Auswaschen in heissem destil¬ lierten Wasser (2 Minuten). Die Schnitte kommen in eine Mastix¬ lösung, die jedesmal folgendermassen hergestellt wird: Von der obigen, 10 proz., alkoholischen Stammlösung entnimmt man mit der Pipette 1 ccm, gibt 10 ccm 96 proz. Alkohol dazu und fügt nun langsam tropfen¬ weise 20 — 30 ccm destillierten Wassers hinzu. Die Lösung muss dick- milchig aussehen, man stellt sie am besten in einem Messzylinder her. In dieser Lösung bleiben die Schnitte 10 Minuten. Kurzes Auswaschen in destilliertem Wasser. Uebertragen in eine 5 proz.. unmittelbar vorher hergestellte filtrierte Hydrochinonlösung. Die Lösung des Hydrochinons muss mit kaltem destillierten Wasser gemacht werden. In der Hydrochinonlösung bleiben die Schnitte 4 — 6 Stunden. Gründliches Auswaschen in mehrfach gewechseltem destillierten Wasser. Ansteigende Alkoholreihe — Einbettung in Kanadabalsam. Kurz zusammengefasst gestaltet sich daher die Methode wie folgt: 1. Einlegen für 1 — 2 Minuten in 10 proz. alkoholische (96 proz.) Mastixlö'sung. 2. Kurz destilliertes Wasser 1 mal gewechselt. 3. Einlegen für 24 Stunden bei 37 0 in 0,1 proz. Silbernitratlösung. 4. Kurzes Auswaschen in heissem destillierten Wasser. 5. Einlegen für 10 Minuten in eine milchige Mastixlösung (1 ccm Stammlösung + 10 ccm 96 proz. Alkohol + 20 — 30 ccm dest. Wasser. 6. Kurzes Abspülen in destilliertem Wasser. 7. Einlegen für 4 — 6 Stunden in eine frisch bereitete, 5 proz. Hydrochinonlösung. 8. Gründliches Auswaschen in mehrfach gewechseltem destillierten Wasser. 9. Alkoholreihe. Karbolxylol, Xylol. Kanadabalsam. Bei der Ausarbeitung der Methode hatten mich in dankenswerter Weise Herr cand. med. Strauss und Frl. Hof, Laborantin, unter¬ stützt. Aus der Klinik für Gemüts- und Nervenkrankheiten in Tübingen. (Prof. Gau pp.) Die Anthropologie und ihre Anwendung auf die ärzt¬ liche Praxis1). Von Privatdozent Dr. Ernst Kretschmer. Naturwissenchaftliche Probleme können mehr mit anschaulich¬ beschreibenden oder mehr mit mathematisch-berechnenden Methoden angefasst werden. Für die morphologische Systematik in Botanik und Zoologie ist bis heute vorwiegend die anschaulich-beschreibende Me¬ thode üblich. Ebenso ist die medizinische Diagnostik von vornherein vorzugsweise auf der anschaulichen Beschreibung aufgebaut. Malende Ausdrücke, wie „hebender Spitzenstoss“, „schabende Geräusche“, „fass¬ förmiger Thorax“ bilden ihr Grundgerüst. Sie sind prägnant genug für den, der geschulte Sinnesorgane hat. Man berechnet die Krankheiten nicht, sondern man beschreibt sie. Nun sind wir bei der Frage: Wie kommt es, dass die Anthropo¬ logie trotz ihrer grossen Wichtigkeit, trotz der vorbildlichen Gründ¬ lichkeit und Sorgfalt ihrer Vertreter bisher bei den klinischen Medi¬ zinern so wenig Aufnahme gefunden hat? Hier müssen wir dasselbe Zitat heranziehen, das neulich W. Scheidt hier in seinem Aufsatz über „Anthropometrie und Medizin“ verwendete: „Wenn jemand von Mathematik und Physik nicht mehr beherrscht, als die einfachen tri¬ gonometrischen Funktionen und das Hebelgesetz, darf er es nicht wagen, mit Mass und Zahl an die Analyse eines Organismus hcrau- zutreten.“ Bei diesen Worten sehen wir. wie es in den Kreisen der klinischen Mediziner sich bedenklich lichtet. Denn ihre Erinnerungen an die Trigonometrie sind meist etwas verschwommen. Also: wer der Anthropologie Boden in der klinischen Medizin gewinnen will, darf die Mathematik nicht an den Eingang" stellen. Der klinische Konstitutionsforscher tritt an das Körperbauproblem 1) Zu dem Aufsatz von W. Scheidt: Anthropometrie und Medizin. M.m.W. 1921 S. 1653. 121 mit seinen gewohnten ärztlichen Methoden, also von einer ganz anderen Seite heran: er will sehen und tasten, er beobachtet und beschreibt dann mit Worten, möglichst anschaulich und genau. Er unterschätzt daneben den Wert von Mass und Zahl durchaus nicht. Aber die Messung ist für ihn nicht der Ausgangspunkt für mathematische Be¬ rechnungen, die nur der anthropologische Spezialist leisten kann; son¬ dern sie ist für ihn hauptsächlich Kontrolle dessen, was er zuerst ge¬ sehen und getastet hat. Annäherungswerte genügen ihm für diese Kontrollmessungen, so wie sie ihm für die Aufzeichnung seiner per¬ kutorischen Herz- und Lungengrenzen auch genügen. Dazu kommt ein weiteres: der psychiatrische Praktiker könnte die anfhropometrische Messtechnik nicht einfach für seine Zwecke über¬ nehmen, auch wenn er dies wollte. Wir sehen hier ganz von dem Kostenpunkt ab, der heute viele Privatärzte, kleinere Institute und Heilanstalten bestimmt von Körperbauuntersuchungen abhalten würde, wenn man ihnen zuerst die Beschaffung eines vollständigen anthropo¬ logischen Bestecks zumutete; auch solche Gesichtspunkte muss der¬ jenige berücksichtigen, der das Interesse für Körperbauuntersuchung in weitere ärztliche Kreise bringen will. Vor allem aber verlangt die Eigenart des psychiatrischen Krankenmaterials nach Vereinfachung des Instrumentariums. Wenn man stundenlang allein in unruhigen Wach¬ sälen arbeiten muss, so kann man nicht beständig über mehrere Instru¬ mente wachen, damit sie nicht zu Selbstmord, Zerstörung oder Unfug missbraucht werden; andere Patienten wieder werden schwierig und misstrauisch, wenn sie ein grösseres Instrumentarium sehen; sie ver¬ bitten sich, dass man sie „zum Versuchskaninchen verwendet“. Des¬ halb wurden meine Untersuchungen zu „Körperbau und Charakter“ 2) nur mit Tasterzirkel und Bandmass ausgeführt, was verschiedene tech¬ nische Modifikationen notwendig machte. Genauere Anleitung für die Masstechnik wurde vermieden, vielmehr nur das nötigste in Stich¬ worten angedeutet. Der Leser soll nicht anthropologische Technik aus dem Buch lernen, sondern sie in den einschlägigen Fachbüchern, speziell dem bekannten Hauptwerk von Martin selbst studieren. Es soll nur in den flüchtigsten Umrissen angedeutet werden, in wel¬ chen Stücken der psychiatrische Praktiker die offizielle anthropologische Technik für seinen klinischen Gebrauch zweckmässig modifizieren und ergänzen kann; deshalb wurde in der Hauptsache nur auf die Technik der anschaulichen Beschreibung etwas näher eingegangen, weil sie in der anthropologischen Literatur vom Standpunkt des Klinikers aus oft viel zu kurz kommt; denn die Reichweite der wörtlichen Beschrei¬ bung ist viel grösser, als die der Messung. Im übrigen handelt das Buch nicht von der Technik, sondern von den Problemen selbst. Es sei aber ausdrücklich betont, dass unsere klinische Art der Köroerbauuntersuchune ilner ganzen Anlage nach nicht für subtile Be¬ rechnungen und Vergleichungen bestimmt ist. Wir sind vielmehr mit Scheidt der Ansicht, dass man sich hierfür grundsätzlich streng an das anthropologische Schema halten soll. Wir hoffen auch, dass es auf Grund unserer klinischen Vorarbeiten bald möglich werden wird, für die konstitutionelle Typenforschung exaktere zahlenmässige Formu¬ lierungen zu finden; dies kann aber nur unter freundlicher Mithilfe der Fachanthropologen geschehen. Wir benutzen also diese Gelegenheit, nicht um gegen die Anthropo¬ logie zu polemisieren oder gar sie gering zu schätzen, vielmehr jeden für klinische Konstitutionsprobleme Interessierten nachdrücklich auf sie hinzuweisen. Für die Technik ist das Lehrbuch von R. Martin grundlegend. Aber auch die anthropologischen Probleme selbst, vor allem die Rassen- und Rassenkreuzungsprobleme werden von dem klinischen Konstitutionsforscher immer mehr in seinen Gesichtskreis gezogen werden müssen; wir erinnern hier nur an die hochinteressan¬ ten Untersuchungen von Eugen Fischer über die Rehoboter Bastards, auch an seinen gedrängten Üeberblick über die anthropologische Rassen¬ lehre in der Erblichkeitslehre und Rassenhygiene von Baur- Fischer-Lenz. Die Wissenschaft vom Menschen ist ein zu zentrales und um¬ fassendes Problem, als dass wir sie durch Rivalitäten zwischen den Einzeldisziplinen oder durch zunftniässige Einzelkritik in ihrem Auf¬ blühen hemmen möchten. Zusammenarbeit aller, unter einem weiten, biologischen Gesamthorizont muss unser Leitgedanke sein. Aus der chirurgischen Universitätsklinik Rostock. (Direktor: Geheimrat M ü 1 1 e r.) Zur Kritik der Tiefendosimetrie. (Zugleich eine Entgegnung auf die Publikationen der Herren Mühlmann und Stettner in Nr. 41 und 48, 1921 ds. Wschr.) Von Privatdozent Dr. Lehman n- Rostock: In Nr. 41/1921 der M.m.W. beschreibt Mühl mann eine Zelluloid¬ schablone zur genauen Auswertung der Tiefendosis; in Nr. 48 empfiehlt Stettner auf Grund seiner Erfahrungen mit einem gleichartigen Modell die M ü h 1 m a n n sehe Methode angelegentlichst. Vor fast 2 Jahren habe ich in Nr. 14/1920 dieser Wochenschrift ganz genau dieselbe Schablone für den gleichen Zweck bereits beschrieben. Fast gleichzeitig, 2 Tage nach Erscheinen meiner Publikation, brachte Holfelder auf dem Röntgenkongress seinen Felderwähler heraus, der — ebenfalls eine Schablone — mit den bekannten, sehr originellen Hilfsmitteln ausgestattet, dem beabsichtigten Zweck, einer möglichst ~) Berlin, Springer 1922 (2. Aufl.). 5* 122 MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT. Nr. 4. genauen Feststellung der Tiefendosis, zweifellos am besten gereclit wird. Meiner Schablone gegenüber hat er nur den Nachteil, dass er ungleich komplizierter herzustellen ist. Der Gedanke, mit Hilfe solcher Schablonen die technischen Schwierigkeiten in der Erfüllung der von Freiburg und Erlangen ausgehenden Regeln der Tiefentherapie zu über¬ winden, lag also damals in der Luft. Wie ich aus den Abbildungen in Holfelders Arbeit in Band 12 der Strahlentherapie schliessen darf, hat er den ursprünglichen Fehler, dass er die Abnahme der Tiefendosis nach dem Rande des Strahlen¬ kegels zu nicht berücksichtigte, inzwischen beseitigt. In Mühl- manns Abbildungen taucht der Fehler erneut auf. Wenn man sich bemüht, technisch so genau wie möglich zu dosieren, muss aber auch dieser Fehler vermieden werden; er kann zu Unterdosierungen führen. Die von Stettner empfohlenen Gradmesser am Röhrentopf haben wir zugleich mit der Strahlenkegelschablone eingeführt. Ohne diese Vorrichtung wird die Genauigkeit der Berechnung auf der Skizze illusorisch. Es wäre daher gut, wenn die betreffenden Firmen ihre Röntgenstative gleich mit solchen Gradmessern ausstatteten. An der Gabel des normalen Wintzstativs von Reiniger, Gebbert & Schall ist es bereits geschehen. Leider steht — gestehen wir es ehrlich — diese ganze mühevoll aufgebaute Exaktheit in der technischen Durchführung der Tiefen¬ therapie auf noch recht schwankendem Boden: Der menschliche Körper ist eben kein vierkantiges Wasserphantom aus einer homogenen Masse mit geraden Begrenzungsflächen. Die Gynäkologen haben es da noch am leichtesten: ihr Objekt kommt tatsächlich den Verhältnissen des Wasserkastens am nächsten. Vielleicht ist das einer der Gründe ihrer Erfolge. Die unebenen Be¬ grenzungsflächen, die exzentrische Lage bei den chirurgischen Tumoren lassen sich z. T. durch entsprechende Paraffinstücke, die wir mit Papp¬ hülsen einfach dem Bestrahlungstubus aufsetzen, oder durch Bolus¬ säckchen korrigieren. Viel bedenklicher sind aber die Unregelmässig¬ keiten, die starre Lufträume (Kehlkopf und Luftröhre, Lungen, Gas¬ blasen der Intestina) in die Rechnung hineintragen. Gelegentliche ionto- quantimetrische Stichproben am Lebenden zeigten mir ganz erhebliche Abweichungen von unserer Rechnung. Mangel an Zeit hinderte mich bisher, diesen Fehlern genauer nach¬ zugehen, denn die Iontoquantimetermessungen am Lebenden sind sehr umständlich und zeitraubend; sie müssen aber gemacht werden. Aber selbst wenn auch diese Schwierigkeiten überwunden wären und wir wirklich exakt dosieren könnten, wäre das Problem der Tumoren¬ bestrahlung nicht annähernd gelöst. Biologische Objekte lassen sich nun mal leider nicht nach den schönen klaren Gesetzen der Physik be¬ handeln. Das ist eine Tatsache, die manchem Mediziner immer und immer wieder gesagt werden muss — nicht bloss in der Strahlen¬ therapie! Und die Strahlentherapie ist doch letzten Endes kein physi¬ kalisches, sondern ein biologisches Problem. Karzinom- und Sarkom¬ dosis waren ein schöner Traum, den wohl die Mehrzahl der chirur¬ gischen Strahlentherapeuten längst ausgeträumt hat. Die Feststellung dieser Tatsache ist kein Novum, sie ist aber erst recht kein Freibrief für ein sinnloses Drauflosbestrahlen. Nur die exakte Tiefendosierung kann uns den sicheren Boden geben, auf dem weitere Fortschritte in der Klärung der biologischen Fragen der Tumortherapie zu erstreben sind. Wieviele unserer Hoffnungen wir dann zu Grabe tragen werden, wie oft das Karzinom und nicht wir Sieger bleiben, müssen wir ab- warten. Es gehört aber nicht viel Prophetengabe dazu, um zu sagen, dass wir unsere Hoffnungen in recht bescheidenen Grenzen halten müssen. Aus dem hygienischen Institut der Universität Graz. (Vorstand: Hof rar Prof. Dr. W. Prausnitz.) Ueber Komplementkonservierung. (Zu dem Artikel von Dr. K a r 1 K 1 e i n in Nr. 45, 1921 ds. Wschr. Von Priv.-Doz. Dr. phil etmed. JohannHammerschmidt Zu dem Vorschlag (M.m.W. 1920 Nr. 48), Ersparungen bei der Durchführung der WaR. durch Konservierung des Komplementserums mittels Zusatz von 10 Proz. Natrium aceticum zu erzielen, verhält sich Klein ablehnend, da nach seinen Untersuchungen, trotz erhaltener lytischer Fähigkeit des konservierten Komplements im Vorversuch, beim Hauptversuch manchmal 1. Neigung zu negativem Reaktions¬ ausfall bei positiven Kontrollseren. 2. Neigung zu unspezifischer Hem¬ mung bei über 7 Tage altem Komplement zu konstatieren sei. Ersteres erklärt er sich durch bakterielle Verunreinigung des konservierten Kom¬ plements und dadurch zustande kommende, vom Komplement un¬ abhängige Wirkung, letzteres durch einfachen Komplementschwund. Wir haben in unserer Untersuchungsstelle seit mehr als einem Jahre die erwähnte Komplementkonservierung mit vollkommen zufrieden¬ stellendem Erfolge in Gebrauch; wir sind dadurch in der Lage, in jeder Woche einen zweiten Untersuchungstag einzuschalten, ohne ein neues Meerschweinchen opfern zu müssen. Die von Klein erwähnten Uebelstände konnten wir trotz eingehender Beobachtung vor der Ein¬ führung der Neuerung und auch während des einjährigen Gebrauches niemals konstatieren, weder sehen wir jemals Neigung zur Hämolvse bei den natürlich entsprechend zahlreichen positiven Kontrollseren, noch einen Komplementschwund; letzteren würde uns übrigens der nach der K au p sehen Methode mit Serum und Antigen ausgeführte Vorversuch sofort signalisieren. Allerdings entnehmen wir das Komplementserum unter sterilen Kautelen und bewahren es steril auf. so dass bakterielle Verunreinigungen möglichst ausgeschlossen sind; ein „oftmaliger Ge¬ brauch eines und desselben Serums“ ist natürlich nicht beabsichtigt. Anderseits wird, wie erwähnt, dieses konservierte Komplement noch innerhalb einer Woche verwendet, in welcher Zeit auch Klein keiner¬ lei Komplementschwund feststellen konnte. Nachtrag zur „Behandlung der Zervixerkrankungen mit Hilfe von Zelluloidkapseln“. Von Dr. W. Pust-Jena. Das Interesse, welches sich für diese neue Methode kundgibt, ver¬ anlasst mich zu folgenden kurzen Ergänzungen: Die Kapseln dürfen nicht länger als 3 — 4 Wochen hintereinander angewandt werden. Als¬ dann empfiehlt sich eine Pause von 1 — 2 Tagen, damit sich der Ring um die Portio erholt, welcher sich durch die Saugwirkung bildet. Ausserdem steigert sich die Hyperämie der Schleimhaut — gleichzeitig mit der Heilwirkung — durch die fortgesetzte Saugwirkung dann so, dass sie bei Berührung leicht blutet. Statt Höllensteinlösungen kann zur Aetzung der Erosionen mit noch schnellerem Effekt ein Stift benützt werden. Die Beobachtung, dass die Kappen trotz der Periode liegen bleiben, hat sich ausnahmslos bestätigt, so dass sie nunmehr als ge- setzmässig anzusprechen ist. Das ist wegen der Ansteckungsgefahr und Aussaat auf die Scheide gerade zu dieser Zeit von erhöhtem Wert. Nachteile sind bisher in keiner Weise hiervon beobachtet. Herr Dr. Ignaz S au d e ck - Brünn hat in seiner Arbeit: Ueber das Okklusivpessar als Schutzmittel gegen die männliche Gonorrhöe“ (M.K1. 1921, Nr. 29) bereits auf den hohen prophylaktischen Wert dieser Methode hingewiesen. Auch er kommt — allerdings ohne eigene Be¬ obachtungen — zu der Vermutung, dass die Zervixerkrankungen durch Ruhigstellung günstig beeinflusst werden dürften. Ueber Versuche mit künstlicher Befruchtung mit Hilfe der Zelluloid¬ kapseln wird demnächst berichtet werden. Lehrer und Schüler. Lehren und Lernen. Rede anlässlich des 60. Geburtstages von Prof. Moritz-Köln, gehalten von Prof. Dr. Schott, I. Oberarzt der Klinik. Akademischem Brauch folgen wir heute, wenn wir im Rahmen der Klinik den 60. Geburtstag unseres Chefs mit einer schlichten Feier begehen, ihm unsere Glückwünsche darbringen und die Gelegenheit benutzen, um ihm unseren Dank zu sagen für das, was er als Lehrer uns gibt. Es wird ja im allgemeinen im Verhältnis zwische'n Lehrer und Schüler nicht viel von Dankbarkeit gesprochen; es liegt im Wesen der Lehrtätigkeit als Beruf so drinnen, dass sie als etwas Selbstverständ¬ liches vom Lehrer gegeben, vom Schüler genommen wird. Und viel¬ leicht ist das auch gut so, es strafft sich das Band, das Lehrer und Schüler umschliesst, am besten dann, wenn am wenigsten die Rede da¬ von ist. Es sind zarte Fäden in grosser Zahl, aus denen dies Band sich zusammensetzt und es wäre schade um jeden einzelnen von ihnen, der bei unbefangenem Geschehenlassen erhalten bliebe, durch grüb¬ lerische Analyse aber zerreissen könnte. Das Nachdenken über alle Beziehungen zwischen Menschen führt ja in die Tiefe, ja bis an die Grenzen unserer Erkenntnis, dahin wo das Unfassbare beginnt, wo es ein Bekenntnis der Weltanschauung werden müsste, wenn man sich darüber äussern wollte, ob man glaubt, dass die gegenseitige Beein¬ flussung zwischen zwei Menschen mit freiem Willen, aus freier Per¬ sönlichkeit heraus erfolgt oder ob sie anderswoher gewollt, in ihrer Richtung gelenkt wird. Gewiss aber darf der Alltag der Selbstverständlichkeiten gelegent¬ lich einmal durch einen Festtag unterbrochen werden, und als einen solchen lassen Sie uns den heutigen Tag ansehen und erlauben Sie mir daher ein paar Bemerkungen über Lehren und Lernen, über Lehrer und Schüler. Mannigfach und wechselnd sind die Beziehungen, welche zwischen Lehrer und Schüler im Laufe des Lebens bestehen. Auf der Schule bildet das Eintreten in einen ganz bestimmten Kreis die Regel; Schulen und Lehrkörper der Heimatstadt nehmen wahllos alle die¬ jenigen in ihren Kreis auf, welche zufällig am gleichen Ort wohnen. Ein Wechsel der Schule, ein Wechsel der Lehrer gehört zu den seltenen Ausnahmen. Der Schüler wird eingezwängt in den geistigen Bann¬ kreis, in den er an Ort und Stelle wie zufällig bestimmt wird. Manches Gute mag daraus entspringen, manche unsoziale Eigenheit mag ab¬ geschliffen werden dann, wenn der Schüler selbst nicht aus gar zu hartem Holz geschnitten ist. Oft genug aber und gerade dann, wenn es sich bei Lehrer und Schüler um besonders ausgeprägte Persönlichkeiten handelt kann es hart auf hart gehen, zu Konflikten führen und so kommt es, dass mancher Lehrer an den Schüler, mancher Schüler an den Lehrer nur mit bitteren Gefühlen zurückzudenken vermag. Wie anders ist das Verhältnis auf der Universität! Gewiss sind es auch da manchmal Aeusserlichkeiten, welche Lehrer und Schüler am gleichen Orte zusammenführen; und gerade unsere Zeit bringt mit der Gründung der Grossstadt-Universitäten diese Möglichkeit besonders nahe. Aber im grossen Rahmen betrachtet, bleiben das doch Aus¬ nahmen. Sehr viel häufiger wählt der Schüler seine Universität aus eigenem Ermessen nach dem Ruhm der Fakultät, nach dem Rufe, der 27. Januar 1922. MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT. 123 den Lehrern der Universität vorangeht. Je grösser der Ruf des Lehrers, je weiter sein Wort, sein Rufen im abstrakten Sinne reicht, desto grösser die Zahl der Schüler. Es kommt dazu die akademische Freiheit. Je mehr der Lehrer seine Schüler fesselt, um so häufiger kommen sic zu ihm; um so häufiger kommen solche in sein Kolleg, die nicht nur des Examenszwanges wegen kommen, sondern um des Lehrers und um seiner Lehre willen. Um so weniger wird Gebrauch gemacht von der Möglichkeit, ohne Ahndung dem Unterricht fern zu bleiben. So wird, schon ganz äusserlich betrachtet, das Verhältnis zwischen Uni¬ versitätslehrer und -Schüler ein sehr viel persönlicheres als auf dem Gymnasium. Und nun gar das Verhältnis des Lehrers zu denjenigen, welche des Meisters Schüler im engsten Sinne werden sollen! Hier ist zu gedeihlicher Zusammenarbeit so ausserordentlich viel nötig von per¬ sönlichem gegenseitigen Verständnis, von gleichgerichtetem Streben, Wollen und Können, bis jenes Fluidum hergestellt wird, das Meister und Schüler auf ein Leben hinaus verbinden kann. Der polygame Ehebund zwischen Chef und Assistenten ist oft genug schwer zu schliessen, schwierig ist das richtige Zusammenleben, die richtige Auswahl zu treffen, unter denen, welche des Meisters Schüler werden wollen, den¬ jenigen, welche der Lehrer zu sich ruft, damit sie seine Gesellen werden — und schwieriger ist es oft auch noch, dass die Ehe auf Dauer eine glückliche bleibt. Was heisst das denn, wenn man sagt, es bildet der Lehrer eine Schule um sich, herum? Es gibt in allen Fächern und vornehmlich auch in der inneren Medizin eine Unmenge von Dingen, die direkt lehr- und lernbar sind. Vieles lässt sich lehrbuchmässig darstellen und aus Büchern erlernen. Es gibt weiter, wie überall so auch in der inneren Medizin vieles rein mechanische, das einer vom anderen ab¬ sieht, das in einer bestimmten Schule typisch übernommen wird — kleine Eigenheiten, die aber manchmal schon die Angehörigen einer Schule charakterisieren. Soweit dieser Kreis reicht, werden die ein¬ zelnen Schulen und ihre Angehörigen sich nicht in grossen Grundsätzen unterscheiden. Aber das, was man in der Lehre schon einmal zu sehen bekommen hat, was der Schüler schon unter der Aufsicht des Lehrers einmal aus¬ geführt hat, das bildet doch nur einen Bruchteil, in mancher Beziehung sogar einen geringen Bruchteil dessen, was das Leben dem späterhin selbständig Arbeitenden an Aufgaben gegenüberstellt. Das ist bei jedem Handwerk so, wo jeder Auftrag nicht fabrikmässig, sondern individuell, gestaltet wird. Das ist in allen Einzelfächern der Medizin ganz ähnlich und das ist vor allem so in der inneren Medizin. Ich meine, nirgendwo kommen so viele Varianten vor, nirgendwo spielt die Individualität eine so grosse Rolle, die subjektive Empfänglichkeit gegen Krankheit, die individuell verschiedene Reaktion des Kranken auf Heilmittel, die verschieden gute Beeinflussbarkeit der Erkrankungs¬ form des einzelnen Menschen durch therapeutische Massnahmen wie gerade in der inneren Medizin. Auskultieren und Perkutieren, mikro¬ skopisch und chemisch und physikalisch zu untersuchen, das können wir direkt lernen. Nicht lernen, sondern nur in der Art des Denkens allmählich beeinflusst werden können wir in allem, was darüber hinaus¬ geht. Wir lernen in der inneren Medizin vom Lehrer nicht das Aeussere, nicht das „Räuspern und Spucken“, sondern es werden un¬ bewusst Richtlinien in uns eingepflanzt, nach denen wir in den so ausserordentlich variabeln Einzelfällen dann handeln. Differential¬ diagnose und Therapie sind die Punkte, in denen der Internist nicht lehrbuchmässig mehr lernen und handeln kann, sondern wo das ein¬ setzt, was ihm für die. Praxis des alltäglichen Handelns durch die Schule eingepflanzt worden ist, durch welche er ging. Hier vor allem zeigt es sich, wenn der Meister eine grosse Persönlichkeit ist, wenn er nicht mehr wie ein Repetitor das Lehrbuchmässige übermittelt, sondern als Lehrer im akademischen Sinne den Geist und das Wesen des Lern¬ stoffes überlegen beherrscht und damit die ganze Denkrichtung seiner Schüler beeinflusst. Und darin, dass die ganze Richtung des Denkens und Handelns im Einzelfall beim- Internisten vom Lehrer auf den Schüler übergegangen sein muss, wenn er des Lehrers sich würdig erweisen will, liegt — gerade beim Internisten — die unvergleichliche Bedeutung der Schule, durch die er gegangen ist. Noch viel mehr gilt das, was hier für die Schule der Praxis gesagt wurde, "für die Schule der Forschung. Fast noch grösser wie der Ein¬ fluss auf das praktische Handeln ist beim Internisten in der Bildung seiner Schule sein Einfluss auf die Art der Forschungsrichtung, auf die Art der Erfolge in der Forschung. Es wirkt der Lehrer im all¬ gemeinen und ganz besonders wieder in der inneren Medizin befruch¬ tend auf den Schüler. Er gibt oft genug der Forschung einer Anzahl von Schülern die. Richtung. Es helfen die Schüler den Bau aufrichten, dessen Grundsteine der Lehrer gelegt hat und dessen Architektur von ihm erfunden wurde. Gewiss ist die Individualität des Schülers dabei nicht zu vergessen, der sein eigen Teil beiträgt zur Aufrichtung des Baues. Aus der Gesamtheit von Lehrern und Schülern ersteht die Schule als solche,, aus deren Arbeiten und ihrem praktischen Handeln sich schliesslich nicht mehr übersehen lässt, wieviel aus eigenem Den¬ ken erstanden, wieviel auf die Befruchtung durch den Meister zurück¬ zuführen ist — so wenig wie beim Kinde durchschnittlich die Eigen¬ schaften der Eltern im einzelnen sich feststellen lassen, und so wenig wie oft im chemischen Endprodukt die Merkmale der einzelnen Be¬ standteile des Reaktionsgemisches noch nachweisbar sind. Welches die. glücklichsten Ausgangsmaterialien dabei sind, ob möglichst gleich¬ gerichtetes Denken und technisches Können die beste Schulleistung verbürgen, oder ob aus verschiedenen, wenn nicht gar entgegengesetzt gerichteten Komponenten zwischen Lehrer und Schüler das grössere hervorgeht — das wird im Einzelfalle sehr verschieden sein. Eine Frage, die uns in der inneren Medizin immer ganz besonders bewegt, ist die: Wo kommen grössere Leistungen heraus, bei alles umfassendem Wissen, wo das Eindringen in Spezialkenntnisse ein ge¬ ringeres bleiben muss; oder bei intensivstem Studium und Kenntnis eines Spezialgebietes innerhalb der inneren Medizin und dabei ver¬ hältnismässig geringerer Kenntnis der übrigen Teile? Auch dies ist ein Punkt weitgreifender Unterschiede zwischen den einzelnen Schu¬ len. Je weiter umfassend aber der Blick des Lehrers ist und seine Kritik, um so erspriesslicher die Arbeit. Einstmals beherschte ein Arzt das Gesamtgebiet der Medizin; in eine ganze Reihe von Sonderwissenschaften ist heute die Medizin auf¬ gesplittert. Vergleicht man das medizinische Wissen mit einem Baume, so ist die innere Medizin als Stamm von dem die gesamte Medizin in Praxis und Forschung beherrschenden Arzte übrig geblieben. Immer grösser wird die Zahl der Aeste, die als Stecklinge aus eigener Kraft sich w.eiterentwickeln. Immer weiter aber dehnen sich die Spezial- kenntnisse in den einzelnen Kapiteln auch innerhalb der inneren Medi¬ zin selber aus, immer grösser wird die Zahl der Fächer, die für sich allein als spezialistisches Können und Wissen erachtet werden. Man möchte meinen, einmal müsste es jetzt Einhalt geben für die Absonde¬ rung noch werterer Zweige, und als die vornehmste Aufgabe für uns alle in dieser Richtung erscheint es, dafür Sorge zu tragen, dass nicht auch ein Gebiet noch abgesplittert wird, wofür jetzt eine grosse Ge¬ fahr mir zu bestehen scheint; ich meine die Neurologie, ohne deren Spezialkenntnis ein erfolgreiches Wirken für den inneren Mediziner mir undenkbar erscheint. Es kann für diejenigen, welche zurzeit noch zum engsten Kreise des Lehrers gehören, nicht die Aufgabe sein, und es geziemt sich nicht für sie,. die Frage zu beantworten, ob unsere Schule ihre Ziele erreicht und wieweit sie es tut. Freilich, wenn wir es unternehmen, von unserer Schule zu sprechen* dann kann es ja nur aus der Ueberzeugung heraus geschehen, dass sie in etwa den Zielen gerecht wird, wie sie vorhin gezeichnet sind. Es kann auch nicht meine Befugnis sein, eine Würdigung unseres Lehrers in seinem Wirken zu geben, unsere Verehrung soll darin schon zum Ausdruck kommen, dass wir zur Feier Sie zusammenbaten. Ich habe zu Beginn gesagt, dass es einem aka¬ demischen Brauch entspricht, wenn wir den 60. Geburtstag unseres Lehrers mit einer Feier begehen. Ganz gewiss aber ist es nicht nur die Tradition, die uns hier uns versammeln lässt, nicht nur der akademische Brauch einer zeremoniellen Huldigung, sondern es sind von Herzen kommende Wünsche, die wir ihm darbringen wollen. Wir wollen ihm danken für all das, was er uns als Kliniker, als Lehrer und Mensch gab und gibt, wir wollen das Versprechen ablegen, dass wir die Gesinnung fortpflanzen werden, die aus seinem Murde klingt, wenn er von seinem Lehrer v. Ziemssen spricht, und wir wollen der Hoffnung Ausdruck verleihen, dass noch viele sich weiterhin seine Schüler werden nennen dürfen, noch viele und ad multos annos. Für die Praxis. Ueber Placenta praevia. Von A. Döderlein. Noch immer reiht sich die Placenta praevia mit 20 Proz. mütter¬ licher- Mortalität, wie sie verschiedene Landesstatistiken, so die von J. F ü t h für den Regierungsbezirk Koblenz und die von v. S e u f f e r t für das Königreich Bayern aufweisen, den gefährlichsten geburtshilf¬ lichen Komplikationen an. Demgegenüber steht in den geburtshilflichen Anstalten nur eine Sterblichkeit von höchstens 10 Proz. Es steht fest, dass die Anstaltsgeburtshilfe auch hier, wie bei so manchen anderen Komplikationen, viele, mindestens die Hälfte der sonst verlorenen Mütterleben zu retten vermag. Wenn eine Statistik eine eindringliche Sprache redet, so ist dies hier der Fall, und es ergibt sich daraus der vielleicht von manchen bedauerte, aber unwiderlegliche Schluss, der smh in allen Veröffentlichungen der neueren Zeit wiederholt, dass mit Placenta praevia behaftete Schwangere oder Kreissende einer grossen Lebensgefahr entgehen, wenn sie in Anstalten verbracht werden. All die Gründe hiefür aufzuführen, verbietet schon die Raumrücksicht wäre auch eine heikle, undankbare Aufgabe. Einen Teil der Schuld tragen die Frauen selbst durch zu späte Zuziehung der Aerzte; viel auch mag der Umstand beitragen, dass die hausärztliche Geburtshilfe hier wie bei so vielen anderen Dystokien auf Behelfsmassnahmen angewiesen ist und grössere, unter Umständen aber allein lebensrettende chirurgische Eingriffe aus äusseren und inneren Gründen unausführbar sind. Zur Aufmunterung der Geburtshelfer mag die Tatsache angeführt werden, dass besonders geschulte Fachärzte auch unter den ärmlichsten Ver¬ hältnissen des Piivathauses günstige Resultate zu erzielen vermögen, konnte doch S i g w a r t in der Berliner Poliklinik von 71 mit Placenta praevia behafteten Kreissenden mit kombinierter Wendung nach Braxton Hicks 70 retten und darunter befanden sich sogar 33 Fälle von Placenta praevia centralis. Auch die Kindersterblichkeit weist in der Länderstatistik mit rund 50 Proz. eine etwa doDpelt so hohe Mortalität auf wie diejenige in den Anstalten, verzeichneten wir doch in der hiesigen Frauenklinik in den Jahren 1907 — 1921 bei 316 Fällen von Placenta praevia bei einer mütterlichen Mortalität von 9 Proz. eine kindliche von 26,3 Proz. bei 124 MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT. Nr. 4. Einrechnung auch der bereits bei Einlieferung der Mütter abgestorbenen, wie der lebensschwadien und lebensunfähigen Kinder. Zwei Todesursachen beherrschen hier das Feld. Zwei Drittel der Frauen sterben den Verblutungstod, ein Drittel erliegt der Sepsis. Dass der Verblutungstod die grössere Gefahr darstellt, liegt m der Natur dieser Komplikation, ist aber insofern© von besonderer Be¬ deutung als ihn zu verhüten mehr in die Hand des Geburtshelfers ge¬ geben ist als die der Sepsis, deren Fernhaltung zumal im Privathause bei diesen so vielerlei Eingriffe notwendig machenden Geburten ein ganz besonders schwieriges Problem ist. Hält sich der Arzt bei det Behandlung einer mit Placenta praevia komplizierten Geburt diese beiden Gefahren bei all seinem' Tun und Handeln stets vor Augen, so wird er sie um so eher bekämpfen können und es muss seinen Ehrgeiz auf das äusserste reizen, das so schwer bedrohte Leben zu letten, handelt es sich doch nur um eine augenblickliche Gefahr, nach deren Ueberwindung die Frau wieder blühend gesund ihrer Familie zuruck¬ gegeben werden kann. Es gibt nicht leicht eine mühevollere, aber auch dankbarere Aufgabe für den Arzt, bei derer zeigen kann, was er zu leisten vermag, wenn sein Können und Wissen auf der Hohe der Ent¬ wicklung steht. Es muss bluten! Denn die Plazenta liegt vor dem Wege und an einer Stelle, die. sobald der Uterus gegen Ende der Schwangerschaft durch die insensiblen Kontraktionen in Bewegung gerät und damit durch Retraktion und Distraktion der innere Muttermund auseinander¬ zuweichen beginnt, die Ablösung der Plazenta einleitet. Andei e An¬ lässe zu Blutungen in dieser Zeit der Schwangerschaft, wie auch zu Beginn der Geburt sind demgegenüber so selten, dass schon die erste Blutung die Diagnose nahezu sicherstellt, auch wenn der objektive Befund das Plazentargewebe über dem inneren Muttermund wegen mangelnder Zugänglichkeit noch nicht nachweisen. lässt. Mit dieser Annahme muss sich 'der Arzt darüber klar sein; dass mit fort- schreitender Schwangerschaft und Geburt die Gefahr sich immer mehr steigert, da diese Erweiterung und Ablösung, auch wenn sie längere Zeit zum Stillstand gekommen ist, wieder einsetzen muss. Unser ganzes Handeln ist von Anfang an darauf einzustellen, der kommenden (jefahr begegnen zu können. Es ist deshalb davor zu warnen, solche Schwangere im Privat¬ hause einfach mit Bettruhe und sedativen Mitteln .zu behandeln in der Hoffnung, dass die Blutung sich nicht wiederholt. Die Erfahrung lehrt, dass bei solchen Frauen jeden Augenblick eine sehr profuse Blutung eintreten kann, so dass sie, bis der erst dann herbeigerufene Arzt zur Stelle ist, schon in grösster Lebengefahr schweben oder unrettbar ver¬ loren sein können. Befindet sich eine mit Placenta praevia behaftete Schwangere in einer Anstalt, wo jede Minute geeignete Hilfe .zur Ver¬ fügung steht, so liegen die Dinge anders. Hier kann wohl auch im Interesse des Kinders zugewartet werden und darauf beruht wohl zum Teil auch der geringe Kinderverlust in den Anstalten. Für die haus¬ ärztliche Geburtshilfe muss aber der Rat gegeben werden, die Schwan¬ gere sobald wie möglich durch Einleitung und Beendigung der Geburt diesen präliminaren Blutverlusten zu entreissen. ohne Rücksicht auf die weitere Entwicklung des Kindes zu nehmen. Wird dies gewünscht, dann muss unbedingt die Frau unter dauernde Anstaltsobhut gestellt werden, wenn anders sie nicht selbst um ihres Kindes willen grosser Lebensgefahr entgegensehen will. . Wenn auch diesen Schwangerschaftsblutungen meistens keine direkte Lebensgefahr innewohnt, so ist doch zu bedenken, dass wochen- und vielleicht sogar monatelang anhaltende Blutungen bei zeitweisen stärkeren Ergüssen um so verhängnisvoller wirken, als diesen Frauen eine katastrophale Geburt bevorsteht, die zu überstehen sie in dem Masse um so weniger geeignet sein werdeh, als sie eben vorher anämisch wurden. Gerade in dieser Summierung der Schädlichkeiten liegt eine besondere Gefahr, die verhütet werden kann, wenn man diesen Blutungen in der Schwangerschaft nicht tatenlos zusieht. Dabei kommt nicht nur der besonders in der Nachgeburtsperiode zu fürchtende Blutverlust in Betracht, sondern auch die grössere Gefahr nachträg¬ licher septischer Erkrankung, gegen die sehr ausgeblutete. Frauen er- fahrungsgemäss viel weniger widerstandsfähig sind. All dies macht es zur Pflicht, vom ersten Augenblick an alles zu tun. um diesen Gefahren vorzubeugen. Die Behandlung der mit Placenta praevia behafteten Schwangeren muss unter dem Motto stehen: „Spare in der Zeit, so hast du in der Not.“ Die Verhütung der sicher vorauszusehenden Wiederholung der Blu¬ tung in der Schwangerschaft wird am besten durch ihre alsbaldige Unterbrechung gewährleistet Dabei ist es dann mehr als bei irgend¬ welchen anderen Geburtsvorkommnissen Pflicht des Arztes, bis zur vollen Beendigung der Geburt anwesend zu sein: denn nur so kann er den jeden Äugenblick drohenden Blutungen tatkräftig und rechtzeitig entgegenwirken. Zur Einleitung der Geburt empfiehlt sich die Punktion der Blase, gegebenenfalls durch die Plazenta hindurch. Das Entleeren des Frucht¬ wassers und die dadurch bedingte Entspannung des Uterus bewirkt am promptesten die Wehen. Die Durchbohrung des Eies mit einem dünnen Troikart, nicht etwa mit stumpfer Gewalt durch Kornzange, wo¬ durch die Plazenta in weiterem Bereich abgelöst werden könnte, birgt keine Gefahr. Zur Bekämpfung der Blutung bei Placenta praevia in der Schwangerschaft und beim Beginne der Geburt steht dem Arzt ein ebenso wirksames als leider nicht ungefährliches Verfahren zur Ver¬ fügung, das, wenn richtig ausgeführt, viel Unheil verhüten könnte- das ist die feste Tamponade der Scheide mit steriler, antiseptischer Gaze. Zu ihrer Ausführung ist die Frau äusserlich und innerlich zu des¬ infizieren, ins Querbett zu legen mit zuriickgesc'hlagencn Beinen; die Scheide wird mit einem ausgekochten Entenschnabelspekulum entfaltet, der Muttermund eingestellt und mit Hilfe eines Stopfinstrumentes die Scheide von ihrem Grunde bis zum Scheideneingang fest ausgestopft Die Benützung eines Spekulums ist nötig, weil sonst die Einführung der Gaze am Introitus durch Reibung so heftige Schmerzen erzeugt, dass es kaum möglich wäre, so viel Gaze nacheinander in die Scheide hinaufzuschieben, als zu deren Füllung notwendig ist, eine ungenügende Tamponade aber ist wirkungslos. ... So schätzenswert diese zuverlässige Wirkung der Tamponade ist, so gefürchtet muss sie andererseits werden', denn sie ist die Trägerin der zweiten Todesursache bei Placenta praevia, der Sepsis. Deshalb darf diese Tamponade nur ein augenblicklicher Notbehelf sein, um Zeit zu weiteren Taten zu gewinnen. Ein längeres Verweilen dieser Gaze als gerade nötig, bis höchstens 6 Stunden, bringt auch bei aller Anti¬ sepsis und Vorsicht die unvermeidbare Gefahr der Bakterienentwicklung in dem Tamponadematerial mit sich. Es ist deshalb wohl verständlich, wenn gegen diese lamponade- behandlung übehhaupt Front gemacht wird; aber wenn man nicht in der Lage ist, alsbald entbinden zu können, dann schwebt die Frau eben ohne Tamponade in der Verblutungsgefahr, und wenn es sich darum handelt, Zeit zu gewinnen, etwa zum Transport in eine Anstalt oder zur Vorbereitung der operativen Entbindung durch Herbeiholung wei¬ terer ärztlicher Hilfe, Instrumente usw., so ist die für einige Stunden vorgenommene Schutztamponade nicht zu umgehen und unter den ge¬ nannten Vorsichtsmassregeln wohl kaum so zu fürchten.,, dass man sic grundsätzlich zu verwerfen bräuchte. Natürlich ist eine. nie tamponierte Schwangere und Kreissende weniger in Gefahr, septisch zu werden. Nur in den seltensten Fällen, in meinem Material von 316 nur in 3, verlief während der kurzen Zeit der Tamponadebehandlung die Geburt spontan. Ein Kind war tot; die anderen 2 wie die 3 Mütter blieben am Leben. Man sieht also, dass es ja wohl auch nicht unmöglich ist mit der Tamponadebehandlung in dieser Einschränkung einen glatten Ver¬ lauf zu erleben; doch darf man sich nie auf diese Ausnahmen verlassen, so wenig etwa wie auf Spontangeburt bei Querlage eines ausgetragenen Kindes. . Unter den sonst für die hausärztliche Geburtshilie in Betracht kommenden Behandlungsmethoden steht der Blasensprung als die un¬ gefährlichste obenan. Leider ist sie aber an Voraussetzungen ge¬ bunden, die auch nur in einer kleinen Minderheit. von Fällen gegeben sind, nämlich dann, wenn zur Zeit des Eingriffes der Muttermund mindestens fünf markstückgross und nur an einer Stelle auf der Seite Plazentarrand zu fühlen ist, sonst überall die glatte Fläche der Eihäute, also Placenta praevia marginalis. Hier kann man hoffen, dass nach Eröffnung des Eies die Plazenta mit dem Uterus zurückweicht, der Kopf dann eintreten kann und die Geburt spontan vor sich geht Wesentlich unterstützen kann man die Wirkung des Blasenstiches, der ja als solcher schon wehenfördernd ist, durch die so schätzbaren neueren Wehenmittel aus der Glandula pituitaria, die gerade hier eine sehr dankenswerte Bereicherung unseres Arzneischatzes bilden. In meinem Material wurden 38 Fälle auf diese Weise erledigt; von diesen starben 2 Mütter. 2 Kinder wurden« tot geboren, 5 Kinder waren bereits bei Einlieferung der Kreissenden abgestorben. Das Verfahren der Wahl muss für die hausärztliche Geburtshilfe nach dem heutigen Stande unserer Wissenschaft die im Jahre 1860 von dem« Londoner Geburtshelfer Braxton Hicks für Placenta praevia empfohlene kombinierte Wendung genannt werden, für deren Verbrei¬ tung in Deutschland sich besonders Hofmeier und A. Martin verdient gemacht haben. Die neuere Sammelstatistik ergibt, dass, unter 1266 klinisch mit kombinierter Wendung behandelten Fällen die mütterliche Mortalität 5,45 Proz. und die kindliche 79,3 Proz. betrug. In meinem Material finden sich 50 so behandelte Fälle, unter denen 5 Mütter und 24 Kinder M41UCIL # Die Ausführung dieser kombinierten Wendung wird nicht sehr ge¬ schulten Geburtshelfern oft erhebliche Schwierigkeiten bereiten, ist es doch nötig, durch einen für zwei Finger durchgängigen Muttermund den Fuss des Kindes in der Eihöhle zu fangen und dann herunter¬ zuziehen. Beides ist nicht leicht. Zum Erfassen des Fusses muss die äussere Hand der inneren gut helfen. Um die zwei Finger durch den Muttermund möglichst hoch hinaufführen zu können, ist es nötig,, die ganze Hand in die Scheide einzuführen, so dass man die ganze Länge der Finger vom Muttermund ab zur Verfügung für den Uterus hat. Bei eben für zwei Finger durchgängigem Zervikalkanal ist dann auch das Herunterleiten des Fusses durch den Muttermund oft mit Schwierig¬ keiten1 verknüpft, zumal1 die glatte Oberfläche des Gummihandschuhes hier etwas hinderlich wird. Ich helfe mir in diesen Fällen durch Fassen des Fusses entweder mit der gefensterten Abortzange oder auch mit einer Krallenzange; selbst bei lebendem Kind würde dieser Krallenbiss im Fuss des Kindes keine bedenkliche Verletzung bedeuten. Man führe dann den Fuss mit der Spitze der Zehen voran durch den Muttermund. Da man ja in der Regel bei stehender Blase wendet, ist die Umdrehung des Kindes leicht. Den heruntergezogenen Fuss belaste man dann mit einem Gewichte von 1— VA Pfund, damit er nicht zurückschlüpfen kann. Die Wirkung dieser Wendung ist eine frappante; denn vom Augen¬ blick an. wo das Kind nun im Muttermund steckt, und mit seinem Steiss die Plazenta andrückt, steht die Blutung vollkommen. Eindringlichst muss nun davor gewarnt werden, nach vollendeter Wendung die 27. Januar 1922. Münchener medizinische Wochenschrift. 125 Geburt etwa im Interesse des sterbenden Kindes beschleunigen zu wollen oder gar zu extrahieren. Es ist dies ein verhängnisvoller Fehler, der noch nicht ganz ausgemerzt ist. Unabänderlicher Grundsatz muss für jeden Geburtshelfer sein, das Kind nach der Wendung seinem Schicksal zu überlassen, denn es zu retten, bedeutet die mit Recht so gefürchtete „gewaltsame“ Entbindung („Accouohement force“). Ein¬ risse in der Zervix sind dabei unvermeidlich und1 hier bei dem Blut¬ reichtum der Plazentarstelle ganz besonders zu fürchten. Die Extrak¬ tion würde also die Mutter in eine hohe Lebensgefahr bringen und höchst wahrscheinlich das Kind doch nicht zu retten vermögen, da es nicht möglich ist, bei nicht erweiterter Zervix das Kind so rasch zu extrahieren, wie es die Erhaltung seines . Lebens nötig macht. Die Geburt sollte im Gegenteil nach vollendeter Wendung verzögert werden, denn dies ist der Zeitabschnitt, der zwischen den vorausgegangenen Blutungen und den kommenden eine willkommene Erholungspause ein¬ schaltet. Das im Muttermund sitzende Kind übt einen genügenden Reiz auf die Uterusnerven aus, um die Wehentätigkeit nicht erlahmen zu lassen. Wir müssen cs also geradezu begrüssen. wenn die Geburt hier nicht zu rasch vor sich geht. Etwas anderes ist es natürlich, wenn man einen erweiterten Muttermund antrifft, der dann den Vorteil bietet die „rechtzeitige innere“ Wendung ausführen zu können, an die man dann gleich die Extraktion anschliessen kann. Ich verzeichne 25 derartige Fälle mit 3 mütterlichen und 13 kind¬ lichen Verlusten. Zu den kindlichen Verlusten bemerke ich hier, dass alle Kinder eingerechnet sind, sowohl die zur Zeit unserer Hilfe bereits intrauterin abgestorbenen, wie die totgeborenen, wie auch die in den ersten Tagen nach der Geburt etwa an Lebensschwäche zugrunde- gegangenen. Die neuerdings von verschiedenen Seiten empfohlene, mit der kombinierten Wendung konkurrierende intraamniale Metreuryse lehne ich für die praktische Geburtshilfe ab und zwar aus dem Grunde, weil ich die bei der Einlegung des Metreurynters durch das Ei auftretenden Blutungen aus eigener wie Anderer Erfahrung fürchte. Verhältnis¬ mässig leicht wäre es noch, den Metreurynter extraamnial einzulegen, wie ja auch empfohlen worden ist; aber schon aus theoretischen Gründen halte ich dies für falsch, denn es muss ja der zwischen Plazenta und Uterus eingelegte Gummiballon zur weiteren Ablösung der Plazenta führen. Anders natürlich ist die Wirkung, wenn der Metreurynter wie der Steiss des Kindes nach der kombinierten Wendung vom Eiinnern aus die Plazenta gegen die Uterusw7and drückt. Zugegeben, dass hier die Blutstillung in gleich günstiger Weise erfolgt und auch zugegeben, dass damit das kindliche Leben naturgemäss mehr geschont wird, so überwiegt dieser Vorteil doch nicht den mit der Einführung des Metreu¬ rynters durch das Ei hindurch verbundenen Nachteil der schweren Blutung. Auch ist die Einführung selbst keineswegs so einfach, wie man vielleicht denken könnte; ich habe erlebt, dass mit der ersten Be¬ rührung der Plazenta mit dem Pol des Metreurynters eine vehemente Blutung eintrat, die sofort zu raschem Handeln zwang und zeigte, dass, wenn man die Metreuryse erzwingen wollte, man die Mutter unter den Händen verbluten Hesse und Gleiches hörte ich auch von Praktikern, die mit grosser Scheu von der Metreuryse sprachen. Ich habe deshalb nur 6 Fälle von Metreuryse in meinem Material zu verzeichnen, darunter keine Mutter verloren; 3 Kinder waren lebend, 3 tot. Damit sind die Behandlungsmethoden der Placenta praevia für die hausärztliche Geburtshilfe erschöpft. Bemerkenswert ist, dass in 26 Fällen meines Materials bei Fehlen bedrohlicher Erscheinungen die Spontangeburt abgewartet werden konnte oder schliesslich nach Erfüllung aller Vorbedingungen eine typische Zangenoperation ausgeführt wurde. Von diesen 26 natürlich besonders günstig gelagerten Fällen verloren wir nur 2 Mütter und 8 Kinder. Zusammenfassend würde ich raten: 1. Wegen Placenta praevia blutende Schwangere sollen entweder einer klinischen Beobachtung zugeführt oder aber sobald als mög¬ lich entbunden werden. 2. Die Tamponade ist unentbehrlich, aber gefährlich und unter allen Umständen zeitlich eng zu begrenzen. 3. Zum Eihautstich geeignete Fälle sind sorgfältig auszuwählen; wehenfördernde Mittel sind hier sehr wertvoll. 4 Das beste Verfahren für die hausärztliche Geburtshilfe ist auch heute noch die kombinierte Wendung nach Braxton Hicks. Streng zu beachten ist, dass die Extraktion nicht augeschlossen wird, die Geburt darnach mit Opferung des Kindes spontan vor sich geht. 5. Wenn die „rechtzeitige“ Wendung möglich war. kann die Extrak¬ tion angeschlossen werden. 6. Die Metreuryse ist kein für die hausärztliche Geburtshilfe ge¬ eignetes, ungefährliches Verfahren. Von den chirurgischen Eingriffen, vaginalem und abdominellem Kaiserschnitt, sehe ich in dieser Abhandlung ab, da ich sie ausschliess¬ lich den Anstalten Vorbehalten wissen möchte. Unter 161 mit vaginalem Kaiserschnitt von mir behandelten Fällen starben 15. Mütter, wobei auch hier keinerlei Abzug gemacht wurde, trotzdem ein solcher wohl berechtigt wäre. So starb z. B. eine Frau an einem weit fortgeschrittenen Rektumkarzinom am ersten Tage nach oer Geburt und eine andere 8 Tage später an progredienter Tuber¬ kulose. Die kindliche Mortalität betrug 40 = 17 Proz. Die Hauptgefähr droht nun den mit Placenta praevia behafteten Kreissenden in der Nachgeburtsperiode. Ich empfehle deshalb, gleich nach der Geburt des Kindes die Nachgeburt herauszubefördern, ent¬ weder durch Cr ehe sehen Handgriff oder auch durch Herausholen mit der Hand. Ich sage hier absichtlich nicht „manuelle Lösung“, denn darunter verstehen wir die Ablösung der Placenta accreta von der Uteruswand, und diese Fälle sind grundsätzlich von jenen zu scheiden, bei denen die Plazenta nicht wegen Adhärenz gelöst werden muss, denn hier ist sie nur locker anhaftend und ein einziger Griff fördert sie sofort zutage. Nach Lösung der Plazenta hat sofort eine feste Utero- Vaginal-Tamponade nach D ü h r s s e n stattzufinden und hier ist für die segensreiche Erfindung Dührssens ein besonders dankbares Feld, das ich je länger, um so mehr schätzen gelernt habe. Die rasche Auf¬ einanderfolge dieser Massnahmen, Entbindung, Plazentarexpression, Tamponade bildet ein Ganzes, ein Behandlungssystem getreu dem Grundsätze, in jedem Augenblick der Placenta praevia-Geburt so blut¬ sparend wie möglich zu handeln. Die Tamponade wirkt besonders auch durch die Beförderung der Uteruskontraktion; sie versagt bei grösseren Rissblutungen, spritzenden Arterien, oder auch, wenn sehr grosse blutende Flächen im nicht kontraktilen Teile, also der Zervix, vorhanden sind und hiezu gehören jene besonders gefürchteten Fälle von Placenta praevia cervicalis. Verstärkt kann die Tamponadewirkung in diesen verzweifelten Fällen noch dadurch werden, dass das Tamponadematerial mit Liquor ferri- sesquichlorati getränkt wird. Die früher dabei gefürchtete Verätzung kann nach P. Zweifel durch Verwendung von säurefreiem Liquor verhütet werden 1). In Anstalten kommt letzten Endes noch in jenen Fällen, bei denen die Blutstillung schliesslich nicht anders als durch die grossen operativen Eingriffe möglich ist, Totalexstirpation des Uterus, Unterbindung oder Abklemmung seiner zuführenden Gefässe nach P. Z w e i f e 1 in Betracht. Soziale Medizin und oerztiiche standesangeiegenheiten. Die Einrichtung von sporthygienischen Untersuchungs¬ und Beratungsstellen und ihre Aufgaben. Von Dr. med. K- A. Worringen, Stadt- und Sportarzt in Dortmund. Volksgesundheitspflege ist heute Trumpf. Fürsorge- und Beratungs¬ stellen wachsen wie Pilze aus der Erde. Man predigt Abbau des ins Uferlose angeschwollenen Verwaltungsapparates und gründet dauernd neue Aemter. Man könnte lächeln bei all den Erscheinungen und Resultaten, wenn die Sache nicht so furchtbar ernst wäre. Wir haben sie nämlich nötig: die Säuglings- und Kleinkinderfürsorge, in der Schule die schulärztliche Fürsorge, die bis in die Fortbildungsschule hinein¬ reichen muss. Dann aber ist es mit der ärztlichen Auisicht zu Ende — und gerade im Alter der stärksten Entwicklung, zwischen 16 und 21. ,,..?rülier gab es !a im 20- Lebensjahre durch die Aushebung zum Militär nochmals eine Untersuchung der ganzen männlichen Be¬ völkerung. Nun ist mit der Auflösung der deutschen Armee die körperliche Ausbildungsstätte itir jährlich 300 000 junge Männer verloren gegangen. Soll das deutsche Volk nicht körperlich verkümmern, dann müsste ein Ersatz geschaffen werden. Und er ist im Begriffe zu entstehen. D i e Turn - und Sportpflicht der Jugend soll gesetzmässig fest¬ gelegt werden. Darnach wird „jeder deutsche Reichsangehörige (Frauen und Männer) in der Zeit vorn der Vollendung des schulpflichtigen Alters bis zur Volljährigkeit zur körperlichen Uebung verpflichtet. Die Erfüllung dieser. Pflicht erfolgt einmal in. öffentlichen Unterrichtsanstalten, ferner aber in Turn- und Sportvereinen, die von der oberen Verwaltungs¬ behörde als dem öffentlichen Volkswohl dienend anerkannt sind.“ So sehr dieses ganze Gesetz zu begrüssen ist, so fehlt ihm doch eins — die Festsetzung einer ärztlichen Auslese, wie wir sie früher in der Musterung hatten und eine genaue ärztliche Beaufsichtigung, gerade für diese Zeit der wichtigsten Enwicklungsperiode des Körpers. Ueberhaupt steht der Arzt bei dem ganzen Betrieb der Leibes¬ übungen noch viel zu sehr im Hintergrund. Die Jugendämter werden nur von Pädagogen verwaltet und doch ist schon oft lebhaft die Frage besprochen worden, ob zur Leitung eines Jugendamtes ein Arzt oder ein Pädagoge geeigneter sei. Die Städte wollen durch das Jugendamt für das Gedeihen eines ge¬ sunden Nachwuchses sorgen, und dazu gehört eine kritische, bessernde, einheitliche medizinische Leitung ebenso gut wie eine päd¬ agogische. Gewiss haben auch die Städte an die ärztliche Bearbeitung sachlich¬ medizinischer Fragen beim Jugendamt gedacht, aber über die Art ärzt¬ licher Versorgung haben sie sich nicht ausgesprochen. Bei den hier auitauchenden medizinischen Fragen ist jedoch ein in diesem Gebiet bewanderter Arzt notwendig. Ein blosser guter Praktiker genügt hier nicht; werden doch schon an Schulärzte besondere Anforderungen gestellt. „Ein Jugendamt für körperliche und geistige Ertüchtigung der Jugend ohne Arzt kommt mir so vor, als ob man eine schöne Orgel¬ kirche baut, einen oder mehrere Geistliche anstellt, aber keinen Or¬ ganisten“ (Dr. Landau- Berlin). *) Diese besondere Lösung oder das hiezu zu verwendende Ferrum sesquichlorati, wovon 10 g auf 50 g Wasser zu lösen, wären, ist vorrätig in der Sonnenapotheke des Dr. Hiendlraayer, München, Karlsplatz 17. 126 MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT. Nr. 4. Beim Jugendamt ist also ein ständiger Arzt notwendig, der ver¬ eint mit dem Pädagogen die speziellen, die körperliche, pädagogische Ertüchtigung der Jugend betreffenden Fragen beraten muss. Es ist um so wichtiger, diesen immer dem Pädagogen zur Seite zu stellen, als er sich zusammen mit ihm in die Materie einarbeiten und dem ganzen Amt die Richtung geben muss. Es soll sich also um eine täg¬ liche ständige Mitarbeit mit dem Pädagogen handeln, um mit ihm die jeden Tag in grosser Fülle eingehenden Entscheidungen zu treffen, und zwar sofort. Man denke nur an die Verschleppung, die not¬ gedrungen erfolgen muss, wenn das Jugendamt in allen medizinischen Fragen genötigt ist, den Rat des Medizinalamts in Anspruch zu nehmen. Grosse prinzipielle Fragen müssen natürlich dem Medizinalamt, welches keine verwaltende, sondern nur eine beratende Behörde sein soll, Vor¬ behalten bleiben. Diese ganze Frage, die schon oft lebhaft besprochen wurde, wäre nun auf das einfachste gelöst, wenn eben die Einrichtung einer sport¬ hygienischen Beratungsstelle als Nebenabteilung des Jugendamtes die Vermittlung zwischen Jugend- und Medizinalamt hersteilen würde. Kurz möchte ich die Wahl des Namens „Sporthygienische Unter- suchungs- und Beratungsstelle“ rechtfertigen. Ich bin mir wohl be¬ wusst, in vielen Kreisen mit diesem Ausdruck auf Widerstand zu stossen. Wir könnten sagen „Untersuchungsstelle für Turnen und Sport“ oder „Leibesübungen“. Sie werden mir aber zugeben müssen, dass mit diesen Worten nicht das Richtige ausgedrückt werden kann. Es ist schwer, einen für alle Volkskreise richtig verständlichen All¬ gemeinbegriff zu finden, der aber zugleich die Hauptbegriffe Turnen. Spiel, Wandern, Schwimmen und Sport umfassend zum Ausdruck bringt. Aber auch für alle diese soll die sporthygienische Untersuchungs- und Beratungsstelle da sein, und ich glaube der Ausdruck „Sporthygiene“ hat sich auch bereits so fest eingebürgert, dass er schwer umzuändern sein dürfte. Ich habe oben die Forderung nach der ärztlichen Untersuchung bei der Turn- und Sportpflicht der Jugend erhoben. Diese Untersuchung und die genaue ärztliche Aufsicht würde auch in das Aufgabengebiet der sporthygienischen Untersuchungsstelle fallen. Denn nur durch eine solche genaue Beaufsichtigung können wir körperlichen Schädigungen durch die ungewohnte körperliche Arbeit Vorbeugen. Erst recht ist eine sportärztliche Untersuchung vor Beginn des eigentlichen technischen Trainings unerlässlich; auch während und nach seiner Beendigung ist ein ärztliches Urteil über den Gesundheits¬ zustand wünschenswert. Ja, der Berliner Fussballehrer Knesebeck verlangt sogar, dass der Uebungsleiter oder, wie wir früher sagten, Trainer, heute am besten Arzt sein müsste, um immer genauestens auf die Körpertätigkeit seiner Schützlinge achten zu können. Das ist natürlich heute noch ausgeschlossen. Wenn aber unsere Jugend mit gesunden Organen unter Aufsicht des Sportarztes in der sporthygienischen Beratungsstelle richtig trainiert, so genügt das als Voraussetzung zu ausgiebigem Betrieb von Körperübungen aller Art, um irgendwelche gesundheitlichen Ueberraschungen nach den bisherigen Erfahrungen so gut wie auszuschliessen. Dann ist es aber unumgänglich notwendig, dass bei diesen gesund¬ heitlichen Sportuntersuchungen nicht nur einige wichtige Körpermasse zu nehmen sind, sondern auch die Funktionsfähigkeit des jugendlichen Organismus zu messen ist. Und durch Feststellung der Leistungs¬ grenzen müssen die vorhandenen Gefahrenkomplexe erkannt und aus¬ geschaltet werden. Infolge einer ganzen Reihe heute noch unaufklär- barer Umstände ist es ganz und gar ausgeschlossen, aus einigen Körper¬ massen abschliessende Urteile über Körpereigenschaften gewinnen zu können. Sehr gute Dienste leisten bei diesen ganzen sportärztlichen Untersuchungen die Frage- und Untersuchungsbogen, die von der Deutschen Hochschule für Leibesübungen herausgegeben sind und von derselben gern als Muster abgegeben werden. Auf einige Beispiele, welche die Untersuchung der Funktionsfähigkeit erläutern, werde ich weiter unten nochmals zurückkommen. Ein besonders wichtiges Kapitel der sporthygienischen Unter¬ suchungsstelle ist auch die Befreiung der Kinder vom Turnunterricht. An Stelle der bisherigen Atteste über Befreiung vom Turnunterricht müssen solche treten, in denen begründet ist, für welche Leibes¬ übungen ein Kind nicht befähigt ist, aber welche anderen zur Hebung seiner Gesundheit nun erst recht notwendig sind. So ist z. B. für Kin¬ der mit hohlem Rücken der Turnunterricht dringend erforderlich, sie müssen aber alle Uebungen vermeiden, die das Kreuz zu sehr durch¬ drücken, wie das „Nest“ und ähnliche Biegungen über die Rückenseite. Derartige Fälle Hessen sich noch zahlreich anführen. Dass die sporthygienische Untersuchungs- und Beratungsstelle sich auch derjenigen annimmt, die Verletzungen im Sport davongetragen haben, ist wohl ganz selbstverständlich. Ich brauche deshalb darauf nicht mehr einzugehen. Ich möchte nur noch hervorheben, dass es nach Aussage der wenigen Fachärzte selbst, ohne Einblick in den praktischen Betrieb der Leibesübungen und ohne die Erfahrungen mit Sportver¬ letzungen sehr schwer ist, rjchtige Diagnosen zu treffen. Natürlich kann eine Behandlung in der Untersuchungs- und Beratungsstelle nicht statt¬ finden. Es würde sich nur darum handeln, die Verletzung richtig zu erkennen und, falls ärztliche Behandlung erforderlich ist, dieselbe in rich¬ tiger Weise zu vermitteln. Dass für eine genaue Untersuchung auch ein Röntgenapparat in eine gut eingerichtete sporthygienische Untersuchungs- und Beratungs¬ stelle gehört, ist wohl selbstverständlich. Doch glaube ich, dass man im Anfänge auch ohne einen solchen und überhaupt mit sehr beschei¬ denen Mitteln auskommen kann. Ein weiteres Tätigkeitsfeld der sporthygienischen Untersuchungs¬ und Beratungsstelle ist die Psychologie des Sports, mit anderen Worten die Seele im Sport. Sie beschäftigt sich mit der Feststellung der Eignung für bestimmte sportliche Leistungen und mit der Methode der Leistungssteigerung. Nach dem Grundsatz: „Der rechte Mann am rech¬ ten Platz“ prüft sie die Befähigung des einzelnen für besondere An¬ forderungen. Es erhellt, dass sie dadurch noch bei der Berufswahl, hauptsächlich bei technischen Berufen, wie z. B. dem des Kraftfahrers, Fliegers, von grösster Wichtigkeit ist. Sie untersucht den Sinn für die feine Abstufung der Muskelkraft beim Boxer, den Treffsinn des Fussballspielers, den Taktsinn des Ruderers, überhaupt die Sinnes¬ tüchtigkeit. Weiter erforscht sie das Vorstellungsleben (AufmerKsam- keit, Konzentration) und geht dem Wesen des Gefühlslebens nach, in¬ dem sie Mutproben macht, Schreckhaftigkeit beobachtet. Das Willens¬ leben ist ein nicht minder bedeutsames Versuchsfeld. Hier wird die Entschlusskraft oder, wie der Volksmund sagt, die kurze oder lange Leitung auf die Probe gestellt. Die Versuche der Leistungssteigerung erstrecken sich auf die Aeusserungen der Kraft, Geschicklichkeit, Schnelligkeit und Ausdauer. Für die Prüfung dieser Eigenschaften sind ganz einfache und billige Apparate im Handel zu haben (konstruiert von Dr. S c h u 1 1 e - Berlin), die man sich aber auch leicht selbst her¬ steilen kann. Die Leistungsfähigkeit z. B. wird durch Hochziehen an einem Kraft¬ messer geprüft. Bei guter Durchbildung stellt sich dabei ein Verhält¬ nis von Leistung zu Körpergewicht von ungefähr 2: 1 heraus. Ein Mensch von 80 kg Körpergewicht zieht an dem Kraftmesser 160 kg, während der noch nicht Ausgebildete bei etwa 83 kg Körpergewicht es meist nur auf 140 kg Leistung bringt. Eine regelmässige Durchführung dieser einfachen Prüfungsart, ermöglicht es, während eines Trainings jede Leistungsstörung sofort festzustellen. An demselben Apparat lässt sich in ähnlich einfacher Weise ohne weiteres feststellen, ob z. B. jemand besser zum Schnelläuier über kurze oder zum Dauerläufer über lange Strecken geeignet ist. Durch Anwendung solcher Prüfungs¬ methoden konnte z. B. bei einem Schnelläufer festgestellt werden, dass die bisherigen Mängel seiner Leistung nicht auf einem Mangel an Uebung, sondern an Körperkraft beruhten. Nachdem er daraufhin einige Zeit ausschliesslich Kraftübungen gemacht hatte, stiegen seine Lauf¬ leistungen derart, dass er seitdem in den grössten Wettbewerben zahl¬ reiche erste Preise erringen konnte. Wir kommen nun zu der Frage, wer soll eine solche sporthygie¬ nische Untersuchungs- und Beratungsstelle verwalten. Der Leiter eines solchen Amtes muss aus naheliegenden Gründen der Sportarzt sein, der mit den verschiedenen Zweigen der Leibesübung auf Grund eigener Ausübung praktisch vertraut ist. Gegen die Zuständigkeit der Aerzte kann geltend gemacht werden, dass der praktische Arzt bei seiner dauernden Beschäftigung mit Kranken allzu leicht einen Mass¬ stab für die Leistungsfähigkeit der Gesunden verlieren kann, und dass er dann im Gefühl seiner Verantwortlichkeit vor allem das „nil nocere“ (nur nicht schaden) im Auge behalten wird. Prof. Du Bois Rey- m o n d, der bekannte Physiologe an der Berliner Universität sagt zu dieser Frage: „Während in Deutschland fast alle Aerzte, die sich über Leibesübungen äussern, aufs ängstlichste vor sportlichen Uebertrei- bungen warnen, sind in England, wo doch der Sporteifer viel heftiger ist, als bei uns, Leute, die ihre Gesundheit durch Ueberanstrengungen ruiniert haben, durchaus nicht häufig.“ Das eine bleibt unumstösslich bestehen, was Dr. M a 1 1 w i t z, der bekannte Vorkämpfer der Sportärzte in Berlin sagt: „Wir Aerzte haben die Pflicht, dafür zu sorgen, dass der Segen der sich mit Macht aus- dehnenden Sportbewegung nicht in sein Gegenteil umgekehrt wird, denn die Zahl derjenigen, deren Gesundheit Schaden leidet, weil sie Leibesübungen gar nicht oder in ungenügendem Masse betreiben, ist unermesslich viel grösser als die Zahl derjenigen, die durch Ueber- mass der Leibesübungen ihre Gesundheit schädigen.“ Wo haben wir nun bereits sporthygienische Untersuchungs- und Beratungsstellen? Berlin ist mit seiner Hochschule für Leibesübungen, die bekanntlich zunächst von privater Seite eingerichtet wurde, ton¬ angebend. In Hannover ist etwa vor 2 Jahren und in Hamburg etwa vor 1 Jahr aus privater Initiative eine sporthygienische Untersuchungs¬ und Beratungsstelle vom Ausschuss für Leibesübungen eingerichtet worden. In Gelsenkirchen und in Dortmund sind sie im Entstehen be¬ griffen. Staat und Gemeinden, denen die körperliche Ertüchtigung der Jugend besonders am Herzen liegen sollten, hinken wie immer hinter¬ her. Darum aber wird es höchste Zeit, sie aufzuwecken und sie an ihre Pflicht zu erinnern. Die Kosten für die Gemeinden würden sich auf ein paar Tausend Mark beschränken, da sich eine solche Beratungs¬ stelle zunächst mit ganz einfachen Mitteln (Blutdruckapparat, Spiro¬ meter) einrichten lässt. Sollten die Gemeinden ihre Pflicht verkennen, so appelliere ich allein an die Verbände und Vereine für Leibesübungen; denn an der finanziellen Schwierigkeit soll die Einrichtung nicht schei¬ tern und zur Ueberwindung derselben würden Verbände und Vereine, glaube ich, gern beisteuern. Zum Schluss die Aufgaben der sporthygienischen Untersuchungs¬ und Beratungsstellen nochmals kurz Umrissen: 1. Beratung und Erledigung aller medizinischen und ärztlichen Fragen des Jugendamtes. 2. Aerztliche Untersuchung (eine Art Musterung) und gesundheit¬ liche Beaufsichtigung bei der gesetzlich zu regelnden Turn- und Sportpflicht der Jugend, insbesondere auch Untersuchung und Beratung aller Sportsleute, die sich einem regelrechten Training unterziehen. 27. Januar 1922. MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT. 127 3. Befreiung der Kinder vom Turnunterricht. 4. Beratung und ev. Ueberweisung in fachärztliche Behandlung derjenigen, die beim Sport Verletzungen davongetragen haben. 5. Eignungsprüfungen für bestimmte sportliche Leistungen und Methoden der Leistungssteigerung. Literatur. Mallwitz: Jugendpflege durch Leibesübungen vom fachärztlichen Standpunkt. 1919. (Veröffentl. d. Medizinalverw. 9. Bd„ 8. Heft.) — Schulte: Leib und Seele im Sport (Voikshochschulverlag, Charlottcnburg, 1921). — Turnen, Spiel und Sport 1921 (Veröffentl. d. deutschen Hochschule für Leibesübungen). Fortmidüngsuorträge und ueherslchtsreferate. Aus der Klinik und Poliklinik für Haut- und Geschlechts¬ krankheiten der Universität München. (Direktor: Professor Dr. Leo Ritter von Zumbusch.) Liquorveränderungen bei Frühsyphilis. Von Dr. Julius K. Mayr. Statistische Erhebungen über Häufigkeit und Art von Liquorverän¬ derungen in den Frühstadien der Syphilis sind in grösserem Umfange erst innerhalb des letzten Dezenniums vorgenommen worden. Der Grund dazu mag vor allem darin liegen, dass wir klinisch manifeste Symp¬ tome bei den ersten Erscheinungsformen der Syphilis, wenn wir viel¬ leicht von den Kopfschmerzen absehen wollen, in stärkerem Ausmasse doch nur selten zu sehen bekommen und den meningitisdien Prozessen eine grössere Bedeutung nicht zugesprochen wurde. Ferner wurden die Untersuchungsmethoden der Cerebrospinalflüssigkeit gerade in dem letzten Jahrzehnt (Goldsolreaktion 1912) um einige sehr empfindliche Reaktionen vermehrt, die imstande sind, eine Reihe von Veränderungen im Liquor aufzudecken, die uns bei der bisherigen Untersuchung ent¬ gangen waren. Wollen wir zunächst die Frage erörtern, welche Reaktionen zur Liquordiagnose notwendig sind, so finden wir fast bei allen Autoren die gleichen Methoden angewandt. Es ist klar, dass wir bei statistischer Verarbeitung eines Materials den Ausfall der Reaktionen nicht ver¬ werten können, deren Beweiskraft an sich noch nicht feststeht. Aus der grossen Zahl der Methoden, die uns Aufschluss über Liquorver¬ änderungen überhaupt geben, eignet sich daher nur ein Teil. Auch diesen Reaktionen ist eine Spezifität für die Syphilis nicht zuzuerken¬ nen, abgesehen von der Wasser mann sehen Reaktion und viel¬ leicht, wenigstens bei einer ausgebildeten Zacke, der Goldsolreaktion. Der sich aus dieser Unspezifität ergebende Missstand in der Beurteilung der Befunde wird dadurch in seiner Wirkung gemildert, dass sich der ursächliche Zusammenhang zwischen Lues und Liquorveränderungen wohl nicht allzu schwer hersteilen lassen wird, unter dem Ausschluss anderer ebenfalls den Liquor beeinflussender Prozesse. Dieser letzte Punkt bedarf indes einer gewissen Einschränkung. So konnten nämlich eine Anzahl von Autoren bei Dermatosen, Gonorrhoe und Ulcus molle positive Liquorbefunde erheben, also bei Patienten, die als liquorgesund zum Vergleiche herangezogen wurden. Die Prozentzahlen bewegen sich nach S c h ö n f e Id bei der Phase I auf etwa 8 Proz., beim Pandy auf 42 Proz. Ferner konnten Stern, Schmidts und andere bei luesfreien Fällen Zell- und Eiweissvermehrung feststellen. Handelt es sich bei diesen Befunden auch nicht um sehr ausgeprägte Ergebnisse, so scheinen sie doch wegen der sich aus ihnen ergebenden Rück¬ schlüsse mehr Beachtung zu verdienen, als ihnen gegeben wird. Sie können bei statistischer Verwertung, namentlich an Prostituiertem- Materlal, das meist kombiniert erkrankt ist. unter Umständen das richtige Ergebnis verschleiern. Sie auf mangelnde Untersuchungs¬ technik zu schieben oder die Luesfreiheit dieser Fälle anzuzweifeln, dürfte dabei abzulehnen sein. Die vier Reaktionen Non n es. Zell¬ zählung, Phase I und Gesamteiweissbestimmung sowie der Wasser¬ mann, reichen heute zur Liquordiagnose nicht mehr aus. Zu ihnen muss noch mindestens eine der kolloidalen Reaktionen treten. Der Ausfall der einzelnen Reaktionen ist hinsichtlich seiner Bewertung nicht übereinstimmend betont. Es macht sich bei den sogenannten schwach positiven Befunden, die bei' dem ganzen untersuchten Material eine nicht unbedeutende Rolle spielen, eine verschiedene Beurteilung geltend. So werden z. B. von einer Anzahl von Autoren, unter ihnen auch Nonne, nur Zellzahlen bis 5 als normal angesehen, im Gegen¬ satz zu anderen, wie Gennerich (bis 8), Schönfeld (bis 10). Französische Autoren erachten im Gegensatz dazu bereits 2 Zellen als pathologisch. Bei der Gesamteiweissbestimmung nach N i e s s 1 werden wohl allgemein Werte über 0,02 Proz. als krankhaft bezeichnet. Der Ausfall der Phase I wird verschieden gewertet, je nachdem er Spuren von Opaleszenz oder schwache Opaleszenz zeigt, indem er in dem ersteren Falle als negativ und im zweiten als positiv gebucht wird. Die Pandy sehe Reaktion wird von einer Reihe von Autoren als zu empfindlich abgelehnt. Wir vermissten ihren positiven Aus¬ fall niemals, wenn irgendeine andere Reaktion positiv war. Unter den kolloidalen Reaktionen ist das wichtigste das Goldsol. Ihre grosse Empfindlichkeit hat den Nachteil, dass sie uns möglicherweise Andeu¬ tungen eines positiven Befundes gibt, in Fällen, wo ein solcher nicht vorhanden ist. Da nun die horizontale Linie bei graphischer Dar¬ stellung des Befundes fast zu den Seltenheiten gehört (K y r 1 e). so dürfte es sich als zweckmässig erweisen, geringe Farbdifferenzen, die nur bis rotviolett gehen, als negativ anzusprechen, was von einigen Autoren, aber nicht allen geschieht. Es kommt auch hinzu, dass die Herstellung der Goldlösung trotz purpurroter Farbe nicht immer gleich- mässig gelingt, wie wir besonders an Blutseren gezeigt haben, wobei sich herausstellte, dass die Intensität der Rötung bei verschiedenen Lösungen die gleiche war, obwohl dieselben eine andere Empfindlichkeit besassen. Nur ein Ausfall, der deutliche Zackenbildung aufweist, darf als einwandfreier positiver Befund verwertet werden. Neben der Goldsolreaktion treten die übrigen kolloidalen Reaktionen in den Hin¬ tergrund. Sie geben zum Teil, wie vor allem die Mastixreaktion, ähnliche Resultate, ohne in irgendeiner Weise erstere zu übertreffen. Die W e i c h b r o d t sehe Sublimatreaktion, die von einigen Autoren zur Diagnose in ausgedehntem Maasse herangezogen wurde, scheint wegen einer gewissen übergrossen Empfindlichkeit keine besondere praktische Bedeutung zu erlangen, Schönfeld konnte sie bei den oben genannten „Normalfällen“ in 50 Proz. positiv finden. Ueber die biologischen Reaktionen, wie die Hämolysinreaktion nach Kafka und Weil, liegen grössere Untersuchungsergebnisse nicht vor. Bei der Wassermann sehen Reaktion ist es nach Hauptmann- N ö s s 1 i nötig, bei steigenden Konzentrationen von 0,2 bis konzen¬ triert auszuwerten. Auch schwach positive Befunde sind im Sinne einer luetischen Veränderung zu deuten. Die Frage der Druckmessung bedarf noch einer besonderen Erwähnung. Die Durchschnittshöhe des Druckes wird ganz verschieden angegeben, verschieden beim Liegen und beim Sitzen, nach Kopfhaltung, verschieden bei den einzelnen Autoren. Ein grosser Teil von letzteren hat mit Rücksicht auf die Unsicherheit der Druckmessung davon Abstand genommen, wenigstens bei den frühsyphilitischen Stadien. Diese begnügen sich mit der Fest¬ stellung, mit welcher Intensität der Liquor heraustropft. Wir haben ebenfalls aus den oben erwähnten Gründen späterhin auf eine Messung zichtet. Blutbeimengung zum Liquor, die sich in manchen Fällen nicht eventueller Drucksteigerung durch das Quincke sehe Steigrohr ver- vermeiden lässt, macht diesen für die meisten Reaktionen unbrauchbar, so vor allem für die Goldsolreaktion. Die Zellzählung hat sofort nach der Entnahme des Liquors zu geschehen. Desgleichen muss die Gold¬ solreaktion möglichst sofort nach der Entnahme ausgeführt werden, da längeres Stehen bezw. vor allem Lagerung im Eisschrank die Reak¬ tionsfähigkeit des Liquors beeinträchtigen kann. Die letzteren beiden Untersuchungsmethoden können demnach nicht, wie von einigen Seiten gefordert wird, von einer Zentralstelle vorgenommen werden. Der Liquor kann einen verschiedenen Ausschlag geben, je nach der Liquorportion, in der er vorgenommen ist. Diese Möglichkeit, die besonders nach neueren Untersuchungen (W eigelt) nicht von der Hand zu weisen ist, wurde bisher so gut wie ausschliesslich vernach¬ lässigt. Weinberg, der die einzelnen Liquorportionen fraktioniert untersucht hat, mit Rücksicht darauf, ob sich diese in den einzelnen Abschnitten identisch verhalten, fand zum Teil ziemlich bedeutende Unterschiede. Während er beim normalen Liquor keine grösseren Dif¬ ferenzen beobachten konnte, zeigte sich bei manchen pathologischen Verhältnissen, dass solche bei der Vornahme in drei Portionen zum Teil in sehr starkem Maasse bestehen. Besonders deutlich waren die Verhältnisse beim Zellgehalt, die von hoher Vermehrung in der ersten bis zu normalen Werten in der dritten Portion gingen, bei Zwischen¬ zahlen in der mittleren. Desgleichen fanden sich Differenzen im Globulingehalt. Sogar die Wassermann sehe Reaktion hat stufen¬ weise Unterschiede. Es ist dringend nötig, diese Ergebnisse an grös¬ serem Material nachzuprüfen. Wir selbst haben darüber keine Er¬ fahrung, wie eine solche auch der Mehrzahl der Autoren zu fehlen scheint. Da bei Punktion in Seitenlage der Liquor von allen Seiten Zuströmen kann, im Gegensatz zur Liquorentnahme im Sitzen, können auch hieraus verschiedene Zusammensetzungen des Liquors resultieren. Es ist leider nicht absolut möglich, die Untersuchungsergebnisse der einzelnen Autoren von einer gemeinsamen Basis aus zu betrach¬ ten, da nach verschiedenen Voraussetzungen und nach verschiedener Fragestellung untersucht worden ist, ohne dass erstere immer deutlich genug angegeben wären. Es ist daher nicht gestattet, aus den Befunden gleichsam das Mittel zu nehmen und das Ergebnis daraus als Durch¬ schnittswert zu proklamieren. Es ist klar, dass wir verschiedene Zahlen bekommen müssen, wenn wir z. B. bei der Lues I ohne Rück¬ sicht auf negativen oder positiven Wassermann untersuchen oder den Begriff der Frühsyphilis von zwei auf fünf Jahre ausdehnen. So finden wir in den Untersuchungen, auch noch der letzten Jahre, obwohl das Material identisch genannt wurde, Differenzen zwischen 10 und 86 Proz. Wir müssen bedenken, dass die Schwankungen in den Prozentzahlen in Gründen liegen, die wir, wenigstens zum Teil, kennen. Diese sind verschiedene Einschätzung sogenannter schwach positiver Befunde, die unterschiedliche Punktion im Liegen oder Sitzen, die Möglichkeit von Schichtung des Liquors, die Differenzen im Infektionsalter der Punktierten, die Verschiedenheiten etwa vorausgegangener Therapie, ein eventuelles Vorkommen positiver Liquorbefunde bei Nichtsyphiliti- kern, unterschiedliches Auffassen in der Dauer der einzelnen Stadien usw. Wie immer ist es selbstverständlich, dass wir prinzipiell einem positiven Befund mehr Beweiskraft schenken, als einem negativen. Die wenigsten Untersuchungen liegen über die primäre Lues vor. Im seronegativen Stadium fand Gennerich Veränderungen in 7 Proz., K ö n i g s t e i n in 5 Proz., während Rost und Kyrie in keinem Falle einen positiven Befund erheben konnten. Es ergibt sich also die Tatsache, dass bereits in diesen frühen Stadien Infektionen des Liquors Vorkommen. Bei einem Umschlagen des Wassermanns 1 28 MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT. Nr. 4. gehen die positiven Befunde in die Höhe, indem hier bereits Fleisch- ni a n n 56 Proz. und Fu'hs und Schallinger 64 Proz. positive Befunde erheben konnten. Es handelt sich dabei um durchwegs un¬ behandelte Fälle. Die Veränderungen bestanden, abgesehen von Druck¬ steigerung, in Zellvermehrung bis zu 125 Zellen, in meist schwach positivem Nonne und in Beeinflussung der Goldsollösung. Sehr inter¬ essant sind die Ergebnisse bei Fleischmann, der bereits bei seronegativer Lues I bei 3 Proz. positiven Liquorwassermann sah. Bei sämtlichen Fällen war es bereits zu einer sichtbaren Skleradenitis gekommen, es dürfte sich demnach wohl um die Zeit des Umschlagens des Wassermanns gehandelt haben. Aehnlich hohe Befunde von Liquorwassermann bei negativem Blutwassermann der Lues I, der auch von anderen Autoren vereinzelt gefunden wurde, sind in der Literatur nicht mehr angegeben. Der ebengenannte Autoi fand hei seropositiver primärer Lues in 7 Proz. den Liquorwassermann positiv. Objektiv nachweisbare Nervenschädigungen sind im ersten Stadium der Syphilis bisher noch nicht beobachtet. Die Ergebnisse _ bei pri¬ märer Lues beweisen uns, dass der Liquor etwa um die gleiche Zeit infiziert werden kann, in der die Spirochäten ins Blut übertreten. Ueber Untersuchungen bei sekundärer Syphilis liegen umfangreiche Berichte vor, die sich zum Teil auf mehr als tausend Fälle stützen können. Die Differenzen bei; den einzelnen Autoren, die bei der primären Lues sich in durchaus erträglichem Masse halten, sind hier sehr hoch. So fanden z. B. Rost Veränderungen in 12 Proz., Frühwald in 48 Proz., Behring in 69 Proz., Altmann und D r e y f u s s in 78 Proz., Wechselmann in 86 Proz. Es handelt sich bei diesen Zahlen um Fälle mit und ohne bisherige Behandlung, also um Material, das unter sich sehr verschieden ist. Unsere eigenen Untersuchungen (Mayr und Harlsse). die sich auf gegen hundert Fälle (fast ausschliesslich Frauen) belaufen, entsprechen den Befunden bei denjenigen Autoren, die die spärlichsten Veränderungen fanden. Soweit detaillierte Berichte über die Zeitdauer der Infektion ange¬ geben sind, sehen wir bei einigen Autoren, dass die Prozentzahlen in den ersten beiden Jahren mit der Dauer der Infektion weiter steigen, so bei Rost von 12 auf 28 Proz., bei Kohrs von 54 auf 65 Proz., bei Kyrie von 40 auf 67 Proz. Diese Ergebnisse stimmen nicht ganz mit denjenigen von Königstein und Goldberger über¬ ein, die bei sekundärer Lues ein Steigen der Liquorveränd'erungen nur bis zum 10. Monat nach der Infektion beobachteten, nach diesem Termin ist nach ihnen ein Rückgang zu verzeichnen. So fanden sie im 6. Monat 44,2 Proz., im 8. 51,7 Proz., im 10. 57,9 Proz., im 12. ein Fallen auf 46,5 Proz. und nach dem ersten Jahre 32 Proz. Da die von den erstgenannten Autoren angegebenen Befunde über ein Steigen bis zum zweiten Jahre keine näheren Angaben darüber enthalten, ob zu Beginn oder Ende des zweiten Jahres untersucht ist, werden sich möglicherweise die aus beiden Berichten ergebenden Differenzen den¬ noch auf eine gemeinsame Basis bringen lassen. Wir dürfen diese Zahlen ja doch nicht als unverrückbare Schemata betrachten. Sie kön¬ nen uns immer nur einen gewissen Massstab geben. Als regelmässige pathologische Reaktionen fanden sich bei der sekundären Syphilis Pleozytosen z. T. sehr hoher Grade, meist deutliche Opaleszenz bei der Phase I, typische Lueszacke beim Goldsol. Die Wassermann - sehe Reaktion war nach Fleischmann etwa in 16 Proz. positiv, also nicht häufiger als bei seropositiver primärer Lues. Es handelte sich ausschliesslich um unbehandelte Fälle. Untersuchungen über die Häufigkeit der Liquorveränderungen bei bestimmten Exanthemformen im Verhältnis zu dem ganzen Material, die von einigen Autoren erhoben wurden, so von Königstein, der bei papulösen Ausschlägen 45 Proz. und bei makulösen nur 34 Proz. fand, und von Gennerich, der bei Lues maligna so gut wie keinen Liquorbefund beobachtete, blieben im Allgemeinen resultatlos. Dagegen war die Alopecia spezifica häufiger, als dem Durchschnitt entsprechen würde, mit stark positivem Liquor kombiniert. So berichten Gennerich über 90 Proz., Frühwal1 d über 56 Proz., Königstein über 73 Proz. und Fuhs und Schal¬ linger über 95 Proz. Ueberblicken wir die positiven Liquorbefunde bei der sekundären Lues, so sehen wir eine sehr hohe Beteiligung des Liquors an der Infektion als Ausdruck eines fortschreitenden Prozesses. Nicht nur die Häufigkeit an sich hat zugenommen, sondern auch die einzelnen Reaktionen geben stärkere Ausschläge. Mehr lässt sich zunächst aus dem vorliegenden Material nicht ableiten. Die Untersuchungen bei latenter Lues lauten sehr verschieden. Wir finden hier häufig keine näheren Angaben darüber, ob es sich um Früh- oder um Spätlatens handelt. Wir finden im Durchschnitt etwa folgende Zahlen: Altmann und Dreyfus 23 Proz.. Genne¬ rich 33 Proz., Fleischmann 35 Proz., Kyrie 50 Proz. und Kohrs 54 Proz., im allgemeinen niederere Zahlen als bei der mani¬ festen Frühlues. Die Veränderungen waren auch hier in der Haupt¬ sache Pleozytosen, Eiweissvermehrung, positive Goldsolreaktion und vereinzelt positiver Wassermann. Letzterer wird bis 30,2 Proz. bei ungenügend behandelten Fällen angegeben (F 1 e i s c h m a n n). Wir finden demnach, dass bei der latenten Lues die Prozentzahlen an positiven Liquorbefunden im allgemeinen bei den Autoren wieder ab¬ genommen haben, zunächst ohne näheres Eingehen darauf, ob eine Behandlung vorausgegangen ist. Die Prozentzahlen sind fast gleich bei Wassermann-negativer bezw. -positiver latenter Lues. Untersuchen wir das ganze Material daraufhin, ob behandelt ist oder nicht, so ergibt sich die Tatsache, dass sich gleich hohe Pro¬ zentzahlen bei behandelten und unbehandelten Fällen finden. Bei einigen Autoren schwanken sogar die diesbezüglichen Zahlen zu un- gunsten der behandelten Fälle, so bei Kohrs von 37 auf 54 Proz., bei Fleisch mann von 33,4 auf 66,9 Proz., bei Schäber von 13 auf 15 Proz. G e n n e r i ch hat besonders auf die grossen Unter¬ schiede hingewiesen, die sich bei reiner Quecksilberbehandlung und solcher mit Quecksilber und Salvarsan finden. Die Differenzen be¬ tragen nach ihm unter Umständen bis 54 Proz. zu ungunsten der kom¬ biniert behandelten Fälle. Gennerich schliesst aus diesen Tat¬ sachen, dass seit Einführung des Salvarsans eine Zunahme der Ner- vensyphilis in der Frühperiode verzeichnet werden muss. Den Grund sieht auch er nicht in dem Salvarsan an sich, sondern in einer un¬ genügenden Salvarsanapplikation bezw. in einer alleinigen An¬ wendung des Mittels. Auch Nonne erwähnt, dass eine stärkere Zunahme der syphilitischen Nervenerkrankungen erfolgt ist. Auf die sich aus diesen Tatsachen ergebenden Folgerungen wollen wir weiter unten näher eingehen. In welchem Verhältnis steht die Zahl der positiven Liquorbefunde zu der der klinisch manifesten Nervensymptome? Nach dieser Seite hin sind ebenfalls grössere Erhebungen angestellt worden. Nicht selten fehlen trotz kompletten Liquorbefundes jegliche Symptome am Zentralnervensystem (Frühwald, Gutmann, Kyrie, Nonne, Schönfeld u. a.). Wie nun nicht alle positiven Liquor¬ befunde demnach mit klinisch manifesten Erscheinungen einher¬ gehen, so finden sich auch nicht bei allen klinischen Erscheinun¬ gen, die auf eine Mitbeteiligung des Zentralnervensystems schliessen lassen, positive Liquorbefunde. Trotz sicherer Erkrankung des Zen¬ tralnervensystems können alle Reaktionen negative Werte ergeben. Es erhebt sich nun die Frage: werden die Liquorveränderungen bezw. die klinischen Nervenbefunde durch die Therapie beeinflusst? Verfolgen wir das Schicksal der Fälle mit positivem Liquor, so zeigt sich nach der Zusammenstellung von Brandt und Mras, dass Ver¬ änderungen, die die Sekundärperiode überdauern, ziemlich resistent erscheinen, dass jedoch die Befunde aus der Latenzzeit gegenüber denen bei manifester zweiter Lues fast um die Hälfte Zurückbleiben. Da ein Rückgang der Veränderungen auch ohne jede Behandlung ein- treten kann, ergibt sich die Möglichkeit von Spontanheilungen bezw. -Besserungen. Im Gegensatz dazu kann trotz, nach unseren jetzigen Begriffen ausreichender Behandlung ein anderer Teil zu metaluetischen Prozessen führen. Es erscheint zunächst hoffnungslos, die Therapie in Zusammenhang mit einer Sanierung des Liquors zu bringen, da wir ja gleich hohe Prozentzahlen von Liquorveränderung bei behan¬ delter und unbehandelter Lues vorgefunden haben.. Trotzdem ist eine ausreichende Therapie, über deren Höhe freilich die Meinungen noch weit auseinander gehen, imstande, den Liquor zu bessern oder negativ zu machen. So führt S c h ö nf e 1 d eine Reihe von mehrmals punktierten, genau untersuchten Fällen an, bei denen eine prompte Beeinflussung der Befunde erzielt wurde (Herabsetzung des Zell¬ gehaltes, Negativwerden der Phase I des Wassermanns). Dagegen konnte ein Zurückgehen sämtlicher Befunde nicht erreicht werden. Auch die vorhandenen klinischen Erscheinungen erwiesen sich als der Rückbildung zugängig. Wie aus allen Untersuchungen hervorgeht, sinkt die Beeinflussungsmöglichkeit mit der Dauer des Prozesses. Es scheint ferner zu den Ausnahmen zu gehören, wenn ein einmal negativ gewordener Liquor, sei es nach Behandlung oder nach Spontanheilung, wieder umschlägt. Die einzelnen Liquorveränderungen sind verschieden leicht zu beeinflussen. Am Günstigsten scheinen die Verhältnisse bei den reinen Pleozytosen zu liegen, die auch am häufigsten Spontan¬ heilungen ergeben. Eine ziemlich bedeutende Resistenz zeigen fast ausschliesslich der Wassermann und die Goldsolreaktion. Von einigen Autoren wird letzterer überhaupt jede Beeinflussbarkeit abgesprochen. Geringfügige positive Befunde, wie Grenzwerte von Zellzahten, Spuren von Opaleszenz können sich der Behandlung gegenüber in manchen Fällen kaum weniger resistent erweisen als komplette Befunde. Welche Behandlung wird sich am geeignetsten zur Liquorsanierung erweisen? Es .erweckt vielleicht zunächst den Anschein, als ob einer reinen Quecksilberbehandlung der Vorzug zu geben wäre, im Hinblick darauf, dass seit Einführung des Salvarsans eine Vermehrung der Liquorbefunde beobachtet wird. Ist diese Tatsache geeignet, das Sal¬ varsan zu diskreditieren? Wohl nur dann, wenn wir die Dosen zu gering nehmen. Es wäre nicht zu verantworten, auf ein so wertvolles Mittel wie das Salvarsan zu verzichten, nür aus dem Grunde, weil es durch ungenügende und zu geringe Dosierung Verschlechterung eines Prozesses nach sich ziehen kann, der bei entsprechender Be¬ handlung mit dem gleichen Mittel günstig beeinflusst wird. Dass aber eine rein symptomatische Salvarsanbehandlung. die nur bis zum Verschwinden der klinischen Symptome fortgesetzt wird, bei sekun¬ därer Lues keine ausreichende Dosierung darstellt, zeigen die Beo¬ bachtungen. dass diese Fälle fast durchwegs eine Verschlechterung aufwiesen. Nonne stellt für die Gesamtbehandlung der Lues mit besonderer Berücksichtigung der Nervenlues Quecksilber und Jod in den Vordergrund, betont besonders den Wert einer energischen Schmier¬ kur. während er die grosse Bedeutung des Salvarsans besonders mit Rücksicht auf dessen symptomatische Verwendbarkeit voll anerkennt. Da sich nun nach den Erfahrungen einiger Autoren (bes. Brandt und Mras) Fällen, deren Blutwassermann sich als resistent gegenüber jeglicher Behandlung erweist, auch häufig eine geringere Beeinflussbar¬ keit der Liquorveränderungen zur Seite steht, so ist diesen erhöhte Aufmerksamkeit zu schenken und wenn es sich mit der Kur irgendwie verträgt, diese bis zum Negativwerden des Blutwassermanns, der ja schliesslich bis zu einem gewissen Grade auch nur ein Symptom der Lues darstellt, fortzusetzen. Es besteht ein Widerspruch darin, wenn wir auf der einen Seite das Verschwinden von Liquorerscheinungen MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT. 129 >7. Januar 1922, ils ein erstrebenswertes Ziel hinstellen, während auf der anderen Seite einem positiven Blutwassermann nicht die gleiche Bedeutung uerkannt wird. Kräftige Schmierkuren scheinen besonders geeignet, len Liquor zu sanieren. Die endolumbale Salvarsanbehandlung, die on Qennerich bekanntlich, übrigens immer im Verein mit intra¬ venöser Injektion, auch bei den Frühstadien der Liquorlues (N a s t) efordert wird, ist bisher in ausgedehntem Maasse eigentlich nur von tim selbst in Anwendung gebracht worden. Von der Mehrzahl der vutoren, unter ihnen auch Nonne, wird die endolumbale Behandlung ehr vorsichtig gewertet, bzw. ihr jeder Erfolg abgesprochen (Kohr s). ton einigen Seiten (Wa g n e r- J a u r e g g, Brandt und Mras) vurde versucht, die kombinierte Kur mit einer Fiebertherapie zu Unter¬ hitzen durch parenterale Gaben von Milch, Kasein und dgl. Wir aben bereits oben darauf hingewiesen, dass es Veränderungen des Zentralnervensystems gibt, die frei von Liquorerscheinungen sind, da dcht jede Affektion des ZNS. auch zu einer gleichzeitigen Erkrankung einer Häute führen muss (Ros t). Es besteht daher die Möglichkeit, lass beide Prozesse getrennt vorhanden sind, dass die Behandlung vohl die meningealen Symptome zum Schwinden bringen kann, ohne lass auch die zerebralen Erscheinungen den gleichen Rückgang zeigen. )enn es finden sich Fälle, bei denen trotz Rückgangs der Liquorverän- lerungen ein Fortschreiten des Prozesses beobachtet wird. Bei an- leren Fällen kann trotz nach unseren Anschauungen ausreichender Behandlung sich, sogar unter der Behandlung, aus einem schwach posi- iven Befund ein kompletter entwickeln, bzw. können Veränderungen iberhaupt erst in Erscheinung treten. Möglicherweise handelt es sich iei diesen Fällen um eine Erscheinung, die analog dem Auftreten on Liquorveränderungen bei unzureichender Salvarsanbehandlung ist, udem die ersten Salvarsandosen im Sinne eines Reizes wirken, ohne lass die durch diese erzeugten Veränderungen sofort wieder durch die veitergehende Therapie beeinflusst werden. Die prognostische Bedeutung der Liquorbefunde ist sehr schwie- ig. Ohne dass es zu irgendwelchen klinischen Manifestationen kom¬ men muss, kann ein Liquor über Jahre und vielleicht dauernd positiv lileiben. Ob damit gesagt ist, dass diese Liquorbefunde oder ein Teil ron ihnen für den Träger deshalb mehr oder weniger irrelevant sind, nuss nach den Erfahrungen K y r 1 e s angezweifelt werden, der bei ositivem Liquor 10 mal häufiger auch positive Nervensymptome fand, ls beim Fehlen von pathologischen Veränderungen. Nach Drey- us bedeutet ein positiver Liquor trotz 12 monatlicher energischer Behandlung (er gab bis zu 10 g Salvarsannatrium) ein sehr un- iinstiges Zeichen. Desgleichen ist eine deutliche, ausgeprägte Gold- olreaktion nicht gleichgültig, weil sie in der Regel1 irreversible Ver- nderungen anzeigt. Wir unterscheiden am besten bei der Frage der prognostischen Bedeutung zwei Momente: Können wir erstens erwar- en, den Liquor negativ zu machen und zweitens, welche Aussichten jiestehen für den Träger eines anscheinend nicht beeinflussbaren Jquors. Die erste Frage fällt mit der der Therapie zusammen. Die weite ist durch alle Untersuchungen nicht gelöst. Nach wie vor hat ie Diskussion, warum nur wenige Prozent der Syphilitiker an Metalues rkranken, warum trotz starker Liquorlues keine Nervenlues besteht, u keinem eindeutigen Ergebnis geführt. Solange alle diese Fragen icht gelöst sind, scheint den prognostischen Deutungen der rechte Irund zu fehlen. Man wird sich zunächst wohl am besten dem Ans¬ pruch N o n n e s anschliessen, der sagt, man müsse sich hüten, den ■rognostischen Wert positiver Liquorreaktionen im ungünstigen Sinne u überschätzen. Von einer regelmässig vorzunehmenden Punktion, vie manche Autoren bereits Vorschlägen, kann für den Praktiker schon us rein äusseren Gründen gar keine Rede sein, abgesehen davon, ass wir prognostisch nur aus den Ergebnissen mehrmaliger Punktion 'chlü'sse ziehen können. Für ihn kann es sich in der Hauptsache lur darum handeln, die sich aus den Liquoruntersuchungen ergebenden torderungen hinsichtlich der Therapie bei jeder Lues zu ziehen, und war vom Anfang der ganzen Behandlung an. Dieses therapeutische landein wird sich in der Regel auch dann nicht anders verhalten :önnen, wenn ein positiver Liquorbefund bekannt ist. Aus der Zähl nd Grösse der vorangegangenen Kuren wird sich bei Patienten, die bis- er durch eine andere Stelle behandelt worden sind — es dürfte sich rnpfehlen, dass jeder Arzt dem Patienten Aufschluss, am besten ■chriftlich über die Art und Dosierung der durch ihn vorgenommenen (uren gibt — auch ein gewisser Wahrscheiolichkeitsbefund über den -iquor feststellen lassen. Die Resistenz eines Blutwassermanns kann ms ja, wie oben erwähnt, auch einen gewissen Anhaltspunkt dafür eben. Die Kuren haben intermittierenden Charakter zu tragen und war derart, dass zu Beginn der Erkrankung der Zwischenraum nicht ber 2 bzw. 3 Monate beträgt. Die Gabe von 3 g Salvarsan bei den rsten Kuren erscheint uns zu niedrig. Sie wird am geeignetsten gegen g betragen und mit den entsprechenden Mengen Quecksilber, die sich us der Zeitdauer der Salvarsanbehandlung ergeben, kombiniert. Das Fehlen ines Wassermanns im Blute kann, wenn die Lues noch als bestehende ugenommen werden muss, auf Grund der vorausgegangenen Behand- ung niemals eine Kontraindikation für eine Behandlung geben, da uns a auch wieder die Liquoruntersuchung durch die Möglichkeit von Ver- nderungen trotz negativen Blutwassermanns die Grenzen der .eistungsfähigkeit der W a s s e r ma n n sehen Reaktion betreff der ■uesdiagnose gezeigt hat. Es wird dadurch in solchen Fällen, wo die Vahrscheinlicbkeit der Ausheilung eines luetischen Prozesses bewie- en werden soll, eine solche nur nach einem negativen Liquorbefund eben. Gennerich hat vorgeschlagen, bei diesen Fällen vorher 'rovokatorisch Salvarsan zu geben und erst im Anschluss daran die Punktion vorzunehmen. Uns erscheint dieser Vorschlag nicht un¬ bedenklich, wenn man überblickt, dass möglicherweise die durch diese Provokation hervorgebrachten Liquorveränderungen auch durch sofort einsetzende Therapie nicht mehr zurückgebildet bzw. erst später, als die Punktion erfolgt, manifest werden, ohne dass in diesen Fällen sofort behandelt wird. Wir werden vielleicht überhaupt die ganze Provokation, auch die zum Positivwerden eines Blutwassermanns, nicht mehr als unbedeutenden Eingriff bewerten dürfen, besonders da die etwa ein¬ geleitete Behandlung doch erst nach 10 bis 14 Tagen erfolgt und sich das Auftreten von Liquorveränderungen nach den vorliegenden Untersuchungen durch Repunktionen bereits in kürzerer Zeit einstellen kann. Die Liquoruntersuchung wird stets dann gefordert werden müs¬ sen, wenn irgendwelche Nervensymptome auf eine Beteiligung des Zentralnervensystems hinweisen. Die endolumbale Behandlung wird für die Praxis nicht in Frage kommen. Es ist zu hoffen, dass durch die durch Plaut angegebene Methode der Punktion beim Kaninchen, die es ermöglicht, wiederholt bei demselben Tier durch Einstechen der Punktionsnadel durch das Ligamentum obturatorium in das Foramen magnum Zerebrospinalflüssigkeit zu entnehmen, durch systematische Untersuchungen am Experiment eine Reihe schwebender Fragen einer näheren Durchforschung unterzogen werden. Die bisher vorliegenden Ergebnisse von Plaut und M u 1 z e r, die bei syphilitischen Kaninchen unter 43 Punktionen in 27 Fällen positive Liquorbefunde erheben konnten, sprechen in diesem Sinne. Diese Untersuchungsmöglich¬ keiten, die uns natürlich wegen der Verschiedenheiten von Menschen- und Kaninchensyphilis niemals die Beobachtungen am Menschen er¬ setzen können, werden uns voraussichtlich bei Fragen der Liquor¬ syphilis eine wertvolle Unterstützung geben, vor allem deshalb, weil wir genau über das Alter der Infektion unterrichtet sind. Wir können hier auch wirklich identische Fälle . miteinander vergleichen. Diese Aussicht ist deshalb umso erfreulicher, weil noch über so vielen Fragen betreffs Verhältnis von Syphilis und Liquorveränderungen ein Schleier liegt. Bücheranzeigen und Referate. J. S a I p e t e r - Wien: Einführung in die höhere Mathematik für Naturforscher und Aerzte. 2. Auflage. 385 Seiten mit 153 Figuren im Text. Verlag von G. Fischer, Jena 1921. Preis M. 70, gebunden M. 80. Immer wieder wird von Mathematikern der Versuch gemacht, ihre hehre, aber auch durch ihre unerbittliche Strenge in mancher Hinsicht herbe Wissenschaft den Aerzten zugängig zu machen. Die Vielfältig¬ keit dieser Versuche beweist aber, dass bei aller anerkannten Not¬ wendigkeit, das Ziel zu erreichen, die Bemühungen doch als nicht hin¬ reichend angesehen werden. Auch das vorliegende Buch ist aus dem Grunde entstanden, weil der Verfasser kein Lehrbuch fand, das seinen Anforderungen sowohl in bezug auf die Behandlung als auch in bezug auf die Auswahl des Stoffes gerecht wurde. Was die Behandlung des Stoffes betrifft, so will Verfasser die Strenge und Exaktheit der Definitionen und Beweisführungen auf das gerade notwendige Mass beschränken und nur die „vernünftigen Funktionen“ in den Kreis der Betrachtung ziehen, wobei er ausgiebigen Gebrauch von der „naiven geometrischen Anschauung“ machen will. Dass dabei vielfach andere Wege als in den gangbaren Lehrbüchern der Infinitesimalrechnung eingeschlagen werden, erhöht den Wert des Buches. Die Auswahl des Stoffes wurde so getroffen, dass der Leser sich das Wesen der mathematischen Behandlung naturwissenschaft¬ licher Probleme an vielen Beispielen klarzumachen vermag. Der erste Teil des Buches bringt die Differential-, der zweite die Integralrechnung, der dritte Unendliche Reihen und Reihenentwick¬ lungen von Funktionen. In einem Anhang werden noch stetige und unstetige Funktionen behandelt. Vom Standpunkte des die Mathematik liebenden Mediziners — und nur um diesen soll es sich hier handeln — muss die Darstellung als sehr anziehend, förderlich und durch die vielfältigen Anwendungen sehr lehrreich bezeichnet werden. An manchen Stellen wäre freilich er¬ wünscht, wenn dem vom Gymnasium her mit recht wenig Vorkennt¬ nissen ausgestatteten Mediziner eine grössere Atempause gegönnt würde, denn die Fülle der mathematischen Gesichte ist an solchen Stel¬ len eine recht grosse. Vorbildlich erscheint in dieser Beziehung dem Referenten das Lehrbuch von F. Autenheimer. Sehr nützlich sind in dem Salpeter sehen Buche auch die überall den einzelnen Kapiteln angefügten Uebungen. K. Bürker- Giessen. Arbeiten aus dein Pathologischen Institut der Universität Helsingfors, herausgegeben von E. A. H o in e n und Axel W a 1 1 g r e n. Neue Folge. Zweiter Band. Drittes und viertes Heft. 6 Tafeln. Jena, Gustav Fischer, 1921. 1. E. A. Homen: Experimentelle und pathologische Beiträge zur Kenntnis der infektiös-toxischen, meningealen Veränderungen nebst einem bakterio¬ logischen Anhang von C. N y b e r g. Die Arbeit stellt eine Fortsetzung der im ersten Hefte erschienenen Untersuchungen über die infektiös-toxische, nicht eitrige Enzephalitis dar. In ausführlicher Weise wird der Verlauf der Menigitis bei ver¬ schiedenen Infektionserregern im histologischen Bilde geschildert. Die Untersuchungen führen zu bemerkenswerten Schlüssen: Von grösster 130 MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT Nr. 4. Bedeutung für dis gewebliche Reaktion in den Meningen bei ihrer Infektion ist ihre Affinität zu den betreffenden Infektionserregern, wenn auch Virulenzgrad, Menge, momentane Disposition des Individuums wichtige Unterfaktoren bilden. Der Staphylococcus aureus hat fast keine Affinität zu den Hirnhäuten, die von ihm passiert werden, ohne dass er sich ansiedclt und ohne eigentliche meningitische Veränderungen hervorzurufen; zum Gehirn hingegen hat der Staphylococcus aureus grosse Affinität. Aehnlich verhalten sich Typhus- und Kolibazillen. Schwache Affinität zu den Meningen besitzt der Streptococcus pyo¬ genes, der Diplococcus pneumoniae und der Streptococcus mucosus. Wenn sie auch für gewöhnlich nur unerhebliche Veränderungen in den Meningen auslösen, können sie bei starker Virulenz oder bei abge- schwächter Widerstandskraft des Individuums schwerere leukozytäre Exsudationen hervorrufen. Die Bakterien finden sich dabei frei im Gewebe, zum Teil in grösserer Menge in thrombosierten Gefässen. Grosse Affinität zu den Meningen kommt den Meningokokken, den Influenzastäbchen, der Spirochaete pallida zu; bei ihnen setzt das Ex¬ sudat auffallend frühzeitig ein. Der histologische Ablauf der Infektionen hat, wenn auch graduell ausserordentlich verschieden, bei den ein¬ zelnen Gruppen grosse Aehnlichkeit: den das Bild zuerst beherrschen¬ den Leukozyten mengen sich allmählich mehr und mehr Lymphoid- zellen, dann grössere Lymphozyten und Plasmazellen bei; verschieden ist die Neigung zur Fibrillenbildung im entzündeten Gewebe; bei Svm- biose der hauptsächlich Meningitis erregenden Bakterien mit Anaero¬ biern ist der meningitische Prozess meist stärker ausgebildet, bei Toxinämien ohne Anwesenheit von Bakterien ist die Meninxreaktion ausserordentlich gering. Im Anschluss an Homens Untersuchungen beschreibt C. Ny¬ berg die bakteriologische Identifizierung der bei menschlicher Menin¬ gitis gefundenen Infektionserreger. 2. Ludwig I. Lindström; Studien über maligne Nierentumoren. An reichem Beobachtungmaterial wird die histologische Struktur der malignen Nierentumoren eingehend erörtert, darnach werden die Nierengeschwülste eingeteilt in Mischgeschwülste, in Nierensarkome, in Nierenkarzinome, in Nierenbeckenkarzinome, in Grawitzsche Tu¬ moren. Mischgeschwülste wie Grawitzsche Tumoren werden von embryonal aberrierten Zellen abgeleitet. Die Nierensarkome der Kinder stehen den Mischgeschwülsten nahe, während die der Er¬ wachsenen auch von entwickeltem Bindegewebe ausgehen können. Ableitung der Grawitzschen Tumoren von versprengten Neben¬ nierenkeimen wird abgelehnt. Matrix für sie sind Nierenelemente. Der Name Grawitzsche Tumoren ist beizubehalten, da unter ihnen die überaus mannigfaltigen histologischen Bilder der Geschwulstgruppe zusammengefasst werden können. Die anatomische Einteilung der Nierengeschwülste ist klinisch kaum zu verwenden, da die Symptome bei den verschiedenen Typen völlig gleich sein können. Der Verlauf ist auch verschieden bei Kindern und bei Erwachsenen. Die Therapie kann nur eine operative _ sein; ausserordentlich schlecht ist die Prognose bei Operation von Kindern unter 15 Jahren; alle erlagen innerhalb 9 Monaten nach der Operation. Bei Erwachsenen kann man auf eine Heilung von % bis LS der operierten Fälle rechnen. Eine unterschiedliche Prognose bei den ver¬ schiedenen Geschwulsttypen aufzustellen, ist nicht berechtigt. Im | allgemeinen verlaufen anablastische Geschwülste rascher und bösartiger als mehr differenzierte. 3. W. Kankaanpää: Experimentelle Beiträge zur Kenntnis der Lymphdrüsen Veränderungen- bei ver¬ schiedenen Infektionen. Als Infektionserreger wurden verwendet Bacillus pyocyaneus, Staphylococcus aureus, Bacillus typhi, Streptocccus longus. Die Ver¬ änderungen, die sie in Lymphdrüsen setzen, verlaufen ausserordentlich ähnlich. Der Infektionsmodus ist also hiefür ziemlich gleichgültig. In den ersten Stunden tritt stärkere Blutüberfüllung in den Lymphdrüsen auf, mit Blutaustritten in die Sinus und die Rindenknötchen. Diesem Stadium folgt eine stärkere Proliferation der Lymphozyten, besonders in den Knötchenzentren (zahlreiche Mitosen). Auch granulierte, aus den Blutgefässen stammende Zellen treten häufiger auf; sie sind aber ausserordentlich labil; Degenerationserscheinungen stellen sich rasch ein. Die Bakterien verschwinden im allgemeinen verhältnis¬ mässig rasch aus den Drüsen, lassen sich beim genesenden Tier nicht mehr nachweisen, finden sich dagegen reichlicher bei schwer krankem oder agonalem Zustand. Die Proliferation der Lymphozyten dauert 2 — 3 Wochen. In ganz schweren Fällen tritt die Lympho¬ zytenproliferation gegenüber regressiven Metamorphosen zurück. Aus¬ gedehnte Nekrosen treten auf. Lymphozytenzahl ist stark vermindert, granulierte Zellen fehlen in diesen Fällen vollständig. Oberndorfer - München. R. Weiss: Die schnellsten und einfachsten qualitativen und quantitativen Untersuchungsmethoden zur klinischen Diagnostik. Berlin. Fischers mediz. Buchhandlung H. Kornfeld', 1921. Zweite ver- grösserte Auflage. Preis 24 M. Ausarbeitung und Zusammenstellung einer Reihe einfacher prak¬ tischer Methoden zur schnellen Ausführung qualitativer und quanti¬ tativer chemischer Bestimmungen, wie sie sich für den Kliniker eignen. In die zweite, wesentlich erweiterte Auflage wurde unter Mitarbeit von Dr. Engelen eine Anzahl weiterer Untersuchungsmethoden aufge¬ nommen. Man findet Untersuchungsmethoden des Harns, des Magen¬ inhalts. des Stuhls, des Blutes, der Spinalflüssigkeit, der Nieren- und Leberfunktion, sowie bakteriologische Färbungen. Auf eine grosse Anzahl billiger und einfacher Apparate und volumetrischer Glasgefässe zur Ausführung der Bestimmungen wird hingewiesen. Ob wirklich alle angegebenen Methoden den Anforderungen auf Exaktheit, die auch der Kliniker stellen muss, in gleicher Weise genügen,^ möchte ich dahin¬ gestellt sein lassen, das muss durch zahlreiche Einzeluntersuchungen entschieden werden. Jedenfalls ist das Buch für jedes klinische Laboratorium empfehlenswert, besonders in der jetzigen Zeit, in der man so sehr mit Chemikalien sparen muss und das Anschaffen kost¬ spieliger Apparate meist unmöglich geworden ist. Kämmerer - München. Pincussen (II. med. Klinik Berlin) : Mikromethodik. Leipzig 1921. Georg Th i e me -Verlag. Preis 14.40 M. ' . Während das oben besprochene Weiss sehe Büchlein den Haupt- ! nachdruck auf Einfachheit und Schnelligkeit legt, ist hier der Kernpunkt die kleinste notwendige Menge des Untersuchungsmaterials. Verf. be¬ tont mit Recht, dass aber nur solche Mikrobestimmungen Wert haben, deren Ergebnisse denen der üblichen Makrobestimmungen durchaus < gleichwertig sind. Für die Blutuntersuchungen sind grossenteils, aber nicht ausschliesslich, die Bang sehen Mikromethoden beschrieben, auch | auf die kolorimetrischen Methoden, das Arbeiten mit der Torsionswage und die Nephelometrie geht Verf. ein. Ein letztes Kapitel beschäftigt ! sich mit der Blutuntersuchung durch Gasanalyse, in einem Anhang; ist die Michaelis sehe Indikatorenbestimmung der Wasserstoffionen¬ konzentration dargestellt. Auch dieses Buch wird dem klinisch¬ chemischen Untersucher gute Dienste leisten. Kämmerer - München. Deutsche Orthopädie. Herausgegeben von Hermann Gocht 4. u. 5. Band. F. Enke. Stuttgart. 1921. Es ist als ein Zeichen ungebrochenen Mutes zu begrüssen, dass! die Ergebnisse der während des Krieges geleisteten wissenschaftlichen Arbeit' für die Zukunft festgehalten werden, deshalb erwerben sich die; Verfasser, der Herausgeber und der Verleger der vorliegenden Bände; ein besonderes Verdienst. Stoffel hat die reichen Erfahrungen in Muskel- und Sehnenoperationen, die er während des Krieges gemacht hat. in vortrefflicher Form niedergelegt. B 1 en ck e hat die. Amputabons-I Stümpfe, Morn ms en Kontrakturen und Ankylosen, Möhring die Uebungsbehandlung und P e 1 1 e s oh n und Singer die hysterischen Deformitäten bearbeitet. Eine wahre Fundgrube von guten Beobach¬ tungen bringt die Darstellung der Nervenoperationen von Spitzy, Wien. In einem gesonderten Band berichtet Georg Hohmann über die Behandlung der Pseudarthrosen und die durch Knochendefekte ent¬ standenen Schlottergelenke. Wichtig für die allgemeine Praxis ist. dass vor der frühzeitigen Entfernung von Splittern bei komplizierten Knochenbrüchen dringend zu warnen ist, weil eine grosse Anzahl von Pseudarthrosen auf dieser Grundlage entstehen. Für Pseudarthrosen im Humerus und Femur empfiehlt Hohmann gründliche Anfrischung. Im Vorderarm und im Unterarm zieht er in der Regel die Einpflanzung eines Knochenspanes vor. F. L a n g e - München. Spätfolgen der Unfallverletzungen. Ihre Untersuchung und Be¬ gutachtung. Von Geh. Med.-Rat Prof. Dr. G. Ledderhose in München. Stuttgart. Verlag von F. Enke. 1921. Seitenzahl 186 Die naheliegende Frage, ob neben den bekannten grösseren Werken über Unfallmedizin, Begutachtung etc. ein knapper gestaltetes Werk, wie das vorliegende, eine Existenzberechtigung für sich beanspruchen könne, darf auf Grund näherer Kenntnis der hier gegebenen Darstel¬ lung der Materie mit gutem Gewissen bejaht werden. Denn es ent¬ hält tatsächlich eine Fülle sehr schätzbarer, aus reichster persön¬ licher Erfahrung des Verfassers messender Ratschläge und Gesichts¬ punkte. Die einleitende Zusammenfassung der wesentlichsten gesetz¬ lichen Grundlagen für die ärztliche Begutachtung im Gebiete der RVO. bringt in knappster Form das Notwendige, was der Gutachter unbedingt wissen muss, wenn seine Arbeit im Spruchverfahren etwas nützen soll, also die Bestimmungen vornehmlich über Krankenbehandlung Unfall-, verletzter, Wartezeit, Rentengewährung, Gewöhnung, Wiedergewäh- rung von Renten etc., auch das Wichtigste aus den Bestimmungen der' RVO. für die Krankenversicherung. (Die Invalidenversicherung is! nicht berücksichtigt.) In den allgemeinen Kapiteln über Gutachten und Untersuchung wendet sich L. mit Recht (ob aber mit Erfolg?) gegen die Prozenten-Fuchserei', welche dem Gutachter sehr wider seinen Willen von den Versicherungsträgern und Spruchbehörden so oft auf¬ gehalst wird. Aus den eigenen wissenschaftlichen Beiträgen des Ver¬ fassers ist besonders das Studium und die praktische Auswertung über Arthritis deformans und die nach L. damit zusammenhängend-. Erkrankung der Palmarfaszie zu erwähnen. In der Simulationsfragt nimmt Verfasser mit Recht einen Standpunkt ein. den man als einer ..affektfreien“ bezeichnen und schätzen darf1. Betreffs der Symp¬ tomatologie der Unfallneurosen pflückt L. manches Blättlern weg, da; man gewöhnt war, als nicht ganz unwesentlich für die Diagnose z> betrachten, z. B. das Verhalten von Reflexen, den Dermographismus die ehedem hochgeschätzte konzentrische Gesichtsfeld-Einengung um dergl. Die Oppenheim sehe Lehre von der traumatischen Neurosr ist ia nicht mehr anerkannt. Aus dem speziellen Teil der Unfallfolger an den verschiedenen Regionen des Körpers soll hier nichts heraus¬ gehoben werden, als z. B. die Darstellung über die Untersuchung um Begutachtung betr. der Hernien, wo L. einen in mancher Hinsicht vor der Spruchgewohnheit des RVA. abweichenden Standpunkt einnimmt dann die besonders verdienstlichen Ausführungen über das Kapitel de 27. Januar 1922. MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT. 131 „Rückenschmerzen“, endlich die Auseinandersetzungen über Osteo¬ myelitis, Tuberkulose, Arthritis deformans, über die Methoden des Messens an den Extremitäten, über die Bedeutung der Schwielen, die Erkennung der Rechts- oder Linkshändigkeit. Die praktisch dienlichste Form der Untersuchung bei Bewegungsstörungen, z. B. der Fuss- gelenke, welche durchaus nicht als Gemeingut aller Begutachter gelten kann, findet eine sehr anschauliche und instruktive Darstellung. Hand¬ griffe und Finessen mancher Art finden sich da verzeichnet, welche sich nur dem langjährigen Untersucher von Rentenbewerbern nach und nach auftun, aber jedem Begutachter nützlich sidh erweisen wer¬ den, wenn er sie nur einmal erfahren hat. Durch den völligen Ver¬ zicht auf Bilder und Literatur ist in dem nicht umfänglichen Werke eine Unmenge sehr wissenswerten Erfa’hrungs- und Lehrstoffes auf¬ gehäuft, so dass es sicher auch kein Erfahrener aus der Hand legen wird, ohne etwas Neues daraus gelernt zu haben. Grassmann - München. Heinrich Marzeil: Neues illustriertes Kräuterbuch. Mit Beiträgen von Apotheker Dr. Hugo Ziegenspeck, Dr. med. K. K a h n t und Prof. Dr. Heinrich M a r z e 1 1 senior. Reutlingen, Ensslin und Laib lins Verlagsbuchhandlung. Ladenpreis M. 32. — . Das 711 Seiten starke Buch bietet eigentlich viel mehr als der Name sagt. Es will den botanischen Laien in die Kenntnis der in Mittel¬ europa wildwachsenden und der angebauten Gewächse einführen und ihm deren praktische Verwendung, in erster Linie in der Heilkunde, dann im Haushalte, in der Industrie, Technik usw. darlegen. Das Auf¬ suchen („Bestimmen“) einer Pflanze geschieht in sehr einfacher, ge¬ schickter und origineller Weise, und zwar nicht nach der althergebrach¬ ten Art der sonst allgemein üblichen Bestimmungsschlüssel, die alle mehr oder weniger auf den feineren Blütertbau Rücksicht nehmen, son¬ dern nach leicht erkennbaren Merkmalen (Wuchsform, Blütenfarbe) und vor allem nach dem Standort der Pflanze (Wiese, Wald, Moor, Wasser, Ackerland, Sandboden usw.). Diese Anordnung ermöglicht es _ denn auch dem Nichtfachmanne, sich verhältnismässig leicht zurechtzufinden. Die botanischen Kunstausdrücke sind in einem kurzen, den Bau und das Leben der Pflanze behandelnden Teile erklärt. Ganz besondere Beachtung hat der Verfasser den deutschen Volksnamen und der Pflanze im Volksglauben gewidmet, auf welchem Spezialgebiet Dr. Mar zell seit Jahren bekanntlich erfolgreich schöpferisch tätig ist. Kein anderes Kräuterbuch enthält so viel Volksnamen (gegen 6000) aus allen Teilen des deutschen Sprachgebietes. Weitere Kapitel beschäfti¬ gen sich mit den Ersatzstoffen für Drogen, Genussmittel, Faserstoffe, andere mit dem Einsammeln und der Aufbewahrung der Heilpflanzen, mit der Zubereitung und den Bezugsquellen der Drogen, mit dem Pflan¬ zenschutz usw. Ein wertvolles Literaturverzeichnis und ein umfang¬ reiches alphabetisches Register schliessen das sehr vielseitige, zuver¬ lässige und kritisch durchgearbeitete Buch, das auch grösseren An¬ sprüchen gewachsen ist. Das Buch enthält 32 prächtige Farbentafeln von dem wohlbekannten naturwissenschaftlichen Zeichner Prof. Morin in München, ausserdem noch eine grosse Anzahl Textabbildungen. Mit Rücksicht auf die heutigen Verhältnisse ist die Ausstattung des Buches, das für jeden Pflanzenliebhaber eine reiche Fundgrube bietet, eine vor¬ treffliche. Gustav Hegi. Carl Posner: Rudolf Virchow. 3. Auflage. Rikolaveriag, Wien, Berlin, Leipzig, München 1921. 91 Seiten 8 °. Mit einem Bildnis. Wer einen Führer durch die Lebensarbeit des Phänomens Rudolf Virchow braucht — und jeder Arzt sollte einen solchen besitzen — , der sei auf dieses kleine, mit Verständnis und Herzenswärme ge¬ schriebene Büchlein aufmerksam gemacht. Die schöpferischen Lei¬ stungen V i r c h o w s auf dem Gebiete der Pathologie und medizini¬ schen Theorie, die einem halben Jahrhundert den Stempel aufdrückten, sind klar herausgearbeitet, aber auch die sehr interessante Tätigkeit Virchow s auf anderen Gebieten, vor allem auf politischem Gebiete, nicht übersehen. Das Heft ist das erste Bändchen einer^ von Neu¬ burger herauszugebenden Serie „Meister der Heilkunde“. Kerschenstein er. Pharmazeutische Rundschau. Von Oberapotheker Dr. Rapp in München. Es sind 11 Jahre verflossen, seitdem das letzte deutsche Arznei¬ buch (5. Auflage) erschienen ist. Wie berichtet wird, arbeitet man bereits an der neuen Auflage, jedoch soll deren Herausgabe noch längere Zeit beanspruchen. Es dürfte daher nicht zu spät sein, einige Kapitel des Arzneibuches vom medizinischen und pharmazeutischen Standpunkte aus zu besprechen. Ich habe als Thema der vorliegenden Rundschau „1. Maximaldosen und 2. Dosierung der neueren Arznei¬ mittel“ gewählt; andere Kapitel sollen im Laufe des Jahres folgen. In den 26 existierenden Arzneibüchern haben 21 Staaten _ Listen für Höchstgaben oder Maximaldosen aufgenommen und zugleich 'be¬ stimmt, dass die Maximaldosen nur dann überschritten werden dürfen, wenn der Arzt die höheren Gaben ausdrücklich durch Beifügen eines Ausrufzeichens (!) verlangt. Nur in den Arzneibüchern von 5 Staaten fehlen die Höchstgaben, und zwar in den Pharmakopoen von England, Spanien. Portugal und den Vereinigten Staaten Nordamerikas. Die Anzahl der aufgenommenen Maximaldosen schwankt zwischen 1153 und 54 Aufzeichnungen. Die festgelegten Dosen der verschiedenen Staaten weichen oft stark, bis zum 3 — 4 fachen, voneinander ab. Die Maxiinal-Einzelgabe zur Maximal-Tagesgabe verhält sich meist 1:2, nicht selten beträgt der Unterschied das 3 — 4 fache, vereinzelt das 5 und 10 fache. Ueber den Wert der Maximaldosen seien folgende im Schrifttum verzeichnete Aeusserungen mitgeteilt: Die Bearbeiter der portugiesischen Pharmakopoe heben hervor, dass es nichts Zufälligeres gäbe als die Grenzen der Unschädlichkeit der Arzneimittel. Diese hängen ab von den Krankheiten, von den Kranken, vom Alter und Geschlecht, von der Idiosynkrasie, von der Immunität, von der Rasse und von der Konstitution der Patienten. Was heute eine „Dosis tberapeutica“ wäre, könne morgen schon eine „Dosis toxica“ sein. Eine Gabe, die vielen Kranken verderblich sei, würde bei Alkoholismus oder Starrkrampf oft wirkungslos sein. Die Bearbeiter der Arzneibücher von Argentinien, Spanien und den Vereinigten Staaten erwähnen die Höchstgaben überhaupt nicht; auch in der englischen Pharmakopoe fehlt ein Hinweis hierüber. In Eng¬ land besteht nur die Bestimmung, dass der Apotheker die vom Arzte verordneten Gaben aller, auch der schwach wirkenden Mittel prüfen muss, ob sie nicht ungewöhnlich gross sind. Welche Richtlinien hiebei einzuhalten sind, darüber schweigt sich das englische Arzneibuch aus. Dazu ist zu bemerken, dass die Maximaldosen ihren Zweck, vor¬ übergehend Schädigungen der Kranken oder gar Vergiftungen zu ver¬ hüten, überhaupt nur beschränkt erfüllen können; denn einerseits ist jede derartige Tabelle unvollkommen, da nur ein Teil der Mittel Auf¬ nahme finden kann, und anderseits werden sich die Ansichten der Kommissionsmitglieder, welche die Maximaldosen festlegen, auf Grund der Erfahrungen in der Praxis im Laufe der Zeit immer wieder ändern. Die Bearbeiter der 21 Arzneibücher, welche Maximadosen in diesen aufnähmen, haben sicher alle obigen Gesichtspunkte in Betracht ge¬ zogen; die Zweckmässigkeit der Tabellen war für sie das ausschlag¬ gebende Moment. Harnack sagt ganz richtig, in einem Vortrage zur Verbesserung der Gewichtsbezeichnung auf Rezepten (D.m.W. 1912 S. 1842): „Wo es sich um Geld handelt, auf Wechseln, Quittungen usw., hält man es für selbstverständlich, sich nicht nur auf Ziffern zu be¬ schränken, wo es sich um die viel wertvollere Gesundheit handelt, er¬ scheint eine Ergänzung der Zahlen noch in Worten als überflüssige Vorsicht! Das Weglassen einer Null bedeutet stets die 10 fache Dosis und die 10 fache der wirksamen ist nicht selten die tödliche. Wie viel Unglücksfälle durch die eine zu irrig gesetzte Null schon entstanden sind, das ist gar nicht zu berechnen.“ Weit grösser dürfte wohl — wie mir jeder Kollege bestätigen kann — die Zahl der Fälle sein, in welchen durch das rechtzeitige Ein¬ greifen des die Arznei anfertigenden Apothekers weiteres Unheil ab¬ gewendet worden ist. Und damit kommen wir auf den Kernpunkt der ganzen Frage. Nicht als Polizeivorschrift dürfen die Maximaldosen aufgefasst werden, sondern als Schutzdosen, um Arzneischädigungen oder gar Vergiftungen zu verhüten, die durch irrige Verschreibweise in den Kommastellen entstehen können. Nicht die ärztliche Freiheit im Ordi¬ nieren soll durch Aufnahme von Maximaldosen geschmälert werden, sondern vielmehr die Sicherheit der Kranken vor Schädigung soll unter allen Umständen gewahrt bleiben. Es ist eine bekannte Tatsache, dass man sowohl beim Mediziner als auch in der Pharmazie grossen Wert legt auf das absolute Vertrautsein mit den Maximaldosen. Der Zweck ist ein doppelter. Für den Arzt sind die Maximaldosen Rieht linien über Höhe der Dosen von starkwirkenden Arzneimitteln: dem Apo¬ theker sollen es Warnungssignale sein, bei ihrer Ueberschreitung ohne besonderes ärztliches Merkzeichen vorsorglich beim Arzte Er¬ kundigung einzuziehen. Die Wichtigkeit dieser Zusammenarbeit zwischen Arzt und Apo¬ theker dürfte am besten durch folgende Erwägungen klar werden. Nach der deutschen Gesetzgebung, insbesondere infolge der Haftpflicht, kann der Arzt nicht nachdrücklich genug auf die Gefahr hingewiesen werden, die eine fehlerhafte Verschreibweise nicht nur für den Patienten, son¬ dern auch für den haftpflichtigen Arzt selbst zur Folge haben kann. Es wird immer noch zu wenig beachtet, dass die ärztlichen Verord¬ nungen nach der Entscheidung des Reichsgerichts vom 12. Oktober 1888 als Privaturkunden gelten und bestimmt sind, als Belege rechtserheb¬ licher Tatsachen zu dienen. Der Arzt haftet nicht bloss für den Schaden bei fehlerhafter Verschreibweise, sondern auch für jeden Schaden bei ungenau gegebener Gebrauchsanweisung. Diese Haftpflicht kann dem Arzte, der die Verschreibweise von Rezepten auf die leichte Schulter nimmt, teuer zu stehen kommen. Unter diesen Umständen haben Arzt und Apotheker das grösste Interesse daran, dass in der neuen Auflage des deutschen Arzneibuches die Maximaldosen beibehalten werden. Sie müssen weiterhin für Ver¬ besserungen im Arzneibuche eintreten, dahingehend, dass auch Höchst¬ dosen für Kinder festgesetzt werden und eine Erweiterung der Maximal¬ dosen erfolgt auch für eine möglichst grosse Anzahl nicht offizineller, viel verordneter Arzneigifte. Zweckmässig wäre auch die Aufnahme einer Vorschrift, dass bei Verordnung aller starkwirkenden Arzneimittel stets vom Arzte eine genaue Gebrauchsanweisung zu geben ist und die Gewichtsmengen auf Rezepten ausser in Zahlen auch in Worten zu verzeichnen sind. Als Unterlagen für Kinderdosen kann ein Referat von G ö p p e r t - Göttingen dienen, mitgeteilt in den Therapeutischen Halbmonats¬ schriften, Januar 1920, das sich speziell auf Dosierung der Beruhigungs¬ mittel im Säuglings- und Kindesalter erstreckt und die Dosen für stark¬ wirkende Mittel in tabellarischer Anordnung bringt. 132 MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT. Nr. 4. Ebenso müssen ausser der verhältnismässig kleinen Anzahl von Maximaldosen der offizineilen Mittel die Maximaldosen nicht offizineller Mittel in einer Tabelle Aufnahme finden. Letztere Mittel werden heute fast häufiger wie erstere verordnet. Auch findet sich im Arzneibuch keinerlei Hinweis über die Auf¬ nahmefähigkeit der Einnehmelöffel (Ess- resp. Kaffeelöffel) für flüssige Arzneien nach Grammen berechnet; ebensowenig über genaue Eichung der Arzneispritzen für subkutane, intramuskuläre und intravenöse In¬ jektionen und Dosierung der hiefür in Betracht kommenden Mittel (Salvarsan, Quecksilberalze u. dgl. m.). Auch diese Punkte verdienen bei einer Neubearbeitung des Arzneibuches entsprechende Berück¬ sichtigung. Ein derart verbessertes und erweitertes Arzneibuch brächte dem Arzte manche Erleichterung und würde für ihn ein wertvolles Nach- schlagebuch sein, wenn event. noch die genaue Dosierung und das Indikationsgebiet für die einzelnen Arzneimittel angegliedert werden könnte. Vorbildlich in dieser Beziehung hinsichtlich Anordnung des Stoffes sind, wie ich das schon anderwärts betonte, die grossen wissenschaft¬ lichen Broschüren über neuere Arzneimittel unserer chemisch-pharma¬ zeutischen Grossindustrie. Es ist wohl zu erwarten, dass das neue Arzneibuch auch eine grössere Anzahl bewährter neuer Präparate be¬ rücksichtigen wird, die sich im Laufe der letzten Jahre eingebürgert haben und als Bereicherung des Arzneischatzes gelten können. Durch ein neues Arzneibuch mit Maximaldosen für Erwachsene und Kinder, mit Höchstgaben von nicht offizineilen Mitteln, mit Angabe genauer Dosierung von neueren Arzneimitteln, würde nicht nur dem Apotheker Freude bereitet, sondern auch für den Arzt, der das Arznei¬ buch bisher zu wenig kannte, ein wertvolles Nachschlagewerk ge¬ schaffen werden. Neuere Arzneimittel, Geheimmiittel, Spezialitäten, zusammengestellt von April bis Oktober 1921. Die in den letzten Monaten einsetzende Hausse auf dem Arznei¬ mittelmarkt hat auch die Spezialitäten mitergriffen. Die Arzneimittel sind leider im neuen Staatswesen gleichfalls Spekulationsartikel ge¬ worden. Wir haben heute bereits die exorbitant hohen Preise, wie sie im Frühjahr 1919 waren, zu verzeichnen und dabei ist noch kein Ende der Aufwärtsbewegung zu erkennen. Neuere Arzneimittel sind, wie nachfolgende Zusammenstellung zeigt, in reichlichem Masse be¬ kannt geworden, von denen ich wie bisher nur eine kleinere Anzahl aufnehmen konnte. 1. Als Antipyretika, Antineuralgika sind zu nennen: Aspochin — azetylsalizylsaures Salz des azetylsalizylsauren Chininesters mit 48,4 Proz. Chinin und 51,6 Proz. Azetylsalizylsäure, empfohlen bei Neuralgie des Trigeminus, bei allen Formen von Migräne, bei An¬ fällen von Bronchialasthma. Fabrikant: Prof. Dr. H. Gold- Schmidt- CharLottenburg 5. Novalgin = Methylmelubrin. Fabrikant: Farbwerke vorm. Meister, Lucius & Brüning-Höchst a. M. Novazetyl = azetylsalizylsaures Magnesium mit 94 Proz. Azetylsalizyl¬ säure. Darsteller: Chem. Fabrik Joh. Kayser & Co., G.m.b.H.- Braunschweig. II. Als Antirheumatika, Gichtmittel sind zu erwähnen: Jod-Dermasan = starkes Jod-Ester-Dermasan. Darsteller: Dr. R. Reiss- Berlin-Charlottenburg. Rheumakesin = enthält Terpene, Camphene, ätherische Oele, geringe Mengen Jod und ein Gleitmittel. Darsteller: Dr. Ivo Deiglmayr- München 25. III. Als Hypnotika sind mitzuteilen: Somnifen „Roch e“ = 20 proz. Lösung der Diäthylaminsalze der Diäthyl- und Dipropylbarbitursäure. Fabrikant: Hoffmann La- Roche-Basel. Somnospasmosan *= nach Prof. v. Noordens Angabe Natr. diaethylbarbituric., Pyrazolon, Kodein, Bromalkalien, Kalzium- glyzerophosphate. Fabrikant: Chem. Fabrik Dr. R. und Dr. O. Weil- Frankfuit a. M. IV. Als Sedativa sind zu nennen: Extr. Valeria nae aromaticum ,,Dr. Schmitz“ = ein neues alkoholfreies Fluidextrakt mit hohem Extraktgehalt und aromatischen Zusätzen. Hersteller: Fabrik pharmazeutisch-chemischer Präparate Dr. K. Schmitz- Breslau 7. Hypotonin = Anlinoverbindung der Isovaleriansäure. Hersteller: Prof. Dr. H. Goldschmidt-Charlottenburg 5. V. Kardiaka, Diuretika, Gefässmittel. Hierher gehören: Adonigen = enthält die wirksamen Bestandteile von Herba Adonidis vernalis in stets gleichbleibender Zusammensetzung ohne störende Nebenstoffe. Fabrikant: Chem.-pharmaz. Werke A.-G.-Bad Homburg. D i g i t r a t „Kahlbau m“. Durch Extraktion der Droge mit absolutem Alkohol hergestellte, titrierte Digitalistinktur, von unangenehmen Nebenwirkung freies Präparat. Fabrikant: Chem. Fabrik Kahlbaum- Adlershof. D i g i t y 1 = auserlesene Digitalisblätter-Bestandteile in der gleichen natür¬ lichen Lagerung wie in der lebenden Pflanze. Hersteller: Präpa- ratengesellschaft m.b.H.-Berlin-Schöneberg. Lobelin hydrochloric. cryst. — salzsaures Salz eines neuen, beständigen Alkaloids der Lobelia inflata als Erregungsmittel des Atemzentrums empfohlen. Fabrikant: C. H. Böhringer Sohn-Nieder-Ingelheim a. Rh. VI. Mittel bei Erkrankung des Digestionstraktes. Es sind zu erwähnen: Als Magen- und Darmmittcl. A 1 1 i q u i d i n = ein alkoholisches Zwiebelextrakt, empfohlen bei Sub¬ azidität und infektiösen Durchfällen. Hersteller: Löwenapotheke Landeshut (Schlesien). Artopon — Resorcinylkarbinol mit kolloidgebundenem Wasser bei Durch¬ fällen und Ruhr angezeigt. Fabrikant: Chem. Fabrik Reisholz- j Reisholz bei Düsseldorf. Ichthysmut : Bismuth. subsulfoichthyolic. bei Magen- und Darmerkran¬ kungen. Hersteller: Dr. Ermer und Dr. Busch-Nürnberg. Als Gallensteinmittel. F e 1 a m i n = besteht aus Hexamethylentetramin und dem wirksamen Prinzip i der Ochsengalle. Hersteller: Chem. Fabrik vorm. Sandoz-Busei. Als Wurmmittel. Santoveronin = ein Präparat, das nach Untersuchung von Dr. Bo-; dinus (Pharm. Ztg. 1921 Nr. 66) 54,7 Proz. Kupfer enthält. Her- j steiler: Chem. Fabrik joh. Kayser & Co., G.m.b.H. -Braunschweig. VII. Nähr- und Blutpräparate (Tonika, Roborantia). Hier sind zu nennen: Albucitin = Nervennähr- und Kräftigungsmittel, enthält Trockenmilch, ; eilezithinreiches Biskuitmehl, Eisen usw. Darsteller: Ackermann & Ochs-Elbing. G e r i 1 — ein Nährpräparat, das als ideales Diätetikum, Stomachikum, i Neurotonikum, Roborans für Eisen-, Phosphor-, Kalk-, Lezithinkuren j empfohlen wird. Hersteller: Geril G.m.b.H., Berlin O. 27. K i n d e r n a h r u n g „A p o t h. D r. Zivis“ = 50 proz. sterilisierte, ent- I fettete Alpenmilch mit leicht löslichem phosphorsaurem Kalk und i Nährsalzen. Hersteller: Gebr. Eppstein-Freiburg i. Br. Milo ein malz- und dextrinhaltiges, diätetisches Nährmittel ohne Milch- und Zuckerzusatz. Hersteller: Nestld Gesellschaft-Vevey. O s s a = Dr. med. Baumgartens Kalknährmittel = milchsaurer, phosphor¬ saurer und glyzerinphosphorsaurer Kalk, Kalziumchlorid und Zucker. Hersteller: Erich Otto-Stuttgart, Bismarckstr. 36. Perl-Eiweiss — Nährpräparat mit 92 Proz. Gesamteiweissstoffen. Her- ■ steiler: R. Haberer & Co. -Osterwick a. Harz. Vitaminose — Tabletten ohne Erhitzung aus frischem Spinat und schluin- I mernden Getreidekörnern hergestellt. Fabrikant: Dr. Volkmar Klopfer-Dresden-Leubnitz. Arsaniontabletten stellt nicht der M.B.K.-Betrieb her, wie irrtümlich i aus anderen Zeitschriften übernommen wurde. Der M.B.K.-Betrieb , fabriziert nach wie vor nur Astonin-Ampullen. VIII. Dermatika, Hautmittel. Hieher gehören: Kupfer-Dermasan = a) mit Tiefenwirkung (0,3 Proz. Kupfer), b) mit Oberflächenwirkung (0,15 Proz. Kupfer). Hersteller: Dr. R. Reiss- i Berlin-Charlottenburg. Makabrin = Name für 1 proz. Sozojodolquecksilbersalbe. Hersteller: Chem. Fabrik H. Trommsdorf-Aachen. M i 1 a n o 1 = Salbe, die als wirksamen Stoff basisch trichlorbutyl-malonsaures Wismut enthält. Hersteller: Athenstaedt & Redeker-Hermelingen. Nohaesasalbe = Hämorrhoidaisalbe nach Vorschrift von Geh. Rat v. Noorden-Homburg aus Campfer-Chloral-Menthol bestehend. Her¬ steller: Chem. -pharm. Werke-Bad Homburg A.G. Novitan = neutrale Salbengrundlage mit hoher Wasseraufnahmefähigkeit. ! Fabrikant: Präparatengeseilschaft m.b.H.-Berlin-Schöneberg. S u 1 f u 1 a n „C a s e 1 1 a“ = früher Prosulfan ist xanthogensaures Natrium. Fabrikant: L. Casella & Co.-Frankfurt a. M. Terpestrol — ein gutes, granulationsfähiges Wundstreupulver, bestehend aus Milchpulver, Elaeosaccharum Ol. Terebinthinae 5 Proz. und Hexamethylentetramin 10 Proz. nach Vorschrift von Prof. Dr. Heinz- Erlangen. Fabrikant: Chem. Fabrik Dr. Ivo Deiglmayr-München. Z e r g a 1 i n = basische Verbindung der Cer-Erden mit Gallussäuren zur Behandlung oberflächlicher Hautleiden. Fabrikant: Chem. Fabrik C. A. F. Kahlbaum-Berlin-Adlershof. IX. Als Antisyphilitikum ist zu erwähnen: M i r i o n = eine organische Jodverbindung mit 1,7 Proz. Jod. Es soll die Jodspeicherung im syphilitischen Gewebe in weit grösserem Umfange stattfinden als bei den bisher gebrauchten Jodpräparaten. Fabrikant: ■ Suchywerke A.G., Pharm. Abt., Wien I. X. Antiseptika, Desinüzientia. Hieher gehören: Allactol = milchweinsaures Aluminium. Hersteller: Pharmax G.m.b.H.- Berlin. A p h 1 o g o 1 = eine Mischung von kristallisierter Karbolsäure und Kampfer. Hersteller: Kaiser-Friedrich-Apotheke-Berlin NW. 6. J u n i j o t = ein weingeistiger Perkolatauszug von einer in Deutschland wildwachsenden Cupressinee, der nach dem Verdunsten ein dünnes Häutchen auf der Haut zurücklässt. Hersteller: A.G. für medizinische Produkte-Berlin. M i a n i n = p. Toluolsulfomonochloramidnatrium mit einem Gehalte von 25,2 Proz. aktiven Chlor. Hersteller: Saccharinfabrik A.G. vorm. Fahlberg, List & Co. -Magdeburg Südost. XI. Mittel bei Erkrankungen der Atmungsorgane und Tuberkuloseheilmittel sind: Heufieber polyvalentes Nr. 312 = aus den Pollen von Roggen und Gräsern hergestellt, hat den Vorzug der höchstmöglichen Reinheit. Hersteller: Chem. Fabrik Dr. Brunnengräber-Rostock. 1 e r o 1 i n = Lebertranemulsion der Firma Riedel A.G.-Berlin-Britz. Proteogen Nr. 3 = ein amerikanisches Tuberkuloseheilmittel. Für deutsche Aerzte durch Züpplin-Cincinnati V.St.A. zu erhalten. XII. Organotherapeutische Präparate. Hierher gehören: Anitnasa = eine aus der Innenhaut der Aorta junger Tiere gewonnene fermentative Substanz als Mittel gegen Arteriosklerose. Fabrikant: Organotherap. Werke-Neuenkirchen b. Oldenburg. 27. Januar 19 22. MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT. 133 Asthmaitrin = Asthmamdttel, aus Physormon, Nebennierenhormon und Papaverin bestehend. Fabrikant: Queisser 6c. Co. G.m.b.H., Organo- Abt., Hamburg. Eatan — Hydrolysate tierischer Eiweisskörper und Organe. Hersteller: Eatinon G.m.b.H. -München. Karolinenplatz 3. Gefässpräparat-Heilner — enthält alle physiologischen Wirkungs¬ werte der Gefässwand in bestimmter Verarbeitung zusammengefasst und soll die stetige fermentative Erneuerung des darmederliegendcn lokalen Gewebsschutzes der Gefässwände bewirken. Hersteller: Luitpoldwerke-München 41. Hypernephrin = das synthetische Hormon des Nebennierenmarkes. Hersteller: Ges. für Fein-Chemie m.b.H. -Berlin NW. 7. Physormon = Hypophysenextrakt der Firma Oueisser 6c Co. G.m.b.H., Organo-Abt., Hamburg. Plazentaopton — ein nach Abderhalden aus Plazenta hergestelltes Organpräparat. Hersteller: E. Merck, chem. Fabrik, Darmstadt. XIII. Bakteriotherapeutisches Präparat. üripkalen = Grippeimpfstoff „Kalle" aus dem Pfeifferschen Bazillus nach besonderer Methode hergestellt. Hersteller: Kalle 6c Co. A.G.- Biebrich a. Rh. XIV. Zur parenteralen Therapie. A b i j o u = ist der jetzige Name für Ophthalmosan, ein keimfreies Milch¬ präparat. Fabrikant: Sächsisches Serumwerk-Dresden. A 1 b u s o 1 = ein Eiweisskörper, der rein chemisch-physiologische Wirkung enthalten, keine örtliche Reaktion, keine Anaphylaxie verursachen soll (M.m.W. 1921 Nr. 24). Hersteller: Chem. Fabrik Dr. Ivo Deigl- mayr-München 25. Yatren -Casein stark = mit 5 Proz. Casein und 2,5 Proz. Yatren. Hersteller: Westlaboratorium-Hamburg, Billrookdeich 42. Zeitschriften- Uebersicht. Zeitschrift für Tuberkulose. Band 34. Heft 1 *). Selter und N e h r i n g - Königsberg: Einfluss der Ernährung auf die T uberkulosesterblichkeit. Unter Beigabe mehrerer Kurven wird dargetan, dass zwar die Bedeutung der Wohnung für die Ausbreitung der Tuberkulose nicht verkannt werden darf, dass aber die Ernährung zweifellos der wichtigste soziale Faktor für die Tuberkulosesterblichkeit ist. Franz I c k e r t - Stettin: Ueber die Tuberkulose der Kinder und Jugend¬ lichen nach den Sterblichkeitsziffern der Kriegsjahre. Die Sterblichkeit der Kinder und Jugendlichen an Tuberkulose hat im Kriege in Deutschland und in Holland wesentlich zugenommen, in Deutsch¬ land aber 10 mal mehr als in Holland. Daraus ergibt sich die Notwendigkeit sehr energischer Bekämpfung der Kindertuberkulose. Die bisherige Fürsorge ist auszubauen; die Heilungstendenz der Schulaltertuberkulose kommt dabei günstig in Frage. Im Kleinkindesalter ist besonders die Expositions¬ prophylaxe zu vergrössern. „Die Schaffung von einwandfreiem Milieu und von einwandfreier Pflege für die Kleinkinder scheint sich als das A oder O der Tuberkulosebekämpfung herauszukristallisieren.“ Kurt E i c h w a 1 d - Berlin: Konstitutionelle Anomalien bei Tuberkulose. Unbeschadet der anatomischen Kennzeichen einer Tuberkulose muss man auch versuchen, dem Konstitutions- und Dispositionsprobleme auf immun¬ biologischem Wege beizukommen. Heinrich F e i b e s - Düsseldorf : Ueber spezifische Tuberkulosebehand- lung unter besonderer Berücksichtigung des MTbR.-Verfahrens nach Deycke-Much. Schädigungen sind .bei dieser Behandlung nicht beobachtet worden. MTbR. kann aber Alttuberkulin nicht in allen Fällen ersetzen. Karl Dietl-Wien: Allgemeine und kutane Tuberkulinallergie. „Wir sind vielleicht berechtigt, der innersekretorischen Funktion des Hautorgans in den Abwehrbestrebungen des Organismus gegen die Tuber¬ kulose eine wichtige Rolle einzuräumen. Dann bedeutet aber eine lebhafte kutane Allergie nicht allein einen Indikator für das Vorhandensein reichlicher Antikörpermengen, sie stellt auch ein Zeichen eines überhaupt kräftig funkt.ionierenden Hautorganes dar. Dass die kutane Allergie von der Be¬ schaffenheit der Haut bis zu einem gewissen Grade abhängig ist, geht wieder aus den Untersuchungen Karczags hervor, der nachweisen konnte, dass die Allergie der weissen Meerschweinchen zwar grösser ist als die der farbigen, dass sie aber mit dem Fortschreiten des Krankheitsprozesses ab¬ nimmt, während die Allergie der farbigen Tiere eine Zunahme zeigt. Wir können uns vorstellen, dass die Haut, geradeso wie sie auf das von aussen zugeführte tuberkulöse Gift, auf das Tuberkulin, kräftig reagiert und es da¬ durch abzubauen bestrebt ist, auch auf die in den kranken Lungenherden ent¬ stehenden Gifte in ähnlicher Weise einzuwirken vermag. Die Tuberkulin¬ therapie ist dann nicht nur eine spezifische Antigentherapie, sie scheint auch imstande zu sein, durch kutane Leistungssteigerung die Progredienz des tuberkulösen Lungenprozesses zu bekämpfen.“ H. H a u p t - Dresden : Die staatliche Bekämpfung der Rindertuberkulose im Deutschen Reiche. Heft 2. Wilhelm S t e p h a n - Mannheim: Lungentuberkulose im Rückbildungs¬ alter mit besonderer Berücksichtigung der Kriegseinflüsse. „Die verhängnisvollen Folgen des Krieges zeigen sich auch in einer erheblichen Zunahme der Todesfälle an Lungentuberkulose im Rückbildungs¬ alter, die bei den Frauen sogar stärker ist als die durchschnittliche Zu¬ nahme der Todesfälle an Lungentuberkulose aller Altersklassen. Gleichzeitig können wir einen schnelleren Verlauf der Erkrankung beobachten. Im klinischen Bilde ist besonders auffallend der niedrige Blutdruck, der auf toxische Einflüsse zurückgeführt werden muss, welche die blutdruck¬ steigernden Momente paralysieren. Als Reaktion einer Hypertonie (Nierensklerose), die im Laufe der chro¬ nischen Lungenerkrankung ihr Hauptsymptom, die Blutsteigerung, einbüsst, ist die auch autoptisch recht häufig nachweisbare Hypertrophie und Dila¬ tation des linken Ventrikels anzusehen (Herztod). *) Verspätet, da anscheinend die betr. Handschrift verloren ging. L. Die Therapie bei Alterstuberkulo.se bedarf gewisser Modifikationen. Be¬ sonders zu warnen ist vor kritikloser Anwendung von Kaltwasserprozeduren wegen der herabgesetzten Wärmeersatzfähigkeit im Rückbildungsalter.“ August O fi r e m - Honnef a. Rh.: Zur Methodik der Tuberkulinbehand- lung. (Ein Beitrag zur Frage der Ueberempfindiichkelt.) „Die Ueberempfindlichkcitserscheinungen bei der Tuberkulose werden wahrscheinlich hervorgerufen durch zu langsamen Abbau der Endotoxine bzw. der künstlich zugeführten Antigene (Tuberkulin) infolge zu geringen Bestandes an Antikörpern, so dass giftige Zwischenprodukte entstehen, die zu Mattig¬ keit, Fieber, Herdreaktionen führen. Der Zustand der Ueberempfindlichkeit kann über lange Zeit bestehen bleiben, wenn die Antigenmengen (Endotoxin, Tuberkulin) dauernd zu klein sind, als dass sie über die Ueberempfindlichkeitserscheinungen hinaus eine Anregung der Zellen zur Luxusproduktion von Antikörpern hervorzurufen ver- - möchten. Es zeigt sich dies besonders bei den prognostisch günstigen Initialfällen. In diesen Fällen ist am ehesten durch eine konsequent gesteigerte Antigenzufuhr eine Ueberwindung der Ueberempfindlichkeit zu erwarten.“ E. L i e b h a r d t - Nürnberg: Der Nachweis aktiver Tuberkulose durch die Eigenharnreaktion von W i 1 d b o 1 z. Die Eigenharnreaktion ist eine spezifische Reaktion bei Menschen, die an aktiver Tuberkulose erkrankt sind. Die Reaktion ist von zu geringer Intensität; sie ist ferner zu inkonstant, um für die praktische Verwertung in ihrer jetzigen Form grössere Bedeutung zu besitzen. R. L u b o j a c k y - Gewitsch (Mähren): Ein neuer Apparat zur Durch¬ führung des künstlichen Pneumothorax. H. M a e n d 1 - Alland: Nachtrag. Weitere interessante Mitteilungen über Spontanpneumothorax. G. S c h r öd e r - Schömberg: Ueber neue Medikamente und Nährmittel zur Behandlung der Tuberkulose. Der bekannte Schröder sehe zusammenfassende Bericht. Dass der Verf. ihn dazu verwendet, einen ganz unwissenschaftlichen und darum weite Kreise umsomehr irreführenden Aufsatz von Prof. Lindner über Heil¬ wirkung des Alkohols im „Kosmos“ in aller Schärfe zu widerlegen, verdient die grösste Anerkennung, ganz gleich, wie sich der Einzelne zur Verwendung des Alkohols im besonderen Falle stellt. Die Heilstätten beilage enthält einen Jahresbericht über Scheidegg von K 1 a r e. Liebe- Waldhof-Elgershausen. Mitteilungen aus den Grenzgebieten der Medizin und Chirurgie. Band 34, Heft 2. Jena 1921, Gustav Fischer. Naunyn: Nachruf auf Wilhelm Erb. G r o e d e 1 - Frankfurt a. M. : Röntgensymptomatologie des Ulcus duodeni. Kritik der röntgenologischen Symptome; im Zusammenhang mit Ana¬ mnese und klinischem Befund lässt sich die Diagnose in der Mehrzahl der Fälle stellen. G. bevorzugt die Durchleuchtung und Aufnahme im Stehen mit leichter Kompression durch Anpressen des Kranken an die Kassette. Allenfalls ist noch eine Aufnahme in schräger Bauchlage hinzuzufügen. Max Rosenberg: Der Wert der A m b a r d sehen Konstante als Methode der Nierenfunktionsprüfung. (Aus der 1. inneren Abt. d. Stadt. Krankenhauses Charlottenburg- Westend.) A m b a r d hat 1911 den Harnstoffgehalt des Blutes und die Harnstoff¬ ausscheidung im Harn in Beziehung zueinander gesetzt und eine Normal¬ formel angegeben. R. findet zwar, dass bei richtig durchgeführtem Wasser- und Konzentrationsversuch jede Störung der Harnstoffelimination manifest werden muss, findet die Konstante aber tauglich als kurzfristige Unter¬ suchungsmethode, besonders für ambulante Beobachtungen. Nur ist zu be¬ rücksichtigen, dass bei normaler Konstante schwere Funktionsstörungen nicht ausgeschlossen sind. Th. E. Hess Thaysen: Die Koloptose als Ursache der Obstipation. (Aus der Med. Universitätsklinik Kopenhagen.) Die normale Lage des Transversum im Stehen wechselt von Nabelhöhe bis 13 cm tiefer. Die Form der rechten Flexur ist bei Aszendensobstipation nicht häufiger als bei normalen Menschen spitzwinklig, ebensowenig die linke Flexur bei Transversumobstipation. Es erscheint Verf. sehr zweifelhaft, ob die „Koloptose“ Bedeutung für die Entstehung der Obstipation hat. Auch das klinische Bild der habituellen spricht gegen eine rein mechanische Ursache. Wahrscheinlicher ist funktionelle Störung. Fixierte spitz¬ winklige Flexuren infolge Adhäsionen geben mechanische Hindernisse ab. 0. Winterstein: Zur Phrenikuslähmung bei Lähmung des Plexus brachialis. (Aus der Chir. Klinik Zürich.) 6 fremden Beobachtungen fügt W. eine eigene hinzu. Plexuslähmung infolge Sturzes mit der linken Schulter auf einen Stein. Neurolyse besserte nur die Parästhesien. Die am Ansatz frakturierte 1. Rippe war kaudalwärts disloziert, auch Wirbelfortsätze schienen fräkturiert. Die linkseitige Phrenikuslähmung, welche keinerlei subjektive Störung verursacht hatte, wurde durch Röntgendurchleuchtung 'sichergestellt, welche diesen Befund bei traumatischer Plexuslähmung häufiger aufdecken dürfte. Rieh. Stephan: Polyperiostitis hyperaesthetica. (Aus der Med. Klinik des St. Marien-Krankenhauses Frankfurt a. M.) Mit obigem Namen bezeichnet St. ein an 5 weiblichen Kranken genau studiertes Krankheitsbild: eine Systemerkrankung des gesamten Periostes, sehr chronisch in Perioden mit subfebrilen Temperaturerhöhungen verlaufend, anfangs umschrieben, später generalisiert. Den sehr schmerzhaften peri- ostitischen Herden entsprechen — im Sinne Head scher Zonen — Gebiete starker Hauthyperästhesie, wobei das Unterhautbindegewebe ausserordentlich stark auf subkutan injizierte Medikamente (Trypaflavin, Tuberkulin) reagiert. Aetiologie dunkel. Keine Beziehung zu Tuberkulose oder Lues. Thera¬ peutisch wirkten nur lokale kleinste Röntgendosen. W. Löhr: Die Senkungsgeschwindigkeit der roten Blutkörperchen als diagnostisches Hilfsmittel bei chirurgischen Erkrankungen. (Aus der Chir Universitätsklinik Kiel.) Die Blutsenkungsbeschleunigung geht bei allen Krankheitsgruppen pro¬ portional der Grösse des Zellzerfalls und der Resorption der Zellzerfalls¬ produkte. Die Methode gestattet eine differentialdiagnostische Abgrenzung der Entzündungen gegenüber nichtentzündlichen Prozessen, aber nicht gegen¬ über Tumoren, z. B. bei Knochenerkrankungen. Tritt bei klinisch und röntgenologisch einigermassen sicherem Ulcus pylori oder duodeni beschleu¬ nigte B.S. auf, so sind Entzündungen im Spiele. Die Reaktion ist so fein, M MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT. Nr. 4. dass sie auch einen Gradmesser für Grösse und Heftigkeit des Zellzerfalls abgibt. R. Schräder: Ueber Veränderungen im Verhalten der Dichte der Kapillarwandung und deren Nachweis durch das Endothelsymptom. (Aus der Med. Klinik des St. Marien-Krankenhauses Frankfurt a. M.) Das von Rumpel und L e e d e zunächst bei Scharlach gefundene, dann von Stephan bei Grippe und Rachitis tarda beobachtete Endothel¬ symptom besteht darin, dass nach Anlegung einer Gummibinde für 5 Minuten am Oberarm feine Hautblutungen unterhalb der Binde, besonders in der Ellenbeuge, auftreten. Verf. berichtet über weitere Beobachtungen und Unter¬ suchungen. Die vermehrte Durchlässigkeit der Kapillarwandungen wird her¬ vorgerufen durch bestimmte Gifte (Grippetoxin, Salvarsan, Spirochätenstoff¬ wechseltoxine, Chloroform, Anaphylatoxin u. .a), welche elektiv schädigend auf die Zellstruktur des Endothelapparates wirken, ferner bewirken Störungen im endokrinen Gleichgewicht (Menstruation, Basedow, Klimakterium u. a.) sekundär über die Milz beträchtliche Schwankungen im Tonus der Epithelzellen. G r a s h e y - München Archiv für klinische Chirurgie. Bd. 117. 2. Heft. Klimm eil: Zur Operation des Kardiospasmus und des Oesophagus¬ karzinoms. Chirurgenkongress 1921. Referiert Nr. 17. Kir schner: Zur Radikalbehandlung des chronischen Pleuraempyems. Chirurgenkongress 1921. Referiert Nr. 17. Bleichsteiner: Der Einfluss der Alkoholanästhesie des Ganglion Gasseri auf die Kautätigkeit. Durch Ausschaltung des motorischen Trigeminus treten, nach Alkohol¬ injektionen in das Ganglion Gasseri Störungen der Kauarbeit auf. Die Oeffnungsbewegungen des Unterkiefers gehen nicht mehr in sagittaler Richtung vor sich, sondern infolge Lähmung einzelner Muskelgruppen tritt eine Ver¬ schiebung des Kinnes nach der Injektionsseite bei Oeffnung des Mundes auf. Die Patienten benutzen die nicht gelähmte Seite zum Kauen, dabei wird der Unterkiefer von der gelähmten Seite zur nicht gelähmten hinübergezogen und so wieder die Okklusion erreicht. An Stelle der sagittalen Oeffnungs¬ bewegungen sind also komplizierte Drehungsbewegungen getreten. Trotz dieser bedeutenden Veränderungen gegenüber der Norm sind die subjektiven und objektiven Folgen nur sehr geringe und erheischen kaum eine Behandlung. Hadda: Totale Emaskulation bei ausgedehntem Peniskarzinom. Mitteilung eines selbst beobachteten solchen Falles und Zusammen¬ stellung sämtlicher in der Literatur bekannt gewordenen Fälle. Die totale Emaskulation ist stets indiziert bei sehr vorgeschrittenem Peniskarzinom, das die Grenze des Penis überschritten, auf Skrotum und seinen Inhalt über¬ gegriffen hat. Psychische Störung nach Entfernung beider Hoden ist bisher nicht beobachtet worden. Der Eingriff ist technisch einfach, die Erfolge ermutigend. Wechsler: Zur Sternumspaltung. Die mediane Sternumspaltung ist als Voroperation bei rein intrathora¬ kalen Strumen indiziert und kommt als Palliativeingriff bei allen thorakalen Tumoren in Betracht, wenn es sich darum handelt, die Luftwege von einer erheblichen Kompression rasch und wirksam zu befreien. Mitteilung von 4 einschlägigen Fällen. Pick: Zur Diagnose der Fremdkörperperitonitis. Auseinandersetzung der Schwierigkeiten, die die Differentialdiagnose zwischen tuberkulöser Peritonitis und Fremdkörperperitonitis bereiten kann an Hand eines selbstbeobachteten Falles. Durch vorgenommene Tierexperi¬ mente konnte der Autor den Nachweis erbringen, dass die Entwicklung von Fremdkörperknötchen nur bei länger dauerndem Fremdkörperreize auf das Peritoneum und bei nichtresorbierbaren Fremdkörpern stattfinden kann. Erd heim: Anatomische und klinische Untersuchungen über Primärge¬ schwülste vortäuschende Metastasen, insonderheit solcher des Adenokarzinoms der Schilddrüse. Mitteilung von einigen Fällen, bei denen eine Metastase das einzig klinisch nachweisbare Krankheitssymptom darbot, während der Primärtumor symptom¬ los bestanden hatte oder zur Zeit überhaupt nicht resp. erst längere Zeit später nachweisbar war. Vorzugsweise handelt es sich um Metastasen nach Hypernephrom, Schilddrüsen- und Prostatakarzinom. Die operative Ent¬ fernung solcher solitärer Metastasen mit womöglich gleichzeitiger Entfernung des Primärtumors ist indiziert. K e y s s e r: Weitere Untersuchungen über experimentell nach Einimpfung von menschlichen Karzinomen und Sarkomen entstandene Mäusegeschwülste. Durch entsprechende Auswahl und Vorbehandlung (Reizzustand, Sensi¬ bilisierung) ist es möglich, menschliche Geschwülste auf weisse Mäuse zu übertragen, so dass an der Einpflanzungsstelle auch böartige Geschwülste ent¬ stehen. Die Entwicklungsdauer solcher übertragener Geschwülste beträgt im Durchschnitt 10 Monate. Die erste Impfausbeute ist gering (2 Proz.), kann aber durch weitere Impfung in Generationen bis auf 30 Proz. gesteigert werden. Ob diese Beobachtungen im Sinne einer infektiösen Aetiologie des Karzinoms zu verwerten sind, bleibt noch dahingestellt. Nie den: Beitrag zur Aetiologie der akuten Magenlähmung. Klinische, pathologisch-anatomische und experimentelle Studien haben den Autor zu folgender Auffassung dieses Krankheitsbildes geführt. Die Ur¬ sache der akuten Magenlähmung ist in einer individuellen nervösen Dispo¬ sition zu suchen. Experimentell gelingt es nicht, eine akute Magenlähmung hervorzurufen. Doppelseitige Vagusdurchtrennung hat auf die Peristaltik des Hundemagens nur einen sehr geringen Einfluss. Dagegen tritt eine Ausweitung des Magens im Fündusteile und eine erhebliche Verzögerung der Austreibungs¬ zeit durch Herabsetzung des Tonus der Magenwand auf. Ausschaltung der sympathischen Nervenversorgung des Hundemagens ändert Motilität und Ent¬ leerungsdauer desselben nicht wesentlich. Morphiumgaben hatten nach Aus¬ schaltung des Vagus, sowie nach gleichzeitiger Ausschaltung von Vagus und Sympathikus eine erhebliche Verzögerung der Austreibungszeit zur Folge. Bei intakter Vagusinriervation hat Morphium keinen Einfluss auf die Magen- motilität. Bei postoperativen Magenstörungen und Magenlähmungen ver¬ bietet sich die Verabreichung von Morphium. H o h 1 b a u m - Leipzig. Deutsche Zeitschrift für Chirurgie. 167. Band. 1. — 2. Heft. Eugen Polya-Pest: Beiträge zur Kenntnis der retrograden In¬ karzeration. Weitere eigene 9 und 6 Fälle aus der ungarischen Literatur, die Zahl der veröffentlichten Fälle steigt damit auf über 100. Des Verfassers Ansicht, dass es sich bei der rertograden Darminkarzeration immer um die Ein¬ klemmung des Verbindungsschiingenmesenteriums handle, wird durch die Ge- ? samtliteratur bestätigt. . , . , Entweder steigen 2 oder 3 Darmschlingen durch eine breite Bruchpforte in den Bruchsack hinab oder es wandert die Kuppe des im Bruchsack befindlichen Darms in die Bauchhöhle zurück. Die Einklemmung des Ver- bindungsschlingenmesenteriums entweder durch die Verengerung infolge der Passage der 4 Darmlumina anstatt zweier oder durch Einbeziehung der nach oben geschlagenen Verbindungsschlinge in den Bruchring. Die Ernährungs¬ störung der Verbindungsschlinge ist grösser als die der Bruchschlinge. Durch Blähung der Verbindungsschlinge kann ihr Mesenterium aus dem ' Bruchringe herausgerissen werden, wodurch eine partielle oder totale Lösung der Inkarzeration bewirkt werden kann. Die grosse klinische Bedeutung der retrograden Inkarzeration liegt darin, dass trotz gar nicht oder wenig veränderter Schlingen im Bruchsack eine Nekrose einer intraabdominellen Schlinge bestehen kann. Die Häufigkeit der retrograden Inkarzeration beträgt nach dem Material des Verf. 2/4 Proz. der Fälle. Auffallend ist der grosse Prozentsatz bei den Nabelbrüchen, unter 27 eingeklemmten Nabelbrüchen waren 3 retrograd inkarzeriert. Diagnostisch wichtig sind: Disharmonie zwischen schweren Allgemein¬ symptomen und kurzer Zeit der Inkarzeration, palpable harte Schlinge oder Resistenz im Bruch über der Inkarzerationsstelle, asymmetrische Bruchge¬ schwulst. Alfred Schubert: Die Ursachen der angeborenen Schlefhalserkran- kungen. (Aus der chir. Universitätsklinik zu Königsberg i. Pr. Direktor: Prof. Dr. K i r s c h n e r.) Heredität, falsche Regeneration, Schädelasymmetrie und Mitbeteiligung der benachbarten Muskeln und faszialer Scheiden an der Degeneration des Kopfnickers machen die Annahme einer primären, zentralen, nervösen Störung wahrscheinlich, die alle Symptome des Krankheitsbildes zu erklären vermag. Conrad Blaesen: Kongenitale, mediale und laterale Halsfisteln. (Aus ; der Chir. Klinik der Universität Bonn. Direktor: Geh. Med. -Rat Prof. Dr. G a r r ö.) 9 Fälle kongenitaler Halsfisteln, die allein erfolgreiche Behandlung ist die Radikaloperation. R. R. Niemeyer: Ueber die Hypertrophie der Vorsteherdrüse. (Aus _ dem pathologisch-anatomischen Institut der Universität Köln. Direktor: Prof. Dr. A. D i e t r i c h.) Bei geringgradigen Veränderungen ist eine kompensatorische Hyperplasie auf dem Boden seniler Involution anzunehmen, die schweren Fälle sind als echte Geschwulstbildungen (Fibromyoadenome, Fibromyom) aus dem Gebiet der Innendrüse aufzufassen. Weder entzündliche Vorgänge noch die Athero- . Sklerose sind die Ursache der Erkrankung. Arthur Lukowsky: Ueber die diffuse Fibromatose der Mamma und ihren Uebergang in Karzinom. (Aus dem pathologischen Institut der Uni- a versität Köln. Direktor: Prof. Dr. A. Dietrich.) Die diffuse Fibromatose der Mamma (Mastitis chron. cystica) ist ein chronischer Reizzustand mit lebhafter Bindegewebshyperplasie, die die primäre Veränderung darstellt. Zystenbildung und Epithelproliferation sind sekundäre Erscheinungen. Unizentrische und pleuriatrische Karzinoment¬ wicklung auf dem Boden der Fibromatose ist nicht selten, ihre Diagnose ist aus dem destruierendem Wachstum leicht zu stellen. W. Noetzel: Zur Operation des perforierten Magengeschwürs. (Aus der chir. Abteilung des Biirgerspitals zu Saarbrücken.) N. betont gegenüber S c h ü 1 e i n (161. Bd. d. D. Zschr. f. Chir.), dass er (vgl. Bruns Beitr. 110) nicht mehr die Exzision des Geschwürs, sondern die Uebernähung möglichst mit G.E. als Normalverfahren bei der Behandlung des perforierten Ulcus ausführt. Ferner wird die Nahtstelle nicht mehr tamponiert, wenn nicht die morschen Ränder dazu zwingen. Die Spülung wird so ausgefü’hrt, dass durch einen Knopflochschnitt unterhalb des Nabels ein Drain ins Becken kommt und dann durch die Operationswunde gespült wird. Ausserdem Drainage des subhepatischen Raumes rechts. Möglichst baldiges Verbringen des Operierten in einen Sessel. Von 26 seit 1911 operierten Fällen starben 10. Die Resektion beim perforierten Geschwür als Normalverfahren wird mit v. R e d w i t z abgelehnt. Adolf Sohn: Zur Kasuistik des Darmverschlusses infolge innerer Einklemmung in einer Mesenteriallücke und über den Volvulus des Sanduhr¬ magens. (Aus der chir. Abt. des Städt. Krankenhauses zu St. Georg in Leipzig. Leit. Arzt: Prof. Dr. Heller.) Bericht über einen Fall von Dünndarminkarzeration in eine Mesen¬ teriallücke kurz oberhalb der B a u h i n sehen Klappe, Resektion, Ileozoeko- stomie, Heilung. In dem 2. Fall war der pylorische Teil eines Sanduhrmagens durch eine Mesokolonlücke nach unten getreten und hatte eine Achsendrehung um 180 0 erfahren. Detorsion, G.E., Exitus. Der häufige Befund eines Ulcus bei Mesokolonlücke ist wohl durch Zirku¬ lationsstörungen am Magen zu erklären. Hinweis auf die Arbeit von Feder- I ; Schmidt (D. Zschr. f. Chir. 118). Kurtzahn: Verfahren einer Erzielung der Kontinenz bei Anus praeter¬ naturalis. (Aus der chir. Universitätsklinik zu Königsberg i. Pr. Direktor: Prof. Dr. M. Kirschner.) Der Vorschlag des Verf., durch Kompression des Darmendes zwischen einen Hautschlauch und der äusseren Haut eine Kontinenz bei Anus iliacus ; zu erzielen, wurde 2 mal von Kirschner praktisch erprobt (technische Einzelheiten im Original), dabei ergab sich als bestes Verfahren, in den Hautschlauch einen Gummischlauch einzuführen und dagegen eine kompressive und federnde Bruchbandpelotte auszuüben. Es wurde eine vollständige Kontinenz ohne Beschwerden erzielt. H. F 1 ö r c k e n - Frankfurt a. M. Zentralblatt für Chirurgie. 1922. Nr. 1. E. P a y r - Leipzig: Ueber eine keimfreie, kolloidale Pepsinlösung zur Narbenerweichung, Verhütung und Lösung von Verklebungen. Verf. berichtet ausführlich über seine Versuche mit keimfreien Pepsin, dessen peptische Kraft nicht abgetötet wurde, Narben zu lösen und zu er¬ weichen, Adhäsionen vorzubeugen oder zu bekämpfen; er bespricht ein¬ gehend die Bedingungen, Anwendungsgebiete, die Technik und die Erfolge bei der Anwendung seiner sterilen Pepsinlösung. Um eine wasserklare Lösung und sichere Keimfreiheit bei Erhaltung der peptdschen Kraft zu erzielen, löst er reinstes Pepsin Merck in der P r e g 1 sehen isotonischen Jodlösung; er stellt eine 1 proz. Lösung her, die klar und schwach alkalisch ist, den Zusatz von Novokain-Adrenalin verträgt; 1 — 2 Tropfen 5 proz. Milch- 7. Januar 1922. MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT. 135 iure auf 5 ccm der Lösung genügen, um eine saure Reaktion hervorzurufen nd die verdauende Wirkung der Pepsin-Pregl-Lösung zu erhöhen. Die i/irkung des Pepsins im Organismus erklärt sich dadurch, dass bei un- enügender Blutversorgung eines Gewebes oder Wundgebietes eine ver¬ ehrte Säurebildung, eine Säurestauung auftritt, die auf das einverleibte epsin aktivierend einwirkt, wodurch die Gewebskolloide der Resorption zu- inglich gemacht werden. Mit dieser Narbenerweichung geht einher eine ändige Gewebsdesinfektion, da durch die in den Geweben vorhandenen äuren immer Jod abgespalten wird. Ein Aufflackern einer alten Infektion t demnach nicht zu befurchten. Die einzelnen Anwendungsgebiete werden inn aufgezählt, die Technik der Einspritzung und ihre Erfolge besprochen, ie vorzügliche Arbeit verdient eingehendes Studium, da das neue Verfahren denfalls eine grosse Zukunft hat. Ed. M e 1 c h i o r - Breslau: Zur ScHnittführung bei der Brauer sehen ardiolyse. Da Verf. bei der Bildung des typischen türflügelartigen Lappens 2 mal ekrosen des Lappenrandes bzw. eines Lappenteiles beobachtete, empfiehlt ; einen ausgiebigen Längsschnitt über die V. Rippe zu machen, der be- uemen Zugang zum Herzen verschafft und gleichzeitig die erwähnten Wund- örungen vermeidet. A. H. H o f m a n n - Offenburg: Regenerationsfähigkeit des Colon •rcendens und transversum. An 4 Röntgenbildern zeigt Verf. das Bestreben des Kolons, nicht bloss perativ geschaffene Lücken auszufüllen, sondern auch die verloren ge¬ angenen Teile direkt zu ersetzen. Die Haustren erscheinen durch den Druck er Darmgase ausgezogen, abgeflacht und bedingen dadurch eine Ver- ngerung des ganzen Darmes oder ein Auswachsen des Kolons. E. G 1 a s s - Hamburg: Nachtrag zu meiner Mitteilung in Nr. 12 des Zbl. on 1920: Ein selten grosser „freier Körper“ in einer Hydrocele testis. Zur rage der Entstehungsmöglichkeiten. Verf. fand kürzlich in einem Hydrozelensack eine derbe, kugelige, nur ji einer dünnen Stelle mit dem Hodentiberzug verwachsene Geschwulst, die 1s Fibrom anzusprechen war; wahrscheinlich hat sich dieser Tumor all- lählich mehr und mehr abgeschnürt und war im Begriff, sich zu einem freien ydrozelenkörper zu entwickeln. Mit 1 Abbildung. William Levy- Berlin: Bild der Trommlerlähmung (Ausfall der Funktion es Extens. pollic. long.) durch typischen Radiusbruch. Verfasser beobachtete kürzlich 2 mal nach Radiusbruch den Ausfall der unktion des langen Daumenstreckers. Dieser Defekt ist bekannt als rommlerlähmung und bedingt durch eine Zerreissung dieser Strecksehne ach entzündlichen Veränderungen. Wodurch die Trommlerlähmung in den eiden vom Verf. beobachteten Fällen zustande kam. kann Verf. noch nicht hgeben; möglich wäre, dass das Tuberculum radii (Henke) bei seiner Ver- tzung die lange Daumenstrecksehne mit zerreisst. E. Heim- Schweinfurt-Oberndorf. Zentralblatt für Gynäkologie. 1922. Nr. 1. C. M e n g e - Heidelberg: Das Korpusadenom der Matrone. Bei dem Korpusadenom der Matrone handelt es sich um ein Gebilde, as seiner anatomischen Struktur nach vollkommen gutartig ist, welches ladurch als echtes Neoplasma charakterisiert ist, dass es sich erst mehrere, rweilen sogar viele Jahre nach eingetretener Matronenatrophie des Genital- pparates durch eine planimetrisch angelegte Epithelproliferation aus einem ;hon mehr oder weniger atrophisch gewordenen Schleimhautmutterboden ieschwulstartig heraushebt. Die Entfernung mit der Eihautzange ist leicht, ezidive bleiben aus. 8 Fälle. F. L i c h t e n s t e i n - Leipzig: Zehn Jahre geburtshilflich ab wartender klampsiebehandlung. L. nimmt in einer eingehenden kritischen Besprechung und Statistik 10 Seiten!) Stellung zu den zur Zeit modernen Eklampsietheorien und An- chten und gibt eine Zusammenstellung, die das therapeutische Vorgehen er Zweifelschen Schule: Aderlass, Narkotika als berechtigt erscheinen issen. Diese geburtshilflich abwartende Behandlung hat sich in 10 jähr. nwendung .bewährt. Sie verdient den Vorzug vor der Schnellentbindung, 'eil damit 1. viele Eklampsien interkurrent heilen und dieser Verlauf wissen- chaftlich fördernd ist, 2. keine tödlichen Verletz/ungen (Verblutung, Infektion) esetzt werden, 3. keine gesundheitsschädlichen Verletzungen für Ueber- :bende vorhanden sind (Fisteln, Zervixnarben), 4. die Mortalität der Mütter nd Kinder auf etwa die Hälfte gegen früher herabgesetzt ist, 5. der auf ich selbst gestellte praktische Arzt die Eklampsie zweckmässiger behandeln ann als mit grossen Operationen. H. K ü's t e r - Weisser Hirsch (Dresden): Ein Vorschlag zur Verminde- nng der Abortgefahr bei Operationen an der schwangeren Gebärmutter. Die Infiltration der Zervix mit 1 proz. Novokain-Suprareninlösung setzt en durch die am Uterus erfolgende Operation gesetzten Reiz herab und erhindert die Entstehung des Aborts. 2 Fälle. W. S. F 1 a t a u - Nürnberg: Eine Verbesserung der intrauterinen Radiuiti- nwendung. Angabe eines neuen Radiumträgers, der den gleichzeitigen Abfluss des itrauterinen Sekrets während des Tragens des Radiums ermöglicht: Breit efensterter Hohlzylinder aus Neusilber. Verfertiger: Paul W a 1 b - Nürnberg. Erich Färber-Prag: Ein einfacher Beckemnesser für alle erreichbaren »istanzen des weiblichen Beckens. Werner- Hamburg. Jahrbuch für Kinderheilkunde. Band 96. Heft 3 u. 4. Hans Mautner: Beiträge zur Entwicklungsmechanik, Pathologie und linik angeborener Herzfehler. (Aus dem Karolinen-Kinderspital in Wien, ’rimarius: Prof. Dr. W. Knöpfelmacher in Wien.) (Mit 10 Ab- ildungen.) Zur Entwicklungsmechanik (die S p i t z e r sehe Theorie der ransposition). Die eingehende und wertvolle Arbeit ist zu kurzem Referate nicht ge- ignet. Auch die verfeinerten klinischen Methoden lassen nach M. meist nur ie Diagnose auf „Vitium congenitum“ stellen. Ein ausführliches Literatur- erzeichnis erhöht den Wert der Arbeit. ; # Marcus A. T s o u m a r a s - Athen: Ueber eine paragonokokkisch- pidemische Vulvovaginitis. Kasuistische Mitteilung ohne wesentlich neue Gesichtspunkte. ' P. Hoff mann und S. Rosen bäum: Zur Pathogenese der akuten limentären Ernährungsstörungen. Dritte Mitteilung: Die Magenzuckerkurve nd ihre Bedeutung. (Aus der Universitäts-Kinderk'^k in Marburg.) Nach 50 bei Säuglingen jeden Alters vorgenommenen Versuchen ergab sich eine Abnahme der Konzentration irrt Ausgeheberten, sobald der Eiweiss¬ gehalt den der Frauenmilch überschreitet; diese Erscheinung erklärt sich aus einer dem Säuglingsmagen eigentümlichen „Verdünnungssekretion“ gegen¬ über eiweissreicheren Nahrungsgemischen als Frauenmilch. Nach den Ver¬ fassern dürfte die Bestimmung der „Magenzuckerkurve“ bei Nahrungen mit einheitlichem Kohlehydrat eine brauchbare Methode zur Bestimmung der Magensaftsekretion darstellen. J. Z e i s s 1 e r und R. K ä c k e 1 1: Die ätiologische Diagnose des Nabel¬ tetanus beim Neugeborenen. (Aus der Kinderklinik der Universität in Ham¬ burg [Prof. Kleinschmidt] und dem Bakteriologischen Untersuchungs¬ amt der Stadt Altona [Dr. J. Z e i s s 1 e r]). Kasuistischer Beitrag eines einschlägigen Falles mit Sicherung der Dia¬ gnose durch Züchtung des Starrkrampferregers in Reinkultur, morphologischer, kultureller und biologischer Prüfung, sowie durch Tierversuch an Mäusen. Karl Benjamin: Der Wassergehalt des Blutes bei hydropischer Kon¬ stitution. (Mit 7 Abbildungen.) (Aus der Universitäts-Kinderklinik zu Berlin.) Bei Kindern mit hydropischer Konstitution ist der Blutwassergehalt höher und wahrscheinlich auch labiler als bei gesunden Kindern gleichen Alters. Während bei Neugeborenen das Blut am Wasserhaushalte des Ge¬ samtorganismus lebhaft beteiligt ist, wird seine Konzentration mit fort¬ schreitendem Alter zunehmend stabiler, damit nimmt auch die Möglichkeit, den Wassergehalt des Gesamtorganismus besonders aber denjenigen des Blutes durch die Nahrung zu beeinflussen, mit zunehmendem Alter ab. Die Zusammensetzung der Nahrung (Kohlehydratreichtum) und ihr kalorischer Wert sind von grösserer Bedeutung für den Wasseransatz als die zugeführte Wassermenge. Richard L e d e r e r - Wien: Die chronischen nichttuberkulösen Atmungs¬ erkrankungen des Kindesalters. Auch diese Arbeit eignet sich nicht zu kurzem Referat, doch sei ihre Lektüre im Original angelegentlich empfohlen. Sie zeigt so recht die dia¬ gnostischen Schwierigkeiten der Krankheiten der Atmungsorgane im Kindes¬ alter. In Bezug auf die Aetiologie hebt sie mehr als dies bislang geschehen ist, schwere protrahierte Geburt, Prophylaxe gegenüber Infektion durch „er¬ kältete“ Personen in der Pflege des Neugeborenen hervor. Auch familiäre dispositioneile Momente werden gebührend hervorgehoben. In der Unter¬ haltung der Erkrankungen spielen, nach Lederer, weniger eine bestehende exsudative Diathese eine Rolle (? Ref.) — als das Bestehen von Rachitis, interkurrente Infekte, und feuchte und kalte Wohnung (auch Grossstadt- und Schulschädigungen Ref.). Ob die von L. gewählte neue Einteilung der Er¬ krankungen der Luftwege allgemeine Anerkennung finden wird, erscheint zweifelhaft. In Bezug auf Therapie lobt der Verf. für die Fälle rezidivierender Bronchitis die Bestrahlung mit künstlicher Höhensonne, während er in Bezug auf den kurativen Erfolg der Adenotomie einen vorsichtig zurückhaltenden Standpunkt einn.immt und die Entfernung der Wucherungen nur dann für ge¬ boten hält, wenn wirklich ein mechanisches Hindernis besteht. (In Bezug auf Therapie liesse sich wohl noch manches sagen — wie Atemgymnastik, Klima¬ behandlung, Ca-Darreichung — Ref.) Sitzungsbericht der Münchener Gesellschaft für Kinderheilkunde. Literaturbericht. O. Rommel- München. Archiv für experimentelle Pathologie und Pharmakologie. 91. Bd. 6. Heit. Dresel und F r e u n d - Heidelberg: Studien zur unspezifischen Reiz¬ therapie. 2. Mitteilung: Ueber die experimentelle Steigerung der Anthrako- zidie im Blut. Nach der Entdeckung von G r u b e r u. a. enthalten die Blutplättchen von Kaninchen, Ratte und Pferd bakterizide Stoffe gegen den Milzbrand¬ bazillus. Es gelang nun den Verfassern durch Caseosan, Typhusimpfstoff in kleinen Dosen, wiederholte Aderlässe, Röntgenbestrahlung in kleinen Dosen eine recht erhebliche Steigerung dieser Stoffe beim Kaninchen hervorzurufen, die im Plasma, Serum und Frischblutextrakt nachweisbar war. Das ist eine neue Stütze für die Theorie von Freund, dass die Proteinkörper und die unspezifische Reiztherapie zum Teil auf dem Umwege über den Plättchen¬ zerfall wirken. Es kann aber guch menschliches Serum, das normalerweise nicht anthrakozid wirkt, milzbrandfeindliche Kraft erlangen. So fanden die Verfasser bei Frauen in den letzten Wochen der Schwangerschaft grosse Mengen dieser Stoffe, ebenso beim Menschen nach kleinen Caseosangaben, bei nichtbehandelten Luetikern. N o n n e n b r u c h - Würzburg: Untersuchungen über die Blutkonzen¬ tration. 2. Mitteilung: Ueber die Wirkung der Diuretika der Purinreihe auf den Stoffaustausch zwischen Geweben und Blut. Bei Theocin, Theophylin, Euphyllin erfolgte zunächst ein Abstrom von Wasser aus dem Blut, dem bald ein oft überschiessender Einstrom folgte. Das Serumeiweiss nahm oft durch absolute Vermehrung erheblich zu, auch beim entnierten Tier. Für die Purindiurese ist neben dem Zustand der Niere vor allem die Füllung des üewebsdepots mit Wasser und Salzen und die Bindung des Wassers im Blut und den Geweben bestimmend. O. R i e s s e r und .1. M. Neuschloss - Frankfurt a. M. : Physio¬ logische und kolloidchemische Untersuchungen über den Mechanismus der durch Gifte bewirkten Kontraktur quergestreifter Muskeln. I. Ueber die durch Azetylcholin bewirkte Erregungskontraktur des Froschmuskels und ihre antagonistische Beeinflussung durch Atropin, Novokain und Kurare. Das kennzeichnende Merkmal der Azetylcholinwirkung ist die Erregung bestimmt lokalisierter, nervöser bzw. „neuromuskulärer“ Apparate des Muskels. Die Azetylcholinkontraktur ist als das Paradigma einer tonischen Funktion des Muskels zu betrachten, d. h. einer nicht durch zentral¬ motorische, sondern durch andersartige nervöse Erregungen vielleicht vegeta¬ tiver Natur ausgelösten Dauerwirkung. Der nervöse Erregungsapparat dieser tonischen Funktion gehört vielleicht dem parasympathischen System an. G e s s 1 e r - Heidelberg: Ueber die Gewebsatmung bei der Ent¬ zündung. Verf. hat an exzidierten Hautstücken vom Schwein nach der War- b u r g sehen Methode den Sauerstoffverbrauch bestimmt und dabei normales und entzündetes Gewebe verglichen. Er fand immer Steigerung des Sauer¬ stoffverbrauches in der Peripherie des Entzündungsherdes, und zwar um 36 57 Proz. je nach Stärke der Entzündung und Zeitpunkt der Entnahme. Damit ist also eine Steigerung des Stoffwechsels in der Peripherie des Entzündungsherdes bewiesen. L. Jacob- Bremen. I.% MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT. Nr. 4. Medizinische Klinik. 1922. Heft 1. M. Kirschner: Die chirurgische Behandlung der Kriegsverletzungen der peripheren Nerven und ihre Heilungsmöglichkeit durch operative Eingriffe. Als Richtpunkte zur Indikationsstellung seien aus dem zusammenfassenden und übersichtlichen Vortrage folgende hervorgehoben: Im ersten Monat nach einer Schussverletzung gibt die Nervenlähmung an sich keine Veranlassung zur Operation. Freilegung ist hingegen im weiteren Verlaufe dann geboten, wenn die Lähmung ungebessert oder gar verschlechtert fortbesteht, wobei sowohl die elektrische Untersuchung als vor allem auch der klinische Befund berücksichtigt werden muss. Drei Jahre nach der Verletzung sind die Aus¬ sichten einer Nervennaht nur noch gering, fünf Jahre darnach sind sie als erloschen zu betrachten. Gewisse Kontraindikationen gegen den Eingriff sind zu beachten; zu ihnen gehört aber nicht die Tatsache vorausgegangener erfolgloser Operationen. ...... R. Schmidt: Zur Kenntnis der Aortalgien (Angina pectoris) und über das Symptom des anginösen linkseitigen Plexusschmerzes. Klinische Abhandlung mit bemerkenswerten Befunden und Erörterungen, zu kurzem Bericht nicht geeignet. A. Kühn: Ueber Kieselsäureinjektionen. Aeusserst vorsichtige Schlussfolgerungen aus günstigen Resultaten und Untersuchungsbefunden (Blutbild) bei längerer Anwendung der Kieselsäure¬ therapie bei Tuberkulose. Jedenfalls ein wertvoller Beitrag zu dem noch wenig geklärten Problem. „ E. Stransky und E. Schiller: Beiträge zur Klinik der Lues congenita. , Klinischer und pathologisch-anatomischer Beitrag durch Mitteilung zweier E. Langer: Die Behandlung der gonorrhoischen Gelenk- und Sehnen¬ scheidenentzündung. .„ . , _. Die Behandlung ist eine kombinierende: Ruhe, Wärme (Heissluft, Stau¬ ung, Sonne, Packung, Bäder), dazu immunotherapeutische Massnahmen ver¬ schiedener Art und Stärke. Wichtig ist die Nachbehandlung nach Abklingen der akuten Erscheinungen (Massage, Bäder, Elektrizität usw.). A. Gross: Die Blutbehandlung der Anämien. Die Therapie wirkt durch Protoplasmaaktivierung des zugeführten Serumeiweisses und durch die parenterale .Eiseneinverleibung. Die Art des verwendeten Blutes scheint gleichgültig zu sein. Bei schweren Anämien empfiehlt sich zuerst eine grosse Zitratbluttransfusion, dann Nachbehandlung mit Injektionen kleiner Mengen. J. R. Thim: Ein neues Fläschchen nach Hinz-Thim zur sterilen Aufbewahrung von Medikamenten und direkten Entnahme derselben mit der Rekordspritze. Hilgermann, Lauxen und Shaw: Bakteriologische Unter¬ suchungsbefunde bei Encephalitis lethargica. 3. Mitteilung über die von den Verfassern gesehenen Entwicklungs- und arterhaltenden Formen parasitischer Protozoen. K. Blühdorn: Die akuten Magen-Darmerkrankungen. Für die Praxis der Ernährungsstörungen des Säuglingsalters. S. Schweizerische medizinische Wochenschrift. 1921. Nr. 51. J e n t z e r - Genf : Des Operations endo-craniennes contre la Nevralgie Faciale Retelle. W y r s c h - Zürich: Zur Frage der geographischen Verbreitung und poli¬ klinischen Behandlung der Epilepsie. Statistische Bearbeitung von 618 Fällen, Vergleich der Verbreitung in Unterwalden und Zürich. Konsequente ambulante Behandlung mit Sedobrol oder Brom und salzarmer Kost ergab 78 Proz. Besserungen. Mehr als ~ls der Fälle, die auf Brom allein ungenügend reagierten, besserten sich mit kombinierter, kochsalzarmer Brom-Luminaltherapie. Durch 0,05 — 0,1 Luminal pro die kann 1,5— 2 g Brom gespart werden. Vorsicht bei Luminal ist ge¬ boten wegen der toxischen Wirkung. 0 p p r e c h t - Zürich: Ein Beitrag zum Morbus Banti. lljähr. Kranker mit dem Symptomenbild des III. Stadiums, durch Splenektomie vor 6 Monaten geheilt. S e i 1 e r - Interlaken: Wirkung von Orangenschalendestillat auf Gallen¬ steinaffektionen. Wesentliche Besserung in einem Fall, bei dem andere Massnahmen er¬ folglos waren. L. Jacob- Bremen. Oesterreichische Literatur. Wiener klinische Wochenschrift. Nr. 1. A. E i s e 1 s b e r g - Wien: Ueber die Behandlung der Tetania parathyreopriva. Siehe M.m.W. 1921 S. 1540. V. Blum- Wien: Ist die Verjüngung nach der Prostatektomie als „Steinach-Effekt“ aufzufassen? Durch die Prostatahypertrophie (besser das prostatische Adenom) werden die Ductus ejaculatorii verdrängt und komprimiert; der Theorie nach müsste also hierdurch eine Steinach-Verjüngung erfolgen. Der körperliche und psychische Aufschwung, welcher der Prostatektomie zu folgen pflegt, beruht gerade auf der wiedereintretenden Wegsamkeit der Ductus ejaculatorii und dem Schwinden der chronischen Urotoxämie und wahrscheinlich auf der Wiederherstellung der normalen Sekretion und Innensekretion der Prostata. L. Rethi-Wien: Untersuchungen über die Schalleitung in der Nase und über den Einfluss der Nasenweite namentlich auf die Singstimme. R. H o f f m a n n - Wien: Ueber das Novatropin. Das Novatropin (Nitrat des methylierten Homatropins) ist bei 30 — 50 mal geringerer Giftigkeit dem Atropinsulfat therapeutisch ganz gleichwertig. Der Wegfall zentraler Reizerscheinungen erleichtert wesentlich die einschlägige Therapie, wobei die grössere, Dosierungsbreite und die Möglichkeit der intra¬ venösen Anwendung von Vorteil sind. « H. Kahler- Wien: Ueber Veränderungen des Zuckergehaltes in der Zerebrospinalflüssigkeit bei inneren und Nervenerkrankungen. Kurzes Ergebnis: Bei Spinalprozessen fast durchgehends normale Liquor¬ zuckerwerte. Häufige Erhöhung bei Blutdrucksteigerung und fast ausschliess¬ lich bei essentieller Hypertonie infolge eines Reizzustandes des Vasomotoren¬ zentrums. Liquorzuckervermehrung bei normalem Blutzuckergehalt scheint besonders bei Reizzuständen des Gehirnes vorzukommen, z. B. bei der bulbären Form der essentiellen Hypertonie. K. F i s c h e r - Wien: Ueber Behandlung der Krampfadern mit Sublimat¬ injektionen nach L i n s e r und über Behandlung der Beingeschwüre. Die von Z i r n (M.m.W. 1919 Nr. 14) beschriebene Sublimatbehandlung hat sich bei Varizen und den dadurch bedingten Geschwüren sehr gut be¬ währt. Bei schmierigen Geschwüren dient eine 10 proz. Terpentinemulsion mit Wasser (Ränder mit Zinkpaste bestreichen, über das Ganze Billrothbattist) zur raschen Reinigung; dann Ausheilung nur unter Billrothbattistbedeckung. W. L o e w - Franzensbad : Ueber Schwankungen des Komplementgehaltes bei Meerschweinchen. H. Zweig: Ueber einen atypisch verlaufenden Fall von lyphus abdominalis. _ , . , Vom Darm ausgegangene aber ohne wesentliche Darmerscheinungen ab¬ laufende sekundäre typhöse Septikämie. Obduktionsbefund. M. R o s e n s t e i n - Mähr. Ostrau: Jodinjektionen (Mirlon) bei Keratitis parenchymatosa und Lues hereditaria. Günstige Erfolge. B e r g e a t - München. Im Druck erschienene Inauguraldissertationen. Universität Marburg. 2. Halbjahr 1921. Feuer riegel Otto: Proteinkörpertherapie mit Berücksichtigung des Aolans. Henze Ludwig: Kasuistisches zur Spätrachitis. Levy-Sonneborn Ludwig: Ueber Volvulus der Flexura sigmoidea, insbesondere die schwere akute Form mit Gangrän der Flexur. Moog Otto: Die Serumbehandlung des Scharlachs und ihre Beziehung zur Proteinkörpertherapie. (Habil. -Schrift.) Querfeld Erwin: Ein Fall von paranephritischem Abszess, zugleich ein Beitrag zur Frage seiner Verwechslungsmöglichkeit mit Koxitis. Schmiemann Erna: Ueber die Anwendung von Eukupin-Terpentin- injektionen bei entzündlichen Adnextumoren und Parametritis exsudativa. Seeger Wilhelm: Zur Differentialdiagnose des Ulcus pepticum oesophagi. Wiedemann Helene: Die sog. Idiosynkrasien. Klinisches Bild, Wesen und Behandlung. Vereins- und Kongressberichte. Berliner medizinische Gesellschaft. (Eigener Bericht.) Sitzung vom 11. Januar 1922. Tagesordnung: Herr Paul Rosen st ein: Erfahrungen mit der Pneuino-Radiographit des Nierenlagers. (Mit Demonstrationen und Lichtbildern.) Vortragender führt zunächst aus, dass ihm die Priorität gegenübei C a r r e 1 1 i zukommt. Die Methode hat zum Ziele, die Niere durch Um¬ hüllung mit Gas, im speziellen mit Sauerstoff, in ihren Grenzen sichtbar zv machen. Man kann dies ohne das Peritoneum zu beschädigen, erreichen indem man von der Lendengegend aus in Seitenlage in den Rückenwuls unterhalb der 12. Rippe einsticht. Unter Benutzung des Brauer schei Pneumothoraxapparats werden bis 500 ccm Sauerstoff eingelassen. Bei Re achtung dieses Vorgehens ist die Gefahr einer Luftembolie ausgeschlossen Nach dem Einstich muss man darauf achten, ob nicht Harn oder Blut aus de Nadel ausfliesst. Ersteres um bei Hydronephrose, bei welcher das Verfahrei kontraindiziert ist, die weitere Ausführung des Eingriffs zu unterlassen Ebenso ist die Anwendung der Methode bei akuten Prozessen kontraindiziert Einstich in den Psoas hat unangenehme Schmerzen, die bis in den Unter Schenkel ausstrahlen, so dass dieses Vorgehen zu vermeiden ist. Die Methode ist eine Ergänzung der übrigen Untersuchungsmethoden, die bei der Röntgen durchleuchtung und stereoskopischen Aufnahme dann Aufschlüsse gibt. Aussprache: Herr Ziegler: Durch die Methode ist der ober Nierenpol sichtbar zu machen, was mit anderen Methoden nicht gelingt. Ar wichtigsten ist die Ausführung der Durchleuchtung, welche man' in den ver schiedensten Körperstellungen, im Liegen und Sitzen, vornehmen muss. I Herr Joseph spricht über die Anwendbarkeit der Methode bei Hydro nephrosen. wobei es oft zu Auftreten septischen Fiebers kommt. Herr Hirschberg möchte die Methode Pneumo-Aktinographie benann wissen. Herr B e n d a macht darauf aufmerksam, dass die Nähe der Vena cav die Gefahr der Luftembolie bietet, was besonders bei dem Verfahren vo C a r e 1 1 i in Betracht kommt. Herr Kraut dagegen leugnet, dass dies Gefahr besteht. Herr Nagelschmidt: Ueber die Praxis der Röntgentiefendosierum Die Dosierung ist bekanntlich bei der therapeutischen Anwendung vo Röntgenstrahlen das notwendigste, und die von ihm hier verwendete Methr dik setzt er auseinander. Aussprache: Herr B u c k y hebt hervor, dass die physikalische Do sierungsarbeit sehr weit entwickelt sei, während die biologische Ausarbeitur noch im argen läge. An diesem Punkt hat die weitere Arbeit einzusetzei Herr S c li u h m a c h e r: Ueber die Wirkung der Silbcrsalze auf di Zelle. (Mit Demonstration.) Die Wirkung der Schwermetallsalze beruht auf der Anwesenheit dt Mstallions. Die Substitution war bisher unbekannt, und er weist nach, da1 sie mit den Nukleinsäuren erfolgt. Als Gesetz der Desinfektion bezeichn er die Tatsache der Affinität zu den Nukleinsäuren und bezeichnet Desinfel tionsmittel als solche, welche diese Affinität haben. Aussprache: Herr Ben da weist auf die Verschiedenheit in de Bindungsverhältnissen des toten und lebenden Gewebes hin. W. Sitzung vom 18. Januar 1922. Vor der Tagesordnung stellt Herr Homburger ein 9 jähriges Kii mit plötzlicher hysterischer Erblindung vor. Das Kind fixierte vorgehaltei Finger, die Pupille reagierte. Herr W. Li ep mann: a) Neue Instrumente und ihre Anwendung der Geburtshilfe. An Stelle des stumpfen Hakens empfiehlt er eine Schlinge, die an ein' Seite mit Kupferdraht montiert ist und alle Vorzüge des stumpfen Hakens ohi seine Nachteile besitzt. Er empfiehlt, zur Verminderung des Drucks rr 2 Schlingen zu arbeiten. — Bei hochstehendem Kopf ist die von B u m empfohlene Achsenzugzange zur Vermeidung der Symphysenreibung nicht . Januar 1922. MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT. 137 , behren. Er ersetzt den Achsenzug durch 2 Schnüre, die an der gewölin- len Zange zu montieren sind. Die Richtung des Zuges wird durch eine Spatel vom Damm aus reguliert. — Drittens: eine elastische zweckmässige ' ichenbettsbinde. b) Der hohe Gradstand. Vortr. glaubt, dass der Kopf meist durch völ¬ ligen Blasensprung in die Lage emgestrudelt wird. In einem solchen Falle i ang die Entbindung eines lebenden Kindes nur durch zervikalen Kaiser- ■ initt. Aether ist bei Geburten vorzüglich, da es wehenerregend und riach- : lurtfördernd wirkt. Die Kinder werden sehr frisch geboren. Ein zweiter nloger Fall von hohem Gradstand Hess sich mit seiner modifizierten Achsen- ::zange extrahieren. Aussprache: Herr Sachs zeigt die Zangemeister sehen Iken. deren Wirkung er für besser hält. Er glaubt, dass in praxi bei fest- ihendem Steiss die beiden Schläuche sich nicht einführen lassen werden. Herr Po eich au: Ueber die Methoden der Messung der Körpertem- r atur und ein neues Verfahren der Schnellmessung. Voitr. empfiehlt die Messung der Temperatur des Harnstrahls. Er be¬ sieht vergleichend die Messungen in axilla, im Mund, im Darm. Die Urin- t iperatur entspricht der Körpertemperatur genau (Engländer und ( i i n c k e). Aussprache: Herr Fürbringer: Die Harnmenge in der Sprech¬ ende genügt oft nicht, ebensooft nicht die Technik des Kranken. Der Arzt r ss bei dem Akt selbst Zusehen, was bei Damen nicht geschehen kann. Herr Kraus begrüsst die Aussprache eines Praktikers über einen ein- i hen, aber wichtigen Punkt. Herr Rosenthal, über neueste Bestrebungen der Hodenüberpflanzung, sicht über die Berechtigung, die er für die allermeisten Fälle ablehnt, tmoplastische Ueberpflanzungen sind schon trotz Zustimmung des Spenders blenklich, wenn auch nicht vom juristischen Standpunkt . Mit Hoden ist ge- r ezu schon Kettenhandel getrieben worden. Aussprache: Herr Stabei gibt eine Uebersicht über vorliegende fcibachtungen und bestreitet, dass bei Homosexuellen eine Aenderung der lebrichtung durch Hodenüberpflanzung herbeigeführt werden kann. Herr Rosenthal: Schlusswort. Wolff-Eisner. k rein für innere Medizin und Kinderheilkunde zu Berlin. Pädiatrische Sektion. (Eigener Bericht.) Sitzung vom 16. Januar 1922. Herr Hamburger: Behandlung der Rachitis. (Referat.) Herr Woillenberg: Orthopädische Behandlungsmittel zur Bekämpfung i rachitischen Deformitäten. L Physikalische: a) Massage (M ü 1 1 e r - München-Gladbach) haupt- äjhlich zur Nachbehandlung. Nervöse Erscheinungen verschwinden, De- (jnitäten werden geringer, Muskulatur wird gekräftigt; b) Hyperämie (Heiss- t), Diathermie) ; c) aktive, passive Gymnastik; d) Strahlentherapie. Sie hat i| sich schöne Erfolge, aber man darf keine übertriebenen Hoffnungen hegen, «tiklose Anwendung führt zur vorzeitigen Befestigung der Deformitäten. Gtt Höhensonne auch Bogenlicht.) 2. Mechanische Therapie: Wo Knochen völlig biegsam und weich, sind r b ä n d e und Apparate anzuwenden. Nachteil bedeutet die Langsam- c der Wirkung. 3. Blutige und unblutige Eingriffe: Ueberleitung durch schonende Re- issements nur in gewisser Periode der gänzlichen Weichheit des Knochens Hlich. Vor dem Redressement Erweichen durch Ruhigstellung in Gips i g. Osteoklase wird durch allmähliche Ueberdehnung des Knochens ) zur Infraktur herbeigeführt. Abart der Osteoklase: unblutige Epiphysen- iing (in Deutschland nicht gebräuchlich, dafür blutige Durchtrennung im 3 eich der Epiphysenlösung). Osteotomie, Keilresektion nach plan- r:;siger Berechnung. Einfache oder mehrfache Durchsägung. Auch Aus¬ malung der ganzen Diaphyse aus dem Periost und Füllung des Periost- mlauchs mit Jodoformplombe oder mit der zersägten Knochendiaphyse. -e Erfolge, doch 1,5 Proz. Embolien. In der Regel hat Osteoklase gute -)lge (S p i t z y von 140 Fällen 90 Heilungen). Die Osteotomie besitzt ge¬ äste Gefahr für Embolie, aber Gefahr für Peroneuslähmung und Gefahr der Lokation der Fragmente (nicht ganz durchmeisseln, Rest einbrechen). I. Orthopädische Beeinflussung: 1. der Kyphose: Rauchfussschwebe, ' inationsgipsbett (Lagerung nur vorübergehend). Schedes Lagerungs¬ ort (wenn Kinder sich auf Arme stützen können). G o c h t s schiefe Ebene, •stein scher Schaukelstuhl. Gipsbett mit Führung des Bogens nach der reren Seite, event. auch fragezeichenartig. 2. Der Thoraxdeformitäten: Wicklung des Bauches, wo nur Bauchatmen ’ e"t. Behandlung der Hühnerbrust im Gipsbett mit elastischer Pelotte und < rektiir der seitlichen Thoraxausladung durch elastischen Zug. ü 3 Coxa vara: entweder unblutiges Redressement mit funktionell guten -plgen oder blutige Osteotomie bei Adoleszenten, aber Beherrschung der ■tmente schwierig. J Genu valgum: Apparatbehandlung mit Hessingapparaten oder Muskat- - merapnarat oder suprakondylärer Osteotomie mit schrägem Schnitt. 5. Genu varum: Apparatbehandlung oder operative Behandlung oberhalb ' unterhalb des Kniegelenks. 6. Knickfuss, Plattfuss: durch mechanische Behandlung und Einlagen, Tei Fersenkorrektion das wichtigste ist. Au ssprache: Herr P e 1 t e s o h n spricht der langdauernden Massage . ort. Der Vorwurf, dass die Orthopäden die Skoliose vernachlässigten, glicht unberechtigt. Ferner erinnert er an die guten Erfolge Joachims- • s mit der Korrektur des Genu valgum im erstarrenden Gipsverband mit folgender gründlicher Kräftigung der Muskel und Bänder. Herr Böhm betont, dass es eine Schulskoliose im eigentlichen Sinne 1 1 gebe, sondern es besteht immer eine rachitische Aetiologie. Pädiater ' Orthopäden müssten zusammenstehen und im 2. und 3. Lebensjahr die ’inge feststellen und behandeln, dann wäre die Chance der Bekämpfung 6 •Skoliose viel besser als im 7. oder 10. Jahre. Herr Brunner. hält es für einen wesentlichen Vorteil, im frühen Alter - Jahren zu operieren. Er hat glänzende Erfolge mit der Osteoklase in ''2m Alter. .^..err Brosch gibt Ratschläge zur Behandlung fortgeschrittener De- 1 'itaten mit aktiver Gymnastik, Höhensonne und Massage. Herr Muskat verweist auf die Vererblichkeit von Deformitäten und die Notwendigkeit familiärer Prophylaxe. Herr Rosenstern betont neben der Strahlenbehandlung die Kompo¬ nente der Freiluftbehandlung, die itn Winter bei den gut eingepackten Kindern in Buch durchgeführt wurde. W. (F. M e y e r). Gesellschaft für Natur- und Heilkunde zu Dresden. (Vereinsamtliche Niederschrift.) Sitzung vom 24. 0 k t o 0 e r 1921. Vorsitzender: Herr Mann. Schriftführer: Herren Grunert u. Wemmers. Vor der Tagesordnung. Herr Becker stellt einen Fall von linkseitigem Exophthalmus con- genitus und rechtseitigem Mikrophthalmus congenitus vor. In die Augenabteilung des Johannstädter Stadtkrankenhauses war ein 7 Tage altes Mädchen eingeliefert, bei dem der linke Augapfel 1,5 cm aus der Augenhöhle hervorragte. Hauptsächlich aus der Kleinheit der voll¬ kommen glanzlosen und trüben Hornhaut, deren Durchmesser 7 mm betrug, konnte man schliessen, dass es sich hier ebenso wie beim rechten Auge um einen Mikrophthalmus handelte. Die Bindehaut des vorgetriebenen Augapfels war hochgradig gerötet und geschwollen, zumal die Lider weder die Horn¬ haut, noch den angrenzenden vorderen Teil des Bulbus bedeckten. Infolge der andauernden schleimig-eitrigen, konjunktivalen Sekretion war die stark getrübte Hornhaut fast in toto andauernd von einer schleimig-eitrigen Schicht bedeckt. Eine Augenspiegeluntersuchung konnte wegen der eingetrockneten und undurchsichtigen Hornhaut nicht ausgeführt werden. Aus derselben Ur¬ sache bestand auch völlige Amaurose. Der vorgetriebene Bulbus war voll¬ ständig unbeweglich, wie eingemauert. Entsprechend der oberen und schläfen- wärts gelegenen knöchernen Grenze der Augenhöhle findet man eine Schwellung, welche schläfenwärts am stärksten ausgebildet ist. Die palpieren¬ den Finger fühlen hier eine weiche Geschwulst, welche wohl als die Ursache für die Verdrängung des Bulbus aus der Augenhöhle anzusehen ist. Während die linke Lidspalte 28 mm lang ist, beträgt die Länge der rechten Lidspalte nur 18 mm. Der rechte Augapfel ist regulär ausgebildet, aber im ganzen kleiner als normal. Der Durchmesser der Hornhaut beträgt auch hier wie beim linken Auge 7 mm. Da die Pupille auf Lichteinfall nicht reagiert und der Optikus vollkommen atrophisch und blass ist, muss man annehmen, dass Amaurose besteht. Die ophthalmoskopische Untersuchung, welche bei vollkommener Klarheit der brechenden Medien trotz der Unruhe des Säuglings ausgeführt werden kann, ergibt ausserdem in der Umgebung des atrophischen Optikus verschiedene, mehr weniger ausgedehnte, radiär zum Sehnerven liegende Chorioidealatrophien, von denen sich einige direkt an den Sehnerven anschliessen. Auf diesen, verschieden grossen, hellweiss glänzen¬ den Flächen, welche zum Teil stark mit Pigment umrahmt sind, erblickt man ausser Retinal- und Chorioidealgefässen stärker gehäufte Pigmentansamm¬ lungen. Im übrigen ist das Kind, welches bei der Geburt 4 XA kg wog, wohl- ausgebildet und kräftig. Verschiedene, von Herrn Dr. Saupe im Johann¬ städter Krankenhaus ausgeführte Röntgenaufnahmen haben nichts Besonderes ergeben. Becker erwähnt im Anschluss an die Demonstration, dass der ange¬ borene Exophthalmus von Bertram (Prof. Peters: Die angeborenen Fehler und Erkrankungen des Auges, Seite 213) auch doppelseitig beobachtet worden ist. Ausserdem zeigt Becker 2 Photographien von einem dem soeben demonstrierten ähnlichen Falle, den er im Jahre 1896 in der früheren Königl Frauenklinik in Dresden zu untersuchen Gelegenheit hatte. Es handelte sich damals um einen rechtseitigen Exophthalmus, welcher durch einen retro¬ bulbären Tumor verursacht war. Ferner erinnert Becker daran, dass er, wie aus dem Jahresbericht der Gesellschaft für Natur- und Heilkunde vom Jahre 1899/1900 hervorgeht, am 11. November 1899 in der Gesellschaft für Natur- und Heilkunde einen Fall von Anophthalmus congenitus duplex vorgestellt hat. Er zeigt 2 Photogra¬ phien von einem fünfjährigen Knaben, welcher trotz seiner 5 Jahre weder stehen noch gehen, noch sprechen konnte. Derselbe starb im Alter von 5% Jahren. Tagesordnung. Herr Gafewsky: Kriegsblockade und Hautkrankheiten, ein Rückblick. Vortragender zeigt an einem umschriebenen Gebiete, dem der Hautkrank¬ heiten, die unendlichen Schädigungen, die die Kriegsblockade über Deutsch- land gebracht hat. Er weist nach, dass durch den Mangel an Fetten, Oelen, Medikamenten etc. die ganze Hauttherapie auf Ersatzpräparate angewiesen war, die z. T. schädlich bereits die gesunde Haut und noch viel mehr die kranke Haut beeinflussten. Er bespricht dann noch die Schädigungen durch die schlechte Ernährung und die durch den Mangel an. Wäsche und Seife und die damit zusammenhängende Einschleppung von Ungeziefer verursachten Hautkrankheiten sowie die rrichophytieepidemie. Ganz besonders eingehend behandelt er die Melanodermien und Melanosen, wie sie sich als Folge des schlechten Schmieröls und als Folge der mangelhaften Ernährung im Sinne Riehls in Deutschland und Oesterreich gezeigt haben. Er erwähnt die auffallende Tatsache, dass mit dem Aufhören der schlechten Ernährung auch diese Melanosen verschwunden sind. Sie sind wahrscheinlich als Folgen irgendeiner toxischen Beeinflussung der durch das Licht sensibilisierten Haut zu verstehen. Den Schluss des Vortrages, der in der in St. Louis herausgegebenen „Urologie and cutaneous Review“ erscheint, bildete ein kurzer Rückblick auf die Ergebnisse in der Erkenntnis der betreffenden Hautkrankheiten und die medizinischen Fortschritte, welche wir erzielt haben. Aussprache: Herr Bahr dt hat am hiesigen Säuglingsheim wäh¬ rend des Krieges eine Abnahme der konstitutionellen Ekzeme und eine Zu¬ nahme der Pyodermatosen beobachtet. Mit der Steigerung der Milchmenge ist neuerdings wieder eine Zunahme der Ekzeme zu konstatieren. Herr R o s t o s k i fragt, ob sich bei Pyodermatosen gleichzeitig Strepto¬ kokken und Staphylokokken finden, wie der Vortragende angegeben hat.. Herrn R u p p r e c h t ist an seinem Augenmaterial ein häufiges Auftreten von Herpes aufgefallen; er fragt an, ob die Hautärzte die gleiche Entdeckung gemacht haben. Herr Galewsky; Schlusswort. 138 MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT. Nr. Aerztlicher Verein in Frankfurt a. M. (Offizielles Protokoll.) . Sitzung vom 7. November 1921. Vorsitzender: Herr v. Wild. Schriftführer: Herr Grosser. Herr Stephan: Demonstration eines geheilten Falles von Endocarditls W0H«,?O.™D'S?lIf*,!lpÄl«*. Richtlinien bei Isolierten svphilo- Ee,“e Vortr. “''berichtet* über das Ergebnis mehr als 10 jähriger Studien unter einheitlichen Gesichtspunkten an 107 Kranken mit isolierten syphilogenen einneiuicrien cicstciuaijuiin.icin «u - . , _ . , A- H„r Pupillenstörungen, Kranken, bei denen jede andere Aetiologie als die der Syphilis für die beobachtete Pupillenanomalie mit Sicherheit ausgeschlossen werden konnte. , „ .. , _ Die Pupillenstörungen betrafen Anomalien der Grosse, der Rundung, der Licht- und Konvergenzreaktion in allen nur denkbaren ein- resp. doppel¬ seitigen Kombinationen. , 2/ Von den 107 Kranken konnten insgesamt 65, d. h. also nahezu 1.1 aller Fälle, 1 — 9 Jahre verfolgt werden, fast die Hälfte aller Kranken wuide nach mehr als 3 Jahren nachuntersucht. . . , ; Es stellte sich alsbald heraus, dass die Art der Pupillenstorung keinerlei Hinweis gibt, wie sich das fernere Schicksal der Kranken gestaltet. Die Nachuntersuchungen zeigten in einwandfreier Weise, dass man lediglich au Grund des Liquorbefundes instand gesetzt wird, prognostische Schlüsse zu Z'eh Serum zur Krebsbehandlung dadurch hergestellt, dass er Tieren Keimzel in Gestalt von Ovarialsubstanz injizierte. Mit dem solchen Deren e nommenen Serum hat er 2 Fälle von bis dahin erfolglos radiotherapeuti! behandeltem Lidkarzinom sehr erheblich gebessert bzw. (seit 7 Monaten) l heilt. Er bittet, das Serum, das gleichzeitig lokal Unterspritzung Tumors — und intravenös anzuwenden ist, bei inoperablen Krebsiallen versuchen. • Herr Oe h lecker bespricht unter Demonstration von Patienten 1 Bildern den plastischen Ersatz bzw. die plastische Verlängerung des v letzten Daumens sowohl durch Ueberwandernlassen einer benachbar Phalanx als durch Transplantation der grossen Zehe. In einem Falle gen es ihm bei einem Kranken nach Verlust der ganzen Hand eu oppositions-, pronations- und supinationsfähigen Daumen zu bilden, indem durch Resektion das untere Radiusende — unter Erhaltung der Epiphysenfi — verkürzte und auf den so gebildeten Stumpf die grosse Zehe transplantiei die der Ulzera gegenüber die genannten Bewegungen ausführen kann. 1 merkenswert war, dass die Radiusepiphysenfuge verloren ging, diejen der transplantierten Zehenphalanx dagegen erhalten blieb. Herr B i e m a n n berichtet, dass er bei 12 Fällen von Keuchhusten, er nach Spiess mit N 0 v 0 k a i n - A 1 k o h 0 1 i n j e k 1 1 0 n e n in 1 Nerv, laryngeus super, behandelt hat, einmal einen Erfolg sehen, dagegen zweimal das sofortige Auftreten des Horn ersehen Sy* droms beobachtet hat, das erst nach mehreren Monaten zurückging, warnt daher vor dieser Behandlung. Schluss der Besprechung des Vortrags von Herrn Much: Herren Kümmell, Bauer, Peemöller, Diesing, Weygan ]^uch. F. Wohlwill - Hamburg Medizinische Gesellschaft zu Magdeburg. (Offizielles Protokoll.) Sitzung vom 3. November 1921. Herr Meier: Beitrag zum Zuckerstoffwechsel. M. berichtet über Untersuchungen, die er im Anschluss an Versuche Staub und Traugott vorgenommen hat. Er prüfte das Verhalten Zuckerspiegels, indem er verschiedenen Menschen nüchtern 20 g Dexti gab und nach einer weiteren Stunde nochmals 100 g. Die Bestimmun j Januar 1922. MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT. 139 ■ rden nach der Mikroniethode von Bang ausgeführt. Bei Gesunden fand ( dabei nach der Portion von 100 g kein weiteres Ansteigen des Blutzuckers, > hrend Kranke mit Ikterus, Nitrobenzolvergiftung, starker Adipositas, die : eine endokrine Störung bezogen wurde, und schweren Neurosen mit einer 1 löhung des Blutzuckers auch nacli den 100 g Dextrose antworteten, i m Diabetiker trat auf 10 g Dextrose als zweite Gabe, nachdem als erste : h nur 10 g gegeben waren, ebenfalls eine Erhöhung des Blutzuckerspiegels i . Vortr. erklärt das Resultat seiner Untersuchungen mit einer Störung der \ l 1 s a a c angegebenen Gleichgewichtsverhältnisse in der Leber zwischen ( kogen und Dextrose. Er sieht in dieser Untersuchungsmethode keine [ iktionsprüfung der Leber, sondern nur eine Prüfung des gesamten Apparates, t für die Aufrechterhaltung und Regulierung des Blutzuckerspiegels ver- l wörtlich ist. Bei den Versuchen wurde auch festgestellt, dass die l -kosurie nicht allein von dem Blutzuckerspiegel abhängig ist. Es kommt \ -, dass bei hohem Blutzuckerwert im Urin kein Zucker auftritt, während t nchmal bei niedrigen Werten im Blut Zucker im Urin nachgewiesen werden I in. Vortr. betont deshalb ausdrücklich die Notwendigkeit von fort- I fenden Blutzucker bestimmungen beim Diabetiker und weist be- nders darauf hin, dass die Schwere eines Diabetesfalles nicht nach dem Uschwinden des Zuckers im Urin, sondern nach der Beeinflussbarkeit des t itzuckerspiegels beurteilt werden muss. Herr Schreiber: Ueber Wesen und Behandlung des Diabetes. Der Vortragende bespricht zunächst die heutigen Anschauungen über das Lsen des Diabetes, insbesondere die von Isaac aufgestellte Theorie. Bei c Therapie werden dann ausführlich die von v. Noorden und F a 1 1 a vor- j. chlagenen diätetischen Kuren besprochen. Sehr, kommt zu dem Schluss, dass der v. Noorden sehe Behaudlungs- pn sich wegen der starken Einschränkungen nur für kurzfristige Kuren :net. Das F a 1 1 a sehe Verfahren bedeutet wegen seiner geschickten und 5 jenehmen Abwechslung der Kost einen Fortschritt. Diskussion: Herren H i 1 g e r, Alt und Friedeberg. Herr Bauereisen demonstriert einen Rezidivtumor in dem infolge (literation des Orif. int. nach Mesothoriumbestrahlung zu einem zystischen !mor veränderten Corpus uteri. 55 jähr. Patientin. 1916 in desolatem, ausgeblutetem Zustande in die ‘dt. Frauenklinik aufgenommen. Diagnose: Carcinoma corporis uteri. lialige Bestrahlung von je 1200 mg h. Mesoth. (Weinbrenner). Allmähliche Eiolung, Amenorrhoe und Gewichtszunahme. Nach 5 Jahren Blasen- und Darmstörungen. Am 30. VIII. 1921 Unter- = hung in der Sprechstunde: Glatte hochstehende Portio. Im Beckeneingang itsitzender Tumor, der sich in Mannskopfgrösse bis fast zum Nabel er- ? eckt. Zystische Konsistenz. Diagnose: Kombination von Metastasentumor r Ovarialtumor? Operation empfohlen. Erst am 18. X. 1921 erscheint die Itientin zur Aufnahme in schlechtem Allgemeinzustand. Ileus. Urin: 'linder und Albumen. Puls klein und beschleunigt. Nach Anregungsmitteln Darotomie am 19. X. 1921 in lumbaler Anästhesie: Zystischer Uterustumor, c mit einem Pol neben dem Rektum adhärent ist. Beschleunigte Operation c ch supravaginale Amputation. Enorme Füllung des Rektums und der xura sigmoidea. Keine Metastasen im Becken. Rekonvaleszenz verläuft glatt. Albuminurie dauert an. Entlassung am I XI. in gutem Zustand. Präparat: Orif. int. obliteriert. Tumor prall gefüllt mit sanguinolenter fissigkeit. Wand setzt sich aus Muskellamellen und Bindegewebe zu- snmen. Innenfläche ohne Schleimhaut. Rechts oben sitzt breitbasig ein 1 5 : *4 cm messender markiger Tumor. Oberfläche zerfallen, im Innern fitungen. Mikroskopische Untersuchung (Prof. Ricker): Scharfe Ah¬ nung von der Sackwand. Teils Zylinderzellenkarzinom, teils solides, klein¬ sles (sarkomähnliches) Karzinom mit Andeutung papillärer Struktur. Epikrise: Nach 5 Jahren zurückliegender Mesothoriumbestrahlung Ent- v;klung eines Rezidivtumors im Corpus uteri, dessen Sekretion zu einem gissen zystischen Tumor infolge eingetretener Obliteration des Orif. int. aünrt hat. Ileus. Diskussion: Herr Kolde berichtet über einen analogen Fall, der Uh vor 5 Jahren mit Mesothorium bestrahlt worden und bis vor Vi Jahr uz gesund war. Jetzt grosser Rezidivtumor und Exitus ohne Operation. Aerztlicher Kreisverein Mainz, (Offizieller Bericht.) Sitzung vom 15. November 1921. Herr B. Werner: Ueber moderne chirurgische Behandlung der Er- 1 inkungen des Herzens, Herzbeutels und der Gefässe. Breite Ausführungen der Möglichkeiten und Erfolge der Herz- und Gefäss- ‘rurgie auf Grund eigener und literarischer Erfahrungen. Bei der Herz- J iktion ist vor dem allzu nahen Einstich am Rand des Sternums wegen der j ?e der Mammaria interna zu warnen. Der Drainage der tuberkulösen Peri- J- ditis steht Vortragender sehr skeptisch gegenüber. Bisher hatte eigent- ' le Herzchirurgie nur Erfolg, wenn es sich um Verletzungen des Myokards 1 :huss oder Stich) handelte, während operatives Vorgehen am Klappen- ■ Jarat beim Menschen noch nie zum Erfolg führte — im Gegensatz zur uerimentellen Erfahrung an Ratten. Fremdkörperentfernung aus dem Herz- ^ eren sind gelungen. Sie können höchst schwierig werden, wenn sich der imdkörper in der Wandmuskulatur verfangen hat und wenn er dort durch tombotischen Filz festgehalten und umhüllt ist. Operationen an der Aorta ^gen noch nicht über das experimentelle Stadium hinaus. Dagegen erscheint - Chirurgie der Venen erfolgreicher, einschliesslich der Art. pulmonalis 7 t-nung von. Embolie. Bei Besprechung der Chirurgie der klei- ien Gefässe vertritt Vortragender den Standpunkt, dass die Unterbindung f Karotis einer Seite immer zu Gehirnveränderung führt, selbst wenn die ■otis der anderen Seite gut entwickelt und ein weiter Kollateralkreis an - Hirnbasis vorhanden ist. Herr Michael demonstriert einen neu konstruierten Apparat zur ' rzbeutelpunktion. Aussprache: Herr Plass betont die Wichtigkeit der Unterbindung - Vena ileocolica bei pyämischen Erscheinungen im Zusammenhang mit • egmonüser Epityphlitis vor Herausnahme des kranken Wurmfortsatzes. — Tr R 1 c h t e r hat 3 Fälle von Herzmuskelsteckschuss behandelt. Bei dem -en Patienten, der im wesentlichen subjektive Beschwerden bot, folgte der 'i einem beratenden Chirurgen durchgeführten Ausschneidung des Ge¬ schosses aus der Wand des rechten Ventrikels nahe der Herzspitze eine eiterige Perikarditis und Pleuritis, die zum Exitus führte. (Vergl. Bruns Beitr. 1917, 107, H. 1, Arbeit von T h ö 1 e.) Im zweiten Fall handelte es sich um einen Geschosssplitter in der linken Wandmuskulatur. Konservative Be¬ handlung. Heilung. Der dritte Fall betraf einen links vom Sternum etwas über der 6. Rippe getroffenen Mann, der schon mehrere Tage nach der Ver¬ letzung unterwegs gewesen und der bei der Lazaretteinlieferung zunächst nichts Besonderes zeigte. Eine plötzlich eintretende Blutung aus der Art. mammaria interna erforderte operatives Eingehen. Dabei fand sich ein Hämo- perikard mit Perforationsstelle des Herzbeutels und einem Minensplitter in die Herzspitze leicht eingespiesst. Primäre Naht — bei offen gelassener Weich¬ teilwunde, welche granulierend heilte. — Herr R e i s i n g e r referiert über die Beobachtung eines Pneumoperikards, das nach einer Oesophagoskoplerung bemerkt wurde, Anlass zur üeffnung des Herzbeutels gab und zum Tode führte. Sektion schloss eine Perforation durch das Oesophagoskop aus. Eine ursprünglich gegen den Halsarzt erhobene Beschuldigung dieser Art erwies sich als hinfällig. Es handelte sich wohl um eine Mobilisierung einer alten, ruhenden Perikarditis mit Aktivierung gasbildender Keime im Herzbeutel. — Herr G r u b e r weist auf die von ihm beobachteten, von Roth veröffent¬ lichten (Virch. Arch. 233) Fälle von Herzverletzungen ohne Perforation des Herzbeutels hin. Gr. Aerztlicher Verein München. (Eigener Bericht.) Sitzung vom 11. Januar 1922. Herr Jansen: Knochenveränderungen bei Tabes dorsalis. Mit Kranken¬ vorstellungen. Vortr. stellt vier Tabeskranke mit sehr schweren Knochenveränderungen vor. Die vier Kranken zeigten die Kardinalsymptome der Tabes dorsalis und folgende Knochenveränderungen, die ohne äussere traumatische Ein¬ wirkung entstanden waren: Fall 1 : Rechte Schenkelhalsfraktur. Fall 2: Rechtsseitiger Beckenbruch, doppelseitige Schenkelhalsfraktur, Arthropathien beider Kniegelenke, rechts durch Absprengung des kondylären Femurteiles und Dislokation des abgesprengten Stückes vor dem Femurschaft, links durch Absprengung des medialen, Kondylus und Infraktion des kondylären Femurteiles, schwere Kyphoskoliose im Anschluss an die Beckendeformität. F a 1 1 3: Kompression des 1. Lendenwirbels und Subluxation des 12. Brust¬ wirbels mit Kompressionserscheinungen seitens des Rückenmarks. Fall 4: Linksseitige intrakapsuläre Schenkelhalsfraktur, rechtsseitige extrakapsuläre Schenkelhalsfraktur, rechtsseitige doppelte Unterschenkel¬ fraktur mit Pseudarthrose zwischen proximalem und mittlerem Bruch¬ fragment, Arthropathien beider Kniegelenke, rechts vereinzelte Knochen¬ absprengung mit hyperplastischen Prozessen, links Rissfrakturen der Patella oben und unten mit Dislokation der Fragmente, schwerste Form von „pes tabicus“ beiderseits, mit linksseitigen Frakturen im Talokrural- und Talo- kalkanealgelenk. In einer grösseren Zahl von Röntgenaufnahmen wurden die einzelnen Frakturen und die Struktur ihrer knöchernen Teile genau studiert. Die Schenkelhalsfrakturen zeichneten sich meist durch Schwund des Kopfes und Halses, zum Teil durch starke Dislokation aus. In die alten und auch neu- gebildeten Knochentrümmer tauchte vielfach der Femurschaft ein. Die tabischen Fusswurzelknochen hatten ihre Knochenstruktur und desgleichen ihre Gelenkverbindungen völlig verloren, waren zusammengesintert oder mit¬ einander verschmolzen. Es fanden sich Verkalkungszentren, von denen aus radialwärts die Knochenbälkchen angeordnet waren. Die erkrankten Knochen¬ teile zeigten deutlich schwerste Atrophie, bzw. Schwund der Knochenbälkchen. Auffaserung bzw. extremste Verdünnung ihrer Kompakta. Neben diesen regressiven Veränderungen fanden sich hyperplastische Prozesse, haupt¬ sächlich an den knöchernen, Gelenkenden, aber auch am Periost der langen Röhrenknochen, so dass knöcherne Brücken zwischen zwei benachbarten Knochen, z. B. Tibia und Fibula, vielfach zu sehen waren. Der Hauptbefund neben diesen schweren Kontinuitätstrennungen der Knochen war immer die Analgesie. Es wurde gezeigt, dass bei bestehender Analgesie der Knochenteile die Schmerzempfindung der zugehörigen Weichteile entweder nur herabgesetzt, oder selbst noch erhalten war. Vortr. kommt kurz auf Grund der Röntgenanalysen der Knochenstruktur auf die Pathogenese der tabischen Veränderungen zu sprechen. Er erläutert kurz die allgemeine Auffassung, nach welcher mit Verlust der Schmerzempfindung die Regulation der normalen Gelenkfunktion verloren geht und somit auch der Schutz der Gelenke gegen äussere Gewalteinwirkung. Die bei allen Fällen deutlich hervortretende Ueberdehnung des Kapsel-Bänder¬ apparates der Gelenke, sowie die Muskelschlaffheit ändern die Funktion der Gelenkenden zueinander und somit die ganze Statik und Dynamik der Gelenk¬ funktion. Der Verlust der Schmerzempfindung und des Tonus der Weichteile, somit der Ausfall des Schmerzes als Warner und Schutz fü*hrt bei äusserer Gewalteinwirkung zu diesen schweren Deformitäten der Knochen. Vortr. hält diese Auffassung für nur bedingt richtig. , Denn bei den demonstrierten Fällen hat überhaupt keine äussere Gewalteinwirkung bei Entstehung der Zerstörungen mitgewirkt. Ferner war in allen Fällen die Weichteilsensibilität nicht ganz aufgehoben, bzw. noch intakt, die also einen relativen Schutz gegen äussere Gewalt bedeuten konnte. Andrerseits gibt es Krankheiten mit Muskelhypotonien und -atrophien, die ohne Osteoarthro¬ pathien verlaufen. — Vortr. betont an der Hand seiner demonstrierten Fälle, dass die primäre Ursache der schweren Zerstörungen im Knochen selbst liegt und in der Veränderung der Knochensubstanz, d. h. in der Atrophie der Bälkchen und der Substantia compacta besteht. Er zeigte in Röntgenbildern von ganz intakten Knochen der oberen Extremität eines der demonstrierten Kranken, dass sowohl Auffaserung und Verdünnung der Substantia compacta. als auch Schwund von Knochenbälkchen und Ersatz dieser durch Bildung von Kalkinseln neben Wucherungsprozessen des Periostes vorhanden waren. Damit erscheint ihm die Bereitschaft der Knochen, zu brechen, erwiesen! Diese Knochenbrüchigkeit wird durch den Verlust der anorganischen Substanz bewirkt, einer komplizierten, unlöslichen Kalziumphosphatkarbonatverbindunt. die nur in Säure löslich ist. Die zur Lösung notwendigen Säuregrade dürften aber kaum in der Gewebsflüssigkeit vorhanden sein, wenigstens sind j sie im Blut der betreffenden Kranken nicht nachweisbar. Es muss also der Abbau eine vitale Zellfunktion der Knochenzellen sein, der Osteoklasten und MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT. Nr. 14t) Osteoblasten. Die Funktion dieser Zellen dürfte schon normaler Weise in ihrem Chemismus, d. h. einerseits in der Bildung der unlöslichen Kalzium- phosphatkarbonatverbindung aus ihren im Gewebssaft bzw. im Blut gelösten Komponenten, andererseits in der Lösung dieses an und für sich schwer lös¬ lichen Knochensubstrates bestehen. Jede Zellfunktion unterliegt aber nervöser Beeinflussung, und es ist bekannt, dass Innervationsstörungen die Zellfunktion und somit den an sie gebundenen Chemismus ändern. Vielfach geleugnete Knocheninnervation besteht zu Recht und ist bereits bewiesen. Die sensiblen Knochenfasern haben im Rückenmark andere Bahnen als die der dazugehörigen Weichteile. Der schon genannte Hauptbefund der Knochenanalgesie und der in ihrer Folge von Grund aus gestörte Chemismus der Knochenzellen als Ausdruck ihrer spezifischen Funktion, bei dem die anorganische Knochen¬ substanz verloren geht, ist das Primäre bei der Pathogenese der Osteoarthro¬ pathie, der Tonusverlust der Weichteile und somit die herabgesetzte Wider¬ standskraft gegen äussere und innere Traumen kommt nur noch als Hilfs¬ ursache in Frage. Herr Höflmayr berichtet über einen eigenen Fall von beginnender tabischer Arthropathie, der nach Verabfolgung von Hg und Jod symptomlos wurde. Herr H. v. Hattingberg: Bericht über die Tätigkeit des Ausschusses zum Studium sog. okkulter Phänomene. Auf Antrag des Herrn v. Zumbusch beschliesst der Verein nahezu einstimmig, den Ausschuss als Organ des Vereins nicht fortbestehen zu lassen. Diskussion zum Vortrag der Herren C r a e m e r und Krecke über Ulcus ventriculi. Herr Oberndorfer spricht zur Aetiologie und Heilungsfähigkeit des Magengeschwürs. Hyperazidität ist als ätiologischer Faktor abzulehnen. Traumen chemischer, thermischer und mechanischer Art mögen wohl eine gewisse Rolle spielen beim Zustandekommen des Ulcus ventriculi, dafür spricht auch die gewöhnliche Lokalisation in der Magenstrasse; das Haupt¬ gewicht legt Vortr. jedoch in dieser Frage auf Störungen der Zirkulation, venöse Stauungen infolge von Schwankungen in der Pfortaderstrombahn. Als unterstützende Momente mögen vielleicht nervöse Störungen hinzutreten, etwa Spasmen in der Muscularis mucosae, die ihrerseits wiederum Stase bedingen können. So kommt es zum hämorrhagischen Infarkte und über die hämor¬ rhagische Erosion, den gewöhnlicher Vorläufer des Ulcus zu diesem. Von der Grösse des Defektes wird wesentlich die Heilungsfähigkeit abhängen. Die übliche Vorstellung von einem wie mit dem Locheisen ausgestanzten, also zylindrischen, am Grunde gereinigten Defekte entspricht übrigens nicht den Tatsachen, der Defekt verläuft vielmehr keilförmig, die Spitze schräg gegen die Kardia zu gerichtet, wodurch die Zurückhaltung von Speiseteilchen im Ge¬ schwürsgrund sehr erleichtert wird. Der Geschwürsgrund ist gewöhnlich bei älterem Ulcus mit nekrotischem Schorf bedeckt. Bei mikroskopischer Untersuchung findet man die Zeugen entzündlicher Vorgänge: Leukozyten, Schleim, nekrotische Massen und schliesslich zu unterst Granulationsgewebe auf normalem oder narbig verändertem Grunde. Das Wesentliche des chro¬ nischen Geschwürs ist die chronische Entzündung, Phasen stärkerer Heilungs¬ tendenz mit Narbenbildung wechseln ab mit Stadien stärkeren Abbaues; ein Beweis dafür ist, dass vielfach im Bereich des Geschwürsgrundes derbes Knochengewebe an Stelle der Muscularis propria liegt, was nur durch ein vorausgegangenes Stadium stärkerer Granulationsbildung erklärt werden kann. Ob bei den entzündlichen Prozessen, wie Askanazy annimmt, Soorpilze hauptbeteiligt sind, bleibt unentschieden. Warum trotz der immer wieder einsetzenden Heilungstendenz grössere Geschwüre vielfach dennoch dauernd offen bleiben, erklärt sich vielleicht durch das Verhalten der Muscu¬ laris propria, die am Geschwürsgrund inseriert und diesen folglich bei jeder Kontraktion auseinanderreisst und an endgültiger Verklebung hindert, die Entzündungserscheinungen nicht zur Ruhe kommen lässt. Vom Standpunkte des' Pathologen aus müsste sich als einfache Therapie ein Ausschaben der Ulzera, Beseitigung der Entzündungszone und darauffolgendes Vereinigen der gereinigten Ränder empfehlen. Herr P 1 o e g e r stellt folgende Forderungen an eine einwandfreie opera¬ tive Behandlung des Magengeschwürs: 1. Beseitigung des primären Ulcus, 2. Erzielung beschwerdefreier Magenfunktion, 3. Verhinderung der Bildung neuer Magenulzera, 4. Vermeidung jeder direkten Schädigung durch die Opera¬ tion. Die Lösung dieser Bedingungen wird durch keine vorzeitige Opera¬ tionsmethode vollständig erreicht, immerhin kommt ihr die partielle Resek¬ tion des Magens in fast allen Punkten näher als die Gastroenterostomie, doch ist die Mortalität der Resektion noch durchschnittlich 10 Proz. Nach Schmieden zeitigt die Gastroenterostomie bessere Früh-, die Resektion bessere Spätresuitate. Die Wahl der Methode wird letzten Endes von Sitz und Art des Geschwürs abhängen, bei einfachen, nicht kallösen Ulzera wird man wohl mit Gastroenterostomie und Pylorusverschluss auskommen. In bezug auf Nachblutungen hat Vortragender mit der Resektion bessere Er¬ fahrungen gemacht. Herr P e r u t z gelangt auf Grund reicher Erfahrungen auf dem Gebiete der Ulcustherapie zur Ansicht, dass man nur bei Stenosen operieren solle oder bei Fällen, die gegen durch lange Zeit hin angewandte mannigfache interne Therapie refraktär bleiben. Häufig bringt längerer Landaufenthalt überraschende Besserung. Besonders vorsichtig sei der Chirurg gegenüber Personen mit neurotischem Einschlag und bei Kombination von Ulcus und Tuberkulose. Herr G i 1 m e r hat wie P 1 o e g e r die besten Erfolge von partieller Magenresektion gesehen. Bei hoch an der Kardia sitzenden oder sehr grossen Geschwüren empfiehlt sich auch reine Gastroenterostomie und Verschluss des Pylorus durch Raffnähte, was nie versäumt werden sollte, da sonst der Pylorus durchgängig bleibt. Vielfach kann man sich auch auf Exzision des Ulcus und seiner nächsten Umgebung und Uebernähung des Defektes beschränken. Grossen Wert lege inan stets auf rasche Beendigung des Eingriffs. Herr Neubauer hat auf seiner Abteilung das allzu teure Wismut durch Baryumsulfat ersetzt und damit gleich gute Milderung oder Aufhebung der Beschwerden erzielt. Ob in solchen Fällen nur Latenz oder Heilung eingetreten ist, lässt sich röntgenologisch nicht entscheiden, da hier negative Befunde keineswegs beweisend sind. Sichere Aufklärung darüber vermag jedoch die Gastroskopie zu geben, eine klinische Untersuchungsmethode, die ganz mit Unrecht als Quälerei verrufen ist. Die in den letzten Monaten auf der Abteilung des Vortragenden ausgeführten mehr als 100 gastroskopischen Untersuchungen wurden von den Patienten widerstandslos ertragen und haben den Beweis geliefert, dass zuweilen Ulcera ohne jedes Symptom bestehen können. Herr Schindler wird in der nächsten Sitzung des Vereins au führlich über die Gastroskopie referieren. Herr Schmitt erwähnt als Beitrag zur traumatischen Genese di Ulcus, dass er innerhalb kurzer Zeit 11 Fälle von starker Gastrektas: darunter 9 mal zugleich sicheres Ulcus ventriculi beobachtet habe, die sämtlk aus dem gleichen Dorfe stammten, das wegen seiner Gefrässigkeit berüchti sei. Referent hält die Gastroenterostomie für die Normaloperation des Mage geschwürs und hat Exzision der Geschwüre wegen erhöhter Nachblutung gefahr ganz verlassen. Bei ausgedehnten Resektionen war Vortragender c überrascht durch die gute Funktion des sich dehnenden Magenrestes. Gesellschaft der Aerzte in Wien. (Eigener Bericht.) Sitzung vom 16. Dezember 1921. Herr Hutter stellt eine Kranke vor, bei der er eine Arthritis d Articulatio cricoarytaenoidea beobachtet hat. Nach einem Gelenkrheumatismus trat leichte Atemnot auf. Die laryng skopische Untersuchung ergab Oedem und Rötung in der Gegend des rechti Aryknorpel. Das obere Schildknorpelhorn r. war druckempfindlich, eben') der r. Ringknorpel in seinem hinteren Anteil, auf dem die Aryknorpel ad sitzen. Der rheumatische Charakter der Erkrankung ging aus der Anamne! und der guten Wirksamkeit des Aspirins hervor. Die Parese der Stimij bänder dauerte etwas länger. Perichondritis der Aryknorpel mit sekundäre] Uebergreifen auf die Stimmbänder anzunehmen, war vollkommen unbegründi! Nur eine Arthritis cricoarytaenoidea kann Vorgelegen haben. Auch d Ueberdauern der Stimmbandparese spricht dafür. Vortr. hat den Fall vorgestellt, weil bei den ephemären sonstigen t scheinungen im übrigen Körper die Hauptlokalisation des Rheumatismus : Kehlkopf eine grosse Seltenheit darstellt. Herr K. Lederer: Hypogalaktie. Hypogalaktie kommt konstitutionell selten, aber sicher vor; ist vj häufiger Folge mangelhafter Stilltechnik, schlechter Ernährung oder ve schiedener Krankheiten. ’ Die qualitative Hypogalaktie wurde bisher angenommen, aber nie n Sicherheit nachgewiesen. Man nahm ihr Vorhandensein an, weil man andej nicht erklären konnte. In dem literarischen Streit vertrat eine Richtung ie ziemlich eindeutig sind. Sie besagen im grossen und ganzen, dass ier Alkohol kurz nach der Aufnahme die Leistung dadurch steigert, lass zwar nicht die Kraft des Muskels bei der einzelnen Zusammen¬ stellung zunimmt, aber ihm mehr Willensimpulse in der Zeiteinheit zu¬ geführt werden. Man findet denn auch in Spörtkreisen und in populären 5portlehrbüchern die Ansicht vertreten, dass der Alkohol im allgemeinen 5war schädlich, aber in kleinen Mengen kurz vor dem Wettkampf zu¬ weilen empfehlenswert sei. Gestützt wird diese durch die angenehm wirkende Beseitigung des Ermüdungsgefühls, die der Alkohol im Ge- iolge hat. Es liegt aber auf der Hand, dass die sportliche Betätigung nicht ihne weiteres mit Ergographenversuchen verglichen werden kann. Zu- lächst sind bei den letzteren nur wenige, bei der ersteren dagegen die Muskelgruppen des Körpers tätig — ein wesentlicher quantitativer Jnterschied. Dann aber spielen die zentralen Einflüsse von seiten des 'lervensystems bei der sportlichen Arbeit eine grössere Rolle und sind .-on der reinen Muskelarbeit gar nicht zu trennen. Es lag nun nahe, zu untersuchen, ob tatsächlich der Alkohol für die sportliche Leistung unter gewissen Bedingungen von Vorteil sein kann. Exakte Versuche darüber sind bisher nicht angestellt worden. J u r i g [12] fand, dass der Alkohol bei Bergsteigern die Arbeitsleistung /erringerte. Er führte das grossenteils auf das unrationelle Arbeiten ier menschlichen Maschine infolge der leichten Koord'inationsstörungen airück. Für uns konnten nur solche Arten sportlicher Arbeit in Frage iommen, die sehr kurze Zeit dauerten, die ferner, unmittelbar nach der Ukoholaufnahme ausgeführt, nur den anfänglichen leistungssteigernden Einfluss des Alkohols zeigen konnten und vor dem Eintritt der lähmen- Nr. 5. den Wirkung beendet waren. (Die Uebung Durigs, das Bergsteigen, erscheint infolge ihrer längeren Dauer dafür nicht geeignet.) Die betr. Uebung musste ferner auch technisch einfach sein und keine zu grossen Anforderungen an die Koordinationsfähigkeit der Muskulatur stellen. Der Einfluss von seiten des Zentralnervensystems musste möglichst gering sein. Ausscheiden kann für unsere Untersuchungen die Beeinflussung des ermüdeten oder erschöpften Körpers. Denn erstens tritt der Kör¬ per an sportliche Leistungen in frischem', ausgeru'htem Zustande heran, und zweitens wird bei ermüdetem Körper die Alkoholwirkung noch von anderen Faktoren beeinflusst. Dazu gehört die Beseitigung des Ermüdungsgefühls und die Zufuhr von, wenn auch geringen. Mengen Brennmaterial nach den erschöpften Geweben. Als Uebungsart, die den oben geschilderten Anforderungen ent¬ sprach, wurde der 100-m-Lauf gewählt. Er ist eine sehr konzentrierte Arbeitsleistung, die nur 12 — 13 Sekunden dauert und die auch — als reiner Lauf — keine grossen Anforderungen an die Koordinationsfähig¬ keit stellt. Die Methodik der Versuche bedarf eingehender Schilderung. Allgemeines zur Methodik. Experimentelle Untersuchungen bei sportlichen Leistungen sind sehr schwierig, wenn man ein exaktes Ergebnis erhalten will. Die Verhältnisse sind ganz andere als beim Laboratoriumsversuch, bei dem man alle Nebenumstände, die für den Ausfall des Versuches mit in Frage kommen, zu einem erheblichen Teil auszuschalten in der Lage ist. Beim Experiment mit der sportlichen Arbeit der Praxis lässt sich das nicht durchführen, denn die äusseren Verhältnisse gestatten meist nicht eine lange und vorsichtige Auswahl der Versuchspersonen und eine Ausdehnung der Versuche an den gleichen Menschen über lange Zeiträume hinaus. Im Gegenteil, der Untersuchende muss zufrieden sein, wenn ihm überhaupt Zeit und Gelegenheit zu Untersuchungen ge¬ geben wird, denn es handelt sich ja hier nicht um Kranke, sondern um Gesunde, deren Neigung zu wiederholten Untersuchungen irgend¬ welcher Art nicht eben gross ist. So kommt es, dass eine Unzahl von Faktoren bei den Experimenten auf allen sportlichen Gebieten mitspricht. Wir können von ihnen nur einen geringen Teil ausschalten. Um ein exaktes Ergebnis zu erhalten, muss deshalb ein anderer Weg eingeschlagen werden: Die Wirkung der nicht auszuschaltenden Faktoren muss erforscht und in Rechnung gestellt werden, was bei ihrer Vielheit nicht ganz leicht ist. Aus diesem Grunde wird sich die Einleitung zu jeder derartigen Untersuchung eingehend mit der an¬ gewandten Methodik zu beschäftigen haben, damit der Leser sieht, welche Nebenumstände berücksichtigt sind; fehlt auch nur ein einziger, einigermassen bedeutender Faktor von den vielen, so kann das Er¬ gebnis mit Recht angezweifelt werden. Die Art und Zahl dieser Kom¬ ponenten ist übrigens bei jeder Art körperlicher Uebung völlig ver¬ schieden. Für den Untersuchenden ist es von grossem Vorteil, wenn er die Uebungen, mit welchen er experimentiert, selbst beherrscht; nur dann ist er in der Lage, wirklich vom wissenschaftlichen Standpunkt aus be¬ urteilen zu können, was berücksichtigt werden muss. Die nachfolgenden Untersuchungen beziehen sich, wie oben er¬ wähnt, zum grossen Teil auf den lOOm-Lauf, eine Uebung, die zum Gebiet der sog. Leichtathletik gehört, und die sich seit langen Jahren grosser Beliebtheit und Verbreitung in allen Ländern erfreut, in denen Leichtathletik getrieben wird. Es ist eine Schnelligkeitsübung, deren Dauer sehr kurz ist, und welche Konzentrierung aller verfügbaren Körperkraft und Gewandtheit auf einen sehr kurzen Zeitraum verlangt. Die deutsche Bestleistung ist 10,5 Sekunden, die Weltbestleistung 10,2 Sekunden. Bei dem gesunden Mann von Durchschnittskonstitution zwischen 18 und 32 Jahren werden in Deutschland gegenwärtig 13,4 Se¬ kunden als Zeichen guter körperlicher Allgemeindurchbildung an¬ erkannt. Zunächst sollen hier die Umstände besprochen werden, welche auf den Ausfall der Versuche einwirkten. Es sind zu unterscheiden Fak¬ toren, die ausserhalb der Versuchspersonen liegen und solche, deren Grösse durch den körperlichen oder geistigen Zustand der Versuchs¬ personen selbst bestimmt wird. Aeussere Faktoren. 1. Laufbahn: Bei unseren Versuchen wurde, wie fast überall üblich, auf einer Aschenbahn gelaufen, und zwar fast immer auf der¬ selben. Von dem Zustand der Bahn wird die Zeit des Laufes beein- 144 MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT. Nr. 5. flusst. Je nachdem die Bahn härter, weicher, elastischer odei weniger elastisch ist, wird die erzielte Zeit besser oder schlechter. Der Zustand der Bahn wechselt mit der Feuchtigkeit des Erdbodens, also mit der Witterung. Da sich die Versuche über viele Wochen erstreckten, konnte eine Qleichmässigkeit der Bahn nicht erzielt werden. Die Ein¬ wirkung kann auch nicht zahlenmässig errechnet werden. Sie muss deshalb dadurch ausgeschaltet werden, dass jeder einzelne Versuch tur sich Resultate ergibt und die Möglichkeit zur Kontrolle bietet, Für einen Versuch, der sich nur über kurze Zeit erstreckt — etwa 30 — - ist der Zustand der Bahn praktisch gleichmässig. So lassen sich die innerhalb eines solchen Zeitraumes angestellten Versuche - eine ver¬ suchsgruppe — in ihren Resultaten miteinander vergleichen. 2. Wind: Seine Rolle ist noch wichtiger für die absolute Zeit des Laufes. Selbst bei kleinen Unterschieden in der Stärke und Richtung des Windes kann die Differenz der erzielten Zeiten über 1 Sekunde betragen, was bei der 100-m-Strecke, wo es auf Zehntelsekunden an¬ kommt, recht viel ist. Da der Wind ja täglich und stündlich wechselt, kommt zur Ausschaltung seiner Wirkung nur das unter 1 schon Ge¬ sagte in Frage: Nur die innerhalb einer Versuchsgruppe erzielten Er¬ gebnisse können mit Recht miteinander verglichen werden. 3. Tageszeit: Der Einfluss der Tageszeit (in diesem Begriff ver¬ einigen sich mehrere Komponenten) ist verhältnismässig gering. Er wurde dadurch ausgeschaltet, dass alle Versuche um die gleiche Tages¬ zeit stattfanden, nämlich um 9 Uhr vormittags. 4. Witterung: Grösser ist der Einfluss der Witterung. Sowohl Temperatur als auch Luftfeuchtigkeit und Luftdruck üben eine Wir¬ kung aus: die beiden ersten wahrscheinlich direkt auf die Muskelarbeit, der letztere mehr auf die geistige Verfassung. Die beiden ersten konn¬ ten wirksam mit Hilfe der unter 1 und 2 geschilderten Massnahmen ausgeschaltet werden. Die Einwirkung der Witterung auf die Stim¬ mung der Versuchspersonen ist jedoch bei den einzelnen Ver¬ suchspersonen so verschieden, dass eine genaue Ausschaltung dieser Fehlerquelle nicht erreicht werden konnte, zumal sich der Grad der Einwirkung nach dem Stande unserer Kenntnisse darüber nicht er- rechnen lässt * # 5. Messinstrumente: Die Messinstrumente können leicht Anlass grosser Irrtümer werden. Die gebräuchlichen Stoppuhren sind sehr empfindlich und gehen oft ungleichmässig. Sie wurden deshalb vor jedem Versuch verglichen. Ausserdem erfordert das Zeitnehmen Uebung, da es sich um geringe Zeitdifferenzen handelt. Aus diesem Grunde habe ich das Zeitnehmen, das ich seit langen Jahren praktisch oft ausgeführt habe, immer selbst vorgenommen. Innere Faktoren. 6. Das Wettkampfmoment. Erfahrungsgemäss ist es ein grosser Unterschied!, ob ein Läufer allein läuft oder mit einem Kon¬ kurrenten. Die erzielte Zeit ist wesentlich kürzer, sobald ein Wett¬ kampf zwischen beiden entsteht, und zwar ist sie um so besser, je schärfer der Wettkampf ist, d. h. je näher sich die Kämpfer auf der Strecke sind. Ein guter Läufer wird also eine gute Zeit laufen, wenn er mit einem Konkurrenten zusammen startet, der etwa ebenso gut läuft wie er selbst. Er wird aber wesentlich schlechter laufen, wenn er mit einem viel schlechteren Konkurrenten zusammengestellt wird. Die Ausschaltung dieser Fehlerquelle wurde dadurch versucht, dass immer dieselben Versuchspersonen zusammen liefen — es waren meist Grup¬ pen zu dreien. Ganz auszuschalten war er nicht, da auch innerhalb der einzelnen Gruppen der eine oder andere einmal einen schlechten Tag hatte und den beiden anderen infolgedessen keinen so scharfen Kampf bot. 7. Arbeitsleistung vor dem Versuch: Als wichtig er¬ wies sich auch das Mass der vor dem Versuch geleisteten Arbeit. Die Versuchspersonen waren Teilnehmer an einem Kursus, durch den sie als Sportlehrer ausgebildet werden sollten. Sie wurden körperlich sehr stark in Anspruch genommen. An den Versuchstagen lagen je¬ doch keine Anstrengungen in der Zeit vor dem Versuch, zumal dieser immer um 9 Uhr vormittags stattfand. Es zeigte sich ferner, dass auch die Anstrengung vom Tage vorher nachwirkte, wenn sie einmal besonders gross gewesen war. Da dieser Umstand sich aber gleich¬ mässig bei allen Versuchspersonen geltend machte, konnte seine Ein¬ wirkung wie unter 1 und 2 ausgeschaltet werden. 8. Geschlechtsverkehr: Infolge der starken körperlichen Anstrengung war das Bedürfnis nach Geschlechtsverkehr bei den Ver¬ suchspersonen gering, ebenso die Lust zu irgendwelchen besonderen Ausschweifungen in Baccho. Von dieser Seite waren also keine oder nur sehr selten Störungen zu erwarten, die bei der grossen Zahl der Versuche nicht ins Gewicht fallen. 9. Allgemeiner Kräftezustand: Der allgemeine Kräfte¬ zustand erwies sich als bedeutender Faktor, da er bei den einzelnen Versuchspersonen verschieden war und vor allen Dingen verschieden stark wechselte. Dieser Wechsel vollzog sich jedoch glücklicherweise ziemlich langsam, d. h. im Verlauf mehrerer Wochen, so dass er nicht allzu sehr störte. Nur gegen Ende des Kursus, wo sich die starken körperlichen Anstrengungen während 12 Wochen durch Uebertraining bemerkbar machten, traten die Unterschiede durch den verschieden¬ artigen Wechsel im Kräftezustand der einzelnen Versuchspersonen deut¬ licher in Erscheinung. Aus diesem Grunde wurden die Versuche an diesen Leuten abgebrochen, da die Ausschaltung dieses allzu stören¬ den Einflusses nicht möglich schien. 10. Laune: Die Stimmung des einzelnen spricht bei dem Resultat des Laufes ebenfalls mit. Da sie bei jedem einzelnen verschieden wechselt — die Witterung spielt hier, wie oben erwähnt, eine gewisse Rolle — und ihre Einwirkung nicht errechnet werden kann, ist sie in. E. nicht ganz auszuschalten. Sie ist deshalb eine der praktisch '"gn- tigsten Fehlerquellen und ihre Wirkung nur durch eine möglichst giosse ^ Anzahl von Versuchen unschädlich zu machen. 11. Ein weiterer Faktor ist die Uebung: Ein Ungeübter wird anfangs schlechte Zeiten erzielen und seine Leistung mit fortschreiten¬ der Uebung allmählich verbessern. Bei den Kurzstreckenläufern ist es - aber nicht so wie bei manchen anderen Uebungen, dass die ver¬ bessernde Wirkung des Trainings anhält und dadurch zu einer ständig fortschreitenden Verbesserung der Leistung führt. Wenn vielmehr nach einiger Zeit eifrigen Trainings eine bestimmte Höhe der Leistung er- I reicht ist, dann bleibt sie stehen, verbessert sich nicht mehr und ,5 schwankt nur etwas nach oben und unten. Um eine Störung der Ver- J Suchsergebnisse von dieser Seite zu vermeiden, wurden deshalb nur solche Leute ausgewählt, die längst über das Anfangsstadium hinaus ’• und deren Leistungen infolgedessen stetige waren. Die Versuche. Unter Berücksichtigung aller dieser Dinge wurde die Versuchs-^ anordnung folgendermassen getroffen: Es wurden zunächst 31 Leute • ausgewählt, deren Leistung gut war oder wenigstens auf dem Durch- Schnittsniveau stand und von denen man annehmen durfte, dass ziemlich gleichmässig sein würde. Die Leistung dieser 31 Leute im« IOU-m-Lauf wurde unter den oben angeführten Kautelen 4 mal bei einigen nur 3 mal — festgestellt: d. h. jedesmal um die gleiche Zeit (9 Uhr vormittags) und so, dass immer die gleichen Leute miteinander liefen. Es stellte sich heraus, dass tatsächlich, wenn die ausseren Um¬ stände, insbesondere der Wind, etwa gleich waren, die . Leistungen* der einzelnen Leute recht gleichmässig ausfielen. Sie differierten meist nur um wenige Zehntelsekunden. Diese 4 malige Prüfung bildete die Grundlage der späteren Ver¬ suche. Aus ihrem Resultate wurde sowohl die bisherige Durchschnitts¬ leistung wie die Bestleistung errechnet. Hatte z. B. P. die 100 m 2 mal in 12,7 Sek. und 2 mal in je 12,9 Sek. durchlaufen, so betrug seine Bestleistung 12,7 Sek., seine Durchschnittsleistung 12,8 Sek. Auf diese Werte wurden die späteren unter dem Einfluss von Alkohol gewonnenen Ergebnisse bezogen. Wie oben erwähnt, ist es wegen der Verschiedenheit der äusseren Umstände nicht möglich, die absoluten Leistungen eines einzigen Läu¬ fers an verschiedenen Tagen miteinander zu vergleichen. Es musste . deshalb eine ganze Reihe von Versuchen am gleichen Tage und zur gleichen Tageszeit ausgeführt werden. Die so an verschiedenen Leu¬ ten unter gleichen äusseren Bedingungen gewonnenen Ergebnisse lassen sich mit Erfolg vergleichen und auch mit den früheren Leistungen in Beziehung bringen. Es wurde deshalb folgendermassen verfahren: An einem Morgen liefen 12 Mann 100 m. Von ihnen erhielten 6 Mann — also die Hälfte — Alkohol, die anderen 6 einen Scheintrank, von dem sie infolge vorheriger mündlicher Belehrung die gleiche Wirkung wie von dem Alkohol erwarteten, nämlich eine Anregung. Eine ev. vorhandene Autosuggestion musste sich dann gleichmässig bei allen Versuchspersonen geltend machen. Von allen 12 war die Durchschnitts¬ leistung und die Bestleistung bekannt. Ergab sich nun, dass die 6 Leute, die Alkohol bekommen hatten, unter ihrer Durchschnittsleistung blieben, die Leute ohne Alkohol dagegen ihre Durchschnittsleistung erreichten, so war damit eine nachteilige Wirkung des Alkohols erwiesen. Es wurde also nicht die Beziehung der jetzigen Leistung des einzelnen zu seiner Durchschnittsleistung festgestellt, sondern der Unterschied der jetzigen Leistung einer Mehrzahl von Leuten im Gegensatz zu ihrer bisherigen Best- und Durchschnittsleistung gestellt. Durch dies Verfahren, das nur Durchschnittsleistungen berück¬ sichtigt, werden alle möglichen Fehler in ihrer Bedeutung erheblich herabgesetzt. Da mit diesen 31 Personen eine genügend grosse Anzahl von Versuchen angestellt werden konnte, die zu einzelnen Versuchs- gruppen zusammengefasst wurden, so kann die eingeschlagene Methode als genügend objektiv angesprochen werden. Die Menge Alkohol, die gegeben wurde, betrug 7 g 96 proz. Alkohol in wässriger Lösung, die etwas aromatisch gemacht war. Diese Menge Alkohol entspricht etwa der in einem mittelgrossen Likörglas enthal¬ tenen Menge. Sie erscheint im Verhältnis zu den von K r a e p e H n und Hellsten u. a. verwandten Mengen etwas gering. Nach den Resul¬ taten H e 1 1 s t e n s und nach den allgemeinen pharmakologischen Er¬ fahrungen war aber anzunehmen, dass das anfängliche Erregungs- stadium um so deutlicher hervortreten würde, je geringer die an¬ gewandte Menge war. Bei grösseren Dosen war zu befürchten, dass das Stadium der Leistungssteigerung zu kurz sein würde, um im Ver¬ lauf des Versuches zum Ausdruck kommen zu können. Aus dem gleichen Grunde wurde der Zeitabstand zwischen Ein¬ nahme von Alkohol und Leistung sehr gering bemessen. 4 — 6 Minuten nach der Einnahme fand der 100 m-Lauf statt, ln dieser Zeit musste also eine Leistungssteigerung von praktischer Bedeutung zur Be¬ obachtung kommen, wenn sie überhaupt vorhanden war. Versucht. 18. Vlll. 1921. Es erhielten Alkohol Ba., Wü„ Gn., Fe.. Scheintrank Sa., Pu., Ra., Bau. Ergebnis: Es brauchten alle schlechtere Zeiten: Die Leute mit Alkohol 0,27 Sek. schlechter als Höchstleistung. Die Leute ohne Alkohol 0,25 Sek. schlechter als Höchstleistung. Die Leute mit Alkohol 0,22 Sek. schlechter als Durchschnittsleistung. Die Leute ohne Alkohol 0,14 Sek. schlechter als Durchschnittsleistung. 3. Februar 1 922. MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT. 145 Versuch 2. 22. VIII. 1921. Es erhielten Alkohol Pu., Bau., Ku., Wi„ Ra., Scheintrank Sa., ün., Ba„ Wti., Pe. Ergebnis: Die Leute mit Alkohol 0,38 Sek. schlechter als Höchstleistung. Die Leute ohne Alkohol 0,08 Sek. schlechter als Höchstleistung. Die Leute mit Alkohol 0,21 Sek. schlechter als Durchschnittsleistung. Die Leute ohne Alkohol 0,01 Sek. besser als Durchschnittsleistung. Versuch 3. 23. VIII. 1921. Es erhielten Alkohol Ho., St., Je., Go., Th., Scheintrank Kr., Lo., Ha., Ro., Hä. Ergebnis: Die Leute mit Alkohol 0,34 Sek. schlechter als Höchstleistung. Die Leute ohne Alkohol 0,04 Sek. schlechter als Höchstleistung. Die Leute mit Alkohol 0,09 Sek. schlechter als Durchschnittsleistung. Die Leute ohne Alkohol 0,08 Sek. besser als Durchschnittsleistung. V e r s u c h 4. 24. VIII. 1921. Es erhielten Alkohol Ge„ Bl., Sch., Sa., Ba„ Wü., Kr., Scheintrank Br., Be., Ku., Bau., Gn„ KL, Pu. Ergebnis: Die Leute mit Alkohol 0,81 Sek. schlechter als Höchstleistung. Die Leute ohne Alkohol 0,59 Sek. schlechter als Höchstleistung. Die Leute mit Alkohol 0,64 Sek. schlechter als Durchschnittsleistung. Die Leute ohne Alkohol 0,40 Sek. schlechter als Durchschnittsleistung V e r s u c h 5. 25. VIII. 1921. Es erhielten Alkohol Thi„ Ha.. Lo., Kr., Ro„ Scheintrank Ho., St., Th., Go„ Hä., Je. Ergebnis: Die Leute mit Alkohol 0,70 Sek. schlechter als Höchstleistung. Die Leute ohne Alkohol 0,65 Sek. schlechter als Höchstleistung. Die Leute mit Alkohol 0,48 Sek. schlechter als Durchschnittsleistung. Die Leute ohne Alkohol 0,41 Sek. schlechter als Durchschnittsleistung. Diese Versuche fanden im Sommer statt. Obwohl ihr Ergebnis ziemlich eindeutig ist, wurden im Winter zur Kontrolle ähnliche Ver¬ suche beim Schwimmen angestellt. Die verlangte Leistung betrug 100-m-Schwimmen ; dies entspricht etwa dem 400-m-Lauf. Die Leistung war also grösser als die bisher verlangte. Die Fehlerquellen wurden malog der oben geschilderten Art und Weise in Rechnung gestellt bzw. tusgeschaltet. Die Versuchspersonen waren andere als vorher. Versuch 6. 28. XI. 1921. Es erhielten Alkohol We„ Sch., Ra., Gii., scheintrank Me., Br., Kö., Ri. Ergebnis: Die Leute mit Alkohol 2,75 Sek. schlechter als Höchstleistung. Die Leute ohne Alkohol 2,3 Sek. schlechter als Höchstleistung. Die Leute mit Alkohol 0,8 Sek. besser als Durchschnittsleistung. Die Leute ohne Alkohol 1,9 Sek. besser als Durchschnittsleistung. Versuch 7. 5. XII. 1921. Es erhielten Alkohol Kö., Sehr, Ri, Br. 't>cheintrank Schw., Schi., Gü„ Ra. Ergebnis: Die Leute mit Alkohol 4,0 Sek. schlechter als Höchstleistung Die Leute ohne Alkohol 2,5 Sek. schlechter als Höchstleistung . Die Leute mit Alkohol 1,2 Sek. schlechter als Durchschnittsleistung. Die Leute ohne Alkohol 0,02 Sek. besser als Durchschnittsleistung. Fassen wir diese Ergebnisse ins Auge, so müssen wir zunächst eststellen, dass die Durchschnittsleistung für uns sehr viel wertvoller st als die Bestleistung (Höchstleistung). Denn bei Individuen mit stärkeren Schwankungen in der Leistung gibt die bisherige Durch- ichnittsleistung einen besseren Anhalt darüber, was von ihm im Ukoholv ersuch erwartet werden kann als die nur ein einzigesmal er- eichte Bestleistung. Wir sehen, dass die Differenzen zwischen der Leistung im Ver¬ lieh und der bisherigen Durchschnittsleistung ein vollkommen ein- teutiges Bild ergeben. Be; der Bestleistung ist es nicht in diesem /lasse der Fall, obwohl sich auch hier meistens das gleiche Verhältnis indet. Jedesmal erzielten die Alkoholleute ein schlechteres Ergebnis ls die Kontrolleute. In Versuch 1 und 5 sind die Unterschiede gering iber deutlich, in Versuch 2, 3 und 4 sehr erheblich. Hier sind die .cute ohne Alkohol durchschnittlich 2 Zehntel Sekunden besser ge¬ rufen, als die, welche Alkohol bekommen hatten. Dies entspricht auf er Laufbahn dem recht bedeutenden Abstand von etwa 2 m. Die Ukoholleute sind also durch ihn stark beeinträchtigt worden. Bei den schwimm versuch en (6 und 7) sehen wir das entsprechende Bild. Wie haben wir uns nun diese nachteilige Wirkung des Alkohols u erklären, trotzdem seine Menge sehr gering war und er fast un¬ mittelbar vor der Arbeitsleistung genommen wurde, die Bedingungen Llr das Auftreten des leistungssteigernden Stadiums also äusserst mistig waren? Unsere Ergebnisse stehen im Widerspruch zu den Tgographen versuchen. Dieser Widerspruch ist aber vielleicht nur ch einbar: Die Ergographenarbeit darf eben nicht ohne weiteres mit er sportlichen Arbeit verglichen werden. Der Unterschied ist quanti- ftiv und qualitativ sehr »gross, und man könnte sich vorstellen dass ic Grosse der einzelnen Muskelkontraktion, auf die es beim Schnell- iuf sehr ankommt, vom Alkohol so herabgesetzt wird, dass diese erabsetzung die anfängliche Steigerung der Zahl der Kontraktionen Verwiegt. Wahrscheinlicher erscheint mir jedoch, dass leichte Koordi- ationsstörungen die Leistung schädlich beeinflussen, wie dies schon ' u r i g angenommen hat. Es soll hier nicht bestritten werden, dass ei einer technisch so leichten und quantitativ so geringen Arbeit • ie am Ergographen zunächst ein leistungssteigerndes Stadium eintritt. portliche Arbeit lässt sich aber nicht so gering dosieren; sie wird nmer grössere Anspräche an die Koordinationsfähigkeit der Muskeln teilen und auch quantitativ stärker ausfallen. Bei ihr wird wahr¬ scheinlich das anfängliche leistungssteigernde Stadium von den istungshemmenden Alkoholwirkungen verdeckt. Zusammenfassung. 1. Unter genauen Kautelen am 100-m-Laufen und am 100-rri- chwimmen ausgeführte Versuche ergaben, dass die Einnahme selbst ganz geringer Alkoholmengen kurz vor der sportlichen Arbeit die Leistung beeinträchtigt. 2. Hieraus ergibt sich die Unrichtigkeit der weitverbreiteten Meinung von dem Nutzen geringer Alkoholmengen kurz vor der An¬ strengung. Literatur. 1. Lombard: Journal of Physiol. 1892. Vol. 13. — 2. Rossi: Rivista sperimentale di freniatria. 2U. 1894. — 3. Tavernari: Ebenda. 23. 1897. — 4. Frey: Mitteilungen aus Kliniken und medizinischen Instituten der Schweiz 1896, 4. Reihe. — 5. Schumburg: Ueber die Bedeutung von Kola, Kaffee, Tee; Matd und Alkohol für die Leistung des Muskels. Arch. f. Anat. u. Phys. Physiol. Abt. Supplementband 1899. — 6. Sch eff er: Studien über den Einfluss des Alkohols auf die Muskelarbeit. Arch. f. exper. Path. 1900, 44. — 7. Kraepelin: Ueber die Beeinflussung einiger ein¬ facher psychischer Vorgänge durch einige Arzneimittel. Jena 1892. — • 8. Kraepelin: Psychologische Arbeiten 1901, 3. — 9. Joteyko: Travaux Inst. Solvay. 6. Fase. 4. 1904. — 10. Hellsten: Ueber den Einfluss von Alkohol, Zucker, Tee auf die Leistungsfähigkeit des Muskels. Skand. Arch. f. Physiol. 1904, 16. — 11. Hellsten: Ueber die Einwirkung des Alkohols auf die Leistungsfähigkeit des Muskels bei isometrischer Arbeitsweise Skand. Arch. f. Physiol. 1907, 19. — 12. Durig: Pflü'gers Arch. 1906, 113. Aus der Universitäts-Kinderklinik in Graz. Ueber die willkürliche Betätigung der glatten Muskeln. Von Prof. Franz Hamburger. Ganz allgemein gilt auch heute noch der Grundsatz, dass sich die glatte von der quergestreiften Muskulatur vor allen Dingen dadurch unterscheidet, dass sie willkürlich nicht betätigt 'werden könne. Der Herzmuskel bleibt dabei ganz ausser Frage. Ich bin überzeugt, dass schon da und dort in alten und neuen Arbeiten Andeutungen oder sogar ausführlich begründete Darlegungen zu finden sind, welche die Richtigkeit dieser Lehre anzweifeln, ja ihre Unrichtigkeit bewiesen haben. Wer genauer zusieht, kann nicht die Meinung aufrecht erhalten, dass die glatte Muskulatur im Gegensatz zur quergestreiften Muskulatur dem Willen entzogen sei. Es gibt eine ganze Anzahl von Beispielen, welche beweisen, dass der Mensch wenigstens bestimmte Gruppen glatter Muskeln unter seinem Willen hat. Ganz besonders zeigt sich dies an der Blasenmuskulatur. Jeder gesunde Mensch ist imstande, seine Blase zu entleeren, wann er will, und den Harn zurückzuhalten, wann er will. Selbst Kinder sind, wie aus gelegentlichen Unter¬ suchungen bei der lordotischen Albuminurie hervorgeht, imstande, ihre Blase alle 10 oder 15 Minuten zu entleeren. Darauf hat schon J e h 1 e hingewiesen. Diese Tatsache ist ein schlagender und unwiderleglicher Beweis dafür, dass die bei der Harnentleerung in Betracht kommenden Blasenmuskelteile vollständig willkürlich betätigt werden können. Ich sage ausdrücklich, das ist ein klarer und unwiderleglicher Beweis und halte mich dabei an den festen Grundsatz, der in der Medizin leider' viel zu wenig Beachtung findet. Das ist der Satz vom zu¬ reichenden Grunde. Es gibt gewisse Ueberlegungen, welche richtig sein müssen. Ein solcher Satz ist auch dieser. Hier gibt es keine andere Erklärung als die, dass die Blasenmuskeln, also glatte Muskelfasern willkürlich betätigt werden können. Der Physiologe Exner hat schon vor vielen Jahren darauf hin¬ gewiesen, dass die (quergestreifte) Muskulatur immer in Hinsicht auf das Ergebnis der Muskeltätigkeit mehr oder weniger stark innerviert wird, das heist, dass sie immer „auf den Effekt“ arbeitet. Wir können das auch so ausdrücken, dass wir sagen, wir lernen die quergestreifte Muskulatur willkürlich betätigen, dadurch, dass wir den Effekt der Leistung mit unseren Sinnesorganen beurteilen und dementsprechend dann die Muskeln mnerviereni, d. h. unter unseren Willen bekommen. Wir sind nun gewöhnlich in der Lage, die Tätigkeit der quergestreiften, aber nicht die der glatten Muskeln in ihrem Ergebnis, in ihrer Leistung zu beobachten. Wenn sich die Dünndarm- oder auch die obere DicK- darmmuskulatur bewegt, so können wir das mit keinem Sinnesorgan beobachten. Wenn wir aber unsere Basenmuskulatur innervieren, so können wir das sehr wohl unmittelbar mit unseren Sinnen beobachten. Das, was für die Blasenirmskulatur gilt, dürfte wohl auch für andere glatte Muskeln gelten, unter der Voraussetzung, dass wir ihre Tätigkeit mit unseren Sinnen beobachten können. Ein Beispiel dafür, dass auch die _ Magenmuskulatur unter Umständen wenigstens in ihrer gegen¬ läufigen (antiperistaltischen) Bewegung dem Willen unterworfen sein kann, ist ein Künstler, der sich vor dem Krieg auf allen möglichen „Bühnen“ gezeigt hat: er war imstande 5 und mehr Liter Flüssigkeit sich in den Magen einzugiessen und konnte dann, je nach Wunsch von diesem Mageninhalte in grossen oder kleinen Zwischenräumen grosse oder kleine Mengen wieder ausspeien. Will hier jemand daran zwei¬ feln, dass der Betreffende willkürlich imstande war. seine Magen¬ muskulatur aufs äusserste zu entspannen, um sie gleich wieder darauf in grösserer oder geringerer Stärke gegenläufig arbeiten zu lassen? Ich könnte auch an die Schuljungenübung erinnern, Luft in be¬ liebiger Menge in den Magen hinabzuschlucken, um sie dann wieder unter Rülpsen in grossem oder kleinen Mengen nach aussen zu ent¬ fernen. Wenn auch in diesem letzten Beispiel der Fall nicht so abso¬ lut klar ist, wie in dem des Trink- und Speikünstlers, so möchte ich es doch auch als Wahrscheinlichkeitsbeweis für die Möglichkeit einer willkürlichen Betätigung der Magenmuskulatur halten. Ich sage hier ausdrücklich vorsichtigerweise „Wahrscheinlichkeitsbeweis“, wreil 4* 146 MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT. Nr. 5. immerhin noch der Einwand gemacht werden könnte, dass im halle des Luftschluckens die Luft nur bis zur Kardia hinabgeschluckt worden sei und in der Speiseröhre sich in grösseren Mengen aiigesammelt habe, . um dann bei entsprechender Erschlaffung der quergestreiften Rachen- j rnuskulatur wieder selbsttätig nach aussen befördert zu werden. Dieser Ein wand wäre bei dem I rink- und Speikiinstlei gewiss völlig un- , gerechtfertigt. Wie lernt der Mensch nun gerade die Magenmuskulatur betätigen? Die Erklärung finden wir in dem auf die glatte Muskulatur angewende- > ten Lehrsatz von E x n c r, sie lautet: weil wir eben in der Lage sind, , das Ergebnis der rückläufigen Tätigkeit des Magens mit unseren Sinnen zu beobachten. Die gewöhnliche, rechtläufige (peristaltische) Magen¬ tätigkeit können wir aber nicht beobachten, denn wir sehen und hören | und empfinden nicht das Eintreten des Speisebreis aus dem Magen in den Dünndarm, wohl aber hören, sehen, fühlen, schmecken wir die nick- j läufige Magentätigkeit. . . Ein weiteres Beispiel für die Möglichkeit, die glatte Muskulatur willkürlich zu betätigen, ist das Beispiel von der willkürlich hervor- | gerufenen Gänsehaut. Sehr viele Menschen sind imstande, diese Er¬ scheinung an sich willkürlich hervorzurufen, dadurch dass sie sich leb¬ haft eine Kälteempfindung oder das Kratzen eines Griffels über die Schiefertafel vorstellen. Darauf ist schon von verschiedener Seite auf- | merksam gemacht worden. L. R. Müller, dem wir verschiedene Be- obachtungen in dieser Richtung verdanken, hat auch einen sehr lehi- reichen ball berichtet, wo ein Mann bei Erinnerung an ein bestimmtes Erlebnis eine erhöhte Blutfülle auf der einen Körperhälfte und eine Gänsehaut auf der andern hervorrufen konnte. _ Die Erinnerung an ein Erlebnis, also die Erfahrung wird auch bei der Betätigung der quergestreiften Muskeln immer wieder verwendet. Auf diese Weise lernen die Menschen alle möglichen quergestreiften Muskeln, ja wohl oft nur einige Fasergruppen von Muskeln genau so stark betätigen wie sie wollen. Dabei werden sie immer von der Vor¬ stellung und der Erfahrung geleitet. Jemand, der einen Papphantel tür Eisen haltend, nach dem Aussehen auf 30 kg schätzt, und unter diesei Voraussetzung an. den Hantel herantritt und ihn aufheben will, der wird unverweigerlic'h auf den Boden fallen. Er hat zu stark innerviert. Wie stark jemand zu innervieren hat, lernt er eben aus der Erfahrung, wo¬ bei ihm die Sinnesorgane unersetzliche Dienste leisten. Dabei ist nicht zu vergessen, dass der Mensch nicht nur seine quergestreiften sondern auch seine glatten Muskeln willkürlich betätigen lernt unter der Voraussetzung, dass er das Tätigkeitsergebnis mit den Sinnesorganen unmittelbar beobachten kann. Auch queigestieifte Mus¬ kel sind nicht immer so ganz willkürlich zu betätigen, wie man glauben sollte. Wer kann seine Bauchmuskeln einzeln entspannen oder an¬ spannen usw.? Wir betätigen eben immer unsere Muskeln, auch quergestreifte, nur im Hinblick auf das merkbare Leistungsergebnis. Was ich hier mitteile, erscheint mir selbst nicht absolut neu, aber doch richtig und wahr. Und weil diese Wahrheit noch sehr wenig unter die Aerzte gedrungen ist, -so möchte ich glauben, dass es gerechtfertigt ist, wieder einmal die Aufmerksamkeit der Aerztewelt darauf hinzu¬ lenken. Es wird gar vieles physiologische und pathologische Ge¬ schehen aufgeklärt, wenn man sich vor Augen hält, dass ein durch¬ greifender Unterschied zwischen der Betätigung glatter und quer¬ gestreifter Muskulatur nicht besteht. Aus dem Hygien. Institute der Tierärztl. Hochschule zu Dresden. (Direktor: Obermedizinalrat Prof. Dr. M. Klimm er.) Ist das Korynebakterium Abortus infectiosi Bang für Menschen pathogen? Von M. Klimme r und H. Haupt. Wie beim Menschen, so sind auch bei den landwirtschaftlichen Haustieren Fehl- und Frühgeburten nicht selten. Als Ursache nahm man bei den Haustieren früher vor allem körperliche Ueberanstrengung, Stösse gegen -den Leib, Aufnahme von kaltem Wasser und Futter, be¬ fallenen und verdorbenen Futtermitteln u. dergl. an. Auch im Ver¬ laufe verschiedener Infektionskrankheiten (Maul- und Klauenseuche, Milzbrand, Tuberkulose etc.) sah man Abortusfälle auftreten. Durch die Untersuchungen von Bang und S t r i b o 1 1 ist im Jahre 1897 der Beweis erbracht worden, dass es sich beim Verkalben der Kühe zu¬ meist um eine Infektionskrankheit sui generis handelt, die ganz vor¬ wiegend nur unter den Erscheinungen des Abortus verläuft. Diese Tatsache ist inzwischen von zahlreichen Autoren des In- und Auslandes vieltausendfach bestätigt worden. Aehnlich liegen die Verhältnisse auch beim Verfohlen der Stuten, nur ätiologisch besteht hier insofern ein bemerkenswerter Unterschied, als das infektiöse Verkalben vorwiegend durch den Bacillus abortus infectiosi Bang, hingegen das infektiöse Ver¬ fohlen vorwiegend durch Bakterien veranlasst wird, die zur Gruppe des Paratyphus-B-Bazillus gehören. Der Erreger des Verwerfens der Kühe, der Bacillus s. Corynebac- terium abortus infectiosi Bang ist inzwischen Gegenstand zahlreicher Untersuchungen über sein Verhalten verschiedenen Tierarten gegen¬ über gewesen, deren in der Literatur weit verstreuten Ergebnisse u. E. auch für die menschliche Medizin nicht ohne Bedeutung sein dürften. Die künstliche Kultur, dieses kurzen, meistens. kokken-, selten diph¬ theriebazillenähnlichen Stäbchens gelingt aus abortierten Rinderföten un¬ schwer, wenn die für diesen Bazillus optimale Sauerstoffspannung (etwas unter 21 oder unter 100 Proz. O2) geboten wird. Bekannt ist das Wachstum in hoher Schicht von Serumagar, das 1 — lUcm unterhalb der Oberfläche in einer etwa 1 cm breiten Zone stattfindet, während ober- und unterhalb dieses Streifens kein Wachstum erfolgt. Diese optimalen Stiuerstoffspannungen kann man auf der Oberfläche von Schrägagar dadurch erreichen, dass man entweder die Luft in den Röhrchen fast vollständig durch O» ersetzt oder die Luft geringgradig des Sauerstoffes beraubt. Der letztgenannte Zustand wird u a durch das gleichzeitige Auswachsenlassen von Sauerstoff ver¬ brauchenden Bakterienarten (Milzbrand, Heubazillus etc. ) in einem ge¬ schlossenen Glusgefäss (Spargelbüchse) erreicht, in das die Abortusaufstnche eingestellt werden. Durch öfteres Umstechen auf künstliche Nährboden gelingt es, den Abortusbazillus an ein Oberflächenwachstum bei der Sauerstoff- Spannung der gewöhnlichen Atmosphäre zu gewöhnen. Er wächst dann auf der Oberfläche in Gestalt von Stecknadelkopf- bis hanfkorngrossen bräunlich opaleszierenden Kolonien, die bei dichter Aussaat Zusammenflüssen. Ueber die nahen Beziehungen des Abortusbazillus zum Erreger des Maltafiebers vergl. den Schluss dieser Abhandlung. Ausser beim Rinde, wo der Bang sehe Bazillus in den meisten Fällen von Verwerfen als Ursache in Frage kommt, ist dieses Bac- terium bei einigen Abortusfällen der Ziege, des Schates und Schweines gefunden worden. Künstliche Uebertragungs- versuche haben hingegen die Pathogenität des Bang sehen Abortusbazillus für nahezu alle Säugetierarten erwiesen. Bevor wir auf die Pathogenität des Abortusbazillus für Menschen eingehen, wollen wir die gut bekannten Verhältnisse beim Tier voraus¬ schicken. Am eingehendsten ist natürlich die krankmachende Wirkung des Abortus¬ bazillus auf das Rind untersucht worden. Bei tragenden Kühen verursacht er eine exsudative, nekrotisierende Entzündung der Uterusschleimhaut, die später auf das anliegende Chorion übergreift. Die Frucht- und Mutterkuchen werden meistens erst zuletzt von der Entzündung ergriffen. Die Folge dieser Entzündung ist eine Lösung der Verbindung zwischen Fötus und Muttertier. Die Abortusbazillen sind — vorzugsweise in Zellen eingeschlossen — im Exsudat zwischen Uterus und Eihäuten, sowie im Labmageninhalt des Fötus besonders reichlich vorhanden. Die Infektion des Fötus kann sowohl durch den fötalen Blutkreislauf als auch durch Abschlucken der bazillen¬ haltigen Amnionflüssigkeit entstanden gedacht werden. Sie löst bei den Föten meist eine Magen- und Dünndarm¬ entzündung, sehr oft auch eine exsudative, serofibrinöse Entzün¬ dung d e r serösen Häute der Brust- und Bauchhöhle aus.. Selbst eine hochgradige fibrinöse Herzbeutelentzündung eines abortierten Fötus konnten wir ätiologisch auf den Bang sehen Bazillus zurückführen. Die Föten kommen sehr oft tot zur Welt. Der Tod ist jedoch nur selten durch anatomische Veränderungen erklärlich. Eine allgemeine Verbreitung der Abortusbazillen im fötalen Organismus oder eine Intoxikation (ähnlich der bei Tuberkulose) ist in der Mehrzahl der Fälle anzunehmen, ln etwa der Hälfte der Fälle sind im Herzblute von Kalbs¬ föten Abortusbazillen gefunden worden, während eine Q i f t w i r k u n g »aus der dem Tuberkulin ähnlichen Wirkung von Abortusbazillenextrakten ge¬ folgert werden kann. ) Die günstigsten lebensbedingungen findet der Abortusbazillus bei der trächtigen Kuh im Uterus und seinem In¬ halte. Nach Ausstossung der Frucht verschwindet er in kurzer Zeil aus der Gebärmutter bis zur erneuten Trächtigkeit. Nahezu gleich günstige Lebensbedingungen bietet die Milchdrüse, und1 zwar gleichgültig ob sie in Funktion ist oder ruht. Während der Abortus-; bazillus jedoch im Uterus recht erhebliche Entzündungserscheinunger verursacht, sind anatomische Veränderungen des Euters trotz der nach¬ weislichen Infektion bisher nicht gefunden worden. Mit dem Bang- sehen Bazillus infizierte Tiere scheiden lange Zeit (maxi¬ mal bis zu 7 Jahren nach dem Abortus)' schubweise, und zwar nach unseren Erfahrungen zu etwa 40 Proz. Abortusbazillen aus. Be der ausserordentlichen Verbreitung dieser Rinderseuche nimmt es niclr wunder, dass nach Untersuchungen, die in unserem Institute durch¬ geführt wurden, in 32 Proz. von insgesamt 22 Dresdener Markt¬ milch proben Abortusbazillen festgestellt wurden. ~ Während man früher annahm, .dass zu jeder neuen Trächtigkeitsperioih des Rindes eine Reinfektion von aussen stattfinde oder der Uterus latem infiziert bleibe, ist man auf Grund der neueren Untersuchungen genötigt, eim Reinfektion der Gebärmutter vom Euter aus anzunehmen Bazillenträger und Dauerausscheider erschweren natürhcl den Kampf gegen diese Seuche ausserordentlich, die wie keine andere dif Milch- und Käiberproduktion gefährdet. Beim Bullen sind in einigen Fällen nekrotische Emschmelzungen in Hoden oder Nebenhoden als Folge der Infektion mit Abortusbazillen beob achtet worden. Die Infektion geschieht bei den Rindern vorzüglich durch Aufnahp von Futter, -das durch bazillenhaltige Abgänge von Abortusfällen infiziert ist Erst in zweiter Linie kommt als Infektionspforje die Scheide in Betracht Auch eine Ansteckung vom Euter aus ist wohl möglich. Die wenigen Fälle natürlicher Infektion (Abortus) von Schwein Ziege und Schaf haben umfassende Feststellungen über die Epidemio logie, pathologische Anatomie etc. bei diesen Tierarten nicht zugelassen Die abortierende Wirkung des Abortusbazillus ist ausser he den genannten Tierarten, bei denen natürliche Infektionen beobachte wurden, durch künstliche Infekti an auch bei der Stute der H ü n d i n, beim Affen, Kaninchen und Meerschwein chen festgestellt worden. Die sonstige pathogene Wirkung des Abortusbazillu auf nichtträchtige Versuchstiere hat die Infektiosität des Bang schei Bazillus für alle untersuchten Tierarten erwiesen. Affen, Kaninchen, Ratten und Tauben erkranken au Infektion mit Abortusbazillen nicht sichtbar; bei der Sektion ist mei stens eine geringgradige Milzschwellung festzustellen. In der Milz sin< bis zu 12 (Affe), 15 (Kaninchen), 9 (Ratte) oder 18 (Taube) Woche; nach der Infektion Abortusbazillen nachweisbar. W e i s s e un 3. Februar 19 22. MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT. 147 ;raue Hausmäuse sowie bunte Ratten sind für manche Stämme des Bang sehen Bazillus hochempfänglich (schwere Erkran¬ kung, mitunter Tod in wenigen Tagen), während andere Stämme bei diesen Tieren nur geringgradige Milzschwellung innerhalb 2XA bis 3 Monate verursachen. In der Milz von künstlich infizierten Mäusen und bis zur 22. Woche p. inf. Abortusbazillen nachgewiesen worden. Markante anatomische Veränderungen verursacht ler Abortusbazillus beim Meerschweinchen. Amerikanische \utoren (Th. Smith sowie Schroeder und Cotton) beobachte- :en gelegentlich von Verimpfung von Milch auf Meer¬ schweinchen zur Feststellung vonTuberkulose zufällig ; ine der Tuberkulose weitgehend ähnliche E r k r a ii - (ung der Versuchstiere, die sie später auf Infektion m i t lern Ballig sehen Bazillus zurückführen konnten. Die Impf- crankheit der Meerschweinchen im Anschluss an Verimpfung von rbortusbazillenhaltigem Materiale (Milch. Eihäute etc.) verläuft nach inseren Erfahrungen, die mit denen, der meisten anderen Untersucher ibereinstimmen, in folgender Weise: Nach anfänglichem Gewichtsverlust nehmen die Tiere weiterhin regel- nässig zu. Frühestens 17 Tage nach der Infektion konnten wir geringe Milz- ;chwellung feststellen. Ihren Höhepunkt erreichte die Erkrankung in der k— 9. Woche; von der 10. — 11. Woche an beginnen die anatomischen Ver¬ änderungen sich zurückzubilden. Die Krankheit geht meistens in Heilung über md verläuft nur selten tödlich. Das Sektionsbild zur 7. — 9. Woche nach der Infektion ist durch lekrotische Herde in den Lymphknoten und den grossen Parenchymen ;ekennzeichnet. An der Impfstelle hat sich ein meist abgekapselter Abszess ;ebildet. Sämtliche Lymphknoten sind geschwollen, meist zentral rahmig 'erkäst. Die Milz ist um das 2- bis 30 fache vergrössert, ihre Grundfarbe iläulichrot. In Leber, Lunge und Milz, bisweilen auch in den Nieren, sind niliare, bis hanfkorngrosse Knötchen nachweisbar, von denen nur die ;rösseren zentral rahmigen Eiter aufweisen. Milz und Leber erhalten durch olche dichtstehende graüweisse bis graugelbliche Herde mitunter ein ge- prenkeltes Aussehen. In Hoden und Nebenhoden sind rahmige Ein- chmelzungen sowie Schwund des Parenchyms beobachtet worden. Auch [ironische Entzündungen der Binde- und Hornhaut des Auges treten gelegent- ich auf. Aus allen veränderten Organen kann der Bang sehe Bazillus in Jeinkultur gewonnen werden. Für den Fall, dass die Kultur misslingt, kann ie stattgefundene geringfügige oder schon überstandene Infektion indirekt urcli die Agglutinationsprobe mit dem Meerschweinchenserum nachgewiesen werden. Zur Diagnostik des infektiösen Abortus der Rinder wird der Meer- chweinchenversuch nur selten herangezogen. In den meisten Fällen bedient lan sich zur Feststellung der Aetiologie eines Verkalbefalles der Agglutination der Komplementbindung. Der direkte kulturelle Nachweis wird nur ganz eiten zur Diagnostik herangezogen, da er nur aus ganz frischem, mit anderen lakterien nicht verunreinigtem Materiale (z. B. dem Labmagen totgeborener öten) Aussicht auf Erfolg hat. Vom hygienischen Standpunkte erscheint es uns von Dichtigkeit darauf besonders zu verweisen, dass die Kuhmilch z u inem hohe n Prozentsätze Bangsche Abortus- azillen enthält und dass diese nach den bisherigen Ergebnissen ir die verschiedensten Tierarten krankmachend >' i r k e n. Bei der grossen Lebenszähigkeit der Abortusbazillen in uten Nährmedien, wozu die Milch in erster Linie mitzurechnen ist, ind die Molkereiprodukte (Butter, Käse, Quark etc.) in gleichem inifange, wie die Milch selbst, als infiziert anzusehen. Es besteht Iso die Tatsache, dass der Mensch mit der Milch und deren Erzeug¬ ten Bakterien aufnimmt, die sich im Versuch bei allen geprüften ierarten als mehr oder weniger infektiös erwiesen haben. Im Vordergründe des Interesses steht natürlicherweise die abor- ierende Wirkung dieses Bazillus, die bei allen bisher n die Untersuchung einbezogenen Säugetieren ach ge wiesen werden konnte. Von verschiedenen Seiten ist auf ie Beobachtung hingewiesen worden, dass vollständig gesunde andwirtsf rauen Fehlgeburten hatten, ohne dass eine er- ichtliche Ursache festgestellt worden wäre. Spätere Ermittelungen rgaben eine Infektion des Rinderbestandes mit ansteckendem Verkalben. wie die Tatsache, dass die betreffenden Frauen rohe Kuhmilch ge- ossen hatten. Einen Zusammenhang dieser Enzootie mit den Fehl- eburten anzunehmen, erscheint uns nach dem Obigen nicht un- erechtigt. Amerikanische Autoren, die auf diese Möglichkeit in Zusammcn- ang mit ihrer Entdeckung des Abortusbazillus in der Milch zuerst ingewiesen hatten, haben (Möhler und Traum) bei der Unter¬ teilung von 56 Tonsillen in einem Falle Abortusbazillen nachweisen atmen; die Mandeln stammten von einem mit Kuhmilch ernährten i n d e. Andere ebenfalls amerikanische Forscher (Larson und e d g w i c k) wiesen bei 72 von 425 mit Kuhmilch ernährten Kinder n ft Hilfe der Komplemefttbindungsmethode Ambozeptoren tgen Abortusbazillenantigen nach. Später haben N i c h o 1 1 ad Prath sowie Ramsey die Ergebnisse der genannten bestätigt, uch sie stellten bei mit Kuhmilch ernährten Kindern Antikörper gegen bortusbazillen fest. Es ist darnach zu vermuten, dass der Abortus- azillusauch imMen sehen seineLebensbedingungen mdet und vom V e r d a u u n g s w e g e aus in den men sch - chen Organismus einzudringen vermag. Diese Tat- icheu erscheinen uns schwerwiegend genug, die bei allen bisher unter¬ teilten Säugetieren beobachtete Vorliebe des Abortusbazillus für den raviden Uterus auch beim Menschen als bestehend anzunehmen und jf Grund dieser Arbeitshypothese Untersuchungen zur Klarstellung 'eser — auch milchhygienisch bedeutsamen — Frage anzuregen oolidge ist zwar der Ansicht, dass die serologischen Untersuchungs- ergebnissc auch durch eine Resorption und Stapelung von mit der Kuhmilch gleichzeitig aufgenommenen Antikörpern oder auch durch eine aktive Immunisierung durch Resorption halbverdauter Bazil'er vom Darm aus erklärlich seien, also nicht ohne weiteres für eine Infektion sprechen. Uns erscheint diese Erklärung etwas gesucht; wir neigen mehr der Ansicht zu, dass die Antikörperbildung auf ein Eindringen lebender Abortusbazillen vom Darme aus, also auf eine Infektion hin¬ deutet. Zur Klärung der Frage, ob dem B a n g sehen Bazillus eine Be¬ deutung für Früh- lind Fehlgeburten des Menschen zukommt, erscheint ein Material aus ländlichen Kreisen als das geeignetste. Zur Diagnostik käme namentlich eine serologische Untersuchung (Agglutination und Komplementbindung) in Frage *).. Anhangsweise sei noch kurz erwähnt, dass der im Verlaufe der Abortusinfektion auftretende oft geringfügige Magendarmkatarrh der Früchte kurze Zeit post partum zum Tode unter rühr ähnlichen Ersehe i n ti n g e n führen kann. Hierbei ist in einigen Fällen im Kote der Abortusbazillus gefunden worden, während in den meisten Fällen gewöhnliche Kälberruhrerreger (Koli. Parakoli etc.) nachgewiesen wurden, deren pathogene Wirkung annehmbar durch den angeborenen Darmkatarrh begünstigt, worden ist. Endlich ist auch auf die weitgehende Aehnlichkeit des Bang sehen Bazillus mit dem Erreger des Maltafiebers hinzuweisen. Nach den Untersuchungen von Zeller können beide Mikroorganismen mikroskopisch, kulturell: serologisch, mit Hilfe von allergischen Reaktionen oder mit Hilfe des Tierversuches nicht getrennt werden. Der Micrococcus melitensis ist als Erreger einer endemischen Krankheit des Menschen im Mittelmeergebiet seit langem bekannt. Ueber die Ursache des juckenden Winterausschlags. (Eczema biemale pruriens.) Von Prof. Friedrich Schultze in Bonn. Die „therapeutische Notiz“ des Herrn Prof. L. Heidenhain in Nr. 42, 1921 d. Wschr. ermutigt mich, folgendes mitzuteilen: Schon seit der Mitte meiner dreissiger Jahre leide ich jeden Winter an einem oft sehr heftig juckenden Ausschlage fast nur an den Beinen, am meisten an den Unterschenkeln. Dieses Jucken tritt hauptsächlich nachts auf. im Bette, schwindet gegen Morgen und am Tage, kann aber auch schon am späteren Abend, besonders bei Aufenthalt in einem warmen Zimmer, wieder von neuem auftreten. Es stört besonders in der eisten Hälfte der Nacht sehr stark den Schlaf, verliert sich allmählich im Laufe des Frühjahrs und bleibt im Sommer und Herbste fort. Es liegt also kein einfacher Pruritus vor. erst recht kein Pruritus senilis, wenn auch das Jucken noch bis heute, in mein höheres Alter hinein, fort¬ dauert. Allerdings ist es jetzt, dank meiner später zu erwähnenden Heil¬ methode, viel geringer als früher. Mit dem Juckreiz zugleich entstehen kleine Papeln von leicht rötlicher Farbe, von denen der Juckreiz ausgeht. An manchen Stellen der Haut ent¬ wickeln sich aber auch breitere, mehr quaddelartige, mehr fühlbare als sicht¬ bare Verdickungen in den obersten Schichten der Haut, höchstens von dem Umfange einer Quaddel nach einem Mückenstich. Die Haut wird im Verlaufe der Erkrankung allmählich rot; eine Menge von Papeln bildet zusammen¬ tretend einen grösseren Ausschlagsbezirk, der bis zu Handflächengrösse sich ausbreiten kann. An der Oberfläche entstehen allmählich kleine Schuppen, so dass das Bild eines Eczema squamosum entsteht, das nun Wochen- bis monatelang bestehen kann und erst gegen das Frühjahr hin spurlos ver¬ schwindet. Die vorhandene Röte weicht dem- Fingerdrucke nicht. Dabei ist die Haut ausserhalb der erkrankten Stellen völlig regelrecht beschaffen, vor allem nicht trocken oder gar atrophisch. Sie schwitzt leicht und hat den gewöhnlichen „Turgor“. Von einer Abnahme ihres Fettgehaltes ist nichts zu bemerken. Ein Abschilfern hat niemals bestanden. Es handelt sich somit um kein Ekzem im engsten Wortsinne, um kein nässendes Ekzem, aber auch nicht um eine gewöhnliche Urtikaria, an der ich nie gelitten habe. Auch bestand niemals eine Urticaria factitia. Wenn man will-, kann man von einem urtikariellen Ekzem sprechen. Indessen entspricht wohl die einfache Bezeichnung eines juckenden Winterausschlags am einfachsten der Sachlage. Was ähnliche Krankheitszustände von Pruritus und Ekzemen an¬ geht, die in den Lehrbüchern über Hautkrankheiten nicht sehr eingehend behandelt zu werden pflegen, am genauesten in der deutschen Literatur von N e i s s e r 0 und- von N c i s s e r und Ja-dassoh n 2), so verdanke ich einem Hinweis meines Kollegen Prof. Erich Hoff mann die Notiz, dass ein amerikanischer Arzt, Stell. wagon, in seinem Treatise on the Diseases of the Skin :i) bei Besprechung des Pruritus hiemalis er¬ wähnt, es könne bei einem derartigen Pruritus in seltenen Fällen schliesslich zu einem leicht ekzematösen Ausschlage kommen. Als Ergebnis des ununterd'riickbaren Kratzens könnten ferner Hyper¬ ämie und Exkoriationen der Haut entstehen. In meinem eigenen Falle hat natürlich auch das gelegentliche Kratzen zu derartigen Folgen ge¬ führt, aber der eigentliche Hautausschlag entstand stets ganz unab¬ hängig davon. *) Zur Untersuchung von entsprechendem Materiale: Blutproben von Müttern, die abortiert haben, event. auch von frischen, totgeborenen Föten sind wir gern bereit und Bitten solches Material an das Hygienische Institut der Tierärztlichen Hochschule zu Dresden. Zirk-usstr. 40, gelangen zu lassen. 0 Neisser: Deutsche Klinik Bd. 10, 2, S. 29 ff. "’) Neisser und Jadassohn: Handbuch der praktischen Medizin von Ebstein und Schwalbe Bd. 3, 2. 3) Philadelphia’’ und London. 5. Auflage, 1907, S. 881. 148 MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT. Nr. 5. Was nun die Vorbedingungen oder die Ursachen des Leidens angeht, so muss natürlich vor allem eine gewisse regelwidrige Empfindlichkeit und Reizbarkeit der Haut besonderer Art vorhanden sein Ob sie bei mir mit einer massigen „exsudativen Diathese zu¬ sammenhängt, die ich hatte, muss dahingestellt bleiben, ist aber wahrscheinlich. Auch litt ich im späteren Lebensalter Otters an einfachen nässenden Ekzemen. Gichtische Erscheinungen fehlten und fehlen vollkommen. Eine Neigung zu Lumbago liess sich nicht auf Gicht zurückführen. Auf dem Gebiete des Nervensystems besteht seit der Jugend starke Hemikranie, so dass besonders fran¬ zösische Aerzte geneigt sein könnten, von einer Neurodermatitis zu sprechen, die besonders bei nervösen Menschen einzutreten pflege. Mit der „Dermatitis Lichenoides (chronica circum¬ scripta) p r u r i e n s“ von N e i s s e r, die Brocq als Neuro¬ dermatitis chronica circumscripta bezeichnet, besteht allerdings eine gewisse Aehnlichkeit. Auch bei dieser ist das Jucken ein wesentlicher Bestandteil der Krankheit. Aber es geht der zuerst lichenartige Aus¬ schlag allmählich in akute Entzündungszustände von der Art des ge¬ wöhnlichen nässenden Ekzems über. Weitethin bestehen die Krank¬ heitsherde bei der von N e i s s e r und Brocq beschriebenen Krank¬ heitsform unterbrechungslos jahrelang hintereinander, finden sich auch zugleich am Nacken, an den Armen und am Rumpfe und sind von winterlichen Einflüssen, wie es scheint, unabhängig. Diese winterlichen Einflüsse sind nun aber bei dem Eczema hiemale sowie bei dem Pruritus hiemalis von besonderer Bedeutung. Sie beruhen aber nicht auf der Winterkälte an sich, sondern unzweifel¬ haft auf der Trockenheit der Zimmerluft in den geheizten Räumen. Ich bemerkte zunächst, dass bei milderem Wetter, besonders bei Regen, das nächtliche Jucken weniger stark war. als bei stärkerer trockener Kälte, ganz ähnlich, wie ich das von S t e 1 1 wa g o n für den einfachen Pruritus hiemalis angeführt finde. Sodann fand sich, dass beim Feuchthalten meines Arbeitszimmers, besonders bei der Auf¬ stellung des bekannten Bellariapparates der Ausschlag und das Jucken an Stärke abnahmen. Besonders konnte ich dann aber durch Feucht¬ halten des Bettes am Fussende durch Einlegen von nassen Tüchern und vor allem direkt durch Kaltwasserumschläge auf die juckenden Stellen das Jucken beseitigen und die Ausbreitung des Juckens in Schranken halten. Schon früher hatten auch Einreibungen von Unguen¬ tum Glycerini (mit. und ohne Zinklanolin) und mit Zinklanolin allein gutgetan; ebenso wie Herr Prof. Heidenhai n durch das Bestreichen mit dem wasseranziehenden Lanolin ganz erhebliche Besserung und zeitweiliges Verschwinden seines Pruritus erzielte. ^ Auch Stell¬ wagon empfahl Lanolin und schwache „Glyzerinlotion“. Auch er be¬ schuldigt wie Heidenhain und früher Duhr in g eine abnorme Trockenheit der Haut als mitwirkende Ursache. Sie ist aber auch nach Stellwagon, ebenso wie nadi Kaposi keineswegs stets vor¬ handen, ebenso wenig wie in meinem Falle. Dass die Bettwärme das Jucken vermehrt und das Entstehen und die Ausbreitung des Ausschlags begünstigt, beruht unzweifelhaft auf der durch sie hervorgerufenen Hyperämie, wie denn auch der Genuss von Alkohol den Juckreiz schon am Tage erzeugen kann. Die Bevor¬ zugung der Haut der Beine bei dem Auftreten des Ausschlags beruht wohl auf der stärkeren Reibung der Haut durch die Unterbeinkleider oder durch die Strümpfe beim Gehen. Selbstverständlich muss ein besonders glattes und weiches Unterzeug zum Tragen gewählt werden. Ueber die psychogene Komponente des Pruritus und der pruriginösen Dermatosen. Von Dr. Waldemar Th. Sack, Hautarzt in Baden-Baden. Die Beziehungen zwischen bestimmten Formen des Pruritus und Alterationen der Psyche sind der heutigen medizinischen Wissenschaft nicht unbekannt. Jeder Psychotherapeut kennt die Klagen seiner Patienten über allerhand Parästhesien, unter denen häufig auch Pru¬ ritus angeführt wird. Ebenso erwähnen auch die einschlägigen der¬ matologischen Lehrbücher das häufige Vorkommen des Pruritus bei Nervösen und Psychopathen, und seitdem durch L. Brocq- Paris und seine Schule der alte Lichen chronic, simpl. in Neurodermitis umgetauft wurde, hat sich der grösste Teil der Dermatologen zu der Auffassung bekehren lassen, dass wir es bei dieser Dermatose mit einer sekun¬ dären Hautveränderung zu tun haben, die artifiziell durch Kratzen im Anschluss an einen Pruritus bei „Nervösen“ hervorgerufen wird. Diese Tatsachen sind bekannt und in der Literatur an ihrer Stelle zitiert. Eine eingehende Untersuchung dieser Zusammenhänge aber habe ich nirgends bisher in der Literatur entdecken können. Sollte sie dennoch irgendwo bestehen, So wäre ich für einen entsprechenden Hinweis dankbar. Ich bin zu meinen Ueberlegungen, die ich hier zunächst kurz als Uebersicht darlegen möchte, durch einige markante Fälle gekommen, die sich mir in meiner dermatologischen Praxis boten. Dass hierüber Zusammenhängendes noch nicht gesagt zu sein scheint, erkläre ich mir z. T. daraus, dass die ordnenden Gesichtspunkte selbst, als ver¬ hältnismässig neue Ergebnisse der psvchopathologischen Forschung, noch nicht überall durchgedrungen sind. Von vornweg möchte ich die Selbstverständlichkeit betonen, dass der Pruritus eine durch organische Zustandsveränderung hervorgerufene Parästhesie ist, die wir bei verschiedenen Dermatosen als regelmässig auftretende Begleiterscheinung finden, und für die wir in diesen Fällen eine, wenn auch nicht exakt nachweisbare, so doch unserm Kausahtats- bedürfnis völlig genügende Erklärung haben, wenn wir uns dabei vor¬ stellen, dass wir es mit einer durch Druck, Zerrung, Intoxikation oder Atrophie hervorgerufenen Reizung der spezifischen Nervenendigungen der Haut und der Schleimhäute (an ihren Umschlagsstellen) zu tun haben (Näheres über den Pruritus im allgemeinen in M r a c e k s Handbuch der Hautkrankheiten Bd. IV, 2. S. 231: Pruritus cutancus von Arnold Sack.) Denn nur um diese handelt es sich. Die Vorstellung eines Juckens in den inneren Eingeweiden wirkt absurd. Diese De¬ finition führt aber auch gleich weiter, da bei der reichen Versorgung der Haut mit diesen Rezeptoren und bei ihrer exponierten Lage der¬ artige Reizungen in grösserer oder geringerer Intensität dauernd vorhanden sind und infolgedessen auch die pruriginösen Sensationen. Dagegen ist die V i v i d i t ä t, d. h. das Aufmerksamkeitsquantum, das für sie zur Verfügung gestellt wird, in der Regel so gering, dass sic unbewusst verarbeitet werden, und es bedarf einer abnormen Intensitätssteigerung durch eine nach Stärke oder Ausdehnung abnorme Reizung, um sie in den Blickpunkt der Aufmerksamkeit zu stellen. Dieses Verhältnis ist nun unter gewissen Bedingungen umkehrbar, d. h. nicht die Sensationen werden stärker, sondern die Aufmerksamkeit nimmt sich ihrer in abnormem Masse an. So kommt es zu einer Ver¬ stärkung der Vividität. Sie treten in das helle Bewusst¬ sein ein. Diesen Vorgang kennen wir alle genau. Gewöhnlich han¬ delt es sich dann um eine Kontrastreaktion: man muss stillhalten — in der Schule, auf dem Kasernenhof. beim Photographen statt dessen fängt es an allen Ecken an zu jucken, die Aufmerksamkeit wird eben durch das Verbot auf die Möglichkeit solcher Ruhestörung gelenkt und die wegen ihrer Bedeutungslosigkeit bisher übersehenen kleinen Signale werden wahrgenommen. Aehnliches kennen wir von der Lange¬ weile, wobei sich das Bewusstsein, mangels determinierender Impulse oder Vorstellungen, nach Inhalten umsieht. Aehnliches auch bei der Ermüdung, die sich bei vielen Menschen in einem lebhaften Bedürfnis nach Kratzen äussert, wenn man hier nicht nach der Theorie der Ermüdungsreizstoffe eine gesteigerte Irritation annehmen will. _ Doch wissen wir, dass gerade bei Ermüdung die Straffheit der logischen Zusammenhänge und die Behauptung einer zielstrebigen Aufmerksain- keitsrichtung gelockert und gestört wird und unerwünschte, verdrängte und unerledigte Affekte und Gedanken sich dazwischenschieben, ebenso sonst übersehene Empfindungen. Wir haben also festgestellt, dass die Voraussetzungen zu prurito- genen Reizungen dauernd bestehen und dieselben unter bestimmten Bedingungen jederzeit bewusst werden- können. Nun treten diese Be¬ dingungen ganz besonders oft und ganz besonders leicht auf bei der1 neurotischen Disposition. Hier haben wir gleich mit einer terminologischen Schwierigkeit zu kämpfen, insofern als in der neuen Nomenklatur die Neurose ihren Inhalt gewechselt hat. Die Patho¬ logen verstanden bisher unter Neurose eine, durch irgendwelche ätio¬ logisch nicht weiter zurückfiihrbare Störungen der Nerven funk- t i o n> hervorgerufene pathologische Veränderung somatischer Natur, während hier unter Neurose zu verstehen ist eine durch rein psychische Vorgänge hervorgerufene pathologische Veränderen? im Somatischen, im Gegensatz zur Psychose, die sich psychisch auswirkt. Anders ausgedrückt: der Neurotiker reagiert auf dem Wege des hysterischen Mechanismus. Dazu ist zu bemerken, dass gelegent¬ lich jeder Mensch neurotisch reagieren kann, sobald er in einen seeli¬ schen Konflikt gerät, den er mit seinen moralischen und intellektueller Energien innerlich nicht zu seiner Zufriedenheit erledigen kann. Un sich von dieser Belastung zu befreien, sucht er gewaltsam zu vergessen verdrängt den unlustbetonten Inhalt in sein Unterbewusstsein. De Affekt jedoch bleibt und sucht gierig nach einem Inhalt (Affektver¬ schiebung nach Freud).- Wir kennen aus dem grossen kasuistische! Material, das über solche Zustände bereits veröffentlicht ist, die sonder barsten, paradoxesten Aequivalente, die sich diese Patienten, natürlicl immer unbewusst, aussuchen. Man hat manchmal den Eindruck, dass je unlösbarer der Konflikt, um so entlegener das Aequivalent ist. Nun greift zweifellos ein grosser Teil der Menschen, zumal bc leichteren Veranlassungen, zu den jederzeit bereitliegenden Juck- Sensationen, führt sie aus dem Unterbewusstsein herauf, steigert si< durch lebhaftes Kratzen und tobt dann seinen Affekt in einer Juck- uw Kratzattacke aus. Es bleibt eine Zeitlang ruhig, dann beginnen dü Vorstellungen wieder zu steigen, der verdrängte Inhalt will sich wiede bewusst machen, der erkorene Mechanismus beginnt wieder zu spielen die Juckattacke mit der Kratzreaktion wiederholt sich. Verschiedentlic hat sich die Freudsche Schule, der wir ja in erster Linie die Aus arbeitung dieser Gedanken und Vorstellungsreihen verdanken, mit de ihr eigenen Einseitigkeit mit der Stellung des Pruritus beschäftigt um das Jucken und Kratzen als einen Ersatz für sexuellen Orgasmus au gesehen (z. B. Stecke 1). Ich habe einen Fall, der diese Behauptun durchaus bestätigt, wenn mir auch die Zurückführung auf das sexuell Motiv in einer grossen Zahl der Fälle nicht gelang. Immerhin hab ich den Eindruck, dass die Abreaktion durch den Pruritus deswege gern gewählt wird, weil sie zum Schluss nach der Akme der Erregtin immer in ein Lustgefühl der Entspannung umbiegt. Es wäre nun in dieser theoretischen Einleitung nicht viel anderes gi schehen, als den modernen Begriff der Neurose auf de Spezialfall des Pruritus exemplifiziert. Hier hc ginnen aber mm die Probleme der praktischen Dermato 1 o g i e. Wir haben die Pflicht, uns auf Grund dieser theoretische Erwägungen unter den bestimmten Krankheitsbildern umzusehen un | uns zu fragen, ob hier nicht gewisse neue Erkenntnisse für Aetiologi 3 Februar 1022. MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT. und Therapie zu gewinnen sind. Hier besteht nämlich das grösste praktische Interesse, denn jeder Dermatologe kennt einerseits die Fälle von generalisiertem Pruritus mit so unklaren morphologischen Ver¬ änderungen, dass diese, auf einem Spezialistenkongress zur Debatte gestellt, mit Dutzend verschiedenen Diagnosen belastet, unverrichteter Weise wieder abziehen, anderseits die unglücklichen Patienten, die von wilden Juckattacken Tag und Nacht gepeinigt, durch Schlaflosig¬ keit und Entkräftung einem schweren Marasmus verfallen, trotzdem bereits der gesamte Arzneischatz und alle physikalischen Heilmethoden in Anwendung gebracht wurden. Also hier besteht eine Lücke, und jeder Versuch, die Lücke durch neue Erkenntnis zu schliessen, ist der Beachtung wert. Ich glaube nun gewisse Gruppen abteilen zu können, bei denen der psychogene Charakter, zum mindesten aber die psychische Kom¬ ponente, nachweisbar ist. Das ist therapeutisch um so wichtiger, als man psychisch entstandene Störungen nur auf psychischem Wege dauernd heilen kann, falls sie nicht durch spontanen Fortfall der Ursachen auch spontan verschwinden. Diese psychische Behandlung habe ich nun in einer Reihe von Fällen yorgenommen und sie ist mir geglückt. Ich weiss sehr wohl, dass in einer Anzahl von Kliniken diese Methode auch geübt wird, aber eine zusammenfassende^ Uebersicht der Fälle und ihrer Auswahl, der Me¬ thoden und ihrer Erfolge ist mir bisher nicht bekannt geworden. Ich bespreche vorläufig folgende drei Gruppen: I. Psychogener Pruritus ohne Hautveränderungen. II Psychogener Pruritus mit Hautveränderungen. III. Pruriginöse Dermatosen mit psychogen gesteigerter Reizbarkeit. Zu I. drei typische kurze Krankengeschichten: Fall 1. Junges Mädchen kommt in die Sprechstunde mit Klagen über unerträgliches Jucken an Hals und Schultern. Sie könne gar nicht mehr schlafen; ein Arzt hätte ihr Puder verschrieben, aber ohne Erfolg. All¬ gemeinbefund ohne Besonderheit, die Haut des Halses und des Ober¬ körpers vollkommen zart und glatt, keine Effloreszenzen, keine Kratzeffekte. Auffallend ist starke vasomotorische Erregbarkeit, die sich in lebhaftem Wech¬ sel von Blässe und Röte über Hals und Schultern äussert. Auf den negativen somatischen Befund genaue psychische Exploration. Es stellt sich heraus, dass Pat. vor einem Jahr durch einen Verwandten gewaltsam defloriert wurde. Sie ist jetzt mit einem jungen Manne still verlobt und hat sich vor¬ genommen, ihn vor der öffentlichen Verlobung darüber aufzuklären. Sie wagt es aber nicht, schiebt die Veröffentlichung immer mehr hinaus und leidet seit dieser Zeit unter dem Pruritus. Fühlt sich durch die Aussprache wesentlich erleichtert, hat nach 2 hypnotischen Sitzungen, in denen ihr ruhiger Schlaf und Kühle und Unempfindlichkeit der Haut sugge¬ riert wird, alle Beschwerden verloren, ist entschlossen, sich zu verloben und dem Bräutigam nichts zu sagen. F a 1 1 2. Sehr nervöse Dame aus überseeischen Ländern. Hat viel Schweres durchgemacht, steht vor einer grösseren gynäkologischen Operation. Beim Gedanken an diese befällt sie ein quälendes Jucken im Gesicht. Objektiv nichts. Antipruriginöse Mittel helfen nur vorübergehend. Von einer hypnotischen Behandlung wurde abgesehen. Nach der gut verlaufenen Operation fiel der Juckreiz von selbst fort. Fall 3. Frau aus dem kleinen Mittelstand, seit Wochen von Pruritus geplagt: kann nachts nicht schlafen, ist kraftlos, erschöpft. Alle medikamen¬ tösen Behandlungsversuche bis jetzt erfolglos. Pat. bietet das Bild einer gleicherweise somatischen wie psychischen Asthenie. Sie ist schmächtig, grazil gebaut, blutarm, muskelschwach. Ihre innere Widerstandsfähigkeit ist gering. Sie ist Mutter zweier Kinder, hat den Haushalt allein zu ver- s?reen\ d'e Mittel sind äusserst beschränkt. Sie wird immerfort von einem körperlichen und psychischen Insuffizienzgefühl überwältigt. Am schlimmsten ist es abends, beim Schlafengehen, wo die Aufgaben des kommenden Tages sich als nicht zu überwältigende Schwierigkeiten vor ihr auftürmen und ihr den Schlaf rauben. Seitdem sie das Jucken hat, kommt sie vor lauter Kratzen gar nicht dazu, an diese Dinge zu denken. Ihr Schlaf ist aber eher noch schlechter geworden. Patientin lässt sich leicht hypnotisieren, fallt gleich in tiefen Schlaf mit nachfolgender völliger Amnesie. Die Suggestionen, die auf eine Beruhigung ihrer Nerven und Stär¬ kung ihrer Widerstandskraft abzieten, haben prompten Erfolg. Pat. schläft die nächsten Nächte ungestört, fühlt sich stärker und zuversichtlich Bald jedoch erfolgt ein Rückfall: die Beklemmungen treten wieder auf und ihnen folgt der Pruritus. Derselbe Ablauf erfolgt nach jedem Behandlungs¬ turnus. Die. psychasthenische Konstitution erweist sich als stärker, die Sug¬ gestionen wirken nur auf Zeit, der Juckmechanismus wird wieder in Gang gesetzt. Die angeführten drei Fälle sollen nur als Paradigmata für eine grössere Anzahl ganz ähnlicher dienen und gewisse Typen heraussteilen. Oas ihnen Gemeinsame ist das völlige Fehlen irgendwelcher sichtbaren Veränderungen der Haut. Ein Parallelfall zu Fall 3 führt uns in die zweite Gruppe, z u m psychogenen Pruritus mit Hautveränderungen. Fall 4. Junges Dienstmädchen kommt mit den typischen Klagen: Abends beim Ausziehen und vor dem Einschlafen unerträglicher Juckreiz. Ausser einigen oberflächlichen Kratzeffekten nichts festzustellen. Hauptreiz¬ stellen sind der Hals, die Gürtelgegend und die Unterarme. Medikamentöse Behandlung wirkt nur vorübergehend. Nach etwa zweiwöchentlicher Pause ■commt Pat. wieder. Sie hat jetzt in der rechten Ellenbeuge eine typische >eginnende „Neurodermitis flexurarum“. Die Haut ist in der Grösse eines landtellergrossen Plaques gerötet, leicht pigmentiert, verdickt, spiegelt und ''.eigt deutliche Felderung: eine echte Neurod er matitis in statu i a s c e n d i. Die Untersuchung ergibt eine Psychasthe’nie im Sinne a..n e 1 s- Im Mittelpunkt steht ein dauerndes und unüberwindliches Angst¬ gefühl mit schon recht ausgedehnten Zwangshandlungen. Die Angst wird am grössten abends, wenn sie allein ist. Sie verriegelt und verstellt die Türen, euchtet jeden Abend unters Bett und in den Kleiderschrank, zieht sich die lecke über den Kopf und hält sich die Ohren zu. Erklärt spontan: wenn •e sich kratze, lasse die Angst nach. Es wird unter Weglassung 149 anderer Behandlung jeden zweiten Tag hypnotisiert. Dabei werden beruhigende Suggestionen erlassen und Kratzverbot erteilt. Pat. fühlt sich sofort wesentlich ruhiger, das Jucken hört auf und nach sechs Hypnosen ist die Neurodermitis spurlos verschwunden. Pat. ist seither geheilt. Die beiden nächsten Fälle sind Parallelfälle. Es handelt sich um Frauen in den Wechseljahren mit lokalisierter Neurodermitis. Beide stark affektive, psycholabilc Naturen. Fall 5. Weinhändlersgattin, 45 Jahre, lebhafte, enthusiastische Natur, von starkem Geltungsbedürfnis, immer aktiv, gibt an, von jeher starken Stimmungsschwankungen unterworfen zu sein, die aber sehr bald in domi¬ nierende Euphorie einmünden. Seit llA Jahren Menopause. Vor 1 Jahr heiratete ihre Lieblingstochter gegen den Wunsch der Mutter. Seitdem starke Depression, Abulie, quälendes Jucken und Neurodermitis. Das Hautleiden führte hier in der ersten Konsultation zur Entdeckung des psychischen Traumas. Ein „traitement moral“ stellt in wenigen Wochen das innere Gleichgewicht wieder her. Die Neurodermitis heilte nach der üblichen Rönt¬ gendosis glatt ab. Fall 6. 50 jährige Baumeistersgattin. Menopause seit 2 Jahren. Seither Neurodermitis des rechten Unterschenkels. Von Jugend auf leichte Depression. Die Verstimmung ist in den letzten Jahren deutlicher und an¬ haltender geworden. Das Hautleiden verhält sich den angewandten medi¬ kamentösen und physikalischen Heilmethoden gegenüber sehr refraktär. Pat. kratzt andauernd. Psychische Behandlung wird abgelehnt. Fall 7. Patient, „Magnetiseur“, kommt in völlig aufgelöstem Zustande in die Sprechstunde, ist in grösster Erregung, kratzt sich wild. Der ganze Körper, Gesicht, Rumpf und Gliedmassen, hochrot, heiss; die Haut verdickt, wie entzündet, Kratzstreifen ziehen wie urtikarielle Erhebungen über den ganzen Körper. Der Zustand besteht seit 2 Tagen und erinnert am ehesten an ein beginnendes toxisches Erythem. Es ergeben sich aber keine Anhalts¬ punkte dafür. Pat. selbst macht seine grosse Nervosität geltend und spricht von äusserst unangenehmen und aufregenden Ereignissen der letzten Tage. Bei der ablenkenden Unterhaltung tritt eine auffallende Beruhigung ein. Ex- perimenti causa wird eine sofortige Suggestivbehandlung vorgeschlagen und angenommen. Pat., der selbst viel hypnotisiert, ist interessiert, geht willig mit und fällt bald in Schlaf. Es wurden lediglich beruhigende Suggestionen und Kratzverbot erlassen. Nach der Hypnose ist der eigentliche Juckreiz verschwunden, es besteht noch ein mässiges Brennen, das angenehm empfunden wird. Die Nacht ist im Gegensatz zu den vorigen ruhig. Pat. schläft durch. Nach einigen Tagen Rückfall. Der gleiche Zustand wie bei der ersten Konsultation. Hypnose wird abgelehnt. Wenige Tage später ist Pat. das Opfer eines öffentlichen Skandals, in dem er eine wenig glückliche Rolle spielt. Bleibt darauf von der Behandlung weg. Der Fall 4 scheint mir der bedeutungsvollste zu sein. Wir kennen hier die Aetiologie, Genese, Krankheitsbild und haben gesehen, dass die Therapie der Wahl restlos zur Heilung führt. Ich kann mir nicht denken, dass zur Kritik dieses Falles noch Wesentliches zu sagen wäre. Sehr eindrucksvoll, aber nicht so durchsichtig ist der Fall 7. Es ist hier immerhin nicht auszuschliessen, dass vielleicht irgendeine somatogene Störung Vorgelegen hat und dass bei dem gegebenen psychischen Terrain diese starken reaktiven Ueberbau erhalten hat, der dann durch das psychotherapeutische Verfahren abgetragen wurde. Dann würde dieser Fall 7 eher in die letzte Gruppe gehören, näm¬ lich zu den pruriginösen Dermatosen mit psychogen gesteigerter Reizbarkeit. Hierüber ist Neues kaum zu sagen. Diese Erscheinungen und Mechanismen sind längst bekannt und ausgewertet. Nur wird auch hier nicht immer der richtige therapeutische Schluss gezogen. Zwei typische Fälle mögen das Problem beleuchten. Fall 8. Junge Frau mit chronisch rezidivierender disseminierter Ek¬ zematöse. Als junges Mädchen wiederholt in Behandlung, kam sie jedesmal ohne besondere Schwieiigkeiten zur Heilung. Die letzte Erkrankung bietet nach der Hochzeitsreise ein wesentlich ernsteres und unerfreulicheres Bild. Die früher bewährten Methoden waren weniger wirksam, vor allem bestand ein äusserst quälender Pruritus, der Pat. und die Angehörigen zur Ver¬ zweiflung trieb. Pat. schlief nicht mehr, fühlte sich subjektiv ganz elend, kam sichtlich herunter und wusste sich keinen Rat mehr. Gleich nach der ersten Hypnose verlief die Nacht ausgezeichnet. Pat. schlief pausenlos und ruhig; das Jucken wurde erträglich und die Dermatose heilte in auffallend kurzer Zeit unter kombinierter, medikamentöser und psychischer Behandlung völlig ab. Die junge Ehe mit ihren grossen seelischen Belastungen und der heftige Wunsch, das lästige, unappetitliche Leiden möglichst schnell los¬ zuwerden, hat das schon konstitutionell etwas labile Gleichgewicht der Pat. so erschüttert, dass sie im Gegensatz zu früher in eine Art Erregungszustand geriet, der ihre Aufmerksamkeit in aktivster Form auf ihren Zustand lenkte und sie Tag und Nacht nicht mehr losliess. Die Folge war ein unaufhörliches Malträtieren der erkrankten Haut, das jede Abheilung unmöglich machte. Aus diesem Circulus vitiosus führte die Psychotherapie in kürzester Zeit zum guten Ende. Zum Schluss will ich in diesem Zusammenhang noch einen Fall erwähnen, der zwar noch ln Behandlung ist und über den ich deshalb ein abschliessendes Urteil noch nicht abgeben kann, der aber eine Be¬ sonderheit zeigt, die ich noch gern miterwähnen möchte. F a 1 1 9. 46 jährige Frau, Witwe mit Lues seropositiva, leidet seit mehreren Jahren an einem Ausschlag an beiden Beinen, der sie sehr quält. Schon seit längerer Zeit in ärztlicher Behandlung. Es handelt sich um einen typischen Lichen ruber planus mit allen Charakteren dieses KrankheitsbiLdes. Doch waren die Licheneffloreszenzen förmlich überdeckt von Kratzwunden verschiedenster Art. Pat. litt unsäglich, kam vollkommen von Kräften und war arbeitsunfähig. Beide Beine waren zeitweise dick geschwollen und von Pyodermien besät. Das Jucken kommt in plötzlichen heftigen Attacken und steigert sich - — und das ist hier das Bemerkenswerte — - zu einem heftigen sexuellen Orgasmus. Bei der eindeutigen Diagnose wurde zuerst schulgerecht mit Arsen und Hg-Karbolsalbe behandelt, das Oedern und die Pyodermien mit Ruhestellung und feuchten Verbänden be¬ kämpft, ohne irgendwelchen Erfolg. Pat. riss die Verbände herunter und 150 MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT. Nr. 5. kratzte weiter. Alle versuchten Antipruriginosa brachten nur auf kurze Augenblicke Linderung. Ich entschloss mich deshalb — bei aller Skepsis -zur psychischen Behandlung, die von der Patientin nach dem Versagen aller anderen Versuche mit grosser Zuversicht angetreten wurde. Die ersten drei hypnotischen Sitzungen zeigten eine auffallend gün¬ stige Wirkung, die jedoch nach der vierten Sitzung durch einen schweren Rückfall wieder illusorisch gemacht wurde. Die Hypnosen wurden ausgesetzt, das Rezidiv ging dann auffallend schnell wieder vorbei und der Zustand hält sich jetzt bereits längere Zeit in der Abheilung. Der Fall ist undurchsichtig: es besteht eine echte pruriginöse Dermatose, die zum Zeitpunkt, da mit der Hypnose begonnen wurde, bereits stark mit Arsen anbehandelt war; die Hypnosewirkung selbst ist unbestimmt. Interessant ist hier in erster Ein i e d er Orgasmus beim Juckaniall, der bei der jetzt angeblich absti¬ nent lebenden Frau möglicherweise ein 0 n an i e ä Q u i v a 1 ent dar¬ stellt und somit, wie alles was in das Gebiet der Paraphilien hinüber¬ spielt recht komplexer Natur ist und zur Abreaktion und Heilung eines tieferen Eindringens in den psychischen Mechanismus bedarf, als es auch bei aller Bereitwilligkeit in der Sprechstunde eines Nicht-Fach- psvehiaters möglich ist. . Damit komme ich zum Schluss auf einen prinzipiell sehr wichtigen Punkt, der für die praktische Auswirkung solcher Fälle von grösster Bedeutung ist. Gehören diese Fälle zu m Dermatologen oder zum Fach Psychiater? Wie bei allen Grenzfällen lässt sich eine allgemeine Antwort nicht geben. Es bleibt eine Frage des therapeutischen Taktes — und der Ausbildung! Das eine steht fest, diese Kranken kommen in die Sprechstunde des Dermato¬ logen, der auch stets versuchen wird, medikamentös zum Ziele zu gelangen. Sie werden auch gern bereit sein, in dessen Sprechstunde eine eingehende Anamnese zu geben. Damit ist aber die Hauptarbeit getan. Die Hypnose selbst ist eine Technik, die jeder Arzt, der sie richtig gelernt hat, wie jeden andern ärztlichen Kunstgriff anzuwenden berechtigt ist. Es sind noch zwei andere Punkte, die dafür sprechen, zunächst einmal dem Dermatologen — wenn er entsprechend geschult ist — die Vorhand zu lassen. Die Patienten ge- raten leicht in grosse Angst, wenn1 sie nach abgelegter Beichte zum Psychiater geschickt werden, dem bei diesen verhältnismässig leichten Fällen nichts zu tun übrig bleibt, als die Beichte noch einmal ab¬ zunehmen und dann zur Behandlung zu schreiten. Dann wird bei all den Fällen, wo Hauterscheinungen vorliegen, der Hautarzt doch nicht zu umgehen sein und dann hat man zwei Köche für ganz denselben Biei. Voraussetzung ist natürlich, dass man gelernt hat, psychisch zu explo- rieren. Man muss genau wissen, wonach man fragen muss und muss es in der richtigen Art und Weise machen. Ein Schulfall, wie man es nicht machen soll, ist mein Fall 7. wo der Patient schon in der ersten Sprechstunde sozusagen aus dem Stand in den Hypnosesessel gesetzt wurde. Dies geschah jedoch, wie bereits erwähnt, lediglich experimenti causa: ich wollte sehen, wie ein so akuter Fall, den 'ich rein ge- fiihlsmässig für einen psychogenen hielt, auf die Behandlung reagiert. Das Ergebnis hat mich auch nachträglich bis zu einem ge¬ wissen Grade entlastet. Eine gründliche und sachgemässe Explora¬ tion wird dem gewissenhaften Dermatologen auch in den meisten Fällen bald zeigen, wo seine Zuständigkeit aufhört. Aus der dermatologischen Klinik der Universität Leipzig. (Direktor: Prof. Rille.) Weitere Erfahrungen über die Cyarsal-Mischspritze. Von Dr. med. et phil. F. W. Oelze. L i n s e r hatte 1919 die . kombinierte einzeitige Injektion von Salvarsan-Sublimatlösung eingeführt. Bruck und B e c h e r hatten daraufhin die Mischung mit Novasurol, Herb eck diejenige mit Em- barin empfohlen. Die klinische Wirkung aller dieser Mischungen wurde als recht befriedigend gerühmt: mehrfache Bestätigungen liegen vor. War die Lins er sehe Methode für den Kranken äusserst an¬ genehm — und dieser Punkt sollte bei der Würdigung einer Methode auf ihren praktischen Wert bei der Volksseuchenbekämpfung nicht gering angeschlagen werden — , so brachte andererseits die Originalmethode wie ihre Modifikationen für den Arzt die Schwierig¬ keiten der Technik der intravenösen Injektion undurchsichtiger, trüber Flüssigkeiten mit sich. Weil aber gerade hierdurch die so wünschens¬ werte Verbreitung der Methode in den weitesten, auch allgemein¬ ärztlichen Kreisen behindert erschien, bemühte ich mich eine neue Modifikation der L i n s e r sehen Methode zu finden ohne diesen zwar äusserlichen, aber nicht unwesentlichen Schönheitsfehler. Gemeinsam mit dem Chemiker Dr. Boedecker-J empelhof arbeitend, wurde so eine Reihe von Verbindungen dargestellt, die zwar mit dem Salvarsan noch lebhaft reagierten, indessen der Mischung zu¬ nächst nodh genügende Durchsichtigkeit Hessen, so dass das Eintreten des Blutes in die Spritze, zum Zeichen der richtigen Lage der Kanüle, bequem beobachtet werden konnte. Ueber die therapeutisch^ beste dieser Verbindungen, das C y a r s a 1, hergestellt von der J. D. R i e d e 1 A.G. Berlin, berichtete ich in Nr. 9, 1921 der Münch, med. Wochenschr. Es ist gerade ein Jahr seit Abfassung jenes Berichtes vergangen, die Methode hat weite Verbreitung gefunden, auch mehrere Publika¬ tionen liegen vor, so dass eine Zusammenfassung sowie Erörterung einiger inzwischen geklärter Fragen wünschenswert erscheint. Von den vorliegenden Nachprüfungen bestätigt Lenzmann lll die gute klinische Wirkung des Cyarsals, hauptsächlich wurden Misch¬ spritzen mit Silbersalvarsan und Sulfoxylat gegeben. L e il z m a n n gibt jedoch meistens das Cyarsai allein intravenös, breite Kondylome sind nach etwa 6 Injektionen zu je 0,02 g Hydrargyrum rast vollkommen zurückgebildet. Bei hoher Dosierung (0,045 g Hg intravenös) sah Len z m a n n einige Male blutige Stühle, er wendet deshalb nur noch die übliche Dosis (2 ccm ä 0,01 g Hg) an, die für den gewünschten Erfolg vollkommen genügt. ...... i Ich habe in meiner einführenden Arbeit deswegen die alleinige ■ intravenöse Injektion von Cyarsai nicht empfohlen. 1. weil ich die oft • auftretenden Nebenwirkungen bei dieser Applikationsart scheute, 2. weil ^ bei gleichzeitiger Salvarsan gäbe zweimal eingespritzt werden muss J und 3. weil die zum kolloidalen Hg führende, in der Mischspritze stattfindende Umsetzung zweifelhaft und unkontrollierbar wird. Das" ' Cyarsai ist eben ein Spezialoräparat für die Mischspritze und entfaltet.! nur in dieser seine ihm eigentümlichen Vorzüge. Ich habe daher in . meiner ersten Arbeit die alleinige intravenöse Injektion gar nicht be¬ sprochen und kann sie auch heute nicht empfehlen. Eine sehr eingehende klinische Prüfung nahm Gut mann 12 1 vor, zugleich mit Berücksichtigung der Novasurol-Salvarsanmischung. Die klinische Wirkung war gut. die Seroreaktion wurde befriedigend be¬ einflusst. Ernstere Nebenwirkungen traten nicht auf. Bemerkenswert ist die günstige Beeinflussung eines Falles von syphilitischer Nephrose durch meine Mischspritze. Ueber die genaueren Daten. Zahl der. Rezidive etc. muss die Originalarbeit verglichen werden. _ Hey mann und Fabian [3] haben gleichfalls mit der Misch- . spritze recht befriedigende Resultate gehabt, die Fälle sind in Tabellen, zusammengestellt. Ernstere Nebenwirkungen wurden nicht beobachtet, im Gegenteil werden die Vorteile des Verfahrens sowohl von Arzt wie Patienten angenehm empfunden. Gutmann sowohl wie Heymann und Fabian bemerken aus-, drücklic'h, dass ein endgültiges Urteil über die Methode trotz derl bisherigen recht guten Wirkungen noch nicht gegeben werden kann. Ich selbst schliesse mich dieser Auffassung durchaus an. Besonders • erwünscht wäre auch die Bekanntgabe etwa von anderer Seite beobachteter Nebenwirkungen oder Misserfolge, denn oft ist es möglich, aus diesen einen Fortschritt abzuleiten. Nach meinen Erfahrungen, die bis jetzt etwa 8000 Einspritzungen umfassen, sind er-:, freulicherweise ernste Nebenwirkungen nicht zu erwarten. Im ganzen, dürfte so viel Cyarsai in der Mischspritze injiziert sein, dass die aus;; der Kölner Salvarsanstatistik berechnete Gefahrenquote um ein Mehr¬ faches überschritten wurde. Das ist um so wichtiger, als bei der Sal- varsan-Novasurolmijchung über mehrere Todesfälle, zuletzt von', Issel [4], der sonst recht gute Wirkungen erzielte, berichtet wurde, allerdings erhält der Kranke mit Novasurol, das allem intravenös ge-; geben gut vertragen wurde, bedeutend mehr Hg als bei meiner Cyarsal- dosierung. Ich habe aber schon bemerkt, dass bei der Mischspritze ganz allgemein mit weniger Hg auszukommen wäre. Im übrigen ist es wohl im einzelnen Falle kaum möglich, abzuschätzen, wieviel einer ein¬ getretenen Schädigung auf das verwandte, bei der Mischung übrigens stark veränderte Hg-Präparat und wieviel auf das Salvarsan zu ver¬ teilen ist. . J . . „ . M An der Tatsache, dass es bis jetzt keine sicher rezidivfreie Behand¬ lungsmethode gibt, ändert auch die Mischspritze nichts. Bis jetzt hielten sich die Rezidive in massigen Grenzen;. da mir die abgelaufene Zeit noch nicht ausreichend erscheint, werde ich erst später darüber berichten. Ich hatte ausdrücklich vor einer schematischen Behandlung ge¬ warnt, inzwischen habe ich im allgemeinen die Salvarsanmenge von ca 6 g pro Kur und Mann in kürzerer Zeit gegeben, nämlich zweimal wöchentlich je 0,6 g Neosalvarsan + 1—1,5 ccm Cyarsai. Neben¬ erscheinungen fehlten. Die Feststellung des Verschwindens der Spiro¬ chäten nach einer Injektion ist, wenn genau ausgeführt, nicht einfach. Bei der Mischspritze erscheint die Entfernung der Oberflächenspiro¬ chäten meist etwas verlängert, sehr bemerkenswert sind dabei auf¬ tretende individuelle Verschiedenheiten, eine individuelle Behandlung der Luiker ist aber gerade ein dringendes Desideratum. Ich habe schon betont, dass Untersuchungen über Oberflächenspirochäten keinen Rück¬ schluss auf Heilungsvorgänge im Körperinneren gestatten. In der zu¬ nächst ungewohnt anmutenden, aber gedankenreichen Arbeit von Fraser f5l wird es sogar als ein entschiedener Nachteil des.Sal- varsans bezeichnet, dass es den Körper zu schnell sterilisiere. In einem im Druck befindlichen Buch habe ich [6] diese Frage besprochen. Auch ich hatte in meiner ersten Arbeit erwähnt, dass es unbe¬ kannte Verbindungen seien, die man mit den Mischspritzen injizierte. Diese Bemerkung hat anscheinend auf viele Aerzte mehr Eindruck ge¬ macht als ihr zukam. Spritzt miau reines Salvarsan ein. so ist in dem Augenblicke, wo die Lösung unter der Hautoberfläche verschwindet, gleichfalls das Gebiet der unbekannten Reaktionen betreten. Für die Verhältnisse in vitro sind übrigens inzwischen durch Binz und Bauer [7] für die ursprüngliche Lins ersehe Sublimatmischung die Umsetzungsprodukte festgestellt. Mit Neosalvarsan . treten sechs Reaktionsprodukte auf. ein Teil wird zu 4,4-Dioxy-3-imino-methy len- schwefligsaurem Arsenobenzol oxydiert. Zum Teil zerfällt das Neo¬ salvarsan weiter in ein Gemisch von 4-oxy-3-amino-phenyl-Arsinoxyd. Der entstandene Chlorwasserstoff macht Neosalvarsansäure frei, zu¬ gleich entsteht formaldehydschweflige Säure. Das Sublimat wird auch mit Neosalvarsan zu kolloidalem Hs reduziert. Das Charakteristische der Reaktion bestellt darin, dass durch das Oxydationsmittel die Arseno- gruppe und die Sulfoxylgruppe nicht stufenweise, sondern gleichzeitig angegriffen werden. . Februar 1922. MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT. 151 Interessant ist besonders die Frage, wieviel Saivarsan für die Um- etzung durch die beiden hauptsächlichsten Reaktionen in der Cyarsai- lischspritze verbraucht wird. Analog zu Binz können wir annehmen, ass einerseits 466 'l'eile Neosalvarsan mit 437 Teilen Cyarsal, anderer- hts 466 I eile Neosaivarsan mit 1311 Teilen Cyarsal zu metallischem lg sich Umsetzern Nun enthalten 2 ccm Cyarsallösung 0,0438 g feste ubstanz. Demnach ist bei der Dosierung 0,45 g Neosalvarsan -f- 2 ccm -yarsal etwa die 20 fache Menge der zur Reduktion der Hg-Verbindung rforderlichen Menge Neosalvarsan vorhanden. Hieraus folgt zugleich, ass man nicht etwa zu einer antiluetischen Kur mit der Mischspritze lehr Saivarsan braucht als bei alleiniger Anwendung. Durch die lisch ung weiden nur bis zu 5 Proz. des Neosalvarsans verbraucht, das hielt aber in der Praxis gar keine Rolle. Auch die Zähl der Injektionen at mit der Mischung an sich nichts zu tun. Wenn man mit der Sal- arsandosierung, zeitlich betrachtet, dauernd ansteigt, so geschieht das nabhängig von der Form der Mischspritze. In meinem Vortrage auf dem 12. Kongress der Deutschen Dermatol .es. in Hamburg (Referate in der Dermiat. Wschr. und -Zschr.) er- hienen) konnte ich mitteilen-, dass in der Cyarsalmischspritze schon n Moment der Mischung durch den Tyndalleffekt und bei Dunkelfeld- efeuchtung das Auftreten kolloidaler, zum metallischen Hg führender erbindungen festgestellt werden kann. Für die therapeutische Be¬ wertung der Cyarsalmischspritze ist der Umstand wichtig, dass diese olloide von feinster Dispersität sind. Die sehr grosse Oberfläche des uecksilbers ist einem intensiven therapeutischen Effekt günstig. Man raucht sich daher nicht zu wundern, wenn bei Ueberdosierung oder mz besonderer Empfindlichkeit eines Kranken auch die dem Hg eigen¬ tlichen Nebenwirkungen auftreten, die Schumacher [8] geradezu ,s kennzeichnend für den Nachweis der Hg-Wirkung bezeichnet. Von nfang an habe ich aber eine so vorsichtige Dosierung empfohlen, ob¬ eich an sich mit dem Cyarsal hohe Lösungskonzentrationen erreicht erden können, dass derartige Nebenwirkungen bis jetzt nicht störend ervorgetreten sind. Einen Ausgleich für die geringere Dosierung bietet e hohe Dispersion des Cyarsalkolloides. Im ganzen betrachtet, scheint mir, soweit es sich für den Augen¬ ick beurteilen lässt, in der Cyarsalmischspritze — und nur diese Form :r Applikation halte ich im Hinblick auf die chemischen Eigentümlich¬ st611 d6S Cyarsals für einen eventuellen Fortschritt, wie schon in einer einführenden Arbeit betont — eine Behandlungsweise der Lues geben, die sowohl für Kranke wie Arzt manche Vorteile bietet. Äus- ebige Nachprüfung glaube ich wegen der ausgezeichneten Verträg- LTikeit weiter empfehlen zu können. Von dem natürlich erst in ngerer Zeit zu gebenden, definitiven Urteil wird es abhängen, ob die ethode Bestand haben kann oder durch eine andere ersetzt werden iuss. Literatur. 1. Lenzmann: Ueber die gleichzeitige kombinierte Anwendung des Ibersalvarsannatriums und des Quecksilberpräparates Cyarsal in der ‘erapie der Lues. Med. Kl. 1921 S. 1200. — 2. Gut mann O.: Ueber : Behandlung der Syphilis mit Neosalvarsan-Novasurol nach Bruck und losalvarsan-Cyarsal nach 0 e 1 z e. B.kl.W. 1921 S. 1233. — 3. M e y - iann und Fabian: Das Cyarsal in der Mischspritze. Derm. Wschr -1 b. 1195. — 4. Issel E.: Mischspritzen von Novasurol und Neosalvarsan 1 Luetikern. D.m.W. 1921 S. 48. - 5. A. Reith Fraser: Some :count of the Responsibihty of intensive Treatment Methods with Regard I the Incidence of early Neurosyphilis. American Journal of Syphilis 1921. •• , <\F- W- 0elze: Untersuchungen über den Syphiliserreger, ipzig, Leopold y o s s. — 7. A. B i n z und H. Bauer: Ueber die Ein- V4)m, Sublimat auf Saivarsan und Neosalvarsan. Chemiker-Zte J9?i 539 u. Zschr. f. angew. Chemie 1921 S. 223. - 8. Josef Schumacher: e.Ist ,d‘e, gute- Wirkung derLinser sehen Mischung zu erklären? Derm >chr. 1921 S. 1007. -is der Hautabteilung des Städt. Krankenhauses Karlsruhe. Ein Jahr Linserverfahren. Von Generaloberarzt a. D. Dr. v. Pezold. Drei Jahrhunderte hindurch hat das Quecksilber unbestritten das hlachtfel-d im Kampfe gegen die Syphilr allein behauptet; vor hundert hren trat an seine Seite das Jodkalii, ein bescheidener Knappe neben m dreihundertjährigen kampferprobten Riesen. Erst in unseren £en J?*wa . vierhundert Jahre nach der Eröffnung des Kampfes gen die Syphilis in Europa — trat das Saivarsan auf den Plan und ■jachst schien es, als würde es das Quecksilber verdrängen und aus- lalten. Aber aus dem- Rivalen wurde bald ein Bundesgenosse und der kombinierten Quecksilber-Salvarsanbehandlung erschien der rksamste Weg der Bekämpfung der Spirochäten gefunden. Neben r intravenösen Einverleibung des Salvarsans wurde das Quecksilber tvveder kutan mittels der Schmierkur oder intramuskulär mittels der -ektion dem Körper einverleibt. Aber^ mit dem Grundsatz: „Getrennt marschieren und vereint a lagen brach das einzeitig kombinierte Verfahren von- Einser, ^ Neosalvarsan mit 1 proz. Sublimatlösung gemischt in die Vene einT ■ itzte. Gemeinsam zogen nun auf gleicher Marschstrasse die beiden aller Verschiedenheit der Kampfmethoden ebenbürtigen Streit- •oossen dem Eeinde entgegen. Welche Vorteile bietet dieses Linserverfahren gegenüber der bisher ■ichen kombinierten Behandlung? In- die Augen springend sin-d die Nachteile der bisherigen An- nuungsweise. Sicherlich bietet die Schmierkur, richtig angewandt, Nr. 5. gute Erfolge. Aber die richtige Anwendung ist nur im Krankenhause gewährleistet. Mangel an Energie, an Fertigkeit und an gutem Willen haben von jeher die ambulante Schmierkur kompromittiert, ln unseren l agen kommt dazu, dass die Waschereikosten der verschmierten Bett- tiieher un-d Unterkleider störend einwirken, dann aber bei den heutigen Koh-l-enpreisen oft der Mangel eines geheizten Schlafzimmers. Gegen die intramuskuläre und subkutane Einverleibung der unlös¬ lichen und löslichen Quecksilberverbindungen spricht ihre Schmerz¬ haftigkeit und die Widerstandsfähigkeit der Infiltrate. Es ist eine nicht zu bestreitende Tatsache, dass die Klagen über die Schmerzhaftigkeit der Injektionen in den letzten Jahren überraschend zugenommen haben Mag der Grund am Präparat oder an den Kranken liegen, Tatsache ist dass diese Beschwerden einerseits viele Kranke veranlassen, sich der schmerzhaften Behandlung zu entziehen, andererseits tatsächlich vor¬ übergehende Arbeitsunfähigkeit durch solche Infektionen verursacht wird Das jahre- und jahrzehntelange Bestehenbleiben der Infiltrate in der Gesassmuskulatur wird besonders von Frauen störend empfunden die oft als. einzige metallische Mitgift ihre Infiltrate in die Ehe mit¬ bringen, die als unveräusserliche Depots noch lange dem tastenden ringer bemeikbai bleiben als indiskrete Zeugen einer gern vergessenen Vergangenheit. Puellen scheuen das maturgem-äss am meisten. Auch sehr länge Kanülen bieten dagegen nicht immer Schutz. ,,W*e die?e Nachteile fallen fort bei der einzeitigen kombinierten FM21e' ^ei es dass man Sublimat nach Li ns er, oder Novasurol, cmbarin, Cyarsal oder Mesinurol dem Neosalvarsan beimengt. Nicht zu unterschätzen sind noch einige weitere Vorzüge des Linse r sehen Verfahrens. Es ist für den Kranken nicht unwesentlich a ! er;Lei dieser Behandlungsart im allgemeinen nur 7 bis 10 mal zum Arzt gehen muss, so dass ihm1 nicht nur Schmerzen und Arbeitsunfähig¬ keit sondern auch Zeitverlust und Fahrgeld erspart bleibt. Dazu sind uir ihn oder die Krankenkasse auch die Kurkosten bedeutend geringer Besonders für die Landesversicherungsanstalten, für die Armenfürsorge und in Gefängnissen spielt das eine grosse Rolle. i nl-T Krankenhause Karlsruhe wurden in der Zeit vom . ) 'tober 1920 bis zum 30. September 1921 dreitausendsi-ebenhundert Linserspritzen gegeben, über die hier berichtet werden soll. SeTbst- verstandheh ist die Zeit eines Jahres zu kurz, um ein endgültiges Urteil i 3er das Verfahren zu fällen. Ueber die Dauerwirkung der Linser- spiitzen wird erst die Zukunft urteilen können. Aber wertvoll ist wohl jeder Beitrag zur Lösung einer so brennenden Frage, wie sie die zweckmassigste Art der Luesbekämpfung für jeden Arzt bedeutet. -m v dreitausendsiebenhundert Linserspritzen verteilen sich auf 591 Kuren und beziehen sich teils auf stationäre, teils auf ambulante Kranke. Gegeben wurde mit jeder Spritze 0,45 bis 0,75 Neosalvarsan mit 1 ccm einer 1 proz. Subhmatlösung in Mischspritze intravenös. In Ausnahmefallen wurde mit 0,3 angefangen oder bis 0,9 gestiegen Als Gesamtmenge wurde in einer Kur bei Männern etwa 5,4, bei Frauen etwa 4.5 Neosalvarsan eingespritzt, was im allgemeinen durch 7 bis 10 Spritzen erreicht wurde, die zweimal in der W-oche gegeben wurden. N|ese grossen Dosen haben wir in allen Fällen gegeben. Nur eine 1 hthise mit Neigung zur Lungenblutung war uns Gegenindikation, nicht aber Herzfehler oder Gravidität. , Bie LlÖS* nS? ^urde >n der Weise hergestellt, dass z-u je 2—5 ccm sttri em destillierten Wasser 1 ccm 1 proz. Sublim-atlösung zugesetzt wurde. In dieser verdünnten Su-blimatlösung löst sich das Neosalvarsan rascher als m Wasser Letzteres darf nicht zu kalt sein. Es entsteht eine undurchsichtige olivgrüne Mischung, in der man den einströmen- den Bhitstrom nicht wahrnehmen kann. Dieser Nachteil spielt aber Rmf hR° 'e’ m^n Blut asP'iriert. Meist drückt das einströmende Blut der gestauten Vene schon von selbst den Stempel der Spritze zurück. Fechmsch macht dann die Linserspritze kaum mehr Schwierig¬ keit als die reine Neosa-lvarsanspritze. Man kann sich auch vom rich¬ tigen Liegen der Kanüle in der Vene überzeugen, indem man eine r ausssche Nadel benützt, auf die man die Spritze erst aufsetzt wenn Blut aus der Nadel strömt. Ich benutze sehr gern die vorzüg- 1 ichen Stuhmernadeln mit oder ohne Blutfänger, auf welche die Spritze auch erst nachträglich aufgesetzt wird. Immerhin sehen Anfänger bei den Linserspritzen mehr Infiltrate, a s iei eimaehen Neosalvarsanspritzeti. Diese Linserinfiltrate scheinen . fjf. nuI kürzere Zeit schmerzhaft zu sein, als die früheren. Der heftige Schmerz dauert 24 Stunden und ist durch heisse Armbäder heisse Kompressen meist ohne Narkotika zu bekämpfen. Zuweilen ist SK?* rd ^spirati?n des Infiltrats möglich. Ersetzt man das - uobmiat durch Lyarsal. so vermeidet man diesen kleinen Missstand. Gegen das Linserverfahren wird neben dieser kleinen technischen .c wiengkeit geltend gemacht, dass mit der Mischspritze ein bisher unkontrolher-bares Gemisch in die Blutbahn kommt. Das ist richtig, ns scheint sich um eine Oxydation der Arsenverbindung durch das zu handeln die zu einem Niederschlag führt, der Kalomel und kolloidales Quecksilber enthält. Jedenfalls sind die Forschungen hierüber noch nicht abgeschlossen. . Charakteristisch ist, dass die meisten Kranken bei der Einspritzung einen sehr deutlichen unangenehmen, ja widerlichen Geschmack im hah.en, wie S|e ihn bei einer Sal-varsanspritze nicht empfinden. Wahrend sie hier Aethergeschmack angeben, sprechen sie bei Linser- spntzen von einem ekelhaften, nicht näher zu bezeichnenden Geschmack „nach der Apotheke . Ein Kranker gab an. dass er während der Spritze bei den ersten drei Atemzügen Aethergeschmack, bei dem vierten Knob- lauchgeschmack habe. Einigemal erfolgte sofort nach der Linserspritze 152 MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT. Nr. 5. Erbrechen Manche Kranke essen deshalb während der Spritze Schokolade, andere rauchen. Die Kuren wurden im allgemeinen vorzüglich ertragen. Die er- schcinungen der Lues I, II und III gingen rapid zurück, lanzinierende Schmerzen bei Tabes schwanden. Nierenreizungen haben wir mit einer Ausnahme nicht gesehen, Gewichtsabnahme nie bemerkt. Ein schwäch¬ licher Friseur von 42 Kilo nahm während der Kur zu, ebenso eine dicke Händlerin von 89 Kilo. Eine Riesendame von 129 Kilo ver¬ mehrte ihr stattliches Gewicht um 1,5 Kilo. Zwei Puellen gaben an, die Linserkuren wirkten auf sie appetiterregend. Thrombosierung der Vene wurde nur einmal beobachtet und zwar bei einer Kranken, bei der nur eine einzige Armvene zur Injektion zu gebrauchen war. Diese war am Ende der zweiten Linserkur in der Ausdehnung von 3 cm thrombosiert. _ Gelbsucht sahen wir in 18 Fällen, d. h. in 3 Proz., einige \\ ochen nach der Kur auftreten. In mehreren Fällen war eine Schädigung durch die Kur auszuschliessen; in allen Fällen, in denen eine weitere Kur gemacht wurde, d. h. in 14 Fällen, wurden später die gleichen Linser- spritzen gut vertragen. Der einzige Todesfall an akuter gelber Leber¬ atrophie in dem Jahre betraf eine alte Frau mit Lues III, die nur mit Salvarsan behandelt worden war. In 6 Fällen, d h. in 1 Proz., wurden Neurorezidive beobachtet, die viermal den Akustikus, zweimal den Okulomotorius betrafen. Fünfmal brachte weitere Linserkur Heilung, ein Fall konnte auch durch intensive Behandlung mit grauem Oel und Salvarsannatrium nur gebessert werden. Ein vorübergehendes toxisches Exanthem kam nur in einem Falle zu Gesicht, in vier Fällen Urtikaria. . Fieber nach der ersten oder zweiten Spritze trat selten auf. jeden¬ falls nicht häufiger als bei reinen SaLvarsankuren. Wir hatten den Ein¬ druck, dass es zu gewissen Zeiten gehäuft zur Beobachtung kam, so dass wir in dem gerade verwendeten Salvarsan es wurden Kassen- Packungen verwendet — die Ursache vermuteten. Schüttelfröste mögen zuweilen auf die Kälte des angewendeten Wassers zurückzuführen sein. Ebenso beobachteten wir plötzlich ganz vorübergehend gehäuftes Auftreten des vasomotorischen Symptomenkomplexes, den wir bei reinen Neosalvarsanspritzen nie, bei Silbersalvarsan öfter . beob¬ achteten. Dieser angioneurotische Symptomenkomplex lief in der Weise ab, dass zunächst Rötung des Gesichts und der Augenbindehäute sowie Pulsbeschleunigung eintraten, wobei die Kranken über Trockenheit im Schlund klagten. Diese Erscheinungen Hessen nach und traten nach kurzer Zeit verstärkt mit Schwindelerscheinungen auf, um dann rasch zu verschwinden. Dabei machte die Gesichtsröte deutlicher Blässe Platz. In zwei Fällen schloss sich daran eine Ohnmacht. Stomatitis wurde nie beobachtet, auch nicht bei einem Kranken, der sonst bei jeder Kur Stomatitis hatte und stolz erklärte, dass er noch nie in seinem langen Leben sich die Zähne geputzt habe. Er sei nämlich ein starker Brotesser und habe deshalb keine Zahnbürste nötig. Darmreizungen kamen nicht vor. Eine Kranke, die vorher nach Quecksilberspritzen ein Exanthem gehabt hatte, sah nichts derartiges nach den Linserspritzen. Eine Kranke erzählte, dass sie eine halbe Stunde nach der zweiten Mischspritze so starke krampfartige Schmerzen in den Oberschenkeln bekommen habe, dass sie laut schreien musste; eine zweite gab heftige Schmerzen in einem Ober¬ schenkel an, eine dritte klagte nach der zweiten Spritze über Doppelt¬ sehen und Schwindel. Alle drei vertrugen später die vorsichtige Fort¬ setzung der Linserkur gut. Nach all dem kann man sagen, dass die Linserspritzen sehr gut vertragen werden. Die in einzelnen Fällen geklagten Beschwerden übersteigen weder an Zahl noch an Stärke diejenigen bei dem bisher üblichen Verfahren. Ein rätselhafter Todesfall ereignete sich im Berichtsjahre. Anita H„ 25 Jahre alt, Puella publica, kam im Mai 1920 mit breiten Kondylomen und positiver WaR. in Behandlung. Sie war bisher gesund ge¬ wesen und nie behandelt worden. Eine reine Salvarsankur von 3,9 Neo- salvarsan wurde sehr gut vertragen und führte zur Heilung mit WaR. negativ. Auch im September 1920 war die WaR. negativ. . . . . Am 4. November 1920 kam sie mit Roseola und WaR. H r+M I 1 r wieder in Behandlung, diesmal nach dem L i n s e r sehen Verfahren. Ob¬ gleich sie diesmal mit leichter Temperatursteigerung, Kopfweh und Uebel- keit reagierte, wurde die Kur auf ihre dringende Bitte fortgesetzt, so dass *sie 0,45—0,6—0,6—0,3—0,45 Neosalvarsan nach L i n s e r erhielt. Nach der fünften Spritze Oedem der Augenlider und der Oberlippe, juckende Urtikaria¬ quaddeln, kein Eiweiss, kein Durchfall, WaR. negativ, links Fazialis- und Abduzensparese, Doppeltsehen. Sehschärfe links herabgesetzt, Kopfweh, Schwindel. Lumbalpunktion scheiterte am Widerstand der Patientin. Innerhalb 3 Wochen schwanden die Erscheinungen ohne besondere Be¬ handlung, so dass die Kranke einen Erholungsurlaub antrat. Hier trat die Urtikaria wieder auf, Uebelkeit, Erbrechen, Doppeltsehen und Temperatur¬ steigerung führten sie wieder ins Krankenhaus. Hier trat nach einigen Tagen wieder linksseitige Fazialisparese auf, die stark zunahm. Es trat Schluck¬ störung auf und am 21. I. 1921 erfolgte der Tod an hypostatischer Pneumonie. Im Urin waren Spuren von Eiweiss gefunden worden. Die Sektion klärte das Bild keineswegs. Sie ergab ausser den Lungen¬ erscheinungen Schwellung und Trübung beider Nieren, Hirnschwellung mit Abplattung der Hirnwindungen mittleren Grades, Hydrops anasarka, Fett¬ leber, hypertrophischen, weichen Milztumor. Histologisch fanden sich peri¬ arterielle Infiltrate in Nieren und Leber und perivaskuläre Infiltration an den Gefässen der Grosshirnrinde. In diesem tödlich verlaufenen Fall scheint es sich bei Berück¬ sichtigung der Gehirnerscheinungen, der Sehstörungen, der Urtikaria, der Leber- und Nierenveränderungen um eine toxische Schädigung durch die Behandlung zu handeln. Das Fehlen von Stomatitis. Enteritis. erheblicher Albuminurie spricht gegen Quecksilberschädigung, der üehirnbefund für Salvarsanschädigung. Ich möchte daher diesen '1 odes- fall nicht als Linsertod bezeichnen. Wie verhält sich nun die WaR. in den angeführten, nach Linser behandelten Fällen? Von den 591 Kuren begannen 213 bei negativer. 378 bei positiver WaR. Von diesen 378 bei Beginn der Kur sero¬ positiven Fällen sind 127 nicht nachgeprüft worden, weil sie aus irgend¬ welchen Gründen die Kur nicht beendeten oder zur serologischen Nach¬ prüfung nicht erschienen. Von den übrigbleibenden 251 Fällen war die WaR. in 96 Fällen bei Kurschluss negativ, also in 38 Proz. Im Laufe der nächsten Wochen wurde sie negativ in 97 Fällen, also ebenfalls in 38 Proz. Bei Beginn der Wiederholungskur nach 3 Monaten waren noch 58 Fälle seropositiv, also 23 Proz. gegen 76 Proz., die vorher seronegativ geworden waren. Bemerkenswert ist ein Fall, der sich der Behandlung vorzeitig ent¬ zogen hatte und der später durch die Beratungsstelle vorgefiihrt wurde. Es war eine vorher unbehandelte Kranke, die mit breiten Kondylomen und WaR. ++++ die Kur begann. Nach 11 tägiger Kur mit 4 Spritzen von im g'anzen 2,25 Neosalvarsan nach Linser war sie symptomlos und die Nachprüfung ergab nach 3 Monaten negative WaR. Zu erwähnen sind noch fünf Fälle, die trotz mehrerer Linserkuren positiv blieben. Es handelte sich durchweg um alte, ungenügend be¬ handelte Luesfälle, die meist vom Termin der Infektion nichts wussten. Bei zweien war die Diagnose erst nach luischer Fehlgeburt gestellt worden. In einem Fall handelte es sich um einen deutschen Soldaten, der sich in Indien angesteckt hatte und dort mit Kasivan behandelt worden war. Der vierte Fall betraf ein Gumma des weichen Gaumens bei einem lange unbehandlten Kranken, der fünfte eine Kranke, die ihre Krankheit jahrelang vernachlässigt hatte. Ueber Abortivkuren bei seronegativer Lues I ist bei der Kürze der Beobachtungszeit nichts zu sagen. Die serologische Nachprüfung lässt erkennen, dass die von uns im Berichtsjahr durchgeführte Linserkur nicht als energische Kur angesehen werden kann. Dieses kann nicht daran liegen, dass die Einzeldose oder Gesamtdose des Salvarsans zu gering war, es muss vielmehr die Quecksilberdose zu klein sein. Wir werden daher in Zukunft statt 1 ccm jedesmal 2 ccm 1 proz. Sublimatlösung in die Spritze nehmen, Auch an einen Ersatz des Sublimats durch Novasurol oder Mesinurol ist zu denken. Für denselben spricht, dass beide Mitte! grössere Dosen ermöglichen sollen, gegen denselben der Kostenpunkt Offen bleibt die Frage, ob die Linserkur wirksamer, ebenso wirksam oder weniger wirksam ist, als eine reine Salvarsankur. Mir scheint es, dass sie in der raschen Beseitigung der Symptome die reine Salvarsankur übertrifft. Zusammenfassend komme ich auf Grund der einjährigen Erfahrung an 3700 Linserspritzen zu folgendem Ergebnis: 1. Das Linserverfahren ist die für den Kranken angenehmste, schmerzloseste, billigste und die Erwerbsfähigkeit am wenigster störende Art der kombinierten Quecksilber-Salvarsankur. 2. Störende Nebenerscheinungen oder Folgen sind nicht zu be¬ fürchten. 3. Luische Erscheinungen schwinden beim Linserverfahren rapid 4. Die WaR. zeigt, dass die Dauerwirkung keine starke ist. sondert dass vielleicht eine Verstärkung der Quecksilberdose anzustreben ist Gelingt es, die Dauerwirkung ohne Schädigung zu verstärken, so iS’ das Linserverfahren die Kur der Zukunft. Aus dem k. ung. Bezirksspital Nr. II in Pest. Einzeitige Behandlung der Syphilis mittels Soluesin und Neosalvarsan. (Vorläufige Mitteilung.) Von Primararzt Dr. Paul v. Szily u. cand. med. Tibor Hai 1er Ausgehend von der Anschauung E h r 1 i c h s betreffend die Steige¬ rung des spezifischen therapeutischen Effektes durch Kombination gleich¬ gerichteter antiparasitärer Heilstoffe, empfahl Paul v. Szily im Jahrt 1917 eine anorganische Kombination der drei bekannten Antiluetica ir einer Lösung behufs Massenbehandlung der Syphilis. Diese Lösung genannt „Soluesin“ war die folgende: Hydrarg. bichlorati corrosivi 1,4 Natrii arsenicosi 0,5 Natrii jodati 24,0 Aquae destillatae 100,0. Mfsolut. DS. Jeden zweiten Tag 1 ccm intra nates. Jeder Kubikzentimeter dieser Lösung enthielt 1 cg Quecksilber 0,5 cg Natrium arsenicosum (gleich 2 mg Arsen) und 20 cg Jod. Du klinischen Resultate, die im Laufe der Zeit durch Szily und Poros; gewonnen wurden, sprachen für die Brauchbarkeit und Zweckmässigkei dieses Heilmittels; auch wurde dasselbe intravenös appliziert anstands¬ los vertragen. (Siehe: Verhandlungen der Feldärztlichen Tagung be der k. u. k. 2. Armee, Wien, Braumüller, 1917.) Unser jetziges Bestreben bestand darin, das Natrium arsenicosun des Soluesin durch Neosalvarsan zu ersetzen. Zu diesem Zweckt wurde die Lösung folgendermassen verwendet: Rp. Hydrarg. biclilorati corrosivi 0,3 Natrii jodati 14,0 Aquae destillatae 20,0. MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT. 153 3. Februar 1922. In dieser Lösung entsteht ein Komplexsalz (Natrium jodomercurat. Na2ngj4), welches das Quecksilber nicht in freiem Dissoziationszustand enthält. Ein Kubikzentimeter dieser Lösung enthält 1 cg Quecksilber ind 60 cg Jod. In einer 10-ccm-Rekordspritze werden 1—2 ccm Soluesin und hie- m weitere 3—6 ccm einer lOproz. frisch bereiteten Neosalvarsan- ösung aufgesogen und die entstehende bräunlichgelbe opake Flüssig- ceit dem Patienten' einfach intravenös zugeführt. Vor der Injektion vird der Spritzenstempel ein wenig zurückgezogen, wodurch infolge les gut sichtbaren Rückfliessens des Blutes die richtige Einführung der 'ladel in die Kubitalvene festgestellt werden kann. Die Vorteile unserer einzeitigen Kombinationsmethode gegenüber ler von L i n s e r geübten gleichzeitigen intravenösen Applikation von sublimat und Neosalvarsan *) sind augenfällig. Dieselben bestehen im olgenden: 1. Die Soluesin-Salvarsanlösung enthält ausser Quecksilber und Neosalvarsan auch das Jodnatrium, durch dessen die Steigerung der Permeabilität der Gefässwende erzielende Wirkung eine promptere leeinflussung des luetischen Prozesses erreicht werden kann. 2. In der Li ns er sehen Mischung entsteht durch Fällung des eduzierten Quecksilbers ein massiger schwarzer Niederschlag; dagegen Vird bei unserer Mischung durch das überschüssige Jodnatrium das eduzierte Quecksilber fast gänzlich in kolloider Lösung festgehalten. 3. Die intravenöse Einführung der L i n s e r sehen Mischung ist nolge des vorgenannten schwarzen Niederschlages beschwerlich, wo¬ egen in unserer Mischung das Rückfliessen des Blutes nach Einstich er Nadel gut sichtbar ist. 4. Unsere Lösung ist fast neutral und fällt Eiweiss auch in Spuren jelbst bei grossem Ueberschusse nicht und wird infolgedessen die Jterierung der Venenwand vermieden, wodurch eine Thrombenbildung intangehalten wird; ferner ist dadurch auch die zufällig vorkommende aravenöse Injektion des Mittels viel weniger schmerzhaft. Bevor wir unsere Lösung beim Menschen anwendeten, wurde die- elbe an mehreren Kaninchen ausprobiert. Die detaillierten Versuchs- "gebnisse sollen für eine spätere ausführlichere Mitteilung Vorbehalten ■erden; wir wollen hierorts nur das Resultat feststellen, dass die frag¬ te Mischung keineswegs eine grössere Giftwirkung ausübt, als die ltsprechende Menge Neosalvarsan allein. . Das Mittel wurde von uns bisher bei 25 Luetikern angewendet, eistens bei Lues II, sowohl im manifesten als im latenten Stadium, ie Applikation erfolgte intravenös 2 mal wöchentlich und zwar nach lgendem Schema: 1. Injektion: 1 ccm Soluesin + 0,30 Neosalvarsan 2. 2 ccm ,, + 0,30 3. 2 ccm „ + 0,45 4. 2 ccm + 0,45 5. 2 ccm , ,, + 0,60 6. 2 ccm „ + 0,60 7. 2 ccm „ +‘ 0,60 8. 2 ccm „ + 0,60 Also wurde bei einer vollendeten (4 wöchigen) Kur nach unserer ethode 15 g Hg, 9 g Jod und 4,1 g Neosalvarsan dem Patienten ein- Urleibt. Die klinischen Ergebnisse bezüglich des therapeutischen Effektes ■im Menschen sind selbstverständlich in Anbetracht der geringen Zahl T von uns behandelten Fälle nicht abgeschlossen. Wir wollen trotz- m die von uns angewandte Methode bekanntgeben, da dieselbe nach iiserem Erachten Vorteile gegenüber der Lins ersehen zu haben heint. ie Wachstumshemmung der Kinder in den Nachkriegs¬ jahren. Von Prof. Dr. Eugen Schlesinger-Frankfurt a. M. Wer sich andauernd mit der Jugend zu beschäftigen hat, wird den ndruck bekommen haben, dass die Kinder in diesem Jahr, namentlich i Sommer, besser aussahen und auch wieder in einer besseren Ver¬ dung waren als in den letztvergangenen Jahren. Nach manchen chtungen zeigten sich zum mindesten Ansätze zum Wiederausgleich r vielfachen Hemmungen und Schäden, welche die Kinder infolge des ieges und der Hungerblockade erlitten hatten, zeigte sich der Beginn ler Reparation, sei es aus eigenen Kräften der Kinder nach einer ge- ssen Besserung der häuslichen Ernährungsverhältnisse, sei es dank r umfassenden Fürsorgeeinrichtungen des Staates, der Stadtverwal- lgen, der privaten und der Vereinswohltätigkeit. Freilich sehen die rder jedes Jahr im Sommer besser aus als im Winter, schon infolge " stärkeren Besonnung, auch durch das verstärkte Massenwachstum ch dem Hochsommer gegenüber der stärkeren Längenzunahme im ahjahr und Hochsommer, und es wird noch zu prüfen sein, ob die in :sem Sommer erzielte Besserung auch weiterhin anhält. In der vorliegenden Arbeit seien die Ergebnisse von Unter- -hungen mitgeteilt, die angestellt wurden, um den subjektiv ge- innerten Eindruck einer beginnenden Besserung des körperlichen, ge- idheitlichen Verhaltens der Kinder durch objektive Methoden näch¬ ste'1 und zu. erhärten. Dazu ist die Verfolgung des Wachstums der ider gut geeignet als einer wesentlichen Teilerscheinung der all- nemen Entwicklung; und besonders wertvoll ist die Betrachtung des *) Med. Kl. 1918. Längenwachstum s, bei der Eindeutigkeit der Ergebnisse der Grössenmessung, bei der Beständigkeit, mit der unter normalen Verhält¬ nissen sozial gleichartig zusammengesetzte Gruppen von Kindern, z B von Kindern aus derselben Schule, in denselben Altersklassen in den verschiedenen Jahren gerade ihre Durchschnittslängenzahlen beibehal¬ ten. Gegenüber der Beobachtung, dass das einzelne Kind an seinem Wachstumstrieb und den- im wesentlichen ererbten Eigentümlichkeiten desselben zähe festhält und sich hierin durch äussere Umstände nur wenig beeinflussen lässt, ist die Wahrnehmung sehr bemerkenswert und bedeutsam, dass unsere Kinder im Laufe des- Krieges nicht nur m a gerer geworden, sondern auch kleiner geblieben sind als ihre Altersgenossen in Friedens¬ zeiten; es ist dies ein Hinweis auf die Intensität der Schädigung. Ich konnte an einem schon vor dem Kriege genau beobachteten Schüler¬ material bereits 1916, nach 2 Kriegsjahren, fast in allen Altersstufen und Gruppen eine mehr oder weniger beträchtliche Hemmung des Längen¬ wachstums nachweisen; in den letzten Kriegsjahren vergrösserte sich dieser Wachstumsrückstand namentlich insofern, als er sich schon im Kleinkindesalter bemerkbar machte1). Leider konnte ich . den weiteren Verlauf dieser Wachstumshemmung und des Rückstandes in der Gewichtsabnahme in den Nachkriegsjahren nicht an demselben Material wie vorher weiter verfolgen; das wäre nicht nur wünschenswert gewesen, sondern ich möchte dies fast als eine Voraussetzung für eine nach allen Richtungen hin einwandfreie Untersuchungsmethode hinstellen. (Infolge der politischen Verhältnisse musste ich die in Strassburg i. E. während vieler Jahre angestellten Untersuchungen abbrechen; ich setzte sie in Frankfurt a. M. fort.) Die hier niedergelegten Ergebnisse wurden auf Grund von meist von mir selbst regelmässig im Juni eines jeden Jahres vorgenommenen Mes¬ sungen und Wägungen an jährlich 3000—3200 Schulkindern ge¬ wonnen, und zwar an drei Volksschulen mit etwas verschiedener sozialer Zusammensetzung (1800 Kinder), an zwei Mittelschulen (900) und an. einem Lyceum. Ich lege Nachdruck darauf, dass die Er¬ gebnisse aus jeder Schule für sich betrachtet und untei sich verglichen werden, um bei der Sammelforschung möglichst homogene Gruppen zum Vergleich einander gegenüber zu stellen. Die Kinder wurden nach halbjährigen Altersstufen gruppiert (z. B. 7 Jahre = 6 Jahre 10 Monate bis 7 Jahre 3 Monate); bei solch geringen Altersverschiedenheiten innerhalb einer Gruppe glaubte ich, zumal es sich ja doch nur um Vergleichszahlen handelte, auf eine Altersreduktion des einzelnen Kindes verzichten zu dürfen. Die Sammelforschung erwies sich zu den vorliegenden Unter- suchungen als geeigneter und ergebnisreicher als die Individual¬ forschung, um so mehr, als die Art der Eintragung der Messungs- und Wagungsergebnisse in die Gesundheitsscheine der Schüler in Zahlen anstatt in Kurven sehr unübersichtlich ist. Die Durchschnittswerte der Sammelforschung wurden aber ergänzt durch die Betrachtung ihres Auf¬ baues und durch, die Errechnung des prozentualen Anteils der besonders grossen und kleinen bzw. der schweren und leichten Kinder an diesen Durchschnittszahlen, ausserdem durch das Studium der Indexzahlen und anderes mehr. In besonderen Fällen wurden auch Individualkurven gezeichnet und berücksichtigt. Der Raumersparnis halber muss das umfangreiche Zahlenmaterial einer späteren Veröffentlichung Vor¬ behalten bleiben. Zunächst Länge und Gewicht bei der grossen Masse der Volks- schüler im letzten Kriegsjahr und in den Nachkriegsjahren: Von 1918 — 1920 schwanken die Durchschnittswerte in den einzelnen Alters¬ stufen regelmässig auf und ab, ohne dass sich eine Gesetzmässigkeit erkennen liess; diese Schwankungen, bei denen Länge und Gewicht keineswegs immer mit einander parallel gehen, sind deutlich grösser, als sie in normalen Zeiten zu sein pflegen. Hinsichtlich des Körper¬ gewichtes weisen ebenso viele Gruppen den tiefsten Stand im Jahre 1818 wie im Jahre 1919 auf, hinsichtlich der Körperlänge liegt aber das Minimum weit häufiger erst 1920 als 1919, und nur ausnahms¬ weise bereits 1918; ein ähnliches, leicht erklärliches Nacheinander der Hemmung in der Gewichtszunahme und im Längenwachstum war bei Beginn des Rückstandes in den ersten Kriegsjahren zu beobachten. Zur Zeit dieses tiefsten Standes betrug der Rückstand gegen¬ über den Durchschnittswerten aus normalen Frie¬ de n s z e i t e n in den einzelnen Altersstufen 3 bis 5 cm, noch etwas mehr bei Beginn der Wachstumssteigerung vor der Pubertät infolge Verzögerung der letzteren; der Gewichtsrückstand schwankte bei den jüngeren Altersklassen zwischen 2 und 3 kg, bei den älteren zwi¬ schen 4 und 5 kg. Das entspricht im allgemeinen annähernd einem Jahreszuwachs und macht durchschnittlich 4,3 Proz. der Länge (5 Proz. in den ersten Schuljahren. 3 Proz. auf der Höhe der Pubertät) und 8 — 12 Proz. des Körpergewichtes aus. Wesentlich andere Verhältnisse als in den Jahren 1919 und 1920 ergaben aber die Messungen und Wägungen im Jahre 1921. Diesps Jahr 1921 ist charakterisiert und ausgezeichnet durch eine deutliche Besserung; besonders die Längen¬ zahlen weisen in allen 3 Volksschulen in vielen, ja in den meisten Altersklassen eine wesentliche Steigerung auf. Nicht selten kann man von einer geradezu sprunghaften Wachstumssteigerung sprechen; liegen doch die Durchschnittszahlen häufig um 3 — 4, ja um 5 cm höher als in den vorangegangenen Jahren. In den Altersstufen 8^ — 1034 Jahren werden — in guter Uebereinstimmung in den drei untersuchten Volksschulen — durch diese sprunghafte Längenzunahme *) Schlesinger: M.m.W. 1917 S. 76 und 1505, 1919 S. 662 und Zschr. f. K-inderhlk. 1919 S. 79. ,5* MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT. die Durchschnittswerte aus den Friedensjahren wieder nahezu ganz ei- reicht. Aber noch nicht ist dies der Fall bei den jüngeren Altersklassen, die den grössten Teil ihres Lebens unter im allgemeinen ungünstigen äusseren Verhältnissen verbracht haben, und mehrere Zentimeter fehlen auch noch den älteren Knaben und Mädchen infolge der noch immer fortbestehenden Verzögerung des Pubertätsantriebs. Auch hinsichtlich der Gewichtszunahme ist 1921 eine deut¬ liche Besserung nicht zu verkennen; aber diese ist doch weder vei hältnismässig so gross noch auch so regelmassig wie die Zunahme der Körperlänge. Diese Hebung des Körpergewichts ist in der Hauptsache aui eine Steigerung des Massenwachs¬ tums zurückzuführen, nicht etwa auf einen reichlicheren Fettansatz, auf einen besseren Ernährungszustand, rur diese Auffassung spricht schon die klinische Beobachtung; bei einer Duich- musterung der Kinder nach der Stephani sehen Methode auf Sicht¬ barkeit der Rippen an den seitlichen (und vorderen) Teilen des Brust¬ korbs findet man nach wie vor die grössere Zahl mindestens der Knaben bis zum 10. oder 11. Jahr untervoll, um nicht zu sagen unter¬ ernährt [Pfaundler2)]- Im umgekehrten Sinne, wie hinsichtlich des Fettansatzes, sind vielleicht hinsichtlich des Wassergehaltes des Organismus bei der grossen Masse der Kinder noch nicht wiedei normale Verhältnisse eingetreten; wenigstens war die auf eine starke Wasserabgabe zu beziehende Gewichtseinbusse der Kinder bei Beginn des Sommers — bei ungestörtem Wohlsein — 1921 noch grösser und regelmässiger als in dem zu einem Vergleich besonders geeigneten heissen Sommer 1911 :l), woraus vielleicht auf eine vorher bestandene, verstärkte Wasserretention geschlossen werden kann. Bei dem Studium des Aufbaues der Durchschnitts¬ zahlen war schon 1917, noch mehr 1918, das Seltenerwerden dei rasch und stark in die Länge gewachsenen Knaben und Mädchen aul¬ fallend, wie sie sonst, wohl zum Teil als eine Folge besonders reicher Ernährung, gerade unter der grossstädtischen Jugend nicht selten angetroffen werden. Dazu kam 1918 und 1919 eine sehr deutliche' Ver¬ mehrung der ausgesprochen kleinen Kinder, einmal unter den Schul¬ anfängern, dann bei den 11 — 13 jährigen Knaben und Mädchen, ciuich die Verspätung des Pubertätsantriebs. Schliesslich trat 1919 und auch noch 1920 eine deutliche Verschärfung hinzu durch eine Häufung von schweren Fällen wachstumshemmender Rachitis. Nach dieser letzten Richtung hin ist 1921 wieder eine Besserung zu verzeichnen; aber die hochaufgeschossenen, sehr schlanken'Kinder sind, zum minde¬ sten in der Volksschule, noch immer Seit e n h e i t e n. Bei den jüngeren Jahrgängen ist die Streuung der Längenwerte unter den gleichaltrigen Kindern deutlich geringer als früher, um so grösser ist sie aber bei den älteren Schulkindern, infolge der jetzt ganz besonders grossen zeitlichen Verschiedenheit des Einsetzens des Pubertats- antriebs. An den von mir durclmntersuchten Mittelschulen ist das Er¬ gebnis der Messungen und Wägungen im Jahre 1921 nicht so günstig wie an den Volksschulen; wohl ist auch hiei 1921 eine Wachstumssteigerung in vielen Gruppen nicht zu verkennen; aber sie ist in ihrem Ausmass durchschnittlich nicht so gross wie dort, nur ganz ausnahmsweise werden bereits wieder Durchschnittszahlen ei reicht, die den Friedenswerten nahekommen. Vor allem aber wird die Wachs¬ tumssteigerung in den einzelnen Altersklassen lange nicht so regel¬ mässig angetroffen; ja in einigen, freilich nur wenigen Gruppen liegen die Durchschnittswerte 1921 noch niedriger als. 1920 und 1.919. Diese Wahrnehmungen stehen in ihrer Gesamtheit in gutem Einklang mit der Beobachtung des täglichen Lebens, dass der Mittelstand, wie mitt¬ lere Beamte, kaufmännische Angestellte — aus diesen Kreisen rekru¬ tieren sich zu einem guten Teil die Mittelschüler — , unter der Ungunst der Verhältnisse, der erschwerten Lebensführung am schwersten ge¬ litten haben und noch immer sehr leiden. Schliesslich die Ergebnisse der Messungen und Wägungen aus den letzten 2—3 Jahren an der Höheren Mädchenschule. Diese fallen ganz anders aus als alles bisher beschriebene; aber es handelt sich hier auch um ein ganz anderes Schülermaterial. Es ist ausgesucht ein Lyzeum, das in überwiegendem Masse, weit mehr als dies sonst an höheren Schulen der Fall zu sein pflegt, von Mädchen aus nach wie vor vermögenden Familien besucht wird. Hier ist 1921 kaum, keinesfalls regelmässig, eine Verstärkung des Längenwachstums gegen¬ über 1920 festzustellen; aber hier sind auch bereits 1920 die durchschnitt¬ lichen Längenzahlen in den einzelnen Altersstufen so hoch, um so viel höher als in allen anderen höheren Schulen, die ich je vor den Kriegs¬ jahren untersuchte, dass ich mit Bestimmtheit annehme., auch wenn mir Vergleichszahlen aus Friedenszeiten fehlen, dass diese Mäd¬ chen bereits 1920 die ihrem sozialen Milieu ent¬ sprechenden normalen Zahlen des Längenwachs¬ tums wieder erreicht haben, die Ziffern eines frühzeitigen, raschen, starken Wachstums. Daneben ist gerade bei diesen Mädchen vielfach 1921 eine stärkere Gewichtszunahme als 1920 festzustellen, augenscheinlich und in Uebereinstimmung mit dem klinischen Befund nicht nur infolge eines lebhafteren Massenwachstums, sondern auch wieder durch Fettansatz, durch Hebung des Ernährungs¬ zustandes. So kann bei dieser Gruppe, aber auch nur bei dieser Gruppe, bereits wieder von einer mehr oder weniger vollkommenen Erholung die Rede sein; ich werde unten noch einmal hierauf zurück¬ kommen. 2) Pfaundler: Zschr. f. Kinderhlk. 1921, Nr. 29, S. 217. s) Schlesinger: D.m.W. 1912 Nr. 12. Die Untersuchungen werden vervollständigt durch Errechnung cor Indexzahlen. Wenn auch die Indexmethode, der R o h r e i sehe oder der P i r q u e t sehe Index, für die individuelle Auswahl der unter¬ vollen Kinder ein vollkommener Fchlschlag war. wie ich an anoeren Orten (Zschr. f. Schulgesundheitspflege 1921 S. 33) dargetan habe, sc ist diese Methode doch sehr geeignet, um Länge und Gewicht mit-: einander in eine enge, konstante und1 übersichtliche Verbindung zu bringen, und um den bei den Messungen und Wägungen festgestelltei Rückstand in seiner Bedeutung untereinander vergleichen zu können Dabei wird auf jeden Vergleich mit einem irgendwoher stammenden, weder die Rasseeigentümlichkeiten noch die Einflüsse des sozialen Milieus auf das Wachstum berücksichtigenden „Normalwert verzichtet. j Die Rohrer sehen Indexzahlen ^1UU {^,^3 ° derselben Alters¬ klassen und der gleichen Gruppen in den aufeinanderfolgenden Kriegs¬ und Nachkriegsjaiiren lassen etwa in der Hälfte der Reihen ein unregel¬ mässiges Ansteigen bis zum Jahre 1920 erkennen, dann 1921 einen steilen Abfall, manchmal unter den Wert von 1913/14; dies besagt, das: die Kinder in den Nachkriegs jahreh mehr noch in Längenwachstum als in der Massenzunahme ge¬ hemmt wurden, bis hierin 1921 ein gründlicher Um¬ schwung statt hatte. Bedeutsamer ist das Verhalten der indi¬ viduellen Indexzahlen bei ein und demselben Kind in den m Rede stehenden Jahren; normalerweise sinkt während des Schulalters der Rohr ersehe Index bis etwa zum 13. Jahr, im wesentlichen inlolgt Verschiebung der Körperproportionen (Pfaundler, 1. c.). Abei mch' so ganz selten stieg in den Jahren 1918 — 1921 der Index vorüber¬ gehend an, namentlich bei gut entwickelten Kindern, hier wohl als dei Ausdruck der Hebung des Ernährungszustandes (stärkere Zunahme de; Zählers des Bruches). Umgekehrt beobachtete ich aber auch zuweilei in den genannten Jahren ein aussergewöhnlich starkes Abfallen de: anfänglich meist recht hohen Indexzahlen (infolge stärkerer Zunahme des Nenners), besonders bei mittelmässig oder schwach entwickelter Kindern; diese kamen vor allem ihrem Trieb zum Längenwachstim nach, während von einer stärkeren Gewichtszunahme infolge Hebunt des Ernährungszustandes neben dem Massenwachstum keine Rede war, Aehnliches war bei der ersten Periode der Quäkerspeisung zu be¬ obachten: anstatt des erwarteten Steigens des Index durch eine Besse rung des Ernährungszustandes wurde vielmehr der Index kleiner, in dem der Organismus zunächst die Hemmung im Längenwachstum aus zugleichen suchte. Die Ergebnisse der Messungen und Wägungen der Schulkinder in Jahre 1921 sind im Vergleich zu den Befunden in den vorangegangene! Jahren als befriedigend zu bezeichnen: Die im 2. bzw. 3. Kriegs j a h r ei n setze n de und weiterhin fortschreitend» Hemmung im Längen - und Massenwachstum is t n acl einem Tiefstand in den Jahren 1919 und 1920 zum Still stand gekommen; es hat auch bereits wieder in vielen Gruppei und Altersklassen ein Einholen des Rückstandes, zun mindesten hinsichtlich des Längen Wachstums, in meh oder minder grossem Umfang eingesetzt. Die Verhältnisse de: Wachstums lassen einen Rückschluss zu auf die allgemeine Entwick lung, von der sie einen wesentlichen Bestandteil bilden, und so er scheinen die Aussichten auf einen Fortschritt der Erholung unsere Jugend von den in und nach dem Kriege erlittenen Schäden und Hem mungen nicht ungünstig. Ich selbst möchte aber nicht verfehlen, vor einer Ueber schätzungdieser günstigen Seiten meiner Untersuchung 1 ergebnisse zu warnen. Vor einer Verallgemeinerung meiner Er gebnisse sind die Untersuchungen anderorts nachzuprüfen. Die voi mir durchuntersuchten Volksschulen entsprechen dem Durchschnit dieser Schulen; es gibt in der Innenaltstadt Schulen mit einem noc schlechter gestellten Schülermaterial. Anderseits sei nochmals aut er Ergebnisse in den Mittelschulen hingewiesen, die hinter dei Resultaten der Volksschulen zurückstehen. Die be sonders günstigen Ergebnisse an einem ausgesuchten Lyzeum düifeil bei Beurteilung der Gesamtlage nicht irreführen; denn hier handelt e sich um eine ganz dünne Oberschicht der Schuljugend, deren Zahl gegen über der Gesamtheit der Kinder nicht in Betracht kommt. Die Ergeh nisse bei diesen Kindern aus vermögenden und reichen Familien stelle: wohl das wünschenswerte dar; aus ihnen aber verallgemeinernde Ruck Schlüsse auf das Verhalten der Gesamtheit der Jugend zu ziehen, kam. gleich einem Schluss aus dem Besuch gewisser grossstädtischer Ver gnügungslokale auf die derzeitige Lebensführung und die Lebensverhalt nisse unseres Volkes. ■■ Schliesslich möchte ich auch nochmals betonen, dass auf Grund de Messungen und Wägungen zunächst nur von einer Besserung de Verhältnisse des Wachstums, der Entwicklung, noch nicht a b e von einer Hebung des Ernährungszustandes der Km: der gesprochen- werden kann; gerade nach dieser Richtung sind ers geringe Ansätze einer Besserung zu bemerken. Das entspricht de Natur der Sache wie auch den Erfahrungen beim Tierexperiment, das der jugendliche Organismus bei der Besserung der Ernährungsverhalt nisse die zum Ansatz verfügbaren Bausteine zuerst zum Einholen de Wachstumsrückstandes verwendet, erst viel später zum Fettansatz Gewiss hat sich die Ernährung der Allgemeinheit der Jugend wiede gebessert, in quantitativer und qualitativer Hinsicht; die Kost ist wiede abwechslungsreicher geworden-, auch fettreicher; es dürfte auch nicli mehr ein Mangel an Vitaminen vorliegen, an den für das Wachstur wichtigen Ergänzungsstoffen. Aber wie ausserordentlich viel bleib L Februar 1922. MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT. 155 loch übrig, ganz besonders nach der quantitativen Seite, um eine rest- : ose Einholung des Wachstumsrückstandes, um eine Hebung der Kon¬ stitution, der Widerstandskraft, und schliesslich auch um eine Hebung les Ernährungszustandes unserer Kinder sicherzustellen. Wie kläglich st es doch z. B. nach wie vor um die Milchversorgung der Kinder be¬ stellt! So ist die Zeit zu einem Abbau der seit dem Kriege fort- ceführten Fürsorgemassnahmen zugunsten der bedürftigen Rinder noch licht gekommen. . Ueber ausgedehnte Wurstvergiftungen, bedingt durch Bacillus proteus vulgaris. Von Privatdozent Dr. med. Karl Baerthlein. Die starke Verteuerung aller Lebensmittel, insbesondere die hohen Fleischpreise, zwingen jetzt breite Volksschichten zu einer möglichst eStlosen Ausnützung der angebotenen Fleischvorräte (Würste), wobei lie Frage der Genussfähigkeit solcher Lebensmittel trotz gewisser war- :ender Anzeichen von Zersetzung, z. B. missfarbenem Aussehen, leicht- auligem Geruch, von den Verzehrern meist nicht berücksichtigt wird. Vuf diese von den ungünstigen wirtschaftlichen Verhältnissen erzwun¬ gene Indifferenz gegenüber verschiedenen bereits gesundheitsschäd- lchen Lebensmitteln und auf die Unterdrückung des instinktmässigen Ekelgefühls, das sonst normale Menschen von dem Genuss zweifelhafter .ebensmitel abhält, dürften auch die im vergangenen Sommer be- ibachteten, keineswegs seltenen Fälle von Fleisch-(Wurst-)vergiftungen urückzuführen sein, die ein näheres Eingehen auf die Frage ihrer Aetio- ogie und anschliessend ihrer Prophylaxe als dringend wünschens- .vert erscheinen lassen. Mit Rücksicht auf die spärlichen Berichte in ier Literatur ist es von Wichtigkeit, möglichst zahlreiche entsprechende Beobachtungen aus dem Gebiet der Nahrungsmittelvergiftungen zwecks Gärung der ätiologischen und prophylaktischen Fragen mitzuteilen, und ‘s soll daher im folgenden über ausgedehnte, etwa 2000 Fälle um- assende Wurstvergiftungen, die sich im Frühjahr 1918 vor Verdun er¬ eigneten und leicht zu militärisch katastrophalen Folgen hätten führen önnen, und über deren Ursache kurz berichtet werden. Anfangs Juni 1918 traten plötzlich bei den Fronttruppen vor Verdun nter dem Bild einer akuten Gastroenteritis, das sich in einzelnen schwe- en Fällen bis zur Cholera nostras steigerte, Massenerkrankungen auf, ie schlagartig ganze Kompagnien mit Ausnahme weniger Leute kampf- nfähig machten und binnen 2 Tagen etwa 2000 Mann befallen hatten. )ie Erkrankungen äusserten sich bei einem Teil der Truppen so schwer, ass über 200 Kranke in Feldlazarette überführt werden mussten. Der ^erdacht, dass hier eine Nahrungsmittelvergiftung vorhegen könnte, rurde dadurch sofort rege, dass nach den Angaben der Kranken etwa ! — 3 Stunden, bei dem kleineren Teil der Patienten 6 — 8 Stunden nach iner bestimmten Wurstmahlzeit die schweren Gesundheitsschädigungen ich einstellten. Verschont von der Erkrankung wurden unter den ronttruppen lediglich diejenigen Leute, die an der Mahlzeit nicht teil¬ enommen hatten, z. B. Ordonanzen der gleichen Kompagnie, die an emseiben Tage zum Befehlsempfang nach einem höheren Stab zuriiek- egangen waren, oder Soldaten, die aus anderen Gründen zufällig von ■en Würsten nichts genossen hatten, sowie die zum gleichen Regiments- erband gehörigen Truppenteile, die in Ruhequartieren lagen und eine ndere Kost hatten. Ueberraschend war es allerdings, dass unter den tappentruppen, die Korpssehlächerei inbegriffen, die nachgewiesener- iiassen von den gleichen Würsten, freilich 2 Tage vorher, gegessen jatten, keine Krankheitsfälle beobachtet wurden. Das klinische Bild war charakterisiert durch Erbrechen und lehrfache Durchfälle mit lebhaftem Stuhldrang, durch heftige Leib- und Kopfschmerzen, allgemeine Mattigkeit und Abgeschlagenheit, durch lagen der Kranken über metallischen Geschmack im Munde und starke rockenheit im Hals. Bei einem Teil der Patienten, insbesondere bei en schwereren Fällen, kam es zu Fiebererscheinungen mittleren Grades durchschnittlich bis 38,6°), die unter der Behandlung schnell wieder erschwanden. Das Sensorium blieb vollkommen klar. Auffallend war er ausgedehnte Herpes labialis, der verschiedentlich sogar den Umfang ines Herpes facialis erreichte und bei etwa 20 Proz. der Erkrankten u finden war. In einzelnen Fällen wurde ferner mehr oder weniger diwerer Ikterus beobachtet, bei' einem Krankheitsfall auch Hämoglobin- rie. Das Krankheitsbild wies also im Gegensatz zu dem bei Nahrungs¬ mittelvergiftungen so oft genannten Botulismus, bei dem infolge der chädigung des Nervensystems bulbäre Symptome, wie Akkommoda- onslähmung, Pupillenerweiterung und -starre, Ptosis, Strabismus, maurose und ähnliche, das klinische Bild beherrschen, in der Haupt¬ ache gastrointestinale Erscheinungen auf, wie sie im allgemeinen urch die Nahrungsmittelvergifter der Paratyphusgruppe (Bac. para- rphi B und enteriti'd. Gaertner) ausgelöst werden. Bald nach der Einlieferung der ersten Kranken in die Lazarette >uden Proben von verdächtigen Blut- und Leberwürsten zur bakterio- gischen Untersuchung dem Laboratorium eingesandt und anschliessend ihlreiche Stuhlproben von Kranken. Die Wurstproben hatten ein ;hmieriges, missfarbenes Aussehen und stark teigige Beschaffenheit, ei der bakteriologischen Untersuchung wurden in sämtlichen Würsten ad in den Krankenstühlen durch das Kulturverfahren regelmässig Bac. i'oteus vulgaris nachgewiesen; die Wurstproben speziell enthielten isser vereinzelten Kokken keine anderen Keime als Proteusbazillcn, isbesondere konnte in keinem Falle weder in den Würsten noch in ,in Fäzes Bac. paratyphi B oder enterit. Gaertner festgestellt werden. :'as bakteriologische Üntersuchungsergebnis sprach somit für eine reine Nahrungsmittelvergiftung durch Bac. proteus vulgaris. Es lag der Ge¬ danke nahe, dass in der Korpsschlächerei, aus der letzten Endes die zersetzten Wurstproben stammten, gewisse Missstände, z. B. Mangel an Sauberkeit oder unzweckmässige bzw. unzulängliche Aufbewahrungs¬ möglichkeit für die fertigen Fleischprodukte bestanden. Eine genaue Ueberprüfung des Schlachthauses, das überdies unter fachmännischer tierärztlicher Leitung stand, ergab dafür keine Anhaltspunkte. Zur weiteren Aufklärung wurden daher eben fertiggekochte Würste aus dem Wurstkessel, ferner frische, noch in der Räucherkammer befindliche, schliesslich mehrere Tage lang durchgeräucherte, zur Ausgabe an die Truppen hergerichtete Würste, die durchweg ein vorzügliches Aussehen und den charakteristischen frischen Geruch unverdorbener Wurst zeigten, bakteriologisch auf etwaigen Keimgehalt geprüft. Dabei ergab sich die überraschende Tatsache, dass sämtliche verschiedenartigen Wurst¬ proben Bac. proteus vulgaris, wenn auch in geringer Menge, enthielten. Die Frage, wie diese Keime in die Würste gelangten, bzw. weshalb sie durch den Kochprozess nicht vernichtet wurden, liess sich bald einwand¬ frei aufklären: In der Korpsschlächterei wurden sämtliche Tiere (haupt¬ sächlich Rinder) vor der Entblutung durch Beil- oder Hammerhiebe auf den Kopf betäubt; die Folge dieser Betäubung bzw. der dadurch beding¬ ten Gehirnerschütterung waren Erbrechen und Regurgitieren von Spei¬ sen aus Magen und Darm während des Schlachtens und Entblutens, so dass, wie ich mich selbst überzeugen konnte, stets Speisereste und eine entsprechende Bakterienflora aus dem Verdauungstraktus sich in der Mundhöhle der geschlachteten Tiere vorfanden. Für die Herstellung der Würste wurden in erster Linie die Kopf- und Schlundteile der Tiere ver¬ wendet, und es gelangten somit trotz wiederholten Spiilens der Fleisch¬ teile auf diese Weise auch Darmbakterien, z. B. Bac. proteus vulg., in die Würste. Die Möglichkeit, dass vielleicht schlecht gereinigte Wurst¬ därme, wie dies von einzelnen Autoren angenommen wird, an der In¬ fektion mitbeteiligt waren, war von vorneherein dadurch ausgeschlossen, dass infolge Mangels an natürlichem Darm sog. Kunstdärme zur Wurst¬ bereitung verwendet werden mussten; im übrigen darf man wohl an- nehmen, dass selbst bei mangelhafter Sterilisierung (Kochen) von Würsten, wie es bei den vorliegenden Erkrankungen der Fall war. die unmittelbar dem Darme (Wursthaut) anliegenden Teile der Würste keimfrei werden. Weitere Erhebungen ergaben, dass die frisch hergestellten Würste nur verhältnismässig kurze Zeit, und zwar durchschnittlich 30 Minuten im Kessel gekocht waren; von dem Schlachthofverwalter wurde dieses Verfahren damit begründet, dass die Würste, die bei dem grossen Fett¬ mangel an und für sich fettarm waren und trocken schmeckten, bei längerem Kochen durch die Maschen der aus feinporigem Stoff her¬ gestellten Kunstdärme noch weiter von ihrem spärlichen Fett¬ gehalt verlören, wie „Sägemehl“ schmeckten und von den Truppen nicht genossen würden. Um möglichst bald die Wurstherstellung wieder aufnehmen und die dafür bestimmten, wertvollen Fleischteile angesichts der Schwierigkeit ihrer anderwertigen Verwertung und des starken Fleischmangels infolge der Hungerblockade bald wieder ausnützen zu können, mussten rasch entsprechende Vorbeugungsmassregeln gegen den Wurstverderb gefunden werden. Zur Feststellung, wie lange Zeit erforderlich war, um durch Kochen eine einwandfreie Sterilisierung von Würsten zu erreichen, wurden daher frischhergestellte Würste ver¬ schieden lange Zeit von 25 Minuten bis zu 1 Stunde 20 Minuten ge¬ kocht und anschliessend bakteriologisch auf ihren Keimgehalt untersucht. Dabei zeigte es sich, dass erst nach 45 Minuten langem Kochen die Würste sicher keimfrei waren. Bei der weiteren Wurstherstellung wurde diese Erfahrung berücksichtigt, ferner wurden von diesem Zeit¬ punkt ab nur tierische Därme verwendet, die auch ein längeres Kochen ohne nennenswerten Fettverlust der Würste gestatteten, weiterhin eine möglichst kurze Aufbewahrungs- und Zwischenzeit zwischen Wurstbereitung und -verbrauch zu erreichen gesucht. Diese Mass¬ nahmen hatten sich vollkommen bewährt. Welche unheilvolle Rolle neben der mangelhaften Sterilisierung der Würste gerade deren unzweckmässige Aufbewahrung spielen kann, zeigten die oben geschilderten Massenvergiftungen. Wie bereits er¬ wähnt, waren schon in den frischen, teils einfach gekochten, teils geräucherten Würsten Proteusbazillen in geringer Menge lebensfähig vorhanden. Es handelte sich um Fleischprodukte vollkommen gesunder Tiere, die überdies der tierärztlichen Fleischbeschau unterworfen waren; das Fleisch war ferner nicht intravital infiziert, wie dies bei den bekannten Fleischvergiftungen durch die Keime der Para¬ typhusgruppe gewöhnlich der Fall ist, wo meist kranke Tiere not¬ geschlachtet werden, es lag auch keine postmortale Infektion vor, wie in der Regel bei dem vom Bac. botulinus hervorgerufenen Botulismus, die Infektion des gesunden Fleisches erfolgte vielmehr intermorta 1. d. h. während des Tötungsaktes durch das Regurgitieren von Speisen aus den tieferen Verdauungswegen nach der Mundhöhle. Die frisch- hergestellten Würste wurden von der Korpsschlächterei für die Front¬ truppen am Tage nach der Bereitung zu den mehrere Fahrstunden ent¬ fernten ProviantdeDots auf gewöhnlichen Wagen geschafft. In den Depots, die einfache Bretterschuppen darstellten, lagerten sie den ganzen Tag über und wurden wegen der Beschiessuugsgefahr erst in der folgenden Nacht mittels kleiner Feldbahnen zu den Küchen der in vorderer Linie stehenden Truppen gebracht, wo sie wiederum tags¬ über aufbewahrt werden mussten und wegen Gefährdung der Truppen durch feindliches Feuer erst nach Einbruch der Dunkelheit von den einzelnen Soldaten bei der Essensausgabe empfangen werden konnten. Im Juni 1918 herrschte eine ganz aussergewöhnlichc Hitze, bei der heisse, drückende Tageszeiten von schwülen, feuchten Nächten abgelöst 15b MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIF T. Nr. 5. wurden. Diese heisse, schwüle Witterung im Verein mit der unzweck¬ mässigen Aufbewahrung der Würste (offene Transportwagen, Depot¬ schuppen, Feldbahn, Küchenbretterbuden!) bot den in diesen schon vor¬ handenen Proteuskeimen eine ausgezeichnete Gelegenheit zu reichlich¬ ster Entwicklung und Durchwucherung des Fleisches, dessen Eiweiss¬ stoffe von den Bazillen zu hochtoxischen Körpern zersetzt wurden. Erst diese Massenproduktion von starkwirkenden Giften seitens der saprophy tischen Proteusbazillen hat die Würste zu einem hochtoxischen Nahrungsmittel gemacht und jene Massenvergiftungen ausgelöst, während, wie bereits erwähnt, der Genuss der gering infizierten, frischen Würste bei den Truppen der höheren Stäbe und der Etappe, deren Küchen das Fleisch unmittelbar aus der Schlächterei empfingen, keinerlei Gesundheitsstörungen mit sich brachte. Unter den spärlichen Literaturmitteilungen, die über Nahrungsmittel¬ vergiftungen durch Bac. proteus vulg. berichten, zeigt vor allem eine von Dieudonne aufgeklärte und klassisch dargestellte Massenver¬ giftung durch Proteusbazillen enthaltenden Kartoffelsalat eine gewisse Parallele. Auch hier handelt es sich um ursprünglich gesunde Nahrungs¬ mittel (Kartoffel), diie gekocht, also in leicht verderblichem Zustand, bei schwüler Sommertemperatur einen Tag lang in offenen Körben auf¬ bewahrt wurden und so den ubiquitär vorkommenden Proteusbaziilen die Möglichkeit zur Ansiedlung und reichlichen Vermehrung bzw. an¬ schliessend zur Massenproduktion von hochgiftigen Zersetzungsstoffen gaben. Dieudonne konnte ferner tierexperimentell nachweisen, dass die von ihm aus dem Kartoffelsalat isolierten Proteuskeime nur dann für die Versuchstiere schwere Gesundheitsschädigungen bzw. den Tod brachten, wenn die Bazillen auf bestimmten, anscheinend ihnen sehr zusagenden Nährmedien (Kartoffeln oder Fleisch, dagegen nicht Bouillon) gezüchtet wurden und gleichzeitig infolge relativ hoher Temperaturen (über 18°) günstige Gelegenheit zu reichlicher Gift¬ bildung hatten. Aus diesem kurzen Beispiel und den obigen Mitteilungen geht hervor, dass der richtigen Konservierung bzw. Sterili¬ sierung sowie der späteren Aufbewahrung von Fleisch und Fleischprodukten (Würste, Hackfleisch, Schinken etc.) mindestens eine ebenso grosse Sorg¬ falt und Aufmerksamkeit zu schenken ist wie der vorausgehenden, gründlichen Fleischbeschau. Die Behandlung bei den obigen Proteuswurstvergiftungen wurde mit gutem Erfolg rein symptomatisch durchgeführt: sie bestand in einer möglichst baldigen Verabreichung von Laxantien, ferner bei den schweren Fällen in Einstellung der Kostform auf Darmdiät und in Bettruhe. Kropfhäufigkeit bei Münchener Fortbildungsschülern. (Bemerkung zu dem Aufsatz von Frl. Dr. Kraeuter in Nr. 2 dieser Wochenschrift.) Von Dr. Fürst, Stabsarzt a. D., Schularzt. Die Mitteilung von Frl. Dr. Kraeuter über das Vorkommen von Kröpfen bei den weiblichen Jugendlichen bildet eine — allerdings noch weitergehende — Bestätigung des schon auf dem vorjährigen Kinder¬ hilfstag gegebenen Hinweises über die anscheinende Zunahme der Kropfhäufigkeit bei den Jugendlichen Münchens. Es wurde bei einem Vergleich der im Jahre 1913 auf Veranlassung von Herrn Prof. Kaup vorgenommenen Untersuchungsergebnisse an 14— 15jährigen mit den im Jahre 1920 von mir untersuchten Schülern des gleichen Altersabschnittes eine Zunahme von durchschnittlich 32,4 Proz. auf 41,5 Proz. festgesetzt. Was die Höhe der Zunahme um nahezu 10 Proz. anlangt, so muss darauf hingewiesen wrerden, dass möglicherweise diese Zahl noch als zu gering betrachtet werden muss. Denn bei den von mir im Jahre 1920 untersuchten Schülern wurden nur sichtbare und schon fühlbare Schilddriisenvergrösserungen mitgezählt (etwa Grad II der K 1 i n g e r - sehen Einteilung), während möglicherweise im Jahre 1913 von den damals untersuchenden Aerzten schon leichtere Grade (etw'a I bis 11 der K 1 i n g e r sehen Einteilung) mit eingerechnet worden waren. Bei den damaligen Untersuchungen, die keine speziellen Zwecke verfolgen sollten, waren Vereinbarungen bezüglich der Kropfbeurteilung noch nicht getroffen worden. Sch itten heim und Weichardt1) weisen auf die Fehlerquellen hin, die Kropfstatistiken anhaften können, wenn hinsichtlich der Beurteilung nicht besondere Vereinbarungen unter den Untersuchern getroffen wurden. Jedenfalls lässt sich mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit annehmen, dass die gefundene Zahl von ca. 10 Proz. als Minimum der tatsächlich seit 1913 erfolgten Zu¬ nahme der Kropfhäufigkeit bei den 14 — 15jährigen zu betrachten ist. Es hat auch eine im Laufe des Sommers und Herbstes 1921 erfolgte Unter¬ suchung an über 1300 im Alter von 14 — 15 Jahren Stehenden wieder eine durchschnittliche Häufigkeit 'von ca. 40 Proz. ergeben. Eine tabellarische Ausscheidung nach Berufsgruppen erübrigt sich, da Schwankungen hinsichtlich des Prozentsatzes an Strumösen bei den Eingetretenen nicht auf Einwirkung des Berufes zurückgeführt werden können. 1) Schittenhelm und Weichardt: Der endemische Kropf. Springer, Berlin 1912 und: Ueber den endemischen Kropf. M.m.W. 1912 Nr. 48. Eine solche lässt sich auch bei den in diesem Winter- untersuchten 16 — 17jährigen hinsichtlich der Häufigkeit nicht erkennen (s. Tab.). Hinsichtlich des Grades der Strumen muss allerdings hervorgehoben werden, dass von der Gesamtzahl der gefundenen Strumen 19 = 6,8 Proz. beträchtliche Strumen (meist mit Kompressionserscheinungen und kolloidaler Entartung) auf Berufe fielen, wo die Eigenart des Berufes auf die Entwicklung beginnender Kröpfe begünstigend wirken konnte (Schlosser, Maschinenbauer, Schreiner). Berufe Gesamtzahl der Untersuchten Strumen abs. Proz. Schlosser 218 48 22 Maschinenbauer Mechaniker (mit Orthopädiemechanikern 225 43 22 und Sattlern) 167 36 22 Feinmechaniker 118 27 22,8 Schreiner 225 61 27 Spengler 65 13 20 Elektrotechniker Lithographen, Photographen, Chemie- 181 32 17,6 graphen 97 18 18,5 1296 278 21,45 Die Gesamtzahl der Kröpfe bei den 16— 17jährigen mit durch¬ schnittlich 20 Proz. ist um die Hälfte geringer als bei den Neu- eingetretenen. Es deckt sich dies mit den Befunden von Schitten¬ helm und Weichardt, wonach das Maximum der Kropfhäufigkeit zwischen 9. und 10. Lebensjahr liegt, während in den späteren Jahr¬ gängen auch in typischen Kropfgegenden eine beträchtliche Abnahme eintritt, die sich besonders in den Militärstatistiken erkennen lässt. Wenn man aber bedenkt, dass der Jahrgang der 16— 17jährigen nicht mehr allzuweit entfernt liegt von dem Alter der früheren Militär- pflichtigkeit, und andererseits auch in den eigentlichen Kropfgegenden Bayerns die Kropfhäufigkeit in den Gestellungslisten 10 Proz. nur selten überstieg (in München-Stadt zwischen 6,5— 8,5 Proz., in München-Land 8,53 Proz.), so dürften die gefundenen Zahlen — zumal mit Rücksicht auf die von Frl. Kraeuter gefundenen noch höheren Verbreitungs¬ zahlen bei den weiblichen Jugendlichen — auf eine Erscheinung hin- weisen, an der man nicht achtlos vorübergehen kann. Die Ursache der Zunahme ist — wie die Frage der Aetiologie des endemischen Kropfes überhaupt — noch durch weitere Erhebungen zu klären. Auf die bei Jugendlichen häufig gefundene Trias: Unter¬ ernährung — Kropf — Hypogenitalismus, habe ich bei der Kindertagung hingewiesen. Auch die Einwirkung nervöser Einflüsse der Kriegs- und Nachkriegszeit auf das endokrine System wäre in Betracht zu ziehen. Endlich könnten auch endogene degenerative Faktoren in Betracht kommen. Damit soll der Annahme infektiöser Ursachen bei der Ent¬ stehung des Kropfes im Sinne Schittenhelms und Weichardts nicht Abbruch getan werden, wenngleich in München bei den im all¬ gemeinen stabil gebliebenen Wasserverhäiltnissen den a u s 1 ö s e n - den Ursachen gegenüber der Annahme einer Zunahme von noch hypo¬ thetischen Infektionserregei n mehr Bedeutung zugewendet werden dürfte. Nach allen diesen Richtungen dürften weitere Untersuchungen wünschenswert erscheinen. Zunächst wäre die Kenntnis über die Ver¬ teilung der Kropfhäufigkeit in den einzelnen Altersklassen statistisch zu erweitern. Bei einer weiteren Ausdehnung der Erhebungen auf die Bevölkerungsschichten der Stadt wäre es von Wichtigkeit, eine Eini¬ gung hinsichtlich der Beurteilung zu erzielen. Als Grundlage könnte die von K 1 i n g e r aufgestellte Einteilung in 4 Grade betrachtet werden, die aber zweckmässig noch durch Halsumfangsmessung genauer zu ge¬ stalten wäre. Vergleichsmessungen über die Halsumfangszunahme bei Normalen wären hierbei nicht zu vergessen. Eventuell käme zur Er¬ zielung einheitlich verwertbarer Resultate die Ausarbeitung eines be¬ sonderen Kropfbeobachtungsblattes in Betracht. Die schulärztliche Untersuchung dürfte zur Klärung der Frage nicht ausreichea Unter¬ stützung durch Institute wäre wünschenswert. Ebenso wäre auch von der Aerzteschaft und den massgebenden Behörden die Frage zu prüfen, ob zur Prophylaxe des Kropfes in München das Kl in ge r sehe Ver¬ fahren 2) der Anwendung periodischer, über lange Zeit (bis zu 15 Monaten) hindurch gegebener minimaler Jodgaben nicht Nach¬ ahmung finden könnte. Hervorzuheben ist, dass die K 1 i n g e r scher bzw. Bayard sehen Versuche mit minimalen, aber lange Zeit hin¬ durch gegebenen prophylaktischen Dosen gegenüber der bisherigen Jodtherapie etwas prinzipiell Neues darstellen, dass somit die gegen letztere eventuell bestehenden Bedenken in Wegfall kommen könnten. Tatsächlich sind bei den auf die Anregung K 1 i n g e r s hin erfolgten Bekämpfungsmassnahmen Jodschädigungen nie beobachtet worden. Durch die Heranziehung der behandelnden Aerzte — unter Ueberweisung der in prophylaktische Behandlung Getretenen an die Hausärzte, eventuell unter gleichzeitiger Hinausgabe eines Kropf¬ beobachtungsblattes — könnte eine noch weitergehende Sicherung erzieh werden. Jedenfalls dürften die mit dem Kling ersehen Verfahren er¬ zielten günstigen Ergebnisse eine Uebertragung auf die Münchenei Verhältnisse angesichts der hier zu beobachtenden Zunahme der Kropf¬ häufigkeit nicht nur gerechtfertigt, sondern auch wünschenswert er¬ scheinen lassen. . . I 2) Klinger: Die Prophylaxe des endemischen Kropfes. Schweiz, med Wschr. 1921 Nr. 1. Februar 19 22. MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT. 157 us der Nervenabteilung des Städt. Krankenhauses Sandhof Frankfurt a. M. (Direktor: Prof. Q. L. Dreyfus.) Syringomyelie und peripheres Trauma. Von Dr. Ludwig Fuchs, Assistenzarzt. Die Frage der Entstehung einer Syringomyelie als Folge eines Un- les ist trotz vieler Erörterungen noch nicht zu einer einheitlichen Be¬ twortung gelangt. Dass an einem völlig intakten Rückenmark durch auma echte Syringomyelie verursacht werden könne, wird heute ohl von allen Autoren abgelehnt und ganz allgemein das Bestehen ner kongenitalen Disposition zur Voraussetzung gemacht. H. S c h 1 e - nger hatte in seiner grundlegenden Monographie (1894) ein zen- ales Trauma als mögliche Entstehungsursache durchaus anerkannt und e Entstehung aus einem peripheren Trauma nur als zurzeit noch un- tviesen abgelehnt, S c h u 1 1 z e dagegen sprach auf seinem Moskauer iferat (1897) dem zentralen Trauma — von den akuten Blutungen d Spaltenbildungen mit syringomyelieähnlichem Bilde abgesehen — ir für die Zeit der Geburt oder die ersten Lebensjahre eine gewisse olle zu, während er gegenüber dem peripheren Trauma bzw. der zendierenden Neuritis die abwartende Haltung Schlesingers jilte. Schlesingers Schüler Kienböck hat dann alle hierher¬ hörigen Fälle der Literatur gesammelt (1902) und die Beziehungen irischen Unfall und Syringomyelie genauer untersucht. Mit Recht hied er alle Fälle von akut einsetzender Myelodelese aus, da ihnen (s so wichtige Symptom der Progression fehlte, andere Fälle boten der Anamnese unverkennbare Anzeichen vorher schon bestehender (krankung oder das Intervall zwischen Unfall und ersten Krankheits- iichen war so lange, dass ein Zusammenhang unwahrscheinlich war, iirzum der weitaus grösste Teil der mitgeteilten Fälle konnte bei ge- uerer Betrachtung nicht als Beweis für einen bestehenden Zusammen- ng anerkannt werden; aber einem Rest von Fällen wurde Ki en¬ de k doch in einer zu weitgehenden Kritik nicht gerecht und lehnte f: mit nicht ganz überzeugenden Gründen ab. Er kam daher zu dem ihlusse, das das zentrale Trauma nur eine latente Syringomvelie ver¬ kümmern könne, während das periphere Trauma bzw. die Neuritis jeendens überhaupt keine ätiologische Rolle spiele, schon weil das atomische Bild dieser Form von Neuritis (mit einer einzigen Aus- hme Marinescos) nicht erbracht sei. Schlesingers Auffassung, dass ein zentrales Trauma unter nständen wohl echte Syringomyelie zur Folge haben könne, fand in- :ssen durch klinische Beobachtungen gestützt immer mehr An- cennung und ist heute in allen modernen Darstellungen vertreten, /er auch die zum erstenmal von Friedreich geäusserten und von putschen (E u 1 e n b u r g, Mies, Stein u. a.) und französischen u i 1 1 a i n, Huet-Lejonne u. a.) Autoren wiederholte Vermutung, ss auch das periphere Trauma vermittels einer aszendierenden Neu¬ is ebenfalls zur Syringomyelie führen könne, wollte nicht mehr ver- immen. Ohne auf die erschienene Literatur hier im einzelnen ein- jhen zu können, sei nur auf die Arbeit H. Curschmanns (1905) igewiesen; er brachte 6 gut beobachtete Fälle von echter Syringo- elie. von denen einer durch Rückentrauma ausgelöst war. die iibri- l 5 sich aber an periphere Neuritiden anschlossen. Er trat daher ent¬ schieden für die Möglichkeit dieser Entstehungsart ein. Auch pnn-e u. a. brachten ähnliche Fälle. Ganz überzeugend waren frei- n auch Curschmanns Fälle nicht, da 3 davon lange vor der tendierenden Neuritis Horner sehen Symptomenkomplex hatten und n immerhin im Zweifel sein kann, ob dieser — als zentrale Glioma- üs aufgefasst — Ausdruck vorher bestehender Anomalie, also Dis- äition oder schon die ersten Krankheitssymptome selbst darstellt. Oppenheim (Lehrb.. 6. Aufl., 1913) lehnt denn auch — während die Möglichkeit der Entstehung aus zentralem Trauma zugibt — die iphere bzw. die aufsteigende Neuritis völlig ab und Haenel in .wandöwskys Handbuch äussert sich ähnlich zurückhaltend. Im wesentlichen ist also heute ein auf das ickenmark einwirkendes Trauma als Ursache ii er Syringomyelie anerkannt, während die Be. u t im g der aszendierenden Neuritis noch durch- s u mstritten ist. Zur weiteren Klärung dieser Frage halten wir es mit H. Cursch- inn deshalb für erforderlich, noch fernerhin genügend beobachtete izelfälle zusammenzutragen, um im Sinne Erbs Grundlagen zu uaffen für die Beurteilung dieser für die Praxis so ausserordentlich chtigen Frage. So mag die Mitteilung folgenden Falles gerecht- tigt erscheinen, der unserer Klinik kürzlich zur Begutachtung zu- ‘ ührt wurde, nachdem er vorher Gegenstand widersprechender Be- 'eiiungen gewesen war. Vorgeschichte: R. Schl., geb. 26. III. 1881 in W. Stammt aus under Familie, hat mehrere gesunde Geschwister, in der Familie kein 'venleiden. War ein kräftiges und gesundes Kind, verlor aber im 6. Lebens- r durch Unvorsichtigkeit eines Erwachsenen den Zeige- und Mittelfinger rechten Hand im Mittelglied. War Maurer und bis vor dem Unfall als glied eines Athletenvereins Preisringer. Unfall am 10. IX. 1908 vorm. 11 Uhr: Während er damit beschäftigt r, an einem Drahtseil Mörtel hochzuziehen, fuhr ihm beim Ablassen ein ckchen Draht, das aus dem Seil hervorgestanden hatte, in den rechten gfinger bis auf den Knochen. Es fand weder eine stärkere rperliche Erschütterung statt, noch fiel Schl, zu d e n. Er hatte sofort starke Schmerzen, weil die Wunde nur klein war, versuchte er bald weiterzuarbeiten; er musste sich jedoch am Abend krankmelden. Entwicklung einer schweren Handeiterung mit Sehnenscheidenentzündung; er hatte mehrere Tage so starke Schmerzen, dass er nachts nicht schlafen konnte; auf Inzisionen etwas Erleichterung, nach 6 Wochen Heilung. Ende November 1908 vom Arzte arbeitsfähig geschrieben mit Ueber- gangsrente von 40 Proz. Bei seiner Arbeit fühlte er jedoch eine Kraft¬ verminderung im rechten Arm. Dezember 1908 ärztliches Zeugnis: „Flexionskontraktur im 4. Finger, Herabsetzung der rohen Kraft.“ In der Folge starke Klagen über Schmerzen im ganzen rechten Arm von ziehendem und reissendem Charakter. April 1909 ärztliches Gutachten: Gute Muskulatur im rechten Arm, keine Erwerbsbeschränkung. Sommer 1909 und Winter 1909/10 fortgesetzt Klagen über Kraftverminde¬ rung und starke reissende Schmerzen, wegen deren er im Frühjahr 1910 die Arbeit öfters längere Zeit aussetzen muss. Juli 1910 durch behandelnden Arzt und Kreisarzt erhebliche Verschlechterung bestätigt, vor allem Herabsetzung der Kraft und grobes Knirschen in Ellbogen und Schulter gelenk. Dezember 1910 beantragt Kreisarzt wegen Verdachtes auf ein zentrales Nervenleiden Einweisung in eine Klinik. Seine Dia¬ gnose: Neuritis progressiva, Nachweis von Sensibilitätsstörungen. Juni 1911 erfolgte endlich Eintritt ins Krankenhaus W. Dortige Diagnose Syringomyelie: dissoziierte Empfindungsstörung am rechten Arm, Atrophie der Kleinhandmuskeln, trophische Störungen im Schulter- und Ellbogengelenk und den Vasomotoren der Hand. Dezember 1911 in gleichem Krankenhaus: Ausdehnung des Prozesses auf die linke Hand durch beginnende Atrophie. 1913, 1914 hartnäckige, langwierige Handeiterungen. März 1918. Aerztl. Gutachten lehnt Zusammenhang mit Unfall ab, weil der Prozess auch die linke Seite befallen habe, also zentrales Leiden vorliege. August 1918. Dr. K. in F. findet WaR. im Serum positiv und empfiehlt deshalb Einweisung in unsere Klinik zur Lumbalpunktion, die aus äusseren Verhältnissen erst jetzt erfolgt ist. Befund: Untersetzter, ausserordentlich kräftig und muskulös ge¬ bauter Mann in gutem Ernährungszustand. Grösse 160 cm, Gewicht 63 kg. Innere Organe ohne Abweichung von der Norm. Zentralnervensystem: Pupillen r = 1 mittelweit, nicht ganz rund. Die linke Kornea zeigt alte Trübung. Lichtreaktion r = 1 ausgiebig (vom Augen¬ arzt als normal bestätigt). Konvergenz prompt, Augenbewegungen frei, Nystagmus nach links angedeutet. Kornealreflex links normal, rechts etwas herabgesetzt. Fundus nach Urteil der Universitätsaugenklinik normal. Ge¬ sichtsfeld peripher eingeengt (auf psychogener Grundlage). Trigeminus nicht druckempfindlich. Gesichts- und Gehörnerv normal. Kein Horner sches Zeichen. Zunge wird gerade ausgestreckt, ohne Zittern. Geschmack ungestört, Gaumen¬ reflex vorhanden. Sprechen, Kauen, Schlingen o. B. Keine Sekretionsanomalie. Armreflexe r — 1 +, Bauchdeckenreflexe fehlen, Hodenreflexe 1 + r — . PSR. und ASR. r — 1 lebhaft, keine Kloni. Babinski, Rossolimo, Oppenheim, Gordon negativ. Romberg bei psychischer Ablenkung völlig negativ. Das rechte Ellbogengelenk ist plump verdickt (Umfang rechts 31 cm, links 26,5 cm) und zeigt ebenso wie das Schultergelenk ganz grobes Knirschen. Die Nerven- stämme sind nicht druckempfindlich, sollen es aber früher sehr gewesen sein. Die Muskulatur des Schultergürfels ist gut entwickelt, ebenso die des rechten Oberarms; links Oberarm und Unterarm kräftig entwickelt. Die Muskulatur des rechten Unterarms ist wesentlich dünner als die des linken; an der rechten Hand fehlen bei Dig. II und III die End- und Mittelglieder. An Dig. IV. ist die Sehne narbig bis zu einem rechten Winkel kontrahiert, ebenso die des V. Fingers, von welchem das Endglied fehlt. Die Finger zeigen Narben und einzelne kleine Wunden oder Geschwurs- stellen. Der Daumen ist normal beweglich. Die Muskulatur der Hand ist zum Teil stark geschwunden, in erster Linie die M. interossei, die Muskulatur des Daumenballens, ebenso M. abductor poll. longus und Extens. poll. brevis, während der Kleinfingerballen relativ erhalten ist. Der Händedruck ist sehr schwach. An der linken Hand Schwund der Interossei nicht so stark wie rechts, während in der übrigen Armmuskulatur keine gröberen Veränderungen nach¬ weisbar sind. Elektrisch ist in den atrophischen Muskeln bei direkter und indirekter Reizung die faradische und galvanische Erregbarkeit stark herab¬ gesetzt, z. T. aufgehoben; träge Zuckung findet sich nirgends. Die Wirbelsäule zeigt eine deutliche Kyphose des oberen Brustteiles. Sensibilität. Vom Scheitel abwärts ist genau von der Mittellinie an die rechte Seite des Kopfes, des Gesichtes, des Halses, der Brustseite bis zur Höhe der Brustwarze, des Nackens und Rückens bis zur gleichen Höhe, sowie der ganze rechte Arm unempfindlich für heiss, warm, kalt, für spitz und stumpf und für Schmerz, während die Empfindung für Berührung im weitaus grössten Teile dieses Bezirkes gut erhalten ist; nur am rechten Arm wird vom Ellbogen abwärts — zunehmend gegen die Finger — auch Berührung nicht mehr richtig angegeben. Tiefendruck und Gelenksinn sind überall erhalten. Die Stereognosie der Hand ist gestört. Die Hand ist kälter als die linke und blaurot verfärbt. Ein zweiter Bezirk mit Störung für Temperatur und Schmerz bei er¬ haltenem Tastsinn findet sich an der rechten Unterbauchgegend und am Rücken in gleicher Höhe. Er wird oben begrenzt durch eine in Nabelhöhe horizontal zum Rücken ziehende Linie, nach unten durch die Leistenbeuge und ungefähr durch die seitliche Gefässfalte. Eine weitere Stelle dissozierter Störung findet sich an der Innenseite des rechten Oberschenkels; am Unterschenkel schienen Schl.s Angaben mehr¬ fach nicht sicher, doch war ein bestimmtes Feld nicht abzugrenzen. Am linken Arm waren Gefühlsstörungen nicht nachzuweisen. Sphinkteren und vegetative Funktionen ungestört. Psychisch keine Besonderheiten. Die Wassermann sch? Reaktion im Serum war positiv, im Liquor negativ — 1.0; dieser an Farbe, Druck, Zellzahl, Eiweissgehalt und Gold¬ kurve normal. 158 MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT. Nr. 5. Die Klagen des Mannes erstreckten sich auf die Gebrauchsunfähigkeit des rechten Armes. Schwäche in der linken Hand, subjektives Ameisenlaufen und unangenehmes Prickeln in der rechten Gesichtshälfte, der Kopfhaut und neuerdings auch am rechten Oberschenkel (Innenseite). Bei kühlem Wetter wurden ihm die Hände rasch vollkommen gefühllos. |J|]| = dissoziierte Empfindungsstörung. = = Störung des Tastsinns. = Muskelatrophie Es handelt sich also um einen Mann, der bis zu seinem Unfälle int 27. Lebensjahre völlig gesund war, wie seine volle Arbeitsfähigkeit und seine Betätigung als Preisringer beweisen dürften. Dass die Wunde und die anschliessende Eiterung ihm die heftigsten Schmerzen vei- ursachten spricht dafür, dass seine Sensibilität damals in Ordnung war. Anschliessend an die Abheilung der Phlegmone beginnt nun langsam, aber ununterbochen zunehmend ein Krankheitsbild, das sich zunächst nur auf den rechten Arm erstreckte und hier Herabsetzung der Kraft, Schmerzen und schwere Gelenkveränderungen verursachte, nach 2 Jahren aber auch auf den linken Arm Übergriff. Schon lVz Jahre nach dem Unfall musste der Mann öfters längere Zeit die Arbeit aussetzen. Die Diagnose lautete zunächst auf Neuritis progressiva, Jahr danach auf „zentrales Nervenleiden“. Etwa 2 K> Jahre nach dem Abheilen der Unfallwunde konnte die Diagnose Syringomyelie gestellt werden auf Grund von schweren Atrophien, Gelenkveränderungen und dissoziierter Sensibilitätsstörung. _ , , ... In der Folge machte das Leiden bis zuletzt weitere Fortschritte und die Gefühlsstörungen an der rechten Unterbauchgegend und dem rechten Oberschenkel wurden bei uns zum erstenmal beobachtet, ob¬ wohl Schl, gerade 1918 von einem ausgezeichneten Nervenarzt genau untersucht worden war. Wir kommen also kaum darüber hinweg, dass bei unserem Patien¬ ten die ganze schwere Erkrankung durch den Unfall ausgelöst worden ist. Freilich hat auch in unserem Falle nicht sofort nach dem Unfälle eine neurologische Untersuchung stattgefunden', wie es Kienböck zum absoluten Beweise erfordert, aber wann wird dies je bei einem Handverletzten der Fall sein? Es wäre bei den bestimmten Angaben unseres Patienten doch gezwungen, ein schon vorher bestehendes Lei¬ den anzunehmen. Wie aber soll man sich das Uebergreifen der Erkrankung von der Peripherie auf das Rückenmark denken und wie sich in diesem Zu¬ sammenhänge zur Frage der Neuritis ascendens stellen? Hier hat unserer Meinung nach Curschmann die beste Erklärung gegeben, indem er darauf hinweist, dass doch auch andere Gifte, wie z. B. das Tetanustoxin nachweisbar durch die peripheren Nerven zum Zentrum aufsteigen, ohne dass eine pathologisch-anatomische Grundlage hierfür bis heute zu erbringen wäre, wie könnte man da eine Uebertragung von Toxinen oder Reizstoffen aus einer peripheren Neuritis in das Rücken¬ mark leugnen, lediglich weil wir die näheren Umstände heute noch nicht kennen? Eine andere Frage ist es in unserem Falle, welche Rolle die Lues hier spielt. Die Komplementreaktion im Serum war positiv, während der Liquor völlig normalen Befund aufwies. Natürlich könnte durch die Handeiterung eine bis dahin latente Lues manifest geworden sein und etwa in Form einer Meningomyelitis oder zentralen Myelitis zu einem der Syringomyelie äusserst ähnlichen Bilde geführt haben. Mehrfach ist auf derartige Fälle hingewiesen worden (Schlesinger. E r b, O p p en - heim u. a.), aber gewisse Unterschiede machen doch immerhin eine Entscheidung möglich. So fehlen in unserem Falle die bei der Mye¬ litis luetica so häufigen Spasmen und Blasenstprungen; Will iamson wies darauf hin, dass sich das ganze Krankheitsbild rascher entwickelt und die Muskelatrophien meist nur einzelne Muskeln befallen. Nach Schlesinger kommen trophische Störungen und Deviation der Wir¬ belsäule der luetischen Affektion nicht zu. während diese naturgemäss häufiger mit Hirnsymptomen insbesondere Pupillenstörungen verknüpft ist. In unserem Falle spricht wohl auch der völlig normale Uiouor- befund bei Progredienz des Leidens doch sehr gegen eine luetische Aetiologie. Curschmann betont mit Recht Kienböck gegenüber, dass das klinische Bild der Syringomyelie heute scharf genug Umrissen sei, um sie vor^den syringomyelieähnlichen Affektionen unterscheiden zu können. Immerhin halten wir die Lues unseres Patienten am Zu¬ standekommen seiner Krankheit nicht für völlig gleichgültig. Eiinnert man sich, dass die Aetiologie der Syringomyelie heute als nicht einheit¬ lich aufgefasst wird, sondern sowohl Gliomatose, als auch Höhlenbildung oder Gefässveränderungen die primäre Grundlage darstellen können, so sind wir geneigt, in unserem Falle in einer primären Gefässv eränue- rung infolge Lues mit grosser Wahrscheinlichkeit die Disposition für die Entwicklung des Leidens zu erblicken. ■ Die Frage, die sich Curschmann bei seinen Fallen stellte, wäre auch ohne Unfall das Leiden wahrscheinlich zur Entwicklung ge¬ kommen?“ glauben wir auch für unseren Fall verneinen zu müssen. Massgebend für die Beurteilung eines Traumas scheinen uns hiebei folgende Gesichtspunkte: 1. Fehlen aller Anzeichen einer vorher bestehen¬ den Erkrankung bei möglichst genauer Er¬ forschung der Zeit vor dem Unfall. 2. Ununterbrochene Folge der Sy mptome odei _ bei 1 bis höchstens 2jähriger Pause — ent¬ sprechend starke Veränderungen. 3 Voll ausgeprägtes klinisches Bild der Syringo¬ myelie mit durchaus progredientem Verlau und mit deutlicher Beziehung zu dem verletz ten Körperteile. 2 Nur unter strenger und kritischer Würdigung dieser Umständi scheint uns der Zusammenhang zwischen Trauma und Syringomyclf beurteilt werden zu dürfen, aber wenn sie zutreffen sind wir auch mch länger berechtigt, das periphere Trauma als Ursache der Erkrankun abzulehnen, selbst wenn zurzeit die anatomischen Grundlagen fu diesen Zusammenhang fehlen. Gewiss nimmt man nicht an. dass durc ein Trauma ein völlig normales Rückenmark an Syringomyelie erkranke könne, aber wird nicht heute auch für die Tabes von vielen ein angeborene Disposition vorausgesetzt? Ueber einen an mir selbst beobachteten serologisch festgestellten Fall von Influenza-Myositis. Von Qeneraloberarzt a. D. Dr. Vorm an n- Angermiinde. Auf einer Nordseereise im September 1921 hatte ich mir einen Rächet katarrh zugezogen; die Rauhigkeit und geringe Schmerzhaftigkeit im Hals, d; einzige Symptom, störte jedoch nicht mein Allgemeinbefinden. Am 19 Sei tember kehrte icn wieder an meine Wirkungsstätte zurück, hatte ziemlich v in der augenärztlichen Sprechstundenpraxis zu tun, und hochstwahrscheinlu ist während dieser Tätigkeit die unten näher geschilderte Infektion entstände da die rauhe wunde Rachenfläche mit ihren Eingangspforten reichlich Gelege heit zu einer Tröpfcheninfektion gab. — Die ersten Unbehaglichkeitserscln nungen traten am 25. IX. auf, bestanden in geringem Frösteln allgemein Abgeschlagenheit, Ziehen im ganzen Körper, leichten Kopfschmerzen in Unlust zu irgendeiner Arbeit. Die Esslust war noch nicht gestört. Am 2 . L abends steigerten sich die Beschwerden. Es trat starker Schüttelfrost e — die Temperatur zeigte während dieses noch 36 — stieg aber im Bett he Wärmerwerden des Körpers sofort auf 39 °. Der Puls betrug etwa 110 Schlau die Kopfschmerzen waren erträglich, doclr die Abgeschlagenheit (Muski ermudungsgefühl) sehr gross. Am 3. Tage (28 IX.) fiel die Temperatur 1 auf 36,6, stieg auch am Abend nicht höher (vgl. Kurve). So hoffte ich de die Infektion schon überstanden zu haben. Verdächtig waren nur noch ( grosse Müdigkeit, der dumpfe Kopfschmerz, der sehr hochgestellte Urin u der frequente Puls (ca. 110). Meine Sprechstunden hatte ich bisher rc grosser Beschwerden nicht ausfallen lassen. Am 30. IX. verspürte ich ie Aufstehen in der rechten Wade unangenehme krampfartige Schmerzen, den ich," da sie während der Bewegung in der Sprechstunde geringer wurdi keine Bedeutung beilegte; sie machten anfänglich nur den Eindruck v Wadenkrämpfen. Am nächsten Tage (1. X.) steigerten sie sich, so dass 1 oft in der Sprechstunde das rechte Bein hochlagern musste. Am 2. X. v, die Temperatur abends bis 37,8 gestiegen, die Schmerzen in der recht Wade nahmen zu und nötigten mich öfter am Tage zu ruhen. Am 3. u 4. X. war es mir wegen geradezu qualvoller Schmerzen in -der recht Wade nicht mehr möglich, aufzustehen. Die ganze Wadengegend war st; geschwollen, infiltriert (verhärtet) und durchweg äusserst druckschmerzh; Ein Versuch, das rechte Bein hinunterzusetzen, scheiterte an sofort -einsetzi den grössten Schmerzen. Während des Rühens bestanden nur gern Schmerzen. Die Schwellung hatte gegen links einen Unterschied von et 3,5— 4 cm; die Haut war prall gespannt, glänzend und stellenweise ei entzündlich gerötet. — Irgend eine Verletzung an dem Fuss bzw. Unt schenke!, nach welcher Kollege Sanitätsrat W 0 1 f f - Angermünde, der m während der Erkrankung mehrmals besuchte, fahndete, war absolut r festzustellen. Krampfadern oder andere Krankheitsanlagen bestehen nn wie ich überhaupt, abgesehen von Pneumonie im Jahre 1901 und Ischias Jahre 1909 und 1916, stets gesund gewesen war. — Unter P r 1 e s s n i t sehen Umschlägen, Aspirin und vor allem Bettruhe war die Muskelcntzundi — es kommen, nacli -dem Grade der Druckempfindlichkeit zu schhessen, w vorwiegend die äusseren Schichten der Wadenmuskulatur, wie Gastroknerc und Soleus in Betracht — am 5. X. früh _ soweit zurückgegangen, dass mir wieder möglich war, den Hauptteil meiner Sprechstundenpraxis zu s sorgen. Nach mehrstündigem Aufsein jedoch, wobei ich öfter das durch Hochlagerung schonte, war der Unterschenkel neben der gesclnldei Schwellung der Muskeln auch in der Knöchelgegen-d ziemlich stark schwollen, so dass Fingereindrücke deutliche Dellen hinterliessen. Am ri rücken selbst war keine Schwellung festzustellen, so dass wir die uni Schwellung für kollaterales Oedem ansprachen, umsomehr, da am nach: Morgen, abgesehen von einer Abnahme der gesamten Schwellung von du 1. Februar W’J. MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT. nteren nichts mehr festzustellen war, sic aber bei längerem Aufsein sich ■Jeder einstelltc. Die Herztöne . waren etwas dumpf, die Lungen völlig frei (Untersuchung >r. W o I f f). Der Urin war frei von Eiweiss und Zucker, der Stuhl unver- ndert. etwas vermindert, entsprechend der geringen Nahrungsaufnahme. Am 5. abends und 6. X. traten unter Steigerung der allgemeinen Krank- eitserseheinungen (vermehrte Kopfschmerzen, vermehrtes Muskelmüdigkeits- efiüil I Abgeschlagenheit]) wieder Temperaturanstiege auf (38,2 und 37.9) mit unahme der Schmerzen und Entzündungserscheinungen in den Waden- ntskeln rechts (vgl. Kurve). Milzschwellung war während des ganzen rankheitsverla ufcs nicht festzustellen. Da Kollege^ W o 1 f f und ich eine Myositis bei Influenza, für die wir as Krankheitsbild ansprachen, noch nicht beobachtet hatten, entschloss ich lieh, eine Blutprobe zur Untersuchung einzusenden, weil ich mit Rücksicht uf die noch bestehende, t sehr schmerzhafte Myositis, die grosse Abge- ihlagenheit des Körpers und den dauernd frequenten kleinen Puls (110) einen bptikämischen Prozess nicht für ausgeschlossen hielt. | Die im Koc h sehen Institut von Herrn Dr. L e v i n t h a 1 ausgeführte ntersuchung ergab folgenden Befund: Typhus — , Paratyphus B — , Para- yphus A — , Influenza Widal 1 : 400 ++. Sämtliche Blutkulturen '(Galle, oui.lon) sind steril geblieben. Dr. Levinthal fügte hinzu: ,,Es scheint C i a dem hohen Widal um eine Influenza mit Influenza-Myositis ii handeln . Er fügte auch gleich die einschlägige Literatur an (vgl. unten), ir welche Anregung ich ihm auch an dieser Stelle meinen verbindlichsten ank ausspreche. , Der weitere Verlauf der Erkrankung war folgender: Temperaturanstiege nu nicht mehr festgestellt worden. Der Urin hellte sich erst nach 10 bis ' Jagfn “s zur bernsteingelben Farbe auf. Die Schwellung, Infiltration Verhärtung), Druckschmerzhaftigkeit und Schmerzhaftigkeit der Waden- uskulatur bei Bewegungen sind nach 22tägigem Bestehen fast ganz zurück- .gangen, so dass ich jetzt (22. X.) fast den ganzen Tag ohne Beschwerden tsser Bett bin. Die lästigen Schweissausbrüche — zuerst durch Medi- imente Aspirin warme Zitronenlimonade) gefördert, später auch ohne diese ‘ dürr N.acht ^tretend — die ich noch ca. 12 Tage nach dem letzten ■eberanstieg wahrend der Nacht hatte, sind nicht wieder aufgetreten, keine optschmerzen, kaum noch Krankheitsgefühl; bei ganz ausgiebigen Beuge¬ id Streckbewegungen des rechten Fussds sowie besonders nach kleinen paziergangen (24. X.) noch geringes dumpfes Wehgefühl in der Tiefe der (adenmuskulatur. Aeusserlich ist an der Haut, die nach Abklingen der Ent- indung emige Tage lemht bräunlich verfärbt war, nichts mehr nachweisbar, ic Muskeln sind wieder weich, leicht eindruckbar, nicht druckschmerzhaft. In den letzten Tagen (vom 20. — 23. X.) hatte ich im linken Kniegelenk der liegend des Condylus int. des Femur und der Tibia unterhalb des neren Randes der Kniescheibe und an der linken Fusssohle in der Gegend ;s Urosszehenballens und des Fersenbeins geringe Schmerzen, die besonders orgens beim Aufstehen bei Beuge- und Streckbewegungen des Kniegelenks td beim Auftreten an der Fusssohle sich äusserten, ohne dass eine Schwel- ng oder äussere Veränderung an dem Gelenk oder der Fusssohle festzu- 2 “ find n Dl.esf Schmerzen, WelcJht wohl auch durch das Influenzavirus dingt sind nach Art der Gelenk- und Knochenschmerzen bei Infektionskrank- -lten, sind heute (24. X.) nicht mehr aufgetreten. .,Ich ^abe mich entschlossen, diesen Fall zu veröffentlichen, einmal en eine Myositis bet Influenza zu den grössten Seltenheiten gehört ?A‘nd ' '+,blSer n,f zwe'mal derartige Komplikationen bei In- tenza veroifentlicht worden, und zwar von Hildebrandt (s u) und ”rA.?r;, Letzterer forderte geradezu auf, wegen der Seltenheit der omplikation diese Falle zu veröffentlichen (vgl. a. a. 0 ) Ferner jihien mir der Fall insofern allgemeines Interesse zu haben, weil er 'prd^env erk/2nktaen A-',zt dauernd seIbst beobachtet una beschrieben erden konnte und weil er zeigt, dass die Influenza mit dieser Kompli- -tion w‘e mit allen andern Komplikationen einen höheren Grad der crgirtnng des Körpers darstellt als die komplikationslos verlaufenden J lle* — l)as grösste Interesse und den höchsten Wert für die Influenza- agnost.k scheint mir aber der Fall zu haben, weil er mit Hilfe des iluenza-Widal geklärt, als Influenza festgestellt und bestätigt wurde Literatur. ■’L Ht> Ldebrand i: M.m.W. 1916, Nr. 45, S. 1601. — 2. Burger: .n$,w. 1918, Nr. 7, S. 179. — 3. Levinthal: B.kl.W. 1918, Nr. 30, S. 712. Aus dem städtischen Krankenhause in Offenburg. Ueber einen Todesfall im Chloräthylrausch. Von Dr. Artur Heinrich Hof mann, Chefarzt. Dass der Chloräthylrausch doch nicht diese Harmlosigkeit besitz 4f a^enornmen wird, das haben gerade in der jüngste -nt veröffentlichte Todesfälle bewiesen. id nVu ‘ ^ Sph’ R e n n e r, Jäger, Courtois-Suffi au.rf °,1S ‘'aLen Todesfähe beschrieben. Schon im Döderleii \ynd gleichfalls Chloräthyl nicht als ungefährlich bezeichnet. ir VA icn emern Kollegen von meinem Todesfälle erzählte, sagte i Ip’hV 'hVtf111 Ircull,efier £hef auc* einen Unglücksfall im Chloräthylrausc lebt hatte. Solche Falle gehören veröffentlicht. armlnS vrUu-ere JMger? Aerztegeneration durch den Krieg von dt Svi o d,ieses Mittels uberzeugt worden und gehört heute dt akhschen ArztesU ^ tagIichen Ereignissen eines vielbeschäftigte Nr. 5. J_5D Lotheise n redet warm dem Chloräthyl das Wort, wenn auch er schon vor 18 Jahren einen Todesfall auf 17 000 Narkosen berechnete. Bei der nötigen Vorsicht hält Loth eisen die Gefahr für nicht sehr gross. Ich bin überzeugt, dass die Zahl der unangenehmen Zwischen¬ fälle erheblich grösser ist als man annimmt. Gerade deshalb halte ich mich verpflichtet, meinen Fall mitzuteilen. Ein 24 jähr. Mann, der immer gesund war, musste wegen einer Appen¬ dizitis operiert werden. Es hatte sich um eine akute Phlegmone gehandelt. Der Leib wurde geschlossen. Als Narkotikum wurde Chloroform-Aether- mischung mittelst Roth-Dräger verwandt. Die Narkose verlief ungestört. Der Wundverlauf ebenfalls bis auf eine kleine Fadenfistel. Diese Fistel sollte nun nach 6 Wochen geschlossen werden. Befund: Mittelgrosser und mittelkräftiger junger Mann mit massigem Fettpolster. Puls regelmässig und kräftig. Herz, Lungen, Nieren o. B. Die Laparotomienarbe hat im obersten Teile eine ca. 2 14 cm tiefe Fistel, die mit einem Granulationspfropf bedeckt ist. Die Sekretion aus der Fistel war verhältnismässig reichlich, weshalb zur Entfernung des Fadens ein Chlor¬ äthylrausch vorgeschlagen wurde. Der Kranke war nüchtern, hatte nicht die geringste Angst. Morphium war nicht verabreicht. Zum Chloräthylrausch wurde das Gesicht mit einer 4 fachen Lage Mull bedeckt. Aus einer Tube Chloräthyl wurde tropfenweise das Narkotikum verabfolgt. Der Kranke mochte ungefähr 40 Tropfen erhalten haben, als nach einer leichten Exzitation der Rauschzustand, d. h. das Toleranzstadium, ein¬ getreten war. Die Auskratzung der Fistel und die Entfernung des Fadens war das Werk weniger Augenblicke. Der Kranke kam nun in das deliriöse Stadium, das dem Erwachen vorausgeht. Der ganze Rausch hatte bis dahin nicht viel mehr als eine Minute gedauert. Nun wurde der Kranke plötzlich blass und der Puls unregelmässig. Einsetzen der künstlichen Atmung. Rhythmisches Vorziehen der Zunge. Dann Insufflation von Sauerstoff. Die Herztöne waren ganz schwach und unregelmässig. Fortsetzen der künstlichen Atmung. Nach 20 — 30 künstlichen Atembewegungen erfolgte ein schwacher spontaner Atemzug 10 Minuten mochten seit dem ersten Alarmzeichen ver¬ gangen sein. Die Herztöne wurden nicht mehr gehört. Einige schwache Atemzüge wurden noch bemerkt, dann stockte auch die Atmung. Ich fasste nun den Entschluss, eine intrakardiale Injektion zu machen. Es wurde über der 5. Rippe am Sternalrande eine Nadel nach dem rechten Ventrikel zu ge¬ stochen und erst Pituglandol, dann Adrenalin injiziert. Ein Herzschlag erfolgte jedoch nicht mehr. Eine nochmalige intrakardiale Injektion von Pitugbiadol blieb ebenso erfolglos. Als Ultima ratio wurde nun mittelst Turflügelschnitt das Herz freigelegt. Basis des Lappens war lateral. Es blutete hierbei nicht mehr. Seit Schluss der Narkose mochten 15 Minuten verstrichen sein. Nach Eröffnung des Herz¬ beutels zeigten sich in der Wand des linken Ventrikels fibrilläre Zuckungen, die rasch aufeinander folgten. Zu einer Kontraktion des Ventrikels kam es nicht mehr. Die Massage des Herzens hlieb wirkungslos. Auch die fibrillären Zuckungen erloschen bald. Die Autopsie ergab makroskopisch alle Organe gesund. Auffallend war nur die Persistenz einer kleinen Thymus. Masse: 5/2&/1 cm. Das Herz war blutleer. Die Einstichstellen waren über dem rechten Ventrikel sichtbar als Punkte. Am Endokard war nichts zu sehen. Es muss besonders betont werden, dass keine Vergrösserung der Lymphdrüsen gefunden wurde. Es lag also kein Status thymo-lymphaticus vor. Die mikroskopische Untersuchung ergab (Pathologisches Institut der Uni¬ versität Heidelberg): In der Thymus reichliche und ziemlich grosse Läppchen, die im wesent¬ lichen aus Marksubstanz bestehen; während die Rindensubstanz ziemlich atrophisch ist. Ha ssa Ische Körperchen mässig zahlreich. Das Zwischen¬ gewebe ist ziemlich spärlich, meist fibrös, jedenfalls viel weniger als dem Alter des Verstorbenen entsprechen würde, durch Fettgewebe ersetzt. In der Milz finden sich sehr zahlreiche und ziemlich grosse Lymph- follikel. Die Pulpa ist hochgradig hyperämisiert. In der Leber Hyperämie. Keine abnorme Verfettung. Die Kapsel ist verdickt, rundzeilig infiltriert und von gewucherten Gallengängen durchsetzt. Ausserdem erheben sich von hier aus lange, schlanke, gefässhaltige Binde- gewebsstränge. Andererseits strahlen von der Kapsel stark verbreiterte Glissonzüge gegen das Innere. Erst gegen die Tiefe zu wird das Glisson- sche Bindegewebe zu normaler Grösse reduziert. In den äusseren Teilen ist es ausserdem rundzeilig infiltriert und von gewucherten Gallengängen durch¬ setzt. Auf der ganzen Schnittfläche ist das Bindegewebe um die Lebervenen ziemlich vermindert. ,n di'r Niere findet sich eine hochgradige Hyperämie des Markes und der Rinde. In letzterer sowohl Hyperämie der Glomeruli als der die Ha~n- kanälchen umspinnenden Kapillaren. Kein Exsudat in dem B o w m a n n sehen Kapselraum. Die Harnkanälchen zeigen guterhaltenes, nicht verfettetes Epithel. Im Lumen grob geronnene Eiweissmassen. Herzmuskelfasern nicht verschmälert, mit deutlicher Längsstreifung; Querstreifung nur stellenweise ingedeutet. Keine hyaline oder fettige Degeneration der Muskelfasern Bindegewebe nicht vermehrt, nicht infiltriert. Pathologische Diagnose: Thymus persistens, Hyperämie der Milz. Leber und Niere, alte Perihepatitis in die oberflächlichen Leberschichten aus¬ strahlend. Wir haben es hier mit einer Synkope zu tun. Das Versagen des Herzens beherrscht das ganze Ereignis. Die Atmung ging in vereinzelten Zügen noch weiter, während das Herz Stillstand. Die Giftwirkung war ganz gleich derjenigen des Chlo¬ roforms beim Chloroformtod im Anfänge der Narkose. Eine Kontraindikation für eine Inhalationsnarkose kann in vorlie¬ gendem Falle nicht aufgestellt werden. Der junge Mensch war klinisch völlig gesund. Auch vom anatomischen Standpunkte aus lag kein Status thymo-lymphaticus vor. Literatur. Hartleib: Zbl. f. Cliir. 1921 Nr. 14. — Renner: DmW 1918 S. 578 — Jäger: Zbl. f. Chir. 1921 Nr. 30. — L o t h ei s e n: Zbl. f. Chir. 1921 Nr. 38 — Conrtois-Suffit: Gaz. des hop. 1921 Nr. 21. 6 160 MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT. Nr. 5. Aus der Universitäts-Frauenklinik Freiburg i. Br. (Direktor: Geh. Rat Prof. Dr. Opitz.) Ueber Silikatpessare. Von Otto Risse, Volontärassistent der Klinik. In der M.m.W. vom 1. IX. 1908 fasst Cohn in einem Aufsatz „Zur Einschränkung der Pessartherapie“ die Anforderungen, die an ein , ideales Pessarmaterial zu stellen sind, dahin zusammen, das bei gutem i Sitz das Pessar „die Scheide nicht reizen, an der Oberfläche nicht rauh ; werden, seine Form nicht verändern und nicht durch seine Schwere einen Druck auf die Schleimhaut der Scheide ausüben“ dürfe. Auch alle andern Autoren, die gelegentlich der Besprechung der Pessartherapie die Frage des geeignetsten Materials streifen oder an der Hand schwerer Folgezustände durch Tragen eines Rings die Ungeeignetheu eines bestimmten Materials demonstrieren, verlangen1 *) ein glattes, nicht imbibitionsfähiges, leichtes, hartes, nichtreizendes Pessarmaterial, das weder von den Sekreten der Scheide angefressen oder erweicht, noch von ihnen inkrustiert wird. Diesen Forderungen wurde bislang keines der angewandten ma- \ terialien völlig gerecht. Die Metallpessare (aus Zinn, Aluminium) *) ebenso wie die früher gebräuchlichen Weichgummiringe mit Kupferdrahteinlage sind allgemein 1 längst verlassen, weil die Erfahrung lehrte, dass sie der Hauptforde- j rung die Scheide nicht zu reizen, allzusehr ins Gesicht schlugen. ) Scheusslicher Fluor und heftige Kolpitis durch Imbibierung und Zer¬ setzung des Gummis durch das Scheidensekret3) ist die immer wieder aufs neue warnend hervorgehobene Folge. Näher schon kamen dem Idealpessar die Zelluloidringe, und Zweifel stand nicht an, in seiner „Gynäkologischen Klinik“ das Zelluloid als das Pessarmaterial der Zukunft zu bezeichnen. Jedoch zeigte sich auch bei ihnen, dass sie allmählich von Sekreten durchsetzt, reichlich inkrustiert, brüchig und bröckelig wurden3)4), und dass dann der haltgebende Kupferdraht bisweilen von Zelluloid entblösst und oxydiert in der hochgradig gereizten Scheide liegend gefunden wurde. Als zweckmässigstes Material galt daher und gilt im allgemeinen auch wohl heute noch der Hartgummi, der als haltbares, relativ leicht Ös, hartes und angeblich reizloses Material in den meisten Lehrbüchern empfohlen und in der Praxis auch wohl am meisten verwandt wird. Und doch haben sich auch bei diesem Material im Laufe der Zeit die Fälle gehäuft, wo. sogar bei Verwendung bester Fabrikate trotz gutem Sitz, rationellsten hygienischen Massnahmen und _ trotz 2 bis 3 monatigem Pessarwechsel schon nach kürzester Zeit heftige Reaktion der Scheide mit beträchtlicher Vermehrung des Fluors und kolpitischer Reizung, bei Graviden sogar Dekubitus und bei Greisinnen Ulzerationen und Schrumpfungsprozesse aufgetreten sind5), gar nicht zu reden von den Fällen, wo, nach längerem Tragen, die Hartgummipessare mit aufgerauhter Oberfläche und stark inkrustiert wieder aus der schwer entzündeten Scheide entfernt werden müssen. Unter solchen Umständen ist es durchaus am Platze, nach besseren Materialien zu suchen, will man nicht die Pessartherapie, deren man doch wohl nie wird ganz entraten können, in den Augen der Patienten an Ansehen noch mehr verlieren lassen, als sie schon verloren hat. Der Krieg, der der leichten und billigen Beschaffung guten Kaut¬ schuks und damit seiner Verarbeitung zu Pessaren auch von aussen her ein starkes Hindernis entgegenstellte, liess daher den Direktor der hiesigen Klinik wieder auf ein Material verfallen, das schon früher ge¬ legentlich zur Pessarherstellung verwandt worden war. und das schon Zweifel 1892 als das denkbar beste anspricht, da es „völlig unver¬ änderlich gegen die Sekrete der Vagina“ sei — das Glas. Schon in den 80er Jahren6 7) waren auf Veranlassung von Fraen- kel Thomaspessare aus Glas hergestellt worden, die in eine Form gegossen und dann geschliffen wurden. Sie waren jedoch sehr schwer ') und auch sehr teuer8), so dass sie sich nicht einbürgerten. In den 90 er Jahren gab sich dann W e i n h o ld mit der Verfertigung von Glas- pessaren aus Hartglasstäben ab und brachte nach Ueberwindung vieler Schwierigkeiten seine „Hartglaspessare“ bei der Firma Haertel in Breslau in den Handel. Auch er rühmt8) die völlige Reizlosigkeit des Glases, das auch bei beliebig langer Tragezeit nichts von seiner Rein¬ heit und Glätte einbüsst und sich vor allem nicht inkrustiert, sondern nach einfachem Abwaschen des oberflächlich daran klebenden Schleims und Bluts wieder völlig rein, ja nach ev. Auskochen sogar für andere Patientinnen (z. B. in der poliklinischen Praxis) ohne weiteres zu ver¬ wenden sei. Immerhin haben diese Pessare noch den Nachteil einer gewissen Schwere, und dies vor allem bewog Opitz, Pessare aus H o h 1 glas hersteilen zu lassen. Das Glas, aus dem sie gefertigt sind — die Pessare werden freihändig an der Glaslampe aus Röhren gebogen und dann einem besonderen Kühlverfahren unterworfen — ist eine besonders haltbare und elastische Silikatmischung von tiefschwarzer Farbe, so dass die Aehnlichkeit mit Hartgummipessaren äusserlich gross ist. Farbe sowohl wie auch der Name „Silikatpessare“, unter dem die l) Hoftneier und Schroeder: Hb. d. Frauenkrkh. 1908; Zwei¬ fel; Gyn. Kl. 1892; Verhdl. d. Ges. f. Geburtsh. u. Gyn. in Leipzig 1907; Hofmeier; M.m.W. vom 21. VIII. 1916. -) Fritsch: Krankheiten der Frauen 1902; Nagel: Gynäkol. des prakt. Arztes 1889. 3) C o h n: a. a. O. 4) N a g e 1: a. a. O. 6)Cohn:a.a. O. *) Wein hold: „Hartglaspessare“ in der Festschrift für Fritzsch 1902. 7) Fritsch: Krankheiten der Frauen 1902. 8) Weinhold: a. a. O.; Zweifel: Gynäkol. Klinik. Ringe in den Handel kommen, wurden gewählt, um bei ängstlichen Patienten etwaige Befürchtungen wegen leichter Zerbrechlichkeit der Glaspessare möglichst auszuschalten. Dass solche Befürchtungen tat¬ sächlich unbegründet sind, zeigt die grosse Anzahl von Fällen, die in unserer Klinik mit den neuen Pessaren behandelt wurden, ohne dass weder beim1 Einführen noch beim Pessarwechseli, je ein Zerbrechen vorgekommen wäre. Liegen die Ringe aber einmal im Körper, so ist ihr Lage zwischen den Weichteilen doch so geschützt, dass nur bei direkter Gewalteinwirkung auf das Glas eine Zertrümmerung denkbai erscheint. • I Als ein besonderer Vorteil der Silikatpessare mag — neben dem billigen Preise von 8 M„ den das heimische Material ermöglicht — manchem noch erscheinen, dass sie nicht nur in den gebräuchlichen Formen von Hodge, Meyer, Smith und der Form des dickbügc- ligen Thomaspessars hergestellt werden, sondern auch nach jedem andern individuell gebogenen Zelluloidmodell angefertigt werden können. ■ Unsere eigenen Erfahrungen mit den Silikatpessaren decken sich im übrigen vollkommen mit denen aller derer, die früher Glas als Material verwandt haben: völlige Reizlosigkeit bei noch so langem Tragen, ein¬ fachste Möglichkeit dauernder Reinhaltung, absolute Glätte auch nach langem Gebrauch; obendrein aber noch ein so geringes Gewicht, das? auch empfindliche Frauen so gut wie nichts von dem Fremdkörper in ihrem Leibe spüren. Die Behandlung der von den Händen ausgehenden Wundinfektionen der Aerzte. (Bemerkungen zu Biers gleichnamiger Arbeit in Nr. 39, 1921, dieser Wochenschrift.) Von Sanitätsrat Dr. Franz Honigmann, Breslau. Biers Aufforderung, Erfahrungen über Händeinfektionen bc Aerzten mitzuteilen, hat bisher, soviel ich sehe, keine weitere Aeusse- rung veranlasst. Das Schweigen ist wohl als Zustimmung zu deuten In den meisten wesentlichen Punkten kann auch ich Biers Grund¬ sätzen beipflichten; doch seien auch einige Einwendungen gestattet die vielleicht nicht unwichtig sind1). Bier wendet sich mit Entschiedenheit gegen den „Entspannungs¬ schnitt“, der oft von den verletzten Kollegen dringend verlangt werde aber bei Fehlen von Eiterbildung geradezu verhängnisvoll sei und eine: unglücklichen Ausgang verursachen könne, indem er das Weiterschrei¬ ten der Infektion fördere. Bier spricht in gleichem Sinne auch vor „Frühschnitt“, bevor noch ein Entzündungswall sieh-um die imhzierU Stelle gebildet habe. Ich glaube, dass zwischen diesem „Frühschnitt und einem „Entspannungsschnitt“ scharf unterschieden werden muss Die Eingangspforte der Infektion zu in- oder exzidieren, ehe noch du Zeichen entzündlicher Reaktion nachweisbar sind, halte auch ich füi verfehlt. Ob dies Vorgehen verhängnisvolle Folgen haben kann, weis: ich nicht, da ich es nie geübt habe, auch keine von anderer Seite sc behandelten Fälle je beobachtete. Dagegen sah ich sehr oft Finger infektionen, die vorher nicht mit einem „Frühschnitt“, sondern mit einen „F e h 1 schnitt“ behandelt worden, d. h. mit einem Schnitt, der zu ober flächlich war, um in den tatsächlich vorhandenen, aber vom Messer ver fehlten Eiterherd einzudringen und ihn zu entleeren. Dieser nutzlost Fehlschnitt, der leider oft sogar ohne jede Betäubung ausgeführt wird bewirkt keine Erleichterung, vielmehr erhebliche Steigerung de: Schmerzen und flösst dem Patienten Misstrauen gegen den heilende! Schnitt ein, der später doch noch notwendig wird. Weder der Früh schnitt noch der Fehlschnitt verdienen jedoch _ die Bezeichnung En t spannungsschnitt, der erstere, weil er nicht in Spannung befind liches Gewebe durchtrennt, der letztere, weil er die erstrebte Ent Spannung nicht bewirkt. Es gibt aber zweifellos Fälle, in denen en wirklicher Entspannungsschnitt in Frage kommt, wiewohl kein t Eiterbildung besteht, aber trotzdem ein ständiges Fortschreiten des infektiösen Prozesses unter heftigen Schmerzen, Fieber, Schlaflosig¬ keit und schwerem Ergriffensein des Allgemeinbefindens zum Hande l auffordert. Dafür, das in solchen Fällen der Entspannungsschnitt all* Beschwerden auf einmal beseitigt und die Heilung einleitet, könnte icl aus meiner Erfahrung zahlreiche Fälle anführen. Wenige Beispiel! mögen genügen: 43 jähr. Dreher1’). Am 1. XI. Hautabschürfung am rechten Daumen Am 10. XI. verdrehte er sich angeblich bei der Arbeit das rechte Hand gelenk. Nachts darauf heftige Schmerzen, besonders im 1. und 5. Finger In den nächsten Tagen Fieber über 39", zunehmende heftige Schmerzen Schwellung der Hand und des Armes. Der Arzt verordnete heisse Hand *) Die Berechtigung, mich zu der Frage zu äussern, gründe ich auf di Tatsache, dass ich nicht allein selbst durch Finger- und Handinfektionei mehrfach genötigt war, chirurgische Hilfe in Anspruch zu nehmen, sondert auch verhältnismässig häufig Gelegenheit hatte, Aerzte, Schwestern usu wegen solcher Erkrankungen zu behandeln. Aufzeichnungen besitze ich leide nur über 65 Behandlungsfälle bei 44 Kollegen und einer Pflegerin. Die tat sächliche Zahl ist viel grösser. Wenn ich in keinem Falle einen ungünstige Ausgang quoad vitam oder functionem zu beklagen hatte, so bin ich wei entfernt, dies lediglich dem Behandlungsverfahren zuzuschreiben. Die Haupt Ursache liegt wohl darin, dass es sich glücklicherweise meist um lokalisiert oder doch nach kurzer Behandlung lokalisierbare Infektionen handelte. _ 2) Dass dieser Fall keinen Arzt betrifft, tut seiner grundsätzlichen Be deutung wohl keinen Abbruch. MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT. 161 . Februar 1922. ädcr, feuchte Verbände und Ruhigstellung. Ich sah ihn zuerst am 15. XI.: n der Radialseite des rechten Daumens markstückgrosse, schmierig belegte Hautabschürfung. Umgebung gerötet. Daumen besonders am Grundglied, leiner Finger an Grund- und Mittelglied, Handrücken im ganzen stark ge- ;hwollen und gerötet; breite rote Lymphstreifen am Vorderarm vom Hand- elenk bis zur Ellenbeuge; Achseldrüsen vergrössert, schmerzhaft; Finger xiert in Beugestellung, besonders der 1. und 5. aktiv unbeweglich ; vor- chtige passive Streckung ruft lebhafte Schmerzäusserung hervor. Stärkste ruckempfindlichkeit entsprechend den Beugesehnen von Daumen und kleinem inger. Temperatur zwischen 39 und 40°. Patient sieht schlecht aus, klagt per unerträgliche Schmerzen, hat 3 Nächte nicht geschlafen, ln Rausch- irkose 2 seitliche Inzisionen am Grundglied des kleinen Fingers bis auf e Beugesehne. Starke ödematöse Durchtränkung des Zellgewebes und der ehncnscheide. kein Eiter. Gleicher Befund bei mehrfachen kleinen In¬ sionen am Kleinfingerballen und durch das Infiltrat am Daumen. Feuchter erband, Schiene. Danach erfolgte prompter Rückgang aller Erscheinungen, at. schlief schon in der folgenden Nacht, Fieber, Schwellung und Infektion ;r Lymphbahnen waren nach 3 Tagen gänzlich geschwunden. Die weitere eilung vollzog sich glatt. Möge man cinwenden, dass die Heilung vielleicht auch ohne die zisionen eingetreten wäre. Jedenfalls lässt sich nicht leugnen, dass ;r Krankheitsprozess bei konservativer Behandlung ständig fort- ischritten war, dass aber unmittelbar nach dem Eingriff die schweren id quälenden Erscheinungen nachliessen. Weiterhin muss hier noch ner Formen von Phlegmonen gedacht werden, bei denen eine sehr •ogrediente sulzige Durchtränkung des Zellgewebes oder eine rasch rtschreitende starre Fettnekrose sich entwickelt, ohne zur Eiterung i führen. Kürzlich sah ich einen Fall, wo sich bei der Inzision kein Eiter fand, aber is Zellgewebe in eine missfarbige, weiche Masse verwandelt war. Aeusser- :h zeigte der Finger eine sehr harte, äusserst schmerzhafte Anschwellung id bläulichrote Verfärbung. Die Infektion war schon nach dem Handteller rtgeschritten, wo der Einschnitt ebenfalls keinen Eiter, sondern nur eine Izige Infiltration aufdeckte. Wohl jeder Chirurg wird über ähnliche Beobachtungen verfügen, ei derartigen Befunden, die meist besonders schwere Infektionen an- ägen, habe ich von der möglichst frühzeitigen Inzision niemals Scha¬ ni, meist aber eklatanten Nutzen gesehen. Doch auch bei harm¬ seren Wundinfektionen fand ich den Entspannungsschnitt öfter von Drteil : Z. B. Ein Kollege konsultierte mich wegen eines entzündlichen, nicht t r i g e n Infiltrates am Daumen, das 5 Tage nach einer Stichverletzung it der Impfnadel unter heftigen Schmerzen, Lymphangitis und Lymph- üsenschwellung aufgetreten war. Nach der Inzision gingen alle Erschei¬ ngen binnen 24 Stunden zurück. Noch ein Wort über die bei Aerzten so häufigen Furunkel an Fin- rstreckseite und Handrücken. Biers schematischer Vorschrift, diese e zu schneiden, kann ich mich nicht anschliessen. Zweifellos heilt die ehrzahl der Fä+fe ohne Inzision. Es gibt aber hier, ebenso wie an deren Körperstellen — auch im Gesicht — Furunkel, bei denen der erlauf zum Eingreifen nötigt. Bei Neigung zur Ausbreitung ins dlgewebe, verbunden mit grossen Schmerzen, Fieber und Infektion r Lymphbahnen halte ich die Inzision für angezeigt. Ein ergiebiger hnitt, der das ganze Infiltrat durchtrennen muss, bringt alle un- genehmen Erscheinungen am schnellsten und sichersten zum Riick- nge. Dass die Inzision auch für den Patienten die angenehmere Behandlung , kann ich aus persönlicher Erfahrung bestätigen, da ich Gelegenheit hatte, ide Methoden auch passiv zu erproben. Besonders lästig war mir bei r konservativen Behandlung die mehrtägige Eiterabsonderung aus dem fgebrochenen Furunkel, welche auch die Nachbarhaut trotz Handbad und lfettung zu infizieren droht. Der Einschnitt beseitigt die Schmerzen mit einem Schlage, und :nn man dabei zugleich möglichst alles nekrotische Gewebe entfernt, ist die Absonderung während der Nachbehandlung sehr gering, und kommt bald zur Bildung gesunder Granulationen. Die Infektion der mphbahnen geht immer nach der Inzision sofort zurück* * 3). Zusammenfassend möchte ich betonen, dass auch bei den Infek- 'nen der Hand die Frage, ob und wann man zum Messer greifen soll, ht grundsätzlich, sondern von Fall zu Fall zu entscheiden ist. Denn e Bier4) mit Recht sagt: „Verschiedene Menschen können auf dic- Iben Reize in geradezu entgegengesetzter und derselbe Mensch nach nem Jeweiligen Körperzustand in ganz verschiedener Richtung re- '.eren.“ Dies gilt auch von den Reizen, die der Arzt bei seinem ilverfahren zur Wirkung bringt. Zum Schluss sei noch erwähnt, das nicht nur der harte, sondern iegentlich auch der weiche Schanker bei Aerzten zu recht un- genehmen Fingerinfektionen führen kann. Ich beobachtete einen solchen Fall bei einem Dermatologen, der sich 'ch Quetschung einen Bluterguss unter dem Fingernagel zugezogen und Operation eines Bubo infiziert hatte. Erst einige Zeit nach Eröffnung des szesses nahm die Wunde das charakteristische „schankröse“ Aussehen an. r Verlauf war ein sehr langwieriger und vielfach komplizierter. Schliess- i blieb eine starke Verkrüppelung des Nagels zurück. Eine Mischinfektion Lues lag nicht vor. ) Ich hatte einigemale den Eindruck, dass bei phlegmonösen Furunkeln lange fortgesetzte konservative Behandlung das Auftreten pyämischer tastasen begünstigte. So kenne ich den Fall eines Kollegen, der seinen gerfurunkel durch konservative Behandlung zur Heilung brachte, aber Anschluss daran an einem metastatischen Lungeninfarkt lebensgefährlich rankte. 4) Reiz und Reizbarkeit. M.m.W. 1921, Nr. 47, S. 1524. Schleich5) hat öfters bei Aerzten eine „knollige“ Lymph¬ angitis mit Hyperplasie der regionären Drüsen beobachtet, die er auf Infektion mit gonorrhoischem Material zurückführt. Diese Erkrankung ist mir nie zu Gesicht gekommen. Schmerzlose Entbindung. (Bemerkungen zu 0. F 1 o e 1 s Arbeit in Nr. 50, 1921 ds. Wschr.) Von Prof. Friedländer in Freiburg i. Br. Floel weist auf ein oft besprochenes, sehr wichtiges Gebiet hin. Ueber den Skopolamindämmerschlaf (und über die Lumbalanästhesie) wird noch manches zu sagen sein — vielleicht mehr gegen als für sie. Es mehrt sich die Zahl der Chirurgen und Gynäkologen, welche sich auch von unseren psychologischen und psychotherapeutischen Er¬ wägungen beeinflussen lassen. Es wäre zu wünschen, dass häufiger aus den Kreisen jener Kollegen, welche allgemeine ärztliche Tätigkeit ausüben, Mitteilungen über ihre Erfahrungen mit vielgerühmten „kli¬ nischen“ Methoden gebracht würden. Der praktische Arzt lernt seine Kranken meist genauer kennen; er beobachtet sie vor und nach etwaigen Eingriffen. Sind Floel und ich in der Hauptfrage einig, so wird er mir als genauem Kenner der Hypnose einige berichtigende Bemerkungen nicht verdenken. Sollte er Gelegenheit nehmen, mein 1920 erschienenes Buch über Hypnose und Hypnonarkose (Enke. Stuttgart) nochmals durchzu¬ sehen, so wird er mir beipflichten, dass die wissenschaftliche Auffassung vom Wesen der Hypnose verlangt, Urteile zu berichtigen, welche ich in meiner Arbeit als Vorurteile eingehend besprochen und als schwer aus- rottbar bezeichnete. F 1 o e 1 s Bewertung der Hypnose erklärt sich aus seiner offenen Bemerkung: „Ich wende - eine Suggestionsmethode an, die mir _ ohne viel wissenschaftliches Bewusstsein in der Privatpraxis entstanden ist.“ Der hypnotische Dauerschlaf kann nicht „ausnahmsweise“, son¬ dern regelmässig benützt werden, wenn eine schmerzlose Entbindung (ohne grösseren) Eingriff gewünscht wird oder angezeigt ist. Vorbereitende Hypnosen sind nur und besonders dann notwendig, wenn es sich voraussichtlich um eine schwere Entbindung, um Eingriffe ernsterer Art handelt. In solchen Fällen wird durch die Hypnonarkose am sichersten und einfachsten eine schmerzlose Ent¬ bindung gewährleistet. Es ist „durchaus von der Hand zu weisen“, dass das Nervensystem durch öfteres sachgemässes Hypnotisieren irgendwie geschädigt werden kann. Durch solche Behauptungen wird ein wichtiges Teilgebiet der seelischen Behandlung grundlos in Verruf gebracht. Es ist mir nicht klar, welcher Art der „unangenehme Beigeschmack“ sein soll, den die Hypnose hat, und was Floel unter der „herkömm¬ lichen Einleitung“ versteht, welche sie Arzt und Kranken unsympathisch macht. Die „Versager“ allein können es nicht sein; diese wird Floel auch erleben. Der Verfasser schildert seine Suggestionsmethode. Diese findet er ungefähr ebenso beschrieben in jedem Buche über Hypnose. Ob man Schmerzlosigkeit mit oder ohne Schlafsuggestion eingibt, ist be¬ langlos; stets wird eine Einengung des Bewusstseins herbeigeführt; stets kommt es auf das Vertrauen des Kranken, auf das Auftreten des Arztes, auf eine gewisse Ausschaltung des „Selbstbewusstseins“ des Kranken an. Die Grundlage des „fraktionierten“ Vorgehens F 1 o e 1 s ist die S u.g g e s t i o n. Hypnose aber ist Suggestion. Die Methodik Fl o eis ist somit in keiner Weise frei von dem, was Arzt und Kranken „mit Recht (?) an der Hypnose sonst nicht gefällt“. Ich gehe nicht auf die Frage ein, ob es sich etwa empfiehlt, jede Entbindung schmerzfrei zu gestalten. Ich für meine Person bin der Ansicht, dass diese Frage ebenso nach bestimmten Indikationen zu entscheiden ist, wie jede andere ärztliche — also individuell. Ich lehne den Skopolaminschlaf ebenso wie die Anwendung von Morphium für sich allein und die Hypnose dann ab, wenn eine schmerzlose Ent¬ bindung „indiziert“ ist. In solchen Fällen kommt meiner Ansicht nach nur die Hypnonarkose in Betracht. Ob man aber, wenn eine reine Suggestivbehandlung stattfindet, die Hypnose hiebei dem Namen nach vermeidet, ob man die Hypnose _ in der von mir empfohlenen Form gebraucht, ist von _ geringerer Bedeutung; nicht dagegen, wenn als irrig nach¬ gewiesene Anschauungen immer wieder vorgetragen werden, und dadurch die Verbreitung der Methodik gehemmt wird, welche endlich Eingang auch bei Chirurgen und Gynäkologen gefunden hat (siehe v. Oettingen: M.m.W. 1921 Nr. 51). nachdem wir Neurologen jahr¬ zehntelang vergeblich für sie kämpften (siehe Friedländer: Ueber Hypnonarkose, M m.W. 1920). Wenn ein so erfahrener Psychiater wie S i e m e r 1 i n g in ge¬ wissem Sinne gegen die Hypnose auftritt, indem er einwendet, dass sie ihrer Methodik und Art nach keine Gewähr bietet, dass sie unbe¬ dingten Vorzug vor anderen Heilmethoden verdient, so ist die Frage gerechtfertigt: Ob er nicht weiss, dass dies für jede Behandlung gilt. Wer irgend eine „Methode“ wissenschaftlich erforscht hat, ist sich über ihre Grenzen und vor allem darüber klar, dass keine Methode — die Methode ist. 5) Neue Methoden der Wundbehandlung. 2. Aufl. Berlin 1900. Hier findet sich übrigens eine ausführliche Darstellung und Kasuistik der Aerzte- infektionen. 5* MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT. 162 Nr. 5. Aus der Medizinischen Universitätsklinik Leipzig. (Direktor: Geheimer Medizinalrat Prof. Dr. Strümpell.) Röntgenologischer Beitrag zur Kenntnis der Tuberkulose in den Lungen. (Bemerkungen zu der Arbeit von Sanitätsrat Dr. Kaestle in Nr. 50. 1921 ds. Wschr.) Von Dr. Erich Thomas. Unter obigem Titel beschreibt K. ein inspiratorisches Nachhinken des inneren rechtsseitigen Zwerchfellanteils, meist des medialen Drit¬ tels, und führt diese Störung zurück „auf die Infektion der Lungen¬ wurzel und ihrer Drüsen mit den Tuberkelbazillen und auf die Reaktion des Körpers auf die Erstinvasion dieses Bazillus“. Ein solches Zurück¬ bleiben des medialen Abschnittes der rechten Zwerchfellhälfte bei ihrem inspiratorischen Tiefertreten ist wahrscheinlich den meisten, welche häufiger Thoraxdurchleuchtungen vornehmen, bekannt und von mir oft bei sehr verschiedenartigen Erkrankungsfällen angetroffen worden. Bei höheren Graden dieser Bewegungsstörungen hebt sich der mediale Ab¬ schnitt des Zwerchfellbogens als besonderer, höherstehender, runderer Bogen ab und ist von dem lateralen, flachen Bogenteil durch eine leichte Einkerbung getrennt. Diese Erscheinung wird jedoch keineswegs nur bei Tuberkulösen beobachtet. Sie ist auch bei chronischen Pneumonien, Karzinomen des rechten Oberlappens und Gangrän der Lunge fest¬ zustellen (vgl. Ass mann: Röntgendiagnostik der inneren Krankheiten Tafel VIII, Fig. 4 u. 6 und Fig. 193). Sie hat meiner Ansicht nach mit einer Tuberkuloseinfektion an sich gar nichts zu tun. Vielmehr handelt es sich dabei um eine durch die Architektonik des Zwerchfells be¬ dingte besondere Gestaltung der Zwerchfellwölbung, welche namentlich dann auftritt, wenn eine gewisse Erschwerung der Respiration vorliegt, zu deren Ueberwindung das sich kräftig kontrahierende Diaphragma — entsprechend seinem Bau — sich nicht gleichmässig zusammenzieht. Die hierbei gleichzeitig vorhandene erhöhte Ansaugung der Lunge wirkt dem inspiratorischen Zuge des Zwerchfells nach unten entgegen, so dass dieses in seinem ventralen und medialen Bereich, der ana¬ tomisch und physiologisch am schwächsten entwickelt ist. zurückbleibt und sich ev. sogar kranialwärts vorbuckelt. In stärkstem Masse aus¬ geprägt sah ich dies Phänomen bei Trachealstenose, ferner bei rechts¬ seitiger Bronchostenose, gleichgültig welchen Ursprungs, so besonders bei Bronchialkarzinom. Die gleiche Erscheinung, wenn auch meist nur in schwächerem Grade, habe ich auch unter ganz normalen Verhält¬ nissen, besonders bei schneller und tiefer Inspiration beobachtet. Das Vorhandensein von Pleuraadhäsionen ist zur Entstehung dieser be¬ sonderen Zwerchfellbewegung nicht notwendig. In mehreren derartigen Fällen fand sich bei der Autopsie ein freier Pleuraraum. Die Tatsache, dass das Phänomen mit am häufigsten und in stärkerem Masse auf der rechten Seite beobachtet wird, beruht wiederum auf Besonderheiten des anatomischen Baues des Zwerchfells infolge des Durchtritts der Vena cava inferior durch das Zwerchfell, der Lage des Herzens und infolge seiner Anspannung über die Leber. Die ziemlich komplizierten Verhältnisse, welche unter normalen und pathologischen Zuständen bei der respiratorischen Bewegung des Zwerchfells zu berücksichtigen sind, werden in einer demnächst voraussichtlich im D. Arch. f. klin. M. er¬ scheinenden Arbeit des näheren auseinandergesetzt werden. Hier möchte ich nur der Auffassung entgegentreten, dass aus diesem Rönt- gensymptome allein oder auch aus seiner Verbindung mit einer viel¬ deutigen Verbreiterung des Hilusschatten auf eine Tuberkulose ge¬ schlossen wird, wie das bezüglich anderer röntgenologischer Zeichen, z. B. des Williams sehen Symptoms, der S t ü r t z sehen Stränge usw. in der Praxis so sehr häufig geschieht. Zusammenfassung. Von K. ist das Zurückbleiben des medialen Abschnittes der rechten Zwerchfellhälfte bei der Inspirationsbewegung als ein für Tuberkulose charakteristisches Zeichen beschrieben wofden. Meiner Auffassung nach hat diese Art der Zwerchfellbewegung mit Tuberkulose nichts zu tun, sondern beruht auf anderen Ursachen, welche in der Architektonik des Zwerchfells und in besonderen physiologischen Faktoren begründet sind. Einiges über Zahnpflege. (Zu M. Kühns Arbeit in Nr. 51, 1921 dieser Wochenschrift.) Von Dr. Brubacher, k. Hofrat. Die Anschauung K ii h n s darf in der Aerztewelt keine unwider¬ sprochene Verbreitung finden, weil sie den Erfahrungen der Fachleute direkt zuwiderläuft. Dass der Zeigefinger „einen billigen und ausreichenden Ersatz“ für die Zahnbürste bilde, ist nur insoweit richtig, als seine Verwendung die rein kosmetische Seite der Zahnpflege, d. h. das Aussehen des Ge¬ bisses befriedigen könnte. Der Hauptzweck der Zahnreinigung ist je¬ doch kein kosmetischer, sondern ein prophylaktischer: wir suchen durch gründliches Reinigen der verheerenden Zahnkaries vorzubeugen, und dies können wir nicht durch Abreiben der Zähne mit dem Zeige¬ finger erreichen. An der glatten, schmelzbedeckten, dem Finger zugängigen Ober¬ fläche der Zähne sehen wir mit Ausnahme bei dyskrasischen und alten Individuen überhaupt nie Karies auftreten. Prädilektionsstelle für die Zahnfäule sind alle schmelzentblössten und vertieften Stellen, ferner die Approximal- und Kauflächen der Zähne, oder, mit anderen Worten, alle verborgenen Stellen und Winkel, welche durch den Kauakt, durch das Spiel und die Bewegungen weder der Zunge noch der Lippen und Wangen mechanisch gereinigt werden. Was die zu diesem Zwecke viel geeignetere Zunge nicht erreichen kann, wird dem Finger erst recht j nicht gelingen, im Gegenteil, durch den festen Fingerdruck werden Speisereste u. dgl. in die Zwischenräume und Vertiefungen hinein¬ gepresst, zumal auch die Saugbewegung, von der wir beim Reinigen mit der Zunge unwillkürlich als unterstützendem Moment Gebrauch machen, in Wegfall kommt. Eine gründliche Reinigung können wir nur mit derBürste vornehmen, welche der kosmetischen und prophylak¬ tischen Seite gerecht wird. Verlangen es die Verhältnisse, dann haben wir einen besseren Er¬ satz an der Zunge und dem Luftstrom, der durch saugende und blasende Bewegung die Reinigung der Zahnzwischenräume bis zu gewissem Grade besorgen kann. Ein weit besserer und ganz billiger Ersatz sind bleistiftlange, X> — % cm breite, am Ende keilförmig zugeschnittene Holz¬ stäbchen, wie sie sich jedermann leicht aus Weichholz herstellen kann. Mit ihnen lassen sich nicht allein die freiliegenden Flächen, sondern auch i die Zwischenräume der Zähne und die Rinnen der Kauflächen .'einigen. Da freilich das Reinigen mit dem Zeigefinger der einfachere, zt jeder Zeit gebrauchsfertige, wenn auch sehr unvollkommene Zahn¬ bürstenersatz ist, dessen Verwendung wohl am ehesten befolgt werdet wird, und da man damit doch die Befreiung der Frontfläche von den schmierigen Belage und ein straff anliegendes, gesundes Zahnfleisch er¬ zielt, lässt sich seine Empfehlung an Stelle der Zahnbürste bis zu ge¬ wissem Grade rechtfertigen, zumal der Arzt zufrieden sein kann, wem er es bei der Jugend und bei vielen Erwachsenen überhaupt so weil bringt, dass sie sich ihres Gebisses täglich bei der allgemeinen Reini¬ gung erinnern. Man darf aber nicht vergessen, dass der Zeige¬ finger ein sehr u n vollkommenes und die Zahnbürste nie ersetzendes Instrument ist. Für die Praxis. Die Frühdiagnose der allgemeinen eitrigen Peritcnitis Von A. Kr ecke in München. Bei keiner Erkrankung entscheidet über das Schicksal des Kranket so sehr die frühzeitige Operation wie bei der freien eitrigen Bauchfell entzündung. Auch ein eingeklemmter Bruch verlangt im allgemeiner nicht so dringend chirurgische Hilfe, wie ein perforiertes Magengeschwür oder eine durch stumpfe Gewalt hervorgerufene Zerreissung des Dünn darms. Stunden sind hier entscheidend, und die Statistiken der Opera iionen bei Magengeschwürsperforation lehren, dass die Prognose de Operation nahezu mit jeder Stunde Verzögerung schlechter wird. Die Erscheinungen der vorgeschrittenen allgemeiner eitrigen Peritonitis sind genügend bekannt. Der ängstlich! Gesichtsausdruok, die tiefliegenden Augen, die spitze Nase, die mühsam' Atmung, die Zyanose, der aufgetriebene gespannte Bauch, der sek beschleunigte flatternde Puls, sind Zeichen, die auch der Unerfahrenst' kaum verkennen kann. Ist es einmal zu diesen Erscheinungen ge kommen, so ist der Kranke nahezu sicher verloren. Wer mit der Dia gnose der allgemeinen Peritonitis, bis zum Auftreten der eben genannte! Zeichen wartet, wird bei der Behandlung des Leidens kein Glück haben Die Aufgabe des sich seiner Verantwortung bewussten Arztes mus darin bestehen, die Fälle von allgemeiner Peritonitis sofort nach derei Beginn zu erkennen und in der nächsten Stunde der chirurgische! Behandlung zuzuführen. Nicht alle allgemeinen Peritonitiden' sind gleich m ä s s i g zu bewerten. Eine Peritonitis, die nach dem Durch bruch eines Magengeschwürs einsetzt, macht viel schneller schwere Er scheinungen als eine Bauchfellentzündung, die von einem durch gebrochenen Wurmfortsatz ausgeht. Ebenso verläuft die Peritonitis die von einer inneren Einklemmung ausgeht, viel heftiger als ein solche, die von einem durchgebrochenen Tubensack ihren Urspruu nimmt. In der Art der Erscheinungen sind alle Peritonitiden gleicl Die Heftigkeit der Erscheinungen wechselt nach der Ursache de einzelnen Falles. Wir müssen uns daran gewöhnen, dass wir die Frühdiagnose de Peritonitis in keiner Weise abhängig machen von den obengenannte Erscheinungen des Spätstadiums, die schon auf eine schwere septisch Intoxikation hinweisend Wir müssen die Peritonitis zu er kennen suchen, bevor der Leib aufgetriebe n, bevor de Puls beschleunigt, bevor der G e s i c h t s au s d tut c k in de beängstigenden Weise verändert ist. Diejenigen Erscheinungen, die uns am frühesten auf das Vorhände!' sein einer allgemeinen Peritonitis hinweisen, sind: 1. die mehr oder minder grosse schmerzhafte Bauch deck er Spannung. 2. das Fehlen der B a u c h d e c k e n a t m u n g, 3. der Leberhochstand. Als wichtigstes Zeichen muss immer und immer wieder di schmerzhafte Bauch decken. Spannung hingestellt werdei 3. Februar 1922. MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT. Nur derjenige, der sich daran gewöhnt, diesem Zeichen seine grösste Aufmerksamkeit zu widmen und der sich in der Erkennung derselben eine grosse Erfahrung angeeignet hat, ist in der Lage, die Frühdiagnose der Peritonitis zu stellen. Aus eigener Erfahrung kann ich nur immer wieder sagen, wie schwer es mir. im Anfänge meiner Tätigkeit ge¬ worden ist, die Bauchdeckenspannung richtig zu erkennen1 und richtig zu deuten. Und ich sehe es bei meinen Assistenten immer wieder, welche Mühe sie mit der Untersuchungsmethode haben. Der Durchbruch eines Hohlorgans in die freie Bauchhöhle macht, welcher Art er auch immer sei, sofort eine umschriebene Bauchdecken¬ spannung. Muskelabwehr (defense musculaire) ist der beste Ausdruck für diese Erscheinung. Ueber dem eingerissenen Hohlorgan krampten sich die Bauchwandmuskeln zusammen, einmal um den Darm ruhig zu stellen, und zweitens, um das sofort in Entzündung versetzte Bauchfell vor einer schmerzhaften Berührung zu schützen. Ist der entzündete Teil des Bauchfells nur ein umschriebene r, so wird auch die Bauchdeckenspannung nur eine umschriebene sein. So ist es fast stets bei der Blinddarmentzündung. Hier ver¬ breitet sich das eitrige Exsudat im allgemeinen ziemlich langsam, und im Anfang der Peritonitis ist nur die rechte Darmbeingrube von der Muskelabwehr betroffen. Im weiteren Verlauf schreitet bei zu¬ nehmender Ausdehnung der Peritonitis auch die Bauchdeckenspannung weiter, und nach einiger Zeit ist die ganze vordere Bauchwand in eine brettharte Platte verwandelt. Aehnlich ist es beim Gallenblasendurchbruch. Beim Durchbruch eines Magengeschwürs und bei dem durch Quetschung her vor gerufenen Einriss eines Darmteiles ergiesst sich sofort eine grosse Menge Flüssigkeit in die Bauchhöhle hinein und versetzt das ganze Bauchfell in Ent¬ zündung. Die Folge ist, dass in einem solchen Falle sofort nach der Perforation die ganze vordere Bauchwand sich gespannt anfühlt und auf Druck kaum eindrückbar ist. Wissen muss man, dass unter gewissen Umständen die Spannung der vorderen Bauchwand fehlen kann. Das ist dann der Fall, wenn der betreffende Darmteil, am häufigsten der Wurmfortsatz, der hinteren Bauchwand näher liegt. Dann tritt, worauf zuerst D r a c h t e r hin¬ gewiesen hat, eine deutliche Spannung der hinteren Bauch¬ wand in der Lendengegend ein, die sich durch geeignete Betastung ohne Schwierigkeit feststelle.i lässt. Die Bauchdeckenspannung kann vorhanden sein, und alle übrigen Zeichen der Peritonitis können vollkommen fehlen: Patienten mit durchgebrochenem Blinddarm, mit einem Loche im Darm durch Huf¬ schlag, kommen zu Fuss ins Krankenhaus und zeigen keine schweren Erscheinungen allgemeiner Art. Der kundige Arzt wird aber bei sorg¬ fältiger Untersuchung deutliche Muskelabwehr feststellen und wird trotz fehlender Pulsbeschleunigung, trotz fehlenden Fiebers, trotz günstigen Allgemeineindruckes auf die baldige Operation dringen. Neben der Bauchdeckenspannung ist am auffälligsten das Symptom der fehlenden Bauchatmung. Dadurch, dass der Kranke die Bauchmuskeln fest kontrahiert hält, hält er sie auch ängstlich von der Beteiligung an der Atmung zurück. Wenn man sieht, wie der Brust¬ korb sich deutlich bei der Atmung hebt und senkt, und wie die Bauch¬ decken vollkommen ruhig stehen, so kann der Kundige über den Ernst der vorliegenden Erkrankung nicht im. Zweifel sein. Vornehmlich bei der postoperativen Peritonitis ist dieses Zeichen stets von grossem Wert. Um dies Zeichen nachzuweisen, braucht man kaum die Bett¬ decke zu heben. Es genügt, die Kranken einige Zeit ruhig zu be¬ obachten. Der Leberhochstand ist das erste Zeichen des Meteorismus. Eine Auftreibung der Bauchdecken braucht dabei nicht vorhanden zu sein. Letztere tritt erst dann ein, wenn es zu einer Lähmung der muskulösen Bauchwand kommt. Der Leberhochstand ist daran erkenn¬ bar. dass man auch am rechten Rippenwinkel ausgesprochen tympani- tischen Schall findet. Wer auf die genannten drei Zeichen: Bauchdeckenspannung, Fehlen der Bauchdeckenatmung, Lebertiochstand, gut achtet, wird bei der Frühdiagnose der allgemeinen Peritonitis keinen Misserfolg erzielen. Dass daneben auch die anderen Krankheitszeichen berücksichtigt werden müssen, ist selbstverständlich. Diese Zeichen sind aber so vieldeutiger Natur, dass auf sie im Anfang kein rechter Verlass ist, wenn sie auch natürlich zur Beurteilung der Erkrankung ihren grossen Wert haben. Der Schmerz ist bei jeder allgemeinen Bauchfellentzündung vor¬ handen. Ist er ganz unheimlicher Natur, z. B. so, dass die stärksten Männer wie von einem Dolchstich getroffen in schwerem Kollaps daliegen, so kann man ziemlich sicher den Durchbruch eines Hohl¬ organes annehmen. Aber diese Heftigkeit zeigt der Schmerz keines¬ wegs bei allen Peritonitisfällen. Insbesondere weiss man, dass viele Fälle von Peritonitis nach Appendizitis anfänglich nur mässige Schmerzen hervorrufen und infolge¬ dessen auch von erfahrenen Aerzten als gutartige Magen-Darmerkran¬ kungen angesehen worden sind. Auch mit Gallensteinkolik, Pankreas¬ nekrose, Dannverschluss, Nierensteinkolik, kann eine beginnende Peri¬ tonitis unter Umständen verwechselt werden. Auch der Sitz des Schmerzes ist nicht immer ganz zuverlässig. Eine Nierensteinkolik be¬ ginnt wohl immer mit Schmerzen* in der Nierengegend, eine Gallen¬ steinkolik mit Schmeren in der Magengegend. Aber eine Blinddarm¬ entzündung macht im Anfang sehr häufig keine Schmerzen in der Blind¬ darmgegend. sondern in der Magengegend. 1 63 Das Erbrechen fehlt fast nie bei der- Bauchfellentzündung, hat aber nur im Zusammenhang mit den anderen Erscheinungen eine Be¬ deutung. Sein allgemeiner diagnostischer und prognostischer Wert darf nicht geleugnet werden. Eine mit Erbrechen einhergehende Appen¬ dizitis muss immer als eine ernste Erkrankung beurteilt werden. Das Aussehen eines Peritonitiskranken ist selten schon im An¬ fang ein verändertes. Der bekannte Verfall der Gesichtszüge tritt erst in einem späteren Stadium auf. Wer für die Diagnose der Peri¬ tonitis den Nachweis des verfallenen, blassen Aussehens für notwendig hält, wird mit der richtigen Behandlung in der Regel zu spät kommen. Es gibt viele Peritonitiskranke, die im Anfang nicht die Spur eines Verfalles oder eines ängstlichen Gesichtsausdruckes erkennen lassen. Wie oft habe ich ungläubige Gesichter mir gegenüber gesehen, wenn ich bei einem ganz gut aussehenden Kranken von Eiter in der Bauch¬ höhle sprach und auf die schlimme Prognose des Falles hinwies. Die Temperatur ist bei der Peritonitis in der Regel leicht gesteigert. Unbedingt notwendig ist die Steigerung nicht, und einen Anhaltspunkt für die Diagnose oder für die Schwere der Erkrankung gibt die Temperatur auf keinen Fall. Die Diagnose der Peritonitis ist von dem Nachweis einer Temperatursteigerung nicht abhängig. Der Puls ist im Beginn der Peritonitis in der Regel nicht be¬ schleunigt. Es- gibt gewiss Fälle von plötzlichem Durchbruch eines Hohlorgans, die sehr schneli eine Pulssteigerung verursachen. In der Regel lassen die an Bauchfellentzündung Erkrankten im Anfang keine Spur von Pulssteigerung erkennen. Man lasse sich darum durch einen langsamen Puls bei der Diagnose der Peritonitis nicht täuschen. Wenn der Puls anfängt, in die Höhe zu gehen, so sind die günstigen Stunden für die Operation der Peritonitis in der Regel schon vorbei. Alle die eben aufgezählten Symptome, der Schmerz, das Erbrechen, der Kollaps, die Temperatursteigerung, die Pulsbeschleunigung, haben bei der Diagnose der Peritonitis selbstverständlich ihre grosse Bedeu¬ tung. Für die Frühdiagnose ist ihr Wert nur ein geringer, insofern als ihr Fehlen in keiner Weise entscheidend ist. Sind diese Zeichen vor¬ handen, dann ist ihre Beweiskraft eine grosse, sie zeigen dann in der Regel auch, dass die Krankheit schon ziemlich weit vorgeschritten ist. Der Hauptwert bei der Frühdiagnose muss immer wieder der Bauch¬ deckenspannung, dem Fehlen der Bauchdeckenatmung und dem Leber¬ hochstand zuerkannt werden. Bei der Frühdiagnose der Peritonitis ist selbstverständlich auch immer eine Diagnose des Ausgangspunktes der Peri¬ tonitis unbedingt notwendig.. Es genügt nicht, zu sagen, hier liegt eine eitrige Bauchfellentzündung vor, sondern man muss auch fest¬ stellen, von welchem Organ dieselbe ausgeht. Für die erfolgreiche Behandlung ist die genaue Feststellung des Ausgangspunktes sehr wichtig. Für die Bestimmung des Ausgangspunktes bietet zunächst die Vorgeschichte des Kranken* gute Anhaltspunkte. Bei einem Kranken, der schon viel an Magenbeschwerden- gelitten hat, wird man zunächst an ein durchgebrochenes Magengeschwür denken. Bei einem Kranken mit früheren Blinddarmanfällen wird man eine Blinddarm¬ entzündung in Betracht ziehen, bei einem Kranken mit Gallenstein¬ koliken wird man mit der Möglichkeit eines Gallenblasendurchbruches rechnen. Ganz zuverlässig sind die Ergebnisse der Anamnese nicht, und man kann dabei oft unangenehme Enttäuschungen erleben. Vor vielen Jahren machte ich bei einem Patienten wegen Mast¬ darmkrebs einen künstlichen After. Am nächsten Tage zeigte er die schwersten Zeichen der allgemeinen Peritonitis, und ich nahm an, dass entweder der Mastdarmkrebs in die Bauchhöhle durchgebrochen sei, oder dass es sich um eine operative Infektion handle. Mit Rücksicht auf den vorgeschrittenen Krebs unterliess ich einen nochmaligen Ein¬ griff. Die Sektion zeigte, dass es sich um den Durchbruch eines alten Duodenalgeschwürs gehandelt hatte. Eine nochmalige Laparotomie hätte unter Umständen das Leben Jes Kranken noch einige Zeit erhalten können. Die Angaben des Kranken über den Sitz des Schmerzes werden für die Bestimmung des Ausgangspunktes immer von Bedeutung sein, sind aber nicht durchaus massgebend. Sitzt der Schmerz in der Magengegend, so wird man zunächst an einen Magendurchbruch denken, beim Sitz in der Blinddarmgegend an einen Blinddarmdurchbruch1. Es wurde schon oben hervorgehoben, dass die Angaben des Kranken nicht immer den richtigen Weg zeigen, da der Kranke den Schmerz oft anderswohin verlegt, als an die Stelle des Ausgangspunktes. Die sorgfältigste Abtastung des Bauches gibt immer die besten Anhaltspunkte für den Ausgangspunkt der Bauchfellentzündung. Auch hier muss der schmerzhaften Bauchdeckenspannung der grösste Wert beigemessen werden. Es ist durchaus sicher, dass überall da, wo sich entzündliches Exsudat in der Bauchhöhle bildet, das Zeichen der Muskelabwehr zustande kommt. Auch in den Fällen, wo schon der ganze Bauch gespannt ist, wird die Spannung am Sitz der Perforation am beträchtlichsten sein. Trotz aller Sorgfalt werden einige Fälle übrig bleiben, in welchen der Ausgangspunkt der Peritonitis nicht festzustellcn ist. Hier muss man die Diagnose offen lassen. Der Chirurg wird in solchen Fällen von einem grossen Schnitt in der Mittellinie aus festzustellen haben, wo die Ursache der Bauchfellentzündung zu suchen ist. MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT. Nr. 5. 164 Soziale Medizin und Aerztliche standesangeleoenheiten. Das Alkoholverbot der Vereinigten Staaten von Nord¬ amerika. Von Prof. Gaupp (Tübingen). Die politische und wirtschaftliche Notlage, in der sich die Völker Europas fast alle heute befinden, hat sie ihre Aufmerksamkeit nicht genügend einem Ereignis in Amerika zuwenden lassen, das doch von grosser Bedeutung für Land und Volk des einzigen Siegers im Welt¬ kriege geworden ist und das mir bestimmt scheint, auch auf die übrige Welt von grösstem Einfluss zu werden : dem National Prohibi¬ tion Act vom 16. Januar 1920. Die Vereinigten Staaten von Nordamerika haben mit diesem Tage das 18. Amendement ihrer Bundes¬ verfassung endgültig in ihre Verfassungsurkunde aufgenommen. Dieses Amendement verbietet für die Vereinigten Staaten und alle deren Gerichtsbarkeit unterstellten Gebiete die Herstellung, den Ver¬ kauf oder Transport sowie die Einfuhr und Ausfuhr von alkoholischen Getränken (mit einem Gehalt von über El Proz. Alkohol). Das Amendement spricht ausserdem dem Kongress und den Staaten die Befugnis zu, die Durchführung der Gesetzesbestimmung durch geeignete Ausführungsbestimmungen sicher¬ zustellen. Der 96 Mitglieder zählende Senat hatte den Verfassungszusatz schon am 1. August 1917 mit 65 gegen 20 Stimmen angenommen und wenige Monate später (am 17. Dezember 1917) hatte das Repräsen¬ tantenhaus die Vorlage nach einigen Aenderungen (die Tags darauf auch vom Senat genehmigt wurden) mit 282 gegen 128 Stimmen gut¬ geheissen. Um wirksam zu werden, musste er nun innerhab 7 Jahren von drei Vierteln aller Einzelstaaten, also von 36 der 48 Staaten der Union' ratifiziert werden. Am 16. Januar 1919 war dies erreicht. Nebraska war der 36. Staat. Rasch folgten noch zahlreiche andere Einzelstaaten nach. Am 25. Februar 1919 bestätigte der 45. Staat das neue Gesetz. Nur Connecticut, New Jersey und Rhode Island ver¬ weigerten den Beitritt. Schon am 1. VII. 1919 war das Kriegszeit¬ verbot in Kraft getreten, das nunmehr durch das endgültige Verbot abgelöst wurde. Von dem Abgeordneten A. Volstead wurde nun ein Ausführungsgesetz ausgearbeitet, das in seiner jetzigen Form vom Senat am 8. Oktober 1919 und vom Repräsentantenhaus 2 Tage darauf angenommen wurde und gegen das Präsident Wilson am 27. X. 1919 vrgeblich sein Veto erhob. (Harding ist Anhänger des Verbots.) Der Senat stimmte dem Volsteadgesetz mit 65 gegen 20, das Repräsen¬ tantenhaus mit 176 gegen 55 Stimmen zu. (Die deutsche Uebersetzung dieses Ausführungsgesetzes findet sich im 18. Band der Zeitschrift: Die Alkoholfrage.) Amerika ist also seit zwei Jahren ein „tro-ckenes Land“. Es sind kaum mehr als 100 Jahre her, dass es im Verbrauch geistiger Getränke an der. Spitze aller Staaten der Erde stand. F. Rudolf gab kürzlich eine lehrreiche Schilderung1) der geschichtlichen Entwicklung des amerikanischen Alkoholismus und seiner erfolgreichen Bekämpfung, wobei er sich für die ältere Zeit namentlich auf das Buch von Weeden (Economic and Social History of New-England 1620 — 1789, Boston 1892) stützte. Nach ihm brachten englische Kolonisten im 17. Jahrhundert das leichte englische Bier hinüber nach „Neu-England“, wo es eine Zeit¬ lang das Hauptgetränk bildete. Das niedere Volk trank auch Rum. Aus Spanien und Portugal wurde auch Wein zugeführt; mit dem Vor¬ dringen der Einwanderer in das Innere des Landes kam die Zubereitung eines im Lande selbst bereiteten Obstweines mehr und mehr auf. Im 18. Jahrhundert tritt an Stelle der Malzgetränke neben dem Obst¬ wein der S c h n a p s, dessen Herstellung und Export bald grossen Um¬ fang annimmt. Die Staaten Neu-Englands Massachusetts, Connecticut, Rhode Island, New Hampshire, Vermont und Maine entwickelten die Rumbrennerei als Grossindustrie und verkauften an die Negerhäuptlinge der afrikanischen Westküste, an die Indianer Amerikas und an die Schiffer Englands und anderer seefahrender europäischer Länder ungeheure Mengen des gebrannten Wassers. Im Jahre 1750 soll Massachusetts 63, Rhode Island 30 Schnapsbrennereien besessen haben. Mit Rum wurden die Negerhäuptlinge zum Verkauf der für das menschenarme Amerika als Arbeiter wertvollen Schwarzen überredet. Der amerikanische Rum vertrieb den französischen Branntwein von der afrikanischen Küste. „Der Rum von Neu-England kaufte in Afrika Sklaven, von denen ein Teil, wenn nach Westindien gebracht, dort für neue Melasse bezahlte, die man nach Neu-England schiffte“ (R u d o 1 f). Rum diente auch als Tauschmittel für Fische, Gold, Wein, Mais, Fleisch, Tabak, der aus Virginia stammte, endlich für viele Handelsartikel, die aus dem Mutterland England herüberkamen. Der blühende Rumhandel, dessen Rohmaterial das westindische Zuckerrohr lieferte, das von afri¬ kanischen Sklaven gepflanzt wurde, bildete lange Zeit den Haupt¬ reichtum des jungen Neu-England: die Schnapsfabriken schossen dabei wie Pilze aus der Erde, und es konnte natürlich nicht ausbleiben. dass auch die Bevölkerung des Landes selbst immer mehr Rum zu trinken begann, zumal das Getränk damals sehr billig war, so dass die hoch¬ gelohnten Arbeiter sich mühelos grosse Mengen beschaffen konnten. Neu-England wurde ein trunksüchtiges Land und übertraf um die Mitte des 18. Jahrhunderts alle Länder im Verbrauch an starken geistigen Getränken. Wohl warnten einsichtige Männer, auf dieser 4) Aus der Vorgeschichte des Alkoholverbots in Amerika. Die Alkohol¬ frage XVII, Nr. 3, S. 185 ff. Bahn fortzuschreiten, und weissagten den jungen Staaten einen frühen Untergang, aber „die Gewinne w'aren zu gross, als dass die menschliche Natur — selbst unter Puritanern — den Lockungen auf die Dauer hätte widerstehen können“ (Rudolf). Erst gegen Ende des 18. Jahrhunderts kam es — namentlich aus den Reihen der Geistlichkeit — zu einer ener¬ gischen Opposition gegen den gefährlichen Missbrauch des Schnapses. Benjamin Rush aus Philadelphia schrieb 1785 eine pathetische Schrift gegen das gebrannte Wasser. Es ist jedoch fraglich, ob diese Anti¬ alkoholbewegung einen nennenswerten Erfolg gehabt hätte, wenn ihr nicht von anderer Seite eine neue Bewegung zu Hilfe gekommen wäre: das ist die grosse Bewegung zur Abschaffung der Sklaverei. Es ist nicht ohne Interesse zu erfahren, dass der erste Gründer eines Vereins gegen die Unmässigkeit, Rev. Lytnann Beecher (1813), der Vater jener Schriftstellerin Harriet Beecher -Stowe ist, deren be¬ kannter Roman „Uncle TonYs Cabin“ (1852) zur Aufhebung der Sklaverei im ganzen Bereich der Vereinigten Staaten zweifellos wesent¬ lich beigetragen hat. Beechers Verein zählte schon 1833 eine Million Mitglieder in 6000 Ortsvereinen (bei einer damaligen Gesamtbevölke¬ rung von 13 Millionen). Die amerikanischen Kirchen nahmen, unter¬ stützt von den amerikanischen Frauen, den Kampf gegen d Stunden dauern und häufig 9—10 Sitzungen notwendig sind. E. H e n r a r d - Königsberg: Verletzung des kindlichen Schädels infolge Rigidität des Muttermundes. . Zwillingsgeburt. Das erste Kind hatte infolge des zu unnachgiebigen Muttermundes einen 1 — 2 cm breiten, kranzförmigen Wundstreifen um den Kopf, es ging 8 Tage p. p. an dieser Wunde zugrunde. Das zweite Kind, das 7 Stunden später durch Extraktion am Fuss entwickelt werden sollte, wird vom Muttermund festgehalten, so dass der Kopf nicht entwickelt werden konnte und das Kind abstirbt. Bei der später notwendig werdenden Lösung der Nachgeburt zeigt sich der innere Muttermund kaum für 3 Finger durch-, gängig und absolut dehnungsunfähig. A. K 1 o p s t o c k - Berlin : Familiäres Vorkommen von Zyklopie und Arrhinenzephalie. Die Eltern der beschriebenen Missgeburten sind Vetter und Base. Erstes Kind 1913, Missbildung. Zweites Kind 1914 gesund, aber mit auffälliger Gesichtsbildung. Hohe Stirn, eingesunkener Nasenrücken und flache Nase. 1915 Abort. 1918 und 1919 je eine Missbildung, die beide ausführlich pathologisch-anatomisch beschrieben werden. Die eine ist eine Zyklopie mit Nebennierenmangel, die andere ein Kebozephalus mit Ren arcuatum. K o 1 d e - Magdeburg. Zentralblatt für Gynäkologie. 1922. Nr. 2. L. S e i t z - Frankfurt a. M.: Ueber die Benennung der Menstruations- unregelmässigkeiten. I Verf. schlägt als zweckmässige Bezeichnungen vor: Algomenorrhöe = schmerzhafte Periode, Dysmenorrhöe — schlechte Periode, Algodysmenor- rhöe = kombinierte Form. Diesen Störungen in der Empfindung stehen folgende Störungen in der Blutung gegenüber: Amenorrhoe = fehlende Blu¬ tung. Oligomenorrhoe = zu schwache Blutung, Polymenorrhoe — zu starke Blutung. Proiomenorrhöe = die frühzeitige, in zu kurzen Zwischenzeiten auf¬ tretende, anteponierende Periode, Opsomenorrhöe = die zu spät, post- ponierende Periode. Th. v. Jaschke und Rud. Salomon - Giessen: Zur Fluorbehandlung mit Bacillosan. Das Bacillosan besitzt keine Konstanz und ist in der bisher im Handel üblicheri Form für die Praxis ungeeignet. Die biologischen Grundlagen der von L o e s e r inaugurierten Fluorbehandlung bleiben durch die Unter¬ suchungen der Giessener Klinik unberührt. P. v. Kubinyi und B. Johan-Pest: Gumma syphiliticum ovarii. positiver Spirochätenbefund. Der Fall ist eine knotig-gummöse Syphilis im Ovarium, wo im Gummi¬ knoten Spirochäten mit Levaditifärbung nachgewiesen werden konnten, und vielleicht der erste in der Literatur. Olga S t e n d i n g - Beuthen (O.-Schl.): Beitrag zur Vaginoplastik. Die Verfasserin tritt warm für die Mastdarmmethode ihres Lehrers Schubert ein und stellt zu Schuberts alten 33 Fällen 14 weitere zusammen. O. Fohr-Mainz: Zum hohen Geradstand. Kasuistik: Positio occipitalis sacralis mit Vorderhauptslage bei einer 26 jährigen I-para mit allgemein verengtem Becken, bei der nach völliger Eröffnung des Muttermundes der Kopf trotz guter Wehen keine Tendenz zeigte, spontan im Becken vorzurücken. Aug. N e 1 i u s - Mainz: Zur Aetiologie des tiefen Querstandes. Schilderung von 3 Fällen, in denen die Kürze der Nabelschnur und ihre feste Umschlingung um den kindlichen Hals mit grosser Wahrscheinlichkeit als ätiologisches Moment in Frage kommt. Werner- Hamburg. Zeitschrift für Kinderheilkunde. 31. Band. 1. u. 2. Heft. Josef F r i e d j u n g - Wien: Beiträge zur Kenntnis der kindlichen Sexualität. Der Begriff des Sexuellen wird gewöhnlich zu eng gefasst und Fried¬ jung bezieht nach dem Vorgänge Freuds auch alle lustbetonten Trieb¬ befriedigungen, die nicht dem Zwecke der Selbsterhaltung dienen, in ihn hinein. Auch am Kinde sind diese „Partialtriebe“ (Freud) zu beobachten und ihnen widmet F r i e d j u n g, gestützt auf ein reiches Material, seine eingehende Untersuchung. Er unterscheidet drei Gruppen von Lustbefriedi¬ gung: 1. Autoerotik, die am eigenen Körper gesucht und gefunden wird und die früheste Zeit der Kindheit charakterisiert. Unter den „erogenen“ Zonen ist eine der vorzüglichsten der Mund, der zum „Ludeln“ kleiner und grösserer Kinder führt, ferner der Anus, auch die Fälle von Haut- und Urethralerotik gehören hierher. Endlich ist Onanie schon im Säuglingsalter häufig zu be¬ obachten. 2. Heteroerotik: Das Kind sucht andere, meist geliebte Personen zum Zwecke des Lustgewinnes sich dienstbar zu machen. Die häufigste Form solch einer Aggression ist das Suchen der Brustkinder, aber auch grösserer Kinder, bis in das 4. Jahr hinein, nach der Brust, nicht nur der Mutter oder Amme, sondern auch fremder Personen. Hierher gehört das Interesse der Kinder am Anblick nackter Körperteile, besonders an den Genitalien des anderen Geschlechts. Auch der Wunsch, von Erwachsenen des anderen Ge¬ schlechtes ins Bett genommen zu werden, hat hier seine Triebursache. 3. Psychosexuelles Verhalten: Schwärmerische Liebe und Eifersucht bis zu tödlichem Hass, letztere auch auf ein Tier, rangieren hierher; diese Liebe der Kinder den Eltern gegenüber bezieht sich auf den andersgeschlechtlichen, die Eifersucht auf den gleichgeschlechtlichen Teil. Fehlt Schamhaftigkeit dem frühen Kindesalter, so kann sie in einem späteren zum Exhibitionismus sich steigern und anderseits in der Pubertätszeit zu einer übertriebenen Schamhaftigkeit ausarten. Zahlreiche Beispiele aus der Praxis belegen die Ausführungen F r i e d j u n g s. Max Frank- Prag: Beitrag zur Biologie der weissen Blutzellen in der Neugeburtszeit und im Säuglingsalter. Das qualitative Blutbild der Gebärenden und des Neugeborenen zeigt grosse Aehnlichkeit, eine zwingende Folge der symbiotischen Abhängigkeit der Frucht von der Mutter. Dadurch entsteht das Bild der „Synkainogenese“ (K o h n). Durch Vermittlung der Plazenta werden dem Fötus Stoffe zuge¬ führt, wie sie der gravide mütterliche Organismus bildet. Diese üben auf verschiedene Organe des Fötus naturgemäss dieselben Wirkungen aus, wie auf die Organe des eigenen Körpers. Als Folgen dieser Wirkung sind Bildungen, wie z. B. Infiltration der Brüste, Produktion von Milch in denselben, Ver- grösserung des Uterus, Vergrösserung der Nebenniere beim Neugeborenen aufzufassen. Auch die besondere Zusammensetzung des Blutes in den ersten 3. Februar 1922. MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT. 173 Lebenstagen bezüglich seiner morphologischen Elemente, nämlich des Vor- wiegens des myeloischen Anteils des weissen Blutbildes muss als Synkaino- genesc angesehen werden. Mit dem Fortfällen der Ernährung durch die Plazenta muss sich dieses Blutbild aus demselben Grunde ändern, aus dem sich die synkainogenetischen Merkmale zuriickbilden. Diese Aenderung des Blutes setzt rasch nach der Geburt ein und vollzieht sich schneller als die Rückbildung anderer synkainogenetischer Erscheinungen. Die von F r a n k sog. postnatale Involution des myeloischen Systems lässt sich im qualitativen Blutbilde verfolgen und wird auf Grund des Materials der Universitäts- Kinderklinik in eingehender Darstellung aufgezeigt. Genaue Zählungen der verschiedenen Zellformen geben in tabellarischer Uebersicht ein genaues Bild für jeden Tag der „postnatalen Involutionsperiode“. .Frank kommt zum Schluss, dass das Blutbild um den 14. Lebenstag herum seine definitive jestalt annimmt. Arvid W a 1 1 g r e n - Upsala: Zur Symptomatologie und Pathogenese des Dedema scorbuticum invisibile. I Das in den letzten Jahren häufigere Vorkommen von Skorbut sowohl bei erwachsenen als auch bei Säuglingen hat zu einer wesentlichen Erweiterung ler Symptomatologie dieser Krankheit geführt. Waren früher nur die Skelett- /eränderungen und die hämorrhagische Diathese als die Charakteristika ge¬ wertet, so sind neuerdings die Blutveränderungen, die Kapillarwandschwäche nid die Herzdilatation beim Säuglingsskorbut als Legalerscheinungen erkannt worden. Einem anderen Krankheitsphänomen der älteren Literatur, der Störung des Wasserhaushaltes, hat W a 1 1 g r e n am Material der Universitäts- Kinderklinik in Wien (Vorstand Prof. Pirquet) seine eingehenden Unter¬ suchungen gewidmet (mehr als 20 Fälle). Beim Säuglingsskorbut findet eine vVasserretention im Körper statt, die sich von dem gewöhnlichen Oedem da- lurch unterscheidet, dass sie keine Fingereindrücke hinterlässt und sich nur lurch grosse Schwankungen des Körpergewichts manifestiert, für die eine indere Ursache nicht nachweisbar ist und die daher als Schwankungen des .Vassergehaltes gedeutet werden müssen. Gewichtsstürze sind am häufigsten während des floriden Stadiums der Krankheit zu beobachten, kommen aber luch nach Ablauf der klinischen Skorbutsymptome noch vor. In Ausnahme- ' äUen war manifestes Oedem zu beobachten. Zwischen diesem und dem atenden Oedem besteht ein wesentlicher Unterschied: beim latenten Oedem st die Störung des Wasserhaushaltes auf das intrazelluläre, assimilierte wasser beschränkt, bei klinischem Oedem ist die Assimilationsfähigkeit der .eilen herabgesetzt oder ihre Funktionsbreite schon überschritten. Bisweilen st das latente Oedem des Säuglingsskorbut klinisch nachweisbar durch den •ermehrten Turgor, die Abschwellung aber immer durch das Messband, wobei :s_ schwierig sein kann, das Oedem von periostalem Hämatom zu unter- cheiden Durch alle die erwähnten Beobachtungen, Oedeme während des lohestadiums der Krankheit, reparatorische Gewichtssenkung mit Ver- mnderung des Turgors, Harnflut und Abschwellung der Glieder, darf an- .enommen werden, dass bei den Barlowkindern eine Tendenz zur Auf- peicherung von Wasser im Organismus vorhanden ist. Oedeme bei Säug- ingen sind ungleich seltener als bei Erwachsenen renalen oder kardialen rsprungs. Ein grosser Teil ist alimentär bedingt, durch ungeeignete iahrung und durch geeignete Nahrung zum Schwinden zu bringen. So ver- ntasst bekanntlich eine zu lange verabreichte einseitige Kohlehydrat- rnahrung, besonders Mehlnahrung, bedeutende Wasseransammlungen im -orper. In der Anamnese skorbutkranker Säuglinge findet sich oft, aber doch lcnt immer, die reichliche Kohlehydratdiät und es wäre falsch, diese allein ir die Wasserretention beim Säuglingsskorbut verantwortlich zu machen — ahlreiche Krankengeschichten und Gewichtskurven illustrieren Wallirrens .usfuhrungen. es Neugeborenen * * Z " Erankblrt a- M-: Die traumatische Gehirnerweichung lnJZLÜat aJ* *1? ,?ur ^ektion gelangten Neugeborenen systematische suchungen des Gehirns angestellt. Sie betrafen frühgeborene und aus- (etragene Kinder, die während oder kurz nach der Geburt gestorben waren dAbls Z“ ™ehreren Monaten gelebt hatten. In 105 Fällen konnten aus- edehnte Schädigungen: piale und mtrazerebrale Blutungen und auch Er¬ ziehungen m der Gehirnsubstanz festgestellt werden. Die Schädigungen "A“ ln e’ner charakteristischen Anordnung anzutreffen und ihr Stadium angt ab von der seit der Geburt verflossenen Zeit. Die Ursachen dieser chadigungen sind die Druckdifferenzen, denen der vorliegende Teil während er Geburt ausgesetzt ist und es entstehen die für die Lage der Frucht so Sr^VM/n^dr^Ckver?nderun-n’ bei Schädellagen die Kopf- . Kephalhamatom, die pialen und intrazerebralen Blutungen, iressi™ evi ®nt.sprechend deJ Geburtslage. Die Folge sind ganz typische Veränderungen; anfangs nur aus Fettkörnchenzellen bestehende ,• je Her das Kind w‘rd. um so mehr Zellen erscheinen, die 1t “ etl’ d‘e *?erA grenzen und durchspinnen. Im Endstadiurn ; et man eine aus derbem Gewebe bestehende Narbe. — Die von . 'm dah.re 1867 beschriebene „Encephalitis interstitialis neo- eburtTtnnmq nai?h den Untersuchungen von Schwartz ein durch das .hn™ir - hervorgerufener Erweichungsprozess im Gehirn Neu- ' r£Ar' Geburtsschadigung des Gehirns findet viel häufiger statt als A blshA an^ea°mmen hatte In der überwiegenden Mehrzahl der von ■hwärhe“ fanA 61-5 A e von ”TotSeburt“. „Asphyxie“, „Lebens- •tiwache fanden sich typische anatomische Befunde, so dass Zustände, wie erden ”in vfp^n^F ’u”AaPhyr ’ ”Atrophie“- „Lebensschwäche“ bezeichnet srursacht sind F dUrCh traumat‘sche Gehirnschädigung bei der Geburt i‘ckeM(MoZnwIefnfieckeeb)er. ^ morpho,ogische Bedeutung der blauen Geburts- reu?le!Lan^b°renen bIäul.ichen Pigmentflecke, die meist in der Haut der on n ^elssgegend sitzen, werden am häufigsten an Kindern der ,5 , Rasf beobachtet, bei den Japanern in 99,5 Proz. der Kinder, , I A aber. a^!’ ,be‘ Klndern der kaukasischen Rassen vor. Zar fl hat was b“b“"te'- * c “ Be"ra' z" Pro,!nose iivStfmcZtB-aSf An.,M?Arial von 78 Pallen von Pleuritis der Wiener S “ (Vorstand : Prof. Pirquet), von denen 39 nach- d mm c m konnten, z. T, bis zürn 19. Lebensjahre, kommen die dere ^tiMo^iAAmfA pf a'le . Pleuritiden der Kinder, bei denen eine aere Aetiologie (Sepsis, Rheumatismus, Infektionskrankheiten) nicht sicher I nachzuweisen ist, als tuberkulöse aufztifassen sind. Von den 39 nachunter- 1 suchten Fällen zeigten 41 Proz. völlige Ausheilung, 38 Proz. nur sehr geringe Reste, 10 Proz. mittelschwere bis schwere Veränderungen. Narbige Ver¬ änderungen nach Pleuritis sind noch nach vielen Jahren einer weiteren Rückbildung bis zum völligen Verschwinden der Veränderungen fähig. Die Prognose der kindlichen tuberkulösen Pleuritis ist demnach iin allgemeinen als gut zu bezeichnen. Zahlreiche Krankengeschichten gewähren genauen Einblick in das zugrunde liegende Material. Charlotte Steinkopf: Das Auslöscliphänomen bei Scharlach. Das Auslöschphänomen besagt, dass nach Intrakutanisierung normalen menschlichen Serums das Scharlachexanthem in der Umgebung der Injektions- Quaddel (ca. handtellergross) verschwindet, „ausgelöscht“ wird und während der ganzen Dauer des Exanthems nicht wieder erscheint. Mit Hilfe dieser Methode müsste es möglich sein die Diagnose Scharlach mit Sicherheit zu stellen bzw. abzulehnen. Das Serum eines Scharlachrekonvaleszenten hat 3 Wochen lang seit Beginn der Erkrankung diese Fähigkeit nicht. Demgemäss lässt sich eine direkte und indirekte Methode in Anwendung bringen. Ver- fassenn hat am Kaiser- und Kaiserin-Friedrich-Krankenhause in Berlin (Leiter Prof Fmkelstein) diese Methoden geprüft und ist zu folgenden Re¬ sultaten gekommen: Bei Anwendung der direkten Methode zeigte sich in 29 von 34 Fallen ein ausgesprochenes Auslöschphänomen, in 5 Fällen versagte die Probe, bei Anwendung der indirekten Methode waren die Resultate noch günstiger. Da also Versager Vorkommen, so müssten gegebenenfalls in praxi ev. beide Methoden in Anwendung kommen. — In Betreff der Ursache des Ausloschphänomens neigt Ch. S t e i n k o p f dahin, die Auslüschung als eine antitoxische Wirkung des Normalserums auf das in der Haut des Kranken befindliche Virus bzw. Toxin zu erklären. v. Schrenck - München. Monatsschrift für Kinderheilkunde. Band XXII. Heft 1 ti. 2. Ho Wilhelm Kno e p f elmacher nud Clara K o h n: Untersuchungen über den üallenfarbstoff beim Ikterus neonatorum. r, Blat des Fötus enthält schon grosse Mengen von Gallenfarbstoff. Das Material für denselben kann dem mütterlichen Blute entstammen. Der Gallenfarbstoff beim Neugeborenen erweist sich als anhepatisch im Sinne von Hnmans van den B e r g h. Für die Annahme eines Stauuifks- lkterus besteht kein Anhaltspunkt. Kindern ° Tezner: Ueber Liquorbefunde bei kongenitalsyphilitischen Poro,?oi,l^andywSCbe Reaktion ging stets der Nonneschen parallel; eine Parallelität zwischen den übrigen Reaktionen liess sich nicht feststellen. Viel olter als bei Erwachsenen findet sich positiver Wassermann, oft sogar als emzige Veränderung im Liquor. Der Liquor zeigt sich bei einem verhältnis¬ mässig hohen Prozentsatz von Säuglingen affiziert; doch gehen die Ver¬ änderungen rasch zurück und lassen sich nicht auf eine dauernde Schädigung des Zentralnervensystems beziehen. mif RitcoJciH U 1 nAr: U^b6r lin Samiliar auftretendes letales Krankheitsbild mit Blasenbildung (Pemphigus hereditarius). nworoo hA?el!i Slch. am ein, eigenes Krankheitsbild (teilweise tiefgehende Ulzerationen), das mit der echten Epidermolysis nichts zu tun hat. rungen bei6 Kindern160^ anfa,lsweise auftretende vegetativ-neurotische Stö- cvm„EltrerSrltS sympathikotonische Erscheinungen, anderseits Zeichen para- torTsrh^ Voer • ErregUng und. Lähmung. Verantwortlich dürften innersekre- torische ^Vorgänge sein. Die Zutsände gehen meist unter der Diagnose „ namie , „Nervosität ‘ und ähnlichen Verlegenheitsbenennungen Pflegerin. 6 U S s: Einige Bemerkungen über den Unterricht der Säuglings- j D.er theoretische Unterricht soll auf das Notwendigste eingeschränkt wer- Ärep?*fe*Hen das„praktische Lehrgebiet erweitert werden und zwar einerseits durch Vervollständigung des zur Beobachtung gebotenen Kinder- S 'Sntmlri"8!11’ Säuglingsfürsorgestelle, Kinderkrankenambulanz tn dForkm ! nPC b M ’■ anderseits durch Vervollständigung des Lehrstoffes A,- , I r- A Überblicks über alle gangbaren Nähr- und Pflegemethoden der verschiedenen pädiatrischen Schulen. B nA* E!n Eal1 Jvon Hauttuberkulose (kutane Primärinfektion?). q , . Geschwür lag in der Rückenhaut und war wahrscheinlich durch bazihenri entstand en6 m 6 f gewöhnlichen Impetigoeffloreszenz mit Tuberkel- lingsaHer.KirSCh’HOf'fer: Zw Kasuistik der Nephritis Juetica im Säug- Tod unter Oedemen. Keine Sektion. c.. .?' B. e,ss.au: s- R o s e n b a u m, B. L e i c h t e n t r i 1 1: Beiträge zur Sauglingsintoxikation. I. Mitteilung. Einleitung eitrage zur der fallen in die Sommermonate. In vorhanden fein tFrei£ lA ltlol.oglsS)hes M°mePt »r den Sommerbrechdurchfall keit einer e x o fe n e n An Ai BrHstklnder)- Es besteht hier die Möglich- Eine Milch knnn „n-ii k°NbesiedeIung der oberen Darmabschnitte, eine milch kann noch einwandfrei erscheinen und doch bereits eine enorme dnAandfre e StA'ilN tenthalten:M ??on höchster Wichtigkeit ist deshalb die einwandfrei Sterilisation der Nahrung, wie sie in den Milchküchen aber vielfach nicht im Haushalt, erfolgt. Die primäre Störung bei den iurAhf n hfSt der..Durchfall, das primäre schädigende AgenSE also ein roge'tiw”™ nÄSSn"4* Moxibt'°" selb5' isl ei“ e,*'C 3- rhra°^eh“„p^ro<[S^‘i"-- Die Frage wird mit Ja beantwortet. Der genannte Bazillus führte mch vorausgegangener Angina zu einer schweren Sepsis mft SiaSSKtSS Kindesalter. * Zur D,ag,10se «"d Behandlung der Nasendiphtherie im \\n E^gänzung zu dem gleichen Aufsatz von H. 0 p i t z in H 2 d Zschr „Wir diagnostizieren Diphtherie nach dem klinischen Befund und lassen die mgnose nur sichern durch den bakteriellen Nachweis.“ Erfahrungen die im letzten Stand der Diphtherieepidemie in Deutschland gewonnen werden haben nur eine zeitliche, vorübergehende Bedeutung und SemäTs rfnd ‘ 'Et h's’i'lMi ai'S.n.“,r 6r"ic.h ""0 “lllich zutreffend werten.“ Racfiitisdiaenose. Klinischer und ana,„n,iseher Aus dem Umfange der Knorpelverdickung kann nicht auf die SeWere der rhachitischen Prozesse geschlossen werden. Schwere 174 MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT. Nr. 5. Erich Nassau: Lieber epidemiologische Beobachtungen und über abor¬ tive Masern im frühen Kindesalter. Der hohen Kontagiosität (im Sinne von S z o n t a g h) von Masern und Windpocken, wobei die Varizellen den Masern etwas nachzustehen scheinen, steht die geringe Uebertragbarkeit der Scharlacherkrankung gegen¬ über. Die Disposition zur Erkrankung an Varizellen und Masern ist im Spital beim Säugling und Kleinkinde stets vorhanden. Die abortiven Masern der ersten Lebensmonate werden genauer beschrieben. Theoretische Er¬ klärungsversuche derselben. W. Erfurth: Zur Kasuistik der Ohrmissbildungen (Fistula auris con¬ genita und Atresie des Gehörgangsl. Carl Lein er: Sammelreferat über die dermatologische Literatur des Jahres 1920. Referate. Heft 2. Enthält die Verhandlungen der 32. Versammlung der Deutschen Gesellschaft für Kinderheilkunde in Jena 1921. Vgl. Referat in d. Wschr. 1921, Nr. 31, S. 996. Albert U f f e n h e i m e r - München. Jahrbuch für Kinderheilkunde. Band 96. Heft 5. Er. Schiff und E. Stransky: Besonderheiten in der chemischen Zusammensetzung des Säuglingsgehirns. (Aus der Universitäts-Kinderklinik in Berlin.) Die Untersuchungen ergaben, dass der Wassergehalt des Gehirns mit steigendem Alter abnimmt, während im Laufe der Entwicklung der Lipoid¬ gehalt des Gehirns zunimmt; während beim jungen Säugling die Gehirn- Trockensubstanz nur etwa zu einem Drittel aus Lipoiden besteht, be¬ trägt dieselbe bei Erwachsenen etwa zwei Drittel derselben. Diese chemische Zusammensetzung des Gehirns beim Säugling ist für das Auf¬ treten von Quellungsprozessen eine recht günstige, hiermit dürfte die Krampf¬ bereitschaft im Säuglingsalter zum Teile Zusammenhängen, auch die Sym¬ ptome der zerebralen Rachitis mögen so ihre Erklärung finden. K. A. Zahn: Ernährungsversuche am Fistelhund. (Aus dem physio¬ logischen Institut [Prof. O.Kestner] und der Kinderklinik [Prof. H.Klein- Schmidt] der Universität Hamburg.) Aus den Schlusssätzen der Arbeit sei hervorgehoben, dass der Sekre- tioifsverlauf beim Duodenalfistelhund unter normalen Verhältnissen zwischen Kuhmilch, Buttermilch und Magermilch keinen nennenswerten Unterschied er¬ kennen liess. Bei hitzegeschädigten Tieren ist eine beträchtliche Herabsetzung des Salzsäuregehaltes im Magensaft festzustellen und kommt es bei Voll- und Magermilch zu einer abnorm 'schnellen Ausschüttung, während bei Butter¬ milch durch ihren Milchsäuregehalt keine Abweichungen von normalen Ver¬ hältnissen eintreten. Einfacher Eettzusatz (Butter oder Sahne) fünrt zu ab¬ normem Verdauungsablauf, nicht dagegen Buttermehlnahrung. Die weiteren — meist die Extraktivstoffe betreffenden Ergebnisse können hier unerwähnt Johannes Scho edel: Diphtheriebazillen in der Nase des Neugeborenen und älterer Säuglinge. (Aus dem Mütter- und Säuglingsheim [Oberarzt Dr. Schoedel) der Staat!. Frauenklinik Chemnitz [Dir. Prof. Dr. Krull]). Rudolph Spitzner: Die Prophylaxe und Behandlung der Diphtherie¬ bazillenträger im Säuglingsalter. (Aus dem Mütter- und Säuglingsheim der staatlichen Frauenklinik in Chemnitz-Altendorf.) Beide Arbeiten klären in dankenswerter Weise die noch immer in allerlei Widersprüchen verstrickte Frage der Di.-Bazillose im Säuglingsalter, zumal in Anstalten. — Da zu kurzem Referate nicht geeignet, sei eine zusammen¬ fassende Publikation der Ergebnisse in einer allgemeiner zugänglichen medi¬ zinischen Zeitschrift vom Ref. angeregt. Erwähnt sei hier nur die empfehlende Anwendung des Dipthosans in der Behandlung der Di-Bazilllenträger, in einer Lösung 1 : 5000, 1 — 2 stündlich mittels Pipette abwechselnd in jedes Nasenloch bis zu 5 ccm — cave, wegen der orangefärbenden Wirkung auf die Wäsche. 8 — 10 tägige Kur führt durchschnittlich zum Ziel. Hermann B r ü n n i n g - Rostock: Zur Frage der Tuberkuloseinfektion bei Kindern der Privatpraxis. Danach hat jeder 16. Säugling, fast jedes 4. Kind im Spielalter und fast jedes 2. Kind im Schulalter bereits eine Tuberkulloseinfektion durchgemacht. B. fordert zu energischen prophylaktischen und therapeutischen Massnahmen dieser keineswegs auf das Proletariat beschränkten Volksseuche auf. Literaturbericht, zusammengestellt von Hamburger - Berlin. O. Rommeli - München. Medizinische Klinik. Heft 2 und 3. E. Romberg: Ueber Nephritis. Fortbildungsvortrag. R. Schmidt: Zur Kenntnis der Aortalgien (Angina pectoris) und über das Symptom des anginösen linksseitigen Plexusdruckschmerzes. Schluss der Arbeit mit Darlegung der Differentialdiagnose, Prognose und Therapie. Umfrage über die neue Influenzaepidemie. Aus den ersten eingelaufenen Antworten ergibt sich, dass die Epidemie bis jetzt recht gutartig zu verlaufen scheint; Empyeme und Pneumonien ziemlich spärlich, stärkere nervöse Erscheinungen selten. Spezielle Pro¬ phylaxe ist nicht möglich; wesentlich ist die Vermeidung der bekannten In¬ fektionsgelegenheiten. Therapeutisch ist Bettruhe wichtig, empfehlenswert Aspirin und u. U. Chinin; Kreislaufschwäche muss energisch behandelt werden. H. Pette: Weiterer Beitrag zum Verlauf und zur Prognose der Ence¬ phalitis epidemica. Den mitgeteilten 6 Fällen war gemeinsam, dass sich die ausgesprochenen Parkinsonsymptome erst geraume Zeit, bis zu iVt Jahren, nach dem akuten Stadium, welches nie ernsteren Charakter gezeigt hatte, entwickelten, ln der Zwischenzeit waren alle Kranken für längere Zeit voll arbeitsfähig (und sind es später, d. h. jetzt, nicht mehr). Ob der Erreger noch nach so langer Zeitspanne als virulenter Keim und womöglich an Ort und Stelle vorhanden ist, bleibt vorderhand unklar. H. Full: Zur Purpurafrage. Beschreibung eines Purpurafalles, der sich wegen der Herabsetzung seiner Gerinnungszeit in vitro nicht glatt in das F o n i o sehe Schema ein¬ reihen lässt. Daraus geht hervor, dass die Kriterien von Font o nicht die be¬ hauptete Schärfe beanspruchen können. Im übrigen war die Milzbestrahlung in dem beschriebenen Fall nur von ganz kurzem Erfolg begleitet. D. Kling: Zur Kohlebehandlung der Ruhr. Der beschriebene Fall von Perforationsperitonitis nach Kohlemedikation bei Ruhr legt eine vorsichtigere Anwendung dieser Therapie nahe; denn sie bedeutet eine Belastung des kranken und schonungsbedürftigen Darmes sowie eine Steigerung der Obstipation und Retention. Ein allgemeinerer Gebrauch der Kohle sollte bloss da, wo die Methode wirklich leistungsfähig ist (Ver¬ giftungen, akute Gastroenteritiden, Cholera), erfolgen. Haggeney: Novasurol als Diuretikum. Die intramuskulären und intravenösen Novasurolinjektionen haben sich zur Hervorbringung einer stärkeren Diurese gut bewährt, vor allem bei Herzaffektionen. Bei Nephritiden ist Vorsicht geboten. K. Wohlgemut h: Multipler Leberechinokokkus. Zweimalige Operation (Marsupalisation) bei dem 15 jährigen Mädchen brachte Heilung. Axmann: Ein kleiner Apparat für Hochfrequenzbehandlung. R. Höppli: Ueber Diagnose und Behandlung der Darmbilharziose. Heilungserfolg durch intravenöse Brechweinsteininjektionen; Komple¬ mentbindungsreaktion mit Leberegelextrakt war positiv. K. Blüh dorn: Die alimentäre Intoxikation. Nr. 3. A. ßuschke und E. Langer: Die Gonorrhöe als chronische Er¬ krankung. Klinischer Vortrag. Hervorzuheben ist, dass die Verfasser die Therapie mit frischer, aus einem oder mehreren Stämmen hergestellter Vakzine für aussichtsvoll und für besser als alle anderen Vakzinationsmethoden halten. E. Romberg: Ueber Nephritis. P. Horn: Aufklärung, Suggestion und Abfindung bei Unfallneurosen. Die rationellste Heilmethode bei nicht organisch komplizierten Unfall¬ neurosen ist die Beseitigung der Schadensersatzansprüche durch einmalige Kapitalabfindung, zweckmässigerweise vorbereitet durch vernünftige Auf¬ klärung des Patienten, in geeigneten, allerdings recht seltenen Fällen auch durch Suggestionsbehandlung; letztere Methode macht nur ausnahmsweise die Abfindung überflüssig. Umfrage über die neue Influenzaepidemie. Aus den heute vorliegenden Antworten haben sich wesentlich neue Ge¬ sichtspunkte nicht ergeben. Allerdings sind auch schwerere Fälle (Meningitis, Herzstörungen, Zusammenhang mit schwerer Appendizitis) zur Beobachtung gelangt. Für die Therapie empfiehlt sich unter Umständen ein Versuch mit Grippeserum oder ..Grippeimpfstoff“. E. Schmidt: Resultate der einzeitig kombinierten Salvarsan-Sublimat- Behandlung der Syphilis. Die Vorteile besagter Behandlung liegen in der Schmerzlosigkeit, der guten Verträglichkeit und der energischen Wirkung. Die „Linserkur“ ist besonders geeignet auch für die Behandlung hereditär-luetischer Säuglinge. F. Klein: Ueber einen Fall von linkseitiger Rekurrenslähmung bei einem Mitralvitium. Beschreibung eines solchen Falles, dessen Sektion neben dem Vitium eine Perikarditis ergab, die zwar nicht direkt auf den Nerven Übergriff, aber durch eine gewisse Fixation des Herzens die Druckwirkung des vergrösserten Vorhofs auf den Nerven mehr zur Geltung brachte. H. Vollmer: Ueber Bewegungs- und Reflexeigentümlichkeiten bei amyostatischer Enzephalitis. Krankengeschichte eines Falles. Chr. Stoeber: Die Vasogene in der Dermatologie. Wegen ihrer guten Emulsions- und der damit verbundenen Resorptions¬ fähigkeit sind die Vasogene als Salbengrundlagen empfehlenswert und durch¬ weg reizlose Präparate. E. Pulay: Vagotonische Manifestationen an der Haut als Ausdruck uratischer Diathese. Verf. regt an, in dem von ihm mehrfach beschriebenen System von Urtikaria, angioneurotischem Oedem, Pruritus und Ekzemen die Verhältnisse des Harnsäurestoffwechsels zu prüfen. E. Tobias: Herzkrankheiten und physikalische Therapie. Für die Praxis. S. . Deutsche medizinische Wochenschrift. 1921. Nr. 51 u. 52. F. L u s t - Karlsruhe: Ueber die Beeinflussung der postenzephalitischen Schlafstörung durch temperatursteigernde Mittel. Die nach Encephalitis epidemica schon bei Säuglingen zu beobachtende schwere Schlafstörung, welche durch die gewöhnlichen Schlafmittel nicht be¬ seitigt werden konnte, wurde durch intramuskuläre Milchinjektionen günstig beeinflusst, aber nur dann und solange, als eine Temperaturerhöhung eintrat. A. Alexander - Berlin: Ueber Encephalomyelitis epidemica, ihre Formes Srustes und ihre Behandlung. Bei den unausgebildetenFormen finden sich neben den Infektionen der oberen Luftwege und des Darmes sowohl zu Beginn als gegen Ende der Erkrankung mehr weniger schwere Störungen des Zentralnervensystems: heftigste Kopf¬ schmerzen mit oder ohne Nackensteifigkeit, Lähmungen einzelner Augen¬ muskeln, des Fazialis, Vagusstörungen mit schweren Spasmen am Pylorus, j Kolon, Rektum (Verwechselung mit Appendizitis oder Cholezystitis!), nervöse Herzstörungen, Aufregungszustände. Therapeutisch wurden in einer Reihe von Fällen Erfolge mit Eukupin und Vuzin erzielt.- R. D a c k a u - Danzig: Ueber halbseitige Atemstörung bei positiver Hemiplegie. Im Verlaufe einer luischen Endarteriitis kam es zu einer Blutung oder Verstopfung im Bereiche der linken Medianarterie der frontalen Brücke, die sich klinisch in einer rechtsseitigen Hemiplegie nicht nur der Extremitäten, sondern auch der Interkostalmuskeln und des rechten Zwerchfelles äusserte. \ O. Stahl- Berlin : Ueber die postoperative Leukozytose. Als Ursache für die postoperative Leukozytose ist die parenterale Re¬ sorption von Eiweiss sowie eine trotz aller aseptischen Vorkehrungen ein¬ tretende geringe Infektion der Wunde anzusehen. Fr. J. K a i s e r - Halle a. S.: Erfahrungen' mit Yatren in der Chirurgie. Als Vorzüge des Yatren werden hervorgehoben: örtliche Reizlosigkeit und allgemeine Ungiftigkeit, Wärmebeständigkeit, Geruchlosigkeit, blutstillende und desodorisierende Wirkung, Leistungssteigerung der Gewebe im Wund¬ gebiete, besonders kräftige Wirksamkeit gegen Pyozyaneus. Seine Wasser¬ löslichkeit bedingt rasche Resorption, weshalb das Mittel öfters erneuert werden muss. A. Böttner und G. Werner - Königsberg: Ueber Duodenalspülungen bei der perniziösen Anämie. In 6 Fällen, die bislang auf alle mögliche andere Weise behandelt worden waren, konnte durch die Duodenalspülung mit 5 proz. Magnesiumsulfatlösung MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT. 175 I Februar 1922. j günstiger Erfolg erzielt werden, der allerdings nur auf einer Ausschwem- :11g giftiger Stoffe aus dem Darm basiert; es handelt sich hierbei also 'glich um eine symptomatische Therapie. S t ei n b r i n c k - Breslau: Beber die Behandlung hämolytischer Anämie Kollargol. Schon 4 Tage nach Beginn der Behandlung konnte eine fortschreitende ■serung beobachtet werden, die jedoch infolge einer Grippe trotz fort- etzter Behandlung wieder einer Verschlechterung wich. K 1 e s t a d t - Breslau: Der lymphangitische Gaumenabszess der oberen ntzähne und seine Folgen. Kleine, sagittal gestellte, längliche, subinukös gelegene Abszesse einige Jimeter hinter den Schneidezähnen am harten Gaumen verdanken ihren prung zumeist dem seitlichen Schneidezahn, mit de msie jedoch nicht in littelbarem Zusammenhänge stehen. Da der spontane Durchbruch wegen Derbheit der Schleimhaut selten ist, besteht die Gefahr der Knochen- ichmelzung und des Durchbruches in die Nase oder die Kieferhöhle. A 1 k a n - Berlin: Jejunostomie bei Magenleiden. Die Jejunostomie erfüllt am gründlichsten die Forderungen jeder Ulcus- -apie: Schonung und Ruhigstellung des Geschwürs. Sie wird bei älteren Ösen, perforierenden Magengeschwüren, besonders den kardianahen, bei irfachen und stark blutenden Geschwüren der Resektion als gleichwertig Heilwert erachtet. Bei frischer Verätzung der Speiseröhre und des Magens ■ie beim totalen Magenkarzinom mit Pylorusverschluss kommt sie allein Betracht. R e h b e r g- Tilsit: Zur Frühdiagnose des Typhus. Zugleich ein Beitrag Hämatologie des praktischen Arztes. Das Verschwinden der Eosinophilen und das Heruiitergehen der Leuko- ;nzahl auf 2000 und weniger gestattet auch in- solchen Fällen eine Diagnose. die klinischen Erscheinungen etwa infolge vorausgegangener Typhus¬ fungen unklar sind. R. Oppenheimer - Frankfurt a. M. : Tuberkulosenachweis durch ver- zten Tierversuch. Durch intrahepatische Impfung sowie durch Einspritzung grosser imentmengen in den oberen Bauchraum, wo Milz, Netz und periportale sen mit Sicherheit und schnell zur Erkrankung gebracht werden können, mg der Nachweis von Tuberkelbazillen in einer grösseren Reihe von en schon am 16. Tage. W. L a n g e - Döttingen: Ergebnisse von Tränensackoperationen nach t i. In 23 von 29 Fällen konnte Heilung mit vollständiger Wiederherstellung Tränenabflusses erreicht werden. R. Griesbach - Giessen: Ein neues Aesthesiometer. Nur an Hand der beigegebenen Figur verständlich. Gg. B. Gr über und E. K r a t z e i se n - Mainz: Ueber den Stand der chauungen vom Wesen der peptischen Magen- und Duodenalgeschwüre. Uebersicht. G. L e d d e r h o s e - München: Chirurgische Ratschläge für den Prak- r. Nr. 52. R. Otto und H. Munter- Berlin: Zum d ’ H e r e 1 1 e sehen Phänomen. Das d . ’ H e r e 1 1 e sehe Phänomen, bestehend in der Auflösung von Ruhr- terien in vitro durch Stuhlfiltrate von Ruhrkranken oder Ruhrrekonvales- :en, scheint von der Wirkung eines an allerkleinste Bakterienteilchen gfe- i denen Fermentes auszugehen. Eine therapeutische Verwertung steht ih aus. Rosenbach - Göttingen: Die Tuberkulinreaktion. Das Tuberkulin ist nicht das eigentliche Toxin der Tuberkulose, wirkt imehr lediglich aktivierend auf das überall im Körper des Tuberkulösen nreitete Zymogen des akuten Tuberkulosegiftes. Diese Aktivierung ist bt gleichbedeutend mit Antitoxinbildung. U. F r i e d e m a n n - Berlin : Herzmuskeltonus und metadiphtherische zlähmung. Wirkung der intrakardialen Adrenalininjektion auf die meta- iitherische Herzlähmung. In einem Falle schwerster metadiphtherischer Atonie des Herzmuskels mit jdykardie (Puls 12!) wurde durch intrakardiale Epirenaninjektion ('A mg) t sofortige Zusammenziehung des Herzens auf normale Grösse und Steige¬ rt der Herzaktion bis zu 140 Pulsen erreicht. Nach 15 Minuten trat wieder t vorige Zustand ein. Die Adrenalinwirkung wird dadurch erklärt, dass i:h Erregung der sympathischen Nervenapparate die erloschenen Reize der izganglienzellen ersetzt und dadurch der Tonus vorübergehend wieder- restellt wurde. W. A r n o 1 d i - Berlin: Die Regelung der Darmtätigkeit unter Mit- utzung kleiner Mengen von Atropin. Bei motorischen Störungen der Darmtätigkeit, gleichgültig ob sie auf Gischen oder atonischen Vorgängen beruhen, sind Gaben von V* mg >pin und weniger, nach Bedarf kombiniert mit Fol. Sennae oder Opium, ] guter Wirkung. Die Kombinationspräparate Sennatropin und Opatropin ■ Kaiser-Friedrich-Apotheke in Berlin (Karlstrasse 20 a) sind empfehlenswert. V. Schilling- Berlin: Das Blutbild als prinzipielles Untersuchungs¬ ei am Krankenbett. Polemik gegen Arneth. I..W. S c h w a r z - Berlin: Terpichinbehandlung chronisch entzündlicher ökologischer Erkrankungen. Mit Terpichininjektionen konnte eine rasche und weitgehende Ver- lerung entzündlicher Tumoren und Infiltrate erreicht werden, gleichgültig aie gonorrhoischen Ursprunges waren oder nicht. Auch die subjektiven diwerden besserten sich ganz wesentlich. E. G 1 a s s - Hamburg: Zur Frage der entzündlichen Geschwülste der nma. Unter der Bezeichnung einer „interkurrierenden subakuten Mastitis“ wird Krankheitsbild verstanden, bei dem zumeist in Hängebrüsten mehrere ic, sehr schmerzhafte Knoten zugleich mit Drüsenschwellungen am Ooralisrande auftreten. Nach Frangenheim bestehen Beziehungen zu iblen Nervenästen. E. A. M a r t i n - Potsdam: Ueber ein neues Antineuralgikum ..Veramon“. Veramon ist ein Kombinationspräparat und kommt in Tabletten von 0.2 in - Handel (S c h e r i n g). Seine analgetische Wirkung scheint derjenigen ■ Phenazetin, Pyramidon, Trigemin u. a. überlegen zu sein. L. B 1 o c h - Berlin : Die Auswahl der Augenschutzgläser. Im technischen Gebrauch ist neben dem Schutz gegen kurzwellige Strahlen i ein Schutz gegen langwellige Strahlen durch Augengläser erforderlich. Die zur Verwendung kommenden Gläser müssen auf ihre Schutzwirkung geprüft sein. G. Tugendreich - Berlin: Einige Lehren der Quäkerspeisung. J. H a u g - Scheidegg: Zur Technik der Urochromogenreaktion. 8 ccm klaren, nicht vergorenen Harnes werden im Reagenzröhrchen drei¬ mal mit Wasser verdünnt und in zwei Hälften geteilt. Zur einen Hälfte kommen 3 Tropfen einer frischen (unzersetzten) 1 prom. Kaliumpermanganat¬ lösung. Positiv ist die Reaktion bei grünlich-gelber Färbung der Probe, die sich auch bei mehrstündigem Stehen nicht verändert. H. Zeller- Schaulen: Spielen die Blutplättchen bei den Todesfällen nach der indirekten Blutübertragung eine Rolle? Das Zitratblut muss auf Agglutination und Zerfall von Plättchen geprüft werden; diese sollen gut erhalten, isoliert und pendelnd sein. Liebe- Elberfeld : Hautschädigung beim Neugeborenen durch Gono¬ kokken. Ausgedehnte Blasenbildung, in deren Inhalt Gonokokken in Reinkultur ge¬ funden werden. Heilung durch Betupfen der Wunden mit konzentrierter Höllensteinlösung. St. K. Mayer- Mainz: Ueber Hutchinson sehe Zähne. Bemerkung zur Arbeit von Davidsohn in Nr. 36 d. W. Messerschmidt - Hannover : Wie lassen sich starke Temperatur- Schwankungen in den Brutschränken mit Gasheizung vermeiden? Erforderlich ist ein durchwegs weites Gaszuleitungsrohr. H. G. C r e u t z f e 1 d t - Kiel : Die neueren Ergebnisse der hirnanatomi¬ schen (histopathologischen) Forschung für die Geisteskrankheiten. Uebersicht. G. L e d d e r h o s e - München : Chirurgische Ratschläge für den Prak¬ tiker. Baum- Augsburg. Schweizerische medizinische Wochenschrift. 1921. Nr. 52. Schweizerische Gesellschaft für Chirurgie, VIII. Jahressitzung. 1. Referate über die Chirurgie der Gallenwege. L. Michaud - Lausanne: La Lithiase biliaire. Zusammenfassende Darstellung des jetzigen Standes der Lehre von der Bildung der Gallensteine, der Diagnose und internen Behandlung, der Indi¬ kationen zur Operation. G. Hotz- Basel: Chirurgie der Gallenwege. Dem .Referat liegen die aus den letzten zehn Jahren gesammelten prak¬ tischen Erfahrungen von 42 Schweizer Chirurgen zugrunde, 1856 Operationen wegen Cholezystitis und Cholelithiasis und 192 Eingriffe aus anderen Ursachen, meist wegen Tumoren. Unsere Tabellen geben einen Ueberblick über die histologischen und bakteriologischen Befunde, Operationsweisen, Todes¬ ursachen, Komplikationen etc. Verf. bespricht ausführlich die Irrtümer der Diagnose, dei Technik, das Für und Wider der Ektomie und Stomie. Er tritt energisch für Frühoperation ein, so lange der Körper noch widerstands¬ fähig ist, vor dem 40. Jahr, und hofft, dass die Komplikationen, die jetzt die Operation noch gefährlich machen, vor allem die direkten mannigfachen Folgen der Steinbildung und chronischen Entzündung, damit vermieden werden können, so dass man allgemein zu günstigeren Resultaten kommt. K. H e n s c h e n - St. Gallen: Die Chirurgie der Gallenwege. (Funk¬ tionelle, bakteriologische und Röntgendiagnostik, Operationsphysiologie, ana¬ tomische und klinisch-physiologische Operationssicherungen.) Sehr ausführliche zusammenfassende Darstellung, in der Verf. besonders auch auf die direkte und indirekte Röntgendiagnostik eingeht (mit zahlreichen interessanten Abbildungen), auf die Funktion der Gallenblase und auf die Beziehungen zwischen Gallenblase und Magensekretion. Ein besonderes Kapitel widmet er der Stauungsgallenblase und den Anomalien der Gallenwege. E. V e i 1 1 o n - Richen: Courvoisiers Anteil an der Entwicklung der Chirurgie der Gallenwege. H. Jaeger - Zürich: Ueber Starkstromverletzungen. Verf. bespricht zunächst die allgemeinen Wirkungen des elektrischen Stromes auf den Körper, Stromstärke, Isolierung, Widerstände und beschreibt dann eingehend das klinische Bild: Allgemeinsymptome, Lokalsymptome (Ver¬ brennung, elektrogenes Emphysem. Epidermolyse, Oedem und Nekrose). Fernsymptome und den Verlauf mit seinen typischen Komplikationen (fort¬ schreitende Nekrose, Nachblutung, Infektion, Spätbilder). Zahlreiche instruktive Abbildungen. F o n i o - Langenau: Antethorakale Oesophagoplastik. A. J e n t z e r - Genf : Resection partielle de l’Humerus, Autographe. W. O d e r m a t t - Basel : Zwei- und Mehrteilung der Patella. R. Schweitzer: Ueber ein doppelseitiges, latentes, chronisches Pleuraempyem. Siehe diese Wschr. 1919 S. 631. G a s c h o u d - Lausanne : Appareil pour le traitement des fractures de l’humerus. L. J a c o b - Bremen. Oesterreichische Literatur. Wiener klinische Wochenschrift. Nr. ?. A. Kn e ucker - Wien: Anästhesie bei Zahnextraktionen. E. Petry-Graz: Ueber die für die Röntgenempfindlichkeit pflanzlicher Objekte massgebenden Bedingungen. G. Hofer- Wien : Ueber Ozaena. Fortbildungsvortrag. Eine wirkliche Heilung sah Verf. nur — in einigen Fällen — nach spezifischer Vakzinebehandlung eintreten. A. Czepa-Wien: Die Invaginatio ileocoecalis im Röntgenbild. Krankengeschichte. Abbildungen. Obduktionsbefund. F. Mandl- Wien: Ueber den M'astdarmkrebs. Bericht über 779 Fälle der H o c h e n e g g sehen Klinik. W. S m i t a 1 - Wien: Ein Fall von primärem Sarkom des Omentum majus. Krankengeschichte. Obduktionsbefund. R. Fleckseder- Wien: Ueber die Beziehungen zwischen Tvphus und Schilddrüse. F. hat beobachtet, dass beim Bestehen einer parenchymatösen Struma der 1 yphus meist günstig, öfters auch in kürzerer Zeit abläuft. Die Behandlung mit Schilddrüsenpräparaten zeigte bisher keinen deutlichen Erfolg. W. R o b i t s c h e k - Wien: Ein seltener mikroskopischer Befund im ausgeheberten Mageninhalt. Es handelt sich um das Vorkommen der Staublaus (Troctes divinatorius), welche als Verunreinigung der Nahrung in den Magen gelangte. Der Befund hat keine weitere klinische Bedeutung. 17h MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT. Nr. 5. R. K 1 i n g e r - Launen (Bern): Die Prophylaxe des endemischen Kropfes. Die systematisch (namentlich in den Schulen) durchgeführte Joddar¬ reichung, wozu sich am besten das mild wirkende Jodostann eignet, hat in verschiedenen Gegenden der Schweiz zu einem entschiedenen Rückgang des Kropfes geführt. K. fordert dieses prophylaktische Vorgehen für alle Kropt- gegenden. Wiener Archiv für interne Medizin. III. Band. Heit 1 tt. 2. E. G a i s b o e c k - Innsbruck: Experimentelle und anatomische Unter¬ suchungen zur Frage der Kältenephritis. . . , Durch direkte Abkühlung der Nieren lässt sich eine akute Nephritis erzeugen; bei 3 — 4° C entstehen neben den entzündlichen Veränderungen mehr degenerative in den Tub. contort., bei 9—10 mehr entzündliche Er¬ scheinungen am Gefässsystem; die Entzündung hat glomerulo-tubularen lypus. kann ausheilen. Splanchnikusdurchtrennung und Dekap^ulation hemmen den Eintritt der Entzündung nicht; die Dekapsulation bewirkt stellenweise eine traumatische Entzündung. Gleichzeitige oder vorhergehende Streptokokkose führt zur akuten interstitiellen Nephritis mit schweren Veränderungen an den Glomerulis und dem ganzen Parenchym. M K a h a n e - Wien: Die kutane Diagnostik innerer Krankheiten. Neben der Prüfung der H e a d sehen Zonen, vor welcher sie gewisse Vorzüge besitzt, stellt die Prüfung der sensiblen und vasomotorischen Reaktion der Haut mittels der vom Verf. ausgearbeiteten Galvanopa pation derzeit das exakteste und das praktisch verwertbarste Verfahren zur kutanen Diagnostik innerer Krankheiten dar. Beschreibung der Technik und der bezüglich der ein¬ zelnen Organe erzielten Ergebnisse. V. Kollert- Wien: Ueber die Verwertbarkeit des Münzenklanges (signe du sou) für die klinische Diagnostik. Der Münzenklang ist bei freiem Pleuraerguss stets, mehr oder wenigei deutlich ausgeprägt zu erhalten, durch richtige Wahl der Untersuchungsstelle auch bei abgesackten Ergüssen. Bei einem Seropneumothorax fehlte das Zeichen, ebenso bei einem gashaltigen, subphrenischen Abszess und bei dem grösseren Teil der Aszitesfälle. Bei grossen Aneurysmen ist das Zeichen an umschriebenen Stellen nachzuweisen. Zur Frühdiagnose kleinster Ergüsse ist es nicht geeignet. P. S a x 1 und R. Heilig- Wien: Ueber die Novasuroldiurese. Novasurol bewirkt eine sehr rasche Ausscheidung von Kochsalz und Wasser durch die Nieren. Durch Atropin und durch die Zufuhr grosser Kochsalzmengen wird diese Diurese zeitweilig zum Stillstand gebracht. Die Erfolge bei kardialem Hydrops, bei Nephrose und Leberzirrhose waren wieder¬ holt sehr gute. Eine Gegenanzeige bilden Fieber, Marasmus und die Glomerulo¬ nephritis. Energische Digitalisierung bereitet die Wirkung der Injektionen gut vor. . R. Strisower - Wien: Beiträge zur Frage des Ikterus mit besonderer Berücksichtigung der Duodenalsaft- und Serumuntersuchung. St.s Untersuchungen führen ihn zu einer näheren Unterscheidung der einzelnen Ikterusfornien. Der katarrhalische Ikterus ist nur da anzunehmeii, wo duodenitische Magen-Darmstörungen vorhergingen. Das Lebersekret er¬ wies sich als farbstoffarm und stets eiweissfrei. Direkt und indirekt positive Diazoreaktion, erstere beim Abklingen des Ikterus negativ werdend, die Hyperbilirubinämie überdauert lange die Galleabsperrung. Für eine Uiolan- gitis ist neben dem schweren Verlauf der Leber- und Milzschwellung auch die Albuminocholie charakteristisch, welche bei reiner Cholelithiasis fehlt. Krankheiten, die mit Blutstörungen verbunden sind (perniziöse Anämie, Malaria) und manche Formen der Leberzirrhose und luetische Splenomegalie zeigen erhöhten Bilirubingehalt des Serums, sehr hohe Gallefarbstoftwerte im Duodenalsaft, meist auch Albuminocholie. Die Bilirubinämie bei Pneumonie durfte teils auf Cholangitis, meist auf dynamischem Ikterus^ durch Storung der Leberfunktion beruhen. Der Ikterus syphiliticus charakterisiert sich durch die Aetiologie, die häufige Schwellung der Leber und Milz ohne Druck¬ empfindlichkeit, partiellen Abschluss wie bei Cholangitis, jedoch ohne Fieber, häufig Albuminocholie, direkte und indirekte Diazoreaktion. Der Salvarsan- ikterus (nur F r ü h ikterus) dürfte auf einfachen katarrhalischen Verände¬ rungen im Duodenum und den Gallengängen beruhen, während es sich beim echten Ikterus lueticus praecox wesentlich um eine Erkrankung der Leber¬ zelle und sekundäre Verstopfung der Gallenwege handelt. A. Edelmann und P. Sa xl- Wien: Ueber ein eigenartiges Krank¬ heitsbild; Kachexie und polyglanduläre Insuffizienz der Drüsen mit äusserer und innerer Sekretion. Drei Fälle, bei denen sich in verschiedener Kombination folgende Erschei¬ nungen fanden und bei denen, wie in ähnlichen leichteren Fällen, wohl der Hunger die hauptsächliche Ursache bildete: Atrophie der Zunge, Anazidität des Magensaftes, Fermentarmut des Magen- und Duodenalsaftes, hyperchrome An¬ ämie, Diarrhöen, Fettstühle, Osteoporose, Sklerodermie, unaufhaltbarer Krätte- verfall. , . . G. F e 1 s e n r e i c h - Wien: Ueber parakardiale Dämpfungsgebiete. S. Peiler- Wien: Zur Theorie des arteriellen Minimaldruckes und dessen Bestimmung. L. Hess- Wien: Ueber das Asthma cardiale und seine Beziehungen zum Lungenödem. _ , Aus der Erörterung über 9 Krankengeschichten seien nur einige Punkte liervorgehoben ; die wesentliche Beteiligung der Gefässe beim Lungenödem, ähnlich wie sie beim Zustandekommen des B r i g h t sehen Oedems zu be¬ obachten ist. Die Abhängigkeit paroxysmaler Dyspnoe mit vom Nerven¬ system beeinflussten Vorgängen an den Lungenarterien. Das Vorkommen von paroxysmaler Atemnot bei vereinzelten oder multiplen Veränderungen der feineren Koronarverzweigungen (Myomalazien am linken Ventrikel, meist an der Herzspitze. F. Kisch- Wien: Beiträge zur Kenntnis über die Ausscheidung des Harneisens. S. Peiler und R. S t r i s o w e r - Wien: Beobachtungen über die Schweisssekretion beim Menschen. Die schweissmindernde Wirkung von Zuckerinjektionen bei Tuberkulose wird bestätigt. Der Zucker wirkt antagonistisch auf zentrale Diaphoretika (Aspirin, Flor, tiliae usw.) und auch in geringerem Grade auf peripher wirkende (Pilokarpin, Physostigmin). Weitere Beobachtungen im Original. A. M ü 1 1 e r - D e h a m - Wien: Klinische Beobachtungen über Nieren¬ funktion und Blutdrucksenkung. Bei klinischen Fällen mit pathologisch niederem Blutdruck ergibt die Nierenfunktionsprüfung erhebliche Störungen der Wasserausscheidung und der Konzentrationsfähigkeit. „ R. Singer und H. W i n t e r b e r g - Wien : Chinin als Herz- und Gefässmittel. oder besscr Chinidin ist das beste Mittel bei _ Extrasystolic (kleinere Gaben) und beim Vorhofflimmern und Vorhofflattern (grossere Gaben). Das häufig wiederkehrende Vorhofflimmern bei schweren °^anis.cl^n. und Gefässleiden wird durch Chinin nicht wirksam beein.lusst, hier ist Digitalisbehandlung entschieden mehr am Platze. „Lht ru“ be" empfehlen sich bei länger dauernder, durch einfache Mittel nicht zu be¬ seitigender Tachykardie und gewissen pressorischen Gefässkrisen. Vorerst soll die Dosis von 0.5 g vorsichtigerweise nicht ube^chntten^ werden^. J Im Druck erschienene Inauguraldissertationen. Universität Greifswald. Oktober Dezember 1921. ? Brauer Karl: Ueber einen Fall von progressiver neurotischer Muskel- Laang°ehArthur: Zur Frage der Hitzebeständigkeit der gebundenen Antikörper. N e 1 k i Friedrich: Beitrag zum Problem des dauernden Fehlens der Pateliar- und Achillessehnenreflexe ohne nachweisbare Erkrankung des Nervig Sc bunkert Wilhelm: Ueber Stieltorsion im Bereiche der Adnexe des Uterus. . , Streppel Wilhelm: Ueber Opiummissbrauch. Vereins- und Kongressberichte. Gesellschaft für Natur- und Heilkunde zu Dresden. (Vereinsamtliche Niederschrift.) Sitzung v o m 7. N o v e'fflber 1921. Vorsitzender: Herr G r u n e r t. Schriftführer: Herr W e m m e r s. Herr Mann: Ueber Fremdkörper in den oberen Luft- und Speisewegen, Vortr berichtet über die Fremdkörperfälle, welche in den letzten Hl Jahren auf der Ohrenabteilung des Stadtkrankenhauses Dresden-Fnedricli- stadt zur Beobachtung kamen. . Die Oesophagusfremdkörper überwiegen an Zahl wie auch anderwärts. Es wurden entfernt; 5 Knochen, 2 Gräten, 6 Fleischstüeke, 11 Gebisse, ein grosses Stück von einem Teller, 4 Nadeln, 6 Münzen und je eine Brosc» mit Eisernem Kreuz und eine kleine Fahne aus Blei. - Von den 11 Gebissfällen starben zwei, beide waren vorher von anderer Seite mit der Schlundsonde behandelt worden. Technisch sehr schwierig war die Entfernung des fest eingekeilten Stückes Teller. Der Kranke kam erst drei Tage nach dem Unfall in Behandlung. „ , ^ Aus der Trachea bzw. den Bronchien wurden entfernt; 6 Knochen, ein Stück einer Gebissplatte, je eine Kaffeebohne, eine Holzperle, ein Stuck Laub- sägeholz, 2 Nadeln, eine Niete. Der letzterwähnte Fall durfte wohl die längste Verweildauer aufweisen, die von einem Fremdkörper in den Luftwegen be¬ kannt ist — 13 Jahre. Der Fall bot besondere Schwierigkeiten. Am Schluss wurden als Grenzfälle besprochen ein Kragenknopf, der im Oesophagus sass, aber Stenosenerscheinung in der Trachea verursachte um. eine vom Zahnarzt im Mund einer Patientin verlorene Nervnadel. Sie wai zunächst in den Kehlkopf geraten, dann von verschiedenen Aerzten gesuch) worden Trachea und Oesophagus wurden vergebens durchforscht. Endlici fand sie sich dicht vor der Wirbelsäule in der Tiefe der hinteren Rachenwand Mit der Spitze reichte sie bis an die Schädelbasis. Bei Behandlung der Oesophagusfremdkörper wurden die I raktikei dringend vor Anwendung der Schlundsonde oder ähnlicher Instrumente ge¬ warnt Bei Fremdkörpern in den Luftwegen soll man sich genau und wqfg vom Kranken oder dessen Angehörigen die Vorgeschichte erzählen lassen um dann nicht versuchen dem Pat. den Fremdkörper auszureden, wie es las immer geschieht, sondern ihn zum nächsten Facharzt schicken, von dem mal weiss, dass er die Tracheoskopie beherrscht. Aussprache: Herr K c 1 1 i n g: Fremdkörper finden sich häufiger in Mehl und gelangen ins Brot, z. B. entfernte er einen Nagel und einen Holz Splitter, der so verschluckt wurde und steckenblieb. Bei Oesophagusstcnosei bleiben kleine Fremdkörper stecken; so wurde mit -dem Oesophagoskoi entfernt einmal ein Kirschkern bei Karzinom und ein Pflaumenkern bei Vtfr ätzungsstenose. Einmal keilte sich ein grosses Stück Gänsefleisch mit Hau zwischen dem Hiatus des Zwerchfells und einer Kardiastenose ein, die »ich einmal erheblich war (mit dem Oesophagoskop entfernt). In einem andere! Falle durchstach ein mit einem grossen Stück Fleisch heruntergewürgte Knochensplitte'- den Oesophagus und machte eine Halsphlegmone trotz Durch passierens. Geeignete Auswahl der Fälle (glatte, abgerundete Fremdkörper und richtige Art der Ausführung (ohne. Gewalt) vorausgesetzt, erzielt min auch mit dem Münzenfänger Erfolge. Wichtig ist, dass das Instrument sie nicht festfängt, wenn die Extraktion auf Hindernisse stösst. Es muss tiefe geführt und unter Drehung um 90° unter rückwärts gebeugtem Kopf ai dem Fremdkörper vorbei wieder herausgebracht werden können. Es setz dies aber voraus, dass der Führungsstab keine ausgesprochene fixierte Krun: mung hat. Nicht immer ist ein Röntgenapparat zur Verfügung. Eine rasch Orientierung auf grössere, harte Fremdkörper ermöglicht eine vorsichtig Sondierung mit Olivensonde und Resonator nach C o 1 1 i n, unter Vermeidun: des Anschleifens an den Zähnen. Herr Panse: Der Vortragende hat keinen Fall erwähnt, in dem ci im Oesophagus festsitzender Fremdkörper durch das Einführen des Rourt und die Erweiterung der Speiseröhre zum weiteren Hinabgleiten gekonnt»' ist. Ich habe diesen Vorgang mehrfach beobachtet. In einem Falle hatte ic ein festsitzendes kleineres Gebiss gelockert und so gedreht, dass es weite hinabgeschluckt werden konnte. Es ist ohne Störung spontan mit dem Stuli abgegangen. .. , Herr Rieh. Hoffmann: Bei Fremdkörpern des Oesophagus können fl. Beschwerden, wenn nervöse Veranlagung vorliegt, den Fremdkörper un die von ihm etwa gesetzten Verletzungen überdauern. H. erwähnt in diese Hinsicht eine eigene Beobachtung. Februar 19 22. MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT. 177 - Herr Sommer: Die Anwendung der Schlundsonde ist gefährlich, auch .■weist sie gar nichts gegen das Vorhandensein eines Fremdkörpers. Herr Georg Hesse: Die Röntgenaufnahme kann bei Fremdkörpern, die eilt auf der Platte erscheinen, irreführen. Die direkte Skopie soll deshalb öglichst immer vorausgehen. Die auffallend gute Heiltendenz der durch den stsitzenden Fremdkörper erfolgten Gewebsschädigungen erklärt sich wohl iraus, dass sie ungenäht bleiben. Herr Wiebe hat auch mehrmals beim Einführen des Oesophagoskops remdkörper entgleiten und dann per vias naturales abgehen sehen. Herr Mann (Schlusswort): Der Münzenfänger ist auf alle Fälle zu ver- erfen. Wenn ich einen Fremdkörper in der Speiseröhre festgestellt habe ld die Möglichkeit habe, ihn nach oben herauszubefördern, so ziehe ich esen Weg vor anstatt ihn hinabzustossen. Aerztlicher Verein in Frankfurt a. M. (Offizieller Bericht.) Sitzung v o m 21. November 1921. Vorsitzender: Herr v. Wild. Schriftführer: Herr Grosser. Herr Schmieden: Demonstration eines operativ geheilten Falles von oncretio pericardii. Schmieden demonstriert einen Fall, bei dem er die Resectio peri- irdii wegen schrumpfender Pericarditis adhaesiva mit vollem Erfolg aus- hrte. Der 46 Jahre alte Patient erkrankte vor einem Jahre und wurde ifangs wegen Leberzirrhose behandelt. Von Prof. V o 1 h a r d - Halle wurde !e Diagnose: Concretio pericardii gestellt und Operation angeraten. Es be- anden bei dem Patienten die Erscheinungen von Herzinsuffizienz, Leber- auung, Aszites, ausgedehnte Oedeme, Hydrothorax, Zyanose, Venenstauung, ■ringe systolische Einziehung und diastolisches Zurückfedern der Thorax- and. Die Operation wurde vor 10 Wochen in folgender Weise vorge- immen: Turflügelförmiger Schnitt über der linken Brustseite mit der Basis ich dem Sternum. Resektion der 3., 4. und 5. Rippe mit Entfernung des eriosts. Die Pleurablätter wurden stumpf abgelöst und so eine Eröffnung :r Pleurahöhle vermieden. Das schwielig verdickte Perikard ist fest mit :m Herzmuskel verwachsen, so dass der Herzmuskel' in ihm arbeitet wie ne Hand in einem zu engen Handschuh (Reh n). Es wird das Perikard >m Herzen in 2/s seiner Zirkumferenz abgclöst wie die Schale einer Apfel- ne. Nach Befreiung des Herzens von der perikardialen Umklammerung tzt eine paroxysmale Tachykardie ein, die bald zu normaler Aktion zurück- •hrl. Es ist deutlich zu beobachten, wie die Aktion des Herzmuskels in rstole und Diastole ganz gewaltig ergiebiger wird. Bei dem schlechten llgemeinzustand des Patienten wird von einem plastischen Ersatz des erzbeutels (Klose) abgesehen. Die Brustwand wird durch Zurückklappen :s Weichteillappens wieder geschlossen. Der linke Phrenikus war in dem ichen, schwieligen Gewebe des Perikards nicht aufzufinden, so dass es veifelhaft ist, ob er geschont wurde. Die Durchleuchtung ergibt Stillstand ":s linken Zwerchfells bei zugleich bestehender Fesselung des Zwerchfells irch linkseitige Pleuraschwarte. Ein paradoxer Atmungstypus des Zwerch- lls ist nicht nachweisbar. Die Nachbehandlung, von Prof. Strasburg er itgeleitet, verlief ohne Störung; der Herzmuskel sprach jetzt auf Digitalis it an, die Herzkraft nahm rasch zu, Zyanose und Venenstauung gingen bald irück, eine genügende Diurese führte in kurzer Zeit zur gänzlichen Ent- ässerung. Oedeme. Hydrothorax, Aszites sind nicht mehr nachweisbar, it. ist jetzt bei geringen körperlichen Anstrengungen frei von Insuffizienz¬ scheinungen, macht kleinere Spaziergänge und Treppensteigen ohne Be- hwerden und kann in absehbarer Zeit seinen Beruf als Direktor einer auerei wieder übernehmen. Herr Schmieden: Magengeschwürsresektion und spätere Magen- nktion. Vortr. schildert in kurzen Zügen die Entwicklung der modernen Ghi- rgie des Ulcus ventriculi über die ursprüngliche Gastroenterostomie bis zu m ganz grossen Resektionen. Die Forderung der Stunde heisst: Ab- endung von der Resektion übergrosser Magenteile und Betreiben einer msalen Therapie, d. h. einer Therapie, die den heute als feststehend an¬ kannten ätiologischen Faktoren der Geschwürsbildung Rechnung trägt bei eichzeitiger Erhaltung einer funktionell günstigen Magenform. In diesem nne beziehen sich die Ausführungen des Vortragenden auf das Ulcus mit :m Sitz an der kleinen Kurvatur sowie auf die mit einer Sanduhrstenose nhergehenden Formen. Für das Ulcus am Pylorus wird die als servietten- ngförmige Resektion bezeichnete Operation auch weiterhin die Methode ;r Wahl bleiben. An einer Reihe instruktiver Zeichnungen weist Verf. nach, wie von den sherigen Operationsverfahren keines dem einer kausalen Therapie gerecht ird. Demgegenüber entwickelt er ein von ihm als treppenförmige Resektion ■zeichnetes Verfahren, bei dem unter weitgehendster Schonung der grossen arvatur die Geschwürsgefahrzone im Sinne A s c h o f f s (Magenstrasse) der Mitnahme des für die Entstehung eines Ulcus pepticum so bedeutungs- illen Pylprus entfernt wird. Es folgt unter Neubildung der kleinen Kurvatur irch fortlaufende Nahtvereinigung die Verbindung zwischen Magen und arm nach der Methode Billroth I oder II, für die, auch für die Wieder- '■rstellung der Hubhöhe des Magens, die G o e t z e sehe Modifikation emp- hlen werden kann. Diese Operation ist deswegen als kausale Therapie i bezeichnen, da sie einerseits die Geschwürsgefahrzone an der kleinen arvatur entfernt, weiter die Möglichkeit an die Hand gibt, durch mehr ■ler minder ausgedehnte Fortnahme von Magenwandungen die Hyperazidität ich Bedarf herabzusetzen, und da schliesslich auch eine ganze Reihe erotischer Reize fortfallen, durch dosierbare Resektionen der im kleinen :tz verlaufenden Vagusäste und Schwächung automatischer intramuskulär Jegener Ganglienzellenhaufen, die im Sinne v. Bergmanns in der leusgenese eine Rolle spielen könnten. Die mit der treppenförmigen Re¬ ktion erzielten Erfolge lassen erhoffen, dass sich die moderne Chirurgie imer mehr den durch diese Operationsmethode erfüllten Forderungen zu¬ endet. In der Diskussion äussert Herr Flörcken Bedenken gegen die eppenförmige Resektion des Magens, die ebenso wie die Exzision an der einen Kurvatur eine lange Narbe mit schwerer Schädigung der üefässe hafft und Disposition zum Rezidiv. Flörcken bevorzugt seit langen hren die Resektionsmethode nach Reichel, die eigentlich von Krön- i n stammt, und verfügt über gute Dauerresultate von 5 Jahren. Herr L. v. Friedrich: Ueber einige praktische Methoden der Mauen¬ diagnostik. v. Friedrich berichtet über weitere Versuche und Ergebnisse die er an der Med. Universitätsklinik Frankfurt a. M. (Dir. Prof. Dr. v. Berg¬ mann) mit dem Ehr mann sehen Alkoholprobefrühstück ausgeführt hat. Es hat sich dort sehr gut bewährt und eingebürgert. Die ausgeheberte Menge bei Normalen beträgt 30 — 80 ccm. Die Säure- werte fallen niedriger aus wie beim Boas-Ewald sehen Probefrühstück. Da die bis jetzt üblichen „Säurezahlen“ auch nur willkürlich gegen einen Indikator die lonenkonzentration wiedergeben, sind kleine Titrierungsunter- schiede nicht mehr von ausschlaggebender Bedeutung. Für die Praxis ist das Wesentlichste, ob die sog. freie Salzsäure (die keineswegs der aktuellen Azidität entspricht) normal, vermindert oder vermehrt ist. Zu diesem Zwecke empfiehlt er einen Apparat (Gastrazidoskop), mit welchem mittels einer Kongoskala in kürzester Zeit eine Orientierung über diese Verhältnisse auch dem Praktiker ermöglicht ist. Zur gleichzeitigen Prüfung der Motilität und Sekretion empfiehlt er am vorherigen Abend des Alkoholprobefrühstücks 2 g Karmin zu geben: grössere Reste weisen auf eine motorische Insuffizienz höheren Grades hin. Findet man nur wenig Karmin, so kann man daraus auf die Beschaffenheit der Magenschleimhaut Schlüsse ziehen. Für den Praktiker wird noch für den Fall, dass ihm keine anderen Mittel zu Probeabendessen zur Verfügung stehen, eine einfache überall durchführbare Probe empfohlen. Man gebe abends dem Patienten gekochte Kartoffel mit der Schale zu essen und in der Frühe soll der Magen gespült werden. Die Kartoffelschalen passieren beim Normalen, den Pylorus in spätestens 12 Stunden, jedoch bei Retentionszuständen nicht. Das Alkoholprobefrühstück hat noch seine Vor¬ teile, in seiner Klarheit und Eiweissfreiheit, wodurch alle Reste übersehen werden können. Am besten bewährte es sich aus diesen Gründen bei der Beurteilung von Gastritiden und motorischen Insuffizienzen verschiedenen Grades. (Demonstration des Alkoholprobefrühstücks, des Apparates und ver¬ schiedener Typen einiger mit Alkohol gewonnener Sekretionskurven.) Medizinische Gesellschaft Göttingen. (Offizielles Protokoll.) Sitzung vom 17. November 1921. Vorsitzender: Herr Kaufmann, Schriftführer: Herr v. Gaza. Herr Igersheimer: Neue Untersuchungen zur Syphilis des Auges. 1. stellte sich zur Aufgabe, die Beziehungen der Spirochäten zum Erkran¬ kungsherd am Auge und an der Seilbahn näher festzustellen, einmal um ganz allgemein Näheres über die Wirkung der Spirochäten zu erfahren und im speziellen die Entstehung der Keratitis parenchymatosa und der tabischen Optikusatrophie nach Möglichkeit aufzuklären. Aus Mangel an menschlichem Material wurde zum Studium der Keratitis parenchymatosa, die den Gegen¬ stand des heutigen Vortrags bildete, die experimentelle, metastatischc Kera¬ titis verwendet, wobei dem Verf. das grosse Tiermaterial: des Instituts für experimentelle Therapie in Frankfurt a. M, zur Verfügung stand. Unter 500—600 Syphilistieren konnte 54 mal eine Keratitis beobachtet werden, von sonstigen Bulbusveränderungen bestand nur gelegentlich eine geringe Iritis. I. unterscheidet nach seinen bisherigen Untersuchungen 3 Gruppen, die erste Gruppe umfasst die frischen Stadien mit beginnender Hornhauttrübung und Epaulettenpannus. Die Spirochäten wurden gar nicht oder nur in ganz ver¬ einzelten Exemplaren in dem entzündeten Theil der Hornhaut gefunden. Sie waren meistens in dem hinteren Drittel der klaren Hornhaut lokalisiert, ge¬ legentlich auch über die ganze Hornhaut verteilt. Die zweite Gruppe wird bis jetzt nur durch einen Fall dargestellt, bei dem die Keratitis 2 Monate alt und durch ein mächtiges Lymphozyteninfiltrat im zentralen Teil des Horn¬ hautparenchyms hervorgerufen war. Die Spirochäten waren hier nur im lymphozytären Infiltrat zu finden. Die dritte Gruppe umfasst ältere Stadien der Keratitis, klinisch durch tiefliegende Trübungen charakterisiert. Ana¬ tomisch lag diesen Trübungen eine Neubildung auf der Hornhauthinterfläche zugrunde, ganz ähnlich, wie sie auch beim Menschen beobachtet wird. Es handelt sich um Endothelwucherung mit Neubildung von endothelogenem Bindegewebe mit mehr oder weniger lymphozytärer, gelegentlich auch leukozytärer Infiltration; in einem Fall war ausgesprochene Nekrose in der hinteren Auflagerung zu beobachten, gelegentlich konnte eine Descemetruptur fesfgestellt werden. Neben dem bemerkenswerten anatomischen Befund war von besonderem Interesse, dass bei allen bisher beobachteten Fällen dieser Art, solange das Auge in einem Reizzustand sich befand, Spirochäten in giosser Zahl vorhanden waren, die nur in der Endothelwucherung, sonst weder in der Hornhaut noch im übrigen Bulbus beobachtet werden konnten. Die Resutate dieser Untersuchungen sind geeignet, auch bei der menschlichen Keratitis parenchymatosa die Spirochätenfrage von neuem wieder aufzurollen. Da die Spirochäten bei den verschiedenen Stadien der experimentellen metastatischen Keratitis fast immer in den hintersten Schichten der Hornhaut gefunden wurden, machte I. therapeutische Versuche mit Einspritzungen eines neuen Salvarsanpräparates in die vordere Augenkammer. Die Ergebnisse dieser Versuche bei Tieren sind bisher sehr günstige gewesen (Demonstration von Abbildungen). A ussprache: Herren v. Hippel, R i e c k e, Frensdorf. Herr Robert Meyer- Bi sch: Wasserhaushalt bei Tuberkulose. Es gibt bisher nur wenige unvollständige Untersuchungen, die sich mit dem Wasserhaushalt der Tuberkulose befassen. Und doch ist es eine von Klinikern und Pathologen immer wieder gemachte Beobachtung, dass das Gewebe tuberkulöser Leichen einen auffallend ausgetrockneten, wasserarmen Eindruck macht. In Uebereinstimmung hiermit deutet die Erfahrungstatsache, dass gewisse Fälle von Tuberkulose auffallend hohe Hb- und Erythrozyten¬ werte aufweisen auf die Möglichkeit des Zustandekommens einer Blutein¬ dickung im Laufe der Krankheit hin. In demselben Sinne spricht das ge¬ legentliche Auftreten einer Diuresesteigerung nach Tuberkulininjektion. Im Gegensatz hierzu scheinen jedoch die Versuche von S a a t h o f f zu stehen, der durch Tuberkulininjektionen anhaltende Gewichtszunahme — also Wasser¬ anreicherung — erzielen konnte. Eigene, zur Klärung dieser Widersprüche unternommene systematische Untersuchungen der Blutzusammensetzung und Wasserhaushalt bei Tuber¬ kulose ergeben, dass leichte Tuberkulosen keine Störung zeigen, dass aber im sog. zweiten Stadium die Blutzusammensetzung in der Regel ungewöhn¬ lich hohe Erythrozyten-, Hb.- und Serumalbumenwerte. aufweist, und dass endlich das dritte Stadium durch das kachektische Zustandsbild — Anämie, Hypalbuminose charakterisiert ist. Die Blutzusammensetzung im letzten 178 MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT Nr. 5. Stadium bietet im Hinblick auf den Allgemeinzustand dem Verständnis keine Schwierigkeiten. Die Eindickung des zweiten ist, wie aus der Wirkung einer Tuberkulininjektion (0,5—1 mg) geschlossen werden kann, bedingt durch den toxischen Einfluss des tuberkulösen Herdes. Eine derartige luberkulin- injektion kann, während sie den Wasserhaushalt des Gesunden völlig un¬ berührt lässt, am Tuberkulösen zweierlei Wirkungen entfalten: Entweder es entsteht eine Bluteindickung mit Gewichtsabnahme oder eine Blutverdünnung mit Gewichtszunahme. Der erstere Reaktionstypus, die sog. negative Wasser¬ reaktion ist durch eine Wasserausschwemmung verursacht. Der zweite lypus, die positive Wasserreaktion, ist der Ausdruck einer Wasseranreicheruiig des Organismus. Ein Vergleich mit dem klinischen Verhalten ergibt, dass leich¬ tere Fälle mit positiver, schwere Fälle mit negativer Wasserreaktion ant¬ worten. Die Blutveränderung der leichten Fälle, wird also durch die Injektion gebessert, die der schweren weiter verschlechtert. Eine Verwertung dieser Injektionswirkung des Tuberkulins für die klinische Diagnosenstellung kommt natürlich nicht in Frage. Auch dass sic allergischen Charakter hat, d. h. dass sie beim Gesunden nicht vorkommt, hat aus bekannten Gründen nur sehr begrenzte praktische Bedeutung. Hingegen stellt sie uns die Frage, ob nur das Tuberkulin imstande ist, einen derartigen Eingriff in dem Mechanismus des tuberkulösen Wasserhaushalts vorzunehmen. Von diesem Gesichtspunkt aus mit unspezifischen Substanzen allgestellte Versuche ergeben, dass Arsen (1 — 2 ccm Solut. Ziemssen subkutan) und einige Salze (2 ccm 10 prcz. Lösung von NaCl., Natr. bicarb. oder Zucker intra¬ venös) ganz ähnliche Wirkungen entfalten können. Während sie sich von dem Tuberkulin darin unterscheiden, dass sie am Gesunden und am Tuberku¬ lösen wirken, stimmen sie insofern mit ihm überein, als sie das Bild sowohl der positiven als auch der negativen Wasserreaktion entstehen lassen können und als sie die beschriebene Umstellung des Wasserhaushalts nach der einen oder anderen Richtung ebenso wie das Tuberkulin für eine längere Reihe von Tagen zu verursachen pflegen. Letzterer Umstand deutet auf eine Mit¬ beteiligung der Gewebe hin. Diese Annahme wird dadurch gestützt, dass die genannten kristalloiden Substanzen, in der erwähnten Menge intravenös gegeben, die Brustganglymphe des Hundes im Sinne einer Abnahme des prozentualen Eiweissgehaltes und der Ausflussgeschwindigkeit verändern. Diese Wirkung weicht stark von dem ab, was bisher (Heidenhain u. a.) über die Eigenschaften der Lymphagoga zweiter Ordnung, allerdings nach In¬ jektion erheblich grösserer Mengen, bekannt war. Es ist nun bemerkenswert, dass auch ein Lymphagogum erster Ordnung, das Pepton, Abnahme des Ei- weissgehaltes und der Ausflussgeschwiudigkeit der Lymphe verursachen kann, wenn es in genügend kleiner Menge gegeben wird, dass also in diesem Falle die Lymphagoga erster und zweiter Ordnung die geichen Veränderungen der Lymphe bewirken. Da auch Tuberkulin zu den Lymphagoga erstei Ordnung gehört, kann man annehmen, dass die Wasserreaktion auf den lymphagogen Eigenschaften des Tuberkulins beruht. Weiterhin hat damit der Versuch, das Tuberkulin in seiner Wirkung auf den Wasserhaushalt durch unspezifische Mittel der genannten Art zu ersetzen, eine experimentelle Grundlage erhalten, wenigstens was die wasseranreichernden Eigenschaften aller dieser Sub¬ stanzen betrifft. Dass sie auch i« entgegengesetzter Weise, also wasser- ausschwemmend, wirken können ist schon erwähnt worden. Diese Reaktions- art ist aber durchaus die Ausnahme. Die Annahme, dass sie als Anzeichen einer gestörten Wasserregulation aufzufassen sei, wird gestützt durch das Verhalten eines Falles von echtem Diabetes insipidus, bei dem die negative Wasserreaktion ausblieb, sobald der Patient unter Pituglandolwirkung stand. Danach wird es verständlich, dass die negative Wasserreaktion die Injektionswirkung von Tuberkulin geht auch in dieser Beziehung mit der der unspezifischen Substanzen vollkommen parallel nur in dem fortgeschrit¬ tenen Stadium der Tuberkulose gesehen wird, in dem die Störung des Wasser¬ haushalts schon eine solche Stärke erreicht hat, dass die genannten Injek¬ tionen nicht mehr reparativ, sondern nur noch verschlimmert wirken können. Anderseits leuchtet es ein, dass die Wasserverarmung eines weniger fort¬ geschrittenen Tuberkulösen durch die genannten Injektionen günstig beein¬ flusst werden kann. Im Verfolg dieser letzteren Feststellung wurde eine Reihe von Fällen in regelmässigen Intervallen mit Injektion von Natr. bicarb. oder NaCl — stets in der obenerwähnten Dosierung — behandelt. Der Erfolg entsprach durchaus den Erwartungen: Der Serum-Eiweissgehalt ging auf nor¬ male Werte zurück, das Gewicht nahm gleichzeitig ganz erheblich zu (Demonstration zweier Kurven). In einzelnen Fällen erschien es angezeigt, von Zeit zu Zeit die unspezifische Behandlung durch eine Tuberkulininjektion zu unterbrechen. , Die geschilderten Eigenschaften sind nicht einzig dem Tuberkulin und den krystalloiden Substanzen eigentümlich; es geht vielmehr aus einer grossen Reihe von Untersuchungen, über die noch zu berichten sein wird, hervor, dass die Wasserreaktion eine gesetzmässige Teilerscheinung des Vorgangs der sog. Protoplasmaaktivierung darstellt. Noch in einem weiteren Punkte ergeben sich aufschlussreiche Zusammenhänge, als die sog. protoplasmaakti¬ vierenden Substanzen gleichzeitig zu der von Heidenhain abgegrenzten Gruppe der Lymphagoga erster und — mit gewissen Einschränkungen - auch zweiter Ordnung gehören. Auf Grund dieser Feststellungen erscheint es lohnend, unsere bisherigen Kenntnisse über die Lymphagoga einer er¬ neuten Prüfung zu unterziehen. Aussprache: Herren Ebbecke, Handowski, E. Meyer, H e u b n e r, Göppert, R e i f f e r s c h e i d t. Verein der Aerzte in Halle a. 8. (Bericht des Vereins.) Sitzung vom 30. November 1921. Herr Grein berichtet über gehäuftes Auftreten von einer Art Ikterus catarrhalis bei Kindern. , ... . Herr Straub hat in der med. Poliklinik seit Juli 1921 sehr zahlreiche Fälle von Ikterus beobachtet. Vorwiegend handelte es sich um leichte Störungen. Der Ikterus war das einzige Krankheitsbild. Einzelne Fälle be¬ gannen mit schweren Allgemeinerscheinungen, hohem Fieber, Kopf- und Gliederschmerzen, Erbrechen, Anorexie, Pmstration und Depression ohne Organbefund. Der Ikterus erschien erst nach 3—4 Tagen. Vereinzelt fehlte der Ikterus, nur die Allgemeinsymptome sowie aussergewöhnlich starke Urobilinurie. event. geringe Bilirubinurie, gestatteten die Diagnose. Die schwersten Fälle verliefen wie milde Formen Weil scher Krankheit. Zerebrale Symptome und Neigung zu Blutungen wurden nicht beobachtet. Todesfälle sind nicht vorgekommen. An der infektiösen Natur kann bei dem epidemischen Auftreten kaum gezweifelt werden. Bakteriologische Untersuchungen waren negativ. Mit der Möglichkeit ist zu rechnen, dass als Erreger eine Lepto¬ spiraart in Betracht kommt, die vermutlich mit dem Erreger der Wtilselieii Krankheit verwandt, aber nicht identisch ist. Demonstration von Ab¬ bildungen der verschiedenen Spirochätenarten nach den Originalarbeiten von Noguchi und kurze Schilderung der Leptospirakrankheiten. Gelbfieber, W e i 1 sehe Krankheit, Rattenbisskrankheit und Siebentagefieber (Nanu- k a y a m i). , , , Herr Grote konnte in einem typischen Fall dieser Krankheit folgenden Ablauf feststellen: 10 jähr. Mädchen erkrankt ganz plötzlich mit Schüttelfrost und Fieber von 39.5". Am nächsten Morgen ein nicht u"e^he^11'<:herp ^ l tumor. Starke Urobilinreaktion im Harn mit Blut: 4,5 Mul. K.B.1L,, 6000 W.B.K., relative Lymphozytose. Fieber hält sich unter dauernd grossem Milztumor 5—6 Tage in mittlerer Höhe. Befinden stark gestört, haimg Er¬ brechen. Keine Schmerzen. Am 6. Tage wurden 3,4 Mill. R-B-K. und 6200 W.B.K. gezählt. Immer sehr starke Urobilinreaktion. Am 7. läge tritt Ikterus und deutliche Leberschwellung auf. ln den nächsten Tagen macht die Urobilinausscheidung einer starken G me 1 1 n ischen Reaktion Platz, der geformte Stuhl wird acholisch. Am 12. Tage 2,6 Mill. R. ■ ' Starker Ikterus, der etwa vom 14. Tage ab abzubauen beginnt Wahrend de, Ikterus ganz, leichte Albuminurie, ohne Sediment. Langsame Rekonvaleszenz Der Milztumor ist noch bis zum Verschwinden des Ikterus zu fühlen und geht sehr langsam zurück. ,,, . . . „ „ Die Erkrankung hat also sowohl Züge der W e 1 1 sehen Krankheit an sich (Fieber, -akuter Beginn, Ikterus), als auch vom hämoiytischen Ikterus (Milztumor, der wohl z. T. spodogen ist, und starker Blutzerfall), von dem letzteren unterscheidet sie sich aber scharf durch den Bilirubimkterus De Kontagiosität ist erwiesen, das Kind stammte aus einer Klasse, in der leie Fälle beobachtet worden sind. Möglicherweise entspricht die Krankheit der 4 Gruppe des E p i n g e r sehen Ikterus simplex. Augenscheinlich greift der Prozess in der Milz an unter Steigerung der hämolytischen Funktion des Organs. Der Ikterus ist wohl sicher ein z. T. pleiochromer. Abkurzend aut das Fieberstadium scheinen Schwitzprozeduren zu wirken. Herr Schnell sah bei der schulärztlichen Untersuchung anfangs nur vereinzelte, in den letzten Tagen 6 — 10 und noch mehr Fälle täglich. Deut».' liehe Abweichung gegenüber den gelegentlichen Formen von Icterus cator- rhalis durch deutlichen Milztumor und ausgesprochene Kontagiositat. Ueliautt? Erkrankungen in Familien, Häusern und Schulen. In einzelnen Fallen hess sich feststellen, dass nur ein kurzes Zusammensein mit einem erkrankten Kind stattgefunden hatte. Bei systematischer Nachschau in den Schulen fanden sich sehr zahlreiche Kinder ohne Krankheitsgefühl und ohne Fieber, die eine leichte Gelbfärbung, oft auf die Konjunktiven beschrankt, aufwiesen, die nach wenigen Tagen verschwand. Diese völlig beschwerdelosen, leichtesten Fallfti übertrafen an Zahl erheblich die schwereren Formen mit Temperatursteigeritng. Nach 2 — 3 Wochen konnten sämtliche beobachteten Kinder geheilt die F'clujte wieder besuchen. Obwohl die ^Blutproben zuweilen mehrfach wiederholt wurden, war Widal stets negativ. Auch ein Zusammenhang mit Oxyuriasis nicht wahrscheinlich, weil seit Jahren die übergrosse Mehrzahl der Kinder an Oxyuren leidet, ohne dass Ikterusfälle aufgetreten waren. Anderseits war nicht festzustellen, dass die erkrankten Kinder häufiger Oxyuren zeigten als die gesunden. JI Herr Paul Schmidt glaubte anfänglich an Weil sehe Krankheit, ist aber allmählich von dieser Ansicht abgekommen. Bis jetzt sind grosse Epidemien Weil scher Krankheit mit derartig leichtem Verlauf und besonderer Beteiligung der Kinder nicht bekannt. Ferner konnte eine Anzahl dieser Fälle durch intraperitoneale Injektion von defibriniertem Blut beim Meer¬ schweinchen untersucht werden, bisher ohne jeden Erfolg. Bei einem 19 jähr. Mädchen mehrfach Paratyphus-B-Bazillen im sturn nachgewiesen. Das Blut ergab eine ausgesprochene Agglutination für Para¬ typhusbazillen mit dem homologen Stamm bis 1:400. Diese Tatsache scheint S. für die ätiologische Beteiligung der Paratyphus-B-Bazillen zu sprechen. Er erinnert an ähnliche ältere Beobachtungen von E. F r a n k e 1 und Schott- m ii 1 1 e r in Hamburg. ... . F ... Herr Meinhof schildert den von Herrn Schmidt erwähnten Fall. 2 Schwestern erkranken an leichtem Ikterus und scheinen zu genesen. Plötz¬ lich bekam die eine LS jähr. Schwester hohes Fieber. Erbrechen, Milztumor, Paratyphus-B-Bazillen in Stuhl und Harn, nicht im Blut. Nach 8 und 14 Tagen Harn frei. Stuhl wieder positiv, Widal 1:200 (mit eigenem Stamm : 40U). Klinisch nach wenigen Tagen Genesung. Die Schwester blieb bazilienfrei. M. glaubt, dass der Fall eher gegen als für die Paratyphusnatur der Ikterusfälle spricht. weis der Abderhalden sehen Reaktion. . , Der Vortr streift kurz die bereits vorhandenen Methoden und betont., dass mit ihnen allen die gleichen Ergebnisse erzielt worden sind Umstritten ist die Herkunft der Fermente und .die Art ihrer Wirkung. Der Vortragende betont, dass die blutfremden Fermente offenbar mit den zellspezifischen Inhaltsstoffen in das Blut übergehen und wohl nur in besonderen Fällen und vielleicht überhaupt nicht die die A. R. bedingenden Fermente als Gegen¬ körper aufzufassen sind. Ihr Vorhandensein im Blute "zeigt an, dass aus bestimmten Zellarten Zellinhaltsstoffe mit ihren spezifischen Eigenschaften ins Blut übergetreten sind. Inwieweit ein solcher Nachweis praktische Be¬ deutung hat, muss der Arzt entscheiden. Es ist von verschiedenen Forschern (SacJis, Bronfenbrenner) die Vermutung ausgesprochen worden, dass der A. R. nicht ein Abbau des dem Serum zugesetzten Substrates zu¬ grunde liege, vielmehr soll jedes Serum Proteasen enthalten, die Serum¬ eiweisskörper abzubauen vermögen. Sie kommen nicht im Blute selbst zur Wirkung, weil „Antifermen(e“ vorhanden sind. Das zugesetzte Substrat soll diese letzteren binden und nun sollen die vorhandenen Proteasen Serum- eiweiss abbauen können. . ~ ' Der Vortragende demonstriert an Hand von Lichtbildern, dass be.uiu von nichtschwangeren Personen mikroskopische Schnitte durch Plazenta¬ gewebe unverändert lässt. Wird Serum von Schwangeren angewandt, dannj zeigt sich ein deutlicher Abbau des Substrates. Ferner demonstriert der Vortr. eine Reihe von Versuchen der folgenden Art: Serum + Substrat wurde in sterile Röhrchen mit sterilem Serum über¬ gossen und mit sterilem Verschluss bei 37 " aufbewahrt. Es ergab sich, das z. B. bei Verwendung von Schwangerenserum das Substrat Plazenta UinKro skopisch sichtbare Veränderungen (Quellung. Zerfallen und Schwund) zeigte Ferner trübte sich das Serum mehr und mehr. Bei Anwendung von Seruit | nichtschwangerer Personen blieb jede Veränderung aus. Diese direkt« Februar 1922. MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT. 179 ethode kann einstweilen die anderen Verfahren 7.11m Nachweis der A. R. eilt ersetzen. Sie ist noch zu wenig ausprohiert, sie wurde nur demonstriert, n zu zeigen, dass an der A. R. ganz entschieden „etwas dran ist“. Herr S e 1 1 h e i m hält in der Mehrzahl der Fälle die Diagnose der diwangerschaft bei der 1. Untersuchung (H e g a r sehe Zeichen) für sicher. :ir wenn die Schwangerschaft zur Krankheit wird, also bei der Extrauterin- avidität, eilt es mit der Diagnose und die Sicherheit der Diagnose lässt ibei oft zu wünschen übrig. Gerade in den Fällen, in welchen wir wegen :s sichtlich sich verschlechternden Allgemeinzustandes der Flau sofort lerieren müssen, wäre uns ein so zuverlässiges diagnostisches Mittel wie e A. R. erwünscht. Auch die vielgerühmte Punktion des Douglas lässt bei erinnselbildung gelegentlich im Stich. Leider beansprucht die A. R. ge- ume Zeit und auch das vorgeführte, verblüffend einfache Verfahren erfordert tigere Zeit zu einer deutlichen Reaktion. Vielleicht können wir eine weitere bRürzung der Reaktionszeit erhoffen. Dadurch wäre für die praktische jrwendbarkeit der Reaktion zur Diagnose der geplatzten Extrauterin- hwangerschaft viel gewonnen. Herr B e n e k e berichtet über einen Fall von Ecchinokokkenanaphylaxie. Voelcker macht bei einer Frau Gastroenterostomie.,. Glatte Opera- m. An der Leber kein krankhafter Befund. Aufwärtsbiegung des linken iberlappens zur Freilegung des Magens. Trotz tadelloser Wundheilung urde die Frau täglich elender, eigentümlich schnappende Atmung. Tod am Tage nach der Operation unter dem Bilde einer Peritonitis. Sektion ergab illkommen aseptische Wundheilung. Keine Spur einer Peritonitis. Darm ngefallen. Hochgradige Atrophie des Körpers. Lunge vollkommen normal, it lufthaltig, trocken. Herz normal. I11 der braunen Leber im linken ippen dicht unter der Kapsel der Dorsalfläche eine ca. hühnereigrosse :hinokokkuszyste mit wässerigem Inhalt. Die Zyste war fast vollkommen >n der fibrösen Wand gelöst und grösstenteils an der äusseren Seite tensiv gallengrün gefärbt. Keine Blutreste in der fibrösen Wand und :m Spalt zwischen ihr und der Zyste. Am rechten Lappen eine zirka iaumengrosse, trocken obliterierte Echinokokkuszyste unmittelbar unter der ipsel. Am rechten Ovarium und der rechten Uteruswand subserös einige eine, höckerige Verdickungen. Der Befund deutete darauf hin, dass der )d der Patientin die Folge einer Echinokokkenanaphylaxie war. Offenbar ar bei der Operation der nicht zu Gesicht gekommene Echinokokkussack -irch das Aufwärtsbiegen des linken Leberlappens zum Teil von seiner ipsel gelöst worden. Hierdurch mag wohl die Gelegenheit zur Resorption einiger Tropfen der rstenflüssigkeit gegeben worden sein. Die Gallenfärbung bewies, dass die i^ste gelockert worden war. Bekanntlich genügen bisweilen Spuren einer 'stenflüssigkeit, welche irgendwie in das Blut gelangen, um einen anaphylak- ;chen Schock hervorzurufen, der in manchen Fällen sofortigen Tod zur ’lge hat. Als Beweis für die Annahme des anaphylaktischen Schocks führt an, dass es ihm diesmal ebenso wie in einem früheren Fall (Beiträge r pathologischen Anatomie) gelang, wachsartige Degenerationen der Zwerch- lmuskeln nachzuweisen, welche er für einen regelmässigen Befund bei ana- ylaktischem Schock hält. Besonders interessant war die Tatsache, dass die dnen Höcker an Ovarium und Uterus Reste von Echinokokken (Skolices d Proglottiden) einschlossen. Offenbar war der am rechten Lappen gelegene ck früher einmal geplatzt und hatte seinen Inhalt in die Bauchhöhle er- ssen. Dieses Ereignis hat vermutlich die Ursache für die Entwicklung der hochgradigen Anaphylaxie gegeben. Herr Voelcker betont, dass eine Verletzung der Leber nicht vor- . legen hat. Herr V 0 1 h a r d zeigt eine durch Operation wesentlich gebesserte Dwielige Perikarditis. Herr Voelcker hält den Erfolg der Operation für abhängig von der Jglichkeit, die Schwielen ohne Verletzung des Herzmuskels vom Herzen .zulösen. Herr Winternitz: Ueber akute Pankreaserkrankungen und chronische i nkreatitis. Der Vortrag erscheint ausführlicirunter den Originalien der M.m.W. In der Besprechung weist Herr Beneke darauf hin, dass er ■ it Jahren auf Grund eigener experimenteller Untersuchungen den Stand- nkt vertritt, dass die Pankreasnekroseherde durch Krampfischämie im nkreasgewebe (reflektorisch nach Gallensteinen etc.) entstehen. B. erlebte, ss Licht heim in Königsberg bei einem 6 Wochen lang an höchst un¬ trer Krankheit leidenden Manne einen Senkungsabszess zwischen den hichten des beiderseitigen Mesokolon diagnostizierte, weil der Patient iderseits in der Gegend des Colon ascendens und descendens abszess- :ige Symptome aufwies. Die Diagnose wurde auf Grund der beiderseitig igsam absteigenden Erkrankung gestellt. Die Sektion bestätigte die Diagnose llständig. Es handelte sich um eine ganz langsam fortschreitende Pan- easnekrose mit Aufblätterung beider Mesokola durch flächenhafte Eiter- ikung mit den typischen Fettnekrosen. Medizinische Gesellschaft zu Magdeburg. (Offizielles Protokoll.) Sitzung vom 17. November 1921. Herr Kretschmann: Demonstration zweier Fälle von operiertem ' rnhöhlenempyem. Bei der Stirnhöhlenoperation muss der Eingriff eine sichere Ausheilung ■r Krankheit gewährleisten und eine Entstellung vermeiden. Dies wird am (den durch die Operationsmethode von Samoylenko erreicht, bei der ‘ sanze Höhlenschleimhaut sorgfältig entfernt wird. Die Höhle füllt sich ‘lliesslich mit Knochen, wie durch Tierexperiment und durch klinische i obachtung gelegentlich von Nachoperation erwiesen ist. Vortr. hat seit 13 eine grössere Reihe von Kranken nach diesem Verfahren mit sehr istigen Erfolgen operiert (Fall 1). Es kommen natürlich auch Versager vor, so Fall 2, bei dem es nach Wonaten zu einem Rezidiv kam. Deshalb erneute Operation, bei der zwei ' rio-stlappen gebildet und in die Knochenkohle gelagert wurden. Heilung in S Tagen. Trotz ungewöhnlicher Ausdehnung der Stirnhöhle kaum merkliche 1 flachung. Die intranasale Methode von Halle wird abgelehnt. Diskussion: Herren Edgar Meyer, Ohnacker und J ä n s c h. Herr ßauereisen: 2 Fälle von puerperaler Infektion durch Gas- mdbazlllen. Kurze Darstellung des Krankheitsbildes auf Grund der vor und während des Krieges gewonnenen Erfahrungen, besonders an der Hand der von S c ho ttmüller-Bingold veröffentlichten zusammenfassenden Arbeiten. Fall 1: 24 jähr. Frau. Aufnahme 18. VI. 1921. Keine Geburt. Letzte Menses Februar 1921. 18. VI. Sturz von der Treppe. Puls 120. Temp. 39,1. Fundus fast am Nabel, Mund geschlossen. Schmerzhafte Paraimetrien. All¬ gemeinbefinden befriedigend. Am folgenden Tage Verfall: Puls 130 — 140. Temp. 40,6. Leib aufgetrieben. Urin blutig. Spontanausstossung eines 20 cm langen Fötus. Wegen Verdacht auf Perforation wird vom Stationsarzt die Laparotomie vorgenommen: Reichliche sanguinolente Flüssigkeit in der Bauchhöhle. Keine Verletzung. Knistern in der Uteruswand. Tiefe supravaginale Amputation des Uterus. Verschlechterung. Exitus. Autopsie: Peritonitis. Milz und Leber gashaltig. Die mikroskopische Untersuchung (Prof. R i c k e r) ergibt Gasbazillen in zahlreichen Organen, besonders in Uterus, Milz und Leber. Gasbazillensepsis und Peritonitis. Fall 2: 22 jähr. Patientin, ledig, keine Geburt. Am 16. VII. abends 3 malige Injektion von Seifenwasser. Am Morgen Schmerzen im Leib. Vom Arzt der Klinik überwiesen. Aufnahme 17. VII. 1921 vorm.: Leib gespannt, starke Schmerzhaftigkeit des Uterus, Temp. 37,4. Puls 90. Graviditas Mens. III. Douglas vorgewölbt. Die Punktion ergibt: Sanginolente Flüssigkeit. Wegen Verdacht auf Perforation Laparotomie: Reichlich sanginolente Flüssigkeit in der Bauchhöhle. Keine Verletzung. Beide Tuben stark ge¬ schwollen, blaurot gefärbt. Rechte Tube geschlossen. Linke Tube offen. Totalexstirpation des Uterus und der Tuben. In den ersten Tagen Tem-‘ peraturen bis 38,5, dann glatter Verlauf. Wunde p. p. geheilt. Präparat: Decidua vera abgelöst, Chorion. Kein Fötus. Im Innern und im Gewebe der Tuben und des Uterus Gram-positive Stäbchen, die mit Wahr¬ scheinlichkeit als Gasbazillen zu deuten sind. Noch keine Gasbildung. Die mikroskopische Untersuchung wurde im pathol. Institut (Prof. R i c k e r) ausgeführt. Epikrise: Es handelt sich im ersten Fall um eine tödlich endende All¬ gemeininfektion mit Gasbrandbazillen, im zweiten Fall noch um eine Lokal¬ infektion des Uterus und der Tuben. Die im letzteren Fall vorhandene Peritonitis heilte nach Entfernung des Hauptherdes ab. Herr Bauereisen: Ueber Peritonitis bei malignem Tumor. 39 jähr. Frau. Erste Geburt vor 16 Jahren. Keine Fehlgeburt. Men¬ struation regelmässig. Seit 3 Wochen Spannung im Leib. Seit 3 Tagen Doppeltsehen. Aufnahme 12. X. 21. Zyanose. Herzdämpfung nach links verbreitert; rhu. Dämpfung. Massig* Meteorismus. R. Flanke Dämpfung. Augenärztliche Untersuchung: R. Abduzensparese. Genitalbefund: Uterus in den Parametrien fixiert, Tuben fingerdick. Douglaspunktion: Trübes Exsudat ohne Bakterien. Zunahme der Dämpfung, rechts hinten pleuritisches Exsudat. Entleerung von 700 ccm. Besserung. Nach einigen Tagen Zunahme des Meteorismus, Ileus. Laparotomie. Entleerung grosser Mengen eitriger Aszitesflüssigkeit. Fibrinauflagerung auf Darm und Peritoneum, (m Mesenterium wurden Knollen gefühlt, Tuben verdickt. Am folgenden Tage Ileostomie. Bald darauf Exitus. Autopsie: Peritonitis. Walnussgrosse Tumoren im Mesenterium. Meta¬ stasen im Dünndarm, Niere, Lungenhilus und Achseldrii'sen, Tuben, Uterus und Parametrien. Mikroskopische Untersuchung (Prof. Rick er): Lymphosarkom. Epikrise: Primäres Lymphosarkom der Mesenterialdrüsen mit Metastasen im Darm, Niere, besonders in beiden Tuben, im Parametrium und Uterus. Das Sarkom führte zum Ileus und Aszites mit anschliessender Peritonitis. Diskussion: Herren Siedentopf, Wegrad, Kamann, Ro¬ meick, Habs. Herr Kahn: Ueber das chronische Magen- und Duodenalgeschwür. Das Magengeschwür ist in den letzten Jahren zweifellos häufiger ge¬ worden. Von 328 Fällen mit chronischen Magenbeschwerden, die in den ~ Jahren untersucht wurden, hatten 121 chronische Geschwüre des Magens resp. Duodenums (37 Proz.), während die grösseren Statistiken etwa 10 Proz. angeben. Die Verteilung nach Geschlechtern ergab 75 Proz. männ¬ liche und 25 Proz. weibliche Patienten. 68 Fälle, also mehr als die Hälfte, gehörten dem 3. und 4. Jahrzehnt an. Das 2. Dezennium war mit 12, das 5. mit 24, das 6. und 7. mit zusammen 17 vertreten. Vortr. bespricht darauf die Symptomatologie und Untersuchungsmethoden. Von den 121 Fällen hatte 61 gesteigerte, 30 normale und 13 verminderte Saurewerte nach dem Ewald sehen Probefrühstück. Der Nachweis von okkultem Blut im Stuhl gelang in 30 Proz. der Fälle (Benzidinprobe). Blutbrechen wurde nur einmal, Teerstuhl zweimal beob¬ achtet. Die röntgenologische Untersuchung wurde 10 Minuten, lH> — 2, 5 und ev. 24 Stunden nach Verabfolgung von Citobaryumbrei vorgenommen. Die H a u d e k sehe Nische wurde nur einmal beobachtet. Das nächstsichere Symptom ist der 5-Stundenrest, der jedoch kritisch zu bewerten ist. Nega¬ tiver Röntgenbefund schliesst niemals ein Ulcus aus. Chirurgische Therapie bei schwerer motorischer Insuffizienz oder häufigen Rezidiven; sonst Diätkur nach S t r a u s s. Von den 121 Fällen wurden 14 operiert, also mehr als 10 Proz. In 13 Fällen fand sich ein pylorusnahes Ulcus, einmal nur Verwachsungen am Duodenum. 1 Patient kam infolge fieberhafter Bronchitis und sich daraus entwickeindem Gangränherd zum Exitus; die übrigen sind beschwerdefrei (/4— 1/2 Jahre nach der Operation). Diskussion: Herr Berger. Aerztlicher Kreisverein Mainz. (Offizielles Protokoll.) Sitzung vom 29. November 1921. Herr Eichhorn: Vorweisung zum Kapitel der Therapie chronischer Unterschenkeigeschwüre. Da alle Mittel versagen, soll der Versuch mit Röntgenbestrahlung gemacht werden. Herren Kupferberg und Nelius: Vorweisung des L e i t z scheu Mikroskopes zur Beobachtung von lebenden Kapillaren (W e i s s und O. Müller). Hinweis auf die Untersuchungen Hinselmanns über Nephropathla ISO MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT. Nr. S. gravidarum und Eklampsie an Hand der Kapillarbeobachtung. Die Ablesung ist schwierig. Subjektive Fehler sind leicht möglich. Ein grosserer Beob¬ achtungsschatz ist zu sammeln, ehe bestimmte Schlüsse möglich sind. Herr K u p i e r b e r g: Vorweisung eines exstirpierten Uterus mit spontaner Kolpaporhexis transversalis anterior. . Die Abreissung erfolgte bei einer 3.-Gebarenden mit plattem "ecK,f" spontan. Kindsgewicht von 4,5 kg.' Laparotomie 4 Stunden nach der Ruptur und nach weitem Automobiltransport. Heilung. — Spina bifida im Lumbalteil eines Neugeborenen mit motorischen und sensiblen Lähmungen beider in Beugestellung kontrakten Beine, doppelseitigen Klumpfussen und Lähmung von Blase und Mastdarm. , . ... . . Herr Kupferbere spricht über Diagnostische Irrtumer in der Gynäkologie. (Erscheint in extenso an anderem Ort.) Herr R e i s i n g e r spricht über Askariden in den Gallenwegen. Vortragender hat in den letzten Jahren, welche eine Zunahme der Askaridosis überhaupt erkennen Hessen, 3 Falle von Askaris in den Gallen¬ wegen erlebt. Er lehnt die Annahme ab. dass die Einwanderung der Askariden eine Steinerkrankung der Gallenwege voraussetze, wodurch es infolge Stein¬ austreibung zu einer Erweiterung des Ductus choledochus gekommen sei. Gg. B. Gruber - Mainz. Aerztlicher Verein zu Marburg. (Offizielles Protokoll.) Sitzung vom 14. Dezember 1921. Herr Jahrmärker: Demonstration klinischer Fälle. Herr Keining: Experimentelle Beiträge zu den Flockungsreaktionen nach Sachs und G e o r g i und nach M e i n i c k e. In bezug auf die kombinierte S G. - W a R. Keinings wir betont, dass sie theoretischen Zwecken dienen soll. K. hofft mit dieser Ver¬ suchsanordnung durch Untersuchung der isolierten Serumanteile zur Beantwoi- tung der Frage zu gelangen, welche Fraktion für ein einwandfreies Flockungs¬ resultat ausreicht und welche den Komplementschwund bedingt, oder ob an eine identische Fraktion SG.-Flockung und Komplementvernichtung gebunden ist Ein schroffer Gegensatz zwischen Lipoidreaktion (SG.) und Globulinreaktion (WaR.) ist von K. nie angenommen worden. Die erste Erschütterung der Struktur des Serumextraktgemisches soll in einer Lipoidreaktion bestehen; durch eine sich anschliessende Kette von Vorgängen werden die Globuline schliesslich derart präpariert, dass sie das Komplement inaktivieren können. Weitere Versuche zielen auf eine Frühablesung hin, die prinzipiell durch ie Trübungsreaktion nach Dold erreicht ist; ihre ausreichende Spezifität muss nachgeprüft werden. Gaethgens Zentrifugiermethode er¬ möglicht zwar beschleunigtes Ausflocken der Seren, es wurden jedoch gehäuft unspezifische Resultate gefunden. Vorläufig ist der Brutschrank nicht zu umgehen. Steigerung der Temperatur über 37 führt entsprechend zur Ab¬ nahme der Flockungsstärke, bis sie ganz schwindet. Versucht wurde die Er¬ höhung der Temperatur auf 56°: erst das fertige Extraktserumgemisch wurde inaktiviert. Das Extrakt selbst erleidet durch Erhitzen auf 56 keine Ver¬ änderung, wie der angeschlossene Normalansatz der Versuche beweist Das bei 56 0 inaktivierte Extraktserumgemisch (S G. - R.) lässt keine deutlichen Flockungsunterschiede erkennen. Steigerung des NaCl-Gehaltes führt zwar zur Vermehrung der Flockungstendenz, man gelangt aber sehr bald in eine unerwünschte NaCl-Flockungszone. Die DM. (Meinicke) mit aktivem Serum gibt auffällig spezifische Resultate. Die Zunahme unspezifischer Resultate des Normalansatzes bei 18 0 ist ganz unbedeutend, yorübergehend auf 56 0 erhitztes Antigen arbeitet spezifisch und unabgeschwächt. Aktives Serum ~h Meinickeextrakt, nach Mischung bei 56 inaktiviert, anschliessend bei 37°, 18° oder 0° gehalten, ergibt vollwertige Flockungsresultate. Vorzüge gegenüber dem Normalansatz bietet diese Versuchsanordnung nicht, sie lasst aber die grosse Zuverlässigkeit und Brauchbarkeit der Meinickeextrakte, und zwar selbst unter extremen Versuchsbedingungen deutlich erkennen. Diskussion: Herr Dold berichtet über eine weitere Vereinfachung seiner Trübungsflockungsreaktion. Die Vereinfachung besteht darin dass an Stelle der bisherigen 2 Kontrollen (Extrakt- und Serum¬ kontrolle) eine kombinierte Extraktserum Kontrolle tritt. Da, wie von Dold gezeigt worden ist, Formaldehyd die Reaktionsfähigkeit luetischer Sera aufhebt, kann man durch Zusatz von Formaldehyd den im Augenblick des Zusammenmischens von Luesserum und Extrakt jeweils resultierenden optischen Zustand festhalten und gewinnt so in einfacher Weise eine kombinierte Extraktserumkontrolle für den eigentlichen Versuch. Die Trübungsflockungsreaktion mit Formolkontrolle ge¬ staltet sich dann (bei Verwendung von einem Extrakt) folgendermassen: Man bringt in 2 Reagenzröhrchen je 0,4 ccm des inaktivierten Patienten¬ serums, gibt zu dem rechts stehenden (als Kontrolle dienenden) Röhrchen 2 Tropfen einer mit physiologischer Kochsalzlösung hergestellten Formalin¬ verdünnung (1:4) in das links stehende Versuchsröhrchen 2 Tropfen physio¬ logischer Kochsalzlösung. Hierauf fügt man zu beiden Röhrchen je 2,0 ccm des 1:11 verdünnten Trübungsextraktes, schüttelt um, bringt die Proben in den Brutschrank und liest nach 4 Stunden ab. Ergebnis positiv, wenn das links stehende Versuchsröhrchen deutlich trüber erscheint als das rechts stehende Kontrollröhrchen. Ergebnis negativ, wenn beide Röhrchen keine Unterschiede hinsichtlich des optischen Ver¬ haltens aufweisen. Aerztlicher Verein München. (Eigener Bericht.) Sitzung vom 25. Januar 1922. Herr Schindler: Bericht über 120 an der Abteilung des Herrn Prof. Neubauer im Krankenhaus Schwabing ausgeführte Gastroskopien mit über 60 farbigen Projektionen von Magenspiegelbildern. Der Vortrag wird in einer der nächsten Nummern im Wortlaut erscheinen. Die Ausführungen werden mit grossem Beifall aufgenommen. In der anschliessenden Diskussion beglückwünscht Herr Crämer den Referenten zu seiner erfolgreichen Verbesserung und Ausgestaltung der gastroskop-ischen Untersuchungsmethode und bestätigt aus eigener Anschauung die Beschwerde- losigkeit, mit der selbst langdauernde Gastroskopien auch von herunter¬ gekommenen Kranken vertragen werden, wie spielend das Instrument von kundiger Hand eingefüWt wird und wie überraschend klar und deutlich das gastroskopische Bild auch vom Neuling wahrgenommen wird Die richtige Deutung der Bilder erfordert freilich Sachkenntnis und Erfahrung. lese vorausgesetzt, wird jedoch die Methode ausserordentliches leisten können für Diagnose und Prognose der Magenkrankheiten, auch solcher, denen wir bisher noch recht ratlos gegenüberstanden. Herr Schmitt verspricht sich auch für den Chirurgen viel von der Gastroskopie, wenn ihre Methodik planmässig weiter ausgebaut wird und äussert die Ansicht, dass die Gastroskopie als Spezialität wohl eine aussichts¬ reiche Zukunft biete. , , .. , v. Herr Kersch en steiner hat, gewonnen durch die vorzügliche Klar¬ heit der gastroskopischen Bilder, deren Wiedergabe in den projizierten Aquarellen keineswegs frisiert ist, sondern hinter der Anschaulichkeit der wirk¬ lichen Bilder noch zurückbleibt, seit geraumer Zeit die Methode auch an seiner Abteilung als selbstverständliches und hochgeschätztes diagnostisches Hi Ifs- mittel eingeführt. Die diagnostischen Ergebnisse sind vorzüglich und auch für die Biologie und Physiologie eröffnet die Methode neue Einblicke, wie z. B. die Beobachtung der rhythmischen Kontraktionen von Gastroentero- stomieöffnungen, die als interessante Nachbildung der Pylorustätigkeit er¬ scheinen. 4. . . . Herr Kästle sucht in längeren Ausführungen die Röntgenologie aus dem Schatten zu ziehen, den die Gastroskopie auf sie zu werfen droht. Er gibt genaue Anweisungen für die kunstgerechte Magendarmdurchleuchtung im Liegen und erwähnt die Treffsicherheit seiner zahlreichen röntgenologischen Magendiagnosen. Bei zwei an ihn gelangten Fällen Schindlers sucht er eine gastroskopische Fehldiagnose nachzuweisen. Herr Schindler spricht im Schlusswort seinen Dank aus für die freundliche Aufnahme seines Vortrages und für das Entgegenkommen der Abteilungsvorstände und des Pathologen des Krankenhauses Schwabing, wo¬ durch seine Untersuchungen sehr erleichtert wurden. Zu den von Kastle angezogenen Fällen teilt er mit, dass Fall 1 laut Untersuchungsprotokoll em klares Bild nicht ergeben hatte, während er im 2. Falle die Diagnose Erosion der Magenschleimhaut aufrecht erhält und den negativen Befund des Chirurgen bei der von ihm nicht veranlassten Operation auf eine durchaus verständ¬ liche Fehldiagnose bei der Besichtigung der Aussenseite des Magens während der Operation zurückführt. Würzburger Aerzteabend. (Offizielles Protokoll.) Sitzung des ärztlichen B e z i r k s v e r e i n s vom 17. Januar 1922 im Luitpoldkrankenhaus. Herr Rietschel demonstriert: 1. Paratyphus B bei einem Säugling von 6 Monaten. Klinisches Bild unbestimmt. Keine Milzschwellung, keine Roseolen, atypische Temperaturen. Blutig-eitrige Stühle, über 4 Wochen Dauer. Im Stuhl mehrfach Paratyphus B bakteriologisch festgestellt. Agglutination 1: 150. Trotz der Schwierigkeit, die Agglutination beim Säugling diagnostisch heranzuziehen, wird der Fall als Paratyphus B angesprochen. 2. Hypertrophische Leberzirrhose mit Splenomegalie (H a n o t), mit Ikterus ohne Aszites. 9 jähriger Junge, gesunde Eltern. Mit 4 Jahren zum ' ersten Male Ikterus. Seitdem immer gelbliche Verfärbung. Vor 6 Wochen erneuter starker Ikterus, angeblich nach einer Wurstvergiftung. Milz hart bis zur Mitte zwischen Nabel und Rippenbogen reichend. Leber zwei Quer¬ finger über den Rippenbogen tastbar. Deutliche ikterische Verfärbung. Keine Schmerzen. Wassermann negativ. Im Harn kein Bilirubin; Urobilin +, Uro- bilinogen +. Das Blutserum gelblich verfärbt, Bilirubin +, ergibt deutlich die indirekte Probe nach Hijmans van den Bergh (acholurischer Ikterus). Geringe Anämie. Rote 3 200 000, weisse 16 300, Hämogl. 65 Proz., Plättchen 360 000. Eine Resistenzverminderung der roten Blutkörperchen: nicht nachweisbar. Beginn der Hämolyse bei 0,43, komplette Hämolyse be ■ 0,38. Stuhl stark cholisch gefärbt, Duodenalsondierung leider unmöglich.; Der Fall wird unter obiger Diagnose vorgestellt, wobei allerdings die An ämie für einen Uebergang in den hämolytischen Ikterus sprechen könnte j Wahrscheinlich sind diese Formen enger verwandt. Milzexstirpation wird angeraten, von den Eltern abgelehnt. 3. a) Pontine Form der H e i n e - M e d i n sehen Krankheit, ln den letzten 2 Monaten 14 Fälle von H e i n e - M e d i n scher Krankheit beobachtet] Unter Fieber akute Fazialisparese rechts bei 3 jährigem Kind, die als Kern 1 affektion bei H e i n e - M e d i n scher Krankheit gedeutet wird. Spinale ode andere Hirnsymptome fehlen. Schwierigkeit der Abgrenzung gegen die sog rheumatische Fazialislähmung. Für Heine-Medin spricht das akute Fieber ui Beginn und die Zeit der Epidemie. b) Ataktische Form der H e i n e - M e d i n sehen Krankheit. Plötztiel] binnen weniger Tage sich entwickelnde ataktische Gangstörung bei einen: 4 jährigen Knaben. Augenhintergrund frei. Keine spinalen Symptome. Pa tellarsehnenreflexa etwas gesteigert. Kein Nystagmus. Besprechung de Differentialdiagnose: Tumor, Heine-Medin. Encephalitis epidemica. Das plötz liehe Auftreten unter Fieber macht eine entzündliche Affektion des Zerebellum am wahrscheinlichsten. 4. Ponstumor. 10 jähriges Mädchen. Gekreuzte Lähmung, Faciah ' abducens rechts gelähmt, linksseitige Hemiplegie. Nystagmus beim Bhcl nach links. Vestibularis rechts etwas gesteigert. F o v i 1 1 e sehe Lao m u n g. Wahrscheinlich Tuberkel. 5. Hypothyreose. 15 jähriger Junge.' 109 cm gross. Hat die Schule nor mal besucht, ist jetzt bei einem Schuster in der Lehre. Angedeutete Zeicht ; des Myxödems. Starke Verzögerung der Ossifikation der Handwurzelknoclien 2 Knochenkerne. Auffallend ist hier die starke Wachstumsbehinderung bt relativ wenig Beteiligung des Intellektes. 6. 2 Fälle von schwerster Diplegia spastica infantilis. Erster mit typische L i 1 1 1 e scher Aetiologie (Geburtstrauma), der zweite kombiniert mit angt borenem Herzfehler. Bei beiden wird eine diffuse Erweichung des Hirne durch Blutungen mit sekundärer Gliose und Sklerose angenommen (Encephahti interstitialis Virchow). Februar 1922. MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT. 181 Gesellschaft der Aerzte in Wien. (Eigener Bericht.) Sitzung vom 13. Januar 1922. Herr J. Fei n stellt einen Mann init Syphilis des Kehlkopfes vor. Herr V. B I u m berichtet über die Durchlässigkeit der Harnsteine für ntgenstrahlen. Harnsäuresteine geben einen sehr lichten Schatten. Das von K ü m - eil vorgeschlagene Kollargolverfahren zur Darstellung des Nierenbeckens d der Blase wurde wegen der Gefahr von Luftembolien und der Kollargol- läden der Niere nicht allgemein verwendet. Vortr. hat in einem . Falle, dem zweifellos ein Blasenstein vorhanden war (Hämaturie, terminaler ktionsschmerz, Harndrang) nach Entfernung des Residualharns den vorher isichtbaren Stein aufnehmen können. Vortr. hat mehrere Fälle dieser Art obachtet. Es ist angezeigt, bei negativen Röntgenbefunden in verdächtigen Fällen ne Aufnahme nach Entleerung der Blase zu machen. Herr F. Demrner demonstriert eine 60 jähr. Frau, die wegen eines mors in der rechten Leistengegend operiert wurde. Die Operation ergab eine Zyste mit drei Fortsätzen, von denen einer rischen den Blättern des Ligamentum latum lag. In derartigen Fällen ist die Diagnose unklar; oft wird irrtümlicherweise e Hernia accreta angenommen. Herr M. Kahane: Elektrodiagnostik und Elektrotherapie. K. Kleine Mitteilungen. Schutzbehälter für Kanülen. Bei der bisherigen Aufbewahrungsart der Kanülen liefen diese dauernd ■ fahr, zu verschmutzen, sich zu verstopfen oder beschädigt zu werden. B. die Schärfe der Spitze zu verlieren. Bei der zunehmenden Häufigkeit ht nur der subkutanen, sondern auch der intravenösen Injektionen machten sh diese Missstände besonders geltend. Aus diesen Erwägungen heraus Ibe ich den abgebildeten Schutzbehälter für Kanülen angegeben. Die Kanüle rd auf einen konischen Zapfen von der Grösse und Gestalt eines Spritzen- >?fens, der fest im Deckel sitzt, gesteckt und sitzt infolge der leicht gerauhten Oberfläche des Zapfens vollständig fest, namentlich, wenn die delwurzel eine Kleinigkeit durch seitliche Drehung in engere Adhäsion it dem Zapfen gebracht wird. Beim Herausnehmen ist nur ein Berühren ' Mitte der Nadelwurzel notwendig, so dass für Injektionen die eigentliche inüte sowie für Blutentnahmen das Ende der Nadelwurzel nicht berührt rd. Der Behälter wird zweckmässig mit absolutem Alkohol gefüllt, wo- ;rch die Nadel steril bleibt, auch das Rosten verhindert wird. Der Behälter steht aus einem inneren, röhrenförmigen Glasgefäss, das zur Reinigung ohne geschlossen I — — - - m geöffnet Medizinisches Warenhaus „ Frankfurt * O.rn. b H Frankfurt am Main ir ( iteres hcruusgenommen werden kann, und einem äusseren Metallgehäuse > vernickeltem Messing. Die übrige Konstruktion ergibt sich aus der Zeich- ;ig. Die Abbildung ist in natürlicher Grösse, so dass, wie ersichtlich, vohl kleinere wie längere Kanülen darin aufbewahrt werden können, da jdie Nadelwurzel stets dasselbe Lumen hat. Nach demselben Prinzip lassen h auch andere ärztliche Instrumente aufbewahren, deren Konstruktion in rbereitung ist. Mir hat sich in der Praxis besonders bewährt, die nicht- l'tenden Tantalkanülen in diesem Behälter in Alkohol aufzubewahren. Man auf diese Weise stets sterile Kanülen vorrätig, steckt beispielsweise ' Besuchsgänge sich mehrere solche Behälter in die Tasche und kann nun der Wohnung des Patienten ohne Umstände auch intravenöse Injektionen 'nehmen, sofern man die Spritze ebenfalls steril mit sich führt. Die Kon- uktion einer ähnlich aufzubewahrenden Spritze ist ebenfalls in Vor¬ sehung. Der Schutzbehälter wird vom Medizinischen Warenhaus „Frankfurt“, n.b.H., Frankfurt a. M., hergestellt und vertrieben. Er ist gesetzlich Schützt. Dr. W i e t f e 1 d t - Bremerhaven. Therapeutische Notizen. j Die Strophanthinbehandlung mit ganz kleinen aktionierten) Dosen empfiehlt Danielopolu- Bukarest und ur auf Grund langjähriger Erfahrungen, welche ergaben, dass nicht nur die sis von I mg, sondern % und 'A mg gefährlich wirken können. Das ophanthin besitzt dieselbe Wirkung wie Digitalis auf die Fundamental- -■nschaften des Myokards und zwischen beiden Medikamenten ist nur der terschied, dass Strophanthin von rascherer und Digitalis von mehr an- lender Wirkung ist. Die Methode der fraktionierten Dosen besteht darin, »der (seltener) 3 intravenöse Injektionen pro Tag einer konstanten Dosis mg) mehrere Tage hintereinander zu machen — die Behandlung wird erst ausgesetzt, wenn man das gewünschte Resultat erzielt hat oder der Kranke Erscheinungen von Intoleranz zeigt. Diese Methode hat vor den hohen Dosen (A — 1 mg) den Vorteil: 1. Ebenso gute Resultate zu erzielen, ohne plötzlichen Tod zu riskieren und 2. Keine Gegenanzeige zu haben in vielen Fällen, welche zwar der Strophanthinmedikation bedürfen, aber für hohe Dosen sich nicht eignen: äusserste Insuffizienz des Myokards, Nieren¬ veränderungen. die unabhängig sind vom Zustand des Herzens und kurz vorhergegangenem Digitalisgebrauch. D. hat die Methode der kleinsten (Strophanthin) Dosen in 60 Fällen schwerer Herzaffektionen (Asystolie des rechten Herzens usf.), wo entweder die anderen Herztonika versagt haben oder der Zustand ein so bedrohlicher war, dass man die langsame Wirkung der Digitalis nicht abwarten konnte, angewandt und, obwohl zuweilen vor¬ geschrittene Niarenveränderungen vorhanden waren, niemals einen Todesfall dabei erlebt. (Presse medicale 1921 Nr. 77.) St. Studentenbelange. Leitfaden der Prüfungsordnungen für Aerzte und Zahnärzte. Das preussische Ministerium für Wissenschaft, Kunst und Volksbildung lässt die Medizinstudierenden darauf hinweisen, dass im Verlage von August Hirschwald, Berlin NW. 7, Unter den Linden 68, ein von dem Ministerial- sekretär Oppitz bearbeiteter Leitfaden der Prüfungsordnungen für Aerzte und Zahnärzte erschienen und im Buchhandel zum Preise von 16 M. zu be¬ ziehen ist. Die Studentenschaften werden ersucht, auf das Buch durch An¬ schläge aufmerksam zu machen. v. V. Grossdeutsche Entschliessung der deutschen Studentenschaft. Nach der Annahme der neuen Verfassung am 16. Januar 1922, deren wesentlichster Inhalt in der letzten Nummer d. W. mitgeteilt würde, nahm der erweiterte Hauptausschuss folgende Entschliessung an: „Die reichsdeutschen Studentenschaften haben sich soeben eine Ver¬ fassung gegeben, die das Ende des bereits in Erlangen gelockerten gross¬ deutschen Verbandes bedeutet. Sie mussten diesen Schritt tun, nachdem sich die Unmöglichkeit herausgestellt hatte, die deutsch-österreichischen und die auslandsdeutschen Kommilitonen unter einem anderen als dem bisherigen von einem Grossteil der Reichsdeutschen nicht vertretbaren Auswahl¬ gesichtspunkte im Verbände zu behalten. Das erfüllt uns mit grossem Schmerze, dass dadurch ein äusseres Zeichen der unlösbaren Zusammengehörigkeit der Reichsdeutschen mit den Deutsch- Oesterreichern und Sudetendeutschen verlorengegangen ist. Das aber ist unser unbeugsamer Wille: Dass die Trennung uns nicht entfremde. Diesem Willen haben wir in unserer Verfassung einen unzwei¬ deutigen Ausdruck gegeben. Ist das rechtliche Band zerschnitten, so sei das Band des Volkstums und des Geistes um so fester geschlungen. Grossdeutsche Erwägungen sind es, die uns getrennt haben; der gross¬ deutsche Gedanke hält uns dennoch verbunden!“ Die deutsche Studentenschaft: Franz H o 1 z w a r t h, Vorsitzender. Diese Erklärung vermag die Niederlage des völkisch-grossdeutschen Ge¬ dankens innerhalb der deutschen Studentenschaft nicht zu verdecken. Die nunmehr vollzogene Zerrcissung der grossdeutschen Studentenschaft kann man nur tief bedauern und wünschen, dass andere studentische Bewegungen wie in erster Linie der deutsche Hochschulring diese Idee um so mächtiger aufgreifen und besser an ihrer Verwirklichung arbeiten. v. V. Tagesgeschichtliche Notizen. München, den 1. Februar 1922. — Das Alkoholverbot der Vereinigten Staaten hat bisher in Deutschland nicht die Beachtung gefunden, die es als die be¬ deutendste Tat, die je ein Volk zur Hebung seiner Gesundheit und seiner Sitten geleistet hat, verdient. Seine Bedeutung wird vielmehr von Seite der Alkoholinteressenten systematisch herabgesetzt und häufig genug hört man die Behauptung, es werde jetzt in Amerika mehr getrunken wie je zuvor. Es war daher sehr dankenswert, dass Herr Prof. G a u p p es unternommen hat, in seinem an anderer Stelle d. Nr. erschienenen Aufsatz (S. 164) auf Grund zuverlässiger Berichte ein Bild von den Wirkungen des Gesetzes zu geben. Es ist dabei überraschend zu sehen, wie reibungslos sich die Ausser¬ betriebsetzung der grössten Alkoholindustrie der Welt bewerkstelligen Hess und wie prompt sich die erwarteten Folgen auf gesundheitlichem und sitt¬ lichem Gebiet zeigten. Den naheliegenden, für uns niederschmetternden Ver¬ gleich mit den deutschen Verhältnissen unterlässt Herr G. nicht. Sein Schlusswort wird dadurch zu einer schweren Anklage gegen die deutsche Regierung, die das durch den Krieg des Alkohols bereits entwöhnte Volk trotz Armut und Not dem Alkohol aufs neue preisgibt. — Der Landesausschuss der Aerzte Bayerns ist mit den bayerischen Landesversicherungsanstalten und landwirtschaftlichen Berufs¬ genossenschaften in Verhandlungen wegen des Abschlusses eines zentralen Vertrags für Bayern eingetreten. Die Forderungen der Aerzte betrafen in der Hauptsache eine Teuerungszulage für die Zeit vom I. Juli bis 31. Dez. 1921 und Gebühren für Rentengutachten bei den landwirtschaftlichen Berufs¬ genossenschaften von 35 M„ bei den Landesversicherungsanstalten von 50 M. Sie sind leider auf geringes Entgegenkommen gestossen. Die Berufsgenossen¬ schaften lehnen die Teuerungszulagen ab und wollen für das erste Gutachten nur 25 M. gewähren; die Versicherungsanstalten lehnen den Abschluss eines einheitlichen Vertrages für ganz Bayern überhaupt ab und wollen mit den einzelnen Aerztekammern verhandeln; ausserdem bieten sie wesentlich ge¬ ringere Sätze, als die vom Landesausschuss geforderten. Von ärztlicher Seite werden diese Angebote für unannehmbar erklärt; die Kreisärztekammern werden ersucht ihrerseits in keine Verhandlungen einzutreten, bevor nicht der Landesausschuss Direktiven hinausgegeben hat. • — Auch der. Württemb. Aerzteverband bemüht sich um neue einheitliche Verträge mit den Berufsgenossenschaften. Mit den gewerblichen Berufsgenossen ist ein solcher Vertrag ab 1. Januar 1922 abgeschlossen worden, der für ein erstmaliges eingehendes Rentengutachten 45 M., für ein wiederholtes Gutachten 30 M. und für ein eingehendes wissen¬ schaftlich begründetes Gutachten (Obergutachten) 60 M„ u. U. auch mehr, 182 MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT. Nr . festsetzt. Mit den landwirtschaftlichen Berufsgenossenschaften ist ein Ueber- 1 cinkommen bisher nicht erreichbar gewesen. — Wegen Verfehlungen gegen die Bestimmungen der sparsamen Verordnungsweise hat der paritätische Arzneiprüfungsausschuss des Württ. Aerzteverbands und der Württ. Krankenkassenverbändc in den Sitzungen am 14. und 18. Januar in 51 Fällen Geldstrafen in Höhe von 10 — 150 M., und in 2 Fällen Verwarnungen ausgesprochen. Ausserdem wurde ein Arzt, der die Anweisung der sparsamen Verordnungsweise als standes¬ unwürdig bezeichnet hatte, zu einer Busse von 150 M. und ein anderer wegen eines beleidigenden Briefes an den Priifungsarzt zu einer Busse von 100 M. verurteilt. , , ....'. — Das in Gross-Hamburg seit 1. Juli 1919 neben freier Arztwahl ein¬ geführte lohnteilige Kassenarztsystem scheint sich nicht be¬ währt zu haben und ist ab 1. OktobeT 1921 durch einen Vertrag auf Grund eines Pauschalbetrags von 65 M. bzw. 76 M. pro Mitglied und Jahr ersetzt worden. Unter dem lohnteiligen System hatten die Krankenkassen einen bestimmten Anteil ihrer Beitragseinnahme der Aerzteschaft, soweit sie für die Krankenkassen tätig war, als Honorar überwiesen. Diese Summe wurde durch eine je nach dem Arbeitsquantum jedes einzelnen Arztes berechnete Punktzahl dividiert und der sich ergebende Quotient dem betreffenden Arzte ausgezahlt. Der Punktwert wurde ausser von der Gebührenordnung auch von der Quartalsmorbidität abhängig gemacht. — In dem Bestechungsprozess gegen den ehemaligen Braun¬ schweigischen Ministerpräsidenten Sepp O e r t e r wurde als erwiesen er¬ achtet, dass dieser ein Darlehen von 20 000 M., die ihm von dem Kranken¬ behandler Otto Schlesinger, vulgo O 1 1 o - O 1 1 o, als Gegenleistung für die Verleihung des Professortitels an ihn angeboten wurden, angenommen hat. Er wurde nach § 331 Str.G.B. wegen Bestechung zu 4 Monaten Ge¬ fängnis verurteilt. Herr Schlesinger wurde nach § 333 ebenfalls wegen Bestechung zu 2 Monaten Gefängnis verurteilt. Sic transit gloria mundi. — Die Deutsche Gesellschaft für Meeres heil künde schreibt eine Preisarbeit aus mit dem Thema: Die Ausnutzung der deutschen Seeküsten für die Ertüchtigung der Jugend Der Preis beträgt 2000 M. Die Arbeiten sind in druckfähiger Reinschrift bis zum 31. Dezember 1922 an den 1. Vorsitzenden der Gesell¬ schaft, Herrn Prof. Dr. Franz Müller, Cbarlottenburg-Westend, Kastanien¬ allee 39, in üblicher Weise (Kennwort) einzureichen. Preisrichter sind die Herren: Wirkl. Geh. Obermedizinalrat Prof. Dr. D i e t r i c h - Berlin, Prof. Dr. B r ü n i n g - Rostock, Prof. Dr. K i s s k a 1 1 - Kiel, Prof. Dr. Franz Müller- Charlottenburg-Westend und Geh. San.-Rat Dr. Röchling- Misdroy. Ueber die Veröffentlichung der preisgekrönten Arbeit verfügt der Vorstand der Gesellschaft. — Am 10. Februar findet in Petersburg eine allrussische Tuber¬ kulose-Konferenz statt, die ein reichhaltiges organisatorisches und wissenschaftliches Programm aufweist. Anmeldungen und Auskünfte im Bureau des Vertreters des Volkskommissariats für Gesundheitswesen der russ. sozialistischen Sowjetrepublik in Deutschland, Berlin, Unter den Linden 11. — Das Deutsche Hygienemuseum in Dresden beabsichtigt sein Tätigkeitsfeld durch Abhaltung von Lehrgängen zu erweitern. Als erstes sind laufende Kurse über Säuglingspflege in Aussicht genommen, die von der als Wanderlehrerin bekannten Schwester Elisabeth Funke- Peissker in Zusammenarbeit mit der wissenschaftlichen Museumsleitung und Prof. Dr. B a h r d t (Städt. Säuglingsheim Dresden) abgehalten werden. Die jeweils auf 8 Doppelstunden (zweimal wöchentlich) berechneten Lehr¬ gänge beginnen Anfang Februar. Nähere Auskunft erteilt das Ausstellungsamt des Deutschen Hygienemuseums Dresden-A., Grossenhainerstr. 9. — Ebenso wie im Vorjahre soll auch in diesem Jahre ein 14 tägiger ärztlicher Fortbildungskurs aus allen Gebieten der Medizin in W i e s- b a d e n und zwar vom 27. März bis 8. April stattfinden. Ausser einer Reihe Wiesbadener Herren sowie Herren vom Frankfurter Institut für experimentelle Therapie haben u. a. folgende Herren Vorträge' übernommen: Geh. Rat Aschoff, Straub, Brauer, Prof. v. Bergmann, Schmieden. M o r o, Linke, K ü p f e r 1 e, L. F. Meyer, Siemens. Einzelheiten werden noch in der nächsten Zeit im Inseratenteil mitgeteilt werden. An¬ fragen an Prof. Dr. G. Herxheimer, Wiesbaden, Freseniusstr. 17. — Die Berliner Röntgen-Vereinigung wählte als I. Vor¬ sitzenden Prof. Dr. Levy-Dorn, als stellvertretenden Vorsitzenden Med.- Rat O. S t r a u s s, als 1. Schriftführer Dr. M. Immelmann, als II. Schrift¬ führer Dr. Behncken (Physik. Reichsanstalt) und als Kassenführer Dr. Fürstenau. — Die Forensisch-Psychiatrische Vereinigung zu Dresden nahm ihre durch den Weltkrieg unterbrochene Tätigkeit wieder auf. Zum Vorsitzenden wurde der Direktor der Landes-Heil- und Pflegeanstalt Sonnenstein in Pirna b. Dresden, Geh. Med.-Rat Dr. 1 1 b e r g, gewählt. In der Eröffnungssitzung am 26. I. d. J. hielt Geheimrat Dr. Ganser einen Vortrag über „Die Gesundheit des deutschen Volkes vor und nach dem Kriegsende“. — Die „Monatsschrift für Psychiatrie und Neuro- 1 o g i e“, welche von C. Wernicke und Th. Ziehen begründet ist und seit dem Jahre ,1913 von C. Bonhoeffer herausgegeben wird, ist mit dem soeben zu erscheinen beginnenden Band 51 auf eine breitere Basis gestellt und es sind in das Herausgeberkollegium jetzt die Herren R. Cassirer, K. Kleist, E. Redlich und P. Schröder eingetreten. — Auch die „Zeitschrift für Augenheilkunde“, welche im Jahre 1899 von H. Kuh nt und J. v. Michel begründet wurde, erfährt in der Zusammen¬ setzung ihres Herausgeberkollegiums eine Umänderung insofern, als dasselbe jetzt gebildet ist aus den Herren B-irch - Hirse hfeld - Königsberg, E. Krückmann - Berlin. H. K u h n t - Bonn, J. Meller- Wien, P. Rö¬ mer- Bonn, F. S c h i e c k - Halle a. S. und A. Vogt- Basel. ■ — Nach dem auf der Tagung der Deutschen Gesellschaft für gerichtliche und soziale Medizin in Erlangen gefassten Beschluss wird die im Jahre 1852 von Johann Ludwig C a s p e r gegründete „Vierteljahrsschrift für gericht¬ liche Medizin und öffentliches Sanitätswesen“ nunmehr nach 70 jährigem Be¬ stehen ihre Erscheinungsform ändern. Sie wird künftighin nur mehr die gerichtliche Medizin vertreten, diese aber in ihrer Gesamtheit, also einschliess- tifii ripr trpriptiflirVipn Psvchiatrifi und der sozialen Medizin und wird daher KCl ICimiLlIC mcuiz.111 VUl UCICll, UIC^C aoti m »uiüi ucoaimiicu, c*ioy wm lieh der gerichtlichen Psychiatrie und der Sozialen Medizin und wird daher unter dem neuen Titel „Deutsche Zeitschrift für die gesamte gerichtliche Medizi n“ allmoantlich herausgegeben von Professor Fraenckel - Berlin. Geh. Rat Puppe- Breslau, Geh. Rat Schultze- Göttingen und Geh. Rat Strassmann - Berlin erscheinen und zwar im Verlag von Julius Springer- Berlin. Neben den Originalarbeiten wi der Hauptwert auf sorgfältig organisierten Referatendienst gelegt \verd( — Pest. Frankreich. Laut Mitteilung vom 24. Dezember v. J. si in 2 Bezirken der Stadt Paris und in Clichy (Seine) am 8. September. 2. u 9. Oktober v. .1. zusammen 3 Pestfälle, davon 2 mit tödlichem Verla festgestellt worden. — Portugal. Vom 23. Oktober bis 12. November v. 24 Erkrankungen und 18 Todesfälle in Ribeira Grande (Azoren). — Fleckfieber. Deutsches Reich. In der Woche vom 15. 1 21. Januar wurden 3 Erkrankungen gemeldet, und zwar in Eydtkuhm Mylussen und in Neustadt i. O.-S. je 1. Für die Zeit vom 21. Dezeml v. J. bis 7. Januar wurden noch 9 Erkrankungen im Heimkehrlager Lechfi mitgeteilt. _ , , . . — hi der 1. Jahreswoche, vom 1. — 7. Januar 1922, hatten von deutsch Städten über 1 00 000 Einwohner die grösste Sterblichkeit Lübeck mit 3t die geringste Saarbrücken mit 11,9 Todesfällen pro Jahr und 1000 Einwohn Vöff. R.-G.-A Hochschulnachrichten. G ö 1 1 i n g e n. Zum Nachfolger des Geh. Rats Prof. Stumpf auf d' Lehrstuhl der Psychologie an der Universität Berlin ist der o. Profess Dr. Wolfgang Köhler von der Universität Göttingen berufen; zum Nai folger Köhlers irr Göttingen ist Prof. Dr. Erich Jaensch in Marbv ausersehen, (hk.) Jena. Dr. med. Johannes Zang e, ao. Professor für Ohrenheilkun hat einen Ruf an die Universität Graz erhalten. Marburg. Der a. o. Professor und Direktor der Poliklinik für Ohre Nasen- und Halskrankheiten an der Universität Marburg, Dr. Oskar W gen er hat einen Ruf nach Göttingen als Nachfolger W. Langes halten, (hk.) t . . . , , Münster i. W. Medizinerfrequenz. Nach der soeben abgeschlossen endgültigen Feststellung sind im Wintersemester 1921/22 2722 Studierei immatrikuliert und zwar 2430 männliche und 292 weibliche. Dazu komrr noch 275 männliche und 96 weibliche Gasthörer, so dass die Gesamtzahl < zum Hören Berechtigten 3093 beträgt. Unter den Immatrikulierten befinc sich 209 Studierende der Medizin (190 m. und 19 w.) und 71 Studierer der Zahnheilkunde (64 m. und 4 w.). Der medizinisch-propädeutischen 1 teilung (medizinisches und zahnärztliches Studium innerhalb der ersten bzw. 3 Semester bis zur ärztlichen bzw. zahnärztlichen Vorprüfung e schliesslich) gehören mithin 280 immatrikulierte Studierende an. Todesfälle. In Graz ist am 21. Januar der emer. ord. Professor der allgemen und experimentellen Pathologie an der dortigen Universität Hofrat Dr. Ruö Klemensiewicz im Alter von 73 Jahren gestorben. Er war korresp>' dierendes Mitglied der Wiener Akademie der Wissenschaften, (hk.) Der Krankenbehandler B i 1 z, der Verfasser des in Millionen \ Exemplaren verbreiteten Buches „Das neue Naturheilverfahren“ ist 80 Ja alt in Radebeul bei Dresden gestorben. Amtsärztlicher Dienst. (Bayern.) Die Bezirksarztstelle in Scheinfeld ist erledigt. Bewerbungen sind der Regierung, Kämmer des Innern, des Wohnorts bis 8. Februar 1 einzureichen. Die Bezirksarztstelle in M i e s b a c h ist erledigt. Bewerbungen s bei der Regierung, Kammer des Innern, des Wohnorts bis 10. Februar 1 einzureichen. Russische Aerzte in Not! Die nach Russland entsandte Sanitätsexpedition des Deutschen Ro Kreuzes konnte nicht nur die Nachricht von der unbeschreiblichen Hangt not und einer ungeheuren Ausbreitung der Hunger- und anderer Seuchen den russischen Misserntegebieten bestätigen, sondern auch daselbst ebe wie in den bisher weniger unter Nahrungsmangel und Seuchen leiden Hauptstädten einen „Hunger“ der russischen Aerzte nach medizinischer, besondere deutscher medizinischer Literatur feststellen. Unsere rus: sehen Kollegen hungern in diesem Sinne tatsächli seit 7 Jahren. Ueberall, wo wir mit Kollegen zusammenkamen, war erste Frage: Haben Sie uns auch medizinische Zeitschriften und Bücher i gebracht? _ ' Unsere deutschen wissenschaftlichen Institute etc. haben es nacht \ gessen, dass bald nach dem Kriege viele ausländische Institute, selbst den früher feindlichen Ländern, die geistigen Beziehungen zu uns- du Uebersendung der während des Krieges erschienenen Zeitschriften und wis; schaftlichen Arbeiten wieder aufnahmen und auch um unsere Publikatio baten. Auch verdanken wir manche für unsere wissenschaftlichen Instil z. Z. unerschwinglichen Bücher der Auslandsliteratur den Spenden nament des neutralen Auslandes. Erinnern wir uns dessen voll und ganz und he wir nunmehr auch unseren russischen Kollegen, mit denen uns manche Beziehungen verbinden! Die meisten grossen deutschen medizinischen Wochenschriften sind her unserer diesbezüglichen Bitte gefolgt und senden durch die deutsche H expedition zahlreiche Exemplare wöchentlich nach Russland. Möchten anderen Zeitschriften bald folgen! , Unsere Bitte geht aber noch weiter: Wir sollten auch mit Bücht spenden die Not der russischen Aerzte zu lindern versuchen. Wenn je Autor uns in Verbindung mit seinem Verleger 3 — 5 Exemplare seiner neue: Werke zur Verfügung stellen wollte, dann könnten wir den Wissensdurst russischen Aerzte und Wissenschaftler wenigstens in den Hauptstädten sc einigermassen stillen. In ärztlichen Zentralbibliotheken würden wir dase: die deutschen Werke jedem Arzte zugängig machen. Bis dat qui cito d^t! Helfen wir also schnell und intensiv. Die Sanitätsmission des Deutschen Roten Kreuzes ist bereit, alle Litera spenden unseren russischen Kollegen zu übermitteln bzw. die für dk Zweck beim Deutschen Roten Kreuz (Russisches Hilfswerk) Charlotte»! eingehenden Geldspenden zu Bücherbeschaffungen in dem genannten Si zu verwenden. Im Namen der deutschen Sanitätsmission für Russland: Prof. Dr. M ü h 1 e n s. Verlag von J. F. Lehmann in München S.W. 2, Paul Heysestr. 26. — Druck von E. Mühlthaler’l Buch- und Kunstdruckerei, München. 'reis der einzelnen Nummer 3.— . Bezugspreis in Deutschland . • und Ausland siehe unten unter Bezugsbedingungen. . . . .nzeigenschluss immer 5 Arbeitstage vor Erscheinen. Zusendungen sind m MÜNCHENER Medizinische Wochenschrift. ORGAN FÜR AMTLICHE UND PRAKTISCHE ÄRZTE. r. 6. 10. Februar 1922. Schriftleitung: Dr. B. Spatz, Arnulfstrasse 26. Verlag: J. F. Lehmann, Paul Heyse-Strasse 26. 69. Jahrgang. Der Verlag behält sich das ausschliessliche Recht der Vervielfältigung und Verbreitung der in dieser Zeitschrift zum Abdruck gelangenden Originalbeiträge vor. Originalien. Zur Nomenklatur der Phthise. Von L. A sc ho ff. In den ersten Nummern dieses Jahrganges hat sich Marchand ngehender zur pathologischen Anatomie und Nomenklatur der .ungentuberkulose“ geäussert1). und dabei wiederholt auch zu meinen isführungen Stellung genommen. So schwer es mir wird, dem hoch- irehrten Kollegen zu widersprechen, so zwingt mich doch die Ueber- ugung von der Richtigkeit der eigenen Auffassung zu einigen Be- ;erkunger,. Auch bei Marchand besteht kein Zweifel darüber, dass das ithiseproblem nicht nur als ein immunbiologisches, sondern auch als 0 pathologisch-anatomisches anzusprechen ist. Marchand geht gar noch weiter, wie ich, insoferne er eine besondere Immunisierung izelner Organe, auch des lymphatischen Gewebes für unbewiesen lt. Ich habe früher einen ähnlichen ablehnenden Standpunkt be- nders Kretz gegenüber eingenommen, muss aber heute zugestehen, ss wir ohne die Annahme immunisatorischer Prozesse ' auffälligen Unterschiede der Phthise im Kindesalter und bei der ehrzahl der Erwachsenen nicht erklären können. Es kann nicht bloss 3 verschiedene Empfänglichkeit der Kinder und der Erwachsenen sein, :nn auch die Altersveränderungen des Körpers, besonders der sngen, wie auch ich immer betont habe, eine gewisse Erklärung für ose Verschiedenheiten bieten. Aber wir kommen mit diesen Alters¬ ränderungen oder sonstwie bedingten morphologischen Verände- . rgen nicht aus. Die Tatsache, dass Erwachsene, welche ihre Kind- jit nicht in durchseuchten Gebieten zugebracht haben, viel leichter < den generalisierten Formen der Phthise, ähnlich wie bei uns die Inder, erkranken, gibt zu denken. Ich habe über die Befunde an ;atolischen Bauern kurz berichten lassen2). Hier könnte man frei- ;h einwenden, dass die Schwächung durch die Kriegsnahrung diese sondere Form der Phthise bedingt habe. Aber schon aus der Vor¬ siegszeit sind diese Befunde bekannt. Auch verweise ich auf die i obachtungen von Gr über an den farbigen Besatzungstruppen, die • h. doch unter recht günstigen äusseren Verhältnissen befanden. Die isitiven experimentellen Immunisierungsversuche von Römer bei Indern, die relativ geringe Beteiligung der bronchialen Lymphknoten ü der sog. isolierten Lungenphthise der Erwachsenen, das häufige "rkommen schwerster Nieren-, Genital- und Knochenphthise ohne fort¬ ireitende Lungenphthise, die eigentümlichen Formen der Pubertäts- ithise und das Vorkommen der Erwachsenenphthise bei Kindern, auf '[ 1C(! in Wiesbaden hingewiesen, geben doch zu denken. Ich glaube, '5s über die Frage, ob lokale Gewebsimmunisierungen Vorkommen |d ob im Sinne Rankes eine Periode des Primärkomplexes, ein nerahsationsstadium und ein Stadium tertiärer sog. isolierter Organ- ithise zu unterscheiden ist, erst dann abgeurteilt werden kann, wenn 'r. schärfer wie bisher die primäre Infektion mit ihren Folgen von der nst exogenen Reinfektion trennen gelernt haben. Das Vorkommen :Cher exogener Reinfekte bei der Phthise stellt einen fundamentalen ■ terschied derselben gegenüber der Syphilis dar. Jedenfalls müssen | pathologisch-anatomischen Befunde, die wir bei der Lungenphthise I. verschiedenen Altersklassen erheben, an dem Ranke sehen Ein¬ lungsprinzip geprüft und gesichert werden, wie ich das in dem esbadener Vortrag zu tun versucht habe. Ich komme zum Schluss cn einmal auf diese Fragen zurück, möchte sie hier aber nicht, weiter füitieren, weil sie, wie ich im Eingang meines Versuchs erwähnte, uh zu ungeklärt sind. Etwas besser Bescheid wissen wir über die anatomischen »randerungen bei der Phthise der Lunge, weil dieses dasjenige itan ist, dessen Erkrankung die Hauptursache der Phthise, d. h des rememen Korperschwundes zu sein pflegt. Hier trennt Marchand j t-Tkrankung in die drei Hauptformen der hämatogenen, der broncho- ien und der lymphogenen Ausbreitung. Ich glaube, dass darüber ter den I athologen kein Widerstreit der Meinungen besteht. Nur Nomenklatur der einzelnen anatomischen Prozesse macht gewisse Irrigkeiten. Marchand fasst, wenn ich ihn recht verstehe, die nenogenen Formen unter dem Namen der tuberkulösen verkäsenden Hichopneumonie zusammen. Er will unter diesem Namen alle Pro- se^ verstehen, die unter dem Einfluss des Phthisebazillus in den V Marchand: M.m.W. 1922 Nr. 1 u. 2 I Bergerhoff: Beitr. z. Klinik d. Tbk. 1921, 49. Lungen hervorgerufen werden. Ich kann diese anscheinende Verein- rachung der Nomenklatur nicht für einen Fortschritt halten. Wir sind eben auf dem besten Wege, die verschiedenartigen Veränderungen der Lungenphthise auch schon beim Lebenden mit Hilfe der klinischen und chemischen, vor _ allem aber_ der radiographischen Untersuchungs- methoden (Gr äff und Küpferle) auseinanderzuhalten' zu lernen, was für die Prognose von allergrösster Bedeutung ist. Den besonderen pi ognostischen Wert der vorwiegend produktiven Form der Lungenphtmse und denjenigen der vorwiegend exsudativen Form erkennt auch Marchand in einem seiner Schlusssätze ausdrücklich an. Dennoch glaubt er in der pathologisch-anatomischen Nomenklatur aut eine schärfere Bezeichnung der beiden vorwiegenden Formen verzichten zu sollen. Da nach ihm „tuberkulös“ ein ätiologischer Be¬ griff ist, worauf ich später noch zurückkommen werde, so kann man unter tuberkulöser verkäsender Bronchopneumonie alles verstehen, eine vorwiegend exsudative käsige Pneumonie, die ganz akut verläuft! wie auch eine vorwiegend produktive azinös-nodöse Phthise, die ganz chronisch verläuft. Ich fürchte ausserdem, dass mit dem Namen „tuberkulöse verkäsende Bronchopneumonie“ die Unsicherheit in der Nomenklatur der Phthise, wie sie durch die Namen Bronchitis und Peri¬ bronchitis tuberculosa, Lymphangitis tuberculosa peribronchialis und perivascularis, Bronchopneumonia tuberculosa nodosa, peribronchiale tubei ku öse Lymphangitis, knotige tuberkulöse Bronchopneumonie, tuberkulöse käsige Bronchitis und Peribronchitis genügend angedeutet ist, nur noch vermehrt wird. Ich habe für die Hauptform der pro¬ duktiven Phthise das W ort azinös-nodöse Phthise geprägt für die Hauptform der exsudativen Phthise das Wort lobulär- kasige Phthise übernommen. AL ich vor dem Kriege das Studium der feineren Histologie der Lungen¬ phthise aufnahm, über deren Ergebnisse ich später mit Nicol berichtete, läg mir nur daran, meinen Zuhörern ein möglichst klares, auf eigenes Urteil gegründetes Bild gewisser Formen derselben geben zu können. Denn mit dem Begriff der „Peribronchitis tuberculosa“ und seinen zahlreichen Varia¬ tionen vermochte ich bei der eigenen Demonstration vor den Zuhörern nichts rechtes anzufangen. Er stand im Widerspruch zu den immer von neuem er¬ hobenen histologischen Befunden, welche nicht auf die Bronchien, sondern aut die Bronchioli respiratorii und die ihnen entsprechenden Azini als Sitz der Erkrankung hinwiesen. Allso nicht peribronchial, sondern vorwiegend bronchiolar und azinös entwickelten sich die Prozesse. Ich übernahm den Begriff Azinus von Rindfleisch, formulierte ihn nach dem Modell von 11 e s ® e> bis die histologischen Untersuchungen von Husten in Be¬ stätigung der Loeschcke sehen Injektionsbefunde einen noch kompli¬ zierteren Bau desselben ergaben, der aber an dem azinösen oder, wenn man ?? swll > subazinösen Sitz des phthisischen Qranulationsgewebes bei der häufigsten Form der chronischen Lungenphthise nichts änderte. Ob sich dieser Begriff der azinös-nodösen Phthise der Lungen einbürgern wird, muss die Zeit tehrbn. Ganz unabhängig von uns ist auch ein so aus- gezeichneter Kenner der Lungenphthise wie Bau.mgarten3) zu dieser lokalisatorischen Benennung gekommen, die er wegen des häufigen Ueber- greifens auf das abgehende Bronchialsystem zur azinös-tubulären Form er¬ weiterte. Jedenfalls habe ich damit nur alte Ueberlieferungen aufgenommen An mir selbst habe ich die Erfahrung gemacht, dass mit der Einführung des Begriffs der azinös-nodösen Phthise, wobei der Ausdruck „nodös“ von • ^ lbTr echt und A. Fraenkel stammt, die Schilderung der chro¬ nischen Lungenphthise an Kllarheit und Deutlichkeit ungemein gewinnt Ich bin uberzeugt, dass alle diejenigen, die sich bemühen, an der Hand dieses, im Azinus gegebenen anatomischen Strukturbildes den Entwicklungsgang der chronischen bronchogenen Lungenphthise zu beschreiben, das gleiche emp¬ finden werden. Man darf sich auch nicht daran stossen, dass die knötchen- ähnlichen phthisischen Produkte nicht immer den ganzen Azinus — in der neueren Darstellung von Loeschcke bzw. Husten — umfassen. Ebensowenig wie wir bei den lobulären Pneumonien stets ein genaues Er- griffensein eines ganzen Lungenläppchens fordern. Wenn man will, kann man wie dort von sublobulärer, so hier von subazinöser Herdbildung reden. Diese Trennung in- eine produktive und exsudative Phthise, wie ich sie von meinem Lehrer Orth übernommen und als richtig erkannt habe, wird nun von Marchand völlig abgelehnt. Es hat keinen Sinn, diese alte Streitfrage noch einmal in aller Breite aufzurollen. Dass sowohl die Bildung phthisischen Granulationsgewebes, dessen klassi¬ sches Beispiel der Tuberkel ist. als auch die Bildung des Exsudats bei der phthisisch-käsigen Pneumonie einen „entzündlichen" Prozess dar¬ stellt, wird heute wohl von keinem bestritten. Dass beides aber des- wegen gleich, und zwar nur nach dem einen Entzündungsprodukt, nämlich nach dem Tuberkel bezeichnet werden soll, geht mir nicht ein! Wir haben bisher die klinisch, morphologisch oder histologisch ver¬ schiedenen Formen einer Krankheit auch nach diesen Unterschieden ") v. Baumgarten: Beginn und Fortschreiten des tuberkulösen Pro¬ zesses bei der Lungenphthise. Zieglers Beitr. 1921, 69. 3 MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT. IM benannt. Ich iühre auch hier wieder die Syphilis an. Keinem Men¬ schen wird es einfallen, den syphilitischen Pemphigus als Gummi- Zu bezeichnen, obwohl beide durch dasselbe Virus hervorgerufen sind. Der verschiedenen Reaktion bei der Phthise liegt eben ein verschiedener Virulenzgrad der Phthisebazillen oder ein verschiedener Resistenz- oder Immunitätsgrad der Gewebe zugrunde. Wir können also aus dem ursprünglich doch morphologisch geprägten Adjektiv „tuberku¬ lös“ eine ganz bestimmte Vorstellung von dem Verhältnis zwischen Affectio und Reactio bei der so bezeichneten Organerkiankung ge- winnen. Wenn ich aber eine phthisische ersudative Pneumonie als „tuberkulös“ bezeichne, so verzichte ich damit ohne Grund auf ein auch für den Kliniker und Immunbiologen wichtiges unterscheidendes Ausdrucksmittel. Dazu kommt noch, dass der Ausdruck „tuberkulöse Pneumonie“ für exsudativ-käsige Pneumonie sehr bedenklich ist, da man darunter auch- die seltener vorkommende, mehr diffuse. produk¬ tive intraalveoläre Tuberkelbildung verstehen kann. Denn eine „Pneu¬ monie“. d. h. eine entzündliche Reaktion der Lunge, ist auch sie. Ich sehe also gar keinen Vorteil in der Unifizierung der verschieden histo¬ logischen Prozesse unter dem Namen „tuberkulös“. Marchand begründet nun diese, m. E. nach verfehlte Unifizie¬ rung, die uns zwingt, bei einem rein eitrigen, durch Phthisebazillen hervorgerufenen Tubenkatarrh, oder bei einer rein eitrigen, durch das gleiche Virus bedingten Perikarditis4 5) von „tuberkulöser“ Salpingitis und „tuberkulöser“ Perikarditis zu sprechen, obwohl gar keine Tu¬ berkel da sind, damit, dass der Ausdruck „tuberkulös“ ein ätiologi¬ scher geworden ist. Das ist es aber gerade, was ich verwerfe. Von der schon von V i r ch o w lebhaft beklagten einseitigen Benennung des Koch sehen Bazillus durch Koch selbst stammt zum grossen Teile die heutige Verwirrung. Noch ist es Zeit, hier ein Ende zu machen und klarere Bezeichnungen an die Stelle der missverständlichen zu setzen. Ich halte es nach wie vor für bedenklich, eine in buntester morphologischer und histologischer Mannigfaltigkeit auftretende Krank¬ heit ätiologisch nach einem morphologischen Produkt der¬ selben zu bezeichnen. Das wäre nur dann erlaubt, wenn es keinen besseren Ausweg gibt. Ich habe daher vorgeschlagen, zu der alten Benennung Phthise für die Allgemeinkrankheit zurückzukehren. Auch hiergegen wendet sich Marchand mit sehr entschiedenen Worten. Vor allem ent¬ halten seine Anmerkungen mancherlei Einwürfe gegen meine Begrün¬ dung, welche diese letztere als eine recht ungenügende erscheinen lassen könnten. Zunächst ein Wort zu meinen Vorschlag, den Tuberkelbazillus in Ba¬ cillus phthisicus umzutaufen. Ich betone ausdrücklich, den „Tuberkelbazillus“. Ich habe in früheren Aufsätzen und Vorträgen darauf hingewiesen, dass es das beste wäre, diesen Bazillus als ,,K och sehen Bazillus“ zu bezeichnen, wie es alle übrigen Nationen zu Ehren des Entdeckers, nur nicht wir Deutsche, tun. Ich fügte dann hinzu, dass man, wenn man eine adjektivische Bezeich¬ nung wählen wollte, die des Bac. phthisicus die gegebene wäre B). Ich habe also nicht, wie Marchand irrtümlich annimmt, und wogegen ich mich durchaus wehren muss, den Kochschen Bazillus zum Bac. phthisicus degradieren, sondern den T uberkelbazillus zum Bacillus phthisicus befördern wollen. Das ist aber ein gewaltiger Unterschied. In meinen Vor¬ lesungen kommt immer zuerst die' Bezeichnung „K o c h scher Bazillus“, dann erst der leichteren adjektivischen Anwendung wegen der Bacillus phthisi¬ cus, welcher Name mir den Gebrauch des unglücklichen Namens Tuberkel¬ bazillus erspart. Dass dieser Name unglücklich gewählt ist, hat Virchow so eingehend begründet, dass mir weitere Worte unnötig erscheinen. Ich habe gar nichts dagegen einzuwenden, sondern würde es nur lebhaft begriissen, wenn der „Tuberkelbazillus“ in Zukunft als Koch¬ scher Bazillus bezeichnet würde. Wenn ich vorgeschlagen habe, als Nebenbezeichnung für den Koch sehen Bazillus den Namen Bacillus phthisicus statt Tuberkelbazillus zu wählen, so geschah es, weil die Krankheit, die durch ihn hervorgerufen wird, seit alters her Phthise genannt wird. Ich begründete diesen Vorschlag damit, dass der Aus¬ druck Phthise nicht, wie es jetzt immer fälschlich angenommen wird, von der Zerstörung der Lungen seinen Namen hat. Viel¬ mehr bedeutet er im Altertum — und dieses hat vor mehr als 2 Jahr¬ tausenden uns diesen Namen geschenkt — * den allgemeinen Schwund der Körpersäfte und Körperkräfte. Es ist wohl eine irrtümliche Auffassung, wenn Marchand meint, dass Celsus die Lungenschwindsucht als Phthise beschrieben hätte. C e 1 s u s schildert an der von mir erwähnten, auch von Marchand zitier¬ ten Stelle6) die Körperschwindsucht. „Die dritte, bei weitem gefährlichste Form der Abzehrung (Tabes!) ist die, welche die Griechen cpttiuS nennen. Sie nimmt gewöhnlich im Kopf ihren Ursprung und teilt sich von da aus den Lungen mit. Hierauf entsteht Verschwärung (Ex- ulceratio!) und ein gelindes schleichende'- Fieber, welches bald einmal weg¬ bleibt, bald einmal wiederkehrt.“ Hier spricht Celsus wohl von Ex¬ ulzerationen der Lunge, aber nirgendwo nennt er diesen Prozess in den Lungen Phthise. Ich habe bei dem Studium der mir gerade zugänglichen 4) Marchand leugnet das Vorkommen rein eitriger phthisischer Er¬ krankungen des Perikards und der Tuben. Ich habe mich hier auf die Angaben in der Literatur, besonders auf Simmonds gestützt. Es sind zweifellos seltene Fälle, die aber doch ein Forscher wie Simmonds ge¬ sehen haben muss. Für die phthisische Meningitis kann ich das Vor¬ kommen eitriger Infiltrate ohne richtige Tuberkel auch meinerseits behaupten; natürlich handelt es sich um vorwiegend grosszeiligen Eiter,, der. sich peri¬ vaskulär anhäuft. Aber es fehlen die typischen Tuberkel mit Riesenzellen, überhaupt das phthisische Granulationsgewebe. 5) Man kann dann viel besser die verschiedenen phthisischen, pseudo- phthisischen, paraphthisischen Bazillen in der Namengebung trennen. 6) C. Celsus, Arzneiwissenschaft ed Scheller 1846 und C. Cel¬ sus, Medicina ed F. Ritter und H, A 1 b e r s 1835, Lib. III, p. 22. 3 n u & i n u i griechisch-römischen Literatur (Hippokrates, Ce I s u s, U a 1 e Aretaeus, Alexander von T r a 1 1 e s, C a e 1 1 u s Aurelia nirgendwo den Ausdruck (püioic nvsimvwv gefunden. Wenn Marcnan I mein Zitat des Aretaeus für nicht zutreffend hält, weil derselbe nur de Habitus phthisicus geschildert hätte, so muss auch hier ein Missverständnil vorliegen. Die Stelle auf die ich mich berief, steht im 8. Kapitel des 1. Buche der chronischen Krankheiten ‘). ... Hier wird gerade sehr deutlich die eitrige Zerstörung der Lunge erwähn Ja, es ist dies die einzige von mir gefundene Stelle, aus der man eine Uebei tragung des Begriffs ■/•>'<“' B) auf die Lungenzerstörung selbst, wenn übei haupt, rechtfertigen könnte. Freilich heisst es gleich einige Zeilen weiteij dass diese Gattung der Hektik, die man „Phthoe nennt, mit eigenartige! j Fieber, Unruhe, Entkräftung, Auszehrung einhergehe. Ausdrücklich sag Aretaeus: „Sogar diejenigen, welche gar keine Geschwüre in der Lungl haben, aber durch langwieriges Fieber aufgezehrt werden, mit öfterem, liartei <] und nicht recht ausbrechendem Hüsteln behaftet, nichts heraufbringen, nenne I sie 'Hits.oi; und dies zwar vermöge der angeführten Kennzeichen (näirl lieh der der Phthise) nicht ohne Grund.“ Dann folgt eine klassische Schi | derung der hochgradigen phthisischen Abzehrung des Gesamtkörpers und ers zum Schluss eine kürzere Notiz über den Habitus phthisicus. 1 Weiter führe ich Caelius Aurelianus an (Lib. 11, up 118) Phthisis sive, ut plerique appellant, phthoe quod corporis faciat dissipationei [defluxionem], sive corruptionem, fit frequentius antecedente sai guinis fluore, aliquando etiam longi temporis tussicula, sive catqriho, qu thoracis altiora lacerantur, et primo levius: tune ulcerata .... citius sum passio initium.“ . . Also auch hier ist von der P h t h i s e des K °J rP e r * u"d ,vt| U 1 z e r a t i o n e n der Lunge, aber nicht von Lungenphthise die Rede. J Wenn Waldenburg in seiner sehr sorgfältigen Darstellung der Gj schichte der Tuberkulose es so darstellt, als ob das Altertum unter „Phthisd die eitrige Zerstörung der Lungen verstanden hätte, so lässt es sich leic.j aus seinen eigenen Berichten widerlegen. Die 75) .. dr deutlichen Hinweis, dass Phthise nicht von Ulzerationen der Lunge abhang zu sein braucht (zitiert nach Waldenburg S. 30). Wenn man die Beium von Willis ablehnt, weil es sich vielleicht um Steinhauerlungen gehandt;! haben kann, so verweise ich auf Morton (1689), von dem Wald e n b u r i (S. 34) folgenden Satz zitiert; „Die Lungenschwindsucht ist eine mit Lieb verbundene Auszehrung des ganzen Körper s, die von der fehle haften Beschaffenheit und endlich erfolgenden Schwärung der Lunge entstelitl Das heisst: Lungenschwindsucht ist nicht Schwinden der Lunge, sondern v den Lungen ausgehendes Schwinden des Körpers. Diese^ Auffassung hat sil also vom Altertum her bis in die Neuzeit hinein erhalten ). Man kann auch nicht einwenden, dass es’zu viel verschiedene Formen vi Phthisen gäbe, die von den Lungen ihren Ursprung nähmen. Die Schildern der von den Lungen her bedingten Phthise ist schon im Altertum so chara teristisch, dass darunter nur die spezifische Phthise zu verstehen ist. Ai Diese Angaben genügen wohl zur Rechtfertigung meiner Behau tung, dass Phthise ursprünglich allgemeine Abzehrung des Körpers al eine Allgemeinkrankheit bedeutete. Ich halte mich daher für durchal berechtigt, diesen klassischen Namen für diese Allgemeinkrankheit, d wie Aretaeus schon richtig bemerkt, auch ohne jedes Lunge1 geschwür Vorkommen kann, vorzuschlagen. Ich darf dabei bemeike dass andere Nationen, wie die Engländer, den Ausdruck Zehrung ooj Consumption für diese Krankheit in pietätvoller Weise bis in c| neueste Zeit beibehalten haben. Ich habe schliesslich behauptet, dass der Name. Phthise, der Grund zunehmender Sektionsbefunde im Laufe der beiden letzten Jai hunderte mehr und mehr auf die Erkrankung der Lunge angewan wurde (Phthisis pulmonum), erst in der Mitte des vorigen Jahrhunde: die Umtauf ung in den Namen „Tuberkulose“ erfahren hätte; auch hi'l gegen wendet sich Marchand und weist auf die schon s Laennec gebrauchten Worte „Lungentuberkulose“, „tuberkulc Phthise“ hin. , Mir ist natürlich die Anwendung des Wortes „tuberkulös durch I Autoren Portal, Bayle und Laennec bekannt. Man wendet die; Adjektivuin vielfach an. So spricht Bayle von diathfese tuberculeuse, | generescence tuberculeuse, afiection tuberculeuse. Vor allem aber sprii man von der Phthisis tuberculosa. (So auch Laennec). Diese Bezeichnt. 7) Aretaeus übers, von D e w e z 1790, p. 179 ff. Jjl 8) Caelius Aurelianus, De morbis acutis et chronicis, ed Ai mann, Amsterdam, 1722, p. 420. 9) Wenn man daher vor Patienten nicht von Phthise reden will, spricht man von Phthoe und statt von Tuberkulose von Phthise. 10) Da die beruflichen und ausserberuflichen Pflichten es einem heutzuL fast unmöglich machen, solche Sonderprobleme, wie das der geschichtlichen E; Wicklung des Phthisebegriffes genauer zu verfolgen, so habe ich schon längerer Zeit Herrn Kollegen Sticker in Würzburg gebeten, dieser Fr.. seine Aufmerksamkeit zuzuwenden, was er freundlichst zugesagt hat. AI mein Universitätskollege immisch bestätigt mir, dass „Phthise ein . gemeinbegriff gewesen ist, welcher den Schwund des Körpers bedeutete, tj dass „Phthise“ im engeren Sinne denjenigen Körperschwund bezeichn* welcher einer Lungenvereiterung entstammt (unter Hinweis auf Anu F o e s i u s, Oeconomia Hippocratis, Frankfurt 1588). Erst nachträglich fj ich Gelegenheit Laennecs Abhandlung über die Auskultation im Orig , noch einmal genauer durchzusehen. Dabei fand ich folgende Sätze, denen hervorgeht, dass meine Anschauungen sich ganz mit denen von Lae nec decken. (Laennec, Traitd de l'auscultation, Tome I, Paris 1 sie produktiver, exsudativer oder regressiver Art sind, aus- elöst wird, aber nicht mit ihnen identisch ist. Ich darf auch hier gleich die Einwände Lubarsch'11) berü'cksinhtigen, elcher behauptet, dass alles das, was ich gegen die Bezeichnung „Tuberku- se“ emgewendet hätte, in verstärktem Masse gegen die Bezeichnung ’hthise“ gälte. Er weist vor allem darauf hin, dass in vielen Fällen von jberkulose keine Phthise, kein Schwund, keine nennenswerte Gewebszer- örung vorhanden sei. Ich kann nicht mehr tun, als noch einmal wiederholen, iss ich unter „Phthise“, so wie der Name ursprünglich von den Schöpfern asseiben gemeint war, nicht die Zerstörung der Gewebe oder gar die Izerationen der Lunge verstehe, sondern eben die Zehrung der Körperkräfte, ie sie für die ausgebildeten Fälle der Krankheit charakteristisch t. Wenn man das tut, dann gibt es, wie ich wohl im Emver- ändnis mit Lubarsch feststellen kann und in meiner Nomenklatur irgeschlagen habe, neben einer „azinös-nodösen Lungenphthise“ — ohne obere Gewebszerstörung — auch eine ulzerös-kavernöse Phthise — it weitgehender Einschmelzung des Organs. Im übrigen sei festgestellt, iss überall dort, wo die Tuberkel im Lungengewebe sich entwickeln, eses _■ — mikroskopisch betrachtet — endgültig zerstört ist. Also stellt auch e rein produktive Phthise — noch frei von jeder Verkäsung und Ein- hmelzung — , wenn man genau sein will, bereits eine Zerstörung, einen chwund des Lungengewebes, eine „phthisis“ dar. Das beweisen ja am sten die schweren Einbussen derselben an Leistungsfähigkeit. Lubarsch heint mir also keinen rechten Grund zu einer solchen Erregung über meinen prschlag zu haben, die ihn zu dem für ihn furchtbaren Verdacht kommen sst. ich wollte das glücklicherweise klare und nicht missverständliche Wort allgemeine akute Miliartuberkulöse“ ausrotten oder prinzipiell durch das ort allgemeine hämatogene miliare Phthise ersetzen. Er kann sich leicht 'erzeugen, dass ich in meinem Vorschläge zur Nomenklatur der Phthise ■m nicht misszuverstehenden Worte „Miliartuberkulose“ seinen berechtigten atz angewiesen habe. Ob Lubarsch seinen Lesern viel Freude bereitet ’t, dass er sich in seiner Erregung über die „Phthise“ zu politischen srgleichen hinrejssen liess, wage ich zu bezweifeln. Meines Erachtens ■hören solche nicht in wissenschaftliche Debatten. Ich darf diese Erörterung nicht ohne positive Hinweise schliessen. h weiss, dass gerade in Deutschland die Gewöhnung an das Wort uberkiiiose eine grosse ist. Trotzdem hoffe ich, dass die Vorteile ii der Anwendung des Wortes Phthise für den pathol. Anatom, Kliniker id Immunbiolbgen so 'grosse sind, dass sich das nicht zu unter¬ hätzende Trägheitsmoment doch überwinden lässt. Die Untersuchun- ;n von P a r r o t, Kuss, A I b r e c h t. G o h ti, Ranke haben es in Übereinstimmung mit den Lehren v. Behrings, Roemers und retz’ wahrscheinlich gemacht, dass die Allgemeinkrankheit hithise“, ähnlich Wie die Syphilis in verschiedenen Perioden, näm- :h derjenigen des Primäraffektes, derjenigen der Sekundärperiode ler der Generalisation und schliesslich der tertiären Periode oder der Gierten Organphthise verläuft. Ich habe mich darüber und über die men kontrollierenden und kritisierenden Aufgaben, die aus solcher uffassung der pathologischen Anatomie erwachsen, ausführlich auf Kongress für innere Medizin im vorigen Jahre geäussert. Jede eser Perioden hat ihre besonderen klinischen, morphologischen und u) Lubarsch: Einiges zur Kritik der medizinischen Namengebung. reh. Arch. 1921. 232. S. 280. immunbiologischen Charakterist, ka. Aber der Vergleich mit der Syphilis darf — und darin stimme ich Marchand durchaus bei — nur mit grösster Vorsicht und mit wichtigen Einschränkungen gezogen werden. Während die Syphilis, falls keine Behandlung einsetzt, wohl in der Mehrzahl aller Fälle die drei Stadien mehr oder weniger deutlich durchläuft, sehen wir umgekehrt bei der Phthise in der Mehrzahl der Fälle die Selbstheilung schon im Stadium der Primärinfekte oder noch im Stadium der Metastasierung eintreten. Ein anderer Teil geht im Stadium der Generalisation zu Grunde. Nur ein Bruchteil der Phthise erreicht das Stadium der isolierten Organphtbise. Gerade d i e Form der Phthise, die den Arzt am meisten interessiert, nämlich die chronische Phthise der Lungen, ist nun am seltensten als tertiäres Stadium eines einmal in der Jugend gesetzten Primärinfektes anzusehen. Vielmehr haben es schon ältere Untersuchungen wahr¬ scheinlich gemacht — und neuere Untersuchungen von Puhl bringen eine volle Bestätigung — dass die gewöhnliche chronische Lungen¬ phthise. wie ich schon Eingangs erwähnte, von einem exogenen R e i n f e k t ihren Ausgang nimmt. Darin besteht der schärfste Gegen¬ satz zur Syphilis. Wir haben es also bei der chronischen Lungen¬ phthise mit sich überdeckenden Doppelinfektionen oder Mehrfachinfek¬ tionen zu tun. Wir dürfen also nicht nur von Primärinfekt, Sekundär- und Tertiärperiode sprechen, sondern wir müssen — und zwar gerade für die Fälle, wo der Primärinfekt zur Ausheilung kommt, ohne zur weiteren Infektion Veranlassung zu geben — von einer Periode des Primärinfektes und einer Periode des Reinfektes reden. Wie man morphologisch und histologisch die in den Spitzengeschossen lokalisierten bisher meist fälschlich als Primärinfekte angesehenen Reinfekte von den echten meist ganz anders lokalisierten Primärinfekten auch noch nach Jahrzehnten zu trennen versuchen muss, wird in der Arbeit von Puhl ausführlich auseinandergesetzt werden. Die Frage, ob der meist im Kindesalter einsetzende Primärinfekt eine gewisse Immunität erzeugt, lässt sich an der Hand einer grösseren Zahl auf Primär- und Reinfekte sorgfältigst untersuchten Lungen leidlich gut beantworten. In allen Fällen von Reinfekten12), die genau untersucht werden konnten, wurden auch Narbenreste von Primärinfekten gefunden. Aber die Zahl der Lungen mit Primärinfekten überhaupt war erheblich grösser als diejenige mit gleichzeitigen Reinfekten. Das weist genü¬ gend auf das hier verborgene Immunitätsproblem hin. Eine der wich¬ tigsten Aufgaben zukünftiger Forschung wird sein, festzustellen, wie sich zeitlich Primär- und Reinfekte beeinflussen, wie lange ein Primär¬ infekt wirksam gewesen sein muss, um den Reinfekt möglichst ab¬ zuschwächen oder aus ihm das Bild der chronischen Lungenphthise hervorgehen zu lassen, wie kurz umgekehrt die Wirkung der Primär¬ infektion war. .wenn der Reinfekt das Bild einer dem Generalisations- stadium des Primärinfektes ähnlichen nrocredienten Phthiseform, wie sie uns als Pubertätsphthise so häufig entgegentritt, auslösen soll. Ich glaube, dass solche Untersuchungen, über welche Puhl bereits kurz berichtet hat13), zur Entscheidung der strittigen Frage nach der besten Benennung der phthisischen Prozesse am meisten beitragen werden. Experimentelle Untersuchungen üb^r die Wirkungsweise von Proteinkörpern und Reizkörpern. (I. Mitteilung: Giftbindung und Ueberempfindlichkeit.) Von Prof. Dr. Döllken in Leipzig unter Mitwirkung von eand. med. Rudolf Herzger. Exakte Form und Fragestellung hat Bier1) bereits seit 1893 der Reiz¬ körpertherapie gegeben und daraus seine Heilentzündungslehre hergeleitet. In seinen neuesten Arbeiten behandelt er die Grundlagen dieser Therapie, in denen er auf V i r c h o w s Anschauungen über Reiz und Reizbeantwortung der Zelle zurückgeht. Experimentelle Untersuchungen stellten an Krehl2). M.a 1 1 h e s 3). W e i c h a r d t 4), der aus ihnen den allzu weiten Begriff einer allgemeinen Protoplasmaaktivierung ableitete, Schittenhelm und W e i c h a r d t 5), welche die Wirkung injizierter Proteinkörper untersuchten. Obwohl seither eine Anzahl von Forschern physiologische, serologische und pharmakologische Beiträge zur Proteinkörperfrage brachten, sind wir auch jetzt noch weit entfernt, auch nur die notwendigsten Grundlagen für eine Lehre von der Wirkung der Proteinkörper zu haben. Es wird noch jahrelange Arbeit vieler Experimentatoren nötig sein, um einigermassen klar sehen zu können. Ausser Bier haben besonders Kaznelson8), Star.ken- stein7), Schittenhelm8) das vorhandene Material diskutiert. Neue serologische Arbeiten bringen noch L i n d i g 9) und seine Schüler über 12) Das Wiederaufflackern von Herden aus der Periode des Primär¬ affektes und seiner Folgezustände sollte mit dem Ausdruck des endogenen Rezidivs bezeichnet und damit scharf dem exogenen Reinfekt gegen- iibergestellt und die Rezidive der primären Infektion von den Rezidiven der Reinfektion unterschieden werden. Ob das möglich und durchführbar ist. muss die Zukunft zeigen. 13) Puhl: Sitzungbericht d. Med. Gesellsch. Freiburg i. B. D.m.W. 1922. *) Bier: v. Esmarchs Festschrift 1893. Hyperämie als Heilmittel, 1907. M.m.W. 1921. 2) Krehl: Arch. f. exp. Pharm. 35. 36 3) Matth es: D. Arch. f. klin. M. 1894. 4) Weichardt: M.m.W. 190/ usf., letzte Arbeit B.kl.W. 1921. B) Schittenhelm und Weichardt: Zschr. f. exp. Path. u. Ther. 1912. 6) Kaznelson: B.kl.W. 1917: Erg. d. Hyg. etc. 1921. 7) Starkenstein: M.m.W. 1919. 8) Schittenhelm: M.m.W. 1921. °) L i n d i g: M.m.W. 1919 etc. 186 MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT, Nr. Kasein, Arnold und L e s c h k e 10) über sessile Rezeptoren, S e i f f e r t u) i über normale und pathologische Permeabilität und Reaktion von Zellen Reiz- | körpern gegenüber. D i 1 1 1 e r 1S) fand im defibrinierten Blut eine den Kanin- ! ehendünndarm erregende und eine hemmende Substanz, die er durch Dia- j lyse reinlich voneinander trennen könnt“. Auch von den roten Blutkörperchen gewann er Hemmungs- und Erregungsstoffe. Freund13) schliesst aus seinen Versuchen, dass durch Blutplättchenzerfall im Aderlassblut Qefässgifte ent¬ stehen. Freund und G o 1 1 1 i e b 14) weisen auf die Wirkung der Blut¬ zerfallsprodukte im strömenden Blut nach Reizkörperinjektion hin. j K i r s t e 1B), Z o n d e k 1H), Storm van L e e u w e n 17) untersuchten Reiz- körper-Gift-Antagonismus und Synergismus den Gefässen, Herz und Darm gegenüber. Sehr klar hat Starkenstein (1. c.) das Problem der Hemmung und Verstärkung der Giftwirkung von Strychnin und Phenol durch Milch und andere Protein- und Reizstoffe herausgestellt. Von den meisten Forschern wird die W e i c h a r d t sehe Theorie einer allgemeinen Protoplasmaaktivierung durch Proteinkörper als unbewiesen ab¬ gelehnt. Selbst Schittenhelm (1. c.), der ihre Rettung versucht, spricht | im Verlauf seiner Betrachtungen de facto fast nur von Verstärkung spezifischer Einflüsse und von elektiven Wirkungen der Eiweissstoffe. Bier hält den Begriff der Protoplasmaaktivierung für unnötig und den Ausdruck für unglück¬ lich gewählt, da wir nicht wissen, ob die Proteine den Kern oder das Proto¬ plasma der Zelle reizen. Ich will nicht die Möglichkeit, nicht einmal die Wahrscheinlichkeit einer omnizellulären Wirkung der Proteine bestreiten. Aber bislang fehlt jeder Beweis dafür, dass es gerade diese Eigenschaft der Proteine ist, welche allein die Heilwirkungen an bestimmten Krankheitsherden entfaltet. Vom Chinin wissen wir genau, dass es in sehr kleinen Dosen omtiizellulär aktiviert, ohne im geringsten den Proteinen analog zu wirken. Meine eigenen klinischen und experimentellen Untersuchungen füh¬ ren zwingend zu dem Schluss, dass das Problem der Protein- körperwirkung ein humorales und ein zelluläres ist. Den injizierten Proteinkörpern kommt im normalen Organismus eine sehr ausgebreitete Gewebsaffinität und Organotropie zu. Beide Ausdrücke werden doppelsinnig gebraucht. Einmal für die besonders sinnfällige Reaktionsfähigkeit einer Organzelle auf einen bestimmten Reiz, ferner für die Bindung von Substanzen an Gewebsflüssigkeit oder Zelle, gleich, ob damit eine auffallende Funktionsänderung verknüpft ist oder nicht. Die Proteinkörper wirken erregend auf die zellulären Bestandteile des Blutes (Bier). Nachweisbar ist im normalen Organismus ihre Reaktionsfähigkeit mit Gefässen (L ä w e n und D i 1 1 1 e r) 18), Muskeln, Drüsen (W e i char dt), Knochenmark (E. F. Müller), gewissen Grosshirnzentren im Sinne einer Leistungssteigerung, ferner nach meinen Untersuchungen auch mit dem parasympathischen Nerven¬ system, den Zentren der Atmung, der Gefässe, der Temperatur und mit dem Grosshirn, indem sie Ruhe und Schlaf erzeugen. Gifte und Gewebe. Die meisten Gifte greifen am Erfolgs¬ organ erst an, nachdem sie eine bestimmte adsorptive Bindung mit Gewebssäften eingegangen sind. Selbst die wenigen sehr schnell wirkenden Alkaloide haben eine längere Latenzzeit nötig, als sie durch den Blutstrom zu ihrer Wirkungsstätte getragen werden, brauchen danach Blutbestandteile als Schrittmacher. Schnelligkeit und Art der Giftwirkung hängt wesentlich von der andern Komponente des Adsorptes, dem Gewebssaft ab, neben Resorptionsbedingungen natürlich. Dass im allgemeinen nicht die Speicherung des Giftes in der Zelle für Eintritt und Art der Reaktion (Wirkung) verantwortlich zu machen ist, geht daraus hervor, dass einerseits in den am stärksten reagierenden Nervenzentren nur minimalste Mengen nicht zerstörbarer Gifte wieder gefunden werden, anderseits bei einer Zufuhr reiracta dosi stets grös¬ sere Giftmengen für denselben Erfolg gebraucht werden als bei ein¬ maliger Applikation. Jedes der verschiedenen Gewebssaftad- s o r p t e mit einem bestimmten Gift hat seinen besonderen Giftigkeits¬ grad. seine besondere Qualität, seine besondere Latenzzeit. Eingehend sind die Verhältnisse für Kokain nachgewiesen worden, welches, in optimaler Menge an verschiedene lebende Gewebssäfte adsorbiert, ganz verschiedene Vergiftungserscheinungen bedingt. Aus dem Adsorpt lässt sich das Kokain quantitativ wieder gewinnen. Manche Alkaloide ergeben mit den verschiedenen lebenden Gewebssäften giftige Ad- sorpte, die nur graduell und zeitlich verschieden wirken, andere rufen deutlich von einander abweichende Symtomenkomplexe hervor. Von einem einfachen Schema der Giftwirkung und -Verteilung im Organismus sind wir jedoch noch weit entfernt. So schliesst Straub19) aus seinen Versuchen, dass ein Verbrauch von Strychnin im Aplysiaherzen bei der Vergiftung stattfindet, entgegen der allge¬ meinen Annahme, dass Strychnin im Organismus nicht zerstört wird. Proteinkörperbindungen. Hemmung und Ver¬ stärkung. Injiziert man einem mittelgrossen Kaninchen 10 — 15 ccm zentrifugierter Kuhmilch intravenös, so wird es nach einigen Minuten schlaf müde für die Dauer von 30—90 Minuten. Dosen von 25 ccm und mehr verursachen oft den Tod durch Atmungslähmung. Ebenso schlafmachend wirken Molke 15 ccm und Kasein 0,3. Subkutane und intraperitoneale Verabreichung derselben Dosen haben bei Kaninchen und noch deutlicher bei Meerschweinchen denselben hypnotischen 10) Arnold und L e s c h k e: D.m.W. 1920. ”) S e i t f e r t: B.kl.W. 1921. 12) Dittler: Arch. f. ges. Phys. 1914; Arch. f. Biol. 1918. 13) Freund; Arch. f. exp. Pharm. 1920. 14) Freund und Gott lieb; M.in.W. 1921. 15) Kirste: Arch. f. exp. Pharm. 1921. 18j Zondek: D.m.W. 1921. 17j Storm van Leen wen: Arch. f. exp. Pharm. 1921. 1S) La wen und Dittler; Arch. f. exp. Med. 1913. 19) Straub; Pflügers Arch. 1898. Erfolg. Auch beim Menschen wirken Milch 5 ccm intravenös und 10 cc subkutan schlafbefördernd. • jj Deuteroalbumose, Prodigiosus-Vakzine, Vakzineurin, Yattel Zuckerlösung 25 Proz. hatten keine augenfällige Wirkung. I Aendert man Reaktionsfähigkeit und Reaktion der G ; webssäfte, insbesondere des Blutes, durch parenteral eingeführte Pr teinkörper und Reizkörper, so entstehen mit einem nachher eingebrac i ten Giftstoff (Alkaloid etc.) giftige Verbindungen. Sie können e| lieblich weniger giftig sein .(Antagonismus) als die einfache Al kaloid-Gewebssaftbindung. oder giftiger (Synergismus) oder eii veränderte Giftwirkung haben. Gift-Proteinbindungen lassen sich auch im Reagen2| glase hersteilen. Derartige Versuche sind seit langer Zeit für rnancil Alkaloide etc. mit Gewebsbrei und Serum angesteilt worden mit de Resultat einer „Entgiftung“ für manche, einer Verstärkung für ande < Gifte. _ _ 'I In meinen Versuchen zeigte sich, dass so eine wirkliche Entgilt tung nicht zustande kommt. Es entsteht immer eine Ei weis; k ö r p e r - A 1 k a 1 o i d v e r b i n d u n g. welche zwar w e n i g t giftig ist, aber in ausreichender Dosis stets tödlich wirkt. Man kai die meisten Bindungen wahrscheinlich als A d s o r p t e auffassen, i das Alkaloid sich aus ihnen leicht durch Ausschütteln mit Chlorofor etc. wieder gewinnen lässt. Einige der Bindungen zerfallen leicl So das Reagenzglasadsorpt aus Kaninchenplasma oder -Serum it Strychnin und Nikotin, welches im Kaninchenkörper nach einer ve längerten Latenzzeit sich spaltet, sodass es dann zu einer reinig Alkaloidwirkung kommt. Der Gjf tigkeitsgrad einiger der Reagenzglasgemische kai durch Erwärmen verändert werden. Nimmt man aus einem (i misch von Milch mit Strychnin oder Nikotin ein Ouantum, welches bf 20° C bereitet für ein Kaninchen gerade noch völlig gehemmt („er; giftet“) ist, erhitzt es 2—3 Minuten auf 60° C und injiziert na; der Abkühlung, so wirkt das Produkt sehr stark giftig, jö Vergiftungserscheinungen treten nicht nur sehr viel schneller ein, sol dern sind auch bedeutend heftiger, als wenn die im Gemisch enthalte; j Alkaloiddosis allein injiziert worden wäre. Der Antagonismus ist f Synergismus verwandelt wmrden. Mischt man etw^a den vierten Teil der tödlichen intravenösl Chinindosis mit schwach saurer Molke oder Koffein in derselben rel : tiven Menge mit Milch bei 15° C, so entstehen enorm giftig! Bindungen, deren Wirkung sich durch Ethitzen steigern lässt. Bei den beschriebenen Wirkungen der Giftadsorpte handelt I sich nicht um echten Antagonismus und Synergismus, sondern ir: Hemmungs- und Verstärkungswirkungen. Veränderte Reaktion. In den Organismus eingebrachj Proteine vermögen unter bestimmten Bedingungen mit Alkaloid , Bindungen zu erzeugen, deren Wirkung von der bekannten Alkaloi, Wirkung erheblich abweicht. Bei geeigneter Vei;suchsanordming erhi man nach Milchzufuhr durch unterschwellige Dosen von K o f f e : eine reine Narkose, nach Vakzineurin- oder Molkeinjektion a;r nachträgliche mittlere Nikotingaben nur Lähmung. Eine ganz besoii ders bemerkenswerte Reaktion lässt sich durch bestimmte Vorbehan, lung mit Milch und späterer Injektion von Strychnin erreichen, när lieh zuerst Uebererregbarkeit und geringe Krämpfe, dann progressi'.j Lähmung für Stunden oder Tage, und auf Reize dann wieder Tetam. Eine Reaktion, die auf Strychnin sonst n i e beim Warmbl i) t e r sondern nur beim Kaltblüter beobachtet wird. Tagelang finden sich Reaktionsprodukte von Proteinkörpern tr Gewebsflüssigkeiten und Blut im Organismus, naturgemäss immer til fere Abbauprodukte, die selbst und im Verein mit Blut etc. Gifte j binden vermögen. Die Adsorptionskraft wird immer geringer insofetj als die Bindungen der ersten Stunden am stärksten ihre besondet, Wirkungsrichtung zeigen. Produkte vom Charakter der Gifthcmmu sind in den späteren Stadien giftiger als in früheren, die Verstärkung bindungen dagegen weniger giftig. Manche der späteren Bindung! (z. B. mit Strychnin. Nikotin, Kokain) weisen einen ganz verändert Symtomenkomplex der Vergiftung auf. So konnte ich die Strychn: kaltbliiterreaktion am Kaninchen nur am Tage nach der intravenös Zufuhr von Milch mit Sicherheit erzeugen. UeberempfindT rchkeit. Bereits vor Ablauf einer Stun ■ nach der intravenösen Einbringung von Proteinen konnte i| Ueberempfindlichkeit gegen denselben, schwächer au gegen andere Proteinkörper hervorrufen. Echte Anaphylaxie geg Milch ist beim Kaninchen durchaus nicht selten; sie lässt sich jede i nicht mit Sicherheit erzwingen. Bringt man aber Milch in d Blutbahn und 40 — 60 Minuten später ein bei Zimmertempcrat - bereitetes stark unterschwelliges, für sich allein wirkungslos! Reagenzglasadsorpt von Milch und Alkaloi d1, dess krampfmachendes Alkaloid einen • H a u p t a n g r i f f s p u n k t der Me du 11a oblongata hat, in die Venen, so tritt nach wenig Sekunden Atmungstetanus und Blässe der Schleim h ä u 1 und der Ohren ein. V* — Vs der sonst tödlichen Alkaloiddosis Gemisch genügt meist, den Tod in 10 — 50 Sekunden herbeizufühn Ist die Dosis noch geiinger. erfolgt ein Atmungsstillstand von et\ 30 Sekunden bei Seitenlage des Tieres. Das Herz schlägt weiter, me verlangsamt. Allmählich kommt die Atmung wieder in Gang. Et\ 1 Minute später springt das Kaninchen auf und erholt sich sehr schm Injiziert man dem vorbehandelten Tier ein unterschwelliges Gemisi subkutan, so zeigen sich spätestens nach der .halben Latenzzeit eii etwas überschwelligen reinen Alkaloiddosis oder noch eher scliwe 1(1. Februar 1922. MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT. 187 Vergiftungserscheinu'ngen. Diese Ueberempfindlichkeit ist nicht streng spezifisch (Gruppenreaktion). Die beschriebenen ana¬ phylaktoiden Erscheinungen lassen sich nicht durch Bildung eines neuen, besonders giftigen Adsorptes erklären. Dagegen spricht in erster Linie der schon in 5 — 10 Sekunden eintretende Atmungstetanus, ferner die sofortige Erholung nach Ueberwindung desselben, nicht min¬ der auch die Erscheinungen nach subkutaner Injektion des Gemisches so). Dosierung und Paradigmata für Wirkungstypus. Die Proteinkörper lassen sich für die Giftbindung nur in mässigen Gren¬ zen exakt dosieren. Allen andern überlegen sowohl für Hemmung wie Verstärkung erwies sich die Milch trotz ihrer etwas wechselnden Zu¬ sammensetzung. Die nicht für alle Tiere derselben Klasse gleiche wirksame Dosis der verschiedenen Proteine und Reizkörper ist durch den jeweiligen Zustand des Tierorganismus bedingt. Sie ist sogar im Sommer ein wenig anders als im Winter. Kolloide. Die schützende Wirkung von Suspensionen, Emul¬ sionen und kolloidalen Lösungen gegen manche Vergiftungen ist seit dem Altertum bekannt. Lichtwitz 1908, Wiechowski 1910, Z u n t z 1913, Starken stein 1918 u. a. haben exakte Versuche über Adsorption von Giften an Blutkohle, Kaolin. Milch. Eiweisslösungen, Lezithin etc. angestellt und deren starke Hemmungswirkung dargetan. Dass alle Giftbindungen dieser Stoffe auf Adsorption beruhen, ist bisher nicht erwiesen. Es kann für sehr viele Gifte bei Bindung mit den verschiedenen Kolloiden und Suspensionen eine kontinuierliche Reihe aufgestellt werden, die von starker Hemmung bis zu hochgradiger Verstärkung geht. Die Hemmung ist stets relativ, keine Hemmungsbindung ist ungiftig. Veränderung des kolloidalen Zustandes eines Körpers durch Erhitzen oder Zusätze ändern meist den Charakter der Bindung (des Adsorptes). Schon kleine Mengen eines Kolloids haben Hemmungs- oder Ver¬ stärkungswirkung, das Optimum liegt um ein Mehrfaches höher. Wei¬ tere Vermehrung ist wirkungslos. Vorbehandlung des Organismus mit Kolloiden hat keine katalytische Wirkung, sehr kleine Dosen erzeugen nur geringe Hemmung oder Verstärkung. Im strömenden Blut werden einige Alkaloide gehemmt, wenn dem Blut Zeit zu genügender Einwirkung gegeben wird. Bekannt ist das für sehr verdünnte Kckainlösungen. Auch Strychnin und Nikotin lassen sich partiell entgiften, wenn man sehr dünne Lösungen sehr langsam \.3 — 5 Minuten) in die Blutbahn bringt, ein Umstand, der auch noch gegen Speicherung in der Nervenzelle spricht. Der Aenderung des Giftigkeitsgradds eines Adsorptes geht eine Aenderung seines kolloidalen Zustandes voraus, ist vielleicht sogar dadurch bedingt. So trübt sich mit Essigsäure bereitete, schwach saure, fast klare Molke auf Zusatz von Chininsalzen bei 15° C deutlich nach etwa 1 Stunde. Das Gemisch wirkt aber schon nach ca. Stunde giftiger als das Chininsalz allein. Wird das Gemisch auf 40° C er¬ hitzt, trübt es sich und wird giftiger. Die Trübung wird stärker beim Erhitzen auf 55° C (Oberflächenvergrösserung der kolloidalen Teilchen), der Giftigkeitsgrad wächst noch weiter. Zentrifugierte Labmolke mit der einfach tödlichen intravenösen Dosis Chinin, mur. versetzt, gibt nach einiger Zeit einen geringen Niederschlag. Bereits der dritte Teil des Filtrats wirkt tödlich. Der nit destilliertem Wasser gewaschene Niederschlag, in 6 ccm sehr verdünnter Essigsäure trübe gelöst, intravenös in 20 Sekunden inji¬ ziert, tötet ein Kaninchen in 40 Sekunden. Auch eine bei 15° C wenig trübe Essigsäuremolke opalisiert uif Koffein lösungzusatz nach kurzem Erwärmen auf 60° C stärker. Diese ist noch giftiger als die Mischung bei 15" C, welche die Wir¬ kung des reinen Koffeins 2 — 3 mal übertrifft. Klare Sera oder fast klare Vakzine (partiell autolysiert) werden lurch Zusatz von Chininsalz- oder Koffeinlösungen getrübt und zwar nit steigender Temperatur immer stärker. Die Giftigkeit steigt mit ler Temperatur bis 60° C. Höhere Hitzegrade verursachen Fällungen. Dass Säuren und Alkalien an Aufschwemmungen, Schleime, Milch ;ebunden und damit gehemmt werden, ist eine alte Erfahrungstatsache. Ein sehr eigenartiges Verhalten weist Phenol auf. Zusatz einer üologisch wirksamen Menge (etwa 0,1 g) verfärbt Blut- und Bakterien- lufschwemmungen in der Kälte, bedingt eine leichte Trübung klarer •>era, Molke und Deuteroalbumose in der Wärme. Die Wirkung des Tienols wird durch Zusatz von entfetteter Milch enorm, von Milchfett Rahm) und Molke massig verstärkt, dagegen von Kasein erheblich, ron Deuteroalbumose noch stärker gehemmt. Erwärmt man aber ein | ■ngiftiges Phenol-Deuteroalbumosegemisch, so wird es immer giftiger 1 ind steht bei 60" C (nach Abkühlung injiziert) dem kalten Milch- menolgemisch nur wenig nach. Dass nicht die einfache Oberflächenvergrösserung der Kolloid¬ artikel (Trübung) Verstärkungsbindungen erzeugt, zeigt das Verhalten es Strychnins. Strychninnitratlösung 1 Prom. gibt mit klarer Labmolke ei 20° C eine Trübung und hemmt. Die stärker getrübte Mischung ei 60" C ist sehr giftig (nach Abkühlung). . 5 ccm Gelatinelösung l proz. hemmen bei 15" C. 0,4 mg Strych- mnitrat zum Teil, bei 60," C fast völlig (Einhüllung). Vakzine binden — im direkten Gegensatz zu ihrer sonstigen thera- eutischen Wirkung — erst in sehr grossen Mengen Giftstoffe, ein eichen, dass nur die Eiweisskörper wesentlich beteiligt sind. Der Versuch, durch Hämolyse im Organismus Reaktionsstoffe zu zeugen, ist mir insofern gelungen, als nach intravenöser Injektion ) Ausführliche Mitteilung meiner fast abgeschlossenen Versuche wird nnen kurzer Zeit erfolgen. » von destilliertem Wasser oder von Staphylokokkentoxin eine Beschleu¬ nigung des Eintritts einer späteren Strychninvergiftung erfolgte. Für verschiedene Tierarten ist die Giftigkeit der Adsorpte ver¬ schieden. Normales Pferdeserum, aus verschiedenen (Duellen bezogen, wirkte in einer Menge von 5 ccm intravenös auf Kaninchen fast stets giftig (allgemeine geringe Parese oder leichte Krämpfe von kurzer Dauer), etwas weniger giftig Rinderserum, ungiftig war Kaninchen¬ serum. Ein Gemisch von Pferdeserum und Strychnin aber wird bei 15° C sehr stark gehemmt, bei 60° C zu synergischer Wirkung ge¬ bracht. Etwas schwächer analog Rinderserum. Das Kaninchenserum- adsorpt verzögert erheblich den Eintritt der Vergiftungserscheinungen. Da aber schliesslich reine Strychninsymptome beobachtet werden, so ist es wahrscheinlich dass im Organismus das Alkaloid aus dem Ka- ninchenserumadsorpt ausgewaschen wird. In den folgenden Ausführungen ist die Dosis stets auf 1 kg Tier berechnet. Strychnin. Die Dos’s von 0,5 mg Strychninnitrat subkutan (töd¬ lich 0,4 mg) und 0,1 ing intravenös wird völlig oder fast völlig unschädlich gemacht durch 30 60 Minuten vorher gemachte intravenöse Injektion von zentrifugierter Milch 5 ccm, Molke 8 ccm, Kasein 0,25, Deuteroalbumose 0,2, Pferdeserum 3 ccm in etwas absteigender Stärke. Verzögert und un¬ vollständig gehemmt durch Vakzineurin 1,5 ccm, Rinderserum 5 ccm, Kanin¬ chenplasma 5 ccm, Kaninchenserum 5 ccm (s. o). Geringe Verzögerung durch völlig abgebaute Drüsensubstanz (Abderhaldens Optone). Subkutane Vorbehandlung erfordert grössere Dosen und längere Einwirkung. Bei Mi¬ schung im Glase sind für 0,5 mg Strychninhemmung nötig Milch 6 — 8 ccm, Pferdeserum 2,5 ccm, Kasein 0,25, Molke 10 ccm mit absteigender Wirkung. Verzögert und verändert wirkt das Strychninadsorpt 0,5 mg mit Rinderserum 5 ccm, Kaninchenserum 5 ccm und Vakzineurin 1,0. Von den auf 60 0 C erhitzten Mischungen wirkt XA—X/ subkutan meist tödlich. Intravenös wird hi des kalten Adsorptes gehemmt. Bei unvollkommener Hemmung sind im allgemeinen die Krampferscheinungen schwächer, es treten Lähmungen neben ihnen auf, ausser bei Kaninchenserum. Rohrzuckerlösung 25 Proz., Kochsalzlösung 10 Proz., Yatren, Pregl- sche Jodlösung haben keine deutliche Wirkung. Milchvorbehand- I u n g und später eine unterschwellige Dosis eines Strychnin- Mlilchadsorptes bei 15 0 C intravenös machten sofort heftigsten Tetanus, Atmungsstillstand, Tod in 10—20 Sek. Auf untertödliche Gaben trotz schwerster Symptome nach 30 — 50 Sek. Aufhören der Krämpfe, das Tier springt auf und verhält sich normal. Minimale Gaben des Gemisches mit 0,02 mg Strychninnitrat sind unwirksam. Die Kaltblüterreaktion des Kaninchens zeigt sich, wenn man zentrifugierte Milch 5 ccm intravenös und am nächsten Tage Strychnin 0,5 mg subkutan verabfolgt. Sie ist nicht zu erzielen, nicht einmal andeutungsweise, wenn 8 ccm Blut des am Vortage injizierten Kaninchens mit Strychnin ge¬ mischt und nach 1 Stunde subkutan injiziert wird. Der Erfolg ist eine reine Strychninvergiftung, da das Alkaloid aus dem Gemisch ausgewaschen wird. Die Hemmungsgrenze des Nikotins liegt für das Kaninchen bei der krampfmachenden Dosis von 0,012 subkutan und 0,0003 intravenös. Voll¬ kommen hemmen Adrenalin 0,001 und Milch 3 ccm bei Mischung im Glase wie bei Vorbehandlung. Sehr wenig höhere Gaben als dieses Optimum des Adsorptes verursachen leichte Narkose und vorübergehende Lähmung, noch höhere Krämpfe. Auf Meerschweinchen wirkt das Adsorpt stets giftig, wenn die darin enthaltene Nikotinmenge Erscheinungen machen würde, nur schwä¬ cher. Die hemmende Wirkung auf das parasympathische Nervensystem ist viel geringer (Versuche in Gemeinschaft mit Dr. Hans Rosenberg. Wird demnächst publiziert). Hypophysenextrakt 0,2, Vakzineurin 2 ccm, Molke 10 ccm, Kaninchen¬ serum 5 ccm hemmen Nikotin partiell, bedingen Unruhe, Narkose, vorüber¬ gehende Lähmung der Extremitäten. Alle angeführten Gemische, auf 60° C erhitzt, sind sehr giftig. Deuteroalbumose 0,2, Pferdeserum 2 ccm. Abder¬ haldens Optone, Yatren 0,1, P r e g 1 sehe Jodlösung 5 ccm wirken ver¬ stärkend. Milch 5 ccm intravenös, 1 Stunde später die stark unter¬ schwellige Dosis einer kalten Mischung von Nikotin 0,006 und Milch 1,5 ccm subkutan oder Nikotin 0,00015 und Milch 0,2 intra¬ venös verursachen im ersten Fall nach 80 Sekunden, im zweiten sofortige Krämpfe, Seitenlage, Atmungstetanus und Atmungsstillstand. Ist die Dosis noch geringer, kommt die Atmung bald wieder in Gang, das Tier erholt sich sehr schnell. Höhere als die optimalen Dosen der Proteinkörper sind wir¬ kungslos oder wirken nur durch Verdünnung, geringere lassen Lähmungs¬ erscheinungen, die sonst nicht beobachtet werden, auftreten. Alle Bin¬ dungen lassen sich im Sommer exakter und gleichmässiger erzielen als im Winter. Phenol. Schon sehr kleine Mengen 0,5 ccm roher oder zentrifugier¬ ter und mit.Aether entfetteter Milch verstärken die Wirkung der eben krampf¬ machenden, subkutanen Phenoldosis 0,1 bedeutend. Derartige Milch, 1 ccm einer sonst unwirksamen Phenolgabe 0,03 zugesetzt, verursacht Krämpfe und stundenlange Lähmung. Milchfett (Rahm) 0,25 und Phenol 0,04 machen Zittern und Lähmung für XA Stunde. Deuteroalbumose 0,2 hemmt Phenol 0,2 fast völlig, Kasein 0,25 hemmt Phenol 0,1 sehr stark. Kaninchenplasma 4 ccm und Kaninchenserum 5 ccm hemmen 0,1 noch gut. Das Plasma wird von Phenol sofort grau verfärbt. Vorbehandlung des Tieres mit Milch subkutan oder intravenös hat denselben Erfolg, Vorbehandlung mit den andern Sub¬ stanzen und folgende Phenolinjektion einen etwas geringeren Effekt als die Einbringung des Adsorptes. Meerschweinchen sind gegen das Deuteroalbumosephenoladsorpt empfind¬ licher als Kaninchen. Ein völlig ungiftiges Gemisch von Phenol 0,1 und Deuteroalbumose 0,1 ist nach dem Erhitzen auf 60° C fast so giftig wie ein Milchphenol¬ gemisch. Bemerkenswert ist das direkt entgegengesetzte Verhalten von fast völlig entfetteter Milch (verstärkend) und Kasein (hemmend), während Milchfett allein nur wenig verstärkend wirkt. Chinin. I n t r a v e n ö s ist Chinin, mur. 0,07, subkutan 0,26 tödlich für Kaninchen. Verstärkend wirken Milch 2 ccm und schwach saure Molke (Essigsäure) 7 ccm, die durch intravenöse Vorbehandlung und in vitro mit nur 0,02 Chin. mur. eine tödliche Mischung ergeben. Dagegen hemmen Labmolke 5 ccm, Pferdeserum 3 ccm. Rinderserum 5 ccm, Kaninchenserum 18S MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT Nr. 6. ■4 ccm, Vakzineurin 2 ccm, 0,04 Chinin intravenös völlig, 0,05 — 0,07 par¬ tiell, indem die Tiere kurzdauernde Krämpfe und Lähmungen erleiden, von denen sie sich schnell erholen. Alle Reagenzglasgemische des Chinins sind erhitzt und dann abgektihlt sehr giftig. Milch gerinnt durch Zusatz von Chininsalzlösungen sofort. Aus Labmolke und Essigsäuremolke wird durch Chininsalze ein geringer Nieder¬ schlag ausgefällt, der sehr giftig ist. Vorbehandlung mit Milch und folgende subkutane Injektion der töd¬ lichen Dosis von Chin. mur. 0,26 verursacht nur eine rasch eintretende, mässige, bald vorübergehende Lähmung der Extremitäten, die intraperitoneale Gabe leichte Krämpfe. Mischung von Chin. mur. 0,26 mit Pferdeserum oder Kaninchenserum 5 ccm bei 15 0 C hat, subkutan injiziert, meist nur die Wirkung, dass die Pupillen für 'A Stunde eng werden. Demnach geht Chinin, mur. mit kreisen¬ dem Blut, welches mit Milch und mit Essigsäure vorbehandelt ist, ebenso mit Essigsäuremolke in vitro eine Bindung (Adsorption) ein, welche sehr giftig ist. Versetzt man dagegen das Blut in der Blutbahn mit Labmolke, Seren und Vakzinen, so entsteht eine viel weniger giftige Bindung des nachher eingebrachten Chinins an veränderte Blutbestandteile. Sehr wenig giftig werden die Protein-Chiningemische des Reagenzglases, wenn sie zuerst im Körper mit anderen Gewebssäften in Berührung kommen und erst dann in die Blutbahn gelangen, trotz schneller Resorption. Koffein, „ein rein erregendes Gift“, hat ähnlich dem Chinin einen Hanptangriffspunkt in der Medulla oblongata. 0,13 intravenös bedingen klo¬ nische Krämpfe, Atemstillstand, Tod. Die individuelle Toleranz ist für Koffein und ebenso für Chinin und Nikotin deutlich stärker schwankend als für Strychnin, welches sich innerhalb minimaler Grenzen beim Kaninchen exakt dosieren lässt. Koffeingaben unter 0,1 haben keine sichtbare Wirkung. Gibt man aber Milch 5 ccm intravenös und nach 30 — 60 Minuten Koffein 0,04, eine stark unterschwellige Dosis, in die Blutbahn, so kommt es rasch zu einer leichten Narkose, 0,08 auch zu Narkose, 0,1 zu Krämpfen, 0,11 zu einem tödlichen Krampfzustand. Milch 5 ccm und Koffein 0,02 eine Stunde bei 20° C machen meist Krämpfe auf intravenöse Injektion, noch sicherer wirkt das auf 60° C erhitzte Gemisch. Verstärkend wirkt auch Vakzineurin 2 ccm. Aus¬ gezeichnet konnte ich die Ueberempfindlichkeitsreaktion mit Milch, auch mit Vakzineurin erzielen. Auf Milch 5 ccm intravenös, 40 Minuten später ein Gemisch von Koffein 0.09 und Milch 5 ccm intravenös stürzt das Kaninchen sofort hin. Der Tod erfolgt unter heftigen Krämpfen und Atmungstetanus in 20 Sekunden. Betrug die Koffeinmenge in der Mi¬ schung jedoch 0,07, stürzt das Tier ebenfalls sofort hin, die Atmung steht, die Schleimhäute sind blass, die Krämpfe sind schwächer. Nach 20 — 30 Se¬ kunden atmet es wieder, springt auf, läuft davon und erholt sich sehr schnell vollkommen. Von Krampfgiften mit sehr verbreiteten Angriffspunkten werden Piloknrpin, Pikrotoxin und Physostigmin durch Milch, Kasein, Vakzineurin in jeder Dosis etwas verstärkt, Veratrin etwas gehemmt. Morphin. Deutliche Narkose tritt beim Kaninchen auf Morphin, mur. 0,01 subkutan ein. Dieselbe Wirkung kann mit % der Gabe erzielt werden, wenn vorher oder nachher 5 ccm Milch intravenös gegeben werden. Morphin intravenös wird durch Deuteroalbumose und Kasein etwas gehemmt. Kodeinphosphat in schlafmachender Menge wird von Milch in seiner Wir¬ kung wenig gehemmt. Obwohl Morphin und Kodein ausgesprochen auf das Atmungszentrum lähmend wirken, war mit diesen Alkaloiden die anaphylaktoide Reaktion nicht hervorzurufen. Thebain. Als prinzipiell wichtig erwiesen sich die Versuche mit Thebain. Es gehört seiner pharmakologischen Wirkung nach zur Strychnin¬ gruppe (S c h m i e d e b e r g). Sein Verhalten den Proteinkörpern gegenüber ist jedoch ganz anders. Zwar wirken Deuteroalbumose und Vakzineurin auf die minimale letale Dosis Thebainazetat 0.013 subkutan und 0,003 intravenös etwas hemmend, Milch aber wirkt niemals hemmend, sondern stets mässig verstärkend, ganz gleich, ob in Vorbehandlung verwandt oder in einem kalten oder vorher erhitzten Gemisch. Die Ueberempfindlich¬ keitsreaktion Milch, Milch-Thebain intravenös fällt positiv aus. Schon der Umstand, dass Proteine auf Thebain nur wenig hem¬ mend, Milch sogar verstärkend wirkt, während das gleiche Vergif¬ tungserscheinungen verursachende Strychnin durch Proteine sehr stark gehemmt wird, weist zwingend darauf hin, dass dieser Antagonismus nicht nur ein einfaches zelluläres Problem von Wirkung und Gegenwirkung ist. Es wäre absurd, anzunehmen, dass Milch die Schaltneurone oder gar alle Nervenzellen aktivieren oder blockieren sollte, um einmal bei Strychnin dieselben Erscheinungen zu hemmen, die sie ein andermal bei Thebain verstärkt. Nur die Art und Toxizität des Adsorptes bestimmt seine Wirkung auf den Organismus. Hem¬ mung wie Verstärkung sind humoral und zellulär bedingt. Steigerung, Heilung. Ausgebrochene Vergiftungserschei¬ nungen lassen sich durch nachherige Zufuhr der „synergischen“ Pro¬ teinkörper leicht und sicher verstärken. Zufuhr in der Latenzzeit kürzt diese mehr oder minder stark ab. Die Bindung Alkaloidblut-Protein¬ stoff erfolgt im allgemeinen schneller als die Bindung Blutproteinstoff- Alkaloid in dieser zeitlichen Reihenfolge. Mit der entstandenen gif¬ tigeren Bindung und zuweilen ausserdem mit dem Proteinstoff selbst reagiert das bereits getroffene Erfolgsorgan und oft auch noch weitere Zellgruppen dazu stärker als mit dem einfachen Alkaloid. Anders bei Antagonisten. Nur Vergiftungserscheinungen geringen Grades Hessen sich durch nachfolgende Proteininjektionen hemmen und zwar Krämpfe etwas leichter als Paresen. Geringe Nikotinkrämpfe und -Lähmung können oft rasch durch intravenöse Milchinjektion be¬ seitigt werden, Physostigminzittern zuweilen durch Preglsche Jod¬ lösung. Ist eine Zelle von dem sie umspülenden Gift zu einer Reaktion gebracht worden, die eine heftige Erregung von mehr oder minder langer Dauer verursacht, so kann ein Proteinblutreaktionskörper, wel¬ cher selbst diese Zelle — und das ist fast immer der Fall — nicht angreift, sie nicht direkt beruhigen. Er kann nur das kreisende Gift adsorbieren und unschädlich machen. Er vermag aber weder ein Zellkolloidgiftadsorpt zu binden, noch durch physikalische Reaktion stark veränderte Zellkolloide (vergrösserte, verlagerte, deformierte Par¬ tikel) zur Norm zurückführen. Nur bei einer einfachen Permeabi¬ lität der Zelle für das Gift müsste eine Bindung möglich sein. Dieser Mechanismus scheint aber fast nie zuzutreffen. Auch wenn das Gift die Oberflächenspannung der Zelle stark verändert, wird der Protein¬ körper im allgemeinen an dieser Stelle nicht reaktionsfähig sein und ebensowenig eindringen können. Sicher gilt das für die an Alkaloid ( gebundenen korpuskulären und zellulären (Blut-) Elemente des Ad¬ sorbens in vitro, deren Giftigkeitsgrad nach Sättigung durch weiteres Hinzufügen desselben Proteinkörpers oder Proteingemisches nicht oder nicht wesentlich geändert wird. Aus den Beobachtungen lässt sich der Satz ableiten, dass S y - n e r g i s t e n annähernd gleichsinnige Reaktionen der Zell- c 1 einen te bedingen, so dass ihre Wirkungen sich addieren oder po¬ tenzieren können. Es ist dabei nicht nötig, dass jede Komponente den¬ selben Angriffspunkt hat, die eine kann als Schrittmacher für die andere dienen. So ist das Strychnin stets der Träger für die Milch. Wirksames Gemisch wie Bindungen im Organismus grei¬ fen nur an den Stellen an. die strychninreaktionsfähig sind. Umgekehrt bei unterschwelligen Koffeindosen. Hier ist die M i 1 c h der Schritt¬ macher; das Koffein, welches selbst nie hypnotisch wirkt, verstärkt beträchtlich den hypnotischen Effekt der Milch. Die Zeit des Wirkungs¬ eintritts hängt von der Bindungszeit der Komponenten ab. Für antagonistisches Verhalten gibt es einen doppel¬ ten Mechanismus. Das in der Kälte bereitete Gemisch, auch die im Organismus entstehende Bindung, hat eine relativ grosse Menge von bindenden Proteinkörperoartikelchen nötig, so dass das Alkaloid gewissermassen eingehüllt wird und deshalb unvollkommen zur Wir¬ kung kommt. Dasselbe Gemisch erhitzt lässt einen grossen Teil des Proteins frei werden, das Alkaloid bindet sich in anderer Weise nun an eine geringe Zahl der durch Hitze veränderten Partikel und wirkt ganz anders, sehr giftig. Strychnin 0.5 mg braucht 5 ccm Milch bei 20° C zur Hemmung, 1 ccm bei 60° C zur Verstärkung. In beiden Fällen ändern grössere Milchmengen nichts an dem Effekt. Oder Proteinkörper und Alkaloid haben ein derart entgegengesetztes Verhalten den Zellkolloiden gegenüber, dass beiden der Angriffspunkt stark gesperrt wird. Auch für die Hemmung gilt der Satz, dass der eine Stoff dem andern als Schrittmacher dient. Ausschlaggebend ist für jede Wirkung eines Adsorptes die Ab¬ stimm u n g seiner Komponenten zu einander und auf die E rf o I g s z e 1 1 e. Es gibt anscheinend kein Adsorpt. in dem ein echter Antagonismus ± = 0 besteht, da in der lockern Bindung jeder der beiden Körper eine gewisse selbständige Wirkung bewahrt und ausübt. Sogar bei der besten Abstimmung war stets eine gewisse Veränderung im Verhalten des Versuchstieres zu erkennen, wenn sie auch nur sehr geringfügig war. Abhängig ist die Abstimmung von der Oualität und Ouantität der Komponenten, der Bindungszeit, der) Mischungstemperatur, von dem Ort und der Schnelligkeit der Injektion, ji besonders aber auch vom Zustand der Angriffszelle (s. u.). Kreist ein Hemmungsadsorot in grösserer Menge im Körper als der Nullabstim-j mung (Minimalabstimmung) auf die Angriffszelle entspricht, so erfolgt eine Reaktion, die sich bei einem geringen Ueberschuss nur in ganzj bestimmten Zellgruppen, oft sehr eigenartiger Lokalisation, abspielt, bei stärkerem Ueberschuss aber in allen Zellen, auf die das reine Gift allein wirkt. Bringt man Proteinkörper parenteral in den normalen Organismus,! so reagieren Zellen des Zentralnervensystems direkt auf die Ein¬ fuhr: beim Tier Schlaf, beim Menschen Schlaf, Euphorie, Leistungs-: Steigerung. In andern Zentren und Zellgruppen wird dagegen nur die Reaktionsfähigkeit bestimmten Reizen gegenüber geändert, die Reizschwelle wird erhöht oder erniedrigt. Bei der Strychninkaltblüter¬ reaktion des Kaninchens reagieren die Krampfzentren viel schwerer und unvollkommener als normal auf das im Organismus kreisende Strychnin-Proteinabbauadsorpt. sehr leicht dagegen die Zellen, welche die Lähmung verursachen. Durch sehr oft wiederholte mechanische Reize konnte ich die Reaktionsfähigkeit der Zellen des Krampfzentrums (Schaltneurone) wieder auf die gewohnte Höhe bringen, auch wenn) die Lähmung hochgradig war. Am leichtesten lassen sich am Kaninchen durch Milch Zentren' in der Medulla oblongata in diesem Sinne abstimmen.' Nach der Versuchsreihe, welche ich zusammen mit Dr. Hans Rosen¬ berg angestellt habe, ist die veränderte Reaktionsfähigkeit der Zellen schon nach 6 Minuten graphisch darstellbar, erreicht ihren Höhepunkt zwischen 30 — 90 Minuten und klingt dann allmählich ab. Jedoch befinden sich die Zellen nur einigen wenigen Reizen gegenüber in einem labilen Gleichgewichtszustand. -den man als Sensibilisierung oder Ueberemofind lieh k eit auffassen kann. Die stärkste Ueberempfindlichkeit besteht nach Sen-1 sibilisierung mit Milch gegen unterschwellige, für sich allein ungiftige Milch-Krampfalkaloidadsorpte. wenn das Alkaloid einen Hauptangriffs¬ punkt in der Medulla hat. Die intravenöse Injektion des Adsorptes' führt in wenigen Sekunden zum Exitus. Auch Zellen höher und tiefer gelegener Zentren zeigen bei geeigneter Versuchsanordnung die Ueber¬ empfindlichkeitsreaktion. Das Phänomen ist dem anaphylaktischen Schock verwandt, unterscheidet sich aber von ihm dadurch, dass weder minimale Dosen wirksam sind, noch injiziertes Blut des vergifteten Tieres gleiche Erscheinungen auslöst. Nahe Beziehungen bestehen auch zur Herdreaktion erkrankter Organe gegen unspezifisches Ei- weiss. wie sie von mir und andern’ beschrieben worden sind. MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT 189 Februar 1922. Meine Beschäftigung mit den Reizstoffen hat ihren Ausgang von Therapie genommen21). Ich will es daher nicht unterlassen, auf therapeutische Bedeutung meiner Versuchsreihen hinzuweisen. Es sich danach als prinzipiell richtig erwiesen, wenn ich früher vcr- hte, Giftstoffe, die im Organismus entstehen und kreisen, an Pro- le und Vakzine zu binden und ihnen gleichzeitig die Angriffspunkte ch artifiziellen Zellschutz zu verlegen. Es ist auch zweckmässig 1 richtig, unter Umständen noch eine weitere Komponente zum iutz der Zellen gegen organisierte 'Krampfgifte heranzuziehen. 1. Milchvorbehandlung — Strychnin. Kaninchen 1000 g. 6. VI. 1920, hr 40 Min. Milch zentrifugiert 5 ccm iv. 22). 10 Uhr 30 Min. Strychnin. . 0,5 mg sk. Keine Uebererregbarkeit, kein Krampf. 2. Milchadsorpt. Kaninchen 700 g 10 Uhr 4 Min. Milch 3,0 — ccm mit a:hn. nitr. 0,00035 gemisch. 11 Uhr 10 Min. Gemisch sk. injiziert. 11 Uhr Min. Reflexlibererregbarkeit. 11 Uhr 25 Min. Sitzt sehr ruhig. Gang ;tisch; tibererregbar. 11 Uhr 40 Min. Verhalten normal, nicht mehr über- gbar. 3. Vakzineurinadsorpt. Kaninchen 1000 g. 10 Uhr 5 Min. Vakzineurin mit Strychn. nitr. 0,00045 gemischt. 11 Uhr 59 Min. Gemisch sk. injiziert. Jhr 10 Min. Auf Reiz kurzer geringer Krampf. 12® Uhr 20 Min. Zuckt stark Reiz. 12 Uhr v40 Min. Noch etwas übererregbar. 12 Uhr 50 Min. Normal. 4. Adsorpt mit zu geringer Milchmenge. Kaninchen 700 g. 9 Uhr 30 Min. /chnin. nitr. 0,00035, mit Milch 0,5 gemischt. 10 Uhr 45 Min. Gemisch sk. ’.iert. 10 Uhr 54 Min. Unruhe, Uebererregbarkeit. 11 Uhr 12 Min. Opistho- is, Tetanus, Seitenlage, setzt sich dann mit den Vorderextremitäten richtig. Jhr 13 Min. erneuter Tetanus, Seitenlage. 11 Uhr 20 Min. Noch von Zeit Zeit Streckkrampf. 11 Uhr 30 Min. Extremitäten rigid, von Zeit zu Zeit mpf. 1,1 Uhr 45 Min. Partielle Lähmung, übererregbar. 2 Uhr. Dasselbe. 5. Erhitztes Adsorpt. Kaninchen 1200 g Strychn. nitr. 0,09 mg rpit zentri¬ erter Milch, 2 ccm auf 55 u C erhitzt, abgekühlt. 10 Uhr 3 Min. Gemisch ;sam iv. injiziert. Zum Schluss der Injektion Zittern, Tetanus, Lähmung. nach 50 Sekunden. 6. Kaltblüterreaktion. Kaninchen 1750 g. 28. X. 1921, 10 Uhr 36 Min. zehn. nitr. 0,8 mg sk. 11 Uhr 3 Min. Geringer Tetanus 25 Sek., Zittern. Jhr 4 Min. Sitzt gestreckt, geringes Zittern. 11 Uhr 9 Min. Versucht zu sn, gleitet ab. Beginn der Lähmung. 11 Uhr 15 Min. Vergebliche Ver- le sich vorwärts zu bewegen. Hinterextremitäten gestreckt, schlaff, Vorder- emitäten gespreizt. Kopfzittern, lebhafte Atmung. Sehr wenig reflex- rerregbar. Extremitäten völlig gelähmt. 12 Uhr 10 Min. kaum reflex- rerregbar, äusserst schlaffe Muskulatur, völlig gelähmt. 12 Uhr 50 Min. 1 Uhr 29 Min. öftere Reflexversuche. 1 Uhr 29 Min. Stärkere Reflex- und ^versuche etwa 1 Minute Lang. 1 Uhr 37 Min. Auf Berührung Tetanus, lungsstillstand. Tod nach 90 Sekunden. 7. Ueberempfindlichkeitsversuch. Kaninchen 1300 g. 10 Uhr 40 Min. ;h 5 ccm iv. 11 Uhr 58 Min. Milch 1 ccm mit Strychn. nitr. 0,2 mg ge¬ eilt (hat 1/4 Stunden bei 20° C gestanden), iv. injiziert. Sofort Opistho- is, heftigster Tetanus, inspiratorischer Atmungsstillstand, Schleimhäute .s. Exitus nach 25 Sekunden. 8. Adrenalin — Nikotin. Kaninchen 750 g. 9 Uhr 50 Min. Adrenalin 1 mit Nikotin 0,01 bei 20 " C gemischt. 11 Uhr 25 Min. Gemisch inijziert. ie Erscheinungen. Puls bleibt 260 wie vor der Injektion. 9. Narkose. Kaninchen 1100 g. 9 Uhr 55 Min. Vakzineurin 1.2 iv. Uhr 30 Min. Nikotin 0,011 sk. 10 Uhr 34 Min. Hinterbeine schlaff nach en. 10 Uhr 35 Min. Kopf sinkt auf den Tisch. 10 Uhr 36 Min. Normal ;tzt, bleibt kurze Zeit sitzen, sinkt dann zusammen. Atmung frequent. Jhr 40 Min. Augen fast geschlossen, Ohren hefabgesunken. 10 Uhr 46 Min. zenbuckel. 10 Uhr 50 Min. Normal gesetzt, sinkt bald wieder zusammen. Uhr 53 Min. zum Gehen veranlasst, leichte Zuckungen, sinkt dann wieder 3auchlage, Kopf auf Tisch, Augen fast geschlossen. 11 Uhr 10 Min. Geht Reiz einige Schritte. 11 Uhr 30 Min. Beginnt sich zu erholen. 12 Uhr. iter. 10. Erhitztes Adsorpt. Kaninchen 1500 g. 12 Uhr 29. Gemisch Nikotin 2 und Milch 5 ccm auf 60 0 C 3 Minuten erhitzt, abgekühtt sk. injiziert. Jhr 30 Min. Zittern, Dyspnoe. 12 Uhr 34 Min. Krampf der Kopfmuskulatur, ;mus, überschlägt sich mehrfach, allgemeine Krämpfe. 12 Uhr 37 Min. ;sige Parese der Extremitäten. 1 Uhr 30 Minuten. Noch geringe Parese, uhe. 11. Ueberempfindlichkeitsreaktion. Kaninchen 1500 g. 11 Uhr 15 Min. :h 5 ccm iv. 12 Uhr 1 Min. Mischung Nikotin 0,0004 und Milch 0,4 iv. )rt Seitenlage, heftige Krämpfe, inspiratorischer Atmungsstillstand, leimhäute blass. Nach 15 Sek. beginnt es einige Atemzüge zu tun, setzt , streckt Kopf vor, streckt Hinterextremitäten. 12 Uhr 3 Min. Langsame : Atmung. Normal gesetzt, noch etwas schlaff. 12 Uhr 4 Min. Geht einige ritte spontan. Atmung frequent. 12 Uhr 7 Min. Geht und sitzt fast nor- 12 Uhr 12 Min. Normal, munter. 12. Milch -Phenol. Kaninchen 500 g. 12 Uhr 17 Gemisch Phenol '15 und Milch 1 ccm (Milch zentrifugiert mit Aether geschüttelt, der ge- e Aether bei 50° C verdunstet) sk. 12 Uhr 18 Min. Zittern, Krämpfe, cse. 12 Uhr 40 Min. Dasselbe. 13. Milchfett-Phenol. Kaninchen 500 g. 11 Uhr 15 Min. Milchfett 1,5 ccm Phenol 0,015 gemischt, sk. Keine Erscheinungen. 14. Milchfett-Phenot. Kaninchen 500 g. 11 Uhr 1 Min. Milchfett 2 ccm Phenol 0,02 gemischt sk. 11 Uhr 4 Min. Zittern. Bauchlage. 11 Uhr lin. Kopf sinkt auf den Tisch, Zittern. 11 Uhr 24 Min. Zittern wird ge- .er, Kopfhaltung normal. 12 Uhr 20 Min. Munter. 15. C h i n i n. Kaninchen 1100 g. 12 Uhr 55 Min. Chinin, mur. 0,026 l ccm Wasser iv. Pupillen werden sehr eng, sonst keine Erscheinungen. 16. Milch-Chinin. Kaninchen 1000 g. 12 Uhr 38 Min. Milch 5 ccm iv. ihr 24 Min. Chinin, mur. 0,016 iv. Sofort klonische Krämpfe, Lähmung, 'tappende Atmung. Tod nach 70 Sek. 17. Saure Molke-Chinin. Kaninchen 750 g. 12 Uhr 10 Min. Schwach re Molke (Essigsäure) 7 ccm iv. 12 Uhr 59 Min. Chinin, mur. 0,015 iv. h 10 Sek. klonische Krämpfe, schlaffe Lähmung Atmungsstillstand, schnap- de Atemzüge. 1 Uhr. Exitus. 18. Labmolke-Chinin. Kaninchen 500 g. 1 Uhr 15 Min. Labmolke 5 ccm. Jhr 40 Min. Chinin, mur. 0,008 iv. Zittern, Unruhe. 1 Uhr 42 Min. ern gering. 2 Uhr. Normal. 19. Vakzineurin-Chinin. Kaninchen 1000 g. 12 Uhr 20 Min. Vakzineurin •*) B.kLW. 1913 etc.; M.m.W. 1919. ■-) iv. = intravenös, sk. = subkutan. Nr. 6. 2 ccm iv. 1 Uhr 8 Min. Chinin, mur. 0,017 iv. Geringes Zittern 1 Min., sonst keine Erscheinungen. 20. Tödliche Dosis sk. gehemmt. Kaninchen 600 g. 11 Uhr 36 Min. Milch zentrifugiert 5 ccm iv. 11 Uhr 56 Min. Chinin, mur. 0,16 sk. 12 Uhr 30 Min. Ataktisch. Sitzt gestreckt, Kopf tief, bewegt sich spontan sehr wenig. 1 Uhr 10 Min. Setzt sich normal. Gang fast normal. 21. 5/a tödliche Dosis sk. wenig verzögert. Kaninchen 700 g. 10 Uhr 45 Min. Milch zentrif. 8 ccm iv. 11 Uhr 49 Min. Chinin, mur. 0,15 sk. 12 Uhr 6 Min. Chinin, mur. 0,16 sk. 12 Uhr 20 Min. Beginn der Narkose. 12 Uhr 37 Min. Heftige klonische Krämpfe, Lähmung, Atmungsstillstand, Exitus. 22. Koffeinnarkose. Kaninchen 1500 g. 10 Uhr 22 Min. Milch 5 ccm iv. 11 Uhr 45 Min. Koffein 0,038 iv. 11 Uhr 49 Min. Sehr ruhig. Kopf sinkt auf Tisch, Augen halb geschlossen. 12 Uhr. Dasselbe. 12 Uhr 5 Min. Koffein 0,05 iv. 12 Uhr 6 Min. Bauchlage. Kopf auf Tisch, bewegt sich nicht spontan, geht angetrieben einige Schritte zitterig. 1 Uhr. Dasselbe. I Uhr 30 Min. Wieder munter. 23. Ueberempfindlichkeitsreaktion. Kaninchen 700 g. 11 Uhr 34 Min. Milch zentrifugiert 5 ccm. 12 Uhr 35 Mijj, JCoffein 0,06 mit Milch 5 ccm bei 15" C gemischt (steht 1 Stunde) iv. gftgifzt hin, Seitenlage, klonische Krämpfe, inspiratorischer Atemstillstand. 7 pele.ach 10 Sek. 24. Morphin-Milch. Kaninchen 1500 g. 1,12 nr. Morphin, mur. 0,006 sk. II Uhr 25 Min. Sehr munter. 11 Uhr 26 J'1 Mi Ich zentrifugiert 5 ccm iv. 11 Uhr 30 Min. Sehr ruhig, bewegt sic1 'flieht spontan, Kopf lauf Tisch. 11 Uhr 50 Min. Dasselbe. 12 Uhr 10 Min. 970 und zu spontan einige Schritte. 12 Uhr 30 Min. Noch sehr ruhig. e 25. Thebain. Kaninchen 1000 g. >L Uhr 11 Min. Thebainazetat 0,005 sk. 11 Uhr 20 Min. Thebainazetat 0,005 sk. 11 Uhr 21 Min. Geringe Unruhe, sonst keine Erscheinungen. 26. Milch-Thebain. Kaninchen 2100 g. 11 Uhr 17 Min. Milch 5 ccm iv. 12 Uhr 20 Min. Thebainazetat 0,022 sk. 12 Uhr 26 Min. Opisthotonus, Teta¬ nus, Tod nach 20 Sek. Aus dem Hygienischen Institut der Universität München, Untersuchungen über die Norm. Von J. Kaup-München. Das Interesse an der Konstitutionsforschung ist in den letzten Jahren stark erwacht. Wir stehen jedoch nicht einer neuen Bewegung gegenüber, sie ist lediglich ein Wiederaufflammen der Konstitutions¬ studien in der zweiten Hälfte des vergangenen Jahrhunderts, unter¬ brochen durch eine vorwiegend bakteriologische Aera. Militärhygieniker und Versicherungsmediziner haben in den 70er und 80er Jahren manche wertvolle Studien über die Zusammenhänge und Bedeutung der ein¬ zelnen Körpermasse für die Beurteilung der Körperverfassung ge¬ schrieben, die — wie mir scheint — von vielen neuen Konstitutions¬ forschern unberücksichtigt geblieben sind. Den alten wie den neuen Bestrebungen gemeinsam ist die Absicht, für die Norm der Konstitution — für den1 Typus — feste Anhaltspunkte in Mass, Zahl und Gewicht zu finden. Die älteren Populationsstatistiker und Anthropologen wie Gould, Quetelet verstanden unter dem Begriff des „Typus“ dasjenige Mass einer Beschaffenheit, um welches die zum betreffenden Bestände gehörigen Individuen derart variieren, dass dieses Beschaffenheitsmass, rein zahlenmässig gesehen, die Mitte oder das Zentrum der Abweichungen ist. Der Typus ist gewisser- massen der Ausdruck der „Einheit in der Mannigfaltigkeit“ oder nach Hildebrandt der Ausdruck der „Artnorm“. Bekanntlich hat bereits Quetelet die regelmässige Gruppierung der Varianten eines Körper¬ masses von Individuengruppen nach der binomialen Verteilungsweise, nach dem Gau ss sehen Fehlergesetz gefunden. Angenommen wurde auch, dass eine Population einen einzigen Typus darstelle und der Mittelwert der Ausdruck des Typus sei. Der Vererbungsforscher .1 ohannsen hat in glänzender Analyse dargetan, dass eine Einheit¬ lichkeit des Typus nur bei genotypischer Reinheit vorkomme, was in Anbetracht der gemengten Natur der Populationen nicht zutrifft. Der Typus im Sinne von Quetelet ist daher lediglich ein statistischer Begriff. Aber trotz der Fülle zahlenmässiger Angaben aus dieser Aera der Körpermassstudien blieben die einfachsten Zusammenhänge der ein¬ zelnen Körpermasse zum grösstem Teil unaufgeklärt, namentlich die Beziehungen zwischen Körperlänge und Körpergewicht. Dieser Klärung dienten in den allerletzten Jahren die zahlreichen Indexstudien, wobei bereits eine Reihe weiterer Körpermasse herangezogen wurden. Der Habitus als äussere Erscheinungsform des Körpers wurde in allen Teilen und Zusammenhängen sorgfältiger studiert und auch Organe und Organsysteme der inneren Organisation des Körpers nach Mass, Ge¬ wicht und Funktionsbreite mit den äusseren Körpermassen in Beziehung gesetzt. Namentlich zwei Monographien aus der letzten Zeit haben sich diesen Aufgaben gewidmet — die Allgemeine Prognostik als Lehre von der ärztlichen Beurteilung des gesunden und kranken Menschen von Th. Brugsch (Urban & Schwarzenberg. Berlin 1918) und die Schrift: Untersuchungen über die Norm von H. Ra u t man n *) (G. Fischer. Jena 1921). Brugsch hebt besonders hervor, dass in der für die ganze Krankheitslehre — und, wie ich hinzufügen möchte, auch für die Ge¬ sundheitslehre — so wichtigen Fragender Beurteilung der individuellen Konstitution prinzipielle Gesichtspunkte nur durch die Ermittlung von materiellen Stigmata der Organisation und Gliederung der Konstitu¬ tionen nach gewissen Normen gewonnen werden könnten. Da die Menschen ausser der völligen Gleichheit in der Organisation, im Bau, auch einander geometrisch ähnlich seien, könnten aus der Beurteilung des Habitus als der äusseren Organisation deduktiv Schlüsse auch *) Vergl. a. die Besprechung in d. Nr. S. 2U8. 4 1% MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT. Nr. 6 auf den Bau der inneren Organe gezogen werden. Brugsch benutzt den Habitus als Prinzip der Klassiiizierung. indem er Vollreife Individuen nach Längen- und Gewichtsgruppen und namentlich nach dem pro- portionellen Brustumfang zu charakterisieren sucht. Er bildete aus einem Material von 1560 norddeutschen Männern, fast ausschliesslich im Alter von 20—25 Jahren, drei Grössengruppen von 165/166, 169/170 und 176/177 cm und unterscheidet namentlich die drei Typen der Eng¬ brüstigen mit einem proportionellen Brustumfang unter 50 Proz., der Normalbrüstigen mit 50 — 55 Proz. und der Breitbrüstigen mit über 55 Proz proportionellem Brustumfang. Hiebei ergab sich die merk¬ würdige Erscheinung, dass alle drei Grössengruppen fast den gleichen Prozentsatz von Engbrüstigen mit 39 Proz., 35 Proz. und 33 Proz. aul- wiesen; auch die Normalbrüstigen waren bei den Hochwüchsigen und Mittelwüchsigen mit einem annähernd gleichen Prozentsatz von 56 Proz. bzw. 53 Proz. vertreten. ' _ . Für die Ermittelung eyVi Normalgewichtes änderte Brugsch die bekannte Brocaschp. an mel (L — 100) nach drei Grössenklassen insoweit ab, als er für diein!^eInl wüchsigen (155 — 165) die unveränderte Formel verwendete, für dite ‘ ] ;+elwüchsigen (165/175) von der Körper¬ länge statt 100 105 cm abzo*demd von den Hochwüchsigen (175/185) 110 cm. Den Normotypus -befrachtet Brugsch durch eine Körper¬ länge von 170 cm, ein Körpergewicht von 65 kg und einen proportio¬ nellen Brustumfang von 50-^55 Proz. hinreichend charakterisiert. Für die Beurteilung der inneren Organisation zieht Brugsch namentlich die Herzrelation als Verhältnis des Herzvolumens zum Rumpfvolumen heran. Hiebei wurde auch wieder bei den drei Gruppen der Klein-, Mittel- und Hochwüchsigen annähernd die gleiche Verhältniszahl <33 mit 38,6 Proz., 30,7 Proz. und 30 Proz. gefunden. Ein Versuch, die Körperlängen dieser Vollreifen Männer mit der G a u s s sehen Fehlerkurve in Uebereinstimmung zu bringen, misslang insoweit, als eine dreigipfelige Kurve entstand, die Brugsch zur Ver¬ mutung veranlasste, dass in dieser Erscheinung die Mendel sehe Spaltungsregel für die Körperlängenvererbung angedeutet sei. Seine Habituseinteilung jedoch insbesondere nach dem proportionellen Brust¬ umfang benützt Brugsch auch ffir die Beurteilung des üefässsystems, der Muskulatur, des Skelettbaues, der Lagerung der Bauchorgane usw. Rautmann hat seine Aufgabe viel enger gefasst. Er will mit seiner Studie sichere Anhaltspunkte zur einheitlichen Bestimmung der Norm durch eine eingehende Zergliederung des Normbegriffes und ein ausgedehntes Beobachtungsmaterial, verarbeitet nach der Kollektiv- masslehre gewönnen. R. kritisiert die bisherige Unzulänglichkeit der Normbestimmungen. Die engste Charakterisierung der Norm oder des Typus mit der Angabe arithmetischer Mittelwerte (Durchschnitts- w'erte) sei keineswegs genügend, denn dann sei so gut wie nichts nor¬ mal. Auch mit der Auffassung, dass der Begriff des Normalen mit der Nähe des physiologischen Durchschnittes angedeutet erscheint, seien noch keine Grenzen der Norm angegeben. Erst mit der Angabe der Parameter der Verteilungskurve seien die Grenzwerte für das Gebiet der Norm als der regelmässigen Befunde bei gesunden Menschen in ein¬ heitlicher Weise bestimmt. Denn diejenigen Befunde, die bei """inden Menschen in der Regel, d. h. am häufigsten Vorkommen, sind auch mit grösstmöglicher Wahrscheinlichkeit im Sinne von Martius ge- sundhaft, d. h. mit keiner erheblichen Störung des Lebens verbunden und als normal zu bezeichnen. Dadurch bekommt der Begriff der Norm einen Wirklichkeitswert: es wird mit ihm auch der Typus zum Aus¬ druck gebracht, der eine Variationsreihe — Art, Gattung — hinreichend kennzeichnet. Das Beobachtungsmaterial von Rautmann entspricht m. E. den höchstgestellten Anforderungen. Im Verlaufe von Untersuchungen auf Flugdiensttauglichkeit wurden vom Frühherbst 1917 bis Herbst 1918 Freiwilige von fast allen Truppenteilen, am zahlreichsten von der In¬ fanterie, aber auch bereits dienende Flieger in der Gesamtzahl von 1864 Mann auf folgende Merkmale untersucht; Körpergewicht, Körper¬ grösse, Brustumfang, Brustspielraum, Herzgrösse. Pulszahl und Blut¬ druck. Es waren Angehörige der verschiedensten Berufe vertreten. Aus dieser Zahl wurden für die wichtigsten Beurteilungen noch 648 besonders sorgfältig Untersuchte im Alter bis 32 Jahren gesondert ver¬ arbeitet. Diese waren eine Auswahl besonders wohlgewachsener, voll¬ reifer Männer mit regelrechtem Knochenbau und mittlerem Fettpolster. Individuen mit wenig kräftig entwickelter Muskulatur und schlechter ge¬ wölbtem Brustkorb, auch ganz leichte Skoliosen und Lordosen wurden ausgeschieden 1 Bei diesen 64S Mann war auch durchwegs das Nacktgewicht durch Wägung einwandfrei festgestellt. In 6 Verteilungstafeln sind die Körper¬ grösse mit Körpergewicht, Brustumfang. Brustspielraum, Herzgrösse, Pulszahl und Blutdruck, in einer auch Körpergewicht, und Herzgrösse nach Grössenklassen in wagrechten und senkrechten Häufigkeitsreihen übersichtlich zusammengestellt. Die Variantenzahlen für die einzelnen Grössenklassen sind berechnet. Diese primären Verteilungstafeln sind für verschiedenartige Verarbeitungen vortrefflich geeignet. Für die weitere Verarbeitung hat Rautmann einen ungewöhn¬ lichen Weg eingeschlagen. Die ^Verteilungsreihen für die einzelnen Körpermasse stellten nämlich keine ideale Verteilungskurve dar, sie waren mehr oder weniger asymmetrisch oder schief. Zumeist jedoch ist die Asymmetrie der Verteilungsreihen recht unbedeutend. Raut- mann glaubte das einfache Gauss sehe Gesetz hiebei nicht benützen zu können und verwendete nach der Methodik von Fechner das zweispaltige oder zweiseitige Gauss sehe Gesetz, das jede Seite der Verteilungskurve mit Rücksicht auf ihre Eigenart für sich behan¬ delt. Fechner schneidet die Verteilungskurve in zwei Abschnitte an der Stelle ihrer höchsten Erhebung, gewinnt hiedurch den dichteste] Wert als Ausgangswert und Richtwert. Rautmann gibt der. Mei nung Ausdruck, dass in der Biologie und insbesondere in der klinische, Medizin der dichteste Wert der beste Richtwert sei, da er allein eineij natürlichen Ausgangswert bei asymmetrischer Verteilung — um di I es sich in der Biologie und klinischen Medizin jedenfalls stets handelt — Nach diesem weitaus komplizierteren Verfahren der mathematische Behandlung von Kollektivgegenständen nach Fechner wurden zu] nächst in Anbetracht der Kleinheit des Materiales reduzierte verte: lungstafeln für die gewonnenen Körpermasse durch Zusammenziehun nach Spielräumen angefertigt. Hiebei wurden für die Köipergröss 8 Grössengruppen von 156 — 187 cm mit einem Spielraum von 4 err für das Körpergewicht eine Reduktionsstufe von 5 kg gewählt un mit Hilfe der Logarithmen der Spielraumgrenzwerte und deren arith metische Mittel logarithmisch-reduzierte Verteilungstafeln gewönnet In ähnlicher Weise wurden gleichartige Verteilungstafeln auch für di anderen Kollektivgegenstände hergestellt. In gleicher Verwendung der Fechner sehen Methodik wurde de: dichteste Wert nach dessen Proportionsverfahren noch besonders gena, berechnet, hiebei auch der arithmetische Mittelwert und der Zentral wert usw. bestimmt, so dass für das einzelne Körpermass 5 Richtwert), zur Verfügung standen. Da jedoch die praktische Brauchbarkeit allfj derart gewonnenen Ergebnisse in der Erreichung von Grenzwerte! zur Beurteilung der Gesundheitsbreite gelegen war, so wurden auc wieder nach dem von Fechner angegebenen Verfahren die en< sprechenden Grenzwerte als untere bzw. obere durchschnittliche All weichung berechnet. So ergaben sich als dichteste Werte und obere bzw. untere Gren; werte zu diesen für die einzelnen Kollektivgegenstände : _ — Unterer Grenz- Dichtester Wert Oberer Grenz- Gegenstand wert cm cm cm Körpergrösse .... 165,25 170,12 174,93 Kö/pergewicht . 59,3 63,9 69,8 Brustumfang .... 82,2 84,77 88,5 Brustspielrautn . . . 5,5 6,83 8,2 Herzgrösie ... 12,5 13,20 14,0 Pulszahl . 65,1 71,23 78,1 Syst. Blutdruck . . . 111,2 157,07 172,5 cm Wasser Eine Besprechung dieser Befunde sei für später Vorbehalten. I Ausser diesen Grenzwerten, die z. B. innerhalb der Breite dt; Pulszahlen und des Blutdruckes bei erwachsenen Männern im mit leren Lebensalter aller Wahrscheinlichkeit nach keine Störung dt; Kreislaufs und der Herzkontraktionen erwarten lassen, versucht! Rautmann auch Grenzwerte zu bestimmen, jenseits deren ein B< fund erfahrungsgemäss fast stets krankhaft ist. Auf empirischen Wege wurde ein unterer bzw. oberer Grenzwert gewählt, der nach de-, Gau ss sehen Gesetz 99,9 bzw 99 Proz. aller Befunde einschhessl Das Gebiet des- Abnormen wurde also auf diese Weise dekadisch eil, geteilt. Nach diesen Grenzwerten konnte Rautmann in Tabellen f j uie einzelnen Kollektivgegenstände 5 Gruppen mit bestimmten Untel Scheidungsmerkmalen - bilden, so für die Körpergrösse: kümmerwüchsig, sehr klein, klein, mittelgross, gros,- sehr gross; Körpergewicht: sehr niedrig, niedrig, normal, hoch, sehr hoch: Brustumfang: sehr klein, klein, normal, gross, sehr gross; ähnlich für Herzgrösse, Blutdruck und Pulszahl. Rautmann findet, dass die angegebenen Werte durchweg eirl gute Uebereinstimmung mit dem zeigen, was wir bereits durch kl nische Erfahrung über Körpergrösse. Körpergewicht. Brustumfang Brustspielraum.. Herzgrösse, Pulszahl und Blutdruck wissen. Die TI bellen geben das, was wir bisher nur durch besondere Erfahrung fei¬ stellen konnten, nach einem allgemeingültigen Verteilungsgesetz \vi der, das auch Grenzwerte vorausberechnen lässt. Hinsichtlich des Gij tigkeitsbereiches dieser Bestimmungstabellen glaubt Raut man dass sie für alle erwachsenen Männer deutschen Stammes — nur 1 Körpergewicht. Brustumfang. Herzgrösse und Blutdruck mit kleinen v Schiebungen nach oben für das höhere Alter — Geltung haben. Rsuj mann meint auch, mit diesen möglichst zuverlässigen Werten für oj Variationsbreite des Gesunden auch den Begriff der normalen Ko: stitution besser abgegrenzt zu haben. Auch sei die Festlegung ein Kanons im medizinischen Sinne erleichtert. So würde z. B. der Norm: typus eines jungen Deutschen im Alter von 24 Jahren auf Grund dies schönen Untersuchungen folgende Eigenschaften besitzen: Bei einer Körpergrösse von 165 — 175 cm ein Körpergewicht v< 60—72 kg, einen Brustumfang von 82—89 und ein Brustspielraum v 5,8— 8,5 cm. Der systolische Blutdruck würde zwischen 140—170 c« Wasser liegen, das Herz einen Transversaldurchmesser von 12,5— 14,2 c haben und 65— 78 mal in der Minute schlagen. Ob die Breite des Gesundhaften mit diesen Grenzwerten für ein deutschen Normaltypus richtig gekennzeichnet ist oder nicht, muss ; Sache des Klinikers bezeichnet werden. Der Hygieniker und Physi löge muss bei diesen Normstudien seine Hauptaufgabe in der Beantwc tung der Vorfrage erblicken, ob die Ausgangswerte für den Durchschn dieser Körpermerkmale richtig sind und die angewandte Methodik hi zu geeignet erscheint. i. Februar 1922. MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT 191 Denn R a u t tn a n n findet ein wesentliches Ergebnis seiner Be¬ achtungen und Berechnungen auch in folgender Richtung: 1. dass bei biologischen Kollektivgegenständen die Verteilung durch das zweiseitige Qauss sehe Gesetz in seiner Iogarithmischen Verallgemeinerung mathematisch befriedigend wiedergegeben wird und 2. dass für den Normbegriff in einheitlicher Weise objektiv Grenz¬ werte bestimmt werden können. Beide Annahmen sind für die Methode und Wertung der gesamten rnstitutions- und Normforschung so bedeutungsvoll, dass deren kri- ;che Prüfung notwendig erscheint. Bedenken können zunächst gegen die erste Annahme — Festlegung if die F e c h n e r sehen Berechnungsarten — erhoben werden. Wenn Raut mann sagt, dass in der Biologie Symmetrie der Erteilung in der Regel nicht vorausgesetzt werden darf, so ist dies nur idingt richtig. Vollständige Uebereinstimmung von biologischen iriationsreihen mit der Ga uss sehen Zufallskurve ist in Wirklich¬ st vielleicht nie vorhanden, aber annähernde. Bei Kleinheit des aterials, also auch recht niedrige Potenzen für die Binomialformel, uss eine Asymmetrie der Variationskurve entstehen. Auf diese Tat- che hat besonders der holländische Astronom Kapteyn aufmerksam macht. Bei einer gesammten Variantenzahl von 1000 und noch weit rüber müssen, besonders bei ungleichen Werten der beiden Exponen- n der Binomialformel a und b asymmetrische Kurven entstehen. ;i Raut man ns Material mit 648 bis ca. 1000 Varianten für die izelnen Reihen und auch beim Material von B r u g s c h mit zirka 00 Individuen ist die Asymmetrie oder Schiefheit der Variations- irven vollkommen verständlich. Hiebei ist es gleichgültig, ob das aterial genotypische Reinheit aufweist oder nicht. Trotz dieser Schiefheiten der Verteilung bei kleinen Varianten- hlen warnt der so gründliche Variabilitätsforscher Johannsen1) >r anderen Berechnungen als auf Grundlage der einfachen Binomial- mel mit Mittelwert, Streuung und Variationskoeffizienten. Johann- :n macht aufmerksam, dass bei Individuengruppen selbst von geno¬ pischer Einheitlichkeit, aber in sehr verschiedener Lebenslage ge- ohnlich eingipflige Variationskur vm mit schiefer Verteilung trotz osser Variantenzahl gefunden werden, oft jedoch auch zweigipfelige d mehrgipfelige Kurven. Das letztere trifft wahrscheinlich auf den :fund einer dreigipfeligen Kurve beim norddeutschen Material .von rugsch zu. Nach der Variationslehre war somit für Rautmann kein zwin- nder Grund vorhanden, die einfache Binomialformel für die Beurtei- lg seines Materiales aufzugeben. Vom biologischen Standpunkt jedoch liegen noch andere Bedenken >r, die namentlich K. E. Ranke treffend gekennzeichnet hat. Ranke bt hervor, dass für den Anthropologen nur das einfache G a u s s sehe :setz von Wichtigkeit sei. Die Formbildung aller Organismen ist >n den zwei einander widerstreitenden Faktoren der Tendenz nach rem Mittelwert auf Grund der Vererbung und von den im Sinne rer Abweichung wirkenden Kräften — den Lebenslagefaktoren — herrscht. Die Bevorzugung eines dichtesten Wertes bei anthropo- tischen Messungsreihen, der bei Asymmetrie nicht mit dem Mittel¬ st zusammenfällt, ist nicht berechtigt und gekünstelt. Die Prüfung rartiger Reihen sollte stets nach dem einfachen G au ss sehen Ge- tz bzw. mit dessen logarithrnischer Verallgemeinerung erfolgen. „Das echn ersehe zweiseitige Gesetz für Variationskurven ist in seiner »Ieitung teils biologisch undeutbar, teils biologisch unmöglich. Auch von Wichtigkeit, dass sowohl die F ec h n e r sehen wie die Pear- m sehen Formeln für die Annahme, dass die Anzahl der einwirkenden ementarursachen unendlich gross sei. in die einfache ü a u s s sehe rm übergehen. Es scheint auch sicher zu sein, dass auch bei kleinem d nach den Werten der Variationsweite asymmetrischem Material mer vom Mittelwert ausgegangen werden soll. Auch ist die Vor- -llung gerechtfertigt, dass bei reicherem Material die Asymmetrie mit cherheit ausgeglichen wäre und die Variationsweite sodann ihre Schreibung durch Mittelwert und Streuung gefunden haben müsste. r Mittelwert einer 'asymmetrischen Reihe aus kleinem Material ist loch dem Mittelwert einer symmetrischen Reihe bei grösserem hohen Material sicher weit näher als der Fechnersche Richtwert ■ dichtester Wert. Im einzelnen kann auch das Bedenken nicht unterdrückt werden, ss durch die Wahl so grosser Reduktionsstufen (für Körpergrösse cm, für Körpergewicht 5 kg) und Aufschreibung der Logarithmen der 'enzwerte des Umkreisunpsintervills zur Bestimmung des arith- •trischen Mittels gerade in Anbetracht der Ungleichheit der Varianten- Hen für die einzelnen Grössenklassen sehr verschieden ge- gerte Mittelwerte für diese grossen Reduktions- uf e n_ erhalten werden müssten. Gerade bei derart ausgezeichnet d sorgfältig gesammeltem Material, das nur noch etwas zu klein war, ben die Werte für die einzelnen Grössenklassen doch weitgehende chtigkeit. Weitaus empfehlenswerter ist die Bildung kleinerer össengruppen von etwa 3 cm, so dass nur der Mittelwert einer rssengruppe durch Anlagerung der beiden nächsten Werte eine Ver- irküng erfährt Wir haben aus den primären Verteilungstafeln im Anhang der hrift derartige Spielräume zur Gewinnung von Grössenklassen gc- J) Elemente der exakten Vererbungslehre. Jena, G. Fischer, 1913. *) Das Fehlergesetz und seine Verallgemeinerungen usw. Arch. f. thropol. 1906. wählt, um in einfachster Weise für einzelne Grössenklassen Durch¬ schnittswerte zu erhalten. Doch bevor wir zu vergleichenden Betrach¬ tungen übergehen, seien auch Bedenken gegenüber der 2. Annahme er¬ hoben. Doch nicht etwa dagegen, dass zur Ermittlung der Norm oder des Typus objektiv in einheitlicher Weise Grenzwerte bestimmt werden sollen — im Gegenteil, in einheitlicher Zusammenarbeit sollte mit einwandfreier und einfacher Methodik für Durchschnitt und Grenzwert Material gesammelt werden. Bedenken scheinen jedoch gerechtfertigt zu sein gegen Rautmanns Annahme, dass seine Feststellungen des dichtesten Wertes und der Grenzwerte von diesem sicher den Normal¬ typus eines jungen Deutschen im Alter von 24 Jahren darstellen. Dagegen spricht vor allem die Tatsache, dass ein Durchschnittswert für die Körperlänge von 170,4 cm und für das Körpergewicht von 63,9 kg mit anderen Beobachtungen nicht übereinstimmt. Die Ergebnisse der ausgedehntesten Untersuchungen an deutschen Vollreifen Männern hat Schwiening3) im Jahre 1914 veröffentlicht. Die mittlere Körper- grosse von 110 000 Männern aus allen Reichsgebieten betrug 167,4 cm, also um 3 cm weniger, und das mittlere Körpergewicht 64,82 kg, um fast 1 kg mehr. Untersuchungen von Me inshausen für 10 0Ö0 ge¬ sunde Mannschaften aus Brandenburg und Westpreussen ergaben 168,0 cm und 64,3 kg. Auch Geigel4) fand bei ähnlichen Flieger¬ untersuchungen (Franken und Rheinpfälzer) als Mittelwerte für Länge und Gewicht 168,2 cm und 62,1 kg und bezeichnete als Kanonwerte eines jungen Soldaten 168 cm und 68 kg. Die Mittelwerte aus dem R a u t m a n n sehen Material liegen mit 169,7 cm und 65,2 kg viel näher an diesen Durchschnittsziffern aus grossem Material als seine dichtesten Werte mit 170,4 cm und 63,9 kg. Die Bedenken gegenüber den Rautmann sehen dichtesten Werten werden noch verstärkt bei vergleichender Betrachtung der Ziffern für die einzelnen Grössenklassen. Rautmann Dichtester Wert s Material Einfacher Mittelwert Schwiening Unterschiede Grö,se Di Grosse M, Grösse m3 Di — M3 M,-Mj 157,5 56,39 157 58.6 + 2,2 161,5 56,73 160 58 31 161 60,6 + 3,9 + 2,3 165,5 60,67 165 61,25 165 63,2 + 2,5 + 1,9 169,5 64 07 170 65,68 169 65,8 + 1,7 + 0,1 173,5 67 02 175 70,17 173 68,9 + 1,9 177,5 69,01 177 72,3 + 3 3 131,5 70,55 180 71,87 181 75,6 + 5,0 + 3,7 Der Abstand der dichtesten Werte von Rautmann ist viel weiter in allen Grössenklassen — soweit sie bei gleichen Grössen gegenüber¬ gestellt werden können — von wirklichen deutschen Durchschnitts¬ werten an Gewicht entfernt als die Mittelwerte aus dem gleichen Material. Bei Gegenüberstellung gleicher Grössenwerte würde diese Erscheinung noch deutlicher sichtbar werden. Weiters ist vielen Untersuchungen über die Zusammenhänge zwi¬ schen äusserer und innerer Organisation des Körpers gemeinsam das Bestreben, verschiedene Herzmasse und auch den Blutdruck usw. mit der Körperlänge oder dem Körpergewicht in Relation zu setzen. Hin¬ sichtlich der Beziehungen zwischen diesen beiden Körpermassen wird auf Grund der Annahme einer geometrischen Aehnlichkeit der Körper häufig die entsprechende Formel P : P = L3 : L3 hervorgehoben, d. h. die Gewichte verhalten sich wie die 3. Potenzen der Längen oder es wird einfach von einem Parallelismus zwischen Längenwachstum und Gewichtszunahme gesprochen. Auch Rautmann hat Körpergrösse und Körpergewicht mit allen anderen Erhebungsbefunden in Beziehung gesetzt, ohne nach seinem Material die Vorfrage des Zusammenhanges zwischen den Vergleichsmassen Länge und Gewicht zu klären. Eine solche Klärung ist gerade bei seinem ausgewählten Material vollkommen gesunder und gleichmässig entwickelter junger Männer von grundsätz¬ licher Bedeutung. Wir haben dies nach den Angaben seiner ersten primären Verteilungstafel in 5 Grössenklassen versucht. Körperindizes nach Grössengruppen bei gleich gut ent¬ wickelten Männern (nach eigener Berechnung aus dem Material von Rautmann). Zahl 1 2 i 4 b Unter sei >iedez wisch. 32 8 127 78 30 1 und 5 2 und 4 G, ös,enklasse 1 59/ 1 6 1 164/ 66 169/171 174/176 179/1-1 + 1,9% + 6% Gewicht 58,31 61,25 65,68 70,17 7 ,87 + 21,2% + 14% P : L 364,4 37 ,2 386,4 401,0 399,3 + 8 9% + 8% P: L2 Q : L) 2 278 2,25 2,273 2,291 2,218 -2,31% + 1 8% P : L3 0,0142 0,01367 0,0134 0,0131 0,0123 - 14,3% — 4,4% P = Körpergewicht, L = Körperlänge. Die Tabelle gibt einen weitgehenden Einblick in die Zusammen¬ hänge. Innerhalb eines Längenunterschiedes von 20 cm — - worin minde¬ stens 90 Proz. der Untersuchten erfasst sind — nimmt das Körper¬ gewicht etwa doppelt so stark zu, wie die Körperlänge. Die drei Gewichts-Längenindizes, die eine geometrische Reihe bilden, verhalten 3) D.m.W. 1914 Nr. 10 u. 11. 4) M.ni.W. 1919 Nr. 52, 4 192 MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT, Nr. 6. sich in ihrer Entwicklung von Grössengruppe zu Grössengruppe völlig verschieden — der P/L-Index, auch mittere Querschnittsscheibe ge¬ nannt, nimmt mit dem Längenzuwachs zu, der P/LMndex vRohrer; nimmt ebenso ab, während der neue P/LJ- oder Q/L-Index ) fast un- verändert bleibt, also ein konstantes Verhalten zeigt. _ Die weitgehende Konstanz dieses Indexwertes trotz verschiedenen Längen- und Gewichtswertes von Längengruppe zu Längengruppe be¬ stätigt auch in diesem auserlesenen Material die Richtigkeit des neuen Körperproportionsgesetzes, Entwicklung des mittleren Körperquer¬ schnittes und der Körperlänge stehen in engstem Wechsel Verhältnis. Die Gewichte verhalten sich wie die Längenquadrate oder die mitt¬ leren Körperquerschnitte w ie die einfachen Körperlängen. Entsprechend der Konstanz der Q/L-Index muss die Breitenentwicklung unterhalb der mittleren Körperlänge über die geometrische Aehnlichkeit hinaus er- folgen oberhalb der mittleren Körpergrösse hinter der geometrischen Aehnlichkeit Zurückbleiben. Die Kleinen sind gedrungener, die Grosseren schlanker, die beiden Gruppen sind im Habitus unähnlich. Die bisherige Annahme einer geometrischen Aehnlichkeit der Individuen gleichen Alters aber ungleicher Körperlänge ist eben unhaltbar geworden. Diese charakteristische Verschiedenheit im Längen- und Breiten¬ wachstum der Kleineren und Grösseren muss auch in der Entwicklung des Brustkorbes, im Brustumfang zum Ausdruck kommen. Raut- mann hat auch diese Zusammenhänge an seinem schönen Material Schwiening Rautmann Orösse absolut % Orösse absolut % 158 822 52,03 160 83,95 51,9 163 83,04 50,9 165 84,33 51,1 168 82,2 50,1 170 85,51 50,3 173 84,96 49,1 175 87,54 50,02 178 86.14 48,4 180 88,08 4S,9 183 86,58 47,3 ln Uebereinstimmung ergibt sich für das grosse Material von Schwiening und das kleinere von Rautmann (nach unseren Be- rechnungen der Mittelwerte) eine gleichmässige Verringerung des pro¬ portioneilen Brustumfangs von den niederen zu den höheren Grossen- gruppen. Die Konstanz der Längen-Breitenentwicklung zeigt sich schon in der abnehmenden Breitbriistigkeit der keineren zu den grösseren Individuen. Von einer Gleichheit des mittleren proportioneilen Biust- umfangs bei allen Qrössenklassen kann keine Rede sein. Ueber die Beziehungen der Herzgrösse zu Körpergrösse und Körpergewicht hat bekanntlich D i e 1 1 e n ") besondere Untersuchungen angestellt. In ersterer Beziehung kam Dietlen zum Ergebnis, dass die Herzgrösse des Menschen bis zu einem gewissen Grade von der Körpergrösse abhängig sei. In Anbetracht des Parallelismus zwischen Längen Wachstum und Gewichtszunahme — wie Dietlen annahm — hat auch das Körpergewicht auf die Herzgrösse einen Einfluss. Diet¬ len betrachtet das Körpergewicht in besonders engem Zusammenhang mit der Herzgrösse und glaubte nachweisen zu können, dass die Hcrz- grösse mit steigendem Körpergewicht wächst, weniger bei Zunahme der Körpergrösse. Nach den Angaben von Rautmann nimmt dei Heiz- querdurchmesser von den kleinen zu den grossen Individuen nui un¬ bedeutend zu. , . Hinsichtlich der Zusammenhänge der Pulszahl mit den Koipermassen hat Volk mann bisher angenommen, dass bei gleichem Lebensalter die Pulszahl mit wachsender Körpergrösse abnimmt. Rautmann findet eine bestimmte Unabhängigkeit der Pulszahl von der steigenden Körpergrösse und .bestreitet die Richtigkeit der Anschauung von Volkmann. Das Gleiche gilt auch für das Verhalten des systolischen Blutdruckes. Nach unseren Berechnungen ergibt sich für die Beziehungen von Herzgrösse Blutdruck und Pulszahl zu den wichtigsten Körpermassen Völlig eindeutig ergibt sich, dass die Herzgrösse, wie der systolische Blutdruck und die Pulszahl bei Vollreifen, harmonisch entwickelten Individuen gleichen Alters aber von verschiedener Körpergrösse und verschiedenem Körpergewicht mit diesen beiden Körpermassen in keiner Wechselbeziehung stehen, hingegen in völliger Korrelation mit der Konstanz, mit dem harmonischen Ausgleich der Längen- und Breiten¬ entwicklung der unter und über der Mittelgrösse stehenden Individuen. Die kleinen Unterschiede bei den einzelnen Grössenklassen gleichen sich völlig aus. Es scheint nach diesem Ergebnis ein klarer Zusammen¬ hang zwischen der Längen- und Breitenentwicklung und dem wuchtig¬ sten System der inneren Organisation, dem Herz-Gefässsystem, vor¬ zuliegen. Die besondere Güte des Materials lässt eine Verallgemeine¬ rung für gleichmässig entwickelte Individuen der Vollreife gerechtfutigt erscheinen. Die bisherige Vermutung, dass eine Proportionalität zwi¬ schen Herz und muskulösem Organismus besteht, war richtig. Der Befund eines auffallend kleinen Herzens bei grossen Menschen ist ein- j fach erklärt. Doch scheint diese Proportionalität zwischen Herzgrössc und Längen-Breitenentwicklung auch für die Entwicklungsperiode zu gelten. Aus dem umfangreichen Material von Dietlen sei der Zu¬ sammenhang für einzelne Grössengruppin vom Mädchen im 16. Lebens, jahr noch gebracht. Grössengruppe . 145/154 155064 165/174 Mittlere Länge . 150 158 169 46 48 56 Herz -Querdurchmesser . 11,0 11,5 H,1 Q/L-Index . 2,044 1,923 1,961 Orösse 1 2 3 4 5 Unterschiede von 160 165 170 175 180 1 zu 5 2 zu 4 Gewicht . kg 58,31 61,25 65,68 70,17 71,87 + 23,2% + 14,5% Herz-Querdurchm. cm 12,87 13,58 13,37 13,59 12 79 - 0,6% ± 0 Blutdruck (systolisch) . 160,9 155,8 154,3 155,5 154 - 3 o/o - 0,2 o/0 Pulszahl . 68 72,7 71,06 71,02 71,33 + 4,5% - 2,5o/„ Q/L-Konstante . 2,278 2,25 2,273 2,291 2,218 - 2,31% + 1,8% 5) M.rn.W. 1921 Nr. 31 u. 32. 8) D. Arch. f. klin. Med. 1906, Heft 1 — 3. Auch hier ist die Herzgrösse in guter Proportionalität mit der Längen-Breitenentwicklung bzw. mit dem Q/L-Index, während mit der Längen- und Gewichtszunahme allein kein Zusammenhang besteht. Offenbar war auch hier das Menschenmaterial von ziemlich gleichmässig guter Entwicklung. Die bisherige Anschauung einer Zunahme deij Herzgrösse mit der Körperlänge und dem Körpergewicht ist nach dem, offenbar sehr verschieden gearteten und unzureichenden Menschen¬ material zu verstehen. Hier handelt es sich um eine Rogol i_UI an Normentwicklung im Vollreifen Alter und wahrscheinlich für die samte Entwicklungsperiode. Das Ergebnis der kritischen Besprechung der zwei bedeutendster Studien über die Norm in den letzten Jahren lässt sich kurz folgendir- massen zusammenfassen: . ... .. Die beiden Monographien zugrundeliegende Absicht, für den Bcgrit des Normaltypus oder Normotypus feste Anhaltspunkte in Mass, Zah und Gewicht zu finden, deutet die Hauptaufgabe moderner Konstitutions¬ forschung an. Die Lösung dieser Aufgabe scheint nur durch eine einheitliche Ge¬ meinschaftsarbeit des Anthropologen, Hygienikers und Klinikeis ge^ lingen zu wollen. Beide Monographien lassen noch diese Zusammen¬ arbeit vermissen — die von B r u g s c h durch eine Habitusglicderun-ij nach dem proportioneilen Brustumfang, die alter Erfahrung der Militär ärzte widerspricht, die von Rautmann durch die Verwendung de überaus umständlichen, zwar mathematisch richtigen, abei die Variabui- tätsursachen verwischenden Kollektivmasslehre von Fechner, wo durch das ausgezeichnete Beobachtungsmaterial gewaltsam in seine Anwendbarkeit herabgedrückt wurde. Die Variabilitätsmessung mit Mittelwert und Standardabweichunil als Parameter nach den Vorschlägen von Johannsen verglichen mi der G a u s s sehen Zufallskurve genügt vollständig zur Beurteilung voi Variationsreihen. Vom Mittelwert als typischen Wert einer Variations reihe, mag sie noch so klein sein, ist unter allen Umständen bei Bel Stimmung des Durchschnitts und bei Bestimmung der Breite des Ge ^ sündhaften nach M a r t i u s auszugehen. Die Grenzwerte des Gesundhaften und des bereits Krankhaften sm nach einheitlich zusammengefassten Beobachtungen der Kliniker zu bei stimmen und können von den richtigen Durchschnittswerten aus durej Zuschlag oder Abzug in Abweichungseinheiten angegeben werden Eine auf Kleinheit des Materials beruhende Asymmetrie der Ver. teilungsreihe kann später leicht durch ähnliche Untersuchungen ergänz und ausgeglichen werden. _ n j Die Untersuchungen von Rautmann sind nach der Art des Del obachtungsmaterials und der Zusammenstellung von primären Verte a lungstafeln für die wichtigsten Körpermerkmale höchst bedeutim-gsvo] und als Grundstock für ergänzende Forschungen zu betrachten. Ltiesj ergänzenden Forschungen sollten einheitlich in verschiedenen Wissen Schaftszentren in Angriff genommen werden. I Das neue Körperproportionsgesetz scheint als Grundlage für di Beurteilung der morphologischen und auch physiologischen Korrelatio der wichtigsten Körpermerkmale von wachsender Bedeutung zu wei den. Die Klarstellung der korrelativen Längen- und Breitenentwicklun der Individuen in allen Grössenklassen, und damit die Richtunggebun für die Korrelationsmöglichkeiten aller anderen morphologischen Med male, wie der engste Zusammenhang mit Grundumsatz (nach G r u b e r Herzgrösse, Herztätigkeit berechtigen zur Erwartung noch weitert Klarstellung der Zusammenhänge der äusseren und inneren Organisation des Körpers. .1 Auch der Parallelismus der physischen und psychischen ■ Konstitutir kann durch dieses Gesetz neue Anhaltspunkte erhalten (K r e ts c n mers Körperbau und Charakter). Auf alle Fälle ist für die körpe liehe Erziehung der Jugend bereits ein einheitlicher Normbegriff hnj sichtlich der zu erreichenden Längen- und Breitenentwicklung gegebe Der Gedanke der Konstitutions-Dienstpflicht hat einen morphologisch funktionellen Inhalt erhalten. Denn wie Hildebrandt') so rieht sagt: „Wachstum strebt nach Erreichung der Artnorm, Fortpflanztu nach Verewigung der Artnorm, schöpferische Kraft nach Steigern! der Art, nach absoluter Norm“. Mit der Erreichung der Artnorm, d harmonischen Entwicklung äusserer und innerer Organisation erreic unsere Jugend auch die nach Erbanlage und Umwelt bestmögliche Ko> stitution. ') Norm und Entartung des Menschen. Sibyllen-Verlag Dresden, 192 I. Februar 1922. MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT. 193 us dem physiolog. Institute der deutschen Universität in Prag. (Vorstand: Prof. Dr. A. Tschermak.) Eine neue Vestibularisreaktion*). (Vorläufige Mitteilung.) on Dr. Ernst Wodak, gew. Assistent der Ohrenklinik und r. Max Heinrich Fischer, I. Assistent am Institute. Im folgenden möchten wir in erster Linie auf Grund exakter sinnes- hysiologischer Studien kurz von einer neuen Vestibularisreaktion be¬ ichten. wobei wir von vornherein betonen, dass wir uns bei unseren egenwärtigen Kenntnissen darüber nur auf die bisher feststehenden 'at Sachen beschränken wollen. Die Reaktion beruht auf folgender Beobachtung: Wenn man den estibularapparat eines normalen Individuums irgendwie beeinflusst, Iso z. B. ein Ohr mit Wasser, spült, so tritt in einem gewissen Stadium, : nach der Menge und der Temperatur des verwendeten Wassers, ntweder schon während oder bald nach Beendigung der Spülung eine ifferente Aenderung der subjektiven Schwere¬ mpfindung der beiden Körperhälften auf. Die eine örperhälfte scheint subjektiv schwerer zu werden und in den Boden ju versinken, die andere leichter zu werden und in die Höhe zu streben, obei dieses Gefühl am ausgesprochensten in den Extremitäten zu ein pflegt1). Fordert man die Untersuchungsperson in diesem Sta- ium auf, bei geschlossenen Augen beide Arme horizontal (entweder 1 Pronationsstellung oder noch besser in Supinationsstellung) vor sich inzuhalten, so sinkt der Arm der subjektiv schwereren Seite sichtlich nd der andere steigt. Die Höhendifferenzen zwischen beiden Armen ind individuell sehr verschieden und schwanken zwischen wenigen entimetern und mehreren Dezimetern. Kinder und weibliche Per¬ sonen zeigen die Reaktion deutlicher als Männer. Dieses Phänomen auert im allgemeinen ca. 15 — 30 Minuten. Während dieser Zeit tritt her mehrmals (häufiger bei Warmspülung, seltener bei Kaltspülung) jwohl subjektiv wie objektiv ein Wechsel ein in der Art, dass der isher subjektiv schwerere, tiefer stehende Arm scheinbar leichter wird nd steigt, der bisher subjektiv leichtere, höher stehende Arm sc'hein- ar schwerer wird und sinkt. Dieser Umschlag muss nicht immer so rfolgen, dass die beiden Arme ihre relative Höhenstellung zueinander ollkommen wechseln; er kann sich auch darin bemerkbar machen, ass die Höhendifferenz beider Arme sich nur verringert oder ver- chwindet. um dann wieder deutlich ausgeprägt zu werden. Die sub- .ktiven Empfindungen hinken den objektiven Stellungsänderungen ewöhnlich nach; sie sind überhaupt nicht immer koinzident. Dieser Versuch, den wir vorläufig aus praktischen Gründen als \rm-Tonus-Reaktio n“ 2 3) bezeichnet haben, ist bestimmten Ge- etzen unterworfen, je nachdem auf dem betreffenden Ohre eine Kalt- der Warmspülung vorgenommen wurde. Und zwar konnten wir bei er Kaltspülung zunächst ein Sinken des gleichseitigen Armes und teigen des gegenseitigen, bei der Warmspülung vorerst das Gegen- jil beobachten. Das Phänomen ist auch bei der Rotation und Gal- anisation des Kopfes zu finden, doch sind die Verhältnisse speziell eim Drehversuch aus hier nicht zu diskutierenden Gründen kompli¬ ierte. Wir wollen uns daher vorläufig darauf beschränken, hervor- uheben. dass z. B. während einer passiven Rechtsdrehung im allge- i einen ein Sinken des linken und Steigen des rechten Armes zu be¬ dachten ist, ein Verhalten, welches sich nach Beendigung der Drehung ehr rasch umkehrt. Bei der Galvanisation entspricht die Verwendung er Anode einer Kaltspülung, die Verwendung der Kathode einer Warm- pülung. Das Verhalten der „Arm-Tonus-Reaktion“ (ATR.) speziell bei der alorisation führte uns zu folgender Arbeitshypothese, die sich uns bis- mg als sehr gut verwendbar erwies. Bei der Warmspülung kommt es litt gleichseitigen Labyrinth zu einer Förderung und für das gegen- eitige Labyrinth, d. h. für dessen Tonuseffekt zu einer Hemmung1) es normalen labyrintbogenem Dauertonus auf die Muskulatur, der .ohl heute, speziell nach den neueren Arbeiten der Magnus sehen ■chule ausser Diskussion steht. Das umgekehrte Verhalten tritt bei er Kaltspülung ein. Die Einwirkung auf die Gegenseite ist im Sinne iner Art antagonistischer oder reziproker Innervation aufzufassen, edes Labyrinth hat einen fördernden Einfluss auf die gleiche, einen emmenden Einfluss auf die andere Seite der vestibulospinalen Leitung, las anatomische Substrat für diese Auffassung erscheint speziell ge- eben durch das aus dem Vestibularendkernlager, speziell dem 'estibularishauptkern ungekreuzt wie gekreuzt verlaufende bifur- ierte Systempaar, dessen absteigende Teiläste durch die dor- ajen Längsbündel in die Fissurenstränge des Rückenmarks und u deren Vorderhorn- bzw. Vorderwurzelzellen gelangen. Für ie gleiche Seite kommt noch der ungekreuzte Tractus vestibulo- 4) Nach einem im Prager Aerzteverein am 9. XII. 1921 gehaltenen gemein- imen Vortrage. ') Sehr stark sind diese Empfindungsdifferenzen bei Verwendung von usreichenden Wassermengen (200 — 300 ccm) und von der Körpertemperatur tark^ differenten Temperaturen (10°, 50" C). '■) Wir wollen mit diesem Ausdruck nicht der theoretischen Erklärung ieser Erscheinung präjudizieren. 3) Selbstredend bedeutet diese Anschauung nichts prinzipiell Neues, sie urde schon von mehreren Autoren ausgesprochen, u. a. von E w a 1 d, 1 a r t e 1 s usf., Joch hoffen wir für dieselbe eine Menge von Stützen geben nd sie weiter ausbauen zu können. spinalis aus dem Deitersschen Kern nach dem Vorderseitenstrange bzw. zu den Vorderwurzelzellen in Betracht. Auch ist mit der Möglich¬ keit zn rechnen, dass ähnlich wie zwischen den beiden Kernen des Atmungszentrums (Nncleus lateralis inferior der Formatio reticularis) so auch zwischen den Vestibularendkernlagern direkte kreuzende Ver¬ bindungsfasern existieren. Es besteht keine Nötigung, in unserem Falle eine reflektorische Beeinflussung des sog. Muskeltonus von seiten des Labyrinthes über das Kleinhirn anzunehmen, ja, es ist dies sogar nach den exakten Magnus sehen Studien sehr unwahrscheinlich geworden. Wird der Dauereinfluss des einen Labyrinthes z. B. durch Warm¬ spülung oder die Kathode gefördert, was ja zwangsläufig mit einer Hemmung des Tonuseffektes des gegenseitigen Labyrinthes verbunden ist. so kommt es auf der betreffenden Seite zu einer Steigerung, auf der Gegenseite zu einer Herabsetzung des sog. Muskeltonus, wodurch die Stellungsänderungen der Arme bedingt werden, und zu charak¬ teristischen Differenzen in der Sc'hwereempfindung. Die bezeichnete Arbeitshypothese brachte uns auch zu Anschauungen über das Ver¬ halten des Vestibularapparates bei der üblichen rotatorischen Reizung, welche mit den bestehenden in vielen Punkten nicht übereinstimmen, uns aber sehr plausibel erscheinen; doch müssen wir es uns versagen, an dieser Stelle näher darauf einzugehen. Da es sich bei unserer Reaktion offenbar um eine vestibulär be¬ dingte Reaktionsbewegung handelt, sie mithin nichts prinzipiell Neues darstellt, soll noch in Kürze die Beziehung zu den bereits be¬ kannten vestibulären Reaktionsbewegungen erörtert werden. Eine nähere Betrachtung ergibt, dass allem Anscheine nach eine gewisse Verwandtschaft mit der Fallreaktion, der Gangabweichung und speziell dem Bäränyschen Zeigeversuch in der Frontalen be¬ steht. Nach unseren im Gange befindlichen Untersuchungen sind diese Beziehungen jedoch derart kompliziert, dass wir uns eine eingehende Darstellung derselben für unsere ausführliche Publikation Vorbehalten müssen. Bezüglich der praktischen Verwertbarkeit unserer Re¬ aktion möchten wir ganz kurz auf einige Punkte verweisen, die uns von Wichtigkeit erscheinen: Zunächst ist sie geeignet, nähere Schlüsse auf Differenzen in der Dauertätigkeit (Funktion) der beiden Labyrinthe ziehen zu lassen, wie uns Untersuchungen an taubstummen Kindern und einigen pathologischen Fällen lehrten, über die noch zu berichten sein wird. Weiters tritt die „ATR.“ in vielen Fällen sehr rasch ein, oft schon nach 1 — 2 Umdrehungen oder nach Verwendung weniger Kubikzentimeter Spülflüssigkeit und gestattet dann sehr rasch den Nach¬ weis, dass ein erregbares funktionsfähiges Labyrinth vorliegt. Die Re¬ aktion ist sehr lange nachweisbar, kann also ohne neuerliche Belästigung des Kranken nach der Prüfung der üblichen Vestibularisreaktionen aus¬ geführt werden. Ein weiteres Moment ist die Feinheit der „ATR.“, die wir auch in Fällen noch positiv fanden, in denen weder spontaner Nystagmus noch spontanes Vorbeizeigen bestanden und das einzige Symptom unbestimmter Schwindel war. Ein positiver Ausfall der „ATR.“ lässt sich nach unseren Erfahrungen nicht verheimlichen. Ver¬ suche nach dieser Richtung zeigten, dass die Untersuchungsperson speziell das Sinken des einen Armes wohl mit Aufgebot aller Kräfte für relativ kurze Zeit verhindern kann, dass dies aber für die Dauer nicht möglich ist, es sei denn, dass die Versuchsperson dauernd ruckweise korrigiert! Sollte jemand versuchen, die „ATR.“ zu simulieren, so dürfte man ihn wohl im allgemeinen dadurch entlarven können, dass ihm ent¬ gangen ist, dass mit dem Sinken des einen Armes gleichzeitig ein Steigen des gegenseitigen verbunden ist und dass im weiteren Verlaufe die Abweichungen periodisch in das Gegenteil Umschlägen. Es braucht wohl hier nicht näher betont zu werden, dass die „ATR.“ natürlich keine spezifische Vestibularisreaktion darstellt; man mag ganz ähnliche Differenzen auch bei den verschiedensten Erkran¬ kungen des Zentralnervensystems finden. Der sog. Muskeltonus ist ja nicht nur reflektorisch von seiten des Labyrinthes beeinflussbar. So dürften nicht nur Otologen, sondern auch Neurologen und Internisten dieser Reaktion einiges Interesse abgewinnen können. Wenn wir auch in dieser vorläufigen Mitteilung mit Absicht nicht auf die einschlägige, schier unübersehbare Literatur eingegangen sind, so darf doch eine ausgezeichnete, anscheinend bisher wenig beachtete Arbeit nicht übergangen werden, die unseren Untersuchungen näher steht als jede andere4). In dieser fand Mann neben einer Anzahl anderer interessanter Tatsachen, dass am Kaninchen bei Galvanisation die Vorderpfote der Kathodenseite sich hebt, die der Anodenseite sich senkt. Das ist eine Art „ATR.“ am Kaninchen! Ja noch mehr: Mann berichtet, dass Versuchspersonen von zwei gleichen auf die ausge¬ streckten Hände gelegten Gewichten bei Stromdurchgang durch die Ohren jenes Gewicht als schwerer empfinden, welches sich auf der Anodenseite befindet. Er meint, es würde dies vielleicht der Annahme entsprechen, dass infolge der Herabsetzung des Muskeltonus auf der Seite der Anode eine stärkere Gegeninnervation angewendet werden muss, um das Gewicht zu balancieren. Manchmal treten wechselnde Resultate auf. Hier scheint Mann haltgemacht zu haben. Als wir durch unsere systematischen Untersuchungen, von Rotation und Kalori- sation ausgehend, längst zu unserer Reaktion gekommen waren, bildeten für uns Manns exakte Beobachtungen, auf die wir erst % Jahr nachher bei Durchsicht der Literatur stiessen. eine angenehme Be¬ stätigung oder besser ein wertvolles Vorzeichen unserer Ergebnisse. 9 4) L. Mann: Ueber die galvanische Vestibularisreaktion. Neurol. Zbl. 1912, 31. Jhg., 1356—1366. MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT. Nr. 6. Wir sind uns dessen wohl bewusst. Unfertiges geboten zu haben, und müssen nochmals darauf hinweisen, dass unsere Kenntnisse über die „ATR." noch dürftige sind, wenn wir auch hier nicht auf alle Einzel¬ heiten eingehen konnten. Dass sie vorhanden ist. darüber besteht kein Zweifel! Was sie praktisch zu leisten imstande ist, muss die Zukunft entscheiden. Wir übergeben sie hiemit der ärzt¬ lichen Oeffentlic'hkeit mit der Aufforderung speziell an die Kliniken, sie an ihrem grossen Krankenmaterial zu erproben, was uns leider versagt ist. Man wird sich in vielen Fällen von ihrer Brauchbarkeit über¬ zeugen, dessen sind wir gewiss. Vakzinetherapie. Von Prof. Dr. R. Hi Igermann und Dr. Walther Kr antz- Saarbrücken. Wollen wir bei der Behandlung chronischer Infektionskrankheiten mit der Vakzinetherapie eindeutige Erfolge erzielen, so ist die peinlich genaue Beachtung einer Reihe von Umständen von entschiedener Be¬ deutung. Insbesondere spielen die individuelle Reaktionsfähigkeit, die Herstellungsweise, die Dosierung und die Art der Injektion eine wich¬ tige Rolle. Der Vakzinetherapie liegt, ganz allgemein gesagt, die Anschauung zugrunde, durch spezifische Reizung die Bildung spezifischer Stoffe, welche die Bakterien für die Fresstätigkeit der Leukozyten vorbereiten, zu fördern. Es ist kaum daran zu zweifeln, dass die Heilung, die Ver¬ nichtung der emgedrungenen Bakterien, abgesehen von der auflösendpn Wirkung der Körpersäfte, hauptsächlich eine Folge der Phagozytose im Sinne von Metschnikoff und 'Bordet sind. Betrachten wir z. B. den Eiter bei einer chronischen Gonorrhöe oder einer chronischen Furunkulose, den Auswurf bei einer Tuberkulose mikroskopisch, so sehen wir neben anderen zelligen Bestandteilen Leukozyten nur in verhältnismässig geringer Zahl, und vor allem nur wenige oder überhaupt keine intrazellulär gelagerten Erregerbakterien. Im Verlaufe und unter dem Einfluss der Vakzinetherapie jedoch können wir bei systematischer Untersuchung verfolgen, wie allmählich bei dem Steigen der spezifischen Schutzstoffe die Bakterien mehr und mehr gefressen werden und die Zahl der Phagozyten ständig zunimmt. Im Anfang sieht man nur vereinzelte, mehr oder weniger mit Erreger¬ bakterien angefüllte Leukozyten, daneben aber noch zahlreiche teils vereinzelt, teils in Haufenform gelagerte Bakterien. Dazu kommt, dass gewissermassen als Ausdruck der noch mangelhaften Fresstätigkeit und der noch starken Widerstandsfähigkeit der Bakterien, die Zellform vieler Leukozyten anscheinend an Spannung verliert. Die Leukozyten sehen abgeflacht aus, sie zergehen, und die Bakterien befreien sich dann wieder aus der zersprengten Zelle. Im Verlauf der Vakzinetherapie verschwindet dann mehr und mehr diese Form der Zelle ebenso wie die freiliegenden Bakterien, bis schliesslich die Phagozyten bei deutlich erhaltener, ausgeprägter Kugel¬ form die Bakterien verdauen. Die Bakterien treten dann nicht mehr scharf gefärbt hervor, sie erleiden Formänderungen, scheinen ver¬ quollen, die Kapseln blassen ab. Diese Beobachtungen zeigen uns einmal, dass die Ursache der Heilung in der Fresstätigkeit der Phagozyten beruht, andererseits lehren sic uns, in dem allmählich fortschreitenden Fressvermögen der Phago¬ zyten einen Massstab für unsere therapeutischen Handlungen — die An¬ regung der allmählichen Immunisierung — zu sehen. Wir sagen also etwa folgendermassen: Das Bild eines Eiterausstriches, gleich welcher chronischen Erkrankung, zeigt fast überhaupt keine Fresstätigkeit der Phagozyten und die Bakterien liegen fast sämtlich ausserhalb der Zellen, nur vereinzelt sind sie. Innerhalb zu beobachten. Im Verlaufe der Vakzinetherapie sehen wir dann zwar zahlreiche Zellen bereits voller Bakterien, aber die Zellen sind in ihrem Aussehen so verändert, dass es den Anschein erweckt, als ob diese Zellen von den noch wider¬ standsfähigen Bakterien zersprengt werden und somit der Auflösung anheimfallen. Die Bakterien selbst sind noch scharf gefärbt deutlich in ihrer Form ausgeprägt, bei kapseltragenden ist die Kapsel gut er¬ halten. (Es handelt Sich hierbei nicht etwa nur um den natürlichen Auflösungsvorgang der Leukozyten; hiergegen spricht durchaus das Verhalten der übrigen Zellen, sei es beobachtet im natürlichen Präparat oder im vergleichenden gefärbten Ausstrich.) Wir schliessen aus diesem Bilde, dass der Heilungsprozess sich erst im Anfangsstadium befindet. Mit dem Moment der ausgeprochenen Phagozytose nähert sich der chronische Prozess seiner Heilung; Die Bakterien sind aufgezehrt und die normalen Verhältnisse werden wieder hergestellt. Enthalten wir uns jeder reizenden lokalen Beeinflussung — und es ist wichtig, darauf hinzuweisen, da jede Reizung der ohnehin durch den Krankheitsprozess geschädigten Gewebe eine weitere Schädigung darstellt — , so bringen wir allein durch die systematische Vakzinetherapie den chronischen Prozess zur Heilung. In der ständigen Beobachtung des Krankheitsproduktes, sei es des Sekretes, des Eiters, des Auwurfes. in der Verfolgung des steigenden Fressvermögens der Phagozyten im Gegensatz zu den freiliegenden, allmählich der Aufnahme verfallenden Bakterien haben wir also einen Indikator für den Stand der Immunisierung. Löwenstein1) hat seinerzeit bei der Tuberkulose bereits auf die Wichtigkeit der Be¬ obachtung der Fresstätigkeit der Leukozyten hingewiesen und sie als Massstab der Prognose angewendet wissen wollen. Es gilt dies, wie *) M.tn.W. 1909. Nr. 13. S. 658. wir uns an vielen hundert vergleichenden Untersuchungen, überzeugen konnten, für alle chronischen Krankheitsprozesse, soweit sie durch be¬ kannte Erregerbakterien verursacht werden Für eine erfolgreiche Vakzinetherapie ist es unbedingt notwendig, sich in jedem einzelnen Falle jederzeit über den Stand der Therapie und die Reaktion auf die einzelne Vakzineinjektion unterrichten zul können. Weniger als jede andere Behandlungsmethode duldet die Vak¬ zinetherapie eine Schematisierung, eine Festlegung von Einzeldosen . urül von zeitlichen Zwischenräumen zwischen diesen. Wir beabsichtigen mit den Injektionen einer Vakzine eine Anregung, eine Reizung des Organismus zur Bildung spezifischer Schutzstoffe. Jedes Individuum wird aber auf diese Reizung je nach seinem Allgemeinzustand und dem Zustand seiner Immunitätsverhältnisse reagieren. Dosen, welche von dem einen anstandslos vertragen werden, rufen bei einem anderen bereits starke Lokalerscheinungen, Fieber, allgemeines Unbehagen hervor. Wir müssen also in jedem einzelnen Individuum den Massstab für die Dosierung unserer Vakzineinjektionen suchen. W r ight hatte in Er¬ kennung dieser durchaus notwendigen Individualisierung dem thera¬ peutischen Handeln die fortlaufende Bestimmung des opsonischen Index zugrunde gelegt. Dieser 'Weg ist besonders wegen seiner Schwierigkeit und Umständlichkeit verlassen worden, aber er ist dennoch nicht als überflüssig zu bezeichnen. Andere Kriterien, wie das Allgemeinbefinden und Herdreaktionen geben zwar gute Fingerzeige, sind aber nicht immer ausreichend. Wir. bedürfen unbedingt eines feinen objektiven Indikators, der gleichzeitig dlie Wirkung auf den er¬ krankten Organismus und die erregenden Bakterien anzeigt. Wir müssen also neben dem Allgemeinbefinden und der Herdreaktion, bei offenen chronischen Krankheitsherden fortlaufend das mikroskopische Uebersichtsbild beobachten und somit Vakzinetherapie unter bakteriologischer Kontrolle treiben. Bei geschlossenen Krankheitsherden bleiben wir allerdings, abgesehen von der Bestimmung des opsonischen Index, auf die erwähnten übrigen Symptome als Merk¬ zeichen angewiesen. Die Fähigkeit des Organismus zur Bildung von Schutzstoffen, die Reaktionsfähigkeit seines Zellgewebes wird in erster Linie von dem jeweiligen Grad des Immunisierungsstandes des er¬ krankten Organismus abhängen. Unter der fortgesetzten ^Einwirkung der Krankheitserreger und ihrer Toxine sind entweder die Schutzstoffc des Organismus fast völlig verbraucht, oder es wird eine ständige, wenn auch unzureichende Selbstimmunisierung stattgehabt haben, das Ge¬ webe sich mithin im Zustand der Sensibilisierung befinden. Im ersteren Fall wird er sich gewissermassen im Zustand einer tiefen negativen Phase befinden. In diesem Stadium die Zellen zu erneutei Tätigkeit, zur Bildung von Schutzstoffen anzuregen, wird nur möglich sein, wenn die Reizung in vorsichtigster Weise erfolgt. Im zweiter Fall wird die Immunisierung viel leichter zu erreichen sein, da die in Zustand der Allergie befindlichen Zellen auf den durch die Einverleibuns der Bakterienvakzine gesetzten Reiz viel leichter mit energischei Bildung von Antikörpern reagieren werden. Diesen Momenten gerecht zu werden, den für die Zellen günstigster Reizkoeffizienten zu bestimmen, ist allein eine Frage der Dosierung Jedes Schematisieren ist in dieser Beziehung verfehlt. Bereits die Her Stellung der Vakzine hat unter diesen Gesichtspunkten zu erfolgen. Da; übliche Auszählen der Vakzine kann uns nur ganz allgemein gewisse Breiten der Dichte anzeigen. Für den einzelnen Erkrankungsfalil mus; jedesmal die günstigste Dichte unter strenger Berücksichtigung de. Krankheitssymptome. Dauer der Krankheit, Allgemeinbefinden, Wider¬ standsfähigkeit des Organismus empirisch resp. nach in vorsichtigste. Weise durchgeführten tastenden Vorversuchen ermittelt werden Gleichwie die Dichte der Ausgangsvakzine sorgfältig abzuwägen ist müssen auch die einzelnen Verdünnungen und Injektionsdosen vor¬ sichtig berechnet werden. Meist erfolgen die Injektionen gemäss de; Schemas „allmählich steigende Dosen in bestimmten Intervallen“. Ab¬ weichungen werden sehr oft in der Weise durchgeführt, dass bei ver¬ zögerten oder ausbleibenden Erfolgen stärkere Dosen, womöglict täglich, injiziert werden. Dass hierdurch anstatt Förderung der Schutz¬ stoffbildung der Organismus immer mehr durch die Bindung der Anti¬ körper von Schutzstoffen entblösst werden muss, wird völlig ausser ach gelassen. Letzteres muss ja um so mehr der Fall sein, als ja nebe; der Vakzineeinverleibung von dem Krankheitsherd aus ständig Bak terienschübe erfolgen, welche ihrerseits wieder Schutzstoffe ver¬ ankern. Eine Entblössung des Organismus von Schutzstoffen und dämi Ueberhandnehmen der Krankheitserreger muss die unausbleiblich* Folge sein. An der mangelhaften oder gar aufgehobenen Fresstätigkei der Phagozyten können wir diesen Vorgang mikroskopisch studieren Setzt man in einem solchen Stadium des Niederganges der Antikörpe jede Vakzineinjektion aus, lässt den Zellanoarat sich beruhigen und führ erst nach längerer Zeit eine erneute Vakzineinjektion mit kleinster Dosen aus, so ist der Erfolg ein geradezu verblüffender. Die Krank heitserscheinungen gehen plötzlich zurück, das Allgemeinbefinden bessert sich, ist ein direkt gehobenes. Bleiben wir dann weiterhin be kleinsten Dosen, so tritt die völlige Heilung oft überraschend schnell ein’ Kleinste Dosen muss daher das Prinzip der Vak zinetherapie sein. Ist der Organismus der Krankheitserrege Herr geworden, stabilisiert, dann dürfen wir zu grösseren Dosen behuf Summierung der Schutzstoffe unter Beachtung langer Intervalle über gehen. Unser besonderes Augenmerk müssen wir zweitens auf die Art um Weise der Herstellung der Vakzine richten. Es soll hier nicht di* Brauchbarkeit verschiedener KuLturmethoden erörtert, sondern nur übe MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT 195 Februar 1922. — - jiere Erfahrungen bezüglich einer besonderen Abtötungsmethode der eger berichtet Werden. Die mit diesem Verfahren erzielten thera- ; [tischen Ergebnisse selbst lange dauernder chronischer Krankheits- : zesse sind so überaus günstige, dass wir glauben, damit den besten nunisatorischen Effekt erreichen zu können. Wir schicken dabei voraus, dass wir als Hauptbedingung die Be¬ eilung mit Autovakzine fordern. Nur der aus dem Krankheits- d gezüchtete Krankheitserreger allein wird eine Vakzine liefern. Iche die spezifischen Schutzstoffe gegen den Infektionserreger vorzubringen vermag. Berücksichtigen wir die »grossen Differenzen einzelnen Bakterienstämme selbst gleicher Gattung im Bau ihrer zeptorenapparate, was wir ständig in der Serologie beobachten ;nen, so müssen wir zugestehen, dass fabrikmässig hergestellte nmelvakzitien keinesfalls die Autovakzine ersetzen können. Das nzip der Vakzinetherapie ist doch, mit den aus dem Krankheitsherd, v. dem erkrankten Organismus gezüchteten Krankheitserregern und ;n Zerfallsprodukten die Körperzellen in spezifischer Weise zu reizen, tens der Zelle setzt als Folge hiervon die Bildung spezifischer Anti- per im Ueberschuss ein, der immun-biologische Heilungsvorgang ist :eben. resp. in die Wege geleitet. Verwenden wir aber als Antigen cterien mit ganz andersartigem Rezeptorenapparat, so üben wir wohl i die Zelle einen biologischen Reiz aus, erreichen aber nicht die düng spezifischer Antikörper gegen die eigentlichen Krankheits¬ ieger. Eine direkte Antikörperbildung setzt nur gegen das einver- >te Antigen ein; das aber ist für die Behandlung des Krankheits- zesses in spezifischem Sinne belanglos. Der Vorgang spezifischer tikörperbildung wird durch unspezifische Reizung nur insofern ge- iert, als die Zelle durch das unspezifische Antigen gereizt, wahr- einlich mit ihrem gesamten Rezeptorenapparat auf diese Reizung /as reagiert. Wir müssen daher bei dieser Form der Vakzinetherapie i einer unspezifischen Zellreizung sprechen. Zur unspezifischen zung brauchen wir aber nicht notwendigerweise Bakterienkörper, idern wir können sie auch mit sonstigen unspezifischen Substanzen vorrufen. (Nichtspezifische Resistenzsteigerung im Sinne eichardts.) Die mit solchen Substanzen erzielten Heilungs¬ gänge beruhen dann eben auf einer Reizung der Zelle überhaupt, der irekten Unterstützung der spezifischen Antikörperbildung. Der in n Organismus bereits durch die Krankheitserreger und die ent- echende Abwehrreaktion der Zelle eingeleitete Immunisierungs- zess wird durch die wenn auch unspezifische Antigenreizung an¬ egt. Indem die Zelle durch das unspezifische Antigen, seien es ver- ndte Bakterienarten oder Salze, Zucker u. dgl. gereizt wird, wird s;e :h wohl gleichzeitig zu stärkerer Produktion der eigentlichen spe- schen Antikörper angeregt werden. Ob das stets die Folge ist, fte fraglich sein. Ebenso ist es noch eine offene Frage, ob un- zifische Reizungen für die Zelle selbst immer belanglos sind. Unter iständen können fortgesetzte unspezifische Reizungen auch die Zelle ädigen und sie in ihrer spezifischen Antikörperbildung beeinträch- ;n. Damit wird anstatt einer Hemmung des Krankheitsprozesses sein tschreiten bewirkt. Eine wirkliche spezifische Immunisierung werden wir stets nur mit n spezifischen Antigen erzielen können. Der spezifische biologische z. der die Zelle bei richtiger Dosierung trifft, bewirkt eine erhöhte »duktion spezifischer Abwehrstoffe durch die Zelle, veranlasst sie |;r andererseits nicht zu unnötiger und damit vielleicht schädigender kigkeit. Misserfolge der Vakzinetherapie sind, abgesehen von falscher ’uerung, auf das Konto unspezifischer Reiztherapie zu buchen. Wir dürfen daher auch nicht, wie es ln letzter Zeit unter völliger •kennung des Wesens der Vakzinethe; tpie häufig geschieht, ihren ;rt nach Erfahrungen mit unspezifischen Reizungen (Sammelvakzine), dern nur mit spezifischen Vakzinen (Autovakzine) beurteilen. Wem ht die Möglichkeit gegeben ist, mit Autovakzine zu arbeiten und wer in zu Sammelvakzinen oder sonstigen unspezifischen Substanzen ift. kann immer nur von einer gewollten unspezifischen Reizung echen: Vakzinetherapie im eigentlichen Sinne ist dies aber nicht. Hierin liegt unseres Erachtens wahrscheinlich auch der Grund, dass n mit der Immunisierung der Tuberkulose bisher nicht den ge- nschten Erfolg erzielt hat. Solange wir uns — abgesehen von dem :htigen Umstand der Zubereitung der Vakzine, worauf wir später h eingehen — nicht bemühen, die Immunisierung mit dem spe¬ ichen Antigen, der jedesmaligen Tuberkelbazillen-Autovakzine chzuführen. werden unsere verschiedenen Arten der Tuberkulose- nunisierung schliesslich immer nur unspezifische Zellreizungen iben. Spezifische Abwehrstoffe gegen den den Krankheitsprozess he¬ genden Tuberkelbazillenstamm kann die Zelle eben nur bei Spe¬ icher Antigenreizung durch Autovakzine produzieren. Ist die Kultur des betreffenden Krankheitserregers gewonnen, so weiterhin die Art der Darstellung des Antigens für die Gewinnung glichst wirksamer Antikörper von entscheidender Bedeutung. Das al einer aktiven Immunisierung ist natürlich die mittels lebender eger, denn nur so können wir den natürlichen Prozess gleichartig I vollkommen auf willkürliche Weise nachahmen. Die grösste ensität der Schutzstoffbildung würden wir bei Verwendung des enden Virus erreichen; leider sind uns aber bei den meisten Erregern, nlich allen denen, bei welchen eine Ausbreitung von der Injektions- lle aus in den Organismus zu bedenken ist. Schranken gesetzt. Wir ssen uns daher gezwungenermassen eines Ersatzes, nämlich der getöteten Bakterien bedienen. Martin Ficker2) schreibt; „Es gibt 2) Kolle-Wassermann: Hb. d. path. Mikroorg. 2, 1 , S. 33. I keinen bindenden Beweis dafür, dass wir imstande sind, durch Applikation toter Infektionserreger alle die verschiedenen Arten von Antikörpern zu erzeugen, über die der immune Organismus nach der natürlichen Infektion schliesslich verfügt und die die komplexe Erscheinung der Immunität ausmachen ; noch immer lernen wir neue Antikörper kennen, die gerade nur bei dem oder jenem Immunisierungsmodus auftreten.“ F ri e d b e r g e r 3) betont in seiner Arbeit bezüglich Typhusschutz¬ impfung unter Hinweis auf die Erfahrungen der Tiermedizin, dass ein wirklicher Schutz nur mit lebenden Erregern gelinge. Von Interesse sind in diesem Zusammenhänge auch die Versuche von Sobernheim und Seligmann und von SchaukewGtch4). Wenn wir die Immunisierung mit abgetöteten Erregern aber als einen „Notbehelf“, wie sich Ficker ausdrückt, betrachten, müssen wir versuchen, eine möglichst schonende Abtötungsmethode zu finden, weil eben, worauf Hilgermann5) hinweist, eine milde Abtötung der Bakterien ihre Fähigkeit, Antikörper zu bilden, erhöht. Es sind zwar eine Reihe von physikalischen und chemischen Abtötungsverfahren bekannt, und sicher¬ lich erhält man auch mit einzelnen dieser Methoden brauchbare Vak¬ zinen, aber auch hier gilt der Grundsatz, jedes Schema zu meiden und das Gebot, nach den für den einzelnen Erreger passenden Abtötungs¬ verfahren zu suchen. Aus dem Gedanken heraus, das Antigen möglichst wenig bei der Abtötung der Erreger zur Herstellung der Vakzine zu schädigen, versuchten wir. zur Herstellung der Vakzine die Auflösung der Erreger zu benutzen. Bringen wir die Bakterienzelle durch mildeste Lösungsmittel in schwächster Konzentration vollständig zur Lösung, so erhalten wir alle Leibessubstanzen der Bakterienzelle, ohne aber die einzelnen Bestand¬ teile durch so rohe Eingriffe, wie es z. B. die Abtötung durch höhere Hitzegrade darstellt, geschädigt zu haben. Bedingung hierfür ist aller¬ dings, dass nur solche Lösungsmittel gewählt werden, welche nicht etwa ihrerseits wieder Schädigungen hervorrufen; das ist eine Frage, deren Beantwortung von Versuchen und Erfahrungen abhängen wird. Bei dieser Herstellungsart der Bakterienvakzine ist natuijgemäss der Vorteil gegeben, dass man viel stärkere Dosen injizieren kann, als bei der noch erhaltenen Bakterienzelle. So injizieren z. B. Deycke- Much von ihren müderen Partialantigenen täglich und verhältnis¬ mässig hohe Dosen. Auch bei der noch unten zu erwähnenden Auf¬ lösung der Gonokokken kann man unvergleichlich viel grössere Dosen injizieren. Für die Tuberkelbazillen hat zuerst A r o n s o n *) eine voll¬ ständige Entfettung der Tuberkelbazillen angegeben. Späterhin hat D e y c k e 7) in Verbindung mit Much8) mittels schwacher Säuren die säurefesten Bakterien aufzuschliessen vermocht Bezüglich der thera¬ peutischen Nutzanwendung haben aber Deycke und Much den lös¬ lichen Anteil des Tuberkelbäzillus, welchen sie als reines Tuberkulin betrachten, ausgeschaltet. Sie betrachten diese Substanz als das tuberkulöse Gift, welches den Immunisierungsvorgang nur störend beeinflussen würde. Von diesem Gesichtspunkte aus haben Deycke und Much mit ihrer Methode der Partialimmunisierung gegenüber den früheren Methoden einen völlig neuen Weg beschritten. Während es bisher das Bestreben war, für die Immunisierung möglichst die ganze Substanz des Tuberkelbazillus nutzbar zu machen, schalten Deycke und Much vielmehr die für sie giftige Komponente aus. und können damit stärkere, schneller folgende Dosen injizieren. Uns will es scheinen, als ob die bisher üblichen Methoden auch deswegen keine befriedigenden Ergebnisse erzielen Hessen, weil die Herstellung der verschiedenen Präparate auf der rohen Abtötung der Tuberkelbazillen mittels hoher Hitzegrade beruhte. Das ist aber ein Verfahren, welches unbedingt wirksame Substanzen schädigen und ihre volle Ausnutzung für die Immunisierung aufheben muss. — U h 1 e n h u t h 9), der in seiner Arbeit „Die experimentellen Grundlagen der spezifischen Tuberkulose¬ therapie“ die verschiedenen angegebenen Verfahren einer kritischen Betrachtung unterzieht, kommt zu dem Schlüsse, dass bisher eine wirk¬ liche Immunität durch Einspritzung von Tuberkulinpräparaten und sonst abgetötetem Material bei tuberkulösen und gesunden Tieren gegen eine tuberkulöse Infektion nicht gelungen sei. Die Heilwirkung des Tuberkulins führt er, ebenso wie andere, auf eine Herdreaktion zurück. Aus den bisherigen Beobachtungen schl’iesst er, dass, wenn überhaupt, nur lebende, echte Tuberkelbazillen einen relativen Schutz gegen Tuberkulose verleihen können.“ Wir bemühten uns, Stoffe wie z. B. Ligroin und ähnliche Ver¬ bindungen in solcher Verdünnung zu benutzen, dass eine möglichst schonende Auflösung der Tuberkelbazillen herbeigeführt wird. Giftige, den Immunisierungsprozess störende Substanzen der Bakterienzelle werden zu neutralisieren sein. So konnte dei^elne von uns (Hilger¬ mann) mit einer durch Ligroin-Benzin (aa) aufgelösten Tuberkel¬ bazillenkulturaufschwemmung noch in der Verdünnung von Vtno M schwerste Giftschädigungen der geimpften Tiere beobachten, welcher die Tiere schliesslich unter allgemeinen Paresen und Kachexie erlagen. Wurde eine solche Aufschwemmung nach dem Vorschläge von Ehr¬ lich mittels Schwefelkohlenstoff entgiftet, so blieben selbst in höheren Dosen die Giftwirkungen aus. hingegen wurde bei systematischer Immunisierung ein Impfschutz gegen eine spätere Infektion von Tuberkelbazillen erzielt. Hier weisen sich Wege, erfolgreich die Im- s) Zschr. f. ImmForsch. 1919, 28. 4) Ref. in Kolle-Wassermann. Hb. d. path. Mikroorg. 2. 1, S. 35. 5) Zschr. f. ärztl. Fortb. 1918 Nr. 14/15. 6) B.kl.W. 1898 S. 484. 7) M.m.W. 1910 Nr. 12. R) M.m.W. 1913 Nr. 3 u. 4. ®) Med. Kl. 1921 Nr. 24/25. 196 MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT munisierungsprobleme gegenüber der schwersten Volksseuche, der Tuberkulose, in Angriff zu nehmen und vielleicht zu lösen. Die jedesmalige komplizierte Züchtung des betreffenden i uberkel- baziilenstammes werden wir entbehren können, sobald wir versuchen, nach Lösung der Auswurfflocken bei 37° 10) die frei gewordenen Tuberkelbazillen auszuschleudern und für sich wieder zur Lösung bringen. , , ... Für die Gonokokken besitzen wir in dem glykocholsauren Natron ein ausgezeichnetes Lösungsmittel. Es genügt bereits 0,1 ccm eurer 1 proz. Lösung, um eine Abschwemmung zweier gut gewachsener Schräg-Aszitesagarkulturen (etwa 10 ccm) in kürzester Zeit bei 37 zui Lösung zu bringen. Des glykocholsauren Natrons können wir uns ferner bedienen zur Auflösung von Meningokokken und Pneumokokken. Bakterien, für welche wir geeignete Lösungsmittel noch nicht be¬ sitzen, wie z. B. Koli-, Typhus-, Dysenteriebazillen und Staphylokokken, haben wir in sterilem destillierten Wasser resp. physiologischer Koch¬ salzlösung unter Zusatz geringster Mengen Formalin (0,5 bis 1 proz.) abgetötet und ausgelaugt. Es gibt kaum eine Bakterienart, welche bei dieser Methode nicht nach 24, spätestens 48 Stunden bei 37 abgetötet wäre wobei gleichzeitig eine Aufquellung und Lösung der Bakterien¬ zelle 'erfolgt. Es bleibt jedoch die Aufgabe, auch noch für diese Bak¬ terien nach Lösungsmitteln, welche die den Anreiz zur Antikörper¬ bildung abgebenden Stoffe der Bakterienzelle nicht schädigen, zu suchen. , . Wir bedachten es als einen Grundsatz bei der Vakzinebereitung, die Gesamtheit der möglichst wenig geschädigten Substanzen der ßak- terienleiber für die Injektion1 zu gewinnen. Wir verzichten deshalb völlig auf die Abtötung durch Hitze und versuchen, den Bakterienleib zur Auflösung bzw. Auslaugung zu bringen. Wir hoffen damit, bei der Vakzination und Schutzimpfung mit derartig hergestellten Impfstoffen einer Immunisierung nahezukommen, wie sie sonst nur mit lebenden Erregern gelingt ......... Wie sind schliesslich die fast stets nachweisbaren Mischmfektions- erreger zu bewerten? Nach unseren Erfahrungen sind sie bei der Ein¬ leitung der Vakzinetherapie durchaus zu berücksichtigen, es liegt im Gegenteil in der Anwendung von Mischvakzinen ein Vorteil. Haben sich neben den eigentlichen Krankheitserregern saprophytische Bak¬ terien angesiedelt so werden diese, wenn auch an und für sich harmlos, doch durch ihre Zerfallsprodukte das Gewebe schädigen, es noch wider¬ standsunfähiger machen und gleichzeitig die weitere Ausbreitung der eigentlichen Krankheitserreger begünstigen. So begünstigen Gono¬ kokkenansiedelungen die Entstehung einer tuberkulösen Zystitis, Streptokokken spielen bei der Komplizierung tuberkulöser Heilungs¬ tendenzen eine grosse Rolle. Das sind Beobachtungen, die bei der Behandlung dieser Erkrankungen viel zu wenig berücksichtigt werden. Wir beziehen infolgedessen auch diese saprophytischen Keime in die Vakzinebehandlung mit ein. Es ist daher auch nicht notwendig, absolute Reinkulturen eines einzelnen Erregers zur Herstellung der Vakzine zu verwenden. Zeigen die aus Krankheitsprozessen angelegten Platten- und Röhrenkulturen neben genügendem1 Wachstum der eigentlichen Krankheitserreger saprophytische Keime, so können diese Kulturen ohne weitere Reinzüchtungsversuche sofort zur Vakzinedar- stellung Verwendung finden. Eine gewisse Bedeutung für den Erfolg einer Vakzinebehandlung scheint uns auch die Art der Verabreichung der Vakzine zu haben. Es würde zu weit führen, an dieser Stelle die möglichen Arten und1 ihre Wirkungen zu erörtern, es genügt, beispielsweise einige Tatsachen darüber anzuführen. Wir wissen aus Tierversuchen, dass die Resorp¬ tionsgeschwindigkeit eines eingeführten Antigens am grössten bei intra¬ venöser und intraperitonealer Injektion, am kleinsten bei subkutaner und intramuskulärer Injektion ist; in direktem. Zusammenhang damit steht die Dauer der Reizwirkung. Andere Versuche zeigten, dass für ein bestimmtes Autigen die besten immunisatorischen Resultate nur mit einer ganz bestimmten Injektionsart zu erreichen sind. Weiterhin kennen wir aus Tierversuchen die Tatsache, dass einzelne Arten von Antikörpern durch besondere Arten der Antigeneinverleibung am zahl¬ reichsten zu erhalten sind. Wir müssen jedenfalls bei aktiven Immuni¬ sierungsversuchen bedenken, dass wir durch Wechsel der Injektionsart verschiedene Wirkungen bezüglich der Antikörperproduktion erreichen können. Die Frage der Injektionsart der Vakzine hängt zusammen mit den Vorstellungen über den Ort und die Art und Weise der Antikörper¬ bildung. Nach der Ehrlich sehen Seitenkettentheorie dient bekannt¬ lich in Anlehnung an das Weigert sehe Ueberkompensationsgesetz der für die Vernichtung der Zelle bestimmte Reiz auch zur Bildung von Abwehrstoffen. Offen muss hierbei allerdings die Frage bleiben, inwie¬ weit die durch Toxin bereits geschädigten Zellen noch imstande sind, Schutzstoffe zu produzieren. So können wir bei schwersten Erkran¬ kungsfällen, bei welchen eine Ueberflutung des Blutes mit Bakterien bzw. Toxinen statthat und doch nun eigentlich eine gewal fwe Ueber- produktion von Schutzstoffen einsetzen müsste, solche überhaupt mess¬ bar nicht feststellen, Beobachtungen, wie sie z. B. Kleinsorgen für den Typhus abdominalis kritisch zusammengestellt hat. Viel näher liegt der Gedanke, dass zur Neubildung von Schutzstoffen der Organis¬ mus entweder spontan oder bei künstlichen Reizen, als z. B. Aderlass, Vakzineinjektion, mit einer Ueberproduktion von Stoffen aus frischen unberührten Zellen reagiert, die der Neutralisierung von Toxinen, der Auflösung der Bakterien, der Phagozytose der Bakterien usw. dienen. 10) Vgl. Hilgermann-Zitek: Med. Kl. 1920 Nr. 37. Nr. f Von besonderem Interesse sind in diesem Zusammenhang die Arbeite von S. Bergei “) über die Lymphozytose, worin er nachweist, das die Lymphozyten bei der Abwehr des Organismus gegen lipoidhaltige Erreger eine wichtige Rolle spielen durch die Absonderung von lipoic spaltendem Ferment. — Die Betrachtung der Immunitätsvorgänge vor Standpunkte der Kolloidchemie aus, wie sie im Gegensatz zu de Ehr lieh sehen rein chemischen Anschauungen von Bordet1-) gc lehrt und wie sie in neuerer Zeit von vielen anderen zur Grundlas; ihrer Arbeiten gemacht wurde, ergibt zwanglosere Erklärungen ii solche Erscheinungen. Von der Anschauung ausgehend, dass kollofc chemische Vorgänge den Immunitätserscheinungen zugrunde lieget stellte Sahli13) Erörterungen im besonderen über die Art und Weis und den Ort der Antikörperbildung an. Er setzt die Produktion dt Antikörper in Vergleich zur „Sekretion“; „die Antikörperproduktion ei scheint unter dem Gesichtspunkte der Sekretion oder Regeneration vei brauchter Rolloid'bestamdteife des Blutes und der Gewebsflüssigkeiten, I Ueber den Ort der Entstehung der Antikörper nimmt er an, dass d sämtlichen Zellen des Körpers an der Sekretion und Regeneration dt Blutes und, gemäss seiner Auffassung der Antikörper als normaler Blu bestandteile, auch an der Bildung der Antikörper beteiligt sind. Bei di Erörterung der sog. histogenen Ueberempfindlichkeit kommt er zu dt Schlüssen, dass eine solche lokale oder histogenc Ueberempfindlichke darauf beruht, dass das betreffende Gewebe der Sitz einer lebhafte lokalen Antikörperüberproduktion, d. h. eine besonders ergiebige Am körperquelle ist. . . , ,. q In neuerer Zeit haben die intrakutane Injektion und die ü Ziehungen des Hautorganes zu den im Innern des Organismus sich a spielenden Vorgängen die Aufmerksamkeit auf sich gezogen. Wir wisst aus den Versuchen über die Intrakutaninjektion unspezifischer Stoff dass dem Hautorgan als solchem eine besondere Bedeutung beim Abla von Immunitätsvorgängen zukommt [E. F. Müller14)!. Um uns m die besonderen Fähigkeiten des Hautorganes nutzbar zu machen, zogt wir die intrakutane Injektion von spezifischen Vakzinen in den Bereit unserer Versuche über die Vakzinetherapie. Bei der Durchführung v< Immunisierungsversuchen an Syphilitikern konnten wir1’) eine b sondere Wirkung der intrakutanen Injektion der Vakzine feststelle Wir beobachteten bei der Vakzinebehandlung auch anderer Kran heften, dass die Reaktion auf die intrakutane Injektion milder ausfi wenn eine Reihe subkutaner oder intramuskulärer Injektionen bis zu Ausbleiben örtlicher und allgemeiner Reaktionserscheinungen vorhe gegangen war. In Befolgung des Prinzipes, allzu starke Reaktionen vermeiden, schickten wir den systematischen Intrakutaninjektionen c notwendige Anzahl subkutaner bzw. intramuskulärer Injektionen vorai Wir beobachteten dann lebhafteste Phagozytose als Ausdruck für d Erfolg der Vakzinetherapie. Die Stärke der Reaktion auf die lntij kutane Injektion gibt uns den Massstab für die Bemessung der Do und der zeitlichen Zwischenräume zwischen den einzelnen Intrakutaf injektionen. Wir fügen also zu den bisher gebräuchlichsten Injektior methoden beim Menschen, nämlich der subkutanen und intramuskuläre noch die systematische Intrakutaninjektion hinzu und hoffen damit ei. sichere und intensivere Wirkung zu erreichen. Aus der Universitäts-Kinderklinik zu Köln. 1. Blaseninhaltsstoffe über spezifischen Reaktionen. 2. Hautblasenfüllung.*) Von Privatdozent Dr. E. Thomas und Dr. W. Arnolc Die Versuche gingen davon aus, dass bei einem Kleinkind ej so starke P i r q u e t sehe Reaktion beobachtet wurde, dass es ? Bildung einer Blase kam. , Es drängte sich Von selbst die Frage auf, wie der Inhalt solcl Blasen bei Einspritzung in die Haut tuberkulöser Kinder sich verhall würde. Es wurde zunächst versucht, über der positiven Intrakuh reaktion tuberkulöser Kinder eine Blase zu erzeugen, um sperifisc Stoffe aus dem Infiltrat gewissermassen zu extrahieren. Nach langen Probieren erwies sich als ein gangbarer Weg der. über einer solcl Reaktion 36 Stunden nach ihrer Erzeugung, mit Kantharidm-Kollodr oder mit Mastisol-Kantharidin 1 : 1000 eine Blase hervorzurufen, nä 24 Stunden den Inhalt zu aspirieren und 1 ; 5 mit physiologischer Koi Salzlösung zu verdünnen. Nun wurden am Vorderarm tuberkulöser Kinder 3 Intrakutanrej tionen angestellt: 1. Mit Tuberkulin 1:100000, ,J 2. mit einer Mischung davon + Blaseninhalt 1 : 5 zu gleichen len 3. mit Blaseninhalt 1 : 5 allein. Trotzdem das Gemisch Blaseninhalt + Tuberkulin nur halb so « Tuberkulin enthielt, reagierte es in 29 von 43 Fällen stärker als | Tuberkulin allein und ebenso wie der Blaseninhalt allein. Von l übrigen 14 Fällen waren in 9 die Reaktionen gleich und in 5 Mischlin “) B.kl.W. 1910 Nr. 36, Med. Kl. 1921 Nr. 31, M.m.W. 1921 Nr. i 1L>) Traite de l’immunite, Paris 1920. 13) Sahli: Ueber das Wesen und die Entstehung der Antikor: Schweiz, m. Wschr. 1920 Nr. 50. 14) M.m.W. 1921 Nr. 29: Arch. f. Demi. u. Syph. 1921, 31. 15) M.m.W. 1921 Nr. 20. 4) Vortrag, gehalten am 27. November 1921 vor der Rhein.-Wcstj) Gesellschaft für innere Medizin und Kinderheilkunde. Februar 1922. MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT, 197 , wacher reagierend als 1. Es .war eigenartig, dass die zweifelhaften I negativen Fälle von dem Blaseninhalt des gleichen Spenders . nmten. Der immunbiologische Zustand desjenigen, welcher den i seninhalt spendet, scheint von grosser Bedeutung zu sein. Wir len aber doch im ganzen zu der Anschauung, dass in dem Blasen- ilt über einer Tuberkulinreaktion Stoffe vorhanden sein können, che reaktionsbefördernd wirken. Wir machten uns den Einwurf, dass jede über beliebigen entzünd¬ en Stellen befindliche Blase solche reaktionsfördernde Stoffe ent- :e. Infolgedessen wurde eine Versuchsreihe angestellt mit dem alt von Blasen, welche über einer unspezifischen, mit Krotonöl er- gten Entzündung durch Kantharidin entstanden waren. Bei keinem i 17 Fällen hat sich indessen eine reaktionsbefördernde Wirkung ;hen unspezifischen Blaseninhalts nachweisen lassen. Man konnte ferner einen Augenblick (daran denken, das von dem Erzeugung der Reaktion verwendeten Tuberkulin etwas in die se hinein diffundiert sei und dadurch die Reaktion befördert habe, ä ist aber nicht der Fall, denn einmal ist nach 36 Stunden nur tiig unverändertes Tuberkulin mehr vorhanden. Selbst wenn wir ? Diffusion geringer Mengen annehmen würden, so könnten diese ht genügen, das nur in halb so grosser Menge vorhandene Tuber¬ in bis zu einer mehr als doppelten Wirkung zu ergänzen. Schliess- i. haben wir bei einem späteren Fall, wo die P fr quetsche Reak- t bis zur Blasenbildung ging, den Blaseninhalt 1 : 5 verdünnt und r ebenfalls bei 3 Fällen eine reaktionsbefördernde Wirkung beobach¬ können. Das zeigt auch, dass nicht etwa Umsetzungsprodukte von uitharidin- und Tuberkulinresten die Ursache der Reaktionsverstär- ,ig sein können. Vermengt man Kantharidin mit Tuberkulin, so wird j Wirkung des letzteren bei der intrakutanen Einspritzung herab- ;;etzt. Uebrigens hat Fellner Pi r q u e t papeln mechanisch zer- inert und' in der allerdings durch Blut und Zellen stark verunreinigten ssigkeit reaktionsbefördernde Stoffe nachgewiesen, die er Prokutine nnt. ' Wir gingen nun dazu über, erwähnten Versuch mit aktivem Blasen¬ alt auf dem rechten, mit inaktiviertem auf dem linken Vorder- I n durchzuführen. Die Inaktivierung fand dadurch statt, dass Blasen¬ alt über einer Intrakutanreaktion im Wasserbad 14 Stunde bei 60° värmt wurde. In allen 18 Fällen zeigte sich nicht nur, dass die aktionen am linken Arm bedeutend schwächer waren, sondern auch, >s jede reaktionsverstärkende Wirkung links fehlte. Wir haben es o mit einem thermolabilen Körper zu tun. Reaktivierungsversuche >en wir begonnen. Bei 6 Fällen von kongenitaler Lues schien es, dass Blaseninhalt :r unspezifischer entzündlicher Grundlage, wenn er von luetischen uglingen stammt, stärkere Reaktion auslöst, als von nichtluetischen. 1er von diesen 6 Fällen zeigte das sehr stark, 3 weniger stark, aber ch deutlich, bei zweien waren die Reaktionen gleich. Leider besitzen r kein Luetin, um die analogen Versuche wie mit dem Tuberkulin rchzuführen. Ziemlich eingehend wurde- auch der Zellgehalt der über unver- Gerter Haut entstandenen Kantharidinblase untersucht mit Zählkam- ur und Ausstrich. Es zeigte sich, dass nur geringe Zeichen eines iut entzündlichen Exsudates vorhanden sind. Das stimmt mit dem -lischen Verhalten überein. Und so eignet sich der Inhalt der Kan- ridinblase für einen grossen Teil von Fragestellungen biologischer tur. — Die günstigste Stelle ist die Bauchhaut. Im Herbst und nter kamen wir meist nur durch Verdoppelung der Kantharidinmenge u Ziel! Wir haben es mit einer nur wenig veränderten Gewebsflüssigkeit zu i, wie wir sie auf andere Weise auf dem Körper sonst nicht erhalten, e Eigenschaften bei den verschiedenen Infektionskrankheiten müssen (genstand eines eingehenden Studiums sein, ihr Gehalt an Immun- j ff en etc., aber auch bei Stoffwechselkrankheiten etc. würde die ige ihrer Beteiligung wesentlich sein. ^Stratum comeum — Rete Malptghii ' Papillarschicht Es müsste klargestellt werden, inwieweit der Blaseninhalt ein Bild r physikalischen, chemischen und biologischen Veränderungen im ganismus geben kann. • — Durch folgendes Verfahren ist es übrigens cht möglich, die Bl as e mit einer beliebigen Flüssigkeit anzufüllen, an sticht von einer Stelle aus, die 34 cm vom Rand der Blase ent- rnt ist, unter der Epidermis die Nadel vorschiebend, die Blase von ten seitlich an und entleert sie. Dann setzt man an die stecken- üiebene Nadel eine andere Spritze an und füllt die zusammengefallene ase aufs neue. Um den Eingriff schmerzlos zu gestalten und eine ent'alsige Nachblutung in das Innere der Blase zu verhüten, kann an vor dem Blasenumfang direkt hintereinander mit Novokain-Supra- nin 2 Quaddeln erzeugen, durch die man die Nadel vorwärtsführen nn. Man kann also die Blase als lebende Kammer benutzen id dann die Veränderungen des eingeführten Mittels durch spätere itnahme studieren. Ebenso liegen therapeutische Versuche nahe. - - Nr. 6. Aus dem Stadtkrankenhaus Schaulen (Litauen). Untersuchungen über Blutplättchen Gesunder und Kranker. Von Dr. med. Heinrich Zeller, leitendem Arzt des Stadt¬ krankenhauses. Blutplättchen, die gut konserviert sind (Zitratblut oder paraffinierte Gefässe), pendeln als runde Scheibchen, die meist nur ihre Kante zeigen, im Gesichtsfeld des Mikroskops, sie sind alle einzeln, erst nach einigen Stunden liegen sie als runde, kaum bewegliche, meist granu¬ lierte Scheibchen am Boden bei mässig starker Agglutination. Im gefärbten Präparat sind die frisch entnommenen Plättchen gleichmässig gefärbt, während die länger stehenden die bekannten Granulierungen zeigen. Frisches Blut von Kranken kann die verschiedensten Ueber- gänge zeigen: Chronisch fieberhaft Erkrankte haben meist granulierte Plättchen, die leicht zur Agglutination neigen, akute Infektionskrankc haben wenige, meist gut gefüllte Plättchen, chronische Konstitutions¬ kranke leere, kaum färbbare Plättchen. Bei den Kranken sind die Plättchen meist hinfälliger, sie pendeln weniger lang und agglutinieren leichter. Unter bestimmten Umständen finden sich im Blut Zerfalls¬ produkte, insbesondere nach Schüttelfrösten, die -grösstenteils von zer¬ fallenen Plättchen herrühren. Wird gesundes Blut (1 ccm Zitratblut + ein Tropfen Flüssig¬ keit) mit Milch, Kollargollösung (2 proz.), Olivenöl, Oleum sulfur. (0,2 proz.), Oleum terebinth. (5 proz.), Diphtherie-, Tetanus-, Dysenterie¬ serum, mit Urin vom Gesunden oder Kranken versetzt, so verändern sich die Plättchen kaum, nur Kollargol bewirkt eine leichte Granu¬ lierung, ebenfalls Oleum sulfur. und Oleum terebentbin. Wird dasselbe mit Blut von Kranken gemacht, so finden sich Unterschiede: Blut von septisch Kranken ergibt eine mittlere bis starke Agglutination mit teilweise körnigem Zerfall der Plättchen bei Zusatz von Milch, Schwefel, Kollargoh Terpentin. Der Urin Gesunder bewirkt ebenfalls Agglutination, während der Urin Fieberkranker ohne Wirkung auf die Plättchen ist, ebenfalls die angeführten Sera. Blut von Schwangeren und Wöchnerinnen zeigt dasselbe Verhalten wie von Gesunden, nur dass die Plättchen der Wöchnerinnen auf Zu¬ satz von Milch agglutinieren und Granulationen aufweisen. Bei den akuten Infektionskrankheiten agglutinieren 'die Plättchen auf Zusatz von Milch. Sulfur, Kollargol, Terpentin, Sera und Urin von Gesunden nicht, ebenfalls nicht bei Zusatz von gewöhnlichen Fieber- urinen, dagegen tritt starke Agglutination ein, wenn Fleckfieber- oder Pockenurin zugesetzt wurde. Wurde zu Fleckfieberblut Pockenurin zu¬ gesetzt oder umgekehrt, so traten feinste Pünktchen auf, die von einem vollkommenen Zerfall der Plättchen herrührten. Bei den übrigen chronischen Erkrankungen war nichts Abweichen¬ des festzustellen; nur die Plättchen der sekundären und tertiären Lues verhielten sich teilweise wie die Plättchen der akuten Infektionskrank¬ heiten. Bei Zusatz von Fleckfieber- oder Pockenurih trat körnige Agglutination auf und feinster pünktchenartiger Zerfall. Bei Schwefel trat ebenfalls eine starke Agglutination auf. Bei Karzinomkranken mit sekundärer Anämie agglutinierten die Plättchen bei Zusatz von normalen und pathologischen Urinen, eben¬ so bei Milchzusatz. Eine Merkwürdigkeit stellte sich heraus, als bei septisch Er¬ krankten nach vorhergehender Blutuntersuchung Kollargol oder Milch gespritzt wurde, dass bei einer neuen Untersuchung die Plättchen nun viel stärker aggiutinierten und granuliert waren als vorher. Dasselbe liess sich auch nach Injektion von Schwefel bei chronischem Gelenk¬ rheumatismus beobachten. Es wurde nun versucht, ob beim Lebenden sich ähnliche Verhältnisse vorfinden. Seit langem ist bekannt, dass die Plättchen vollkommen aus dem Blut verschwinden können nach Injek¬ tion der verschiedensten Substanzen; das Verschwinden der Plättchen ist aber immer von schockähnlidhen Zuständen begleitet. Nach kurzer Zeit finden sich die Plättchen wieder; Untersuchungen haben ergeben, dass die Plättchen sich teilweise agglutinieren und in den Kapillaren hängen bleiben. Eine Untersuchung der Plättdien vor und nach der Injektion von Gonargin, Kollargol ergab kurze Zeit nach der Injektion eine Ver¬ minderung der Plättchen; trat Schüttelfrost auf, so war ihre Zahl schein¬ bar vermehrt; eine genaue Untersuchung zeigte aber, dass viele Plätt¬ chen zerfallen waren, die verschieden grossen Bruchstücke wurden aber mitgezählt. Trat nach Injektion von Kollargol oder Gonargin kein Schüttelfrost auf. so fand ich keine Zerfallsprodukte oder ab und zu nur einige Bruchstücke. Dieselbe Wirkung hat die intramuskuläre Injektion von Milch; besonders bei Erysipel tritt, falls Schüttelfrost folgt, ziemlich starker Plättchenzerfall auf. Ist diese Wirkung ein¬ getreten, dann sinkt kurze Zeit darnach die Temperatur zur Norm. Bei allen Fällen ohne Plättchenzerfall hatte die Milchinjektion keine Wir¬ kung auf den Fieberverlauf. Bei Malaria trat vor dem Schüttelfrost eine Verminderung der Plättchen auf. um gleich nach dem Schüttelfrost eine Vermehrung zu zeigen (Plättchenzerfall). Bei Febris recurrens ist die Zahl der Plätt¬ chen an und für sich niedrig, sie geht aber kurz vor der Krisis bis 30 — 40 000 herab, wobei, zahlreiche Zerfallsprodukte auftreten. Bei der Pneumonia crupposa finden sich ähnliche Verhältnisse. Gerade das Rückfallfieber war geeignet, die Verhältnisse der Plätt¬ chen in den verschiedenen Stadien zu studieren. Beim ersten Anfall sind während der Fieberperiode durchschnittlich 80 000 Plättchen vor¬ handen. die kurz vor dei Krisis auf 40 000 heruntergingen, um in der • ö MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT. Nr. 6 198 fieberfreien Periode auf 400 — 500 000 heraufzugehen. Beim zweiten Fieberanfall bleiben sie durchschnittlich auf 160 — 200 000. Beim dritten Anfall i.st ihre Zahl noch höher, dagegen bleibt ihre Zahl in den Fällen von chronischem Rückfallfieber (Spir illose) immer vermindert. Wird 0,45 g Neosalvarsan eingespritzt, so ist die Dauer der Krisis verschieden lang (12—36 Stunden). Ich konnte mir lange keine genügende Er¬ klärung geben für diesen Vorgang. Wird das Blut fortlaufend, nach der Salvarsaninjektion untersucht, so finden sich lebende Spirillen bis Plättchenzerfall eintritt ; das ist meist 8—10 Stunden vor dem Sinken der Temperatur zur Norm. Das Neosalvarsan wirkt daher nicht ätio¬ trop auf die Spirillen im Blut. Je schneller die Entfieberung eintritt, um so mehr Plättchen sind vorhanden, und um so eher tritt Plättchen¬ zerfall ein. Tritt der Plättchenz rfall ein, dann finden sich im Blut nur noch tote Spirillen. Bis zum Plättchenzerfall bleibt ihre Zahl auf der¬ selben Höhe. Auch bei Ohnmachtsanfällen scheint der Plättchenzeffall mitbeteiligt zu sein. Ohnmächten, die nach Inzisionen auftreten, sind meist von einer Plättchenagglutination und -zerfall begleitet. Am besten konnte ich den Vorgang beim Primäraffekt verfolgen. Wird derselbe fest ge¬ drückt, so fällt der Mann meist nach Vs—l Minute ohnmächtig um. Wird vorher Blut .abgenommen, im Intervall und nachher, so sind die Plättchen im Intervall (bei gutem Puls) fast verschwunden, um nach der Erholung wieder zu erscheinen, wobei Bruchstücke nachweisbar sind; Temperatursteigerung tritt dabei nicht auf. Wahrscheinlich wird bei dem Vorgang infizierte Lymphe ins Blut gepresst. Ob die Plättchen eine direkte Einwirkung auf die sogenannte Proto¬ plasmaaktivierung haben, lässt sich aus den angeführten Unter¬ suchungen nicht ableiten, dass sie aber dabei beteiligt sind, steht ausser Zweifel. Ergebnis. 1. In vitro zeigen die Plättchen von Gesunden oder Kranken Unter¬ schiede in der Agglutination und im Zerfall bei Zusatz von Urinen oder protoplasmaaktivierenden Substanzen. 2. In vivo tritt Zerfall von Plättchen kurz vor der Krisis auf. Kol- largol, Gonargin, Milch wirken wahrscheinlich durch Plättchenzerfall. 3. Ebenso wirkt Neosalvarsan bei Rückfallfieber; die Dauer der Krisis hängt bei dieser Krankheit von der Zahl der Plättchen ab. Literatur. Aynaud: Le globulin des mammiföres. — Dresel und Freund: M.m.W. 1921 S. 961. Aus der II. Gynäkologischen Universitätsklinik in München. (Vorstand: Univ.-Prof. Dr. Franz Weber.) Zur Frage der aktiven Abortbehandlung*). Von Dr. Hans Saenger, Oberarzt der Klinik. Ist es nicht erstaunlich, dass sich unsere Fachgenossen über die Behandlungsweise des Abortes und namentlich des fieberhaften Abortes, dieser häufigsten modernen geburtshilflich-gynäkologischen Erkrankung, noch immer uneinig sind? Seitdem Winter vor 10 Jahren. die kon¬ servative Behandlung des septischen Abortes und eine bakteriologische Indikationsstellung, nämlich die Untersuchung auf das Vorhandensein von hämolytischen Streptokokken, vor jedem aktiven Vorgehen ver¬ langte, ist der Streit entbrannt. W a 1 1 h a r d und seine Schule traten mit ähnlichen Forderungen, die sich auf alle Streptokokken erstreckten, hervor. Der Krieg lenkte die Aufmerksamkeit um ein Weniges von dieser Frage ab. Das letzte Jahr brachte aber wieder eine Hochflut von Arbeiten für und wider die aktive Behandlung des febrilen Abortes. Im Zentralblatt vorigen Jahres finden wir allein 10 Original¬ mitteilungen aufgenommen, lange Diskussionen zeitigten die Vorträge über dieses Thema in zahlreichen Sitzungen gynäkologischer Gesell¬ schaften. Das Vertrauen auf die Zuverlässigkeit der bakteriologischen Kontrollen hat unbedingt nachgelassen. Der Beweis, dass das Wachs¬ tum der Bakterienkulturen über das Verhalten der gleichen Keime, im Organismus nichts aussage, ist erbracht. Das sind rein bio¬ log i sc h e F r a g e n. Neu, übrigens ein Anhänger der konservativen Schule, gibt an, dass man in 44 Proz. hämolytische Streptokokken im Zervikalsekret bei Abortierenden finde. Unserer Ansicht nach ist das eine Empfehlung für die aktive Therapie. Eine so hohe Morbidität kann auch ein fanatischer Anhänger der konservativen Behandlung nicht befürchten. Und so verlangen die Konservativsten heute meist nur ein Abwarten bis einige Tage über die Entfieberung hinaus. Warnekros war es, der schon in den ersten Kriegsjahren auf Grund eingehender bakteriologischer Studien zur Forderung möglichst raschen, gründlichen aktiven Vorgehens kam. Er wies energisch auf die Gefahren des infizierten fötalen Abortgewebes hin, da durch den utero-plazentaren Kreislauf die lokale Disposition zur mecha- nischen Bakteriämie gegeben ist. Dabei brauchen die Bak¬ terien keine spontane, primär virulente Invasionskraft zu besitzen, können diese aber durch Verschleppung und fortgesetzte Schwächung der bakteriziden Kräfte im Organismus erwerben. Warnekros ver¬ gleicht ganz richtig den fieberhaften Abort mit der fieberhaften Geburt. Und nicht wie so viele, z. B. Latzko, die den fieberhaften Abort ohne weiteres mit dem Wochenbettfieber vergleichen. Ebensowenig ist es zulässig, die chirurgische Behandlung infizierter Wunden mit der selben beim Abort in Parallele zu stellen, bei welch letzterem dock das besagt das Wort Abortus, nunmehr körperfremde, ausser Funktioi gesetzte Gewebe in mehr weniger reichlichem Masse vorhanden situ Und noch dazu in einem Organ von höchster Gewebsimmumtät. da’ die Plazentarstelle trägt. Nur in den Fällen fortgesetzter puerperale Fiebersteigerung ist, wie Warnekros nachwies, eine wiederholt’ bakteriologische Kontrolle des Blutes unerlässlich zur Prognose tui Therapiestellung, nicht aber vor Beendigung der Geburt bezüglich, de Abortes auszuführen oder gar abzuwarten. Da gilt es nur möglichs rasch und schonend die Gebärmutter zu entleeren. Und ich bin über zeugt, dass die meisten Anhänger der konservativen Abortbehandlun.1 Fieber bei der Geburt als Indikation zur raschen Entbindung gelte lassen. Warum aber soll man nicht auch einen Abort so schnell, al cs einigermassen schonend durchführbar ist, beseitigen? Eine Tympania uteri z. B. verlangt eine sofortige Beschleunigtm; der Geburt. Warum nicht auch beim Abort? Vor wenigen Woche; erst erlebten wir einen zweifelhaften Segen konservativer Zurück haltung. Eine 27 jährige Jll.-para kam mit einer Schwangerschaft ar Ende des 4. Monats zu uns. Sie hatte Wehen, der Zervikalkanal wa kurz und für einen Finger gut durchgängig. Die Blase war ge Sprüngen, Fieber bestand nicht. Tags darauf war der Gebärmutterlial bei guter Wehentätigkeit für 2 Finger durchgängig, Temp. 37,8. Di spontane Ausstossung der Frucht wurde baldigst erwartet. Zu meine Ueberraschung meldete mir der Assistent am dritten Morgen, das die Frau noch immer unentbunden sei, dass sie leicht fiebere und das ein Aermcheri im Zervikalkanal fühlbar sei. Wir gingen nun sofort an di Ausräumung des Abortes. Der Uterus stand auffallend viel höher als tag zuvor. Beim Eingehen mit 2 Fingern in den Uterus und bei der Extraktio der Frucht entwichen unter lautem Knallen massenhaft Gasblase aus der Gebärmutter. Und bei der Entfernung der Nachgeburt setzt eine schwere Atonie des Uterus ein. Es musste rasch gehandelt un tamponiert w-erden. Der Blutverlust betrug etwas über einen Lite: Natürlich setzte sich weiterhin der Prozess in ein Puerperalfieber for und zwar kam es zu puerperaler Endometritis und parametraner Fa sudatbildung. Die Pat. ist heute noch sch werk rank. Um einen. Ta haben wir unbedingt zu lange gewertet. Bei für 2 Finger durchgängiger Muttermund hätten wir den Abort schon einen Tag früher leicht au; räumen können, ehe die gasbildenden Keime zu voller Entfaltung gc kommen wären. Die wahrscheinlich kriminell gesprengte Blase sollt die Indikation abgegeben haben. Sonst gehen wir auch prinzipiell akti vor und räumen jeden manifesten Abort, sei er fieberhaft oder nich möglichst rasch instrumenteil vollständig aus, selbst wenn Konipl kationen, wie Parametritis, Adnexentzündung und Sepsis bestehei Denn bei jedem fieberhaften Abort handelt es sic bereits um eine transuterine Infektion. Als einzig Gegenindikation lassen wir Verletzungen des Uterus und Peritonit gelten, wobei andere chirurgische Eingriffe, nämlich die Laparotom oder die oft lebensrettend wirkende Kolpotomia posterior, in Betracl kommen. Wir glauben nicht, das es einer Pat. schadet, die nac wochenlanger Verschleppung meist ausgeblutet mit einer Parametrit zu uns kommt, wenn wir durch den klaffenden Muttermund schöner eingehen und alle Eireste, diese Bakterienbrutstätten, Instrumente entfernen. Drei solche im letzen Jahre behandelte Fälle gingen gliicl lieh aus. Ueberhaupt haben wir, was die Aborte angeht, ein gutes Ja; hinter uns. Wir behandelten insgesamt 335 Fälle, davon waren 11 fieberhaft schon vor der Ausräumung. Als Grenze nahmen wir d Achseltemperatur von 37,5 an. Wir hatten also 33,1 Proz. fieberhaft Aborte, was mit den meisten Angaben anderer Kliniken übereinstimm Nur 14 Aborte des 4. bis 6. Monats verliefen spontan und blutete nicht nach. Alle anderen wurden instrumentell nach unserer kui zu schildernden Technik ausgeräumt. Von diesen 335 Fälle mit 321 aktiven Behandlungen ist nur eine einzig gestorben! Eine schwer septisch eingelieferte Frau, stark au geblutet und moribund. Trotzdem gingen wir in die klaffende Gebä mutter ein und entfernten besonders behutsam grosse Plazentarrest Schon in der ersten Nacht starb die Patientin. Die Sektion ergfl eine schwere Sepsis und Anämie. (Mortalität 0,29 Proz.; auf die fiebei haften Fälle berechnet 0,9 Proz.) Fälle, die völlig ausgeräumt mit Sepsis eingeliefert wurden, rühre auch wir natürlich nicht an. Bei diesen gilt der Vergleich mit de! Puerperalfieber rach Schwangerschaftsende. Ein septischer Proze:’ nach Erledigung eines Abortes ist eben meistens etwas anderes. a| ein Fieber während des Abortes. Die Zahlen unserer Jahresstatist: sind keine ganz grossen. Doch wir haben unsere Anschauungen üb die Behandlung des Aborts von der D ö d e r 1 e i n sehen Schule m gebracht und Schnitzer wird aus dieser ganz grosse Zahlen bringe welche die Vorzüge des aktiven Vorgehens beim fieberhaften Abort das denkbar günstigste Licht stellen. Unsere 335 Fälle wurden aber alle ganz einheitlich behandelt ui und ihre Beobachtung wurde nicht durch den Krieg und die Revolutii erschwert. Ich habe alle Fälle in Listen eingetragen, die Besonde heiten im Verlauf, die Temperatur vor, am Abend und am Tage na der Ausräumung, sowie die Dauer des Klinikaufenthaltes enthalte Unsere Resultate sind so gute, dass wir uns nicht veranlasst sehen, c konservative Behandlung auszuprobieren, die doch zum mindesten ei Verlängerung der Krankheitszeit, des Klinikaufenthaltes, bedeut würde. Auch diese sozialökonomische Frage ist heute von grösser Bedeutung, als je zuvor. Wie schwer fällt es uns oft, eine mit fiebt ') Nach einem vor der Bayer, gyn. Oes. in Nürnberg gehaltenen Vortrag. Februar 1922. MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT. 199 em Abort eingelieferte Frau nach Ausräumung und prompter Ent¬ erung nur 5 Tage lang in der Klinik zu halten. „Wir müssen heim,“ ;st es oft, „der Mann und die Kinder sind allein“. Nachteile, wie langes Krankenlager, sahen wir fast nur bei unvoll- ldig ausgeräumten und verschleppt eingelieferten neu. Ich erinnere mich besonders an 4 enorm ausgeblutete Frauen, wochenlang geblutet hatten und immer wieder tamponiert worden en. Der Hämoglobingehalt schwankte zwischen 15 — 25 Proz., alle en so elend, dass sie viele Wochen lang zwar ohne Fieber schwer- lk mit profusen Schweissen, Kopfschmerzen und völliger Appetit- gkeit wie Wachskerzen in ihren Betten lagen. Einen Verblutungs- bei Abort, wie Pribram von der J a s c h k e sehen Klinik in iem Jahr einen beobachten konnte, erlebten wir nicht. Bei den bengenannten Fällen hätte aber nicht viel dazu gefehlt. Wir sehen zunächst jeden Abort für artifiziell an und gehen wohl ibe r 90 Proz. darin nicht fehl. Unsere so ausgezeichneten Resul- verdanken wir zum Teil auch der Güte und dem Glück der Abtrei- . Und das scheint mir ein sehr wichtiger Punkt zu sein. Wenn echt abgetrieben und mit hochvirulenten menschenpathogenen imen an den Instrumenten im Uterus herumgefahren wurde, führt le Therapie zu einem erfreulichen Ziel. Vor Beendigui.g meiner Ausführungen möchte ich noch einige Worte Ir die Technik der Ausräumung verlieren. Wir sahen 4 auswärts der Abortausräumung schwer verletzte Frauen. 3 verloren wir. ach Totalexstirpation, 1 nach Kolpotomie. Eine wurde durch die Ipotomie geheilt. Einmal handelte es sich um einen Uterus bicornis. mehrfach durchlöchert war und dessen Trägerin mit Peritonitis und 'serösen Hämatomen eingeliefert wurde. Einmal war der Uterus ;;hbohrt und der Wurmfortsatz abgerissen worden, ein weiteres Mal Loch im Colon sigmoideum gemacht worden. Bei allen Ver¬ gingen muss es dich um Fehler der Technik bzw. des Instrumen- ums gehandelt hüben. Fraenkel in Breslau berichtete dieses Jahr über Zervixver- ungen des Spatium uterovesicale bei der Aufstöpselung (.— Dila- pn) und wundert sich, dass so wenig darüber verlautbart. Auch j scheinen Verletzungen der Zervix bei der Dilatation selbst dem :bteren passieren zu können. Ich selbst erlebte vor einigen Jahren |m kompletten Zervixriss rechts hinten beim Aufstöpseln der Zer- mit Landauschem Dilatator bei einem Abort im 4. Monat. Es tanden doppelseitige Emmetsche Narben. Die Frau war eine vächliche anämische IV-para. Trotz dieser Verletzung wurde Frau in F o w 1 e r scher Beckentieflagerung ohne operativen Ein- i völlig geheilt. Verletzungen des Corpus uteri sind mir nie unter¬ en und schliessen sich bei der Auswahl unseres Instrumentariums aus. Seit dem besagten Missgeschick mit dem zylindrisch geform- L a n d a u sehen Dilatator bevorzuge ich beim Abort den konischen, pgenen J o 1 1 y sehen Dilatator. Fritsch war der erste, der eine | r konische, gerade Form empfahl. Oberländer gab dem La n - i sehen Dilatator einen konischen Ansatz. Auch W e i n h o 1 d - lslau gab konische Stifte an. Ich finde Jollys Modell sehr prak- ji. Kürzlich hörte ich vom Instrumentenmacher Mathes in München, ; Dr. Kaeser eine Modifikation der J o 1 1 y sehen Stifte mit Sicher¬ sscheibe, ähnlich wie Döderlein sie bei den Land au sehen rtigen Hess, angegeben hat. Für weniger Geübte ist das gewiss 5 zweckmässig. Das Aufplatzen der Zervix wird auch iurch nicht verhütet. Nach genügender Dilatation ent- j en wir die grösseren Abortreste mit Döderleins Abortzange i kiirettieren dann stets mit der breiten halbscharfen Kürette. Die her benützen wir stets nur zur Untersuchung und Orientierung. Es jt dann eine Auswischung des Uterus, bei Fieber mit Jod und zuletzt j Jodoformgazetamponade, die aber nur 6 Stunden liegen bleibt, jichmal spülen wir auch mit Kochsalz und Jodalkohol. Bei engem iikanal im 3. und 4. Schwangerschaftsmonat legen wir für 12 Stunden I der Ausräumung Laminariastifte ein; im 5. und 6. Monat kleine ireurynter. Dabei sind Chinin und Hypophysin gute Unterstützungs¬ iel. Dass stets der gesamte, streng antiseptische und aseptische Appa- ' der Klinik in Bewegung gesetzt wird, brauche ich wohl nur bei- Ig zu erwähnen. Zusammenfassend möchte ich schliessen: 1. Die Technik der instrumentellen Ausräumung sollte in den Kli¬ niken allen Volontären und Praktikanten möglichst oft von er¬ fahrenen Assistenten eingeübt werden. 2. Die Behandlung des fieberhaften, komplizierten Aborts soll den Geübten und den Kliniken möglichst Vorbehalten werden, denn sie stellt erhöhte Anforderungen an die weitere Beobachtung und Pflege. 3. Jeder heftig blutende Abort soll möglichst bal4 ausgeräumt wer¬ den. Jeder Abort, der mehrere Tage lang, auch bei Bettruhe, leicht blutet, soll ausgeräumt werden. 4. Jeder manifeste, protrahiert verlaufende Abort soll ausgeräumt werden, auch wenn Fieber besteht. 5. Die Behandlung des fieberhaften Abortes und auch die des fieberhaften komplizierten Aborts (Parametritis, Adnexitis und Sepsis) soll eine, wenn auch schonende, doch gründliche aktive sein. Bei jedem fieberhaften Abort handelt es sich um eine transuterine Infektion. 6. Besondere Vorsicht erfordert die Erweiterung, des noch nicht entfalteten Zervikalkanals. 7. Wiederholte operative Eingriffe sollen tunlichst vermieden wer¬ den. Unvollständige Ausräumung ist schlech¬ ter als gar keine Ausräumung. Einige Zurückhaltung bei von anderer Seite bereits operativ behandelten Fällen. 8. Nur bei Verdacht auf perforierende Verletzungen und bei Peri¬ tonitis müssen Ausräumungsmassnahmen unterbleiben. lieber das familiäre Vorkommen von Migräne. Von Dr. Erich Ebstein in Leipzig. Nach Strümpell (Lehrbuch 21. Auf!., 1919, Bd. 2, S. 775) spielt bei der Migräne die Heredität „verhältnismässig häufig eine Rolle, indem die Hemikranie einerseits als solche sehr oft erblich ist, anderer¬ seits nicht selten in Familien auftritt, wo auch sonst Nervenleiden (Epilepsie, Hysterie, Psychosen) vorgekommen sind“. Die eigentliche Ursache der Migräne liegt aber nach Strümpells Urteil wahrschein¬ lich meist in einer angeborenen Veranlagung. In der Literatur finden sich offenbar nur selten Beobachtungen über das familiäre Vorkommen der Migräne. Nur in dem ausgezeich¬ neten Buche von Ch. F e r e: La famille neuropathique, Paris 1898, S. 77 (deutsch von H. Schnitzer. Berlin 1898, S. 80) finde ich die Notiz, dass alle Autoren in der Beobachtung übereinstimmen, dass die Migräne als eine familiäre Krankheit aufzufassen ist und sehr häufig sich ver¬ erbt und andererseits stehe sie durch die Heredität in Beziehung zur Epilepsie, zum Irrsinn, zur Hysterie usw. Einen exquisiten Fall von familiärem Vorkommen von Kopf¬ schmerzen fand ich in dem autobiographischen Werk von Otto R o - quette, betitelt: „Siebzig Jahre Geschichte meines Lebens“ (I. Band, Darmstadt 1894, S. 84 — 86). Roquette war am 19. April 1824 als der Zweitgeborene zur Welt gekommen; ein älterer Bruder war schon früh gestorben (S. 18). Er selbst war niemals von fester Gesundheit, immer der Kleinste und Dürftigste (S. 35). In seiner Jugend waren die Krankheiten bei ihm so häufig, dass der Hausarzt einmal sagte: „Es ist erstaunlich, dass der Junge immer die seltensten und gelehrtesten Krankheiten bekommt, gegen die man an ihm selbst erst die Studien zu machen hat!“ „Das fördert dann die Heilung und Genesung nicht“, fügt Roquette hinzu, um* dann folgendermassen fortzufahren: „Schlimmer noch war, dass sich seit meinem zehnten Jahre ein Uebel bei mir festsetzte, das mich erst nach meinem fünfzigsten nach und nach gänzlich verlassen hat, nämlich jener vierundzwanzigstündige Kopfschmerz, welcher unweigerlich seine Zeit festhält, es mag dagegen geschehen, was es wolle. Es war ein Erbübel aus der Familie meiner Mutter, in der des Vaters war es nie aufgetreten. Die Mutter litt sehr daran, ebenso ihre Schwester Philippine. Die Eltern waren unglücklich bei der Aussicht, dass ich diese Mitgabe für das Leben erhalten sollte, noch dazu, dass sie sich in so frühen Jahren geltend machte. Die einen nennen sie Migräne, die anderen nervöse Kopfschmerzen, noch andere Kopfkolik. Sie mögen bei jedem andere Ursachen haben und ver¬ schiedenartig auf treten (ich selbst unterschied bei mir dreierlei Arten), entsetzliche Zustände bringen sie immer mit sich. Wer sie kennt, der weiss, dass man unfähig wird, zu sehen, zu hören, zu reden, dass man am liebsten wie ein Tier in die Einöde ginge, um, unangefochten von der Nähe alles Lebendigen, zu sterben. Der Zustand hört nach seinen 24 Stunden langsam auf, und man ist dann sozusagen gesund, kann mit den Gesunden leben, ohne zu ahnen, was man durchgemacht hat. Aber die Niederlage kann sich schon einige Tage darauf wiederholen. Die Mitte! der Aerzte helfen wohl in diesem oder jenem Falle, können aber das Uebel nicht ausrotten, wo es sich vererbt oder einmal festgesetzt hat. Wille und Ueberwindungskraft können dagegen ab und zu eine Weile trotzen, aber nur die zunehmenden Jahre befreien ganz und gar davon. Die Kopfschmerztage wurden in unserer Familie bald etwas allgemeines. Ich glaube nur mein Vater und mein Bruder blieben dauernd davon frei. Weil sie aber etwas Gewöhnliches waren, wurde möglichst wenig Notiz davon genommen, ja sie wurden als eine Art von Geheimnis des Hauses behandelt. Denn da der schwer Leidende am nächsten Tag wieder frisch und gesund erschien, auch wohl, wenn er am Mittag noch sich den Tod wünschte, abends leidlich heiter in der Gesellschaft erscheinen konnte, wie hätte die Welt, welche glücklich genug war, von solchen Zuständen nichts zu kennen, an Krankheit glauben mögen? Mich, der ich schon als Knabe davon geplagt war, hat dies Uebel sehr aufgehalten, in meiner körperlichen Entwickelung, in meiner jugendlichen Lebensstimnumg, nicht zuletzt in der Schule. S. 84—86. Ich stehe nicht an, die so trefflich geschilderten Kopfschmerzen, die bei Roquette von Jugend auf auftraten, als Migräne-Kopfschmerzen aufzufassen. Die Erkennung der Migräne ist gewöhnlich leicht. „Wenn z. B. ein Mensch in den mittleren Jahren erklärt“, — sagt P. J. M ö b i u s: Ueber den Kopfschmerz, Halle a. S. 1902, S. 20 ff.) — „er habe wie seine Mutter seit früher Jugend alle paar Wochen einen Tag lang Kopf¬ schmerzen, so ist es sicher die Krankheit Migräne, gleichgültig, wie die Kopfschmerzen beschrieben werden, gleichgültig, was die Untersuchung etwa ergibt.“ Natürlich kann es auch Schwierigkeiten geben, fügt Möbius mit Recht hinzu und fährt dann fort: „Wenn einer ohne erbliche Anlagen erst in den mittleren Jahren Anfälle von Kopfschmerzen bekommt, so kann zwar, wenn diese Anfälle charakteristisch sind, nicht daran ge- zweifelt werden, dass es sich nicht unf die Krankheit Migräne, sondern 5* MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT. Nr. 200 um sekundäre Migräneanfälle, die von einer anderen Krankheit ab- hängen handelt.“ In diesen Fällen, die immerhin selten sind, können nach Möbius nur sorgfältige Untersuchung und sachverständige Lr- " dK Andereeitekann für die in Sicht befindliche Gicht die Form der Migräne sprechen, die bereits im kindlichen Lebensalter einsetzt, und zwar besonders bei Kindern, deren Eltern entweder derselben Affektion verfallen waren oder es noch sind. ’Die Migräne kann nach Wilhelm Ebstein dauernd die einzige der zukünftigen Gicht vorhergehende Affektion bilden (Ueber die Natur und Behandlung der gichtischen An¬ lage D.m.W. 1907 Nr. 16). Als Beleg für diese Ansicht führe ich den bekannten Uebersetzer Johann Diederich G r i e s (1775 — -1842) an, den neben Gicht und Harthörigkeit fast keine andere Krankheit von Jugend auf geplagt hat als die „leidige Migräne4 , wie er selbst schreibt (veig . Erich Ebstein: Gicht und' Taubheit. In: Janus, Sept. 1907). Ob in der Roquette sehen Familie die Gicht zu Hause war oder ob er selbst daran litt, ist mir nicht bekannt. In seiner Autobiographie habe ich nichts darüber gefunden. Roquette starb 72 Jahre alt. Seine Krankheitsbeschreibung erscheint mir in mannigfacher Beziehung interessant. Denn ich vermisste z. B. ähnliche Beobachtungen in dei Arbeit von Käthe Kehr: Zur historischen Entwicklung der Lehre vom Kopfschmerz. Freiburg i. Br. 1905, die unter Edingers Leitung In den letzten Jahren hat das Krankheitsbild der Migräne dadurch an Interesse gewonnen, dass es in nahe Beziehungen gesetzt wurde zum O u i n c k e sehen Oedem, zur Urtikaria, zur Colitis muco- membranacea, zum Asthma bronchiale usw. Denn diese Erkrankungen fanden sich häufig bei derselben Person und bei derselben Familie: ausserdem ist allen gemeinsam eine Eosinophilie im Blute (M. Gänsslen: Die Eosinophilie bei der Migräne. M.K1. 1921 Nr. 41). Auch F. Boenheim hat aus der Hans C u r s c h m a n n sehen Klinik über familiäre Hemicrania vestibularis mit einem interessanten Stammbaum berichtet (Neurol1. Zbl. 1917 Nr. 6). _ Für die Differentialdiagnose der Migräne ist jedenfalls, wie auch Matt’hes (Lehrbuch der Differentialdiagnose, 2. Auf!., 1921, S. 594) betont, neben dem anfallsweisen Auftreten besonders der Nachweis der Heredität1) und die Angabe wichtig, dass sich der Kopfschmerz seit den Jugendjahren einstellt. Ebenso betont Oppenheim (Lehrbuch der Nervenkrankheiten, Bd. 2, S. 1352, Berlin 1908), dass Beobachtungen vorliegen, nach denen sich die Migräne durch vier Generationen fort¬ erbte, bei acht Geschwistern auftrat usw. Nach Möbius ist sogar in 90 Proz. der Fälle eine direkte Vererbung nachzuweisen. Aus der Universitäts-Kinderklinik Graz. (Vorstand: Prof. Hamburger.) Ein Beitrag zur Säuglings- und Kleinkindertuberkulose. Von Dr. Thomas Köffier, Assistent. Bei einer Arbeit über Tuberkulose in der Familie, wo ich die Kranken und deren Angehörige in den Wohnungen aufsuchte, um dort die Verhältnisse zu studieren, traf ich auch eine Anzahl von Familien mit Kindern in den ersten Lebensjahren, die in mehrfacher Hinsicht zur Tuberkulose ein eigenes Verhalten zeigten, sowohl dem Tuberkulin als auch der Tuberkuloseerkrankung gegenüber. Bekannt ist ja besonders durch die Arbeiten von Hamburger und Po Hak, dass die häufigsten tuberkulösen Manifestationen bei ent¬ sprechender Infektionsgelegenheit in den ersten 3 Lebensjahren Vor¬ kommen und dann die Zahl der Erkrankungen mit zunehmendem Alter abnimmt, wenngleich auch diese älteren Kinder sich als infiziert er¬ weisen. Weiters, dass die Kinder im ersten Lebenshalbjahre, trotzdem sie von Geburt an im tuberkulösen Milieu lebten, manchmal auf Tuber¬ kulin nicht reagieren. Was nun meine gesammelten Fälle betrifft, so unterscheiden sich besonders die Kinder der ersten 2 Jahre in ihrem Verhalten streng von den älteren Geschwistern und unter diesen Kleinkindern nehmen wieder die Säuglinge im ersten Lebensjahre eine ganz eigene Stellung ein. Ich will gleich vorwegnehmen, dass in allen Familien sich eine sicher festgestellte klinische Tuberkulose bei Vater oder Mutter zeigte, mit reichlichem, seltenem und geringem oder negativen Bazillenbefunde (wiederholte Untersuchung, Tierversuch). Bei allen Kindern wurden die Tuberkulinreaktionen, Mor0 mit eingedicktem Tuberkulin, nach Hamburger und S t r o d n e r und die subkutane Lokalreaktion bis zu den höchsten Dosen von 100 mg angestellt. Andere Infektionsquellen als die Eltern konnten wenigstens bei den Säuglingen und Kleinkindern, die ja die Wohnung fast nie verliessen, ausgeschlossen werden und so werteten wir besonders bei diesen die gefundenen Tatsachen als eindeutige. Sahen wir uns die ramilien an, wo eines der Eltern schwer klinisch tuberkulös war und durch längere Zeit, Monate bis Jahre, stets reichlich Bazillen aushustete, so fällt uns vor allem auf, dass von den unter¬ suchten klinisch nicht tuberkulösen Kindern nur 2 auf Iuberkulin nicht reagierten, d. h. nicht infiziert erschienen, nämlich die 2 Säuglinge unter 6 Monaten. _ . i Dasselbe Verhalten zeigen auch die Kinder dieses Alters in den Familien mit einer offenen Tuberkulose mit geringem oder seltenem J) Bei Franz Wind scheid: Die Diagnose und Therapie des Kopf¬ schmerzes. 2. Aufl. Halle a. S. 1909 finde ich S. 36 f. nichts darüber. Bazillenbefunde, mit fakultativ offener (Winkler) und geschlossen Tuberkulose, allerdings erwiesen sich da auch die älteren Geschwist nicht als infiziert. _ ... . Von 65 untersuchten Kindern solcher Familien waren 5 unt % Jahre alt, alle 5 zeigten negative Tuberkulinreaktionen, wahrend v< den 60 älteren Kindern 63 Proz. reagierten. Am auffallendsten war di natürlich dort, wo die Kinder vom ersten Lebensjahre an reichlich Infektionsgelegenheit ausgesetzt waren, da z. B. die pflegende Mutt reichlichst Bazillen hustete. Obwohl ausnahmslos _ sich alle Kind infiziert erwiesen, und positiv auf Tuberkulin reagierten; waren c Säuglinge tuberkulosefrei, während von den Kindern von 6 Monaten 1 zum 2. Lebensjahre ein gleich hoher Hundertsatz wie bei den alter Geschwistern eine positive Reaktion zeigte oder klinisch tuberkulös v; Als Grund für diese Erscheinung wurde von Pollak eine vielleic angeborene Immunität gegen Tuberkulose, wie wir sie ja auch t anderen Krankheiten sehen, oder einfach eine geringere luberkuli empfindlichkeit angenommen. , Immerhin sind uns aber auch genug Fälle von 1 uberkulose t ersten Lebensalters aus Einzelbeobachtungen bekannt, die bezeug! dass bei möglicher Infektion es auch in diesem Alter zur tuberkulös Erkrankung kommt. Da man heute wohl fast allgemein den Standpunkt der F lugg sehen Schule, die Infektion erfolge durch I röpfcheninhalation. vertr so liegt es nahe, daran zu denken, dass der Säugling in diesem Alt wo er fast ausschliesslich Nasenatmer ist, sich infolge des besondei Baues der oberen Luftwege oder einer zu geringen Aspirationskraft ■ Lunge nur schwer infiziert. .... Aus den experimentellen Arbeiten Flügges wissen wir, dass v schiedene physikalische Momente, wie Stellung der Nasen- Rachenöffnung zur Richtung des infektiösen Hustenstosses, Inspiratio kraft des zu Infizierenden, Kompliziertheit des Baues der Luftwc die der Luftstrom nehmen muss und noch mehrere andere Uinstäi die Infektionshäufigkeit wenigstens bei Versuchstieren sehr bee flussen. , , , , Sie alle können beim Säugling der ersten Lebensmonate sehr w Anwendung finden und die eigenartige Tatsache erklären, war gerade diese so häufig der Infektion entgehen. Eben jene zahlreichen Einzelbeobachtungen, dass eine Intektion Tuberkelbazillen, wenn sie erfolgt, auch in diesem Alter angeht, sp chen für eine rein physikalische Erklärung. Dieses besondere Verhalten der Säuglinge müsste noch wcl studiert werden, da wir dann (bei einiger ständigen Vorsicht) ei bazillenhustenden Mutter eher das Stillen ihres Kindes gestat könnten. , . , , Ein zweiter einschneidender Unterschied der Kinder .unter 2 Jah gegenüber den Eltern liegt in der Tuberkuloseerkrankung. Auch tnc Familien zeigen, dass weitaus die meisten tuberkulösen Mamtestatio der Kindheit überhaupt in die Zeit vom annähernd 6. Monat bis s vollendeten 2. Jahre fallen. Ich will hier wieder zuerst von den Familien mit reichlichster • fcktionsgelegenheit berichten. Von 25 Kindern bis 14 Jahren zeit 8 selbst eine klinische Tuberkulose. Von diesen 8 Kindern fielen al 5 in die Kleinkinderzeit, 1. und 2. Lebensjahr. Es waren von 8 Kl kindern 6 tuberkulös infiziert, davon 5, also fast alle Infizierten ;j schwer tuberkulös erkrankt. Gleich anschliessen will ich, dass alle ihrer Tuberkulose in wem Wochen erlegen sind. Bei der Obduktion zeigten 2 eine tuberkuj Meningitis, 2 eine miliare Tuberkulose, eines eine käsige Pneunid mit miliarer Aussaat. . Wir können hier wohl bestimmt sagen, dass Kleinkinder im ] Schluss an die Erstinfektion erkranken, wenn die Infektionsgelegenj eine besonders reichliche ist, wie in unseren Fällen, und fast I mahmslos daran zugrunde gehen. Im Gegensatz dazu sehen wir in den Familien selten und spa Bazillen Hustender und der geschlossen Tuberkulösen von 18 Kirn unter 2 Jahren 8 tuberkulös Infizierte, also weniger als die Hälfte, von diesen zeigt nur eines Zeichen einer klinischen Iuberkin während in der obenerwähntem Gruppe mit reichlicher Infekt; gelegenheit von 8 Infizierten alle mit Ausnahme eines einzigen tu kulosekrank waren. J Ein doch auffallender Unterschied, der wohl nur damit er werden kann, dass im ersten Falle die. Kleinkinder mit zahlreicl im letzteren mit nur wenig Bazillen infiziert wurden. Wir sehe, auch im Tierversuche, dass bei einer bestimmten sehr geringen zillenmengen nicht mehr bei allen Tieren eine Infektion durch! jektion angeht. Ungezwungen ist auch hier die Erklärung, dass c| Kinder eine einmalige geringe Infektion überwunden haben. I Diesen Familienbeobachtnngen, denen sich auch Einzelbeoi tungen aus der Klinik und in der Fürsorge anschliessen, glauben! als Wichtigstes entnehmen zu können, dass Säuglinge ersten Halbjahre sich nicht so leicht infizieren, ; Kleinkinder in höherem Aiter. Auch bei Kleinkindern kommt latente Tuber, lose ohne Krankheitserscheinungen gar nicht selten vor zwar hauptsächlich dann, wenn die Infektio n d u Huster erfolgte, welch e nur wenigund selten Tur k e 1 b a z i 1 1 e n im A u s w u r f hatten. Literatur. Flügge: Zschr. f. Tbc. 34. H. 3 u. 4. — H a m burger: Allgei; Pathologie und Diagnostik der Kindertuberkulose. Deuticke, Wien 191 ). Februar 1922. MÜNCHENER_ MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT. 201 e r s.: W.kl. W. 1919 Nr. 8. — Hamburger und Monti: M.m.W. 1909 -. 9. — H i p p k e: Zsclir. f. Hyg. u. Infektkrkh. 93, H. 1. — R. P o 1 1 a k : -.iiiers Beitr. 19, H. 1 u. 3. — Winkler: W.kl.W. 1920 S. 981. ie intraperitoneale Infusion — eine letzte Rettungs- öglichkeit für schwer ernährungsgestörte Säuglinge. Von Dr. rned. Xaver Mayer, Seligenstadt, Hessen. Aus den Universitäts-Kinderkliniken in Halle und Köln sind in eser Wochenschrift zwei Abhandlungen erschienen über ein neues .■[fahren, dem wasserverarmten Säuglinge Flüssigkeit zuzuführen. Da e bisher üblichen Methoden^ wie Tropfklystiere, subkutane und intra- :nöse Injektionen, verade in den schwersten Fällen von Ernährungs¬ ärung meist versagt haben, so war das Suchen nach einem neuen erfahren eine zwingende Notwendigkeit. Es lag nahe, nachdem der arm und das Un^erhautzellgewebe als Applikationsfelder für grössere engen Flüssigkeit sich ungeeignet erwiesen, die ausgezeichnete Rc- irptionskraft des Peritoneums heranzuziehen, eine Kraft, die in unserm ztlichen Denken bisher meist als böser Dämon vorherrschte. (Peri- nitisgefahr bei Eiterungen und entzündlichen Exsudaten in der auchhöhle!) Weinberg gebührt das Verdienst, diesen Weg als Erster in eutschland beschritten zu haben. Allerdings ist in seiner vorläufigen itteilung in Nr. 44 Jahrgang 1920 von positiven Erfolgen nicht viel zu sen; denn er schreibt, dass „es in 2 desolaten Fällen von stärkster Fasserverarmung gelang, durch tägliche Wiederholung der Infusion die ruglinge 3 Tage am Leben zu erhalten“. Das klingt nicht sehr ermuti- :nd. Ferner berichtet er über seine Erfolge bei Säuglingen mit in- uster Prognose, bei denen man noch eine gute Resorptionsfähigkeit :s Peritoneums voraussetzen durfte. „Die Sektion, 4 — 10 Tage nach :r Infusion, zeigte, dass die Flüssigkeit vollkommen resorbiert war.“ as klingt wieder wenig ermutigend. Was Weinberg ani anderer Stelle veröffentlicht hat, ist mir nicht Tgänglich. Backes, von der Kölner Kinderklinik (M.m.W. 1921 r. 34) hat 61 mal die intraperitoneale Infusion ausgeführt und dabei 6 Fällen eine tödliche Peritonitis erlebt. (Eine genaue Statistik jhlt.) „Wegen dieser Misserfolge — so schreibt er zum Schlüsse — ussten wir, wenn auch ungern die intraperitoneale Infusion beim :hwer ernährungsgestörten Säugling verlassen und begnügen uns tzt mit andern Methoden.“ Damit wäre der kaum geborenen neuen Methode schon das Grab- pd gesungen?! Ich möchte im folgenden durch Beschreibung eines Falles aus meiner | raxis für die intraperitoneale Infusion eine Lanze brechen, vor allem auch r die Anwendung derselben durch den Praktiker. Der Zufall wollte es, dass h einige Tage, nachdem ich die resignierte B a c k e s sehe Veröffentlichung Uesen hatte, zu einem 3 monatigen Kind mit schwerster Intoxikation ge¬ hen wurde. Heftige Durchfälle verbunden mit unstillbarem, jede Nahrungs- ifnahme ausschhessendem Erbrechen hatten einen Zustand stärkster Wasser- marmung hervorgerufen. Der bisher behandelnde Arzt hatte das Kind bereits hgegeben. Ich versuchte nun zunächst ein Kochsalzklystier zu geben, was rer sofort wieder entleert wurde. Darauf injizierte ich ca. 80 g physio- gische Kochsalzlösung subkutan von einer Einstichstelle aus unter weh- lagendem Schreien des Kindes und heftigem Widerstand der Eltern. Als ich oends wiederkam, war das Kind trotz der gut verteilten und teilweise re- rrbierten Flüssigkeit sterbend, in tiefem Koma, die Hornhaut glanzlos, laktionslos, die Fontanelle eingesunken, die Atmung schnappend, von ein- hnen gellenden Schreien unterbrochen. Das Ableben war in 3 — 4 Stunden a erwarten. In dieser Not entschloss ich mich nach schwerem inneren ampfe (wegen der B a c k e s sehen Ablehnung!) und trotz der inständigen itte der erschöpften Mutter, ihr Kind doch in Frieden sterben zu lassen, ■ir intraperitonealen Infusion. Mein bescheidenes Instrumentarium bestand us einer 5 ccm Rekordspritze und einer 4 cm langen, mittelstarken Kanüle, ie sorgfältig ausgekocht waren. Nach Desinfektion der Haut mit Alkohol nd Jodtinktur stach ich in der Sinken Bauchseite an der Grenze des äusseren tid mittleren Drittels der Verbindungslinie zwischen Nabel und Spina iliaca uterior Superior ein und tastete mich vorsichtig in die Tiefe. Das Durch- techen des Peritoneums geschah mit einem Ruck. Ich injizierte sofort etwas ochsalzlösung, um 1. den etwa anliegenden Darm wegzuschieben und 2. um eher zu sein, mich nicht in den Muskelschichten zu befinden. So spritzte :h dann nach und nach 150 g körperwarme physiologische Kochsalzlösung dt einigen Tropfen Adrenalin 1:1000 bei relativer Rühe des Kindes ein. ’ie Vorwölbung des Bauches war kaum nennenswert. Da erlebte ich das Wunderbare. Noch während der Infusion hellte sich ie so erschreckend glanzlose Hornhaut auf, die wachsartige Blässe des Ge¬ eiltes wich einer frisch-rosa Farbe, das Kind wurde munterer, atmete regel- rissig, der Tod war gebannt. Während der Nacht war das Kind sehr durstig nd nahm zuin erstenmal Tee zu sich. Am nächsten Morgen wiederholte ich ie Infusion, wieder in der heimlichen Furcht vor dem Schreckgespenst der eritonitis. Diese Furcht war um so begründeter, als 1. in dem einfachen rivathaushalt Assistenz und Asepsis natürlich nicht so vollkommen sein mnten wie in einer Klinik und 2. als ich jedesmal die Spritze abnehmen nd frisch füllen musste, was die Infektionsgefahr erhöhte. Auch das zweite ial gelang die Infusion von 180 g Flüssigkeit ohne Zwischenfall. Ein drittes '-al konnte ich mich nicht mehr dazu entschlossen, sondern begnügte mich nt 2 subkutanen Injektionen ä 60 g. Mittlerweile war das Kind soweit, dass s abgespritzte Frauenmilch, Mi stündlich einige Teelöffel, ferner heissen ee mit Saccharin vertrug. Als die Frauenmilch nicht mehr ausreichte, ver¬ achte ich vorsichtig Eiweissmilch, zunächst mit Saccharin, später mit 3 Proz. rihrzucker (bis 7 Proz.) Ausserdem wurde das Kind alle 3 Stunden in ein mgdauerndes heisses Bad gesteckt, dann tüchtig frottiert, bekam 2 stündlich .offein 0,12 subkutan, abwechselnd mit Pituitrin 0,25. Als Schlafmittel wurde n Anschluss an die Infusion 0,5 Chloralhydrat per rectum gegeben, wonach as Kind sofort einschlief. Nach schweren aufregenden Tagen hatte sich das indchen dank der unermüdlichen Pflege und genauester Befolgung aller ärzt¬ licher Anordnungen durch die Mutter soweit erholt, dass es die Eiweissmilch in grösseren Mengen vertragen konnte. Die Tagesmenge betrug zunächst 100 und stieg dann langsam auf 300, 400, bis auf 800 und 900 g. Das Kör¬ pergewicht betrug vor der Krankheit 4600 g, fiel in der kritischen Zeit auf 3400 und beträgt jetzt, nach 4 Wochen, 4900 g, also eine Zunahme von 3 Pfd. ! In unserm Falle hat also die intraperitoneale Infusion ein Wunder gewirkt und ein vom Kollegen aufgegebenes Kind dem sicheren Tode entrissen. Ich möchte daher meinen Kollegen Ln der Praxis trotz der Misserfolge Backes’ dringend empfehlen, in ähnlich desolaten Fäl¬ len von kindlicher Ernährungsstörung nicht tatenlos und resigniert zuzusehen, sondern das letzte Mittel anzuwenden, das uns mit der intra¬ peritonealen Infusion in die Hand gegeben ist. Ueber Behandlung der Pernionen und der chronischen Erfrierungen mit Schilddrüsenpräparaten. Von Heinrich Emb den -Hamburg. Ausgangspunkt der hier mitzuteilenden Erfahrungen war die Be¬ obachtung eines Falles von leichter chronischer Hypothyreosis, der neben anderen Erscheinungen frostbeulenähnliche, schmerzende und juckende rote und blaurote Flecken an den Fingern zeigte, die bei der eingeleiteten Behandlung (Mercks Thyreoglobulin, später Merck s Schilddrüsentabletten) mit den anderen Erscheinungen schwanden. Es wurden daraufhin gewöhnliche Frostbeulen in einer Reihe von Fällen mit Schilddrüsenpräparaten behandelt. Dabei trat in einer An¬ zahl von Fällen bei anhaltender Kälte und fortdauernder Schädigung der Finger durch Arbeit mit nassem Material (z. B. Krankenschwester im Operationssaal) ganz überraschend schnell Heilung ein. In anderen Fällen war die Therapie wirkungslos. Sehr auffallend war die prompte und vollständige Heilung von chronischen Frostschäden. Ein Fliegerleutnant, der bei strengem Fiost abgeschossen 24 Stunden hilflos zwischen der feindlichen und unserer Stellung liegend schwere • Erfrierungen der Hände und Füsse davon¬ getragen hatte, bekam alljährlich schon im Frühherbst erneute blaurote Schwellung der geschädigten Glieder mit starken subjektiven Be¬ schwerden. Die Behandlung mit Schilddrüsentabletten setzte zur Zeit des Bestehens dieser Störungen im Oktober ein und führte in 14 Tagen zur völligen Abschwellung und Beschwerdefreiheit. — Noch auffallen¬ der war die Heilung einer jungen Dame von 22 Jahren, die alljährlich analoge Folgen einer im Alter von 7 Jahren bei einer langen Schlitten¬ fahrt erlittenen schweren Erfrierung der Gliedmassen zu erdulden hatte. Auch hier volle Heilung des sehr störenden Zustandes zur Zeit seiner höchsten Entwicklung nach Verbrauch eines Glases der Tabletten. Die Heilung hält hier jetzt 2 Jahre an. Klinisch konnten die Erscheinungen bei den Versagern nicht von denjenigen bei den günstig beeinflussbaren Fällen unterschieden wei¬ den. Vielleicht werden Stoffwechseluntersuchungen die Unterscheidung ermöglichen. ^ ... .., Wie Lenk bei seiner Röntgenbehandlung dfcr Pernionen (M.m.W. 1922, S. 87), nehme ich auch bei der Thyreoideabehandlung eine Be¬ einflussung der geschädigten Gefässe an. Wie die Röntgenbehandlung ist auch die Schilddrüsenbehandlung eine Methode mit differentem Mittel. Beide Methoden erfordern sorg¬ fältige Dosierung (Beginn mit kleiner Dosis und Kontrolle). Jüngere Kinder habe ich nicht behandelt. Weitere Untersuchungen sind er¬ wünscht und dürften besonders bei chronischen Frostschäden praktisch bedeutsam sein, aber auch des theoretischen Interesses (Beziehungen der Frostbeulen zur Konstitution) nicht ermangeln. Aus der Hautklinik der Städtischen Krankenanstalt in Bremen. (Direktor: Prof. Dr. Hahn.) Ein Beitrag zur Naftalantherapie. Von Dr. Kurt Sauerbrey, Assistent der Klinik. Während des Krieges war Naftalan nicht lieferbar, wie ja so manches gute therapeutische Mittel. Jetzt ist es seit geraumer Zeit als Naftalan pur. germ. wieder erschienen und wir gingen freudig dazu über, die alte Naftalantherapie wieder aufzunehmen. Naftalan bildet bekanntlich eine fast geruchlose _ salbenähnliche Masse von dunkelbrauner Farbe. Es vermischt sich leicht mit Fetten und Salben in jeder Konzentration, löst sich gut in Aether und Chloro¬ form, ist unlöslich in Glyzerin und Wassern _ Die alten guten Eigenschaften des Naftalans haben wir wieder bestätigt gefunden: anästhesierend, antiphlogistisch, reduzierend und antiseptisch. Das Hauptanwendungsgebiet des Naftalans ist das Ekzem, ins¬ besondere das chronische Ekzem. Wir Hessen Naftalan zweimal täglich messerrückendick, am besten auf Leinwandlappen, auftragen und mil¬ derten so sehr schnell den Juckreiz und das Spannungsgefühl, ganz gleich, ob es sich um Ekzeme mit oder ohne Hautinfiltrationen handelte. Die Heilungstendenz zeigte sich der des Teers zum mindesten ebenbürtig, wenn nicht gar in manchen Fällen überlegen, ganz abgesehen von der fast völligen Geruchlosigkeit des Naftalans. Nie zeigten sich Ueber- rasdnmgen unangenehmer Art wie bei manchen anderen Medi¬ kamenten, wir erinnern nur an die Teerpräparate, Ueberraschungen, die 202 MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT, Nr. 6. sich trotz grösster Vorsicht nicht immer vermeiden lassen. In jedem I Stadium des Ekzems wurde Naftalan gut vertragen und entfaltete seine | glänzende Heilwirkung, so dass es auch für den praktischen Arzt ein | nicht zu unterschätzendes, bequemes und sicheres Mittel in der | Therapie des Ekzems jeden Stadiums bildet. Wir wandten Naftalan hier in unserer Klinik bei allen Arten von Ekzemen, bei Epididymitis und Arthritis gonorrhoica an. Vereinzelte Fälle der Naftalananwendung waren Verbrennungen I. und II. Grades und Pruritus senilis. Der Dreher M. S. litt seit 3 Wochen an einem pustulösen Ekzem der Finger und squamösen Ekzem der Handflächen und Handrücken. Unter indifferenten Verbänden verschwand bald der pustulöse Charakter des Ekzems, der squamöse dagegen blieb erhalten, ebenso der lästige Juckreiz. Nach zweitägiger Anwendung von Naftalan war der Juckreiz und das Spannungs- gefühl verschwunden und nach weiteren vier Tagen Naftalanbehandlung wurde der Patient als geheilt entlassen. Aehnlich in die Augen spfingerid war der Erfolg des Naftalans bei einem anderen Patienten. Der Zigarrenkistenmacher E. B. war schon öfter in unserer Klinik wegen Ekzem der Hände kürzere oder längere Zeit behandelt und geheilt worden. Als er am 27. VI. 1921 wieder erschien, bestand seit sechs Wochen ein squamöses Ekzem an den Händen und Unterarmen, das sich seit einigen Tagen wahrscheinlich auf dem Wege der reflektorischen Gefässalteration über den ganzen Körper verbreitet hatte. Nachdem unter Zink- und Ichthyolsalben¬ verbänden keine wesentliche Besserung eintrat, wandten wir Naftalan an. Nach sechs Tagen Naftalanbehandlung war das Ekzem abgeheilt. Mit Naftalan behandelten wir ferner die vielen postskabiösen Ek¬ zeme, die hier zahlreich in der Klinik zur Behandlung kamen. Diese meist impetiginösen Ekzeme, die oft sehr hartnäckig sind und infolge des Juckreizes den Patienten häufig veranlassen, auf eigene Faust noch mehrere Krätzekuren zu machen, heilten unter Naftalan schnell aus. Die nässenden Hautstellen und schmerzhaften Rhagaden schlossen sich in kürzester Frist, auch hinterblieb kein Juckreiz, der ja öfter bei Leuten, die längere Zeit an Krätze leiden, zur Beobachtung kommt. Bei Brustwarzenekzemen, die wir mit Naftalan behandelten, fanden wir die gute Wirkung des Mittels bestätigt.- Die Kranken hatten fast immer schon alles mögliche versucht, um dieses lästige Ekzem, das am häufigsten und längsten jeglicher Behandlung trotzt, zur Ausheilung zu bringen, unter Naftalan heilten Brustwarzenekzeme mit ihren Rhagaden schnell ab. Nicht unerwähnt wollen wir die Erfolge der Naftalantherapie bei Brandwunden I. und II. Grades lassen. Hierbei kommt in besonders günstiger Weise die schmerzstillende, entzündungswidrige und redu¬ zierende Wirkung des Naftalans zur Geltung. Zur Heilung bedurfte es einer verhältnismässig viel kürzeren Zeit als bei den sonst gebräuch¬ lichen Mitteln. Die Naftalantherapie lässt das unangenehme Ein¬ trocknen und lästige Ankleben der Verbandstoffe fortfallen, ist fast geruchlos und führt zur Bildung schöner glatter Narben. Bei Brand¬ wunden III. Grades ist das Naftalan wie überhaupt Salben und ähnliche Präparate nicht zu empfehlen, da man mit trockenen und entsprechend saugenden antiseptischen Mitteln besser zum Ziele gelangt. Mit gutem Erfolge wandten wir Naftalan, indem wir es dünn auf¬ tragen Hessen, bei , Pruritus senilis an. Zu einer restitutio ad integrum kam es natürlich nicht, was ja bei dieser Sensibilitätsneurose nicht weiter verwunderlich ist. Jedoch 'schliefen die Kranken, die vorher infolge des Juckreizes wenig geschlafen hatten und sehr herunter¬ gekommen waren, ohne Narkotika gut und erholten sich zusehends, da der Juckreiz sich so milderte, dass die Patienten nicht zu kratzen brauchten, oder doch nur abgeschwächt anfallsweise auftrat. Zahlreich sind die Fälle von Epididymitis, bei denen wir Naftalan anwandten. Wir sahen stets, dass die erheblichen Schmerzen in Kürze schwanden und die Schwellung schnell resorbiert wurde, so dass die¬ jenigen Kranken, die mit Ichthyol-, Jodkalisalben u. a. behandelt wurden, nach Naftalan verlangten. Wir haben dabei nie eine Reizung der Skrotalhaut gesehen, wie sie zuweilen bei Ichthyol, wahrscheinlich infolge seines hohen Schwefelgehaltes, vorkommt. Mit Naftalan haben wir selbst die ältesten Fälle von Epididymitis gut und schnell der Ausheilung entgegengeführt. Der Krankheitsverlauf war durchschnitt¬ lich viel kürzer, als bei der sonst gebräuchlichen Behandlung, die Resolution war eine vollständige. Das Gleiche gilt von den Gelenkerkrankungen gonorrhoischen Ur¬ sprungs. Wir wissen ja. dass die Behandlung dieser gonorrhoischen Komplikation eine höchst undankbare ist. Naftalan führt jedoch bei dieser Erkrankung am schnellsten zum Ziele, da es viel rascher als die sonst üblichen Mittel das befallene Gelenk schmerzfrei und damit be-, weglicher macht, dazu kommt, dass man bei der Naftalanbehandlung keine festen Verbände braucht, ja nicht einmal anlegen soll, damit das Naftalan nicht zu sehr in den Verband einzieht. Somit ist der Kranke eher in der Lage, das Gelenk selbst zu bewegen, schon zu einer Zeit, in der es zu stärkeren Verwachsungen nicht gekommen ist. Ueber Novasurol. Von Dr. O. Bur winke 1 -Bad Nauheim. Auf meine Veranlassung wandte Kollege Hubert (diese Wochen¬ schrift 1921/48) das Novasurol bei 16 Kranken von mir an, deren hydro- pische Schwellungen durch die üblichen Diuretika nicht oder nur un¬ vollständig beseitigt werden konnten. Zweifellos stellt dies neue Huecksilberpräparat eine glückliche Bereicherung in der Therapie der Oedeme dar, leider aber auch, wie das Kalomel. „eine zweischneidige Waffe, zu der man erst seine Zuflucht nehmen soll, wenn alle Mittel versagen“ („Krankheiten des Herzens und der Gefässe“. Bergmanns Verlag). So kommt es relativ oft schon nach einer einzigen intra¬ venösen Applikation von nur 0,075 Novasurol (= Vz Ampulle) zu höchst unbequemer Hg-Intoxikation, ausserdem aber noch zu anderen un¬ angenehmen Nebenerscheinungen, wie ich dies gerade in den letzter. Wochen erlebte. Bei einem 58 jähr. Manne mit Mesaortitis luetica und Nephrosklerose traten unmittelbar nach solcher Injektion heftiger Schüttelfrost und Fieber bis 39,2 mit lästiger Ischurie auf. Mit Einsetzen der Harnflut (3,5 Liter in 24 Stunden) Hess alles nach. Noch viel unangenehmer reagierte eine 49 jähr. Dame mit maligner Nephrosklerose und völliger Herzdekompensation auf die gleiche Einspritzung: auch hier plötzlicher Fieberanstieg auf 39,6 unter starken Schüttelfrösten und unerträglicher Stuhldrang mit Abgang von etwas Blut, so dass Patientin die ganze Nacht auf der Bettpfanne sitzen musste. Am nächsten Tage hörten diese Beschwerden wohl auf, nicht aber die scheussliche Stomatitis, welche sich trotz tadelloser Beschaffenheit und Pflege der Zähne eingestellt hatte. Da diese Kranke vor 2 Monaten einen schweren urämischen Anfall überstanden und im Urin über 1 Prom. Albumen, hyaline, granulierte, wachsartige Zylinder, Erythrozyten und Blutschatten gezeigt hatte, so ent¬ schloss ich mich nur auf ihr eigenes Drängen zur Anwendung von Novasurol, von dessen glänzender diuretischer Wirkung sie gehört hatte. Die Diurese wurde auch besser — 2 Liter gegen % Liter im Durchschnitt — und eint nachweisbare Schädigung der Nieren blieb glücklicherweise aus. Trotz zu¬ nehmender Oedeme wage ich keine weiteren Injektionen zu machen Uebrigens stellen sich bei dieser Patientin auf Diuretin, Theocin, Digitalis I Cymarin, Strophantin jedesmal Erbrechen, Kopfschmerzen und gastrische Symptome ein. Nach meinen Beobachtungen ist die diuretische Wirkung vor Novasurol dann am ausgesprochensten, wenn die Urinabsonderung aucr noch durch Digitalis und Theobrcminpräparate günstig, wenn auch niclr entscheidend zu beeinflussen ist. Für die Praxis empfehle ich die Nova- surolinjektionen möglichst am Morgen vorzunehmen, damit die Nacht ruhe nicht durch das ständige Urinieren gestört wird, sowie Bettruht und Milchdiät an dem Tage der Einspritzung beobachten zu lassen Auch möchte ich raten, bei Kranken, deren Oedeme trotz chronische: Digitalisdarreichung immer wiederkehren, etwa alle 2 — 3 Wochei 0,1 — 0,2 Novasurol zu injizieren, um eine optimale Entwässerung her¬ beizuführen. Man darf getrost behaupten, dass künftighin Kalomel ah Diuretikum zweckmässig durch das prompt und energisch wirkendi Novasurol ersetzt wird. Es imponiert dem Kranken ganz gewaltig wenn genau so wie der Arzt es ihm gesagt hat, 2 — 3 Stunden nach de intravenösen Injektion der Urin literweise abgeht und die wasser süchtigen Schwellungen abnehmen. Kurze Bemerkung zur Sauerbruchoperation und -prothese. Von Prof. Dr. August Blencke, Magdeburg. J ln Nr. 50 des vorigen Jahrganges dieser Wochenschrift findet sic! ein Referat über einen von mir in der Magdeburger medizinische) Gesellschaft gehaltenen Vortrag über Neuerungen im Prothesen- utr Apparatebau, das nicht von mir stammt und aus dem man heraus lesen muss, dass ich kein Freund der Sauerbruch arme sei. Das is nun aber keineswegs der Fall, spndern ich schätze die Operation un die Arme sehr hoch. Ich habe keineswegs gesagt, dass alle frühere S a u e r b r uc h operierten etwa zu anderen Systemen übergehen wür den, sondern ich habe nur erwähnt, dass bei vielen nach Sauer bruch Operierten die Kanäle nicht den an sie gestellten Anfor derungen gewachsen wären und dass diese mit dem künstlichen Arr nicht das leisten könnten, was sie erhofft hätten. Das habe aber nich an der Operation als solcher gelegen, sondern lediglich an der nicli zweck- und sachgemässen Ausführung derselben. Es gab ja leide eine Zeit, in der sich so viele Operateure daran machten, Kanäle i den Muskeln zu bilden, ohne dass sie sich genügend an Ort und Stell über die Operation und noch vieles andere mehr unterrichtet hatte) Diese waren dann wenig oder gar Dicht zu gebrauchen und brachte die an sich sehr gute Methode an manchen Orten in Misskredit nich nur bei den Amputierten selbst, sondern auch bei den Aerzten. Nac meinem Dafürhalten sind die S”a ue r b r u c harme zur Zeit immer noc die besten selbsttätigen Kunstarme, vorausgesetzt natürlich, dass e sich um gute, derbe Kanäle handelt und dass die Muskeln die nötig Kraft und Zuglänge haben. Ich kenne die Vorzüge dieser Method aus eigener Erfahrung, habe selbst auf meinem Kommando in Singe im Jahre 1918 Gelegenheit gehabt, mich von ihrem Wert an viele Amputierten zu überzeugen, kenne auch viele nach Sauerbruc Operierte, die mit ihren Armen sehr zufrieden sind und auch gi fertig werden. Uebung ist aber a.UjCh bei diesen Systemen nötig, d' Arme arbeiten nun einmal nicht allein und so gibt es denn auch unti diesen nach Sauerbruch Amputierten manch einen, der mit seine) Arm nichts leistet, weil es ihm eben an der nötigen Energie un Uebung fehlt, und diese sind es dann meist, die alle anderen Arn Systeme, die auf dem Markt erscheinen, durchprobieren und zw; immer aus begreiflichen Gründen ohne nennenswerten Erfolg. Dass die Sauerbrucharme natürlich den verloren gegangene Arm nicht voll und ganz ersetzen können, liegt ja klar auf der Han. Das ist aber bei allen anderen Armsystemen auch der Fall, unte denen ich übrigens die Kresser- und Pietscharme nicht als di MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT. Februar 1922. 203 lendetsten bezeichnet habe. Ich habe diese mit den Carnes-, n g e Hirsch- und anderen ähnlichen Armen auf eine gleiche ife gestellt und habe nur davon gesprochen! dass sie zeitlich die ■teil sind, die über die anderen Systeme hinaus ihre Entwicklung lomrnen haben. Aus der Universitäts-Frauenklinik in Giessen. (Direktor: Prof. Dr. v. Jaschke.) r Behandlung der Zervixgonorrhöe durch Choieval- tamponade des Uterus. Von Dr. Rudolf Salomo n, Assistent der Klinik. ln der M.m.W. 1921 Nr. 17 teilte H a e n d 1 ein Verfahren mit, das die ! vixgojiorrhöe Schneller als die bisherigen Methoden heilen sollte, ne Behandlung bestand darin, dass er die Gebärmutterhöhle mit ilevalstäbchen und -bröckelchen austamponierte, indem er 1—4 Stifte ch den Zcrvikalkanal nach Uebcrwindung des inneren Muttermundes das Uteruskavum schob. Da wir leider mit einem sehr reichlichen Gonorrhöematerial ge¬ ilet sind, und sich bei uns bis jetzt noch keine Methode zur Be- ipfung der aszendierenden Gonorrhöe als wirklich brauchbar er- s, so entschlossen wir uns in Hinsicht auf die günstigen und korn- ationslosen Erfolge, über die Haendl berichten konnte, trotz änglicher Skepsis, zur Nachprüfung seines. Verfahrens. Auf Grund unserer Untersuchungen können wir H a e n d 1 s gute Imitate ganz und gar nicht bestätigen, sondern im Gegenteil nur eilt trübe Beobachtungen mitteilen. Bei 15 Kranken wurde nach Originalvorschrift die Uterus-Cholevaltamponade unter streng asep- hen Kautelen durchgeführt. Im Anschluss an diese Therapie stell¬ sich bei drei Fällen Komplikationen ein. wie wir sie bei keinem erer übrigen Behandlungsverfahren gewohnt sind. So wurden zwei- Pyosalpingen und Parametritiden ausgelöst, die schwerste kli- :he Krankheitsbilder machten, und bei einer dritten Frau genügten ii Uterustamponaden, um den bereits abgeklungenen einseitigen ametranen Prozess wieder zum Aufflackern zu bringen, sodass sie Folge unserer Behandlung zwei hühnereigrosse Adnextumoren sowie ; Parametritis posterior bilateralis davontrug. Hier sollen kurz die i Leidensgeschichten folgen: j7 a O 1. Frl. L., 23 Jahre, J.-Nr. 309/21, Gonorrhöe seit 3 Monaten, der Aufnahme Genitale normal, ausser geringer Druckempfindlichkeit der in Adnexe. Die rechten Adnexe absolut frei. Nach fünfmaliger Choleval- oonade des Uterus waren die Gonokokken noch nicht geschwunden, :gen stellten sich plötzlich hohe Temperaturanstiege ein bei heftigsten lektiven Beschwerden im Unterleib. Die innere Untersuchung ergab, dass echten Adnexe jetzt einen gänseeigrossen, prall elastischen, ausser- nthch empfindlichen Adnextumor bildeten, der das Scheidengewölbe stark wölbte. Die linken Adnexe waren ebenfalls zu einem kleineren entzünd¬ in Tumor umgewandelt. In der Folgezeit gesellte sich noch eine Para- itis posterior hinzu. Die Leukozytenzahl schwankte um 17 000. Nach rmonatlichem Klinikaufenthalt waren die Gebärmutteranhänge ler einigermassen zurückgebildet. Fall 2. Frl. R., 21 Jahre, J.-Nr. 441/21. Bei der Aufnahme Urethritis, lzitis und Kolpitis gonorrhoica. Uterus und Adnexe bei der Betastung aal. Im Anschluss an eine einzige Cholevaltamponade traten were beiderseitige Adnextumoren und Parametri- e n auf. Patientin konnte erst nach weiteren 10 Wochen aus der ik entlassen werden. Fall 3. Frl. R., 32 Jahre, J.-Nr. 725/21. Patientin war mit einem eneigrossen, linksseitigen Adnextumor und leichter Parametritis posterior irrhoica aufgenommen worden. Durch resorbierende Verfahren war die vellung zurückgegangen und die Patientin temperaturfrei. Da stets noch pkokken im Urethral- und Zervixsekret nachweisbar waren, wurde die evaltamponade versucht. Nach der zweiten Tamponade stellten sich ge klinische Ei scheinungen ein, der Tastbefund ergab beiderseitige mereigrosse Adnextumoren und Parametritis • t e r i o r. Diese Beispiele dürften genügen, um die Uterus- olevaltamponade abzulehnen, ja geradezu davor warnen. Auffallend ist. dass Haendl nur über gute Erfolge cnten konnte; leider ist aus seiner Arbeit nicht die Zahl seiner eilten Fälle zu ersehen und auch nicht die Dauer des Heilungs- aufes angegeben, sondern nur erwähnt, dass „die Hälfte der frü- :n. Behandlungsdauer erforderlich ist“. Wie unsere übrigen Fälle, ehe keine gröberen Adnexveränderungen hervörriefen, zeigen, 'en sich keine günstigeren Heilungsverläufe erzielen, als anderen Verfahren. Die Gonokokken waren auch nach wiederhol- lamponaden nicht 'geschwunden. Meines Erachtens sind die Erwägungen H a e n d 1 s. „dass die Gefahr Verschleppung der Gonokokken gegen die Tube nicht sehr gross sein i , nicht stichhaltig. Die in der Scheide und Cervix befindlichen nokokken werden sicherlich in die bis dahin vielleicht noch otreie Gebärmutterhöhle verschleppt. Es ist recht zweifel- ob die Cholevalwirkung jedes Mal ausreicht, um sämtliche nach i transportierte Krankheitserreger zu vernichten. Andererseits las- sich kleine Verletzungen an der entzündlichen Zervixschleim¬ oder an der Uterusinnenfläche beim Einführen der Stäbchen, die r schnell erweichen und biegsam werden, nicht vermeiden, da na I erweise die Uteruswände aneinanderliegen und jetzt für ein bis otäbchen Platz geben sollen. Auf diese Weise werden also die Gonokokken in das Tubenlumcn, in die Parametrien und in die Blutbahn j förmlich inokuliert. Hinzu kommt noch, dass sich an dem äusseren Muttermund bei den chronischen Entziindungsprozessen oft Erosionen j finden, deren Mischflora ebenfalls nach oben verschleppt wird. Unsere Erfahrungen bestätigen voll und ganz diese U e b er¬ leg u n g e n. Wenn auch die schnellere Herausbeförderung des keimhaltigen Uterusschleims theoretisch günstig ist, so möchten wir doch der Mobi- } lisierung des Zervix- und Uterusschleimes nicht die Bedeutung bei¬ messen, wie es H a e n d 1 tut. Die bakterizide Kraft des Zervix¬ schleimpfropfes. der den besten Schutz wall gegen die reichliche Bakterienflora der Scheide bildet, kann nicht hoch' genug bewertet wer¬ den. weil sonst der aszendierenden M i s c h f 1 o r a Tür und Tor geöffnet ist. Abgesehen von diesen rein klinischen Erwägungen ist der Eingriff j für die Kranken recht unangenehm, und klagen sie beim Einführen | ^fr sehr lebhafte Schmerzen, die oft eine Stunde und länger I anmuten, so dass sie die Uterustamponade über alles fürchten. Auch für Arzt und Personal ist das Verfahren anstrengender und zeitrauben¬ der wie die üblichen Behandlungsmethoden, und für den praktischen' Arzt schon deshalb ungeeignet, weil es bei schonendem Vorgehen Assistenz und strengste Asepsis erforderlich macht. Von diesen Gesichtspunkten aus kommen wir zu ' dem Schlüsse, dass die Uterustamponade mit C h o 1 e - : valstäbchen gefährlich ist bei zweifelhaftem Hei¬ lungsei folge und daher für die Praxis unbrauchbar. Zum Jodismusproblem. Von Dr. 0. Muck-Essen. Zu der Veröffentlichung von M. R. Bonsmann über Jodismus bei Potatoren in Nr. 52 der M m.W. 1921 und zu dem Erklärungs¬ versuch der Jodnebenwirkung, die Bonsmann bei Alkohol- und Nikotinmissbrauch feststellt sei von mir auf Mitteilungen verwiesen, die ich 1900 aus der Rostocker Ohrenklinik (Prof. Körner) machte B o n s m a n n beobachtete, dass bei allen Trinkern Schnupfenund vermehrte Tränensekretion als Folgeerscheinung einer experimenti causa verabreichten Jodlösung auftraten; die gleichen Er¬ scheinungen stellte er bei Rauchern fest. Ich fand damals, dass wenn Rhodankalium, das in der Regel im menschlichen Speichel angetroffen wird, nachweisbar 'ist, es sich im Nasen - und Konjunktivalsekret1) ebenfalls feststellen liess, eine bis dahin unbekannte Tatsache Es stellte sich ferner heraus, dass bei Kranken mit hohem Rhodangehalt in genannten Sekreten, wenn zu¬ fällig Jodkali verabreicht wurde, Jodismus auf trat, während Menschen, die rhodanarm oder frei in genannten Sekreten waren, keinen Jodismus zeigten 2). Die Kranken und weiterhin die Versuchspersonen reagierten also vor allem mit Jodentzündungserscheinungen von seiten der Schleimhäute, deren Drüsen reichlich Rhodan absonderten, wie ich mich auch späterhin überzeugen konnte. Den Nachweis des Rhodankaliums führte ich mit der von Solera angegebenen Jodsäure, welche durch das Rhodankalium reduziert wird. Daraus zog ich den Schluss, dass die Jodintoxikation nach Jodkaligebrauch eine Folge der Rhodan¬ einwirkung sei. Auch auf das Jodkali wirkt Rhodan jodabspaltend 3). Für die Richtigkeit meiner Auffassung scheint mir die Beobachtung von Bonsmann einen Beweis zu liefern, denn bekanntlich weisen Raucher 2 — 3 mal mehr Rhodankalium bzw. -natrium im Speichel auf als Nichtraucher, wie dies durch die Untersuchungen von Gscheidlen, Külz, Krüger, Grober und A. Mayer gefunden wurde. Da be¬ kanntlich die meisten Trinker auch Raucher sind, so nimmt es nicht wunder, dass die Schleimhäute, deren eigene oder Nachbarschafts¬ drüsen Rhodan produzieren, bei der Jodentzündung beteiligt sind, wenn jene ein rhodanhaltigeres Sekret absondern, als in der Norm; dies ist bei Trinkern und Rauchern aber der Fall. Da vonKcbert schon 1900 die Hypothese, nach der die im Speichel enthaltene salpetrige Säure ') für die Entstehung des Jodismus verantwortlich zu machen sei, aufgegeben ist, wie auch von anderen Autoren, 'so scheint mir die Erklärung von Bonsmann für den Jodismus bei Trinkern (und Rauchern), nämlich der chronische Reizzustand der oberen Luftwege, nicht die gegebene zu sein, weil ja nicht jeder Raucher und Trinker eine Konjunktivitis hat und doch auf Jod mit Tränenträufeln reagiert, vielmehr scheint mir meine Erklärung zuzutreffen, dass das Rhodankalium seine iodabspaltende Wirkung auf den Schleimhäuten hauptsächlich entfaltet, deren eigene oder Nachbarschaftsdrüsen reichlich Rhodan absondern. ') Muck: Ueber das Vorkommen von Rhodan im Nasen- und Konju lk- tivalsekret. M.m.W. 1900 Nr. 34. s) Muck: Ueber das Auftreten der akuten Jodintoxikation nach Jodkali¬ gebrauch in ihrer Abhängigkeit von dem Rhodangehalt des Speichels, des Nasen- und des Konjunktivalsekrets. M.m.W. 1900 Nr. 50. *) Maring: Ueber das Verhalten des Jod zum Harn. Inaug.-Diss. 1900. Aus dem Inst. f. physiol. Chemie und Pharmakologie der Univers Rostock Prof. Robert. ’ ') M a r u n g: 1. c. S. 38/39. 204 MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT. Nr. 6. Ueber die Verhütung der Serumkrankheit durch An¬ wendung des Diphtherie- und Tetanuserum von immuni¬ sierten Kindern. Von Prof. R. Kraus, Direktor des Seruminstitutes Butantan, (Sao Paulo). In Nr 39 1921 dieser Wochenschrift habe ich mit meinen Mit¬ arbeitern Dr. B o n.o r i n o Cue n c a, und Dr. S o r d c 1 1 i antitoxisches Rinderserum zu präventiven und kurativen Zwecken an - c e e bisher verwendeten Sera, von Pferden gewonnen, empfohlen. Die Verwendung von Rindern als Serumspender an Stelle von Pferden geschah nicht auf Grund spekulativer Ueberlegung, sondern g/ns von ^klinischer Beobacht™ aus (Kraus. P.»«.#»»»»»,,» Cuenca, Rev. del Inst. Bactenologico de Buenos Aires, \ ol. 1. WJkl.W. 1917). ... , .... Wir konnten nämlich bei der Behandlung des M.te- brandes mit normalem Rinderserum die linteressante Beobachtung machen dass trotz Anwendung sehr grosser Mengen (30 150 ccm) Rinderserums, nur selten Erscheinungen der Serumkrankheit auftraten. Diese Tatsache bildete den Ausgangspunkt weiterer Versuche, um zu ermitteln, ob auch das von i m m u n i s i e r t e n Rindern gewonnene nntitnvische’ Serum ebenso selten Serumkrankheit hervorrufe, wie das Sehe Erfahrungen lrc, Diphtherie und Tetanus mit dem antitoxischen Rinderserum haben unsere Annahme bestätigt. P , ™ QrS dieser am Krankenbette gemachten Beobachtungen tabeu wir das anSSsche Rinderserum sowohl für praven t.ve als auch für kurative Zwecke emptohlen. Bis dahin lagen in der Literatur keinerlei Angaben vor: _ 1. über die Immunisierung und Gewinnung kurativer antitoxischei Dinlitherie- und Tetanussera von Rindern, , , ,, 2 über die kurative Anwendung derartiger Sera am Krankenbette, 3 ^er Verhütung der Serumkrankheit durch Verwendung von Rind'erserum an Stelle der Pferdesera. Wir waren daher berechtigt, zu behaupten, dass unsere Versuc ie über Immunisierung der Rinder, sowie Verwendung dieser Sera Heilzwecken neu sind. . ln Nr. 43 dieser Wochenschrift will W. R. Bieling unsere Rechte nicht gelten lassen und meint, dass uns offenbar entgangen sei. in Deutschland bereits seit 1912 ein Pr°Phylakt!shches'puni^riicS Rinderserum angewandt worden ist De. mgegenuber sei aus idn ickhch darauf hingewiesen, dass wir sowohl Ascoli als auch B e :h r g als diejenigen Autoren, welche Diphtherieserum vom Schaf und Rind gewonnen haben und zu p r o p h y 1 a k t i s c h e n Zwecken empfahlen in unserer Arbeit zitieren. Die Mitteilung von W i e d e m a n n, die auch Bieling anführt, haben wir allerdings nicht gekannt. Es ist abei unverständlich, wie Bieling dazu kommt, zu behaupten dass Rinderserum kurativ vor uns angewendet worden ist und sich dabei auf Wie de man ns Mitteilung beruft. W i e de m a n n beschreibt nämlich einen Fall von Diphtherie, der nach Injektion v™ D.1P'lthe'ie; serum (Pferd) Erscheinungen einer schweren Serumkrankheit darbot, und da eine weitere Seruminjektion indiziert war, verwendete er 1500 Einheiten eines prophylaktischen Rinderserums Ono f. . Dieser Fall beweist überhaupt nichts und am wenigsten, dass Rmdei- serum an Stelle von Pierdeserum zu kurativen Zwecken verwendet werden kann. Wie man daraus sieht, ist cs uns nicht entgangen, dass Ascoli und Behring antitoxisches Serum von Schaf oder Rind zu prophy¬ laktischen Zwecken empfohlen haben, wohl aber ist es Bieling ent¬ gangen, worin der prinzipielle Unterschied gegenüber den von uns mitgeteilten Tatsachen besteht. Ascoli hat als Erster antitoxisches Diphtherieserum vom Schar prophylaktisch empfohlen, um, wenn sich eine zweite Injektion mit Pferdeserum zu kurativen Zwecken als notwendig ergeben sollte. Konsequenzen zu verhüten; er bezeichnet deswegen das Serum als antiallergisch. Später hat dann Behring prophylaktisches Diphtherieserum von Rindern empfohlen. Behring ging dabei von derselben Ueberlegung aus wie Ascoli, indem es ihm darauf ankam. die oft bedrohlichen Symptome der Serumkrankheit nach Reinfektion von Pferdeserum zu Als Kronzeugen dafür, dass das von Höchst auf Behrings An¬ lass ausgegebene Diphtherieserum von Rindern nur zu prophy¬ laktischen Zwecken verwendet werden soll und nicht als kuratives gedacht ist, führen' wir an, was die Höchster Farbwerke darüber schreiben. Da Bieling, als ihr Vertreter, die Priorität für die Fabrik in Anspruch nimmt, müssen wir ihm textlich entgegen halten, was der Prospekt der Höchster Farbwerke sagt und was ihm offenbar entgangen ist. Pag. 1 heisst es: Ausser diesem Serum (bezieht sich auf Pferdeserum) stellen wir ein analoges Serum durch Immunisierung von Rindern her. Das Diphtherie-Rinderserum soll hauptsächlich zum Schutz gesunder Individuen gegen eine diphtherische Infektion Verwendung finden. Bei Benützung eines Diphtherie-Rinderserums als Prophylaktikum wird die Erzeugung einer Ueberempfindlichkeit gegen Pferdeserum vermieden, so dass mit Rinderserum vorbehandelte Individuen, welche nach dem Erlöschen des passiven Schutzes an DiphE-e— erkranken, der Therapie mit Diphtherie-Pierdeserum unterzogen werden können, ohne dass das Amtreten anaphylaktischer Kong plikationen zu befürchten wäre.“ S. 2 des Prospektes: . ... ■ B, Diphtherie-Rinderserum. Prophylaktisches Diphtherieserum „Höchst“ mit 100 A n t i t o x i n e ir.-; heiten in 1 ccm. Auf S. 3 des Prospektes heisst es: • „ . ' .Es sei fernerhin nochmals hervorgehoben, dass die Verwendung des Diohtherie-Rmderserums zur Prophylaxe der Diphtherie een Vorzug hat. dass mit Rinderserum vorbehandelte Personen, die ""''h. dem Schwinden des passiven Schutzes an Diphtherie erkranken, unbedenklich und' ohne das Auftreten anaphylaktischer Komplika¬ tionen befürchten zu müssen, mit Diphtherie-Pferdeserum behandelt werden können.“ <■ Daraus geht doch mit voller Klarheit hervor, dass Behring bzw Höchst das Rinderserum nur zu prophylaktischen Zwecken empföhlet, hat um die Gefahr der anaphylaktischen Komplikationen wie es m Prospekt heisst (wie es richtiger heissen sollte „der sofortigen odei beschleunigten Serumkrankheit“), zu verhüten. M i t k e in er 1 1 b( wird das Diphtherie-Rind erserum zu kurativei Zwecken erwähnt und ebensowenig davon gesprochen, das' Rinderserum viel seltener Serumkrankheit erzeugt als 1 ferdeserum. Durch unsere Arbeiten wird aber etwas toto coelo Verschiedene: gezeigt, als was Ascoli und Behring gemeint haben. Wir. emp fahleii an Stelle des prophylaktischen und kurativen antitoxischei Diphtherie- und Tetanus - Pf e r d e serams überhaupt ein solches voi Rindern Ascoli und Behring wollen durch die prophylaktisch Anwendung des Schaf- und Rinderserums bloss die Gefahren der Re Infektion mit Pferdeserum verhüten, wir aber wollen ul^rüaup JJ der Einführung des Rinderserums die Serumkrankheit auf ein Minimnn reduzieren. J Wir glauben, dass wir damit gezeigt haben, dass weder Ascol noch Behring das antitoxische Rinderserum in dem von uns zuers angegebenen Sinne benützen wollten, da -ihnen darüber keine eigene Erfahrungen zur Verfügung standen, die erst durch uns in der Liter tu bekannt geworden sind. Dass wir zuerst Diphtherie- wie Tetanussem von Rindern zu kurativen Zwecken ebenso hergestellt und auf sein Wirksamkeit in der Klinik geprüft haben, müssen wir aufiechterha.te' Bieling schreibt, dass Höchst ein 250 f.-Serum von Rindern hei gestellt hat, womit er beweisen will, dass die Höchster Fabriken kur«] tives Serum vor uns erzeugt haben. Die Prospekte der Höchster Farbwerke, die uns bei Abiassun unserer Arbeit zur Verfügung standen,, führen-, wie angeführt wurd bloss ein prophylaktisches Rinderserum mit 100 Einheiten an. Die von uns erzeugten Rindersera haben Werte ergeben (D pütherie 200 f„ Tetanus 700 f.), welche zu kurativen Zwecken brauchb; sind. Im übrigen haben wir auch hierauf hingewiesen, dass durch <1 Methoden der Konzentration auch höherwertige Sera hergestellt werdi können, wie antitoxische Pferdesera. Um zusammenzufassen, müssen wir also die Prioritätsanspruch welche B i e 1 i n g im Namen seiner Fabrik geltend macht, auf Grund d obigen Daten zurückweisen und auf dem Standpunkt beharren, dass d| von uns mitgeteilten Tatsachen neu sind. _ Es ist zu hoffen, dass durch Einführung der prophylaktischen ui kurativen Diphtherie- und Tetanussera von Rindern in konzentrier Form das der Serumtherapie bis heute anhaftende Uebel der - erui krankheit auf ein Minimum reduziert werden dürfte. Nochmals die rachitische Muskelerkrankung. (Entgegnung auf die Kritik Schedes in Nr. 1 ds. Wsch Von Sanitätsrat Dr. A. Müller, Facharzt für Massage u Orthopädie in München-Gladbach. Schede findet in meiner Arbeit in Nr. 44 1921 d. Wschr. n „unerwiesene Annahmen“ und beanstandet eine ganze Reihe der j mir mitgeteilten Untersuchungsbefunde als willkürlich angenoinru. Vermutungen. Das beruht offensichtlich auf einer starken Unt Schätzung der I eistungsfähigkeit einer systematischen Iastunt suchung; diese Unterschätzung aber kann ich mir nur durch un, nügende Technik erklären. Ich wiederhole deshalb nochmals, dass bei der Nachprüfung meiner Befunde auf der Anwendung mein, Untersuchungsmethode bestehen muss, und zwar genau nach der i Schreibung in meinem Lehrbuche der Massage; das Gebiet der Mn» krankheiten ist für die Untersuchung sehr schwierig und c andere einwandfreie Untersuchungstechnik gibt es auf diesem Gern nicht Wer meine Technik hier nicht anwendet für den müssen an dings die von mir angegebenen Befunde Phantasiegebilde sein, ebe wie etwa für jemanden, der nicht auskultiert und perkutiert die Dar fung einer Lungenspitze und ein Aortengeräusch Phantasiegem sind. Er ist aber auch zu einem Urteil über die Krankheitszusta zu denen die rachitische und rheumatische Muskelerkrankung genor nicht zuständig. Um die Verständigung zu erleichtern werde leit e halb im folgenden, wo es nötig ist, die zur Feststellung der an führten Befunde notwendigen Griffe meines Lehrbuches angeben. Februar 1922. MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT. 205 Vor allem ergibt meine Untersuchungstechmik das stete Vorhanden¬ en des Hypertonus bei der rachitischen und rheumatischen Muskel- rankung. Schede bestreitet nun. dass der Hypertonus überhaupt ch einfache Tastuntersuchung nachweisbar ist. Dieser Meinungs- .erschied beruht grösstenteils darauf, dass Schede dem Worte pertonus eine Bedeutung zuschieibt, die es nicht hat. Er sagt näm- Hypertonus bedeute eine „Erhöhung des Erregungszustandes des skeis“. Das ist nicht der Fall1). Ich habe 1911 in meinen Arbeiten t den „Untersuchungsbefund am rheumatisch erkrankten Muskel“ ehr. f. klin. M. 47) und über den „muskulären Kopfschmerz“ (Leipzig 1) den Begriff des Hypertonus geschaffen und mit diesem Worte krankhaft gesteigerte Spannung (nicht „Erregung“) des ein- nen Muskels bezeichnet, wie sie bei dem Muskelrheumatismus und Reichen anderen, von Schede in seiner Entgegnung erwähnten, :h schon in meinem Lehrbuche angeführten Zuständen vorkommt, ch in meiner jetzigen Arbeit habe ich dies ausdrücklich wieder als Bedeutung des YVortes Hypertonus bezeichnet. Ebenso aber, wie die Spannung einer Violinsaite durch entsprechende Handgriffe, p durch die Tastuntersuchung, und nur durch diese, feststellen kann, :nso kann ich auch die Spannung des Muskels und deren örtliche j:igerung, also den Hypertonus, durch die Tastuntersuchung, und nur ch diese, feststellen. Allerdings sind die Untersuchungsbedingungen dem mit Fett und Haut bedeckten Muskel wesentlich schwieriger, bei der Violinsaite; es ist also, wie ich immer wieder hervorheben ss, meine Untersuchungstechnik zu dieser Feststellung nötig. Wei¬ le Beweise aber zu verlangen, hat gar keinen Sinn, denn es handelt D hier nicht um eine Vermutung, eine Hypothese, sondern um einen fachen Tastbefund. Schede meint nun, ich hätte mich in meiner Arbeit vorerst mit ji Ansichten Schades und Langes über die „Muskelhärten“ aus- : andersetzen müssen. Diese Meinung beruht auf einer Verkennung Sachlage. Wenn ich nämlich von der Feststellung absehe, dass die Serverhärtungen („Meskelhärten“) auch an der Leiche noch nachweis- I: sind, und dass sie mikroskopisch keine Veränderung des Muskel- vebes erkennen lassen, geben Schade und Lange in ihren Auf¬ zen an Tatsachen nichts, was nicht schon seit Jahrzehnten, vor an durch die Arbeiten der schwedischen Massage-Autoren (vgl. B. Kleen: Handbuch der Massage [3] 1890) bekannt ist und be- reiben den Befund dieser Gebilde nach deren Auffassung. Gerade t dieser Auffassung aber habe ich mich schon 1911 in der erst- lannten Arbeit ausführlich auseinandergesetzt und gezeigt, dass diese Schreibung ungenau ist, dass das Kardinalsymptom der rheumatischen skelerkrankung der Hypertonus ist und nicht die Faserverhärtungen Muskelhärten“), weil beim Muskelrheumatismus wohl hypertonische iskeln ohne Faserverhärtung, aber keine', Faservprhärtungen ohne pertonus Vorkommen. Wenn nun Schade und Lange nach : iren auf die alten Anschauungen, die ich als unrichtig nachgewiesen >e, zurückkommen, ohne sich mit der von mir entwickelten Äuf¬ nung auseinanderzusetzen, so liegt für mich kein Grund vor, das, was damals gesagt 'habe, jetzt zu wiederholen. Auf reine Vermutungen zugehen, wie sie Schade (geloide Gerinnung) und Lange (Stau- i; von Ermüdungsstoffen) äussern, liegt noch weniger Veranlassung Ir. denn es handelt sich hier nur um die Klarstellung des Befundes. Zur Klärung der Streitfrage fasse ich nun die Tatsachen, auf Jen sich meine Auffassung des rachitischen Krankheitsvorgangs auf- it, noch einmal zusammen; es sind: 1. das regelmässige Vorhandensein des Befundes der hypertoni- en Muskelerkrankung bei jedem Rachitiker (es gibt zwar — in stimme ich Schede bei • — Rachitiker mit gut entwickelter 1 skulatur und ungestörter Beweglichkeit, aber auch bei diesen bietet Muskulatur den Befund der hypertonischen Muskelerkrankung); 2. die Gruppierung der erkrankten Muskulatur in eine stärker hyper¬ ische verkürzte und verhärtete, und eine schwächer hypertonische dehnte und geschwollene Gruppe; 3. die Gleichartigkeit des Muskelbefundes und die Gleichheit seiner ippierung erstens bei der Hypertonie der Säuglinge, zweitens bei der Lhitis, drittens bei dem Muskelrheumatismus und der Neurasthenie Erwachsenen; 4. die Kontraktur der Vorderhalsmuskeln (Griffe 205 bis 208) und Höhepunkt der Druckempfindlichkeit im der Kehle, und zwar an der uilddrüse (Griff 209) und den Sternoklavikulargelenken (Griffe 210 ji 211) 2) — auch dies der Rachitis, dem Muskelrheumatismus und allem der Neurasthenie gemeinsam; 5. der Atemstillstand des Kehlkopfes und die Senkung der Schild- ise in die Brusthöhle infolge der Kontraktur der Vorderhalsmuskeln e Schilddrüse ist hier dem Druck dieser Muskeln entzogen, weil sie jh ebenso tief |Mm. sfernothyreoideil und tiefer (Mm. sternohyoidei ji umohyoidei] befindet als die unteren Insertionen dieser Muskeln). Alle diese Tatsachen, ebenso wie die ebenfalls von Schede an¬ zweifelte Verkürzung des M. quadratus lumborum (Griff 53) und der ’) Auch Tonus bedeutet nicht, wie Schede sagt, den „Erregungszustand ' ruhenden Muskels". Höher (Lehrbuch der Physiologie 1919 S. 296) B. definiert den Tonus als eine „Form der Dauerverkürzung“ (des skeis). an anderer Stelle (S. 59) als einen „Zustand der Daueranspannung“ 's Sphinkter ani). also ganz entsprechend dem von mir angegebenen me. ) Bezüglich der Steigerung des Hypertonus der Vorderhalsmuskeln durch se Reizstellen verweise ich auf mein Lehrbuch (S. 14 ff.) und auf mein • ch über den muskulären Kopfschmerz (S. 26 ff.). seitlichen Bauchmuskeln (Griff 106) sind Tastbefunde, nicht „üb¬ erwiesene Annahmen“, für die es der Natur der Sache nach gar kein anderes Beweismittel gibt, als die diagnostische Massage. Nur det Atemstillstand des Kehlkopfes ist unter günstigen Umständen ausser¬ dem noch unmittelbar zu sehen, und die Senkung der Schilddrüse in den Brustkorb aus der Halsverkürzung und der damit verbundenen Senkung des Kehlkopfes mit Sicherheit zu erschlossen. Zu diesen Tastbefunden kommen folgende weitere Tatsachen: 6. die bekannte Wirkung der operativen Entfernung der Schild¬ drüse, bzw. des angeborenen Mangels derselben, bestehend in Unter¬ entwicklung, geistiger Stumpfheit und gallertiger Verfettung des Unter¬ hautgewebes (Myxödem); 7. die Wirkung der experimentellen Entfernung der Epithelkörper¬ chen, bestehend in Kalkverarmung und Tetanie (K r e h 1, Pathol. Physio¬ logie [10.1 1921 S. 741); 8. die Zugehörigkeit dieser Erscheinungen des Schilddrüsen- und Epithelkörperchenausfalls zum Krankheitsbilde der Rachitis; die für den Betrachter unverkennbare Ae'hnlichkeit zwischen (angeborenem) Myxödem und Rachitis habe nicht ich erst gefunden, wie Schede meint, sondern Stöltzner stellte sie schon fest (W e i n b e r g, Verein d. Aerzte in Halle, 6. Juli 1921, Ref. diese Wschr. 1921 Nr. 47 S. 1540) und Erich Müller- Berlin erwähnte sie in seinem Referat auf dem letzten Orthopädenkongress; 9. der auffallende, jeder andern Behandlungsweise überlegene Er¬ folg der Massage, und zwar nicht sowohl der örtlichen, auf die Ver¬ krümmungen beschränkten Massage, als vielmehr der Massage des gan¬ zen Bewegungsapparates mit besonderer Berücksichtigung der Kehle; 10. die durch diese Behandlung erzielte Umwandlung nicht nur der Verkrümmungen, sondern des ganzen Krankheitsbildes, einschliesslich der nervösen Störungen und der Unterentwicklung zur Norm — letz¬ teres beides Ergebnisse sozusagen des Experiments am Lebenden. Aus diesen Tatsachen ergeben sich die Schlüsse, die ich gezogen habe, von selbst. Damit ist der Vorwurf des „gänzlichen Mangels an wissenschaftlichen Grundlagen“, den Schede mir macht, erledigt. Dass diese Schlüsse nicht denselben Tatsachenwert haben, wie die angeführten Befunde, dass sie Hypothesen sind, versteht sich von selbst. Ich habe sie ja seibst in meiner Arbeit als „S c h 1 ü s s e“ be¬ zeichnet und nicht geglaubt, dem Leser einer wissenschaftlichen Zeit¬ schrift noch besonders sagen zu müssen, dass sie Hypothesen sind. Durch die angeführten Tatsachen indessen, das muss ich doch Schede gegenüber feststellen, ist meine Hypothese von der Entstehung der Rachitis und dem ursächlichen Zusammenhang der einzelnen Bestand¬ teile ihres Krankheitsbildes mindestens ebenso gut begründet wie irgend¬ eine andere Hypothese auf medizinischem Gebiete. Ausserdem erweist sie sich — und das ist der eigentliche Prüf¬ stein ihres Wertes1 — als äusserst fruchtbar für die Therapie, denn sie ermöglichte eine wesentliche Verbesserung der Behandlung. Die Massage wird vielfach bei der Rachitis angewandt. Jeder, der sich mit Massage beschäftigt, weiss aber, wie sehr bei ihrer Anwendung alles auf die Technik ankommt, darauf nämlich, was und wie massiert wird. Hierfür nun erwies sich meine Hypothese als die wissenschaftliche Richtschnur: sie gab der Massage als Behandlungsmittel der Rachitis die wissenschaftliche Begründung, wies den Weg für ihre Technik und bewirkte dadurch eine geradezu überraschende Verbesserung ihres Heil¬ erfolgs; sie erhob also die Massage aus einem rohen, nur des Laien würdigen Handwerk mit mehr oder minder mässigem Zufallerfolg zu einer höchste wissenschaftliche Vorbildung erfordernden und deshalb nur durch den Arzt ausführbaren Kunst mit sicherem, im Voraus be¬ rechenbaren und durch kein anderes Mittel erreichbaren Erfolg. Durch diesen hervorragenden Nutzwert für die Behandlung aber war meine und ist jede Hypothese auf medizinischem Gebiete vollauf gerecht¬ fertigt. Schede wendet nun ein, dass eine Unterfunktion der Epithel¬ körperchen bei der Rachitis bisher nicht nachgewiesen ist. Demgegen¬ über stelle ich fest, dass bei meiner Auffassung des rachitischen Krank¬ heitsvorgangs eine Unterfunktion der Epithelkörperchen gar nicht vorausgesetzt ist. sondern lediglich eine Sekretstauung; dass eine Be¬ teiligung der Epithelkörperchen auch vom anatomischen Standpunkte höchst wahrscheinlich ist, beweisen die Befunde von Ritter (Frankf. Zschr. f. Pathol. 1920, 24, Ref. Zbl. f. Chir. 1920 S. 778). Schede wendet mir nun die St ö 1 1 z n e r sehe Hypothese ein, dass die Rachi¬ tis eine Folge des Ausfalls der Funktion des Nebennierenmarks sei. Abgesehen davon, dass die Grundlagen dieser Hypothese durchaus nicht sicherer sind, als die der meinen, so stehen unsere beiden An¬ sichten durchaus nicht in unbedingtem Gegensatz. Ich habe nicht das ganze, sondern nur einzelne Teile des rachitischen Krankheitsbildes auf den Epithelkörperchenausfall, andere auf den Schilddrüsenausfall zurückgeführt, und so mögen wieder andere Teile des vielgestaltigen Krankheitsbildes der Rachitis durch den Ausfall des Nebennieremnarks bedingt sein. Ist es doch bekannt, dass die einzelnen Drüsen des endokrinen Systems gewöhnlich gemeinsam erkranken. Schede macht nun noch einige Ausstellungen auf orthopädischem Gebiete; dieselben beruhen vielfach auf Missverständnissen, die viel¬ leicht teilweise durch die Kürze, zu der ich gezwungen war, entstanden sind. Bei der Schwellung im M. extensor dig, longus handelt es sich natürlich nicht um die Vortreibung des Muskels durch die verbogene Tibia, sondern um eine weiche, etwa mandelförmige flache, elastische, nur fühl-, nicht sichtbare Schwellung, die ebenso im Quadrizeps femoris m MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT., Nr. 6. bei Crus varum und im M. iliocostalis bei Kyphose vorhanden ist. Die Schwellung verschwindet nicht, wie Schede meint, nach Korrektur der Knochendeformität, sondern sie verbleibt auch dann, wie ich mich inzwischen an einem fünfjährigen rachitischen Kinde uberzeugt a . dessen Unterschenkel durch Operation in einer Universitätsklinik tadel¬ los korrigiert sind. Durch Adduktion der Schultern, d. h. durch Annäherung der Schul¬ terblätter an die Wirbelsäule, wird selbstverständlich eine Verringe¬ rung der Schulterbreite, also Schmalheit der Schultern, bewirkt. Der Erwachsene kann, wie ich mich durch Versuche uberzeugt habe durch Betätigung seiner Schulteradduktoren den Abstand von einer Schulter zur andern, von Akromion zu Akromion gemessen, um etwa 7 cm ver¬ kleinern. Wie die Verkürzung des M. quadratus lumborum die Kyphose der Lendenwirbelsäule bewirkt, ergibt die Betrachtung der Lage seiner Insertionen am Skelett. Der Muskel setzt nämlich nicht, wie es nach den Beschreibungen und Abbildungen der Anatomen, scheint, rein seitlich, sondern grossenteils schräg vor der Lendenwirbelsaule am Darmbeinkamm an. Eine gleichzeitige Verkürzung b ei - der Mm. quadrati lumb. muss also eine Beugung des oberen Endes der Lendenwirbelsäule nach vorn. d. h. eine Kyphose bewirken. Dass der Zug des Zwerchfells die Hühnerbrust bewirke, ist deshalb ausgeschlossen, weil dieser eine gleichmässige Verkleinerung der unteren Brustkorböffnung in ihrem ganzen Umfang bewirken wurde. Bei der Hühnerbrust ist aber im Gegenteil die untere Brustkorboffnung infolge der trichterförmigen Auswärtsstiilpung der Rippenbogen er¬ weitert, und nur der mittlere Teil der Wand des Brustkorbs und auch dieser nur in der Axillarlinie eingesenkt. Hier muss eine auf die Axillarlinie beschränkte örtliche Ursache wirken, und diese kann nur der in dieser Linie wirkende, die Brustwand abflachende Zug der Mm. scaleni nach oben und der Mm. ob.iqui abd. nach unten sein, deren Verkürzung durch die lastunter- suchung (Griffe 106. 195. 196, 199) nachweisbar ist. Allerdings wirkt auch das Fehlen des Gegenzuges der insuffizienten, die Brustwand wölbenden Inspiratoren mit, was ich in meiner Arbeit zu erwähnen unterlassen habe, vor allem des M. serratus anterior. Wenige Mas¬ sagen dieses Muskels (Griffe 125. 126) genügen regelmässig, um bei der Einatmung anstatt der Einsenkung eine Vorwölbung der beiten¬ wand der Hühnerbrust zu bewirken. Dass der Trommelbauch auch seitlich ausgebaucht ist. liegt an der Auswärtsstiilpung der Rippenbögen, nicht an der Ausbauchung der Muskulatur; diese ist vielmehr in den Flanken gewöhnlich so stark verkürzt, dass die Rippenbögen bei schwerer Rachitis die Darmbein¬ kämme berühren. Bei dem Hohlbein (Genu varum) handelt es sich doch nicht um eine Verunstaltung des Knies, wie Schede anzudeuten scheint, sondern des ganzen Beins, in erster Linie des Oberschenkels. Die Wech¬ selwirkung zwischen den stark verkürzten und sehr harten Adduktoren, bei denen ich übrigens ausdrücklich den M. gracilis. der unter dem Knie ansetzt, mitgenannt habe, und der Auswärt.sbiegung des Femur ist gerade hier unverkennbar. Den Beweis für die Richtigkeit meiner Auffassung liefert auch hier das therapeut'sHie Experiment, denn es ist auffallend, wie schnell gerade hier die Massage der Muskulatur die Verkrümmung bessert. Schliesslich muss ich noch darauf hinweisen, dass Schede selbst einen Teil meiner Beobachtungen bestätigt, trotz seiner Polemik gegen dieselben. So findet er bei jeder dauernden Haltungsänderung des Rumpfes und der Extremitäten die Dehnung einer Muskelgruppe^ und die Verkürzung ihrer Antagonisten, was übrigens auch meinen .ang- iährigen Beobachtungen entspricht, und führt selbst die Kyphose des Rachitikers als Beispiel an. Und er hat selbst die Wesensverwandt¬ schaft der Rachitis mit dem Rheumatismus und der Neurasthenie der Erwachsenen als „Arbeitshypothese“ aufgestellt. An diesen Gedanken wird doch wohl etwas Wahres sein, wenn wir beide unabhängig von¬ einander auf dieselben gekommen sind. Uebrigens habe ich schon in meinem Lehrbuche auf das Vorhandensein einer _ hypertonischen Mus¬ kelerkrankung sowohl bei der Rachitis, wie bei diesen Zuständen, auch bei den sonstigen Erkrankungen, bei denen Schede ..Muskelhärten gefunden hat. hingewiesen. Ein etwaiger Prioritätsstreit Pt also hier gegenstandslos. Was meine Arbeit aber von der „Arbeitshypothese Schedes unterscheidet, ist der Nachweis der völlig gleichen Muskel¬ erkrankung- bei diesen Zuständen; durch diesen Nachweis nämlich werden die bisherigen „Ahnungen“ in das helle Licht der Tatsachen hiniibergeführt Für die Praxis. Blutung, Verblutung und Blutsparung. Von Prof. J. Wieting, Cuxhaven-Sarlenburg, Kinder- Seehospital. Zum Schlüsse seiner Kritik vergleicht Schede meine Arbeit mit den Ahnungen der Homöopathie und „mancher sogenannten Natur¬ heilmethoden“ und meint: ..Das ist keine Arbeit, sondern Spiel“. Ich überlasse das Urteil hierüber in voller Ruhe dem Leser. Die neuen Befunde, die ich in meiner Arbeit mitgeteilt habe, sind nicht, wie Schede zu glauben scheint, das Ergebnis eines plötzlichen Ein¬ falls. sondern vieljährigen mühevollen Suchens; sie haben sich mir, seit 'ich sie fand, tausendfältig immer wieder bestätigt: sie werden sich deshalb — das ist meine feste Ueberzeugung — ihre Anerken¬ nung schon erzwingen. Die Auswertung der kriegschirurgischen Erfahrungen musste natür¬ lich vor allem der V e r 1 e t z u n g s c h i r u r g i e i ür den E r i e d e n grösste Bereicherung bringen. Bei der Unmöglichkeit, jetzt noch irgend¬ welche zahlenmässige Unterlagen grösseren Umfanges zu erlangen, muss ich mich auf ältere Verhältnisberechnungen und auf mir vor¬ liegende genaue Aufzeichnungen aus einem Frontabschnitt von vier Divisionen beschränken: daraus errechne ich. dass i n m turclit- baren Weltkriege nicht weniger als 750 000 also rund d r e i v i e r t e 1 Millionen Deutsche den Tod durch \cr. blutung starben, während 1870/71 nur 7800 Verwundete den gleichen Weg gingen. Der Tod durch Verblutung droht vom Augenblick einer Verletzung bis tief in die Rekonvaleszenz hinein,, Und wenn auch diese letzteren Fälle zahlenmassig gegenüber _ den Eriihtodesfällen kaum ins Gewicht fallen, so tun sie es doch sicner, für unser chirurgisch-therapeutisches Können und Handeln. Die Blutungen bzw. Verblutungen teilen wir ein: I. nach ihrem zeitlichen Auftreten in J a) Frischblutungen, d. h. solche, die frisch unmittelbar ur Anschluss an die Verletzung erfolgen, sei es nach aussen oder nach innen, sei es aus Arterien oder aus Venen. b) Nachblutungen, d. h. solche, die, ohne oder nach voraus, gegangener Frischblutung, die dann von selbst zum Stehen kam, be noch unverändertem, d. h. noch nicht zur Heilung bereitem oder bereite tem Gefässsystem einige Zeit nach der Verletzung ; auftieten, z 1L be. Ausgebluteten oder im Wundschlag Liegenden nach Hebung dei Herz kraft nach Entfernung von vorläufig die Blutung stillenden Fremdkoc pern,’ wie Mullstopfung (= Tamponade), komprimierenden Geschossen* Knochensplittern u. a. m. J c) Spätblutungen, d. h. solchen, die sich einstellen durch Störung schon angebahnter Heilungsvorgänge, also an schon langer Zeit (Stunden, Tage, Wochen) nicht mehr blutenden Gefassen; solch Störungen sind gegeben z. B. durch Infektion sich bildender Verschluss thromben durch eitrigen Zerfall von Gefässwand oder -Inhalt, durc Drucknekrose infolge eingelegter Gummirohre, liegender Knochen splitter u. a. m. Es ist auffallend, dass solche Spatblutungen gewöhn lieh am 8. bis 10. Tage nach der ersten Blutstillung erfolgen, nicht sei ten angekündigt durch sog. Signalblutungen. _ . Ganz scharf lassen sich diese drei Formen natürlich nicht lnrniei voneinander scheiden, aber ich halte diese Dreit eil iing zum Vei ständnis sich abspielender ungestörter und gestörter Heilungsvorgang wie auch für die Beurteilung und Wahl der zu ergreifenden ther; peutischen Massnahmen für recht zweckmässig. II Ein zweites Einteilungsnrinzip ist das nach der an a tomi’s ehern Herkunft der Blutung, ob aus Arterie] Venen oder Kapillaren: im letzteren Falle, wobei auch a. kleinen Systemgefässe (sog. PräkaDillaren) anatomisch einzuschliesse; sind sprechen wir von parenchymatösen Blutungen L Erkennung der Herkunft einer Blutung ist durchaus nicht immer leier Nach grösseren Operationen oder Verletzungen „blutet es durch . z> mal wenn die Wundfläche offen blieb. Gerade hier hat der junge Ai und das Personal manchmal erhebliche Schwierigkeiten in seiner En Scheidung, wenn er die hohe Färbekraft d e s d u r c h s c h a g e n d e n Blutes, die d u r ch d e n Sauerstoff d e r L u f t ent stehende arterielle Färbung jedweden durch, den Verbai schlagenden Blutes nicht kennt: dann sei er lieber einmal zu sichtig und wecke den verantwortlichen Chirurgen, als dass er Ofl seiner Obhut empfohlenen Pflegling sich tropfenweise durch das B< hin verbluten lasse. Darum die eindringliche Lehre für die Praxis — h entnohmen diese eindringlichen Warnungen allen mannigfachen rüge] erfahrungen aus der Praxis!: Es soll die verantwort tc Nachtwache auf jeder grösseren chirurgischen At teilung eines Kramkenhaus es nicht unerfahrene wenn auch noch so willigen Kräften oder gai dt r a wachen (!) überlassen werden, sondern gerade für sie si entschlussfähige erfahrene Kräfte heranzuziehen. Parenchymatöse und auch grössere, sich anscheinend grünen wiederholende Blutungen werden in der Praxis leicht mit „Ham philie“ abgetan; im Kriege war die ..Bluteranlage eine recht hau meinem Zweifel entgegengebrachte Erklärung sich wiederholender n tungen. In Wirklichkeit sind das fast immer septische Bi tun gen. indem die Infektion die Gefässwand schädigt und das B selbst wässrig macht. III. Eine dritte Unterscheidung der Blutungen !, schieht nach dem Weg, der Richtung, den die.Blu'tuj nimmt. Das Sichklarwerden gerade über diese anatomisch-pnys logischen Verhältnisse bringt leicht auch Klärung über manche ptome, über Prognose und Therapie der vorliegenden Form, zumal we wir sie mit anderen, mehr histologischen Dingen (Blutung per oi pedesin. per rhexin), mit anatomischen Veränderungen an den üetas. selber (Haematoma communicans pulsans — Aneurysma spurn arteriovenöser Fistel, Arterienfistel Pirogoffs u. a. m.), mit seitiger Beeinflussung von Arterien und Venen (Kompression bis Gangränbildung etc.) in Berührung bringen. ebruar 1922. MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT 207 Vir haben da zu unterscheiden ) Blutungen auf die freie Oberfläche der Haut; ) Blutungen auf die freie Oberfläche der Schleimhäute espiratorischem, des digestiven, des uropoetischen und des geni- Systems mit symptomatischer Verwertung nach den blutlassen- Orifizien; ) Blutungen in die nach aussen abgeschlossenen Körper- e n und Spalten (Hämokranium, Hämoperikard, Hämothorax, bdomen, Hämarthros); ) Blutungen in die Gewebe: von den Petechien über die ationen der Haut, die durch Mehrfachverletzung und die oft lin¬ ier grosse Anzahl kleinerer Herde zu gewaltigen Blutver- e n, ja selbst zur Verblutung führen können — ohne klinisch :nnbare Wirkung der Eigenblutinfusion! — , bis in Hämatomen zwischen den Muskeln, den Hohlorganen, das Peritoneum usw. )ie Gefahren der Blutung sind einmal rein örtliche, tens mit dem Gewebstode drohende, oder allgemeine, imsten Falles das Leben bedrohende. Dazwischen gibt es Upber- :, wo die örtliche Gewebsbeeinträchtigung das Leben in Gefahr t, wenn der Ort der Blutung ein lebenswichtiger ist, wie un- Ibar für das Gehirn oder das verlängerte Mark, mittelbar für die wege. Sonst droht örtliche Schädigung durch unmittelbare Ge- aeeinträchtigung über ein bestimmtes Zeitmass hinaus. )ie allgemeine Gefahr der Verblutung — ohne die oft früh tzende Komplikation der Infektion, namentlich der anaeroben, hier :rucksichtigen — besteht physiologisch einmal in einem Leer¬ sten des Herz- und Gef ässpumpsy stems und zum n in einer quantitativen und qualitativen Minderwertigkeit 31utes als des Sauerstoffträgers. Aus diesem Grunde sind Spätblutungen, besonders solche septischer Natur, wesent- refährlicher als Frischblutungen. Statistische Vergleiche thera- ;cher Beeinflussung einer Blutung sind darum nicht ohne weiteres ;ig! ine Verblutung kann, wie jede Blutung, anatomisch nicht ach aussen oder nach innen, sondern auch in die Gewebe, in das Nierenbett, unter die Serosa, in ein übergrosses munüzierendes Hämatom, ja selbst in das Gefässsystem, planchnikusgebiet, geschehen. ngesichts dieser grossen, akut auftretenden Gefahren ist es d i e e Aufgabe des Chirurgen, sich zu fragen, ob nicht im i egenden Falle ein Blutersatz auf diese oder Weise augenblicklich das Wichtigere sei, wich- r als die endgültige Blutstillung, sofern die vor- 3 erledigt wurde oder, bei inneren Blutungen, als von selbst ge- en vorausgesetzt werden darf. Und dann hat er sich zu fragen, r am meisten nütze ohne zu schaden, ohne durch Uebereifer etwa em Erlöschen nahes Licht ganz auszublasen! Wie oft wurde vird immer wieder der Fehler gemacht, am untau g - e n Objekt einen endgültigen Gefässverschluss, gar durch eine kunstvolle Gefässnaht, herbeizuführen, an- zunächst, nach vorläufiger Blutstillung, die Erhaltung des Lebens :hern durch Zufuhr ausreichenden Blutersatzes! Das gilt be- lers für die septischen Spätblutungen, uf die Unterscheidungsmerkmale gegenüber -renakut bedrohlichen Zuständen werde ich in einem deren Kapitel zurückkommen. Hier seien die Symptome Verblutung in Reihenfolge ihrer Schwere nach chnet: Durst, trockene Schleimhäute, Mattigkeit, Gähnen, ndei, Ohrensausen; dann Angstgefühl, kalter Schweiss. Luft- r, Untersichlassen; dann, bei steigender Blässe und stetem r- und Rascherwerden des Pulses und Sinken des Blutdrucks: lende Somnolenz, Augenrollen und Erlöschen der Hornhautreflexe; weite Pupillen, Erbrechen, Bewusstlosigkeit, motorische Unruhe; Marmorblässe bei Unfühlbarwerden des Pulses, und schnappende :üge als Vorboten des sicheren Todes in einem Stadium, in jede Therapie versagt. Natürlich kann dies oder jenes tom einmal ausbleiben: dies oder jenes mehr hervortreten oder erer Reihenfolge auftreten: alle Symptome beruhen letzten Endes 3m Leerarbeiten des Herzens und der schlechten Durchblutung lehirns und verlängerten Markes. ie Prognose ist bei Spätblutungen fast immer schlechter als rischblutungen. Blutungen aus grossen Gefässcn ~ bei, der Menge nach, gleichem Blutverlust — sicherer zum als solche aus mehreren kleinen. Welche Blutverluste iiber- ;n, werden können, ist individuell recht verschieden. Verlust einem Drittel der Gesamtblutmenige ist immer n s g e f ä h r 1 i c h, bei septisch Blutenden absolut tödlich. Die imtb lutmen ge eines Erwachsenen beträgt nach alter, zwar ittener, aber noch nicht umgestossener Lehre ein Dreizehn¬ es Körpergewichts, bei einem 130 Pfund schweren Manne kg. Die Angabe, dass Männer nicht mehr als 1 'A kg, Frauen iiehr als 2 kg Blut verlieren können ohne Lebensgefahr, ist natiir- hr mit Vorsicht aufzufassen. Wir tun gut, uns an die klinischen ome der Schwere nach, wie oben geschildert, zu halten, enn auch der Arzt nur ganz selten zu den ganz schweren e 11 von Blutungen früh genug kommt, um helfend ein- i zu können, so muss er doch damit vertraut sein, was bei solch ren Blutungen zu unternehmen ist. Zunächst darf er sich nicht chen lassen dadurch, dass die Blutung vielleicht augenblicklich spontan steht; das kommt ja auch bei Blutungen nach aussen, selbst z. B. bei Radialis-, bei Popliteadurchschnei- dung vor, bedingt durch die allgemeine Gefässkontraktion als lebens¬ rettenden Reflex von der anämisch gereizten Medulla oblongata aus. Es kommt aber auch bei der Zerreissung grösserer Gefäss- stämme (A. femoralis) vor, namentlich nach stumpfer Ge¬ walteinwirkung (Abreissen, Abschuss etc.). Abgesehen von der Gunst äusserer Verhältnisse, wie schrägem Verlauf des Schusskanals, Gerinnselbildung, Muskelverziehung, Knochensplitterkompression spielt hierbei nach meinen Beobachtungen der sog. segmentäre G e - fässkrampf (Küttner-Baruch) eine wesentliche Rolle. Fälle, bei denen die Verletzung eines grösseren Gefässstammes gemutmasst wird, sind so zu behandeln, als ob eine solche Verletzung vorläge. In allen solchen Fällen dürfen die Herzkraft anregende, den Blutdruck hebende Mitte! nicht angewandt werden, wenn nicht zuvor das Gefäss, wenigstens vorläufig, gesperrt werden konnte. Das gilt be¬ sonders auch für vermutete innere Blutungen! (s. später.) Bei nach aussen blutenden Wunden wie auch bei vermuteten Blutungen nach innen, hat der Arzt sich zu fragen, ob er selber und ohne Hilfe die Blutung wird stillen können oder wollen, oder ob er dies für spätere Zeit wird hinausschieben können und dürfen. Danach ist zu unterscheiden eine vorläufige und eine endgültige Blut¬ stillung. Die Methodik und Anzeichen zu diesen werden in be¬ sonderem Kapitel besprochen werden. Hier sei nur besprochen, was gegebenenfalls ohne besondere Hilfsmittel zur Blutsparung geschehen kann. Eine Prophylaxe der frischen Verletzungs¬ blutungen ist nicht möglich; wohl aber kann durch Bereit¬ haltung blutstillender Mittel, vor allem am Bette septisch Erkrankter, die von einer Spätbiutung bedroht sind, manches Leben gerettet werden : gute Unterrichtung und Einübung des Pflegepersonals, Bereithaltung und Instellungbringung der Sehrt sehen Klammer bzw. von Gefässklemmen, Stopfmitteln etc. gehören hierher. Vor voraussichtlich blutreichen Operationen kann durch vorausgeschickte Kochsalzinfusion (Bluttrans¬ fusion nach Hotz) und Herzmittel (Digitalis, Strophanthus) der Gefahr in gewissem Grade vorgebeugt werden. Bei cholämischerBlut- veränderung wird zweckmässig 5 — 6 Tage vor der Operation am Leber-Gallensystem täglich 3 — 6 g Calcium chloratum gegeben, per klysma oder per os, um die Gerinnungsfähigkeit des Blutes zu erhöhen ; auch Gelatineinjektionen (lO— 40 ccm einer 10— 20uroz. Gelatina sterilisata Merck) einige Tage vor der Operation sind am Platze (s. Pels-Leusden: Chirurgische Operationslehre). Chloroform ist als Narkotikum bei Ausgeblr.teten aufs strengste zu vermeiden. Was Röntgenbestrahlungen der Milz als die Blutgerinnung fördernde Massnahme leisten, ist noch umstritten. Bei .Blutern bzw. leicht blutenden Menschen möchte eine intravenöse Transfusion kleiner Mengen Blut zu empfehlen sein (s. später). Sehr wesentlich ist — abgesehen von dem technischen Können und logischen Denken des Operateurs selber — die Blutsparung da¬ durch zu fördern, dass man erstens das Glied, an dem ope¬ riert wird, abbindet und zwar, wenn möglich, nachdem man es durch Gummibindenwicklung blutleer gemacht hat (s. Esmarch). Solche Blutleermachung, durch Wicklung von der Peripherie zum Zentrum, hat aber zu unterbleiben, wenn in dem Gliede septische Pro¬ dukte oder maligne Tumormassen vermutet werden! — Zweitens, und das ist namentlich bei Spätblutungen, bei denen jeder Blutstropfen wertvoll ist, sehr zu beherzigen, legen wir uns vor grösseren Operationen, auch wenn sie nicht an den Extremitäten vorge¬ nommen werden, sog. Blutdepots an: Ein oder beide Ober¬ schenkel werden zunächst venös gestaut, so dass sie sich mit 'Blut überfüllen; bei septisch Anämischen ist solche Stauung kaum an der Hautfarbe zu erkennen, doch schwillt das Glied im Vergleich zum ge¬ sunden an; ist die Stauung eingetreten, dann wird zentral völlig ge¬ sperrt, damit der Blutrückfluss ganz unterbrochen sei. Wir brauchen zu dieser Massnahme nur einen langen Gummischlauch oder eine Sehrt sehe Klammer, die für den ersten Akt unvollkommen, für den zweiten vollkommen geschlossen wird.' — Die Anlegung solcher Blut¬ depots verkleinert gleichzeitig den Blutkreislauf, spart an Narkotikum ein und lässt, was nicht zu unter¬ schätzen ist, die Blutkörperchen in den Depots u n ver¬ giftet! Löst man nach beendeter Operation die Blutsperre, was stets langsam zu geschehen hat. so kann man gleich danach, im Falle des Bedarfes, die befreiten Extremitäten zur Autotrans¬ fusion benutzen, indem wir ihr Blut nunmehr umgekehrt in den Kreislauf pressen und danach die ausgepresste Extremität abschnüren (s. später unter Autotransfusion). Es ist merkwürdig, wie selten dies Vorgehen irr der Praxis angewandt wird; auch in der Kriegspraxis bin ich ihm kaum einmal begegnet! Als weitere Blutsparung kommt die Benutzung des aus den Gefässen ausgetretenen Blutes in Betracht, indem wir es wieder dem Kreislauf zuführen, eine Methodik, die im Frieden nament¬ lich von seiten der Gynäkologen bereits ausgedehnte Anwendung fand. Auf diese sog. Reinfusion soll später näher eingegangen werden. Die Gerinnbarkeit des in die Gewebe ergossenen Blutes ist ja nach Massgabe seiner Berührung mit thrombokinetischen Substanzen verschieden, sie ist im allgemeinen gegenüber frei nach aussen fliessen- dem Blut herabgesetzt, und zwar um so mehr, je mehr das ergossene Blut in glattwandigen Höhlen (Gelenk, Thoraxraum) bleibt. MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT. Nr. 208 Die Anwesenheit ergossenen Blutes ist, sofern es I nicht therapeutisch verwendet wird, immer schädlich für den betroffenen Körperteil. Die Therapie der Haematome im weitesten Sinne des Wortes ist aber nach Ort, Zeit und Nebenumständen so verschieden, : dass sie nicht nach einheitlichen Gesichtspunkten besprochen werden kann. _ Bücheranzeigen und Referate. Franz Doilein: Mazedonien. Mit 279 Abbildungen im Text und 4 farbigen und 12 schwarzen Tafeln, 592 Seiten. Jena. Verlag von Gustav Fischer, 1921. Preis 105 M„ geb. 120 M. .Den Mannschaften, Aerzten und Offizieren des mazedonischen Heeres“ ist das Werk’ gewidmet. Aus diesem Buche mag entnommen ; werden in welcher Weise von den Deutschen in fremden Landen Krieg geführt wurde. Wir können aus ihm ersehen, wie sehr die deutsche Heeresleitung bestrebt war, durch Entsendung von Männern der Wissenschaft zun Verständnis des fremden Volkes und zur Aut- schliessung des Landes und zum Studium von Fauna und Flora bei¬ Der Zoologe Franz D o f 1 e i n bringt in seinen ..Erlebnissen und Beobachtungen eines Naturforschers im Gefolge des deutschen Heeres [ nicht nur Mitteilungen über die Tierwelt von Mazedoniern er berück¬ sichtigt auch die Erdkunde, die Völkerkunde und die Pflanzenwelt. Neben dem allseitig gebildeten Gelehrten und Naturforscher kommt aber vor allem der Künstler in Wort und Bild zur Geltung. Treffliche Wiedergaben von Aquarellen aus der Hand des Autors liefern uns eine Vorstellung von den leuchtenden Farben der südöst¬ lichen Länder. Zeichnungen und zahlreiche Lichtbilder ermöglichen es dem Leser, sich von den Tieren und Pflanzen. Land und Leuten und von ihrer Bauweise einen anschaulichen Begriff zu machen. Besonders hervorzuheben ist aber die Kunst und die Gewandtheit dei literarischen Darstellung. Da wird uns in lebhafter Weise von dem glühenden, regenlosen, staubreichen Sommer, der alle Pflanzen verdorren lässt, und von dem bitter rauhen Winter erzählt, der zum Raube des nur noch spärlich vorhandenen Holzes auffordert. Wir machen mit dein Autor die Expeditionen mit. welche ihn an die fischreichen grossen Seen Mazedoniens und durch die kahlen, ausgewaschenen Schluchten auf die hohen Berge des Balkans führen. Mit poetischem Schwung wnd der blumenreiche Frühling Mazedoniens besungen. Besondere Ab¬ schnitte widmet der Zoologe den mazedonischen Regenwürmern, den Spinnen und Bienen und den Wirbeltieren dort. Wir erfahren, dass die Flora in Mazedonien nicht wie die Mittelmeerlandschaft aus Pinien und Zypressen, aus Lorbeeren und Myrthen, aus Orangen- und Zitronenbäumen zusammengesetzt ist, sondern dass der Balkan ähnlich wie Mitteleuropa Pappeln und Ulmen, Ahorn und Eichen, Weiden, Hain¬ buchen und Brombeeren gedeihen lässt. Den Arzt fesselt vor allem das Kapitel „über Klima und Seuchen in Mazedonien“. Die Krankheiten, welche unsere Truppen doit er¬ griffen haben, wie das Papatacifieber. der Flecktyphus, das Ruckrall- fieber und das Wechselfieber werden bekanntlich durch Ungeziefer über¬ tragen. Da ist es von grossem Interesse Näheres über die Lebensweise und Fortpflanzung der Stechmücken und Stechfliegen, der Wanzen und dei Läuse zu erfahren. Wir hören, dass die Anophelesmücke nicht nur in den heissen Sümpfen der Seen und der Flusstäler, sondern mich in hochgelegenen Sturzbächen der Berge ausgebrütet wird, eine 1 at- sache, die der Referent nach seinen Erfahrungen im Taurusgebirge Kleinasiens bestätigen kann. D o f 1 e i n beschreibt eine besonders kleine Art der das Wechselfieber übertragenden Stechmücke mit 4 Flecken am vorderen Rand der Flügel (Anopheles superpictus), welche als Ueberträgerin der gefährlichen Art der Malaria tropica seu perniciosa in Betracht kommt. Auch von den Plagegeistern der Pferde und der Rinder, von Bremsen und Lausfliegen, von Zecken und Schmeissfliegen ist die Rede. Alle diejenigen, welche in verlausten Bahnen des Balkans reisen und in verwanzten Wohnungen dort über¬ nachten mussten, alle Aerzte, welche die völkermordenden Krankheiten dort zu bekämpfen hatten1, stimmen wohl darin überein, . dass einei Erschliessung der Länder des Balkans und des Orients für die Kultur und für den Handel eine Bekämpfung des Ungeziefers vorangehen muss. Eine solche kann aber nur dann erfolgen, wenn durch ernste Forschung die Lebesgewohnheiten und die Art der Verbreitung des Ungeziefers und die Möglichkeit erfolgreichen Kampfes gegen diese Tiere studiert wird. , . ... Das grösste Interesse beansprucht der Abschnitt, iw welchem mellt von Tieren und Pflanzen, sondern von den Menschen und den Men¬ schenrassen Mazedoniens die Rede ist. Kaum in einem anderen Teil Europas hat eine solche Mischung, eine solche Durcheinanderwürfelung der Völker stattgefunden wie auf dem Balkan. Dort finden sich Ser¬ ben Türken, Spaniolen, Kutzowallachen, Albaner, Bosnier. Dalmatiner, Griechen verlauste Zigeuner und Ueberreste der römischen Kolonisten in bunter Reihe. Das bulgarische Volk, das uns Deutschen bis zum Zusammenbruch und zur völligen Erschöpfung die Treue gehalten, ent¬ spricht keiner einheitlichen Rasse. Neben ausgesprochenen slavischen Typen mit dunklen Haaren und brünetter Hautfarbe trifft man schlitz¬ äugige Tatarengestalten mit vorspringendem Jochbogen. Doflein rühmt die guten Eigenschaften des harten bulgarischen Bauern Volkes, das moralisch und physisch gesund ist. Besonders betont er die An¬ spruchslosigkeit und den grossen Lerneifer der bulgarischen Soldaten. Er schildert aber auch die leidenschaftliche Eifersucht zwischen den slavischen Brüdervölkern, welche der Gründung eines ein h eitlicl Slavenreiches auf dem Balkan entgegensteht. Wenn auch den deutschen Waffen in Mazedonien kein dauern Erfolg bestimmt war, so liefert uns das vorliegende Werk doch eil Beweis dafür, dass die Tätigkeit der deutschen Forscher im Kriege die Erschliessung eines Landes, das bis vor kurzem zu den am weil sten bekannten Teilen Europas zählte, nicht vergeblich war. L. R. Müller- Erlangei Atrophie des menschlichen Hoch K. Goette: Beitrag zur Jena, Gustav Fischer, 1921. . G. verwertet zur vorliegenden Arbeit das Hodenmaterial der 1 bnrger Kriegssammlung und zahlreiche Wägungsergebnisse an w eitel Material. Je nach der Stärke der Veränderungen unterscheidet zwischen einer beginnenden Schädigung und einer Atrophie 1. 4. Grades. Die schwerste und gleichmässigste Atrophie trifft man schwerer Phthise und chronischer Sepsis mit Neigung zu Kachexie, ; besonders in Fällen, in denen die Erkrankung mit schlechtem nährungszustand kombiniert ist. Bei akuten Todesfällen dagegen bei Krankheiten des Gefäss- und Nervensystems konnte G. hi: logisch vielfach keine oder nur geringfügige Veränderungen festste Die primäre Schädigung findet am samenbereitenden Teil des Hod statt Leider führte G. keine exakten Mengenbestimmungen generativen Hodenanteil und Zwischengewebe aus, um diese Lr früherer Untersuchungen über das gleiche Thema auszufüllen. Die G. an einzelnen Stellen vorgenommenen approximativen Zahlungen L e v d i g sehen Zellen sind dazu nicht ausi eichend. - B. Romeis - Munche L Benedek und F. O. Porsche: Lieber die Entstehung N e g r i sehen Körperchen. Abhandl. a. d. Neurologie, Psychia Psychologie und ihren Grenzgebieten. Karger, 1921. Pieis 41) J ' Die von A Negri 1903 im Nervensystem an Wut verstürbe Tiere besonders in den Ganglienzellen des Ammomshornes, gefunde eigenartigen Gebilde sind nicht, wie Ihr Entdecker Klaubte die reger der Lyssa, sondern — wie schon eine Reihe anderer Nachun sucher betont hat — krankhafte Produkte der Zellen selber. Nukleolen jener Nervenzellen erfahren, wie die Verff. dies duren reiche Abbildungen darzutun suchen, eine Vermehrung gewisser, i normalerweise vorhandener Bestandteile; diese nehmen unter grösserung des Nukleolus als Ganzes die Form sphärischer Gebilde und werden schliesslich in den Zelleib ausgestossen Aehnliche, ; weniger ausgebildete Veränderungen der Kernkörperchen von Nen zellen kommen auch bei anderen Krankheiten gelegentlich vor. c Zerfall dieser Gebilde entstehen hie und da Bilder, welche an gesprungene Sporangien der Sporozoen erinnern können. Kraus-Brugsch: Spezielle Pathologie und Therapie inn Krankheiten. Urban & Schwarzenberg, Berlin und W Lieferung 182—214. L öh 1 ei n - Greifswald: Die Beziehungen des Auges zu inneren Krankheiten. Eine sehr ausführliche Behandlung dieser v tigen Beziehungen mit zahlreichen instruktiven Bildern. Dem bymr „Darmblutungen“ ist ein eigenes Kapitel von Sing er- Wien widmet. Nach der kurzen Abhandlung über Rachitis von Gz er Berlin bringt die Bearbeitung des Asthmas von Mora witz-ür wald, des Lungenemphysems von Sinn hu her- Königsberg namentlich der Lungenentzündungen von de la Camp- Frei, bürg erschöpfende Darstellung dieser Krankheiten, wie man sie sich i besser denken kann. Die letzten Lieferungen enthalten die Vollem des Kapitels Cholangitis putrida, Leberabszess und subphrems Abszess von U n g e r - Berlin. V o i t - Giesst Hermann Raut mann: Untersuchungen über die Norm, ihre deutung und Bestimmung. 6. Heft der Veröffentlichungen aus Kriegs- und Konstitutionspathologie. Jena, Gustav Fischer, 19, Ueber den Begriff der Norm ist man sich uneinig. Die einen stehen unter Norm in der Biologie die häufigst vorkommenden scheinungsfonnen eines Beobachtungsgegemstandes, wobei für Menschen die Zeichen des Gesundhaften inbegriffen sein müssen anderen, wie z. B. K. H i 1 d e b r a n d t. setzen Norm und Ideal g Im letzteren Fall verliert man den Boden unter den Füssen und biologischer Massstab werden soll, wird zu unerreichbarer Forde und unwirklicher Konstruktion. Eine eigenartige Mittelstellung ni eine dritte Gruppe von Normsuchern ein, nämlich diejenige. w< unter Auswahl gegebener, aber ausgesucht guter Exemplare verrn mathematischer Methoden einen Durchschnitt zu finden strebt, diesem Sinn hat vor 2 Jahren Geigel seinen „Kanon des jul deutschen Soldaten“ in dieser Wochenschrift (1919. Nr. 52) abgcl! In dieselbe Gruppe gehört in bezug auf Objekt und Methode die gezeichnete Arbeit H. Rautmanns. Sie ist dem Andenken 1 Theod. Fechners gewidmet; ihre Ergebnisse beruhen auf der Wendung seiner „Kollektivmasslehre auf Problemen der Patliologil besonderem der Konstitutionsforschung. Die mathematische Seitei Werkes wird der Mediziner wohl verstehen, aber im allgemeinen kritisch zu beurteilen vermögen. Es wird Sache der Mathematiken Fach sein, zu entscheiden, ob das von F e ebne r angegebene, logt mische, zweiseitige Gausssche Gesetz die beste Methode zur ] nerischen Bestimmung eines „Kollektivgegenstandes“ ist: K- m a n n behauptet seine besondere Eignung für biologische BeoS Februar 1922. MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT 209 jsrofhen. Die Kollektivgegenstände. seiner Beobachtung waren jergewicht, Körpergrösse, Brustumfang, Respirationsbreite. Herz- se (röntgenologisch), Pulszahl und Blutdruck bei jungen Männern. Messungen landen, wie bei Geigel, gelegentlich der Ausmuste- I 'für den Flugdienst während des Krieges statt. Wenn oben betont je, dass Rautmanns Norm auch etwas Idealisches anhaftet, so iht das eben darauf, dass zum Flugdienst sich nur die körperlich htigsten, häufig bereits durch mehrfache Musterung gesiebt, melden iten; auch meldete sich natürlich nur, wer es sich selbst zutraute, kommt Rautmann m. E. auch zwar zu einer Norm, aber nicht einer Durchschnitts-, sondern zu einer Musternorm. Fechner st hat als Vorbedingung einwandfreier Anwendung seiner Kollektiv¬ slehre gefordert, dass bei der Auswahl keine Nebenrücksichten und e Willkür Platz greife. Die Grenzen der Statistik liegen also in Statistiker und sein subjektives- Werturteil, das bei der Auswahl >er eine bewusste und unbewusste Rolle spielt, wird, je willkürlicher nge wendet ist, desto mehr den reinen, vielleicht fast absoluten Wert Methode schmälern. Ich will nicht damit sagen, dass die von u'tmann gefundenen Werte nicht die gesuchte Norm für sein erial. sondern nur, dass sie nic'ht die Norm schlechthin sind. Ein irf charakterisiertes und einheitliches Beobachtungsmaterial voraus- itzt, bietet die Fechn ersehe Methode, wie Rautmann zeigt, t folgende grosse und für den Nichtmathematiker überraschende iliichkeiten : es lässt sich mit ihrer Hilfe die normale Variationsbreite r biologischen Erscheinung (nicht nur ihre Mittelwerte) angeben, vermag ferner die Grösse der für eine sichere Berechnung nötigen ndzahl herauszisbringen und sie gestattet schliesslich auch die Grösse vorhandenen Fehler zu bestimmen. Bezüglich der Ergebnisse, die utmann mittels dieser Methode gefunden hat, sei auf die Schrift st verwiesen. In einem wichtigen Punkte scheint sie mir noch lie Zukunft zu weisen: in der Notwendigkeit und in der Möglich- . über die Normbestimmung der Einzelerscheinungen hinaus auch gegenseitigen Beziehungen rechnerisch zu erfassen. R. R ös sie -Jena. A. Poehlmann: Technik der Wassermann sehen Reaktion der S a c h s - G e o r g i - Reaktion. 2. Auflage. München 1921. Vlüller & Steinicke. Preis 9.60 M. Die zweite Auflage dieses ausgezeichneten, für Anfänger und Ge- : gleich wertvollen Hilfsbiichleins für die Untersuchungen nach ssermann hat der Verfasser mit gewohnter Gründlichkeit, aus hen Erfahrungen heraus dem Stande unseres Wissens angepasst. Abschnitt „Komplement“ ist ganz umgearbeitet, hinzugefügt ist die chreibung des Verfahrens nach Sachs-üeorgt und auch sonst kt man Seite für Seite die verbessernde Feder. Dass der Verfasser eigenes Verfahren, das bestimmte Abweichungen von sonst :hen zeigt, ausführlicher behandelt, gereicht der Arbeit nicht zum hteil. Wenn auch die Anleitungen des Reichsgesundheitsrates für Ausführung der Untersuchungen nach Wassermann nicht berüch¬ tigt sind, so behält das Buch für Untersucher, die nach der Anleitung ;iten, seinen Wert. Bei einer neuen Auflage dürften wohl die ein¬ reuten, unnötigen Fremdwörter zu beseitigen sein. Rimpau - Solln. John Grönberg: Rezeptur für Studierende und Aerzte. 2. ver- rte und verbesserte Auflage mit 18 Textfiguren. Berlin, pringer, 1920. 113 Seiten. Preis 14 M. Grönbergs Rezeptur, die bei ihrem ersten Erscheinen 1919 dig begrüsst und von der Kritik freundlichst beurteilt wurde, weist er neuen Auflage manche Verbesserung auf. Die Einschaltungen ner Versuche über Unlöslichkeit gewisser Pillenmassen im Danr.- d, Ungenauigkeit von Messgefässen etc. sind in Kleindruck gesetzt stören den Zusammenhang der Darstellung nicht mehr. Leider ist m. E. unhaltbare Einteilung der Alkaloide in: zu innerlichen und iusserlichen Zwecken, stehengeblieben. Das sehr praktische Büchlein, das sorgfältig durchdacht und frei veraltetem Kram und zweckwidrigen Arzneiverordnungen ist, kann >nders den Studierenden der Medizin bestens empfohlen werden. J o d 1 b a u e r. Öie Jene Tlcjnei 1530. Faksimiledruck mit einer quellenkritischen ersudnmg über die Geschichte des ältesten zahnheilkundlichen ckes von Dr. Gustav Budjuhn t. Vorwort von Prof. Dr. Karl dhoff, Geh. Medizinalrat. Verlag von Hermann Meusser, in 1921. 73 Seiten 8° (abgesehen vom Faksimiledruck). Die „Zenearznei“ von 1530 ist das älteste gedruckte Werk zahn- rundlichen Inhaltes, ein nettes populäres Werkchen mit allerlei guten schlügen und recht interessanten Angaben über Plombieren. Nerv- n usw. Das anonyme Büchüein ist zwar in 8 Auflagen gedruckt den, aber trotzdem eine grosse bibliophile Seltenheit. Auch neue Weisungen und ein von Richter 1891 besorgter Neudruck sind ier wieder vergessen worden, so dass die Wiederherausgabe in vor- ich schönem Faksimiledruck von grossem Werte ist. Sie wird so mehr anerkannt werden, als der geschichtliche Sinn bei den egen von der Zahnheilkunde sichtlich in raschem Wachsen begriffen Budjuhn, ‘ein gewesener Neuphilologe, dann Studierender der nheilkunde, der noch vor Erreichung des 30. Lebensjahres in ischer Weise sterben musste, hat die Geschichte des Werkchens der verschiedenen Drucke mit grosser Sorgfalt bearbeitet. Es ist grosses Verdienst von Sud hoff, dass er sich um die vorzügliche eit angenommen hat, sie mit einem' Vorwort versah und Dr. Curt 0 skauer empfahl, der sie als 2. Bändchen seiner „Quellen und Beiträge zur Geschichte der Zahnheilkunde“ erscheinen liess. Be¬ sonders dankbar müssen wir aber Sudhoff sein, dass er den Faksimile¬ druck beim Verleger anregte und auch die Titelblätter der späteren Auflagen reproduzieren Hess, so dass nun die Arbeit B u d j u h n s im richtigen Licht steht, als erläuterndes Nachwort zum Texte. So wird das Ganze, wie Sud hoff schön sagt, , zum würdigsten Denkmal für den so früh Geschiedenen“. Kerschenste i ner. K. E. Ranke und Chr. Silberhorn: Atmungs- und Haltungs¬ übungen. Mit 46 Abbildungen im Text. 2. Auflage, neu bearbeitet. 60 S. Verlag G m e 1 i n, München 1921. Die bereits in der ersten Auflage, besonders gegen schlechte Hal¬ tung und mangelhafte Brustkorbentwicklung, vom Arzt und Turn- fachmann durch gemeinsame Erwägungen und Feststellungen emp¬ fohlenen Uebungen haben sich in der Praxis bewährt. Ihre Auswahl und ihr Ausmass soll unter ärztlicher Ueberwachung stehen, was be¬ sonders für die nicht Gesunden gilt. Der Turnlehrer oder Heilgymnast kann und darf nicht allein1 die Verantwortung tragen. Unter diesem einzig richtigen Gesichtspunkt entstand das gute Büchlein, dessen zwei¬ tes Erscheinen durch neue, ausgeprobte Uebungen und weitere Bilder nach Naturaufnahmen vermehrt wurde. Doernberger. Das kleine Botanische Praktikum für Anfänger, Anleitung zum Selbststudium der mikroskopischen Botanik und Einführung in die mikroskopische Technik von Eduard Strasburger. 9. verbesserte Auflage von Max Koer nicke. 8°. 272 Seiten. 138 Holzschnitte und 3 farbige Bilder. Jena, Gustav Fischer, 1921. Broschiert 40.50 M. Das allbewährte Buch — die 9. Auflage spricht am deutlichsten dafür — wendet sich an alle diejenigen, die nicht Botaniker von Fach werden wollen, sich aber mit den Grundlagen der wissenschaftlichen Botanik aus eigener Anschauung vertraut machen möchten. In der neuen Auflage sind in mehreren Abschnitten Text und Figuren ent¬ sprechend den wissenschaftlichen Fortschritten geändert worden, einiges ist neu hinzugekommen. Für den wissenschaftlich tätigen Arzt, ganz besonders aber für jeden, der sich mit dem Pflanzenleben vertraut machen oder in dasselbe tiefer eindringen will, wird das äusserst prak¬ tisch angelegte Buch ein zuverlässiger und gründlicher Ratgeber sein. H. Ross- München. Zeitschriften-Uebersicht. Zeitschrift für physikalische und diätetische Therapie einschliess¬ lich Balneologie und Klimatologie. 1921. Heft 12. B o r u t t a u - Berlin: Ein Beitrag zur Ernährung der Nervensubstanz. Von 2 Kaninchen, die 30 Tage lang neben Grün- und Trockenfutter ein Präparat aus Tiergehirn und Rückenmark (F e i g 1 s „Promonta“) bekommen hatten, wurden die Organe analysiert und dabei ein absolut und relativ er¬ höhter Gehalt der Leber an ätherlöslichen Substanzen und Lipoidphosphor gefunden, ebenso des Gehirns und Rückenmarkes, dagegen nicht der Muskeln. Der von Fei gl beschrittene Weg zur Ersetzung verbrauchter Stoffe im menschlichen Nervensystem ist also richtig und gangbar. Philipp und C a r t h a u s - Bonn: Versuche über die Wirkung oszillierender Ströme auf Bakterien und Protozoen, insbesondere in Lösungen von Jodsalzen. Kulturen von Typhus, Koli, Diphtherie und Tuberkelbazillen konnten durch die kombinierte Wirkung von JNa und oszillierenden Strömen ab¬ getötet werden, bei Verwendung von Jodkalzium war das gleiche der Fall und auch schon der oszillierende Strom allein übte schon eine schädigende Wirkung auf Bakterien (Bact. proteus) aus. Es werden also die Elektrolyte der oszillierenden Ströme in der durchströmten Strecke frei und wirken hier auf Mikroorganismen, womit ein Weg gezeigt ist, im Innern des Körpers Arzneimittel zu zerlegen und damit stärker wirksam zu machen. W. S m i t t - Dresden: Die Beteiligung der Bauchdecken bei der Lumbago. Durch Beobachtung am eigenen Körper fand Verf., dass bei der Lumbago die Bauchdecken Sitz der Erkrankung sein können, wobei die kranken Stellen abnorm hart und druckempfindlich sind. Am besten wirkt hier Massage im Stehen, vorbeugend zweckmässige Unterkleidung, regelmässige Waschungen mit heissem (nicht kaltem) Wasser und Luftbäder. E. P e t e r s - Davos: Serumei Weissuntersuchungen im Hochgebirge. Gesamteiweissgehalt und prozentualer Globulingehalt des Serums blieb bei Gesunden unverändert, wurde bei Lungentuberkulösen vermindert, aber wahrscheinlich durch die Einwirkung der Krankheit, nicht der Höhenlage. J. S c h n e y e r - Gastein: Einige biologische Wirkungen des Bad¬ gasteiner Thermalwassers. Verf. fand, dass die Leukozytenzahl durch die künstlichen Emanations- büder stärker beeinflusst wird, als durch die Gasteiner Thermalbäder, was er durch die verschiedene Verteilung der Emanation, die bei den Thermalbädern gleichmässiger ist, erklärt. Es gelangen so in der Zeiteinheit nur sehr geringe Dosen in den Organismus. Während weiterhin hochdosierte Trinkkuren offenbar die Magensekretion nicht beeinflussen, fand Verf., dass durch das üasteiner Thermalwasser die Salzsäuremengen regelmässig vermehrt werden, weshalb auch Kranke mit Uebersäuerung die Trinkkuren dort schlecht ver¬ tragen. Er schliesst aus alledem, dass es verfehlt ist, die Hauptwirkung der Gasteiner Therme ihrem Gehalt an Radiumemanation zuzuschreiben, wie das vielfach geschieht. L. Jacob- Bremen. Archiv für klinische Chirurgie. 117. Band, 3. Heft. Hans Smidt: Röntgenologische Untersuchungen über das Verhalten des Magens während eines Galiensteinanfalles. Untersuchung von 8 Patienten. Es fand sich dabei eine hochgradige Steigerung des Tonus mit totalem oder regionärem Gastrospasmus, anfangs hochgradig gesteigerte Peristaltik bei bestehender Pylorusinsuffizienz, die allmählich in Ortho- oder gar Hypotonie und Aperistaltik übergeht. Häufig fällt diese Phase mit dem Abflauen des Anfalles zusammen. Aus diesem Wechsel resultiert eine erhebliche Verlängerung der gesamten Austreibungs¬ zeit. Bei Total-Gastrospasmen wurden gleichzeitig am Duodenum und Jejunum 210 MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT Nr spastische Zustände beobachtet. Die Darmpassage blieb unverändert Der Erregungszustand der Gallenblasenwand teilt sich reflektorisch dem Magen- Darmtrakt mit und führt zu diesen spastischen Erscheinungen, nach deren Abklingen ein Erschöpfungszustand eintritt. _ J. F. S. Esser: Schusterspanvcrbäiide bei Gesichtsplastiken. Meine Mittelungen. Qesichtsplastiken das Einsjnken von Nahtlinien und Verziehen von Lappen zu verhüten, verwendet E. an Stelle komplizierter Kopfkappen¬ apparate, an denen die Fadenzügel angebracht werden können, einen ent¬ sprechend geformten Schusterspanbogen von 40 cm Länge, der mit Mastisol und Mullbinden auf dem Kopfe befestigt wird. Mit kräftiger Nadel wird an der gewünschten Stelle der Seidenfaden durchgezogen und die Fadenzugei be¬ festigt. Mehrere erläuternde Abbildungen. Wildegans: Lieber Thoraxresektionen wegen veralteter Pleura¬ empyeme. (Bericht über das Material K ö r t e s.) _ . Unter 222 operierten Pleuraempyemen wurde bei 12 Patienten eine Thorakoplastik zur Ausheilung nötig, ferner noch bei 3 tuberkulösen Empyemen. Die Erfolge sind sehr gute. 12 von diesen Fällen heilten nach Ihorax- resektionen nach Schede fistellos aus. 2 tuberkulöse Empyeme wurden mit Fistel wesentlich gebessert entlassen. Ein 8 jähr. Mädchen starb 24 stun¬ den nach der Operation. Die Thorakoplastik wurde in der Regel in einer Sitzung und in einer Kombination von Lokalanästhesie mit Allgemeinnarkose durchgeführt. Resektion der ersten Rippe und Teile der Skapula sind nur ausnahmsweise notwendig. Entrindung der Lunge nicht empfehlenswert. Jie Erfolge bei tuberkulösen Empyemen sind nicht unerheblich ungünstiger. Die Thoraxresektion ist indiziert, wenn 3 Monate nach erfolgter Rippenresektion bei entsprechender Nachbehandlung die Höhle keine Neigung zur Ausheilung zeigt. Zur Kontrolle der Kapazität der starren Höhle wird Austastung der¬ selben mit einer Zinnsonde vor dem Röntgenschirme bevorzugt. Bei der Nachuntersuchung zeigte es sich, dass auch die Lunge an der erkrankten Seite an der Atmung teilnahm. J. F. S. Esser: Oben gestielter Arteria-angularis-Lappen ohne nautstiel. Mitteilung und Abbildungen einer Anzahl sehr gelungener Gesichts¬ plastiken (Nasen- und Unterliddefekte). Sie wurden erzielt durch Deckung mit peripher gestielten Insellappen (ringsum losgelöste Hautlappen, deren Stiel nur aus Gefässen besteht), die durch umgekehrte Zirkulation der Arteria angularis ernährt wurden. Wenn man auch an die peripher gestielten Lappen nicht die gleichen Ansprüche stellen kann wie an die zentral gestielten, so ist dem ersteren doch 3h bis % der Lebenskraft zuzuschreiben, die die letzteren aufweisen. William Boss: Beitrag zur Frage der embolischen Aneurysmen. Mitteilung zweier Fälle (eines Arrosions- und eines embolischen Aneurysmas). Erstere entstehen durch Arrodieren der Gefässwand durch infektiöse Prozesse, die von aussen her an umschriebener Stelle die Arterien¬ wand schädigen. Letztere kommen durch Bakterienemboli zustande, die von endokarditischen Klappenauflagerungen losgelöst werden und eine von den äusseren Schichten nach innen fortschreitende Periarteriitis setzen. Operative Behandlung kommt nur bei den Extremitätenaneurysmen in Frage, nicht bei denen der Bauchgefässe. Auch bei ersteren ist der Erfolg unsicher. Gerhard Wolff: Mammakarzinom während Gravidität und Laktation. Unter einem Gesamtmaterial von 214 Mammakarzinomen wurde in 13 Fällen die Erkrankung während der Gravidität und Laktation beobachtet (6 Proz.). Die in dieser Zeit auftretenden Karzinome zeichnen sich durch be¬ sondere Bösartigkeit- aus. In keinem Falle wurde eine Rezidivfreiheit von auch nur einem Jahre erreicht.. 3 dieser Fälle waren von Haus aus inoperabel. Das Auftreten von Karzinomen während der Gravidität und Laktation wurde besonders häufig bei polnischen Jüdinnen beobachtet, so dass vielleicht Rassen¬ eigentümlichkeiten eine Rolle spielen. Karl Schlaepfer: Ueber eine vereinfachte Methode der indirekten Bluttransfusion (B r o w n - P e r c y). Verfasser berichtet über die häufige Anwendung von Bluttransfusionen, die er in Amerika beobachten konnte und empfiehlt die indirekte Bluttrans¬ fusion nach Brown-Percy, an der er einige kleine Modifikationen ange- oracht hat. Beschreibung des Apparates und der Technik der Transfusion. Valentin-Müller: Intrapelvine Pfannenvorwölbung (Pelvis Otto- Chrobak). Mitteilung von 3 derartigen Fällen, die im Verlaufe von 2 Jahren be¬ obachtet wurden. Die Ursache dieses Leidens ist eine Herabsetzung der Widerstandskraft der Pfanne gegenüber dem andrängenden Schenkelkopfe durch Tumor, Tuberkulose oder pyämische Prozesse. Die akute Form dieser Erkrankung ist nach Henschen auf Gonorrhöe zurückzuführen. Symptome sind: Schmerzen, die meistens zuerst in der Wade beginnen und später zum Hüftgelenk hinaufziehen. Hinken, Bewegungseinschränkung, das Auftreten einer druckempfindlichen Resistenz oberhalb der Leiste, Abflachung der Trochanter¬ wölbung, fehlerhafte Hüftstellung, Stauchungsschmerz, Trendelenburg- sches Zeichen und vaginal oder rektal zu tastende intrapelvine Vorwölbung. Helmut Loebell: Hernia diaphragmatica spuria nach Schussver¬ letzung. Mitteilung eines Falles, in dem es durch Inkarzeration der Flexura coli sinistra in einer traumatischen Zwerchfellhernie zum Ileus gekommen war, der in mehrfachen Sitzungen operativ zur Ausheilung gebracht werden konnte. Rachil Friedmann: Ueber Diverticulltis des Dickdarms. Es wird über einen Fall von akuter eitriger Peritonitis' berichtet, die durch Perforation eines Graser sehen Divertikels der Flexura sigmoidea entstanden war. Kurze Besprechung der Aetiologie der Divertikel, der Diagnose und Therapie. ‘ Hohlbaum - Leipzig. Bruns’ Beiträge zur klinischen Chirurgie, red. von Q a r r e, Küttner, v. Brunn. 124. Bd., 3. Heft. Tübingen, L a u p p. 1921. D. Kulenkampf gibt aus dem Krankenstift Zwickau eine Arbeit zur Aetiologie, Diagnose und Therapie der sog. Pulsionsdivertikel der Speise¬ röhre. K. ist der Ansicht, dass man die Bedeutung der Muskulatur für den Entstehungsmechanismus überschätzt hat und dass man es mehr mit angeborenen Bildungen zu tun hat; auch die meist handschuhfingerartige Form der Divertikel, die sich nach ihrer Lösung aus ihren Beziehungen zpr Nachbar¬ schaft so elastisch zusammenziehen, dass sie ganz Gestalt und Grösse eines kleinen Fingers haben, spricht gegen die mechanische Entstehung, und sind die Oesophagusdivertikel, analog denen an Magen und Darm, als angeborene Bildungen aufzufassen. K. erörtert das Krankheitsbild und die Diagnose der Oesophagusdivertikel. bei denen die Röntgenographie das sicherste j gnostische Hilfsmittel ist und man die schwierige Sondierung unterla j kann. Die Behandlung muss eine operative sein. Das uirard sc ne Up tionsverfahren kann nur für kleine Divertikel in Frage kommen, die i o . mann sehe Operationsmethode billigt K. nicht, da dabei ein absterbe; \ Fremdkörper in der Wunde zurückbleibt, was zu Mediastinitis Anlass g«j kann; er plädiert vielmehr für Abtragung des durch einen Kragenschnitt bl gelegten und isolierten Divertikels mit folgender Naht, auf Paquelin und nl trag liehe Tamponade muss dabei verzichtet werden. Vorgängige (jaü stomie kann unterbleiben. K. verfügt über zahlreiche ohne Mageni geheilte Fälle, die er (z. T. mit Röntgenskizzen) anführt. Eine grosse lästigung ist der oft in den ersten 1 agen scheussliche Hustenreiz, det durch reichliche Kodeingaben (5 — 6 mal täglich 30 40 Tropfen einer 1 i Lösung) und Morphium (2—4 mal 0,02 in den ersten Tagen) bekämpft. Temperatur ist in den ersten Tagen oft wie nach Kropfoperationen erl K gibt die Krankengeschichten von 5 Fällen. Die Röntgenpausen geben i nur eine Vorstellung von der Grösse und Form der Divertikel sondern gen einige Besonderheiten, auf die K. speziell hinweist. Hans B u r k h a r d t berichtet aus der Marburger Klinik über emfa Pneumothorax und Sparmungspneumothorax, referiert über diesbezügliche versuche und empfiehlt zur Behandlung des Spannungspneumothorax eine subkutaner Thorakotomie in der Weise, dass man von einem kleinen schnitt aus abseits von diesem etwa mit einem Tenotom die Interko muskulatur auf eine Strecke von 3—4 cm durchtrennt und dann den Ein vernäht. Auch wo bereits Hautemphysem vorhanden ist. das'Ausstri der Luft aber ungenügend ist, käme solches Vorgehen in Betracht. Rudolf Ganz gibt aus dem Katharinenhospital Stuttgart einen Be zur Behandlung der akuten Pleuraempyeme, insbesondere des Grippeempy Er berichtet im ganzen über 93 Fälle, wovon 69 auf die Grippeepidemie fallen und teilt sein Material in verschiedene Gruppen: 1. die Empyeme denen vorangehend oder gleichzeitig eine Erkrankung der Lungen bei (19 Fälle, wovon 12 starben), 2. Empyeme ohne nachweisbare Lungenerl kung (13 Fälle, 2 +), 3. Empyeme, bei denen zuvor ein Eiterherd an anc Körperstelle bestand (metastatisch) (8 Fälle, 2^ t), 4. traumatische Emp> (10 Fälle, 3 t) und berechnet für die älteren Fälle eine Gesamtmortalität 34 Proz. Für die Grippeepidemie gerechnet G. für die 10 Frühoperii 50 Proz. Todesfälle, für die Spätoperierten (29 Fälle) 10 Proz., für a Empyeme 11 Proz. bzw. noch weniger. Er kommt zum Schluss, dass bei Empyemen besonders die Schnittmethode mit Rippenresektion die Met der Wahl ist (in Lokalanästhesie mit genügend grossem Schnitt, um t sicheren Abfluss des Eiters zu gewährleisten) und dass als Nachbehandlun} akutem Empyem die alten Methoden ebenso brauchbar sind, wie die n und wegen der technischen Einfachhheit vielfach vorzuziehen sind, insbesor beim Grippeempyem wegen der häufigen Komplikation durch massenh Fibringerinnsel. Bei den para- und metapneumonischen Grippeempyemen auf der Höhe der Krankheit nicht operiert, sondern soll zur Entlastung e mehrmals punktiert werden. Sobald es der Zustand des Kranken erl muss die Rippenresektion vorgenommen werden. J. Kaiser schreibt aus der Hallenser Klinik über kontinenten K after, eine neue Methode, Anus praeternat. femoralis; er bespricht die herigen Methoden kontinenten Anus praeter zu erzielen, erörtert die Pel und kontinenzfördernden Operationen am Kunstafter und schildert sein bestpn in Aethernarkose auszuführende Operation. L. D r ü n e r gibt aus dem Fischbachkrankenhaus Studien überl vorderen Bauchwandnerven und über die Bauchschnitte. I Leopold H e i d r i c h referiert aus der Breslauer Klinik über Ursache Häufigkeit der Nekrose bei Ligaturen grosser Gefässstämme und gibt ini jährlicher systematischer Zusammenstellung eine Uebersicht über 1276 turen mit 11.9 Proz. Nekrosen, Ligatur der Arterien allein mit 15,4 I Gangrän, der Venen allein mit 2,4 Proz.. 198 Ligaturen von Arterie und I mit 8.5 Proz. Gangrän. Die Häufigkeit der Gangrän nach in vorderster j vorgenommenen Ligaturen ist noch wesentlich undünstiger. Für Art. ca comm. und int., iliaca, femoralis und poplitea-Verletzungen ist, wenn ii möglich, die Naht der Ligatur vorzuziehen, denn wenn event. danach Thro sierung eintritt, doch mehr Zeit zur Ausbildung von Kollateralen bleibt. 13. Heile gibt aus dem Diakonissenhaus Wiesbaden einen Rückblic unsere Nervenoperationen mit Nachuntersuchungen, Bericht über die f (1917) nach der Operation mitgeteilten Fälle von Nervenoperationen mit gehen auf die einzelnen Nervenoperationen, die histologischen Befunde ( Beigabe farbiger Mikrogramme) etc. I Rud. R e i c h 1 e gibt aus dem Allerheiligenhospital Breslau eine A zur Frage des traumatisch segmentären Gefässkrampfes unter Mitteilung* 2 betr. Fällen, von denen besonders der 2. das deutliche Bid dieser neuer! beschriebenen Komplikation darbot und auch an der blossgelegten A| beobachtet wurde. Der traumatisch segmentäre Gefässkrampf entstellt i R. nicht nur nach Schussvcrletzungen, er ist auch nach stumpfen Ge| einwirkungen zu beobachten, ist teilweise identisch mit dem lokalen Vj stupor der früheren Kriegschirurgie, er kann auch gleichzeitig (wie der i 2. Fall) mit einer Gefässzerreissung auftreten. Auch bioptisch sichergelt Fälle von Gefässspasmus müssen daher sehr kritisch gewertet werden. K. Bachlechner gibt aus dem Zwickauer Krankenstift eine /j zur operativen Versteifung der Wirbelsäule bei tuberkulöser Spondy llti; beschreibt u. a. den günstigen Befund nach der A 1 b e e sehen Operatio; einem 8 Wochen nach derselben an Miliartuberkulose gestorbenen Kindtj Fauno Kolima gibt aus der Leipziger Klinik pathologisch-anatont Untersuchungen über operative Nearthrosen mit mikroskopischen und | logischen Befunden an 2 Ellbogengelenken, von denen das erste nach 1 M das andere 2 Jahre nach der Mobilisation obduziert wurde (unter Bi zahlreicher farbiger Mikrogramme und Zusammenstellung der Ergebnisse. Niedlich gibt aus dem Krankenhaus Fischbachthal eine Arbeit Querfortsatzfrakturen, worin er zu den 44 mitgeteilten Fällen 10 weiten teilt, bzw. Entstehung, Diagnose und Behandlung derselben berichtet.1 Röntgenaufnahme bleibt das einzige zuverlässige Untersuchungsmittel, ziiglich der Nachbehandlung betont N., dass ein Aufstehen je nach der Scli der Verletzung erst vom 21. Tag an erlaubt wurde, aber schon frühzeitii Massage, Bewegungsübungen im Bett (Beinheben etc.) begonnen wurde operative Entfernung eines Frakturstückes war im 1. Falle nicht nötig. Leute wurden meist in der 5. Woche nach der Verletzung mit einer Schor rente von 10 Proz. für 3 — 6 Monate zur Arbeit entlassen. Bettina Neuer bespricht aus dem Nürnberger Krankenhause die kungsweise des Optochlns bei postoperativen Lungenkompllkatlonen in Schluss an 118 Krankheitsfälle, pulinonäre Erkrankungen schlossen si 60,3 Proz. der Fälle an die Inhalationsnarkose, in 1,7 Proz. nach intravi Februar 1922. MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT 211 kos« und in 31,9 Proz. an Operationen in Lokalanästhesie an. N. berechnet 2688 Operationen überhaupt die Morbidität der Lungenkomplikationen 4,2, die Pneumoniemortalität mit 18,3 Proz. O. H. P e t e r s e n bespricht aus der Dortmunder Krankenanstalt die .'thorakale Oesophagoplastlk bei kongenitaler Oesophagusstenose unter Mit- mg eines betr. Falles. Hans Biedermann berichtet aus der Jenaer Klinik eine durch Darm¬ iktion geheilte primäre Phlegmone des Dickdarms mit Inversion der kalwand unter Mitteilung der betr. Krankengeschichte. Sehr. Zentralblatt für Chirurgie. 1922. Nr. 3. A. S a l.o m o n - Berlin: Zur Prognose und Heilung der Sehnennähte. Verf. weist darauf hin, dass die Resultate der Beugesehnennähte wesent- schiechter sind als die der Strecksehnennähte. Ursachen dieser Miss- lge bei der Naht der Beugesehnen sind teils in der Fixation der Sehne ler Sehnenscheide, in unregelmässigen Kallusbildungen, teils in dem Aus- ben der Kontinuität zu suchen; ferner heilen die Sehnen ausserhalb der nerischeiden mit Sicherheit auch ohne Naht zusammen, innerhalb der nenscheide nie; Bier führt dieses Ausbleiben der Vereinigung auf die /esenheit von hemmenden Hormonen, die aus der Synovia stammen, ick. Diese Bier sehe Theorie gibt uns einen Fingerzeig, wie wir bessere ungsvorgänge erzielen können; Entfernung der Sehnenscheiden im Bereich Sehnennahtstelle lässt im Tierexperiment gute Vereinigung der Sehnen- npfe eintreten. Auch beim Menschen ist die partielle Exzision der Sehnen- :ide angezeigt, welche eine mechanische Behinderung der Qleitfähigkeit :h den Sehnenkallus verhindert; frühzeitige Bewegungen sind daneben ;zeigt und nicht bedenklich, da Verwachsungen nicht mehr zu befürchten und die Sehne nach Exzision der Scheide nur mehr von Fettgewebe eben ist. Aurel C a n d e a - Temeswar (Rum.); Chyluszyste des Mesenteriums. Verf. schildert kurz einen Fall von kindskopfgrosser Chyluszyste im enterium; Exzision des Tumors samt dem entsprechenden Darmstück in form brachte rasch Heilung. Mit 1 Abbildung. V. 0 u s s e w - Ponjewesch (Litauen); Zur Therapie des Volvulus der ura sigmoidea. Als weitere (4.) Methode zur Therapie des Volvulus der Flex. sigm. gt Verf. die Ausschaltung der Flexur durch Invagination in Erinnerung, sich ihm gut bewährt hat. Die invaginierte, nicht mehr ernährte Flexur heint vor dem Anus und wird nach und nach abgestossen. V. E. M e r t e n s - München: Die breitfurchende Darmquetsche. Verf. hat eine breitfurchende Darmquetsche konstruiert, die die Ein- mng des nach Abbindung und Durchtrennung übrigbleibenden Bürzels entlieh erleichtert. Mit 1 Abbildung. R. M i 1 n e r - Leipzig : Zur Operation von Hasenscharten und Kiefer- ten. Bei einem komplizierten Fall von Lippen-Kieferspalte gelang es dem ., durch einen selbstkonstruierten elastischen Apparat, der aus 2 Ab¬ ingen leicht verständlich ist, den Zwischenkiefer zurückzuhalten und hzeitig den nach genügender Ablösung vernähten Lippenspalt zusammen- Üen. E. Heim- Schweinfurt-Oberndorf. Zentralblatt für Gynäkologie. 1922. Nr. 3. C. F 1 e i s c h m a n n - Wien: Myomentwicklung nach Ovarientransplan- ngf • Nach einer Ovarientransplantation bei einer 34 jährigen Amenorrhoischen ie Vergrösserung des Uterus, Entwicklung eines kleinen Myosm, Wieder¬ itzen der Menstruation nach 16 jähriger Pause beobachtet. E F. D r i e s s e n - Amsterdam : Zur Technik der Fibromyombehandlung Röntgenstrahlen. Bestrahlung in zwei Sitzungen. Nach 7 jähriger Erfahrung sind grosse Dosen und lange fortgesetzte Be¬ dungen zur Behandlung klimakterischer Blutungen und Fibrömyome un- ; und überflüssig. Es gelingt fast in allen Fällen bei Frauen über 40 Jahren w e i Serien mit einer Zwischenpause von 3 — 4 Wochen, also innerhalb ; Monats, den gewünschten Erfolg zu erreichen. Jede der beiden Sitzungen, prinzipiell post menstruationem stattfinden, dauert 1 — l'A Stunde, auf 1, er 4 Tage verteilt; im ganzen erhält die Kranke etwa 100 H oder 200 bis X; diese Dosis genügt, denn obgleich nach der zweiten Sitzung die >truation oft noch wiederkehrt, ist eine dritte Bestrahlung unnötig; fast Ausnahme tritt ohne weitere Röntgenbestrahlung Amenorrhoe ein. B. L i e g n e r - Breslau: Die Suggestivbehandlung in der Frauenheilkunde. Warme Empfehlung der Hypnose als Narkotikumsparer, bei Bettnässen, Dysmenorrhöe, bei Hyperemesis gravidarum und sogar zur schmerzlosen mg der Geburt und der Ausräumung beim Abort. Fr. L ö n n e und P. S c h u g t - Göttingen : Ueber das Vorkommen von therlebazillen in der Scheide. Auf Grund sehr ausgedehnter Untersuchungen lehnen Verfasser das Vor- ■nen von Di-Bazillen in der Scheide als häufig ab. In 45 Proz. der nalabstriche fanden sie Pseudodiphtheriebazillen, während echte Di¬ llen zu den allergrössten Seltenheiten gehörten. , D o e r f 1 e r - Regensburg: Ueber. die Indikation zur Ventrofixation. Im Gegensatz zu Hastrup und Albert verteidigt D. die Ventro- atlon- Er schildert genau die von ihm seit 28 Jahren mit Erfolg be- e Methode, die in einer besonderen Fixation der Ligg. rotunda gipfelt, bespricht eingehend die Vorzüge und Indikationen dieser Methode. Werner- Hamburg. Archiv für Kinderheilkunde. 70 Band, 3. Heft. C. Noeggerath und H. S. R e i c h 1 e - Freiburg i. B.: Bestimmung 'Peziftschen Gewichtes in wenigen Tropfen Harn. Die Methode lehnt sich an die von Hammer schlag zur Bestimmung spez. Gewichtes des Blutes an. Man kommt mit wenigen Tropfen aus. ueres ist im Original nachzusehen. , Klein, Erich Müller und M. S t e u b e r - Berlin: Beitrag zur "IS “es energetischen Grundumsatzes bei Kindern. Die Autoren kommen auf Grund ihrer Untersuchungen an Knaben von Jahren zu dem Schluss, dass die Ansichten von Benedikt und o t nicht stichhaltig sind. Sie schliessen sich vielmehr der älteren ü an, dass auch bei jungen Säuglingen der Grundumsatz dem Rubner- uesetz der Wärmebildungskonstante entspricht. Rudolf M a y • r - Freiburg i. B.: Kalziumbestimmungen im Serum Ge¬ sunder, Rachitischer und Spasmophiler, sowie nach Adrenaliiivorbehandlung. Es wurden Serumkalziuinbestimmungen nach der Methode de Waards vorgenommen. Die Normalwerte im Säuglingsalter, 10,8—11,8 (Mittel 11,25), entsprechen denen des späteren Kindesalters, 10,9—12,0 (Mittel 11,38), sind sehr konstant und von der Nahrungsaufnahme unbeeinflusst. Bei der Rachitis finden sich im akuten Stadium leicht bis stark erhöhte Werte, die sich im Laufe der Rekonvaleszenz schnell zu tiefen subnormalen Werten senken, um sich langsam wieder zur Norm zu erheben. Dieser Umschlag vollzieht sich unter täglicher Quarzlampenbestrahlung sehr schnell. Ein Zusammenhang zwischen Gesamtserumkalzium und positivem Fazialisphänomen besteht nicht. Adrenalininjektionen rufen keine Veränderungen des Gesamtserumkalzium¬ gehaltes hervor. O. L a d e - Düsseldorf : Ueber das Bilirubin im Blute Scharlachkranker. ln der ersten Woche findet sich regelmässig ein über die Norm erhöhter Gallenfarbstoffgehalt vor. In den meisten Fällen trägt das Bilirubin nicht den Charakter des Stauungsbilirubins. In einzelnen Fällen wird Stauungsbilirubin gefunden, dessen Ursache in einer Drosselung der Gallenausführgänge durch portale Drüsenschwellung beruht. Emma Stelling- Kiel: Untersuchungen über Meningitis. Die Arbeit behandelt in der Hauptsache die Mortalität, die jahreszeitliche und lokale Verbreitung in Kiel. St. Engel und Grete Katzenstein: Versuch einer Morbiditäts¬ statistik der Rachitis. Es handelt sich um eine Massenstatistik auf der Grundlage individualisti¬ scher Erhebungen. Dabei werden 4 Stärkegrade der Rachitis unterschieden und dazu die Lauffähigkeit als leicht erfassbares Merkmal genommen. In den 750 untersuchten Familien mit 1384 Kindern fanden sich 10 Proz. mit schwerer und sehr schwerer Rachitis. In Dortmund sind danach zurzeit etwa 9000 Kinder allein der Rachitis wegen fürsorgebedürftig, etwa 5000 von ihnen sind in solchem Zustand, dass mit energischen Mitteln eingegriffen werden muss. Die Bedeutung des Pauperismus tritt dabei deutlich hervor. Je geringer der Raum ist, welcher dem einzelnen Individuum zur Verfügung steht, um so stärker herrscht die Rachitis. Hecker- München. Jahrbuch für Kinderheilkunde. Band 96. Heft 6. R. Blühdorn und F. Loebenstein: Die Mageninsuffizienz im Säuglingsalter als selbständiges Krankheitsbild. (Aus der Universitäts-Kinder¬ klinik Göttingen (Dir. Prof. Dr. F. Goepper t].) Die Verfasser schildern in der vorliegenden Arbeit eine bislang wenig beachtete motorische Funktionsstörung des Magens im Säugliingsalter mit Appetitlosigkeit und gelegentlichem Erbrechen mit stark verlängerter Ver¬ weildauer des Nahrungsinhaltes im Magen. Diese Fälle wurden primär bei konstitutionell minderwertigen und debilen Säuglingen mit vermindertem Turgor und Muskeltonus beobachtet, ferner im Anschluss und in der Rekon¬ valeszenz akuter Ernährungstörungen besonders häufig nach Ruhr, endlich auch nach fieberhaften Infektionen des Säuglingsalters jeglicher Art, wie Grippe, Pyelitis, Pneumonie u. a. m. Als Therapie wird die Spülung des Magens mit 150 200 ccm Lullusbrunnen oder Emserwasser empfohlen und kleine Mengen gezuckerter Buttermilch (300 — 400 ccm pro die) ansteigend. E. Stransky und O. Weber: Konstitutionspathologische Betrach¬ tungen zur exsudativen Diathese. (Aus der Universitäts-Kinderklinik in Berlin.) Besteht im Säuglingsalter vorläufig noch keine Möglichkeit, an der Hand der Symptome der mit exsudativer Diathese behafteten Kinder auf die Pro¬ gnose und weitere Entwicklung schliessen zu können, und schwinden auch bei der überwiegenden Mehrzahl der Fälle alte pathologischen Symptome, so bleibt doch eine nicht zu unterschätzende Zahl von Kindern übrig, bei denen die abnormen Reaktionen auf normale Reize auch während der späteren Lebensabschnitte krankhafte Erscheinungen hervorrufen. Robert Quest: Zur Frage der Pathogenese der Polioencephalitis epi¬ demica. (Aus der inneren Abteilung des St. Sophien-Kinderspitals in Lemberg.) Quest konnte in der Lumbalflüssigkeit bei Poliioencephalitis epidemica mit der intrakutanen Autoseroreaktion einen Antigenkörper nachweisen: der¬ selbe schwindet in der Rekonvaleszenz. Bei protrahiert verlaufenden Fällen fehlt diese Reaktion, wahrscheinlich wegen Mangel der entsprechenden Anti¬ körper. Im Beginn der Erkrankung erleichtert die Reaktion die Diagnose. Schnelles Verschwinden einer stark ausgesprochenen Reaktion erlaubt eine gute Prognose zu stellen. R. de Josselin de Jong und B. P. B. Plantenga: Ueber die Aetiologie des sogen. Megacofon congenitum (Hirschsprung sehe Krank¬ heit). (Aus der Klinik für Säuglinge im Haag und dem pathologischen Institut der Universität Utrecht.) Kasuistische Mitteilung. Literaturbericht, zusammengestellt von Hamburger - Berlin. O. Rommel- München. Archiv für Psychiatrie und Nervenkrankheiten. 1921. 64. Band, 3. Heft. Alfred Wich mann: Zur Differentialdiagnose zwischen Dementia praecox und Hysterie bzw. Psychogenie. (Aus der psychiatr. und Nerven- klinik zu Königsberg i. Pr.) An Hand emes lehrreichen Falles wird gezeigt, wie gross mitunter die diagnostischen Schwierigkeiten sein können. In manchen Fällen lässt sich weder aus dem ,, Querschnitt“, noch aus dem „Längsschnitt der Psychose“ hinsichtlich der Differentialdiagnose ein sicheres Urteil fällen. Rudolf G a n t e r - Wormditt i. Ostpr.: Ueber Sterblichkeitsverhältnisse und Sektionsbefunde bei Epileptischen und Schwachsinnigen. Die Epileptischen sterben etwas häufiger an Pneumonie als die Schwach¬ sinnigen, die ihrerseits mehr der Tuberkulose erliegen. An dritter Stelle steht als Todesursache bei den Epileptischen der Status. Die Seltenheit des Krebses erklärt sich wohl aus dem verhältnismässig frühen Tod der Kranken. In etwa der Hälfte der Fälle von Epilepsie und Schwachsinn wurde eine chronische Leptomeningitis gefunden. Die Häufigkeit des Vorkommens von Mikrogyrie ist bei Epileptischen und Schwachsinnigen annähernd gleich. Bei den Epileptikern fand sich in 9,8 Proz., bei den Schwachsinnigen in 8,5 Proz. Porenzephalie. Bei der Epilepsie kann man im allgemeinen mit einer Krank¬ heitsdauer von etwas über 20 Jahre rechnen. Der grösste Prozentsatz der Schwachsinnigen stirbt im Alter von 11—20 Jahren. G. Meyer: Paranoische Formen des manisch-depressiven Irreseins. (Aus der psychiatr. und Nervenklinik Königsberg i. Pr.) 212 MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT, Nr. t Die paranoischen Formen des manisch-depressiven Irreseins sind relativ selten. Zweifellos muss eine endogene Veranlagung als ürundlage für sie angenommen werden. Die Wahnbildung beim manisch-depressiven Irresein folgt den gleichen Aufbaumechanismen wie die Wahnbitdung überhaupt, nur ist vielleicht die Wahnbildungsmöglichkeit grösser. Diagnose und Prognose können in der Regel als gesichert gelten, wenn der Nachweis wesentlicher manisch-depressiver Züge gelingt. Aus der Struktur der Wahnideen allein wird eine Unterscheidung zwischen manisch-depressivem Irresein, paranoischen Psychosen und Dementia praecox nicht immer zu ermöglichen sein. Solange wir noch nicht in der Lage sind, durch Auffindung anatomisch-pathologischer und chemischer Substrate die Klassifikationsfragen zu vereinfachen, müssen wir bestrebt sein, das Zusammengehörige in eine Entwicklungsreihe zu bringen und in jedem Falle zu den seelischen Elementarv^gängen vorzuschreiten. Zur Erläuterung werden 3 einschlägige Fälle beschrieben. Andreas Kluge: Affektänderungen. (Aus der ungarischen psychiatr.- neurol. Universitätsklinik Pressburg.) (Mit 17 Textabbildungem) Ergebnisse: 1. Aufstellung des Begriffes Intellektuahtät gegenüber der Affektivität. 2. Systematisierung der verschiedensten Affektanderungen. 3. Konstatierung des Lenkungsaffektes bei den willkürlichen Quantitats- änderungen der Affektivität. . . . ........ S. Galant: Praktische Intelligenz und moralische Imbezillität. Uvut 6 Textabbildungen.) . . . . . . Der praktische Sinn ist etwas, das mit der Intelligenz gar nicht fest ver¬ bunden ist und sich nebeh einer verhältnismässig niedrigen Intelligenzstufe mit Erfolg betätigen kann. Das Primäre bei einer erfolgreichen praktischen Betätigung ist der praktische Sinn, dem später die Intelligenz zu Hilfe kommen kann, um ihn weiter und fruchtbarer zu entwickeln. Es gibt somit streng genommen keine praktische Intelligenz, sondern einen praktischen Sinn, dem die Intelligenz zu Hilfe kommen kann. Auch bei der sog. moralischen Imbezillität wird fälschlicherweise geglaubt, dass die Intelligenz dabei die wichtigste bzw. die Hauptrolle zu spielen hat. Der moralisch Imbezille soll irgendwie intellektuell defekt sein, wenigstens in bezug auf die moralischen Begriffe. Es gibt aber keinen streng abgegrenzten intellektuellen Massstab für moralisch' und unmoralisch. An dem Lebenslauf eines Verbrechers soll gezeigt werden, dass man ihn trotz allein moralisch nennen muss, weil er einsieht, dass er unmoralisch handelt, moralisch handeln will, es aber infolge seiner Neigung zum Trunk, seiner erblichen Belastung und Charakterschwäche nicht kann. In einem über Moral und Recht handelnden Schlusskapitel wird dafür eingetreten, das Strafrecht so mild wie nur möglich zu gestalten; es soll mehr zur Mahnung als zur Strafe dienen und über Geldbussen und Internierung in Irrenanstalten für Verbrecher nicht hinausgehen. Bücherbesprechungen. Anzeige des Kaiserin-Auguste-Viktoria-Hauses in Charlottenburg betr. Aufnahme nervöser (neuro- bzw. psychopathischer) Kinder in Arztfamilien. Germanus F 1 a t a u - Dresden. Klinische Wochenschrift (Fortsetzung der Therapeutischen Halb¬ monatshefte und der Berl. klin. Wochenschrift). 1922. Nr. 1. Erich M e y e r - Göttingen: Ueber Herzgrösse und Blutgefässfüllung. Es wird hervorgehoben, dass die Grösse oder Kleinheit des Herzens auch in Beziehung steht zur Füllung des Gefässsystems, sei es, dass es sich um echte Plethora oder aber um Verminderung der Blutmenge handelt. Beim Kollaps verkleinert sich das Herzvolumen infolge der ungünstigen Verteilung der Blutmenge, bestimmte Beziehungen ergeben sich auch bei Blutverlusten bzw. Blutentziehungen, wie Tierversuche ergaben. Der Regulationsmechanis¬ mus zwischen Herzgrösse und Blutmenge ist nicht vom Vasomotoren¬ zentrum abhängig, wie nachgewiesen wurde. Aus den verschiedenen Stadien der Herzgrösse bei Anämie erhellt am deutlichsten die Abhängigkeit der Herzgrösse einerseits vom Füllungszustand, anderseits vom Zustande der Herzmuskulatur. Im Anschluss an klinische Beobachtung und experimen¬ telle Ergebnisse rät M., statt der physiologischen Kochsalzlösung sich bei nötig werdenden Infusionen des Normosals zu bedienen. Für die ärztliche Praxis ist zu beachten, dass Kleinheit des Herzens durch Blutleere, Ver- grösserung durch Plethora bedingt sein kann. Beobachtungen in dieser Richtung am Menschen zeigen, dass bei Mensch und Kaninchen im Prinzip die gleichen Anpassungsvorgänge an die Blutmenge vorliegen. V. S c h in i e d e n - Frankfurt a. M.: Gegenwart und Zukunft der Magengeschwürschirurgie. Bei der kritischen Besprechung der z. Z. in dieser Hinsicht geltenden Grundsätze kommt Verf. zur Forderung, dass die zerstörende Chirurgie des Magenkarzinoms nicht auf die Therapie des Geschwüres übertragen werden darf und dass der Chirurg den Forderungen des Einzelfalls gerecht werden muss, wie sie sich aus dem Studium der gestörten Mechanik, der veränderten Innervation und Sekretion ergeben. Die Chirurgie des Magengeschwürs ist noch im Flusse. E. A b d e r h a 1 d e n - Halle a. S.: Ueber das Wesen der Innervation und ihre Beziehungen zur Inkretbildung. Inkretstoffe, d. h. von bestimmten Organen, wie Schilddrüse, Thymus herstammende Stoffe sind von wesentlichem Einfluss auf die Muskulatur der kleinen Gefässe. Schilddrüsenstoffe vermögen die Oxydationen in den Zellen zu steigern. Das Zuckerzentrum wirkt nicht direkt auf die Leber ein, sondern auf dem Wege über den Sympathikus auf die Nebennieren, welche einen bestimmten Stoff in die Blutbahn abgeben, welcher dann seinerseits die Leberzellen beeinflusst. Die Zusammenhänge sind also oft viel ver¬ winkeltere, Nervensystem und die Wirkung solcher Inkretstoffe stehen in Wechselwirkung. M. H. K u c z y n s k i - Berlin: Leberbefunde bei fleckfieberkranken Ka¬ ninchen. Bei Kaninchen, welche mit Fleckfieber infiziert wurden, findet man be¬ stimmte Veränderungen innerhalb der Leberzellen, welche man als erkenn¬ bare Aeusserungen des betreffenden Virus bezeichnen muss, welcher den endothelialen Apparat in bestimmter Weise angreift. Die Endothelien zeigen einen gewissen Reizzustand. Das Virus wächst und vermehrt sich in solchen Zellen, diese sind zugleich die Wiege und das Grab der Fleckfieberinfektion. G. Bucky und H. G u g g e n h e i m e r - Berlin : Steigerung der Knochenmarksfunktion durch Röntgenreizdosen. Ein 4 Jahre bisher verfolgter Fall von perniziöser Anämie, in welchem wiederholt durch Röntgenbestrahlung Remissionen erzielt werden konnten, beweist, dass wir unter gewissen Voraussetzungen — erhaltene Reaktions¬ fähigkeit des Markes und richtige Dosierung — in den Röntgenreizdosen ein mächtiges Stimulans für die Regeneration von Erythrozyten besitzen. Vergl die Tabelle im Original. Ebenso die Angaben über die I echmk der Bestrah lungern Kauf{mann und Marg. W i n k e 1 - Frankfurt a. M.: Entzündun und Nervensystem. , . , , . . . n Verf. konnten einen Kranken beobachten, bei welchem nach oraler Dar reichung von Jodkali eine entzündliche Reaktion ausschliesslich jener Ge webspartien auftrat, welche das Innervationsgebiet eines erkrankten pen pheren Nerven ausmachen. Es scheint die Annahme nahezuliegen, das durch die mit Sensibiiitätsstörungen und anhaltenden Reizerscheinungi* einhergehende Erkrankung des Nerv, ischiad. im betr. Falle „verändert Zustandsbedingungen.“ im Sinne von Tschermak für das betr. Körper gebiet eintraten, eine gewisse Ernährungsstörung der Gewebe, welche da Auftreten der dcrmatitischen Erscheinungen begünstigen. Es entsteht als durch diese supponierte Zustandsänderung eine besondere Reaktionsart dt betr. Gebietes. . , , _ .... W. Frei und Rud. S p i t z e r - Breslau: Zur Koinzidenz von Syphili und Tuberkulose. Symbiose in Lymphdrüsen. In 2 Fällen fistelnder Halsdrüsentuberkulose wurden nach einer luet sehen Infektion in den tuberkulösen Drüsen Spirochäten gefunden; bei einei Fleischer wurde unter einer frischen Lues eine Bovinusinfektion der beidci seitigen Kubitaldrüsen manifest. In 2 von diesen 3 Fällen wurden Tuberke bazillen und Spirochäten nebeneinander in derselben Drüse nachgewiesei bei 8 Luesfällen mit stark vergrösserten, klinisch nicht tuberkulös vei dächtigen Drüsen konnten zwar Spirochäten, aber nicht Tuberkelbazillen ii Drüsenpaket nachgewiesen werden. In Tierversuchen beeinflussten Lut und Tuberkulose sich nicht in ihrem Verlaufe. E. C z a p s k i - Jena: Ueber Zuckertage in der Behandlung der klm liehen Nephritis. In 2 näher mitgeteilten Fällen besserten sich durch eingeschobene Zucke tage die Diurese und urämischen Erscheinungen, im späteren Verlaufe zeigte die Zuckertage keinen nennenswerten Einfluss mehr auf den Verlauf. Ir der Zucker im Organismus vollständig verbrannt wird, so stellt die Zucke auflösung in Flüssigkeiten an die kranke Niere keine höheren Anforderung! als die Flüssigkeit allein, so dass eine Schonung erfolgt und die Möglichkc einsetzt, sich der angesammelten Mengen von CINa und N leichter zü en ledigen. . K. Hellmuth- Hamburg-Eppendorf: Unsere Ergebnisse inlt de neuen Verfahren zur Prüfung der Gefässfunktion von Morawttz Ul D e n e c k e in der Geburtshilfe. Nach dem Ausfall der Untersuchungen kann dieser Methode eine grosse diagnostische oder prognostische Bedeutung bei der klinischen Beurteilui der Nephropathien und Eklampsien nicht zugemessen werden. - F r e u d e n b e r g - Heidelberg: Die Bedingungen der Grünfärbung v< Säuglingsstühlen. . Wenn bei Ernährungsstörungen des Flaschenkindes ein grüner Stu entleert wird, so hat das zur Bedingung, dass im Darm lebhafte Gärui herrscht. Ist der Stuhl grün bei alkalischer Reaktion, so ist anzunehmc dass in höheren Darmabschnitten Gärung upd Säuerung herrschen. J O. Loewi: Weitere Untersuchungen über humorale Uebertragbarki der Herznervenwirkungen. Durch neue Versuche an Kröten konnte Verf. zwingend beweisen, da die bei Nervreizung im Herzinhalt auftretenden erregenden Stoffe schon ei stehen, ehe der mechanische Erfolg der Nervreizung zur Geltung komn Die Nervreizung veranlasst direkt das Auftreten von chemischen Stoffen, c ihrerseits erst die Ursache dessen sind, was man im Anschluss an die Ner reizung sieht. Diese Stoffe sind organischer Natur. G. Embden und H. Lawaczeck: Ueber die Bildung anorganisch Phosphorsäure bei der Kontraktion des Froschmuskels. Unterbricht man die chemischen Vorgänge im Muskel im Kontraktioi augenblick so rasch als möglich, indem man ihn plötzlich in flüssige D versenkt und so zum Gefrieren bringt, so enthält er mehr anorganisc Phosphorsäure, als der entsprechende Muskel der anderen Seite, der t schlaffen und kurze Zeit ausruhen konnte. H. Lange und B. W. Müller: Untersuchungen über Narkose. Aus den Versuchen, nach welchen während des Bestehens einer Narkc der Erhöhung der Permeabilität der Muskeln eine Herabsetzung der Durc lässigkeit vorausgeht, geht hervor, dass weder der Zustand vermindert noch jener vermehrter Permeabilität an sich als die eigentliche Ursache c Narkose in Betracht kommt. Rahnenfuhrer: Brown-Sequard sehe Halbseitenläsion e Halsmarkes. Kasuistische Mitteilung. Br. Valentin: Sarkom des Kalkaneus. Kasuistische Mitteilung, 24 jähr. Frau betreffend. J. Z a p p e r t - Wien: Die Behandlung der Enuresis. Fortsetzung folgt. A. .1 u c k e n a c k - Berlin : Der Einfluss des Krieges auf die Mil» erzeugung und Milchversorgung. Besprechung statistischer Verhältnisse in dieser Frage, sowie < während des Krieges vor allem in Gross-Berlin durchgeführten Massnahn zur notdürftigen Versorgung der Bevölkerung mit Milch oder Milchprodukt A. Gott st ein: Standesangelegenhelten. < Als die wichtigste Standesfrage muss heute der Kampf um die /| erkennung der Bedeutung des Standes für das allgemeine Volkswohl gelt! es genügt nicht, nur den Umfang unseres Wissens und Könnens immer m<: zu erweitern. Grassmann - München! Medizinische Klinik. Heft 4. Ben t hin: Die Genese und Therapie der genitalen Blutungen. Fortbildungsvortrag. W. Stekel: Grenzen, Gefahren und Missbrauche in der Psychanab ln Voraussicht des drohenden Massenbetriebs in der Analyse m:ö Verfasser auf die Gefahren eines solchen Zustandes aufmerksam und erla nur dem wirklich Fähigen die Ausübung analytischer Tätigkeit. Ausserd! muss dieser eine gründliche medizinische Bildung und genaue Kenntnis Neurologie besitzen. Ein weiteres Erfordernis ist eine umfassende Bildu besonders eine genaue Kenntnis der Literatur. Im Zusammenhang mit d; Problem des Massenbetriebes macht Verfasser auf die sog. sekundäre o1 postanalytische Verdrängung aufmerksam. Es kann eben nicht jeder Neuroti geheilt werden; er muss den Willen zur Gesundheit haben und dazu m ebruar 1922. MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCflfcNSCHRIF 213 zogen werden. Die Vernachlässigung dieser grundlegenden Tatsache zur analytischen Neurose. Im ganzen wird aus dem Artikel klar, wie die Verantwortung des Analyse treibenden Arztes ist. Jmfrage über die neue Influenzaepidemie. Nichts wesentlich Neues, 'abry und W o I f f : Ueber die Behandlung der Syphilis mit Neo-Silber- rsan und andere Probleme der Salvarsanbehandlung. lemerkungen zur Verträglichkeit und Wirkung des Neo-Silber-Salvarsans, ombinierten Behandlung mit Salvarsan und Quecksilber, zur Behand¬ ler Salvarsandermatitis, über den sog. Salvarsanikterus. I. Brock: Feststellungen an 42 Fällen liquorkontrollierter, klinisch cbteter Nervenlues. Zu kurzer Wiedergabe nicht geeignet. (. Oerson: Zur lokalen Anästhesierung. lestreichen der Haut mit konzentrierter Karbolsäure bewirkt hinreichende hesie zu Injektionen, zur Naht von Wunden, zur Entfernung von kleinen umoren und Inzision von Furunkeln. Schäden wurden nicht gesehen, keine Narbenbildung. L Linhard: Haut„knopf“löcher. n Anlehnung an die Perforation des Ohrläppchens zum Tragen von igen wird vorgeschlagen, gleichartige Hautknopflöcher anzulegen, um bei ps die grossen Labien, um bei Analprolaps beide Skrotalhälften, bei ti usw. zwei Hautfalten mit hantelförmigen Knöpfen zusammenzuhalten olche Körperöffnungen vorübergehend zu verschliessen. '.Holzer: Zusammentreffen von Poliomyelitis acuta anterior adultorum erforierender Appendizitis. )er Fall, ein 17 jähr. Mädchen, bot wegen seiner Komplikationen erheb¬ diagnostische Schwierigkeiten, die erst autoptisch geklärt werden en. i. Hirsch: Ueber Herzstörungen beim Scharlach. )ie nach Scharlach unabhängig von der Schwere der Primärerkrankung tenden Herzstörungen sind durch Endo- und Myokardschädigung zu- en mit Vasomotorenlähmung bedingt. Die organischen Veränderungen en höchstwahrscheinlich auf einer Streptokokkenmischinfektion. ). Marlinger: Todesfall nach einmaliger Novasurolinjektion. ). Singer: Schweinerotlauf beim Menschen. .. Katz: „Sirius“, der neue Durchleuchtungsschirm, legründete Empfehlung. V. F. Winkler: Neuere Erfahrung mit der 3. Modifikation der :ke-Reaktion (D. M.). )ie D. M. kann durchaus empfohlen werden zusammen mit der WaR.; idessen nur ein Verfahren angewandt werden, so ist nach wie vor der der Vorzug zu geben. llühdorn: Die akuten infektiösen Magen-Darmerkrankungen des ngsalters. Bemerkungen zur Diagnose, Verlauf und Therapie der Ruhr des Säug- und späteren Kindesalters. S. leutsche Medizinische Wochenschrift. 1922. Nr. 1 und 2. i. S t r ü m p e 1 1 - Leipzig: Zur Charakteristik der gegenwärtigen pie. ingeregt durch die Einführung der Antisepsis, die augenscheinlichen Er- auf dem Gebiete der Antipyrese, die Forschungen der Bakteriologie, 'kenntnis von dem Werte der inneren Sekretion, endlich durch die Ent- lung der Psychotherapie, ist dem Zeitalter eines mehr oder weniger ngenen Nihilismus in der Therapie eine fast ins Unübersehbare ge- rte Aktivität gefolgt. Unter Zugrundelegung des Erfolges für den en ist zu unterscheiden zwischen notwendiger, nützlicher, unnötiger chädlicher Therapie. Während die Zahl der unbedingt notwendigen ittel verhältnismässig gering ist und je nach der persönlichen An- mg des Arztes gewissen Schwankungen unterliegt, sind die Möglich- für eine nützliche Therapie ausserordentlich reich geworden. Eine ge Therapie sollte um so sorgsamer vermieden werden, weil sie nicht selten auch zur schädlichen Therapie wird, die sich von selbst verbietet, r. Kraus- Berlin : Konstitutionstherapie, luss in der Urschrift nachgelesen werden. 1. H e r t w i g - Berlin: Der jetzige Stand der Lehre von den Chromo- . Uebersicht. i o 1 d s c h e i d e r - Berlin : Die Behandlung der chronischen Kreislauf- che (unter vorwiegender Berücksichtigung der physikalisch-diätetischen den). leferat, erstattet im Verein f. Inn. Med. u. Kindhlk. in Berlin am f; 1921; (Bericht in Nr. 49 der M.m.W.). Schluss folgt. . K 1 e m p e r e r - Berlin: Ueber den gegenwärtigen Stand der Tuber- ehandlung. Uebersicht. I. H i 1 d e b r a n d - Berlin: Ueber den gegenwärtigen Stand der opera- Behandlung des Kropfes. V. K o 1 1 e - Frankfurt a. M.: Ueber Neosilbersalvarsan und die chemo- eutische Aktiviernug der Salvarsanpräparate durcli Metalle. leosilbersalvarsan ist ein durch die Einfügung der Silberkomponente irtes chemisch stabilisiertes Neosalvarsan; es ist stark wirkend, leicht und wird gut vertragen. ■ Jadassohn- Breslau: Syphilisbehandlung durch den praktischen irundbedingung ist möglichst frühzeitige Diagnose mit Untersuchung des / :rums, Grund- und Drüsenpunktion. Die Kombinationstherapie ist zur. ioch die Methode der Wahl für den Praktiker. Schädliche Neben/- ngen des Salvarsans werden durch sorgfältige Technik auf ein Mindest- beschränkt. Therapeutische Einzelheiten über Wahl des Mittels, ung, Berücksichtigung der zwischen Infektion und Beginn der Be- mg verstrichenen Zeit sowie des Stadiums der Lues usw. Prophylaxe iehandlung der Nebenwirkungen, die niemals ganz vermieden werden -D öderlein - München: Ueber die Behandlung des Puerperalfiebers. >ei auftretendem Fieber in der Geburt bewirkt alsbaldige Entleerung, des 3 eine Kupierung des beginnenden Kindbettfiebers. Desinfizierende ülungen mit Lysoform, Jodlösungen oder Mea-Jodina (eine Tablette auf r warmen Wassers) sind durchaus ratsam. Puerperalgeschwüre werden ^zentrierter Jodlösung getupft. Bei schon fortgeschrittener Erkrankung i Wirkung der Injektionen von Antistreptokokkenserum, Kolloldmetallen, "Körpern nicht unzweifelhaft. Eiterherde müssen entleert werden. Umständen wird die Totalexstirpation des Uterus notwendig. Bei der puerperalen Peritonitis ist oft die Eröffnung des hinteren D o u g 1 a s sehen Raumes von guter Wirkung. J. H ij r s c h b e r g - Berlin: Erfahrungen eines alten Augenarztes. I. Uebir Blindheit und Sehstörung. R. D ejg k w i t z - München: Ueber Masernschutzserum. Maserminfizierte Kinder können mit Masernrekonvaleszentenserum vor dem Ausbruch der Erkrankung geschützt werden. 2 — 3 Proz. Versager. D. G. f J o a c h i m o g 1 u - Berlin: Ueber Opium und seine Präparate. Die billige Ti. Opii Simplex kann, wenn eine Verabreichung per os an¬ gängig ist J in den meisten Fällen das Morphium und alle anderen wesentlich teureren Ffräparate ersetzen. A. H|o 1 s t e - Jena: Neue Arzneimittel. Nr. 2L F. Nie u f e 1 d - Berlin : Neue Forschungsergebnisse über Pneumonie. Nach! einem am 5. XII. 1921 im Verein f. Inn. Med. u. Kindhlk. ge¬ haltenen Wortrag. (Bericht in Nr. 50 der M.m.W.) H. 3 e 1 1 e r - Königsberg: Die Bedeutung der tuberkulösen Allergie für das Entziindungsproblem und die Proteinkörpertherapie. Verfj j. bezeichnet die Allergie als eine Entzündungsbereitschaft, welche durch eine Veränderung der chemisch-physikalischen Eigenschaften des Zell- protoplapmas infolge der Einwirkung lebender Tuberkelbazillen Zustande kommt. Es gibt zwei Arten von Allergien: eine natürlich vorhandene, un- spezifisene gegen Bäkterienprotein und eine erworbene, spezifisch tuber¬ kulöse, welche in spezifischer Weise durch Tuberkulin, in unspezifischer Weise durch Bakterienproteine und andere Reizstoffe hervorgerufen wird. G I d s c h e i d e r - Berlin: Die Behandlung der chronischen Kreislauf- schwäcfjie (unter vorwiegender Berücksichtigung der physikalisch-diätetischen Methoden). Schluss aus Nr. 1. A.j Schittenhelm - Kiel: Ueber Aortitis luica. Nach dem Sitz der Erkrankung ist eine Aortitis supracoronaria, coronafia, valvularis und aneurysmatica zu unterscheiden. Die sowohl durch Perkussion als im Röntgenbilde nachweisbare Verbreiterung der Gefässfigur steht im auffallendem Gegensätze zu einem verhältnismässig kleinen Herzen. Im Rö/ntgenbilde erkennbar ist auch eine Verlängerung der Aorta infolge Ver¬ minderung ihrer Elastizität und tiefere Schattenbildung der Aorta infolge Wandyerdickung. Therapeutisch ist eine energische kombinierte Hg- Salva/'sankur geboten. IJ. S t r a u b - Halle und Kl. M e i e r - München: Zur Pathogenese des periodischen Atmens. 'in dem ausführlich beschriebenen Falle rührte die lokale Asphyxie des Atem/zentrums von multiplen Erweichungsherden an den Gehirngefässen her; sie 'kann jedoch auch rein funktionell entstehen. Die COs-Spannung der Alveplarluft war dauernd stark herabgesetzt. E. Fraenkel und Fr. W o h 1 jv i 1 1 - Hamburg: Das Zentralnerven¬ system bei Gasbrandinfektion des Menschen. Die auch bei schweren Gasbrandinfektionen gefundenen Hirnverände¬ runfeen sind so geringfügig, übrigens auch inkonstant, dass ihnen eine Be¬ deutung nicht zukommt. Entsprechend kann der tödliche Ausgang bei Gas- brajndinfektionen nicht durch toxische Einwirkung auf das Zentralnerven¬ system erklärt werden. j G. W i n t e r - Königsberg: Weibliche Kriegs- und Nachkriegsopfer. j Neben der Abnahme der Geburten findet sich eine enorme Zunahme der Aborte (von 15 Proz. auf 36 — 37 Proz.), die weniger auf den Krieg als auf dife Nachkriegszeit, die Revolution und steigende Demoralisation zurück- gbführt werden muss. Die Zahl der Todesfälle an Kindbettfieber ist auf das D/oppelte gestiegen. Auf rein gynäkologischem Gebiete spielte die Kriegs- amenorrhöe eine bemerkenswerte Rolle, ohne restlos erklärt zu sein. Vorfälle und inoperabler Uteruskrebs haben eine Zunahme erfahren. Die Zahl tripper- il/ranker Frauen hat sich versiebenfacht, während die Zahl der syphilitischen Frauen nicht ganz das Doppelte erreicht hat. A. H o f v e n d a h 1 - Stockholm: Diathermietiefenstich bei Larynx- fuberkulose. Durch genügende Isolierung des oberen, in. der Epitheldecke ' steckenden Teiles der spitzen Elektrode wird nur die Tiefe koaguliert, während das Deck¬ epithel intakt bleibt. J. D u b s - Winterthur: Ganglion der Nervenscheide des N. ulnaris. Nach Trauma war eine bohnengrosse Verdickung am N. ulnaris un¬ mittelbar distal vom Proc. styl, ulnae entstanden, die sich bei der Operation als eine Ansammlung glasig-gallertiger Masse in der Nervenscheide heraus¬ stellte. G. B e r n ha r d t - Berlin: Ueber Isopropylalkohol als Mittel zur Hände¬ desinfektion. Isopropylalkohol in 40—50 proz. Lösung ist als vollwertiger Ersatz des Aethylalkohols zur Händedesinfektion anzusehen. G. P i o r k o w s k i - Berlin: Ein neuer Nährboden zur Diagnostik und Züchtung im Blute kreisender Streptokokken. Baum- Augsburg. Schweizerische medizinische Wochenschrift. 1922. Nr. 1. L. Asher: Die Physiologie der Atmung. R. Staehelin: Die Pathologie der Atmung. Bernheimer-Karrer - Zürich: Ueber subkutane Fettgewcbs- nekrosen beim Neugeborenen (sog. Sklerodermie der Neugeborenen). Mitteilung von 5 Fällen. Es handelt sich um eine umschriebene Er¬ krankung des subkutanen Fettgewebes, besonders bei übergewichtigen Kindern infolge Geburtstraumen, die zur Nekrose von Fettzellen und daran anschliessend zu einer beträchtlichen entzündlichen Infiltration der Subkutis und ödematöser Schwellung des Bindegewebes fuhren. W. L a n z - Montana: Die Darstellung eines salzarmen, isotonischen Antigenpräparates für die Eigenurinreaktion nach Prof. W i 1 d b o 1 z. Verf. hat bessere Resultate bekommen und unspezifische Reaktionen durch den Salzgehalt des Harns vermieden, nachdem er den konzentrierten Harn in geprüften Kollodiumfiltern dialysierte und das Präparat mit physio¬ logischer Kochsalzlösung isotonisch machte. Die Technik der Herstellung der Filter etc. wird genau beschrieben. F r e y - St. Gallen: Zur Wirkung des „Gynergen“. Verf. sah gute Wirkung bei der Sectio caesarea, Atonie, Behandlung der Aborte, warnt aber vor der Anwendung als Wehenmittel in der Geburt wegen der Unsicherheit der Dosierung. L. J a c o b - Bremen. 214 MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT. N Auswärtige Briefe. Wiener Briefe. (Eigener Bericht.) Beendigung des Aerztestrelkes bei den üenossenschaitskassen. Vor¬ beratung der Aerzteordnung. - Zahlstockirage. — Krankenanstaltongesetz. Multiplikator zur Regulierung der ärztlichen Honorare. Entwurl des neuen Strafgesetzbuches. Am 13. Januar endete ein Arbeitsausstand von allen 220 A e r z t e n, die dem Verbände der Oenossenscnatts- krankenkasse angehören. Der Ausstand begann an} nnnMit’ dauerte somit mehr als 2 Monate, obwohl der Verband seine 200 000 Mit¬ glieder während der ganzen Zeit um den gesetzlich gesicherten Anspruch aut freie ärztliche Hilfe verkürzte. Die Kosten trugen die Kranken wahrend die Kassen Ersparnisse machten und die meisten Kassenärzte auch nicht zu klagen hatten. Behandelten doch die an der Peripherie der Stadt wohnenden Aerzte alle, die anderen die meisten ihrer Kassenkranken weiter, mir zahlten die Kranken aus eigener Tasche den wesentlich höheren Tarif der Privat- praxis. Die günstigen Einkommensverhältnisse der Kassenmitglieder und der immer noch unverhältnismässig niedrige Tarif der Aerzte, ermöglichten, dass dieser Zustand nicht zu drückend empfunden wurde. Der Grund zum Aus¬ stande waren Lohnstreitigkeiten. Die letzte Regulierung war vom verbände den Aerzten am 1. Mai v. J. gewährt worden. Inzwischen waren aber den Beamten erhebliche Steigerungen zugestanden worden. Damals wurde der 32 fache Friedensgehalt erreicht und er sollte nun auf das 96 fache gesteigert werden. Viele Wochen vergingen, ehe ernstliche Verhandlungen begannen und erst als das Ministerium für soziale Verwaltung sich wiederholt ernstlich bemühte, gelang es ein Uebereinkommen zu treffen. Der Erfolg ist für die Aerzteschaft um so bedeutender, als das Uebereinkommen vermutlich weiteren Lolinstreitigkeiten Vorbeugen wird, denn jede Erhöhung der Bezüge der Be¬ amten des Verbandes wird nunmehr selbsttätig die gleiche Erhöhung der ärzt¬ lichen Gehalte zur Folge haben. Gesteigert wird dieser Erfolg noch da¬ durch dass die anderen grossen Krankenkassen einem Uebereinkommen ge¬ mäss genötigt sind, ihren Aerzten die gleichen Begünstigungen zu gewähren. Während dieses Ausstandes setzte die Genossenschaft ihre Hoffnungen nicht nur auf Streikbrecher, sondern auch auf die öffentlichen Ambulatorien. Die Organisation hat sich stark genug erwiesen, Streikbrecher haben sich kaum gefunden. Der persönlichen Einflussnahme ausgesandter Aerzte gelang es, auch jene Ambulatorien, die in der Zulassung Kassenkranker weniger streng vorzugehen pflegen als die Vorschriften verlangen, dahin zu bringen, dass sie die Kassenmitglieder bis zu einem Masse abwiesen, dass der Unter¬ richt zu leiden begann. Am 23. und 24. Januar fand eftie Vorberatung der Aerzte¬ ordnung im Parlamentsgebäude statt. Die Vertreter der Kammern und Organisationen, aber auch zahlreicher nichtärztlicher Gruppen waren geladen. Die Aerzte gingen mit sehr gemischten Gefühlen an die Arbeit. Vielen schien die Beratung nur ein Verschleppungsmanöver der Regierung, andere standen unter dem Eindrücke zersetzender Vorgänge in der Reichsorganisation. Der Vorstand der Reichsorganisation trat kurz vor dieser Beratung zurück, weil nun schon zum zweiten Male die Organisationen der Länder ohne Rücksicht auf die Reichsorganisation Beschlüsse fassten und an die Regierung weiter¬ leiteten, Beschlüsse, die im Widerspruche standen zu solchen, die von der Reichsorganisation im Zusammensein mit allen Landesdelegierten gefa;;: t worden sind. Die Landesorganisationen verschliessen sich aber durchaus nicht der Einsicht in die Notwendigkeit einer Reichsorganisation und es sollen deshalb demnächst Statutenänderungen beraten werden. Die Aerzteordnung — eine Vorlage mit 78 Paragraphen — ist im Ver¬ laufe von etwa 20 Jahren mannigfach bearbeitet und besprochen worden. 1 1 einer allgemeinen, mit grosser Aufmachung angekündigten und abgehalteneu Aerzteversammlung im Mai v. J. wurden an die Regierung mehrere For¬ derungen nachdrücklichst gestellt und eine Zusicherung an einen Termin ge¬ bunden. Die erste Forderung war die Beratung der Aerzteordnung im Nationalrate. Noch vor Ablauf des Termines — Ende Juni — erhielt die Aerzteschaft die offizielle Zusage ihrer Wünsche. Im 1. Paragraph fordert die Aerzteordnung, dass der promovierte Doktor, ehe er zur Praxis zuge¬ lassen werde, sich 1 — 2 Jahre an einem Spitale praktisch ausbilde. Die Ver¬ treter der Fakultäten des Bundesstaates erklärten übereinstimmend mit allen anderen Mitgliedern der Enquete, dass praktische Ausbildung erforderlich sei. aber sie waren gegen die Aufnahme dieser Forderung in die Aerzte¬ ordnung, weil das der in Geltung befindlichen Rigorosenordnung widerspreche und nicht vor Erlass einer neuen Studienordnung geregelt werden könne. Sie machten keinen Vorschlag, verwiesen auf die schlechten Erfahrungen, die man im Deutschen Reiche mit dem praktischen Jahre gemacht habe, und auf Bemühungen um eine neue Studienordnung zu erreichen. Die Reichs¬ organisation forderte einmütig eine 2 jährige praktische Ausbildung, um der masslosen Zunahme der Aerzte — • im September und Oktober in Wien fast 200 — einen Damm entgegenzusetzen. Die Bemühungen, einen Numerus clausus bei der Aufnahme 'zum medi¬ zinischen Studium zu setzen, oder durch 2 Jahre jede Immatrikulation von Medizinern zu sperren — Bemühungen, die von einzelnen Mitgliedern des Wiener mödiz. Professorenkoliegiums sowie von der Organisation aus¬ gingen — , stiessen bei den Professorenkollegien auf heftigen Widerstand. Die bedenkliche Abnahme der Studienleichen hat aber doch eine Art Numerus clausus insoferne geschaffen, als die Anatomen Wiens die Einschreibung in ihre Vorlesung auf etwa 300 einschränken. Die Ueberwertung demokratischer Grundsätze veranlasste die Regierung, uns bei Wahl der Aerztekammer das Verhältniswahlrecht aufzunötigen. Wir mussten uns dagegen heftig wehren und darauf hinweisen, dass eine Gruppierung der Aerzteschaft zwecks Aufstellung von Wahllisten undurch¬ führbar ist, es sei denn, dass man die politische Parteiung in unsere Standes¬ vertretung gewaltsam hineintragen wolle. Eine Gruppierung nach fachlichen Unterschieden ist untunlich, weil eine scharfe Trennung zwischen Fachärzten und praktischen Aerzten. Kassenärzten und solchen die es nicht sind, nicht besteht. Eine politische Trennung haben wir bisher sorgfältig und erfolgreich zu vermeiden gesucht und wollen das so weiter halten. Die Standes¬ vertretung hat mit Politik nichts zu tun und kam bisher gut mit dem einfachen Majoritätsprinzipe aus. Der Entwurf der Aerzteordnung erhöht die disziplinäre Gewalt der Kujonier bis zur dauernden Entziehung der Praxisberechtigung. Von den Krankenkassenangehörigen (nicht ärztlichen Mitgliedern) sowie von \ Regierungsvertretern wurde starker Einspruch erhoben. Es scheint wahrscheinlich, dass die Aerztekammer, ähnlich der Kammer der Rel anwälte, mit dieser Disziplinargewalt ausgestattet werden dürfte. Beji« licherweise wandten sich die Delegierten der Krankenkassen heftig £ jenen Paragraphen der Aerzteordnung, der die Vorlage von Verträgen foi Die sog. Zahlstockfrage setzt die ärztlichen Kreise wiedc starke Erregung. Schon seit mehr als 20 Jahren wird immer wiedei Forderung ausgesprochen, dass die Kranken der 2. und 1. Verpflegskiass die ärztliche Behandlung dem Primarärzte eine Gebühr entrichten si Beim Bau der geburtshilflichen Kliniken und der neuen Klinik für ii Krankheiten errichtete man zahlreiche Einzelzimmer und kleine Zimmer, dem kurz darauf errichteten Jubiläumsspitale (1908) wurde ein Mittels Sanatorium geplant. Aber die Organisation der Aerzte vereitelte diese F Nur wenige dieser Zimmer wurden zu Klassenzimmern benützt und 0 tionsgebühren durften nicht eingehoben werden. Man sah zwar ein,^ der erfreute Dritte das Publikum ist, dass eine grosse zahlungsfähige O schaftsschichte oft auch gegen ihren Willen Gratishilfe erhält, doch fürc man, dass die Tätigkeit des praktischen Arztes zu schwer leiden d wenn die Zahlstöcke und zwar vor allem die der inneren und gebürt liehen Kliniken zahlungskräftige Gesellschaftsschichten an sich re würden. Da die Stimmung in den Kreisen der Primarärzte auch geteilt stagnierte die Lösung dieser Frage durch Jahre, während sich in den Spit des Landes die Bezahlung am Wege des privaten Uebereinkommens zwi: Krankenanstaltenerhalter und Primararzt allerorten einbürgerte. Das so vor sich, dass der Erhalter der Anstalt 30—70 Proz. vom Operat honorare (die Spitäler des Landes haben fast nur Chirurgen angestellt sich zurückbehielt. Im Juli 1920 kam das Krankenanstaltengei heraus. Es ist ein Bundesgesetz und bestimmt, dass auf den höheren Kl für die Vornahme von Operationen und „sonstigen aussergewöhnlichen richtungen. die für die Behandlung oder zu diagnostischen Zwecken erfo lieh sind“, besondere Gebühren eingehoben werden können. Alles Wt ist einer Vollzugsanweisung Vorbehalten. Obwohl sich die Landesregii hiezu für befugt hielt und niemand das bestritt, kam diese Vollzugsanwe bis jetzt nicht. Immer entstehen neue Bedenken, zumal die Angelegt von gänzlich Unkundigen immer neu verwirrt wird. Die Verhältnisse 1 sich inzwischen in den Krankenanstalten zu einem Chaos gestaltet. Sanatorium muss heute der Kranke eine tägliche Verpflegsgebühr 15 000 K. zahlen und dazu kommen noch erhebliche Nebengebühren füi nützung des Operationssaales, Beheizung. Verbandzeug usw.; in der ö liehen Krankenanstalt sind die Verpflegsgebühren 1200 Kr. auf der 2. K 2400 Kr. auf der 1. Klasse. Die Wohlhabenden des Mittelstandes sind armt oder verschwunden, die neuen Wohlhabenden suchen auch heute gern das Spital auf. Nachdem die Aerztekammer ausgesprochen hat, dem Hausarzte für seine Mitwirkung bei der Spitalsbehandlung seines Kr; eine Gebühr zukommt, die gleich ist dem 5. Teile jener, die der Primr erhält und die Vollzugsanweisung diesem Wunsche Rechnung tragen haben sich die praktischen Aerzte einigermasseti beruhigt. Die Angs dem ungewissen Erfolge in der Durchführung und die schlechten Erfahrt! die die Aerzte mit neuen Einrichtungen zu machen gewöhnt sind, lässt immer noch keine volle Beruhigung einziehen, doch fehlt es durchai wohl definierten und begründeten Gegenvorschlägen. Die Fachärzte 1 sich in überwiegender Mehrheit für die Bezahlung der ärztlichen Tat durch Zahlungsfähige auch in den Spitälern ausgesprochen. Nur die Gel helfer fürchten Benachteiligung, falls in den öffentlichen Spitälern Gebä aufgenommen werden sollten. Das Gremium der Primarärzte verscl sich dem nicht und beschloss, keine Gebärenden am Zahlstocke aufnehm wollen. Da die Zahl der Mittelstandssanatorien so klein ist, dass 200 Kranke in ihnen untergebracht werden können, fällt eine grosse Be\ rungsschichte — insbesondere die ländliche Bevölkerung vor allei den Verdienst der Fachärzte — aus. Die Durchführungsordnung, die nt Landesregierung plant, will nebenbei den Krankenanstaltenerhaltern h indem sie zu dem Behandlungshonorar des Primararztes einen 40 proz schlag macht und beides zusammen als Personalaufwand einhebt. Krankenanstaltenfonds kann das nur wenig nützen. Diese Einrichtun: steht heute nur noch aus einer Schuld, die weit über eine Milliarde be Die Aktiven sind die Spitäler, schon seit Jahren stark mit Hypotheke lastet und Einnahmequellen aus Verlassenschaften und Steuerzuschlägei sehr unregelmässig einkommen. Für das Defizit kommen Staat, Lam Krankenanstaltenerhalter auf. Die Verpflegsgebühren werden von Landesregierung vorgeschricben. Schon in den letzten Friedensjahren ] sie unter dem Selbstkostenpreise. Den Krankenkassen wird ein T ei Verpflegsgebühren zuriiekerstattet und von Pfründnern erhielt der Fond die Pfründe. Das Krankenanstaltengesetz hat ihm nun über diese geholfen, denn früher musste er allein den Fehlbetrag tragen. Mit Verfalle unserer Währung steigert sich das Missverhältnis zwischen S kostenpreis und den von der Landesregierung festgesetzten Verpflt bühren immer mehr. Die Erhöhung der Verpflegsgebühren hinkte de nehmenden Teuerung weit nach und wurde niemals in der Höhi Selbstkosten festgesetzt. Zur Zeit sind die Gebühren 600. 1200 2400 Kr. je nach der Verpflegskiasse. Der Selbstkostenpreis betrug Ende Dezember auf der 3. Klasse 3000 Kr. So schenkt dieser tief' ■schuldete Fonds und Staat, sowie Land, jedem Kranken, ohne dass er <| ersucht, ohne dass er davon weiss, täglich eine ansehnliche( Summe Paradoxon, das nur unter politischen und bureaukratischen Einflüssen zu- kommen kann. Die Not macht sich aber schon schwer fühlbar und di< lnöglichkeit. Wäsche nachzuschaffen, führt schon zur Sperrung ein1 Krankenzimmer. __ Infolge des ununterbrochen sinkenden Geldwertes^ waren die R 1 lierungen der ärztlichen Tarife an der Tagesordnung uj den Bezirkssektionen, sowie im Ausschüsse der Organisation, im Ver der Fachärzte wurde fortwährend beraten. Nunmehr hat sich folgender gang ansgebildet und bisher auch bewährt. In der Organisation der 4 Wiens wird ein Multiplikator festgesetzt und zwar je nact Geldentwertung und unter Berücksichtigung der vom staatlichen, Statist Amte ausgegebenen Indexziffer. In den monatlich erscheinenden Mitten der Organisation wird der Multiplikator veröffentlicht und jeder Ar/ das Honotar, das er im letzten Friedensjahre verlangte, mit diesem plikator zu multiplizieren und in Rechnung zu stellen. Der erst November \iusgegebene Multiplikator war 150, jetzt stehen wir bei 2, gewiss die niedrigste Ziffer, mit der Friedenspreise multipliziert werden. Februar 1922. MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT. 215 : unentbehrlichsten Nahrungsmittel und Kleidungsstücke sind auf das usendfache und darüber gestiegen. In der letzten Januarsitzung der Gesellschaft der Aerzte berichtete ser Professor der gerichtlichen Medizin, Prof. Haberd a, über den zt liehen Teil des neuen Strafgesetzentwurfes und •glich ihn mit dem des Deutschen Reiches. Die Vorteile der Abänderungen d für den ärztlichen Stand nicht gross. Der Kurpfuschereiparagraph wird •schärft. Nicht nur gewerbsmässiger Betrieb, sondern auch wiederholte rgehungen dieser Art, sind schon strafwürdig. Sehr bedenklich ist dagegen Fassung eines anderen Paragraphen, die den Arzt auch dann unter Au¬ ge stellt, wenn durch seine Massnahmen für den Kranken ein Nachteil hätte stehen können. Das ist für uns eine erhebliche Verschlechterung, da ;h dem bestehenden Gesetze ein Arzt wegen Kunstfehlers nur belangt rden kann, wenn dem Kranken durch Begehung oder Versäumnis der Tod ;r ein schwerer, dauernder körperlicher Schaden erwuchs. Es wird sich hl noch Gelegenheit finden, darüber mehr zu berichten, da sich die ärzt- len Körperschaften erst jetzt mit dem neuen Entwürfe werden beschäftigen men. Vereins- und Kongressberichte. Gesellschaft für Natur- und Heilkunde zu Dresden. (Vereinsamtliche Niederschrift.) Sitzung vom 14. November 1921. ersitzender: Herr P ä s s 1 e r. Schriftführer: i. V. Herr Forstmann. Herr Hans Lehmann: Vorstellung von 3 fast mannskopfgrossen noren, die von einer 53 jährigen Frau stammen. Der linke, durchblutete, dische Ovarialtumor zeigte einfache Stieldrehung, der rechte, zwei nmern mit serösem Inhalt, ist 2 mal gedreht. An ihm hängt eine ebenso- sse Parovarialzyste. Die 3 Tumoren füllen den Bauchraum und das kleine ;ken aus, trotzdem hat die Kranke bis kurz vor der Operation keine Be¬ wenden gehabt. « Herr Schmorl: Pathologisch-anatomische Demonstrationen. 1. Paraffingranulome: Sie stammen von einer 38 Jahre alten Frau, die l im Jahre 1909 Paraffin — ob Hart- oder Weichparaffin war nicht mehr zustellen — in die Maminae hatte einspritzen lassen. Schon nach 14 Jahre merzen, doch wurde die Entfernung des Paraffins verweigert, bis schliess- im Jahre 1919 so heftige Beschwerden eintraten, dass die Absetzung der mmae vorgenommen werden musste. Der histologische Befund deckte sich wesentlichen mit dem, wie er schon öfters bei Parafiingranulomen er- en worden ist (Granulationsgewebe mit zahlreichen Riesenzellen). Monate später starb die Frau an einem Gallenblasenleiden. Es war so die glichkeit gegeben, das zurückgebliebene Gewebe der Mamma und die ionären Lymphknoten zu untersuchen. In letzteren sowie in den zu¬ enden Lymphgefässen fand sich eine chronische indurierende Entzündung. ' Lymphdrüsengewebe war verödet und von zahlreichen grösseren und neren paraffinhaltigen Hohlräumen durchsetzt. In anderen stark ver- sserten Lymphknoten fanden sich bei gut erhaltenem Parenchym zahlreiche ssere und kleinere Parafiintropfen sowohl in den Lytnphsinus als auch im k, die kleinsten in Riesenzellen eingeschlossen, das Parenchym sehr zell- h, hyperplastisch. Die zufuhrenden Lymphgefässe mit Paraffin gefüllt, ihr othel teilweise stark gewuchert. Bei dem durch Operation entfernten nmagewebe waren abgesehen von entzündlichen Vorgängen am Drüsen- ebe keine Veränderungen nachweisbar; anders bei dem bei der Sektion onnenen Mammagewebe, hier fanden sich beiderseits ausgedehnte cherungen an den Drüsenepithelien in Form papillärer Erhebungen unter i Bilde des intrakanalikulären Papilloms, auch atypische Epithel- und senwucherungen, Durchbruch der Membrana propria der Drüsengänge und einigen Stellen ein typisches szirrhöses Karzinom, das in einem axillaren rphknoten eine Metastase gemacht hatte. Herr S. hält es für nicht unwahr- jinlich, dass die karzinomatöse Entartung der Mamma unter der Ein- *ung des Paraffins, das ja 10 Jahre in der Mamma verweilt hatte, ent- den ist. - — Hinweis auf den Paraffinkrebs der Paraffinarbeiter. Im Anschluss hieran demonstriert Herr S. ein Oesophaguskarzinom, das genau an der Stelle entwickelt hatte, wo ein gestieltes Lipom auf der eimhaut gescheuert hatte, eine feinpapilläre Wucherung der Magenschleim- : an der kleinen Kurvatur des Magens, die sich pyloruswärts von einem gestielten Magenpolypen entwickelt hatte. 2. Demonstration von 2 Fällen von tumorähnlicher Lymphogranulomatose Brustorgane, insbesondere der Lungen bei geringfügiger Veränderung der ilymphknoten. In dem einen Falle Auftreten umschriebener Geschwülst¬ en in der Lunge, die ausserordentlich ähnlich waren. In beiden Fällen vuehern in die Vena cava superior mit Verschluss der Lichtung. In den astasenähnlichen Knoten der Lunge fanden sich atypische Epithel- lierungen, ob von den Alveolarepithelien oder von den Bronchialepithelien :chend war nicht mit Sicherheit festzustellen. In dem einen Falle waren ledehnte lymphogranulomatöse Herde im ganzen Skelett vorhanden, die ifalls demonstriert werden. Hinweis auf die Zunahme der Lympho- lulomatose in den letzten Jahren, die auch in Dresden ebenso wie in in (L u b a r s c h) und Breslau (Henke) zu bemerken ist. In manchen en kann es auch ohne Bestrahlung zu lokalen Abheilungen kommen, r S. hat ebenso wie E. Fraenkel solche Abheilungsvorgänge in Leber- en und in Knochenmarksherden beobachtet. 3. Demonstration von Schussverletzungen der Aorta. Aussprache: Herr F. H a e n e 1: Die Paraffininjektion in das Gewebe ■'ein empfehlenswertes Verfahren. Es scheint glücklicherweise im allge- len verlassen zu sein. Vereinzelten Dauererfolgen, die sich meist auf Fälle beziehen, in denen nge Mengen Paraffin injiziert wurden, stehen zahlreiche Fälle gegenüber, enen das Ergebnis infolge von Verschleppung. Senkung, Ausstossung von en der Injektionsmasse ein nur vorübergehendes war oder in denen nach undung, Eiterung, Fistelbildung lästige und gefährliche Zustände hervor- ’fen wurden. Redner hat vor etwa 20 Jahren die Methode an 2 Fällen von Sattelnase gutem Anfangserfolg angewandt, hat sie aber wieder aufgegeben, da bei m Fall nach 1)4 Jahren ein Rezidiv sich entwickelte. In dein vom Herrn Vortragenden untersuchten Fall hatte bald nach der rwärts vorgenommenen Injektion von Paraffin in beide Mammae eine über 10 Jahre sich hinziehende Leidenszeit begonnen, die schliesslich doch mit der anfänglich verweigerten beiderseitigen Mammaamputation endete. Der 1 Jahr später erfolgte Tod der Kranken stand mit der Mammaerkrankung nicht im Zusammenhang. In einem anderen Fall war von einem Kollegen zur Heilung eines Nabel¬ bruches bei einem 9 jährigen Knaben Paraffin rings um die Bruchpforte injiziert worden. Nach 7 Jahren kam es infolge Durchtrittes des Paraffins in die Bauchhöhle zu einer fortschreitenden eitrigen Peritonitis, der der Kranke erlag. Herr J o e s t : Das Vorkommen von Lymphogranulomatose ist bei Tieren bis jetzt nicht festgestellt. Herr G e i p e 1 erwähnt einen ähnlichen Fall von Lymphogranu¬ lomatose der Lungen bei einer 35 jährigen Frau mit Erkrankung der Hals-, vorderen Mediastinal-, zervikalen und axillaren Lymphdrüsen. In der Lunge schwielig-pneutnonische Herde, einzelne keilförmig von grünlich-grauer Farbe, daneben tuberkelähnliche Herde nach Art einer Lymphangitis tuber- culosa. Eruption von Knötchen auf Pleura, Verwachsung beider Blätter mit¬ einander, rechtsseitige exsudative Pleuritis, fibrinöse Perikarditis. Bei der mikroskopischen Untersuchung ein charakteristisches Gewebe mit Schwielen, zwischen den einzelnen Knoten drüsige Gänge von rundlicher und spaltähnlicher Form wie in der Beobachtung von Herrn Sch m o r 1. Die Gänge liegen tangential zu den Knoten, sind mit hohem kubischen Epithel ausgekleidet ähnlich wie bei der zirrhotischen Phthise und verdanken ihre Entstehung der Verlegung der zuführenden Luftwege infolge Einwachsens des granulomatösen Gewebes in Alveolen und Bronchiolen. Freiliegende Knorpelinseln inmitten des Granuloms. Die Gänge fehlen zumeist in der Umgebung der kleineren an freies Lungengewebe stossenden Knötchen. Das elastische Gewebe der Alveolen ist grösstenteils zerstört, Eindringen der Granulationen in Gefässe, daneben obliterierende Endarteriitis und Endo- phlebitis. Verfettung nur am Rande der Knoten, im Bereiche des erhaltenen Lungengewebes, in den Alveolarwänden reichliche Fettanhäufung von doppel¬ brechendem Fett. Untersuchung auf Granula fruchtlos wie zumeist. Milz 490 g schwer, Siderosis um die einzelnen Knoten. Besprechung der Diffe¬ rentialdiagnose gegenüber der Tuberkulose. Herr Rudolf Panse hat öfters Parafiineinspritzungen wegen Sattelnase vorgenommen, seit Bekanntwerden von Embolien der A. centralis retinae nur mit Hartparaffin mittels Schraubspritze. Er hat keine Klagen gehört und sieht den guten Erfolg öfters an einem Herrn, den er vor 10 — 15 Jahren ein¬ gespritzt hat. Herr Pässler: Klinisch wird die Granulomatose nicht immer zuerst durch Drüsenschwellungen manifest, was für die Diagnose besonders wichtig ist. Als erstes Zeichen kann z. B. ein pleuritisches Exsudat auftreten, dass sich dann nicht selten durch besonders reichlichen Fibringehalt aus¬ zeichnet. Zu erinnern ist auch an das bei Granulomatose häufig auftretende quälende Hautjucken, welches zu zahlreichen Kratzeffekten führen und die Diagnose klären helfen kann. Der Auffassung der Granulomatose widerspricht in gewissem Sinne die ausgesprochene Bösartigkeit der Erkrankung, die ja be¬ kanntlich fast immer unaufhaltsam zum Tode führt. Herr Schmorl: Schlusswort. Herr F. Schanz: Die physikalischen Vorgänge bei der optischen Sensibilisation und beim Sehakt. In der M.m.W. 1921 Nr. 43 hat Schanz eine neue Theorie des Sehens aufgestellt. Bis jetzt wurden die Zapfen und Stäbchen als die lichtempfind¬ lichen Elemente der Netzhaut angesehen. Das kann nicht zutreffen. Das Licht kann nur da wirksam werden, wo es absorbiert wird. Die Stäbchen und Zapfen sind nicht imstande, das sichtbare Licht gleichmässig zu absor¬ bieren. Absorbiert wird es aber vor dem Pigmentepithel der Netzhaut. Wir sind berechtigt, anzunehmen, dass aus diesem Pigment, ebenso wie aus den zahlreichen Pigmenten, die daraufhin untersucht worden sind, durch das Licht Elektronen herausgeschleudert werden. Die Zapfen und Stäbchen der Netzhaut sind die Antennen, welche diese Elektronen auffangen und zum Zentralorgan weiterleiten. Dem Licht verschiedener Wellenlänge entsprechen Elektronen verschiedener Geschwindigkeit. Wie lässt sich an der Hand dieser Theorie das Sehen der Farben er¬ klären? Dem Licht verschiedener Wellenlänge entsprechen Elektronen ver¬ schiedener Geschwindigkeit. So entsteht die Wahrnehmung der reinen Farben, wie wir sie im Spektrum sehen. In der Natur sehen wir fast nie reine Farben. Unsere Umwelt erscheint uns in Farbengemischen und es gibt zahl¬ reiche Farbengemische, die unser Auge nicht von den reinen Spektralfarben zu unterscheiden vermag. Das Ohr ist imstande, Tongemische aufzulösen, dem Auge fehlt die Fähigkeit, Farbengemische zu analysieren. Wenn Farbengemische auf unser Auge wirken, so werden gleichzeitig Elektronen verschiedener Geschwindigkeiten aus dem Pigmentepithel heraus¬ geschleudert. Solche Farbengemische können im Zentralorgan denselben Ein¬ druck erzeugen wie die reinen Farben, die von Elektronen einer Ge¬ schwindigkeit ausgelöst werden. Zur Erklärung dieser Erscheinung müssen wir annehmen, dass die Elektronen auf der Bahn zum Zentralorgan sich in ihrer Geschwindigkeit gegenseitig beeinflussen, die schnelleren werden die langsameren beschleunigen, die langsameren werden die schnelleren hemmen. Gelangen sie zum Zentralorgan, so werden sie eine Geschwindigkeit haben, die zwischen den Ausgangsgeschwindigkeiten liegt. Sie veranlassen eine Farben¬ wahrnehmung, wie sie die Strahlen erzeugen, welche die Elektronen mit der Geschwindigkeit, die jene am Ende ihrer Bahn erreichen, direkt aus dem Pigmentepithel herausschleudern. Das Farbengemisch und diese Spektral¬ farbe erzeugen entsprechend der Geschwindigkeit, mit der die Elektronen auf das Zentralorgan treffen, die gleiche Wahrnehmung. Das Auge ist nicht im¬ stande, die beiden Eindrücke zu unterscheiden. Um ein Beispiel herauszu- greif,en: Elektronen, die von Strahlen von X 400 uu, und solche, die von Strahlen X 500 u.u herausgeschleudert werden, können, wenn sie das Zentral¬ organ erreichen, eine Geschwindigkeit haben, wie sie den Strahlen von X 450 uu entspricht. Das Strahlengemisch von X 400 und 500 uu erzeugt dann eine Farbenempfindung, wie sie von den Strahlen von 450 uu ver¬ anlasst wird *). Wir besitzen keine Theorie, die auf so einfache Weise diese Eigentümlichkeit der Farbenwahrnehmung erklärt. Wie entsteht die Wahrnehmung von Weiss? Wie eben ausgeführt, können Strahlen von X 400 und 500 uu dieselbe Farbenwahr- riehmung erzeugen wie die Strahlen von X 450 uu ■ Mischt man aber Strahlen von X 400 und 600 uu, so wird ein völliger Ausgleich der Geschwindig- ') Die abgerundeten Zahlen sind zum leichteren Verständnis willkürlich gewählt. 216 MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT Nr. keilen der Elektronen auf dem Weg bis zum Zentralorgan nicht erfolgen. . Die Elektronen treffen das Zentralorgan noch mit verschiedenen Geschwm g keilen, sie sind daher nicht imstande, den Eindruck. /^alf Wdss färbe zu erzeugen Wir empfinden einen solchen Lichteindruck als weiss. Mischen wir in gleicher Weise Strahlen von /. 600 und 700 uu, so werden sich die Geschwindigkeiten der Elektronen bis zum Zentralorgan Ausgleichen wir werden wieder den Eindruck einer Spektralfarbe haben die in der Mitte zwischen den erregenden Lichtstrahlen liegt. Bei einem Gemisch de.r Strahlen von \ 600 und 800 UU wird wieder auf dem Wege bis > zum Ze ntral- organ ein Ausgleich der Geschwindigkeiten nicht möglich sein. Die Elek tronen treffen auch hier mit verschiedenen Geschwindigkeiten aufdasZentra1- organ und erzeugen dort denselben Eindruck wie das Strahlengemisch 1 400 und 600 uu\ die Differenzen in der Geschwindigkeit der Elektronen sind dieselben, es entsteht dieselbe Erregung, wir emp inden sie als wmss. Wenn wir die Strahlen des gesamten Spektrums mischen, so dies® ® Wahrnehmung entstehen. Wir hätten hier die Erklärung für die Entstehung der Komplementärfarben und die Erklärung, wie durch Mischung der ge¬ samten Spektralfarben die Wahrnehmung von Weiss entsteht. In der Lehre von der Wahrnehmung der Farben stehen sich zwei Theorien unvermittelt gegenüber, die Theorie von H e 1 m h o 1 1 z und die von Hering. Von der Tatsache ausgehend, dass jede Farbenempundung auf drei Grundfarben zurückgeführt werden kann, wird von H e l rah o l 1 z angenommen, dass drei Nervengruppen für die Qru"de.r"Pfl"durnkRpe" ?e™h’ Violett in der Netzhaut vorhanden sind, die ie nach der Starke ihrer glei h zeitig auftretenden Reizung die Farbenempfindung vermitteln Der Nach¬ weis der verschiedenen Nervengruppen in der Netzhaut lasst aber auch heute noch auf sich warten. Hering nimmt drei Substanzen an, durch deren Veränderung die Grundemp'indungen ausgelöst werden sollen, und zwar soll beim Aufbau (Assimilation) eine Empfindung erregt werden, die zu der beim Abbau (Dissimilation) auftretenden komplementär ist. Auch diese Seh¬ substanzen haben sich bisher nicht feststellen lassen. Der Sehpurpur findet sich nur in den Stäbchen, er ist nicht identisch mit einer der Sehsubstanzen, wie sie die Hering sehe Theorie erfordert. Neuerdings ist eine Theorie noch von Koeppe aufgestellt worden, sie scheint bereits widerlegt. Keine dieser Theorien vermag eine so einfache Erklärung des Farbensehens zu geben, wie ich dies gezeigt. , , . , .... Zur Stütze seiner Theorie möchte Schanz noch folgendes anfuhren. Jetzt fehlt uns eine Erklärung für das Purkinje sehe Phänomen. Dieses besteht darin, dass bei herabgesetzter Beleuchtung für unser Auge zuerst die roten Farben, zuletzt die violetten unsichtbar werden. Wenn ein rotes und ein blaues Papier bei Tage gleich hell aussehen, so erscheint uns bei Einbruch der Dämmerung das blaue heller als das rote. Dieses Phänomen können wir beobachten an Gemälden, auch da schwinden in der Dämmerung die roten Farben zuerst, die blauen bleiben am längsten. Diese Erscheinung findet eine anschauliche Erklärung aus obiger Theorie. Die Elektronen, die das rote Licht aus dem Pigmentepithel herausschleudert, haben eine geringere Ge¬ schwindigkeit oder, was dasselbe ist. eine geringere Energie als die Elektronen, die vom blauen Licht herausgeschleudert werden. Bei herabgesetzter Be¬ leuchtung vermögen die ersteren keine Erregung mehr auszulosen, wahrend die letzteren noch wirksam werden. , Bei herabgesetzter Beleuchtung sehen wir auch, dass die Netzhautimtte schlechter sieht als-ihre Umgebung. Man hat zur Erklärung dieses Phänomens angenommen, dass die Stäbchen, die in der Netzhautmitte fehlen und erst in der Umgebung der Netzhautmitte auftreten, länger erregbar bleiben, als die Zapfen 'und hat darauf die Theorie von der ..Doppelnetzhaut“ begründet, v. Hess hat gezeigt, dass diese Trennung des Stäbchen- und Zapfensehens nicht mehr aufrechtzuerhalten ist, dadurch, dass er nachwies, dass bei der Hemeralopie auch die Zapfen in gleichem Sinne Veränderungen erleiden, wie die Stäbchen. Meine Theorie erklärt auch diese Erscheinung. In der Netzhautmitte findet sich in dem Netzhautgewebe ein gelbes Pigment, man bezeichnet deshalb die Netzhautmitte auch als gelben Fleck. Dieser Farbstoff absorbiert aus dem einfallenden Licht blaue und violette Strahlen. Bei herab¬ gesetzter Beleuchtung macht sich dies bemerkbar. Es vermögen dann blaue und violette Strahlen nicht mehr zum Pigmentepithel zu gelangen; sie ver¬ mögen dort keine Elektronen mehr herauszuschleudern, während in der Um¬ gebung des gelben Fleckes ihnen dies noch gelingt. Wie verhält es sich nun mit der Farbenwahrnehmung in der Netzhaut¬ peripherie? Wir wissen, dass sich die Farbenempfindlichkeit der Netzhaut nach der Peripherie hin ändert. Wir prüfen häufig die farbigen Gesichts¬ felder. Wir verwenden dazu meist nicht Spektralfarben, sondern Farben¬ gemische, Pigmente. Diese reichen nicht aus, um uns über die Farben¬ empfindung der Netzhautperipherie ein rechtes Urteil zu geben. Es hält schwer, Spektralfarben mit gleicher und hoher Helligkeit für solche Prü¬ fungen herzustellen. Man hat in allerneuester Zeit wieder an den Ab¬ grenzungen der farbigen Gesichtsfelder, wie wir sie in der Praxis vornehmen, Kritik geübt. Es wäre zu prüfen, ob nicht auch da die Abgrenzung der verschiedenen Erregungen zusammenhängt mit der verschiedenen Energie der Elektronen, die das Licht aus dem Pigmentepithel herausschleudert. Das engste Gesichtsfeld hat das Rot, das grösste das Blau. Wenn vielfach das Gesichtsfeld für Grün als das engste angegeben wird, so liegt dies daran, dass bei den Pigmentplättchen, mit denen die farbigen Gesichtsfelder aufge¬ nommen werden, die grünen eine wesentlich geringere Helligkeit haben als die roten. Aubert hat schon vermutet, dass die Farbenperzeption auf der ganzen Netzhaut, wenn auch in verschiedenem Grade, statthat, und Landolt hat dies experimentell dadurch erwiesen, dass er mit direktem Sonnenlicht die gefärbten Papiere belichtete, die er bei solchen Prüfungen angewandt. Bei vielen Menschen sehen wir Störungen des Farbensinnes. Bei den einen sind dieselben angeboren, bei den anderen entstehen sie im Anschluss an Erkrankungen der Netzhaut und des Sehnerven. Bei den angeborenen Störungen müssten wir annehmen, dass das Pigment im Pigmentepithel nicht absolut schwarz ist, dass Strahlen gewisser Wellenlänge von ihm nicht absorbiert werden. Für die Farbensinnstörungen, die im Verlauf von Krank¬ heiten auftreten, müssten wir annehmen, dass auf der Bahn vom Pigment¬ epithel zum Zentralorgan Hemmungen in der Leitung auftreten, die zuerst die Elektronen aufhalten, welche die geringste Energie besitzen. Das scheint in der Tat der Fall. Die roten Farben schwinden in solchen Fällen zuerst. Mit diesen Darlegungen glaubt Schanz gezeigt zu haben, dass sich auch die Vorgänge beim Sehen der Farben ohne jede vitalistische Hypothese, wie sie die Theorien von H e 1 m h o 1 1 z und Hering zur Voraussetzung haben, auf bekannte Gesetze der Physik zurückführen lassen. Aerztlicher Verein in Frankfurt a. M. (Offizieller Bericht.) Sitzung vom 5. Dezember 1921. Vorsitzender: Herr v. Wild. Schriftführer: Herr Grosser. Herr Flesch-Thebesius: Konservative Behandlung und Regei rationsvorgänge bei der Tuberkulose der Knochen und Gelenke. Die Frankfurter chirurgische Universitätsklinik steht nicht auf d< Standpunkte einseitiger konservativer Behandlung der chirurgischen Tuh kulose, vielmehr wird hier ein kombiniertes Verfahren ausgeubt, derart, d. bei leicht erreichbaren isolierten Herden, beim Vorliegen schwerer Misi infektion. vorgerückten Alters und zunehmender Allgememyerschlechterii sowie gelegentlich aus sozialer Indikation operiert wird, stets aber die / gemeinbehandlung im Vordergründe des therapeutischen Handelns steht. 1 Kindern sind Operationen grundsätzlich zu verwerfen. Auch wenn man Erwachsenen aus einem der angeführten Gründe zu dl.eser greifen muss, stellt die Operation wie jede lokale Massnahme nur ein Hilfsmittel der / gemeinbehandlung dar und nicht umgekehrt. Denn die chirurgische Tu kulose ist eine Erscheinungsform einer Allgemeinerkrankung, worauf all schon die Tatsache hinweist, dass nach den auf der ruberkuloseabteilung i genannten Klinik bei systematischer Untersuchung aller Kranken gemach Erfahrungen mindestens 60 Proz. dieser Kranken gleichzeitig wahrnehmbi tuberkulöse Herde in den Lungen haben. . ,. Die an der chirurgischen Klinik geübte Allgemeinbehandlung entspricht wesentlichen der von Bier und Kisch in Hohenlychen geübten, de Grundelemente Heliotherapie, Stauung und Joddarreichung sind Hierzu t die Voltfreiluftkur, wobei die Kranken durch systematische Gewohin dahin gebracht werden, dass sie ohne Entbehrungsgefühl Tag und Nacht a im Winter auf den Veranden liegen. Ein wesentliches Moment _be der , gemeinbehandlung stellt die Reiztherapie im weitesten Sinne dar msbesotfd die Applikation von Reizen aller Art auf die Haut, welche als ein lmmi satorisches Organ anzusehen ist, dessen Anregung auf jede Art verai werden muss. Mehr wie jede andere Krankheit, welche den Chirurgen ang. erfordert deshalb die Behandlung der Tuberkulose ein Individualisieren es spielt hierbei ein gelÄcentlicher Wechsel der verschiedenen Arten der gemeinbehandlung eine wichtige Rolle. Beispielsweise schlagt gelegentl cli anfänglich günstige Wirkung des Sonnenlichtes ins Gegenteil um, dann n die Quarzlampe, müssen Solbäder, Salzabreibungen Tuberkulinkuren, Ront? bestrahlungen. Wärmeapplikationen, Reize aller Art heran, welche eine l wälzung im Körper hervorzurufen geeignet sind. Der Körper langwei t . gewissermassen häufig bei Applikation eines ständig gleicheenrteten Rei und spricht dann nicht mehr auf ihn an. Daher die ge egentl.chen Heilun mit allen möglichen Mitteln aus der Reihe derer, welche nach Wie ti /wischen dem Sternbilde der Schildkröte und dem der Hohensonne stel daher die gelegentlichen Erfolge mit Hautreizen aller Art: Thermokau Ignipunktur, Baunscheidtismus u. dergl., auch das P e t r u s c h k y sehe das P o n n d o r f sehe Verfahren gehören möglicherweise hierher Ei wichtigen Indikator dafür, ob man mit der Art der Behandlung auf dem r tigen Wege ist oder ob es Zeit hat, einen Wechsel eintreten zu Essen, die Kontrolle des Körpergewichtes sowie gelegentlich die W e i s s s Urobilinogenreaktion des Harns. , Hinsichtlich der künstlichen Lichtquellen muss anerkannt werden, < sich sowohl mit Röntgenstrahlen als auch mit kurz- oder auch langwelli Strahlen Erfolge erzielen lassen, so dass sich unwillkürlich der Gedanke drängt, ob nicht eine gemeinsame Ursache diesen Erfolgen zugrunde hegt Der Gipsverband ist bei den stationären Kranken der funktionellen Behänd! gewichen, bei den ambulanten mit Erkrankungen der Wirbelsäule oder Hüft- Knie- und Fussgelenkes kommt man nicht ohne ihn aus. Vortragender demonstriert anschliessend an einer grösseren Reihe I Lichtbildern die mittels des geschilderten Verfahrens zu erzielenden Erf und Regenerationsvorgänge, welche grosse tuberkulöse Herde zum schwinden und Sequester zur Resorption bringen. Herr C u n o: Bronchialdriisentuberkulose der Kinder und ihre Behänd (speziell P o n n d o r f sehe Kutanimpfune). . . . Der Schwerpunkt des Kampfes gegen die Tuberkulose liegt in der kämpfung der Kindertuberkulose, deren Ursache die kranke Umgebung (Die personal) ist. Ihr Anfang ist die Erkrankung der regionären Drusen, beson* der Bronchialdrüsen. In der Anamnese ist auf abendliches Fieber ohne sj nachweisbare Ursache zu achten. Die Bedeutung der mit den Kewohnluj Untersuchungsmethoden gewonnenen Resultate tritt zurück gegen das Pont bild und die immunbiologischen Untersuchungsresultate (Pirquet E s c h e r i c h sehe Stichreaktion). , Die Aussichten der Kindertuberkulose sind nur bei Milhartuberku Meningitis und käsiger Pneumonie ungünstig. , Ihre Heilung wird herbeigeführt durch möglichste Steigerung der Abw kräfte des Körpers (Mast- und Liegekuren, Sonnenbäder, Freiluftbehanai Höhensonne, Solbäder), daneben spezifische Behandlung. Seit 1912 hat Vortragender Tuberkulosekuren nach Petrusen Devcke-Much sehe Partieene (MTbcR.) und seit Januar 1921 die Po d o r f sehe Tuberkulinkutanimpfung angewandt. Bei all diesen spezitis Kuren wurden neben guten Resultaten auch Versager beobachtet, trotz n, monatiger Behandlung schliesslich Tod durch Meningitis. Das P o n n d o r f sehe Impfverfahren wird näher geschildert und Ergebnisse der Zusammenkunft der nach Po n n do rf behandelnden Aerz, Weimar November 1921 besprochen. . ... Für die Impfung eignen sich besonders: Tuberkulose der Hilusdiuseni ginnende Spitzenkatarrhe, schrumpfende Lungenprozesse (nicht prolifenere Haut-, Drüsen-, Weichteil- und Knochentuberkulose (besonders solche Fisteln), Lupus ulcerosus, skrofulöse Erkrankungen der Lider. Konjunk Utld AudTbei Mischinfektionen wird das Verfahren angewandt. Ausgezeic! Erfolge bei Erysipel, günstige Beeinflussung von akutem und chroms Gelenkrheumatismus und Arthritis deformans. v . Wechselnde Erfolge bei Asthma bronchiale, glänzende Einwirkung au Allgemeinbefinden bei Basedow. , . , Schädigungen durch die Impfung wurden nur in sehr kleiner Zam achtet Bei der Impfung ist der Hauptwert auf gründliche Einreibung des Stoffes in die skarifizierte Haut zu legen. Die Impffelder sind stets zu wec Keine neuen Impffelder anlegen, bevor die Reizung der früheren abge IXCIIIC 1ICUCII llliRlltlU&l tuuvfevn, ° * ist! Kranke mit stark positivem Pirquet sind zuerst mit verdünntem ltnr ( i vii itnnfpn An Hps früher angewandten Alttuberkulin wira Februar 1922. MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT 217 i reiner Tuberkulose Ponndorf-Hautimpfstoff A, bei Mischinfektionen Penn- ! f-Hautimpfstoff B verwendet (Sächsisches Serumwerk'). . Medizinische Gesellschaft Göttingen. (Offizielles Protokoll.) Sitzung vom 1. Dezember 1921. Vorsitzender: Herr Kaufmann. Schriftführer: Herr v. Gaza. Herr R i e c k e demonstriert eine 25 jährige Haustochter mit Syphilis ijx. Starke Abmagerung (80 Pfund), Anämie; WaR. H — 1 — I — t~; Nephritis. An Haut des Gesichtes, Stammes und der Extremitäten ein reichliches inthem, bestehend aus aggregierten grosspapulären Infiltraten, tubero- ulären und serpiginösen Herden, ausgeprägten Rupiaformen, nieren- nigen Ulzerationen, Psoriasis specifica palmaris et plantaris. Herr H. Meyer: Zur Klinik der Duodenalstenose. Die Symptome dieses in der deutschen Literatur wenig beachteten, in ausländischen Literatur jedoch häufig beschriebenen Krankheitsbildes ;en sich vorwiegend vor dem Röntgenschirm: Pylorusinkontinenz, Dauer- lang des Duodenums, peristaltische Kontraktion, Antiperistaltik ohne jeden :kt, Residuum nach 6 Stunden, je nach Schwere des Krankheitsbildes. Die chwerden sind dementsprechend: krampfartige Schmerzen kurz nach dem en, Abmagerung, Erbrechen, häufiges Aufstossen. An Hand zweier Beob- tungen in der chirurgischen Klinik wird auf die Aetiologie dieses Krank- sbildes näher eingegangen. Beide Fälle sind laparotomiert. Eine Ursache | die Stenosierung des Duodenums in der Höhe der Flexura duodeno- j nalis liess sich nicht finden. Da Lagewechsel (Knie-Ellenbogenlage, Bauch- 3, rechte Seitenlage) die Beschwerden erheblich besserte, musste ein i /egliches Hindernis in Höhe der Flexura duodenojejunalis angenommen * |rden, das auf Grund der Beobachtungen beim arteriomesenterialen adenalverschluss vom Vortragenden in der Radix mesenterii und in der eria mes. sup. gesucht wird. Konservative Behandlung führt selten zum I. Die Methode der Wahl ist die Anastomosierung zwischen oberem inum und unterem Duodenum (Duodenojejunostomie). Herr v. Gaza demonstriert ein junges Mädchen mit schwerer Wund- htherie in einer anfangs aseptisch geheilten Operationswunde. Die Operation war vor über 2 Monaten vorgenommen worden. Es hatte i um Varizen (angiomatösen Charakters) gehandelt, deren Entfernung einen gedehnten Längsschnitt am Ober- und Unterschenkel des linken Beines jrderlich gemacht hatte. Die Wundheilung schien in den ersten zwei chen ganz ungestört zu verlaufen. Dann kam es zu Hämatombildung unter Haut. Ganz allmählich entwickelten sich sodann Ulzera im Verlauf der be, so dass diese jetzt in fast ganzer Ausdehnung von etwa 50 cm Länge :in tiefes, bis zu 7 cm breites Geschwür verwandelt ist. Der Wundgrund :et ausserordentlich leicht, so dass die sonst in ihrem Allgemeinbefinden wenig beeinträchtigte Kranke anämisch wurde. Gesunde Granulationen lt man nirgends. Das Wundsekret ist schmierig-blutig, der Wundrand t scharf ab, ist ohne jede Spur von Epithelneubildung. Die Haut am ndrand sieht livide verfärbt aus, ist aber nur wenig geschwollen. Das sse Ulcus blutet bei jedem Verbandwechsel so stark, dass nur Salben¬ bände in Frage kommen. Jede Behandlung mit den allerverschiedensten teln hat bisher bei der Kranken versagt. Es soll der Versuch gemacht rden, mit der künstlichen Höhensonne und event. mit sehr grossen Dosen htherieantitoxin den fortschreitenden ulzerösen Zerfall aufzuhalten. Nach dem ganzen Verlauf dürfte es sich um eine Frühinfektion der an für sich aseptischen Operationswunde gehandelt haben. Es ist allerdings ht von der Hand zu weisen, dass eine Superinfektion der Hämatome Irrend der ambulanten Behandlung stattgefunden hatte. Als die Kranke :deraufgenommen wurde, bestand sofort der Verdacht auf Diphtherie- ■ktion. Der bakteriologische Nachweis gelang bei der zweiten Unter- hung. Aussprache: Herr F. Göppert: Das Versagen der Serumtherapie ganzen Gruppen von diphtherischen Prozessen ist eine der peinlichsten ahrungen der letzten Jahrzehnte. Es steht sicher fest, dass das Diphtherie¬ in das wesentlichste Mittel ist, durch das der Diphtheriebazillus den ■per schädigt. Es steht ebenso fest, dass das Antitoxin das Gift un- ädlich macht. Die Dosis Antitoxin, die wir zuführen, müsste zur Gift¬ dung genügen. So könnte es nur ein Zuspätkommen geben, aber ein Fort¬ reiten der Krankheit müsste unmöglich gemacht werden. Denkbar ist, s bei gestörter Zirkulation in die Nähe der fortschreitenden Erkrankung ht genügend Gegengift herangebracht wird. Das könnte z. B. bei der iemdiphtherie des Pharynx gelten, schwerlich aber bei einer leicht tenden Wunddiphtherie. Eine Aufklärung könnte sich aus der Beob- tung von Behring ergeben, dass bei verschiedenen Tierarten, be- drfrs bei Makaken, eni Vielfaches an Antitoxineinheiten, als der Gifteinheit sprechen würde, notwendig ist, um für diese Tiere Toxin zu entgiften, re das beim Menschen der Fall, so müsste an der Stelle des Giftes immer sehr grosser Ueberschuss von Antitoxineinheiten vorhanden sein. Wir ften dann die notwendige Menge Antiserum nicht nach ihrem absoluten giftenden Wert schätzen, sondern nach der Konzentration, die das Gegen- an jeder einzelnen Stelle des Körpers erlangen muss. Nun hat sich als ksame Dose bei Nasendiphtherie und diphtherischer Nabelgangrän ■4000 Antitoxineinheiten herausgestellt, also etwa 1000 Antitoxineinheiten Kilogramm -Körpergewicht. Das würde also für den Erwachsenen -60 000 Antitoxineinheiten bedeuten. Nach den Versuchen an der mensch- ipn. Haut scheint es fast, als ob diese sich mehr wie beim Meerschweinchen wie beim Affen verhielte. Ueber das Verhalten der anderen Gewebe und Blutes wissen wir jedoch nichts. Ausserdem wäre es durchaus möglich, ,s unter gewissen Krankheitszuständen oder Sensibilisierung des Körpers sich zelne Menschen anders verhalten und dass bei diesen daher die üblichen umdosen nicht dazu ausreichen, um an jeder Stelle und dauernd das Gift Beschlag zu belegen. So wäre schliesslich nicht ausgeschlossen, dass bei zelnen Menschen das Ziel mit unseren heutigen Mitteln überhaupt nicht erreichen ist. Herr Ehrenbere: Ueber Harneisen und Nierenfunktion. (Erscheint Pflügers Archiv Bd. 193.) « - Aerztlicher Verein in Hamburg (Eigener Bericht.) Sitzung vom 31. Januar 1922. Herr E n e e 1 m a n n zeigt 2 Oesophagusfremdkörper. Er betont gegen¬ über gegenteiligen Angaben, dass Gebisse und Knochenstücke bei genügender Abblendung sehr wohl auf dem Röntgenschirm sichtbar werden und empfiehlt Extraktion vor dem Schirm, widerrät dagegen Anwendung der Sonde. Herr Fahr demonstriert einen weiteren Fall von Nebennierenrinden¬ atrophie bei Morb. Addison. Klinisch war trotz deutlicher Hautpigment¬ mehrung die Diagnose nicht gestellt worden, weil der Blutdruck zwischen 100 und 120 war (was auch in anderen Fällen beobachtet wurde). Histologisch erwies sich das Nebennierenmark als normal, die Rinde wies nur sehr ge¬ ringe Mengen — z. T. Chromreaktion gebender — Epithelien auf, bestand sonst nur aus reichlichen Zellinfiltraten, unter denen viele Plasmazellen. Der Fall spricht aufs neue gegen die ausschlaggebende Bedeutung mangelnder Adrenalinproduktion für die Addisonerscheinungen. Auch der einfache Weg¬ fall eines Hormons kann nicht in Frage kommen wegen Versagens der Sub¬ stitutionstherapie. F. denkt deshalb an toxische Wirkung der Hormonmuttersubstanzen. Herr Schott in üller zeigt in Kurven und Röntgenbildern 8 Fälle von Lungenabszess, die er unter 106 G r i p p.e f ä 1 1 e n der letzten Epidemie beobachtet hat. Sje zeichneten sich alle durch Benignität aus, indem sie ausnahmslos ohne Operation heilten. Da im Sputum ausschliesslich Pneumokokken gefunden wurden, diese aber keine Tendenz haben, Lungen¬ abszesse zu erzeugen, so denkt Vortr. an die Wirkung des seines Erachtens noch unbekannten Grippevirus selbst. Herr E. Fraenkel berichtet über eine sehr seltene Komplikation eines Narbenkarbunkels mit Staphylokokkämie. Nach Abheilung desselben traten spinale Erscheinungen auf, Paresen in allen 4 Extremitäten links und rechts, Unbeweglichkeit der rechten Zwerchfellhälfte. Nur Rückenmarks¬ sektion. Diese Sektion ergab einen spondylitischen Prozess in einem Halswirbel, der zu einer schweren entzündlichen Infil¬ tration der benachbarten Dura geführt hatte. Die dadurch bedingte Ver¬ dickung der Paohymeninx mit Vorwölbung in den Wirbelkanal hatte eine tiefe Impression im Rückenmark herbeigeführt. Die Paresen erklären sich durch Pyramidenbahnläsion, die Zwerchfellähmung durch Schädigung der Zervikalwurzeln 3 — 5. Vortr. zeigt darauf Bilder von Spondylitis infectiosa mit extraduraler Eiterung, von Spondylitis tuberculosa, von traumatischer Rückenmarkskompre^ion, ferner histologische Bilder miliarer Osteo¬ myelitiden bei Staphylokokkämie sowie von „Spondylitis typhosa“. Herr Alsberg berichtet über einen Fall von Myosarkom des oberen Jejunums. Ausserdem bestand ein vernarbtes Ulcus duodeni. Die klinischen und röntgenologischen Symptome hatten eindeutig für ein Ulcus duodeni ge¬ sprochen. Epikritisch war ein Teil der Symptome (z. B. die Blutung) auf den Tumor, ein anderer auf die Ulcusnarbe zu beziehen. Diese Myosarkome des Dünndarms sind extrem selten. Herr Bonne: Kann unser deutsches Volk sieb aus dem Boden unseres Vaterlandes selbst ernähren? In eingehenden Ausführungen weist Vortr. nach, dass in Deutschland Grund und Boden völlig ausreichen, um die ca. 6 Millionen in Städten wohnenden Familien in deren Umgebung auf dem Lande anzusiedeln. Diese Ländereien können für die ganze Bevölkerung genügende Nahrungs¬ mengen hersteilen, wenn 1. neben dem uns unbegrenzt zur Verfügung stehenden Kali und Stickstoff die städtischen Fäkalien systematisch zur Düngung herangezogen werden, statt die Flüsse zu verpesten, 2. die unwirtschaftlich arbeitenden Grossbesitzt aufgeteilt werden, 3. nicht kostbares Land für die Erzeugung alkoholischer Getränke (heute 1 800 000 Hektar Land), von Tabak und von Ausfuhrzucker ver¬ schwendet wird. Besprechung: Herr Kestner: Brot wird in der Tat zweck¬ mässiger vom Grossbesitz angebaut. Aber die modernen physiologischen Erkenntnisse zeigen, dass dem Brot nicht die Bedeutung zukommt für unsere Ernährung, die man früher annahm; viel wichtiger sind Fleisch mit seinem hochwertigen Eiweiss, Milch, Gemüse und Obst mit ihren Vitaminen. Diese aber sind rationeller in Kleinbetrieb zu erzeugen. F. W o h 1 w i 11 - Hamburg. Allgemeiner ärztlicher Verein zu Köln. (Bericht des Vereins.) Sitzung vom 6. Oktober 1921 (nachträglich). Vorsitzender: Herr Cahen I. Schriftführer: Herr Jungblut h. Vor der Tagesordnung. Herr D r e y e r stellt ein 2/4 jähriges Mädchen vor, das seit 2 Monaten an Psoriasis vulgaris leidet. Handflächengrosse infiltrierte Plaques finden sich auf dem Kopf und auf der rechten Schulter. In der Umgebung des letzteren hanfkorngrosse Papeln und deutliche kleine Pusteln von Linsen¬ grösse in korymbiformer Anordnung. Seitlich an der Brustwand bohnengrosse psoriatische Papeln mit mörtelartiger Schuppung. Auf beiden Wangenschleim¬ häuten, namentlich links, flohstichartige, erbsengrosse, leicht erhabene Rö¬ tungen mit zentraler, dunklerer Färbung. Die Samberger sehe Theorie von der angeborenen parakeratotischen Diathese der Haut bei Psoriasis vulgaris steht mit den Befunden nicht im Einklang. Fälle wie der vorge¬ stellte mit seiner Schleimhauterkrankung, der korymbiformen Anordnung und der Steigerung des Prozesses bis zur Pustelbildung weisen auf ein infektiöses Agens hin. Herr K r o h zeigt einen Fall von schwerer Bauchkontusion, die eine Pankreasdurchtrennung zur Folge hatte und Herr Cahen I einen Fall von Aneurysma arterio-venosum des rechten Oberarmes. Tagesordnung. Herr Tilmann I: Ueber epileptische und ähnliche Hirnerscheinungen nach Schädelverletzungen und ihre Heilungsmöglichkeiten durch Operation. Anderweitig erschienen. Diskussion: Herren Hering und Huysmans. Herr Rubensohn: Ueber einen Fall von gummöser Ostitis des Schultergelenks. (B.kl.W. 1921 Nr. 44.) 218 MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT. Medizinische Gesellschaft zu Magdeburg. (Offizielles Protokoll.) Sitzung vom 1. Dezember 1921. Herr Hans Ulcncke: Demonstration von familiärem, angeborenem De¬ fekt beider Schlüsselbeine. . , . . , Bei Mutter und 2 Kindern, lljähr. Mädchen und 9jahr. Knaben, fehlen beide Schlüsselbeine. Ebenso bei dem Vater der Mutter. Das dritte Kind normal Ausserdem bei der Mutter und den betreffenden Kindern Verknoclie- rungslücken im Schädeldach: bei der Mutter sehr tiefe und breite Sagittalnaht. bei den Kindern ist die grosse Fontanelle noch fünfmarkstückgross, rlirn- pulsation deutlich fühlbar. Bei dem Knaben dazu doppelseitige Coxa vara. Belegung der Befunde durch Röntgenbilder. Besprechung der einschlägigen Literatur. , , . Herr Völsch: Bericht über den Stand der Vererbungslehre. Für ein kurzes Referat nicht geeignet. . _ . , Herr Konrad Kayser: Demonstration eines Uterus mit Gasbrand. Im Hinweis auf ' die Demonstration des Herrn Bauereisen vom 17. XI. ds. zeigt K. den Uterus einer 38 jähr. Graviden: Krimineller Abort. Peritonitis, Exitus ohne Operation. Sektion: Uterus am Fundus perforiert, um die Perforationsstelle Gasbrand, im Ausstrichpräparat F r ä n k e 1 sehe Bazillen. Im Eiter der Bauchhöhle Streptokokken. Aussprache: Herr Kluge weist auf die ausserordentlich starke Zunahme der kriminellen Aborte im Kreise Wolmirstedt hin und appelliert an die Aufmerksamkeit der Aerzteschaft. um die strafrechtliche Erfassung ge¬ werbsmässiger Abtreiber zu fördern. Sitzung vom 15. Dezember 1921. Herr Habs demonstriert einen Fall von Zahnkeimzyste bei Mutter und Tochter am linken oberen Eckzahn. Der Zahn fehlt bei beiden in der Zahn¬ reihe und lag am Boden einer grossen Zyste, die in die Highmorshohle hineinragte. Er wurde operativ entfernt. Herr Hammesfahr: Demonstrationen. 1. Tibiadefekt von etwa Handbreite durch Schussverletzung; am oberen und unteren Stumpf osteomyelitische Veränderungen. Erste Operation: An¬ frischung des oberen Stumpfes und Implantation des oberen Fibulaendes, glatte Einheilung. Zweite Operation: Anfrischung des unteren Tibiastumpfes, Implantation des unteren Fibulaendes, glatte Einheilung. Fibulaschaft jetzt an Stelle des Tibiaschaftes. Beleg durch Röntgenbilder. Gehfähigkeit mit Schienenhülsenapparat jetzt gut. • , 2. Verschiedene Kopfschussverletzungen mit Späterscheinungen (vor- wiegend epileptoide Zustände). Operative Besserung. H. tritt für zweizeitige Operation ein, in der 1. Sitzung Entfernung des drückenden Fremdkörpers (Knochenstück, Projektil oder Zyste). In der 2. Sitzung Fettimplantation. In der Aussprache rät Herr Habs unbedingt zu einzeitigem Vor¬ gehen bei allen Schädeloperationen. 3. Herr H. zeigt ferner 3 Fälle von Paranephritis fibrosclerotica, die sämtlich operativ geheilt sind. Einer schon 6 Tage nach der Operation arbeitsfähig. . r .. . 4. Demonstrationen verschiedener operativ entfernter Nieren-, Ureter- und Blasensteine. Bei einem Blaseiistein ist bemerkenswert, dass der innerste Kern aus Paraffin bestand, der Pat. hatte zwecks Masturbation Parafiinstäbchen in die Harnröhre eingeführt. Einer davon war in die Blase gerutscht und hatte zur Steinbildung geführt. Herr P e n k e r t bespricht einige Fehldiagnosen. 1. 34 jähr. Mädchen, Verdacht auf doppelseitige Pyosalpinx. Operation: Links dreifaches De r’m o i d im Ovarium, rechts zweifaches Dermoid. 2. 47 jähr. Frau: Eingeklemmter, vergrösserter, harter Uterus im Douglas. Verdacht auf Myom. Operation: Uterus im Douglas fixiert, Gra¬ vidität von 8 Wochen. Hinweis auf den jetzt gehäuften Gebrauch von antikonzeptionellen Mitteln: Ballonspritze und Sterilette. Warnung vor ihren Gefahren. Herr Hans B 1 e n c k e: Demonstration eines Falles von angeborener doppelseitiger Patella bipartita mit Hinweis auf die Wichtigkeit der Unter¬ scheidung gegenüber der traumatischen. Beleg durch Röntgenbilder. Aerztlicher Kreisverein Mainz zusammen mit der Rheinischen-Naturforschenden Gesellschaft Mainz. Sitzungen vom 6. und 13. Dezember 1921. Herr Gg. B. G ruber: Ueber Missbildungen. Der durch eine grosse Lichtbilderreihe belebte Vortrag behandelte die Morphologie und Genese, die experimentelle Erforschung und die Erklärungs¬ versuche der Missbildungen, sowie die Rollte, welche die Betrachtung und Einführung von Missbildungen und der damit verknüpfte Aberglauben in anderen als ärztlichen Kulturkreisen gespielt hat und noch spielt. Aerztlicher Kreisverein Mainz. (Offizielles Protokoll.) Sitzungen vom 6. und 13. Dezember 1921. Herr Hugo Müller: Krankenvorstellungen aus dem Gebiet der Dermato¬ logie und Venerologie. 2 Fälle von Dermatitis herpetiformis. Neurorezidiv im Gebiet des Fazialis und Kochlearis, sowie aller Augen¬ muskeln und des Lingualis. Zugleich Bulbärerscheinungen bei einer Hoch¬ graviden nach Unterbrechung einer begonnenen Salvarsankur (3 mall 4 In¬ jektionen von Neosalvarsan, welche auswärts verabreicht waren). Heilung durch einschleichende Kur mit Cyarsal-Neosalvarsan. Ein weiterer Fall von Neurorezidiv mit Meningismus und Kopfschmerz, Exanthem nach Jod- und Quecksilbermedikation. Heilung auf reine Salvar- sanbehandlung. 2 Fälle sehr grosser spitzer Kondylome: der eine geheilt, der andere in Heilung durch mehrmalige Röntgenbestrahlung (20 X mit 3 mm Aluminium). Hai! Herr Hugo- Müller und Herr Fries: Beziehungen zwischen erkrankungen und Röntgendiagnostik innerer Erkrankungen. Demonstration zahlreicher auf I uberkulose bezüglicher Rontgenplatt der Thoraxorgane, darunter ein Fall von Hodgkin schei Krankheit, le gestellt an Hand eines als Einzelsymptom auftretenden Pruritus, des Röntge bildes (Mediastinaldriiscn) und des angeblich spezifischen Blutbildes Ulyp< leukozytose). , .... Herr Gg. B. üruber: Vorweisung seltener Missbildungen. 1. Neugeborenes mit tiefer Spaltung des Vorfusses beiderseits und F duktion der Zehen, mit verstümmelter Hepta-Daktylie an beiden Händen. 1 klärung: Vermut'iich intrauterin erworbene, nicht ererbte Formerscheinu durch äussere Beeinträchtigung und Superregeneration an den Händen 2. Steissteratom bei einem dem äusseren Anblick nach weiblichen Fri geborenen. Präparation vom sagittalen Medianschnitt aus ergibt, dass i raumbeengende ,, Tumor“ die Entwicklung der äusseren Genitalien stän behindert hat, dass es sich um einen m ask ulinen Pseuoherm nhmditus externus handelt. Sitzung vom 3. Januar 1922. Herr Aronstein: Physikalische und biologische Grundlagen < Röntgenstrahlentherapie. Auf Grund des Wissens über das Wesen der Röntgenstrahlen und ( Erscheinungen des kontinuierlichen und diskontinuierlichen Spektrums s der Vortragende kurze Definitionen von Intensität, Qualität, Homogenität u Dosis der Röntgenstrahlen. Nach Besprechung der verschiedenen Dosierun methoden beschäftigte er sich mit ihren Fehlerquellen. Er vertrat den Stai punkt, dass die iontometrischen Methoden am einwandfreiesten der Messt des Röntgentherapeuten dienen, dass aber wohl die Zukunft ein anderes Me verfahren, nämlich das spektrographische in den Vordergrund stellen wer sobald es gelinge, aus dem Spektrogramm und den Betriebsbedingungen < mittleren Abschwächungskoeffizienten eines Strahlengemisches zu errechn In der Filterfrage ist es gewiss bedeutungsvoll, durch Uebcrdeckungsschich die verlorengegangenen Streustrahlcn wieder zu gewinnen. Es muss sei: Ansicht nach gelingen, durch eine genügend dicke Ueberdeckungsschicht \ 5—8 cm Paraffin gleichzeitig weiche Strahlen abzufangen und den Faktor < Streustrnhlung auszunützen. Damit lasse sich die Bestrahliungszeit v kürzen. Im biologischen Teil des Vortrags wurde über Erythem, Sensib tätskoeffizient, biologische Dosis, Art, Wirkung und Indikation der Rön,tg Strahlentherapie bei Tumoren, Tuberkulose und Hauterkrankungen Ge¬ handelt; daran schloss sich eine längere Aussprache der Herren Hi Müller, Q r u b e r, C o 1 1 i s c h o n, Frank, E i s e 1 und Klein, j Vereinigung der Münchener Fachärzte für innere Mediz (Eigener Bericht.) Sitzung vom 13. Juli 1921. Vorsitzender: Herr R. v. Hoesslin. Schriftführer: Herr Handwer Aussprache über Tuberkulintherapie. Herr v„ Romberg: Als Mittel zur Herbeiführung allgemeiner oder i lieber Immunität können das Tuberkulin und seine verschiedenen Forn nicht mehr angesehen werden. Es ist bei geeigneter Dosierung ein| spezifisc Mittel zur Steigerung der örtlichen Heilungsvorgänge, zur erwünschten einflussung des“ Gesamtbefindens, aber im allgemeinen nur bei Kranken deutlichen Heilungsvorgängen, bei Lungentuberkulose also mit zweife vorwiegenden zirrhotischen Prozessen, weiter bei allgemeiner Uet empfindlichkeit (z. B. mit Bronchialasthma) auf geringe zur Heilung neige Veränderungen. Diese Auswahl der Kranken vorausgesetzt, ist es vor al die Frage der Dosierung, die über den Erfolg entscheidet. Die Wahl Mittels, die Art seiner Anwendung treten dagegen ganz zurück. Herr K. E. Ranke: Die Frage der Immunität bei Tuberkulose ist s verwickelt. Es ist selbstverständlich, dass das Tuberkulin wie alle spezifisc derartigen Mittel keine andere Immunität erzeugt als diejenige, die auch Verlauf der Erkrankung spontan eintritt. In der Beziehung unterschen sich das Mittel nicht von den übrigen spezifischen Stoffen. Die Immun bei Tuberkulose äussert sich spontan in einer gewissen Widerstandsk gegen Neuinfektion von aussen her und in Veränderungen der Ausbreitur weise im Körper. Bei den als Spätformen der Tuberkulose anzusprechen isolierenden Phthisen scheint der Umschlag aus der Immunität in ( spezifische Giftüberempfindlichkeit eine grosse Rolle zu spielen. Deshalb hier auch das Tuberkulin so gefährlich. In den eigentlichen Anfangsstar der Tuberkulose, und zwar auch hier, wie etwa bei der aktiven Imm sierung gegen Lyssa, vorwiegend in den Latenzperioden, kann das Tuberk von grösster Bedeutung sein für das vollkommene Ausheilen und das Erlau einer für viele praktische Zwecke ausreichenden Immunität für b ansteckungen. Die von Herrn v. Romberg erwähnte Möglichkeit Steigerung der örtlichen Reaktionen sind bei Drüsentuberkulosen — im gemeinen bei der sekundären Tuberkulose — nützlicher und ungefährlic als bei der tertiären. Von den einzelnen Bazillenstoffen wirken wahrschein nur das Alttuberkulin und seine Analoga reizmindernd, doch ist zu beach dass auch mit dem Alttuberkulin ganz typische Reizsteigerungen her gerufen werden können. Die Tuberkuline können diagnostisch, therapeutisch und prognost Verwendung finden. Sie sind diagnostisch gut und wertvoll, therapeut gefährlich, nur in der erfahrenen Hand nützlich, hier allerdings gelegent unentbehrlich; prognostisch ist das Tuberkulin von ganz besonderem V, sowie man nicht bloss einzelne Reaktionen, sondern wirkliche Reaktionsfo: im Sinne einer Tuberkulinkur vornimmt. Ein Tuberkulöser, der eine Tu kulinkur ohne Schaden verträgt, ist prognostisch immer viel günstiger ein Tuberkulöser, der Tuberkulin nicht verträgt. Herr Flatow: Ob gerade die Tuberkuline für die Erzeug von therapeutisch wertvoller Herdreaktion die idealen Mittel darstellen, scheint bei der Variabilität ihrer Wirkung (je nach Herstellung. Jahres: Alter usw.) doch recht fraglich. Erstrebenswert bleibt die Hervorru einer lokalen Reizwirkung am Orte der Erkrankung mit chemisch be definierten und daher konkret dosierbaren Substanzen. Als solche düi die Terpene vielleicht Gegenstand der Erprobung werden, da Terpent schon in Dosen von 0,05 ccm periostal injiziert, oft eine an Spezifität innernde Herdreaktion auszulösen vermag (Redner sah post injectionem s- Kalkkonkremente im Sputum in einem Falle auftreten). Bei richtiger is der einzelnen Nummer 3.— Jl. • Bezugspreis in Deutschland • und Ausland siehe unten unter Bezugsbedingungen. • • < ceigenschluss immer 5 Arbeitstage vor Erscheinen. MÜNCHENER Zusendungen sind zu richten für die Schriftleitung: Arnulfstr. 26 (Sprechstunden 8^—1 Uhr), für Bezug: an J. F. Lehmanns Verlag, Paul Heyse-^trasse 26, für Anzeigen: L. Waibel, Anzeigen-Verwaltung, Weinstr. 2/IM. Medizinische Wochenschrift. 7. 17. Februar 1922. ORGAN FÜR AMTLICHE UND PRAKTISCHE ÄRZTE. Schriftleitung: Dr. B. Spatz, Arnulfstrasse 26. Verlag: J. F. Lehmann, Paul Heyse-Strasse 26. 69. Jahrgang. Der Verlag behält sich das ausschliessliche Recht der Vervielfältigung und Verbreitung der in dieser Zeitschrift zum Abdruck gelangenden Originalbeiträge vor. Originalien. iber die Strahlenbehandlung des Kollumkarzinoms des Uterus1). Von A. D öd er lein. Am 24. Juli 1913 wurde von ihrem behandelnden Arzte eine hrige Patientin der Frauenklinik zugewiesen mit dem ärztlichen Be- e, dass sie Ende Juni einen Abortus gehabt habe und deshalb von eine Auskratzung gemacht wurde. Die Blutungen hätten darnach nicht aufgehört, verbunden mit eitrigem, oft übelriechendem Aus¬ unter gleichzeitiger Vereiterung einer leicht erodierten Stelle der o, die ein mehr und mehr verdächtiges Aussehen annahm und derb anfühlte. Er diagnostizierte „ein seit kurzem in rapidem hstum begriffenes Karzinom“. Unser Befund deckte sich vollständig dem vorstehenden. Zur Vorsicht wurde aber eine Probeexzision j/nomraen. Die mikroskopische Untersuchung ergab ein weit in das ebe der Zervix eingebrochenes Portiokarzinom. Die noch vor- en 18- Dezember 1921 vorgelegt. j: Nürnberger: Prakt. Ergehn, d. Geb. u. Gyn. 8. Jalirg. 2. H. J P- Schäfer: Verhandl. d. Deutschen Ges. f. Gyn. 16. Kongr. 1920, S. 363. ) jVDöderlein: Mschr. f. Geb. u. Gyn. 1913, 37, Verhdl. d. Deutsch. !*• Gyn. 1913, M.m.W. 1914 Nr. 5 u. 6, Beitr. z. kJ in. Chir. 1915, 95, ■ 1. Geb. u. Gyn. 1917, 46 u. Arch. f. Gyn. 1918, 109. Ir. 7. direkten Abtötung der Karzinomzelle zu sehen ist, wie diese auch für die Wirkung der Bestrahlung der Ovarien in der Abtötung der Keimzelle bewiesen ist, halte ich nach wie vor fest, in der Ueberzeugung, dass die anderen in Betracht kommenden Möglichkeiten, etwa die Ein¬ wirkung auf dem Umwege durch das Bindegewebe, zum Mindesten unbewiesen sind, während wir hier während der Behandlung mikro¬ skopisch-anatomisch die Veränderungen an den Zellen selbst bis zu ihrem Verschwinden verfolgen können. (An mikroskopischen farbigen Photo¬ graphien werden die sukzessiven Veränderungen der Karzinomzelle demonstriert.) Besonderes Gewicht möchte ich bei diesen Bildern noch darauf legen, dass sich zugleich anatomisch-mikroskopisch feststellen liess. dass die Umgebung der Karzinomzelle, namentlich in nächster Nachbarschaft gelegene Epithelien, wie die Zylinderepithelien der Zervixschleimhaut und auch das angrenzende gesunde Plattenepithel der Scheide, keinerlei Veränderungen im Sinne des Kernzerfalls erkennen lässt, so dass sich daraus logischerweise der bindende Schluss ergibt, dass die Karzinom¬ zelle auf die Strahlen empfindlicher reagiert als die gesunde Zelle. Auf dieser Grundlage beruht die Strahlenbehandlung des Karzinoms, für dessen Heilung nunmehr die Aufgabe besteht, alle Krebszellen und zwar sowohl die im Krebsherd wie auch die in dessen Nachbarschaft vorhandenen zu vernichten, ohne das gesunde Gewebe zu schädigen. Die Lösung dieses Problems erscheint verhältnismässig einfach, stösst aber doch auf so grosse Widerstände, dass Manche auch heute noch an der Heilwirkung der Strahlen zweifeln zu müssen glauben und deshalb die ganze Behandlung verwerfen. Dreierlei Richtungen machen sich heute in der Therapie des Kar¬ zinoms geltend: Die erste, namentlich von den Chirurgen vertretene, geht dahin, operable Karzinome unter allen Umständen zu operieren und nicht zu bestrahlen, weil die Operation immer noch bessere Aussichten für Heilung biete als die Strahlenbehandlung. Für die Bestrahlung kommen dann nur jene Fälle in Betracht, die für die Operation zu weit fortgeschritten sind. Die zweite, wohl gegenwärtig die meisten Anhänger zählende Richtung verkitt den Standpunkt, die Karzinome, soweit irgend an¬ gängig, zu operieren und darnach den Herd zu bestrahlen, um etwa zurückgebliebene Reste, von denen ja die Rezidive ausgehen, zu ver¬ nichten. Es kann nicht verkannt werden, dass dieser Standpunkt die meiste Berechtigung zu haben scheint. Jeder, der die Entwicklungszeit der Karzinomoperaxionen miterlebt und selbst empfunden hat, welche Be¬ friedigung die immer bessere Ausgestaltung der Technik und damit immer besser werdende Erfolg erweckten, wird sich nicht so leicht ent¬ schlossen können, diesem' wenn auch mühevollen, aber doch befriedi¬ genden Teil seiner Therapie entsagen zu müssen. Auch ist nicht zu verkennen, dass die Erfolge der operativen Behandlung solche geworden sind, dass man nicht gerne diese« sicheren Besitz aufgibt, um dafür einen Sprung ins Ungewisse zu machen. Andererseits kann man sich auch nicht der Empfindung verwehren, dass an der Strahlenbehandlung doch etwas ist und so ist es das Einfachste und Bequemste, beide Methoden miteinander zu kombinieren. Und doch geben uns neuere Mitteilungen in der Literatur berechtigte Zweifel, ob damit ein Fort¬ schritt in der Krebsbehandlung erreicht wird. Manches deutet darauf hin, dass die Operationen durch Verschleppung von Krebszellen, durch Aenderung der Lymphströme und Beeinflussung der Blutzirkulation unter Umständen das Rezidiv begünstigen und damit auch ungünstigere Verhältnisse für die Strahlenbehandlung schaffen, als wenn diese ohne operativen Eingriff das ruhende Karzinom angreift. Jedenfalls spricht die praktische Erfahrung noch nicht so zugunsten dieser an sich sym¬ pathischen zweiten Richtung, dass man sie, wie es manchmal geschieht, als die „allein seligmachende“ bezeichnen dürfte. Die hier vorliegenden statistischen Tatsachen halten insoferne einer Kritik nicht stand, als die Beobachtungsdauer noch nicht abgeschlossen ist. Die dritte Gruppe lehnt das operative Vorgehen gegen das Karzinom ab und bekämpft es ausschliesslich durch Strahlenbehandlung, sei es mit radioaktiven Metallen, sei es mit Röntgenstrahlen, sei es mit beiden zugleich. Die Zukunft muss erst lehren, welche dieser drei Richtungen siegen wird. Das hier mitzutcilende Material der Universitäts-Frauenklinik München, das einen Beitrag zur Wirkung der radioaktiven Substanzen, nicht aber der Röntgenstrahlen liefert, habe ich in drei Zeitperioden eingeteilt: A 222 MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT. Ni Die erste umfasst die Jahre 1903—1907, in der die Klinik unter der Direktion von v. Win ekel sowohl durch vaginale wie durch abdominelle Totalexstirpation gegen das Uteruskarzinome vorging. Der zweite Zeitraum umfasst die Jahre 1908—1913, wo unter meiner Direktion ausschliesslich mit abdomineller Totalexstirpation des Uterus nach Wertheim behandelt wurde , , , und dann 1913 bis jetzt, wo nur Strahlenbehandlung stattfand und zwar bis zum Jahre 1916 nur mit radioaktiven Substanzen und m den letzten Jahren kombiniert mit Röntgemstrahlen. 1903 oh o5 06 06 09 15 16 18 19 fco R.1 Graphische Darstellung der Frequenz der Kollumkarzinomkranken in den Jahren 1903 — 1921 (a), ihre Inoperabilität (b), Operabilität (c), absolute (d) und relative (e) Heilziffer, (f) relative Heilung der fertig Bestrahlten in Proz. Aus der graphischen Darstellung ist ersichtlich, dass die Zahl der in den einzelnen Zeiträumen der Klinik zugehenden Karzinomkranken ausserordentlich verschieden ist und namentlich in der letzten Periode eine Steigerung bis auf das Fünffache des jährlichen Zugangs eintrat. Die Gründe dafür mögen unerörtert bleiben; aber die Tatsache selbst ist deshalb von der grössten Bedeutung, weil ohne ihre Berücksichtigung ungleiche Werte miteinander verglichen würden, wie dies heute so vielfach in der Literatur und zwar zu Ungunsten der Strahlenbehandlung geschieht. Selbst am gleichen Orte müssen bei der Beurteilung ver¬ schiedener Heilverfahren derartige Unterschiede sorgfältig mitberuck- sichtigt werden, denn aus den Kurven c, die in absoluten Zahlen den jeweiligen Anteil der günstigen, operablen und b diejenigen der un¬ günstigen inoperablen Fälle an dem Gesamtmaterial wiedergeben, ist ersichtlich, dass mit dem Anwachsen der Zugänge eine wesentliche Ver¬ schiebung in der Qualität des Materials stattgefunden hat, insoferne parallel mit der Frequenzkurve die der ungünstigen Fälle ansteigt, während die Kurve der noch günstigen operablen Fälle in der gleichen Zeit vom Jahre 1914 ab ständig fällt. Nun ist ja ganz klar, dass mit dem Fortschreiten des Karzinoms, mit dem Grösserwerden seiner Geschwulst, namentlich mit dem Ein¬ bruch in die Nachbarschaft, Lymphwege und schliesslich sogar mit der Metastasierung in entferntere Organe mit allgemeiner Kachexie die Mög¬ lichkeit der Heilung schrittweise abnimmt und deshalb an ein mit so viel mehr ungünstigen Fällen belastetes Material ein ganz anderer Massstab angelegt werden muss, als an ein ganz anders geartetes Material Man beachte, dass in der operativen Zeit meines Materials die üperabilitätskurve stets über derjenigen der Inoperabihtatskurve verläuft, also stets mehr günstige als ungünstige Fälle zur Beobachtung kamen. Das Jahr 1913, mit dem die Strahlenbehandlung emsetzte bringt die Wandlung. Hier schneiden sich die beiden Kurven, um sich von Jahr zu Jahr mehr von einander zu entfernen. Bei oberflächlicher Betrachtung der die geheilten Falle in Prozent¬ zahlen wiedergebenden Kurve d würde man zu dem Trugschluss kommen, dass die Resultate der operativen Heilung diejenigen Strahlenbehandlung beträchtlich übertreffen und deshalb die btrah behandlung unterlegen sei. Zum Verständnis dieser statistischen gebnisse sei angeführt, dass sich diese prozentuarische Berechnung Geheilten auf die gesamten Zugänge bezieht, nicht etwa nur auf i Operierten oder Behandelten, also Winters „absolute neitti darstellt ohne jeden Abzug. Es sind also weder die Verstorbenen 1 die Verschollenen in Abzug gebracht, sondern es bedeutet diese absc Zahl jeweils, wieviele unter 100 in einem Jahre zugegangenen Karzin kranken nach mindestens 5 Jahren noch geheilt waren. Die Kurve e zeigt dagegen die „relative“ Heilungsz Winters, d. h. wieviele .von je 100 Operierten oder nut Stra Behandelten nach der gleichen Beobachtungsdauer noch geheilt wa Hier zeigt sich, dass die mit Strahlen Behandelten nicht nur n schlechter, sondern eher besser abschneiden. Das Endergebnis in meinem Material geht dahin, dass von 265 lumkarzinomkranken der Jahre 1908-1912 54 = 20,4 Proz. durch Wertheim sehe Radikaloperation dauernd geheilt wur 167 = 63 02 Proz. konnten der Operation unterzogen werden, so ■ sich die relative Heilziffer auf 32,3 Proz. berechnet, immer ohne jf Demgegenüber stehen 500 in den Jahren 1913 1916 mit Stra behandelte Karzinomkranke, von denen 69 == 13,8 Proz. geheilt wui In diesem Material wäre aber die Operabilität nur 33,9 Proz. ge\u also etwa die Hälfte gegenüber dem operativen Material, gemäss in der graphischen Darstellung zum Ausdruck gebrachten Verschlec rung des ganzen Materials. Unter Zugrundelegung der am operat Material gewonnenen Erfahrungen dürfte die Benauptung oerec sein, dass bei diesem um soviel schlechteren Material nur die n; also etwa 10 Proz., aller durch die Operation hatte geheilt we können, so dass auch hier die durch die Strahlenbehandlung erreic Resultate etwas günstiger abschneiden. Dass die Strahlenbehandlung mehr als die operative zu leisten stände ist erhellt aber noch mehr aus einem anderen Umstande, i lieh daraus, dass Fälle damit zur Heilung gebracht werden kom denen gegenüber das Messer machtlos gewesen wäre. . £ Während das operative Material ganz von selbst in die 2 Gru zerfällt, operative und nichtoperative, habe ich das Stiahlenbehandli material in 4 Gruppen getrennt: Die erste Gruppe umfasst jene I die nach dem Untersuchungsbefund als operable bezeichnet wt könnten und bei denen also die Erzielung obiger Heilresultate durci Operation mögiieh gewesen wäre. Die zweite Gruppe umfasst die „ürenzfälle“, bei denen unter Umständen, namentlich auch abh; vom Allgemeinbefinden, vielleicht bei manchen noch eine Piobela tomie ausgeführt worden wäre, um die Möglichkeit oder Unmoglic der Durchführung der Operation noch besser als durch den U suchungsbefund entscheiden zu können. Die dritte Gruppe umfasst Fälle in denen auch dieses ausgeschlossen wäre, in denen aber der such der Strahlenbehandlung trotz der Ausbreitung des Karzinoms u nommen wurde; die vierte Gruppe endlich umfasst jene desolaten , in denen aus örtlichen und allgemeinen Gründen jede Behandlungs lichkeit ausgeschlossen war. Die Heilresultate, nach diesen 4 Gruppen getrennt, sind folg« Die erste Gruppe umfasst in den Jahren 1913—1916 77 . von denen 37 = 48 Proz. mehr als 5 und bis zu 8 Jahien £■ wurden. In der zweiten Gruppe finden sich 90 Frauen, von dene = 20 Proz. geheilt sind. In der dritten Gruppe sind 214 Frauen verzeichnet, von dem = 6,07 Proz. geheilt sind. Ueberraschendor Weise finden wir sogar in der vierten, 119 umfassenden Gruppe 1 Kranke verzeichnet, die geheilt ist. Diese 3 heilten der inoperablen Fälle stellen ein unbestreitbares Plus Strahlenheilungsvermögens gegenüber dem operativen dar. So befriedigend diese Feststellung ist, so unbefriedigend ist andererseits die Tatsache, dass uns nur in der Hälfte der der ( Gruppe angehörenden Fälle Heilung gelungen ist. Wollen wn nun Fortschritte erzielen, so ist den Gründen nachzugehen, wor liegt, dass die andere Hälfte nicht geheilt wurde. Glücklicherweise findet sich hier das Versagen unserer Behar in erster Linie darin begründet, dass sich die Kranken der Fortse der Behandlung entzogen haben, glücklicherweise deshalb, weil ausgedrückt war, dass es nicht in der Natur dieser Therapie selbst sondern1 wenigstens in der Hauptsache in einer abänderlichen Ae lichkeit. Hier unterscheidet sich die Strahlenbehandlung wesenthe der operativen, insoferne die Kranken, die sich der Operation ] ziehen, damit sofort vor dem abgeschlossenen Heilverfahren sj während die Strahlenwirkung eine in bestimmten Zeiträumen me wiederholte Anwendung der Heilsubstanz erfordert, wenn andere mit der Vorsicht vorgehen will, die die Schonung des gesunden Ge- erfordert. Mögen hier auch die in die Kriegsjahre fallenden Kr vielfach durch häusliche Angelegenheiten, durch Reiseschwiengl auch durch den Kostenpunkt, selbst wenn sie Freiplätze beko haben, abgeschreckt worden sein, eine Behinderung, die in rri Zeiten weniger ins Gewicht fallen wird, so ist mit Nachdruck h| zuheben, dass der Kliniker hier viel mehr als bei der operative handlung auf die tätige Mithilfe der Hausärzte angewiesen ist. | diesen erst einmal die Ueberzeugung von der Heilungsmögn . Februar 19 22. MÜNCHENER 'MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT. 223 ch die Strahlenbehandlung durchgedrungen, dann werden sie uns ihre fe um so williger leihen dürfen, als sie damit des Vorteils teilhaftig i-rden, dass ihnen die Kranken nicht ohne weiteres mit der Ueber- isung in die Klinik entzogen werden. Ich habe deshalb nie ver- imt, den die Kranken uns zuweisenden Aerztcn eindringlich ans Herz legen, ihre Kranken fortlaufend in Beobachtung zu behalten und sie uihalten, den ihnen von der Klinik mit auf den Weg gegebenen Wei- lgen zur Fortsetzung der Behandlung Folge zu leisten. Dieser Nachteil der Strahlenbehandlung, dass sich die Kranken ihr so beträchtlicher Zahl vorzeitig entziehen, ist zweifellos sehr Fe¬ ierlich, aber nicht unabänderlich und es muss mit allen Mitteln da- cen angekämpft werden. Falsch wäre es deshalb, der Strahlenbehand- -ellr zur Hast zu lesen, dass sie damit zu Fall gebracht ! rde. Es wäre dies etwa so, wie wenn man dem Salvarsan eine Heil- kung absprechen würde, weil es Fälle gibt, in denen es nichts hilft, '•1 Betreifenden nach der ersten Injektion ausgeblieben sind. Kein nünftiger wird aus solchen Fchlschlägen einen Vorwurf gegen das I tel ableiten. Die Hauptsache ist doch, dass wir ein Mittel besitzen, beiten kann. Die weitere Aufgabe ist dann, ihm entsprechende Gel- g bei den Kranken zu verschaffen, wozu freilich in erster Linie der ube an die Wirkung notwendig ist. Diesen zu stützen sei mitgeterlt, dass von 43 Kranken der ersten ippe, die sich unserer Behandlung bis zu deren Beendigung unter- en, 35 81,0 Proz geheilt wurden. Von 50 solchen der zweiten ippe wurden 18 = 36,0 Proz. geheilt und von 121 der dritten Gruppe = 10,41 Proz. Hervorgehoben sei noch, dass aus den Jahren 1913—1915 52 Frauen eilt sind, von denen bei der jetzt stattgehabten Untersuchung 11 t Jahre, 23 sieben Jahre, 9 sechs Jahre und 9 fünf Jahre nach Ab- luss der Behandlung gesund sind. Dass sich bei den Gruppen so grosse Unterschiede finden, zeigt einmal die Bedeutung dieser Gruppenteilung zur Beurteilung des tenals, wobei ich bemerke, dass die Kranken beim Eintritt in die 1,k von mir selbst untersucht und nach Diktat des Befundes in die refrende Gruppe eingeteilt werden. Ebenso werden auch die Nach- ersuchungen, soweit irgend möglich, von mir selbst ausgeführt so s ich für deren Richtigkeit einstehe. Des weiteren lehren uns aber diese Unterschiede in den Heilresul- 'n «er verschiedenen Grupoen, was ja eigentlich selbstverständlich dass es bei der Strahlenbehandlung, wenm auch nicht so sehr wie bei operativen, in erster Linie auf das Entwicklungsstadium des Karzi- IS ankommt, in dem die Betreffenden sich zur Behandlung einfindeu. sei de s h a 1 bauch hier wieder eindringlichster pell an die Mithilfe der Hausärzte gerichtet, uns der möglichst frühzeitigen Diagnose des Karzi- m s z nun ter stützen. Abweichungen in den menstruellen Bin- ?en und besonders, worauf P. Zweifel jüngst wieder mit Nach- :k hingewiesen hat, Blutabgang post coitum, verdächtiger Ausfluss der digitalen oder Spiegeluntersuchung leicht blutende Erosionen, i c k e 1 i g e s Gewebe erfordern unbedingt spezialistische Be- mung im Zweifelsfalle Probeexzision mit mikroskopischer Unter- lung, die auch dem Erfahrensten manche Karzinome verrät, die er e diese zu diagnostizieren nicht imstande wäre. Es geht aus meiner istik hervor, dass, wenn eine Frau mit Portiokarzinom zur rechten ’ also möglichst im Beginne der Erkrankung zur Behandlung kommt diese richtig durchhält, wozu der Gynäkologe mit dem U Son r> d a,^re,r n d Hand in Hand gehen muss, sie minde- ls 80 Proz. Wahrscheinlichkeit vollkommener Heilung hat. Dieses Endergebnis zeigt, was mit der Strahlenbehandlung im inigsten Falle erreichbar ist, und beweist damit ihre Ueberlegenheit die operativen Möglichkeiten. Diese meine Resultate sind ausschliesslich durch Radium und Meso- iiim, also die radioaktiven Metalle, erzeugt. Ob Röntgenstrahlen gieicne zu leisten vermögen, ist bisher von niemand bewiesen. Nach neueren Forschungen dürfen wir der Röntgenbestrahlung eine ge¬ he Ergänzung in der Wirkung der mit radioaktiven Substanzen ei¬ lt zuschrciben, insoferne damit von dem ursprünglichen Krankheits- i weiter entfernte Krebsnester bestrahlt werden können. Dazu hilft, ’ Ü1C neuesten Apparate viel härtere Strahlen erzeugen als die eren, freilich immer noch nicht so harte wie die härtesten Gamma- radjociktiven Substanzen. Zweckmässig wird man jetzt e neulen Verfahren, wie das ja vielfach geschieht, miteinander kom- "tv!’ Uf? 3 es zu erschöpfen, womit man den Kranken nützen kann. z-iiKumt muss lehren, ob wir damit noch günstigere Resultate als er erzielen oder nicht. . Ohne auf die Technik der Bestrahlung hier näher eingehen zu wollen, • r nocii bemerkt, dass wir die anfänglich zu beklagenden Neben- ngungen,. Verbrennungen und Fistelbildungen, als Kinderkrankheiten r jherapie zu überwinden gelernt haben und dass wir seit län- keinerlci Nachteile objektiver und auch subjektiver Art mehr :n' Auch die recht störenden Tenesmen des Rektums können durch cd,1 echmk Und entsprechende zeitliche Begrenzung und Dosierung - 'cherheit vermieden werden. Aus der Frauenklinik der Universität Leipzig. Zur Frage der Schwangerschaftsunterbrechung und Sterilisierung wegen Lunyen- und Kehlkopftuoerkulose. Von Prof. Dr. Bernhard Schweitzer. Wenn wir den Erfolg der Schwangerschaftsunterbrechung richtig bemessen wollen, dürfen wir uns nicht mit der Beobachtung der Fälle während des zeitlich beschränkten klinischen Aufenthalts begnügen. Eine Vorbeobachtung ist notwendig zur möglichst hinreichenden Be¬ urteilung des Einzelfalles im Hinblick auf Stadium und Verlaufsrichtung der 1 uoerkulose vor und seit der Schwangerschaft. Unerlässlich ist aber auch eine Nachbeobachtung der Fälle über die Zeit des klinischen Aufenthaltes hinaus. Für die einwandfreie Beurteilung der Frage, ob die Tuberkulose im Emzelfalle wirklich durch die Schwangerschaft verschlechtert wurde, , ,rJu v*e‘en Fällen der objektiv sichere Nachweis über den Befund der luberkulose vor Eintritt der Schwangerschaft; es mangelt an Klar- heit über die Verlaufsrichtung der luberkulose unabhängig von der Schwangerschaft, ob sie vor der Schwangerschaft scheinbar ausgeheilt, • v,siu "Radium der Besserung oder bereits der Verschlechterung sich befand und ob diese letztere in raschem oder langsamem Fort¬ schi eiten sich bewegte. Oft haben wir allein die Angaben der Frau, die nicht selten tendenziös gefärbt sind. Eine frühere Heilstättenbehand- lung, auch wenn sie von vollem Erfolg war, wird oft als Ausweis für das „berechtigte“ Verlangen nach Abort aufgetischt. Besser sind wir üaian, wenn eine ärztlicüe Beobachtung in der Lungenfürsorgestelle oder beim Facharzt vorliegt; doch ist dies seltener der Fall. So sollen wir häufig allein auf Grund des gerade erhebbaren Befundes uns ein Bild über Stand und Wechsel der Tuberkulose unter dem Einfluss der Schwangerschaft machen. Dass nicht jede Tuberkulose durch die Schwangerschaft ungünstig beeinflusst wird, wissen wir. Die ausgeheilte regt sich auch in der Schwangerschaft so gut wie nie. Dass aber doch in nicht gut aus- geheilten Fällen stets mit einer ungünstigen, ja gefährlichen Beein¬ flussung geiechnet werden muss, ist ebenso erwiesen, zumal wenn wir von Pathologen hören, dass der Durchseuchungscharakter der Tuber- kulose durch die Schwangerschaft eine Aenderung erfährt. Oft hält die Tuberkulose zwar die Schwangerschaft noch gut durch, doch führt sie unter der heimtückischen Wirkung des Wochenbetts und der Lakta¬ tion zu rapidem Verfall. Die Schwangerschaft mehrt, das Wochenbett zehrt, ist ein treffen¬ der Satz Zweifels. Der Einfluss der Schwangerschaft auf die Tuberkulose bleibt un- berechenbar. Eine Reihe ungreifbarer Momente spielt mit welche uns die Sicherheit des Urteils beeinträchtigt. t r der Bewertung des Erfolges der künstlichen Unterbrechung der Schwangerschaft müssen wir uns vor allem darüber klar sein, dass wir von derselben keine Heilwirkung aut die Lungentuberkulose verlangen dürfen. Die Unterbrechung wird dann ihren Zweck erfüllt haben, wenn sie die durch die Schwanger- schaft erzeugte Verschlimmerung der Tuberkulose zum Stillstand ge¬ bracht hat Sehr viel ist erreicht, wenn sie die Möglichkeit für eine • eSp-,r,ull£ °^er gar Heilung der Tuberkulose geschaffen hat und dies in Fallen, von welchen wir durch unsere Beobachtung den Eindruck gewonnen haben, dass bei Fortbestehen der Gravidität die Tuberkulose einen schnellen bösartigen Verlauf genommen haben würde. Täu¬ schungen bleiben uns aber nicht erspart. Häufig würde so wie so auch ohne die Interkurrenz einer Schwangerschaft der schlechte Ausgang unaufhaltsam näherrücken, oft auch wieder würde der Prozess einer spontanen Besserung zugängig sein trotz (und in seltenen Einzelfällen vieUeicht sogar wegen) der Schwangerschaft. Auch bei der Beurteilung des Eitektes der Schwangerschaftsunterbrechung fehlt es nicht an Schwierigkeiten. i Ueb5r . 3 0=0 ;; in. ;; 8 2 = 20 im IV. Monat 8 3 = 27 ,, v. 7 5 = 42 „ VI. „ 7 11 = 61 „ VII. 3 11 = 79 „ VIII. „ I 8 = 89 „ ix. „ 0 4 = 100 Je später in der Schwangerschaft die Unterbrechung erfolgt war, desto weniger bestand Aussicht auf Erfolg. In den ersten beiden Monaten hatten wir (allerdings bei einer kleinen Zahl) keinen Ver¬ sager. Gegen Ende der Schwangerschaft war auch durch unseren Ein¬ griff eine weitere Verschlechterung nicht mehr aufzuhalten! Von den 44 Verschlechterten befanden sich nur 2 diesseits des 4. Schwanger¬ schaftsmonats. dagegen 95 Proz. jenseits desselben. Dem Grad der Tuberkulose nach handelte' es sich in den Fällen mit Verschlechterung: Um das I. Stadium 0 mal (von 11 Fällen dieses Grades), um das II. Stadium 11 mal (von 34 Fällen dieses Grades), um das III. Stadium 17 mal (von 19 Fällen dieses Grades), um Kombination mit Lungentuberkulose 16 mal (von 17 Fällen dieses Grades). In den ausgesprochen schweren Fällen blieb also die Schwanger¬ schaftsunterbrechung fast immer erfolglos. Die Schwanger¬ schaftsunterbrechung verliert demnach um so mehr an Wert, je später in der Schwangerschaft sie vor¬ genommen wird und je weiter die Tuberkulose fort¬ geschritten ist. In solchen Fällen werden wir in Zukunft die Unterbrechung ablehnen müssen. T o d e sf ä 1 1 e. Von den mit künstlicher Unterbrechung behandelten 81 Fällen sind inzwischen 44 gestorben = 54 Proz. Mortalität. Aus dieser Sterb¬ lichkeitszahl dürfen wir aber nur mit Einschränkung Schlüsse ziehen, denn es ist ausser Frage, dass ein nach Jahren eintretender Tod an Tuberkulose den Erfolg oder Misserfolg der Unterbrechung nicht an¬ zusagen vermag. Allein die im 1. Vierteljahr nach der Unterbrechung erfolgten tödlichen Ausgänge sind zur Beurteilung dieser Frage verwertbar. Im 1. Vierteljahr starben 26 = 32 Proz.!, innerhalb des 1. Jahres im ganzen 31 = 38 Proz. 59 Proz. aller Todesfälle ereigneten sich im 1. Vierteljahr nach der Unterbrechung Bevor wir diese höchst bedeutsamen Zahlen bewerten, müssen wir uns darüber informieren, wie die Todesfälle sich auf die einzelnen Schwangerschaftsmonate verteilen, in welchen die Unter¬ brechung vorgenommen war. Bei Unterbrechung starben von im 1. Vierteljahr in Proz. im I. Monat 0 0=0 . II. • 3 o = o ,. 111. „ 10 0=0 im IV. Monat n 2 = 18 v. 12 3 = 25 »» v • »> VI. 18 8 = 44 VII. „ 14 5 = 36 im VIII. Monat „ ix. „ 9 4 5 = 56 3 = 75 Bei Unterbrechung in den ersten 3 Monaten blieben Todesfall! 1. Vierteljahr vollkommen aus. Alle Todesfälle fielen die Unterbrechung vom 4. Monat an. Im 5. Monat stieg Sterblichkeit bis zu 1 Viertel an, im 9. Monat bis zu 3 Viertel der handelten. Die Unterbrechung ist demzufolge nach dem 3. Schwär schaftsmonat nicht mehr in der Lage, in einer genügend grossen der Fälle einen raschen tödlichen Ausgang zu verhindern. Gegen I der Schwangerschaft häufen sich die schnellen Verschlechterungen tödlichem Ausgang im 1. Vierteljahr noch so, dass die Unterbrecl nicht nur vollkommen vergeblich erscheint, vielmehr sogar den druck aufkommen lässt, dass dieselbe eher den rapiden Verfall schleunigt. Wenn wir das Stadium der Tuberkulose bei sichtigen, so starben: _ 41 von aktiv bell. mit Stadium überhaupt im 1. Vierteljahr in 1! I 0 0=0 34 II 15 5 = 15 .19 III 14 11 =58 17 mit Larynxtuber- kulose kombiniert 15 10 = 59 Letal geendet haben also im 1. Vierteljahr vorwiegend! schweren Fälle. Die Betrachtung der Frühsterblichkeit nach Schwangersct Unterbrechung verlangt gebieterisch eine starke Einschränkung Unterbrechung. Besonders bemerkenswert ist, dass alle Fälle mit positivem! zillenbefund mit einer einzigen Ausnahme ad exitum gekommen | Dass die Einleitung des Abortus bzw. der Frühgeburt an sic das Schicksal der Kranken bedeutungslos sei. kann nicht beha werden. Die einfachen Methoden der Einleitung (Lamii Ausräumung), die wir in der Regel angewendet haben, können I sogar als zu eingreifend erweisen. So haben wir in einem der le Fälle, welche seit Abschluss der Nachforschungen behandelt wu einen akut tödlichen Ausgang erlebt, den wir eigentlich nur auf K< des Eingriffs setzen können. Gleichzeitig haben wir wieder ei sehen müssen, dass wir den Grad der Tuberkulose noch zu gi beurteilt hatten, indem die Sektion eine Tuberkulose im 3. Sta aufdeckte, während wir das 2. angenommen hatten. Auch in frül Jahren haben sich von den bereits genannten Todesfällen 2 im Wo; bett ereignet. Ein grösserer Blutverlust scheint besonders gefä, zu sein. Sehr näufig schliesst sich, selbst wenn wird die Miliartuberk ausnehmen, an die vollendete Fehl- oder Frühgeburt Fieber und ra Verfall an. Zweifellos werden die Tuberkulösen auch einer JV infektion in hohem Masse zugängig, die ihre Genesung sehr in I •-teilt. Aus diesen Gründen wären vielleicht die radikalen Methoden msexzision und -resektion und die TotalexStirpation des Uterus v; oder abdominal), weil aseptischer und blutsparender, mehr zu fehlen. Doch bleibt noch zu erwägen, wie wir uns hierbei zur der Dauersterilisation stellen wollen. Besondere Erwähnung verdienen weitere 10 Fälle, welche i eine gesonderte Gruppe zusammenfasse, bei welchen die Früh gel spontan eingetreten war. Einerseits können diese auf die Stufe mit den künstlich Unterbrochenen gestellt werden, weil hie dort die Schwangerschaft vorzeitig zu Ende kam. Doch schein andererseits das Moment von Bedeutung, dass in diesen Fälle Unterbrechung spontan und wohl nicht zuletzt infolge einer Wirkung der Tuberkulose vor sich ging. Diese Fälle, die allerding der 2. Schwangerschaftshälfte angehörten, sind nicht gerade güh g e r verlaufen als die mit künstlicher Unterbrechung. I Von den 10 Fällen, von welchen 1 im 6., 2 im 8., und 7 im 9. Ij spontan niederkamen, verschlechterten sich 8 Fälle = 80 Proz.1 zwar 2 im 8., und 6 im 9. Monat unterbrochene. 6 Fälle w ad exitum = 60 Proz., und zwar im 1. Vierteljahr nach der Frühgei1 (alle im 9. Monat) = 40 Proz. Wenn wir dagegen die Resultate der konservativ! wartenden Behandlung betrachten, so lässt sich im allgen1 sagen, das dieselben besser ausfielen als die nach künstlicher l brechung. Das lag aber hauptsächlich an der günstigen Lage der die vorwiegend Tuberkulosen des 1. Stadiums und latent waren, der bin ich nicht in der Lage, über alle diese Fälle zahlenmäss Erfolge mitzuteilen, da diese in der überwiegenden Mehrzahl nui klinisch beobachtet waren. In mehreren Fällen war infolge de ebruar 1922. MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT. 225 iravidität einhergehenden Fettansatzes sogar Besserung der Tuber- e eingetreten, die selbst durch das gefürchtete Wochenbett keine istige Wendung erfuhr. Immerhin kann ich über 17 konservativ idelte Fälle hier berichten, welche klinisch beobachtet und von s e nachkontrolliert wurden. Von diesen haben sich nachträglich noch 7 verschlechtert = 41 Proz. Scheinbar haben wir uns dem- bei der Fndikatipnsstellung getäuscht. Wenn wir aber diese Fälle 1 ansehen, so sind z. B. 2 in Wegfall zu bringen, bei welchen wir n des schon zu schlechten Zustandes auch von der künstlichen brechung nichts mehr erhofften. Diese beiden sind als rin¬ net abgelehnt nach 3 bzw 4 Jahren ad exitum gekommen. In ereil Fällen haben wir uns auf Grund der Gewichtszunahme doch iten lassen und haben sie als zu günstig beurteilt. In dem einen welcher mit Kehlkopftuberkulose kompliziert war. trat 4 Wochen der Entlassung aus der Klinik der Tod ein, im anderen Falle im 1. Vierteljahr! Es zeigen solche Erfahrungen, wie ungenügend e Hilfsmittel zur Beurteilung des Einzelfalles sind und wie un¬ heilbar der weitere Verlauf. Es kann natürlich auch nicht be¬ et werden, dass die künstliche Unterbrechung diese Fälle gerettet Auf diese 17 konservativ behandelten Fälle kommen demnach lesfälle = 24 Proz., im 1. Vierteljahr 2 = 12 Proz. Die Sterblich- iller so exspektativ behandelten Fälle war bestimmt geringer, da mr die als schwer anzusehenden Fälle zur Beobachtung in die aufgenommen haben. iie Zusammenfassung unserer Erfahrungen, die wir mit der angerschaftsunterbrechung gemacht haben, und der Folgerungen, ir daraus ziehen, lautet: 'urch die Schwangerschaft ungünstig beeinflusste Fälle von Lun- und Kehlkopftuberkulose, d. h. solche, bei welchen Husten, Aus- Nachtschweisse, Temperatursteigerungen, Gewichtsabnahme auf- , hatten nur dann von der Schwangerschaftsunterbrechung sicht- Nutzen, wenn dieselbe in den ersten 3 Monaten vorgenommen : und der tuberkulöse Prozess als leicht bis mittelschwer anzu- ien war. Der progrediente Verlauf der Tuberkulose kam zum Still¬ oder es setzte deutlich Besserung ein. Je weiter die Schwanger¬ fortgeschritten war, desto irreparabler zeigten sich bereits die m Lungenleiden gesetzten Veränderungen und desto eingreifender ; die Unterbrechung selbst bzw. die durch die Wochenbettsvor- involvierten Schädigungen. Die Misserfolge der künstlichen mechung sahen wir in den höheren Schwangerschaftsmonaten in tuender Weise und hauptsächlich bei den fortgeschrittenen Fällen Tuberkulose. Fast vollkommen aussichtslos erwiesen sich die ehlkopftuberkulose kombinierten Fälle. Die künstliche Frühgeburt allgemeinen als nicht mehr wirksam zu verwerfen. So kann stens das Kind einer ohnehin verlorenen Mutter noch gerettet n. Die Schnittentbindung an der ''Sterbenden oder Toten muss ich lebende Kind zur Welt bringen. ei Berücksichtigung der hohen Frühsterblichkeit wird uns die • Unzulänglichkeit der künstlichen Unterbrechung besonders klar, tens in den 3 ersten Monaten kann der künstliche Abortus in :ht gezogen werden, in den folgenden Monaten ist das konserva- /erfahren das gegebene. Ausnahmen von letzterem Grundsatz , höchstens eben erst progredient gewordene Fälle eines giinsti- 'ube-'kulosestadiums machen. ach den durchaus unbefriedigenden Resultaten ngt man zu einem weitgehenden Ablehnen der ''angerschaftsunterbrechung. ie Verantwortung, eine Schwangerschaftsunterbrechung abzu- , scheint mir keineswegs grösser, als dieselbe für berechtigt an- :n. ifür wird man mehr und mehr Wert auf die interne, klimatisch¬ ste oder intern-chirurgische Behandlung der Tuberkulose legen n, die so früh als möglich und energisch einzusetzen hat. ie Heilstättenbehandlung, für die sich auch M e n g e, z, \ e i t. Pankow, v. J a s c h k e, Kehrer, Frischbier, s i u s. Röpke u. a. einsetzen, ist die wichtigste For- ng in der Frage der Fürsorge tuberkulöser zangerer und Wöchnerinnen. ich das Anlegen eines künstlichen Pneumothorax muss in ge- en Fällen versucht werden. st wenn diese gegen das chronische HauDtleiden gerichteten ahmen ihre Unwirksamkeit oder Undurchführbarkeit erwiesen kommt die Schwangerschaftsunterbrechung in Frage, aber mil¬ den bereits genannten Einschränkungen. Auch nach der kiinst- Unterbrechung wäre wieder die Heilstättenbehandlung zu ei¬ nen. Leider stehen heutzutage der Durchführung dieser Grund- noch häufig unüberwindliche äussere Schwierigkeiten entgegen, enn ich bei meinen Ausführungen Autoren ungenannt Hess, | in gleichem Sinne sich bereits ausgesprochen haben, so habe ich aummangel Rechnung getragen. Die Literatur in dieser Frage =rdies so umfangreich, dass an eine vollständige Berücksichtigung nmen einer derartigen1 Mitteilung nicht zu denken ist. 2 Frage der Sterilisierung bedarf noch besonderer Be- ing. Bisher hatte die Leipziger Klinik den Grundsatz, in jedem !r 'welchem die Unterbrechung für indiziert angesehen war, das ktbarmachen durch Tubenresektion vom Leistenkanal aus vor- lgen-_ Es bedeutet ja auch eine Zumutung für den Arzt, in jedem wonötig mehrmals, bei derselben Frau den Abortus einzuleiten, u nicht zu leugnen, dass eine Wiederholung der künstlichen Unter- n‘g an sich nicht gleichgültig ist für die Gesundheit der Frau und dies um so mehr für die bereits geschädigte einer tuberkulösen. Bedenken gegen die Sterilisierung zerstreuen sich in vielen Fällen dann, wenn bereits Nachkommen vorhanden sind. Wenn die Sterilisierung aber, wie hier üblich, nicht bei demselben klinischen Aufenthalt vorgenommen wurde, so erlebten wir sehr häu¬ fig, dass aus Abneigung gegen einen zweiten Eingriff die Frauen am ausgemachten Termin nicht erschienen. Nur 10 Frauen haben der nachträglichen Sterilisierung sich unterzogen. So kam es, dass bei nahezu einem Dritte! der Fälle Schwangerschaften nachfolgten, z. T. wieder mit künstlicher Unterbrechung. So musste z. B. in einem Falle 3 mal die Unterbrechung gemacht werden, und wir erzielten schliesslich trotz gleichzeitiger, allerdings beschränkter Larynxtuber- kulose nach Sterilisierung doch noch Besserung der Tuberkulose. Besonders bemerkenswert sind aber die Fälle, in welchen späterhip, also nach dem Abortus arte- ficialis Schwangerschaften vollkommen ausgetra¬ gen und sogar 1—3 rechtzeitige Geburten durchgemacht wurden, ohne dass die Tuberkulose in späteren Jahren noch einmal auf gef lammt wäre. Fälle, in welchen ein vollkom¬ menes Ausheilen der Tuberkulose nicht verhindert war. Solche Er¬ fahrungen legen uns doch nahe, die Sterilisierung nicht so grundsätzlich in jedem' Falle erzwingen zu wollen. Wäre der ärztliche Rat stets be¬ folgt worden, so wäre einem Teil der Frauen Nachkommenschaft ver¬ sagt geblieben. Wenn dies auch immer vereinzelte Vorkommnisse sein werden, so sind sie doch von grosser Bedeutung. Leider dürfte es aber erheblichen Schwierigkeiten begegnen, Fälle von vornherein als derart günstige herauszufinden. Man könnte einwenden, dass wohl bereits die Unterbrechung über¬ flüssig gewesen sei. Nach der klinischen Beobachtung hatten wir aber den Eindruck, dass nur die sofortige Beendigung der Schwangerschaft eine Wendung in der absteigenden Bahn der Tuberkulose gebracht und dass sie die Ausheilung ermöglicht hatte. Die Indikationen zur Sterilisierung werden von den verschiedenen Autoren verschieden formuliert. Winter zieht mit Recht die Grenzen sehr eng. Eine grosse Zurückhaltung scheint auch mir geboten, zumal in Form der Dauersterilisierung. Wir dürfen, meiner Ansicht nach, wenn wir die Unfruchtbarkeit im Interesse der Erhaltung des Lebens der Mutter erwirken wollen, in den meisten Fällen nur auf die tem¬ poräre Sterilisierung hinauskommen. Darauf kann die Me¬ thode der Operation eingestellt werden. Derartige- Verfahren sind an¬ gegeben von B e u 1 1 n e r (Septumbildung in der Tube), S e 1 1 h e i m (intraligamentäre Versenkung der Tube), Menge. Stoeckel (extra¬ peritoneale Einbettung der Tube zwischen den Bauchdecken), Blum- berg, van de Velde (Versenkung der Ovarien in Peritonealtaschen), Gutbrod (extraperitoneale Verlagerung der Ovarien). Wesentlich erscheint mir, dass das abdominale Tubenostium in eine von Peritoneum ausgekleidete Kammer versenkt wird, um starke Verwachsungen mit Verschluss des Fimbrienendes zu verhüten, was bei Verstecken subperitoneal in das Beckenbindegewebe oder im Leisten¬ ring extraperitoneal nicht so leicht vermeidbar sein dürfte. Es muss allerdings der Zugang zu dem Ostium und die Kammer allseitig gut ver¬ schlossen und ein Zurückschlüpfen der Tube verhindert sein. Ich glaube es erreichen zu können dadurch, dass ich das abdominale Tubenende vom vorderen Blatt des Ligamentum latum aus durch eine Durch¬ bohrung desselben unterhalb des Ligamentum rotundum nach vorne hindurchziehe und zwischen Blase und Ligamentum rotundum in einer Bucht des Peritoneums, welche allseitig gut abgeschlossen wird, fixiere. Dann bleibt das Ovarium retroligamentär, die Tubenöffnung eingekapselt anteligamentär unter gleichzeitiger Abknickung des Tubenrohrs. Diese Methode habe ich in Lokalanästhesie per laparotomiam ausführen können. Als Methoden der Dauersterilisierung kommen in ge¬ gebenen Fällen neben der Resektion und Unterbindung der Tuben, sei es vom Alexander-Adams-Schnitt aus, sei es per kolpotomiam, noch folgende in Frage. Die Uterusexstirpation unter Erhalten der inner¬ sekretorisch wertvollen Ovarien wird von Stoeckel bei schwerer Lungentuberkulose zur Ausschaltung der die Erholung und Heilung be¬ hindernden Menstruation für gerechtfertigt angesehen. Aber auch die mit der Uterusexstirpation verbundene Kastration ist empfohlen worden von B u m m, Fehling u. a. in der Erwartung, dass der alsdann ver¬ änderte Stoffwechsel mit Vermehrung des Fettansatzes die Heilung der 'Tuberkulose begünstige. Die Röntgensterilisation (Gauss), vorübergehend oder dauernd, verdient in Einzelfällen, zumal wo operative Massnahmen zu eingreifend erscheinen, ebenfalls Berücksichtigung. Die Indikation zur Sterilisierung überhaupt wird sich aus folgenden Erwägungen ergeben müssen. Vor vollkommener Ausheilung der Lungentuberkulose muss Gra¬ vidität verhütet werden. Die Ausheilung ist in erster Linie durch die gegen die Tuberkulose gerichtete interne oder chirurgische Therapie apzustreben. Die Sterilisation soll nur dann angewendet werden, wenn die 1 uberkulosebehandlung nicht durchgeführt werden kann ohne sichere Ausschaltung einer dazwischentretenden Schwangerschaft. Berechti¬ gung hat die Sterilisierung nur in Fällen, in welchen auch ein Erfolg zu erwarten ist, also in Fällen mit Aussicht auf Heilung. In desolaten kommt sie doch zu spät und wirkt höchstens als neuer Eingriff gefährlich. Ob dauernd oder zeitlich sterilisiert werden soll, ist eine zweite Frage. Gegen Dauersterilisierung kann bei Mehrgebärenden mit lebendem Nachwuchs nichts eingewendet werden. Temporäre Sterili¬ sierung ist am Platze vor allem bei heilbaren Tuberkulösen nach einer 226 MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT. Nr. Unterbrechung mit Rücksicht aut spätere Nachkommenschaft. Durch die Möglichkeit der Wiederherstellung der Fruchtbarkeit wird das Ab¬ schreckende dieser Operation beseitigt. Dass Misserfolge der zeitlichen Steriliserung Vorkommen können, darf de Anwendung nicht verbieten. Literatur siehe Lohse, Dissertation, Leipzig 1921. Aus dem Knappschaftskrankenhause IV, Langendreer. Bemerkungen zur Uterusausräumung in der Allgemein¬ praxis. Von Dr. M. Friedemann, Chefarzt des Krankenhauses. An zwei unlängst von mir beobachtete Fälle von Perforation des Uterus durch ärztlichen Eingriff möchte ich einige Bemerkungen knüpfen. Nr. 1. Frau L„ 24 Jahre, fühlt sich seit ca. 3 Monaten gravide, seit 14 Tagen blutet sie, wehenartige Schmerzen treten auf, am 2. Februar iviv holt sie einen Arzt. Der macht in der Wohnung der Kranken eine Aus¬ räumung. Er führt ohne Narkose Hegar sehe Dilatatoren ein, die angeblich nicht besonders schwer durchgingen, die Frau hat aber starke Schmerzen dabei, so dass nachher Narkose gegeben wird, mit Abortzange wird ein Stuck Gewebe vorgezogen, das als Darm erkannt wird. Sofort Ueberfuhrung in das Ta ri kenhaus Status: Leidlich wohlaussebend, jedenfalls nicht auffallend blass. Puls klein. Leib weich, nicht druckempfindlich. Scheide tamponiert. Nach Ent¬ fernung des Tampons zeigt sich in der Scheide ein Stück Dickdarm von ca 40 cm Länge, das von seinem Mesenterium abgetrennt ist. Sofort Operation (Dr. Friedemann). Laparotomie. Massige Mengen Blut im kleinen Becken. Uterus etwa dem 2. Monate der Gravidität entsprechend. Am Fundus, nicht weit von der rechten Tubenecke, eine frische Verletzung, rundes Loch, kaum für den kleinen Finger durchgängig. Fest darin eingeklemmt eine Dickdarmschlinge. Schlinge wird in Ausdehnung von 43 cm reseziert. Lumina End-zu-End vereinigt. Loch iip Uterus nach Entfernung der eingeklemmten Schlinge vernäht. Es handelte sich um die Flexura sigmoidea. Ungestörter Heilverlauf. Nach 13 Tagen geheilt entlassen. Natürlich gerichtliches Nachspiel. Ausserdem war der Hebamme zu Ohren gekommen, man habe sie verdächtigt, bei einer vorangegangenen Untersuchung die Verletzung herbeigeführt zu haben. Wie unangenehm diese Dinge für den Arzt werden können, zeigt u. a. ein Brief der Hebamme an mich. Bei dem mir bekannten Charakter der Hebamme bin ich überzeugt, dass sie die Geschichte im Sinne des Inhalts dieses Briefes von Haus zu Haus getragen hat. Jedenfalls drückte sie sich bei der Vernehmung vor Gericht ähnlich, wenn auch etwas vorsichtiger aus. Die Glaubwürdigkeit der Hebamme lasse ich unerörtert. Der Brief lautet in dem entsprechenden Teil' „Er erweiterte mit 6 Kolben der Grösse nach den Mutter¬ mund. untersuchte nochmals und führte durch den Muttermund die Sonde 20 cm weit ein. Die Frau schrie unter den entsetzlichsten Schmerzen: v mein Leib, mein Leib, ich halte es nicht mehr aus, lassen Sie mich in Ruhe.1 Als mir der Arzt die Sonde zeigte, da sagte ich: so gross kann aber die Gebär¬ mutter noch nicht sein. Die Frau schrie in einem fort: .mein Leib, mein Leib, gebt mir Narkose.1 Ich musste sie narkotisieren und Herr Doktor ging mit einem grossen Löffel ein und holte mit einem Ruck die Därme hervor, bis voi die Schamspalte. Ich schrie vor Erstaunen und sagte: ,Herr Doktor, was machen Sie denn da!1 Hätte ich das nicht gesagt, hätte er die Därme noch mehr verletzt und sie total zerrissen. Ich bin Zeuge, wie derselbe gearbeitet hat. Solch eine Ausräumung habe ich in 10 Jahren noch nicht erlebt.“ Nr. 2. Frau B., 30 Jahre, kein Partus, 5 Fehlgeburten, seit Jahren häufig Endometritis. Jetzt wieder Blutungen und Ruckenschmerzen. Am 18. X. 1921 Leibschmerzen und Fieber. Am 19. X. vormittags zwischen 11 und 12 Uhr Kürettage durch praktischen Arzt in Narkose. Wegen Nachblutung Tamponade. Als die Hebamme nachmittags gegen 4 Uhr den Tampon entfernt, hatte die Kranke starke Schmerzen. Die Hebamme merkte, dass mit dem Tampon ein Stück „Bauchfell“ vorgezogen wurde, rief den behandelnden Arzt, der sofortige Ueberführung in das Krankenhaus anordnete. Soweit die Anamnese, wie sie uns die Kranke angab. Der Kollege berichtete mir dann noch auf meine Anfragen, dass er die Auskratzung in tiefer Narkose nach Dehnung der Zervix bis Hegar Nr. 5 vorgenommen habe. Sodann habe er die Gebär¬ mutter mit einem Jodoformgazestreifen von 3 m(!) Länge und 8 cm Breite aus¬ gestopft. Da bei der gynäkologischen Untersuchung sich „ein sehr weicher, morscher Uterus“ vorfand, sei er bei der Auskratzung, die in der Hauptsache mit stumpfer Kürette gemacht wurde, sehr vorsichtig zu Werke ge- gangen. Status: Grazil, matt, blass. Puls leidlich kräftig, 80, Temperatur 38,3. Abdomen eingezogen, Bauchdecken hart gespannt, überall druckempfindlich. Aus der Scheide ragt ein durchbluteter Gazestreifen heraus. Operation (Dr. Linde Ae.): Laparotomie. Mässig viel Blut. Uterus von normaler Grösse und Konsistenz, vielleicht etwas weich. Im Fundus ein etwa für 2 Finger durchgängiges Loch. Ein Netzzipfel bis hart ans Kolon transv. hereingezogen. Ein Jodoformgazestreifen in der Bauch¬ höhle, der von der Perforationsöffnung an 1 m lang ist. Netzresektion. Naht der Uterusperforation. Teilweise Drainage. Heilverlauf ungestört. 9. X. Beschwerdefrei entlassen. An der Drainagestelle noch Granu¬ lationsknopf. Das die Krankengeschichten. Aehnliche sind nicht selten mitgeteilt worden Man pflegt dann an derartige Veröffentlichungen Bemerkungen über die Gefährlichkeit der Kürette anzuknüpfen. Es wird der Rat erteilt, Aborte nur mit dem Finger auszuräumen, höchstens mit der Abortzange und wenn man schon die Kürette gebraucht, dann solle es nur eine stumpfe sein. Im bewussten Gegensatz zu vielen anderen will ich meinen oben angeführten Krankengeschichten nicht die Warnung an die in der allgemeinen Praxis tätigen Kollegen vor der scharfen Kürette folgen lassen. IchhaltediescharfeKürettefürun entbehrlich für den praktischen Arzt und glaube, dass sie in der Hand eines einigermassen vorsichtig arbeitenden nahezu ungefährlich ist, jedenfalls nicht gefährlicher als manche andere Instrumente, die intrauterinen Eingriffen» gebraucht werdet!. Ich habe Grund anzunehnu dass die Uteruswand so gut wie nie von der scharfen Schneidet Kürette durchschnitten, sondern, dass sie von der K u p p e dt selben durchstossen wird und die ist bei scharfer und stumpi Kürette gleich. Die stumpfe Kürette ist bei gewissen Fällen, ganz fi sitzender Pazentastiicke oder zur Abrasio mucosae bei ' Endometr: nicht zu gebrauchen. Viel wichtiger ist, dass eine möglichst g r o s s e Kürette genomm wird Das führt mich gleich zu dem wichtigen Punkte der Zervi erweiterung. Wird diese nicht in genügender Weise vorgenomm» muss man 1. eine kleine Kürette nehmen, die leichter durchstösst, 2. man in den Bewegungen behindert und arbeitet unsicher. Auf die für den praktischen Arzt beste Art der Erweiterung t Gebärmutterhalses vor Abortausräumung will ich nicht des längeren e gehen will nur sagen, dass nach meiner Meinung der Natur weit mi überlassen werden könnte; ‘man ist im allgemeinen viel zu schnell i der Ausräumung bei der Hand, begreiflich durch den Hochbetr mancher grossen Kassenpraxis. Soll man riskieren, wenn man ■ Sache nicht gleich beendet, nach einigen Stunden wegen starke Blutung wieder gerufen zu werden? Und doch ist es durch; wünschenswert, einen Abort erst nach hinreichender Eröffnung a zuräumen. — Will oder muss man diese aus irgendeinem zwingen: Grunde beschleunigen, so halte ich die Tamponade der Zervix : Jodoformgaze für eines der besten Mittel. Alle 24 Stunden erneue Bei stärkerer Blutung dazu Watte-Gaze-Kugelm 4— 6 so fest in Scheidengewölbe, bis die Aa. uterinae komprimiert sind. (En Quellstift habe ich niemals anzuwenden das Bedürfnis gehabt.) Di allmähliche, abwartende Erzielung der Eröffnung ist natürlich schonen und ungefährlicher als die gewaltsame, etwa mit Fritsch- oder rlcg stiften, nur ist sie eben in grosser Kassen- oder weitläufiger La Praxis schwer durchzuführen. — Bei meinem ersten Fall ist die Fi foration augenscheinlich durch einen Hegardilatator (wenn nicht du die Sonde) herbeigeführt. Bei dem zweiten vielleicht durch den Stop vielleicht w ar aber eine kleine Verletzung schon durch die Kürette schehen und wurde durch das Ausstopfen mit den grossen Meid Jodoformgaze erweitert. Die Ueberwindung des inneren Muttennun bei Anwendung der Hegarstifte etc. muss natürlich mit allei Vors geschehen Man halte doch die Kuppe des Zeigefingers der eimum den Hand auf einen Punkt des Stiftes, der nur um Zervixlange seinem Kopf entfernt ist. dann kann nichts passieren. Also, gründliche Eröffnung und grosse Kiiiette ist das eiste, ich empfehlen möchte, ganz abgesehen von den Hauptbedingungen alles chirurgische Arbeiten: leichte Hand, Vorsicht, Aufmerksam! Gewissenhaftigkeit. T , , Ein zweiter wichtiger Punkt ist die Anästhesie. . Lumbal- < Sakralanästhesie kommt für den prakt. Arzt wohl kaum in Fiage. i Narkose. Wer keinen Gehilfen hat, der die Technik etwa eines Aet chloridrausches s o beherrscht, dass er stets vor dem Exzitatii Stadium bleibt, der muss schon tief (am besten wohl mit Aet narkotisieren lassen; denn die ungenügende Narkose stellt i meiner Meinung eine der grössten Gefahrenquellen die Perforation des Uterus bei der Ausräumung dar. Ein vorhergesehener Ruck der Kranken, eine schnelle Bewegung, ein pl liches starkes Pressen nach unten und das Unglück ist gesehen Ausserdem wird der Arzt unruhig und nervös, und arbeitet hastig unsicher. Was von den halb Narkotisierten gesagt ist, gilt z. T.. < für die Patienten ohne jede Betäubung. Ich will damit nicht sa dass gelegentlich nicht eine Abortausräumung (oder Kürettage anderen Gründen) ohne Narkose vorgenommen werden könnte, kommt auf die Empfindlichkeit der Kranken an. In der Praxis ' den noch viele Kürettagen an der unbetäubten Patientin gemi Will sie den für manche nicht sehr erheblichen Schmerz aushalten liegt sie völlig ruhig, gut. Wird sie aber ängstlich, bewegt sich zi dann kommen wieder dieselben Gefahren wie die der mangelhaft kotisierten, ganz abgesehen davon, dass der Arzt möglichst nie Schmerzen bereiten soll. Oft fehlt es an einer geeigneten Assis und am Gehilfen zur Narkose. Dass stets ein zweiter Arzt hi. gezogen wird, wie es manche, die nie in allgemeiner Piaxis ] waren, fordern, ist undurchführbar. Die Abortzange, je grösser die Löffel, desto besser, ist ein von uns bevorzugtes Instrument. In vielen Fällen sollte sie der Kürette angewandt werden, sie macht sicher weniger leicht Verletzung, ganz ersetzen kann sie die Kürette nicht bei der A ausräumung. Dass aber nicht nur bei einer' solchen, sondern aucl Auskratzungen wegen Endometritis, wo man doch auf Kürette gewiesen ist, eine Perforation der Unteruswand Vorkommen kann, mein zweiter Fall. Wie bei der Abortbehandlung die aktive Richtung, sicher immer zum Vorteil der Kranken, in der Praxis mehr Anhänger na die konservative, so auch bei der Therapie der Endometntis. glaube, es wird viel zu viel ausgekratzt. Am meisten pflegt von Gynäkologen die Ausräumung mit Finger empfohlen zu werden. Für Klinik und Krankenhaus ist : nichts dagegen einzuwenden. Wenngleich auch da oft genug nacli gerem vergeblichen Bemühen Zange und Kürette schliesslich not Hilfe genommen werden müssen. Eine Empfehlung der d talen Ausräumung für die allgemeine Praxis h i c h f ii r f a 1 s c h. Ich will gar nicht zu bedenken geben, dass schon angedeutet, das Herausbefördern der Abortreste mit dem r ; 'ebruax 1922 MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT. 227 | schwierig sein kann, längere und tiefere Narkose bis zur völligen bannung der Bauchdecken erfordert, und dass die (wenn auch nur ipfen) Manipulationen nicht selten eine ziemlich erhebliche Gewalt- j irkung auf die Uteruswand im Sinne der Quetschung darstellen, ■ines will ich in den Vordergrund stellen: das ist die I n f e k t i o n s - i h r. ch halte sie für viel drohender beim Arbeiten mit dem Finger, ie Perforationsgefahr beim Arbeiten mit der scharfen Kürette, n 25 jähriger Arbeit 1. als Assistent auf gynäkologischer Station grösseren Krankenhauses und in der Universitätsklinik, 2. in er allgemeiner Stadt- und Landpraxis. 3. als Leiter eines Kranken- -s habe ich nur diese beiden mitgeteilten Fälle von Perforation Jterus durch Arzt bei Abort, resp. Endometritisbehandlung gesehen, ehr geringer Prozentsatz, wenn man bedenkt, wieviel ausgeräumt usgekratzt wird. Diese beiden Fälle sind gut ausgegangen. Natiir- inag manche Perforation unbemerkt bleiben (und manche bemerkte veröffentlicht werden). Aber ungezählt sind die Fälle von In- m nach intrauterinen Eingriffen mit Finger und Hand, die ich te und die gingen oft nicht gut aus. Man muss heute daran festhalten, dass die Hand des praktischen cs, der alle Augenblicke mit septischen Keimen in Berührung it, durch keins der uns bekannten Desinfektionsverfahren ganz jerkeimfreizu machen ist. Also: entweder er muss bei jedem uterinen, digitalen Eingriff einwandfrei sterilisierte Qummihand- ie anziehen, was übrigens die Ausräumung etwas erschweren kann, 1 er muss bei jeder unsauberen Manipulation, nicht nur beim Auf- : iden von Panaritien und Phlegmonen, bei Rektum-, Scheiden und höhlenuntersuchungen, sondern auch bei jedem unsauberen Ver- .vechsel etc. Handschuhe, die dann allerdings nicht steril im jen Sinne zu sein brauchen, überziehen. Beides lässt sich in der s nicht leicht durchführen. Wird das letztere Verfahren gewählt wirklich mit peinlicher Genauigkeit in jedem Falle angewandt, nur könnte eine Ausräumung des Uterus mit nacktem Finger ohne donsgefahr gemacht werden. W i e man sich dann vorher die 2 desinfiziert, ist dann ziemlich gleichgültig. Das beste für die s .st vielleicht die 5 Minuten lange Waschung mit Alkohol, im Ile Brennspiritus. Ge vernichtend die in den Uterus eingeführte Hand wirken kann, die eben besprochenen Vorsichtsmassregeln nicht angewandt n, dafür mögen einige Krankheitsgeschichten als Beispiel dienen, ieten auch in bezug auf die Sepsistherapie Interessantes. !r. 3. Frau J. Sehr.. 20 Jahre. 30. III. 1920 nachts 1 Uhr normal iende Geburt. 3/4 Uhr morgens manuelle Entfernung der Plazenta Arzt, der von der Hebamme wegen Blutung herbeigerufen w;yr. 1. III. 12 Uhr mittags Schüttelfrost, Temperatur 40°. j. IV. Husten mit ..blutig-schmutzigem“ Auswurf. I- IV. Morg. 10 Uhr Schüttelfrost, Temperatur 41°. Aufnahme in das enhaus. tatus: Gesicht blass, Sensorium klar. Zunge trocken. Puls 160, nicht Atmung beschleunigt. Temperatur zunächst 39,4, nach einem alsbald [lenden Schüttelfrost 41,4. Ueber den Lungen in den unteren Partien ; geräusche. Herztöne rein. Abdomen stark aufgetrieben, aber nicht [gespannt, nicht besonders druckempfindlich. Milz nicht zu fühlen, riechender Ausfluss aus der Scheide. lakteriologische Blutuntersuchung zunächst negativ. Später an 2 Tagen einander Staphylokokken . und hämolytische Streptokokken, weimal Bluttransfusion von der Schwester der Kranken, einmal intra- : Dauertropfinfusion von 1 Liter Natr. carb.-Lösung. Camphor. Digi- rn. Alles umsonst. Täglich Schüttelfröste. Temperatur pendelt zwi- 38 und 41. m 10. IV. Exitus. r. 4. Frau M.. 36 Jahre. 14. VII. 1920 morgens 9 Uhr Zwillings- • Nach der Geburt des 2. Kindes setzte erhebliche Blutung ein. Der ezogene Arzt versuchte gegen 9/4 Uhr Crede, ohne Erfolg, daher Ile Ausräumung der Plazenta. m 17. VII. hohe Temperatur, -die auch am nächsten Tage anhielt. >■ VII. abends 8 Uhr Aufnahme in das Krankenhaus, tatus: Elender Kräfte- und Ernährungszustand, Schleimhäute wenig ilutet. Zunge feucht, stark belegt. Puls 136, mittelkräftig. Herztöne Temperatur 38". Pulmones o. B. Abdomen etwas gespannt. Geringe Empfindlichkeit in der linken Unterbauchgegend. Aus der Scheide übel- ider Ausfluss. Bakteriologische Blutuntersuchung negativ, ynäkologische Untersuchung wird erst einige Tage später vorge- -■n. In den ersten Tagen sollte absolute Ruhe gewahrt werden. Der stellt handbreit über der Symphyse, ist etwas druckempfindlich, etrien frei. Uterusspülung mit 50 proz. Alkohol, wobei Eiterfetzen it werden. erlauf und Therapie: In den nächsten Wochen wurde das Befinden '*er‘ Benommenheit, kleiner Puls, der zweimal eine Frequenz bis 180 'te, häufig um 140 war, Schüttelfröste, elendes Aussehen, intermittieren¬ der, das einmal die Höhe von 41,8 (!) erreicht. Behandlung war iend, kleine Gaben Chinin. Bei den septischen Durchfällen, die längere ndurch bestanden, bis 20 Entleerungen pro Tag. Bismut und Bol. alb. ise. Digitalis. Sonst nichts. Bakteriologische Blutuntersuchungen wür¬ dig vorgenommen, nur einmal fanden sich anaerob wachsend auf allen i Kokken vom Aussehen der Staphylokokken. Die Kontrollplatte blieb 4 Wochen schwebte die Kranke zwischen Leben, und Tod, dann 1 sich eine linkseitige purulente Parametritis. Nach Inzision allmählich ung. m 11. IX., also nach fast zweimonatigem Krankenlager, konnte sie 1 seheilt entlassen werden. 'Anschluss an diese letzte Krankengeschichte möchte ich, etwas Hiema abschweifend, hervorbeben, wie hier eine schwere puer- -epsis mit Benommenheit, Durchfällen, Puls bis zu 180 und dis fast 42°, Keimen im Blut etc. ohne jede eingreifende Thera¬ pie zur Heilung kam. In einem im vorigen Jahre in der Bochumer medizinischen Gesellschaft gehaltenen' Vortrage über Quellen septischer Allgemeininfektion habe ich die Temperaturkurve dieser Kranken ge¬ zeigt und gesagt, was ich hier nochmal wiederholen möchte: „Man denke sich einen Kollargolanhänger, der die Pat. mit diesem oder sonst einem Silberpräparat behandelt hätte, wie würde er diese Kurve und die Mit¬ teilung des günstigen Ausgangs zur Anpreisung des Heilmittels benutzt haben.“ Ich habe nach sehr reichen Erfahrungen auf diesem Gebiete keinen Grund mehr, Kollargol. Dispargen, Argochrom und wie sie alle heissen, anzuwenden. Die als Beispiel angeführten beiden Krankengeschichten sind lei¬ der durchaus nicht die einzigen. Ich habe eine ganze Anzahl von Fällen mit mehr oder weniger schweren Infektionen im Anschluss an ähnliche intrauterine Eingriffe ins Krankenhaus bekommen. Wie aber würden sich dieselben noch vermehren, wenn nicht nur die verhältnismässig nicht häufigen Plazentalösungen nach Geburt und Frühgeburt, sondern auch jede Ausräumung bei Fehlgeburt mit den Fingern vorgenomnien würde! Ich möchte meine Ausführungen so zusammenfassen: 1. Die scharfe Kürette ist ein in der Praxis unentbehrliches und sehr brauchbares Instrument nicht nur zur Abrasio mucosae bei Endo¬ metritis, sondern auch zur Ausräumung von Abortresten. Hier sollte sie aber öfter durch die Abortzange ersetzt werden. 2. Vorsicht beim Hantieren mit der scharfen Kürette, sowie mit Metalldilatatoren, Sonden und Stopfern, ist geboten, da Verletzungen der Uteruswand sonst Vorkommen können. Ruhige Lage der Kranken muss gewährleistet sein (gegebenenfalls tiefe Narkose). 3. Ist eine Perforation erfolgt, muss die Kranke so schnell wie mög¬ lich fachärztlicher Behandlung zugeführt werden. Bei möglichst früh¬ zeitiger Operation ist die Prognose durchaus günstig. 4. Digitale Ausräumung des Aborts empfiehlt sich in der Allgemein¬ praxis nicht, da die Gefahr der Infektion durch den Finger des Arztes weit grösser ist als die Gefahr der Perforation beim Arbeiten mit Zange und Kürette. 5. Muss nach Entbindung (Geburt oder Frühg'eburt) die adhärente Plazenta manuell gelöst werden, soll das möglichst nur mit sterilen Gummihandschuhen geschehen, falls nicht der Arzt seine Hände vor der Berührung mit Eiterkeimen dadurch zu schützen gewohnt ist dass er bei unreinen Fällen Handschuhe anzieht. 6. Die Indikationen zu Auskratzungen, resp. Ausräumungen bei ver¬ stärkten Blutungen, bei Abort und adhärenter Plazenta post partum sollen vorsichtig gestellt werden. Ueber den Wert der genealogischen Forschung für die Einteilung der Psychosen — speziell der Paranoia — und über die Regel vom gesunden Drittel. Von Prof. C. v. Econ omo- Wien. Vor bald zwei Jahrzehnten hat Wagner von Ja u rege [1] gesagt, dass das Studium der Hereditätstatsachen ein dankbarer Weg wäre, um zu einer natürlichen Gruppierung der Psychosen zu gelangen. Am brauchbarsten zu diesem Zweck schien mir [2] schon damals die genealogische Methode zu sein, bei der wir die erwachsene Nach¬ kommenschaft eines vor Dezennien an einer bestimmten Psychose Erkrankten nach psychischen Abnormitäten durchsuchen: denn diese Methode entspricht beinahe einem Züchtungsexperiment und enthebt uns der misslichen Aufgabe, durch schwierige Korrekturen und Wahrschein¬ lichkeitsrechnungen die erhaltenen Resultate wie bei der Weinberg- schen Geschwistermethode erst ausbessern zu müssen. In letzter Zeit haben sich auch andere Psychiater (M e g g e n d o r f e r [3l und Hoff- mann NI) mit viel Erfolg dieser naheliegenden Methode bedient. Das wichtigste und vielleicht schwerste Erfordernis, um brauchbare und reine Resultate zu bekommen, ist es vorderhand, nur ganz typische, diagnostisch unzweifelhafte Fälle zur Untersuchung heranzuziehen; ein weiteres Erfordernis aber, bei den Nachkommen derselben nicht nur die ausgesprochenen Geisteskrankheiten, sondern auch die psychischen Defekte zu berücksichtigen. Vor mehr als acht Jahren bin ich zum ersten Mal darangegangen, auf diese damals neue Art die vielum¬ strittene Frage der Zugehörigkeit der Paranoia zu lösen (1. c.). Früher verstand man unter Paranoia jede chronische, langsam progrediente, zur Bildung eines scheinbar logischen Wahnsystemes führende und nicht in Verblödung endende Geistesstörung; zu ihr wurde auch der Eifersuchts- und Querulantenwahn u. a. m. gezählt. Diese alte Fassung des Paranoiabegriffes ist heute von einem Grossteil der Psychiater auf Anregung Kraepelins verlassen worden. Jene Mehr¬ heit von Fällen der obengenannten paranoiden Erkrankungen, welche immer . weitere Vorstellungskreise des Kranken in ihr Wahnsystem einbeziehen und schliesslich zu Grössenwahn führen, meist auch mit akustischen Halluzinationen einhergehen, werden als eigene Gruppe davon ausgeschieden und mit dem Namen Paraphrenie belegt; bloss die restlichen seltenen Fälle, bei denen zeitlebens die paranoide Wahnbildung auf einen bestimmten Vorstellungskreis ziemlich be¬ schränkt bleibt, bei sonst vollkommener Erhaltung der Klarheit des Denkens (Halluzinationen treten hier ganz in den Hintergrund), werden als echte Paranoia bezeichnet und als ihr Prototyp der Querulanten- wahn angeführt. So fasst auch heute noch Bleuler den Paranoia- Begriff. In den letzten Jahren hat aber Kraepelin als neue ein- 228 MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT. Nr schränkende vForderung für die Paranoiadiagnose die Entwicklung des Wahnsystems aus rein inneren Ursachen aufgestellt; folgerichtig hat er von der derart enger gefassten Paranoia den an eine äussere Ur¬ sache (Erlebnis der vermeintlichen rechtlichen Benachteiligung) an¬ knüpfenden Querulantemvahn abgetrennt und ihn als eine psychogene Neurose nach Art der traumatischen Neurose — eigentlich also als eine Psychoneurose — aufgefasst. Im gleichen Sinne weitergehend könnte man auch den Eifersuchtswahn von der Paranoia trennen; doch erübrigt sich hierorts diese Ueberlegung, sowie die Besprechung der noch engeren Fassung der Paranoia durch Gau pp und des stabilen paranoiden Charakters. , , Ich habe nun damals die Familien von Paranoikern untersucht, im Ausmass wie damals auch K r a e p e 1 i n und heute noch B 1 e u 1 e r diese Krankheit umschreibt, und speziell die Familien der typischen Querulanten. Bezüglich der Paraphrenien war es damals eine schon in den Lehrbüchern erwähnte Tatsache (Stransky 151), dass ihre Nachkommen häufig an Dementia präecox leiden. Nun waren die Re¬ sultate bezüglich der echten Paranoia, speziell der Paranoia querulans, unerwartet ähnliche und zwar ergaben sich mir folgende Tatsachen: 1. Was die Eltern der Querulanten anbelangt, scheint das Vorkommen von Geisteskrankheiten bei ihnen eine grosse Selten¬ heit zu sein, dagegen finden sich vereinzelt bei den Eltern Charakter¬ anomalien, die sie zu Sonderlingen stempeln und die in den Psychosen der Nachkommen wiedergefunden werden können. 2. Was die Geschwister der Querulanten anlangt, so sind: , . , , , .. _ , a) ausgesprochene Geisteskrankheiten bei ihnen recht häutig und zwar sowohl aus der Gruppe der chronischen paranoiden Eikrankun- gen, als Paraphrenie, echte Paranoia und Querulantenwahn, als auch Erkrankungen aus der Gruppe der Dementia praecox (Schizophrenie), besonders Katatonie — desgleichen auch bei den Geschwisterkindern. b) Psychopathische Abnormitäten, paranoide Charaktere, Schrullen¬ haftigkeit etc. kommen auch in der Geschwistergeneration häufig vor (sogenannte schizoide Persönlichkeiten). 3. Was die direkte Nachkommenschaft der Qu eru- la nten und Paranoiker anbelangt, so ist vor allem auffällig: a) kaum ein Drittel der Kinder kann als geistig gesund be¬ zeichnet werden; ^ b) ein grosser Teil (ein Viertel bis ein Drittel) leidet an aus- gesprochenen Geisteskrankheiten und zwar an Dementia praecox (Schizophrenien); . , , c) der Rest ist sämtlich psychopathisch (schizoid) veranlagt und zwar ist bei 22 Kindern das Verhältnis von gesund geisteski ank . schi- zoid = 7:6:9 = 32 Proz. : 27 Proz. : 41 Proz. 4. Folgende allgemeine Schlüsse ergaben sich aus diesen Erfahrungen: a) Das Vorkommen von Dementia praecox neben Paraphrenien, echter Paranoia, Querulantenwahn und paranoiden Charakteren in den Geschwisterreihen und in der Nachkommenschaft der Querulanten zeigt, dass wir es hier aller Wahrscheinlichkeit nach bloss mit ver¬ schiedenen Unterformen ein und desselben grossen Vererbungskreises der Schizophrenien zu tun haben. b) Es soll hiermit aber nicht gesagt sein, dass diese ver¬ schiedenen Formen weder gleichwertig noch gar identisch sind. Das Fehlen von Geisteskrankheiten bei den Vor¬ fahren, das Vorwiegen von Erkrankungen der Paranoiagruppe bei den Geschwistern und die Häufigkeit der Dementia praecox bei den Nach¬ kommen weist vielmehr auf einen Entwicklungsgang der Form der Psychose in der Erbfolge. c) Die so geringe Zahl der geistig gesund gebliebenen Nachkom¬ men gegenüber einer grösseren Gruppe zum Teil ausgesprochen Geistes¬ kranker, zum Teil aber bloss geistig abnormer Individuen, die das eine oder andere Symptom aufweisen, welches wir von der Geisteskrank¬ heit des Eltern-Teiles her kennen, erweckt den Eindruck, als ob die Krankheit aus mehreren, mindestens aber aus zwei Erbfaktoren bestünde (einem, der die abnorme Anlage und einem., der den Ausbruch der Psychose bedingt). Zu derselben von mir schon 1914 geäusserten Ansicht, der Poly¬ merie der paranoiden Psychosen, d. h. ihrer Zusammensetzung aus mehreren Erbfaktoren, ist einige Jahre später auch Rüdin [11] für die Dementia praecox auf Grund seiner Berechnungen der Mendel sehen Proportionen mittels der Geschwistermethode gekommen. Dies spricht für die Brauchbarkeit und Exaktheit der Geschwister¬ methode dort, wo aus Verhältniszahlen ein Schluss gezogen werden kann. Doch liefert die genealogische Methode diese Re¬ sultate unmittelbarer, und Tatsachen, wie der Werdegang einer Psy¬ chose in der Erbfolge, wie er sub 4 b) besprochen wurde oder wie die Zugehörigkeit aller verschiedenen Unterformen der paranoiden Psy¬ chosen zur Schizophreniegruppe, ergeben sich viel rascher und eindeutiger eben aus der genealogischen Methode. Auch die milden Paranoiaformen (Friedmann [6l. G a u p p [7]). die ikatatyme Wahnbildung (Maier [8]) und der sensitive Beziehungswahn (Kretschmer [9]) sowohl soweit sie nichts anderes als nach je einem gewissen Gesichtspunkte ausgewählte Spezialfälle der verschiedenen oben genannten paranoiden Erkrankungen sind, als auch soweit einzelne davon wirklich eigene (psychogene) Krankheitsformen darstellen mögen, weisen bei Be¬ rücksichtigung der Erkrankungsfälle und Psychopathien ihrer Verwandt¬ schaft und ihrer Nachkommenschaft ebenso nahe Beziehungen zur Schizophreniegruppe auf. Auch betreffs anderer Psychosen liefert die genealogische Methode ausgezeichnete Resultate, so habe ich Untersuchungen betreffs i Dipsomanie [lü] angestellt und andernorts veröffentlicht, ln let; Zeit hat sich, besonders auch Hoff mann (1. c.) dieser Methode dient und in richtiger Erkenntnis der Tatsachen ebenfalls besonde Gewicht auf die Berücksichtigung nicht nur der Geisteskrankhei sondern auch der Psychopathien der Nachkommenschaft gelegt; au; der Dementia praecox hat er auch das manisch-depressive Irre: und andere Psychosen in den Kreis seiner zahlreichen und wertvo Untersuchungen gezogen. Er kommt auch zu demselben Schlüsse ich, dass nicht nur. wie früher schon bekannt war, die Paraphre sondern auch die Paranoia in engster Fassung zu der Gruppe der Sch phrenien gehört. Die Gruppe der paranoiden Erkrankungen ist e eine Untergruppe derselben und zerfällt selbst wieder in Unterab lungen. Auch der im Praesenium sich entwickelnde Beeinträchtigui wahn macht nach Hoffmanns Untersuchungen keine Ausnal davon. Von den 16 Kindern, die den an paranoiden Erkrankungen denden Probanden Hoffmanns entstammen, sind 3 gesund, 5.geis krank (Dem. pr.) und 8 schizoid; also auch hier finden wir die a fallend kleine Zahl gesunder Nachkommen bei i ranoiden Erkrankungen, ähnlich wie ich es bei der N; kommenschaft von Querulanten und echten Paranoikern bei 22 Kint gefunden habe, 7 gesund. 6 geisteskrank, 9 schizoid; dies gäbe für gesamte Summe paranoider Psychosen bei zusammen 38 Kim ein Verhältnis von gesund : krank : schizoid = 10:11:17 — 26 Pr 29 Proz. : 45 Proz. Bei der geringen Kinderzahl kann dieses Rest bloss einen approximativen Wert beanspruchen, dessen grosse Be< tung trotzdem gleich erhellen wird. Wenn wir nämlich für die grd Gruppe der Dementia praecox, die Hoffmann nach der genealogisd Methode bearbeitet hat. diese Verhältniszahlen suchen, so finden j bei hundert Nachkommen von Dementia-praecox-Probandeh das ’ hältnis von gesund : geisteskrank : schizoid = 40 Proz. : 7 Proz. : 53 F Vergleichen wir diese beiden Gleichungen, so fällt uns auf, dass | Daranoiden Erkrankungen, obschon sie der Qualität ihrer Verwaj schaft und Nachkommenschaft nach zur selben Gruppe wie die Deine praecox gehören, doch ungemein schwerer belastend ihre Nachkommenschaft wirken, indem die Zahl der Gesunden bei selben kolossal sinkt, die der ausgesprochen Geisteskranken aber das vierfache steigt, bei relativ ziemlich gleichbleibender Zahl Psychopathen! Dies beweist die Richtigkeit des sub 4b) Gesas dass die verschiedenen Psychosenformen der Schizophreniegruppe i nur symptomatologisch nicht identisch sind, sondern auch eine ji verschiedene Wertigkeit bezüglich der Belastung besitzen. Zur Erklärung der so geringen Anzahl gesunder Kinder kö man annehmeni, dass bei den paranoiden Erkrankungen neben rc siven auch dominante Erbfaktoren im Spiele sind. Sehr auffallend von alters her bekannt ist dagegen die geringe ancestrale Belas der Paranoiker selbst; dies alles zusammengehalten legt die Vermu nahe, dass die Paranoiker gleichsam einen mutativ neuentstand Ahnen typus zu schizophrenen Erkrankungen darstellen (An mutation?). Während bei den Erkrankungen an Dementia praecox n>; den rein psychisch degenerativen Erbfaktoren auch .andere Faktoren äussere Momente möglicherweise eine wichtige Rolle beim Ausb der Psychose spielen, kann sich scheinbar die Paranoia rein aus stitutionellen psychischen degenerativen Momenten langsam wickeln; eine daraus resultierende schwerere psychische Belastung Nachkommenschaft wäre ohne weiteres verständlich! dies würd auch gut erklären, warum, auch die Paranoia querulans s wenn sie auch weiterhin als eine Psychoneurose aufzufa wäre, trotzdem, da sie sich doch bloss auf Grundlage einer sol mutativ entstandenen paranoiden Veranlagung wickelt, so schwer belastend wirkt — um soviel schwerer ah „Dementia praecox im allgemeinen“. Berechnen wir bei der Nachkommenschaft einer grösseren zu mengehörenden Gruppe von Geisteskranken die Zahl der ge: gebliebenen Kinder, so findet man, dass die Zahl derselben sich zwi? den beiden Extremen von 1U und 1/s bewegt, ohne das. eine andere Extrem wirklich zu erreichen, sodass man mit Rücksicht d£ dass die Zahl der Gesunden höchstens zu hoch, aber niemals zu rig berechnet sein kann (da scheinbar gesunde später erkranken 1 ten). die praktische Regel aufstellen darf, dass bloss ein Dritte Kinder eines geisteskranken Elternteiles geistig gesund bleibt. I Regel vom gesunden Drittel ist kein biologisches Erbg: sondern sie drückt bloss eine praktische Erfahrung über ein IV) mass aus, in dem nicht nur die Einwirkung der Erbfaktoren, soi auch die verschiedener äusserer Momente zum Ausdruck kc Sie stimmt auch für das manisch-depressive Irresein, wenn man a den manifest Kranken auch die dysthymischen Psychopathen voi Gesunden abrechnet. Wenn man nun von diesen ganz gross getai Gruppen zu enger definierten einheitlicheren Untergruppen übe und dieselben wieder genealogisch untersucht an Hand dieser vom gesunden Drittel, wird man die Anzahl der gesunden Kinder dieses Mittelmass sinken oder steigen sehen, je nachdem die W. keit der Belastung der betreffenden Psychoseform eine grössere geringere wird. Es wird uns demnach die Zahl der gesund geblie Kinder den wertvollsten Fingerzeig zu dieser Beurteilung ge! Neben den umfassenden Untersuchungen grosser Krankheits pen, wie z. B. der Schizophrenien und des manisch-depressiven seins, die jetzt schon wiederholt durchforscht wurden, wird es nui vor allem notwendig sein, ganz enggefasste Krankheitsgruppen z. B. den Eifersuchtswähn oder die Paranoia im Gauppschen | Februar 1922. MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT. 229 j r nach anderen als rein psychischen Gesichtspunkten enggefasste nkheitsgruppen, z. B puerperale Dementia praecox genealogisch eif- zu durchsuchen und in sammelnder Tätigkeit die einzelnen Re¬ nate vieler Arbeiten auf diesem Gebiete durch Dezennien1 zusammen¬ ragen, bis genug Fälle jeder Einzelkrankheit familiär gründlich chforscht sind, um sichere Schlüsse aus diesen Ergebnissen ziehen können. Es ist sehr möglich, dass die Nachkommenschaft von im rperium an Dementia praecox erkrankten Frauen andere Belastungs- ;rn, vielleicht auch andere Belastungsarten aufweisen wird als die dikommenschaft von paraphrenischen Müttern, und möglich, dass re Resultate einen Rückschluss erlauben auf die Rolle, die exogene nente beim Zustandekommen einzelner Psychosen spielen. Solche ammenhänge können bloss durch das genealogische Studium zahl- | -her Familien ergründet werden; die Anwendung der Mendel- cn Berechnungen und Vererbungsgesetze auf die menschliche Pa- ogie. speziell Psychiatrie, wird erst nach einer gründlichen Klärung Frage, was eigentlich vererbt wird, fruchtbringend sein. Ihre leutung behalten die Mendel sehen Gesetze trotzdem; sie sind die Biologie das, was die Newtonsche Gravitationslehre für Physik ist; aber auch in der Physik lässt sich nicht alles bloss ;h die Gravitationsgesetze erklären, sondern wir haben daneben die j re der Optik und Elektrizität usw. und ebenso verhält es sich in Vererbungslehre. Die Arbeit des Einzelnen kann hier nur Ban¬ ne liefern, eventuell auch Ideen; die endgültige Sichtung nach viel¬ ter Arbeit wird aber stets einer Forschungsanstalt Vorbehalten ben. wie sie beispielgebend derzeit schon in München besteht. Literatur. 1. Wagner v. J a u r e g g: W.kl.W. 1902 und 1906. • — 2. C. v. E c o - |no: Jb. i. Psych. u. Neur. 1914, 36. — 3. Fr. M e g g e n d o r f e r : ir. f. d. ges. Neur. u. Psych. 1921, 66. — 4. H. Hoff mann: Studien i Vererbung etc. etc. 1921. Verlag J. Springer, Berlin. — 5. Stransky: jir. f. d. ges. Neur. u. Psych. 1913 und Lehrb. d. Psych. 1914. Verlag jel. Leipzig. — 6. Fried mann: Mschr. f. "Psych. u. Neur. 1905. — haup.p: Zbl. f. Nervhlk. 1910. — 8. Maier: Zschr. f. d. ges. Neur. u. |:h. 1912. — 9. Kretschmer: Der sensitive Beziehungswahn. 1918. ag J. Springer, Berlin. — 10. Dobnig und Econo mo: Zschr. f. ;h. usw. 1921, 76. — 11. Rüdin: Studien über Vererbung etc. etc. Verlag Springer. — Jeber parenterale Behandlung mit unspezifischen Eiweisskörpern*). Von R. Stint zing. Sieht man ab von der seit Jahrhunderten geübten Bluttransfusion, lat man schon seit Beginn der bakteriologisch-serologischen For- ng mit den zur aktiven und passiven Immunisierung dienenden Tn (Vakzinen und Sera) Proteinkörper parenteral in Anwendung gen. Hierbei ging man aber in der Regel von der Vorstellung aus, die Eiweisskörper nur als Träger oder Begleiter der spezifisch enden Antigene bzw. Antitoxine dienten. Erst in neuester Zeit Schmidt, Bier, Weichardt, Schittenhelm, Döll- i, Roli ly, Lindig u. a.) hat man erkannt, dass den Eiweiss- ern als solchen besondere, zum Teile heilende Wirkungen am ken Menscnen eigen sind. Diese Erkenntnis begründete die teinkörpertherapie“. Inwieweit von den zahlreichen, eiweisshaltigen Mitteln spezifische unspezifische Wirkungen ausgeübt werden, lässt sich nach unseren igen Kenntnissen nicht immer mit Sicherheit entscheiden. Vielfach beide Arten von Wirkungen einander gleich, oder ähnlich, oder rehen nebeneinander her. Wir müssen aber, wenigstens für einen an der mühsam errungenen Erkenntnis einer sicher vorhandenen ifität einzelner Heilmittel, wie des Tetanus- und des Diphtherie- ns, in gewissem Sinne auch des Tuberkulins nach unseren heutigen ltnissen festhalten. Je strenger man aber den Begriff der spe- :hen Wirkung fasst, desto grösser ist die Zahl der unspezifischen d. Es würde zu weit führen, wollten wir in der folgenden kurzen :rsicht alle eiweisshaltigen Heilmittel berücksichtigen, wie Bak- tiprodukte, defibriniertes Blut. Vakzine etc. Derartige Mittel en doch, wenn ihre spezifische Wirkung auch nicht verbrieft ist, ihrer Herkunft aus spezifischem Ausgangsmaterial und nach der gstens_ angestrebten spezifischen Wirkung nicht mit Sicherheit zu anspezifischen gerechnet werden. Das gilt beispielsweise von dem ineurin, einem Bakterienautolysat (Prodigiosus), das bei Neuritis '.hnliche unmittelbare und1 Nachwirkungen haben soll (D ö 1 1 k e n), die gleich zu besprechenden Wirkungen reiner Proteinkörper. Das gilt auch von dem menschlichen und tierischen Normalserum, un wohl die Eiweisskörper das wesentlich Wirksame sein mögen, spezifische (arteigene oder individuelle) Eigenschaften nicht aus- hlossen sind. Normalserum (Pferdeserum u. a.) hat man daher als spezifisches Mittel z. B. gegen Diphtherie (B i n g e 1) anzu- en versucht. Wir würden diese theoretisch interessanten Ver- -\ wenn sie in die Praxis eingeführt werden sollten, für einen nklichen Rückschritt halten. Die ärztliche Praxis soll sich an die uidfach erprobten spezifisch wirkenden Vakzinen und Sera halten. Im Gegensatz zu den erwähnten Mitteln mit fraglichen spezifischen aschaften ist die parenterale Proteinkörperbehandlung bestrebt, *1 Verfasst im Auftrag der Arzneimittelkommission der Deutschen Ge- :haft für innere Medizin, unterstützt vom Deutschen Aerztevereinsbund. I Nr. 7. ausschliesslich Eiweisskörper als solche anzuwenden. Ihr Vorzug be¬ steht darin, dass die verwendeten Mittei nach ihrer Herkunit und chemi¬ schen Zusammensetzung bekannt, und mit Ausnahme der Milch, kon¬ stant und genau dosierbar sind. Nur von diesen und einigen Misch¬ präparaten, bei denen das Eiweiss eine wesentliche Rolle spielt, soll hier die Rede sein. Wir sehen hier auch ab von den vorwiegend ex¬ perimentell angewandten Abbaustoffen der Eiweisskörper (Albumosen, Nukleinsäuren etc.). Als nichtspezifische Eiweisskörper sind heute in Gebrauch; 1. Milch (R. Schmidt) als reine sterilisierte Kuhmilch, oder in Ampullen als Ophthalmosan (Sächs. Serumwerk) intramuskulär injiziert. Die Milch bildet das Ausgangsmaterial für die folgenden Produkte: 2. Kasein (nach Lindig) unter der Bezeichnung „C a s e o s a n“ (Heyden, Radebeul) als sterile 5 proz. Kaseinlösung in Ampullen zu je 1 oder 5 ccm, subkutan, intramuskulär oder intravenös anwendbar (1 ccm = 0,05 Kasein). Um die Gefahr der Fettembolie zu vermeiden, wird die Milch entfettet und kommt in Handel unter der Bezeichnung: 3. A o 1 an (Beiersdorf & Co., Hamburg). Es soll eine keim- und toxinfreie Milcheiweisslösung sein, die intramuskulär und intravenös angewendet werden kann. (Ampullen zu 10 ccm.) 4. Xifalmilch (Serumwerke Dresden). Sie soll aus steriler Milch von tuberkulosefreien Tieren', der ein aus Saprophyten hergestell¬ tes (Bakterien-) Eiweiss zugesetzt ist. bestehen. Sie gehört nicht eigentlich in den Rahmen unserer Erörterung und soll nur der Voll¬ ständigkeit halber als Milchprodukt erwähnt werden. Sie kommt in den Handel in Ampullen zu 2 ccm. Von den angeführten Präparaten sind nach der Literatur und eigener Erfahrung besonders die beiden ersten erprobt. Auf sie be¬ ziehen sich daher vorzugsweise unsere Ausführungen. Vorausgeschickt sei, dass die Wirkungen parenteral emgeführ- ter Eiweisskörper in ihren Einzelheiten diesen nicht ausschliesslich zu¬ kommen. Ihre Eigenart beruht vielfach nur in der Gruppierung der Ein¬ zelerscheinungen, sowie in der Intensität und Promptheit ihres Eintritts schon bei kleinen Gaben. Die Wirkungen zerfallen in 1. vorübergehende allgemeine, 2. vor¬ übergehende örtliche, 3. bleibende. Im allgemeinen haben sie grosse Aehnlichkeit mit den Reaktionen des Körpers auf Alttuberkulin¬ impfungen. 1 . Die allgemeinen Symptome entsprechen demgemäss denjenigen eines akuten Infektes. und bestehen (bei fieberfreien Patien¬ ten) in einer Temperatursteigerung verschiedenen Grades gewöhnlich nach einigen Stunden, Pulsbeschleunigung und den bekannten Begleit¬ erscheinungen des Fiebers, zu denen bisweilen Frösteln (selten Schüt¬ telfrost), Schwindelgefühl, Mattigkeit und Schläfrigkeit gehört. Diese Allgemeinreaktion klingt in der Regel wie die gleich zu erwähnende örtliche Reaktion („negative Phase“ nach R. S c h m i d t) in V» bis höch¬ stens 2 Tagen ab und hinterlässt in einem — nicht vorauszubestimmen¬ den — Teile der Fälle die unter 3 anzuführenden günstigen Nach¬ wirkungen („positive Phase“). 2. In einem Teil der Fälle tritt, in der Regel gleichzeitig mit den Allgemeinerscheinungen, auch eine örtliche Reaktion (Herd¬ reaktion) entzündlicher Natur in den erkrankten Organen auf. ins¬ besondere in akut oder chronisch entzündeten Gelenken in Gestalt von Schmerzen, selten verbunden mit Rötung und Schwellung. Diese Herd¬ reaktion ist erwünscht als Zeichen, dass zwischen dem Proteinkörper und dem entzündeten Organe eine Affinität besteht, die in geeigneten Fällen die Heilung bzw. Besserung einleitet. Voraussetzung für den Heilungsvorgang ist baldiges Abklingen der akuten Erscheinungen, ins¬ besondere der Schmerzen, Bei Wiederholung der Injektion können sich dieselben allgemeinen und örtlichen Erscheinungen in geringerer oder grösserer Stärke — bei gleichbleibender oder gesteigerter Dosis — erneut einstellen, um dann nach 3 bis 4 oder mehrfacher Wiederholung abzuklingen. Die erste Re¬ aktion ist keineswegs immer die stärkste. Erhöhung der Dosis hat oft keine steigernde Wirkung. 3. Günstige Nachwirkungen stellen sich,, wo sie überhaupt eintreten, in der Regel schon nach der erstenMnjektion ein und können sich nach den folgenden Einspritzungen noch vervollkommnen. Sie bestehen in Linderung oder Beseitigung der Schmerzen, Besserung der Beweglichkeit und allgemeinen Leistungsfähigkeit, des Appetits, der Ernährung und des Schlafes. Selten stellt sich diese euphorische Nach¬ wirkung ohne voraufgehende „negative Phase“ ein. In ungeeigneten Fällen bleibt als Zeichen eines torpiden oder ab¬ geschlossenen Krankheitsprozesses, vielleicht auch einer individuellen (konstitutionellen) Immunität, auch bei steigender und wiederholter Dosierung, jegliche Reaktion und damit auch die erwünschte Nach¬ wirkung aus. Auch mit Verschlimmerungen des Krankheitszustandes (Herzschwäche) bei älteren Leuten muss gerechnet werden. In ein¬ zelnen Fällen verzeichnet die Literatur auch anaphylaktische Erschei¬ nungen (Gildemeister und S e i b e r t). Vorsichtige Dosierung ist daher unter allen Umständen geboten und wird in der grossen Mehrzahl Schädigungen vermeiden lassen. Sie muss sich auf Grund genauer klinischer Beobachtung vor und nach den Injektionen der Eigenart des Falles anpassen. Es kommt darauf an, besonders im Beginn der Kur, eine Dosis zu finden, die gross genug ist, um eine eben erkennbare Reizwirkung zu erzielen, und klein genug, um Schädigungen zu vermeiden. Ein bindendes Schema lässt sich nicht geben. Die Bemessung der Einzelgabe, ihre Steigerung oder 5 230 MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT. Nr. Herabminderung und die Dauer des Intervalles müssen sich ähnlich wie bei Tuberkulinkuren nach der Stärke und der Dauer der Reaktionen richten. Vorhandenes Fieber bildet in der Regel eine Gegenanzeige. Hält nach einer Injektion das Fieber länger als 1—2 Tage an, so ist die Behandlung abzubrechen Als massgebend iur das Behandlungsintervaii wird von einigen Autoren (Rolly, We ick sei) das Vei halten der Leukozyten angesehen. Die als Reaktion nicht unerwünschte Ver- inehrung der neutrophilen Leukozyten soll vor einer Erneuerung der Injektion erst ausgeglichen sein. Auch Eosinophilie soll eine Anzeige sein, die Behandlung zu unterbrechen (Kleeblatt). So wertvoll wie diese Beobachtungen auch sind, in der ärztlichen Praxis kann man sich auch ohne sie behelfen. , . ,r , ... „ . Mari beginnt die Behandlung bei Verwendung steriler Milch (Ophthalmosan) nach R. Schmidt mit % ccm und steigt auf 1—5, höchstens 10 :cm (intramuskulär). Aehnliches gilt von Aolan, das auch intravenös gegeben werden kann. Vom Caseosa n gibt man subkutan, intramuskulär oder intravenös — wir bevorzugen letzteie Methode — ü — H— 1 ccm, steigend bis 5 ccm. Die Einspritzungen werden jeweils nach Abklingen der Reaktionen, gewöhnlich 2 mal wöchentlich, selten noch häufiger, manchmal auch in grösseren Zeit- abständen (1 Woche und mehr) wiederholt. Die geschilderten Wirkungen sind, soweit unsere bisherigen Kennt¬ nisse reichen, in ihrem Wesen gleich für verschiedene Arten von ti- weisskörpern, nur quantitativ verschieden. So scheint Milch starker zu wirken als Caseosan in entsprechender Menge. « Es lassen sich aber ähnliche Wirkungen auch mit Mitteln, die gar kein oder wenig Eiweiss enthalten, erzielen, wie mit Sanarthrit, das nach H e i 1 n e r eiweissfrei sein soll, Kollargol, Organpräparaten etc., sowie mit Strahlen- und anderen physikalischen Behandlungen. Ja. vielfach sind diese den Proteinen in ihrer Heilwirkung sogar überlegen. Es ist daher heute noch nicht möglich die Gebiete für das eine oder andere Mittel voneinander scharf abzugrenzen. Kurz erwähnt seien hier noch einige wertvolle Eiweiss-Misch- Präparate: das Kollargol und. verwandte Präparate (Elektrokollargol und Dispargen) und das Yatrenkasein. Das Kollargol (Heyden) besteht aus 70 Proz. Silber und 30 Proz Eiweiss als Schutzkolloid, Es wird seit vielen Jahren bei manchen Gelenkentzündungen mit guten Erfolgen angewandt. Man be- zog diese und andere Erfolge bisher lediglich auf den Gehalt des Mittels an kolloidalem Silber. Neuerdings hat aber A. Böttner gezeigt — und deshalb durften wir hier das Mittel nicht unerwähnt lassen — , dass bei Kollargolinjektionen die Wirkung des Eiweissbestandteiles übei- wiegt, wenn auch dem Silber als solchem seine Bedeutung als Gewebs- reiz nicht aberkannt werden kann. Yatren, ein organisches Jodpräparat mit 30 Proz. Jod. das. sich in der Wundbehandlung bewährt hat, wird neuerdings auf der Bier- schen Klinik in Verbindung mit Kasein als „Schwellenreizmittel angewandt (Zimmer). Diese Kombination hat auch nach unseren Erfahrungen die gleichen, vielleicht noch günstigere Wirkungen als die obenerwähnten reinen Proteinkörper. Das Y atrenkasein kommt in schwacher Lösung zu 2% Proz. Yatren mit 2Vs Proz. Kasein und in starker Lösung mit 5 Proz. Kasein in Ampullen zu 1, 5, 10 und 20 ccm subkutan, intramuskulär und intravenös zur Anwendung. Inter¬ essant ist die Beobachtung von Prinz, dass man durch orale Gaben von Yatren typische Herd- und Allgemeinreaktionen auslösen kann, die denjenigen nach parenteraler Zufuhr von Proteinkörpern prinzipiell gleich sein sollen. Diese Beobachtung deckt sich mit der schon be¬ kannten Tatsache, dass Jod, per os eingeführt, bei Tuberkulose eine Herdreaktion (Hämoptoe) bewirken kann. In Bezug auf die Deutung der Proteinwirkungen bewegen wir uns noch auf unsicherem Boden. Von den derzeitigen Theorien seien nur kurz erwähnt: die von Weichardt verfochtene Hypothese der „Protoplasmaaktivierung“ und die Bier sehe Reiztheorie. We- chardt erblickt die Ursache der „Leistungssteigerung“ in einer allge¬ meinen Anregung der Tätigkeit des Zellprotoplasmas. Solange jedoch noch nicht feststeht, ob die Abbauprodukte der Proteinkörper als solche, oder ob Abbauprodukte, die durch sie in den Geweben erzeugt werden, das Wirksame sind, erscheint es verfrüht, ihre Angriffspunkte im Or¬ ganismus bestimmen zu wollen Einleuchtender ist die Reiztheorie, mit der Bier auf seine •bekanntem Anschauungen von der „Heilent¬ zündung“ und dem „Heilfieber“ zurückgreift, die durch Reize verschie¬ dener (chemischer und physikalischer) Art erzeugt werden Zu den chemischen Reizen gehören u. a. auch die Proteinkörper. Die Krankheiten, gegen welche die Proteinkörpertherapie ver¬ sucht wurde, sind sehr zahlreich und wesensverschieden. Zu nennen sind: akute und chronische Infektionskrankheiten, wie Typhus, Cholera, akuter und chronischer Gelenkrheumatismus. Ruhr, Diphtherie, Grippe¬ pneumonie, Erysipel, Gonorrhöe, Tuberkulose der Lungen, der Gelenke und Lymphdrüsen, ferner sekundäre und perniziöse Anämie, Asthma, Ekzeme, Trichophytie, Ischias und andere Neuralgien, entzündliche Augen- und Ohrenerkrankungen, Krebs etc. Die Buntheit dieser Liste ist wenig geeignet, zur Klärung und Empfehlung des Verfahrens zu dienen. Nur einige Gruppen von Erkrankungen verdienen aus den übrigen herausgehoben zu werden, weil bei ihnen schon reichlichere Erfahrungen gesammelt und Heilerfolge erzielt wurden: in erster Linie die chroni¬ schen Arthritiden verschiedener Form vom einfachen subakuten und chronischen Gelenkrheumatismus bis zur Arthritis deformans. Ihre Behandlung mit unspezifischen Eiweisskörpern hat eine Anzahl Für¬ sprecher gefunden, denen wir uns für einen kleinen Teil der Fälle anschliessen können. Bei der ungünstigen Prognose vieler chronischer Gelenkentzündungen ist es durchaus berechtigt, neben anderen be¬ währten Arzneimitteln (Sanarthrit, Kollargol etc.) und physikalisclu Heilmitteln, insbesondere wenn diese versagen, die Behandlung ir Eiweisskörpern zu versuchen, ' , , ,, . . .... I Gute Erfolge werden mit der Proteinbehandlung auch erzielt b Komplikationen der Gonorrhöe (Blennorrhoe, hpididymit Arthritis) sowie bei Ulcus molle und Bubonen. Schwer verständig erscheint die von Döllken behauptete günstige Wirkung der Mi! < (Xifalmilch) bei Epilepsie (3 mal wöchentlich 2— 5 ccm lntramuskn monatelang). Das gleichzeitig verabreichte Luminal (täglich 0,15 -0, ist allein wohl ebenso wirksam. Auffallend ist nach vielen Berichten die Affinität der Much zu ei zündeten Geweben des Auges. Günstige, z. 1 . glänzende Wirkung» werden berichtet von Milchinjektionen bei Blennorrhoe, Keratitis pare chymatosa sowie tuberkulösen Prozessen. Von zweifelhaftem Werte ist die Behandlung der Tuberkulose n Milchinjektionen. Keinesfalls können Eiweisskörper das Tuberkulin e setzen. Zusammenfassung. Die bisherigen Erfahrungen berechtigen noch keineswegs zu eint abschliessenden Urteil. Wir wissen einstweilen nur, dass parentei gegebene Proteinkörper auf gewisse entzündliche. Erkrankungen ein die Entzündung neu anfachenden Reiz und häufig einen allgemein Reiz auf den Gesamtorganismus ausüben, und dass diese Röizwirku bisweilen heilsam sein kann. Ob aber, in welchen Fällen und um welche Eiweisskörper diese Heilwirkung zu erreichen ist, das genai festzustellen muss die Aufgabe weiterer Versuche sein. Diese sj nur unter der Voraussetzung 1. einer vorherigen und nachfolgend genauen Beobachtung (Temperaturmessung etc.), 2. der Anwendu kleiner Dosen im Beginn, die je nach Lage des Falles stufenweise * steigert oder herabgemindert werden, 3. rechtzeitiger Unterbiechu der Behandlung bei länger anhaltender Reaktion (s. oben) zulass Die unspezifische Proteinkörpertherapie bildet neben anderen ph\ kalischen und chemischen Heilmitteln (Sanarthrit, Kollargol etc.) e willkommene und jedenfalls noch ausbaufähige Bereicherung tiiisei Heilschatzes. _ Aus der Münchener chirurgischen Universitätsklinik. (Direktor: Geh. Hofrat Prof. Dr. Sauerbruch.) Spätergebnisse bei S a u e r b r u c h amputierten. Von Prof. Dr. C. ten Horn. In mehreren Arbeiten und Referaten der letzten Zeit ist zum A druck gekommen, dass die Dauerresultate und praktischen Ergebni der willkürlich beweglichen Hand unbefriedigend sind. Bei der gros Bedeutung, die diese ganze Frage für die Amputierten der Kriegs- i der Friedenszeit hat, dürfen solche kritische Stimmen nicht unbeacl bleiben, sondern müssen auf ihren Wert geprüft werden. Es war unsere Absicht, in der zweiten Ausgabe der „Willkür beweglichen künstlichen Hand“1) näher hierauf einzugehen. Da a ein Aufschub nicht angängig ist, seien die folgenden Feststellun: bereits ietzt veröffentlicht. Auf Einzelheiten der chirurgischen Tecl und des Prothesenbaues soll nicht eingegangen werden. Schätzungsweise sind im Deutschen Reich und in Oestem etwa 2500—3000 Amputierte nach dem Sauerbruch sehen Verfat behandelt worden. Diese Zahl ist, soweit mir bekannt, von keu anderen System auch nur annähernd erreicht worden. Es entia hiervon auf München und Singen etwa 1500 Amputierte. Ich habe ' sucht, über das Schicksal dieser Operierten nähere Angaben zu winnen. Teilweise war eine persönliche Untersuchung möglich; in Mehrheit mussten Fragebogen verschickt werden. Ich habe mich dabei auf die in München. und Singen opene Amputierten beschränkt. Bei ihnen besteht die Gewissheit, dass Oneration unter einheitlicher Leitung und nach derselben Methode ; geführt ist und dass ferner die Ersatzglieder möglichst nach den gleit Grundsätzen gebaut worden sind. Alle Amputierten sind mit Spitzgrcifl den (überwiegend H ü f n e r modell) versehen; viele tragen ausser» noch eine für ihren Beruf geeignete Arbeitsklaue. Die Zahl der Inval aus München und Singen ist so gross, »lass daraus allgemeine Schn über den Wert des Verfahrens zu ziehen erlaubt ist. Die Zusammenstellung eines geeigneten Fragebogens verlangte; sondere Beachtung. Sie musste eine knappe und bestimmte Be wortung ermöglichen. Es wurden folgende Fragen gestellt: J A) 1. Sind Sie zufrieden mit dem Erfolg der Operation? 2. VI nicht, was haben Sie daran auszusetzen? ! B) 1. Sind Sie nach der Entlassung aus der Klinik (Lazarett) j weiter behandelt worden? 2. Warum? 3. Von wem? 4. Womit? 5. lange? , C) 1. Seit wann arbeiten Sie wieder? 2. Welchen Beruf habei^ W J i. O 1 l wann aiuvnvu • -• " - - jetzt? 3. Füllen Sie Ihre jetzige Berufstätigkeit voll aus? 4. Ode 5. Welcher war Ihr früh welchem Umfang? (fast ganz, halb, wenig). Beruf? 1 D) 1. Wie viele Kanäle haben Sie? 2. Wo liegen diese (Unter Oberarm, Schulter)-? 3. Sind die Kanäle heil geblieben? 4. Wenn ij welcher Kanal oder welche Kanäle sind nicht heil geblieben? 5. Und.wj Klagen haben Sie hierüber? 6. Ist die Muskelkraft der Kanäle ausreicli 7. Hat sich die Muskelkraft der Kanäle im Laufe der Zeit gehoben? E) 1. Sind Sie mit der Sauerbruchprothese zufrieden? 2. Oder haben Sie daran auszusetzen? 3. Benutzen Sie die Prothese rer mässig? 4. Oder nur in welchem Umfang? 5. Oder etwa gar n *) Sauerbruch: Die willkürlich bewegliche künstliche Hand. (Springer.) Die zweite Auflage befindet sich im Drucke. ebruar 1922. MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT. 5 welchen Gründen benützen Sie die Prothese nicht, oder nur teil- ? ) 1. Haben Sie noch eine besondere Sauerbruch sehe A r b e i t s - 1? 2. Wenn ja, sind Sie damit zufrieden? 3. Oder was haben Sie daran setzen? 4. Benutzen Sie die Arbeitshand regelmässig? i) 1. Benutzen Sie vielleicht irgendeine andere Prothese? 2. Welche? welchen Verrichtungen? 4. Von wem ist diese besorgt? !) 1. Hat 'die Säuenbructi sehe Prothese Ausbesserungen ert? 2. Wann? 3. In welcher Art? ) 1. Können Sie einen Federhalter oder einen Bleistift mit der Kunst¬ ergreifen? 2. Können Sie damit einen Kücheneimer am Henkel vom hochheben, wenn dieser (voll, halb, viertel) mit Wasser gefüllt ist? ) Können Sie uns noch andere weitere Beobachtungen oder Wünsche en? ) 1. Wäre es Ihnen vielleicht möglich, sich zwecks Nachuntersuchung chirurgischen Klinik einzufinden? 2. Wenn ja, wann würden Sie ab- ich sein? orher habe ich den Fragebogen mehreren Amputierten zur Aus- t vorgelegt, um mich von der praktischen Brauchbarkeit zu iiber- n. Die Gesamtzahl der zu beantwortenden Fragen betrug 39; Jg gross scheinen, ist es aber nicht. Denn für eine einigermassen ;e Beurteilung des Wertes der Prothesen und besonders ihrer en Nützlichkeit für den Träger muss man unbedingt über viele heiten verfügen. s kann bisher über 403 Amputierte berichtet werden. Sie wurden den Jahren, in welchen die Prothese fertiggestellt war, eingeteilt, rosste Teil stammt aus den Jahren 1918—1919. Ueber die Hälfte iperierten haben die Prothesen also länger als 3 Jahre. Unter 403 befinden sich: 233 Oberarmamputierte, 138 Unterarmampu- 14 Doppeltamputierte und 18 mit sehr kurzen Oberarmstümpfen Schulterexartikulierte (Schulterkanäle, Haltekanäle). Wir haben ast 30 Proz. unserer Amputierten erreichen können. Eine er- le Zahl der versandten Fragebogen kam leider als unbestellbar c. Weiter haben aus den besetzten Gebieten verhältnismässig e Amputierte geantwortet. Aus den verlorenen Gebieten kam iupt nur ein einziger Bescheid zurück. Immerhin hat aus diesen en eine Reihe von Operierten, ähnlich wie die aus dem jetzigen :hen Reiche, in spontanen Dankesbriefen an Sauerbruch und ler die hohe Zweckmässigkeit und die praktische Brauchbarkeit Ersatzglieder zum Ausdrucke gebracht. Wir haben uns jedoch bemüht, auch über das Schicksal der übrigen Amputierten Nach- i zu erhalten. as Hauptziel der Nachuntersuchungen richtete sich auf folgende e: 1. die Widerstandsfähigkeit der Kanäle, 2. die Benutzung der ise. 3. den wirtschaftlichen Nutzen, welchen die Prothesen den rn bringen. ir die Bewertung der Sa u e r b ru ch sehen Kanalisierung war es isschlaggebender Bedeutung zu wissen, ob die Muskelkanäle die ten Anforderungen auf die Dauer erfüllen konnten. Im praktischen werden die gerade bei den Kanälen so wichtigen Vorschriften pflege und Reinlichkeit leider nicht immer befolgt, ich der Entlassung wurden von 10,2 Proz. der Oberarm- und von roz. der Unterarmamputierten gelegentlich ärztliche Hilfe nach- t. Meistens handelte es sich um Neurome; oder auch um Ent- igen, Furunkulose, Ekzem usw. Nur einmal ist ein Kanal un¬ bar geworden und musste operativ entfernt werden. Neurome entgegen der früher von Sauerbruch ausgesprochenen Ver- g, ziemlich häufig auf; sie können nach jeder Nervendurch- ng entstehen. An sich in der Regel schmerzlos, werden sie unter nischem Einflüsse, durch Druck und Zug. ungemein empfind- Sie sind häufig mit Knochen und Muskeln innig verwachsen :ehen durch lange Fortsätze damit in Verbindung. Es kann kein 1 darüber sein, dass die meisten Neurome schon kurz nach der ation entstehen. Dass sie vielfach erst beim Tragen der Pro- n Erscheinung treten, ist die Folge der mechanischen Zerrung der ne durch die wiederaufgenommenen Muskelbewegungen. Mancher ierte merkt gar nichts, solange er die Muskeln ruhigstellt oder so- ler eingelegte Stift nicht belastet wird; eine Betätigung verursacht Schmerzen. Wir haben deshalb in den letzten Jahren bei der Jerung grundsätzlich die Neurome der grossen Nerven aufgesucht i soweit möglich gekürzt; dabei muss ihre Schnittfläche mehrere eter oberhalb des Kanals liegen. Nur so kann man mit ziem- 3icherheit Rezidiven Vorbeugen. irzdauernde, vorübergehende .Störungen (Wundwerden, leichte düng) traten an den Unterarmkanälen häufiger auf als an denen lerarms. Oefters waren wohl äussere Umstände mit im Spiele, ingelhafte Reinlichkeit, grosse Hitze, starke Beanspruchung u. a. kleineren Zwischenfälle beeinträchtigten den Gebrauch der Pro¬ licht; einige Tage Schonung genügten, um sie vollkommen zu be- 0.4 I ganzen wurden in 3,8 Proz. längerdauernde Beschwerden an- n, meistens ein wiederholtes Wundwerden oder Entzündung, i' oft Absonderung (Eiterung) oder ständige Schmerzen. In diesen war deshalb das regelmässige Tragen der Prothese nicht möglich, eine geeignete Behandlung würden auch hier noch Verbesse- zu erzielen sein. m muss bei diesen Zahlen bedenken, dass die Amputations- e sich bei den Kriegsverletzten vielfach in einem sehr schlech- stand befanden. Abgesehen von einer fast immer vorhandenen ie der Muskulatur, zeigten sie Narben, trophische Störungen, Stau- Ekzeme usw. Ein Aufflackern einer sog. latenten Infektion war nmer zu vermeiden. 23 1 Es ergibt sich somit, dass die Kanäle in der überwiegenden Mehr¬ zahl den dauernden Druck der Stifte gut ertragen, ohne dass irgend¬ welche Reizerscheinungen aufzutreten pflegen. Am Unterarm be¬ dürfen sie einer genaueren Pflege wie am Oberarm; die Haut des ersteren ist weniger widerstandsfähig. Das Auftreten von Schmerzen steht, wenn die Kanalhaut unverändert ist, wohl fast immer mit der Anwesenheit von Neuromen in Zusammenhang. Auch wenn wir kein Nervenknötchen fühlen können, pflegen wir den Nerv freizulegen, be¬ sonders wenn die Druckempfindlichkeit immer an einer bestimmten Stelle nachweisbar ist. Um die Benutzung der Prothese beurteilen zu können, müssen die gesamten beantworteten Fragen verwertet werden. 83,5 Proz. sind mit ihren Prothesen zufrieden und haben nichts daran aus¬ zusetzen; 16,5 Proz. sind wenig oder nicht zufrieden. Teilweise rührt das her von einer zu geringen Widerstandsfähigkeit der Kanäle, teilweise von Konstruktionsmängeln der Ersatzglieder. Einige Ampu¬ tierte finden die Hand zu leicht und zu wenig fest gebaut; sie hatten oft Ausbesserungen, besonders am Zugriemen, an Sperre und Schrau¬ ben. Andere dagegen klagen über die Schwere der Prothese, vor allem wenn nur sehr kurze Stümpfe vorhanden sind. Ein weiterer Teil war nicht zufrieden, weil sie in der Arbeit mit der Kunsthand nicht das leisten konnten, was sie möchten oder erwarteten. Die Klagen über Ausbesserungen und schlechte Konstruktion sind Folgen von tech¬ nischen Fehlern. Man sieht hieraus, wie wichtig eine gute Beschaffen¬ heit des Ersatzgliedes ist. Jede Prothese ist etwas Individuelles und verlangt eine sehr genaue Anpassung. Bei 67,2 Proz. der Oberarm- und bei 59,7 Proz. der Unterarm¬ amputierten wurde die Prothese regelmässig, d. h. tagtäglich, ohne Unterbrechung benutzt. Dazu kommen noch 9 Proz. der Oberarm- und 11 Proz. der Unterarmamputierten, welche in der Arbeitszeit irgend¬ welche Arbeitsprothese gebrauchen, aber ausser der Dienst- und Arbeits¬ zeit wieder ihre Gebrauchshand anlegen. Die Spitzgreifhand wird nur deshalb nicht getragen, weil die Art des Berufes für diese Amputierten eine geeignete Arbeitsklaue verlangt. Wir dürfen also sagen, dass 76,2 Proz. der Oberarm- und 70,7 Proz. der Unterarmamputierten dauernd ihre Prothesen benutzen. Den Rest der Operierten habe ich in 3 Gruppen geordnet. Die erste trägt ihre Prothese überhaupt nicht; es waren 6,8 Proz. der Oberarm- und 11 Proz. der Unterarmamputierten. Die zweite benutzt sie nur Sonntags oder beim Ausgehen; die Hand dient somit als Schmuck- oder Schönheitshand. Zahlenmässig umfasst diese Gruppe 8,5 Proz. der Oberarm- und 9 Proz. der Unterarmamputierten. Die letzte Gruppe benutzt zwar die künstliche Hand, aber sehr unregel¬ mässig; z. B. nur einige Tage in der Woche, oder mit grösseren Unter¬ brechungen. Zu dieser Gruppe gehören 8,5 Proz. mit Oberarm- und 9.3 Proz. mit Unterarmstümpfen. Bemerkenswert für die Nöte der Zeit sind die _ Angaben von nicht weniger als 4 Amputierten, die wegen Vcrschleiss der Wäsche ihre Prothese nur zeitweise tragen konnten. Wenn wir diese Zahlen der Ober- und Unterarmamputierten im Verhältnis zu ihrer Häufigkeit (5:3) nun zusammenbringen, ergibt sich folgendes:. 74,1 Proz. tragen die Prothese ständig, 8,8 Proz. un¬ regelmässig, 8,7 Proz. nur aus kosmetischen Gründen, und 8,4 P r o ,, tragen die Prothese gar nicht. Als 3. Flauptziel der Nachuntersuchungen galt das wirtschaft¬ liche Schicksal der Prothesenträger. Dazu war notwendig zu wissen die Art des früheren und des gegenwärtigen Berufes; weiter ob die Amputierten ihrem Beruf oder ihrer Arbeit nachkommen können und in welchem Umfang. Obwohl in einem Begleitschreiben bei den ver¬ sandten Fragebogen unsererseits ausdrücklich die Versicherung ab¬ gegeben wurde, dass die Ausfüllung lediglich nur zu Wissenschaft- liehen Zwecken dienen sollte, blieben in etwa 1/s die Antworten aus. Einige Invaliden teilten offen mit, dass mit Rücksichf auf ihre Rente die Ausfüllung ihrerseits unterbliebe. Immerhin verfügen wir über eine genügende Zahl Angaben, um einen Ueberblick zu gewinnen. ln. irgendeiner Arbeit oder Beruf sind beschäftigt 95,5 Proz. der Amputierten. Etwa 4,5 Proz. haben also keine Beschäftigung (Arbeits¬ lose, Pensionisten) oder sind nicht imstande, einer solchen nachzu¬ kommen. Ueber den Umfang, in welchem die Berufstätigkeit aus- gefüllt wurde, konnte ich folgendes feststellen. Bei den Ober¬ armamputierten in 59,8 Proz. voll und ganz. 24,7 Proz. fast ganz, 10.3 Proz. etwa halb und 5,2 Proz. nur wenig; bei den Unterarm¬ amputierten 56,6 Proz. voll, 17 Proz. fast ganz, 18 Proz. halb und 8.4 Proz. wenig. Ueber die Gesamtzahl berechnet konnten also 80.4 Proz. ihrer Arbeit oder ihrem Beruf voll oder fast ganz nachkommen. Diese Zahlen sind an sich sehr erfreulich. Sie zeigen, dass auch der Amputierte im täglichen Leben verhältnismässig sehr viel leisten kann. Sie geben aber keinen Aufschluss darüber, ob diejenigen, welche ständig eine Prothese benutzen, in wirtschaftlicher Hinsicht besser gestellt sind, als . die Amputierten, welche die Prothese überhaupt nicht oder nur wenig tragen. Früher war man vielfach der Ansicht, dass man den Invaliden in erster Linie eine geeignete Stelle (Hausmeister, Auf¬ seher usw.) verschaffen müsste, um die vorhandene Arbeitskraft mög¬ lichst auszunützen. Eine Prothese kam erst in zweiter Linie in Frage. Auch heute noch gibt es Aerzte, sogar Orthopäden, die, in Unkenntnis der willkürlich beweglichen Ersatzglieder, den Wert des Verfahrens gering einschätzen. Um zu erfahren, ob irgendwelcher Unterschied besteht, zwischen den Leistungen der Prothesenträger und denen der „prothesenlosen“ Am¬ putierten, habe ich sowohl die Ober- wie die Unterarmamputierten dem 5* 232 MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT. N: Umfang ihrer Arbeitsleistung nach in 2 Gruppen eingeteilt. Die erste Gruppe V umfasst diejenigen, welche ihrem Beruf voll odei fast ganz Ä-T können; die zweite Gruppe W dagegen genasen, welche nach eigenen Angaben nur wenig zu leisten vei™°Ken- beiden Gruppen habe ich dann den Grad der Benutzung der Prothese sowie die Art des Berufes eingetragen. Es ergab sich dann, dass unter Gruppe V 83 Proz. regelmässig die Prothese tragen; in Gruppe W dagegen nur etwa 40 Proz. Hieraus folgt, dass die Amputierten, "'eiche im vollen Umfang arbeiten können, auch als Regel ihre Prothese dabei benutzen. Der Prothesenträger leistet also in wirtschaftlicher Hinsicht mehr wie der Amputierte ohne Ersatzglied. Die Berufe in welchen der Arbeit mit ständiger Benutzung der Pro- thesen in vollem Umfang nachgekommen werden konnte, waren in abnehmender Häufigkeit geordnet, folgende ; Kaufleute. Landwirte, ßSreaugehMen. Handlungsgehiiieu. Postangestellte. Verwaltung, und Steuerbeamte, Eisenbahnwärter, Fabrikarbeiter, Schreiber, Ingenieure und Techniker, Ober- und Volksschullehrer, Postschaffner. Magazmiers, Maschinenwärter, Aufseher und Pförtner, Juristen, Telephon- und Tele- graohangestellte, Aerzte, Studenten, Bauführer, Geistliche, Bankbeamte usw Es folgen nunmehr die Berufe, welche die Amputierten vo ausfüllten, ohne dabei die Prothese zu benutzen. In abnehmen¬ der Häufigkeit geordnet waren es; Hausmeister und Riortner Nacht¬ wärter, Amtsboten, Lehrer, Amts- und Bureaugehilfen, Kaufleute. Kanz- ieiangesteüte. 0beramlamputierten waren 44,6 proz. in ihrem früheren Beruf geblieben, 11,4 Proz. in einem ähnlichen; 44 Proz. mussten um¬ schulen (teilweise auch den veränderten Zeitumständen zuzuschiei- ben) Für die Unterarmamputierten waren diese Zahlen 34,8 Lroz., 8 3 Proz. und 56,9 Proz. Durchschnittlich konnten also 51,5 I r 0 z. der Amputierten ihrem früheren Beruf oder einem ähnlichen nach- Die Erfolge bei Oberarmexartikulierten stehen hierbei wesentlich zurück. Sowohl diejenigen, welche über Brustkanäle verfügen, als die mit Schulterzug ausgerüsteten (indirekte Kraftquellen), ei reichen durch- schnittlich diese Leistungen nicht. Die Doppeltamputierten (D.A.) können die Brauchbarkeit einer Prothese am besten beurteilen. Sie sind doch auf ihre Kunstglieder ausschliesslich angewiesen. Von 14, bei denen ich eine Nachuntersuchung vornehmen konnte, waren 10 mit ihren Prothesen beiderseits zufrieden, 3 nur mit der Prothese der einen Seite und 1 war nicht zufrieden (Absonderung der Kanäle). 9 D.A. tragen beiderseits die Kunstlieder regelmässig, 3 nur die rechtsseitige Prothese; weitere 2 tragen sie un¬ regelmässig (einige Tage in der Woche). Die beiden letztgenannten sind beidseitig Unterarmamputierte; einer davon ist gänzlich erblindet und taub; der andere klagt über seine Kanäle (Absonderung). 12 D.A. sind beruflich tätig, und zwar benutzen 9 dabei die beider¬ seitigen Prothes.n und 3 nur die rechtsseitige. 2 arbeiten nicht; diese beiden sind der erwähnte Blinde und der D.U.A., der wegen Beschwerden der Kanäle sein Ersatzglied nur unregelmässig gebrauchen kann. Wir sehen auch hier, dass Arbeitsleistung und Prothesentragen memander- Der Umfang der geleisteten Arbeit wurde von den 12 arbeitenden DA. wie folgt angegeben. 5 leisten sie ganz; dem ,^eIu*L\ naA s'nd sie: Bankbeamter (D.U.A.), Krankenhausangestellter (D.O.A.), 2 Boten (rechts U.A., links O.A. und D.O.A.), Pförtner (D.U.A.X 5 schätzen ihre Arbeit als halb ein, und zwar 2 Kaufleute (beide D.U.A.), 1 l ele- phonist (r. O.A., 1. U.A.), 1 Agent (D.U.A.) und 1 Beamter (r. U.A , 1. O.A.). Als gering bezeichnen 2 weitere D.A. ihre Leistungen, und zwar 1 Krankenkontrolleur (r. U.A., 1. O.A.) und 1 Bäckermeister (D.U.A. ). Der Wert dieser statistischen Untersuchungen kann erst durch einen Vergleich mit ähnlichen Nachforschungen über die anderen Handmooelle (Lange, Carnes usw.) hervortreten. Solche liegen bisher nicht vor. Dagegen verfügen wir über eine grosse Zahl allgemeine Mitteilungen aus den Kreisen der Versicherungsgesellschaften und der Beiuis- genossenschaften, aus denen hervorgeht, dass die gewöhnlichen Lisa.z- glieder in der Praxis eine sehr bescheidene Bedeutung haben. A s Ergebnis einer Nachuntersuchung im Rheinland über 356 ralle konnte H orion 1916 feststellen, dass nur ein kleiner Teil der Ampu¬ tierten noch eine Prothese trugen. Im Jahre 1918 teilte v. Eisels- berg mit, dass die in Oesterreich für die arbeitende Stadtbevölkerung angefertigen Prothesen meistens wieder zur Seite gelegt waren. Gegenüber diesen Erfahrungen bedeuten die Erfolge der S a u e r - b r u c h sehen Kunsthände einen erheblichen Fortschritt. Etwa /1 der Amputierten trägt sie auch noch nach Jahren ständig. Damit allein schon wäre ihre Nützlichkeit erwiesen. Denn das, Endurteil .iibei die Brauchbarkeit liegt weder beim Arzt noch beim Techniker, sondern nur bei den Kranken. Bringt die Prothese den Invaliden keinen Vorteil, so wird sie nach kurzer Zeit wieder abgelegt. arm 3 kg; die Hubhöhe muss bei Operationsstümpfen mindestens 2 bei Unterarmstümpfen an der Beugeseite VA cm, an der Strecfol 1 cm betragen. In der Regel wird weit mehr erreicht, obwohl Arbeitsleistung der einzelnen Stümpfe sehr versch‘^^n ‘st , Üe‘( günstigen Stümpfen können die Amputierten Gewichte von 10-21 mit ihrer Spitzgreifhand fassen, halten und hochheben. Auch nach gelungener Operation kann durch schlechte Austuhi des Ersatzgliedes der Erfolg beeinträchtigt werden. Falsche Stel der künstlichen Gelenke, drückende Bandagen, ungenügender Sitz Lederhülse sind neben mangelhaftem Bau die Ursachen der Unbra barkeit des Ersatzgliedes. , , . , Sehr zu bedauern ist, dass sich die Kritiker des Verfahrens mehr auf durchaus unzulängliche eigene Erfahrung und auf durch rehk Operation und Technik bedingte Misserfolge anderer stutzen Aul Tagung der D. Gesellsch. f. Orthop. im Jahre 1921 berichtete Ros f e 1 d, dass nach seiner Erfahrung die Saue r b r u c h - Prothesen 111 10 Proz. der Fälle getragen wurden. Wie wir durch Nachfrage bei selbst festgestellt haben, handelte es sich urn eine Nachuntersuchuni 17 Amputierten; davon sollen 2 mit ihrer Prothese zufrieden sein sie regelmässig tragen. Wir haben diese Angaben R o s e n f e 1 d s s nachgeprüft. Unter diesen 17 befinden sich nur 6, welche in Mun oder Singen operiert waren und dort ihre Prothesen bekommen liai Von diesen 6 ist, ausser den 2 oben erwähnten, noch ein dritter zufrieden; ein vierter, Doppeitamputierter, trägt die rechtseitige these und ist damit zufrieden, die linke gebraucht er nicht. _ Anmu^ sind nicht zufrieden. Von denjenigen, welche die Prothese tr< haben sich 2 sogar eine grosse Geschicklichkeit erworben; der benutzt die Kunsthand beim Klavierspielen; der zweite, ein Arzt n u. a. Lumbalpunktionen und intravenöse Injektionen, hur die 6 in Mur und Singen Operierten ergibt sich somit, dass in etwa 60 rioz künstliche Hand benutzt wird (wenn es überhaupt angebracht ist derartig kleinen Zahlen Prozente auszurechnen). Die 11 andere Operierten haben wir nicht nachuntersucht; nach Rosentelü darunter keiner sein, der mit der Prothese zufrieden ist. Die Mitteilungen von Rosenfeld beweisen somit gar mehl; oder gegen den Wert des Verfahrens; sie bestätigen aber unsere fahrungen, dass leider ott sowohl Operation als Prothes bau schlecht a u s g e f ü h r t werden. Auch B 1 e 11 c k e neuerüings hervor, dass Missenolge nicht an der Operation als so sondern -lediglich an der nicht zweck- und sachgemässen Ausful derselben liegen. Die an sich für einen ausgebildeten Chirurgen schwierige Operationstechnik scheint aber von vielen Unberu nicht sachgemäss angewendet worden zu sein. Auch die so tige Vor- und Nachbehandlung wird zu wenig beachtet und in zweckmässiger Weise durchgeführt. Von Sauerbrucn Stadler wurde darauf mehrfach hingewiesen. Anschutz is Meinung, dass die Operation zwar einfach erscheint, aber es in I lichkeit nicht ist. In der letzten Auflage der Operationslehre (t Braun Kümmell) hebt W Müller hervor, dass nur nac nügender Vorkenntnis zur Ausführung von kineplastischen Operat geschritten werden soll, wenn man sich grosse Enttäuschungei, sparen will. Diesen günstigen Ergebnissen bei unserem eigenen grossen Material stehen leider einzelne Misserfolge sonstiger Operateure gegenüber. So verfügten von den Invaliden, welche anderweitig operiert und zur An¬ fertigung einer Prothese nach München geschickt wurden, nur etwa */, über brauchbare Kanäle (Bestelmey er). Bei den übrigen waren erneute Operationen notwendig. Teilweise lagen die Kanäle in falschen Muskelgruppen oder sogar ausserhalb der Muskulatur. Teilweise waien Kraft und Hubhöhe der gebildeten Kraftquellen ungenügend, so dass irgendwelche Leistungen von der künstlichen Hand kaum erwartet werden konnten. Das trifft auch für die uns überraschenden Zahlen der Prüfstelle in Berlin zu. Als Mindestforderung an Kraft stellen wir für den Oberarm 4 bis 5 kg, für den Unter- Ich habe vei sucht, in kurzer Fassung die Meinungen unserer puderten aus München und Singen über den Wert der Sauerbri sehen Operation und Prothesen wiederzugeben. Es ist nur das Wf lichste aus den manchmal recht ausführlichen Mitteilungen hc genommen. Nicht nur wurden mehrfach von den Operierten Vorsc für technische Verbesserungen und Abänderungen, welche wir prüfen werden, sondern auch sehr bemerkenswerte Einzelheiten den Gebrauch der Kunsthand und über ihre feineren Leistungen, die neuen Arbeitsprothesen usw. mdtgeteilt. . _ -1» Durch die erzielten ausserordentlich günstigen praktischen r nisse hat sich die willkürlich bewegliche Kunsthand nach Sa bruch vollauf bewährt. Bis jetzt kann kein anderes Systen: artige Erfolge aufweisen. Diese sind nur dadurch möglich gev dass die Kraftquellen für die Prothesen vollkommen pbysiok arbeiten. In den Veröffentlichungen von Bethe, ten Horn, V gutli u. a. ist auf den physiologischen Wert der Methode hingew Die feineren Leistungen der Amputierten sind geradezu erstaunlich sind bei geschlossenen Augen völlig orientiert über Stand und welche der Kunstarm einnimmt. Gewichtsabschätzungen waren 1 einem Unterschied von g noqh möglich. Die Ausführung von bewegungen beruht nicht auf der Hautsensibilität des Stumpfes der Kanäle, denn nach Ausschaltung dieser Empfindung bleibt di wegungssicherheit gleich, sondern die Steuerung der Prothese in erster Linie von der tieferen Sensibilität, dem Muskelgefur Als wundervollste Aeusserung dieser sensiblen Steuerung, als Koordination der benutzten Muskeln, sind wohl die Erfolge beim wurf anzusehen; die Treffsicherheit mit der Prothese erreicht fa von gleichseitigen gesunden Armen. Ein Fortschritt der letzten Zeit ist die Einführung willkurln wegbarer Arbeitshände. Die bisherigen Muster, die mit v; Mängeln behaftet waren, sind ausgebaut und zum Teil grünes umgestaltet worden. Naturgemäss brauchen an sich schon v Amputierte gerade Arbeitsprothesen; infolgedessen sind unsere rungen noch gering. Immerhin liegen bereits befriedigende A rungen von Vertretern mehrerer Berufe vor. Näheres hierübe die zweite Auflage der „Willkürlich bewegliche künstliche bnilSDas Problem der willkürlich beweglichen Hand ist noch keine zum Abschlüsse gekommen. Fortschritte sind von neuen Konstrui 'ebruar 1922. MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT. 233 I der Prothese zu erwarten. Auch die Verwertung der hergestellten | tquellen erfordert besondere Beachtung. Man kann aus einer pe von Synergisten Muskeln herausnehmen und diesen eine funk- I die Selbstständigkeit und Unabhängigkeit verschaffen (Muskel- nziation). Es erscheint auch durchaus möglich, einen einzelnen cel in zwei voneinander unabhängige Teile zu zerlegen (innere rziation). Unsere Feststellungen sollten die Aerzte von der Not- ligkeit überzeugen, den Amputierten häufiger als bisher geschehen willkürlich bewegbare Ersatzglieder zu verschaffen. Von seiten der Invaliden wird man kaum auf Widerstand n die Kanaloperation stossen: eine Unterredung des Ampu- ?n mit einem Prothesenträger genügt, um ersteren von den eilen zu überzeugen. Diese Aufklärung und Beratung durch erte Kameraden haben wir in München und Singen grundsätzlich stets mit Erfolg durchgeführt , der Univ.-Kinderklinik Graz. (Vorst.: Prof. Hamburger.) iber eine modifizierte perkutane Tuberkulinprobe. Von Dr. Paul Widowitz, I. klinischer Assistent. Die Frage nach der Brauchbarkeit der Tuberkulinisierungsmethoden iagnostischen Zwecken ist eine Frage der Verlässlichkeit, der all- binen Anwendbarkeit und der Handlichkeit. Für Spitalszwecke ist rdiglich eine Frage der Verlässlichkeit, ln allen jenen die Zahl iviegenden Fällen, wo wir gezwungen sind, die Tuberkulinisierung dem Rahmen des Spitals in die allgemeine Praxis hinauszutragen, i en wir von der Methode ausserdem noch die Anwendbarkeit und ; lichkeit fordern. Der allgemeinen Anwendbarkeit der verläss- i Methoden der Stichreaktionen und der Kutanreaktion stehen die |u vor der Injektionsnadel und dem Impfbohrer im Weg. Den bei- etzten Forderungen nach Anwendbarkeit und Handlichkeit schien illem die Morosche Perkutanprobe Genüge zu leisten. Leider : die bisherige Erfahrung, dass ihre Verlässlichkeit hinter die •en Methoden zu stellen ist. Es bedeutet daher einen Fortschritt, [durch Hamburger und Stradner mit dem eingeengten rkulin (M.m.W. 1919/16) der Verlässlichkeitsgrad wesentlich erhöht e. Jedoch blieb die Verlässlichkeit des konzentrierten Moros noch j:r hinter denen der Stichmethoden zurück. Von diesen Gesichts- Üen aus befrachtet, schien also die vor kurzem angegebene F e e r - Papierprobe allen drei Anforderungen zu genügen und somit die te Aussicht auf allgemeine Anerkennung zu besitzen (M.m.W. 1921 3). Denn die Verlässlichkeit und Handlichkeit ist auf Grund der r sehen Angaben über jeden Zweifel erhaben. Jedoch für die meine Anwendbarkeit wird in der Praxis das übel beleumundete ürgelpapier, mit dem das Individuum zur Setzung des Impf- nas geschmirgelt werden soll, sicherlich ein Hindernis sein. Aus m Grunde kann ich die Papierprobe solange nicht als Methode Vahl bezeichnen, solange nicht erwiesen ist, dass die von mir an- iene Modifikation der perkutanen Methode mit äusserst eingeengtem berkulin unverlässlicher als die Papierprobe ist. — Es ist dies eine ode. die auf unserer Klinik schon seit einem halben Jahr geübt an 200 Fällen erprobt ist und die den bisherigen Mangel derÜnver- chkeit durch einen den Stichmethoden gleichzusetzenden Verläss- ütsgrad beseitigte. Die Methode selbst ist das Ergebnis von hiedenen Erfahrungen, die ich gelegentlich der Studien über die ,’hbarkeit der Pirquetschen Kutanreaktion gewonnen habe. Ergebnis dieser Studien war die Festlegung bestimmter technischer sen, mit deren Beobachtung oder Vernachlässigung die Verläss- iit der Kutanreaktion steigt oder fällt. Fs wird einer weiteren t Vorbehalten sein, auf jenen Umstand näher einzugehen, der die sslichkeit der Kutanreaktion bedeutend erhöht. Für heute will ich damit begnügen, die theoretischen Erwägungen, die zu der Mo¬ tion der perkutanen Methode führten, zu übermitteln und die Aus- ig der Probe selbst bekanntzugeben. -s lag nahe, den Grund der Un Verlässlichkeit der klassischen o sehen Probe in dem Umstande zu suchen, dass die Reaktion als 'rovokation einer spezifischen Foliikulitis in erster Linie die Zu- ichkeit der Hautfollikel voraussetzt. Und nachdem diese Zugäng- dt in .einer grossen Zahl von Fällen durch ätherlösliche Sekrete algdriisen behindert ist, so fiel mein nächster Gedanke auf den ■r, der den Zugang für das Tuberkulin freizumachen hat. Weiters ich aus den Studien über die Brauchbarkeit der Kutanreaktion '(fahtung gewonnen, dass eine durch Hyperämisierung erzielte bilisierung der Applikationsstelle viel zum Gelingen der Reaktion gt. Und auch dieser Forderung trägt der Aether insoferne Rech¬ ts er in seiner reaktiven Wirkungsphase auf eine Gefässver- ung eine Gefässerweiterung folgen lässt und somit durch Hyper- erung sensibilisiert. Als Prädilektionsstelle für die Anstellung der tion erwies sich auch mir das obere Ende des Sternum, woselbst efässversorgung eine entsprechende ist und die harte plane Unter¬ es Knochens einen guten Reibwiderstand gibt. Wenn wir diese ment* ins Auge fassen (Verwendung von Tuberkulin, das auf Ge- skonstanz eingeengt wird, Entfettung der Haut, Sensibilisierung der lektionsstelle), so ergibt sich die Beschreibung der Methode von selbst olgt : Mit einem in Schwefeläther getauchten Tupfer reibt man über kranialen Teile des Sternum in einem Durchmesser von ungefähr durch eine halbe Minute die Haut, indem man mehreremale den 'rin der Hand eine andere Stellung einnehmen lässt. Dann wartet eine weitere halbe Minute, bis sich die der Vasokonstriktion fol¬ gende Dilatation durch Rötung der Haut kundtut und trägt nun auf diese Stelle mittels Glasstab einen Tropfen von eingedicktem Alttuber¬ kulin auf. Man reibt nun die Tuberkulinmenge solange mit der Finger¬ beere, bis sie unter sich trockene Haut verspürt. Beim Verreiben des Tuberkulins achte man darauf, dass der Finger nicht leer reibt, was durch Einbringung des immer wieder an die Peripherie gravitierenden Tuberkulins in die Kreismitte geschieht. Die Reaktionsäusserung ist am besten am 2. oder 3. Tage abzulesen. Eine traumatische Reaktion wurde nie beobachtet. Diese Methode, die unter Wahrung dieser technischen Kautelen allen drei Eingangs gestellten Forderungen Genüge leistet, will ich modifizierte Perkutanprobe nennen und' sie zur kritischen Nachprüfung übermitteln. Von Dr.Karl Ste rn , Facharzt f. Hautkrankheiten in Fürth i.By. Unter den Krankheiten, die sehr schwer zu heilen sind, rangiert das Ekzem mit an erster Stelle. Während es einesteils Fälle von Ekzem gibt, bei denen es kinder¬ leicht ist, eine rasche Abheilung zu bewerkstelligen, ist andererseits die Anzahl von Ekzemfällen nicht gering, die entweder nur sehr lang¬ sam und schwer abheilen, oder überhaupt nicht heilen wollen, und so der grössten Mühe und Sorgfalt des behandelnden Arztes viele Monate trotzen können. Es ist entschieden das Verdienst von Hilgermann1). neue Bahnen in der Ekzembehandlung eingeschlagen zu haben. Von der Annahme ausgehend, dass das Ekzem durch eine bakterielle Infektion hervorgerufen werde, sei es nun direkt durch bakterielle Erreger (Staphylokokken. Stäbchen. Pilze), oder sei es. dass die Bakterien sich erst sekundär in dem beschädigten Ekzemgewebe ansiedelten und da¬ durch die Heilung des Ekzems verhinderten, behandelte Hilger- mann die Ekzeme mit Vakzine, und zwar verwandte er eine Auto¬ vakzine, die aus den Ekzemherden selbst hergestellt wird, zur Hei¬ lung der Ekzeme. Er züchtete zu diesem Zweck den Inhalt geschlosse¬ ner Ekzemherde (Eiterbläschen, Pusteln), oder, wenn keine geschlos¬ senen Ekzemherde vorhanden waren, Schuppen- oder Borkenteile, und stellte daraus eine fertige Vakzine (Autovakzine) her. Mit dieser Auto¬ vakzine hatte nun Hilgermann grossartige Erfolge. Chronische Ekzeme, die monate-, ja jahrelang nicht abheilten, verschwanden voll¬ ständig nach der Behandlung (Injektion) mit Autovakzine. Ob nun Hilger man ns Theorie zu Recht oder Unrecht besteht, so ist doch sicher, dass er in schweren Fällen von Ekzem, die auf keine Behandlung zurückgehen wollten, mit Autovakzineinjektionen Heil¬ erfolge erzielte. Nun ist die Behandlung mit Autovakzine nur in einer Klinik durchführbar. Mit der Züchtung der Bakterien, der Herstellung der Vakzine kann sich der praktische Arzt nicht abgeben: selbst wenn ihm ein bakteriologisches Laboratorium zur Herstellung der Auto¬ vakzine zur Verfügung stände, würde die Entnahme von Sekretinhalt (Eiter. Schuppen etc.) und ihre Züchtung soviel Zeit in Anspruch nehmen und wäre mit so viel Umständen verbunden, dass nur die wenigsten praktischen Aerzte sich damit abgeben könnten. In der Praxis kann der praktische Arzt nur eine fertige Vakzine brauchen, die er jederzeit so wie ein anderes Präparat (z. B. Lö¬ sungen etc.) einspritzen kann. Ich habe nun versucht, mit Injektionen der Einheits-Mast-Staphylo- kokkenvakzine „Staphar“2) dieselben Erfolge bei schweren Ekzemen zu erzielen, wie sie Hilgermann bei der Behandlung mit Auto¬ vakzine hatte. Fs ist mir gelungen, mit Staohar in vielen Fällen von schwe¬ rem Ekzem, die anderwärts nicht heilen wollten, sehr schöne Erfolge zu erzielen. Es waren dies immer chronische, der äusseren Salben- und Puderbehandlung trotzende schwere Ekzeme, die ich mit Staphar behandelte. Am besten reagierten die impetiginösen und nässenden Ekzeme auf Stapharinjektionen, während die chronischen mehr schup¬ penden, infiltrierten Ekzeme, und ebenso die seborrhoischen Ekzeme nicht besonders reagierten. In folgendem will ich nun einige prägnante Krankengeschichten anführen : 1. Herr A. L., 28% Jahre alt. An beiden Unterarmen, links mehr als rechts, etwa hohlhandgrosse, rundliche, blassrosarote, stark nässende Ekzem¬ herde, die unscharf von der gesunden Haut begrenzt. sind. Der Rand beider Herde ist etwas infiltriert und mit stecknadelkopf- bis halbbolmengrossen Papeln, Bläschen und Pusteln bedeckt. Bisher ohne Erfolg 2 Jahre lang mit Salben, Puder und Pasten behandelt worden. Auf 3 malige Injektion mit Staphar (im Zeitraum von 3 — 5 Tagen), ohne sonstige äussere Behandlung, verschwindet das Ekzem vollständig. 2. Frl. A. T., 20 Jahre alt. Die Haut beider Unterschenkel an den Vor¬ derflachen ekzematös entartet. Das Ekzem nässt stark, hat gelbliches Kolorit und ist mit gelbroten dicken Borkenmassen bedeckt. Das Ekzem ist bisher, 1 /•< Jahre lang, mit Salben und Pasten ohne jeden Erfolg behandelt worden. Nach 4 Staphariniektionen, ohne dass eine andere äussere Behandlung statt¬ findet. heilt das Ekzem vollständig ab. 3. Herr E. B., 50 Jahre alt. Ekzem des Afters, seit 3 — 4 Jahren am After ein stark nässendes, juckendes und den Kranken furchtbar quälendes Ekzem. Ohne dass eine andere Behandlung stattfindet, wird er von mir nur mit Staphar behandelt. Nach ungefähr 10 Stapharinjektionen, im Zwischen¬ raum von jedesmal 3 Tagen ist das Ekzem bedeutend gebessert, das Nässen *) M.m.W. 1921 Nr. 23. Hilgermann: Die Therapie und Aetiologie der chronischen Hautekzeme. 2) Einheits-Mast-Staphylokokkenvakzine nach Prof. S t r u b e 1 1, her¬ gestellt von der Deutschen Zelluloidfabrik in Eilenburg i. S. Die Behandlung des Ekzems mit Vakzine unter besonderer Berücksichtigung der Maststaphylokokkenvakzine Staphar. 234 MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT. N ist vollständig verschwunden und um den After nur ganz geringe Rötung mit mässiger Schuppung vorhanden. — Wenn in diesem Falle auch keine voll- ständige Heilung durch Stapharinjektionen erreicht wurde, so wurde doch immerhin eine solche Besserung erzielt, dass das Nässen aufhorte und der Kranke, der vorher vor Jucken und Brennen nicht schlafen konnte, nunmehr nachts seine Ruhe hatte. . , , , , . 4. Junge A. Sp., 12 Jahre alt. An beiden Unterschenkeln ein akutes Ekzeni, das am Rande von impetiginösen, erbsen- bis halbkirschgrossen Her¬ den, untermischt mit mhereren Furunkelchen begrenzt wird. Nach 2 Staphar¬ injektionen sind sämtliche etwa kirschgrosse Furunkeln verschwunden, ebenso die impetiginösen und ekzematösen Herde, ohne dass eine äussere Behand¬ lung stattgefunden hätte. . . . , p. 5. Frau B. W„ 47 Jahre alt. An beiden Handrücken ein chronisches Ek¬ zem. Ergriffen sind ausser den Handrücken sämtliche Finger. Bisher erfolg¬ los mit Salben und Pasten behandelt worden; dabei besteht starkes quälendes Jucken. Ohne dass eine äussere Behandlung stattgefunden hätte, tritt nach 5 Stapharinektionen von je 1,0 vollständige Heilung des Ekzems ein. 6 Frau E. R„ 36 Jahre alt. An der rechten Hand am Daumen und Um¬ gebung ein chronischer, etwas nässender, hellroter Ekzemherd von etwas über Fünfmarkstückgrösse. Bisher erfolglos mit Salben und Pasten behandelt worden; ohne dass eine äussere Behandlung stattgefunden hätte, tritt nach 4 Stapharinektionen ä 1,0 vollständige Heilung ein. 7. Herr H. M., 58 Jahre. Beide Unterschenkel von handtellergrossen Ekzeniherden ergriffen, untermischt mit mehreren bohnen- bis kirschgrossen Furunkeln und Impetigo-simplex-Herden. Nach 3 Stapharinjektionen von 1,0 findet, ohne dass eine äussere Behandlung stattgefunden hatte, eine voll¬ ständige Heilung der Furunkeln, der Impetigo-simplex-Effloreszenzen und fast sämtlicher Ekzemherde statt. . 8. F r a u A. B., 51 Jahre alt. An beiden Unterschenkeln starke Krampf¬ adern und mehrere zweimarkstückgrosse bis handtellergrosse Ekzemherde, dazwischen kirschgrosse Furunkeln und einige etwa talergrosse Unterschen¬ kelgeschwüre. Bisher erfolglos mit allerlei möglichen Salben und Pasten be¬ handelt worden. Nach 10 Injektionen, ohne äusserliche Behandlung, sind die Ekzemherde und Furunkeln ganz verschwunden, die Unterschenkel¬ geschwüre bis auf etwa 3 vollständig abgeheilt. Letztere sind vollständig gereinigt, am Geschwürsgrund schöne Granulationen, so dass zu erwarten ist, dass die Geschwüre baid ganz verschwinden. Bei 8 Fällen von Ekzem wurde also nur mit Staphar allein ein schöner Heilerfolg erzielt. , _ , ..... Erwähnen möchte ich noch 3 Fälle von Ekzeni der Extremitäten (teils obere teils untere Extremitäten), wo mit Staphar nur eine ge- ringe Besserung erzielt wurde. In 3 Fällen von Ekzem (1 Fall von Oe- sichtsekzem und 2 Fälle von Oberschenkel- und Unterschenkelekzem) trat auf Staphar nicht nur keine Heilung ein. sondern nicht einmal eine Besserung. ln 8 Fällen also erwies sich das Staphar als ein glänzendes Mittel zur völligen Ausheilung von Ekzemen. Dabei ist zu bemerken, dass die Hauptdomäne des Staphars Furunkulose und andere septische Er- krankungen darstellen, wo der Staphylokokkus ätiologisch die Haupt¬ rolle spielt. . . Ein universelles Heilmittel für Ekzeme ist das Staphar^ nicht, je¬ doch gelingt es in einer ganzen Anzahl von Fällen von Ekzem, die viele Monate, ja selbst Jahre ohne Erfolg mit äusseren Mitteln (Sal¬ ben, Pasten, Pudern) behandelt wurden; nur mit Staphar allein eine schöne Heilung zu erzielen. Dass Misserfolge Vorkommen beweist gar nichts und spricht nicht gegen die Güte des Präparates; auf jeden Fall ist das Staphar sehr zu empfehlen. In Fällen von schwerem Ekzeni, wo absolut kein Fortschritt zu verzeichnen ist, empfiehlt es sich, mit Staphar eine Behandlung ein¬ zuleiten und in vielen Fällen wird es sich mehr als lohnen. Ist natürlich auch vom theoretischen Standpunkt aus die Behand¬ lung mit Autovakzine das Ideal, so wird doch in der allgemeinen Praxis die Behandlung mit Staphar angebracht sein, da die Behandlung mit Autovakzine in die Klinik gehört. Auf jeden Fall sollte man bei sehr schweren Fällen von Ekzem, die absolut nicht vorwärtskommen wollen, nicht versäumen, Staphar anzuwenden. Erwähnen möchte ich noch, dass in einigen Fällen, wo mit Staphar eine schöne Heilung erzielt wurde, vorher nicht nur das Ekzem er¬ folglos mit Salben und Pasten, sondern auch mit Röntgenstrahlen be¬ handelt wurde. Die Injektionen selbst werden anstandslos ausgezeichnet vertragen, sind nahezu schmerzlos und verursachen fast keine Infiltrate. Literatur. 1. Ueber Staphar (Mast-Staphylokokken-Einheitsvakzine) von Prof. Dr. A. Strubel. D.m.W. 1919 Nr. 38. — 2. Ueber Erfahrungen mit Staphar (Mast-Staphylokokken-Einheitsvakzine nach Prof. S t r u b e 1 1) auf Staphylo¬ kokkeninfektionen mit " besonderer Berücksichtigung der Einwirkung auf venerische Bubonen von Dr. Georg Krebs in Leipzig. D.m.W. 1920, Nr. 18. — 3. Erfahrungen mit Staphar von Dr. Ferdinand Rosenberger in Hamburg. D.m.W. 1920, Nr. 49. — 4. Ueber die Behandlung von Pyo¬ dermien und ähnlichen Affektionen mit Staphar (Mast-Staphyiokokken-Einheits- vakzine nach Strubel!) von Prof. Dr. E. G a 1 e w s k y in Dresden. Derm. Wschr. 1920, 71. — 5. Erfahrungen mit Staphar (Mast-Staphylokokken- Einheitsvakzine) nach S t r u b e 11 von Stadtarzt Dr. D i e n e m a n n- Dresden. Ther. d. Gegenw. 1921. Von Dr. O. Muck in Essen. Vermeidung störender Reflexbewegungen bei Eingriffen im Schlund. nügt oft schon der Anblick des einzuführenden Zungenspatels, Würg- und Hustenreflexe auszulösen. Auf Sondierungsversuche s eine Schleim- und Speichelsekretion ein von seiten des zu Ui suchenden, der durch Aussnucken der Sekrete den Arzt sich vork vom Leib hält. Nimmt er sich „zusammen“, d. h. der I atient, so fährt er folgendermassen: Er atmet tief ein; um bei weiterer Ut suchung den Spateldruck zwar zu dulden, dafür aber die übermas Inspirationsluft, nach Sprengung der Stimmritze, mit laut dröhnen Fxspirationsgeräusch, meist unter Würg- und Brechbewegungen, samt den Sekreten am Kopf des beweglichen Untersuchers vorbei zustossen. Das Bild wird bunter bei operativen Eingriffen, z. B. bei Tonsillektomie, auch wenn sie schnell ausgeführt wird und trotz Anästhesie. . , , , ,, „ Wem ist dieser unerfreuliche Hergang nicht bekannt ? Der Kr; sagt: „Ich kann nichts dafür.“ Er hat recht. Gibt man dem Kranken aber folgende Anweisung, so bleibt Ans- und Anhusten und Würgen, das an den vomitus matutinns Studenten aus der Vorkriegszeit erinnernde Würg- und Brech geräusch aus und die Untersuchung und Behandlung kann ruhig statten gehen. Wenn* nämlich yor der Untersuchung der Kranke gefordert wird, auf eine kurze Inspiration hin möglichst tief a z u a t m e n und dann unter Stimmritzenschluss den A t e m a n zu 1 t e n, so wird man erstaunt sein, wie leicht auch grössere. Eingriffe, Ausschälung der Tonsille, vor sich ^ehen. Zweckmässig macht dem Kranken vor, wie er sich zu verhalten hat. Hat er das Bedö zu atmen, so kann bei dem Residualluftgehalt der Lunge nur eine s p i r a t i o n. oder schwache Exspiration eintreten. Das Prusten. 1 gen und Brechen bleibt aus. Eine Blutaspiration ist nicht zu fure Ein weiterer Vorzug dieser einfachen Massnahme ist, dass Blutung auffällig gering ist wegen der fehlenden venösen Stauun.: Kopf. Auf diese Weise gelang es mir beispielsweise, ein luihn grosses Sarkom der Gaumenmandel ohne nennenswerte Blutung paratorisch zu entfernen bis auf die Kapsel, vor de l die Geschv ulst machte. j« Mit der Mitteilung dieses Vorgehens glaube ich dem Leser < Wink zu geben, den er dankbar begrüssen wird. Er scheint mir zu sein. In Lehrbüchern finde ich nicht darauf hingewiesen, .-ffi habe ich nicht davon, aber das Verfahren ausprobiert. Psychogenes Fehlen der Zeigereaktion. (Ein Beitrag zur Hysterie des Vestibularis.) Von Dr. Bruno Qriessmann, Hals-, Nasen- und Ohrenarzt in Nürnberg. Untersuchungen und operative Eingriffe im Schlund (in Frage kommt in vorliegendem Fall vornehmlich die Gaumenmandelgegend) werden häufig erschwert oder vereitelt schon bei der einfachen Mundinspek¬ tion. Bei erregbaren Kranken — in der Jetztzeit die Mehrzahl — ge¬ Unter dem Namen der Bä räny sehen Zeigereaktion (Zf.) steht man die Tatsache, dass bei einseitiger künstlicher Erreguni Vestibularisendapparate eines normalen Labyrinths durch Drehung Kalorisation in der dem Nystagmus entgegengesetzten Richtung beigezeigt wird. Die Umdrehung auf dem Drehstuhl bewirkt iiach halten der Drehung Vorbeizeigen beider Extremitäten in der Dreh tung. Bei Kaltspülung eines Ohres wird nach der Seite des ausgti ten Ohres vorbeigezeigt. -j I Hysterische Gleichgewichtsstörungen mit abnormem Verhalte; Zeigeversuchs und der Zeigereaktion hat wohl jeder Otologe ,i mehrfach beobachtet Gewöhnlich kann man aus der Anamnese b auf die psychogene Grundlage des Leidens schliessen. Hört man dass eine Kranke mit schweren Gleichgewichtsstörungen, die von Zimmerecke zur anderen taumelt, zu Hause auf der Leiter steh Vorhänge aufmacht, dann wird man leicht auf die richtige Diät kommen. Trotzdem sind bei solchen Patienten, wenn sie uns licherweise noch eine begleitende Mittelohreiterung aufweisen, m mal energische operative Eingriffe, Radikal- und Labyrinthopera I vorgenommen worden, ohne den erhofften Erfolg zu bringen. A Ungesetzmässigkeit und W illkürlichkeit des '/Kjj zeigens, besonders im gegenseitigen Verhalten der beiden Anne, der in der Funktionsprüfung des Vestibularapparates Geübte rascll psychogenen Charakter erkennen. In der Regel nämlich besteht das hysterische Vorbeizeigen irt j ganz unregelmässigen, ungesetzlichen Durcheinander, einer Uebtagmus nach links 25 Sek. Zr. r. +, 1. +. Drehnachnystagmus nach hts 20 Sek. Zr. r. +, 1. +, wobei starker, nachhalter, subjektiver rvvindel mit normalen Reaktionsbewegungen (Zeige- und Fallreaktion) trat. Bemerkenswert ist, dass die rein funktionelle Taubheit sofort ver¬ wand, während die für die Kranke praktisch unwichtigere hysteri- ie Lähmung der vestibulären Reaktionsbewegungen sich bei der Handlung als hartnäckig erwies. Dass die Kalorisation sofort die normale Erregbarkeit beider La- rinthe aufdeckte und damit die Diagnose sicherte, schreibe ich ihrem 'cnotherapeutischen Einfluss zu. Denn die Patientin gab spontan an, 'S sie sich nach der Spülung im Kopfe freier fühle. Auch Kümmel |6l und Brühl haben durch kalorische Vestibu- prüfung, bei der allerdings erheblicher Schwindel auftrat, Neurotiker r'eilt. Man sieht aber, dass hiefür selbst so geringe Mengen wie ccm Wasser von 27° Temp. ohne Schwindelerregung genügen, erträglich teilt die Kranke apf Befragen und Vorhalt mit, sich vor Wochen an dem heissen Eisen ihres Backofens derartig am linken Vorderarm gebrannt zu haben, dass die Haut in Fetzen weghing. Sie hat aber damals auffälligerweisc gar keine Schmerzempfindung ver¬ spürt. Der vorliegende Fall ist in mancher Beziehung lehrreich. Es wird der Beweis erbracht, dass tatsächlich eine Hysterie des Vestibularis vorkommt, worüber bisher die Ansichten geteilt waren. Diese Form der reinen Vestibularishysterie ist natürlich scharf zu unterscheiden von jenen theatralischen Uebertreibungen, bei denen die objektive Prüfung normales Verhalten der Labyrinthfunktion aufdeckt. Das psy¬ chogene Fehlen der Zeigereaktion nach der Drehung gehört in die gleiche Kategorie der aufgehobenen Reflexerregbarkeit, der funktionellen Anästhesie, wie sie uns bei der Hysterie geläufig ist. v. Sarbö [7] vertrat die Auffassung, dass der Vestibularapparat ausserhalb des Bereiches jeder Hysterie liegt. Andererseits versuchten zahlreiche Autoren aus der Beobachtung des Nystagmus Schlüsse auf die Ueber- bzw. Untererregbarkeit des Vestibularis bei hysterischen Personen zu ziehen, allerdings ohne nennenswerten Erfolg. Denn es ist eine bekannte Tatsache, dass beim Nystagmus eine erhebliche individuelle Variante besteht und gerade neurasthenische und reizbare neuropathische Personen sowohl mit dem Nystagmus als auch beim Zeigeversuch aussergewöhnlich stark reagieren. Gü ttich [4] weist umgekehrt darauf hin. dass bei apathischen und stumpfsinnigen Men¬ schen der Drehnystagmus oft verkürzt erscheint, ohne dass man bei ihnen an eine hysterische Beeinflussung denken könnte. Wichtig für das Verständnis der psychogenen Aufhebung der Re¬ flexerregbarkeit der Labyrinthfunktion sind die Untersuchungen von Bauer und Schilder |8], welche der Versuchsperson sowohl Dreh¬ schwindel. als das Gefühl einer Eigendrehung von bestimmter Richtung suggerierten, worauf in entsprechender Richtung vorbeigezeigt wurde. Wir sehen somit die Zeigereaktion, welche zunächst eine rein motorische Reaktion auf die Reizung der Vestibularisendapparate dar¬ stellt, einerseits auf psychischem Wege durch Hypnose und Suggestion zustande kommen und andererseits wieder infolge psychischer Vor¬ gänge durch Hysterie aufgehoben. Parallel mit den vestibulären Re¬ aktionsbewegungen geht das subjektive Schwindelgefühl, welches ebenso vollkommen psychogen unterdrückt werden kann. Dieser Fall ist. soweit ich ersehen konnte, der erste in der Litera¬ tur, wo das Fehlen der vestibulären Zeige- und Fallreaktion nach Drehung mit Sicherheit auf Hysterie zurückgeführt werden kann. Literatur. 1. Brühl: Passow-Schaefer Beitr. 1918, 11. — 2. Lev- kowitz: Zschr. f. Ohrenhlkd. 1920, 79, 3 u. 4. — 3. Gü ttich: Pat- sow-Schäfer Beitr. 1919, 12. — 4. Güttic h: Passow-Schäfer Beitr. 1918, 11. — 5. Kobrak: Prakt. Ohrenheilkunde 1918, — 6. Küm¬ mel: Passow-Schäfer Beitr. 11, D.m.W. 1918. • — 7. v. Sarbö: Med. Kl. 1916 Nr. 38. — 8. Bauer und Schilder: W.kl.W. 1919 Nr. 19 sowie Bondy: Zschr. I. Ohrenhlkd. 1920, 80, l/2. Ein Hilfsmittel zur Prüfung des Romberg sehen Symptoms. Von Dr. Hermann Goldbladt (Jekaterinoslaw-Ukraine). Das hier von mir vorgeschlagene Hilfsmittel zur Prüfung des Romberg sehen Phänomens ist höchst einfach und besteht in Streckung beider Oberextremitäten nach vorne, nachdem in üblicher Weise die Augen geschlossen und die Füsse fest aneinander gerückt worden sind. Durch ein derartiges Verfahren werden bestehende Gleich¬ gewichtsstörungen sowohl organischen als funktionellen Ursprungs (Tabes, progressive Paralyse. Kleinhirnaffektionen, Neurasthenie, trau¬ matische Neurose etc.) besonders deutlich zum Ausdruck gebracht. Die Erklärung dieser Tatsache, d. h. der Verstärkung des R 0 m - b e r g sehen Phänomens durch Vorstrecken der Oberextremitäten, ist nicht schwer zu finden: hierdurch wird nämlich eine plötzliche Ver¬ lagerung des Körperschwerpunktes bewirkt, da der Rumpf etwas zurück¬ geworfen wird. Diese Schwerpunktsverlagerung tritt normaliter ent¬ weder überhaupt nicht oder als ganz geringfügige Körperschwankung zutage. Liegen jedoch irgendwelche Gleichgewichtsstörungen vor, so gelangen sie in viel stärkerem Masse zum Ausdruck als bei der — dem Vorstrecken der Oberextremitäten vorangehenden — klassischen R 0 m b e r g sehen Untersuchungsmethode. Die O p p e n h e i m sehe Modifikation des Rombergschen Ver¬ fahrens, die bekanntlich darin besteht, dass man den Patienten sich bei Augenschluss bücken und wiederaufrichten lässt, pflegt, nach meinen Beobachtungen, in geringerem Grade als die von mir vorgeschlagene Modifikation vorhandene Gleichgewichtsstörungen zu verstärken. Das rührt wohl daher, dass beim Romberg-Oppenheim sehen Ver¬ fahren der Körper aus einer ungewohnten Lage in die Normalstellung gebracht wird, bei der alsdann die Beurteilung der Körperschwankungen erfolgt. In leichteren Fällen von Gleichgewichtsstörung scheint hierbei die der normalen Vertikalstellung entsprechende, durch eingeschliffene Nervenbahnen ausgelöste, übliche Muskelanspannung die Oberhand zu gewinnen über die durch den. Wegfall der Augenkontrolle einerseits, durch die Lageveränderung anderseits provozierte Gleichgewichts¬ störung. Die vielfach empfohlene Modifikation des R 0 m b e r g sehen Phäno¬ mens, die im Hochheben eines Beines bei gleichzeitigem Augenschluss besteht, bewirkt allerdings eine beträchtliche Steigerung dieses Phäno¬ mens, weil der Körper aus der normalen in eine ganz ungewöhnliche MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT. Nr. 236 Stellung gerät. Leider wird der Wert eines solchen Untersuchungs¬ modus dadurch geschmälert, dass selbst viele gesunde Menschen ein derartiges Kunststück nicht iertigbringen, so dass man in dieser Beziehung zu argen Trugschlüssen gelangen kann. (Wie sehr vei- schieden die Qieichgewichtsvorrichtungen bei verschiedenen Individuen funktionieren, lässt sich bei Glatteis beobachten: während manche Leute auf Schritt und Tritt straucheln und sidh durch beständiges Balancieren vor dem drohenden Fallen schützen, bewegen sich andere ruhig und sicher auf der glatten Fläche fort.) . . , . D Ueber das modifizierte Verfahren nach Dejerine, der bei rru- fung des R o m b e r g sehen Symptoms den Patienten die Augen nicht schliessen. sondern aufwärts, zur Decke richten lasst, tehlt mir die Erfahrung. _ Aus der Medizinischen Universitätsklinik Leipzig. (Direktor: Geh. Rat v. Strümpell.) Die Behandlung der B i er m ersehen Anämie. (Bemerkung zu dem Vorschlag von Prof. Dr, W. Stoeltzner in Nr. 48, 1921 dieser Wochenschrift.) Von Dr. A. Adler, Assistent der Klinik. In Nr 48 (1921) dieser Wochenschrift macht Prof. W. S t o e 1 1 z n e r den Vorschlag, die Biermersche Anämie durch weitgehende Fett¬ entziehung in der Nahrung zu behandeln. Diese Behandlungsmethode gründet Stoeltzner darauf, dass er annimmt, die perniziöse An¬ ämie könne bedingt sein durch eine hämolysierende Wirkung der in der Nahrung enthaltenen Fettsubstanzen: „Nahrungsfettanamie . Dieser Gedanke ist in der Literatur schon häufiger aufgetaucht und dis¬ kutiert worden. Die Untersuchungen von N o g u c h i (Journ. exp. med. 1 906. 8. 87), F a u s t und T a 1 1 q u i s t (Arch. exp. Path. u. Pharm. 1907. 57, 367), Lamar (Journ. exp. med. 1911, 13, 380). Shimazono (Arch f. exp. Path. 1912, 65, 361), Meyerstein (D. Arch. f. klm. M. 1912. 105. 68), Sutherland und Mitra (Indian journ. med. re- search 1917, 4, 698) über die Fetthämolyse und zuletzt noch die Untersuchungen Glanzmanns aus der C z e r n y sehen pädia¬ trischen Klinik in 'Berlin (jahrb. f. Kinderhlk. 1916), der die hämo¬ lytische Anämie der Kinder direkt auf die hämolysierende Wirkung des Milchfettes zurückführt. Ich habe nun in- grösseren Untersuchungs- reihen diese 1 Frage von anderen Gesichtspunkten aus aufgenommen und konnte zeigen, dass auf die essentielle Biermersche Anämie diese Vorstellungen sicher nicht anwendbar sind. Bekanntlich ist die Urobilinausscheidung durch die Fäzes als direk¬ ter Massstab für den Blutuntergang anzusehen. Robertson ), Eppinger2) u. a. sehen sogar in der Messung der Urobilinausschei- dung durch die Fäzes einen weit besseren Massstab für die Erythrozytenvernichtung im Blute, als er in der Blutkörperchenzählung und Hämoglobinbestimmung gegeben ist. Ich habe nun die Urobihn- ausscheidung in den Fäzes serienweise bei normalen und kranken Personen durch längere Zeit hindurch täglich untersucht und den Ein¬ fluss der Ernährung bei Gesunden und Kranken auf die Urobilinausschei- düng geprüft. Es zeigte sich, dass das Fett die Blutzerstörung, nicht nur nicht steigert, sondern offenbar einschränkt, dass hingegen tierisches Eiweiss den Blutzerfall steigert. Wochen und Monate hindurch fortgesetzte Urobilinuntersuchungen zeigten in bezug auf die perniziösen Anämien alle in gleicher Weise eindeutig, dass es nicht eine deletäre Wirkung der Fette sein kann, die zu vermehrtem Blutzerfall führt. Vielmehr ergab sich in diesen Fällen eine offenbare schädliche Wirkung des tierischen Nahrungs- eiweisses. Ich werde in meinen Arbeiten auch einfache therapeutische Massnahmen diätetischer Natur machen, die sich aber nicht auf die deletäre Wirkung der Fette, sondern der tierischen Eiweissstoffe Stoffe stützen. Ich füge hier zur Illustration des Gesagten den Auszug aus einer Untersuchungsserie bei einer perniziösen Anämie an, deren wir eine Reihe besitzen: Urin¬ menge ccm Urobilin mg Stuhl Menge g Urobilin mg Gewöhnliche Kost (inkl. Fleisch) Mittel aus 11 aufeinanderfolgenden Tagen .... 931 90.8 78 100 2136 2500 Zuckerzulage Gewöhnliche Kost ohne Fle'sch . 1000 27.4 107.6 100 1919.5 1800 Fleischzulage Gewöhnliche Kost . . ■ 1800 60.5 85 100 2620 3080 Pflanzeneiweisszulage Gewöhnliche Kost ohne Fleisch . 1660 15 35 126 100 1700 1400 Fettzulage Gewöhnliche Kost ohne Fleisch . • 833 7.06 148 100 352.5 238 Stoeltzner hat nun in einer neueren Arbeit (M.rn.W. 1922 Nr. 1) über Ziegenmilchanämie berichtet, und diese als Paradigma für seine eingangs erwähnte „Nahrungsfettanämie“ gebracht. Hier sei eine Tabelle über die Zusammensetzung der verschiedenen Milcharte die Birk3) entnommen ist, angeführt. Eiweiss Fett Zucker Frauenmilch 1.0 4,0 7,0 Kuhmilch 3,0 3,5 4,0 Ziegenmilch 4,5 4,0 4,0 Wenn wir nun unsere Untersuchungsergebnisse betrachten, ergibt sich auch hier, dass die Ziegenmilch die sowohl absolut als au erst recht relativ eiweissreichste Milchart ist, Frauenmilch, ate c adäquateste Säuglingsnahrung die eiweissärmste Milchart und in dies ist Fett in bezug auf Eiweiss am reichsten vertreten (4 mal so viel während bei der Ziegenmilch sogar weniger Fett als Eiweiss vr handen ist. So dass auch diese Beziehungen unserer Auffassung keine Wegs widersprechen. Ich hübe über meine diesbezüglichen Untfe suchungen bereits kurz in der hiesigen Medizinischen Gesellschaft a 15. II. v. J. berichtet. Die Arbeiten werden in Kürze erscheinen; Für die Praxis. Vorläufige und endgültige Blutstillung. Von Prof. J. Wieting, Cuxhaven-Sarlenburg, Kinder- Seehospital. Sind wir uns darüber klar geworden, dass Blutstillung u Blutersatz in engster Indikationsstellung mi einander verknüpft sind, und dass häufig genug beide Mai nahmen in einer Sitzung zu erledigen sind, können wir sie nunmc getrennt von einander abhandeln. Es kann nicht immer vorher gesagt werden, ob die vorzunehmen Blutstillung eine endgültige sein wird oder nicl da oft der Erfolg entscheidet, der Arzt hat sich aber doch jedesmal k darüber zu werden, ob er von vornherein nur eine vorläufige Stillu will oder ob er bewusst die endgültige anstrebe. Praktisch wichtig ist nun. dass die allermeisten Bl tungen, die dem Arzt z u g e f ii h r t werden, durch einfach Druckverband von selbst zum Stehen kommen.. Wo a keine zwingende Anzeige, aus anderen Gründen operativ einzugreit vorliegt, wird zunächst der Druckverband anzulegen sein. Der Druck hat zweckmässig au! die Wunde selber wirken. Bei Extremitätenwunden aller Art wird die Extremität ho gehoben und die Venen zentralwärts ausgestrichen. Dann wird die Wur — ev nach ihrer operativen Säuberung zu Zwecken der Infektionsverhin rung (s Kapitel „Wundbehandlung“) — mit steriler glatter Mullkompresse i Zellstoff (Watte) bedeckt und beide mittels Mull- (nicht Papierstoff-) Bn durch einige Touren im Anfang leicht in Stellung gehalten st hat aber die Wicklung von den Zehen resp. den Fingern aus zu beginnen, jede periphere Stauung auszuschliessen (das gilt natürlich , nur bei wirk! blutenden Wunden, sonst wird man Verbandstoff sparen wollen!) — und i erst werden feste komprimierende Touren über die Wunde hinv gelegt. Einige Striche Mastisol auf die Haut verhindern die spät Verschiebung der Verbandstoffe. Erscheint die zirkuläre Bindekompress bedenklich, so empfiehlt es sich, auf der der Wunde gegenüberliegenden S des Gliedes ein Brettchen oder ein Stück einer Cramerschiene unterzusef ben, das wenigstens annähernd der Breite des Gliedes entspricht und so j Druck hier aufhebt. Der Druck auf die Wunde kann unter Umstär durch Auflegen eines sterilen Bindenkopfes verstärkt werden. Jede venöse Blutung steht auf Anlegung eines t e c nisch einwandfreien Druckverbandes; man sollte es v meiden, z. B. bei Varixblutungen Venenunterbindungen in der Wir vorzunehmen, schon mit Rücksicht auf die trotz aller Antisei drohende Veneninfektion. Der Venen innendruck ist sehr gering, v sogar leicht negativ, so dass die Gefahr der Lufteinsau gu droht. Darum ist bei Manipulation an Venen, namentlich an bestimm Gegenden wie an den Sinus des Schädels, am Halse, am Becken Beckenhochlagerung grösste Vorsicht am Platze: Druck auf die Geg. des zentralen Endes sichert gegen Luftembolie. Jeder Druckverband gegen Blutung ist durch Zufügung ein ausreichenden Schienung zu unterstützen : RuhigsL lung des blutenden Teiles ist bei äusseren Vj inneren Blutungen (hier durch Medikamente, wie Morphi Opium etc.) ein dringendes Gebot. Die Schienung muss Extremitäten die beiden nächsten Gelenke wie bei Frakturen mit begreifen. Die Cramer sehe Schiene ist — auch für Kopf und Hai: am geeignetsten. Wird Gips angelegt, so bedenke man die Gefahr Nachblutung und Spätblutung und halte sich die Wunde bzw. zuführe: Schlagader zugänglich. Der regelrechte Druckverband macht in vielen Fällen die ' läufige zirkuläre elastische Abschnürung überflüssig, um so mehr, diese doch technisch vielfach fehlerhaft angelegt wird. Dennoch ist vorläufige Blutsperre oft nicht zu umgehen, jedenfalls muss sie gekr sein. Zweck hat sie nur bei arteriellen und parenchymatösen ! tungen, anwendbar ist sie nur an den Extremitäten (Becken), wenn von der Kopfschwarte, dem Penis und anderen ihr etwa zugänglit Körperteilen absehen. . J Der T y p u s d e r zirkulären Abschnürung ist die 1 e g u n g des v. Esmarchschen elastischen S c h 1 a u c 1 bzw. der Gu m m i b i n d e, die durch Haken oder Knotung in sich *) Arehives of Internal Medicine 1916. 2) Heoato-Lienale Erkrankungen. Springer 1920. 3) Leitfaden der Säuglingskrankheiten 1919 S. 18. Februar 1922. MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT. 237 i.igt werden. Es sei hier besonders hervorgehoben, dass die Ab- inürung mit Schlauch und ähnlichem nur bei erschlaffter Muskulatur i zunehmen ist: also entweder vor der Narkose oder in tiefer kose, nicht aber im Stadium der Exzitation zu Beginn der Narkose, meisten Misserfolge auf dem Operationstisch, die venöse Stauung, lärt sich aus der Nichtbeachtung dieser Regel. Die Frage, ob wir B. vor aseptischen Operationen das betreffende Glied blutleer :hen sollen, wurde früher beantwortet (s. Blutsparung!). Die zirkuläre elastische Abschnürung hat nun viel¬ ten Ersatz erfahren, einmal aus Not als improvisierte ssnahme wie etwa in Form der elastischen Esmarchschen senträger, der Tuch- oder Strickknebelung mittels b, Seitengewehr etc., der Schnürung mittels Brotbeutelverband . m. Hier liegt besonders die Gefahr der unzureichenden Sperre e! — Zweitens ging der Wunsch auf Verbesserung der thodik hinaus. Hier hat besonders die sogen. Sehrtsche utungsklammer in Form zweier durch Schraubengewinde die remität umklammernder eiserner Zangenarme ausgezeichneten, leider ; zu spät dem Feldheer vermachten Dienst getan! Die Sehrt sehe immer mit ihren mannigfachen Verbesserungen (z. B. für Aorta mit otte) kann in jeder Körperlage angelegt werden ohne die ;e des Gliedes zu verändern, kann prophylaktisch in Stellung rächt werden, um nach Bedarf jeden Augenblick die Sperre zu he¬ gen. kann während der Betätigung gelockert und wieder schlossen werden, um den Blutstrom für einen Augenblick frei¬ eben: Kurz, sie ist — ähnlich dem alten Tourniquet, ohne die der der Unsterilisierbarkeit und Kompliziertheit zu haben — ein osser Gewinn für die Verletzungschirurgie. Vor- lt bei der Anwendung (Drucklähmung!) ist geboten, an den Armen die Anwendung ganz zu vermeiden. Der Sehrtschen Klammer in der Anwendungsweise ähnliche rumente sind mehrfach angegeben, ohne sie verdrängt zu haben. Der Momburgsche Schlauch wird ebenfalls besser durch e Aortenkompression nach Sehrt scher Art ersetzt. Der allen zirkulären Blutsperreapparaten gemeinsame Nachteil r vollständigen Ausschaltung der peripheren G e - HehaftetauchderSehrtschenKlammeran; alle diese rarate dürfen nicht länger als 3 Stunden liegen, da st Gangrän droht. Alle Bestrebungen, diese Nachteile zu vermeiden, i bisher ergebnislos gewesen. 0 ertlicher Druck auf den uptgefässstamm reicht meist nichtaus, doch muss gestrebt werden, damit zum Ziele zu kommen. Es bieten sich folgende Anwendungsweisen: a) Vorläufige Blutsperre durch extremste Beugung r Extremität in dem der Blutung nächst höheren Gelenk und ierung durch Binden- oder Tuchverband in dieser Stellung, z. B. im itgelenk, Kniegelenk, Ellenbogengelenk. Die Leistung ist oft aus- eichnet. Die Stellung kann meist viele Stunden ohne Schaden gehalten werden, da die Sperre nicht -zirkulär ist. ln der Praxis d diese Methode merkwürdig selten ausgeführt. Frakturen bilden ürlich Gegenanzeige. b) Drucksperre durch die Finger der Hand, nament- i den oder die Daumen kann nur eine kurze Zeit ausgeübt werden, h lässt die Zeit durch wechselnde Betätigung der beiden nde sich wesentlich verlängern. Der Druck wird am besten dort geübt, wo der Hauptgefässstamm gegen feste Unterlage gepresst rden kann (Karotis gegen Halswirbel, Femoralis gegen Scham- n etc.). — In anderen Fällen müssen mit beiden Händen die eichteile komprimiert werden: das sollte unter Um- nden für kurz dauernde Operationen, wie Amputationen B. des Oberschenkels bei septischen Prozessen, schwerer Arterio- ärose etc. die Methode der Wahl sein, mehr als bisher geübt! i Vorzüge dieser manuellen Blutsperre während der eration (kurze Freigabe zur Orientierung über die Blutung, Mindest- ädigung des Gefässes und seines Inhaltes) sind grosse; doch muss Operationshilfe mit kräftigen grossen Händen begabt und gut ge¬ ult sein; ich habe in der letzten Zeit des Krieges, namentlich bei weren Infektionen, fast alle Amputationen mit manueller Blutsperre Spinalanalgesie gemacht. c) Als Dauersperre eignet sich die digitale Sperre natürlich ht. Hier müssten alte Systeme der Tourniquets mit : I o 1 1 e n verbessert eintreten. Das sog. Knüppel tourniquet i baquettes) nach Volkers kann als Grundlage dienen: zwei kurze, hrfach tiefgekerbte Stäbe, deren beide Enden die Extremität zen- 1 von der blutenden Stelle mittels Binden zwischen sich fassen, so ar, dass der eine Stab quer über den Hauptgefässstamm verläuft 1 ihn abdrückt, ohne die Extremität zirkulär zu fassen. d) Da es bei dieser Methode oft noch venös weiterblutet aus der ar komprimierten, aber doch nicht ganz gesicherten Wunde, ver- -'hte ich seit langem, den Druck unmittelbar auf die unde wirken zu lassen. Mein Kompressorium besteht aus einer sog. elastischen Binde, ; sie in den Sanitätstaschen vorhanden war, einem etwa 10 cm langen, m breiten festen Brettchen und einem Bindenknopf. Der glatte Binden- ’Pf wird auf die Wunde gedrückt, nachdem diese durch gewöhnlichen asep- dien Kompressionsverband geschützt wurde. Das Brettchen, das mit dem ,en schmalen Ende der Binde durch Nagelung verbunden ist, wird auf die Wunde gegenüberliegende Seite der Extremität gelegt, quer zu deren ise und nun die elastische Binde unmittelbar auf die Wunde bzw. den denknopf (= die „Pelotte“) gegen das Brettchen in mehrfacher Tour fest :ewickelt. Das Brettchen verhindert die zirkuläre, d. h. vollständige Blut- Nr. 7. sperre und erlaubt die periphere Zirkulation bis zu einem gewissen Grade; die Bindenknopf-Pelotte verschliesst die Wunde und verhindert die Blutung nach aussen. Eine gewisse Gegen¬ anzeige liegt in Splitterfraktur unter der Wunde. Die erlaubte Dauer der Kompression ist wesentlich verlängert, die Gefahr der Gangrän fast gehoben. Wahrscheinlich wird ein' Instrumentarium nach Sehrtschem Prinzip mit verschiebbarer aber fest¬ stellbarer Pelotte über dem Verband das Verfahren vervollkommnen; der Weg . ist der richtige! e) Die örtliche Kompression unmittelbar auf die Wunde führt über zum Wundschluss einmal durch Stopfung, sodann durch Naht. 1. Die Wundtamponade oder besser Stopfung, sei es ohne oder nach vorausgegangenem operativen Eingriff, sollte im All¬ gemeinen eine vorläufige Blutstillung darstellen, sie kann aber auch zur endgültigen werden, und wird nicht selten die allein mögliche Methode bleiben. Als bestes Material ist das Jodoformmull zu betrachten, trotz aller Einwände. Der Harmönikastreifen oder der v. Mikulicz sehe Beutel sind die geeignetsten Formen. Wichtig ist, dass die Tiefe der Wunde und wo¬ möglich auch die verdächtige Stelle erreicht werde. Die Stopfmethode kann gefährlich werden, wenn an lebenswichtigen- Organen hin¬ ter der Stopfung sich Blutungen abspielen, die nun in der Tiefe weiter¬ wühlen und Druckerscheinungen machen. So darf z. B. keine Schädelwunde „tamponiert“ werden, wenn man die Quelle nicht unmittelbar verstopft; man kann jede Sinusblutung sehr wohl stillen, wenn man das Sinuslumen selbst verstopft, man kann aber den Tod herbeiführen, wenn man nur einfach die Schädelwunde ausstopft. Auch am Halse, am Darm etc. ist Vorsicht geboten! Es ist die Tamponade nicht selten, wie gesagt, die einzige uns bleibende Methode der Blutstillung, wenn andere technisch nicht aus¬ führbar sind, z. B. bei Blutungen aus Tiefenwunden an der Schädel¬ basis (Vena jugularis communis, selbst Art. carotis interna an den Schädellöchern!) 2. Die temporäre Wund naht, meist über fester Stopfung, um dieser sicheren Halt zu geben, gegen Hinaus¬ geschwemmtwerden von innen her. Die festeHaut- oder Haut- f a s z i.ennah t. am besten mit dicker Seide und fortlaufend, bleibt bisweilen das einzige Mittel zur Rettung bei sonst unstillbarer Blutung. Die Verschlussnaht über starken arteriellen Frischblutungen, die künst¬ lich ein sog. falsches Aneurysma erzeugt, über stark blutenden Par- enchymzerreissungen u. a. m., ist bei richtiger Indikations- Stellung ein äusserst dankbarer Eingriff, der besonders auch in der Chirurgie unerfahrenen Aerzten. zumal wenn sonstige In¬ strumente und Materialien fehlen, nicht dringend genug empfohlen werden kann. Ich habe gerade den jungen, wachhabenden Aerzten in den Lazaretten stets geraten, sich nicht im Dunkel der Nacht bei unzureichender Hilfe mit schwierigen Blutstillungen abzu¬ mühen, sondern rasch die Wunde über Mullstopfung fest zu vernähen und zunächst den Blutersatz vorzunehmen, bis sachkundige Hilfe eintrifft. , Die bisher besprochenen Methoden griffen das blutende Gefäss selbst nicht an, es sind also in¬ direkte Blutstillungsmethoden. Die direkten Methoden richten sich gegen die blutenden Gefässe bzw. Gewebe selbst und werden demgemäss fast immer die endgültige Blutstillung zum Ziele haben. Als Grundmethode haben wir das Fassen und das ihm folgende Abbinden des Gefässes anzusehen. In manchen Fällen aber müssen wir uns mit einer dieser beiden Massnahmen be¬ gnügen, wie wir unten sehen werden. Als Unterbindungsklemme hat sich mir die K ö b e r 1 e - P & a n sehe ungezähnte und die Kocher sehe gezähnte Klemme am meisten bewährt: mit diesen beiden kommen wir fast immer aus, wenn auch für besondere Zwecke, z. B. Massenligaturen, einmal gerade Adnexklemmen, Nierenstielklemmen u. a. vorzuziehen sind. Zur Unterbindung soll das Blut¬ gefäss möglichst isoliert werdn; als Unterbindungsmaterial ist Jodkatgut fast immer ausreichend, namentlich an den Venen. Nur für grosse Arterien im infizierten Gebiet bevorzuge ich Zelluloidzwirn oder Zelluloidinzwirn; ich unterbinde stets mit chirurgischem Knoten, der niemals aufgeht. Massen¬ ligaturen — namentlich das Mitfassen von Nerven! — sind zu vermeiden; sind sie einmal wie es z. B. bei Exstirpation einer schrumpfenden Eiterniere der Fall sein kann, unvermeidlich, so unterbinde man ausserdem jedes ein¬ zelne Gefäss noch für sich. Ebenso ist jede Künstelei bei Unterbindung, z. B. auf Faszienstreifen etc., zu unterlassen; am wichtigsten ist stets die Vermeidung bzw. die Bekämpfung jeder Infektion, da von ihr, nicht vom Unterbindungsmaterial, die gefahrvolle infektiöse Thrombose aus¬ geht. Zu vermeiden ist die zu weite Entblössung eines Gefässes von seiner Adventitia, die die Vasa vasorum trägt, wie das Periost die Kortikalis schützt. Jede zirkuläre Ligatur schafft gefältelten Trichter, also nicht ganz ideale anatomische Verhältnisse (s. u.); immerhin erfolgt die Heilung der Ge- fässunterbindung bei normalem, nichtinfektiösem Verlauf ohne nennenswerte Thrombenbildung durch einfache Intimaverwachsung. Bei der methodischen Unterbindung der Arterien schwankt manch¬ mal die Entscheidung, ob die Unterbindung am „Orte der Wahl“ oder am „Orte der Not“ zu erfolgen habe. Die Entscheidung hängt von der Erfahrung und Kunst des Chirurgen und seinen ganzen Anschauungen ab; auf Einzelheiten einzugehen, ist daher hier ganz ausgeschlossen. Nur allgemein ist zu sagen, dass nach Möglichkeit bei Ver¬ letzungen die Blutung in der Wunde = am Orte der Not zu erfolgen hat; es darf aber die Unterbindung in der Kontinuität = am Orte der Wahl nicht im Unterricht des jungen Mediziners vernachlässigt werden. — Eine weitere Frage, ob- bei Verletzung einer grösseren Arterie stets gleichzeitig die zugehörige verletzte Vene mit unterbunden werden 6 238 MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT. Nr. soll, muss ich auf Grund meiner Eigenerfahrungen ablehnend beant¬ worten. Als Abweichung von dem s c h u 1 m ä s s i g e n fassen und Unterbinden eines üefässes haben wir folgende Methoden zu verzeichnen: a) Durch stumpfe Gewalt kann die üefässwand nicht zu grosser Gefässe (bis Art. rad.) fest aufeinander gepresst, die Muskularis zer¬ rissen und zurückgezogen werden im deckenden Adventitiamantel, so dass die Blutung dauernd steht und keine Unterbindung nötig ist. Be¬ sondere Instrumente (Angiotribe) erleichtern die Methodik; am ge¬ bräuchlichsten ist die Gefässquetsc he nac h B I u n c k, aus der Veterinärkunde entnommen; für gynäkologische Operationen waren die Adnexquetschen zur unblutigen Uterusexstirpatiön eine Zeitlang modern. Immerhin besteht die Gefahr der Spätblutung, die den Vorteil der Schnelligkeit und den Nachteil des Liegenlassens eines Fremdkörpers, des Seidcniadens, nicht aufwiegt. Man beschränke die Methodik daher auf besondere Fälle, z. B. für feine Plastiken, wo Fäden hindern und die Blutungsgefahr gering ist. b) Verwandt ist die Torsion der Gefässe. ebenfalls nur auf kleinere zu beschränken; man dreht das endgefasste Gefäss solange um seine Achse, bis es von selbst an einer Stelle abgedreht ist. c) Unter Umständen kann die sichere Anlegung einer Ligatur un¬ möglich sein, namentlich in grossen Tiefen, wo besondere Tiefeninstru¬ mente nicht zur Hand sind, oder die Gefahr des Abreissens des Gefäss- astes, des Abrutschens oder Abeiterns des Fadens, besonders wenn die vis a tergo (nahe dem Aortenstamm) gross ist. Dann tut man gut, die Gefässklemme an dem einmal sicher gefassten Ge¬ fäss e 1 i e g e n z u 1 a s s e n! Ich bevorzuge diese Methode oft grund¬ sätzlich vor anderen; wer schlechte Erfahrungen damit machte, wandte sie wohl am falschen Orte an. Histologisch bietet ja das exakte glätte Aneinanderliegen von Intima auf Intima die besten Heilungs¬ bedingungen und zugleich die geringste Infektionsbegünstigung. Wo man freilich, wie es namentlich von Ungeübten geschieht, bei starken Tiefenblutungen blind in die Tiefe fasst, zwei, drei Klemmen anlegt und dennoch nicht sicher ist, der Blutung Herr geworden zu sein, wo z. B. Karotis, Jugularis und Vagus blind geklemmt sind, da ist ein Misserfolg sicher, wenn schon einmal auch dem Geübten ein solches Missgeschick passieren kann! Hier ist von Empfehlen einer Methode auch nicht die Rede, sondern sie ist dann eine Notwehr. Methodisch muss die Klemme so angelegt werden, dass, womöglich nach digitaler provisori¬ scher Blutstillung, das blutende Gefäss isoliert, womög¬ lich doppelt gefasst wird, man also genau weiss, was man vor sich hat. Darum bleibt die gut geriffelte Klemme fest zugedrückt liegen, ringsum mit Jodoformmull gesichert und aussen durch Wattezellstoff¬ ring geschützt. Nach 4 — 6 Tagen kann die Klemme in situ entfernt werden. _ d) Die Umstechung eines Gefässes fasst das Lumen nicht deutlich, sondern schliesst es mitsamt dem es enthaltenden Ge¬ webe: sie fasst also etwas mehr Gewebe als nötig, sichert aber dafür vor Abgleiten des Fadens; darum ist die Umstechung besonders auch bei infektiösen Spätblutungen ein gutes Verfahren, des¬ gleichen auch bei Tiefenblutungen, wenn ein isoliertes Gefäss sich nicht fassen lässt oder ein Faden abzugleiten droht. e) Seitliche Gefässnaht, zirkuläre Gefässnaht oder Gefäss- plastik, Resektion und Transplantation, das sind zweifellos die am besten und vollkommenst en die anatomische Wiederherstellung gewährleistenden Methoden, doch sind sie auch die technisch schwierigsten und dazu im Wund¬ heilungsverlauf das Leben am meisten gefährdenden Methoden, zumal ihre Anwendung nur an grösseren Gefässen (bis etwa A. cubitalis) in Frage kommt. Es seien einige relative Anzeigen und Gegenanzeigen vermerkt, ohne auf die Methodik und Nachbehandlung selber eingehen zu wollen. ' A n g e z e i g t ist die Gefässnaht — als Typus dieses Eingriffes — dort, wo eine etwaige Unterbindung die von dem Gefäss ernährten Körperteile der Nekrose aussetzt (A. poplitea), zumal wenn gleichzeitig das Leben in Gefahr kommt (A. carotis comm. und int.). Relative Gegenanzeige bilden : bestehende Infektion, Em¬ bolie aus bestehender Thrombose, Gefährdung des Zerreissens einer etwaigen Naht, z. B. vor langem, notwendigen Transport, bei gleich¬ zeitigen Knochenbrüchen, bei bestehender grosser Wiundhö'hle etc. Sorg¬ fältige Ruhigstellung des betroffenen Körperteils durch Schienung oder Gips, zweckmässige Lagerung zur Entspannung, allgemeine Beruhigung durch Morphium u. a. m.. tragen zur Sicherung des Erfolges wesent¬ lich bei. Diese Methoden der Blutstillui^g sind fast ausschliesslich auf mechanische Manipulationen an der Gefässwand aufgebaut und es bleibt dann Sache der histologisch-biologischen Leistungsfähig¬ keit der Gefässwand. wie sie die Heilung zum Abschluss bringen wird. Störungen im Wundverlauf führen nicht selten zum Wiederaufbruch schon angebahnter Heilbestrebungen (Spätblutung). Bestrebungen, die histologischen Vorgänge an der Gefässwand durch Einwirkung auf das Blut selber im Sinne der Erhöhung seiner Gerinnbarkeit zu begünstigen, können recht wirksam sein. Dahin zielen alle unsere älteren und neueren Methoden, die ich kurz hier anführe. Die erste Veranlassung dazu gab die Beeinflussung der sog. „H ä m o p h i 1 i e“. bei der mechanische Massnahmen (Druckverband etc.) unwirksam bleiben. Solche Mittel sind: a) Beträufeln der Wunden Hämophiler mit Menschenblut, noch besser intravenöse Transfusion massiger Mengen (etwa 30- ! 50 ccm) verwandten Menschenbluts, b) Bedecken oder Ausstopfen blutender Wunden mit mensc liehen Gewebsteilen, die selbst stärker blutgerinnende Si stanzen (Thrombokinase) enthalten, wie Muskelstückchen n; K ii 1 1 n e r. j c) in gleicher Weise Verwendung fremdartiger Gewebsteile, ■ Pferdefibrin (B e r g c 1 1), Koagulen oder Klauden (nach Kocht Fon io) namentlich bei parenchymatösen Blutungen, für blutet Stichkanälchen nach Gefässnaht. d) Adrenalin oder Suprarenin örtlich 10 — 20 Tropfen, subku Va mg, oder als Zusatz zu Kochsalzinfusionen 20 Tropfen, e) als chemische, örtlich blutstillende Mittel sind immer noch geeigneten Fällen zu empfehlen: Lig. ferri s e s q u i c h 1 o r a ti Watte geträufelt; innerlich 0,2— 0,5 mehrmals täglich (Magenblutungf 2 proz. in Aneurysmen etc., f) Jodoform als Jodoformmull zur Wundstopfung, g) Calcium chloratum (eventuell vor grossen Operatioi blutsparend, oder) nach Blutverlust blutstillend, 1,0 — 4,0 g pro (Hämoptoe) auch mit „Gelatina stcrilisata“ zusammen (40 ccin 1 Ampulle nach Merck) subkutan (z. B. bei Magenblutungen). Das 1 parat Kalzine vereinigt beide Medikamente: 1 Ampulle ä 10 ccm Kal-/ = 40 ccm Gelatine Merck und ist weniger schmerzhaft, h) lOproz. NaCl-Lösung (steril), davon 5 ccm. eventuell 0,5 Kalziumchlorid verbunden, verstärkt die Gelatinewirkung, nötigenfalls am nächsten Tage zu wiederholen ist, i) sonst Gelatina alba innerlich lOproz. öfters K — 1 stiind 1 Esslöffel, Gelatina sterilisata Merck lOproz. und 20 proz. in zu schmolzenem Glasröhrchen 10 und 40 g je nach Bedarf: 40 ccm für wachsene, 10 ccm für grössere Kinder, 5 ccm für Säuglinge. Thermische Mittel der Blutstillung sind : a) Berieseln der Wunden mit E i s w a s s e r, b) Berieseln mit 45° he iss er Kochsalzlösung b Wassers, c) die Bespiilung bedeutender Blutungen aus parenchymatö Organen, wie die der Leber nach Sneguireff) mit kochend Wasser oder Dampf hat, da sie praktisch reichlich schwit durchzuführen ist und da zudem andere Methoden (Stopfung, Uel nähung, Plattennaht etc.) leichter und erfolgreicher sind, an Anhäiu Schaft verloren. Sonstige Mittel der Blutstillung an einzelnen Orga können hier nicht herangezogen werden, da sie eben oft nur für die stimmten Organe und bestimmte Erkrankungen Geltung finden könn sie gehörender speziellen Chirurgie an. Das letzte und darum auch radikalste Mittel zur Blutstill bildet immer die operative Entfernung des blutend Organs, nachdem alle anderen Methoden versagt haben oder als sehr das Leben gefährdend nicht mehr in Frage kommen. Schon Endometritis haemorrhagica, die sogen, essentiellen Nierenblutun u. a. m. geben somit Anlass zur Exstirpation der betroffenen Org; Die Chirurgie der Verletzungen aus den letzten Kriegen hat di Indikation auf unstillbare, immer sich wiederholende Extremitä' blutungen (meist septischer Natur!) ausgedehnt und ihre rechtzei Befolgung und allgemeine Anerkennung hätte gar manches Mensel leben retten können. Forftiidungsvorträge und liehersichtsreferate. Aus der Psychiatrischen und Nervenklinik in Freiburg i. (Direktor: Qeheimrat Ho che.) Der extrapyramidale Symptomenkomplex, Von E. A. Qrünewald. Die Encephalitis epidemica und ihre Folgezustähde haben das teresse der Aerztewelt über den eigentlichen Fachkreis der Neurolr hinaus im grossen Stil auf eine Reihe von Bewegungsstörungen lenkt die bis dahin nur bei einer kleinen Gruppe heredodegenerat Krankheitsprozesse aus dem Raritätenkabinett der Nervenheilkr beobachtet wurden, (Wilson sehe Krankheit. Westphal-Strii pell sehe Pseudosklerose, Freund-Bielschowskys tube Sklerose, Oppenheim - Ziehens Torsionsspasmus, F o e r s t sehe arteriosklerotische Muskelstarre, Littlesche Starre (Frei sehe Form). Bielschowskys zerebrale Hemiatrophie. Fri reich sehe Myoklonie, S h a w - F r e u d sehe Athetosis duplex.) Au bei diesen Krankheitsbildern sui generis kamen sie aufmerksamen obachtern auch in der allgemeinen Praxis gar nicht so selten zu sicht in Form der Paralysis agitans bei Involutionsprozessen, Chorea bei Intoxikationsneurosen, der Hemichorea und Hemiathe als posthemiplegische Reizerscheinungen und in Beziehung zu sonst: Prozessen der motorischen Rinde; ich erwähne nur die Athetose der zerebralen Kinderlähmung. Beim Erklingen dieser Namer. taue bestimmte Vorstellungsbilder auf von verschiedenen unwillkürlh Bewegungen wie Zittern, Wackeln, Schleudern. Mitbewegungen, gleisungen, Pillendrehen, wurmförmige Kontraktionen, rhythmi Schwingungen, sowie von Haltungs- und Spannungsanomalien mit 1 sekutiver Bewegungsarmut, Pro- und Retropulsion, Bradybasie -lalie. Pfötchenstellung. Maskengesicht, gebückte Haltung: alles Eir ebruar 1922. MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT. 239 omene einer Symptomatologie, die unter der Bezeichnung des ; (Statischen (Strümpell), des striären (Vogt), des dysto- en (Stertz), im allgemeinen des extrapvramidalen Symptomen- lexes zusammengefasst werden. In den determinierenden Epitheta r Termini sind die Hauptmomente, die für unsere weiteren Be¬ dingen richtunggebende Kraft besitzen, implizite enthalten: örung der Muskelstatik, 2. Missverhältnisse in dem Tonus und )kalisation an anderen Neuronensystemen als den Pyramiden- m, die seit der Entdeckung der motorischen Zentren in der vor- i Zentrahvindung als deren Projektionssysteme lange Zeit eine ralvollmacht für alle Motilitätsstörungen besessen haben, infolge- n andere Systeme sowohl von der klinisch-diagnostischen als auch ier neuropathologischen Forschung stiefmütterlich behandelt wur- Es bleibt das dauernde Verdienst Wilsons, als erster 1912 Aufmerksamkeit der Nervenärzte darauf gerichtet zu haben, dass r „mit experimenteller Schärfe“ vorhandenen Elektiverkrankung aeiden Linsenkerne die Ursachen für das von ihm aufgestellte nach ihm benannte Krankheitsbild zu erblicken sei. das als ein vitam entstandener, chronisch progressiver, tödlicher Autointoxi- isprozess bei jungen Menschen häufig derselben Familie auftritt hauptsächlich durch doppelseitige rhythmische tremorartige Be- ngen charakterisiert ist, die bei willkürlicher Bewegung zunehmen /on allgemeiner Steifigkeit der Muskeln begleitet sind. Infolge- n zeigt das Gesicht ein krampfhaftes Lächeln, besteht Dysarthrie lysphagie wie überhaupt eine hochgradige motorische Hilflosigkeit, weitere Folge der Hypertonie sind Schwierigkeiten, das Gleich¬ et zu halten, in späteren Stadien Kontrakturen. Psychisch be- eine gewisse Verengerung des Horizontes. Körperliche Begleit¬ tome sind Leberzirrhose nach Hepatitis, die sich bei Lebzeiten ings nicht bemerkbar macht, und bräunliche Pigmentierung be¬ iter Gewebe, besonders der Hornhautperipherie, die, von Wil- allerdings übersehen, erst von Fleischer als „Kornealring“ rieben wurde. Um dieselbe Zeit nahmen C. u. 0. Vogt, an Namen sich wesentliche Errungenschaften der neuen Lehre knüp- hre systematische Erforschung chronischer heredodegenerativer heitsprozesse der Stammganglien auf. Da diese auch zu den ektionsstellen der Encephalitis epidemica zu rechnen sind, ge- die extrapyramidalen Syndrome zu den fast täglichen Krankheits¬ unungen in der jüngsten Zeit, so dass ihre Besprechung vor breiteren Forum in Hinsicht auf ihre Häufigkeit und Intensität eigt erscheint, obschon unsere Kenntnisse darüber noch im Wer- nd. Die Hoffnung auf eine Lösung der Probleme erscheint jedoch ndet, weil die anatomische Grundlage durch die Untersuchungen 0. Vogts weitgehendst gesichert ist. wie Spatz in seinem 1 zur Anatomie der Zentren des Streifenhügels darlegen konnte n diese Ausführungen als anschliessende gedacht sind. Da die nischen Tatsachen in dieser Arbeit zur allgemeinen Orientierung 'züglich übersichtlicher Weise zusammengestellt sind, sollen die- i hier nur in summarischer Form rekapituliert werden, wobei ich ts Einzelheiten auf den erwähnten Artikel von Spatz verweise, er Streifenhügel. (Corp. Striatum) der Anatomen gehört zu den rhiinganglien, die sich aus einer Verdickung des Bodens des rhirnbläschens- -entwickeln- und wird in Schwanzkern (Nucl. cau- und Linsenkern (Nucl. lentiformis) mit Schale (Putamen) und er Kern (Glob. pallidus) durch die weissen Massen der inneren ln zerteilt, wobei die Trennung keine scharfe ist, sondern graue ^n als Brücken bestehen bleiben, die dem Ganzen den Namen nilhigel gegeben haben. Spätere Untersuchungen (Wern icke, Steiner, Edinger, C. u. 0. Vogt) haben nachgewiesen, •wischen Putamen und Glob. pallidus die scharfe Trennungslinie rt, während1 Putamen und NcL caudatus ursprünglich zusammen- *, wie das im Kopfteil noch der Fall ist, Distal haben die ien Kapselfasern beide auseinandergerissen bis auf die er- irt g.auen Streifen, weshalb es schon ethymologisch richtiger die Eigenschaft des Gestreiftseins nur im Namen für diese beiden n zum Ausdruck zu bringen. Ausserdem aber bestehen Unter- “. elementarer Natur als das erwähnte grobmorphologische eichen, die die Neueinteilung im Prinzip rechtfertigen, wie sie durchgeführt hat, der Nucleus caudatus und Putamen als .Stria- ■ensu strictiori und den Globus pallidus als „Pallidum“ bezeichnet. Unterschiede näher auszuführen ist die Hauptaufgabe des zschen Artikels, hier seien nur die Schlagwörter gegeniiber- 1. phylogenetisch: dlidum als Palaeostriatum (Edi n g e r- K a p p e r s) schon bei ischen. 1 iatum als Neostriatum erst von den Reptilien an aufwärts. 2. ontogenetisch : iHkfum dem Zwischenhirnteil des Vorderhirnbläschens entstam- bei der Geburt markrejf. dem Endhirnteil des Vorderhirnbläschens entstammend, icht im 5. Monat markreif. '(Parallel zu den Pyramidenbahnen1, ’ normalerweise positiver Babinsky beim Neugeborenen!). 3. histologisch: Hidum zellarmes Reflexorgan von sehr primitivem Bau (B i e 1 - w s k y). i iatum differenziertes Regulationsorgan von Grosshirnarchitektur, ‘•askularisiert (KoHsko). 4. histochemisch : Pallidum Kalk-, Fett- und intensive Eisenaffinität (Spatz), elektive Empfindlichkeit für Toxen (Arnsperger Kohlenoxydgas), und Auto¬ intoxikationen (L e w y - Diabetes). Striatum nicht im selben Masse chemisch aktiv. Aus diesen besonderen Chemismen resultiert eine toxische Vulne¬ rabilität. die das striäre System (Striatum und Pallidum) vor anderen Neuronensystemen kennzeichnet. Ein weiteres Zeichen enger Zusam¬ mengehörigkeit dieser entwicklungsgeschichtlich und morphologisch so differenten Zentren ist die stark entwickelte interstriäre Faserverbin¬ dung und zwar vom Caudatus zum Putamen und von diesen beiden zum Pallidum. Hier enden sämtliche striofugalen Fasern, während das Pallidum Axone in den Thalamus, Hypothalamus1) und mit grösster Wahrscheinlichkeit auch zu den tieferen grauen Kernen wie N.muber2 3), N. Darkschewitschi und N. interstitialis sowie zu den Vier- hü g e 1 n J) durch die hintere Kommissur entsendet. Diese Zentren sind als Zwischenstationen der peripheren Entladungen des Pallidum anzusprechen. Von ihnen bestehen im Tractus rubrospinalis, in der zentralen Haubenbahn, im hinteren Lämgsbündel. in der Vierhügel- Voi deistrangbahn und in der retikulo-spinalen Bahn die verschiedenen Verbindungsmöglichkeiten zum R. M. Zentralwärts erhält das striäre System zahlreich Bahnen vom Thalamus4), der mit seinen Axonen sowohl Pallidum als Putamen als Caudatus erreicht. Ein- direkter assoziativer Konnex zwischen Hirnrinde und striärem System besteht nicht. Dieses erhält seine sämtlichen Anregungen 5 *) aus dem orome- dioventralen Teile des Thalamus, der seinerseits in direkter Verbindung mit der Haubenregion steht und indirekt vermittels der anderen Tha¬ lamusgebiete mit der Peripherie und Hirnrinde. Innerhalb des striären Systems bestehen nun zwei Reflexwege: Entweder gelangen die Reize vom Thalamus nur an das Pallidum und werden von diesem an den Lhalamus oder die subthalamischen Zentren weitergcleitet bezw. be¬ antwortet: niedere „Pallidumreflexbahn“. Oder die Reize erreichen das Striatum, das nun auf das Pallidum seinen Einfluss ausübt. Die Bahn Thalamus — Pallidum — Subthalamus erhält somit eine Nebenschal¬ tung, die als übergeordnete aufzufassen ist, da sie ein höher differen¬ ziertes Zentrum durchläuft. Die niedere thalamo-pallidäre Reflex¬ bahn und die höhere Bahn Thalamus — Striatum — Pallidum wirken ge¬ meinsam auf die Neuronen des Pallidum, die sich in die tieferen Zen¬ tren versenken, und zwar homo- und heterolateral, während das Stria¬ tum immer nur mit dem Pallidum seiner Seite in fugaler Richtung in Verbindung steht. Zwischen diesen beiden interstriären Bahnen be¬ steht ein analoges Verhältnis wie zwischen motorischer Rinde und den subkortikalen Kernen des Tegmentum und der Medulla oblongata Wichtig erscheinen also folgende Tatsachen: Das Pallidum steht im unmittelbaren Konnex mit tieferen Zentren beider Seiten. Die direkte Einflusszone des. Striatums beschränkt sich auf das Pallidum. Alle striopetalen. bis jetzt sicher nachgewiesenen Bahnen gehen über den Thalamus. Auf Grund dieser innigen Verflechtung mit dem Thalamus als sensiblei Zentrale lässt sich die starke Beeinflussbarkeit der stri¬ ären Symptome durch psychische Reize und Reize aus der Peripherie vei stehen, andererseits ist aus dem fehlenden direkten Konnex dieser Zentren mit dem Grosshirn abzuleiten.- dass sie in Beziehungen zu Leistungen stehen, die dem Willen nicht unmittelbar unterworfen sind, also zu autonomen Leistungen im allgemeinen. Ueber die spezielle y'J't dtesft Leistungen lässt sich jedoch allein aus den anatomischen Verhältnissen weiterer Aufschluss gewinnen, wenn wir uns nämlich ver¬ gegenwärtigen, dass die Formel für den Aufbau des Neuralrohres — vorn motorisch, mitte vegetativ, hinten sensibel — auch noch im Zwischcn- hiin Geltung besitzt-', und wenn wir weiterhin die von Spatz näher ausgeführten Verlagerungsvorgänge für die grauen Massen dieses Hirn- teils berücksichtigen, so können wir dem Pallidum als Abkömmling der_ basalen Seitenwandteile des Neuralrohres mit Sicherheit und dem Striatum mit Wahrscheinlichkeit motorische Funktionen zusprechen. Wenn wir weiterhin das hohe phylogenetische Alter und die onto¬ logisch frühe Funktionsreife betrachten, so dürfen wir erwarten, dass die von dem Pallidum abhängige Motilität nicht mit den wechselnden Funktionen der willkürlichen identisch sein kann, wofür ja auch der primitive Bau nicht ausreichen würde. Im Pallidum haben wir viel¬ mehr ein phylogenetisch uraltes Bewegungszentrum zu suchen, das primitive unwillkürliche Bewegungen vermittelt. Aufrechter Gang und Sprechen aber bedeuten hochkoordinierte Handlungen, die mit dem Pallidum nichts zu tun haben, weshalb das Pallidum der Menschen dem der niederen Affen (Cercopithecinen) entspricht. Es ist weder phylo¬ genetisch für Gang und Sprache, weiter noch rudimentär zurückgebildet, woraus man quoad functionem auf die gleiche Gültigkeit wie für die niederen Klassen schliessen kann, seine Automatismen sind für den Menschen ebenfalls von Bedeutung. Wie nun im Allgemeinen die autonomen Innervationen sich aus übereinandergeschalteten Mechanis- ) Aul dem Wege der Linsenkernschlinge, auf dem wahrscheinlich auch die Subst. nigra erreicht wird. ') Die pallidumbrale Faserung entspricht wahrscheinlich dem F o r e 1 1 - sehen Bündel H2. ") Hier ist die Kuppelung mit dem optisch-akustischen Reflexbogen und seine Beziehungen zum Kleinhirn. ) Das Gebiet des Tuber cinereum, Nucleus campi i7 0 r e 1 1 i. ■’) Ausserdem ist eine direkte Vermittlung von Kleinhirneinflüssen über den N. ruber, Trct. cerebello tegmentalis rubro Thalamicus wahrscheinlich, die dafür notwendige rubropallidäre Bahn ist noch nicht aufgedeckt. Dagegen ist im Ncl. ruber die Einschaltungsstelle von pallidofugalen Einflüssen auf den spinozerebellaren Reflexbogen mit Sicherheit zu erblicken. 6* 240 MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT. Nr. men zusammensetzen, so baut sich auch über dem Pallidum ein über¬ geordnetes Zentrum auf, das Striatum als ein kompliziert sebmrtes Re¬ gulationsorgan. Die ontogenetischen Differenzen zwischen beiden Zent- ren, die vor allem in der Markreife ihren Ausdruck finden, lassen die Annahme zu, dass das neugeborene Kind eine Zeitlang Bewegungen ausführt, die von einem Pallidum regiert werden, das weder vom Stri¬ atum noch von der motorischen Rinde beeinflusst wird. _ Mittels auf- und absteigender Bahnen, die eine mannigfache Unter¬ brechung durch Zwischenstationen erfahren, steht dieses Neuronen¬ system Striatum-Pallidum mit dem Rückenmark in Verbindung. Seine Angriffsstelle ist hier die Vorderhornzelle, die beim Erwachsenen von mehreren Leitungsbahnen, wie es unser Schema darstellt, Impulse er¬ hält, die sich nicht einfach summieren, sondern im gegenseitigen Ab¬ hängigkeitsverhältnis sich ergänzen. I Striatum Striares System | Nucl. caudatus (Schwanzkern) [putamen durch Horsley und Thiele haben ergeben, dass die Starre er dann eintritt, wenn man mit dem Querschnitt in die kaudalsten Eben des Thalamus kommt, die die pallido-fugalen Bahnen durchtrenne d. h. die Starre tritt ein, sobald die efferenten Bahnen des Stnati mit ihrem tonushemmenden Einfluss fortfallen. Diese Rigidität ha^ j der Kontraktur nichts zu tun. die Sehnenreflexe werden nicht bee trächtigt. da reflektorisch und willkürlich ausgelöste Muskelzuckung y Interstrio-pallidäre Faserung _ Fibrae arcuatae ‘‘‘“‘“e“7'" , Thalam. pallidäre Bahn Pallidum = Glob. pallidus Erklärung der schematischen Zeichnung: Die absteigenden Bahnen sind durch ausgezogene, die auf¬ steigenden durch punktierte Linien dargestellt, ausserdem geben die Pfeile hinter den Bezeichnungen die Verlaufsrichtungen. Die Unterabteilungen des Pallidum sind zur Vereinfachung der Zeichnung fortgelassen, ebenso die Fibres of passage, die Uortex mit Thalamus auf dem Wege durch das striäre Areal verbinden, ohne dass Aufsplitterungen in diesem nachgewiesen wurden. Die striopetalen Bahnen sind gestrichelt, die striofugalen Bahnen ausgezogen gezeichnet in Analogie zu dem an den anderen Bahnen durchgeführten Prinzip. Die kleinhirnbezüglichen Bahnen wurden durch „Punkt-Strich“ gekennzeichnet ohne Unterschied der Verlaufsrichtung. Von den Verbindungen zwischen Mittel¬ hirnganglien und Rückenmark wurde zur Erhaltung der Ueber- sicht nur ein Repräsentant, der Tractus rubrospmalis gezeichnet, wegen seiner Beziehungen zum Kleinhirn auch in Punkt-Strich- manier. Ebenso wurden die verschiedenen Zwischenstationen der pallidofugalen Bahnen bis auf Hypothalamus (Corpus Luysi) und Nucleus ruber fortgelassen. I Pallidum Thalamus I Reflextfah Trct. pallido thalam. hypothal. J Hypothalamus (Corpus Luysi) - Trct. thalam. (hypothalam.) rubralis olivm . Trct. rubro thalam. t Trct. spino thalamicus ^ Hinterstrangbahn f. Hinterstrangkern Pyr. Seitenstrang Vorder Trct. cerebello tegmentalisT Trct. rubrospinal. * 1 (Monakow) 4- ---•Nucl. dentat. Nucl. Deites Trct. vestib. spin. lat. 4- Vorderhorn 1. Die kortikospinale oder Pyramidenbahn im Dienste der will¬ kürlichen Myodynamik. 2 Kleinhirn— Bindearm— Roter Kern— M o n a k o w sches Bündel, ein System von Bahnen als konisch-ordinatorischer Apparat. 3 Ein subkortikaler Reflexbogen, dessen Bahnen oben im Einzelnen beschrieben sind und der in Pallidum und Striatum seine Doppelkuppel hat als ein den Automatismen der Ausdrucks- und Begleitbewegungen dienender Apparat. Trotz des durch viele Verknüpfungen dieser drei Bahnen gewährleisteten Zusammenhanges handelt es sich um drei physio¬ logisch differenzierbare Systeme. Die kortikospinale Pyramiden¬ bahn vermittelt die bewussten Bewegungsbefehle. Ihre Impulse treffen jedoch auf eine Vorderhornzelle, die durch Rückenmarksreflex¬ anregungen in einem gewissen Aktivitätszustand sich befindet, der sie zum Empfang der Willkürinnervation ungeeignet macht. Infolgedessen werden ergänzende Innervationen notwendig, die die Ueberladung der Vorderhornzellen und entsprechend der motorischen Oblongatakerne kompensieren, sodass diese für die fein differenzierten Impulse der Pyramidenbahn empfangsbereit werden. Und weiter über diese Emp¬ fangsbereitschaft für das prifnum incitans hinaus, muss die Vorderhorn¬ zelle auch während der Dauer einer Willkürbewegung, die ja einen fortwährenden Wechsel zwischen Spannung und. Entspannung der Mus¬ kulatur voraussetzt, von hemmenden Zwischenimpulsen gezügelt wer¬ den. Da sie auf dem Wege des kurzen Reflexbogens und der Klein¬ hirnreflexbahn geladen werden kann, müssen übergeordnete Bahnen die Entspannung innervieren. Diese liefern also nicht eigentlich eine Be¬ wegungsleistung, sondern haben statische -Funktionen, deren Ziel das richtige Zusammenarbeiten der die einzelnen Gelenke und Glieder fixie¬ renden Agonisten und Antagonisten (Koordination) und, das folgerichtige und richtige Ablaufen der einzelnen Bewegungsphasen ist, wofür Haenel den Begriff der Postordination vorgeschlagen hat, der des¬ halb recht brauchbar erscheint, weil die Belegung des in der Auf¬ einanderfolge der Bewegungen wichtigen autonomen Faktors mit einem besonderen Terminus das dauernde Eingreifen eines solchen akziden¬ tellen autonomen Faktors in den Ablauf einer scheinbar willkürlichen Bewegung zum Bewusstsein bringt, für die eigentlich nur der Antrieb willkürlich ist. Die Regelung dieser myostatischen Vorgänge (Strüm¬ pell) ist nur an bestimmte extrapyramidale Neuronensysteme geknüpft, die beim Abfluss eines kortikospinalen Impulses auf einem hier nicht näher zu analysierenden Wege zur Mitbeteiligung angeregt werden. Und zwar beherrschen Kleinhirn und Vestibularapparat die koordina- torischen Funktionen, während zu den postordinatorischen das striäre System in Beziehung zu setzen ist, wie experimentelle Untersuchungen und pathologische Prozesse zwängend fordern. Schon Nothnagel wies durch Chromsäureinjektion in den Linsenkern kataleptische Er¬ scheinungen nach. Genauere Nachprüfungen der Enthirnungsstarre6) e) Sherringtons „decerebrate rigidity“. ihr aufgesetzt werden können. Hierin berührt sich diese Hypertc mit der Tetanusstarre, bei der ebenfalls reflektorische Zuckungen m1 lieh sind, solange die maximale Verkürzung noch nicht erreicht (Fröhlich und H. H. Meyer). Verhältnisse, die für ein relati Unbeschädigtsein der anisotropen Fibrillen (Verkürzungsapparat Uexküll) und ihrer zugehörigen Nerven sprechen und den Rigor Innervationsstörung des Sarkoplasmas (Sperrapparat von Uexki aufzufassen nahelegen, wofür weiterhin die 1 atsachen sprechen, < die durch das Sarkoplasma geleistete tonische Dauerverkürzung Muskels ohne Ermüdungserscheinungen, ohne Sauerstoffverbra; Wärmeentwicklung, Aktionsstrom etc. verläuft. In Parenthese sei wähnt, dass die Neugeborenen ihre Glieder ebenfalls in Stellun verharren lassen, die diesen Spannungszuständen ähneln und auch eben aufgezählten physiologischen Momente aufweisen. Ein näheres Eingehen auf die Gesetze der Tonusmuskulatur wi bei der Strittigkeit des Tonusproblems weit über den Rahmen di Arbeit hinausgehen. Es sei nur erwähnt, dass die anatomische sache der Doppelinnervation der quergestreiften Muskulatur (synj thisch und zentral) nicht mehr abzuleugnen ist (Spiegel). Die^ lyse der beim Zustandekommen des Muskeltonus eingreifenden K ponente wird noch häufig Gegenstand weiterer Untersuchungen müssen. Möglich ist, dass bei ihnen auch sympathische Einflüsse v. sam sind, sodass wir im Striatum ein Hemmungszentrum für teilw sympathisch regulierte Mechanismen zu suchen hätten, wofür der z fellose Nachweis von sympathischen Ganglienzellen im Hypothala (K a r p 1 u s und K r e id e 1) zu sprechen scheint bei der nahen, bindung dieser Grisea zum striären System. Läsionen des Stria bedingen demnach Steigerung des normalen Muskeltonus zur pa logischen Rigidität durch Wegfall der auf niedere Zentren von oe System ausgeübten Hemmungen. Mit dieser hemmenden Funk steht das Striatum im antagonistischen Gegensatz zum Kleinhirn, tonussteigernde Wirkung ausübt und dessen zerebellofugale Bahne: N. ruber Hemmungsimpulsen von höheren subkortikalen Zentren ( atum) unterliegen 7). Da diese Ergisten und Antagonisten zur gier Zeit befallen, resultiert eine Bewegungsarmut, für die C. und 0. V] den treffenden Namen der Haltungsrigidität geprägt haben. In di Haltungsrigidität ist das hervorstechendste und durchgängigste M mal des striären Syndromes zu erblicken. Auf seiner Basis Strümpell seinen amyostatischen Symptomenkomplex aufgc indem er bei gleichzeitigem und gleichförmigem Befallensein der nisten und Antagonisten Hypertonie. Kontraktur. Stellungsanon 7) Kleist sucht dagegen das Striatum unter den hemmenden Eii des Kleinhirns zu stellen, das in „Masse und Entwicklung nur vom 0 hirnmantel ubertroffen wird“. Wird das funktionell ihm unterstellte Stn befreit, so kommt es zu Hyperkinesen. Beweis Bindearmchorea. Auch s t r o e m postuliert auf Grund seiner Sektionsbefunde und gestützt auf tr: Untersuchungen (B o n n h o e f f e r, B r e m m e) für diese Störungen 1 1 in der Bindearmgegend. Februar 1922. MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT. 241 lungsfixation, mimische Starre und allgemeine Bewegungsarmut, regelmässiger Abwechslung der tonischen Störungen in den beiden raren Muskelgruppen eines Gliedes das Symptom des Tremors und :kelns, bei unregelmässiger Folge und wechselnder Lokalisation rhalb der Muskeln einer statischen Gruppe Athetose, bei Lieber¬ en auf andere zusammengehörige Gruppen Chorea entstehen s:eht. Hinblick auf diese Möglichkeit einer einheitlichen Betrachtung des apyramidalen Symptomenkomplexes nach dem Gesichtspunkt der keltonusstörung erscheint die S t e r t z sehe Zusammenfassung der iptome als dystonisches Syndrom gerechtfertigt. Mit dieser Feststellung sei jedoch keineswegs der Standpunkt ver- ;n. dass sich vom Monosymptom der Haltungsrigidität aus der Poly¬ phismus des striären Systems restlos erklären Hesse. Auch ist t annehmbar, dass mit den Beziehungen des striären Systems zum .keltonus dessen Funktionen vollkommen umschrieben sind. Weisen i einerseits schon die klinischen Bilder des Parkinsonismus bei ephalitikern mit ihrem von Tageszeiten und Körpertemperatur ab- jigen psychomotorischen Torpor, mit ihrer Inversion der Schlaf- /e. ihrem inversen Temperaturtyp auf Störungen des vegetativen ergismus und zwar vor allem der Wärmeregulierung hin8). 3 n o m o fasst diese Erscheinungen unter dem Ausdruck der Dis- ation der Gezeiten der körperlichen, von vegetativen Zentren be¬ ten Funktionen und der psychischen Grosshirnfunktionen zusammen, könnte man mit Recht einwenden, bei Enzephalitis handle es um einen so diffusen Prozess, dass lokalisatorische Fragen an ihm t studiert werden können. Darauf wäre zu erwidern, dass auch echte Parkinson diese Diskrepanz in der nächtlichen Unruhe der über torpiden Kranken zeigt. Die engen Beziehungen des striären tems zum Hypothalamus legen eine Beteiligung an dem Einfluss den Mechanismus der zentralen Wärmeregulation nahe, doch sind 4kten über die Beziehungen noch nicht geschlossen (cf. Spiegels sches Uebersichtsreferat im Zbl. f. d. ges. N. u. P.). Vogt und Kleist betrachten das striäre System als Zen- l für gewisse Automatismen der Muskelinnervation, die aus logenetisch älterer Zeit erhalten geblieben und in den Ablauf der ählich entstandenen kortikalen Bewegungen hineingeflochten sind; zwar führt nach der Vogt sehen Analyse der Ausfall der feineren atumfunktionen zu fortgesetzten Spontanbewegungen wie Zittern, eatischen und athetotischen Bewegungen,. Spasmus mobilis, Mit- egungen, Zwangsweinen, Zwangslachen und zum Fehlen gewisser 3matismen im Mienen- und Gestenspiel, Gang, Sprache und Schluck- woraus eine Bewegungsarmut resultiert (striäre Akinese). Die innten Hyperkinesen sind nicht als Reizerscheinungen des Stri- ns (striäre Hyperkinesen), sondern als substriäre-pallidäre Hyper- sen infolge Enthemmung des Pallidum aufzufassen. In diesem le sprach sich auch Wilson auf dem diesjährigen Kongress in s aus, dass weder Zittern noch Rigidität als Reizsymptom von der lologisch veränderten Stelle anzusprechen wäre. Der Ausfall der reren Pallidumfunktionen macht von grösster Bewegungsarmut be¬ tete Versteifung infolge Enthemmung subpallidärer Zentren (sub- idäre Akinese). Da das Pallidum auf beide Körperhälften einzu- cen vermag, kommt es zu dem Pallidumsyndrom der Versteifung bei doppelseitiger Erkrankung des PaLlidum, während einseitige das itumsyndrom zeitigt. Neuerdings (auf dem erwähnten Kongress) det sich nun Wilson energisch gegen die Zusammenfassung von rea, Athetose. Zittern usw. unter dem Namen des Striatumsyn- ns, da das Striatum nur eine von vielen Quellen der Bewegungs- ingen ist. Und es erscheint mir in der Tat wichtig, das ache Zusammenwirken der verschiedenen motorischen Systeme der Analyse der Bewegungsstörungen zu berücksichtigen. So eht auch keine zwingende Notwendigkeit, für alle diese Sym- re ausschliesslich das striäre System als lädiert zu postulieren. Die ahme, dass z. B. die von Foerster bei der von ihm aufgestell¬ arteriosklerotischen Muskelstarre vorhandenen Erweichungsherde ler Grosshirn — Brücken — Kleinhirnbahn die den pallidären Hyper- sen ähnliche Erscheinungen hervorrufen können, erscheint nach vor berechtigt, da diese Bahn als Arm des kortikofugalen muskulären rlsstromes ebenfalls zügelnde Wirkung auf den zerebellaren 'Reflex¬ en ausübt. Doch fehlt diesem Syndrom die Beeinträchtigung der omatismen im Mienen- und Gestenspiel, in Flucht- und Abwehr¬ egungen, woraus sich einerseits die Möglichkeit einer feineren erenzierung beider Systeme und andererseits die Bedeutung gerade er Symptome für das palLidäre Syndrom ergibt. Gegenüber pathogenetischer Fragestellung versagen die Bilder der zustände, an denen von C. und 0. Vogt die lokalisatorischen Stu- i durchgeführt wurden, als Effekt der verschiedenartigsten patho- sch-anatomischen Prozesse. Auch die histologischen Bilder gewäh- keinen eindeutigen Aufschluss über die Art des Leidens. Als ge¬ eite Tatsache darf gelten, dass die striären Zentren eine besondere /osition für chemische Noxen, z. B. Kohlenoxyd, Leuchtgas, Mangan 1 tzen (Lu bar sch, Spatz, Nothnagel, Fuchs), auch für Intoxikationen (W i 1 s q n s Fälle mit Lebererkrankung, B o - oem, L e w y). Doch eine konzise Abgrenzung der einzelnen Pro- se gegeneinander vermag das histologische Syndrom noch nicht zu I 8) Die Versuche (Lust) der jüngsten Zeit, mittels Fiebererregung nd auf den Parkinsonismus bei Enzepbalitikern zu wirken, sprechen eben— dafür. Wir konnten in der Klinik eine Enzephalitiskrauke beobachten, die Vorliebe trotz winterlicher Kälte im Klinikgarten sass, ohne die Kälte igenehrn zu empfinden. liefern. Die S p i e 1 m e y e r sehen Untersuchungen der Wilson sehen Krankheit und Pseudosklerose weisen nach, dass über das Wesen der Prozesse auf Grund des wechselvollen pathologischen Ensembles nichts Sicheres zu eruieren ist, dass fliessende Uebergänge zwischen beiden und zu den Befunden bestehen, die bei chronischer Chorea vorhanden sind, und nicht zuletzt, dass die Wilson sehe Krankheit nicht „mit der Schärfe eines Experimentes“, w.ie es frühere Annahmen formulier¬ ten, das Areal der Linsenkerne allein befällt, sondern dass auch in der Hirnrinde degenerative Prozesse neben besonderen Wucherungs¬ vorgängen am gliösen' (A 1 z h e i m e r sehe grosse Gliazellen) und am mesenchymalen Apparat ausgeprägt sind. Lässt man die diffusen akuten Enzephalitiden aus dem Kreis der Betrachtungen und beschränkt die Anwendung einer histopathologischen Klassifikation auf die herdförmig lokalisierten chronischen und heredogenerativen Prozesse, so kann man die Parenchymdegenerationen (Fischer, Jelgersma) mit vor¬ wiegendem Befallensein des Striatum (Status fibrosus C. und 0. Vogts), dem klinisch eine chronisch progressive Chorea entspricht, den sensiblen oder präsenilen Prozessen (L e w y) unter Mitbeteiligung des Gefässapparates (Status desintegratus C. und 0. Vogts) unter besonderer Vorliebe für Striatum (arteriosklerotische Chorea) und Pallidum (Paralysis agitans M a s s und arterioskleriotische Muskel¬ starre Förster) gegenüberstellen. Während nach dem Markscheiden¬ bilde, dessen alleinige Berücksichtigung Jakob in seinem kritischen Referat als zu einseitig zurückweist, der Status marmoratus mit isolier¬ tem Ganglienzellenschwund im Striatum (Littlestarre) und der Status dysmyelinisatus (Untergang der Faserung zwischen Striatum + Pal¬ lidum und Thalamus + Hypothalamus, klinisch progr. Athetose mit Ver¬ steifung) die Gegensätze bilden. Die pathologischen Forschungen, die nach dem Charakter dieser Arbeit nur ganz kursorisch dargestellt werden konnten, zeigen das dringende Bedürfnis nach Vertiefung der Studien nach der histologischen Seite hin, wie C. und 0. Vogt selbst schreiben, die mit den Mitteln ihrer Myeloarchitektonik deitham) und der chronisch progressiven Chorea (Unterform Hui tington) mit stärkerer psychischer Beteiligung. Symptomatis. als Herdsymptom und bei Intoxikationen. Allen diesen Gruppen ist als negatives Merkmal das Fehlen v< Pyramidenzeichen gemeinsam. Ein event. positiver Babinsky ist b sonst vorhandenen athetotischen Bewegungen vorsichtig zu bewerte da durch den Sohlenreiz eine rudimentäre athetotische Dorsalflexij der grossen Zehe ausgelöst werden kann. Vogt trennt dieses Pb nomen deshalb als „Pseudobabinsky“ vom echten Hautreflex ab.; Auf die Beziehungen zu den katatonen Bewegungsstörungen s hier nur beiläufig hingewiesen; bei ihnen sind ebenfalls schwere Vc änderungen im Pallidum gefunden worden (Josephi. ital. Autorei _ _ _ _ 9) Diese sind iin Gegensatz dazu bei Py-Läsionen besonders typisef so z. B. das Flektieren des Vorderarms und Abduzieren des Oberarms be Händegeben der Hemiplegiker, dass diese dadurch die Prägung des st) ..Feudalgrusses“ bekommt. 10) Ich kann es nicht unterdrücken, selbst auf den Vorwurf hiin. Her stratenruhm zu verbreiten, einen Herrn Crocq aus Brüssel hier zu zitier, der die Zunahme der Paralysis agitans in Belgien seit dem Kriege a die deutschen Grausamkeiten in Loewen und anderen belgischen Orten glau zurückführen zu müssen, indem er als ursächliches Moment die Aufregung d Bevölkerung darüber hinstellt. Au ridicule il n’ya qu ’un pas. J1) Hierher gehört die W e s t p h a 1 sehe paradoxe Kontraktur, die bei Paralysis agitans beschrieben hat und die von uns bei einem Enzephalitik infolge spastischer Fixation der Fussstrecker bei Prüfung des Fussklonus ai gelöst werden konnte. Februar 1922. U Encephalitis epidemica hat ihre Prädilektionsstellen mit Vorliebe , Zwischen- und Mittelhirn; der diffuse Charakter ihres pathologisch- atornischen Prozesses führt jedoch infolge der häufigen Komplikation « Störungen des striären mit solchen anderer Systeme zu einer sserordentlichen Vielgestaltigkeit, die nicht geeignet erscheint zum udium reiner Typen striärer Erkrankungen. Dass sie sämtliche Re- ter des striären Syndroms in allen möglichen Variationen zu ziehen rmag. lässt schon die umfängliche Nomenklatur erkennen: E. chorea- a, athetotica, amyostatica, cum rigore, myoclonica usw. Auf Grund s relativ häufigen Auftretens myoklonischer Störungen bei Enze- alitis scheint die Stert z sehe Auffassung sehr an Wahrscheinlich - t zu gewinnen, dass die Myoklonie in Verwandtschaftsbeziehungen n striären System steht. Geben nicht einmal die Prozesse, die eine r hebe für das striäre System haben, ohne ganz auf dieses beschränkt sein, eindeutige Krankheitsbilder, so kann das striäre Syndrom noch ■1 weniger bei den Prozessen unverdeckt in Erscheinung treten, bei vornehmlich anderweitiger Lokalisation auch im Zwischen- n aüftreten können, wie die progressive Paralyse (Alzheimer), iltiple Sklerose (Zwangsweinen und -lachen!). Präsenile Gliose, ilepsie (B i n s w a n g e r - L e w a n d o w s k y). Hypothetisches und Tatsächliches sind in der Literatur über das fliegende Ihema noch so innig verwoben, dass eine erschöpfende tische Würdigung der vielfach differierenden Ansichten weit über l Rahmen der mir von der Redaktion dieser Zeitschrift gestellten fgabe hinausgehen würde. Wenn ich trotz dieser aphoristischen ;enntnis der Aufforderung, einen Ueberblick zu geben, nachgekom- n bin, so geschah es, weil die neugewonnenen Erkenntnisse und gestellten Probleme infolge ihrer Verquickung mit dem aktuellen ema der Encephalitis epidemica sehr schnell das allgemeine Inter- e auf sich gelenkt haben. Wenn unsere Kenntnisse von dem Wesen extrapyramidalen Bewegungsstörungen noch recht lückenhaft sind, können wir doch nicht ohne Berechtigung den Satz Edingers überholt bezeichnen: „dass wir weder von den Funktionen des mäch- :n Corp. striat- noch von den Symptomen etwas wissen, die eintreten, nn es zerstört oder gereizt wird“ und nicht ohne einen gewissen >lz dürfen wir im Bericht F. H. Lewys von der diesjährigen Neu- jgentagung in Paris lesen: „Im Ganzen empfängt man den Eindruck, s dem Referatthema (Pa r k i n s o n scher Symptomenkomplex) ge- lüber eine gewisse Ratlosigkeit bestand.“ Um den dort vermissten ssen Gesichtspunkt lassen sich die Ansichten unserer Autoren doch tz mannigfacher Meinungsverschiedenheit in den Einzelheiten trieren; der führende Gedanke ist aufzufinden und heisst -feinerung der funktionellen Analyse (Tonusproblem) auf Grund alogischer und histochemischer Diagnostik an einem kasu- sch noch wesentlich zu bereichernden und nach den ver- ierten neurologischen Anschauungen über Bewegungsstörun- beobachteten klinischen Material. Als Zeichen eines Fort¬ rittes auf diesem Gebiete möge noch der Umstand Erwähnung fin- . dass bei der Durchsicht der älteren Literatur eine ganze Reihe 1 Fällen sich nach Massgabe der neugewonnenen Erkenntnisse und gestellungen einer retrospektiven Revision der Diagnose unterwer- und in das Gebiet des extrapyramidalen Symptomenkomplexes ein¬ ten lässt. Literatur. Berger: Zur Kenntnis der Athetose. Jb. f. Psych. 1903. — - Biel- towsky und Freund: Veränderungen des Striatums bei tuberkulöser trose. Jb. f. Psych. 25. — Bielschowsky: Einige Bemerkungen normalen und 'Pathologischen Histologie des Schweif- und Linsenkernes. • Psych. 25. — Bonnhöffer: Ein Beitrag zur Lokalisation der choreati- n Bewegungen. Msch. f. Psych. 1, 1897. — Derselbe: Zur Auffassung postmyelitischen Bewegungsstörungen. Mschr. f. Psych. 10, 1901. — emme: Ein Beitrag zur Bindearmchorea. Mschr. f. Psych. 1919. — utsch: Ein Fall von Erweichung im Streifenhügel und im Linsen- i. Jb. f. Psych. 37, 1917. — v. Econo mo: Wilsons Krankheit das Syndrom des Corpus striat. Zschr. f. d. ges. Neurol. 1918. — Der¬ be: Beitrag zur Kasuistik und Erklärung der posthempilegischen Chorea. l.W. 1910, ref. Neurol. Zbl. 1910. — v. Economo und Schilder: der Pseudosklerose nahestehende Erkrankung im Präsenium. Zschr. f. d. Neurol. 55, 1920. — Fischer O.: Zur Frage der anatomischen Grund- n der Athetose double und der posthemiplegischen Bewegungsstörungen haupt. Zschr. f. d. ges. Neurol. 7, 1911. — Förster und Lewy: dysis agitans. Lewandowskys Hb. d. Neurol. • — O. Foerster: Die nosklerotische Muskelstarre. Allg. Zschr. f. Psych. 1909. —Derselbe: Physiologie und Pathologie der Koordination. Jena 1902 bei Fischer. Derselbe: Studie über choreatische Koordinationsstörungen 1904. — -iff: Zur Lokalisation der Hemichorea. Arch. f. Psych. 14. — Ger st- nn und Schilder: Studien über Bewegungsstörungen. Zschr. f. d. Neurol. 1920 und 1921. — Gr ü stein: Zur Frage der Leitungsbahnen Corpus Striatum. Neurol. Zbl. 1911, 30. — H ä n e 1: Zur Klinik der extra- ■midalen Bewegungsstörungen. Neurol. Zbl. 1911, 30. — Lewandowski stadel mann: Chorea apoplectica. Zschr. f. d. ges. Neurol. 12. — aKob: Der amyostatische Symptomenkomplex. (P. A. Teil.) Zbl. f. d. Neurol. 26. Jelgersma: Die anatomischen Veränderungen bei Par. •■ns und chron. Chorea. Vortragsref. Neurol. Zbl. 1908. — Kleist: usuchung zur Kenntnis psychomotorischer Bewegungsstörungen. — Der- 1^1 ^ur Auffassung der subkortikalen Bewegungsstörungen. Arch. f. F. H. L e w y: Zur path. Anatomie der Pur. agitans. D. Zschr. ervhlk. 50, 1914. — Derselbe: Ref. über die 2. Tagung der Neurol. zu Paris 1921. Zbl. f. >d. ges. Neurol. 1921. — Mingazzini: Linsenkernsyndrom. Zschr. f. d. ges. Neurol. 1911. — Derselbe: Parkinson-ähnliches Bild. Arch. f. Psych. 55. — Monakow: nnpathologie. 1905. — Oppenheim und C. Vogt: Wesen und insanon der kong. und infektiösen Pseudobulbärparalyse. J. f. N. u. Ps. v Pollack: Der amyostatische Symptomenkomplex. (Anatom. ' Vortrag XI. Jahresvers. d. Neurol. in Braunschweig. Zbl. f. d. ges. MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT. 243 Neurol. 26. — Rot mann: Nemonstr. Z. d. Zwangsbeweg, d. Kinderalters. Neurol. Zlb. 1915. — Schilder: Ueber Chorea und Athetose. Zschr. f. d. ges. Neurol. 7. — H. Spatz: Zur Anatomie der Zentren des Streifen- hügels. M.m.W. 1921 Nr. 45. — E. Spiegel: Die zentrale Lokalisation autonomer Funktionen. Zschr. f. d. ges. Neurol. 21, 1920. — W. Spiel- m e y e r: Die histologische Zusammengehörigkeit der Wilson sehen Krank¬ heit und Pseudosklerose. Zschr. f. d. ges. Neurol. 39, 1918. — v. Stauf¬ fenburg: Zur Kenntnis des extrapyram. motor. Systems. Zschr. f. d. ges. Neurol. 39, 1918. — Steck: Zur pathol. Anatomie der echten pos’thäm Athetose. Schweiz. Arch. f. Neurol. 8. — Stertz: Der extrapyramidale Symptomenkomplex. Abh. d. Mschr. f. Neurol. 11, 1921. — v. Strümpell: Zur Kenntnis der sog. Pseudosklerose der Wilson sehen Krankheit und verwandter Zustände. D. Zschr. f. Ncrvhlkd. 54, 1916. — Derselbe: Die myostatischen Innervationen und ihre Störungen. Neurol. Zbl. 1920. — F. v. Thomalla: Erster Versuch einer Einteilung striärer Motilitäts¬ störungen. Jb. f. Neurol. 41, 1918. — C. und O. Vogt: Erster Versuch einer Einteilung striärer Motilitätsstörungen. J. f. Neurol. 1918. — Dieselben: Zur Kenntnis der pathologischen Veränderungen des Striatum usw. Sitz -Ber d. Heidelberger Akademie der Wissenschaften 1914, 14. Abh. — Diesel b e n: Zur Lehre der Erkrankungen des striären Systems. J. f. N. u. Ps. 1920, 25 — Westphal: Ueber doppelseitige Athetose. - Arch. f. Psych. 60, 1919. — Wilson: Progressive Degeneration des Linsenkerns. 1912. Lewan¬ dowskys Hb. 5. i AI.tikel der Enzephalitisliteratur, die Bezug haben zu dem hier be- handelten Thema sind zum Teil in dem Uebersichtsreferat des Verfassers (Zbl. f. d. ges. Neurol. 25) angeführt. Während der Drucklegung erschienen: >07. m C0assir®r: Halsmuskelkrämpfe und Torsionsspasmus. Klin. Wschr. 19-1 Nr. O. Foerster: Zur Analyse und Pathophysiologie der striären Bewegungsstörungen. Zschr. f. d. ges. Neurol. 1921, 73. Bücheranzeigen und Referate. Pathologische Physiologie. Ein Lehrbuch für Studierende und Aerzte. I. Abteilung: Die Funktionsstörungen des Herzens, der Gcfässe und des Blutes von Dr. H. E. H e r i n g, o. Professor der Patho¬ logischen Physiologie in Köln a/Rh. Verlag von Georg T h i e m e. Leipzig 1921. 120 Seiten. Preis geheftet 19.50 M. Durch das Schreiben einer pathologischen Physiologie hat Verf. einer Verpflichtung nachkornmen wollen, die er als einziger ordentlicher Vertreter des Fachs in Deutschland den Studenten gegenüber in sich gefühlt hat. Das Buch ist aus Vorlesungen hervorgegangen und enthält das Wesentliche der pathologischen Physiologie vom allgemeinen patho¬ logisch-physiologischen Standpunkt. Die Kapitel, die den Inhalt der vorliegenden ersten Abteilung bilden, sind im Untertitel angeführt. Die Darstellung des für einen nicht dauernd in pathologisch-physiologi¬ schen Gedankengängen Arbeitenden schweren und auch spröden Stoffs ist trotz einer im allgemeinen knapp zusammengefassten und ausgesprochen persönlichen Schreibweise klar und verständlich. Besonders wertvoll und nach Fassung und Inhalt gelungen scheinen dem Referenten die Ausführungen über die Funktionsstörungen des Herzens. Das Buch ist ohne Autorennamen, Zitate und Abbildungen geschrieben. In der nächsten Auflage will Verfasser das nachholen, wenn es allgemein gewünscht wird. Referent möchte einem derartigen Wunsche Ausdruck geben. Das Buch würde durch Literaturangaben an Gebrauchsfähigkeit als Nachschlagebuch beim Studium pathologisch-physiologischer Fragen gewinnen. Schmincke - Graz. Prof. Dr. Franz Rost: Pathologische Physiologie des Chirurgen (Experimentelle Chirurgie). Ein Lehrbuch für Studierende und Aerzte. Zweite vermehrte und umgearbeitete Auflage. Leipzig, F. C W Vogel, 1921. Schon nach einem Jahre liegt das gediegene Buch in neuer Auf¬ lage vor. Daraus ergibt sich, dass das Werk nicht nur einem Bedürfnis entsprach, sondern dieses Bedürfnis auch erfüllt hat. Es wird ihm daher auch im Ausland wohl derselbe Erfolg beschieden sein, den es im Inland schon gefunden hat. Zu der auch von anderer Seite angeregten Erweiterung des Inhalts nach der experimentellen Richtung hin, hat sich VerL nicht entschlossen können. Durch Kürzungen in einzelnen Ab¬ schnitten war es möglich, ohne wesentliche Vermehrung des Umfanges die neuesten Forschungsergebnisse unterzubringen. In dem Rahmen den sich Verf. gesteckt hat, wird man über jede Frage, für die man sich interessiert, geradezu mustergütige Aufklärung finden. Die sicheren Bestände unseres heutigen Wissens treten klar hervor, aber auch das kommt unverhüllt zum Vorschein, was unsicher ist und wo Lücken bestehen. So bildet das Buch besonders für den wissenschaftlich orien¬ tierten Arzt eine Fundgrube von Fragestellungen und Problemen, deren Weiterbearbeitung wertvoll und dankbar ist. — Nicht hinreichend begi ündet erscheint auch in der neuen Auflage die Zirbeldrüse und Hypophyse als Anhang des Abschnittes über die männlichen Genita¬ lien. Die beiden Organe haben doch Beziehungen zu den Keimdrüsen überhaupt — auch zu den weiblichen — und würden besser ihren Platz beim Abschnitt Gehirn und Rückenmark haben. K r e u t e r - Erlangen. H. Tiedje: Die Unterbindung am Hoden und die „Pubertäts¬ drusenlehre“ Jena, Gustav Fischer, 1921. Preis 10 M. T. unt sucht an 29 Meerschweinchen verschiedenen Alters systemat’ » den Einfluss der Unterbindung am Hoden auf die histo¬ logische ruktur der Keimdrüse und kommt dabei zu dem Ergebnis, dass sich be einseitiger Vas deferens-Unterbindung und anderseitiger Kastration der jugendliche Hoden normal weiter entwickelt, während 244 MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT. Nr. der geschlechtsreife zunächst degeneriert und später wieder völlig regeneriert. Beiderseitige Unterbindung führt zu ähnlichem Resultat. Isolierte einseitige Unterbindung veranlasst völlige Inaktivitätsatrophie des unterbundenen und kompensatorische Hypertrophie des anderen Hodens. Erhaltenbleiben und Grad der Ausprägung der sekundären Geschlechtsmerkmale hängt von dem spermatogen en Anteil des Hodens ab, während die Zwischenzellen nur als Stoff wechseiapparat anzusehen sind. Die Steinach sehe „Pubertätsdrüsenlehre wird auf Grund der Versuche mit Recht abgelehnt. B. R o m e i s - München. Priv.-Doz. Dr. J. Bauer: Vorlesungen über allgemeine Konsti¬ tutions- und Vererbungslehre. 186 S. Berlin 1921. Springer. 36 M. , D . . Verf hat sich mit anerkennenswerter Elastizität die Ergebnisse der modernen Erblichkeitsforschung weitgehend zu eigen gemacht, was in der 2. Auflage seines grossen Werkes über „die konstitutionelle Dis- Position zu inneren Krankheiten“ noch nicht in diesem Grade der rall war. In seinen biologischen Vorstellungen hat Bauer nunmehr die Autorität Tandlers innerlich ziemlich überwunden, wenn er auch äusserlich noch an dessen Worten festhält. Die „Konstitution wird zwar noch allgemein „als Ausdruck sämtlicher in der Erbmasse eines Individuums enthaltenen Anlagen definiert", die einzelnen „Konstitu¬ tionen“ werden aber auf S. 124 ff. nicht nach den zugrunde liegenden' Erbanlagen, sondern vielmehr morphologisch und funktionell charak¬ terisiert, was in der Tat rp. E. praktisch am zweckmässigsten ist. Dass Bauer auch die Tandler sehe Terminologie noch einmal aufgeben werde, wird man wohl kaum hoffen dürfen, nachdem er sich einmal mit so viel äusserem Erfolge darauf festgelegt hat. Jedenfalls aber darf man sich freuen, dass er die T a n d 1 e r sehe Lehre,, dass die „Kondition“ der gegenwärtigen Generation zur „Konstitution der künftigen werde, dass also „Individualhygiene selbsttätig zur Rassen¬ hygiene werde“, ablehnt und ihr den Satz entgegensetzt: „Volkshygiene ist keine Rassenhygiene“. Manchen Einzelheiten der rassenbiologischen Ausführungen des letzten Kapitels vermag ich freilich nicht zu¬ zustimmen; doch hoffe ich, dass das in der nächsten Auflage schon viel weitgehender möglich sein wird. Für sehr berechtigt halte ich Bauers Zweifel an der heute verbreiteten Meinung, dass die Folgen . der Keimschädigung in der Regel die eigentliche Erbmasse unbeeinflusst lassen, obwohl anderseits Bauers Ansicht, dass sie in jedem Falle „Veränderungen der Konstitution“ (in seinem Sinne) bedeuten, viel¬ leicht auch zu weit gehen mag. „ Die „Vorlesungen“ Bauers werden neben der „Einführung von S i e in e n s, die gegenüber der vorliegenden Auflage noch eine grössere Klarheit der Begriffe voraus hat, mit Recht ihren Platz behaupten. Lenz- München. Dr. G. P. Frets: Heredity of Headiorm in Man. 193 S. mit 16 Tafeln und 9 Diagrammen. Haag 1921. Nijhoff. 12 Gulden. Ein in Buchform erschienener Sonderdruck aus der holländischen Erblichkeitszeitschrift „Genetica“. Die Arbeit ist, soviel ich sehe, die solideste, welche bisher über die Erblichkeit der Kopfform erschienen ist. Die Klarstellung der Erblichkeit ist aber eigentlich die unerläss¬ lichste Voraussetzung der Verwendung der Kopfform als Rassenmerkmal. Ueberhaupt hat die Anthropologie der Zukunft m. E. die Wissenschaft von den erblichen Unterschieden der Menschen zu sein; und dafür be¬ deutet die Arbeit von Frets einen grundlegenden Beitrag, den auch kein Konstitutions- und Erblichkeitsforscher wird unbeachtet lassen dürfen. . , Frets hat an 3600 Mitgliedern von 360 Familien festgestellt, dass die Kopfform in erster Linie durch die Erbanlagen bestimmt wird, dass daneben allerdings auch äussere Einflüsse bei ihrer Ausgestaltung mit¬ spielen. Die meisten Erbanlagen, welche Brachykephalie bedingen, scheinen sich mehr oder weniger dominant zu verhalten, doch wurde auch intermediäres Verhalten beobachtet; mikrobrachykephale Formen scheinen sich rezessiv zu verhalten. In Frets’ Material wurden die brachykephalen Köpfe im Durchschnitt ein wenig kleiner als die dolicho- kephalen befunden; das ist besonders deshalb bemerkenswert, weil auf Grund ungenügender mathematisch-deduktiver Ueberlegungen öfters das Gegenteil behauptet worden ist Lenz- München. Theodor Brugsch und Alfred Sch ittenhelm: Lehrbuch kli¬ nischer Diagnostik und Untersuchungsmethodik für Studierende, Medi¬ zinalpraktikanten und Aerzte. 5., vermehrte und verbesserte Auflage. Urban &. Schwarzenberg, Berlin-Wien, 1921. 968 Seiten gross 8° mit 418 teils farbigen Textabbildungen und 14 teils farbigen Tafeln. 156 M. ungeb. Die neue Auflage des reichhaltigen Buches, die nach 3 Jahren notig geworden ist, bringt eine Vermehrung des Umfanges um 68 Seiten, der Textabbildungen um 30 und zwei neue Tafeln. Der Titel ist geändert, es heisst nicht mehr: Lehrbuch der Untersuchungsmethoden, sondern 1 ehrbuch der klinischen Diagnostik und Untersuchungsmethodik. Es soll damit zum Ausdruck gebracht werden, dass das Buch mehr enthält als eine Aufzählung der verschiedenen Untersuchungsmethoden, es will eine zusammenfasssende Uebersicht der gesamten internen diagnosti¬ schen Wissenschaft sein. Das Anrecht auf diesen Titel ist ein wohl¬ begründetes, gerade die Abschnitte, die über den Rahmen der tech¬ nischen Dinge hinausgehen, sind sehr gelungen. Von Grund auf um¬ gearbeitet ist das Kapitel Untersuchungsmethoden am Zirkulations¬ apparat, die Herzschallregistrierung ist aufgenommen, die in der vorigen Auflage noch sehr kursorisch behandelte Elektrokardiographie nun in Breite dargestellt Das Röntgenkapitel ist stark erweitert, das Pneumo¬ peritoneum sehr berücksichtigt.' Bei der Lehre von dem Ikterus sind d an Hy mans van den B e r g h anknüpfenden Erkenntnisse berüc sichtigt. In der Tuberkulosefrage wird der Asch off sehe Standpun vertreten. Von den neuen, so wertvollen Mikromethoden ist die B Stimmung von Reststickstoff, Harnstoff und Zucker im Blute ai genommen. Von wichtigeren Methoden, die noch in den Rahmen dies Buches gehörten, wird nur die Ammoniakbestimmung vermisst. D Buch ist ein zuverlässiger, auf der Höhe der Zeit stehender Ratgeb und wird eine interessante Lektüre sein für alle, die sich neu ei arbeiten oder über den gegenwärtigen Stand der Dinge wieder einn unterrichten wollen. Kerschenstein et. Göppert und Langstein: Prophylaxe und Therapie der Ki derkrankheiten mit besonderer Berücksichtigung der Ernährung, Pfle; und Erziehung des gesunden und kranken Kindes nebst therapeutisch Technik. Arzneimittellehre und Heilstättenverzeichnis. 37 Abb. 607 Jul. Springers Verlag, Berlin, 1920. Das Buch stellt eine pädiatrische Behandlungslehre im besten bini des Wortes dar; denn einerseits baut es ganz auf der herrschend' Lehrmeinung auf, anderseits ist es ganz aus der Praxis für die Präs geschrieben. So kommt es auch, dass gewisse Abschnitte: Nervosit; Appetitlosigkeit, Kaufaulheit, Erziehungsgrundsätze. Schlaf, Somrm ferien, Badekuren, schlechte Körperhaltung, Gymnastik u. dgl., Trage die dem Kinderarzt in der Sprechstunde leider täglich in erbarmunH loser Eintönigkeit immer wieder begegnen, besonders ausführlich bl handelt werden. In diesem Sinne füllt es auch tatsächlich eine Lüc aus, denn gerade über diese Dinge, wird der Suchende in Lehrbüche fast gar nicht orientiert. Auch in bezug auf die Wahl der einzeln . Behandlungsmethoden befindet sich Ref. mit den Verfassern in eifrea liebster Uebereinstimmung. Es ist zu hoffen, dass der Anfangsnahru (Dnttelmilch) in der nächsten Auflage etwas mehr Milch zugefügt wir auch als Zwiemilchnahrung halte ich diese Verdünnung sowohl a praktischen als auch aus theoretischen Gründen für hervorragend n geeignet. Bei der Asthmabehandlung vermisse ich das Adrenalin, bej Erysipel die Höhensonne. Heisse Bäder zur Gonorrhöebehandlung sit in. E. als lebensbedrohend abzulehnen. Morofl Otto Voss und Gustav Killian: Gehörorgan, obere Luft- Speisewege. Im Handbuch der ärztlichen Erfahrungen im Weltknej 1914/18 von Otto v. Schier ning. Leipzig 1921, Johann Ambril Barth. Preis 90 M. , , Im otologischen Teil werden ausser den Verletzungen auch J Erkrankungen des Gehörorgans beschrieben, während der rhinologiscs und laryngologische Teil nur die Verletzungen der oberen Luft- ul Speisewege umfasst. ' ». j Voss hat die Schuss- und Stichverletzungen des inneren Ohr die Schussverletzungen des Hörnerven und der zentralen Hör- ul Gleichgewichtsbahnen und der zentralen Nachbargebiete des Ohrg sowie die Verletzungen des inneren Ohres und der Zentralorgane duii stumpfe Gewalt übernommen. Er bringt interessante Ejnzi heiten, u. a. auch histologische Beschreibung von Felsenbeinen, die t Symptome der Labyrintherschütterung darboten, aber Fissuren ( inneren Ohres aufwiesen. Voss plädiert überzeugend dafür, dass - Schädelbasis-Chirurgie nicht den Allgemeinchirurgen, sondern den 0| Laryngologen gehört, die die anatomischen Verhältnisse des Ohres u der'Nase besser kennen. ' ..I Killian hat die Verletzungen des Kehlkopfes und der LuftroB für sich behalten. Es dürfte die letzte Arbeit des zu früh verstorberl Führers der Laryngologie sein. Sie ist mit gewohnter Genauigkeit ifl Klarheit geschrieben, so dass ihre Lektüre dem Leser direkt zum CS nuss wird. Er betont mit Recht, dass unser diagnostisches Könnfl um dessen Ausbau er und seine Schule sich besonders verdient £ macht haben, heutzutage weit reicht, um den einzelnen Fall ganz kl zulegen. Bei Behandlung der Stenosen ging er meist chirurgisch während er die Dilatationskuren kaum anwandte. Das Kapitel ul die Lappenbildung bei Laryngostoma sollte jeder Laryngologe gelefi haben. , , . . , 1 Die übrigen Kapitel sind an Mitarbeiter verteilt, die geschickt a< gewählt sind. Auf diese Weise ist die ganze, fast unübersehbare Kat stik zu einem klaren Gesamtbild verarbeitet. Nur Gutzmann beschräl sich fast nur auf eigene Erfahrungen, aber sicherlich nicht zum Nach?! der Sache, da er über ein grosses Material verfügt und im Kriege |S einziger Spracharzt auch eine klinische Abteilung geleitet hat, in ft er einen besonderen Wert auf die eingehende Beantwortung genau Fragebögen gelegt hat. ■ Das Handbuch zeigt, dass unsere Friedenskenntnisse durch j Krieg in mancher Beziehung erweitert und geklärt worden sind, nenne nur die Lehre von der Perichondritis der Kehlkopfknot; (Killian), von den Stirnhirnabszessen (W e i n g ä r t n e r), Med stinitis (Kahler) und Lähmung des N. vagus, Ramus ext. B N. laryng. sup., sowie den Einfluss der einseitigen Rindenläsion auf :< Glottisschliesser (N e u m a y e r). Die Kapitel der einzelnen Mitarbeiter lauten: Fl ei schmal die Verletzungen des äusseren und des mittleren Ohres, Oertel,'^ Schädigungen des Gehörorgans durch Explosion und SchalleinuüS G r a h e und S e 1 i g m a n n, Erkrankungen des Gehörorgans infej' von Kriegsseuchen und unabhängig von ihnen, z. B. durch Kampfgas, ! aber im Ohr und Gleichgewichtsorgan keine besonderen Störungen r vorgerufen hat. v. Eicken, funktionelle Schädigungen des Gel Organs durch Kriegseinflüsse, wobei die B e r t h o 1 d sehe Methode Februar 1922. MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT. 245 ilung der funktionellen Taubheit gelobt wird. St enger. Aggra- tion und Simulation von Gehörleiden bei Feldzugsteilnehmern, hese, die wechselseitigen Beziehungen von alten Ohrenleiden und iegsschädigungen des Gehörorgans. Kahle r, die Kriegsverletzungen r Nasenhaupthöhlen. Rieh. H o f f m a n n, die Verletzungen der Kiefer- hlen. Weingärtner, Stirnhöhle, Siebbein und Keilbeinhöhle. . betont mit Recht, dass die Durchschüsse durch die oberen Neben- hlen zugleich Schädelbasistamgentialschüsse sind, und dass deshalb »glichst frühzeitig eine gründliche Wundrevision nötig ist. Von seinen gebnissen sind noch folgende von Interesse. Die Luft in den nor¬ den Nebenhöhlen wirkt als „Stosskissen“. Bei Schussverletzungen r Nebenhöhlenschleimhaut sieht man immer entzündliches Oedem der hleimhaut. Fraktur der Lamina cribrosa allein durch Luftdruck. War- ng vor Spülungen und vor zu frühzeitigen plastischen Operationen, f. hat ebenfalls durch zu frühzeitige plastische Operationen seitens les auswärtigen Kollegen einen glücklich geheilten traumatischen hläfenlappenabszess verloren. Otto Kahler, die Schussverletzungen s Rachens und der Speiseröhre. Neumayer, die Verletzungen der ; oberen Luft- und Speisewege versorgenden Nerven. Und schliess- h üutzmann, Stimm- und Sprachstörungen bei Kriegsverletzten, wendet sich dagegen, dass die Stimmkrarken von den Neurologen handelt werden, und mit Recht besonders gegen die Anwendung des rrors und Dolors, wie überhaupt sein humaner Standpunkt sehr wohl- :nd wirkt: „Der Kranke steht immer in erster Linie, nicht die Wissen- laft.“ Er scheut sich nicht, wenn ein Fachkollege suggestibler wirkt ; er (Barth), ihm den Kranken zur Behandlung zu überweisen. Wenn aus einzelnen Kapiteln vom Inhalt nichts erwähnt wird, begründet sich das durch den Mangel an Raum, der dem Refer. zur :rfügung steht, und liegt zum Teil auch am Stoff, aber durchaus nicht der Bearbeitung desselben; im Gegenteil soll besonders betont wer- n, dass die einzelnen Kapitel trotz der grossen Zahl der Mitarbeiter erraschend gleichmässig ausgefallen sind, was wohl dem Einfluss n V o s s und K i 1 1 i a n zugeschrieben werden muss. Die Beigabe eines Sachregisters wird das Nachschlagen sehr er- chtern. Das Handbuch ist ein würdiges Denkmal für unsere verwundeten d gefallenen Helden. Das feindliche Ausland, das unsere Wissenschaft mer noch boykottiert — nächster internationaler Otologenkongress Paris, nicht, wie vor dem Kriege beschlossen, in Deutschland! — . soll uns ein derartiges Werk einmal nachmachen! Scheibe- Erlangen. Fundamente zur Diagnostik der Verdauungskrankheiten. Dia- ostische Studien, bearbeitet für Studierende und praktische Aerzte m Dr. F. X. M a y r. Facharzt für Verdauungs- und Stoffwechselkrank- iten in Karlsbad. Mit 67 Abbildungen auf 26 Tafeln, 332 Seiten, ien und Leipzig. Universitäts-Verlagsbuchhandlung Wiihelm Brau- ii 1 1 e r, 1921. Preis 48 M. Dass die Diagnostik der Verdauungskrankheiten, trotz aller Fort- hritte in der Physiologie und Pathologie des Verdauungsapparates, äichwohl noch immer eines sicheren Fundamentes entbehrt, wer ver¬ achte es zu leugnen? So ist denn ein Werk wie das vorliegende fs wärmste zu begrüssen, nur schade, dass der Verfasser durch die hinter allzugrosse Weitschweifigkeit und unnötigen Wiederholungen :h stellenweise selbst um den Erfolg seiner Ausführungen bringt. Dem sten Teil über die normalen Verhältnisse des Abdomens folgt im Abschnitt die Beantwortung der Frage, wie und wodurch sich die auf- ligsten Symptome der Verdauungsstörungen im und am Abdomen d weiterhin im übrigen Körper entwickeln. Dem schliesst sich als für n Praktiker zweifellos wertvollster der dritte Teil an mit seinen isführungen, wie man ohne Anamnese und ohne chemische und instru- entelle Hilfsmittel, nur mit den unbewaffneten fünf Sinnen sich ein [»glichst zutreffendes Bild vom Zustand und der Funktion der ein- Inen Abschnitte des Verdauungsapparates verschaffen kann. Dieser tztere Abschnitt, wenn er auch nicht in allem unwidersprochen eiben wird und wohl manche Kontroverse zeitigen dürfte, bietet ohne veifel so viel des Neuen und Wissenswerten, dass schon um des¬ sen dem Buche weiteste Verbreitung zu wünschen ist. Die dem erke beigegebenen zahlreichen Abbildungen sind durchwegs äusserst struktiv, wenn ich mich auch nicht allen Schlussfolgerungen be- ngungslos anzuschliessen vermag, und beim Betrachten eines so herr- hen Kunstwerkes wie der Venus von Milo oder einer Venus von ndos mich schliesslich doch andere Gedanken beseelen, als dass es -h hier um einen Kotgasbauch oder eine hochgradige Atonie der Ge- irme handelt. Trotz dieser, in einer folgenden Auflage ja nicht un- iiwer zu behebenden Ausstellungen, möchte ich vorliegendes Werk Ir aufs Angelegentlichste empfehlen, verspreche ich mir doch reichen swinn davon, wenn wir Aerzte unabhängiger werden von den vielen ethischen und instrumenteilen Hilfsmitteln und am Krankenbette ieder besser sehen lernen, sowohl zum besten unserer Kranken, als ich im wohlverstandenen eigenen Interesse, im Hinblick auf so anchen in der Kunst des Sehens besser bewanderten Pfuscher und eilbeflissenen. A. Jordan- München. Arthur Grurabach: Das Handskelett im Lichte der Röntgen¬ rahlen. Mit 11 Textabbildungen und 15 Tafeln. 1921. Wien und 'ipzig. Braumüller. Das mit einem Literaturverzeichnis von 715 Nummern versehene, >0 Seiten umfassende Büchlein will die fast unübersehbare Literatur s im Titel genannten Gebietes wieder einmal kurz zusammenstellen und kritisch sichten. Die ersten beiden Teile behandeln die akzessori¬ schen Handwurzelknochen und sind für den forschenden und praktischen Röntgenologen wertvoll. Teil 3 gibt eine neue Erklärung für die Per¬ sistenz der Sesambeine, während im 4. Teil die Ossifikationsverhältnisse des Handwurzelskelettes gebracht werden. — Die Arbeit zeugt von grossem Fleiss und liest sich äusserst anregend. Alban K ö h 1 e r - Wiesbaden. R. Stiegler: Lehrbuch der Physiologie für Krankenpflegeschulen. 2., verbesserte Auflage. A. Holder, Wien-Leipzig, 1921. 292 Seiten. 30 M. Eine kurzgefasste Einführung in die Physiologie, soweit sie für die Ausbildung von Krankenpflegepersonal in Frage kommt. Die Art der Darstellung, die Anordnung des Stoffes und die beigegebenen Ab¬ bildungen sind durchweg gut. Die Beschränkung des darzustellenden Stoffes ist nicht ganz leicht zu finden. Die Grenze ist nach Ansicht des Rezensenten eher zu weit als zu eng gezogen. Vor allem würde Rezensent bei Herstellung einer Neuauflage eine noch erheblichere Be¬ schränkung der lateinischen Fachausdrücke empfehlen. Worte wie Aphasie, Ataxie, Presbyopie, Phagozytose, Kotyledonen der Plazenta, Neuramöbimeter und ähnliche mehr, wie sie sich in reichlicher Menge noch im- Texte finden, dürften bei erneuter Herausgabe des sonst guten Buches wohl unschwer zu vermeiden sein. H. Schade -Kiel. Zeitschriften - Uebersicht. Mitteilungen aus den Grenzgebieten der Medizin und Chirurgie. Band 34, Heft 4; 1922. Verlag Gustav Fischer. R. Demel: Beobachtungen über die Folgen der Hyperthymisation. (Aus der I. Chir. Univ. -Klinik und dem Univ. -Institut f. Bakteriol. u. pathol. Histol. in Wien.) Thymusstückchen jüngerer und älterer Ratten wurden jungen Ratten in eine Muskeltasche implantiert und hielten sich auffallend gut. Die Tiere zeigten reichlichen Fettansatz und wuchsen bedeutend rascher, namentlich nach Ueberpflanzung aus jungen Tieren. Die Festigkeit der rascher in die Länge wachsenden Knochen war nicht vermindert. Eine funktionelle Be¬ einflussung der Nebenniere, der Geschlechtsdrüsen und der Hypophyse war nicht zu bemerken. Verfütterung von Thymussubstanz beeinflusste weder den Gesamthabitus noch die hormonalen Organe. W. Schemensky: Der Wert des „stalagmometrischen Quotienten“ für die Differentialdiagnose zwischen benignem und malignem Tumor, speziell des Magen- und Darmkanals. (Aus der Med. Univ.-Klinik Frankfurt a. M.) Urine von Karzinomkranken und klinisch karzinomverdächtigen Fällen zeigten in über 75 Proz. einen erhöhten stalagmometrischen Quotienten bzw. Säurequotienten (über 200). Die Erhöhung des ersteren, also die Veränderung der Oberflächenspannung = Tropfbarkeit beruht auf vermehrter Ausscheidung hauptsächlich von Eiweissschlacken: Albumosen, Peptonen und Oxyprotein- säuren. Der Ausfall des stalagmometrischen Quotienten gestattet in der über¬ wiegenden Mehrzahl der Fälle die Unterscheidung maligner Tumoren von benignen. Die Ursache des zeitweisen Versagens der Methode ist noch un¬ bekannt. Rheindorf: Zur Appendizitisfrage, zugleich ein Beitrag zur Be¬ deutung der „Wurmschmerzen“ für die Chirurgie, Gynäkologie und die innere Medizin. (Aus dem path.-anat. Institut des St. Hedwigs-Krankenhauses Berlin.) Verf. kommt zurück auf seine frühere Monographie (1920), in der er hauptsächlich die Oxyuren (Trichozephalen und Askariden) für das Zustande¬ kommen der Appendizitis und der sie oft vortäuschenden „Wurmschmerzen“ verantwortlich gemacht hatte. Die durch die Würmer verursachten Epithel- und Schleimhautdefekte bilden die Eingangspforten für die Infektion. In zweiter Linie kann jede andere, das Epithel des Wurmfortsatzes zerstörende Noxe durch sekundäre Infektion zur Appendizitis führen: echte Fremdkörper, Infektionskrankheiten, besonders Tuberkulose, Typhus, Ruhr. Die „chro¬ nische Appendizitis“ besteht in „Wurmschmerzen“, welche durch Oxyuren bzw. deren Stoffwechselprodukte hervorgerufen werden, meist vom Wurm¬ fortsatz, aber auch vom übrigen Darm aus. Zahllose Operationen sind in Unkenntnis dieses Zusammenhanges zwecklos vorgenommen worden. Herrn. Meyer: Entstehung und Behandlung der Speiseröhrenerweite¬ rungen und des Kardiospasmus. (Aus der chir. Klinik Göttingen.) An der Funktion der Kardia sind der Vagus und der Sympathikus be¬ teiligt. Jede Reflexstörung, die meist peripher angreift, führt zu einer Ueberempfindlichkeit des Reizleitungssystems. Mit T h i e d i n g unterscheidet Verf. 1. Dysphagia intermittens; erhöhter Vagotonus, Ektasie noch nicht hochgradig. Hier sind Hypnose, Atropin, Diät, Spülungen und Sondierung zu versuchen; 2. Dysphagia hypertonica permanens; Dauerspasmus, zu¬ nehmende Ektasie. Therapie: Mechanische Dehnung nach G o 1 1 s t e i n, operative nach Mikulicz oder Kardiaplastik nach Heller; Erfolg ist nicht sicher; 3. Dysphagia atonica, mit hochgradiger Ektasie; selten. The¬ rapie: Kardiaplastik, Oesophagogastroanastomose und Kardiaresektion, jedoch nur in besonders geeigneten Fällen, wegen hoher Mortalität. Ernst Seitz: Das Verhalten des Blutzuckers bei chirurgischen Er¬ krankungen. II. Mitteilung. (Aus der Chir. Universitätsklinik Frankfurt a. M.) Bei Tuberkulösen war der Zuckerabbau deutlich vermindert, bei chroni¬ schen Gallenblasenerkrankungen erhöht; bei Erkrankungen der Schilddrüse. Knotenkröpfen und vor allem Basedow deutete der Blutzuckerspiegel auf er¬ höhte Sympathikusreizung, die aber 14 Tage nach der Operation behoben war, was gegen die Auffassung der Schilddrüse als lediglich eines „Erfolgs¬ organs“ spricht. Holzweissig: Ein Beitrag zur Kenntnis der Duodenaldivertikel. (Aus dem Path.-Hygien. Institut der Stadt Chemnitz.) Mitteilung von 26 Fällen, mit Operations- und mikroskopischen Be¬ funden. Die Divertikel kommen in allen Abschnitten vor, am häufigsten aber dicht über, unter oder neben der Papille, ferner mit Vorliebe an der Um¬ biegung der Pars desed. in die Pars horic. inf. Die nahe dem Pylorus sitzen¬ den stehen häufig in Beziehung zu Geschwüren und sind Traktionsdivertikel, während alle übrigen als erworbene Pulsionsdivertikel unter Mitwirkung anatomisch disponierender Zustände entlang eines Gefässes durch die Musku- 246 MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT. .Ni?, latur oder durch die für den D. choledochus gegebene physiologische Lücke durchtreten; es sind Schleimhautausstülpungen. Oefters finden £ich neben Duodenaldivertikeln noch multiple Dünn- oder Dickdarmdivertikel, wobei oft chronische Stauung zu einer Erweiterung der physiologischen uefäss- lücken geführt hat. Auch die durch kleine Fibroadenome oder durch ein Nebenpankreas bewirkte Aufsplitterung der Muskulatur schafft Loca minoris resistentiae. Ludw. M e r k - Innsbruck: lieber körperfremde Zellgebllde Im mensch¬ lichen Kropf. .... . , . .. In frischem Kropfgewebe und Blasensaft finden sich massenhaft 1. Sporen, 2. „Rostzellen“, wahrscheinlich mit den „Kolloidzellen“ anderer Autoren identisch, 3. selten: eiartige Zellen. AUß drei Formen haben im auffallenden Licht eine eigentümlich helle Zitronenfarbe. Verf. glaubt, dass alle drei in den Kreis eines einzigen und zwar tierischen Lebewesens ge¬ hören und denkt zunächst an ein Protozoon. Abbildung der Zellen, Angabe der Technik. G r a s h e y - München. Zeitschrift für Tuberkulose. Banti 35, Heft 5. Emil Szäsz-Pest: Allergie oder Anergle. Aus Anlass des Aufsatzes von Ddetl in Band 34 erörtert Verf. die obigen Begriffe. Wenn Allergie „eine in der Richtung vollkommener Ab¬ wehrtätigkeit sich vollziehende Reaktivitätsänderung des Organismus“ ist, so darf der Zustand ungenügender Abwehrtätigkeit nicht auch mit diesem Aus¬ drucke bezeichnet werden. Wertere Untersuchungen über Allergie müssen auf Grund der bakteriellen und antitoxischen Immunität (Partialantigene, Tuberkulin) gemacht werden. Benzion H i r s c h o w i t z - Prag: Ueber Tuberkulose und ihre Be¬ ziehung zu Karzinom, Ulcus ventriculi, Kyphoskoliose und anderweitigen pathologischen Prozessen. , Die Untersuchungen aus dem Ghon sehen Institut zeigen, dass Kar¬ zinom und Tuberkulose sich im Wesentlichen ausschliessen, dass das Magen- ulcus mit der Tuberkulose auf die gleiche Konstitutionsanomalie zurückzu¬ führen ist, dass es mit Kyphoskoliose wie mit Karzinom ist. J. Schuster-Breslau: Zur Frage der Desinfektion des tuberkulösen Aus wurf cs» Entgegnung gegen J o e 1 1 e n, der in Elster das Kalkverfahren als un¬ genügend bezeichnete. Curt Schelenz - Trebschen: Zur Geschichte der Bretsc h neide r- schen Wechselatmung. Verf. berichtet, dass der englische Arzt Ramadge in einer von Hohnbaum übersetzten und 1835 erschienenen Schrift schon die von B r e t s c li n e i d e r neu erfundene (und für alle möglichen und unmöglichen Leiden angepriesene) Wechselatmung beschreibt *). Arnim M a y e r - Frankenhausen: Vereinigung spezifischer und unspe¬ zifischer Heilwirkung zur gegenseitigen Ergänzung bei Tuberkulose. W& die spezifische Behandlung nicht zum Ziele führte, ist sie durch unspezifische, z. B. Höhensonne, Caseosan, zu ergänzen. Der Hauptver¬ arbeiter der eingeführten Stoffe ist die Haut. Grundsätzliche, das Gebiet der Tuberkulose weit übergreifende Untersuchungen sind im Gange. Ihre Er¬ gebnisse werden für später angekündigt. Ivo Ivancövie und Max P i n n e r - Jugoslavien und Amerika: Zur Frage der tuberkulösen Infektion im Schulalter. Am meisten gefährdet die Gruppe im 6. — 9. Jahre, weniger die älteren. Weitere Untersuchungen müssen zeigen, wieviel Prozent der Kinder den Weg aktive Kindertuberkulose, scheinbar geheilte, sog. latente Bronchial¬ drüsentuberkulose, fortschreitende Lungenphthise gehen. In der Heilstätte nbeilage: G. L i e b e - Waldhof-Elgershausen: Die Arbeitsunfähigkeit der Lungen¬ kranken in Heilstätten. Zweiter Bericht. Liebe- Waldhof-Elgershausen. Archiv für klinische Chirurgie. 117. Band, 4. Heft. (Festschrift für Erwin Payr.) Otto Kleinschmidt: Ueber Bauchschuss und Schock. Der Autor versucht den Begriff Schock, der heute noch nicht klar um schrieben ist, vielmehr als Sammelname für eine ganze Reihe verschiedener Krankheitsbilder gebraucht wird, näher ‘zu umgrenzen. Störungen, die durch Blutungen nach innen oder aussen oder durch Intoxikationen herbeigeführt werden, sind vom eigentlichen Schock zu trennen. Vom Schock soll man nur dann sprechen, wenn auf einen psychopathisch veranlagten oder durch schwere körperliche oder psychische Eindrücke nachteilig beeinflussten Organismus eine Gewalteinwirkung stattgefunden hat, die weder zu einer starken Blutung Veranlassung gab, noch mit starker Gewebszertrümmerung einhergegangen ist oder von Intoxikationen oder Infektionen gefolgt ist, bei der aber trotzdem Störungen eintreten, die sonst durch die eben erwähnten Ursachen begründet zu sein pflegen. Im Anschluss daran Mitteilung von 26, an der Leipziger Klinik während der Märztage 1920 operierten Bauchschüsse. Mortalität 63,6 Proz. Sonntag: Ueber Induratio penis plastica nebst einem Beitrag zu ihrer operativen Behandlung. Mitteilung eines Falles von Induratio penis plastica, die operativ zu bessern gesucht wurde, mit ausführlicher Beschreibung und bildlicher Dar¬ stellung des eingeschlagenen operativen Verfahrens. Gleichzeitig wird das Krankheitsbild unter Berücksichtigung aller in der Literatur erreichbaren Angaben eingehend besprochen. 200 Fälle sind bisher bekannt. Die Krank¬ heit besteht in einer sträng-, knoten- oder plattenförmigen Verhärtung im Penis zwischen Glans und Wurzel, zwischen Haut und Schwellkörper gelegen. Abknickung des Penis, Schmerzen bei der Erektion und die damit verbundenen Störungen sind die Folgen. Prognose ist ungünstig. Therapie nicht sehr erfolgreich. Radium- und Röntgenbestrahlung sind zu versuchen. Fibro- lysininjektion meist ohne Erfolg. Exzision der Schwiele ergibt in 75 Proz. Heilung. Joseph H o h 1 b a u m: Erfahrungen und Erfolge nach blutiger Mobili¬ sierung versteifter statisch belasteter Gelenke. Es wird über die Resultate der Nachuntersuchung von 85 totalen Arthro- plastiken des Kniegelenkes, 20 Hüft- und 4 Sprunggelenksmobilisierungen be¬ richtet aus den Jahren 1911—1921. Die GeSamterfolge sehr zufriedenstell I Die Resultate der Kniegelenksmobilisierungen am Friedensmaterial (49 F ;) sind 77,5 Proz. Erfolge und 22,5 Proz. Misserfolge, darunter 1 Todenl Unter den Kriegsankylosen (36 Fälle) 78 Proz. Erfolge, 22 Proz. Misserke, kein Todesfall. Unter 20 Hüftgelenksmobilisierungen wurden 11 gute und « gute Resultate erzielt, 8 Misserfolge, darunter 1 Todesfall. 1 Fall befindet :l noch in Behandlung. Die 4 wieder beweglichgemachten Sprunggelenke we| ein aktives Bewegungsausmass von 30 Graden auf. Die besten Erfolge wuia bei den gonorrhoisch und durch Trauma versteiften Kniegelenken erzt: weniger günstig scheinen die metastatisch versteiften Gelenke für die Mol sierung zu sein wegen der dabei besonders in Erscheinung tretei“ schweren toxischen Schädigung der Muskulatur. Die viele Jahre (7 10 Ja zurückliegenden Fäfle zeigen ausgezeichnete Dauererfolge. Die am läng in Gebrauch stehenden Nearthrosen sind in der Regel funktionell die be; Die Ausreifung des neuen Gelenkes und die Erholung der durch Ruhigstel und Toxine geschädigten Muskulatur braucht in der Mehrzahl der Fälle 1; Zeit. 1—2 Jahre vergehen in der Regel, bis die Patienten zum vollen Gei ihres wieder beweglich gemachten Gelenkes kommen. Gehreis: Der operative Verschluss des künstlichen Afters ohne Sp* quetschung. . Es wird zur Beseitigung des Anus praeternaturalis das an der Kj| Payr übliche Verfahren empfohlen. Dasselbe besteht in entsprechend wt I Mobilisierung beider Darmschenkel, Anfrischung der Enden und End-zu-ll Vernähung der Darmlumina an serosabekleideter Stelle; breite Eröffnung j Peritoneums ist in der Regel dabei gar nicht nötig. Eröffnung des fr i Peritoneums an der einen oder anderen Stelle kommt häufiger vor, sclil aber nichts. Ein in der Nähe der Naht herausgeleiteter Jodoformgazestrm oder Extraperitonisierung der Nahtstelle der Vorderwand macht die folgt 1 Eiterung oder das teilweise Aufgehen der Naht ungefährlich. In 25 F;l wurde die Fistel durch einen einmaligen Eingriff zum Verschluss sebn i 14 Tage nach der Operation sind die Patienten meist entlassungsfähig. I einem Falle Tod durch Peritonitis. L. Frankenthal: Unsere Erfahrungen und experimentellen Uir suchungen bei Wunddiphtherie. „I Der Verfasser teilt mit, dass er seit 1 Yi Jahren in der Leipziger Ch:j gischen Klinik 1. systematisch alle klinisch diphtherieverdächtigen Wunt 2. auch eine grosse Zahl verdächtig aussehender Wunden abgeimpft j bakteriologisch untersucht hat. In den 186 Fällen unverdächtig aussehe Wunden hat er 20 mal (10,7 Proz.), in 57 klinisch als Wunddipldl imponierenden Fällen 12 mal (21 Proz.) Diphtheriebazillen gefunden. F. tont vor allem, dass das Erysipel für die ganze Frage der Wunddiphtl ausserordentlich wichtige Rolle spielt, tind er beweist das an ^ eine *) Er hat auch schon eine Art Pneumothorax, „Parazentese der Lunge“, gemacht. Leider fehlt in meinem Exemplar die betreffende 4. Tafel. L. grösseren Anzahl von Fällen, bei denen nicht nur Erysipel vorausgegaij war, sondern bei denen auch noch später neben den echten Diphtheriebazi Streptokokken nachgewiesen werden konnten. Das Zustandekommen I Wunddiphtherie erklärt sich F. so, dass meist Streptokokken (hie und da I andere Kokken) und Anaerobier das Gewebe primär schädigen und dann ! die Ansiedlung der Diphtheriebazillen ermöglichen (analog Schar! I diphtherie). Therapeutisch werden vor allem direkte Sonnenbestrahlung,^ Höhensonne, das Jodoform und die Chromotherapeutika gerühmt. Hermann Kästner: Die bewegliche X. Rippe als Stigma enteroptij« Da ontogenetisch die Rippen sich distal, kaudokranial fortschreitend, Brustbeine loslösen, und auch phylogenetisch die Zahl der Rippenpaarelj nimmt, besonders mit dem Erwerb des aufrechten Ganges, so verdient« bewegliche X. Rippe als degeneratives Stigma von vornherein Misstrii Verf. berichtet, nachdem er die radiologischen Kennzeichen der Gastrori erörtert hat, über 28 Fälle von beweglicher X. Rippe. Unter diesen fa|l sich bei genauer radiologischer Untersuchung 14 Fälle, also 50 Proz., d jedes Zeichen einer Magensenkung fehlte. Nur in 3 Fällen stellten sich gradige Gastroptosen heraus, 11 Fälle waren Gastroptosen geringen Gnj Die bewegliche X. Rippe bietet darum als Zeichen für Eingeweidesenj keine grosse Sicherheit. A. Kortzeborn: Pathologische Luxation im linken Metat; phalangealgelenk. Beschreibung, Abbildung und Röntgenbefund eines Falles mit Ifl gradigem beiderseitigen Hallux valgus, bei dem es am rechten Fasse zu ih kompletten pathologischen Luxation im linken Metatarsophalangealgelenkc* gleichzeitiger Luxation der Sesambeine lateral- und proximalwärts gekonk war. Die Luxation ist als Distensionsluxation aufzufassen. A. Kortzeborn: Operative Behandlung hartnäckiger Spitzp Stellungen der Fussstümpfe. Die Ursache gelegentlich immer wieder rezidivierender SpitzfusssteU bei Chopart- oder Lisfrancstümpfen ist neben der Kontraktur der Wijj muskulatur in einem Schrumpfungsprozess der hinteren Sprunggelenkskk zu suchen. Neben Durchtrennung und plastischer Verlängerung der Achfc sehne ist auch eine Durchschneidung der hinteren geschrumpften Spi» gelenkskapsel notwendig. Gustav Halter: Ein Fall von Luxationsfraktur des Os metacarps mit Fraktur des Multangulum maius. Mitteilung eines solchen an der Klinik Payr beobachteten • Falles! durch -Reposition und kurzdauernden Fixationsverband mit Keulenschiems gutem Erfolge behandelt wurde. Besprechung 3 anderer in der Lite p bekanntgewordener einschlägiger Fälle. il| J. Boysen: Beitrag zur Kenntnis des partiellen Magenvolvulu: einem Zwerchfelldefekt, kompliziert durch ein blutendes Magengeschwür. Es wird über einen Fall von Inkarzeration des Magens in einer matischen Zwerchfellhernie mit partiellem Magenvolvuhis berichtet, der ein abundant blutendes Ulcus kompliziert war. Der schlechte Allgei zustand des Kranken verbot den zur Behebung des Leidens notwemö schweren Eingriff. Tod durch Verblutung in den Darm. Gebhard Hroinada: Zur Insuffizienz der Valvula Bauhini. Durch anatomische Untersuchungen und Tierversuche kommt der A zu folgendem Schluss: Die Valvula Bauhini ist schlussfähig, die K1 schiiesst aktiv durch Kontraktion des Ml sphincter ileocolicus, sowohl < dem Ileum, wie nach dem Zoekum, und passiv als Rückschlagventil L den Dickdarm. Die Korrekturoperation nach K e 1 1 o g g - P a y r ist ein] facher, die Insuffizienz der Valvula Bauhini sicher behebender Eingriff. - Insuffizienz der Valvula Bauhini kann chronische, jeder Behandlung trotz! Obstipationsbeschwerden verursachen. Bericht über 16 solcher mit Et \ Febinar 19 22. MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT. 247 jerativ behandelter Falle. In einem Falle war die Insuffizienz der Klappe zidiviert. Hermann Naumann: Ueber einen Fall von Blutzyste des Mesocolon ansversum unter gleichzeitiger Berücksichtigung der Differentialdiagnose und lierapie der Meseuterialzysten. Nach Rückblick auf die historische Entwicklung unserer Kenntnisse über e Mesenterialzysten wird ein Fall von vor der Operation diagnostizierter lutzyste des Mesocolon transversum beschrieben. Ausführliche Besprechung :r Differentialdiagnose der Mesenterialzysten gegenüber anderen Tumoren ;s Abdomens. Mit den modernen diagnostischen Hilfsmitteln dürfte es meist ?lingen, Qekrösezysten vorher richtig zu diagnostizieren. Operative Therapie, e in Exstirpation oder Marsupialisation besteht, ist immer indiziert. Andreas ITedri: Ein einfaches Verfahren zur Verhütung der Trennungs- mrome. Das Entstehen der Neurome am zentralen Stumpfe durchtrennter peri- lerer Nerven konnte bisher nicht verhindert werden. Verf. hat nach Ver¬ torfung des Nervenquerschnittes mit dem weissglühenden Paquelin bei mputationsstümpfen das Ausbleiben der Trennungsneurome beobachtet, xperimentelle und histologische Untersuchungen ergaben eine hoch hinauf- eigende Degeneration des Nerven und verzögerte Regeneration ohne Neurom- ildung. Das Verfahren wurde an der Leipziger Klinik bei zahlreichen Ampu- itionen und Reamputationen mit Erfolg angewendet. Payr empfiehlt neuer- ings bei Trigeminusneuralgie die Durchtrennung des II. und HI. Astes am oramen ovale und rot. mit Galvanokauter. Hohlbaum - Leipzig. Zentralblatt für Chirurgie. 1922. Nr. 4. K r e u t e r - Erlangen: Gastropexie mit dem Lig. teres hepatis, als vor- jreitende Operation zur Röntgenbehandlung gewisser Magenkarzinome. Während das Rektumkarzinom durch seine Lage und geringe Verschieb- chkeit den Röntgenstrahlen leicht zugänglich ist und eine Verkupferung mit achfolgender Bestrahlung hier auffällige Erfolge erzielt, bietet beim Magen ;ine tiefere Lage und seine Beweglichkeit grosse Schwierigkeit, den Tumor lit genügenden Strahlenmengen zu fassen. Verf. kam daher auf den Ge- anken, inoperable, aber genügend bewegliche Magenkrebse dadurch unbe- eglich und für die Röntgenstrahlen angreifbar zu machen, dass er das Lig. :res an der Leber abträgt, wie eine Schlinge um den Magentumor legt und i der Nabelgegend fixiert, nachdem vorher eine Gastroenterostomie angelegt 'urde. Aus der beigegebenen Abbildung ist diese einfache Methode leicht rsichtlich. J. D u b s - Winterthur: Resektion oder Gastroenterostomie bei pylorus- :rnem Ulcus ventriculi. Verf. schildert 1 Fall von pylorusfernem Ulcus ventriculi, bei dem nach lastroenterostomie anatomische Heilung eintrat, obwohl keine subjektive ■eschwerdefreiheit bestand. Verf. steht auf dem Standpunkt, dass solche eilungen nach einfacher Gastroenterostomie dem Operateur den Entschluss ur Gastroenterostomie, wenn eine Resektion nicht mehr möglich ist, er¬ höhtem können. Alfr. C a h n - Kattowitz: Fall von Fibrom der Bauchdecken in einer ppendektomienarbe. Verf. beschreibt kurz 1 Fall von Bauchdeckenfibrom in einer Operations- arbe, bei dessen Aetiologie die primäre Gewebsschädigung zweifellos eine 'olle spielt. Histologisch handelte es sich um ein Fibrosarkoin von klinisch utartigem Charakter. J. E 1 s n e r - Dresden: Einfacher Handgriff zum Nachweis von Senkungs- bszessen im Bauch. Zur Feststellung tiefer Bauchabszesse bei Kindern lässt Verf. das Kind tiie-EHenbogenlage einnehmen und umgreift von hinten mit beiden Händen ie Darmbeinschaufeln, wobei die Hohlhände auf der Höhe der Darmbein- ämme ruhen, wie eine Zeichnung deutlich erkennen lässt; man kann so ohne esondere Schmerzen und Spannung leicht tiefe Abszesse feststellen. 0. Muck-Essen: Entleerung eines Stirnlappenspätabszesses und Ver- inderung des Ventrikeldurchbruches durch künstliche Blutleere des Gehirns rorübergehende Karotidenkompression). Durch kurzdauernde beiderseitige Karotidenkompression — natürlich line Narkose — ist es dem Verf. gelungen, einen Stirnlappenabszess zur lUsheilung zu bringen und seinen Durchbruch in den Ventrikel zu verhüten; .‘desmal bei der Karotidenkompression trat eine Blutflüssigkeitsverminderung n Schädelinnern und damit eine Vergrösserung der Hirnabszesshöhle auf, /©durch sich der Eiter in der Tiefe dann leichter entleeren konnte. Er. J a c o b s e n - Hamburg: Zur Arbeit von Deutschländer; ieber eine eigenartige Mittelfusserkrankung. Im Gegensatz zu Deut. schiänder kommt Verf. auf Grund mehr- icher Beobachtungen zur Ueberzeugung, dass es sich auch bei den von D. litgeteilten Fällen um eine mehr oder weniger langsam vor sich gehende Jetatarsalfraktur auf der Basis einer falschen Belastung handelt. Verf. onnte in allen Fällen durch geeignete, das Quergewölbe besonders berü'ck- ichtigende Einlagen, sowie durch Bäder und Massage in kurzer Zeit Be- chwerdefreiheit erzielen. Eugen S c h u 1 1 z e - Marienburg: Ueber Tetanus. Verf. berichtet über 1 Todesfall an Tetanus bei einem Soldaten, der 191S inen Durchschuss durch den linken Unterschenkel erlitten hatte und bereits mal deshalb ohne Schaden und ohne wiederholte Tetan. -Antitoxin-Injektion lachoperiert worden war, ohne dass nur einmal Tetanus aufgetreten wäre; 'ei der jetzigen Operation, bei der auch keine Tet. -Antitoxin-Injektion ge¬ flacht wurde, bekam Pat. einen schweren Tetanus, dem er' am 3. Tage erlag; s wurde also nach 3 Jahren bei Ausräumung einer glattwandigen Sequester- öhle die „ruhende“ Infektion mobil; vielleicht war auch die Einstülpung ler Weichteile in die Knochenmulde und damit der Luftabschluss nicht gleich¬ gültig. Deshalb empfiehlt Verf. dringend auch bei Durchschüssen Tetanus- ntitoxin zu injizieren und offen zu behandeln, ohne Naht. H. F 1 ö r c k e n - Frankfurt a. M.: Zur Stumpfverletzung bei Kropf- merationen. Die von Liek in 1921 Nr. -45 angegebene Methode der Vernähung les Kropfrestes von Pol zu Pol bzw. von oben nach unten wurde zuerst •’°n Enderlen geübt; auch Verf. verfährt so seit 2 Jahren mit bestem erfolg und sehr gutem kosmetischen Resultat; ein weiterer Vorteil dieser lahtmethode besteht darin, dass man ein Anstechen der Trachea vermeidet, ■vas eine starke inspiratorische Dyspnoe auslöst. Hch. F i s c h e r - Giessen: Kritisches zum Artikel von Specht; Ist die 'lebennierenexstirpation bei Epilepsie berechtigt? (Nr. 37, 1921.) In kritischen Auseinandersetzungen verteidigt Verf. seinen Standpunkt und seine experimentellen Versuche gegenüber den Ansichten von Specht. Zu kurzem Referat nicht gut geeignet. E. Heim- Sehweinfurt-Oberndorf. Monatsschrift für Geburtshilfe und Gynäkologie. Dezember 1921. Band 56. Heft 3/4. M. Beckmann-Wien: Zur perniziösen und perniziosaartigen üravi- ditätsanämie. Unter 60 000 Geburten in 18 Jahren wurden an der I. Universitäts- Frauenklinik in Wien 6 Fälle von Graviditätsanämie beobachtet, davon 1 Fall im Zeitraum von 1901 — 1915, 5 Fälle im Zeitraum- von 1916 1919, was für eine Zunahme der Erkrankung in den Kriegsjahren spricht, die auch von anderen Wiener Aerzten beobachtet wurde. Die Blutbefunde zeigten zum Teil Abweichungen vom typischen Perniziosabild. In 3 Fällen trat unmittel¬ bar anschliessend an die Geburt eine Besserung ein, ein 4. Fall genas erst nach einem längeren Stadium der Verschlechterung. Bei 2 weiteren Fällen führte die Geburt eine Verschlimmerung herbei, die schliesslich zum Tode führte. F. H i r s c h e n h ä u s e r - Wien: Ueber das traubige Ovarialkystom. Ausführliche Beschreibung einer Beobachtung von doppelseitigem traubigen Ovarialkystom. Totalexstirpation des Uterus und der Adnexe. Heilung. Mikroskopisch zeigen die einzelnen Zysten niedriges zylindrisches Epithel, aus Schleimzellen bestehend. Der Inhalt der Zysten besteht aus Schleim. Verf. glaubt, dass es sich um eine Entwicklung auf teratoider Basis handelt. E. M a u t h n e r - Wien : Zur Kenntnis der desinoiden Tumoren des Ovarium. Bearbeitung des Materials der I. Wiener Frauenklinik aus den letzten 13 Jahren. Von 682 operierten Ovarialtumoren waren 36, das sind 5,3 Proz. desmoide Tumoren. 13 Fälle von Fibroma ovarii, 3 Fibromyome, 11 Sar¬ kome. Die Entstehung der Stieldrehung und des Aszites werden kritisch be¬ sprochen. Therapeutisch kommt nur die operative Entfernung in Betracht. P. S c h u g t - Göttingen: Die bakterizide Wirkung der Hefe mit be¬ sonderer Berücksichtigung ihrer praktischen Verwendung in der gynäko¬ logischen Therapie. Interessante bakteriologische Untersuchungen mit Hefereinkulturen und den unter den Namen Xerase und Bolus-Byozyme im Handel befindlichen Hefepräparaten. Wird lebender Hefe kein Gärmaterial zugesetzt, so besitzt sie keine bakterizide Kraft. Eine Ueberwucherung von Keimen durch Hefe findet nicht statt. Hefe, die gärt, besitzt bakterienschädigende Kraft. Doch ist diese bei den therapeutisch zur Verwendung kommenden kleinen Mengen Hefe und Gärmaterial sehr gering, und nur gewisse Keime, welche gegen die durch die Gärung gesetzten Veränderungen des Nährbodens besonders empfind¬ lich sind, werden schwer geschädigt und getötet (Bact. vulgare). Die Wirkung der Handelspräparate ist weniger auf die Hefe als auf die den Präparaten beigefügten Salzen und des Zuckers zurückzuführen. A. S a n t n e r - Graz: Ueber einen Fall von Meningocele occipitalis. Kräftig entwickelter Knabe .mit einem Doppeltumor am Hinterhaupt, von dem jeder fast mannsfaustgross war. Ursache: Knochendefekt an der Hinter¬ hauptsschuppe. Die Geburt wurde durch die Meningocele occipitalis etwas verzögert, ging aber schliesslich doch spontan vor sich. Da durch die Geburt ein Dekubitalgeschwür entstanden war und zu perforieren drohte und die Eltern die Operation wünschten, wurde der Tumbr entfernt und die Knochen¬ lücke durch Plastik von der Patella aus gedeckt. Der Erfolg der Operation, Krämpfe, Sehnervenatrophie und Idiotismus, veranlasst den Verf., vor der Operation grosser Meningozelen zu warnen. K o 1 d e - Magdeburg. Zeitschrift für Kinderheilkunde. 3. und 4. Heft. Richard Lederer: Ueber Hypogalaktie. I. Mitteilung. Qualitative Hypogalaktie. Die Wirkung der Kriegsernährung auf die Zusammensetzung der Frauenmilch. Lederer unterscheidet die konstitutionelle und konditionelle Hypo¬ galaktie. Erstere ist viel seltener,, letztere häufig zu beobachten als Folge der Unterernährung der Kriegs- und Nachkriegszeit (Hungerblockade). Sie kann quantitativer und qualitativer Natur sein und zeigt sich in erheblicher Abnahme des Zuckergehaltes, weniger stark ist die Abnahme des Fettgehaltes der Frauenmilch. Hierin ist die Ursache des Nichtgedeihens mancher Brust¬ kinder zu sehen. II. Mitteilung. Die Wirkung der Hypogalaktie auf den Säugling. Eine grosse Anzahl von Säuglingen, deren Mütter hypogalaktisch sind, zeigt nicht die klassischen Symptome der Unterernährung bei Brust, Hunger¬ stuhl oder Scheinobstipation, Atonie, verlängerten Schlaf usw., sie bieten die Zeichen akuter Ernährungsstörung mit Erbrechen und vermehrten Stuhl¬ entleerungen. Für diese Kinder liegt die Erklärung in einer konstitutionellen Reizbarkeit des kindlichen Magens und Darmes, die auf Inanition mit Er¬ brechen und Durchfällen reagieren. Erfüllung der Indicatio causalis, d. h. verbesserte Ernährung durch entsprechende Zufütterung usw. führte immer zu rascher Genesung und normalem Gedeihen der Kinder (Wien). Karl Heusch: Die Bedingungen der kindlichen Pylorusstenose. (Aus dem pathologischen Institut der Universität Köln. Prof. D i e t r i c h.) Die Kasuistik des „hartnäckigen/gallefreien Erbrechens“ der Säuglinge ist zu einer ansehnlichen Literatur angewachsen, die Heusch einem eingehen¬ den Studium unterwirft. Auf Grund dieses 'und seiner Untersuchungen am Material des Kölner pathol. Instituts kommt er zu sehr interessanten Re¬ sultaten in Bezug auf die Pathogenese dieses klinisch ebenso einheitlichen wie ätiologisch verschiedenartigen Krankheitsbildes. In jedem Falle handelt es sich in letzter Instanz um einen Pylorusverschluss, der entweder als rein nervöser Pylorospasmus sich darstellt oder ein rein mechanisch-anatomischer Verschluss ist; dieser letztere beruht auf primären oder sekundären Ver¬ änderungen am Pylorus. Die primären anatomischen Befunde sind: Kongenitale Stenose des Pylorus, Geschwülste und Choristome der Pyloruswand, Ulzera, parenterale Kompression des Pylorus, hochsitzende Duodenalatresie, Darmschnürung durch absolute Verkürzung des Lig. hepatoduodenale. Diese primären anatomischen Insulte pflegen im frühen Säuglingsalter sekundäre Spasmen herauszufordern, so dass man dann, trotz verschiedenster Primärursachen, stets das gleiche klinische Bild vorfindet. Die sekundären anatomischen Synergismen sind: Aktivitätshyper¬ trophie der Pylorusmuskulatur. Verkürzung des Lig. hepatoduodenale bei MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT. Nr. 1 ■■ Uebergrcifen des Bandes über eine sich bildende Pyioras^eschwu s üi.o- demimabknkkung. bedingt durch relative Verkürzung und StranjJiIdur«. 4es Lig. hepatoduodenale im Verein mit Gastroptose. Diese sekundären anatomi¬ schen Synergismen sind die Folgen primärer Spasmen oder eines Circulus vitiosus von primären anatomischen und sekundären nervösen - J g • sie greifen aktiv in den Krankheitsverlauf ein. E Nobel und N. Dabowsky: Beitrag zur Diagnose der asthenischen Pneumonie der frühgeborenen und lebensschwachen Säuglinge. Die Verfasser veröffentlichen 20 einschlägige Krankengeschichten aus der Wiener Universitäts-Kinderklinik (Vorstand: Prof. Pirquet), die einen atypischen Pneumonieverlauf zeigten und bei denen die klinischen Merkmale mit dem Röntgenbefunde nicht parallel gingen. Mitunter zeigte die Obduktion wesentlich schwerere Veränderungen als die klinische und Röntgenunter¬ suchung. Die Verfasser kommen zum Schluss, dass die indirekten allgemeinen Symptome bei Säuglingspneumonien mehr berücksichtigt werden sollten. u diesen gehören Appetitlosigkeit, Gewichtsabnahme, graue Verfärbung der Haut, galliges, blutiges Erbrechen, meningeale Erscheinungen, Zyanose. Dyspnoe Die meningealen Erscheinungen können zu Fehldiagnosen fuhren. Die unter der Diagnose Debilitas vitae zugrunde gehenden Neugeborenen weisen häufig bei der Obduktion Pneumonien auf. C. Coerper und L. Werner: Klinische Beiträge zur Aufzucht von Ammenkindern in der Anstalt. ,. . Die Beobachtungen der Verfasser erstrecken sich auf 95 Ammenkinder des' Säuglingskrankenhauses in Barmen (Vorstand: Dr. Th. H o f f a) tn den Jahren 1907 — 1920. Gleich zuerst ist beachtenswert, dass 19 Proz. derselben die Folgeerscheinungen echter Hypogalaktie aufwiesen, was um so bedeut- samer ist. als es sich um Mütter mit ausgesprochenem Stillwillen. schon wegen des damit verbundenen wirtschaftlichen Nutzens, handelt. Das stimmt mit dem auch schon von anderer Seite ausgesprochenen Zweifel an der immer noch behaupteten Stillfähigkeit aller Frauen überein. Eine Uebersicht über die wesentlichsten Resultate gibt eine Tabelle, in der zum Vergleich die von Feer angegebenen Zahlen danebengestellt sind. Daraus ergibt sich, dass die tägliche Trinkmenge bei 5 Mahlzeiten und die wöchentliche Gewichts¬ zunahme hinter den von Feer angegebenen Zahlen Zurückbleiben, das be¬ deutet eine „Entwicklungsverzögerung“ der Ammenkinder in der Anstalt. Dafür machen die Verfasser hauptsächlich zwei Umstände verantwortlich: Erstinfektionen, denen Anstaltssäuglinge durch Einschleppung stark ausgesetzt sind, und die Gewichtsabnahme, die bei 30 Proz. der Säuglinge regelmassig in der ersten Zeit nach der Aufnahme in die Anstalt stattfindet und bis zu 21 Tagen andauern kann. Menstruation der Mutter konnte mit Störungen des Kindes nicht einwandfrei in Zusammenhang gebracht werden, wohl aber Er¬ nährungsfehler der Mutter, sofern sie zu Störungen bei der Mutter führten. Von Rachitis blieben die Ammenkinder nicht vollständig frei. (Zu tadeln ist die Bezeichnung Allaitement mixte. Die Verfasser dürften kaum imstande sein, stichhaltige Gründe für den Gebrauch französischer Brocken in einer deutschen wissenschaftlichen Abhandlung anzuführen, wo doch die deutsche Sprache reich genug an gleichwertigen Bezeichnungen fz. B. Zwiemilch¬ ernährung] ist. D. Ref.) Hans Wimberger: Eineiige Zwillinge. Das morphologisch und biologisch völlig differente Verhalten der beiden Zwillingsarten erklärt sich durch die verschiedene Genese. Zweieiige Zwillinge können einander sehr ähnlich oder aber ganz verschieden sein, eineiige Zwillinge dagegen sind einander bis auf die Fingerabdrücke herab zum Verwechseln ähnlich. W. hat an eineiigen Zwillingen, die zum Zwecke von Vitaminversuchen in die Wiener Universitäts-Kinderklinik (Vorstand: Prof. Pirquet) aufgenommen waren, genaue Beobachtungen gemacht, die zat interessanten Ergebnissen führten: Die Gewichtskurven sind einander zum Verwechseln ähnlich und die Zahl der gleichartig ablaufenden Funktionen überwiegt weitaus die relativ geringen Verschiedenheiten. Interkurrente, zu gleicher Zeit erfolgende Infektionen beeinflussen beide Organismen in analoger Weise, Tatsachen, die nur durch eine vollständig homologe zelluläre Zu¬ sammensetzung, hervorgegangen aus einem primär gemeinsamen Keimplasma zu erklären sind. E. W o 1 f f - Berlin: Ueber den Einfluss verschiedenartiger Nährlösungen auf die Säurebildung durch Bacterium lactis aerogenes. Vorliegende Arbeit ist für den Praktiker von hohem Interesse insofern als klinische Erfahrungen durch W o 1 f f s Laboratoriumsversuche ihre Er¬ klärung finden und aus den Versuchen wichtige Fingerzeige für die Praxis sich ergeben. Ueber alle Einzelheiten zu referieren verbietet uns leider der Raum, auf das Wichtigste sei gestattet kurz hinzuweisen. Wolff stellt zwei Versuchsreihen auf: eine mit neutralen, die andere mit sauren Nährlösungen. Bei ersteren zeigte sich, dass die gebildete Säuremenge trotz des von 1—20 Proz. steigenden Zuckergehalts bei gleichem Peptongehalt (1 Proz.) schliesslich ungefähr dieselbe ist. Dagegen ist die Säurebildung bei Erhöhung des Peptongehalts (6 Proz.) ganz erheblich ver¬ mehrt. Bei den Versuchen mit sauren Nährsubstraten zeigte es sich, dass ein höherer Aziditätsgrad die Bakterien an der weiteren Säureproduktion hindert, unabhängig vom Kohlenhydratgehalt. Demgegenüber wirkt beim ernährungsgestörten Säugling gewöhnliche Milchmischung, die Kohlenhydratzus*itz enthält, stark gärungs¬ fördernd. unabhängig vom Eiweissgehalt. In der Praxis bewährten sich daher zwecks Gärungsverminderung im Darm Milchverdünnung ohne oder mit ge¬ ringem Kohlehydratgehalt und Zusatz von Eiweisspräparaten wie Plasmon und Larosan. Hier ist das Gärsubstrat vermindert, dagegen Eiweiss in einem Grade vermehrt, der im Reagenzglas die Gärung intensiver fördern würde. Eine zweite Gruppe von Heilnahrungen ist gesäuert, z. B. Buttermilch und Eiweissmilch. Sie gestatten eine allmähliche Kohlenhydatanreicherung. ohne dass die Gärungsvorgänge wie bei der nicht gesäuerten Milch stark gefördert werden. Zwischen Klinik und Experiment besteht also bei Kohlenhydrat- und Eiweissgehalt der Nahrung ein Gegensatz, eine Uebereinstimmung aber in hezug auf Azidität derselben. Ursache für die Unterschiede sind die wesent¬ lich anderen Bedingungen, welche die Bakterien im Magen und Dünndarm finden, als sie es im Reagenzglas waren; und zwar spielen hier die Abbau¬ produkte des Eiweisses als stärkste Erreger der Sekretion der .Verdauungs¬ säfte eine wichtige Rolle. Durch den Eiweissreichtum der Nahrung wird die mangelhafte Sekretion der Verdauungsdrüsen und die damit verbundene Motilitätsstörung des Magens und Darmes günstig beeinflusst. Dadurch wird die in der Pathogenese der Dyspepsie so massgebende Bakterienaszension in eine Deszension umgewandelt. Der Vorzug gesäuerter Nahrungsgemische besteht, in UebereinstiinmuUj mit den Reagenzglasversuchen, darin, dass eine weitere bakterielle Säuri bildung aus Kohlenhydraten im Magen und den oberen Teilen des Düni darms, die für organische Säuren besonders empfindlich sind, nicht mogln ist. Das Ausbleiben der Gärungssteigerung bei hohen Kohlenhydratgaben sauren Medien erklärt uns, dass es gelingt, dyspeptische Zustände durch bz\ trotz Steigerung der Kohlenhydrate zu überwinden. H. Beumer: Ueber die Kreatinintoleranz des Säuglings. (Aus di Universitäts-Kinderklinik in Königsberg i. Pr. Direktor: Geheimrat Prt Dr. F a 1 k e n h e i m.) Der Organismus des Erwachsenen besitzt in hohem Masse die Fähigke , verfüttertes Kreatin abzubauen. Bei grossen Mengen aber _ zeigen sh Grenzen dieser Fähigkeit, daher es wohl erlaubt ist. von einer Kreatiü toleranz zu reden. Der normale Säugling scheidet im Gegensatz zum g sunden Erwachsenen im Urin Kreatin aus. Angesichts dieser physiologische: Kreatinurie des Säuglings hat Beumer den Versuch gemacht, die Kreativ toleranz in diesem Lebensalter festzustellen. Er machte 2 Säuglingen, eine) \'/< jährigen Kinde und einem 7 jährigen Knaben intravenöse Injektionen (li von 5—300 mg Kreatin und fand, dass das injizierte Kreatin so gut wie vn.U ständig im Urin wiedererscheint. Bei Injektion von 100 mg wird ein Drittj während der ersten 2 Stunden eliminiert, das übrige erst in den folgend:! 24 Stunden. Das zeigt, dass die Ursache der Kreatinausscheidung nicht ml in einer besonderen Durchlässigkeit der Niere gelegen ist, sondern noch b I trächtliche Kreatinmengen mit dem Harn entleert werden, nachdem das Bl ] häufig die Leber passiert hat und die Bedingungen denen der. stomachahj Kreatinzufuhr fast gleich geworden sind. Der sichere Nachweis einer ve] mehrten Kreatinurie liess sich noch bei Injektionsdosen von 30 — 5 mg führe! Weniger befriedigend sind die Resultate nach Zuführung des Kreativ per os: am besten hinsichtlich einer quantitativen Wiedergewinnung falb] die Versuche mit kleinen Mengen aus. Nach grossen Dosen ist die Kreatinui i oft erstaunlich gering, ein grosser Teil des verfütterten Kreatins fällt in dt unteren Darmabschnitten der bakteriellen Zersetzung anheim. Im, Selbstversuch wurden 300 mg intravenös ohne Kreatinurie vertrage nach 1 g fanden sich 45 mg Kreatin, eine Menge, die noch innerhalb dj Fehlergrenzen lag. Schlussfolgerungen: Der Säuglingsorganismus besitzt nicht die Fähigkei selbst sehr kleine exogene Kreatinmengen anzugreifen. Die Intoleranz gegej, über exogenem Kreatin ist eine Besonderheit des Säuglingsstoffwechsels (wd des jugendlichen), die geeignet erscheint, auch das Verständnis für die end gene Kreatinurie dieses Lebensalters zu erleichtern. Man kann sich den Vor¬ gang so denken, dass bei den Umsetzungen in der Muskulatur stets klei! Kreatinmengen in die Blutbahn überfliessen, die beim Erwachsenen abgebai| beim Säugling wie exogenes Kreatin mit dem Urin ausgeschieden werde: Alle Kreatininjektionen verliefen bei den Säuglingen ohne jede Nebe! Wirkung auf das Allgemeinbefinden. Der 7 jährige Knabe reagierte a j 0,3 Kreatin mit starkem Tremor. Blässe und Erbrechen. Beim Selbstversul traten nach Injektion von 1 g Kreatin nach 1 Stunde heftigster Tremor all Gliedmassen und starke Kopfschmerzen ein. Die Temperatur stieg n| auf 38.5 °. „Nach 3 Stunden völliges Wohlbefinden.“ Siegfried Fink: Arzneiverordnungen im Kindesalter unter Berüc1 sichtigung der heutigen Preise. (Aus der Göttinger Univ.-Kinderklinik.) Ziel der Arbeit ist, wie der Verfasser sagt, wirksame Rezepte d Kinderheilkunde zu geben, die schon heute billig sind und in den kommend' Wirtschaftsjahren nicht wesentlich den Schwankungen des Marktes untc worfen sein dürften, Rezepte, die somit für die Unbemittelten in Fra: kommen. Kein Rezept soll über 5 M„ ausnahmsweise bis 10 M. kosten, s Die Zusammenstellungen mit Preisangabe werden manchem Praktiker wi kommen sein. v. Schrenck - München.1 Archiv für Psychiatrie und Nervenkrankheiten. 1921. 64. Baij 4. Heft. Paul Hirsch: Die Frage der Kastration des Mannes vom psychiatrisch] Standpunkte. (Aus der psychiatr. und Nervenklinik Königsberg i. Pr.) Die Kastration (Entfernung der Hoden) kommt in verzweifelten Fäll von krankhaft gesteigertem Geschlechtstrieb als ultimum refugiuin in Fra» Sie ist beim heranwachsenden Individuum, da sie den Körper schädigt, nid zulässig, sondern erst nach dem 25. Lebensjahre anzuwenden. Die Folgen 4 Kastration beim Manne sind nicht mehr so eingreifend, allerdings besteht durj das Klimakterium praecox eine gewisse Disposition zu geistigen Erkrankung« Bei der angeborenen Homosexualität kommt Kastration mit nad folgender Implantation normaler heterosexuell gerichteter Hoden naj Steinach in Frage. In allen diesen Fällen ist juristisch die Operation als ein Experime d. h. als ein von der heutigen medizinischen Wissenschaft noch nicht allgenu, anerkanntes Heilmittel anzusehen. Der Eingriff darf nur mit Einwilligung c, Kranken unter vorheriger Belehrung über seine Vorteile und seine möglich! Nachteile gemacht werden. Eine sozialpolitische Sterilisation ist nach der heutigen Gesetzgebu; strafbar. Die einfachste nud sicherste Sterilisierung wäre hier die Vasektont Ra ecke: Perversität und Eigennutz. Beitrag zur forensen Beurtellu: sexueller Verirrungen. Die 3 selbstbeobachteten Fälle haben das Gemeinsame, dass eine psyetjj pathische Phantastennatur sowohl ihrer Sucht nach unerlaubtem Gelderwe, als auch ihrem Hang nach perverser geschlechtlicher Befriedigung fol. woraus schwer entwirrbare Verflechtungen der Motive hervorgehen. Eigf tumsvergehen und sexuelle Verirrung sind da zwar auf derselben mind- wertigen psychischen Veranlagung erwachsen. Dennoch lässt sich nicht !• haupten, dass die Perversion das Eigentumsdelikt bedinge, sowenig das u- gekehrte Verhältnis statthat. Beide sind unabhängig voneinander ’ koordinierte Folgen der einen Veranlagung zu betrachten, ln den v- liegenden Fällen war ihre Trennung einwandfrei möglich, weil zeitweise ■ Art der Ausführung der Strafhandlung nichts mit der behaupteten Perversi: zu tun hatte. Aber oft genug mag eine Verdunkelung des Tatbestandes ;• durch zustande kommen, dass im bestimmten Falle Eigennutz und Perversb beim Delikt zusammenwirkten und hernach ohne Künstelei nicht zu trem' sind. In dieser praktischen Schwierigkeit liegt wohl der Hauptgrund, war1 die Lehrbücher es unterlassen, auf die besprochene Kombinationsmöglichkt trotz ihrer grossen forensischen Bedeutung einzugehen. Februar 1922. MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT. 249 H. A. Ti ui in: Ein Beitrag zur Lokalisation der amnestischen Aphasie, is der psychiatr. und Nervenklinik Rostock-Gehlsheim.) (Mit 5 Text- nldungen.) Ein Fall von Tumor des linken Schläfenlappens mit Zerstörung des Marks der zweiten und dritten Schläfenwindung liefert einen weiteren Beitrag zu ■ Auffassung, dass ein Zentrum der amnestischen Aphasie im Mark des spezifische Gewicht 1,2 nicht übersteigt. Ausmündungsrohre sind so zu en, dass rasche Vermischung des Salzwassers mit dem Flusswasser sicher¬ stellt ist. Die festen Rückstände dürfen oberirdisch nur dann gelagert rden, wenn deren Versickerung keine Schädigung bedingt und eine Aus- :gung der Halden durch benachbarte Flussläufe nicht zu befürchten ist. tntiiche die Aufspeicherung und Abführung der Abwässer betreffenden Ein- htungen bedürfen der Genehmigung nach der Reichsgewerbeordnung. Das cht uzr Ableitung solcher Salzwässer soll immer nur aufi beschränkte itdauer, im Höchstfälle auf 20 Jahre erteilt werden. Kyeytsurc F u j i w a r a - Japan: Ueber die Frage der Bildung von hlenoxydhämoglobin bei der Methylalkoholvergiitung. (Aus der Unterrichts- stalt für Staatsarzneikunde Berlin.) Verf. kann mit Rücksicht auf die Ergebnisse seiner experimentellen Unter- :hungen die Annahme Curschmanns nicht für zutreffend halten, dass Hunden, die so grosse Mengen Methylalkohol erhielten, dass sie nach nigen Tagen eingingen, Kohlenoxyd im Blut entsteht. Er glaubt nicht, dass i Methylalkoholvergiftungen Blutveränderungen im Sinne einer Kohlen- ydvergiftung auftreten können. Methylalkohol verwandle sich im Organis- s durch Oxydation in Formaldehyd, Azeton, Ameisensäure u. a., es sei un- hrscheinlich, dass bei einer derartigen Vergiftung Kohlenoxyd im Tier- rper gebildet werde. Die Untersuchungen des Verfassers erstreckten sich i Kaninchen und Hunde. Otto Ha ge -Kiel: Ueber Veronalvergiftung. (Schluss.) Behandelt in ausführlicher Weise die verschiedenen bei Veronalvergiftung beobachtenden Störungen und Organschädigungen an der Hand einer ifangreichen Literatur. Er kommt zu dem Schlüsse, dass eine Vergiftung t Veronal entstehen kann: 1. wenn eine Idiosynkrasie gegen Veronal be- ht, schon durch kleine oder mässige Gaben, 2. wenn eine übergrosse Dosis nommen ist, 3. durch wiederholte kleine Dosen. Das Vorwiegen der ronalvergiftungen bei Frauen — nach bekannten Feststellungen ist das tunliche Geschlecht mit 25 Fällen, das weibliche mit 52 Fällen beteiligt — nne zunächst Zusammenhängen mit der Vorliebe der Frau, zur Selbst- deibung eher zum Gift zu greifen wie der Mann. Eine verminderte Wider- indsfähigkeit der Frau gegen Veronal sei bis jetzt noch nicht mit Sicherheit wiesen. Männer seien allerdings gegen die meisten Narkotika sehr ustent, da sie bereits an eines derselben, den Alkohol, gewöhnt seien, mit stimme auch die Beobachtung über gute Verträglichkeit des Veronal ~4 g innerhalb 12 Stunden) bei Delirium tremens überein. Seit das Veronal m freien Verkehr entzogen, haben die Selbstmordtodesfälle durch Veronal ’sentlich abgenommen. ln forensen Fällen sei, da bei Veronalvergiftungen keine charakteristischen ganveränderungen gefunden werden, die Untersuchung der Leichenteile und s Harns auf Veronal vorzunehmen, dessen Nachweis noch in faulenden Organen gelinge. Beachtenswert sei forensisch, dass nach Veronalgenuss Amnesien auftreten. Curt Goroncy: Der Selbstmord in Königsberg i. Pr. (Aus dem Institute für gerichtliche Medizin in Königsberg i. Pr.) Eine umfangreiche Arbeit, in welcher das Vorkommen von Selbstmord in der Stadt Königsberg in statistisch-soziologischer, anatomischer und psychiatrischer Forschungsrichtung behandelt wird. Die Erhebungen umfassen den Zeitraum von 1875 — 1918. K. J o h n - Görlitz: Ueber Darmzerreissungen durch stumpfe Gewalten in gerichtsärztlicher Hinsicht. Auf Grund eingehender Literaturstudien fasst John die für den Ge¬ richtsarzt in Betracht kommenden Richtlinien in der Hauptsache in folgenden Leitsätzen zusammen: Darmzerreissungen entstehen durch breit oder um¬ schrieben, direkt oder indirekt auf das Abdomen einwirkende stumpfe Gewalten. Die Bauchdecken bleiben bei leichten und schweren Gewalteinwir¬ kungen meist völlig unversehrt, während der Darm unter Umständen ge¬ quetscht werden, bersten oder durch Ueberdehnung in seiner Längsachse abgerissen werden kann. Die sichere Diagnose einer Darmzerreissung durch stumpfe Gewalt könne bei dem Mangel ausgesprochener Krankheitserschei- nungen am Lebenden nur durch Laparotomie gewonnen werden. Bei Be¬ urteilung des Grades der Erwerbsbeschränkung eines derartig Verletzten, der die Verletzung überstanden hat, habe man sich vorwiegend nach dem allge¬ meinen Kräftezustand des Individuums und nach dem Vorhandensein eventueller Spätfolgen der etwa überstandenen Peritonitis zu richten. Hie Diagnose „Tod durch Darmzerreissung infolge Einwirknug stumpfer Gewalt“ könne der Gerichtsarzt nur nach Vornahme der Obduktion stellen, wobei alle diffe¬ rentialdiagnostischen Momente (Vorhandensein von Darmgeschwüren) genau in Erwägung zu ziehen seien. Besondere Schwierigkeiten könne unter Um¬ ständen die Entscheidung der Frage bieten, ob der Tod des Verstorbenen durch ein Verbrechen oder durch Fahrlässigkeit oder durch einen Unglücksfall oder durch Selbstmord zustande gekommen ist. Eine Körperverletzung, die zur Darmzerreissung führen kann, müsse vom gerichtsärztlichen Standpunkte, auch wenn sie in Heilung übergeht, mindestens als gefährlich im Sinne des § 223 StGB, bezeichnet werden, bei Auftreten von Spätfolgen nach Peritonitis als schwere Körperverletzung mit 'Siechtum im Sinne des § 224 StGB. W. G 1 o e 1, Polizeiarzt, München: Unter welchen Umständen rechtfertigt sich ärztlicherseits die Einleitung eines Abortes und wie stellt sich die Rechtspflege zu derselben? Verf. behandelt vorstehende Frage von den verschiedenen hiebei in Be¬ tracht kommenden Gesichtspunkten. Er kommt zu dem Schlüsse, dass der medizinische Abortus, schon im Altertum bekannt, erst seit Mitte des vorigen Jahrhunderts wissenschaftlich begründete Indikationen erhalten habe. Indes sei auch heute noch alles im Fluss und der individuellen Auffassung des Einzelnen sei in den Grenzen der strengen Wissenschaftlichkeit immer noch ein weiter Spielraum gelassen. Unter den Krankheiten, die Anlass zu Er¬ wägungen über die Notwendigkeit eines Abortus abgeben, stehe die Tuber¬ kulose an erster Stelle, Herz- und Nierenerkrankungen folgen in weiterem Abstand, Chorea und Hyperemesis seien noch als wichtig zu nennen. Die soziale Indikation zur Schwangerschaftsunterbrechung zu vertreten, könne den Aerzten als den natürlichen Anwälten der Armen und da nach V i r c h o w die soziale Frage zu einem erheblichen Teile in deren Jurisdiktion falle, zugestanden werden. Das Gleiche müsse von der Notzuchtsindikation gesagt werden. Der medizinisch indizierte Abortus müsse nach allge¬ meiner Rechtsanschauung und dem gesunden Menschenverstand straflos bleiben, geschehe er doch zu der vom Sinne des Gesetzes gebilligten, vom menschlichen Empfinden befohlenen Rettung eines Menschenlebens, das unbe¬ dingt höher einzuschätzen als das der Frucht. Starre Grundsätze für die Indikation zum künstlichen Abort gesetzlich festzulegen sei unmöglich, für keinen Fall dürfe die medizinische Wissenschaft unter amtliche Aufsicht gestellt werden. James B r o c k - Petersburg: Haben Kinder Wollustempfinden während an ihnen verübter Notzucht? Verf. glaubt diese Frage bejahen zu müssen auf Grund gemachter Be¬ obachtung des Verhaltens zweier Kinder unmittelbar nach dem an ihnen verübten Verbrechen. In dem einen Falle, bei dem der Damm bis zum Rektum zerrissen war, gab das 5 Jahre alte Mädchen auf die Frage, ob es heftige Schmerzen während der Tat empfunden habe, zur Antwort: Anfangs wohl, dann aber nicht mehr. Br. ist der Anschauung, dass die sexuelle Ekstase während der Wollustempfindung den durch die Verletzung der Genitalien verursachten Schmerz übertönen und das ganze Benehmen der Opfer des Verbrechens beeinflussen könne. S p a e t. Klinische Wochenschrift. 1922. Nr. 2 u. 3. Fr. M a r t i u s - Rostock: Einige Bemerkungen über die Grundlagen des ärztlichen Denkens von heute. Nicht zu kurzem Auszug geeignet. R. C a s s i r e r - Berlin : Halsmuskelkrampf und Torsionsspasmus. Einige vom Verf. gemachte und näher mitgeteilte Beobachtungen scheinen geeignet, den echten Halsmuskelkrampf in Beziehung zu bringen zum sog. striären Symptomenkomplex (W i 1 s o n). Vom 2. Falle liegt auch die Sektion vor. Man wird künftig in Fällen von Halsmuskelkrampf darauf achten müssen, ob nicht im Ablauf der Krankheit sich in anderen Muskel¬ gruppen krankhafte Erscheinungen abgespielt haben, welche einen Hinweis abgeben können, dass es sich nicht um eine lokalisierte Krampfform handle. Erich Meyer- Göttingen: Ueber rektale Digitalistherapie. Nach den Erfahrungen des Verf. ist die rektale Digitalistherapie be¬ sonders in Fällen mit vorherrschender hepatischer Stauung geeignet, die intra¬ venöse Injektion zu ersetzen oder wechselweise mit ihr angewendet zu werden. Die Wirkung der kleinen Klysmen (2 — 3 mal täglich 1 ccm Digipurat mit 10 ccm Wasser in den Darm mittelst einer sog. Glyzerinspritze einge¬ bracht) ist häufig eine rasche und ausgiebige. Diese Therapie empfiehlt sich besonders bei Kranken mit ungünstig gelagerten Venen und hochgradigen Oedemen, bei Embolie- und Thrombosegefahr, sowie eben bei hepatischer Stauung. H. K ö n i g s f e 1 d - Freiburg i. Br.: Das Verhalten des Antitrypsins bei Bestrahlungen mit künstlicher Höhensonne. Aus den mitgeteilten Untersuchungen ergibt sich, dass bei Bestrahlungen dieser Art Veränderungen im Antitrypsingehalt des Blutes nachzuweisen sind, welche aber sekundär von Veränderungen in der Zahl der polymorphkernigen Leukozyten abhängig sind. 250 MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT. Nr. Th. v. Jaschke - Giessen: Die Leistungsfähigkeit der Lumbalanästhesie in der Gynäkologie. Die an der dortigen Klinik gemachten Erfahrungen mit der Tropakokain- anästhesie sind im ganzen durchaus gute, so dass Verf. zu einem anderen Verfahren nicht überzugehen wünscht! Das Tropakokain scheint vor dem Stovain und Novokain den Vorzug grösserer Ungefährlichkeit und vielleicht auch geringerer Nachwirkungen zu haben. Eine Reihe einzelner Erfahrungen werden mitgeteilt. E. G r a f e - Rostock: Zur Kenntnis der malignen Lymphdrüsenerkran- ku ngen. , ...... Verf. berichtet über 7 Kranke mit Lymphogranulomatose (fieberfrei, ge¬ ringe Anämie), sowie 3 andere Fälle einschlägiger Art, bei welcher er ein¬ gehende Stoffwechselversuche angestellt hat. Dieselben sind tabellarisch im Original niedergelegt. F. G ö p p e r t - Güttingen: Beteiligung der Hirnhäute bei den fieberhaften Infektionen der oberen Luftwege. . Die mitgeteilten Beobachtungen wurden an Kindern im Alter von 4 — 13 »Jahren gemacht. Eine erhebliche Anzahl der Kinder mit Affektionen der oberen Luftwege zeigte das Kernig sehe Zeichen, neben Kopf¬ schmerzen etc., so dass eine meningeale Beteiligung zu erschliessen war. Die Steifigkeit verschwand nicht immer zugleich mit der Entfieberung. Aus diesen Beobachtungen ergibt sich die Forderung, solche Kranke, die scheinbar schon genesen sind, noch längere Zeit zu schonen. P. Holzer und H. M e h n e r - Chemnitz: Ueber quantitative Bili- rubinbestimmungsmethoden im Blute. Nicht zu kurzer Wiedergabe geeignet. H. B i b e r s t e i n - Breslau: Mammasekretion und -krisen bei Tabes. Den 4 bisher beschriebenen Fällen reiht Verf. einen 5. an. Es bestand bei ihm doppelseitige dauernde Milchsekretion, die begleitenden Schmerzen kommen krisenartig. Nick-Berlin: Erfolgreiche Behandlung einer schweren akuten Benzol¬ vergiftung durch Lezithinemulsion. Bei wiederholten Injektionen konnten unangenehme Nebenwirkungen dieser Behandlung nicht beobachtet werden, besonders besteht die Gefahr einer Fettembolie augenscheinlich nicht. H. Lange: Ueber die Einwirkung des Adrenalins auf die Permea¬ bilität von Muskelfasergrenzschichten. Es zeigte sich, dass das Adrenalin in hohem Masse die Fähigkeit besitzt, die Durchlässigkeit der Muskelfasergrenzschichten für gewisse ein- und austretende Stoffe herabzusetzen. H. Lange und M. Simon: Ueber Phosphorsäureausscheidung der Netzhaut bei Belichtung. Die betreffenden Versuche ergaben, dass die Netzhaut des Frosches auf Lichtreize mit einer Ausscheidung von P-Säure reagiert. A. Jarisch: Seife und Serum. Die im pharm. Institut der Universität Graz angestellten Versuche zeigen die Lipoide als die Regulatoren des physikalischen Zustandes dfcr Eiweiss¬ körper und scheinen einen Weg zu weisen für das Verständnis der vielen Zusammenhänge zwischen den Lipoiden und physiologischen und pathologi¬ schen Vorgängen. H. Curschmann: Rindenepilepsie bei multipler Sklerose. Kasuistische Mitteilung. J. Zappert - Wien: Die Behandlung der Enuresis. Zusammenstellung und kritische Besprechung der gesamten Therapie dieser Erkrankung. U. a. wird auch die Errichtung von Dauer- und Sommerheimen für blasenschwache Kinder, welche sehr häufig völlig verkehrt, nicht bloss von den Eltern, behandelt werden, in Vorschlag gebracht. P r i n z i n g - Ulm: Die Tuberkulose nach dem Kriege. Auch in diesem Aufsatze wird der rasche Abfall der Tuberkulose im 2. Halbjahre 1919 erörtert, welcher aber unter keinen Umständen Veran¬ lassung geben darf, im Kampfe gegen diese Krankheit nachzu)assen. Von einer allgemeinen Anzeigepflicht erwartet sich P. nicht viel, die Hauptsache ist eine gute Ernährung des ganzen deutschen Volkes. Herrn, v. Voss- Berlin: Ueber den gegenwärtigen Stand der Frage der Entstehung der Arten. Artikel zum 100. Geburtstage von A. R. W a 1 1 a c e. Nr. 3. L. A s h e r - Bern: Prinzipielle Fragen zur Lehre von der inneren Se¬ kretion. Uebersichtliche Besprechung des Themas. E. R e i s s •• Frankfurt a. M.: Die pathologische Physiologie der chro¬ nischen Obstipation. Fortbildungsvortrag. A. B i c k e 1 - Berlin: Experimentelle Untersuchungen über den Einfluss der Vitamine auf Verdauung und Stoffwechsel und die Theorie der Vitamin¬ wirkung. Aus Experimenten ist zu folgern, dass bei avitaminöser Ernährung das Sekretionsvermögen der Magendrüsen nicht gestört ist, dass aber das betr. avitaminöse NahrungSgemisch keine Sekretionsreize ausübt. Trotzdem ist die endliche 'Zerlegung der Nahrung im Darm und die Resorption von seiten <)er Darmwand nicht gestört. Aus Versuchen ist weiter zu folgern, dass das Vitamin die Körperzellen zur Assimilation der Nahrung befähigt, während Vitaminmangel dieses Vermögen weitgehend erschöpft. Diese Minderung des Bindungsvermögens gilt auch für den Mineralstoffwechsel, wenn die Vitamine entzogen werden. G. Katsch und L. v. F r i e d r i c h - Frankfurt a. M.: Bauchspeichel¬ fluss auf Aetherreiz. Einführung einer kleinen Aetherdosis ins Duodenum rief in den betr. Versuchen ausnahmslos einen reichlichen Erguss von Pankreassaft hervor. Auch die Fermentproben erwiesen sich im allgemeinen als gesteigert. Auch bei funktionellen Hypochylien des Pankreas erhält man auf Aetherreiz reich¬ lich Bauchspeichel, bei Achylia gast, ist das Verhalten wechselnd. Unter 5 Diabetikern zeigte sich nur bei 1 im Duodenalinhalt eine wesentliche Min¬ derung des Gehaltes an Trypsin und Steapsin. E. Wolff: Zur Förderung der Röntgendiagnose des subkardialen Ulcus an der kleinen Kurvatur durch die linke Seitenlage. Die durch die bezeichnete Methode erreichbaren Vorteile werden durch Mitteilung verschiedener Fälle illustriert. Die Untersuchung in linker Seiten¬ lage kann das Röntgenbild eines Ulcus ermöglichen, das sonst durch keine andere diagnostische Methode zu erkennen wäre. Vergleiche die Abbildungen im Original! Hans ' O p i t z - Breslau: Der Blutzuckerspiegel nach intravenösen In¬ fusionen hochprozentiger Traubenzuckerlösungen beim Kinde. Die Resultate dieser Untersuchungen sind in Tabellen und Kurve niedergelegt. Für das Kindesalter liegen derartige Untersuchungen noch nicli vor. Die unmittelbare Folge der Injektion ist ein gewaltiger Anstieg de Blutzuckers, doch sinkt dieser in Kürze wieder zurück, ein diuretischi i Effekt trat in 4 von 5 untersuchten Fällen hervor. Die Injektionen werde | von z. T. sehr erheblichen Temperatursteigerungen begleitet. Ein Einflu: auf die Erkrankung konnte in keinem der betr. Fälle beobachtet werde: j E. Vey- Giessen: Zur Kasuistik der Ovarialtumoren als Kompllkathi von Schwangerschaft und Geburt. . . . „ Aus 4 mitgeteilten Fällen wird gefolgert: Bei einem in der Schwange! schaft erkannten Tumor wird abgewartet, bis eine Anzeige zu aktive: Handeln eintritt. ebenso unter der Geburt. Bei eintretender Indikati« sofortige Operation, ohne Rücksicht auf den Schwangerschaftsmonat. Oper; tionsmethode ist am besten die Laparotomie. Doppelseitige 1 umoren sin f sofort zu entfernen. ü. Deusch - Rostock : Erfahrungen mit dem Friedmann sehe Tuberkulosemittel in der Behandlung der Lungentuberkulose. Die Ergebnisse waren in Hinsicht auf einen Dauererfolg wenig bi friedigend. Die Tuberkulose verlief, vielfach nach vorübergehender Bessi rung, auf die Dauer unbeeinflusst von dem Mittel. Es liegen auch Erfal rungen vor, dass der wesentliche Vorzug des Verfahrens, die einmalig Einspritzung, nicht zureichend ist. Bezüglich der Theorie der Wirkuri scheint es sich um einen Einfluss zu handeln ähnlich dem bei der Proteiifl kürpertherapie. A. Buschkc und E. Langer- Berlin: Ueber die WirkungsweisH und das Altern des Vakzins (speziell bei Gonorrhöe). Die Verfasser gingen zur Nachprüfung der Vakzinetherapie vor einml durch klinische Verwendung und durch Prüfung der von ihnen hergestclltt Vakzine und der verschiedenen Fertigfabrikate. Sie sahen aus den Ve I suchen, dass das frische Vakzin besser wirkt als das alte. Das Altern scheii von 2 Faktoren abhängig zu sein, einmal von der Konservierungsform ut j dann von der speziellen Empfindlichkeit der betr. Bakterienleiber. D { Gonokokken zerfallen z. B. viel rascher als die Typhusbazillen. Die Techn bei der fabrnkmässigen Herstellung der Vakzine ist einer Durchprüfung *j unterziehen. N. A. Bolt und P. A. H e e r e s - Groningen: Physikalisch-chemlscL Untersuchungen über die Bildung von Gallensteinen. Verf. wählten als Versuchsobjekt die überlebende Froschleber ur|| sahen bei Durchströmung mit modifizierter Ringerlösung im Sekret d; Auftreten von ziemlich steinartig strukturierten Massen. Diese bestände!) zum grössten Teil aus Cholesterin. G. Hennig: Tierexperimentelle Untersuchungen an Rekurrenssplr chäten. An weissen, mit afrikanischer Rekurrens geimpften und anatomisch ve j arbeiteten Mäusen untersuchte der Verf. die Untergangsformen der Rekurren i Spirochäten systematisch, und zwar in ihrem Verhalten in verschiedene! Organen. G. Miesch er: Die Chromatophoren in der Haut, des Menschen. II Wesen und die Herkunft ihres Pigmentes. Die Chromatophoren sind die kutanen Pigmentzellen, ihr Pigment stamri aus der Epidermis. Bei allen Pigmentalterationen der Haut geht die Pi mentschwankung in der Epidermis stets voran, diejenige in der Kutis folj nach. B. Uedinghoff: Ein Fall von renalem Diabetes. Kasuistische Mitteilung. P e r t h e s - Tübingen: Die funktionellen Ergebnisse der Sehnenoperatie bei irreparabler Radialislähmung. 44 von Verf. operierte Fälle werden dieser Untersuchung zugruncj; gelegt, deren technische und sonstige Einzelheiten im Original zu vergleicht); sind. G. A. R o s t - Freiburg i. Br.: Zur Behandlung der Frühsyphilis. Verf. erörtert Grundsätzliches über die Biologie und die Methodij (Fortsetzung folgt.) A. E c k s t e i n - Freiburg i. Br.: Zum Mutterschutzproblem. Beobachtungen an einem Heim für ledige Mütter und Säuglinge ergebe, dass die Geburtsgewichte der Kinder jener Frauen, welche vor der Entbindui. annähernd 2 Monate im Heim waren, höher waren als von nicht derart g pflegten Frauen. Schwere körperliche Arbeit bis zum Schluss der Schwange schaft kann das Geburtsgewicht ungünstig beeinflussen. In Bezug auf d Stilltüchtigkeit der Frauen in dem Heim wurden keine günstigen Erfahrung! gemacht. Das lag in der psychischen Einstellung der ledigen Mütter zu Stillgeschäft resp. zur Stillpflicht. F 1 o r s c h ü t z - Gotha: Konstitutionslehre und Lebensversicherung medizin. M. v. P f a u n d 1 e r - München: Ueber Gewebsverkalkung. Ein Sammelbericht. CI. du Bois-Reymond - Potsdam: China und die deutsche Medizi Grassmann - München. Deutsche Medizinische Wochenschrift. 1922. Nr. 3 und 4. F. Sauerbruch und M. L e b s c h e - München: Die Behandlui bösartiger Geschwülste. Fortbildungsvortrag. (Fortsetzung folgt.) P. S u d e c k - Hamburg: Die Pharynxsprache bei Laryngektomiertc Nach einer Demonstration im Aerztl. Verein in Hamburg 11. X. 19) (Bericht in M.m.W. 1921 Nr. 42). R. E d e n - Freiburg: Die Bedeutung der gruppenweisen Hämagglu nation für die freie Transplantation und über die Veränderung der Agglutln tionsgruppen durch Medikamente, Narkose, Röntgenbestrahlung. Vor jeder Bluttransfusion ist nach Möglichkeit das Blut sowohl d Empfängers als des Spenders auf Agglutination zu prüfen; Medikament Narkose und Röntgenbestrahlung können eine Aenderung der Agglutination bedingungen hervorrufen. Durch die Feststellung, zu welcher Agglutination gruppe (die von Brem modifizierte M ö s s sehe Methode unterscheid 4 verschiedene Gruppen) Spender und Empfänger gehören, ist eine sehne und sichere Weise der Orientierung über die Brauchbarkeit des Spende blutes gegeben. H. O p i t z - Breslau: Ueber moderne Diphtherieprophylaxe. Nach einem auf Veranlassung des Ver. f. Inn. Med. und Kinderhlk. Berlin (pädiatr. Sektion) am 14. XI. 1921 gehaltenen Vortrage (Bericht I M.m.W. 1921 Nr. 48). ■'ebruar 1922. MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT. 251 E. Epstein und F. Pa ul- Wien: Ueber die chemische Zusatnmen- ng der bei den serologischen Luesreaktionen gebildeten Flocken. Die bei der Meinickereaktion gebildeten Flocken bestehen ebenso wie ler Sachs-Qcorgi- und Wassermannreaktion aus Lipoiden und nicht aus iss, wie jüngst Klostermann und W e i s b a c h angegeben hatten 1921 Nr. 37). A. A u e r - Karlsruhe i. B.: „Novalgin“ ein neues Antipyretikum und 'etikum. Novalgin (Meister, Lucius und Brülning) ist ein neues Pyrazolonderivat, Pyramidon und Melubrin nahe verwandt; es kann per os, subkutan, muskulär und intravenös gegeben werden ohne alle störenden Neben- ungcn. Es besitzt in erster Linie antipyretische, dann aber auch anti- .istische und analgetische Eigenschaften. Die intravenöse Dosis beträgt -1,0 g. Indikationen sind akute und chronische Polyarthritis, Muskel- natismus und Ischias. B. T ö p 1 e r - Berlin: Ueber Blutreinfusion bei 24 Fällen von Graviditas uterina rupta. Das aus der Bauchhöhle ausgeschöpfte und durch 8 fache Mullschicht •rte Blut wird mit NaCl-Lösung im Verhältnis 1: 1 verdünnt, ohne De- ierung und ohne Zitratzusatz in die Vena mediana einlaufen gelassen, liehe 24 Fälle wurden rasch geheilt. J. Duken-Jena: Zur Frage des „allgemein verbreiteten“ Emphysems. Das interstitielle Emphysem tritt nur bei sehr vermehrter Exspiration auf. A. S t ö c k e r - Jassy : Cholesteringehalt der K u p f f e r sehen Stern- i. Flistochemische Reaktion. In Forrnol fixierte Gefrierschnitte lassen durch Auftropfen konzen- ,er Schwefelsäure das Sternzellennetz sehr deutlich tiefbraun gefärbt er- en. S. S. Scmenow-Stara Zagora: Fall von Myelitis gripposa acuta mscripta adhaesiva. Kasuistik. R. K o v j a n i c - Krusevac: Zur Behandlung des chronischen Magen- iwürs. Empfehlung eines Pulvers von folgender Zusammensetzung; Bismut. subgall. 10,0 Bismut. subsalicyl. 40,0 25 Proz. Magnes. peroxyd. 50,0 3 mal täglich 1,0 g, vor der Mahlzeit zu nehmen. K. Scheel- Charlottenburg: Unzuverlässige Thermometer. Solche Thermometer sind heute zahlreicher als man glaubt. Zur Ver- lung sollten nur amtlich abgestempelte Thermometer kommen. T u n g e r - Leipzig: Zur Brandwundenbehandlung. Das in Aegypten kennen gelernte Präparat hatte ausgezeichnete Wir- /J-Naphthol resubl. 0,25 ^01. Eucalypt. 2,0 Ol. oliv. 5,0 Paraffin, moll. 25,0 Paraffin, dur. 67,75. Das geschmolzene Präparat wird auf die Wunden aufgepinselt. L a s s a r - C o h n - Königsberg: Eine abgeänderte Form des Saccharo- rs. E. K r e t s c h m e r - Tübingen: Der heutige Stand der klinischen hiatrie. Uebersicht. W. L i e p m a n n - Berlin: Gynäkologische Ratschläge für den Praktiker. Nr. 4. W. U h t h o f f - Breslau: Zur Aetiologie und Behandlung der Netzhaut- mng. Die idiopathische Netzhautablösung entsteht entweder durch primäre se oder serösfibrinöse subretinale Exsudation oder Transsudation, oder h sekundäre Ansammlung von Flüssigkeit hinter der Netzhaut infolge körperschrumpfung. In 61 Proz. der Fälle fand sich die Netzhaut- ;ung bei höheren Graden von Myopie. Die Behandlung besteht zunächst uhe. Druckverband. Diaphorese. Als operative Behandlung kommen in acht: Punktion oder Durchschneidung der abgelösten Netzhaut, Skleral- tion im Bereiche der abgelösten Netzhaut, Hervorrufung von adhäsiven iindungen im Bereiche der Ablösungsstelle, subkonjunktivale und intra- uläre Kochsalzinjektionen (2 — 5 proz.) uam. Die Erfolge sind unsicher. 351 dauernd wieder angelegten Netzhautablösungen heilten 31 Proz. Behandlung. 45 Proz. mit konservativer, 24 Proz. mit operativer Be- lung. Im Ganzen heilen etwa 8 — 10 Proz. der Fälle. A. J e s s - Giessen: Die Verkupferung des Auges. Nach Eindringen kupferhaltiger Messingsplitter in das Auge kommt es längerer Zeit zu einer zarten, grünen, sonnenblumenförmigen Trübung Linse, die nur im auffallenden, nicht aber im durchfallenden Lichte bar ist. Als Ursache findet sich, wie auch ein histologisch untersuchtes arat zeigte, eine Ablagerung feinster punktförmiger und scholliger, grün¬ gelber Partikel zwischen vorderer Linsenkapsel und dem einschichtigen elepithel. W. U f f e n o r d e - Göttingen: Die Prüfung des Hörnervenapparates der c -Stimmgabel. Die c5-Stimmgabel ist die letzte in der aufsteigenden Tonreihe, die Bestimmung der Hördauer für die quantitativen Prüfungen der Hörschärfe. in Betracht kommt; ihre Tondauer beträgt 30". Eine normale Hör- r für c5 (untere normale Grenze 25") schliesst eine Störung am Hör¬ enapparat aus. F. Sauerbruch und M. Lebsche - München: Die Behandlung der rtigen Geschwülste. Fortbildungsvortrag (Fortsetzung aus Nr. 3; ein III. Artikel folgt). R. S t a h 1 - Rostock: Zur Therapie des Ulcus ventrlculi perforatum mit ung eines subphrenischen Gasabszesses (Pyopneumothorax subphrenicus). Spontanheilung einer mit Abszessbildung einhergehenden Perforation $ Magengeschwürs unter das Zwerchfell ist als Ausnahme zu betrachten, die Therapie ergibt sich daraus die Forderung rechtzeitiger Operation. G. Oed e r - Dresden: Der Index ponderis des menschlichen Ernährungs¬ andes und die Quäkerspeisung. Der neuerdings von Huth empfohlene Index, wirkliches Gewicht: Länge entsprechendes Normalgewicht, ist im wesentlichen nichts anderes der vom Verf. schon 1910 aufgestellte Index Istgewicht: Sollgewicht. L- F i n k e 1 s t e i n - Kowno: Studien über Fleckfieber. Das Fleckfieber ist eine Gefässerkrankung und schädigt -als solche diene Organsysteme, in erster Linie Herz, Nervensystem und Nieren. Für die Frühdiagnose wichtig scheint die Verdumpfung der Herztöne, namentlich an der Spitze und die Temperatursenkungszacke am 3. Tage, ln der Therapie steht frühe Digitalisdarreichung an erster Stelle. M. M ö 1 1 e r - Berlin : Zur Prüfung der Korneal- und Rachenreflexe. Scheinbar fehlender Korneal- und Rache-nreflex stellt sich ein, wenn bei dem Untersuchten ein leichter Labyrinthschwindel dadurch hervorgerufen wird, dass man in liegender Stellung den Oberkörper tiefer lagert und den Kopf etwas nach hintenüber beugt. Bau m - Augsburg. Medizinische Klinik. Heft 5. R. Co bet -Jena: Therapeutische Eingriffe bei Pleuraerkrankungen. Zusammenfassender Vortrag mit praktisch wichtigen Erörterungen über die Indikationen und die Technik der üblichen Pleurapunktion, der offenen Punktion usw. ; Besprechung der tuberkulösen Pleuraergüsse und ihrer Be¬ handlung. Die individualisierende Behandlung der Pleuraempyeme durch Punktion oder Rippenresektion wird klar und für den Praktiker erschöpfend dargelegt. R. W a g n e r - Wien und .1. K. P a r n a s - Lemberg: Zur Korrelation der Blutdrüsen. Aus den vielseitigen Untersuchungsbefunden, -die bei einem bemerkens¬ werten Fall von Lebererkrankung unter -den verschiedensten Versuchs¬ bedingungen erhoben wurden, ergibt sich der Schluss, dass der Schilddrü’se eine bedeutende Rolle im Zuckerstoffwechsel zukomme. Im einzelnen ist die Korrelation von Schilddrüse-Leber-Pankreas in vorliegendem Falle noch keiner einwandfreien Deutung zugänglich gewesen. Umfrage über die neue Iniluenzaepidemie. In den vorliegenden Antworten wird übereinstimmend das Vorherrschen einer, oft recht schmerzhaften, augenscheinlich umschriebenen Tracheitis. zusammen mit Pharyngitis betont. Zur Prophylaxe könnte dreimal täglich 0,2 Chinin versucht werden. Ueber die Behandlung des septischen Abortes. H. K r i t z 1 e r - Erbach i. O. : Die Feststellung des Kopfstandes bei der geburtshilflichen Untersuchung. Zu leicht täuscht sich der weniger Erfahrene über die Höhe des Kopf¬ standes im Becken und glaubt den Versuch einer Zange wagen zu können, wo der Kopf noch zu hoch steht; und von der hohen und ganz hohen Zange sollte der Durchschnittspraktiker Abstand nehmen. Für die Beurteilung des Kopfstandes werden verschiedene Anhaltspunkte und Handgriffe angegeben. H. W. W o 1 1 e n b e r;g - Berlin; Zur Frage der Sexualität bei spora¬ dischem Kretinismus. Der beschriebene Fall von infantilem Myxödem war dadurch ausge¬ zeichnet, dass nicht nur die Geschlechtsmerkmale gut ausgebildet und die Periode seit dem 18. Lebensjahr regelmässig eingetreten war — ganz un¬ abhängig von der zeitweise angewandten Schilddrüsentherapie — , sondern dass auch die Kranke dreimal äusserst leicht konzipierte. J. B 1 o c h - Berlin ; Vier Jahre weiterer Erfahrungen mit Testogan und Thelygan. Gegen alle Arten von Ausfallserscheinungen beim Mann und bei der Frau wirksam. „Nicht zu grosse Dosen und nicht zu kurze Behan-dlungs- d-auer!“ W. Zweig- Wien; Die Behandlung der chronischen Obstipation mit Paraffin. Das flüssige Paraffin hat sich als Gleit- und Schiebemittel sehr gut be¬ währt. An seiner Stelle, da jetzt zu teuer, wird das Christolax Dr. Wander. 50 proz. Oleum paraffini, empfohlen. F. v. Guttfeld und E. W e i g e r t - Berlin: Praktische Versuche zur Liquordiagnostik mittels Kongorubin. Die bisherigen Versuche haben zu keinem brauchbaren Ergebnis geführt. Die Eigenschaften des Kongorubin berechtigen aber trotzdem zu der Hoffnung, dass es mit anderer Technik gelingt, das Kongorubin zur klinischen -Liquor¬ untersuchung zu verwenden. B 1 ü h d o r n - Göttingen : Die akuten infektiösen Magen-Darmerkran¬ kungen des Säuglingsalters. Paratyphus und Abdominaltyphus. S. Oesterreichische Literatur. Wiener klinische Wochenschrift. Nr. 3. L. H e s s und R. R e i 1 1 e r - Wien: Ueber innere Antisepsis. Die Versuche betreffen das Problem, die spezifischen Ambozeptoren der Immunsera als spezifisch gerichtete Träger von Desinfizientien zu benützen. A m r e i c h - Wien: Ein Fall von direkter Herzmassage. Die Synkope trat bei einer Sakralanästhesie ein, bei welcher die Novo¬ kain-Adrenalinlösung in den abnorm ausgedehnten Duralsack eindrang. Da konservative Mittel versagten, wurde die direkte Herzmassage, Adrenalin¬ injektionen in den linken Ventrikel neben der nie zu versäumenden künst¬ lichen Atmung und Kochsalzinfusion vorgenommen. Der Erfolg war ein nur vorübergehender, er war anscheinend wesentlich den Adrenalininjektionen zu danken. Bemerkenswert ist, dass wahrscheinlich durch die zuletzt recht energische Massage der Abriss eines Papillarmuskels bewirkt wurde. W. Loli- Wien: Zur Diagnose der Darmtuberkulose. Bei allen tuberkulösen Geschwüren des Darmes enthält der Stuhl Blut: für die Guajak- und die empfindlichere Benzidinprobe gibt L. Modifikationen an. Eine stark positive Guajakreaktion sah L. bei Darmtuberkulose nicht, sie spricht für andere Geschwü're oder Karzinom. Zum Nachweis der Tuberkelbazillen im Stuhl dient am besten die S t r a s b u r g e r sehe Methode. Er ist aber durchaus nicht beweisend für Darmtuberkulose, da die Bazillen sehr oft aus dem verschluckten Lungensekret stammen. T. Watanabe - Prag: Ueber die Natur des bakteriophagen Virus. M. S t r a s s b e r g - Wien : Ueber eine neue Injektionsmethode des Tuberkulins bei ausgebreiteter Hauttuberkulose. Aehnlich dem Prinzip der von Sahli geübten multiplen Kutan¬ reaktionen verwendet St. -multiple (50 — 60) intrakutane Injektionen von stark verdünntem (0,1 ccm AT. 100 fach verdünnt, etwa 0,2 ccm pro Injektion) AT. Näheres im Original. R. H u s s - Stockholm: Einige Beobachtungen über die Leukozytenzahl bei der Encephalitis epidemica. Bei 25 Lumbalpunktionen fand H. im Liquor -die für Grippe im allge¬ meinen typischen Verhältnisse bei unkomplizierten Fällen: Während der ersten Fiebertage eine mässige Leukopenie, nach dem Fieberabfall Leuko- MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT. 252 Nr. zytose, bei kompliziertem Verlauf progrediente Leukozytose. Das Ansteigen der Leukozytenzahl während des hochfebrilen Stadiums auf 7000 8000 weist auf Komplikationen und ist prognostisch nicht günstig. A. B e 1 a i - Mödling: Beobachtungen bei einer Epidemie von Tertiana- fieber in russischer Kriegsgefangenschaft. Von einem Transport von Gefangenen, der aus einer Malariagegend in ein weit entferntes anopheles- und malariafreies Lager gelangte, erkrankten alle bis dahin Gesunden nachträglich noch an Malaria und zwar der letzte noch nach einem vollen Jahr, so dass für die Inkubation eine Zeit bis zu 1 Jahr anzunehmen wäre, wenn nicht, wie B. vermutet, eine spätere Uebertragung der Malaria auf anderem Wege, etwa durch Wanzen, erfolgte. Die Spätfälle zeigten geringe Virulenz. Andere klinische Beobachtungen über Verlauf und Behandlung sind hier zu übergehen. Injektionen von Eigenserum schienen den Krankheitsverlauf in einigen Fällen zu mildern. B. Schick- Wien: Darmlänge und Sitzhöhe. Erwiderung auf den Aufsatz von J eil inegg in Nr. 50, 1921. M. M a y e r - Hamburg: Zur Behandlung der Bilharziakrankheit mit Emetin. Bemerkungen zu der Arbeit von Ty Skalas in Nr. 48, 1921. T y Skalas: Erwiderung auf vorstehendes. Nr. 4. W. Ja ko bi- Jena: Ueber therapeutische Versuche mit dem B e n k ö sehen Jodpräparat bei Paralysis progressiva. Von 10 Fällen von Dementia paralytica. die mit Mirion (1 34 — 434 Monate täglich oder 2 tägig je 5 — 10 ccm intramuskulär, im ganzen 150 — 550 ccm) behandelt wurden, zeigten 2 eine gute, 1 eine leichte Remission, 4 blieben unverändert, 3 schritten im Verfall fort. E. No bei- Wien: Beitrag zur Klinik der asthenischen Pneumonie der Säuglinge. Ergebnis: Bei lebensschwachen, frühgeborenen Säuglingen verläuft die Pneumonie oft ohne die klassischen Zeichen und ergibt die Obduktion oft schwerere Erscheinungen als der klinische und röntgenologische Befund, welche letztere beiden oft voneinander abweichen. Die klinische Diagnose lautet häufig nur auf Debilitas vitae. Als klinische Zeichen sind zu be¬ achten: Gewichtsabnahme, missfärbige Haut, galliges blutiges Erbrechen, meningeale Erscheinungen, Zyanose, Dyspnoe. Isolierung von ansteckungs¬ fähigen Erwachsenen, Vermeidung von Schnupfenansteckung, daher auch Unterbringung der Wöchnerinnen und Kinder nicht in Sälen, sondern in Zimmern ist anzustreben. N. Frank -Pest: Beiträge zur Methodik der Sachs-Georgi sehen Reaktion. Th. B a r s o n y - Pest: Ueber den Pyiorusrhythmus. W. Nyiri-Wien: Zur klinischen Verwendbarkeit und Handhabung des Uroineters von Ambard-Hallion. Das Urometer ist allen bisher angegebenen Apparaten mindestens eben¬ bürtig. R. Grünbaum-Wien: Zur Technik der perineuralen Injektionen bei Ischias. Abweichend von den Angaben Langes und H ö g 1 e r s empfiehlt Gr. als Injektionsstelle die Kreuzungsstelle des langen Bizepskopfes mit dem unteren Rand des ülutaeus maximus, ein typischer Schmerzpunkt des Ischiadikus, der bei Knieellenbogenlage hier auf kurze Strecke sehr ober¬ flächlich liegt und sicher mit einer 7 — 8 cm langen 7Nadel zu erreichen ist. Dabei sind keine Muskelschichten und keine grösseren Gefässe im Wege. Die Sicherheit des Erfolges wird erhöht, wenn man nicht senkrecht, sondern mehr parallel dem Nervenverlauf einsticht. B e r g e a t - München. Dänische Literatur. A. Kissmeyer: Die Akridinfarbstoffe (Trypaflavin, Proflavin u. a.) in der Hauttherapie. (Aus F i n s e n s mediz. Lichtinstitut, Dir. R e y n.) Ugeskr. f. Laeger 1921 S. 1399.) Verf. hat bei allen Formen von Pyodermien sehr gute Resultate mit 1 proin. Trypaflavinlösung und 2 prom. Salben gehabt. Knud Sand: „Vasektomie“ beim Hunde als Regenerationsexperiment. Ugeskr. f. Laeger 1921 S. 1509. Verf. hat bei einem 12 jährigen Hund, der sehr ausgesprochen senil war, mit Haarausfall, Gehör- und Gesichtsschwäche eine rechtsseitige Resectio epididymitis und linksseitige Vasektomie gemacht. Nach 3 — 4 Wochen be¬ deutende Besserung und nach 5 Monaten ausgesprochene Regeneration fast aller Funktionen, verjüngtes Aussehen, normale Lebhaftigkeit und Schnellig¬ keit der Bewegungen. Das Tier sah nach Experten „3 Jahre jünger aus“. Christen Lundsgaard; Die klinische Pulsuntersuchung bei Patienten mit unregelmässigem Puls, besonders bei Arhythmia perpetua. (Med. Uni¬ versitätsklinik B., Chef: Prof. F a b e r.) (Ibid. 1921 S. 1541.) Die Arhythmie mit ausgesprochenem Pulsdefizit ist meistens eine Arhyth¬ mia perpetua, doch kann man nicht immer ein Pulsdefizit als pathogno- monisch für diese Arhythmieform betrachten. Das Verhalten der Pulsdefizit¬ form ist wichtig für die Prognose quoad functionem; in Beziehung zur Pro¬ gnosis quoad vitam muss man es wohl als ein schlechtes Zeichen ansehen, wenn ein Pulsdefizit nicht während einer korrekten Behandlung schwindet. Arne Johannessen: Ueber qualitativen und quantitativen Nachweis von Blut im Urin. (Aus der 3. Abt. des Kommunespitals zu Kopenhagen, Chef: Prof. S. Bang.) (Ibid. S. 1613.) Verf. hat die Phenolphthaleinmethode zum Nachweis von Blut im Stuhl dahin modiziert, dass sie zum Nachweis von Hämaturie brauchbar wird. Als Reagens benützt er die von Boas angegebene Phenolphthaleinlösung und 96 proz. Alkohol zu gleichen Teilen, mit Zusatz von 1 ccm Oxydol zu 9 ccm der Mischung. Die Probe zeigte sich sowohl der Benzidin- als der Fluoreszin¬ probe überlegen und muss unbedingt der Guajakprobe vorgezogen werden. Thorvald Hansen: Der Einfluss oberflächeaktiver Stoffe auf die bak¬ terientötende Fähigkeit verschiedener Desinfektionsmittel. (Aus dem Uni- versitätsinstitut für aMgemeine Pathologie, Chef: Prof. Salomonsen.) (Hospitalstidende 1921 S. 657.) Der Zusatz von Methyl-, Aethyl- und Prophylalkohol wie auch von Azeton erhöht die desinfizierende Kraft von Salzsäure, Phenol, Sublimat und Chromsäure; der Zusatz von 10 — 20 proz. Aethylalkohol oder 5 — 10 proz. Propylalkohol vervielfacht die Wirkung dieser Desinfektionsmittel. Diese Vermehrung der Desinfektionsfähigkeit ist von der Oberflächenspannung abhängig. Chr. J. Baastrup: Os Vesalianum tarsi und Fractura tuberositatis ossis metatarsi V. (Ibid. 1921 S. 769.) Verf. findet, dass an der proximalen Extremität des Os metatarsi V zwei epiphysenartige Bildungen auftreten: 1. die Apophyse, eine häufige, vielleicht konstante schalenförmige Epiphyse des lateroplanaren Teils des Tuber 2, der proximale Teil des Tuber V hat ab und zu eine Tendenz zu ein, [ besonderen Ossifikationszentrum. Die Tuberosifas ossis mefatarsi V c, ! spricht morphologisch, phylogenetisch und ontogenetisch einem versehe , denen Os tarsale V in der distalen Reihe, so dass das Os Vesalinum als i atavistisch auftretendes Os tarsale V aufzufassen ist. Dass man es so sei i findet, lässt vermuten, das das Os tarsale V früh in der Entwicklung zugrun. gegangen ist. Die Differentialdiagnose gegenüber der Apophyse und ei- Fraktur von Tuber V muss anamnestisch und röntgenologisch gestellt wert, A. Kissmeyer - Kopenhagei , Norwegische Literatur. V. Mag n u s: Experimentelle Untersuchungen über die Aetiologie disseminierten Sklerose. (Norsk Magazin f. Laegevidenskaben 1921 S. ? Ausgehend von den Versuchen von B u 1 1 o c k über experimentelle zeugung einer Paralyse an Kaninchen durch Einspritzung von Zerebrospi, flüssigkeit und den Nachweis von Kuhn und Steiner einer Spirochäte Blute der Versuchstiere hat Verf. ähnliche Versuche an Meerschweinchen macht mit intraperitonealen Einspritzungen von Sklerotikerblut, itn gan von 23 Fällen (an 42 Meerschweinchen und 7 Kaninchen). D i e E i n i m fungen sind negativ ausgefallen. Sinding-Larsen: Eine bisher unbekannte Krankheit der Patei (Ibid. 1921 S. 856.) Ebenso wie Sven Johansson hat Verf. 2 Fälle bei 10 und 11 jühri Mädchen gesehen von Schmerzen im Knie, beide Fälle waren einsei Es besteht Druckempfindlichkeit der Patella. Röntgenologisch konnte tu eine Unregelmässigkeit der Konturen mit Kalk- oder Knochenschatten in jtj Weichteilen vor der Patella nachweisen, auch an der klinisch nichtkrani „i r\ Vitt pn 1 o Ar! ur Seite. Verf. sieht das Leiden als eine traumatische epiphysale oder pfl ostale Irritation an, wahrscheinlich wegen Ueberanstrengung beim Sprinjj oder Tanzen. Die Prognose ist gut; es schwindet in Ruhe von selbst. A. Kissmeyer - Kopenhagei Vereins- und Kongressberichte. Altonaer ärztlicher Verein. (Offizielles Protokoll.) Sitzung vom 26. Oktober 1921. Vorsitzender: Herr H e n o p. Schriftführer: Herr Jen ekel. Herr Grüneberg demonstriert ein embryonales Drüsensarkom r Niere eines 134 jähr. Kindes, das operativ mit Erfolg behandelt wurde, Ü Sitzung vom 23. November 1921. Vorsitzender: Herr H e n o p. Schriftführer: Herr J e n c k e 1. Herr J e n c k e I demonstriert: 1. ein grosses Ulcus ieiuni pepticum. 36 jähr. Mann war am 18. VI. 1921 wegen Ulcus duodeni ausgiebig resezS worden. Einnähung des Magenstumpfes in das Jejunum nach Reichs 12 Tage später starke Melaena 2 Tage lang. Bluttransfusion nh Oe h lecker hob das Allgemeinbefinden. Am 5. VIII. Entlassung des Krann zur Nachkur in ein Erholungsheim. Am 9. IX. 1921 Wiederaufnahme. Klan über Magen- und zeitweise einsetzende heftige Leibschmerzen, die bald nfl seiner Entlassung sich eingestellt und sich allmählich verschlimmert häti. Klinische Zeichen des Strangulationsileus. Am 10. IX. 1921 Laparotor:. Durchtrennung zweier Stränge, die den Dünndarm dicht unterhalb der (' stranguliert hatten. Magenschmerzen bestanden weiter. Wiederauftreten n Melaena. Starke Anämie. Am 17. IX. 1921 nochmalige Bluttransfusion nt Oehlecker. Danach Anurie. 22. IX. 1921 Exitus letalis. Die Sektion ergab als Ursache der Melaena ein sehr grosses Uls jejuni pepticum an der Hinterseite der ü.E. Als Todesursache und züglet zur Erklärung der völligen Anurie liess sich in den Nieren eine NephrS glomerulosa haemorrhagica, Blut in den Harnkanälchen sowie Hämoglolt- Zylinder in Rinde und besonders im Mark feststellen. (Folgen der Bii transfusion bei dem sehr elenden Mann.) Der Fall soll anderweitig v- öffentlicht werden. 2. Zwei Kranke mit ausgedehnten Hautdefekten, die nach der H; • pfropfungsmethode von Wilh. Braun (Berlin) innerhalb kurzer Zeit wieh hergestellt worden waren. Beschreibung der Technik und Vorzüge gegj- | über den Transplantationen nach Thiersch und Fedor Krause. Herr M. Frank demonstriert 2 Fälle von Uterusperforation. Im ersten Falle war die Verletzung wahrscheinlich durch kriminjf Fruchtabtreibung verursacht. Anamnestisch liess sich wegen des schweji Zustandes der Kranken nichts erheben. Der Fall wurde mit der Diagnf Peritonitis eingeliefert. Bei der Operation fand man eine für die Fingerku!« durchgängige Perforationsöffnung der linken Fundusecke. Diffuse Peritor}! und altes zersetzes Blut in der Bauchhöhle. Bei der vorgenommenen baktei; logischen Untersuchung fanden sich im Bauchhöhleninhalt Streptokokken < F r a e n k e 1 sehe üasbazillen. Es wurde die supravaginale Amputation H Uterus ausgeführt und das Abdomen ausgiebig drainiert. Die Frau kj» wie nicht anders zu erwarten war, zum Exitus. Das zweite Präparat zeigt eine schlitzförmige Perforation des gravii ■ Uterus in der linken Seite in der Höhe des inneren Muttermundes, I1 ausgedehnter Darmverletzung. Die Perforation war gelegentlich einer Ab' ausräumung erfolgt und es handelte sich um eine Schwangerschaft im 4. Mot Die Frau wurde 3 Tage nach dem Eingriff unter der Diagnose Uterusperforaji i und dem klinischen Bild der allgemeinen Bauchfellentzündung eingelieit Bei der Operation fand sich neben der Uterusverletzung eine Ablösung ganzen Flexur vom Mesenterium bis hinauf zur Flexura lienalis. Es wi t der Uterus exstirpiert, die ganze Flexur reseziert und ein Anus pra- ' angelegt. Die Frau kam am nächsten Tage zum Exitus. Vortr. geht auf die Abortbehandlung ein und warnt vor allem vor > Wendung der Kornzange. Voraussetzung für eine erfolgreiche Behandlung " Abortes ist eine genügende Erweiterung des Zervikalkanals und des Mut' j mundes, besonders vom 3. Monat ab. Die instrumentelle Ausräumung ' schieht am besten unter Kontrolle des Fingers. Hierauf zeigt Vortr. ein Präparat von Tubarabort und geht auf 1 anatomischen Verhältnisse beim äusseren und inneren Fruchtkapselaufbril ein, bespricht die Diagnose und Therapie. •’ebruar 1922. MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT. 253 Herr L i c h t w 1 1 z: Ueber Fettsucht. Im Laufe der letzten zwei Jahre ist eine auffallende Häufung von Lallen gener Fettsucht eingetreten. ''Die Krankheit befällt ausschliesslich und nter sehr plötzlich Frauen, vorwiegend des Alters zwischen 35 und ähren. Die Fettverteilung zeigt den Typus der Adipositas genitalis, anchen Fällen ist das Fett eingewulstet, in fast allen Fällen schmerzhaft ergang zur Dercutn sehen Krankheit). Ausser der Fettablagerung be- ;n folgende Symptome: Asthenie (körperliche und geistige. Leistungs- ligkeit), Depressionen, Rückenschmerzen, in die Beine einstrahlende lerzen (fälschliche Diagnose: Ischias!), flüchtige Oedeme. Die Beziehungen en Inkretdrüsen sind zweifellos vorhanden. Obwohl gelegentlich Ueber- e zu Myxödem Vorkommen, ist diese Adipositas nicht als eine ausschliess- Subthyreose aufzufassen. Das lehren die Erfolglosigkeit oder der wenig edigende Erfolg einer Schilddrü'senbehandlung. L. hat versucht zu analy- •n, inwieweit die Hypophyse und die Ovarien pathogenetisch beteiligt L. bespricht die Theorien der endogenen Adipositas und meint, dass Bindegewebe selbst eine selbständigere Bedeutung zukommen könnte, mslösende Ursache kommen im wesentlichen seelische Einflüsse (Aerger, en u. ä.) in Betracht, wie sie die Kriegs- und Nachkriegszeit mit sich ;en. Zum Schluss Erörterung der Indikationen und Kontraindikationen Schilddrüsenbehandlung und der sonstigen Therapie. Herr Hueter: Demonstration einer Missbildung. Fötus von 38 cm Länge mit Enzephalozele. Hasenscharte und Wolfsrachen, daktylie der Finger und Zehen, abnormer Kürze der unteren Extremitäten, gel der äusseren Genitalien bei Befund von Hoden und Nebenhoden in Bauchhöhle. Mangel der Harnblase, polyzystischer Nierendegeneration mit ler Endigung der Ureteren. Sitzung vom 14. Dezember 1921. Vorsitzender: Herr Henop. Schriftfii'hrer: Herr Jenckel. Herr Jenckel zeigt 1. einen Tabiker mit frischer, völlig schmerzloser •Schenkelfraktur und älterer, gut konsolidierter Fractura femoris supra- ylica des anderen Beines. Die Gelenke sind intakt. Hier ist demnach Bild der Osteopathia tabetica vorhanden. Bei dem 2. Kranken handelt es sich um eine ausgedehnte Arthropatliia tica beider Hüftgelenke, des rechten Schulter-, Ellbogen- und Handgelenkes. Berliner medizinische Gesellschaft. (Eigener Bericht.) Sitzung vom 25. Januar 1922. Tagesordnung: Ueber Salvarsanfragen. Referenten: die Herren f t e r, Arndt und K o 1 1 e. Herr Heffter: Beim Salvarsan handelt es sich um ein Arsenpräparat; den Salvarsanschädigungen vielfach und in erster Reihe um Arsen¬ ungen, wobei jedoch zu beachten ist, dass beim Kalium arsenicosum 6 — 7 mal kleinere Dosis Vergiftungen bewirkt. Durch Oxydation wird Salvarsan eine vielfach vermehrte Giftigkeit hervorgerufen, die sog. nggiftigkeit, da sie z. T. auf mikroskopischen Sprüngen im Glase beruht, en der schnellen Oxydierbarkeit der Salvarsanlösungen ist in Deutsch- den Apothekern die Abgabe von Salvarsanlösungen verboten. Neuer- s hat K o 1 1 e das Sulphoxylatsalvarsan hergestellt, das an der Luft nur ig oxydabel ist, und das, im Falle es sich sonst bewährt, darum als aus- sreiches Präparat betrachtet werden muss. Die Diskussion über die imaldosis des Salvarsans muss als überaus zwecklos betrachtet werden, l die Maximaldosen sollen nicht verhindern, dass der Arzt die ihm richtig heinende Dosis anwendet, sondern sie sollen nur ärztliche Irrtümer aus- lten, da der Apotheker die die Maximaldosis überschreitende Menge nur ben darf, wenn der Arzt durch ein Ausrufungszeichen seinen diesbeziig- n Wunsch ausdrücklich zu erkennen gegeben hat. Die englische und rikanische Pharmakologie kennt überhaupt nur mittlere therapeutische :n und keine Maximaldosen. Für Antipyrin gibt z. B. die .schweizerische, sehe und französische Pharmakopoe Maximaldosen an von 1, 2 und 4 g. irtig grosse Unterschiede ergeben sich bei derartigen Feststellungen, ohne man darum annehmen könnte, dass die einzelnen Völker sich so ver¬ öden verhalten. Da Salvarsan nur vom Arzte selbst angewendet und geben wird, so ist die Feststellung einer Maximaldosis überflüssig. Herr Arndt kommt auf die zahllosen Zeitungsartikel über das Salvarsan prechen und gibt seiner Anschauung Ausdruck, dass die Sensation in der arsanfrage schon sehr viel Schaden angerichtet hat und dass sie bei den enschaftlichen Diskussionei) über die Salvarsanfrage unbedingt ausge¬ ltet werden muss. Dann kommt er auf die wichtige Frage der Salvarsan- digungen zu sprechen und gibt als warmer Salvarsananhänger der An- : Ausdruck, dass sich tatsächlich in letzter Zeit die Salvarsantodesfälle iuft haben. Sie sind in den Tageszeitungen und besonders von Kur- cherseite ausführlich besprochen worden. Es entbehrt nicht eines ge- ;en Interesses, dass auf Grund von- Krankengeschichten, welche in seiner k'.inik gestohlen worden sind, in einem Organ, wie das 8-Uhr-Abendblutt auch seinerzeit als der Moniteur der Friedmanninteressen galt, der Ref.) vere Angriffe gegen ihn erhoben wurden. Eine Antwort habe er unter er Würde gehalten, da sein Vorgehen einwandfrei gewesen war und wissenschaftliche Diskussionen nicht in der Tagespresse führe. Des teren gibt er eine Uebersicht über seine Salvarsantodesfälle. Im e 1914 — 1918 hatte er 4 Todesfälle: einen an Encephalitis haemorrhagica pura haemorrhagica) bei primärer seronegativer Syphilis; im 2. Fall leite es sich um kombinierte Quecksilber-S^Ivarsanbehandlung, nach der u einer fieberhaften Lebererkrankung kam: im 3. Fall um Tod an Kollaps im 4. Fall ebenfalls um Tod an Kollaps nach zweimaliger Anwendung von 0,15 Salvarsan im Falle eines nichtsyphilitischen Ekzems, und der Tod wahrscheinlich als durch eine endokrine Störung bedingt anzusehen. Im e 192(1 wurden 24 000 intravenöse Salvarsaninjektionen bei 2104 Kranken ne Todesfall ausgeführt. Im Jahre 1921 traten bei 14 991 ausgeführten ivenösen Salvarsaninjektionen bei 1903 Kranken 8 Todesfälle auf, wozu i 3 Todesfälle bei Kranken treten, die von anderer Seite mit Salvarsan mdelt worden sind. Von den Gestorbenen sind 4 über 45 Jahr. Es Jelte sich um Fälle von Encephalitis haemorrhagica, um Myelitis, 3 mal schwere Dermatitis und 7 mal um akute Leberatrophie. Gegenüber diesen bedrohlichen Verhältnissen ist die Frage aufzuwerfen, man sich gegen diese schweren Zufälle am besten schützen kann. Und da ist zu sagen, dass man in allen Fällen, wo der geringste Verdacht auf eine Erkrankung des Nervensystems besteht, die milde protrahierte Salvarsan- kur anwenden muss. Bei einem Teil der Fälle, die mit tödlichem Erfolg ausserhalb der Klinik mit Salvarsan behandelt worden waren, waren die Injektionen weitergeführt worden, obwohl Fieber und Dermatitiden als Warnungssignal aufgetreten waren und unbedingt die weitere Behandlung hätten aussetzen lassen müssen. Von dem sog. Salvarsanikterus hat er im letzten Jahre 280 Fälle ge¬ sehen. Es ist dabei zunächst die Frage anfzuwerfen, ob es sich bei ihm um ein Hepatorezidiv oder um eine akzidentelle Erkrankung handelt. Auf Grund seiner Beobachtungen an seinem nichtsyphilitischen Material ist er doch der Ansicht, dass diese Erkrankungen, die besonders häufig bei tertiärer Syphilis auftreten, nicht auf die Zunahme des Ikterus im allgemeinen zurückzuführen sind. Die Tatsache, dass Salvarsan vielfach kritiklos angewendet wird; be¬ deutet eine grosse Gefahr. Bei der tertiären Syphilis wird das Salvarsan zweckmässig im allgemeinen durch Jod und Quecksilber zu ersetzen sein. Unentbehrlich ist es bei primärer und sekundärer Syphilis. Bei latenter Früh¬ syphilis verzichtet er im allgemeinen vorläufig auf Salvarsan. Bei viszeraler und Nervensyphilis dürfte Quecksilber-Jodbehandlung zweckmässiger sein. Der Vortragende erwähnt dann noch die sog. salvarsanrefraktären Fälle und gibt eine grosse Reihe von Kontraindikationen an, u. a. Diabetes, Intoxikationen, Adipositas, fieberhafte Erkrankungen, und erklärt schliesslich, dass die Leberfunktionsprüfung vor dem Beginn einer Salvarsanbehandlung ein recht erwünschtes Postulat sei, wenn dieses auch ausserhalb der Klinik recht schwer Erfüllung finden könnte. Jede Salvarsanbehandlung soll aber mit kleinsten Dosen begonnen und unter sorgfältigster Beachtung der Intoleranzerscheinungen durchgeführt werden. Eine Temperaturzacke ist oft das einzige, Warnungszeichen, das den anderen schweren Erscheinungen, besonders auch der Dermatitis, vorausgeht. Häufen sich trotz aller Vorsicht die Salvarsanschädigungen, so muss man doch annehmen, dass fehlerhafte Präparate in den Handel gekommen sind. Wie¬ weit dies aüf die Tätigkeit von Salvarsanschiebern zurückzuführen ist. liesse sich erst feststellen, wenn auf irgendeine Weise den Aerzten der Bezug echter Salvarsanpräparate von Höchst garantiert werden könnte. Herr Ko Ile spricht über die Prüfungen, denen von der Fabrik aus das Salvarsan unterzogen wird. Diese Prüfungen sind im Laufe der Zeit immer mehr verschärft worden. In neuerer Zeit werden neben Mäusen auch Ratten in grosser Zahl zu den Prüfungen benutzt, bei denen besser neurotrope Wirkungen festzustellen sind. Bei den Neosalvarsanpräparaten wird, bevor sie in den Handel gebracht werden, eine klinische Vorprüfung auf angio- neurotische Phänomene vorgenommen. Einen Schutz gegen anaphylaktische Wirkungen kann man in gleicher Weise erzielen, wie dies früher Besredka durch die injection prealable gelungen ist. Ein Zusatz von Traubenzucker bewirkt eine Entgiftung von Salvarsanlösung, wahrscheinlich dadurch, dass ein neuer Aldehydkörper entsteht. Das Neosilbersalvarsan hat eine stark spirillozide Wirkung bei guter Verträglichkeit und relativ grosser Stabilität der Lösung. Versuche an infizierten Tieren haben ergeben, dass es durch 3 Salvarsan- einspritzungen mit grossen Dosen gelingt. Sterilität bis zu 100 Proz. zu er¬ zielen. Nach 30 Tagen nach der Infektion bis zu 50 Proz. Nach 60 — 90 Tagen gelingt die Sterilisierung nur bei einer kleinen Anzahl von Tieren und nach 90 Tagen überhaupt nicht mehr. Bei der Spätsyphilis soll man die Sal- varsantherapie überhaupt nicht überspannen, da hier vielfach die Wassermann¬ reaktionen nicht negativ zu machen sind. Hier bleibt noch der Platz, die Quecksilbertherapie rationell auszugestalten. Auf der internationalen Zusammenkunft zur Wertbestimmung der Sera hat er überall hohe Schätzung der deutschen Wissenschaft angetroffen. Nur hat man ihm offen erklärt, dass man es nicht verstehe, wie im Lande Robert Kochs die Fried mann sehen Schildkrötenbazillen vertrieben würden, im Lande Behrings leeres Serum injiziert würde und im Lande E h r 1 i c h s immer von neuem eine masslose Salvarsanhetze inszeniert wü'rde. Sitzung vom 1. Februar 1922. Vor der Tagesordnung demonstriert Herr B e n d a einen Fall von Milzruptur bei Malaria tropica. In den Kapillaren des Hirns fanden sich relativ wenig Plasmodien. Dazu Herr Ziemann, der mitteilt, dass Milzrupturen ziemlich häufig sind. Herr B e n d a betont, dass dies für traumatische, aber nicht spontane Rupturen zutreffe. Tagesordnung: Salvarsanfragen. Herr Bonnhöfe r berichtet über 194 Fälle von Nervenlues, bei denen er Salvarsan angewendet hat. Bei den gummösen Formen waren die Erfolge günstig, weniger bei den endarteritischen. Von Schädigungen sah er 2 mal Exantheme, öfter Temperatursteigerungen, einmal bei Tabes eine Abduzens¬ lähmung zweifelhafter Aetiologie. Einmal bei frischem Schanker einen enze- phalitischen Prozess, der auf das Salvarsan zurückzuführen sein dürfte. Für ein, beschleunigtes Auftreten der Paralyse nach Salvarsanbehandlung hat er keine Anhaltspunkte. In grossen Statistiken ist sogar ein Rückgang der Paralyse nachgewiesen worden, was vieldeutig ist, aber im Zusammenhang mit der Salvarsantherapie Beachtung verdient. Herr Lubarsch warnt nach dem Salvarsantaumel davor, alle Schädi¬ gungen nach Salvarsangebrauch auf das Salvarsan zurückzuführen. Zu den Schädigungen gehört nur der Ikterus und die Hauterkrankungen. Bei der progressiven Paralyse mit den bestehenden Gefässstörungcn zeigt sich kein Zeichen einer verstärkten Gefässschädigung nach Salvarsan. Die Fälle von Leberatrophie haben seit 1919 zugenommen, ohne dass die Fälle sämtlich mit Salvarsan behandelt worden wären. Die Gründe der Zunahme der Leberatrophie sind völlig in Dunkel gehüllt. Herr Citron: Die Syphilis ist eine chronische Infektionskrankheit, die zeitweise mit Exanthemen verläuft. Der dermatologische Frühlatenz- begriff ist nicht anzuerkennen, zur Latenz gehört das Verschwinden der biologischen Reaktionen. Er schlägt dafür den Begriff aktive asympto¬ matische Lues vor. Dasselbe gilt von der Spätlatenz. Auch die aktive asymptomatische Spätlues ist mit allen spezifischen Mitteln, auch Salvarsan, zu behandeln. Es ist ein Irrtum, dass Spätformen auf Salvarsan nicht rea¬ gieren. Die Ehrlich sehen Kontraindikationen, wie z. B. dekompensierte Herzfehler auf luetischer Basis, sind jetzt aufzuheben. Verzettelung der Salvarsandosen wirkt auf die Spirochäten als Reizdosis: viele Neuro- rezidive etc. sind auf zu kleine Dosen des Salvarsans zuruckzuführen. Von 254 MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT. Nr. den Schädigungen muss man die aui verdorbenes Salvarsan zurückzuführenden ausschefden. Beim Silbersalvarsan tritt der kardiovaskuläre Symptomen- komplex häufiger auf (Blauwerden. Atemnot). Die anderen sog. Salyarsan- schädigungen beruhen nicht auf dem Salvarsan, sondern auf der Syphilis. Herr Buschke: Das Salvarsan ist Gefäss: und Nervengift. An der Leberatrophie hat düs Salvarsan erheblichen Anteil. Die Nervensyphilis hat zugenommen; es kann dies tatsächlich an Unterbehandlung der Falle liegen. Die guten Resultate der Kliniken werden mit hohen Dosen erzielt, deren Risiko der allgemeine Praktiker nicht tragen kann. Die kleinen Dosen des Praktikers wirken, wie z. B. Jadassohu experimentell an der Virulenzsteigerung der Spirochäten nachgewiesen hat, nur schädlich. Herr Bruhns: Das Silbersalvarsan gab sehr viele Exantheme, gut wirkte das Neosilbersalvarsan. Ein Vorzug der Salvarsangemische (+ Nova- surol etc.) ist der Wegfall der schmerzhaften intramuskulären Injektion des Hg. Die Rolle des Salvarsans beim Ikterus lässt sich doch überhaupt nicht leugnen; meist aber heilt der Ikterus aus und führt nicht zur Leber¬ atrophie. W olff-Eisner. Aerztlicher Verein zu Danzig. (Eigener Bericht.) Sitzung vom 14. Dezember 1921. Herr Wilhelm: Zur akuten gelben Leberatrophie. Vom August 1920 bis Dezember 1921 starben an akuter gelber Leber¬ atrophie auf der inneren Abteilung des Städtischen Krankenhauses (Prof. Wallenberg) 9 Fälle, 8 wurden durch Prof. S t a h r seziert. Die Sym¬ ptome waren die typischen. Bei rasch verlaufenden Fällen war der Ikterus zunächst gering, einmal war die Leber im Vorstadium erheblich vergrössert. Urobilin später meist nicht vorhanden. Leuzin und Tyrosin konnten nur in 2 sehr rasch verlaufenden Fällen nachgewiesen werden. Es waren anatomisch in einigen Fällen beginnende zirrhotische Veränderungen zu finden, 1 Fall musste als akuter Nachschub einer Atrophie aufgefasst werden.* Erkrankt waren 8 Männer, 1 Frau, die nicht gravide war, das^ Alter von 20 — 24 Jahren überwog, mangelhafte Ernährung kam nicht in Frage. 6 hatten sichere Syphilis, ein 7. stark positive Wassermannreaktion, bei einem 8. ist die Anamnese und die WaR. nicht bekannt, es war ein französischer Matrose. 1 Fall hatte keine Anzeichen von Syphilis und 'hatte zunächst Symptome einer infektiösen Cholangie. 6 waren sicher mit Hg und Salvarsan behandelt worden und zwar kurz vorher oder noch bei Ausbruch des Ikterus. Bei einem 7. Fall war es nicht ganz sicher, ob er behandelt war, bei dem Matrosen unbekannt. 1 Fall starb bei Fortsetzung der spezifischen Kur, ein anderer im Anschluss an eine Abortivkur und war stets seronegativ. Eine Mitwirkung des Salvarsans am Zustandekommen der akuten Leberatrophie bei der Mehrzahl der Fälle wird für wahrscheinlich gehalten. Salvarsan- ikterus und akute Leberatrophie sind verwandte Schädigungen. Sie sind zu trennen von gleichartigen Erkrankungen durch die Syphilis selbst. In 10 Jahren vorher war nur ein einziger Fall von akuter Leberatrophie im Krankenhause behandelt worden. Herr Dackau: Ueber Metastase eines Rundzellensarkoms im 5. Hals¬ wirbelkörper. Die Kranke,' 23 Jahre alt, fühlt seit Juni 1921 Brennen und Stechen im Nacken und im rechten Arm bis in die Fingerspitzen. Zeitweise Gefühl der Lähmung im rechten Arm. Beschwerden wechselnd. Ursache der Erkrankung „Ueberanstrengung“ (Stenotypistin) im Dienst. Untersuchungsbefund: Rechter Arm hängt schlaff herunter, kann nicht hoch¬ gehoben werden; fällt auch nach passivem Hochheben schlaff herunter. Feinere Zweckbewegungen beim An- und Ausziehen werden mit dem Arm gemacht. Psychogene Deutung der Erkrankung infolge der Art die Beschwerden zu schildern und des schnellen Stimmungswechsels. Nach 10 Tagen Reissen in beiden Armen und im Genick. Objektiver Befund unverändert. Zunahme der Beschwerden. Am 30. X. 1921. Bauchdecken-, Patellar-, Achillessehnenreflexe fehlen beiderseits. Babinski beiderseits +. Blase und Mastdarm gelähmt. Arme können nur in den Ellenbogengelenken gebeugt werden. Sensibilitätsprüfung: Berührungsempfindung normal. Sensibilität für spitz-stumpf und für Temperatur vom 4. — 5. Zervikalsegment nach abwärts aufgehoben. Diagnose: Raumbeengender Prozess in Höhe des 5. — 6. Zervikalsegments. Röntgenaufnahme: Verschmälerung des 5. Halswirbelkörpers. Unregel¬ mässige zackige Konturen. Operation: Resektion des 5. Wirbelbogens. Kavernöses Gewebe in der linken Seite des Wirbelkanals. Exstirpation der Gewebsmassen Abends Exitus letalis. Sektionsbefund: 5. Halswirbelkörper geborsten (durchsetzt von Meta¬ stasen). Haupttumor an der Radix mesenterii. — Mikroskopisch: Rundzellen¬ sarkom. Allgemeiner ärztlicher Verein zu Köln. (Bericht des Vereins.) Sitzung vom 28. November 1921. Vorsitzender: Herr Cahen I. Schriftführer: Herr Jungbluth. Herr Preysing: Ueber Otosklerose. Diskussion: Herren Meirowsky, Füth, Moritz, Tiefen- t h a 1. Sitzung vom 12. Dezember 1921. Vorsitzender: Herr Cahen I. Schriftführer: Herr Jungbluth. Herr Cahen I stellt den operierten Fall von Aneurysma artcrio- venosum des rechten Oberarms vor (s. Bericht vom 6. Oktober) mit Demon¬ stration des Präparates. Herr Auerbach I spricht über Bence-Jones sehe Eiweisskörper¬ reaktion bei multiplen Myelomen und anderen Geschwülsten. Diskussion: Herr Huysmans. Herr Samuel: Ueber die Behandlung des Abortes. Erscheint unter den Originalien der M.m.W. Diskussion: Herr Löhnberg legt den Standpunkt der gynäk. Univij sitätsklinik in der Abortbehandlung dar: Grundsätzlich wird der Gebrauch dl Kürette bei der Ausräumung des abortierenden Uterus auch vor dem zweit | Monat verworfen. Digitale Ausräumung des Uterus, sobald Zervix für Fing durchgängig. Die Zervixdilatation wird erreicht durch Laminaria- bzw. Heg; dilatation und vor allem durch Uterovaginaltamponade mit Jodoformga/ Durch eine rite durchgeführte Uterovaginaltamponade mit dem praktisch | Rapidtamponator erübrigt sich oft die digitale Ausräumung, da durch c angeregte Wehentätigkeit der Uterus seinen Inhalt gar nicht so selten hin: der Tamponade spontan ausstösst. Die Winter sehe Abortzange soll n zur Entfernung vorher digital gelöster Abortreste Verwendung finden. A schliessend Spülung des Uterus mit 1,5 proz. Lysoformlösung und nachtr.iglic Jodoformgazetamponade für 6 — 12 Stunden. Die Behandlung des fieberhaften Aborts ist an der Kölner Klin grundsätzlich konservativ, nur bei einer Indikation, starker Blutung, wi zur sofortigen Entleerung des Uterus geschritten, die dann aber auch schonend wie möglich zu erfolgen hat. Sonst wird empfohlen zunächst uni Bettruhe und Eisblase die Entfieberung abzuwarten und dann nach erreichl Fingerdurchlässigkeit, die am besten durch Uterovaginaltamponade erzi wird, die digitale Ausräumung vorzunehmen. Herr Frankenstein und Herr L a m m e r s. Aerztlicher Kreisverein Mainz. (Offizielles Protokoll.) Sitzung vom 10. Januar 1922. Herr Friess: Die Bedeutung der Röntgenuntersuchung für die D gnose und Prognose der beginnenden Lungentuberkulose. Unter Berücksichtigung der Grenzen und der Fehlerquellen der Röntget graphie betont der Vortragende, dass in fast allen Fällen beginnender, s schlossener Lungentuberkulose die Herde, wenn solche da sind, röntget graphisch nachgewieseit werden können; allerdings bleiben Katarrhe oh Verdichtung, die aber selten sind, unsichtbar. Zusammen mit der klinisch Beobachtung gestattet das Röntgenbild auch prognostische Schlüsse, wie i Untersuchungen von G r ä f f und K ü p f e r 1 e lehren. So fördert und ergät das Röntgenverfahren die klinischen Untersuchungsmethoden in ausgezeii neter und objektiver Weise und ist unter den physikalischen Untersuchunj methoden mit an die erste Stelle zu setzen; denn zugleich mit Sitz und Ai dehnung der Krankheit führt die Röntgenplatte mit hinreichender Sicherh die pathologisch-anatomische Erscheinungsform vor Augen und gibt damit 1 deutende Anhaltspunkte für die Prognose. Heute ist eine physikalisc Untersuchung der Lungen bei Verdacht oder Nachweis von Tuberkulose nh vollständig, was Feststellung und Vorhersage des Verlaufs angeht, we nicht ein technisch gutes und sachgetnäss beurteiltes Röntgenbild der Bri vorliegt. Aussprache: Herr Hofmann wünscht, dass die Krankenkass sich der Anwendung des Röntgenbildes weniger skeptisch gegenüberstellti Herr Gg. B. Gr über: Es gibt auch auf Grund gerade des Röntgt bildes gestellte Fehldiagnosen im Sinne der Tuberkulose, welche durch nie spezifische chronische bronchiektatische Erkrankung oder durch koniotisc Prozesse vorgetäuscht wurde. Solche Erfahrungen werden, wenn auch ni< häufig, am Sektionstisch gemacht. Es ist nötig, durch weiter ausgedelu Vergleichsforschung der Röntgenologen und pathologischen Anatomen au auf diese Erkrankungen zu achten und zu versuchen, ob sich hier i Röntgenbilder von den speziell tuberkulösen Formen auf den Röntgenplatl trennen lassen. Jedenfalls mahnt auch diese Erfahrung dazu, alle Unt suchungsmethoden wiederholt zu verwenden und nicht einer gerade mode gewordenen den Vorzug zu geben. Gr Aerztlicher Verein München. (Eigener Bericht.) Sitzung vom 8. Februar 1922. Vor Beginn der Sitzung findet auf die freundliche Einladung von Hei Prof. Dr. Heine hin eine Führung durch die neue Universitäts - O h r e k 1 1 n i k statt, die durch den bewährten Architekten K o 1 1 m a n n aus i Räumen der ehemaligen Hebammenschule in geschmackvoller und zwei entsprechender Weise geschaffen wurde. So ist also endlich einem Man abgeholfen, den München mit nur ganz wenigen anderen deutschen Univ sitäten vordem noch gemein hatte. Herr Jansen: Krankheitsbilder der Polyserositis. Vortr. stellt von der nicht häufig vorkommenden Krankheit der Po serositis vier Fälle vor und weist zunächst auf die Verschiedenheit < Krankheitsbilder der Polyserositis hin, in deren Mittelpunkt in allen v Fällen das insuffizient gewordene Herz mit seinen Folgezuständen steht. Zwei von den vorgestellten Kranken stehen im 2., die beiden anderen 5. bzw. 6. Lebensdezennium. Die physikalischen Untersuchungsbefunde gaben zweifelsfrei das Bild der bereits abgelaufenen oder zum Teil nc bestehenden entzündlichen Veränderung sämtlicher seröser Höhlen, des Pt toneums, der Pleura und des Perikards. In Röntgenbildern werden schweren schwartigen Verwachsungen zwischen Perikard und Plei (Pleuroperikarditis), zwischen Perikard und Zwerchfell (Phrenikoperikardi und zwischen Pleura und Zwerchfell (Pleuritis diaphragmatica) gezeigt, entweder flächenförmig oder strangartig deutlich zu erkennen sind und so; zu Form- und Lageveränderuqgen des Herzens und zwar auffallenderwc hauptsächlich des rechten Herzens, geführt haben. Die entzündlichen Vorgänge am Peritoneum sind in zwei Fällen' : der Aszitesflüssigkeit auch nachweisbar und stellen sich ausserdem bei die: wie bei den übrigen Fällen durch die Vergrösserung und Konsistcnzv mehrung der Leber und die unebene Beschaffenheit ihrer Oberfläche Ausdruck der Perihepatitis mit zentralwärts gerichteten bindegewebi: Wucherungen als sog. Pseudoleberzirrhosis dar. Die Bindegewebsprolife1' tionen haben in einem der vorgestellten Fälle zur Abkapselung der Asziö flüssigkeit geführt, was Vortragender daraus schloss, dass diese nur : häufig wechselnden Stellen per punctionem zu entleeren war, und dann ai{ nur teilweise. Die Verwachsungen des Herzbeutels mit seiner Umgebung bewirken el mechanische Behinderung der systolischen Herzkontraktion und somit <1 Februar 1922. MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT. 255 ■» , eitsgrösse. so dass bei erhöhter Inanspruchnahme aus äusseren oder ren Gründen durch Ausfall der physiologischen Anpassungsfähigkeit des |/inuskels schnell ein Herzschwächezustand mit allen Folgen der Stauung ritt. So war in einem der vorgestellten Fälle die Mehrbelastung durch eine 1 gleichzeitig vorhandene Mitralinsuffizienz gegeben, die schon sehr früh- g dekoinpensiert wurde durch die Unfähigkeit des Herzmuskels zur jitshypertrophie. Ferner kommt es durch die schrumpfenden Bindegewebsprozesse zur dammerung und nachfolgenden Strangulation der Eintrittsstellen der en und unteren Hohlvene unter Umständen auch der grossen Arterien. Die in einem Falle besonders starke Verzerrung des Herzens nach rechts irkte eine Verlagerung der venösen Eintrittspforten und somit auch der a portarum. Schliesslich greift die Entzündung des Perikards auch auf die benach- en Teile des Herzmuskels über und bewirkt hier Entartung der kon- tilen und nervösen Elemente und Ersatz durch bindegewebige Schwielen, hatten sich in zweien der demonstrierten Fälle Rhythmusstörungen in n einer Arhythmia perpetua als Ausdruck dieser Herzmuskelschädigung cebildet. Vortr. demonstrierte entsprechend der Lagerung der Symptomenkomplexe edem einzelnen Falle die jeweiligen ursächlichen Momente, die zu den veren Stauungserscheinungen der Zirkulation führen mussten, wie z. B. Pseudoleberzirrhose und damit der Aszites, die Anasarka der unteren oerhälfte infolge des Aszitesdruckes auf die grossen Venenstämme, oder untere Hohlvenenstauung infolge der mechanischen Behinderung ihres usses in den rechten Vorhof (Strangulation und Herzverlagerung), oder Herzmuskelinsuffizienz durch mechanische Behinderung der systolischen traktion oder auch durch die Herzmuskelentartung selbst und weist damit h, dass das eine oder andere dieser ursächlichen Momente oder die ibination einzelner von ihnen oder die Summation aller die Verschiedenheit Aussehens und die Schwere des Krankheitsbildes bei der Polyserositis ingen. Die Zirkulationsinsuffizienz ist also rein mechanisch bedingt und stets sekundärer Natur, wenngleich sie das ganze Krankheitsbild be¬ seht. Die Ursache ist die Tuberkulose, wie in zweien der Fälle aus dem hweis der Tuberkelbazillen in der Aszitesflüssigkeit bzw. aus dem orrhagischen Charakter eines entzündlichen Herzbeutelergusses, mit dem Krankheit vor zwei Jahren begann, hervorging. Bei den latent ver¬ enden Fällen ist die Ursache erfahrungsgemäss auch die Tuberkulose, man in den Schwartengeweben häufig Tuberkel nachweisen konnte. Die Prognose ist auf jeden Fall zweifelhaft und hängt ab 1. von i mechanischen Einfluss der Oblitcration auf die Herzarbeit. 2. von der hanischen Abflussbehinderung aus den beiden Hohlvenen und der Pfort- r, 3. vom jeweiligen Stand der entzündlichen Vorgänge in den serösen len und 4. vom Umfang der entzündlichen Mitbeteiligung des Herzmuskels. Die Behandlung kann von zwei Gesichtspunkten aus erfolgen: nal kausal oder symptomatisch. So beobachtete Vortr. in einem Falle erneutes Auftreten der Zirkulations- ■ ungen bei neuerlichen Schüben von Peritonitis. Behandlung dieser mit tensonne und Schmierseifeneinreibungen des Leibes besserten die Pcri- tis wesentlich und verhinderten Stauungsrezidive. Im Anfangsstadium :r exsudativen Perikarditis sollte der Versuch der dauernden Entleerung Herzbeutelergusses mit nachfolgender Höhensonnenbestrahlung gemacht den. Der Herzbeutelerguss muss entleert werden bei drohender Herz- ponade. wie dies bei dem letzten der vier demonstrierten Kranken der war. Inwieweit spezielle Tuberkulosebehandlung in frischen Fällen hier )lg verspricht, muss erst die Erfahrung zeigen. Die symptomatische Behandlung bezweckt die Steigerung der Herzarbeit :h die für diese bekannten Massnahmen. (Digitalis und andere tonische tel.) Der Erfolg einer solchen Behandlung ist naturgemäss beschränkt, die Herzarbeit ja vielfach mechanisch behindert ist. Deshalb sieht man li anfänglichen Erfolgen bald ein Versagen dieser Therapie. Ausser dieser Behandlung muss hauptsächlich eine stärkere Diurese an¬ egt werden, die auf Grund der Beobachtungen an den vorgestellten nken meist besseren und längeren Erfolg verspricht. Von den diuretischen teln eignen sich am besten diejenigen der Purinreihe und von diesen der das Theocin zu 3 mal 0,3 g pro Tag in Intervallen. Letzten Endes isagt auch diese Therapie, wie die beiden letzten demonstrierten Fälle rzeugend beweisen.. Zuweilen gelingt es dann wieder, die Diurese durch neue Mittel Novasurol in Gang zu bringen, das in einem der Fälle izende Wirkung entfaltete, in einem anderen, eine Nierenschädigung setzte in den beiden letzten Fällen schwerste Hämaturie ohne jede Diurese¬ gerung verursachte. Die Anwendungsbreite dieses Mittels muss demnach r eingeschränkt werden. Jede Diurese soll zunächst mit einer mechani- en Entlastung der Zirkulation durch ausgiebige Aszitespunktion begonnen dann die angestrebte Wirkung der ebengenannten tonischen und diureti- en Mittel durch Milchtage und kochsalzfreie Diät kräftig unterstützt rden. Hiermit ist nur ein Erfolg quoad vitam erreicht, nicht aber quoad sana- '.em. Vor allen Dingen bleiben solche Kranke arbeitsunfähig. Und letzten les lassen alle therapeutischen Massnahmen früher oder später im Stich. Für diese Fälle erörtert Vortr. die Frage nach der Anwendung der i Brauer angegebenen K a r d i o 1 y s e, die aber nur bei dem Vor- densein einer systolischen Einziehung der unteren Brustbeingegend ange- ridet werden sollte, d. h. also bei Verwachsungen des Herzbeutels mit dem iachbarten Mediastinum, der sog. Mediastinoperikarditis. Da diese Indi- ion aber hier fehlt und ausserdem in den vorgestellten Fällen die Poly- osicis das Krankheitsbild beherrscht, so eignen sich diese Krankheitsfälle h der heutigen Anschauung nicht für eine chirurgische Behandlungsweise. Vortragender schliesst mit der Bitte an Geheimrat Sauerbruch, zu Frage der chirurgischen Indikation für die Kardiolyse eine kritische Uung einzunehmen. Herr Sauerbruch weist darauf hin. dass die Pericarditis obliterans, sich auch nach anderen Ursachen, z. B. Traumen,- finde, noch nicht ohne iteres schwerere Störungen der Herztätigkeit verursache. Wie bei um¬ sreichen Darmverwachsungen erst dann eine erhebliche Beeinträchtigung Peristaltik eintrete, wenn durch Strangbildung Abschnürungen des Darms 'anlasst würden, gerade so arbeite das Herz ohne wesentliche Mehr- astung, solange es nur zu Verklebung der beiden Perikardblätter unter- ander kommt. Sobald aber das Perikard durch Stränge an die Umgebung, sei es nun Brustwand oder Zwerchfell, gefesselt werde, habe es durch Mit¬ schleppen dieser Teile eine bedeutende Mehrarbeit zu leisten, der es natürlich nicht auf die Dauer gewachsen sein könne. Oder aber es komme durch die Stränge zur Drosselung der zu Gegendruck unfähigen Venae cavae und damit zur venösen Stauung. Allein in solchen Fällen hat die operative Kardio¬ lyse Aussicht auf Erfolg. Sowohl die Brauer sehe Resbktion der ans Herz fixierten Brustwandteile als auch die Lösung von Narbenzwingen um die Vena cava hat Vortr. mit bestem, zuweilen augenblicklichem Erfolg ausführen sehen und selbst ausgeführt. Bei phrenikokardialen Verwachsungen dürfte sich wohl auch die leicht ausführbare einseitige Phrenikotomie emp¬ fehlen. Für die Frühbehandlung der exsudativen Perikarditiden haben uns französische Autoren einen Weg der Therapie gewiesen, der die in solchen Fällen stets drohende Myokarditis hintanhalten soll. Es ist die operative Dauerdrainage des Herzbeutels, durch die vielfache Punktionen erspart werden und ebenso ein weitgehender Schutz des Herzmuskels vor Beengung durch Exsudatdruck erreicht wird. Herr Thannhauser bringt einige Angaben zur Beurteilung des Nova- surols. Dieses quecksilberhaltige Mittel war ursprünglich zur Luesbehandlung bestimmt und erwies sich bei dieser Gelegenheit auch als Diuretikum (S a x 1). Die nachprüfenden Internisten konnten bestätigen, dass es sich hier um ein ganz hervorragendes Mittel handelt, das vielfach noch in Fällen wirkt, bei denen alle anderen Diuretika versagen. Der Hg-Gehalt des Novasurols ist minimal, weit geringer als im Kalomel, dessen oft unerwünschte Wirkung auf den Darm es auch deshalb nicht teilt, weil es einzig und allein und zwar rasch durch die Niere ausgeschieden wird. Hier regt es vor allem die Kochsalzausscheidung an und mit ihr eine Harnflut, die schon nach wenigen Stunden abklingt und in etwa zweitägigen Intervallen mehrmals neuerdings erzeugt werden kann, wenn noch Retention besteht. Mit der spezifischen Wirkung auf die Nierenfunktion in engem Zusammenhang steht nun allerdings auch die grosse Gefährlichkeit und strenge Kontra¬ indikation des Novasurols bei allen Erkrankungen des Nierenparenchyms. Schwere Hg-Vergiftung pflegt die unmittelbare Folge seiner Anwendung bei nicht rein kardialen Stauungen zu sein und es kann daher nicht genug vor seiner unvorsichtigen Verordnung gewarnt werden. Referent wendet bei geeigneten Fällen folgende Medikation an: Zuerst wird 1 ccm der käuflichen, in Ampullen gelieferten Lösung intramuskulär injiziert und nur wenn schon hierauf Diurese eintritt, wird jeden zweiten Tag mit 1,5 — 2 ccm fortgefahren bis hinreichende Entwässerung erzielt ist. Herr Jansen: Schlusswort. Vereinigung der Münchener Fachärzte für innere Medizin. (Eigener Bericht.) Sitzung vom 17. November 1921. Aussprache über seltenere Elektrokardiogramme und Demonstrationen von solchen: Herr Handwerck: 1. Gleichzeitige Aufschreibung von Elektrokardio¬ gramm und Radialispuls eines kurzen Paroxysmus (21 Extra¬ systolen) von ventrikulärer (Typus A) Tachykardie. Elektrokardiogramm rcgel- und gleichmässig, Radialispuls ungleichmässig. 2. Elektrokardiogramm zweier Fälle mit interpolierten Extra¬ systolen: Strecke a nach der Extrasystole wesentlich länger als ohne vorhergehende Extrasystole (vergl. H. Straub). Herr v. Romberg geht auf die Ergebnisse der Straub sehen Be¬ obachtungen näher ein. Neben der verzögerten Ueberleitung der alten Theorie ist auch die verzögerte Anspruchsfähigkeit (Latenz) zu berück¬ sichtigen. Man wird zum Schluss geführt, dass Ueberleitungsstörungen sehr verschiedener Art existieren. 3. Elektrokardiogramm von einem Fall mit Adams-Stokesscher Krankheit. Dissoziation. Ventrikel regelmässig, ungefähr 38, Vorhof ungefähr 74. Die Vorhoffrequenz zeigt eine Ar¬ rhythmie, indem der Vorhofsschlag nach einer Ventrikelsystole vor¬ zeitiger erfolgt als der nächstfolgende, dem kein Ventrikelschlag vorhergeht. Wo Vorhof- und Ventrikelelektrokardiogramm in ihrem Beginn zusammen¬ fallen, folgt das nächste Vorhofelektrokardiogramm noch wesentlich später als sonst die Vorhofelektrokardiogramme, denen kein Ventrikelelektrokardio- gramm vorausgeht. Der Eintritt einer Ventrikelsystole fördert durch bessere Durchblutung die Reizbildung oder die Anspruchsfähigkeit der Vorhofmusku¬ latur, wahrscheinlich beides: bei gleichzeitiger Aktion von Vorhof und Ven¬ trikel leidet die Durchblutung. 4. Elektrokardiogramm eines seit 21. IV. 1915 in Beobachtung stehenden Falles — Dame von 59 Jahren — mit Pulsverlangsamung: bis An¬ fang 1917 bei relativem Wohlbefinden, höchstens leichten Schwindelanfällen, Puls immer regelmässig. 40 — 48 Schläge in der Minute. Die bis dahin auf¬ genommenen Elektrokardiogramme weisen stets Halbrhythmus auf, bei dem der kein Kammerelektrokardiogramm auslösende Vorhofschlag dem vorhergehenden, vom Ventrikel (und zwar ohne Verlängerung der Strecke a) beantworteten stets in einem merklich kürzeren Abstand folgt, als ihm der nächste wieder vom Ventrikel beantwortete. — Ohne wesentliche Allgemein¬ störung Ekg. am 27. II. 1917 : Nicht mehr jeder zweite Vorhofschlag wird beantwortet (und wenn — • mit bedeutender Verlängerung der Strecke a ungefähr 0,2 — 0,47"), sondern verschiedentlich erst der dritte; dann mit einer wesentlichen Verkürzung der Strecke « ungefähr 0,15". Interessant ist, dass bei dem 1:3 Rhythmus die zweite der Vorhofperioden, in denen kein Ventrikelschlag erfolgt, wieder etwas kürzer ist, als die erste dieser beiden. (Die noch schlechtere Durchblutung wird ausgeglichen durch die längere Erholungszeit?) — September/Oktober 1918 mehrere synkopale An¬ fälle, die sich im Dezember 1918 wiederholten. Keine Ekg. -Aufnahmen, da Vortragender im Feld. Nach einem Anfall am 25. Dezember 1918 33 regel¬ mässige Pulse, zeitweise nur 24, aber dann Doppelschläge. Ekg. vom 22. März 1919: Dissoziation. Bis Januar 1920 bei sehr seltenen, meist leichten Anfällen Puls ungefähr 33. — Anfang Januar 1920 Puls wieder 40. Ekg. 10. Januar 1920: wieder Halbrhythmus, seitdem Puls ca. 35. Keine wesentliche Störung des Befindens bis Anfang September 1921, wo wieder Anfälle auftraten. Der Fall soll später noch ausführlicher veröffent¬ licht werden. 5. Elektrokardiogramm eines Fräuleins von 27 Jahren mit schwerem Mitralfehler: Die anfänglich regelmässige und normallange Strecke a wird bei etwas langsamer werdendem Sinusrhythmus immer kürzer, so dass 256 MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT. Nr das — in seinem Ablauf sonst unverändert erscheinende P von R überholt zu werden scheint (atrioventrikuläreAutomatie oderDisso- ziation?). Ueber 3 Jahre später (1919) hat Herr Taschenberg bei derselben Kranken ein ganz gleiches Ekg. aufnehmen können (s. u.). Herr v. Romberg hält die Deutung als atrioventrikuläre Systolen für wahrscheinlicher. Herr v. Hoesslin erinnert an das Wandern der Reize vom oberen zum mittleren und unteren Abschnitt des automatisch schlagenden Knotens (vergl. Edens). Herr v. Romberg: Venenpulskurve: Zuerst regelmässiger Rhythmus, dann kurzer tachykardischer Anfall (mit Vorhofpfropfung). Ekg. zuerst typisch, dann keine typische A-Welle, dann Bewegung vor der T-Welle, die dem Vorhof entspricht. Beim Aufhören des tachykardischen Anfalles erst noch eine A-Welle, die nicht beantwortet wird. Herr Taschenberg (als Gast) streifte vor seinen Demonstrationen zur klinischen Elektrokardiographie technische Fragen. Es empfiehlt sich nicht, über eine Empfindlichkeit von 1 cm bei 10 M-Volt hinauszugehen und die Umlaufsgeschwindigkeit -d.es Papierstreifens nicht über 54 cm für 1ls Sekunde zu steigern, da andernfalls die feinen Aufsplitterungen des Faden¬ schattens zu störend hervortreten. Dabei handelt es sich um Ströme, die von Muskelbewegungen des Kranken herrühren, von aussen kommende Wechselströme geben ein ganz anderes Bild. Ferner wird nachdrücklich die Forderung unterstützt, stets alle -drei Ableitungen aufzunehmen. Die dann folgenden Demonstrationen betreffen 1. Disso¬ ziationen von Vorhof und Ventrikeln, darüber vergl. D. Arch. f. Kl.M. 137, Heft 1/2. Weiterhin eine Kurve, bei der -die Strecke a zeitweilig auf die doppelte Länge angewachsen ist und sich plötzlich wieder auf die normale Ausdehnung zurückbildet, ohne dass der Kammerrhythmus gestört war. Schliesslich eine Kurve von atrioventrikulärer Automatie (Fall Handwerck), bei der P vor, in und hinter den Ventrikelkomplex fällt, die Ventrikelkomplexe folgen sich regelmässig, die P-Zacken ganz unregelmässig. P ist stets deutlich positiv. 2. Kurven von Eurhythmie bei Flimmern aus oben¬ genannter Arbeit zur Diskussion der Frage, ob die automatische Tätigkeit des AV. -Knotens eine unregelmässige Frequenz der Kammern im Gefolge haben muss, was abgelehnt wird. 3. Drei Fälle von anfallsweisem Auftreten von Tachykardie bzw. Tachyarrhy thmie. Sie betrafen erstens einen Kranken mit Karzinom des rechten Hilus und weiterhin solche, bei denen eine anatomische Bedingung nicht zu finden war. Die Ekg. aller solcher Fälle teilen das Schicksal der meisten ähnlichen in der Literatur: sie sind schwer zu analysieren. Die Kammerelektrokardiogramme hatten nicht das Aussehen atypischer; die Schwierigkeiten der Analyse liegen darin, die P-Zacken einwandfrei festzustellen. Flimmern liegt sicher in keinem der Fälle vor; am wahrscheinlichsten ist wohl die Annahme, dass bei diesen Fällen der Reizursprungsort der AV. -Knoten ist. Dabei muss wie bei dem oben erwähnten Falle von atrioventrikulärer Automatie die Annahme, dass P in diesen Fällen negativ sein müsse, fallen gelassen werden, andererseits kann die Frage, warum in manchen Fällen von Herzjagen die Kammern un¬ regelmässig schlagen, vielleicht mit der alten Fredericq sehen Hypo¬ these gelöst werden, wie es vom Autor bereits in anderem Zusammenhang in der zitierten Arbeit geschah. Herr v. Romberg: Der AV. -Knoten ist ihm als Ursprungsort in diesen Fällen weniger wahrscheinlich als die Vorhöfe. Der wechselnde Ent¬ stehungsort der Vorhofreize mag erklären, warum P nur bisweilen negativ ist. Die Fredericq sehe Theorie ist ebenso abzulehnen wie die von Mackenzie. Herr Pöschel demonstriert ein Ekg., welches Gruppen von atrioventrikulären Extrasystolen in annähernd regel¬ mässiger Wiederkehr zeigt. Ferner wird auf die Entstellung des Ekg. durch Verkehrtschaltung der Elektroden hin¬ gewiesen. Naturforschende u. medizinische Gesellschaft zu Rostock. Sitzung vom 9. Dezember 1921. Vorsitzender: Herr Peters. Schriftführer: Herr Triebenstein. 1. Herr Körner spricht über Diagnose, Prognose und Therapie der otogenen Kleinhirnabszesse. 2. Herr Felke: Herr F. demonstriert originärsyphilitische Kaninchen, die in Rostock wie auch anderen Orts (Wien, Innsbruck, Berlin, Frankfurt) bei Züchtern gefunden wurden. Die klinischen Erscheinungen dieser Venerie sehen flacher, blutreicher und weniger infiltriert aus als Impfprodukte mit menschlichem Virus, von dem die Erreger weder im Dunkelfeld noch färberisch mit Sicherheit zu unterscheiden sind. Während bei experimenteller Kanin¬ chensyphilis die WaR. nach Blumenthal meist positiv war, reagierten die bisher gefundenen originärvenerischen Tiere negativ. Aussprache: die Herren v. Wasielewski, Felke, Walter, Felke. 3. Herr Curschmann demonstriert: a) einen Fall von Lungensyphilis. 50 jährige Frau, Infektion vor 7 — 8 Jahren, chronisch rezidivierende Bronchitis seit 6 Jahren; allmählich — stets ohne Fieber — sehr elend und kachektisch. Befund einer chronisch umschriebenen pneumonischen Infiltration im rechten Unterlappen (Röntgenbild). Sputum eitrig, ohne Befund. WaR. ++++. Chorioiditis luetica. Auf Neosalvarsan-Hg (L i n s e r) innerhalb 5 Wochen völlige Heilung, klinisch sowohl als auch bezüglich des Röntgenbildes. b) 38 jähriger Mann mit Asthma bronchiale, tuberkulöse Infiltration des linken Oberlappens (Tuberkelbazillen +), abgefeufener (nicht spezifischer) Bronchopneumonie eines Unterlappens und tertiärer Lues des Rachens und Gaumens (WaR. H — 1 — I — h, Infektion bekannt). Vortragender bespricht die klinischen Formen der Lungenlues, ihre Therapie und die Koinzidenz von Tuberkulose und Lues. Die Diagnose lässt sich — auch röntgenologisch — nur durch den Ausschluss der Tuberkulose, des Abszesses und der grippösen chronischen Pneumonie und die WaR. stellen; die Prognose ist meist sehr gut. c) Poliomyelitis adultorum. 35 jähriger Mann; innerhalb 2 Tagen Ent¬ wicklung einer Schulter-Armlähmung mit Parese des gleichseitigen Beins. Alle Lähmungssymptome gingen zurück bis auf schlaffe Lähmung des M. del- toideus sin. und Parese des M. pectoralis und biceps mit elektrischer Ent¬ artungsreaktion. Eine zerebrale Affektion oder B r o w n - S e q u a r d sehe Hulbseitt* läsion waren auszuschliessen. Bemerkenswert war eine anfängliche Hy] ästhesie im S. cerv. 3 — 6. Vortragender teilt mit, dass spinale Lähmungen bei Erwachsenen zurz in Mecklenburg öfter Vorkommen und betont, dass senile Ausfallserscheinung bei der Poliomyelitis adultorum nicht ganz selten seien. Aussprache zu a) und b): die Herren Körner, Friboi Müller, Curschmann, Körner, Curschmann, Friboes; c) : die Herren Walter, Curschmann, Müller, Curschmann. Herr Stahl: Ueber diagnostischen Pneumothorax. Demonstration cj Röntgenplatten dreier Fälle, in denen durch Ablassen von Exsudat und Nat fiilltung von Luft in die Pleurahöhle die Röntgendiagnose wesentlich gefördi wurde. Fall 1: Abgekapseltes Pleuraexsudat inmitten starker Schwarte bildung. Durch Lufteinblasung wird eine Lokalisation, Beurteilung der nc vorhandenen Flüssigkeitsmengen, sowie fortlaufende Kontrolle bis zur E Sorption ermöglicht. Fall 2 zeigt die genauere Lokalisation von Lunge Zw'erchfelladhäsionen nach subphrenischem Abszess. F a 1 1 3 veranschaulic die genaue Lagebestimmun« eines Lungentumors, die erst durch Entfernu des Exsudats und Luftzuführung ermöglicht wurde. Dieses Verfahren veji dient bei Berücksichtigung gewisser Vorsichtsmassregeln — Wiederablass der Luft bei Pleurareizung und verstärkter Exsudatbildung, Unterlassung d Verfahrens bei Empyem — allgemeine Anwendung in Fällen, die durch e fache Durchleuchtung nicht genügend zu erklären sind. Aussprache: Herr Deusch: Als Kontraindikation ist, nach ein unlängst erschienenen Arbeit über diagnostische und therapeutische Pneuir theraxanwendung, der Verdacht auf Lungenechinokokkus anzusehen weg Gefahr einer Perforation in die Pleurahöhle. Herr Curschmann möchte bei vorsichtigem Handeln auch in dt letztgenannten Fall die Gefahr des diagnostischen Pneumothorax gering i achten und empfiehlt weitere Erfahrungen auf dem Gebiet zu sammeln. Herr Müller hat bei Operationen bei dem dabei öfters ganz plötzlich Entstehen eines Pneumothorax nie eine ernstliche Schädigung beobachtet. Herr Griinberg: Zur Pathologie und Pathogenese der Otosklero; Herr G. gibt einen kurzen Ueberblick über die Pathologie der sog. Ot sklerose, die als primäre Erkrankung der knöchernen Labyrinthkapsel ai gefasst werden muss, während dabei die oft, aber durchaus nicht immer vt handene Ankylose der Steigbügeltdatte einen sekundären Vorgang darstel Das Charakteristische des Prozesses besteht in dem Auftreten scharf u: schriebener Erkrankungsherde, die bestimmte Stellen der Labyrinthkaps bevorzugen und beiderseits symmetrisch angeordnet zu sein pflegen. An ein Reihe von mikroskopischen Präparaten werden die Einzelheiten des Kran;, heitsprozesses demonstriert. Ueber das Wesen der Erkrankung bestehen auch heute noch lediglij Hypothesen. Nach Ansicht des Vortragenden verdient unter diesen die vl Mayer aufgestellte die grösste Beachtung, weil sie nicht allein die liistji logischen Veränderungen erklärt, sondern vor allem auch der nicht zu t| zweifelnden Vererbarkeit des Leidens gerecht wird. Nach dieser Hypothek handelt es sich bei den otosklerotischen Knochenherden in der Labyrint|: kapsel um örtliche Gcwebsmissbildungen, die sich geschwulstartig ausdehni und in die Gruppe der Hamartome einzureihen sind. Physikalisch-medizinische Gesellschaft zu Würzburg (Eigener Bericht.) Sitzung vom 26. Januar 1922. Herr v. Ubisch: Ueber die Aktivierung regenerativer Potenzen. Der Vortragende kommt auf Grund von Transplantationsversuchen Regenwurmern, vergleichenden Betrachtungen über Entwicklungsvorgän:. und Literaturangaben über das Ergebnis homoioplastischer und heteroplasj scher Transplantation an Säugetieren zu folgenden Ergebnissen: Bei der homoioplastischen Transplantation jugendlicher, kleiner Tei auf eine ältere Unterlage werden die regenerativen Potenzen des Tranj plantates durch stoffliche Beeinflussung von seiten der Unterlage in so we gehendem Masse aktiviert, dass das Ergebnis der Operation ein mehrfa.j besseres ist als bei Autotransplantation selbst an jungen Individuen. Z i vollen Aktivierung der regenerativen Potenzen ist das Vorhandensein ein- kräftigen Differenzierungsgefälles (womit der Gegensatz zwischen hoch uij niedrig differenzierten Zellen bezeichnet wird) erforderlich, das in wenig; ausgeprägtem Masse infolge der Entwicklungsvorgänge in jedem Organisrmj vorhanden und die Grundlage der Regenerationserscheinungen ist. Da duru homoioplastische Vereinigung ungleich alter Teile das Differenzierungsgeiäl; experimentell erhöht werden kann, besteht Aussicht, die Transplantation) tnöglichkeit und die Regenerationsvorgänge auch an höheren Tieren i erhöhen. Gesellschaft der Aerzte in Wien. (Eigener Bericht.) Sitzung vom 10. Januar 1922. Herr J. Kraft demonstriert ein primäres Nierenbeckenepitheliom vtj einer 56 jährigen Frau, ferner einen Ureter, der im mittleren Drittel vc Papillomen aufgetrieben ist. Herr E. Fröschels und Herr L. R e t h i demonstrieren einen 43 jäh Mann mit 5/4 Oktaven Stimmumfang. Die Stimme reicht vom Kontra-F bis zum dreigestrichenen f, -das Brus register bis zum zweigestrichenen c, das Mittelregister bis zum zwe gestrichenen g. Herr R e t h i berichtet, dass die Stimmbänder kurz und aufiallerj breit sind. Herr A. Fraenkel: Zur Lehre von der Krebskrankheit. Mehr oder weniger jede Noxe kann karzinogen werden; freilich ij nicht jede Stelle des Organismus gleichgeeignet. Neben den exogem Faktoren darf man die endogenen nicht vergessen. Für eine Reihe von Fällt ist die C o h n h e i m sehe Embryonaltheorie sicher die richtige Erklärut (branchiogene Tumoren, Nävuskarzinome). Die Theorie von A. Fische dass Entwicklungsabschluss und Verlust der embryonalen Vermehrungspotci nicht identisch ist. erklärt vieles. Die das abnorme Wachstum auslösendt Reize greifen an der Zelle direkt oder auf dem Umweg über den Organismi an. Im Erbgang verhält sich das Neoplasma wie die Missbildunge Februar 1922. MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT. 257 j s s 1 e). Die Statistiker sind von der Erblichkeit des Karzinoms nicht rzeugt. Es scheint, dass eine gewisse Krankheitsbereitschaft zur Ent- mng des Karzinoms notwendig ist; diese Bereitschaft ist durch die üe- ! ltverfassung des Organismus bedingt und kann vererbt werden. Das I zinom als solches ist nicht vererbbar. Karzinome können in bestimmten Bezirken gehäuft Vorkommen, in ;em Falle muss man wohl an Parasiten denken. Die Tierpathologie zeigt, s die Wirbellosen frei von Karzinom zu sein scheinen. Redner, verweist die Häufigkeit des Magen-, des Rektum- und Uteruskarzinoms -beim ischen, während Duodenum und Dünndarm sehr wenig Krebsfälle zeigen. den Pflanzenfressern sind die Karzinome des Respirationstraktes am figsten. Manche Autoren bringen die funktionelle Inanspruchnahme mit der Krebs- ung in Zusammenhang. Doch ist dies hypothetisch ebenso wie der Zu- imenhang zwischen Parasitismus und Karzinombildung. Die Immunitäts- ;chung hat bisher das Problem nicht gefördert. fl Aus ärztlichen Standesvereinen. Berlin-Brandenburger Aerztekammer. tzung vom 28. Januar 1922, mittags 1 Uhr im Landeshause. Vorsitzender: Herr S t ö t e r. Schriftführer: Herr Joachim. Als Vertreter des Oberpräsidenten Herr Geh. Reg. -Rat v. Gneist. Nachruf auf die verstorbenen Mitglieder: Selber g, Engelhardt, w 1 i c k, M i c h e 1 s, K ö p p e 1. 1. Bericht des Vorstandes (liegt gedruckt vor) : Die im vorigen re errichtete Auskunftsstelle ist von fast 500 Aerzten in An- uch genommen wegen Gebührenfragen. Steuerfragen, Standesfragen, hlenzusatzkarten sind in 78 Fällen vom Vorstand beantragt ;^den. Wegen Beschlagnahme von Arztwohnungen wurden Anträge bearbeitet. Eingabe wegen Neuregelung der G e b ii h r e n f r a g e. dem im Herbst 1921 durch Säulenanschlag veröffentlichten Beschluss, laut l für die Beratung in der Sprechstunde 20 Mark, für den Besuch 30 Mark ndestens zu zahlen sei, wird ein Nachtrag bekanntgegeben, dass $e Sätze auf 25 und 40 M. zu erhöhen seien. Der ärztliche Arbeit s- chweis ist in die Wege geleitet. Beratung über Prüfungsord- n g und Berufsberatung. Antrag zur Abwehr des Sozialdemokrati¬ en Antrages auf Aufhebung der Ehrengerichte. Kündigung : Vertrages betr. Kriegsfürsorge mit dem erfreulichen Er- nis, dass der Magistrat Berlin auf die Forderungen des Vorstandes ein- angen ist. Anträge betr. Steuerfragen. 2. Berichte über die besonderen Einrichtungen der m m e r (sämtlich gedruckt vorliegend). a) Ehrengericht: Zu den 74 aus dem Vorjahr übernommenen hen traten 182 neue Anzeigen, zusammen 256 Sachen. Die Zahl der Ver¬ klungen betrug im nichtförmlichen Verfahren 8, im förmlichen Verfahren 18, ammen 26, darunter wurde 5 mal auf Veröffentlichung erkannt. Die Zahl dem Ehrengericht unterstehenden Aerzte betrug 5300. b) Beim Bericht der Vertragskommission wird die K ü n - jung der Schulärzte in Neukölln zur Sprache gebracht und ein rag S c h e y e r angenommen, der das Bedauern der AeK. über diesen chluss des Neuköllner Magistrats ausspricht. c) Der 20. Jahresbericht über die Unterstützungskasse (er¬ det von Herrn S. Davidsohn) lässt den weiteren erfreulichen Auf- wung der Kasse erkennen. Die Höchstunterstutzung im Jahre 1921 an ;n Arzt betrug 4300 M. Im ganzen konnten 143 737 M. an Unterstützungs¬ lern in diesem Jahre gewährt werden. Das Vermögen der Kasse ist auf 000 M. angewachsen. d) Der Bericht des Kuratoriums für Kriegsentschädigung >ss-Berliner Aerzte zeigt eine gewisse Verlegenheit, was mit dem ge- tigen, nicht zur Verteilung gelangten Ueberschuss von 765 301 M. ange- ?en werden soll. Um dieser Verlegenheit abzuhelfen, werden 72 000 M. die Unterstützungskasse zum Zwecke der Stöterstiftung überwiesen; der ;t wird in eine Kasse überführt, die den Namen für Wohlfahrts¬ lege und Kriegsentschädigung Gross-Berliner Aerzte führen soll. e) Der Bericht der Kommission zur Bekämpfung der Kur¬ usch e r e i enthält ein sehr eingehendes Rechtsgutachten des preussischen listers für Volkswohlfahrt über die rechtliche Lage, die bei Bekämpfung Kurpfuscherei zurzeit besteht. Dieser Bericht sowie die gleichzeitig ab¬ ruckte Verfügung, die der Polizeipräsident von Berlin an den Heilkünstler stelsky erlassen hat, sind bereits durch die „Aerztekorrespondenz“ öffentlicht. 3. Der Kassenbericht für das Jahr 1921 ergibt, dass die Kammer- träge fast 336 000 M. einbrachten. Die persönlichen Verwaltungskosten rügen 108 000, die sachlichen 30 700 M. Die Kosten des Ehrengerichts he¬ gen 19 955 M. An die Unterstützungskasse wurden 100 000 M. uberwiesen. " Ueberschuss der Einnahmen über die Ausgaben belief sich auf 41 000 M. rch diesen Ueberschuss und durch den Erhalt des Sanitätsrat Dr. Jen¬ it z a sehen Nachlasses (128 000 M.) stieg das Vermögen der Aerzte- nmerkasse auf 229 000 M. 4. Der .Voranschlag für 1922 setzt die Beiträge wesentlich in die he. Es wird beantragt: eine Grundgebühr von 50 M. von den Aerzten zuziehen, die 1919 ein Einkommen bis 5000 M. hatten und eine Grund- >ühr von 90 M. von denen, die mehr als 5000 M. zu versteuern hatten, i! diesen letzteren soll ausserdem 10 Proz. der Staatseinkommensteuer vom ire 1919 als Zuschlag erhoben werden. Der Voranschlag rechnet, dass rdurch 574 000 M. einkommen. Unter den Ans gaben, die wegen der allgemeinen Preissteigerung ürlich erheblich höher angesetzt werden mussten, seien hier nur 2 Punkte ■'ähnt: die Unterstützungskasse wurde mit 150 000 M. ausgestattet. Als K e g e 1 d e r für die M i t g 1 i.e der der Aerztekammer wurden 100 M. neu eingestellt. Trotz des hiergegen von 2 Mitgliedern ebenen Widerspruchs wurde mit 34 gegen 30 Stimmen diese Vergütung •chlossen. Der übrige Etat wurde ohne jede Aussprache einstimmig be- Jossen. 5. Ueber Steuerfragen (Umsatzsteuer, Gewerbesteuer, Einkommen- uer) berichtet Herr Joachim. Durch Besprechung des Vorstandes mit dem Finanzminister ist erreicht worden, dass die beruflichen Räume des Arztes nicht der für gewerbliche Zwecke zulässigen Höchstmiete von 120 v. H., sondern mi£ der 70 v. H. betragenden Steigerung unterliegen. 6. Bericht über die durch den Krieg herbeigeführten grossen ge¬ sundheitlichen Schäden und Gefahren und deren Bekämpfung. Der Berichterstatter, der frühere preussische Ministerialdirektor Kirchner, schildert in sehr anschaulicher Weise die gesundheitlichen Schäden des Krieges auf die Bevölkerung, namentlich die Zunahme der Tuberkulose und schliesst mit einer warmherzigen Mahnung an die Aerzte, sich -ihrer Aufgabe. Erzieher des Volkes zu sein, bewusst zu bleiben und an der moralischen Hebung des Volkes mitzuarbeiten. 7. Berufsberatung und Berufseignungsprüfung. Der Berichterstatter, Herr Moll, unterbreitet der Kammer eine Reihe von Leit¬ sätzen, in denen die AeK. die Berufsberatung und Berufseignungsprufung für wünschenswert erklärt und die Zuziehung eines Arztes für notwendig ansieht. Damit sich die Aerzte die hierfür nötigen Kenntnisse verschaffen, werden sie aufgefordert, die hierfür in Vorbereitung begriffenen Lehrgänge auch zu be¬ suchen. Herr P e y s e r teilt mit, dass demnächst ein solcher Lehrgang vom Seminar für soziale Medizin eingerichtet werde. 8. Der Bericht des Herrn Ritter: Die Bezeichnung als Fach¬ arzt, musste wegen der vorgeschrittenen Zeit — leider — vertagt werden. (Es lagen Leitsätze vor, die sich im wesentlichen mit den Entschliessungen der Rheinischen Kammer deckten.) Schluss %7 Uhr. R. Schaeffer. Auswärtige Briefe. Berliner Briefe. (Eigener Bericht.) Der Streik der städtischen Angestellten und die Krankenfürsorge. Berlin hat wieder einmal einen Streik erlitten, einen Streik von so brutaler Rücksichtslosigkeit, wie ihn selbst die streikgewohnten Berliner noch nicht erlebt haben. Nachdem die Einstellung des Reichseisenbahnverkehrs durch Verminderung der Kohlen- und Nahrungsmittelzufuhr und durch Auf¬ hören des Stadtbahnbetriebes seine Wirkung auszuüben begonnen hatte, stellte eines Abends mit überraschender Plötzlichkeit die Strassenbahn den Betrieb ein, am nächsten Morgen war Berlin — mit Ausnahme einiger westlicher Vor¬ orte — ohne elektrischen Strom, ohne Gas, ohne Wasser. Es war ein Sonn¬ tag, das Strassenbild zeigte ein völlig verändertes Aussehen. Wo sonst die Stille eines Sonntagsmorgens herrschte, da wimmelte es von Wasserträgern, an den Brunnen musste man sich anstellen, wie einst vor den Butterläden. Der Wassermangel wurde am allerschwersten empfunden, weil selbst dem dringendsten Sauberkeitsbedürfnis nur mit knapper Not genügt werden konnte und vor allem die Klosettverhältnisse arg litten. War das schon für jeden Haushalt eine schwere Belästigung, so wurde sie unerträglich drückend, wo ein Kranker im Hause war. Die Kranken mussten überhaupt die ganze Schwere eines streikwütigen Terrors erdulden. Ob ihr Arzt sie besuchen würde, war, falls er nicht in der Nähe wohnte, mindestens zweifelhaft. An¬ fangs waren die Fernsprechämter noch soweit mit Strom versorgt, dass ärzt¬ liche Gespräche ausgeführt werden konnten, dann aber mussten bei einigen Aemtern auch diese abgelehnt werden. Vielfach waren also die Aerzte von ihren Kranken, die Kranken von ihren Aerzten abgeschnitten. Die Sprech¬ stunden konnten nicht abgehalten werden, und viele Kollegen genossen eine unfreiwillige Erholung. Das Alles aber fällt verhältnismässig wenig ins Ge¬ wicht gegenüber den Zuständen in den Krankenhäusern. Operationen waren nahezu unausführbar. Wo sie wegen dringender Indikationen doch aus¬ geführt wurden, geschah es unter den erschwerenden Umständen unzu¬ reichender Asepsis und mangelhafter Beleuchtung; deshalb mussten mehrfach die Aerzte den Kranken bzw. ihren Angehörigen gegenüber die Verantwortung für den Ausgang der Operation ablehnen. Die Zubereitung der Speisen war fast unmöglich, wo die Küchen mit Dampf betrieben werden; aber auch sonst war die Bereitung warmer Speisen mit Schwierigkeiten verbunden. Am schlimmsten sah es in den Kinderkrankenhäusern und Säuglingsheimen aus. Die Milch war knapp und ihre sachgemässe Zubereitung erschwert, saubere Wäsche war kaum zu beschaffen, für die Pflegerinnen war die Hände¬ reinigung nur sehr unvollkommen durchführbar. Welche Gefahren mit all diesen Mängeln verbunden sind, braucht nicht weiter auseinandergesetzt zu werden. Die Temperatur der Brutkästen konnte nicht auf der erforderlichen Höhe erhalten werden, und auch in den Krankensälen herrschte wegen Kohlenmangels eine empfindliche Kälte. In den Krankenhäusern für Er¬ wachsene führte das Versagen der Wasserspülung in den Aborten zu den hygienisch bedenklichsten Folgen; geburtshilfliche Leistungen wurden nur mit grösster Sorge vorgenommen, Bäder für Hautkranke waren unerreichbar, kurz in fast allen Krankenhäusern war der Betrieb so, wie er nicht sein soll. Soweit als möglich wurden die Kranken entlassen und Neuaufnahmen ab¬ gelehnt. Und das alles geschah aus einem ganz fadenscheinigen, ganz nichtigen Grunde, so nichtig, dass die meisten Streikenden ihn wohl gar nicht kannten. Aber in diesen Kreisen herrscht eine eiserne Disziplin, die in ge¬ wissem Sinne anerkennenswert ist und anderen Kreisen zur Nachahmung empfohlen werden könnte. Leider steht das Verantwortlichkeitsgefühl der Führer nicht auf der gleichen Höhe; und so konnte es geschehen, dass eine kleine Anzahl wildgewordener Streikführer in frivolster Weise Leben und Gesundheit vieler Tausende aufs Spiel setzen durfte. Bei einer früheren ähnlichen Gelegenheit wurde die Frage erörtert, ob zur Abwehr so schwerer Gefahren für die Bevölkerung ein Aerztestreik erlaubt sei. Der Gedanke hat selbstverständlich für jeden Arzt etwas sehr Unsympathisches; und doch ist angesichts der Zustände, die wir fast eine Woche lang mit angesehen haben, die Frage berechtigt, ob es nicht Verhältnisse gibt, in denen er das geringere Uebel ist und zur Abwehr grösserer notwendig wird. Die sozialdemokrati¬ schen Aerzte haben ihn damals, wohl hauptsächlich aus politischen Gesichts¬ punkten, abgelehnt; sie haben aber sicherlich den jetzigen Streik ebenso energisch verurteilt wie die grosse Mehrzahl der Bevölkerung; auch sie werden sich also kaum dem Gedanken verschliessen können, dass eine so verantwortungslose und frivole Gefährdung von Menschenleben nur dadurch verhütet werden kann, wenn ihre Urheber die Folgen der Arbeitsverweigerung am eigenen Leibe spüren. m. K. 258 MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT. Kleine Mitteilungen. Aus den Parlamenten. (Preussische Bundesversammlung.) Der Staatshaushaltsplan für die Volksgesundlieit und für die Universitäten. Wiederum zeigt der Voranschlag für das V olksgesundheits- wesen, entsprechend dem weiter gesunkenen Geldwerte ein gewaltiges Anwachsen der Zahlen, nämlich für die dauernden Ausgaben von 24 Yi auf über 40 Millionen*) (im Jahre 1920 waren es nur 7,1 Millionen). Die Anzahl der vollbesoldeten Kreismedizinalräte ist von 191 auf 223 ge¬ stiegen, die der nicht vollbesoldeten von 267 auf -230 gesunken. An Unter¬ stützungen sind für Medizinalbeamte 62 000 Mk., lür die in den Ruhestand versetzten Medizinalbeaniten und ihre Hinterbliebenen 24 000 M. vorgesehen, das sind 66-/3 — 100 Proz. mehr als im Vorjahr. Ein neüer Posten in Höhe von 60 000 M. ist für die Prüfung der Zahntechniker ausgeworfen, die zur Behandlung von Versicherten zugelassen werden wollen. Zu diesem Zwecke sind bei den Oberversicherungsämtern Prüfungsäusschüsse gebildet worden. Eür medizinalpolizeiliche Zwecke, einschliesslich sanitätspolizeiliche Ueber- wachung zur Abwehr der Choleragefahr und Unterbringung von Leprakranken sind 654 000 M. bestimmt, für Ausführung des Gesetzes betr. die Bekämpfung übertragbarer Krankheiten wiederum 90 000 M., dagegen zur Unterstützung des Bezirkshebammenwesens 10 Millionen (statt 120 000 M. im Vorjahre), Beihilfe zur Säuglings- und Kleinkinderfürsorge wieder 1 Million. Unter den ausserordentlichen Ausgaben sind zu nennen: Fortbildungslehrgänsre für Medizinalbeamte 100 000 M„ sozialhygienische Aus¬ bildung und Fortbildung der Aerzte und Zahnärzte sowie für hygienische Volksbelehrung 150 000 M„ Zuschuss an das Institut „Robert Koch“, insbe¬ sondere für Untersuchungen über den Schutzpockenimpfstoff und über die Bedeutung des Ungeziefers als Krankheitsüberträger 75 000 M., Bekämpfung der Malaria 40 000 M., Forschungen über Ursachen und Verbreitung der Krebskrankheit 3000 M„ Bekämpfung der Tuberkulose 1 Million, des Typhus 300 000 M. Für die Jugend Wohlfahrt sind als Beihilfen für Veranstaltungen Dritter zwecks Förderung der Pflege der schulentlassenen Jugend und zur Ausbildung von für die Jugendpflege geeigneten Personen 10 Millionen (und 5 Millionen als ausserordentliche Ausgaben) vorgesehen, zur Fürsorge für die gefährdete und verwahrloste Jugend 2 000 000 M. (und 800 000 M. ausser¬ ordentliche), Ausführung des Gesetzes über die Fürsorgeerziehung Minder¬ jähriger 48 Millionen. Die dauernden Ausgaben für die Universitäten und das Chariteekrankenhaus Berlin betragen 97,4 Millionen, im Vorjahre 79,16 Mil¬ lionen. Die medizinischen Fakultäten sind dabei nur wenig beteiligt. In Greifswald und Breslau wird je ein Ersatzordinariat eingerichtet. In Göttingen, Marburg, Bonn und Münster sind für einige Kliniken und Polikliniken Zuschüsse in unbeträchtlicher Höhe vorgesehen. Allgemeine Ausgaben für die Universitäten: Pflege der Leibesübungen 200 000 M., Zuschüsse an planmässig angestellte Professoren und Abteilungs¬ vorsteher 3 Millionen, das sind 2,3 Millionen mehr als im Vorjahr, dieser Betrag wird als Einnahme aus den Anteilen der Staatskasse an den Vor¬ lesungsgebühren der planmässigen Professoren erwartet. Besoldungszu¬ schüsse und Heranziehung ausgezeichneter Lehrkräfte 1,85 Millionen, für besondere Lehraufträge 2,25 Millionen (fast 2 Millionen mehr), Beihilfen für Privatdozenten und jüngere Gelehrte 180 000 M„ dazu einmalig 200 000 M., für Studierende 76 000 M., dazu einmalig 300 000 M. Ausserordentliche Ausgaben: Königsberg: Erweite¬ rung der Ohrenklinik 700 000 M., Neubau der Poliklinik für Haut- und Ge¬ schlechtskrankheiten 900 000 M., Neubau und apparative Einrichtung des Zahnärztlichen Institutes 1,2 Millionen. Berlin: Anmietung von Räumen im Kaiserin-Friedrich-Hause 62 000 M„ für Zwecke der Syphilisforschung 15 000 M., Deckungen von Fehlbeträgen am Pathologischen Institut und an den Kliniken der Charitee 840 000 M. Greifswald: Herstellung hoch¬ wertiger Sera zur Blutuntersuchung für gerichtliche Zwecke 20 000 M. Breslau: Für Zwecke der Syphilisforschung 15 000 M., Erweiterung und apparative Ausstattung des Zahnärztlichen Institutes 222 000 M. Kiel: Er¬ weiterung der Frauenklinik 834 000 M„ Instrumente und Apparate für die Klinik für Ohren-, Hals- und Nasenkrankheiten 30 000 M. Mii'nster: Für die Neubauten der Kliniken und des Pathologischen Institutes weitere Teilbeträge von insgesamt ca. 29 Millionen. Marburg: Neubau und Aus¬ stattung der Poliklinik für Haut- und Geschlechtskrankheiten 2 Millionen. Bonn: Neubau des Hygienischen Instituts 1,8 Millionen, Neubau einer Röntgenabteilung bei der Chirurgischen Klinik 24 000 M., für Zwecke der Syphilisforschung 15 000 M„ Erweiterung der Klinik für Ohren-, Hals- und Nasenkrankheiten 800 000 M„ Zuschuss zur Herstellung von Unterrichts- räumen bei einer von der Stadt zu errichtenden Kinderklinik 650 000 M. Frankfurt a. M. : Einmaliger Beitrag für die Universität 1,5 Millionen. Chariteekrankenhaus Berlin: Deckung eines Fehlbetrages für sächliche Ausgaben 20 Millionen, Neubau der geburtshilflichen Abteilung der Frauenklinik 1 Million, zur Erforschung der Krebskrankheit . 200 000 M. Universitäten allgemein: Beschaffung ausländischer Literatur für die Bibliotheken 500 000 M., Instrumente für medizinische Institute 350 000 M., Zuschüsse für den zahnärztlichen Unterricht 150 000 M.. Deckung sächlicher Mehrausgaben bei den Kliniken in Berlin und Breslau 48 Millionen, sächliche Ausgaben der Kliniken an den Universitäten in Königsberg, Berlin, Breslau, Göttingen, Marburg, Bonn und der Charitee 32 Millionen, ausserordentliche Wäschebeschaffungen für die Kliniken 4,2 Millionen, für die Charitee 1,2 Mil¬ lionen, Vergütung für ausserplanmässige Assistenten 1,79 Millionen. Das übersteigt den ursprünglich in Aussicht genommenen Betrag um 887 000 M„ weil sich herausgestellt hat, dass eine erheblich grössere Zahl von Volontär¬ ärzten, als ursprünglich angenommen war, für die Fortführung des Lehr- und Forschungsbetriebes der Kliniken notwendig ist. Unterstützung sozialer Be¬ strebungen der Studentenschaft 100 000 M. Ein Betrag zur Prüfung des F r i e d m a n n sehen Tuberkulosemittels (im vorigen Jahre 800 000 M.) findet sich in dem diesjährigen Haushaltsentwurf nicht mehr. M. K. *) Die Zahlen sind abgerundet wiedergegeben. Wie Emil Fischer nach Würzburg kam, erzählt er in seinen soeben erschienenen Lebenserinnerungen in humorvi Weise. Fischer, damals in Erlangen, hatte sich in seinem Berui heftige Bronchitis zugezogen, zu deren Ausheilung er einen längeren Ur nahm, den er in Korsika und anschliessend in Badenweiler verbrachte. ( so oft, war die Nachricht von seiner Erkrankung stark übertrieben wor was zur Folge hatte, dass man ihn in Würzburg, wo die Professur für Chii durch die Berufung Wislicenus’ nach Leipzig frei geworden war. einen kranken Mann hielt und dementsprechend bei den Vorschlägen für Neubesetzung unberücksichtigt Hess. Durch einen Zufall wurde es abe) Würzburger Universitätskreisen noch rechtzeitig bekannt, dass Fi sc, wieder ganz gesund sei. „Das veranlasste“. so erzählt Fischer, „Profe Semper,' Mitglied der philosophischen Fakultät, die Möglichkeit me Berufung wieder in Erwägung zu ziehen, und zu dem Zweck die Zusamr kunft mit mir zu veranstalten. Sie fand statt im Hotel Schlieder zu Hei berg, und, wie ich bald merkte, lief sie hinaus auf eine Prüfung me Gesundheitszustandes, wozu sich offenbar Semper als Zoologe beson geeignet hielt. Als später die Sache in Würzburg ruchbar wurde, erzäl sich die Leute dort, man habe mich von einem Tierarzt untersuchen las| Genug, Semper machte mir den Vorschlag, einen Spaziergang Schloss zu unternehmen. Obwohl er viel älter war als ich, schlug er sichtlich einen raschen Schritt an, so dass er ganz atemlos oben an) während ich, an das Bergsteigen damals gewöhnt, mich bei dem Tempo behaglich fühlte. Dann kam die zweite Probe, Semper schlug vor, Flasche Sekt zu trinken. Auch das war mir nicht unsympathisch, da Genuss von Wein zu meinen Gewohnheiten gehörte. Der Erfolg dieses F Stücks war dann auch, wie man erwarten konnte, eine leichte Betrunker des älteren Herrn ohne Mitleidenschaft des jüngeren Kollegen. Das Exa war bestanden. Semper reiste nach Würzburg zurück, erklärte se Fakultätsgenossen, .der Fischer ist ein ganz starker, leistungsfäf Mann, der uns alle überleben wird1, worin er auch recht behalten hat. Infc dessen ging ein neuer Vorschlag der Fakultät nach München und etwa e Monat später erhielt ich wirklich vom Ministerium den Ruf nach Würzbu Auch darüber, wie Fischer nach Berlin kam. erfährt man Interessai Geheimrat A 1 1 h 0 f f war persönlich bei ihm erschienen und hatte ihr entgegenkommendster Form die Einladung, als Nachfolger HofmannSi Berlin zu kommen, überbracht. F„ der bei der Wahl „zwischen Würzt wo er sich glü'cklich fühlte, und Berlin, wovor ihm graute“, sich persoij am liebsten für Würzburg entschieden hätte, reiste nach Berlin, um die I hältnisse an Ort und Stelle kennen zu lernen. Dort wurde ihm von den F genossen stark zugeredet, den Ruf anzunehmen. „Dazu noch keinesx entschlossen, fuhr ich nach München, wohin mich der dortige Min eingeladen hatte. Ich war erstaunt über die wenig geschickte Art, in de mich zur Ablehnung des Berliner Rufes bereden wollte. Zunächst musstet li4 Tage warten, bevor er mich überhaupt empfing und dann behauptete! ich wäre durch die Bewilligung des Neubaues in Würzburg verpflichtet, doi bleiben. Ich antwortete ihm, dass der Bau doch nicht mir persönlich willigt sei, wenn das aber zuträfe, so könne man ihn ja aufgeben, da er : gar nicht begonnen sei. Kurzum ich kam von München etwas verstimmt : Würzburg zurück.“ Den Ruf nach Berlin hat er dann angenommen. Das Buch Fischers „Aus meinem Leben“, dem wir stehendes entnehmen, ist die Einleitung zu einer von M. Bergm, herauszugebenden Gesamtausgabe seiner wissenschaftlichen Schriften (Vt von J. Springer). Es bietet eine überaus anziehende Lektüre durch die spruchslose Art, mit der der grosse Gelehrte von sich selbst und von vielen bedeutenden Menschen, mit denen er in Berührung gekommen erzählt. Da sich darunter auch viele Mediziner, mit denen Fischer freundet war, befinden und da Fischer auch manche treffende medizini Bemerkung, u. a. über seine wiederholten Berufserkrankungen, einflicht gewinnt das Buch ein besonderes Interesse auch für Aerzte, abgesehen dem Genuss, den das engere Bekanntwerden mit einem gottbegnad Menschen, wie Emil Fischer es war, gewährt. Therapeutische Notizen. Wesentliche Abkürzung der Behandlungsdauer ■ Brandwunden dritten Grades. Es ist mir gelungen, die Behandlung von tiefgreifenden Verbrennu dadurch wesentlich abzukürzen und eiterfrei zu gestalten, dass ich entstandenen Brandschorf beim jedesmaligen Verbandwechsel mit < gesättigten Lösung von übermangansaurem Kali gepinselt und dadjc in einer ganz ungewöhnlich kurzen Zeit zum Schwinden gebracht 1 Dauerbäder, Umschläge und die ganzen bekannten Unannehmlichkeiten, mit der eitrigen Abstossung eines Brandschorfs verbunden sind, kommen in Wegfall. Ich hatte Gelegenheit, bei einer Anzahl von Verbrennungen das Verfa als praktisch zu erproben und kann es den Kollegen zur Nachprüfung wärmstens empfehlen. Die Ersparnis an Verbandstoffen, die reinl trockene Beschaffenheit der Wunde während der ganzen Dauer der Handlung und die rasche Heilung bilden die Vorzüge des neuen Verfah das ich noch nirgends in der Literatur erwähnt gefunden habe. Den ersten Verband mache ich mit 50 proz. wässeriger Ichthyollö8 er kann bei oberflächlichen Verbrennungen bis zum Schlüsse der Behanc (8—10 Tage) liegen bleiben. Zeigt sich, dass Verbrennungen dr Grades vorliegen, so entfernt man die Mullstreifen am besten ganz, da, wo sie festhaften (wo nur die Epidermis fehlt) recht schonend verbindet alle 2 — 3 Tage mit 10 proz. Ichthyolsalbe die ganze Wundfl. wobei regelmässig bis zu der sehr rasch erfolgenden Auflösung des B: Schorfes mit der Kaliumpermanganatlösung gepinselt wird. Verbandwec sowie Pinselung sind mit Ausnahme der ersten völlig schmerzlos. Ich konnte am 8. Februar den Kollegen einen Giessereimeister stellen (vor genau 3 Wochen ausgedehnte Verbrennung des Fussrückens flüssigem Eisen; mehrere tiefe bis handtellergrosse Brandschorfe), der be eingeschlagenen Behandlung bis auf winzige, oberflächlich granulier Stellen, völlig geheilt war. Dr. Oskar K a t z - Mannhei Innersekretorische Behandlung der Migräne du Epiglandol. Es steht uns bekanntlich nur ein geringer Schatz Arzneimitteln zur Verfügung, wenn es sich um chronische oder periodi schwere Migräne handelt. Nachdem nun von F r ä n k e 1 nachgewiesen wo* ebruar 1922. MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT. 259 dass Epiglandol, ein Extrakt der Epiphyse, eine Dilatation aller Kopf- se bewirkt und ferner Prof. Marburg auf Grund dieser Feststellung ;reich das Präparat bei Kopfschmerzen vasomotorischen Ursprunges er- hattc, verwandte ich in meiner Praxis das mir überlassene Epiglandol ;icher Weise und zwar in etwa 20 Fällen schwerer und schon lange be- nder Migräne, bei der die üblichen Mittel versagt hatten. Es kam be- •rs zur Anwendung bei der angiospastischen Migräne und zwar in fast Fällen mit überraschender Wirkung. Es ist .anzunehmen, dass es eine pezifische Wirkung ausübt auf die Innervation der kleinsten Gefässe des ns, indem es dem bei der Migräne auftretenden Gefässkrampf entgegen- . Da die Gehirnanämie und der Krampf der ganzen Blutgefässe bei der truation besonders stark ist, schon infolge der Hyperämie des Genital- s, gab ich das Mittel zum Teil prophylaktisch bei Klagen über regel- ge Menstruationskopfschmerzen. Nach Angaben der Kranken sind die le, wie ja auch bekannt, besonders beim Eintritt der Menstruation zu eilten und von bedeutender Heftigkeit. Es ist erstaunlich, dass gerade ast alle Kranken ein Ausbleiben des befürchteten Anfalles meldeten oder tens über leichten Kopfdruck klagten. In den meisten Fällen von jahre¬ bestehender Migräne genügte eine Behandlung von 3 Wochen, wobei ich :den zweiten Tag 1 ccm subkutan verabfolgte. Die Injektion ist völlig ;rzlos und ohne Nebenwirkung. In einem besonders verzweifelten Falle eite es sich um eine 23 jährige Patientin, die seit ihrem 15. Lebensjahr Monat schwere Anfälle hatte. Nach 6 Injektionen meldete sie, dass sie hrer Migräne befreit wäre. Nach einigen Monaten erschien sie wieder nir, um mir mitzuteilen, dass sie während der ganzen Zeit ohne den :hen Migräneanfall gewesen wäre und auch während der Menstruation n Anfall gehabt habe. Aehnlich verhielt es sich mit den anderen Kranken, nanchen war die Wirkung eine langsamere, bei anderen eine intensivere. Kranken hatte ich keinen Erfolg. Die sehr auffällige Dauerwirkung, die r überwiegenden Mehrzahl der Fälle vorliegt, ist vielleicht durch organo- peutische Wirkung auf die Epiphyse zu erklären, da viele Patienten weiterbestehender Anämie doch von ihrer Migräne befreit blieben. Die lie allein löste in der Mehrzahl der Fälle keine Anfälle mehr aus. Dr. med. R. H a a g e n - Berlin-Friedenau. Studentenbelange. Bekanntmachung des Verbandes deutscher Medizinerschaften. ~ür Doktorarbeiten vermitteln wir Maschinenschrift zu erheblich iligtem Preise. Ss kostet die Seite 1 M. mit 1 Durchschlag gratis. Jeder weitere Durchschlag bedingt einen Zuschlag von — .10 M. pro Papier wird zum Einkaufspreis berechnet und kann auch vom Besteller ert werden. Die Anfertigung erfolgt .auf Diktat sowie auch auf Grund der uns zu¬ llten handschriftlichen Ausarbeitung. In letzterem Falle — also bei Zu- mg des Manuskripts — erhält der Besteller zunächst eine Probeschrift Durchschlag zur Korrektur, wodurch ein Mehrpreis von — .50 M. Seite entsteht. Die Rücksendung erfolgt gegen Nachnahme. Verband deutscher Medizinerschaften, Leipzig, Liebigstr. 22. v. V. Aufruf des deutschen Hochschulrings. Zu der durch die Göttinger Notverfassung geschaffenen Lage hat der che Hochßchulring folgenden Aufruf erlassen: „Deutsche Studenten! Wir stehen an einem Wendepunkt der studentischen Bewegung. Als or wenigen Jahren uns zur deutschen Studentenschaft zusammenschlossen, in unseren Führern der Willensstärke Glaube an eine allstudentische •inschaft; da haben vor allem auch wir völkischen Studenten gehofft, r uns mit unseren Brüdern aus Deutsch-Oesterreich und dem Sudeten- zu verbinden. Die Entwicklung hat uns eines anderen belehrt. Nicht nur wurde unser zum grossdeutschen Studentenstaate zermürbt im Streit um Wort und , nicht nur wurden unsere besten Kräfte in studentischen Parlaments- fen vergeudet, nicht nur versandete die von uns erhoffte zielbewusste rarbeit in faulen Kompromissen. — Die harte Wirklichkeit hat uns Hauben an eine höhere Bestimmung der gesamten Studentenschaft ge- len, wir betreten mit dem Augenblick dieser Erkenntnis einen neuen zu unseren hohen Zielen, die sich nicht gewandelt haben. Die deutsche Studentenschaft, wie Frontsoldaten sie schufen, ist zer- en — an ihre Stelle tritt jetzt ein wirtschaftlicher Zweckverband. Ihre aalen und kulturellen Aufgaben fallen den weltanschaulich geschlossenen pen zu. Deutsche Studenten! Wenn wir aus voller Ueberzeugung diese Ent- ung bejahen, so sind wir uns der ungeheuren Verantwortung bewusst, erade der deutsche Hochschulring mit dieser Wendung übernimmt. In anderem Masse müssen wir unsere Kraft in den Dienst einer gross- chen Arbeit stellen. Und in diesem Augenblicke, da ein nur scheinbarer nmenschluss mit unseren deutschen Brüdern jenseits der Reichsgrenze heute fällt, in diesem Augenblick erneuern wir feierlich vor aller das Treugelöbnis, das keine Staatsgrenzen, keine äusseren Wider- e kennt! Wir nehmen neue, gewaltige Pflichten auf uns, weil wir vertrauen, dass deutsche Studenten, fest zu uns steht, dass in Euch noch der uner- terliche Glaube an unsere völkische Zukunft lebt, dass dieser Euer je auch zur Tat bereit ist. Es ist kein Grund zu verzagen, unser ksal liegt in unserer Hand. Treubleiben ist alles!“ Der Hochschulkreis Bayern und die Studentenschaft der Berliner Uni- tät haben gegen die Notverfassung der deutschen Studentenschaft Ein- ;h erhoben. Die Frage ist also noch nicht entschieden, man muss den :ren Verlauf abwarten. Unter dringlichster Wunsch kann es nur sein, die kulturellen Aufgaben, die die deutsche Studentenschaft nicht zu en vermochte, nunmehr vom deutschen Hochschulring aufgegriffen wer- wie es der obige Aufruf verspricht. v. V. Tagesgeschichtliche Notizen. München, den 15. Februar 1922. — Man schreibt uns: Im Preussischen Ministerium für Volkswohlfahrt fand am 21. Januar d. J. eine Besprechung zwischen Vertretern des Ministers und dem erweiterten Vorstand des preussi¬ schen Medizinalbeamtenvereins statt, in der die wichtigsten Fragen der Stellung, der Besoldungsverhältnisse und der Amtstätigkeit der preussischen Medizinalbeamten erörtert wurden. Der Minister für Volks¬ wohlfahrt beabsichtigt, derartige Besprechungen, von denen er sich für die gemeinsame Wirksamkeit der Zentralbehörde mit den nachgeordneten Beamten einen guten Erfolg verspricht, nach Bedarf zu wiederholen. — Man schreibt uns aus Wien: Vor allen Institutionen Altösterreichs haben die Wiener Musik, an der wir Vorbeigehen müssen, und die W i e n c r Medizin ihre internationale Bedeutung wiedergewonnen, genauer ge¬ sprochen: keinen Moment verloren. Die Wiener Schule arbeitet nach wie vor in unzulänglichen Hörsälen und Instituten, alle Plätze sind überfallt, jedes Mikroskop wird belagert. Die Mediziner aus dem Neu-Auslande sind wieder da. die Polen, Ungarn, Jugoslaven und der ganze Balkan; auch die Aerzte aus dem Alt-Auslande, die Amerikaner, Engländer, Schweizer, Hol¬ länder und Schweden. Mit den Amerikanern hat es komplizierte wirtschaft¬ liche Kämpfe gegeben; die Herren sind organisiert, verlangen Vorlesungen und Kurse in englischer Sprache und wollen neuerdings die Kurshonorare regulieren, d. h. nach unten drücken. Das gibt erregte Debatten, die sich hoffentlich in Wahlgefallen auflösen werden. Von grosser Bedeutung sind die vier internationalen Fortbildungskurse, welche die Wiener medizinische Fakultät in Wien pro Jahr veranstaltet. Im Februar werden die Krankheiten der Verdauungsorgane absolviert; neben 60 Wiener Professoren und Do¬ zenten werden Geheimrat v. Noorden aus Frankfurt a. M„ welcher die erste Stoffwechselklinik in Wien eingerichtet hat, und Prof. B i e d 1 von der deutschen Universität in Prag, dessen innersekretorische Arbeiten in Wien entstanden sind, sprechen. Im Juni kommt innere Medizin an die Reihe, im September der Landärztekurs und im Dezember Chirurgie, Geburtshilfe und Gynäkologie. Dem englischen Parlament wurde ein Gesetzentwurf vor¬ gelegt, der den Beitrag zur Krankenversicherung für Arbeit¬ geber und -nehmer um Y Penny erhöht. Die Krankenversicherung soll auch auf zahnärztliche Hilfe ausgedehnt werden. — Die Gesellschaften zur Bekämpfung der Geschlechts- k r a nkh e it e n in England dehnen jetzt in gross angelegter Weise ihre Tätigkeit auf die Kolonien aus. Untersuchungsausschüsse in den grossen und kleinen Kolonien suchen überall Verbreitung und Mittel zur Verhütung und Bekämpfung zu studieren und womöglich eine einheitliche Regelung zu erzielen. Aon besonderer Wichtigkeit sind dabei die Vorkehrungen zum Schutz der Mannschaften der Handelsmarine; hier lag bisher vieles im Argen; der Schutz vor der Ansteckungsgefahr, die ärztliche Untersuchung, vor allem die Kontinuität der Behandlung soll gebessert werden; gerade die sorgfältige Behandlung der Angehörigen der Handelsmarine ist unerlässlich, um im Mutterlande das immer neue Auftreten von Infektionszentren zu verhüten. — In der englischen medizinischen Presse werden mit Interesse die Erfahrungen besprochen, die Prof. Jose Albert in der grossen Lepra- Kolonie (Culion) auf den Philippinen gemacht hat; in diese Kolonie wurden in den letzten 15 Jahren 13 000 Leprakranke aufgenommen und unter sicheren Bedingungen isoliert, und Albert kommt zu dem Schlüsse, dass ein Erfolg damit nicht erzielt worden sei. Absonderung sei nur erforderlich in den Fällen mit offenen Ulzerationen und auch hier sei die Gefahr gering bei Beobachtung der üblichen sanitären und hygienischen Massregeln. A. be¬ rechnet, dass nur in 5 Proz. der Erkrankungen die Ursache in direkter Uebertragung von Fall zu Fall zu suchen sei. Die strenge Isolierung aller Leprakranken in Kolonien gäbe ein falsches Gefühl der Sicherheit und führe zur Vernachlässigung der wichtigeren allgemeinen hygienischen Massregeln. Jedenfalls weisen die auf den Philippinen, auf Hawai und auch in Nor¬ wegen gemachten Erfahrungen auf die Notwendigkeit hin, die ganze Frage der Uebertragbarkeit der Lepra und die Isolierung der Leprakranken von neuem sorgfältig zu studieren. — Nach Mitteilung des offiziellen Organs der bulgarischen Re¬ gierung wird, in der Sobranje nächstens ein Gesetz über den Verkauf alkoholischer Getränke eingebracht werden, dem wir folgende be¬ achtenswerte Paragraphen entnehmen: 1. Alle öffentlichen und privaten Schulen haben in ihren Hygiene- Lehrstoff die Unterweisung über die Schädigungen des Alkoholismus auf- zunehmen. 2. Studenten, Soldaten und andere Personen unter 20 Jahren dürfen in Schänken, Wirtshäusern und anderen öffentlichen Lokalen, in denen alkoholische Getränke verkauft werden, nicht zugelassen werden. 3. Alle derartigen Stätten müssen an Sonntagen und gesetzlichen Feier¬ tagen um 5 Uhr nachmittags geschlossen werden. 4. Geschäftsabschlüsse, Verträge und Schuldzahlungen aller Art, die an den genannten Orten betätigt werden, sollen ungültig und streng verboten sein. 5. In Dörfern darf die Zahl der Schänken 1 auf 1000 Einwohner nicht überschreiten, in Städten 1 auf 2000. 6. Verträge über Kauf und Verkauf alkoholischer Getränke dürfen vom Staate unter keinen Umständen sanktioniert werden. 7. Die Steuer auf alkoholische Getränke, die Frachtsätze für Spirituosen und die direkte Steuer auf Alkohol sollen auf 1000 Proz. erhöht werden. Der Volksvertretung der Tschechoslowakei liegt ein Ge¬ setzentwurf vor, das Landova-Stychova-Gesetz, das jedem Weibe das Recht zuerkennen will, bis zum 3. Schwangerschaftsmonat selbst darüber zu entscheiden, ob es Mutter zu werden wünscht oder nicht. In letzterem Falle soll es ihr freistehen, durch einen approbierten Arzt, aber nur durch einen solchen, den künstlichen Abort einleiten zu lassen. Bei einer Beratung des Entwurfes in der Prager med. Gesellschaft wurde beschlossen, die Ein¬ setzung eines Komitees von Aerzten und Soziologen anzuregen, zwecks Prüfung der Frage und Vorschlägen zur Verbesserung der gegenwärtigen Zustände. — Auf der am 25. Januar stattgehabten ersten Tagung des Inter- nationalenHilfskomitees fürRussland in Genf entrollte dessen Oberkommissar Nansen ein furchtbar trübes Bild von der Lage in den russischen Hungergebieten und erhob schwere Anklage gegen diejenigen, die 260 MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT. Nr schuldig daran geworden sind, dass das von Nansen geforderte und durch Verträge mit der Sowjetregierung eingeleitete Hilfswerk nicht schon im bep- tember vom Völkerbund übernommen wurde. Das bedeutete den sicheren Tod von mehreren Millionen von Menschen, die damals noch hatten gerettet werden können, jetzt macht es der Winter unmöglich. Es handelt sich jetzt darum, von den 19 Millionen durch Hungertod Bedrohter zu retten was noch zu retten ist. Die Regierungen müssten sich aus Menschenpflicht vereinen, um die Anstrengungen des Komitees, der Amerikaner, der Quäker usw. zu unterstützen, denn bisher stehen erst 25 Millionen Goldfranken zur *®r" fügung, die nur 2 Millionen Menschen von den 19 Bedrohten bis zur nächsten Ernte ernähren können. Nansen schildert schliesslich noch die Arbeits¬ methoden und Grundsätze der Kommission und gedenkt der im Dienste des Rettungswerkes verstorbenen Aerzte Gärtner und F a r r a r und der Engländerin Frl. Pattisson. — Eine Mädchenschule in der Nähe Londons hatte während des Krieges als Lazarett für geschlechtskranke Soldaten gedient. Die Eigentümer der Schule verklagen nun den Staat auf Zahlung einer Entschädi¬ gung von 73 000 Pfd. Sterl., da das Gebäude, nachdem es für solche Zwecke benützt worden war, für die Schule nicht mehr verwendbar sei. Ein Teil der ärztlichen Sachverständigen wies nach, dass die Räume so desinfiziert werden könnten, dass jede Infektionsgefahr ausgeschlossen sei, andere aber meinten, dass an dem Platze ein solcher sittlicher Makel haften bleibe, dass er für eine Mädchenschule nicht länger verwendbar sei. Dieser Ansicht schloss sich auch das Gericht an. Die Kenntnis von dem Zweck, dem die Schule gedient habe, könne einen nachteiligen Einfluss auf die sensible Psyche junger Mädchen ausüben. Die Geschichte und Tradition* einer Schule sei von grosser Bedeutung für ihren Erfolg und für ihr Gedeihen. Dement¬ sprechend erging das Urteil. — Der Landesschutzverband der sächsischen Betriebskrankenkassen weihte am 28. I. ds. Js. seine neue Waldpark-Krankenanstalt in Dresden - Blasewitz ein. Die Waldpark-Krankenanstalt mit vor- | läufig 126 Betten soll in erster Linie eine Klinik für innere Krankheiten sein, t Doch sind für die Grenzgebiete kleinere Sonderabteilungen mit allen fach¬ ärztlichen (auch operativen) Einrichtungen vorgesehen. Leitender Arzt der gesamten Krankenanstalt und Leiter der inneren Abteilung ist Dr. Oskar Fischer. Weiter sind an der Krankenanstalt in leitender Stellung tätig: Prof. Dr. J. S c h u 1 1 z - Weisser Hirsch (neurol. Abt.), Prof. Dr. Be - schorner (Lungentuberkuloseabt.), Dr. Friedrich Hesse (chirurg. Abt.), Prof Dr Küster (gynäkol. Abt.), Prof. Dr. Galewsky (dermatolog. Abt.), Prof. Dr. Best (Augenabt.), Dr. Dietze (Abt. f. Ohren-Nasen- Halskr.). _ — Zum Leiter des Krankenhauses des Roten Kreuzes in München wurde Privatdozent Dr. Hans A 1 b r e c h t ernannt. — Deutsche ärztliche Gesellschaft für Strahlen¬ therapie. Mit Rücksicht auf die Verlegung des Röntgenkongresses auf die Zeit vom 23.-25. April ist der Vortragszyklus der Röntgentherapie in Tübingen an der Chirurgischen Klinik (Prof. Perthes) und der Frauen¬ klinik (Prof. A. Mayer) auf den Oktober verlegt worden. Der vom 6. März bis zum 1. April in Frankfurt a. M. zu veranstaltende Fortbildungskurs für Röntgentiefentherapie findet im Institut für die physikalischen Grundlagen der , Medizin (Prof. D e s s a u e r). in der Chirurgischen Klinik (Prof. Schmie¬ den) und in der Frauenklinik (Geh. Rat S e i t z) statt. — Vom 6.— 11. März d. J. findet in der 1. med. Universitätsklinik der Charitee in Berlin ein Kursus der Krankenernährung mit prak¬ tischen Uebungen in der Diätküche statt, wobei am Vormittag von Geh. Rat H i s und Prof. G u d z e n t theoretische Vorträge gehalten werden und nachmittags praktische Kochubungen in der Diätküche statt¬ finden. Auskunft über Stundenplan, Honorar usw. erteilt Prof. Gudzent, Charitee, Berlin. - — Die Dozentenvereinigung für ärztliche Ferien¬ kurse in Berlin veranstaltet vom 2—29. März neben den üblichen Kursen aus allen Gebieten je einen Gruppenkurs über T uberkulose (vom 13.— 19. März), Strahlenkunde (vom 19.— 25. März) und Herz¬ krankheiten (vom 27. März bis 1. April). Näheres durch die Ge¬ schäftsstelle, Berlin NW. 6, Luisenplatz 2—4 (Kaiserin-Friedrich-Haus). — Der IV. Karlsbader internationale ärztliche Fort¬ bildungskursus mit besonderer Berücksichtigung der Balneologie und Balneotherapie findet in der Zeit vom 24. bis 30. September, also unmittelbar nach der Naturforscherversammlung, in Karlsbad statt. — Auskünfte erteilt der Geschäftsführer Dr. Edgar Ganz in Karlsbad. — Der 34. Kongress der Deutschen Gesellschaft für Innere Medizin findet vom 24.-27. April 1922 in Wiesbaden unter dem Vorsitze des Herrn Prof. Dr. L. Brauer (Hamburg-Eppendorf) statt. Die Hauptverhandlungsgegenstände sind aus dem Gebiete der Leberkrank¬ heiten sowie aus den Fragen der inneren Sekretion gewählt. Die Verhand¬ lungen über die Leberkrankheiten werden eingeleitet durch ein Referat des Herrn Prof. Dr. Eppinger - Wien über Ikterus, jene des zweiten Haupt¬ themas durch ein Referat von Herrn Prof. Dr. B i e d 1 (Prag) über Hypo¬ physe. Vortragsanmeldungen, denen eine kurze Inhaltsangabe beizufügen ist, sind bis zum 18. März an Herrn Prof. Dr. L. Brauer, Hamburg-Eppendorf, Martinistr. 56, zu richten. Vorträge, deren wesentlicher Inhalt bereits ver¬ öffentlicht ist, dürfen nicht zugelassen werden. Die Wiesbadener Hotels und Pensionen gewähren den Kongressteilnehmern und deren Frauen wesentliche Vergünstigungen. Die Hotels sind zu diesem Zwecke in 3 Gruppen ein¬ geteilt, für die die folgenden Preise gelten: Gruppe 1 (Luxushotel) Zimmer mit Frühstü'ck 100 — 120 M., Gruppe II Zimmer mit Frühstück 65 — 75 M„ Gruppe III Zimmer mit Frühstück 45—50 M„ hierzu tritt der übliche Be¬ dienungszuschlag. Bestellungen von Wohnungen bis zum 1. April 1922 spätestens bei dem Städt. Verkehrsbureau. Abteilung Aerztliche Kongresse, das Wünsche bezüglich bestimmter Hotels nach Möglichkeit berücksichtigen wird. Ein Zwang, in dem betr. Hotel die Mahlzeiten einzunehmen, besteht nicht. Ausserdem ist ein Ortskomitee bemüht, für die jüngeren Herren kostenlos Unterkunft bei Wiesbadener Familien und im Städt. Krankenhause zu beschaffen. Anmeldungen für diese Privatquartiere werden bis spätestens zum 1. April ebenfalls an das Städt. Verkehrsbureau, Abteilung Aerztliche Kongresse erbeten, das den betr. Kollegen Mitteilung zugehen lassen wird, ob und wo sie kostenlos Unterkunft finden können. Mit der Tagung ist eine Ausstellung verbunden. Anmeldungen für diese an Oberarzt Dr. G(ronne, Wiesbaden, Städt. Krankenhaus bis spätestens 18. März erbeten. — Die 5. Sitzung der Südostdeutschen chirurgischen Vereinigung fin am 25 Februar 1922 10 Uhr vorm, im Hörsaal der Chirurg. Univers.-Kh in Breslau statt. Es sind 32 Vorträge angemeldet. — „Gedenke, dass Du ein deutscher Ahnherr bis Die Festrede, die Prof. Philalethes Kuh n, der Direktor des hyg. I nsti: an der technischen Hochschule Dresden, am 92. Gründungstag der Hc schule (11. Juli 1920) unter diesem Titel über Deutschlands Erneuerung die Rassenhygiene gehalten hat, ist in 2. Auflage erschienen (Dresden Leipzig, Verlag von Theod. Steinkopf f. Preis 2 M.). Die 1 atsat dass die starke erste Auflage dieses ernsten, an die deutsche akademis Jugend gerichteten Mahnwortes nach so kurzer Zeit vergriffen war, ist erfreulicher Beweis dafür, dass, wie Prof. Kuhn in seinem Vorwort 2. Auflage sagt, der rassenhygienische Gedanke in Deutschland, insbesond unter der studierenden Jugend, festen Boden findet. Möge die Schrift n in vielen Auflagen ihren Weg ins deutsche Volk finden! Bei die Gelegenheit sei daran erinnert, dass der ausgezeichnete Dresdner Ra: hygieniker am Montag, den 20. Februar abends 8 Uhr im Hörsaal 133 Münchener Universität einen öffentlichen Vortrag hält über „Di^ Führe frage und die Zukunft unserer Rasse“. Dem Vortrag regste Beteiligung seitens der Aerzte zu wünschen. — Fleckfieber. Deutsches Reich. In der Woche vom 22. 28. Januar wurde 1 Erkrankung bei einer aus russischer Internierung zuri; gekehrten Frau in Swinemünde (Kreis Usedom-Wollin, Reg.-Bez. Stet festgestellt. Für die Zeit vom 9.— 15. Januar wurden nachträglich n 33 Erkrankungen bei Rückwanderern mitgeteilt, davon in Stettin 4 und Osternothafen (Kreis Usedom-Wollin, Reg.-Bez. Stettin) 29. Oesterre Vom 8. — 14. Januar 1 Erkrankung in Wien. — ln der 2. Jahreswoche, vom 8. — 14. Januar 1922 hatten von deutsc Städten über 100 000 Einwohner die grösste Sterblichkeit Elberfeld mit 3 die geringste Stuttgart mit 11,3 Todesfällen pro Jahr und 1000 Einwohl Vöff. R.-G.-/ Hochschulnachrichten. Berlin. Prof. Dr. Carl v. Eicken, Ordinarius für Ohren-, Na: und Halskrankheiten in Giessen hat den Ruf an die Universität Berlin Nachfolger des verstorbenen Geh. Med.-Rats G. K i 1 1 i a n angenommen. (1 Frankfurt a. M. Verlagsbuchhändler Ferdinand Springer Berlin wurde von der med. Fakultät zum Dr. med. h. c. ernannt. Giessen. Für Geburtshilfe und Gynäkologie habilitierte sich Giessen Dr. med. Adolf S e i t z, Assistenzarzt an der Frauenklinik, mit ei Probevorlesung über: „Der heutige Stand der Lehre von der Menstruatic Greifswald. Dem Privatdozenten für Geburtshilfe und Gynäkok Dr. Siegfried Stephan, Oberarzt der Frauenklinik, wurde die Diel bezeichnung „ausserordentlicher Professor“ verliehen, (hk.) Jena. Der a. o. Professor für Anatomie und Prosektor an anatomischen Anstalt, Dr. Heinrich v. E g g e 1 i n g, hat einen Ruf o. Professor für Anatomie und Vorstand der anatomischen Anstalt an Universität Breslau, als Nachfolger von Geh. -Rat Kallius, erhalten. Kiel. Der Bonner Privatdozent Prof. Dr. med. et phil. Aug p ti 1 1 e r hat den Ruf an die Universität Kiel als Abteilungsvorsteher physiologischen Institut als Nachfolger von Prof. Friedr. Klein an nommen. (hk.) Leipzig Dr. Bostroem, Assistent an der psychiatrischen ■ Nervenkiinik, hat sich für das Fach der Psychiatrie habilitiert. Antri Vorlesung: „Symptomatische Psychosen“. Habilitationsschrift: „Der am statische Symptomenkomplex vom allgemein-pathologischen und klinisc Standpunkt.“ Marburg. Die Vorschlagsliste für den Lehrstuhl der Pädia lautete: An 1. Stelle: V o g t - Magdeburg] an zweiter und gleicher Ste Freuden b erg - Heidelberg, G ö 1 1 - München, Thomas -.Köln. (Wo die Notiz in Nr. 4 richtiggestellt wird.) — Zur Wiederbesetzung des Le Stuhls der Kinderheilkunde (an Stelle des Prof. B e s s a u) ist ein Ruf den a. o. Professor Dr. med. Ernst Freudenberg, Oberarzt der Kinc klinik (Luisenheilanstalt) in Heidelberg, ergangen, (hk.) München. Habilitiert für Chirurgie der Oberarzt der Chirurgisc Klinik Dr. Georg Schmidt. Hab.-Schrift: Stand und Ziele der P; bioseforschung auf Grund eigener Untersuchungen. Antrittsvorlesung: All¬ meine Gesichtspunkte für die Schmerzbetäubung in der Chirurgie. Münster i. W. Am 18. Januar wurden in einer eindrucksvo akademischen Feier, welche in der grossen Stadthalle stattfand, die Gede tafeln mit den Namen der im Weltkriege gefallenen Angehörigen der l versität Münster eingeweiht. Unter den 552 Gefallenen befinden sich 105 £ dierende der Medizin und 10 Studierende der Zahnheilkunde. Rostock. Als Privatdozenten habilitierten sich die Assistenzärzte der chirurgischen Klinik Dr. Egbert Schwarz mit einer öffentlichen \ Iesung: Ueber den gegenwärtigen Stand der Lehre von der Echinokokk krankheit“ und Dr. Hartwig Eggers mit einer öffentlichen Vorles: „Die Epithelkörperchen und ihre Bedeutung für die Chirurgie“. Aerztli Prüfungskommission im W.-S. 1922/23: Pathologie: i. V. Priv.-Doz. Dr. P innere Medizin: Prof. Curschmann und Prof. Grafe; Pharmakolot Prof. Trendelenburg: Kinderheilkunde: Prof. Brüning; Hautkra heiten: Prof. Frieboes; Chirurgie: Geh.-Rat Müller, Prof. Frani Priv.-Doz. Dr. Lehmann und Schwarz; top. Anatomie: Prof. EI: Ohrenheilkunde: Geh.-Rat Körner; Augenheilkunde: Geh.-Rat Pete Psychiatrie: Prof. Rosenfeld; Hygiene: Prof. v. Wasielews Würzburg. Der Privatdozent Dr. Baerthlein (Hygiene) erli den Titel und Rang eines a. o. Professors. Todesfall. In Freiburg i. B. starb am 8. d. M. der a. o. Professor Chirurgie an der dortigen Universität, Dr. med. Hendrik Reerink im A von 57 Jahren, (hk.) Amtsärztlicher Dienst. (Bayern.) Die Bezirksarztstelle in Sonthofen ist erledigt. Bewerbungen st bei der Regierung, Kammer des Innern, des Wohnorts bis 25. Februar 1- einzureichen. Die Bezirksarztstelle der Stadt Würzburg ist erledigt. Bewerbung sind bei der Regierung, Kammer des Innern, des Wohnorts bis 25. u bruar 1922 einzureichen. Verlag von J. F. Lehmann in München S.W. 2, Paul Heysestr. 26. — Druck von E. Mühlthaler’a Buch- und Kunitdrnckerei, München. s der einzelnen Nummer 3.— Jt. • Bezugspreis In Deutschland . und Ausland siehe unten unter Bezugsbedingungen. . . . elgenschluss Immer 5 Arbeitstage vor Erscheinen. MÜNCHENER „ Zusendungen sind zu richten für die Schriftleitung: Arnulfstr. 26 (Sprechstunden 8^—1 Uhr), für Bezug: an J. F. L eh man ns Verlag, Paul Heyse- trasse 26, für Anzeigen: L. Waibel, Anzeigen-Verwaltung, Weinstr. 2/I1I. Medizinische Wochenschrift. ORGAN FÜR AMTLICHE UND PRAKTISCHE ÄRZTE. 8. 24. Februar 1922. Schriftleitung : Dr. B. Spatz, Arnulfstrasse 26. Verlag: J. F. Lehmann, Paul Heyse-Strasse 26. 69. Jahrgang. Der Verlag behält sich das ausschliessliche Recht der Vervielfältigung und Verbreitung der in dieser Zeitschrift zum Abdruck gelangenden Originalbeiträge vor. Originalien. Aus der Universitäts-Frauenklinik Freiburg i. Br. Die angeblichen Gefahren des Dämmerschlafes bei der Geburt. Von Erich Opitz. Zu dem Thema des Dämmerschlafes habe ich mich in wissen- fflichen Zeitschriften bisher nicht geäussert, da ich keine Vater- ftsrechte an der Einführung dieses Verfahrens habe. In letzter Zeit aber mehrfache Angriffe gegen den Dämmerschlaf erfolgt, die mich i nötigen, das Schweigen zu brechen, denn der Dämmerschlaf wird, lern ich die Leitung der Frauenklinik übernommen habe, wie früher weiterhin angewandt. Ich habe auch Veranlassung genommen, das ahren zu ändern und, wie ich glaube, zu verbessern. Ein weiteres .veigen könnte deshalb als Bestätigung der Angriffe angesehen ien. Zunächst ein Wort zu meiner persönlichen Stellungnahme an der zen Frage. Ich habe keinerlei Veranlassung, aus anderen, als sach- n Rücksichten, den Dämmerschlaf zu beurteilen. Lag und liegt mir Schwören in verba magistri stets fern, so habe ich in diesem Falle e Veranlassung dazu, da K r ö n i g nicht mein Lehrer gewesen ist. Nur die objektive Prüfung des Verfahrens hat mich veranlasst, es ubehalten, aber das Siege Ische Schema zu verwerfen. Keines- s fühle ich mich veranlasst, auf die Gebärenden irgendeinen Druck (glich der Einleitung des Dämmerschlafes auszuiiben. Darüber kann Gebärende selbst die Entscheidung treffen. Ich würde aber nie- . den Dämmerschlaf anwenden, da ich in ihm lediglich ein Mittel Erleichterung des Geburtsschmerzes sehe, wenn nach unseren Er¬ lügen irgendwelche Schädigungen damit verbunden wären. Für i steht und fällt der Dämmerschlaf mit dem gewissenhaften Nach- - seiner völligen Gefahrlosigkeit für Mutter und Kind. Wenn man aber einige der letzten Veröffentlichungen liest, so ite man wirklich zu der Meinung kommen, dass der Dämmerschlaf sen Schaden mit sich bringe und deshalb muss ich aut einige der likationen etwas näher eingehen. Wenn sie sich auch gegen den imerschlaf schlechthin richten, so sind wir doch in Freiburg beson- daran beteiligt, da das Verfahren- hier von K r ö n i g und Gauss ;earbeitet ist und wir die grössten Erfahrungen haben. Pe harn hat in seiner Antrittsvorlesung bei Uebernahme der Lehr- :el Schau tas kurz die Anwendung des Dämmerschlafes gestreift dabei von den Gefahren des Dämmerschlafes für die Kinder ge- chen. Er ist dafür den Beweis schuldig geblieben. Die Tatsachen vielmehr folgende, wie ich sie der Dissertation von Mayer- Kol- entnehme. Die Zahl der Geburten vom 18. X. 17 bis 1. V, 20 betrug an der ik 4279. Davon wurden im Dämmerschlaf entbunden 2037, ohne Dämmer¬ if entbunden 2242. Von den i m Dämmerschlaf geborenen Kindern waren totgeboren starben in den ersten 9 Tagen 43 =2,1 Proz. ^ on den Kindern, die ohne Dämmerschlaf zur Welt gebracht wur- dagegen starben 84 = 3,75 Proz. Man sieht also, dass von einer Schädigung der Kinder durch den imerschlaf in keiner Weise die Rede sein kann, im Gegenteil bei enüberstellung dieses gewiss nicht zu kleinen Zahlenmaterials von urten mit und ohne Dämmerschlaf, das sich auf je über 2000 Ge- en beläuft, ergibt sich, dass die Sterblichkeit der im Dämmerschlaf orenen Kinder nur reichlich halb so hoch ist, als ohne Dämmer¬ if. Nicht eine Schädigung, sondern ein Schutz dem 'der vor Gefahren ist also mit dem Dämmerschlaf bunden. Diese zunächst befremdliche Tatsache hat m. E. durch 'hoff eine verständliche Erklärung gefunden, welcher sich vorstellt, ■ durch den Einfluss des Narkotikums die bei der Geburt gelegentlich vorzeitigen Atembewegungen führenden Reize im Dämmerschlafe dem Kinde unbeantwortet bleiben und so keine Aspiration von Lunwege verlegenden Schleimmassen zustande kommen lassen. - ' mit der angeblichen Schädigung ist es, wenigstens so weit meine ik in Frage kommt, nichts, und es wäre recht erfreulich, wenn man )n auch allgemein Kenntnis nehmen wollte. Sehr viel heftiger geht Nassauer in einem Aufsatz gegen den Dämmerschlaf ins Zeug (Nr. 42/1921 der M.m.W.). Er nimmt bei seinen Betrachtungen einen mehr philosophisch-medizinischen Standpunkt ein, was gewiss berechtigt ist. Aber gegen allerlei Einzelheiten muss ich den lebhaftesten Widerspruch erheben. Nassauer nennt es eine durch nichts gerechtfertigte Vermessenheit, die Frauen um diesen „Höhe¬ punkt ihres Lebens“ (die Geburt, d. Verf.) bringen zu wollen. Sehr schön und gut, aber derselbe Herr Nassauer empfiehlt im zweiten Teil seines Aufsatzes selbst den Dämmerschlaf in abgeänderter Form! Ein in keiner Weise aufgekärter Widerspruch. Uebrigens wäre auch schon die Narkose ä la reine, und sei sie nur nach Nassauer mit Sekakornin rein suggestiv ausgeführt, unter dieselbe Vermessenheit zu rechnen. Und nun die Schilderung des Dämmerschlafes, die Herr Nassauer entworfen hat. Die häufigen Injektionen ergeben ein „Zerrbild eines ärztlich geleiteten Geburtsvorganges“. Bei der Schilderung der Gefahren für die Kinder fehlen merkwürdi¬ gerweise die Veröffentlichungen aus der Freiburger Klinik vollständig. Es ist doch nicht ganz gerecht, Ergebnisse, wie sie von Gauss selbst, Lembcke, Horn und zahlreichen Dissertationen bekanntgegeben sind, zu verschweigen und lediglich schlechtere anzuführen. Der Nachweis der Schädigung von Kindern oder Müttern durch, den Dämmerschlaf hätte für mich sofort die gänzliche Aufgabe des Dämmerschlafes zur Folge. Das Gegenteil ist aber, wie gesagt, der Fall. Dass Anfregungszustände einmal Vorkommen können, soll nicht be¬ stritten werden, aber wie selten sind sie! In der weit überwiegenden Mehrzahl der Fälle schlafen die Frauen ruhig in den Wehenpausen und werden während der Wehen ein wenig unruhig, um dann sofort weiter¬ zuschlafen, gelegentlich auch etwas vor sich hinzumurmeln. Das ist der durchschnittliche Anblick des Dämmerschlafes. Erregungszustände be¬ kommen wir kaum zu Gesicht und sind fast niemals ernstlich störend aufgetreten. Jedenfalls beweist unsere Puerperalfieber- und sonstige Statistik, dass den Frauen durch den Dämmerschlaf nicht der geringste Schaden geschieht. Weshalb man die häufigere Wiederholung von In¬ jektionen so hoch bewerten soll, ist mir nicht erfindlich. Ein harmloserer Eingriff, als eine sublfttane Injektion, ist doch wohl nicht zu denken, und dass eine ohne Dämmerschlaf geleitete Geburt bei einer aufgereg¬ ten, vor Schmerz schreienden Frau etwa einen besseren oder erfreu¬ licheren Eindruck gewährte, als eine Geburt im Dämmerschlaf, kann i c h wenigstens nicht finden. Ich lade Herrn Nassauer öffentlich ein, sich bei uns einmal die Geburten im Dämmerschlaf anzusehen. Ich glaube, dass niemand einen derartigen Eindruck gewinnen kann, der der Schilderung des Herrn Nassauer entspräche, und ich bin sicher. Herrn Nassauer selbst durch den Augenschein von der Unrichtigkeit seiner Darlegungen über¬ zeugen zu können. Des weiteren beanstandet Herr Nassauer den Umstand, dass der Dämmerschlaf für die Klinik reserviert bleiben solle. Das ist allerdings meine Auffassung von der Angelegenheit, weil ich durchaus der Mei¬ nung bin, dass ein Verfahren, das erhebliche Sorgfalt und Sachkenntnis voiaussetzt und auch die ständige Anwesenheit eines Arztes verlangt, sich für die allgemeine Praxis nicht eignet. Es liegt eben mit dem Dämmerschlaf so, wie mit den grossen Operationen, wie Kaiserschnitt, die eben auch im Privathaus nicht oder doch nur unter erheblicher Mehr¬ gefährdung der Frau sich durchführen lassen, die nicht jeder Arzt ohne weiteres beherrschen kann und die deshalb dem Krankenhaus Vorbehal¬ ten bleiben. Ich muss hervorheben, dass ich den Dämmerschlaf auch in schematisierter Form keineswegs für die allgemeine Praxis empfehlen kann und die Verantwor¬ tung dafür rundweg ablehnen müsste. Dass Herr Nassauer einen anderen Standpunkt einnimmt, ist seine Sache. Dagegen muss ich sehr lebhaft Einspruch gegen das Verfahren erheben, das Herr Nassauer für die Praxis empfiehlt in den Fällen, die er selbst als geeignet zum Dämmerschlaf ansieht. Es ist zweifellos nicht richtig, dass mit der Methode der 3 Einspritzungen in der Mehrzahl der Fälle eine Schmerz- unempfindlichkeit erzeugt werden könne. Das wäre aber weiter nicht schlimm. Für ausserordentlich bedenklich aber halte ich es, dass die Menge des angewandten „Laudanon, Narkophin etc.“ zu 0,06 angegeben vvird. Ich halte es für ausgemacht, dass mit solchen Morphingaben ein hoher Prozentsatz der Kinder geschädigt, ja zum Absterben gebracht werden muss. (Näheres über die Gefahren des Morphiums findet sich in der Arbeit von Gauss, Zbl. f. Gyn. 1920 Nr. 11). Es hat sich bei uns zweifellos gezeigt, dass die Gefahr des Dämmerschlafes in der Menge des angewandten Morphiums beruht. Aus den letzten, in der 3* MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT. Klinik zusammengestellten Zahlen ergibt sich, dass von 2037 Geburten im Dämmerschlaf nach Abzug der Kinder, welche schon vor der Ge¬ burt abgestorben waren, oder nachweislich unvermeidbaren Geburts¬ schädigungen zum Opfer gefallen sind, nur 19 = 0,93 Proz. tote übiig- bleiben. In der Zeit des Dämmerschlafes nach Schema Siegel mit grösseren Morphiumgaben betrug die Zahl der Todesfälle rmt dieser eben angeführten Beschränkung 1,1 Proz., dagegen für die Zeit des morphiumarmen Dämmerschlafes, wie wir ihn jetzt ausüben, nur 0,5 Proz., ist also um die Hälfte herabgesetzt worden. Unter morphium¬ armen Dämmerschlaf verstehen wir ein' Verfahren, bei dem im ganzen nur 0,02 Narkophin angewandt werden. Das Schema lautet: Zu Beginn des Dämmerschlafes: Injektion von 1 ccm 2 proz. Narko- phinlösung und VA ccm 0,03 prom. Skopolaminlösung, nach % Stunden Injektion von 1 ccm 0,03 prom. Skopolaminlösung und von da ab stündlich weitere 0,7 ccm 0,03 prom. Skopolamin¬ lösung. Das ist die schematische Grundlage für den Dämmerschlaf, von dem wir aber je nach dem Körpergewicht der Kranken und nach der Reaktion der Kreissenden nach oben und unten abweichen, so dass ein strenges Schema nicht durchgeführt wird. Wir haben eben die Er¬ fahrung gemacht, dass Gaben über 1 cg Morphium wohl imstande sind, die Kinder zu schädigen. Wenn wir nun lesen, dass Laudanon, Narkophin etc., die etwa zur Hälfte Morphium enthalten, regelmässig in Gaben von 0,08 angewendet werden sollen, so ist nur festzustellen, dass nach unseren, über viele Tausende von Geburten sich erstreckenden Erfahrungen ganz sicherlich eine grosse Anzahl von Kindern zugrunde gehen muss. Ich halte es deshalb für unzulässig, dass ohne jede statistische Grund¬ lage ein so gefährliches Verfahren dem Praktiker empfohlen wird, und das von dem gleichen Autor, der mit Entrüstung den durch gewaltige Zahlenreihen nach der modifizierten Gaussschen Methode als ungefähr ich erwiesenen Dämmerschlaf als ge¬ fährlich bezeichnet. Ich warne aufs allerdring¬ lichste vor der Anwendung der Nassauerschen Me¬ thode, die sich unbedingt für viele Kinder als mör¬ derisch erwei'sen muss. Herr Obermedizinalrat Grass 1 nimmt den Mund noch voller und spricht gleich von strafbarem Kunstfehler und glatter Körperverletzung des Kindes, aber, wohlgemerkt, nicht etwa mit Bezugnahme auf den durchaus unerprobten und, wie eben ausgeführt, recht gefährlichen Dämmerschlaf nach Nassauer, sondern in bezug auf den von G a u s s empfohlenen und in vielen tausend Fällen erprobten Dämmerschlaf unserer Klinik. Man sollte nun von einem Herrn, der in einer ernsten wissenschaftlichen Frage das Wort ergreift und so schweie Vorwürfe erhebt, annehmen, dass er über die Angelegenheit sich grüncbch unter¬ richtet hätte. Aber weit gefehlt. Das gestrenge Urteil wird lediglich mit der Wendung begründet: „wenn Nassauer recht mit se nen Aus¬ führungen hat“; das ist alles. Dementsprechend dürfte der Wert dessen, was Grass 1 so im Vor¬ beigehen über den grenzenlosen Individualismus in der ärztlichen Kunst doziert, für den Dämmerschlaf herzlich gering sein. Wenn Herr Grass 1 sich die Mühe genommen hätte, die immerhin nicht ganz unbeträchtliche Literatur über den Dämmerschlaf einigermassen kennen zu lernen, so hätte er selbstverständlich feststellen können, dass Nassauer keineswegs zu seinen Ausführungen berechtigt war. Trotzdem der grenzenlose Individualismus augenscheinlich in der ländlichen Gegend, in der Herr Grassl wirkt, unbekannt ist, besteht aber offenbar dort auch der Wunsch nach Erleichterung des Geburts¬ schmerzes. Diesen bei den „Individualisten“ so streng verurteilten Wunsch erfüllt Herr Grassl nun auf seine Weise. Es liegt mir weiss Gott fern, über gläubige Gesinnung zu spotten. Es ist etwas so Erhabenes und Ehrfurchtgebietendes, dass ich daran nicht rühren möchte. Aber die Heranziehung von Priestern zur Sug¬ gestion bei Geburten ist doch wohl etwas anderes. Herr Grassl möge sich doch einmal vorstellen, was wohl eine ungläubige Weltdame für Augen machen würde, wenn wir ihr bei der Geburt zumuteten, sich von einem Geistlichen die Schmerzen forttrösten zu lassen. Vermut¬ lich würden die nicht „wie ein Stockerl“ liegen, sondern was ganz anderes tun. Grassl wird wohl, trotz persönlicher Abneigung gegen andersgeartete Menschen, als es seine Pflegebefohlenen sind, ihnen das Lebensrecht nicht abstreiten wollen. Meines Erachtens hat der Arzt die Pflicht, seine Kranken als Einzelwesen nach ihren körperlichen und seelischen Eigenheiten zu behandeln und keineswegs die Aufgabe, ausser in gesundheitlichen Dingen, den Erzieher spielen zu wollen. Soviel über die Angriffe. Ich möchte die Gelegenheit benützen, ganz kurz das Verfahren des Dämmerschlafes sachlich zu besprechen, wie er bei uns in der Klinik geübt wird. Aus den oben angeführten Zahlen geht ohne weiteres her¬ vor, dass wir keineswegs die Frauen zwingen oder ihnen auch nur leb¬ haft zuredeten, sich im Dämmerschlaf entbinden zu lassen. Das kann jede Frau halten, wie sie will. Ungefähr die Hälfte bittet um Anwen¬ dung des Dämmerschlafes, die andere Hälfte lehnt ihn ab. Jedenfalls aber spricht es für den Erfolg des Verfahrens, soweit die Empfindung der Mutter in Frage kommt, dass sehr viele Frauen eigens deshalb wieder zu uns kommen, weil sie die Vorzüge des Dämmerschlafes bei der Geburt nicht missen wollen. Der Dämmerschlaf ist eben imstande. ü die Schrecken, die mancher Frau die Geburt einflösst und die Gebt schmerzen, für das Bewusstsein auszuschalten. Dass der Dämmerschlaf unschädlich ist, sowohl für die Mutter, j für die Kinder, habe ich eben aus einer der letzten Statistiken aus s Klinik nachgewiesen. Die Voraussetzung, unter der allein das Verfalj angewandt werden darf, ist also zweifellos vorhanden. Es scheint auch durch die Beobachtung erwiesen, was ich freilich nicht mit exai Zahlen belegen kann, dass sehr empfindliche, nervöse Frauen von ganzen Geburtsvorgang weit weniger angegriffen werden und schneller erholen, wenn das Bewusstsein durch den Dämmerschlaf geschaltet ist. Den gleichen Eindruck habe ich in Düsseldorf i Giessen, wo ich nach den erster. Veröffentlichungen aus der Freibt Klinik zuerst versuchsweise, dann häufiger den Dämmerschlaf gewandt habe, gehabt und finde ihn in einem weit grösseren Mat der Freiburger Frauenklinik immer wieder von neuem bestätigt. M von anderer Seite über Schädigungen mancher Art, sowohl für Mutter wie für die Kinder berichtet wird, so behaupte ich, dass nicht an dem Verfahren des Dämmerschlafes an sich, sondern ni Fehlern der jeweils angewandten Methode oder ungeeigneten i paraten begründet ist. Jeder, der sich genau an uns Vorschriften hält und einwandfreie Präparate nützt, muss nach meiner Ueberzeugung die gleicl Erfolge erzielen. Es wäre sonst schlechterdings nicht mö? dass ich an 3 verschiedenen Orten stets gleich Gutes gesehen h Auf Einzelheiten brauche ich nicht einzugehen. Wer sich mit der F ernsthaft beschäftigen will, muss die zahlreichen Arbeiten von G a selbst und die übrigen Arbeiten aus unserer Klinik, die Einzelfr; behandeln, nachlesem. Ob die Kinder in etwas grösserer oder gering Anzahl oligopnoisch geboren werden, ob man in den ersten Tagen ei schlechtere Trinklust sehen kann, ob die Geburt kurze Zeit verlär wird usw., das sind alles verhältnismässig untergeordnete Dinge, der subjektiven Beurteilung weiten Spielraum lassen. Wichtig ist die Frage, ob ernstliche Störungen bei Mutter oder Kind beobac werden, die sich in grösserem Blutverlust, in Wochenbettserkranl oder Zunahme der mütterlichen und kindlichen Todesfälle aus müssten. Das sind Dinge, die der subjektiven Beurteilung entrückt Und mit diesem Massstabe können wir an der Hand einer an vi tausenden Geburten .gewonnenen Erfahrung feststeilen, dass w Mutter noch Kind irgendeine nachweisbare Schädigung durch Dämmerschlaf erleiden. Für die Kinder ist sogar mit Sicherheit gestellt, dass bei den Geburten im Dämmerschlaf weniger Kinder der Geburt und in den ersten 9 Tagen danach zugrunde gegangen als bei Geburten ohne Dämmerschlaf. Ich lade jeden, der den Däm schlaf kennen lernen will, ein, sich von der Richtigkeit dieser Ang durch den Augenschein zu überzeugen. Jeder Kollege ist mir her willkommen. Viele haben auch bereits sich an der Klinik über das fahren unterrichtet und unsere Angaben bestätigt gefunden. Gute Erfolge sind aber nur zu verzeichnen, wenn man die Tee beherrscht und diese will gelernt sein. Die Möglichkeit schemath Vereinfachung des Dämmerschlafes ist vorhanden, aber beschränkt, lässt sich wohl ein Schema aufstellen, aber wir führen ein solches Gegensatz zu Siegel, nicht streng durch, sondern weichen, je der Reaktion der Kreissenden, in Zeitabstand und Höhe der Dosis dem Schema ab. Das ist ja auch selbstverständlich. Allein die Ui schiede im Körpergewicht machen Unterschiede der Dosen nötig, ebenso auch das verschiedene Ansprechen auf die verwandten M Dieses richtig zu beurteilen ist Sache der Erfahrung und Uebung nicht so schnell zu erlernen. Deshalb halte ich es für verfehlt, ob eine gewisse Schematisierung möglich ist, das Verfahren für die gemeine Praxis zu empfehlen, andernfalls würde Schaden nicht bleiben. Nicht unwichtig für den Dämmerschlaf ist die ganze Umget Dass eine Geburt im Dämmerschlaf nicht einfach jeder Hebamme i lassen werden darf, ist klar. Unsere Hebammen sind durch langjäi Erfahrung und Uebung, die sich auch auf neueintretende Schwe: schnell überträgt, glänzend geschult. Die Leitung der Geburt im dunkelten Zimmer, das ganze Drum und Dran, das sich bei uns selbstverständlich abspielt, sind sicher nicht ohne Einfluss auf günstigen Erfolg. Dass natürlich jeder Arzt, der sich die nötigen Kf nisse und Erfahrungen erworben hat, das Verfahren anw enden 1 ist selbstverständlich. Er muss sich nur auch die Zeit nehmen, die burt von Anfang bis Ende zu überwachen. Fehlen diese Vo; Setzungen, so wird aus dem harmlosen Verfahren unter Umstä etwas recht Gefährliches. Erfahrung gehört auch dazu, die Oligoj die Apnoe der Kinder zu unterscheiden von Asphyxie. Wenn aucl genannten Zustände seit Einführung des morphiumarmen Däm Schlafes selten geworden sind, so kommen sie immer wieder vor müssen, soll nicht falsche Behandlung einsetzen, auch richtig erk werden. Ich hoffe, dass die etwas temperamentvollen Angriffe der Hf Nassauer und Grassl wenigstens das Gute haben, die allgen Aufmerksamkeit auf den Dämmerschlaf zu lenken und bessere K< nisse zu verbreiten, als sie in den genannten Veröffentlichungen zi treten. 7ebruar 1922. MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT. 263 er die Durchlässigkeit der Haargefässwand beim Menschen*). Von Dr. Max Qänsslen, Assistenzarzt, einem Vorwort von Prof. Otfried Müller, Vorstand der Medizinischen Klinik in Tübingen. Vorwort. [m Hinblick auf den Artikel „Blaseninhaltsstoffe über spezifische rtionen“ von Thomas und Arnold in Nr. 6 dieser Wochen¬ it sehen wir uns veranlasst, mit einer seit etlichen Monaten bei erdachten und durchgeführten Untersuchungsmethode schon jetzt orzutreten. Wenn nicht ähnliche Qedankengänge an zwei Orten lieh aufgetreten wären, würden wir mit dem unseren noch zurück- iten haben, bis die Methode vielseitiger erprobt ist. Nachdem die Kapillarmikroskopie der gesamten menschlichen eroberfläche, wie sie von mir und Weiss in die Wege geleitet len ist, in einer sehr grossen Anzahl von Arbeiten ihre wesent- ten Möglichkeiten erschöpft hatte, zeigte sich, dass wir mit dieser lode nur über Haargefässform und -Strömung unterrichtet würden. Durchlässigkeit der Qefässwand liess sich mit diesem Verfahren lann untersuchen, wenn es sich um gefärbte korpuskuläre Elemente, um Blutkörperchen handelt. Demgemäss wurden alsbald Versuche nommen, auch diese wichtige Funktion der Haargefässe näher studieren (van den Velden, Jansen, Morawitz und : e c k e). Während nun aber van den Velden sowie Mora- z und D e n e c k e die Blutkonzentration als Maassstab für die Iarfunktion benutzen wollten, versuchte Jansen Flüssigkeit ins ebe einzuspritzen, diese nach einiger Zeit wieder herauszuziehen aus ihren inzwischen eingetretenen Veränderungen auf das Durch- tkeitsvermögen der Haargefässwand zu schliessen. Ich selbst war von vornherein überzeugt, dass wir nur weiter- nen könnten, wenn wir 1. die Blutkonzentration durch intravenöse ionen änderten und 2. die daraufhin eintretenden Aenderungen in iewebsflüssigkeit beobachteten. Zu diesem Zwecke veranlasste ich j ä n s s 1 e n, die alte Länderer sehe Methode zur Messung der ebsspannung durch Einstechen von Hohlnadeln unter die Haut er hervorzuholen und nachzusehen, ob sich unter dem Einfluss von venösen Injektionen differenter Körper Aenderungen im Gewebs- c nachweisen Hessen. Die Methode versagte, da fast stets Kapil- 1 mit der Nadel angestochep wurden und somit nicht der Gewebs- ;, sondern der Kapillardruck gemessen wurde. 'Junmehr versuchte ich. Gewebsflüssigkeit selbst zu gewinnen, um : und gleichzeitig das Blut auf refraktometrischem und chemischem e. zu untersuchen. Ich veranlasste deshalb Dr. G ä n s s 1 e n mit Pir quetschen Impfspatel nicht blutende Epitheldefekte zu hi. Aus diesen trat aber Gewebsflüssigkeit in hinreichender Menge :r spontan, noch bei Aufsetzen von Schröpfköpfen, noch bei An- iung der Bier sehen Stauung, noch bei der Kombination von in heraus. Schliesslich schlug Dr. G ä n s s 1 e n vor, wir sollten eine Blase ziehen, um Gewebsflüssigkeit zu bekommen. Meine iglichen Bedenken gegenüber diesem Vorgehen milderten sich, :h sah“, dass der Blaseninhalt nicht nennenswert entzündlich war, dass man es wohl versuchen könne, durch Verwendung derselben haridenpflaster an bestimmten Hautstellen unter dem immer den milden Entzündungsreiz Wasser und gelöste Körper aus dem ; in die Gewebe hinüberzusaugen. Ich gebe der vorläufigen Ver- tlichung dieser Versuche Raum, weil ich sehe, dass andere, wenn zu anderen Zwecken, die Blasenmethode ebenfalls gefunden haben, weil es greifbar naheliegt, sie nunmehr aller Orten auch auf das uns seit langem bearbeitete Kapillargebiet anzuwenden. Methode. Es werden an der Aussenseite der Beine event. serienweise im and von einer Stunde Emplastra Cantharidum ordinaria in Grösse 2 qcm nach kurzem Erwärmen auf die Haut gelegt. Die Zeit bis Entstehen einer Blase beträgt bei unserem Präparat am Gesunden 2 Stunden (natürlich muss man bei wechselndem Präparat jedesmal die Blasenzeit für den Gesunden austitrieren). Es wurde dann ergens nüchtern die erste Blase steril punktiert und ausgesogen; r Inhalt sofort mit der Mikromethode von- Bang auf Blutzucker Reststickstoff nachgesehen; Untersuchungen über Kochsalz, Jod, t'usw. sind Im Gang; 3. gleichzeitig mit der Punktion der Blase eine Untersuchung des Blutes auf die gleichen Stoffe vorgenommen; ich der nüchternen Untersuchung des Blutes und der ersten Blase eine Injektion hochprozentiger Traubenzuckerlösung gemacht, der en später aufschiessenden Blasen sowie im Blute gleichzeitig die hen Erhebungen folgen. Entsprechende Untersuchungen nach salz- und anderen Injektionen sind im Gang. Ja sich zeigte, dass die Blasenempfindlichkeit verschiedener Kranker en gleichen Hautstellen überaus different ist (wir bekamen Unter¬ ste zwischen 3 und 88 Stunden), so legten wir später 6 Pflaster hzeitig nebeneinander auf. und zogen die einzelnen Pflasterblättchen 3, 5, 7 usw. Stunden ab, um den zur Blasenbildung genügenden malreiz festzustellen, der oft erst einige Zeit nach Abnahme des ters wirkt. *' Vorgetragen am 13. II. 1922 im Med. Verein Tübingen. Befunde. 1. B 1 a s e n z e i t. Die Normalzeit, welche verging, um bei einem gesunden Menschen eine erkennbare Blase zu ziehen, betrug für unser Präparat und die genannte Körperstelle 12 Stunden. Bei 5 Vasoneurotikem mit Urticaria factitia und Neigung zu ge¬ wöhnlicher Urtikaria, d. h. also mit konstitutionell abnorm durchlässigen Haargefässen, bekamen wir Blasenzeiten! von durchschnittlich 5 Stunden, der höchste Wert betrug 6 Stunden, d. h. also die Hälfte der Normalzeit.* Bei einer Perniziosa mit Neigung zu starken Haut- und Zahnfleisch¬ blutungen betrug die Blasenzeit 3 Stunden, der Blaseninhalt war blutig, die Blase besonders prall gefüllt. Bei einem Vasoneurotiker mit Pur¬ pura ohne erkennbare infektiöse oder myelogene Ursache- betrug die Blasenzeit 4 Stunden. Bei einer schweren myeloischen Leukämie mit Neigung zu Blutflecken betrug die Blasenzeit 5 Stunden. Bei einem schweren jugendlichen Pankreasdiabetes betrug die Blasenzeit bis zu 88 Stunden. Bei einer postklimakterischen milden Form ]6'A und bei einer weiteren milden Altersform 19 Stunden. Ein Arteriosklerotiker, bei dem sich hin und wieder Zucker im Harn zeigte, hatte eine Blasenzeit von 12 Stunden. Verlängert war die Blasenzeit auch bei einem abklingenden Ikterus, dessen Blasen erst nach 23 Stunden aufgeschossen und deren Inhalt von gelber Farbe war. Es lässt sich somit sagen, dass gewisse Versuche einen beschleunigten, andere einen verlangsamten Durchtritt Von Flüssigkeit durch das Kapillarendothel aufweisen. 2. Uebergang von Traubenzucker. In 8 Fällen wurde in der oben beschriebenen Weise bei aufschiessender Blasenserie bis 14 g Traubenzucker intravenös injiziert. Drei weitere Fälle bekamen morgens früh nüchtern unter gleichen Versuchsbedingungen 50 — 60 g Traubenzucker. Bei intravenöser Injektion zeigte sich im Blutzucker¬ spiegel die bekannte, kurz vorübergehende Steigerung (bis zu 14 Stunde), die in unseren 8 Fällen bei maximaler Belastung bis zu 0,162 betrug. In den serienweise aufschiessenden Blasen fanden sich mit nur zwei Ausnahmen höhere Zuckerwerte, die mit 0,171 gipfelten. Der erhöhte Zuckergehalt der Blasen liess sich bis zu 8 Stunden post injectionem nachweisen. Bei zwei Kranken, nämlich einem Fiebernden und einem Hungernden, war die Steigerung des Gewebszuckers gegenüber dem Blutzucker nach Traubenzuckerinjektion nicht nachzuweisen. Bei einer Kontrollperson, die keine Traubenzuckerinfusionen bekam, verhielten sich Blutzucker und Gewebszucker im Laufe eines Tages folgender- massen: Blz. nüchtern 0,083, nach dem Frühstück 0,110, nach dem Mittagessen 0,110. Gwz. nüchtern 0,078, nach dem Frühstück 0.122. nach dem Mittagessen 0.101. Da ist von solchen Riesenzahlen des Gewebs¬ zuckers nicht die Rede, und man kann deshalb wohl sagen, dass diese durch Uebertritt aus der Blutbahn entstanden sind, und dass dabei die Kapillarwand passiert werden muss. Bei den drei Kranken, die den Traubenzucker per os bekamen, war die Gewebszuckersteigerung relativ zur Blutzuckersteigerung ebenfalls nachweisbar, wenn auch beiderseits nicht so hochgradig. Die Maximal¬ zahlen lagen hier im Blut bei 0,142 und im Gewebe 0,162. Bei Diabetikern wurde bislang keine Zuckerbelastung vorgenommen. Bei dem oben erwähnten schweren Pankreasdiabefes fand sich früh nüchtern der Blutzuckerspiegel bei 0,14, der Gewebszuckerspiegel bei 0,18 (M i n k o w sk i?). 3. Refraktrometerwert. Um festzustellen, ob der ent¬ zündliche Reiz der Blase bei einem und demselben Menschen sowohl, wie bei* verschiedenen bezüglich der Kapillaren normal anzusehenden Personen ein annähernd gleichkonzentriertes Eiweissgemisch aus der Blutbahn heraussaugt, haben wir auch die Refraktrometerwerte der Blasenflüssigkeit bestimmt. Diese betrugen bei einer und derselben an abklingender Polyarthritis' leidenden Kranken an einem Tage in zwei verschiedenen Blasen 52.3 und 51,2, an einem anderen Tage 51,9 und 53.3 Pulfricheinheiten. Bei 10 Leichtkranken resp. Gesunden, in jedem Falle aber nicht als kapillarschwach verdächtigen Personen be¬ trug der Refraktrometerwert durchschnittlich 45,7, die höchste Zahl lag bei 47, die niederste bei 44.5. Es kommen somit ganz gut überein¬ stimmende Werte zutage. (Wichtig ist, dass bei einem mit Aderlass behandelten Urämiker der Wert 36,7 betrug und1 bei einem zweiten sub¬ urämischen Nierenkranken 40.0. Diese Kranken haben nach Nägel i auch einen niederen Refraktrometerwert des Blutserums. Infektions¬ kranke haben nach demselben Autor wegen der Kochsalzretention in den Geweben ebenfalls einen niederen Refraktrometerwert des Blutserums. Im Gewebe fanden sich Werte bis zu 53 bei einer Polyarthritis und 48,7 bei einer Pneumonie. Die Basis ist zu schmal, um hier schon zu urteilen. Immerhin locken die Resultate zu weiteren Bestimmungen r' es Refraktrometerwertes in Blutserum und Blaseninhalt.) 4. Reststickstoff. Bei normalen Menschen fand sich im Blaseninhalt durchschnittlich ein Reststickstoffgehalt von 40,0 mg (be¬ rechnet auf 100 g Flüssigkeit, und im Blutserum ergaben sich ähnliche Werte. Bei vier chronischen Nephritiden (entzündlicher Herkunft) fan¬ den sich deutlich erhöhte Zahlen im Blaseninhalt (107, 105, 85, 79). Da¬ bei waren die Reststickstoffwerte des Blutserums teils höher, teils niedri¬ ger, als diejenigen des Blaseninhaltes. (Die schmale Basis reicht nicht zu einem Urteil über die Frage der grössten Anhäufung des Reststick¬ stoffes, doch kann diese wohl in Zukunft mit der Methode in Angriff genommen werden.) Bei einer akuten Nephritis fanden sich in zwei Untersuchungen normale Reststickstoffwerte im Blut und etwas höhere in der Blase. Bei Nierenkranken ist wegen der Reizwirkung des Kan¬ tharidins Zurückhaltung in der Zahl der Blasen geboten. Was wir hier bringen ist ein Anfang, dessen Tragweite und Grenzen sich heute in keiner Weise übersehen lassen. Wir hätten lieber etwas MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT, Nr 264 Abgeschlossenes vor die Oeffentlichkeit gebracht. Warum wir trotzdem schon heute publizieren, ist eingangs gesagt. Von anderen Fragestel¬ lungen kommend, nach anderen Zielen strebend, haben Thomas und Arnold die Blasenmethode ebenfalls gefunden und soeben publiziert. Mit diesen Autoren sind wir auf Grund unserer Untersuchungen einig in der Auffassung: dass „wir es mit einer nur wenig veränderten Ge¬ websflüssigkeit zu tun haben, wie wir sie auf andere Weise aus dem Körper sonst nicht erhalten“. „Und somit eignet sich der Inhalt der Kantharidinblase für einen grossen Teil von Fragestellungen biologischer Natur.“ Die Blasenmcthode ist für den Kranken so gut wie schmerzlos. Wenn man bei steriler Behandlung die Epitheldecke zu erhalten ver¬ steht. so ist diese binnen 2—3 Tagen wieder festgeklebt. Kosmetische Defekte bleiben nicht. Das Verfahren ist für den Kranken weniger unangenehm wie eine Venenpunktion. Aus der psychiatrischen Klinik der Universität Erlangen. (Direktor: Prof. Dr. Q. Specht.) Das dystonische Syndrom. (Ein Fall von Torsionsdystonie.) Von Privatdozent Dr. Q. Ewald. Jedem Psychiater ist es geläufig, bei der Diagnosestellung streng zu unterscheiden zwischen Zustandsbild und Erkrankung; er spricht von einem manischen Zustandsbild bei einer Paralyse und einem pseudoparalytischen Zustand bei einer symptomatischen Psychose, von einem depressiven Zustandsbild bei einer Hysterika und einem kata- tonen Zustandsbild bei einer Melancholie. Nicht so geläufig, wenn auch nicht fremd, war eine derartige Diagnosestellung der übrigen Medizin, einschliesslich der Neurologie, da man meist bei bekannten Erregern oder sicheren pathognomonischen Unterscheidungsmerkmalen in der Lage war, eine strenge Scheidung der ätiologisch und pathogenetisch verschiedenen Erkrankungen vorzunehmen, auch wenn die Zustands¬ bilder einander ähnelten. Dass dem so ist, beweist, dass der psych¬ iatrische Lehrer immer mit Nachdruck seinen Hörern den Unterschied zwischen Zustandsbild und Erkrankung auseinanderzusetzen ge¬ zwungen ist. Tn den letzten Jahren hat sich nun in der Neurologie gezeigt, wie ungemein wichtig und fruchtbar auch hier die Auseinanderhaltung dieser beiden Begriffe erscheint. Die Grippcenzephalitis oder die epidemische Enzephalitis, über deren Identität hier nicht gesprochen werden soll, ahmten sonst geläufige, wohl charakterisierte Krankheitsbilder mit photographischer Treue nach, so dass ohne die Unterscheidung von Zustandsbild und Erkrankung die Diagnostik auf ganz verkehrte Wege geleitet worden wäre. Das Bild einer multiplen Sklerose haben wir alle bei Enzephalitis sich manifestieren sehen, im Vordergrund des Interesses stand aber das Zustandsbild einer Paralysis agitans mit und ohne Tremor, das eine ungemein häufige Ausdrucksform der Grippe¬ enzephalitis wurde. Man hätte sich nun damit begnügen können, einfach von einem Paralysis-agitans-Zustandsbild oder einem Paralysis-agitans-Syndrom oder -Symptomenkomplex zu sprechen, allein tiefergehende Analyse der am Zustandekommen dieses Bildes beteiligten Elemente liess er¬ kennen. dass bei der Erkrankung Paralysis agitans und bei den zum Verwechseln ähnlichen Zustandsbildern pathogenetisch das Wesentliche eine Störung in der Tonusinnervation der Muskulatur war. v. Strüm¬ pell1) hat dies als erster erkannt; er wies darauf hin. dass durch die Störung der gegenseitigen Spannungsverhältnisse der Muskulatur die Myostatik schwer gestört werde, und gab daher dem gesamten Syn¬ drom dieser Art von Tonusstörungen den Namen des „amyostatischen Symptomenkomplexes“. Des weiteren wies er darauf hin. dass ursäch¬ lich an dem Zustandekommen des amyoslatischen Symptomenkomplexes niemals die Pyramidenbahnen beteiligt seien, sondern dass das sogen, „extrapvramidale System“ in irgendeiner Weise erkrankt sein muss. In den amyostastischen Symptomenkomplex gingen an be¬ sonderen K r an k h e i t e n ein die Wilson sehe Lentikulardegenera- tion, die wohl nahezu identisch ist mit der Pseudosklerose Strüm¬ pells, und die Paralysis agitans (Parkinson). Dann aber kamen hinzu all die als Zustands bi 1 d e r diesen umschriebenen Erkrankungen ähnlichen Syndrome, wie wir sie jetzt so häufig nach Grippe — besonders in Parkinson-ähnlichen Bildern — sehen, und wie sie sonst auch gelegentlich zur Beobachtung kommen bei Gehirnarteriosklerose und seniler Demenz, bei multipler Sklerose, bei Tumor cerebri, ja auch bei Paralyse und Epilepsie und anderen organi¬ schen Störungen des Gehirns [Ste. rtz2)l. Ihnen allen sind die be¬ sonderen Tonusstörungen — die von den Pyramidenspasmen grundsätz¬ lich verschieden sind — mit ihrer Störung der Myostatik eigen, nur dass die Zustandsbilder ätiologisch und nach ihrem Verlauf (Längsschnitt) anders erscheinen, vielfach auch, der Natur des Grundleidens ent¬ sprechend, sich mit Pyramidenerscheinungen (z. B. Babinski) oder spe¬ zifischen psychischen Erscheinungen (z. B. paralytischer Demenz) paaren. Die genannten Erkrankungen (Wilson, Parkinson) zeigten pathologisch-anatomisch umschriebene Veränderungen im Linsenkern J) v. S t r ü in d e 1 1 : D. Zschr. f. Nervhlkd. 1915. Neurol. Zbl. 1920 Nr. 1. -) Stertz: Der extrapvramidale Symptomenkomplex (das dystonisclie Syndrom). Berlin, Karger, 1921, bzw. Corpus striatum; auch die zur Sektion kommenden, unter dem U des amyostatischen Symptomenkomplexes verlaufenden anderen or - nischen Nervenkrankheiten (Enzephalitis, Tumoren usw.) ergaben änderungen im Corpus striatum. Allein auch andere, scheinbar von bisher erwähnten hypertonischen Krankheiten grundsätzlich verscU dene Störungen zeigten pathologisch-anatomisch ebenfalls V erän - rungen im striären System, z. B. Athetosis duplex und I orsionsspasn-. Am auffallendsten musste das erscheinen bei der Chorea mit ihrer a gesprochenen Hypotonie, den schleudernden, blitzartigen, bei der Hu t i n g t o n sehen Form allerdings etwas langsameren, immerhin a ausfahrenden Bewegungen. Es war daher nicht unwahrscheinlich, dass auch klinisch di Formen gewisse Beziehungen zueinander haben würden. So w< Stertz (1. c.) darauf hin, dass trotz der grossen Verschiedenhei — „Rigidität ist mit Chorea überhaupt nicht vereinbar“ — etwas i meinsames sich finde in dem auch bei Choreatischen nicht selten beobachtenden erschwerten Ingangkommen gewollter Innervatio und endlich der dem choreatischen und athetotischen Syndrom geim samen Neigung zu Mitbewegungen. Die extrapyramidalen Störur erschöpfen sich also nicht mit dem amyostatischen Symptomenki plex; Stertz (1. c.) fasst sie alle zusammen unter dem Namen „dystonischen Syndrom s“, in dem dann sowohl der am statische Symptomenkomplex Strümpells (Stertz’ akineti: hypertonisches Syndrom), das spastisch-athetotische Syndrom, zu < Torsionsspasmus und Athetosis duplex zu rechnen sind (Stertz), auch das choreatische Syndrom ihren Platz finden. Die Verschiedenheiten in der Erkrankungslokalisation innerhalb extrapyramidalen Systems erklärt dann das Zustandekommen der schiedenen Zustandsbilder (Syndrome). Das extrapyramidale Sys umfasst ja nicht nur die Gebiete des Corpus striatum, es kommen Störungen vom Charakter des dystonischen Syndroms auch die zum vom Striatum führenden Bahnen in Betracht, also Nucleus .denta Bindearme, roter Kern, Regio hypothalamica und Thalamus. Erk kungen innerhalb dieses gesamten Gebietes können dystonische scheinungen hervorrufen; durch Reizung oder Enthemmung entsteht kontinuierlicher Erregung Rigidität oder Atome, bei diskontinuierln Tremor. Athetose. mobile Spasmen. Myoklonie oder endlich schleudc choreatische Unruhe (Stert z). Es kann nicht wundernehmen, dass angesichts dieser engen sammenhänge Uebergänge aller Art Vorkommen. _ So scheinen e Beziehungen zu bestehen zwischen Wilson und Torsionsspasmus. Di gehört aber schon in das spastisch-athctotische Syndrom hinein, und Bewegungen einer Athetosis duplex sind mitunter wieder nicht n scharf abgrenzbar von denen einer Huntington sehen Chorea, d1 symptomatologische Verwandtschaft mit der Chorea minor ihren Ausd im gemeinsamen Namen findet. So klärt sich der Widerspruch, der fr manchem Zweifler ein Lächeln entlocken mochte, dass hypertonische krankungsformen vom Charakter eines Parkinson oder Wilson mit i Bewegungserschwerung, ja Erstarrung, und die extrem hypotoni1 Chorea mit ihrem schleudernden Bewegungsüberschuss ähnlich lo! siert und klinisch eng zusammengehörende Krankheiten sein sollten sind dystonische Syndrome bei Erkrankung des extrapyramk Systems, die rigiden Formen wohl im engeren Sinne striäre Erk kungen, die hypotonischen mehr in Richtung des afferenten Syst (Kleinhirn-Bindearm-Thalamus) gelegen. Aber nicht nur das aktuelle Interesse, das diese Symptom komplexe als Folgezustände der Grippeenzephalitis bekorri haben, rechtfertigt ihre Behandlung vor einem breiteren Forum als exklusiv neurologischen. Es liegt im Interesse der Allgemeinheit, auch die relativ seltenen echten Erkrankungen, wie Wilson, tosis duplex, Torsionsspasmus und Myoklonie immer besser umsc ben und erkannt werden. Es unterliegt mir nun keinem Zweifel, gar nicht so wenig Fälle dieser Erkrankungen dem Neurologen h überhaupt nicht zu Gesichte kommen, weil sie zeitlebens unter Flagge eines universellen Tick, eines Tortikollis usw. segeln, c hysterische Natur nach früherer Ansicht stets zu Recht zu best schien. Paralysis agitans und Huntington sehe Chorea wurden noch nicht allzulanger Zeit als Neurosen aufgefasst, der Torsionsspa: wurde in den ersten Beschreibungen [Schwalbe 1908 3). Zie 191Q 4)1 aufgefasst als „tonische Torsionsneurose“, die zwar nicht d hysterischen Charakters sei, aber doch Beziehungen _ zur Hysterie sitzen sollte. Die Myoklonie gilt heute noch vielfach als Neu während uns gerade die' myoklonische Form der Grippeenzephalitis zeigt hat, dass eine zentrale organische Grundlage dieser Erkran sehr wohl denkbar ist. Fügen wir noch hinzu, dass selbst isol Ticks, ein Fazialis- oder Akzessoriustick, als Reste einer Enzeph bestehen bleiben können, so dürfte es wohl einleuchten, dass mar der psychogen-hysterischen Deutung hartnäckiger sog. Neurosen Charakter der „Torsionsneurose“, des „Tortikollis“ und manchen verseilen Ticks nicht immer das Richtige getroffen hat. Im folgenden soll daher ein Fall von Torsionsspasmus mitg werden der von zahllosen Aerzten als hartnäckige psychogen-hyster Störung aufgefasst wurde, dessen organische Grundlage für mich ausser Zweifel steht, wenn auch über die Zugehörigkeit zu der schriebenen, wahrscheinlich endogenen Erkrankung des Torsions mus diskutiert werden könnte5). 5) W. Schwalbe: Inaug.-Diss. Berlin 1908. ’) Ziehen: Sitzung des psychiatr. Vereins Berlin 1910. 5) Ich verdanke den Fall der Güte des Direktors der medizinischen Erlangen, Herrn Prof. Dr, L. R. Müller. MÜNCHENER MEDIZINISCHE WÖCHENSCHR1FT. 2*5 Februar 1922. Gl. Josef. 32 Jahre, arischer- Abstammung, Schreinpreiinhaber. Faniilienanamnese ohne jede Besonderheit. Pat. ist der Jüngste von Geschwistern, von denen 2 verstorben. Normale Geburt, keine Kinder- | iimpfe, kein Bettnässen, keine Kinderkrankheiten, keine auffallenden psycho- thischen Züge. Lernte durchschnittlich, war aber von Jugend auf nkser. Lernte jedoch gut mit der rechten Hand zu schreiben. Im ter von 9 Jahren (1898) bemerkte er und auch der Lehrer, dass er mit r rechten Hand nicht mehr die freie Beweglichkeit hatte wie früher. Er lsste die rechte Hand beim Schreiben sehr fest auflegen und oft mit r linken Hand nachhelfen, damit die Schreibbewegungen richtig heraus¬ men. Vom Arzte wurde er als ,, Rheumatiker“ mit heissen Bädern und ektrizität erfolglos behandelt. Ganz langsam, im Laufe von Jahren, traten nn unwillkürliche Bewegungen auf; es zog ihm den rechten Arm beim hen immer vor den Körper, schliesslich traten unwillkürliche Beuge- und eckbewegungen im ganzen Arm und der Hand auf, gleichzeitig Bewegungen, i denen es ihm den ganzen Arm nach innen drehte. Er musste nunmehr !es mit der linken Hand machen, schrieb links, wurde sogar in seinem ! Jahr (1908) Schreiber beim Magistrat. Nach einigen Jahren gab er :se Stelle auf und beschäftigte sich, die Mutter nach dem Tode seines ters unterstützend, in der Möbelschreinerei der Mutter mit Anstreicher- neiten. Im März 1915 nahmen die Bewegungen im rechten Arm an ensität zu, der Arm zog sich ihm fortwährend nach vorn über den Körper, bekam, ein Druckgefühl und Reissen auch im linken Arm, auch Zucken beiden Armen. Er fühlte sich allgemein abgeschlagen und ermüdete leicht i anstrengender Arbeit; doch konnte er immer noch mit der linken Hand ihändig Linien ziehen. Erst im Februar 1916 bemerkte er im linken Arm ; der Arbeit mitunter ausfahrende Bewegungen, so dass er den Pinsel aus r Hand verlor. Wenn er mit Löffel oder Glas zum Munde fuhr, geriet leicht daneben und verschüttete. Bei Aufregung nahm die Unsicherheit . und er bekam „zitternde Krämpfe“. Er konnte jetzt nur noch ganz liecht mit der linken Hand schreiben, wenn er gleichzeitig mit aufliegendem enbogen die rechte Hand zur Fixation herbeizog. Mitunter bestanden auch den Waden, besonders links, drückende und reissende Schmerzen. Nun- ■hr stellte er Antrag auf Invalidisierung, erhielt auch eine Rente. Die itachtendiagnosen lauteten übereinstimmend „ungewöhnliche Krampferschei¬ ngen auf hysterischer Grundlage“. Da er dringend um Behandlung bat. liess man ihn orthopädisch und in Bädern behandeln, ohne einen nennens- rten Erfolg. Ende 1917 ging auch ein Zucken im Kopf los, es riss ihm js Gesicht immer nach der rechten Seite. Sommer 1918 hatte er bereits I ien richtigen Schiefhals, das Gesicht drehte sich fortwährend nach rechts, i endlich von seinem Leiden befreit zu werden, begab er sich auf eigene I sten in chirurgische Behandlung, da man ihm sagte, es bestehe eine psse Wahrscheinlichkeit, dass durch ausgedehnte Muskeldurchschneidung n Leiden geheilt werde. Am 3. X. 1918 wurde eine ausgedehnte Muskel- jrchschneidung hinter dem linken Ohr vorgenommen. Gl. lag 5 Wochen in ps, der Kopf stand zunächst gerade, aber es traten gleich wieder starke jckungen auf. Er hing dann längere Zeit regelmässig in der Glisson- jien Schlinge, aber die Zuckungen Hessen nicht nach, so dass im Jahre 1919 j ei weitere Durchschneidungen hinter dem rechten Ohre vorgenommen rden mussten. Der anfänglich scheinbare leichte Erfolg war nach wenigen pchen wieder verschwunden. Gl. gab jetzt um Heilbehandlung bei der Irsicherung ein; er wollte seine Invalidenrente für die Dauer des Heilver- rens abtreten und bot gleicherweise seinen Verzicht auf das Hausgeld für ne Angehörigen an: „Ich möchte gesund werden“. Mehrere Aerzte gaben der Annahme, dass es sich um eine Neurose bzw. hysterische Störung idle, auf Befragen an. eine Suggestivbehandlung würde bei der Jugendlich- t des Mannes und bei seinem ausgesprochenen Willen zur Gesundung ssicht auf Besserung bieten. So kam Gl. in die medizinische Klinik Er¬ lgen, wo ich ihn zu untersuchen Gelegenheit hatte. Zur Vorgeschichte gibt er noch an, dass er körperlich (abgesehen von em Tripper 1912) nie krank war, nie an Kopfschmerzen oder Schwindel- ällen litt. Sehvermögen stets gut, nie Beschwerden beim Wasserlassen, r Schlaf ist gut, die Bewegungen hören im Schlaf auf. Auch wenn er :hts aufwache, ruhig liegen bleibe und nicht an die Bewegungen denke, j könne er gut wieder einschlafen. Er war kein Trinker und kein Raucher, - seit 4 Jahren verheiratet, die Frau, sowie 3 Kinder sind ebenfalls gesund, it 1917 hat er nicht mehr gearbeitet, versieht nur die Aufsicht in seinem 1 schäft. Befund: Mittelgross, kräftig, entsprechend genährt. Muskulatur prall sehr gut entwickelt. Innere Organe völlig normal, die Schilddrüse ht vergrössert. Urin frei von Zucker, Eiweiss und Urobilinogen. Pupillen llig normal, kein Nystagmus, auch von seiten der übrigen Hirnnerven kein linkhafter Befund. Kein Kornealring, kein Chvostek. Patient trägt für ge- hnlicli ein Stützkorsett mit einer festmontierten Kopflehne, gegen die er den ipf gepresst hält. Zur Zeit kann er das Korsett nicht immer tragen, da ih infolge Scheuerns am Hinterkopf ein Ekzem entwickelt hat. Der Kranke kann nur wenige Augenblicke unter Anspannung aller Kräfte ,iig stehen; dann beginnt plötzlich eine ruckweise Anspannung des linken, unter auch des rechten Sternokleido, das Gesicht dreht sich nach rechts i oben, der ganze Körper kommt in Bewegung, scheint sich dem Gesicht didrehen zu wollen, schiebt sich nach rechts vorn (Vogel-Strauss-Stellung), hrend die rechte und etwas auch die linke Gesichtshälfte in zuckende Mit- 'vegungen verfällt, als ob er Schmerzen hätte, was aber verneint wird, iichzeitig setzen Spannungen im rechten Arm ein, es zieht ihm den ge¬ eckten Arm unter kräftiger Anspannung des Pektoralis schräg über Brust d Bauch, mitunter auch rechts hinter den übrigen Körper. Die Finger gen leichte athetoide, langsame Ueberdelmiingen. Bald wieder wird der :eps kontrahiert und die Finger krallen sich zusammen. Einige Sekunden ien die vertrakten Stellungen an, dann lösen sich die Spannungen, der Pt kehrt in die Ruhelage zurück, der Arm sinkt völlig schlaff herab; nach nigeti Sekunden beginnt das Spiel von neuem. Der Kranke ist beständig drebt, eine gewisse Ruhelage einzunehmen. Er hält den Kopf mit dahinter 'krampften Händen fixiert, sucht so gleichzeitig Arme und Kopf ruhig zu hen. Allein auch dann entgleitet ihm der Kopf noch oft genug, und nn nicht, so sieht man doch die plötzlich sich anspannenden Muskelwülste Hals und Arm sich vorwölben. Mitunter hält er auch, den Kopf nur mit r Huken Hand fixierend, den rechten Arm auf den Rücken gepresst. In Ruhelage und im Sitzen lassen alle Bewegungen stark nach, beim Gehen insbesondere bei jeder psychischen Aufregung werden sie heftiger und r häufig (alle 10 — 15 Sekunden und öfter). Die rechte Schulter stellt gewöhnlich etwas höher wie die linke. Im einzelnen wurde folgendes festgestellt: Augenmuskeln und Augenlider beteiligen sich gar nicht an der Unruhe, die Zunge wird gerade heraus¬ gestreckt, zuckt nicht. Stirnrunzeln und Grimassieren im Sinne von Schmerzverziehungen sind häufig, aber nicht immer vorhanden. An den Kopf¬ drehungen ist in Überwiegendem Masse der linke Sternokleido beteiligt, seltener der rechte. Die Bewegungsunruhe ist am grössten im rechten Arm, wo bald der Bizeps, bald der Trizeps mit einem plötzlichen Ruck vorüber¬ gehend in Spannung geraten. Die Hand wird immer proniert gehalten. Es besteht dauernd eine mässige Pronationskontraktur, die nur mit grösster Kraft¬ entfaltung bis zu nicht ganz extremer Supination passiv überwunden werden kann; sobald man loslässt, schnellt der Arm in Pronationsstellung zurück. Solange keine mobilen Spasmen bestehen, zeigt der ganze Arm eine hochgradige Hypotonie. Alle Hantierungen gelingen ohne Mühe. Bei Aufforderung an die Nase zu fassen, fährt er mit dem Hand¬ rücken an den rechten Backen, den Arm aufs stärkste pronierend, und rollt dann, die Hand etwas supinierend. die Finger zur Nasenspitze. Die Intervalle, in denen die mobilen Spasmen auftreten, sind ganz wechselnd. Bald kommen sie nur alle 10 — 15 Sekunden, bald in heftiger Folge. Mitunter kommt es vor, dass zwischen Dorsal- und Plantarflexion der rechten Hand ein Wechsel von beinahe tremorartiger Schnelligkeit auftritt. Die athetoiden Fingerbewegungen wurden bereits erwähnt. Die mobilen Spasmen setzen mit einem plötzlichen Ruck ein, so dass die Bewegungen etwas schleuderndes, zunächst an Chorea erinnerndes bekommen, nur dass dann eine tonische Anspannung von mehreren Sekunden folgt. Der linke Arm wird für gewöhnlich ruhig gehalten und willkürlich völlig beherrscht, es besteht ausgesprochene Hypotonie, nur bei intendierten Be¬ wegungen tritt ein choreatisch-schleuderndes Ueberszielhinausschiessen sehr deutlich in Erscheinung. Mit der rechten Hand kann er fast gar nicht mehr schreiben, mit der linken Hand ausserordentlich schlecht. Die Schriftzüge sind hochgradig zitterig, man kann aber das Geschriebene noch entziffern. Von den Brustmuskeln beteiligt sich der rechte Pektoralis am aus¬ giebigsten an den mobilen Spasmen; fortwährend führt er den Arm einmal über den Körper hinweg. Im Gegensatz dazu zieht aber auch der Latissimus dorsi den Arm gelegentlich in mobilem Spasmus nach hinten und innen. Auch der Kukullaris ist an den Spasmen vielfach beteiligt. In den Bauchmuskeln bemerkt man besonders rechts ein beständiges, an myoklonisches, nur langsam verlaufendes Zucken erinnerndes Wogen; die rechte Bauchmuskulatur scheint gegen links etwas hypertonisch (oder die linke hypotonisch?). Die Beine sind vollkommen frei von Bewegungserscheinungen, ganz selten eine leichte unwillkürliche Kontraktion in den Adduktoren oder im Quadrizeps, auch im Sartorius; ganz selten in den Zehen. Der Gang ist dementsprechend ruhig und sicher. Er geht langsam und vorsichtig, in der Erkenntnis, dass schnelles Gehen eine starke Vermehrung der mobilen Spasmen in der oberen Körperhälfte erzeugt. Befallen ihn solche, dann bleibt er stehen, kommt dabei oft in die eigentümlich nach rechts und vorn gebeugte Vogel-Strauss-Stellung, und wartet die Erschlaffung der Muskeln ab. Lähmungen bestehen nirgends; wenn nicht durch die mobilen Spasmen gehindert, kann er allen Anforderungen zu beliebigen Bewegungen Folge leisten. Die Kraft ist nicht vermindert. Die Sensibilität ist völlig intakt. Schmerzen bestehen nicht, nur wenn sich der Sternokleido. was mitunter vorkommt, in fast tetanischer Stärke kontrahiert, dann besteht leichter Krampfschmerz, nur hin und wieder ein drückendes Gefühl in den Armen. Abends vor dem Einschlafen will er mitunter ein unangenehmes Rucken und Zucken in den Beinen verspüren, und fragt daher besorgt, ob das Leiden wohl auch noch auf die Beine übergreifen könne. Die Reflexe sind in normaler Stärke auslösbar, die Armreflexe vielleicht etwas gering; auch der rechte Bauchdeckenreflex ist etwas geringer als der linke. Babinski, Mendel, Rossolimo, Oppenheim negativ. Adiadochokinese ist rechts bei Plantar- und Dorsalflexion der Hand nur angedeutet, bei Pro- und Supination wegen der Kontraktur nicht zu prüfen, bei Oberarmbeugung und -Streckung sehr deutlich. Elektrisch ist alles normal, auch keine myotonische Reaktion. Die Wassermann sehe Reaktion im Blut war negativ. Punktiert wurde nicht. Psychisch: Die Intelligenz ist vollkommen erhalten. Pat. hat sich mit seinem Leiden resigniert abgefunden, hat keine Hoffnung auf Heilung mehr. In Gesellschaft kann er auch fröhlich und gesprächig sein. Zusammenfassend lässt sich folgendes sagen: Bei einem erblich nicht belasteten Jungen arischer Abkunft traten im Alter von 9 Jahren unwillkürliche Bewegungsstörungen in der rechten Hand auf, die im Laufe von Jahren' auch auf den rechten Arm übergingen, und den Charakter mobiler Spasmen trugen, während in den spannungsfreien Intervallen Hypotonie bestand. Mit ca. 18 Jahren war die Störung, die jeder Behandlung trotzte, so stark, dass der Kranke mit dem rechten Arm nichts mehr arbeiten konnte. Fast unmerklich nahm das Leiden zu, bis mit 25 Jahren wieder ein stärkerer Schub einsetzte, mit 26 Jahren wurde auch der linke Arm befallen, aber nur durch Be¬ wegungsstörungen choreatischen Charakters, mit 27 Jahren traten mobile Spasmen in der Halsmuskulatur hinzu, vorwiegend auf der linken, etwas auch auf der rechten Seite. Ein daraus resultierender Schiefhals war auch operativ nicht beeinflussbar. Zur Zeit der Untersuchung ist der Kranke 32 Jahre, in fast ununterbrochener Bewegung, die nur im Schlaf sistiert. Befallen sind der rechte Arm und die Halsmuskulatur links wie rechts von plötzlich einsetzenden, einige Sekunden an¬ dauernden mobilen Spasmen bei Hypotonie in der Ruhe, der Körper macht vielfach torquierende Bewegungen nach rechts, als ob der Kranke seinem nach oben und rechts gekehrten Gesicht nacheilen wollte; die Torsion wird nahezu vollkommen, wenn es ihm dabei den rechten Arm nach dem Rücken zieht, wird etwas verdeckt, w'enn der Pektoralis in mobilem Spasmus den Arm nach vorn über den Bauch führt. Die Beine sind nicht beteiligt, der linke Arm nur in Form einer choreatischen Un¬ ruhe. Am rechten Arm sind die Störungen proximal stärker, als distal; doch fehlen athetoide Fingerbewegungen nicht. Keinerlei Pyramiden¬ symptome, gut erhaltene Intelligenz. Keine Schmerzen, nur mitunter im Sternokleido etwas Krampfschmerz, in anderen Muskeln unbestimm¬ tes Rucken und Zucken und Drücken, das nicht als Schmerz bezeichnet wird. 266 MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT Mendel8) hat vor 2 Jahren die bis dahin veröffentlichten 33 Fäl e von Torsionsspasmus monographisch zusammengestellt; mittlerweile sind einige w’eitere hinzugekommen; der vorliegende Fall hat mit den bisher veröffentlichten Fällen — und mit einem von mir an der Bon- h o e f f e r sehen Klinik gesehenen — in wesentlichen Punkten eine so ausserordentliche Aehnlichkeit, dass ich ihn trotz mancher Verschieden¬ heiten nur als Torsionsspasmus deuten kann. Dass unser Kranker Arier ist, spielt angesichts der sich mehrenden nichtsemitischen Fälle keine Rolle mehr. Von familiärer und erblichet Belastung und sonstiger Aetiologie ist bei ihm, wie bei den meisten anderen Fällen \on Torsionsspasmus, nichts bekannt. Der Beginn der Erkrankung wird in das 7. bis 19. Lebensjahr datiert, unser Patient er¬ krankte im Alter von 9 Jahren. In den Fällen, in denen das Leiden an der oberen Extremität entstand, wurde, wie bei unserem Kranken, zu¬ erst Ungeschicklichkeit, Steifheit der Hand usw. beobachtet, die dann ganz allmählich Zunahmen. Psyche, Intelligenz, Sprache, Ernährungs¬ zustand bleiben die ganze Krankheit hindurch unverändert, die Kranken finden sich bei längerem Bestehen des Leidens „geduldig und in philo¬ sophischer Ruhe mit demselben ab. sie sind dann guter Stimmung, auch heiter, liebenswürdig und zeigen kritisches Urteil in bezug auf ihre Krankheit“; nicht anders der vorstehende Kranke. Die Hirnnerven wur¬ den, wie auch hier, übereinstimmend als intakt angegeben. Nicht ge¬ wöhnlich ist das bei unserem Kranken beobachtete Grimassieren, das eigentlich der Athetosis duplex eigen ist, und die starke Beteiligung der Halsmuskulatur. Auf beide Erscheinungen werden wir noch zu sprechen kommen. Die dystonische Störung an sich trug aber durchaus den Charakter des Torsionsspasmus, den ausgesprochenen Wechsel der mobilen, ruckweise cinsetzenden Spasmen von einigen Sekunden Dauer, die dann einer sehr deutlichen Hypotonie der erschlafften Muskulatur Platz machen. Auch fand sich keine Spur von Parese in der hyper- bzw. hypotonischen Muskulatur bei Widerstandsbewegungen, wohl aber ein Gefühl subjektiver Schwäche und Ermüdbarkeit, keine Veränderung in der elektrischen Erregbarkeit der Muskeln. Die unwillkürlichen Bewegungen trugen durchaus den Charakter der gemischt choreatisch-athetotisch-tickartigen Störungen, besonders aber zeigten sie auch den eigentümlich ziehenden und drehenden Typ, „wurmartig und schlangenförmig11, zwecklos, bizarr und grotesk, so dass sie manchmal geradezu komisch wirken konnten. Dabei schien es mit¬ unter, als ob der Kranke bestrebt sei, den unwillkürlichen, bizzaren Bewegungen durch einzelne Ergänzungsbewegungen eine Motivierung zu verleihen, so wenn er den nach rechts hinten zurückgezogenen Arm mit der linken Hand hinter dem Rücken ergriff, und nun scheinbar ab¬ sichtlich mit hinter dem Rücken verschränkten Armen marschierte. Viel¬ fach handelte es sich aber dabei um das Einnehmen einer Art Ruhe¬ stellung, wie sie für Torsionsspastische beschrieben wird. So ging unser Kranker am liebsten mit hinter dem Kopf gefalteten Händen, oder wenn er seinen den Kopf fixierenden Apparat trug, mit auf dem Rücken verkrampften Armen, oder die Arme straff vor die Brust gepresst. In charakteristischer Weise war der proximale Teil des rechten Armes erheblich stärker beteiligt, als der distale; am meisten beteiligt _ sind auch die in der Literatur hiefiir bezeichneten Mm. pectoralis, biceps und Hand- und Fingerstrecker, aber auch der Triceps, die Pronatoren und die Beuger rm Vorderarm, dann allerdings in sehr erheblichem Maasse auch die Sterokleidomastoidei. wie dies F 1 a t e u in seinem kürz¬ lich mitgeteilten Fall beschreibt, der ja auch wegen seines „Tortikollis“ mit Gipskorsett und Operation vergeblich behandelt wurde. Recht charakteristisch ist auch die Art. wie der Kranke den Finger-Nasenver- such ausführt; er erinnert sehr stark an den von Fla tau -Sterling publizierten Fall. Auffallend ist endlich das Freibleiben der Beine, das nicht gewöhnlich ist. Mari hat den Eindruck, als ob das klassische Bild des Torsionsspasmus bei unserem Kranken einfach nach oben etwas verschoben sei; die Beine sind frei, dafür ist der Hals mit befallen. So erklärt sich auch, dass die Verbiegung der Wirbelsäule, wie sie be¬ schrieben wird, bei unserem Kranken nicht recht ausgesprochen ist, es nicht allzuhäufig zu der „Vogel-Strauss-Stellung“ kommt. Das Becken steht bei ihm nicht schief: dafür ist aber die rechte Schulter für gewöhn¬ lich höher gezogen als die linke. Die Zunahme der Bewegungen bei Gemütsbewegungen und im Gehen war sehr deutlich, wie es auch in der Literatur immer wieder berichtet wird; Suggestivbehandlung erzielte nur für ganz kurze Zeit, höchstens einige Stunden, einen ganz leichten Er¬ folg. Im Liegen Hessen die Bewegungen, wie es bisher schon über¬ einstimmend geschildert wurde, nach, und hörten im Schlaf vollkommen auf. eine Erscheinung, die man zur Unterscheidung von der Athetosis duplex herangezogen hat. Die inneren Organe waren völlig gesund, der Blut- Wassermann negativ, von einer Lebererkrankung nichts nachweis¬ bar, das C h v o s t e k sehe Zeichen fehlte. Als „negative Zeichen“ führt Mendel in seiner Zusammenfassung folgendes an: „Nie Lähmungen, keine Atrophien, keine Sphinkter- störungen, keine Störungen der Intelligenz und Psyche, keine Zeichen eines organischen Nervenleidens, insbesondere keine Pyramidenzeichen, kein Kornealring. keine Leberveränderungen, meist keine elektrischen Veränderungen, keine Sensibilitätsstörungen, keine Schmerzen, höchstens Krampf- und Spannungsgefühl. Alles dies trifft in einwandfreier Weise auf unseren Fall zu. Als atypisch ist in unserem Falle zu bezeichnen das Fehlen mobiler Spasmen in den unteren Extremitäten, das übrigens noch kommen könnte, dann das starke Pefallensein der Halsmuskulatur, und endlich das Grimassieren, das, wenn auch nur massig stark, so doch zweifellos vorhanden war, und endlich die choreatische Störung im linken Ar Sollten diese Atypien uns nun abhalten, den Fall zum 1 orsionsspasir zu rechnen? Oder handelt es sich vielleicht um das Zustandsbild eii Torsionsspasmus bei einer ganz anderen Erkrankung? Die Hyste dürfen wir hier sicherlich ausschliessen; es fehlt jedes, aber auch jei psychogen wirksame Moment in der Anamnese, die beharrliche P gredienz des Leidens bei stetig wirkendem Bestreben, von der Krai heit loszukommen — wenn man überhaupt jemanden ein solches 1 streben glauben will, so musste man es bei unserem Kranken glaub der sich auf eigene Kosten in operative Behandlung begab, als ihm Kasse wegen Aussichtslosigkeit die Behandlungskosten verweigi wollte — , die völlige Erfolglosigkeit aller therapeutischen Versui sprechen eine zu eindeutige Sprache. Die vorübergehende Beh< schung der Bewegungsunruhe nach suggestiven Prozeduren, das , rückgehen der Erscheinungen bei Aufmerksamkeitsablenkung und ; Aufhören der Bewegungen im Schlaf, auf der anderen Seite die , nähme der Unruhe bei Emotionen und bei Zuwendung der Aufmerks: keit verführen zu gern immer wieder zur Annahme einer psychogei Störung; und doch finde» wir diese Merkmale gerade nicht nur b« Torsionsspasmus, sondern auch bei anderen extrapyramidalen, dys nischen Erkrankungen, wie z. B. bei der Paralysis agitans und bei Chorea. Aber könnte es sich in unserem Falle nicht um einen enzep litischen Prozess handeln, der in Schüben verläuft? Der erste kön schon ante partum gelegen sein; daher die Linkshändigkeit; zweiter könnte dann im 9. Lebensjahr eingesetzt haben, der zu Störung in der rechten Hand und dem rechten Arm führte, ein dri konnte im 25. Lebensjahr zur choreatischen Unruhe des linken Ari und im 26. zu den Störungen in der Halsmuskulatur führen. Es isi gewiss auffallend, dass unser Kranker erst in höherem Lebensa solch deutlichen schubweisen Fortschritt seines Leidens zeigt; aber sicherlich dauernde, ganz langsame Fortschreiten, zwischendurch einer Art leichter Remissionen unterbrochen, möchte mich doch der Annahme eines enzephalitischen Prozesses abhalten; ich me dass wir es mit einem Fall von autochthoner Degenerationserkrank zu tun haben, der als Torsionsdystonie dem Torsionsspasmus zuzuzäl ist. Den letzten Entscheid könnte erst die Sektion bringen, auf wir wahrscheinlich vergebens warten werden1, da der Patient in si Heimat zurückgekehrt ist. Nun scheint mir an dem vorliegenden Fall noch von Intere dass er sehr starke Beziehungen zur Athetosis duplex, und nameni zur Chorea hat. An die Athetose erinnert das für den Torsionsspas ungewöhnliche Grimassieren, das bei uns aber, im Gegensatz zur A tose, im Schlaf schwindet; auch finden wir entgegen der Athetose proximalen Giiedabschnitte stärker befallen, als die distalen, in di« aber wieder athetoide Fingerüberstreckungen. Besonders auffallenc jedoch das Bestehen einer rein choreatischen' Bewegungsstörung linken Arm, der bei ausgesprochener Hypotonie das Charakteristik Ansfahren und Ueberszielhinausschiessen (es schleudert ihm den Piu bei der Arbeit aus der Handi) der Chorea zeigt. Wir sehen hier nell einander am selben Organismus gleichsam zwei verschiedene For von Heredodegeneration. einen Uebergangsfal! von 1 orsionsspasmu Chorea, wie mpn ihn sich besser kaum denken kann, hervorger sicherlich durch die Eigenart der Lokalisation des Prozesses. Es dies ein neuer Beweis für das enge Zusammengehören all dieser tonischen Störungen, der hyperkinetisch-akinetischen (arayostoE'c mit den athetotischen und den choreatischen, wie es von Ste kürzlich bei der Aufstellung des dystonischen Syndroms befiirwc wurde. Das Freibleiben der unteren Extremitäten und das spätere fallenwerden der Halsmuskulatur aber kann von neuem hinweisen die von C. Vogt vertretene streng topische Lokalisation nach G abschnitten auch im striären System. Die Störung bei unserem Krai liegt mehr in die vorderen Teile des Striatum hinein (ohne die Zen für Schlucken und Kauen mit zu ergreifen), erstreckt sich aber ig so weit nach hinten, dass die Beine mit ergriffen wären. Deshalle scheint das torsionsspastische Bild klinisch etwas nach oben versehet Mag man mm im vorliegenden Fall einen echten Torsionsspasp annehmen, wozu ich neige, oder nicht, die Paarung der mobilspastisl Erscheinungen mit den choreatischen der anderen Seite schien mi|i Hinblick auf die Frage der Berechtigung eines umfassenden dystonisj* Syndroms nach S t e r t z (1. c.) bemerkenswert genug, um die Mitte i des Falles zu rechtfertigen. Aus der Universitäts-Frauenklinik Würzburg. (Direktor; Geh.-Rat Prof. Dr. M. Hof m eie r.) Gynergen, ein neues Mittel zur Bekämpfung dei Atonia uteri*). Von Dr. Karl Böwing, Assistent der Klinik. Vor einem Jahre erlebte ich einen Todesfall in der PlazeS Periode durch Verblutung. Es handelte sich um eine II-p. mit Plau accreta und ausgesprochenem Status thymico-lymphaticus, wie« Sektion zeigte. Jedenfalls ging die Frau an einer schweren atonia Nachblutung zu Grunde. Das ist für den Geburtshelfer zweifelloi seltenes unglückliches Ereignis, und so veranlasst«' mich dieser '< meine ganze Aufmerksamkeit auf die Mittel resp. die Methoden zu- *) Itn Auszug vorgetragen auf dem Oynäkologenkongress in Nti'rnf 1 Dezember 1921. *■) Mschr. f. Psycli. u. Neurol. 1919, 46. L Februar 1922. MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT. 26? jn, mit denen man einer schweren atonischen Blutung: Herr werden tnn. In den Lehrbüchern der Geburtshilfe ist im allgemeinen die herapie der Post-partum-Blutungen ziemlich kurz behandelt. Das er- ärt sich wohl daraus, dass eine wirklich lebensgefährliche Blutung der Nachgeburtsperiode nicht häufig, jedenfalls dass eine tödliche lutung eine grosse Seltenheit ist. Aber sie kommen vor, und sichel¬ nd schwerere Blutungen, die die Frauen für längere Zeit ernstlich idend machen, in der Nachgeburtsperiode trotz sachgemässer Be- iridlung gar nicht so selten. Wir sahen z. B. auf 100 Geburten 3 — 4 mnens werte Blutungen durch Atonia uteri; Hof statt er [9] be- ■chnete aus Zusammenstellungen an der Wiener Klinik unter 32 000 eburten auf 100 Geburten 1 — 2 nennenswerte atonische Nachblutun- .ii. Unter 10 000 Geburten sah er 4 Todesfälle und 44 Fälle, bei denen ; Blutstillung grössere Schwierigkeiten bereitete. — Sind die Kontrak- men des Uterus in ihrer Intensität und ihrer Frequenz zu gering, so utet es schon bei liegender Plazenta entsprechend dem Grad der ilweisen Lösung der Plazenta und der mehr oder minder erfolgten etraktion der Uterusmuskelfasern. Nun soll man Wehen anregen, die e völlige Lösung der Plazenta herbeiführen, oder während welcher an evtl, die C rede 'sehe Expression vornehmen soll. Da kann an es des öfteren erleben, dass trotz Reibens des Uterus, insbesondere ;r Fundusdecken usw., keine Wehe einsetzt und es sogar stärker utet, ohne dass man in dieser Wehenpause etwas unternehmen innte. Das sind höchst unerfreuliche Augenblicke, in denen man Zeit arliert oder in denen man evtl, zum Aortenkompressorium greifen uss. Der durch eine lange Geburt erschöpfte normale Uterus oder der :hon an sich wenig sensible Uterus reagiert eben auf exogene Reize >enso schlecht wie auf die endogenen, durch die sonst der normale blauf der Plazentarperiode gewährleistet wird. Auf die vielfachen ethoden der Bekämpfung dieser sogenannten Atonia uteri möchte ich cht näher eingehen, sondern hier nur die medikamentöse Behand- ng besprechen; denn diese ist für den praktischen Arzt besonders ichtig, und wenn diese zum Ziele führt, können alle anderen ein- eifenderen und gefährlicheren Eingriffe unterbleiben. Es stehen uns i besonders zwei Mittel zur Verfügung, deren Bedeutung dadurch lerkannt ist, dass sie in allen neueren geburtshilflichen Lehrbüchern igeführt werden: das Hypophysenpräparat und das Sekalepräparat. äi'de Präparate, die manchmal Vorzügliches leisten, sind jedoch bis- ag nicht absolut zuverlässig, denn manchmal sehen wir von ihnen inen therapeutischen Erfolg. Namentlich in den Fällen, in denen iS Hypophysenpräparat auf einen erschöpften Uterus trifft, wirkt es, ie man das in der Austreibungsperiode oft sehen kann, so auch in :r Plazentarperiode, gering oder gar nicht. Und die jetzt gebräuch- :hen Sekalepräparate wirken entweder erst ziemlich spät oder sie id unwirksam, ebenso wie das Chinin für diese Fälle ungeeignet er- heint. — Da Neu [6] nach den Untersuchungen von Franz, urdinowski und Kehrer die Mutterkornwirkung für 1. zu ab- ngig von den verschiedenen Handelspräparaten und 2. solange für oblematisch hält, bis ein chemisch reiner, exakt dosierbarer Ergotin- kömmling zur Verfügung steht, hat er in seiner sehr ausführlichen beit das Adrenalin empfohlen. — Wir brauchen aber hier ein sofort rrk wirksames und doch unschädliches Mittel. Als solches hat sich mir nun ein Präparat erwiesen, das ich seit aem Jahr angewandt habe. Dieses Präparat wurde mir von der emischen Fabrik vorm. Sandoz-Basel bzw. von der Fabrik pharma- utischer Präparate, Fritz Augsberger, Nürnberg zu Versuchszwecken ergeben und kommt jetzt als G.ynergen in den Handel. Es ist von Stoll [12 1 aus dem Mutterkorn isoliert, Ergotamin genannt, und m K. Spiro [11] pharmakologisch geprüft worden. Bekanntlich ist die Frage über die Träger der Mutterkornwirkung nge Zeit strittig gewesen. Von den vielen Körpern, die als spe- ische und unspezifische Bestandteile aus dem Mutterkorn isoliert erden, galten bis vor kurzem als Träger der Wirkung einmal das von arger und Dale isolierte amorphe Alkaloid Ergotoxin (Kraft s rdroergotinin) und ferner die proteinogenen Amine, Histamin und /ramin. Es hat sich aber gezeigt, dass die letzteren, die man auch s der Hypophyse gelegentlich isolierte, weder hier noch dort spe- ische Bestandteile, sondern nur sekundäre Fäulnisbasen sind. Da- t stimmt ja auch die klinische Erfahrung überein, denn weder glei- en sich Hypophysen- und Sekalewirkung, noch ist. die der prote- igenen Amine mit der des Mutterkorns identisch. Das Ergotoxin ist andererseits nicht zu umfangreicherer klinischer Wendung gekommen. Ihm steht nach den Untersuchungen von A. toll und K. Spiro das kristallisierte Ergotamin sowohl in che- scher als auch in pharmakologischer Beziehung nahe. Die Tier- rsuche ergaben, dass.es die automatischen Kontraktionen des Uterus regt und verstärkt nicht nur Reiz erzeugend, sondern auch sensi- isierend wirkt, vor allem, dass die Wirkung anhaltend ist, so dass, nach der Dosis, stundenlang Kontraktionen und Pausen abwechseln. Bei der bekannten Inkonstanz der Mutterkorndroge und ihrer Prä¬ rate und der Zersetzlichkeit der wirksamen Bestandteile musste von grossem Wert sein, festzustellen, ob das vorliegende Präparat res chemisch reinen Körpers, das Gynergen genannte Ergotamin- rtrat, von gleichmässiger und konstanter Wirkung ist, und ob es -ht nur per os, sondern auch zur Injektion Verwendung finden kann Abgesehen von mehreren Fällen in der Poliklinik, wo es bei jedem ’n uns, der es einmal angewandt hatte, grossen Anklang fand, habe 1 dieses Mittel in etwa hundert Fällen versucht. Auf die ersten -‘rsuche mit ähnlichen Präparaten (anderen Ergotaminsalzen) und Nr. 8. auf die anfängliche Schwierigkeit in der Dosierung will ich hier nicht eingehen. Nur kurz möchte ich sagen, dass es ante partum, intra partum und post partum gegeben wurde. Die Versuche ante partum sind gering. Es zeigte sich, dass der hochgravide Uterus immer mit mehr oder weniger lang währenden Kontraktionen auf die Injektion reagierte, besonders, wenn man den Uterus durch Betasten noch reizte. Diese Wehen klingen erst nach etwa einer halben Stunde — genau wie bei den Hypophysenpräparaten — wieder ab **). Intra partum wurde es nur zweimal angewandt. Einmal bei aus¬ gesprochener sekundärer Wehenschwäche, bei der schon zwei Spritzen Pituglandol vergeblich gegeben waren. Ich gab dann bei der dritten Spritze Pituglandol 1/i mg Ergotamintartrat = Ta Spritze Gynergen und wir erlebten einen Tetanus uteri, der die nun nötig werdende Zangenextraktion ziemlich erschwerte. Das Kind war tief asphyktisch und schrie erst nach ca. 2Ü Minuten. Es war hier nach meiner jetzigen Meinung noch zu viel von dem Gynergen gegeben. — Der zweite Fall betraf eine Il-p., bei der nach 36 ständigem Kreissen wegen sekundärer Wehenschwäche die Zangenextraktion bei fast völlig erweitertem Mut¬ termund und im Beckenausgang stehendem Kopf vorgenommen wer¬ den sollte. An Stelle der sonst gebräuchlichen prophylaktischen Er- gotingabe wurde hier Gynergen intramuskulär injiziert. Die von Geh. Rat Hofmeier selbst ausgeführte Extraktion erwies sich wegen der ungewöhnlichen Kontraktion des Uterus als sehr schwierig. Das Kind war tief asphyktisch und erholte sich erst nach 1% Stunden. Auch hier war zu viel gegeben. Jedenfalls waren in beiden Fällen, in denen das Hypophysenpräparat versagt hatte, starke Kontraktionen, aber für uns zu starke Wirkung erzielt. Neben einer sichtbaren Wirkung des Mittels war in diesen Fällen aber auch erwiesen, dass das Mittel intra partum nicht indifferent ist, für die Praxis also intra partum im allgemeinen nicht empfohlen werden kann. Die soeben beschriebenen intensiven Kontraktionen der Uterus¬ muskulatur sind nur erwünscht in der Plazentarperiode. Hier wollen wir intensive Wehen haben. Allerdings Wehen mit Wehenpausen, und da zeigte sich das Mittel vortrefflich. Etwa K> Minute, manchmal schon eher nach der intramuskulären Einspritzung kontrainert sich der vorher schlaffe Uterus für 1U bis 1 Minute, um dann einer richtigen Wehenpause Platz zu machen. Jedem Beobachter drängt sich sofort die hohe Sensibilität des vorher atonischen Uterus auf, d. h. man kann nach Belieben durch Betasten des Uterus leicht wieder eine Wehe aus- lösen, die nun bei jeder Patientin verschieden lang anhält und ver¬ schieden intensiv ausfällt, jedesmal offenbar der mehr oder weniger vorhandenen Reizunempfindlichkeit des Uterus entsprechend. Denn als eine Reizunempfindlichkeit des Uterus möchte ich nach diesen Beobachtungen die Atonia uteri bezeichnen. Diese Reizunempfindlich¬ keit ist nun immer verschieden, wurde von mir jedoch nie so hoch befunden, dass nicht der Uterus auf eine zweite Einspritzung sensibili¬ siert worden wäre. Ganz besonders auffallend ist die Verschiedenheit der Reizemp¬ findlichkeit, wenn man die Wirkung der Einspritzung unmittelbar post partum und die Wirkung einige Tage später beobachtet. Je näher noch dem Termin der Geburt, um so. energischer die Wirkung. Die Frauen selbst empfinden diese als sehr schmerzhafte Nachwehen, die kontrollierende Hand als steinharte Kontraktion des Uterus. Etwa nach einer Woche ist die Empfindlichkeit ständig abnehmend, so gering gewor¬ den, dass man eine wesentlich grössere Dosis applizieren musst um einen sichtbaren Erfolg zu haben. Aber noch nach 10 Tagen wirken 3 mal täglich eine Spritze ganz auffallend. In mehreren Fällen, in denen Frauen bei der Entlassungsuntersuchung noch einen faustgrossen Uterus hatten, in dessen Kavum weiche Massen (Kruor und Dezidua) zu fühlen waren, war auf diese Gabe hin, nachdem an dem Tage der Injektionen heftige Nachwehen eingesetzt hatten und' der Uterus seinen Inhalt ausgestossen hatte, dieser am nächsten Tag auf Halbfaustgrösse kontrahiert, und die Frauen konnten jetzt entlassen werden. Entsprechend seiner hohen Wirksamkeit zeigt das Präparat ganz besonders bei Ueberdosierung eine Nebenwirkung, die, abgesehen von den wohl selbstverständlichen Schmerzen bei den Nachwehen, in Kopf¬ schmerz und häufig in Erbrechen besteht. Diese Nebenwirkung hält etwa 2 Stunden an und beginnt schon bald nach der Injektion. Nach einigen Stunden fühlen die Frauen sich wieder vollkommen wohl. Schädlichkeiten wurden nicht beobachtet. Diese Nebenwirkun g bleibt aber immer aus in den Fällen, wo das Mittel absolut indiziert war, wo es sich um ausgesprochene Atonia uteri gehandelt hatte. Wesentliche Blutdruckschwankungen konnte ich nicht feststellen, wie auch bei allen pharmakologischen Untersuchungen ein Einfluss auf den Zirkulationsapparat nicht erkennbar war; ebenfalls wurde im Urin niemals Albumen nachgewiesen, so dass eine Kontra¬ indikation mir nie gegeben schien. Appliziert wurde das Mittel immer an Stelle der Sekalepräparat''. d. h. a) prophylaktisch unmittelbar post partum bei den Frauen, die schon manuelle Plazentarlösungen oder schwere Nachgeburtsblutungen mit¬ gemacht hatten, oder bei denen Placenta praevia Vorgelegen hatte; b) nach jeder geburtshilflichen Operation; c) bei Sectio caesarea bei Beginn der Operation i). Es zeigte sich **) Näheres wird hierüber in meiner demnächst erscheinenden Abhand¬ lung: „Gynergen als Abortivmn“ berichtet. *) Hier nachdem zuvor Physormon appliziert war, wie überhaupt das Gynergen das Hypophysenpräpurat nicht ausschliessen soll, sondern gern mit ihm zusammen gegeben wird, da sich beide offenbar unterstützen. 4 MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT 268 Nr. { da durch die auffallende Kontraktion des Uterus die ganze Operation sehr wenig blutreich und die Naht des Uterus sehr einfach; d) bei beginnender Blutung und noch liegender Plazenta-): e) bei Blutung nach Ausstossung der vollständigen Plazenta; f) bei Spätblutungen im Wochenbett. Unter diesen Voraussetzungen angewandt versagte es nie. Selbst¬ verständlich wurde es auch bei allen fieberhaften Erkrankungen im Wochenbett gegeben, sei es, dass sie genitaler oder extragenitaler Natur waren. Die Fälle von putrider und septischer Endometritis waren in dem Jahre zu selten, als dass man bei ihnen auf eine besondere Wirkung des Mittels hätte schliessen können, jedenfalls gelang es aber in den wenigen beobachteten Fällen auch, den grossen endometritischen Uterus zu Kontraktionen zu bringen. Die Dosierung beträgt gewöhnlich in der Plazentarperiode ein bis zwei Spritzen Gynergen ä K mg Ergotamin, von denen man am besten eine Spritze intramuskulär und die andere subkutan gibt. Will man augenblickliche Wirkung erzielen, so injiziert man intramuskulär. Eine intravenöse Injektion habe ich nicht vorgenommen. Erscheint die erfolgte Wirkung nicht ausreichend, so sind 3 — 4 Spritzen zu geben, eine Dosis, die ich anfänglich häufig gab, ohne länger anhaltende Schädlichkeiten zu beobachten; diese Menge wird jedoch nur in den seltensten Fällen nötig sein. Im Puerperium gibt man 2 — 3 mal täglich eine Spritze intramus¬ kulär und wechselt dabei die Injektionsstellc. Manche Frauen klagen über einige Zeit anhaltende ziehende Schmerzen am Injektionsort. Per os ist die Wirkung bedeutend schwächer, besonders in I ropfen- form, während die Tabletten viel intensiver wirken, da das Präparat offenbar im Magendarmtraktus abgebaut wird. Bei gynäkologischen Blutungen wurde es auch in einer grösseren Reihe von Fällen gegeben. Wie weit das Mittel hier an dem Erfolg beteiligt ist, ist schwer zu sagen, da die objektive Feststellung von Kontraktionen des Uterus, der noch innerhalb des kleinen Beckens liegt, schwer ist. Jedenfalls klagten die Frauen alle über Leib- und Kreuz¬ schmerzen nach der Injektion, und es darf wohl angenommen werden, dass dieses Wehenschmerzen waren. Literatur. 1. v. Winckel: Hb. d. Geburtshilfe. — 2. E. Bumrn: Grundriss zum Studium der Geburtshilfe. - — 3. Stoeckel: Geburtshilfe. — 4. Gustav Vogel: Leitfaden für Geburtshilfe. — 5. Henkel: Zschr. f. Geburtsh. 1902. — 6. Neu: Arch. f. Geburtsh. 1908. — 7. ü. A. Wagner: Zbl. f. Geburtsh. 1908. — 8. Engelhorn: Zbl. f. Geburts. 1910. — 9. Hofstätte r: Mschr. f. Geburtsh. 1910. — 10. H. H. Schmid: D.m.W. 1912. 11. K. Spiro: Lieber Ergotamin (Gynergen Sandoz). Vortrag a. d. 13. Tagung d. Gesellschaft d. Gynäkologen d. deutschen Schweiz. Luzern 8. V. 21. — 12. K. Spiro und A. St oll: Ueber die wirksamen Bestandteile des Mutterkorns. Aus der Abteilung und Poliklinik für Nervenkranke im städtischen Krankenhause Sandhof zu Frankfurt a. M. (Direktor; Prof. Dr. G. L. Dreyfus.) Neosilbersalvarsan bei Neurolues. Von G. L. Dreyfus. Wie in 2 früheren Arbeiten über Silbersalvarsan ausführlich dar¬ getan, hielt ich U, ") das Silbersalvarsan auch für den Neurologen, dem der Ausbau der Behandlung der Neurolues am Herzen liegt, für eine wesentliche Bereicherung seines therapeutischen Rüstzeugs. Meine klinischen Erfahrungen in bezug auf die Beeinflussung subjek¬ tiver Beschwerden sowie der Serumreaktion und des Liquors sprachen bereits damals — und auch bei meinen weiterhin durchgeführten Studien — durchaus dafür, dass das Silbersalvarsan dem Neosalvarsan und dem Salvarsannatrium an therapeutischer Wirksamkeit bei rich¬ tiger Art der Anwendung deutlich überlegen sei. Gegen das Silbersalvarsan, das wir mithin gerne als verstärktes und aktiviertes Salvarsan begrüssten, sprachen im wesentlichen nur anfänglich öfters, später — bei genauerer Kenntnis des Präparates — immer seltener auftretende Nebenerscheinungen. Als solche Neben¬ wirkungen beobachtete ich entschieden häufiger als bei anderen Sal- varsanpräparaten: den angioneurotischen Symptomenkomplex, Fieber, Kopfschmerz, ferner Mattigkeit mit allgemeinem Unbehagen, endlich Hauterscheinungen in Gestalt von Exänthemen und ganz vereinzelt auch von recht unangenehmen Dermatitiden. Durch die von mir ein¬ gehend dargestellte und auch theoretisch begründete Methode der ein schleichen den Behandlung gelang es späterhin, nahezu alle diese unerwünschten Nebenerscheinungen zum Verschwinden zu bringen. Nur zwei Dinge mussten bei der Silbersalvarsanbehandlung der luetischen Erkrankungen des Nervensystems — und nur von der sehr viel komplizierteren Behandlung der Neurolues (also nicht der frischen Lues!) ist hier die Rede — mit in Kauf genommen werden : 1. dass die individuelle Dosis tole- rata für Silbersalvarsan durch sorgfältige Beobachtung eventuell auch ganz geringfügiger Reaktionen des Kranken oft erst festgestellt werden musste, und dass wir 2. als Gesamtdosis 3 bis höchstens 4 g nicht zu überschreiten wagten wegen einer vielleicht doch im 2) Ich sah im Gegensatz zu H o f s t ä t t e r (9) dabei keine Nachteile. 1) Silbersalvarsan bei luetischen Erkrankungen des Nervensystems. M.m.W. 1919 Nr. 31. 3) Nebenerscheinungen des Silbersalvarsans. D.m.W. 1919 Nr. 47/48. Bereich der Möglichkeit liegenden Dermatitis. Besonders die doch reell niedrige Gesamtdosis empfanden wir bei Behandlung von Ncurorezh diven. aber auch bei den anderen Formen der Neurolues als unangt nehme Beschränkung, da wir oft den Eindruck hatten, dass die thera peutische Wirkung durch längere und damit intensivere üesamtbehaiu lung nach jeder Richtung hätte verstärkt werden können. Deshalb waren wir Kolle sehr dankbar, als er uns im Frühjal 1920 — also vor fast 2 Jahren — das Neosilbersalvarsa zur Verfügung stellte, das die Vorzüge des Silbersalvarsans ohne sein Schattenseiten haben sollte. Ueber die chemische Zusammensetzun* und die chemotherapeutische Wirksamkeit des Neosilbersalvarsans he sich Kolle jüngst eingehend geäussert2 3), so dass es sich an diest Stelle erübrigt, näher darauf einzugehen. Zi m mern *) hat vor kurzei als erster vom dermatologischen Standpunkt über sein klinischen Erfahrungen berichtet. Nur soviel sei hier gesagt, dass das Neosilbersalvarsan durch Eii Wirkung von Neosalvarsan -auf Silbersalvarsan als neuer Körpe gefunden wurde, der weder die chemotherapeutischen Eigenschaften de Neosalvarsans noch die des Silbersalvarsans hat. Der As-Gehalt de Neosilbersalvarsans beträgt 20 Proz., der Gehalt an Ag 6 Proz. Di Dosis tolerata für Kaninchen ist um l/a grösser als die des Silbei salvarsans und nicht ganz um V» kleiner als die des Neosalvarsan Kolle fasst auf Grund der Tierversuche das Neosilbersalvarsan a ein durch die Einfügung der Silberkomponente biologisch aktivierte Neosalvarsan auf mit annähernd gleichem chemotherapeutischem lnde wie das Silbersalvarsan. Es verbindet also nach Kolle die cherrn therapeutischen Vorzüge des Silbersalvarsans mit der guten Vertrat lichkeit des Neosalvarsans. Neosilbersalvarsan ist ein braunschwarzes Pulver, das sich auc in kaltem Wasser sehr rasch ohne Klumpenbildung löst. Zersetzt Röhrchen geben trübe milchfarbige, bei starker Zersetzung milchkaffe; artige Lösungen, während das unzersetzte Neosilbersalvarsan in Lösun etwa wie eine etwas dunkel gefärbte Kollargollösung, ganz entspreche;- der Silbersalvarsanlösung, aussieht. Ein sehr grosser Vorzug des Neosilbersalvarsans im Vergleich zu Silbersalvarsan und Neosalvarsan ist darin zu erblicken, dass eine z giftigen Endprodukten führende Oxydation an der Luft nur sehr langsa- vor sich geht. Man kann also getrost mit Stammlösungen arbeite; die 4 — 6 Stunden stehen. Wir lösten regelmässig 1,0 Neosilbersalvarsan auf 20 cci| redestilliertes steriles Wasser in einer 20 ccm-Spritze und gaben vc dieser 5 proz. Lösung je nach Bedarf 2 — 4 — 6 — 8 ccm (0.1, 0.2, 0.3, Ob Neosilbersalvarsan) in eine 10 ccm fassende Glasspritze, die auf 5 bU höchstens 10 ccm mit Wasser aufgefüllt wurde. Wir verbrauchten unsere Stammlösung im Lauf,; eines Vor- oder Nachmittags, ohne dass die zuletzt Injizierten i r g e n d wT i e reagierten. Das Arbeiten mit eina; solchen Stammlösung empfanden wir als eine recht grosse Annehmlichkeh und Zeitersparnis, ganz abgesehen davon, dass es hier nicht wie bH den anderen Salvarsanpräparaten, die wir auch stets in der Glasspritz zu lösen pflegen, Vorkommen kann, dass ungelöste Partikelchen de Stempel der Spritze klemmen und dadurch zu technischen Schwierig keiten führen können. Zur Frage der Technik sei noch bemerkt, dass ich für d| technisch einigermassen Geübten die dunkle Lösung nicht im entferi testen als erschwerendes Moment einer intravenösen Injektion ansehdj kann. Staut man gut und genügend lange ab, verwendet man nur sei gute und spitze (Platin-Iridium!) Nadeln und Glasspritzen, £ zeigt der durch den Blutstrom deutlich zurückweichende Spritzet Stempel klar an, dass die Nadel tatsächlich in der Vene sitzt. Zwecli mässig ist langsames Spritzen, wie bei allen intravenösen Injektionei Wir wandten das Neosilbersalvarsan in den vergangenen 2 Jahr« sowohl in der Klinik wie in der Poliklinik und in der Sprechstunde bl 283 Kranken mit weit mehr als 5000 Injektionen aj Die Art der behandelten* Kranken geht aus der nachfolgenden Aufstt. lung hervor: Frühlues des Gehirns (Neurorezidive) 16 Kranke Lues cerebrospinalis 64 „ Tabes 92 „ Paralyse 18 „ Lues latens 48 Aortitis luetica 10 „ Nichtluetische Erkrankungen (multiple Sklerose, spa¬ stische Spinalparalyse, Enzephalitis, amyotrophi- sche Lateralsklerose etc.) 35 283 Kranke. Die übergrosse Mehrzahl der Kranken wurde nach der anfänglhl nur klinischen Erprobung des neuen Medikamentes ambulant b/ handelt. Zumeist wurde das Neosilbersalvarsan allein gegeben, manchtn in Kombination mit Novasurol (1.0) oder Zyarsal (1,0) in der gleich; Spritze. Die meisten Kranken führten ihre Kur bis zu der von uijj gewünschten Gesamtdosis durch. Zahlreiche unserer Kranken macht) in den vergangenen 2 Jahren 2. 3 und 4 Kuren mit Neosilbersalvarsa1 In letzter Zeit gab ich häufig bei Tabikern Neosilbersalvarsan abwechseh mit 50 proz. intravenösen Jodinjektionen, zum Teil geradezu mit fra pierender Wirkung, besonders bezüglich der Ataxie. Bei multipl 3) Ueber Neosilbersalvarsan und die chemotherapeutische Aktivierui der Salvarsanpräparate durch Metalle. D.m.W. 1922 Nr. 1. 4) Erfahrungen mit Neosilbersalvarsan. M.m.W. 1922 Nr. 2. 'ebruar 19 22. MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT 269 •ose und anderen nicht luetischen Erkrankungen des Zentralnerven- :ms wurde das Neosilbersalvarsan mehrfach mit gleichzeitigen muskulären Chinineinspritzungen kombiniert. Gelegentlich schien ;rfolg nicht nur Zufall zu sein. » Dosierung. ch rate, analog meinen Erfahrungen mit allen anderen Salvarsan- iraten, bei Neurolues dringend zu einschleichender i e r u n g. 30 schützt man sich vor Sensibilisierung des Kranken durch einen aligen allzustarken Schlag und erreicht spielend grosse Einzel- i ohne Nebenwirkungen, ohne das geringste Unbehagen und ohne tigt zu sein, eine Kur zu unterbrechen. V\an beginne also in jedem Falle auch bei Neosi lbersal- sa n mit 0.05 g und steige dann, falls auch weiterhin keine sub- ren und objektiven Reaktionen auftreten, auf 0.075, 0.1, 0.15, 0.2, 0.3, 0.35, eventuell 0.4 g. Als Intervall empfehle ich 1 — 3 Tage, 2 — 3 Einspritzungen wöchentlich. Im Allgemeinen gingen wir 0.3 — 0.4 als E i n z e 1 d o s i s nicht hinaus. (Also fast das Doppelte Silbersalvarsan-Einzeldosis.) Als durchschnittliche G e - tdosis gaben wir 6 — 8 — 9 g in 6 — 10 Wochen. Bei einigen ken gingen wir aber weit über diese Dosis hinaus. So bekam Paralytiker in 43 Injektionen 12.0 g (innerhalb 3 Monaten), ein iv wie die des Silbersalvarsans, aber intensiver als die nicht g kombinierter Salvarsanpräparate. Diese anscheinend geringere lämkeit im Vergleich zum Silbersalvarsan wird aber dadurch iiber- -nsiert, -dass man etwa das Doppelte der Einzeldosis und das iche der Silbersalvarsan-Gesamtdosis im Verlaufe einer Kur geben So erreicht man letzten Endes tatsächlich mit Neosilbersal- i erheblich mehr als mit Silbersalvarsan. 7o dies möglich war, machten wir eine Liquoruntersuchung vor ei Abschluss jeder Behandlung. Bei Tabes gelang uns mit Neo¬ salvarsan (5 — 714 g) für gewöhnlich bei einer einmaligen Kur Normalisierung des Liquors. Nur in einem der von uns kon- rten Fälle erreichten wir dieses Ziel. ahingegen konnten wir bei 7 Fällen von Neurorezidlven. die wir bezüglich ihres Liquors verfolgen konnten, mit Durchschnittsdosen ! — 10 g Neosilbersalvarsan den ursprünglich schwer veränderten r und die Serumreaktion durch eine Kur normalisieren. So- vir diese Kranken in Beobachtung halten konten, war der Liquor auch einige Monate nach der crsteTi Kur noch normal. Selbstver¬ ständlich darf ein solcher Erfolg nicht dazu führen, es bei einem Be¬ handlungsturnus bewenden zu lassen. Liquorerfolge wie nach Neo¬ silbersalvarsan sind mit Neosalvarsan und Salvarsannatrium im allge¬ meinen nicht zu erreichen. Der klinische Erfolg bezüglich Besserung resp. Beseitigung subjektiver Beschwerden entspricht dem des Silbersalvarsans, aller¬ dings erst bei grösseren Einzel- und Gesamtdosen. Bei Tabikern fanden wir — im Gegensatz zum Silbersalvarsan — fast durchweg keine besondere Empfindlichkeit gegen dieses neue mit Ag kombinierte Salvarsanpräparat. Nebenwirkungen. Vorweg sei genommen, dass wir bei den mehr als 5000 Injektionen irgendwelche unangenehmere Ne¬ benwirkungen niemals beobachteten. Die Verträglichkeit des Neosilbersalvarsans ist demnach auch bei Neurolues ausgezeichnet. Ganz vereinzelt beobachteten wir einmal Kopfschmerz nach der In¬ jektion, rasch vorübergehendes Fieber, zweimal einen ganz irrelevanten Vasomotorismus. Da all diese Erscheinungen -bei Fortsetzung der Be¬ handlung nicht wieder auftraten, nachdem nach einer Pause von einigen Tagen vorübergehend die Dosis niedriger genommen wurde, so fragt es sich, ob im Einzelfall dem Mittel oder anderen Momenten die Schuld gegeben werden muss. 8 mal beobachteten wir leichte Exantheme, zum Teil ver¬ bunden mit Juckreiz, aber immer ohne Störung des Allgemeinbefindens. Interessant war es, zu sehen, dass verschiedentlich bei gleichzeitigen anderen Hautaffektionen resp. starken Hautreizen (Ekzeme. Höhensonne etc.) ein Exanthem auftrat, das später nach Heilung des Ekzems, bei Weglassen der Höhensonne, nicht wieder kam. Hier war offensicht¬ lich die Haut durch andere Reize gegen Neosilbersalvarsan sensibilisiert worden. Insbesondere scheinen rote und rotblonde Individuen mit sehr zarter und auch sonst empfindlicher Haut zu As-Exanthemen zu neigen. Wenn man aber nur weiss, dass nach Neosilbersalvarsan Exantheme ganz gelegentlich auftreten können, sich meist durch Juckreiz ankün¬ digen, bevor es zu irgendwelchen unangenehmen Hauterscheinungen (Dermatitis) kommt, so wird man auf solche Erstlingssymptome achten und gegebenenfalls sofort pausieren. Für gewöhnlich genügt ein be¬ handlungsfreier Zwischenraum von 2 — 3 Wochen. Dann kann man, mit kleinen Dosen beginnend, langsam wieder zu normalen Einzeldosen steigen. Fast alle unsere Kranken, die einmal ein flüchtiges Exanthem hatten, behandelten wir später ohne den geringsten Nachteil wieder mit Neosilbersalvarsan. Der Körper kann offenbar auch während einer Kur einmal infolge der verschiedensten Ursachen das Salvarsan toxisch abbauen. Dies wissen, damit rechnen und darauf achten ist schon gleichbedeutend mit vermeiden. Aus diesen wenigen Bemerkungen sieht man, dass nach unseren recht ausgedehnten Erfahrungen das Neosilbersalvarsan so frei von Nebenwirkungen ist, dass man es infolge seiner Wirksamkeit und seiner Ungefährlichkeit als das z. Z. empfehlenswerteste Salvarsanpräparat auch für die Behandlung der Neurolues bezeichnen darf. Vom klinischen Standpunkt des Neurologen kann ich daher Kolle beipflichten : Das Neosilbersalvarsan verbindet die chemotherapeutischen Vorzüge des Silbersalvar¬ sans mit den praktisch so wichtigen Vorteilen der leichten Löslichkeit und guten Verträglichkeit des Neosalvarsan s, ohne dessen Oxydierbarkeit und geringere Wirksamkeit aufzuweisen. Aus der Privatklinik DDr. Patschke-Rubensohn, Köln. Ueber eine erweiterte Indikation der Talmaschen Operation. Von Dr. E. Rubensohn, Köln. Der geistreiche Vorschlag T a 1 m a s, durch Annähung des Netzes an die vordere Bauchwand einen Kollateralweg zwischen Pfortaderästen und Venen der Bauchwand zu erreichen, ist in der Praxis recht selten geübt worden. Strümpell berichtet selbst noch in seinem Lehrbuch von einem „scheinbar guten Erfolg“, indem das Wasser sich nicht so schnell wieder ansammele, anderseits das Befinden des Kranken sich bedeutend bessere. Auch andere Autoren berichten zuweilen über die von ihnen ausgeführten Talmaoperationen mit einer gewissen Skepsis. Es sei uns daher gestattet, über einen guten Erfolg -der Talma sehen Operation und die von uns (Patschke und Rüben sahn) vor¬ genommenen Modifikationen kurz zu berichten. Patient F.. 35 Jahre alt, war früher nie ernstlich krank. Er ist weder übermässiger Trinker, noch huldigt er dem Nikotinmissbrauch. Eine ge¬ schlechtliche Infektion wird verneint und so war er bis zum Ausbruch seiner jetzigen Erkrankung ganz auf -der Höhe seiner Schaffenskraft. Bei dem Genuss von Kartoffelsalat habe -er sich vor der Zubereitung der Speise „geekelt“ und sei sofort 8 Tage darnach an einem „Magenkatarrh“ mit Brech¬ reiz, Aufstossen, Verstopfung und Hautjucken erkrankt. Wenige Tage darauf zeigte sich Gelbfärbung der Skleren und hierauf des ganzen Körpers, die bis zur tiefsten Bronzefärbung in wenigen Wochen sich entwickelte. Drei Wochen später machte sich zunehmendes Oedem der unteren Extremitäten, weiterhin bedeutender Hydrops -des Skrotum und ständig wachsende Bauch¬ wassersucht bemerkbar. -Die konsultierenden Aerzte stellten akute Leber- 'zirrhose fest und behandelten demgemäss rein symptomatisch mit Diuretizis; wegen des immer weiter zunehmenden Aszites wurde in einem Zwischenraum 4* 270 MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT. Nr von 14 Tagen eine Bauchpunktion ohne jeglichen Erfolg vorgenommen. Der uns nun im Höchststadium der Erkrankung überwiesene Kranke machte nicht den Eindruck eines Leberzirrhotikers, auch eine spezifische Lebererkrankung war nicht anzunehmen. Das Blutbild ergab keinerlei krankhafte Verände¬ rungen, die Wassermann sehe Reaktion war negativ, die Leber selbst zeigte nach erneuter Punktion keine Vergrösserung oder Lappenbildung, nur die Milz war — sekundär — mässig geschwollen. Der Stuhl war mitunter acholisch, mitunter mit Fettbeimengung durchsetzt. Der Urin war stets bilirubinhaltig. Auf Grund der chemischen Untersuchung und der klinischen Wahrnehmung eines rapid fortschreitenden Prozesses stellten wir die Ver¬ mutungsdiagnose eines Kompressionstumors, der seinen Ursprung vom Pan¬ kreaskopf nahm und eine völlige Kompression der Pfortader und des Ductus choledochus bedingte. Die zweite Auffassung liess den Primärsitz des Tumors in der Leber entstehen, der durch sein fortschreitendes Wachstum die gleichen Erscheinungen wie oben geschildert, zeitigen musste. Ist doch die Leber¬ zirrhose das Endstadium von Schädigung an Leberzellen, seien dieselben nun bedingt durch chronische Giftwirkung oder chronische Gallen- und Blutstauung. Mussten wir auch alle weiteren zur Kompression der Pfortader führenden krankhaften Veränderungen in den Bereich unserer Diagnose stellen, so erwies sich auf Grund der nun noch vorgenommenen Röntgen¬ aufnahmen der Verdacht eines Leber-Pankreas-Tumors als der wahrschein¬ lichste. Der Zustand des moribunden Kranken erforderte eine sehr rasche Beendigung der Operation, so dass von einer radikalen Entfernung des Tumors Abstand genommen werden musste. Es gelang schnell, Pfortader und Ductus choledochus aus der Umklammerung des Tumors zu lösen, worauf sich die bisher prall gefüllte Gallenblase auspressen Hess. Bei Oeffnen des Bauches entleerten sich 5 — 6 Liter dunkel seröser Flüssigkeit. Die Leber zeigte normale Konsistenz und Grösse, war aber mit hochgradigen Venekta- sien rosenkranzartig an ihrer Konkavität behaftet und so die schwere Stau¬ ung im Pfortadersystem deutlich demonstriert. Nun wurde der typische Talma gemacht und zwar wurde das grosse Netz mit dem durch Reiben wund gemachten Parietalperitoneum vereinigt. Schon wenige Tage nach der Operation erholte sich der bislang moribunde Kranke. Der Stuhl zeigte schon nach 3 Tagen zum ersten Male eine dunkelgräuliche Farbe. Nach 8 Tagen wird der Urin heller und nach weiteren 14 Tagen zeigt schon der Stuhl normale Beschaffenheit und Konsistenz; der noch einmal sich ansammelnde Aszites wird nicht mehr punktiert, sondern täglich konnte man die fort¬ schreitende Wirkung der neu geschaffenen Kollateralkreislaufbahn durch die dadurch bedingte Abnahme des Aszites beobachten. Zwei Monate später war weder Erguss, noch Ikterus, noch Hydrops der unteren Extremitäten be¬ obachtet und jetzt, % Jahr nach durchgeführter Operation ist der Kranke völlig genesen, mit einer Gewichtszunahme von 15 Pfund und völlig aus der Behandlung entlassen. Es hat unser Fall um so mehr Interesse, als die Literatur wohl von Resektionen, von Leber-Pankreas-Tumorem berichtet, aber keinesfalls von der günstigen Wirkung einer Talma sehen Operation, wenn der Tumor nicht entfernt, sondern nur in eine für das Leben nicht be¬ drohende Lage versetzt bzw. verschoben wird. Ueber die Natur des Tumors kann leider nichts Näheres berichtet werden, da selbst eine Teilresektion nicht vertragen worden wäre, doch spricht der Erfolg für eine benigne Geschwulst. Die Indikation der Talma sehen Operation dürfte demnach so erweitert werden, dass bei jeder Pfortaderstauung, sei sie durch einen benignen, sei sie durch einen malignen Tumor be¬ dingt, wo Punktionen nicht zum Ziel geführt haben, der Talma indiziert ist. Es dürften die Erfolge bei dem rein mechanischen Verschluss im Pfortadergebiet noch viel grösser sein wie bei den eigentlichen Leber¬ erkrankungen, die ja bis heute die Indikation zur Ausführung der Talmaoperation geben. Berichtet doch Strobel über 10 Talma¬ operationen bei Leberzirrhosen, wo bei 2 Fällen Heilung erzielt, bei einem dritten nach 5 Jahren Besserung eingetreten sei, 4 Kranke aber 3 Wochen bis 1/4 Jahr nach der Operation verstorben sind. Ein Fall von Leberzirrhose, im Jahre 1909 ebenfalls von Patschke operiert, konnte gleichfalls vollkommen geheilt werden (Sitzungsbericht der Freien Vereinigung Berliner Chirurgen 1909). Mit Rücksicht auf unseren letzten diesbezüglichen Erfolg möchte ich hiermit nochmals auf die Wichtigkeit der Talma sehen Operation hinweisen, wie auch besonders auf die Indikation, die somit erweitert werden dürfte auf Fälle, die einen mechanischen Verschluss des Pfort¬ adergebietes und des Ductus choledochus aufweisen, sowie zuletzt bei Neubildungen, die durch ihr expansives Wachstum unbedingt ein letales Ende hervorrufen. Literatur. Strümpell: Lehrbuch, Aufl. 1914. — Lorenz: Jb. der prakt. Med. 1919. — Strobel: Beitr. z. klin. hir. 88. — Patschke: Sitzungsber. der Freien Vereinigung der Berliner Chirurgen 1903. — de Quervain: Chirurgische Diagnostik. Letzte Aufl. Aus der Hautabteilung der Kinderpoliklinik Dresden. (Prof. Qalewsky.) Erfahrungen mit dem Krätzemittel „Catamin“. Von Dr. R. Schelcher. Entsprechend der ausserordentlich starken Verbreitung der Krätze in den letzten Jahren, wurden auch verschiedene neue Krätzemittel in den Handel gebracht, teils mit mehr, teils mit weniger gutem Erfolg. Die Eigenschaften, die von einem Krätzemittel erwartet werden müssen, sind folgende: es muss die Milben sicher und rasch abtöten, es muss das Jucken rasch beseitigen und darf die Haut nicht reizen, es muss sich gut auftragen lassen und darf nicht zu sehr durch den Geruch belästigen, es muss die Wäsche und Kleidung schonen und darf schliesslich — nicht zu teuer sein. Anfangs des Jahres wurde von der Firma Riedel, Berlin eine n< Krätzesalbe auf den Markt gebracht, Ca tarn in. Es ist dies e Schwefel-Zinksalbe mit 10 Proz. Zink und 5 Proz. Schwefel, der n besonderem Verfahren gewonnen in feinster Verteilung in dem Mi: enthalten ist. Mit einer geringen Versuchsmenge, die uns die Firma Verfügung stellte, haben wir in der Hautabteilung der hiesigen Kim Poliklinik etwa 30 Kinder behandelt, die an ausgesprochener Krü litten. Auf die Auffindung der Milben wurde aus Zeitersparnis n in allen Fällen gedrungen, wenn die Diagnose ohnedies sicher war. Erfolge, die wir hatten, haben uns in vollem Masse befriedigt, so\ es sich bei der poliklinischen Behandlung erwarten lässt, da wir n immer die Gewissheit haben konnten, dass der Patient sich zu Ha auch ordentlich einrieb und vor allem, dass auch Kleidung und Wäsi wie Handtücher etc. gut gereinigt wurden, bzw. lange genug unben blieben. Wir Hessen die Kranken 3 Tage lang je 1 mal sich einreit und am 4. Tage ein gewöhnliches Bad nehmen. 2 malige Einreih am Tage konnten wir bald als unnötige Salbenvergeudung ansehe: Einen Misserfolg bei einem Fall glauben wir auf oberflächliches! reiben schieben zu müssen, bei 3 weiteren Fällen lagen 4 — 7 VYoc dazwischen, so dass Neuinfektion in Frage kommt. Zum mindc; waren die Erfolge ebenso gut, wie bei anderen Krätzemitteln. Was uns bei dem Catamin aber als besonders angenehm aui ist die ausserordentlich rasche Beseitigung des Juckreizes, der stets schon nach der ersten Einreibung völlig^ geschwunden war. Eine Hautreizung sahen wir niemals, im Gegenteil fanden wir besonders grossen Vorzug des Catamins., dass die oft ekzematöse, reizte Haut ausserordentlich gut beeimflust wurde, so dass eine N; behandlung mit Zinköl oder anderen milden Salben, wie so oft sc nur einmal nötig war. Auch eitrige Kratzeffekte, soweit sie nicht ausgedehnt waren, heilten unter der Cataminbehandlung oft gut ; sonst wurde mit Zinnobersalbe bald völlige Heilung erzielt. Da das Mittel die Wäsche nicht angreift und auch durch sei Geruch nicht belästigt, wurde es von den Patienten gern genomi Die Dosierung in kleineren Tuben macht das Catamin besonders £ für die Kinderpraxis bequem, wo nicht so grosse Mengen beni werden und, zumal da es. zurzeit wohl das billigste Krätzemittel können wir bei den guten Erfolgen, die wir an unserem kleinen terial sahen, und die sich völlig mit den Erfahrungen Schirm decken (Ther. Halbmonatsh. 1921 H. 2 S. 491), das Catamin auch die ambulante Praxis nur empfehlen. Beitrag zur Frage der Kontagiosität des Condylor acuminatum. Von Dr. Ladislaus Lichtenstein, Badearzt in B Pistyan. Lieber die Aetiologie des Condyloma acuminatum wurde in ärztlichen Literatur bereits vielfach diskutiert, ohne dass diese F klargestellt worden wäre. Allgemein herrscht die Ansicht vor, dass die Entstehung „spitzen Warzen“ als Folge eines Reizes des blennorrhagischen Se tes anzusehen sei, das zur Wucherung dieser Gewebsneubildui Anlass gebe, ohne dass man sich über den Mechanismus dieses Stehens klar und eindeutig Rechenschaft geben könnte. Man ! dies um so weniger, da man Condylomata acuminata selbst in sol Fällen beobachten konnte, bei welchen nicht die Spur eines blenilt hagischen Sekretes vorhanden war. P e 1 1 e r s hat in solchen F; die Einwirkung zersetzender Stoffe, wie des Smegmas, als Ursache genommen. Tatsächlich sieht man ja sehr häufig bei solchen m liehen Individuen, die wenig auf die Reinigung des Genitales ac in der Frenularnische isolierte Effloreszenzen dieser Art auftr ohne dass irgend ein blennorrhagischer Prozess vorhanden wäre. Allgemein ist die Ansicht verbreitet, dass das Condyloma ac natum eine absolut nicht übertragbare Erkrankung sei. Mit Recht wird diese Ansicht von einigen Autoren bestri Für die mit den „spitzen Warzen“ pathologisch-anatomisch verw ten Verrucae p 1 a n a e juveniles ist die Frage der Anstecku fähigkeit längst entschieden. Jadassohn, Variot, De f Licht, L a n z haben durch mehr oder weniger grosse Serien Inokulationsversuchen die Kontagiosität der Verruca plana bewi wobei Jadassohn besonders auf die bei seinen Versuchen oft 5 Wochen bis 8 Monate dauernde Inkubationsdauer hinweist. Erreger dieser Krankheit zu finden ist allerdings nicht gelungen. Die experimentelle Uebertragung des Condyloma acumin wurde von Cooper und Kranz versucht, dieselben berichten positive Resultate. Demgegenüber stehen die Untersuchungen Retters und G ü n t z, welche negative Resultate ergaben. J a r i bezeichnet die Versuche von Cooper und Kranz als nicht wandfrei, lässt jedoch mit Rücksicht auf die Erfahrungen bei den gären Warzen und beim Molluscum contagiosum die Wiederaufn; diesbezüglicher Experimente als wünschenswert erscheinen. Kranz hat bei 5 Individuen Versuche angestellt, indem er i getragene Condylome auf künstlich erzeugte Exkoriationen trans tierte. Die Uebertragung gelang nicht in allen Fällen und me Versuche ergaben ein negatives Resultat. Mit Rücksicht auf die Ungeklärtheit der Frage der Aetiologie) der Kontagiosität des Condyloma acuminatum erscheint ein von' beobachteter Fall für die Beurteilung des Fragenkomplexes von V< 3ebruar 1922. MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT. 271 jit. da er die Kontagiosität dieses Krankheitsprozesses wahrschein¬ macht. Ich erlaube mir daher die Krankengeschichte nachstehend veröffentlichen. Anamnese: Frau B. M„ 22 Jahre alt, war bis zu ihrer vor 4 Monaten gefundenen Verehelichung vollkommen gesund gewesen. Kurz nach der it trat ein ziemlich starker Ausfluss aus der Scheide auf, 2 Monate derselben vereinzelte ..Warzen" an den Schamlippen, die sich massen- an denselben vermehrten, auch in der Aftergegend auftraten und in Grosse erschreckend Zunahmen, weshalb die Patientin, die auch unter penetranten Geruch sehr zu leiden hatte, meine Ordination aufsuchte. Status praesens: Schwächliche, blasse Frau mit normalem en Organbefund. Am äusseren Muttermund zeigt sich eine mässige ion, das Zervikalsekret gelb, eitrig. Adnexe und Uterus sonst frei. An Schamspalte reichlich fötider Eiter. An den Labien zahlreich isolierte, stenteils erodierte, warzenartige Effloreszenzen, die in der Mitte der en zu einer hahnenkammartigen Masse konfluieren. In den Falten chen den grossen Labien und den Oberschenkeln beiderseits konfluieren Effloreszenzen zu übernussgrossen, an der Oberfläche mit sanguinolentem et bedeckten, erodierten Tumoren mit deutlich höckerig-biumenkohl- er Struktur von ziemlich hellrotem Kolorit. Auch in der Umgebung des Afters und am Damm befinden sich zahl¬ te, isolierte, ebenfalls zum Grossteil erodierte Knoten auf der unver- rten, nichtinfiltrierten Haut aufsitzend, dieselben sind jedoch nur in igerer Zahl spitz und von papillärer Struktur, meistens aber breit abgeflacht. Die Photographie des äusseren Genitales, die auf dem rsuchungstische aufgenommen wurde, zeigt anschaulich diese charakte- ichen Eruptionen. Am Körper des Stammes und der Extremitäten sind ;r!ei Exantheme nachweisbar. Ebensowenig an den Schleimhäuten. : mässig vergrösserte Drüsen in inguine beiderseits. Urin auf Zucker und Eiweiss negativ. Wassermann sehe Reaktion negativ. Gonokokken sind weder im ikalsekret noch in dem auf den Effloreszenzen befindlichen Sekret nach- bar. Did histologische Untersuchung einer dieser typischen Eruptionen, vor- mmen von Herrn Dr. L 6 r ä n d '(Pressburg), dem ich an dieser Stelle e, ergab folgendes Resultat: Das Präparat zeigt papilläre Struktur. Die Oberfläche desselben ist mit :nförmig gelapptem, vielschichtigem Plattenepithel bedeckt, dessen oberste :hte verhornt ist; die darunterliegenden Schichten zeigen bis zum um basale den Charakter des normalen, vielschichtigen Uebergangs- enepithels ohne irgendeine wesentliche pathologische Veränderung auf- lisen. Diese Plattenepithelschicht ruht über einem Stroma, welches lieh Blutgefässe und Rundzellen enthält. Inmitten des Gesichtsfeldes ist Lymphgefäss zu sehen, welches voll von Rundzellen ist und dessen ebung ebenfalls reich mit Rundzellen infiltriert ist. In derselben Gegend Fibroplasten zu sehen, was für eine Bindegewebsneubildung und Ver- ung spricht. — Mit Rücksicht darauf, dass im Präparate keinerlei tige, für eine Entzündung sprechende und charakteristische Merkmale bar sind, muss diese neoplastische Veränderung als Condyloma m i n a t u m angesprochen werden. Färbung: Hämatoxylin-Eosin. In einem zweiten nach Löffler gefärbten Gewebspräparat sind ; Gonokokken nachweisbar. ln einem dritten nach Levaditi gefärbten Gewebspräparat sind : Spirochaetae pallidae zu finden. Diagnose: Nach dem Gesagten kann kein Zweifel darüber bestehen, es sich bei diesem Prozess um Condylomata acuminata handelt. — edoch die in der Umgebung des Anus befindlichen Effloreszenzen eine ilichkeit mit Condylomata lata syphilitica besassen, liess ich mir trotz negativen Wassermann sehen Blutuntersuchung den Ehemann nen, um die eventuelle luetische Genese auszuschliessen. Der Mann bot einen mich überraschenden, interessanten Befund. Nach- :nd die Krankengeschichte: Anamnese: J. M.. 28 Jahre alt, immer gesund gewesen, keine >rrhöe oder luetische Infektion zugegeben. Vor 6 Jahren trat in der zfurche des Gliedes ein hirsekorngrosses Wärzchen auf, das im Laufe der e in seinem Wachstum immer mehr zunahm und schliesslich jetzt Wal¬ grösse erreichte. Status praesens: Mittelgrosses, kräftiges Individuum, mit nor- ni inneren Organbefund. Haut und Schleimhäute ohne Veränderung, e Drüsenschwellungen, auch in inguine nicht. Im Sulcus coronarius penis zwar in der Mitte des Dorsums eine etwa walnussgrosse Geschwulst, elbe ist gestielt, von höckeriger Oberfläche, leicht nässend und erodiert, lebhaft roter Farbe und lässt deutlich den papillären Aufbau erkennen. ;anzen ist der Tumor etwas abgeplattet, das Präputium ist über dem- -ii umstülpbar. Urinbefund negativ. Wassermann sehe Reaktion tiv. Diagnose: Es besteht demnach mit aller Sicherheit ein seit 6 Jahren -hendes Condyloma acuminatum. Therapie: Abtragung des Tumors, in beiden Fällen leichte Kauteri- m der Basis, in wenigen Tagen Restitution ad integrum. Aus diesen beiden Fällen ist folgendes zu ersehen: Ein Mann hat ein seit Jahren bestehendes Condyloma acuminatum heiratet eine bis dahin vollkommen gesunde Frau, nach zwei- atlicher Ehe bekommt die Frau ebenfalls die gleiche Affektion. Ein bischer Zusammenhang dieser zwei Fälle ist so in die en springend, dass man kaum fehlgeht, wenn man be¬ ttet dass der kranke Ehemann die Frau infizierte: Wenn man der immerhin gegebenen Möglichkeit absicht, dass ein zufälliges ammentreffen der gleichen Erkrankung bei zwei Individuen besteht, muss man mindestens zugeben, dass diese veröffentlichten zwei £ die Kontagiosität der Condylomata acuminata hrscheinlich machen. Im Verein mit den eingangs zitier¬ positiven Inokulationsversuehen Coopers und Kranz’ und Ipeaus sind meine Fälle mit ein Glied zur Kette der Beweise, che dafür sprechen, dass das Condyloma acuminatum eine ’ t a g i ö s e Erkrankung ist. Ein Beitrag zur Krebsätiologie auf Grund der Krebs¬ statistik in Cuba. Von Prof. Dr. W. H. Hoffmann, Habana (Cuba). In Nr. 34 der M.m.W. von 1921 finden sich interessante Aus¬ führungen von Zweifel über die Aetiologie des Karzinoms, die sich aus den epidemiologischen Tatsachen ableiten lassen. Besonders erregte meine Aufmerksamkeit die Angabe, dass B e h I a, der in so hervorragender Weise das statistische Material in der Krebs¬ frage auszunutzen gewusst hat, zu dem Schluss kam, dass durch das roh genossene Gartengemüse das Krebsgift in den Körper gelange. Er hatte nämlich beobachtet, dass in Luckau auf 20 — 30 Todesfälle ein Todesfall von Krebs kam, während in einer Vorstadt ein Karzinomtodes- fall auf 9 Todesfälle kam. Es wird hieran die Bemerkung geknüpft, dass diese Ansicht einer Nachprüfung wert wäre; man brauchte ja nur in Gegenden, in denen Gartengemüse nicht roh gegessen werden, nachzuforschen, ob über¬ haupt und wie oft Karzinom vorkommt. Ich bin nun in der Lage, hierzu eine Erfahrung mitzuteilen, die in einer Gegend gemacht ist, wo Gartengemüse überhaupt nicht gegessen wird, weil man sich mit dem Anbau nicht befasst, nämlich auf der Insel Cuba. Den Ursachen für diese Erscheinung nachzugehen, liegt ausserhalb des Rahmens dieser Betrachtungen. Jedenfalls besteht die Tatsache, dass frisches Gartengemüse oder etwas ähnliches als Bestand¬ teil der Nahrung hier keine Rolle spielt. Auch in den grossen Städten ist frisches Gemüse in der Ernährung ein so unbedeutender Anteil, dass er vernachlässigt werden kann. Gemüse erscheint hier überhaupt im täglichen Leben nur in kleinsten Mengen, die ausschliesslich aus Kon¬ serven1 stammen. Nun ist kürzlich in der amtlichen Zeitschrift des hiesigen Gesund- heitsministeriums eine Statistik über die Krebshäufigkeit in Cuba ver¬ öffentlicht, die mit grosser Sorgfalt in der statistischen Abteilung dieser Behörde ausgearbeitet ist. Danach betrug die Krebssterblichkeit in Cuba in den letzten 20 Jahren auf 100 000 Einwohner berechnet: 1900 . . . . 26.50 1907 . . . . 39,97 1914 . . . . 47,09 1901 . . . . 30,03 1908 . . . . 42.87 1915 . . . . 47.86 1902 . . . . 31,07 1909 . . . . 45,17 1916 . . . . 49,03 1903 . . 1910 . . . . 44,20 1917 . . . . 46,46 1904 . . . . 35,65 1911 . . . . 42,25 1918 . . . . 46,79 1905 . . . . 38,97 1912 . . . . 42,18 1919 . . . . 47,98 1906 . . . . 40,93 1913 . . . . 46,68 Die absoluten Zahlen sind ja allerdings etwas kleiner, als die meisten Zahlen, die in Europa bekannt sind, die beispielsweise in Preussen 57, Bayern 98, Schweiz 132 und Dänemark 140 betragen. Dabei ist aber zu bemerken, dass die Zahlen in Cuba hinter der Wirklichkeit wohl etwas Zurückbleiben, da es im Innern wohl noch grosse Schwierigkeiten machen wird, alle Krebstodesfälle statistisch zu erfassen. Jedoch tritt auch in Kuba sehr deutlich die auffällige Zunahme der Krebssterblichkeit in Erscheinung, die in so vielen anderen Ländern beobachtet ist, und für die uns noch jede Erklärung fehlt. Ich glaube somit, dass die Beobachtungen in Cuba mit vpllem Recht gegen die Annahme angeführt werden dürfen, dass dem Genuss von rohem Gartengemüse eine wesentliche ursächliche Bedeutung oder irgendein Zusammenhang mit der Entstehung der Krebskrankheit zu¬ geschrieben werden könnte. Aus der Abteilung und Poliklinik für Nervenkranke im städt. Krankenhaus Sandhof zu Frankfurt a. M. (Direktor: Prof. Dr. Q. L. Dreyfus.) Zur Frage der endolumbalen Salvarsanbehandlung. (Erwiderung auf die gleichnamige Arbeit von Benedek in Nr. 2 dieser Wochenschrift.) Von Dr Ludwig Fuchs, Assistent der Klinik. Benedek glaubt zwar Neurorezidive, histologische Meningo¬ rezidive, Meningitis luica und Syphilis cerebrospinalis „fast ausschliess¬ lich" in den Händen der Syphilidologen, nichtsdestoweniger sei es uns gestattet, von neurologischer Seite aus zu seinen Ausführungen Stellung zu nehmen, um so mehr als gerade diese Fälle ums in den letzten Jahren immer zahlreicher von den Dermatologen wegen der schwierigen Be¬ urteilung und Behandlung überwiesen werden. Benedek hat ein weiteres sehr handliches Besteck angegeben, das durchaus geeignet erscheint, die Methode der endolumbalen Salvarsanbehandlung auch technisch zu erleichtern und weiteren Kreisen der Dermatologen und Neurologen zugänglich zu machen. Um es gleich vorwegzunehmen: vor dieser weiteren Anwendung der endolumbalen Methode möchten wir dringend warnen und sie zunächst immer noch auf die kritische Prüfung in einzelnen Kliniken beschränkt wissen gerade weil auch die Mitteilung 'B e n e d e k s nicht dazu angetan ist, uns von der Ueberlegenheit und noch weniger von der Gefahrlosigkeit des Verfahrens zu überzeugen. Unter seinen 13 Fällen mit zusammen 60 endolumbalen Infusionen ist nach seiner eigenen Angabe infolge der Behandlung bei einem eine 14 tägige 272 MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT, Nr. Detrusorschwäche efnge treten, bei einem anderenKranken eine perineale Anästhesie, bei einem dritten — einem Tabiker — entstand eine langer dauernde Paraplegie der Beine und im vierten Fall kam es 'm Anschluss an die Behandlung zum Exitus; wenn hier der letale Ausgang auch nicht unmittelbar durch die Therapie verursacht wurde, so ist er docn für den Arzt gleich fatal. Derartige Zwischenfälle stehen bei dieser Methode bekanntlich nicht vereinzelt da. An der hiesigen Medizinischen Klinik wurden vor mehreren Jahren von D r ey f u s an 8 Patienten etwa 64 endolumbale Salvarsaninfusionen vorgenommen. Bei 4 Patienten traten trotz vor¬ sichtig einschleichender Dosierung unerwünschte Folgeerscheinungen auf: ein Patient bekam eine lang anhaltende Blasenschwache, ein anderer lästige Sakralparästhes'ien, ein dritter über längere Zeit be¬ stehende Ataxie und Sphinkterenschwäche; ein vierter Patient erkrankte an einer lebensbedrohenden Diplokokkenmeningitis, die erst nach vielen Wochen abheilte. Nach diesen Misserfolgen wurde die Methode aul- gegeben An einer fremden Klinik sah ich als Folge von Ueberdosieiung einen Fall spastisch-paraplegisch werden, einen zweiten infolge Myelitis unglücklich ausgehen. Auch Gennerich, der sicherlich in Deutsch¬ land die grösste Erfahrung mit der Methode besitzt, berichtet in seiner Monographie über eine Reihe ähnlicher Zwischenfälle bei allen Formen der Lues und Metalues. Bedenkt man nun, dass diese Folgeerschei¬ nungen meist aus relativem Wohlbefinden heraus eintreten, so wird man die allgemeine Zurückhaltung gegenüber der Methode wohl ver¬ ständlich finden. Ihre Nachteile liegen neben der Umständlichkeit des endolumbalen Verfahrens (jedesmal mehrtägiger Klimkaufenthalt, sub¬ jektive Beschwerden usw.), vor allem in der ausserordent ich grossen Gefahr der Ueberdosierung. B e n e d e k erklärt die Paraplegie seines Tabikers z. B. damit, dass statt der von Gennerich vorgeschlagenen Dosis von 1 mg Sa Na %, — X> mg mehr gegeben wurde! Dass m An¬ betracht der ausserordentlich verschiedenen Widerstandsfähigkeit des Zentralnervensystems gerade dieses Krankenmaterials bestimmte Do¬ sierungsvorschriften hier überhaupt nur sehr bedingten Wert haben können, liegt auf der Hand. Tabes und Paralyse sind aus naheliegenden Gründen am meisten gefährdet, aber auch wenn bei meningealei Lues oder Neurorezidiven Krampfanfälle provoziert werden oder nach Gen¬ nerich „Herxheimer sehe Reaktionen in Form von Kopfschmerzen und Fiebersteigerungen für gewöhnlich zu erwarten sind, beeinträch- tigt dies doch — von der Möglichkeit stärkerer Störungen ganz abge¬ sehen — die Brauchbarkeit der Methode erheblich. Und nun zu der therapeutischen Wirksamkeit des Verfahrens. B e n e d e k hat von seinen Fällen keine Heildauer mitgeteilt, sie scheinen alle noch jung zu sein; der Beweis dafür, dass er nicht „höchstens nur vorübergehende Scheinerfolge“ erzielt hat, wäre also noch zu erbringen. Gennerich selbst sieht das Hauptanwendungsgebiet der Methode, d. ln.also die meisten Erfolge, bei der Frühlues des Nerven¬ systems. Von Tabes und Paralyse hält er im wesentlichen nur die inzipienten Fälle für günstig; dass aber ein Teil gerade dieser Fälle sich auch bei intravenöser Behandlung entschieden bessert und zwar unter Normalisierung des Liquors und auf längere Dauer, haben wir in den letzten Jahren immer mehr erfahren und zwar in dem Masse als wir lernten, sie lange und andauernd genug zu behandeln und zu kontrollieren. Die gleichen Erfahrungen machten wir bei Behandlung der Frühlues: ausdauernde Behandlung unter fortlaufender Liquor¬ kontrolle, auch jahrelang nachdem der Liquor für unsere heutigen Methoden sich als „saniert“ erweist, lässt uns auch hier immer mehr Dauererfolge erzielen, wie bereits über eine Reihe von Jahren kon¬ trollierte Fälle ergeben haben. Scheinerfolge, d. h. Rückfälle oder Fort¬ schreiten des Prozesses stellten sich meist nur dann ein, wenn die Behandlung von seiten des Patienten zu früh abgebrochen wurde (vgl. G. L. Dreyfus: Ueber frühluetische Erkrankungen des Zentralnerven¬ systems (D.m.W. 1922). Wenn Gennerich für manche seiner Fälle eine endolumbale Behandlung von 2 Jahren fordert, so darf für die intravenöse Behandlung mindestens kein schnellerer Erfolg erwartet werden. Sie hat dann immer noch den grossen Vorteil, dass die Kranken (ausser den . wenigen Tagen einer Liquorkontrolle jährlich) dauernd arbeitfähig sind. Der klinische Rückgang der Symptome tritt bei geeigneter intravenöser Behandlung ebenfalls sehr rasch ein; auch die Sanierung des Liquors macht, wie wir sehen konnten, rasche Fort¬ schritte, besonders bei Anwendung der Silberpräparate. Durch aus¬ reichende Nachkuren und jahrelange Kontrolle gilt es dann, beides dauernd festzuhalten und zu sichern. Zum Vergleich für die Wirksam¬ keit geeigneter intravenöser Behandlung greife ich nur kurz unsere Neurorezidive der beiden letzten Jahre heraus: Hinsichtlich der Meningitis und Lues cerebrospinalis sind unss_ Ergebnisse durchaus entsprechend. Wir müssen Gennerich ar unsererseits beipflichten, wenn er sagt, je früher diese Falle zur handlung kommen, desto günstiger seien sie für die Therapie. In r Tatsache, dass einzelne Fälle sich tatsächlich refraktar verhalten, koni, wir keine Unterlegenheit der intravenösen Therapie erblicken. Ai unter unseren wenigen eigenen Fällen endolumbaler Behandlung zei> einer nach 7 Monaten mit 12 Infusionen (bis 3 mg Neosalvarsan) n i positiven Liquor bei 0,2. Gennerich selbst hat derartig hartnacks Fälle von Frühlues auch bei endolumbaler Behandlung gesehen und rd Wir glauben also, dass eine ausdauernde intravenöse SalvarsJ behandlung mit jahrelang fortgeführter Liquorkontrolle im wesentlich mindestens die gleichen günstigen Aussichten wie die endolumt* bietet, ohne deren Nachteile für den Patienten zu besitzen. Gevl ist auch hier Ueberdosierung möglich, aber mit vorsichtig einschleichi. den Dosen sind derartige Fälle doch fast ganz aus der Kasuistik \l schwanden und die mögliche Schädigung zeigt nicht gleich einen <1 artig starken Ausschlag am Nervensystem wie bei direkter untmh- barer Einwirkung. Zur klinischen Beobachtung kamen 1920 und 1921 21 Fälle; sie alle wurden im Verlaute von einigen Wochen oder höchstens 2 3 Monaten so gebessert, dass sie wieder berufsfähig waren und ambulant weiter behandelt werden konnten. Nur ein junges Mädchen, das nebenbei sehr blutarm war, vertrug Salvarsan in keiner Form; sie musste lange lediglich mit Jod behandelt werden. 3 Fälle konnten noch nicht nachpunktiert werden, fühlen sich aber subjeJytiv gesund. Von den übrigen 18 Fällen wurde die WaR. im Liquor bei 13 negativ — 1,0. In 9 von diesen wurde auch die Zellzahl normal (5 oder weniger), bei den 4 übrigen blieben Zellzahlen von 11, 14, 32 und 40. Auch die Goldsolkurve wurde in 8 Fällen bedeutend verbessert, in 4 davAn völlig normal; immerhin erwies sie sich als viel schwerer beeinflussbar als die anderen Reaktionen. Von den 5 hinsichtlich des Liquors refraktären Fällen konnte nur einer ausreichend behandelt werden, während 3 weitere durch langes Fernbleiben gegen ärztlichen Rat eine verzettelte oder unvollständige Behandlung selbst verschuldeten; einer von diesen kam nach mehrwöchentlicher Pause mit einem Meningorezidiv wieder. Als 5. Fall müssen wir die salvarsanempfindliche Kranke hierher rechnen, Eine Hauptursache der günstigen Wirkung der endolumbalen handlung gerade bei allen Formen von Frühlues erblicken wir ( deren ganz allgemein höheren therapeutischen Beeinflussbarkcit gesehen) ganz entschieden in dem ersten Teil der Methode, nam der Unschädlichmachung und teilweisen Entfernung des kranken I.iqu Auch wir lassen in diesen Fällen oft zu Beginn der Behandlung wiet holt Liquor ab. besonders wenn Druckerhöhung besteht, und beseiti damit die subjektiven Beschwerden sehr rasch. Bezeichnendem rät Gennerich immer mehr dazu, bei der Behandlung für Druck' lastung zu sorgen und etwa 1U des Liquors nicht mehr ernzufüllen. UeS gens spricht er auch in vielen Fällen einer kombinierten endolumb.| und intravenösen Behandlung das Wort. . , So aussichtsreich uns also der Gedanke erscheint, die Lues des t tralnervensystems vom Lumbalsack aus direkt anzugreifen, wie Horsley 1910 zum erstenmal praktisch unternahm, so wenig ha wir trotz des ausserordentlich verdienstvollen Ausbaus der Met! durch Gennerich, den Augenblick heute für gekommen, sie in Praxis einzuführen. Dem steht die hohe Gefahr der Uebeidosierung schweren Schädigung des Zentralnervensystems nach. wie vor i schieden entgegen. Vielleicht setzt uns ein künftiges Präparat, das rl milder in seiner Toxizität und doch möglichst nachhaltig in der VV irk» sein müsste, in die Lage auf diesem Wege weiterzukommen. Im Irl esse unserer Kranken wäre es freilich günstiger, wenn der intravencl Therapie ein Mittel zufiele, das befähigt wäre, die Meningen leichter durchdringen. Auch hierzu sind Ansätze vorhanden. Abschliessend ergeben sich also für uijs als Nan teile der endolumbalen Salvarsantherapie: 1. Umständlichkeit und Schwierigkeit der Tel n i k f ti r d e n A r z t, . .. 2. Unbequemlichkeit und Kostspieligkeit für d Patienten 3. Gefahr schwerer Schädigung (infolge Uebr dosierung) bis zur Lebensbedrohung und schweremSiechtum; als Vorteile der intravenösen Behandlung dass sich die unter 1—3 genannten Nachteile v e r den 1 a s s e n u n d dass die heutige Einfachheit des jahrens gestattet, durch genügende Ausdauer i Intensität der Behandlung in weitaus den m e i s Fällen Dauererfolge zu erzielen. Aus der dermatologischen Universitätsklinik Münchenj (Vorstand: Prof. L. R. v. Zumbusch.) Die Fachausdrücke der modernen Vererbungslehr Von Hermann Werner Siemens, Die moderne Vererbungslehre bedient sich zahlreicher Fach) drücke, die für den Fernstehenden nicht ohne weiteres verständlich * und die daher Vielen das Eindringen in die von Jahr zu Jahr an) deutung wachsende Disziplin erschweren. Einem Wunsche der SciP leitung entsprechend habe ich deshalb eine Uebersicht über die I erbungsbiologische Terminologie zusammengestellt, die dem Arzt i rasche Orientierung über die häufigsten und wichtigsten vererbu? biologischen Ausdrücke’ ermöglichen soll. Eine ähnliche Ueber: wurde schon vor 15 Jahren in dieser Wochenschrift von Di) donne über die Fachausdrücke der Immunitätslehre verfasst und'' sich als ein Hilfsmittel für die Verbreitung immunbiologischer Kennt» bewährt. Allerdings bietet die Zusammenstellung gerade der vlj erbungsbiologische n Termini noch eine besondere Schwii keit infolge des Umstandes, dass vorläufig noch eine ganze Reihe < schiedener Terminologien nebeneinander gebraucht werden, ohne da bisher gelungen wäre, einer von ihnen zur alleinigen Anerkennun verhelfen. Es erscheint mir deshalb notwendig, dem alphabetischen' zeichnis der Fachausdrücke einige allgemeine Bemerkungen iibeif Namengebung in der modernen Vererbungslehre vorauszuschicken. Es braucht nicht erst gesagt zu werden, dass der wichtigste i zipielle Unterschied, den die Vererbungslehre machen muss, der 1 ; 4. Februar 1922. MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT 273 I ;hen erblichen und nichterblichen. Erscheinungen ist. Die älteren ver- bungsbiologischen Terminologien hatten nun sämtlich den Fehler, ass jede von ihnen nur einzelne Phasen der erblichen bzw. der nicht- blichen Phänomene benannte, so dass man häufig vor die Notwendig- i eit gestellt war, nebeneinander die Ausdrücke verschiedener Termino- igien zu benützen. Die Veränderungen der Erbmasse wurden z. B. „■wohnlich als Mutationen (B a u r) bezeichnet, für die Ursache dieser eränderungen existierte aber nur der Ausdruck Idiokines'e (L e n z), ;r die Gesamtheit der erblichen Anlagen nur das Wort Genot.vpus i'ohannsen). So mussten ganz nah verwandte Begriffe mit ganz srschiedenen Wortstämmen bezeichnet werden. Es bedarf keines Be- eises, dass eine solche „kombinierte“ Terminologie dem Ferner¬ ehenden den Einblick in die Vererbungslehre ausserordentlich er- hwerte. Ich habe deshalb geglaubt, dass es für die Lehre einen ortschritt bedeuten würde, wenn man eine Terminologie ausarbeitet, e in sich einheitlich ist und folglich mit einer Minderzahl von Wort- ämrnen auskommen kann1). Die Nebeneinanderstellung dieser Ter- inologie und der älteren Ausdrucks weisen in einer Tabelle (Tab. 1) bt, wie ich glaube, einen instruktiven Ueberblick über die vererbungs¬ ologischen Grundbegriffe und ihre Benennung; sie soll das Verständnis :r in der alphabetischen Uebersicht gegebenen Begriffserklärungen und or allem das Zurechtfinden unter den zahlreichen Synonyma ermög- ■hen. Tabelle 1. Erbsubstanz Keimplasma, Idloplasma Idioplasma Veränderung der Erbsubstanz Idiokinese Idiokinese Resultat dieser Veränderung Mutation Idio-Variatlon Gesamtheit der Erbanlagen Genotypus Idiotypus eitergabe der Erbanlagen an die näch¬ ste Generation Vererbung Idlophorie Erbanlage Faktor, Gen Id xänderung eines Lebewesens durch Aussenfaktoren - Parakinese Resultat dieser Veränderung Modifikation Para-Variation samtheit der durch Ausseneinflüsse bedingten Merkmale Kondition, reiner Phäno- typus, Konstellation Paratypus eitergabe der durch Ausseneinflüsse dingten Merkmale an die nächste Ge¬ neration Induktion. Nachwirkung einer Modifikation Paraphorie samtheit der realisierten (idiotypischen und paratypischen) Merkmale Soma, Phänotypus Phänotypus eichzeitige Abhängigkeit mehrerer •schiedener Merkmale von einer Erb¬ anlage Pleiotropismus Polyphänle hängigkeit eines Merkmals von ver¬ schiedenen Erbanlagen Polymerie Poly-idie*) ftreten einer Erbanlage bald ln Form ses, bald in Form jenes Merkmales Polymorphismus, Hetero¬ morphismus, Transformat., generelle Vererbung Heterophänle *) Id = Erbanlage Fiir die medizinische Vererbungslehre gibt es noch eine be- udere terminologische Schwierigkeit, die dadurch hervorgerufen wurde, ss eine Reihe von Konstitutionspathologen versucht haben, neue tchausdriicke für das Erbliche und das Nichterbliche einzuführen, ese Terminologien sind sehr verwirrend, da das Wort Konstitution manchen Terminologien Erbliches und Nichterbliches zusammen- sst, während das gleiche Wort in anderen Terminologien nur s Erbliche bezeichnet, und da die Fachausdrücke manchmal in ektem Widerspruch zum Sprachgebrauch stehen (die anomalen Kon- futionen z. B. sind klinische Syndrome, die durchaus nicht immer in idiotypisch bedingt sind, wie es die Terminologie Tandlers 11). Diese Terminologien halte ich aber auch deshalb für unglücklich, iil sie sich nicht bemühen, einen Anschluss an die Ausdrucksweisen r modernen Vererbungslehre zu finden, trotzdem doch der Fortschritt r Konstitutionspathologie an ein Zusammengehen mit der Vererbungs¬ ire gebunden erscheint. Ich habe deshalb seinerzeit vorgeschlageu, n Konstitutionsbegriff in seiner alten, allgemein angenommenen, sonders von M a r t i u s begründeten Fassung bestehen zu lassen, d, falls man scharfe verej-bungsbiologische Unterschiede machen will, 'rach die Adjektiva idiotypisch. phänotypisch und paratypisch davor setzen. Diese Ausdrucksweise würde sich dem bisherigen Sprach- brauche auf das vollkommenste anschmiegen und trotzdem die aller- härfste Präzisierung des vererbungstheoretischen Standpunktes ge¬ lten. den man im einzelnen Fall zum Ausdruck bringen will. Auch -r halte ich es für das Zweckmässigste, um das Zurechtfinden unter | ) Die Terminologie,, die 1917 im Arch. f. Rassen- und Gesellscluifts- 'logie publiziert wurde, ist unterdessen von einer Anzahl von Autoren, 'i. auch von B a p r, E. Fischer und Lenz akzeptiert worden. (Vgl. cli Siemens: Einführung in die allgemeine Konstitutions- und Vererbungs- i Urologie. J. Springer, Berlin 1921.) den zahlreichen Synonyma zu erleichtern, die in Betracht kommenden Fachausdrücke alle in einer Tabelle zusammenzustellen (Tab. 2). Tabelle 2. M a r t i u s Erbliche Körperver¬ fassung Körperverfassung Erworbene Körperver¬ fassung M a r 1 1 u s Erbliche Konstitution Konstitution Erworbene Konstitut. Tandler Konstitution — Kondition J. Bauer Konstitution Körperverfassung Kondition < Kahn Erbkonstitution — Konstellation *) Siemens Idlotypische Konstitut. (Phänotypische) Konsti¬ tution Paratypische Konsti¬ tution •) Tendeloo hingegen versteht unter Konstellation die Summe aller für eine bestimmte Wirkung erforderlichen Faktoren und die Beeinflussung dieser Faktoren untereinander. Alphabetische Uebersicht. Ahnentafel = Aszendenztafel. Ahnen vertust — Ahnenkonzentration — das mehrmalige Auftreten des gleichen Vorfahren in einer Ahnentafel. Der Almenverlust kommt durch Verwandtenehe zustande. Heiraten sich z. B. Geschwister¬ kinder, die ja ein Grosseiternpaar gemeinsam haben, so kommt in der Ahnentafel ihrer Nachkommen dieses Grosselternpaar zweimal vor. In der Reihe der 8 Ahnen haben deshalb diese Nachkommen nur 6 verschiedene Vorfahren (vgl. Aszendenztafel). Allelomorphe (Bateson) — Erbanlagenpaarlinge ; die beiden Partner eines Erbanlagenpaares (vgl. Erbanlagenpaar). alternative Vererbung - — Synonym für Mendel sehe Ver¬ erbung, gelegentlich auch für das Phänomen der Dominanz und Re- zessivität im Gegensatz zum sog.' intermediären Verhalten verwendet. Amphimixis — Kopulation — Befruchtung. Vereinigung der Ge¬ schlechtszellen (Gameten). Amphi mutation (Plate) — erblich bedingte Variation infolge von Amphimixis = Mixovariation. antagonistische Erbeinheiten = Allelomorphe. Aszendenztafel — Ahnentafel — A-Tafel. Tafelmässige Auf¬ zeichnung aller direkten Vorfahren einer Person, also ihrer 2 Eltern, ihrer 4 Grosseltern, ihrer 8 Urgrosseltern usf. Atavismus — Wiederauftreten stammesgeschichtlich älterer Merk¬ male. Beim echten Atavismus entstehen die Vorfahrencharaktere in der Regel durch Wiedervereinigung von Erbanlagenpaaren, die im Verlauf der stammesgeschichtlichen Entwicklung eine Trennung er¬ fahren hatten. aufspalten = mendeln. Auslese = Selektion. Auslese, 1 i t e r a r i s c h - k a s u i s t i s c h e (Weinberg). — Bei vererbungsbiologischer Bearbeitung von Einzelfälleu (z. B. aus der Literatur), erhält man mehr Kranke, als dem natürlichen Verhältnis der Kranken zu den Gesunden entspricht, weil 1. diejenigen Ge- schwisterschaften fehlen, welche zufällig gar kein krankes Kind ent¬ halten, trotzdem die Krankheitsanlage bei den Eltern vorhanden ist und folglich bei grösserer Kinderzahl auch kranke Kinder zu erwarten gewesen wären, und weil 2. Fälle mit zufällig besonders gehäuftem familiärem Auftreten eine grössere Aussicht haben, beachtet zu werden und zur Publikation zu gelangen. Diese Ursachen des Uebcr- wiegens der Kranken in kasuistischem Literaturmaterial bezeichnet man zusammenfassend als literarisch-kasuistische Auslese. autonome Erbanlagen — Erbanlagen, die nicht zu einem Erb¬ anlagenpaar gehören und die auch keine Koppelung zeigen, deren Zusammenbleiben bzw. Trennung bei der Bildung der Geschlechts¬ zellen infolgedessen rein vom Zufall, d. h. von den Gesetzen der Wahrscheinlichkeit abhängt. Autosomen — Autochremosomen — diejenigen Chromosomen, welche nicht Geschlechtschromosomen sind. Bastard — eigentlich ein Lebewesen, das aus der Kreuzung ver¬ schiedener systematischer Rassen hervorgegangen ist; im strengen vererbungsbiologischen Sinn aber jedes Individuum, das heterozygote Erbanlagenpaare besitzt. Biotypus — Erbstamm, Elementarrasse. Kleinste, erblich völlig ein¬ heitliche Gruppe von Lebewesen. B I a s t o p h t h o r i e (F o r e 1) — Keimschädigung. Naturwissenschaft¬ lich unbrauchbarer, weil mit einem moralischenWerturteil verquickter Begriff; deckt sich zu einem grossen Teil, wenn auch nicht völlig, mit dem Begriff der Idiokinese. Blastovariation (Plate) — blastogene Variation = Idio- variation. Chromomer — kleinstes austauschbares Teilchen eines Chromosoms. Chromosom — Kernstäbchen, Kernbändchen; leicht färbbare, ver¬ schieden geformte Körperchen im Zellkern; sie sind die wahrschein¬ lichen Träger der Erbanlagen und bilden daher vermutlich die stoff¬ liche Grundlage der Vererbung. crossin g-över (Morgan) = Faktorenaustausch. D a u e r.m o d i f i k a t i o n (J o 1 1 o s) — induzierte Modifikation (Reichenhach). Bezeichnung für besonders ausgesprochene Erscheinungen der Paraphorie bei Pflanzen und Protozoen'; Dauer¬ paravariation. MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT 274 Darwinismus — die Lehre, nach der die Stammesentwicklung der Lebewesen nicht durch eine transzendentale Zwecksetzung, sondern einfach mechanistisch, als folge von Idiokinese plus Selektion zu¬ stande kommt. Degeneration — Entartung; die Zunahme idiotypischcr Krank¬ heiten von Generation zu Generation. Degencrationsmerkmal — Entartungszeichen; unzweckmässige Bezeichnung für eine Reihe kleinerer Missbildungen, von denen man, oft mit Unrecht, angenommen hat, dass sie in fester Korrelation ständen zu einer allgemeinen körperlichen und besonders geistigen Minderwertigkeit (z. B. Naevi, abstehende Ohrmuscheln, Darwin¬ scher Höcker). Deszendenztafel — D-Tafel; tafelmässige Aufzeichnung sämt¬ licher Nachkommen einer bestimmten Person, des „Stammvaters“ bzw. der „Stammutter“. Determinante — Erbanteil; kleinster austauschbarer Teil einer Erbeinheit, oft als Synonym von Erbanlage (Id) gebraucht. L) i h y b r i d — von Bastardnatur in bezug auf zwei Erbanlagenpaare (vgl. Hybrid). Diploid — mit Chromosomen- bzw. Erbanlage paaren versehen. Diploide Zellen sind die befruchtete Eizelle und alle Zellen des aus ihr hervorgehenden Organismus, während die reife Geschlechtszelle nur halb so viel Chromosomen bzw. Erbanlagen, nämlich von jedem Paar nur einen Paarling besitzt (s. Reduktionsteilung), und daher als haploid (s. d.) bezeichnet wird. Disposition — die Wahrscheinücheit, mit der der augenblickliche Zustand eines Organismus beim Vorhandensein gewisser auslösender Faktoren das Auftreten einer ganz bestimmten Krankheit bedingt. Domestikation — der Zustand, in dem die Selektionsverhältnissc lebender Wesen eine Reihe von Generationen lang unmittelbar und willkürlich durch den Menschen beeinflusst werden, d o ui inant (Mendel) — überdeckend; nur anzuwenden, wenn eine Erbanlage ihren zum gleichen Anlagenpaar gehörigen Anlagenpaar¬ ling überdeckt (vgl. epistatisch). Die Dominanz spielt daher nur eine Rolle bei heterozygoten Individuen. Eine dominante Krankheits¬ anlage führt, wenn sie nur heterozygot vorhanden ist, in gleicher (oder fast gleicher) Weise zur Manifestation der Krankheit, als wenn sie in beiden Anlagepaarlingen (also homozygot) vorhanden wäre; heterozygot Kranke und homozygot Kranke sind also bei dominanten Leiden äusserlich nicht zu unterscheiden. Gegensatz: rezessiv. Dominanz (Mendel) — Ueberdecken. Das Verhalten dominanter Erbanlagen. Die Dominanz kann unvollständig sein (vgl. (intermediäres Verhalten) oder unregelmässig, d. h. sie ist bei manchen Individuen vorhanden, bei anderen nicht vorhanden, oder sie ist bei manchen Individuen vollständig, bei anderen un¬ vollständig. E 1 e k t i o n — elektive Selektion — positive Auslese, Auswahl. Aus¬ breitung bestimmter erblicher Formen infolge überdurchschnittlicher Fruchtbarkeit. Elimination — eliminatorische Selektion — negative Auslese, Aus¬ merze. Verminderung und Aussterben bestimmter Erbstämme in¬ folge unterdurchschnittlicher Fruchtbarkeit. Entartung = Degeneration. E p i s t a s e — Ueberdecken. Das Verhalten epistatischer Erbanlagen, epi statisch — überdeckend; nur anzuwenden, wenn eine Erb¬ anlage eine andere überdeckt, die nicht zum gleichen Erbanlagcnpaar gehört (vgl. dominant). Eine Erbanlage kann daher sowohl im heterozygoten wie im homozygoten Zustand epistatisch sein. d. h. eine andere, zu einem anderen Erbanlagenpaar gehörige Anlage an ihrer Manifestation hindern. Beispiel: Mäuse, die ein Erbanlagen- paar für schwarze und eines für gelbe Farbe besitzen, lassen von gelb nichts konstatieren, da diese Eigenschaft durch die epistatische Schwarzanlage überdeckt wird. Gegensatz: hypostatisch. Erbanlagenpaar — die Grundlage jedes erblichen Merkmals (und folglich auch jeder erblichen Krankheit) ist nach den Mendel sehen Vorstellungen nicht eine Erbanlage, sondern ein Erbanlagen d a a r. Von beiden Paarlingen geht stets nur einer in je eine Geschlechts¬ zelle (der andere wird bei der sog. Reifungsteilung ausgestossen), so dass also jede Erbanlage bei jeder Zeugung die Wahrscheinlich¬ keit Vi hat, auf den Nachkommen übertragen zu werden. Dies ist die Grundidee des Mendel sehen Gesetzes (vgl. diploid). Erbfaktor = Erbanlage. Erbformel ■ — Aufzeichnung der festgestellten Erbanlagen mit Hilfe eines für den einzelnen Fall zurechtgelegten Buchstabensystems, etwa nach Art der chemischen Konstitutionsformeln. Erbplasma = Idioplasma. Erb stamm = Biotypus. erworben — wird von medizinischen Autoren oft als Synonym von nichterblich (paratypisch) gebraucht. Sehr pn zweckmässiger Aus¬ druck, da viele Leiden, die erst in höherem Alter auftreten. die also während des Lebens „erworben“ werden, ausgesprochen erblich sind (z. B. erblicher Altersstar, Myopie, Dementia praecox). Faktor (Erbfaktor) = Erbanlage. Faktoren austau sch — Crossing over; der Mechanismus, auf dem die Koppelung beruht. field-worker — Hilfsarbeiter bzw. Hilfsarbeiterin bei der Durch¬ forschung vererbungswissenschaftlich interessanter Familien. Fluktuation (Darwin, de V r i e s) — gewöhnlich im Sinne von Paravariation gebraucht. Fortpflanzungshygiene — die Lehre von den optimalen Be- Nr. dingungen der Zeugung: ein kleines, praktisch unwesentliches Tei'j gebiet der Rassenhygiene. I Gameten — Geschlechtszellen; sie enthalten die durch die Redu! tionsteilung halbierten elterlichen Erbsubstanzen, d. h. von jede Erbanlagenpaar je einen Paarling. Gen (Johannsen) — Erbanlage (Id). generelle Vererbung (Rüdin) = verschiedenmerkmalip (heterophäne) Vererbung. Genotypus (johannsen) — Idiotypus. geschlechtsabhängige Vererbung — zusammenfassem Bezeichnung für die geschlechtsbegrenzte und die geschlecht gebundene Vererbung. geschlechtsbegrenzte Vererbung — sex-limited heredi (Morgan) — ein geschlechtsabhängiger Vererbungstypus, bei de die betreffende Erbanlage zwar nicht in den Geschlechtschromosom< lokalisiert, aber in ihrer Manifestation von ihnen abhängig ist. E geschlechtsbegrenzten Erbanlagen sind (wie gewöhnliche dominan und rezessive Erbanlagen) in gleicher Zahl über beide Geschlecht verteilt, kommen aber ausschliesslich (totale Geschlechtsbegrenzun oder vorwiegend (partielle Geschlechtsbegrenzung) nur bei eint Geschlecht zur Entfaltung. Geschlechts Bestimmung — der Vorgang, der darüber er scheidet, ob männliches oder weibliches Geschlecht entsteht. Be Menschen und bei den höheren Tieren ist die Geschlechtsbestimmu davon abhängig, ob die Geschlechtschromosome in paariger Jot in unpaariger Ausfertigung vorhanden sind (vgl. Geschlechtschroir some). Geschlechtschromosome — die Chromosome. in denen t Erbanlagen lokalisiert sind, welche (wenigstens bei allen höher Tieren) über das Geschlecht entscheiden. Beim Menschen (und 1 den Säugern) kommt es dann zur Ausbildung weiblichen (1 schlechts, wenn die Geschlechtschromosome als Erbanlagen p a a I vorhanden sind; sind sie unpaarig vorhanden (was bei den übrig' Chromosomen niemals vorkommt; vgl. Erbanlagenpaare), so ei stehen männliche Individuen. geschlechtsgebundene Vererbung — sex-linked hered'j (M organ) — ein Vererb ungstypus. der dann beobachtet wird, we die betreffende Erbanlage in den Geschlechtschromosomen' lokalisi ist. Da die Geschlechtschromosome beim Weibe doppelt (paari beim Mann nur einfach vorhanden sind, sind auch die geschlech gebundenen Erbanlagen nicht gleichmässig über beide Geschlech verteilt, sondern werden bei Weibern häufiger angetroffen. E sprechend finden sich auch die dominant-geschlechtsgebundeiu Krankheiten häufiger bei Weibern als bei Männern; bei den rezessl geschlechtsgebundenen Krankheiten ist es jedoch umgekehrt, i die geschlechtsgebundenen rezessiven Erbanlagen beim Manne, | dem sie unpaarig sind (vgl. Geschlechtschromosome). stets zur ma|. festen Krankheit führen, während sie beim Weibe, bei dem sie stl als Erbanlagen paare auftreten, durch ihren gesunden Anlagepaarl* überdeckt, d. h. also an der Manifestation gehindert werden. Trofc dem die rezessiv-geschlechtsgebundenen Erbanlagen beim Wef häufiger sind, werden deshalb die rezessiv-geschlechtsgebundeijl Krankheiten, besonders wenn sie allgemein selten sind, i ausschliesslich bei Männern angetroffen. jedoch durch (äusser! gesunde) Weiber auf ihre Söhne übertragen (früher sog. Hornel sehe Regel). Beispiele: Rotgrünblindheit, wahrscheinlich auch Här!- philie. _ ■/ySI Geschwistermethode (W e i n b e r g) — eine statistische A|- thode zum Nachweis der Mendel sehen Proportionen; der F> bandenmefhode (s. d.) nahe verwandt. Gesetz der konstanten Zusammensetzung einer PI pulation (Baur) — ein Gesetz, welches besagt, dass in ei: Population, auf die keinerlei Selektion einwirkt (was freilich pri tisch nie vorkommt), das Zahlenverhältnis der verschiedenen t liehen Formen zueinander immer konstant bleibt, gynephore Vererbung (Plate) — älterer unklarer Ausdrr; dessen Begriff im grossen ganzen mit dem Begriff der geschleclf gebundenen Vererbung zusammenfällt, haploid — mit einer Chromosomen- bzw. Erbanlagengarnitur vf sehen, die von jedem Erbanlagenpaar nur eine n Paarling besiji Gegensatz: diploid. Haploid sind die reifen Geschlechtszellen: 1 entwickeln sich durch die Reduktionsteilung, welche die Erbanlaß) paare trennt, aus den diploiden Ursamen- bzw. Ureizellen und \r schmelzen sich durch die Amphimixis wieder zu der diploiden Zygl (d. i. die befruchtete Eizelle). . ry Heterochrom osome — die durch Grösse, Form und Färbbar’^ von den übrigen Chromosomen unterscheidbaren Geschlecl chromosome. Heterogametie — Synonym für Hcterozygotie. heterophäne Vererbung (Siemens) — verschiedemw) malige Vererbung — ein Vererbungstypus, bei dem eine Erbanlf (je nach den gerade wirkenden Aussenfaktoren und den gerade handenen übrigen Erbanlagen) bald diese, bald jene phänotypis Ausprägung erlangen kann. heterozygot — verschiedenanlagig. Der Ausdruck besagt, dass ' beiden Paarlinge eines Erbanlagenpaares untereinander verschie sind. £ Heterozygotie — Verschiedenanlagigkeit. Bastardnatur. Der 1 stand eines Lebewesens mit heterozygoten Erbanlagepaaren. Homogametie — Synonym für Homozygotie. Februar 1922. MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT. 275 mologe Erbeinheiten — Erbanlagen, die zu einem Anlagen¬ paar gehören (vgl. Allelomorpbe). momerie — gleichsinnige oder homologe Polyidic; die Abhängig¬ keit eines Merkmals von mehreren, zu verschiedenen Anlagepaaren gehörenden Erbanlagen, die eine gleiche oder ähnliche Wirkung haben und sich infolgedessen in ihrer Wirkung gegenseitig ver¬ stärken; ein Spezialfall der Polyidie (vgl. polyide Vererbung). Bei¬ spiel: die schwarze Hautfarbe des Negers, die höchstwahrscheinlich durch mehrere, gleichsinnig wirkende und daher sich gegenseitig ver¬ stärkende Pigmentanlagepaare bedingt wird. Diese komplizierte erbliche Bedingtheit ist daran schuld, dass nach Kreuzung von Negern mit Weissen in der Enkelgeneration nicht wieder rein weisshäutige Individuen herausmendeln. mozygot — gleichanlagig. Gegensatz von heterozygot; besagt, dass die Paarlinge eines bestimmten Erbanlagenpaares sich unter¬ einander gleichen. mozygotie — Gleichanlagigkeit. Der Zustand eines Lebe¬ wesens mit homozygoten Erbanlagepaaren. Lebewesen, die in sämtlichen Erbanlagen gleichzeitig homozygot sind, kommen bei höheren Organismen praktisch nicht vor. ■ rnersche R eg e 1, s. geschlechtsgebundene Vererbung. brid — deckt sich zum grossen Teil mit heterozygot; vgl. auch Bastard. postase — Ueberdeckbarkeit, Ueberdecktheit, Latenz; das Ver¬ halten hypostatischer Erbanlagen. postatisch — überdeckbar, überdeckt; nur anzu wenden, wenn eine Erbanlage von einer anderen überdeckt wird, die nicht zum gleichen Erbanlagenpaar gehört (vgl. rezessiv). Gegensatz: epi¬ statisch. — Erbanlage. Synonyma: Faktor, Gen. i o k i n e s e (Lenz) — Erbänderung; zusammenfassende Bezeich¬ nung für die transitiven Ursachen des Auftretens neuer Idiovaria- tionen (s. d.). okinetische Faktoren (Lenz) — erbändernde Faktoren; Einflüsse der Umwelt, welche das Auftreten neuer Erbanlagen (Idio- variationen) verursachen. iophoric (Siemens) — Vererbung im strengsten Sinne des Wortes; der Vorgang, welcher das Vorhandensein gleicher Erb¬ anlagen (Ide) bei Vorfahren und Nachkommen bewirkt, ioplasma (v. Naegeli) — Erbplasma, Erbsubstanz; hat vor dem unzweckmässigen synonymen Wort „Keimplasma“ die Priorität voraus. otypisch (Siemens) — erbbildlich, anlagenbildlich; das. was durch die Erbanlagen bedingt ist. iotypus (Siemens) — Erbbild, Anlagenbild. Gesamtheit der Erbanlagen. iovariation [abgekürzt; Idation] (Siemens) — Erb Varia¬ tion, Erbabweichung; das Resultat der Idiokinese. duktion — unklarer Ausdruck, zum Teil identisch mit Paraphorie, zum andern Teil mit dem Phantom der sog. Vererbung erworbener Eigenschaften. termediäres Verhalten — unvollständige Dominanz. Das Verhalten einer Erbanlage, die bei heterozygotem Vorhandensein ihren andersartigen Anlagepaariing weder überdeckt, noch sich von ihm überdecken lässt, sondern mit ihm zusammen ein Merkmal her¬ vorbringt, das etwa in der Mitte steht zwischen den Merkmalen, die den beiden ungleichartigen Anlagepaarlingen eigentlich ent¬ sprechen würden. Beispiel: trifft bei der Wunderblume eine Anlage zu roter Blütenfarbe mit einer Anlage zu weisser Blütenfarbe im gleichen Anlagenpaar zusammen, so resultiert weder eine rote (dann wäre rot dominant), noch eine weisse (dann wäre weiss dominant), sondlern eine rosa Blütenfarbe. Die intermediäre Erb¬ anlage macht sich also bei heterozygotem Vorhandensein zwar bemerkbar, aber doch weniger stark als bei Homozygotie. zest — extreme Form der Verwandtschaftszucht, engste Inzucht zucht — Fortpflanzung durch Zeugungen unter Verwandten. 1 implas ma (Weis mann) — wenig glücklicher Ausdruck für Idioplasma. on (Shull) — die durch ausschliesslich ungeschlechtliche Ver¬ mehrung aus einem Individuum erzielte Nachkommenschaft: der Klon ist gleichsam die reine Linie (s. d.) bei solchen Organismen, die sich durch Selbstbefruchtung nicht fortflanzen lassen, imbination (Baur) — Kombinationsvariation = Mixovariation. ) n d i t i o n (Tandler) — nicht ganz klarer Begriff, im wesentlichen zusam menfallend mit dem Begriff des Paratypus. »nduktoren — Ueberträger; Individuen, welche Erbanlagen, die sich bei ihnen selbst nicht äussern, auf ihre Nachkommen übertragen. Mistellation — nach Kahn ein Synonym für Kondition, nach Ten de 1 oo die Summe aller für die Entstehung eines Merkmals erforderlichen Faktoren und die Beeinflussung dieser Faktoren unter¬ einander. Institution — Körperverfassung ; nach Tandler ein Begriff, der sich grösstenteils, aber nicht völlig mit dem Begriff des Idio- typus deckt, dem sonstigen Sprachgebrauch nach ein Symptomcn- komplex, der dem Arzte prognostische Schlüsse gestattet, aber selbst noch nicht als Krankheit aufgefasst werden kann, da er keine un¬ mittelbare Erhaltungsgefährdung bewirkt. >ntinuität des Idioplasmas — die Lehre Weis man ms, nach der der Leib des Individuums nicht aus sich heraus eine neue Erbsubstanz (Idioplasma) bildet, sondern nach der die Erbsubstanz eines Individuums ein unmittelbarer Abkömmling der Erbsubstanzen der Eltern ist, so dass das entwickelte Individuum gleichsam nur ein Organ zur vorübergehenden Beherbergung und Ernährung der Erbmasse darstellt. Kontraselektion (P 1 o e t z) — Gegenauslese, widernatürliche Auslese; Vermehrung der erblichen Formen, die auf die Dauer sich doch nicht erhalten können, bzw. Verminderung und Aussterben der auf die Dauer besonders erhaltungsgemässen Erbstämme. Koppelung — die Erscheinung, dass Erbanlagen, die nicht zu einem Paar gehören und die folglich unabhängig voneinander vererben sollten (vgl. Mendel sehe Regeln), die Neigung haben, in auf¬ einanderfolgenden Generationen häufiger vereinigt zu bleiben, als der Wahrscheinlichkeit nach zu erwarten wäre, d. h. also häufiger als in 50 Proz. der Fälle. Krankheit — ein Leben an den Grenzen der Anpassungsmöglich¬ keit (Len z). Lamarckismus — die Lehre, welche die Stammesentwicklung der Lebewesendurch die phantastische Annahme einer unbegrenztenFähig- keit zu zweckmässigen Reaktionen auf alle Umwelteinflüsse zu erklären versucht. Eine wichtige (und unhaltbare) Voraussetzung dieser Lehre bildet die sog. Vererbung erworbener Eigenschaften. m e n d e 1 n — ein Merkmal „mendelt“. wenn es sich entsprechend dem Mendel sehen Gesetz vererbt. Mendelsche Vererbung — Vererbung entsprechend dem Mendel sehen Gesetz. Soweit wir bis jetzt unterrichtet sind, ist alle. echte Vererbung Mendelsche Vererbung. Mendelsches Gesetz — jede Erbanlage hat bei jeder Zeugung die Wahrscheinlichkeit 'A, auf das Kind überzugehen. Das Gesetz folgt aus der Tatsache, dass die Vererbung auf Erbanlagepaaren beruht, deren Paarlinge sich bei der Bildung der reifen Geschlechtszellen regelmässig trennen (vgl. Erbanlagenpaare). Mendelsche Regeln — die von Mendel 1865 entdeckten Re¬ geln, aus denen sich das Mendel sehe Gesetz ableiten lässt. 1. U n i f o r m i t ä t s r e g e 1: die Individuen der ersten, aus der Kreuzung reiner Rassen hervorgegangenen Nachkommengeneration sind untereinander gleich. 2. Spaltungsregel: bei den Indi¬ viduen der zweiten Nachkommengeneration einer solchen Kreu¬ zung kommen die Merkmale beider Grosseltern (und zwar in einem ganz bestimmten Zahlen Verhältnis) wieder zum Vorschein. 3. Un¬ abhängigkeitsregel: Unterscheiden sich die zur Kreuzung kommenden Individuen in mehr als einem Erbanlagenpaar, so ver¬ halten sich die einzelnen Erbanlagenpaare mit Bezug auf die Spal¬ tungserscheinungen unabhängig voneinander. Ausnahmen von dieser Regel kommen durch die Koppelung zustande. Mendelsche Proportionen — Mendel sehe Zahlenverhält¬ nisse. Das Verhältnis der behafteten zu den nichtbehafteten Indi¬ viduen, das sich auf Grund der Men de Ischen Vererbung für die Nachkommen eines bezüglich seiner Erbanlagen bekannten Eltern¬ paares berechnen lässt. Mixovariation (Baur) [abgekürzt : M i x a t i o n] — Variation, die durch das Zusammenspiel, durch eine bestimmte Mischung der Erb¬ anlagen bedingt ist. Modifikation (Baur) = Paravariation. Modifikation, induzierte (Reichenbach) = Dauermodi¬ fikation. Modifikationsfaktoren — Erbanlagen, die andere, nicht zum gleichen Anlagenpaar gehörende Anlagen in ihrer Entfaltung be¬ einflussen. m o n o h y b r i d — von Bastardnatur in bezug auf ein Erbanlagenpaar (vgl. hybrid). m o n o i d — von einer Erbanlage (Id) abhängig. Mutation (d e V r i e s. Baur) = Idiovariation. Nachwirkung einer Modifikation (Baur) = Paraphorie. Parakinese (Siemens) — Nebenänderung; Bezeichnung für die Ursachen der Aenderung eines Lebewesens in nichterblicher Weise. Das Resultat der Parakinese ist die Paravariation. parakinetische Faktoren (Siemens) — nebenändernde Fak¬ toren; Einflüsse der Umwelt, welche das Auftreten von nichterblichen Merkmalen (Paravariationen) verursachen. Paraphorie (Siemens) — Nachwirkung von Paravariationen auf die nächsten Generationen. paratypisch (Siemens) — nebenbildlich; nicht durch die Erb¬ anlagen, sondern durch Umwelteinflüsse bedingt, nichterblich. Paratypus (Siemens) — Nebenbild: Gesamtheit der nichterb- lichen Merkmale eines Lebewesens. Para Variation [abgekürzt : P a r a t i o nl (Siemens) — Neben¬ variation, Nebenabweichung; Abweichung, die nicht durch die Erb¬ anlagen, sondern durch Umweltfaktoren bedingt ist. peristatische Faktoren (Fischer) — die Gesamtheit der Um¬ weltfaktoren, also idiokinetische plus parakinetische Faktoren. phänotypisch (Johannsen) — zum Phänotypus gehörig; „rein phänotypisch“ ist ein Synonym für paratypisch. Phänotypus (Johannsen) — Erscheinungsbild, Merkmalsbild ; Gesamtheit der am Individuum realisierten erblichen (idiotypischen) und nichterblichen (paratypischen) Merkmale. pleiotrope Vererbung (Plate) — vielmerkmalige Vererbung (vgl. polyphäne Vererbung). polygene Vererbung — vielanlagige Vererbung (vgl. polyide Vererbung). 5 276 MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT. Nr. polyhybrid — von Bastardnatur in bezug auf viele Erbanlagen¬ paare (vgl. hybrid). polyide Vererbung (Siemens) — vielanlagige Vererbung; sie liegt dann vor. wenn ein Merkmal von mehreren oder vielen Erb¬ anlagepaaren zugleich in höherem Grade abhängig ist. Polymerie — meist als Synonym von Homomerie gebraucht, ge¬ legentlich aber auch als Synonym von Polyidie (Vielanlagigkeit) (vgl. polyide Vererbung). polymorphe Vererbung — verschiedenmerkmalige Vererbung (vgl. heterophäne Vererbung). polyphäne Vererbung (Siemens) — vielmerkmalige Ver¬ erbung; eine Erscheinung, die dann gegeben ist. wenn eine Erb¬ anlage mehrere oder viele phänotypische Merkmale gleichzeitig be¬ dingt. Population (Johannsen) — Bestand (von Tieren oder Pflanzen). Bevölkerung, Zeugungskreis; Gemenge verschiedener Erbstämme. P r ä i n d u k t i o n — ein nur noch selten gebrauchter Begriff, der zum Teil mit dem Begriff der Paraphorie zusammenfällt. Proband — Ausgangsperson; die Person, von der man bei Erfor¬ schung eines Verwandtenkreises ausgegangen ist. Probanden metho de (W e i n b e r g) — eine statistische Methode, mit deren Hilfe sich aus der Zahl der kranken und der gesunden Ge¬ schwister von Individuen, die mit einem bestimmten erblichen Lei¬ den behaftet sind, die wahre Mendel sehe Proportion (s. d.) bei diesem Leiden berechnen lässt. Findet besonders Verwendung zum Nachweise rezessiven Erbgangs. Rasse — das Wort hat zwei Bedeutungen: 1. Systemrasse: naturwissenschaftlich-systematische Unterabteilung der Art. 2. V i - talVasse (Ploetz): die überindividuelle Einheit dauernden Le¬ bens, die durch einen miteinander in Zeugungsgemeinschaft leben¬ den Kreis ähnlicher Individuen repräsentiert wird; der dauernd fort¬ lebende Volkskörper. Rassenhygiene (Ploetz) — die Lehre von den Bedingungen der Erhaltung und der bestmöglichen Entwicklung der Rasse. Man unterscheidet eine elimin atorische, geburtenhem¬ mende Rassenhygiene (Siemens), weniger zweckmässig als negative oder englisch-amerikanische Rassenhygiene bezeichnet, von einer elektiven, geburtenfördernden Rassen¬ hygiene (Siemens), die gewöhnlich positive oder deutsche Rassenhygiene genannt wird. Die eliminatorische Rassenhygiene sucht ihr Ziel durch möglichste Hemmung der Fortpflanzung der Kranken und Minderwertigen zu erreichen, die elektive durch mög¬ lichste Förderung der Fruchtbarkeit der Gesunden und Leistungs¬ fähigen. Reduktionsteilung — eine Zellteilung bei der Geschlechtszellen- biidung, durch die aus der diploiden, unreifen Geschlechtszelle die haploide, reife Geschlechtszelle wird. Bei dieser Teilung werden ... die Chromosomen halbiert, d. h. die Paarlinge der Chromosomen- bzw. Erbanlagenpaare trennen sich für dauernd voneinander; auf ihr beruht deshalb das Grundprinzip des Mendel sehen Gesetzes, nach dem jede Erbanlage nur die Wahrscheinlichkeit hat, in eine reife Geschlechtszelle hineinzugelangen. Reifungsteilungen der Geschlechtszellen — die beiden rasch hintereinander folgenden Zellteilungen, durch welche die reifen Ge¬ schlechtszellen entstehen; die letzte der beiden Teilungen wird als Reduktionsteilung bezeichnet. reine Linie (Johannsen) — die durch dauernde ausschliessliche Selbstbefruchtung eines Lebewesens erzielte Nachkommenschaft. Die Individuen einer reinen Linie stimmen sämtlich idiotypisch mit¬ einander vollkommen überein, gehören also sämtlich zum gleichen Erbstamm (vgl Klon). rezessiv (Mendel) — überdeckbar, überdeckt; nur anzuwenden, wenn eine Erbanlage von dem zum gleichen Anlagenpaar gehörenden Partner überdeckt wird (vgl. dagegen hypostatisch). Rezessive Erb¬ anlagen können sich daher im heterozygoten Zustand nicht mani¬ festieren. Gegensatz: dominant. Rezessivität (Mendel) — Ueberdeckbarkeit, Ueberdecktheit, La¬ tenz; das Verhalten rezessiver Erbanlagen. Selektion — Auslese; Vermehrung bzw. Verminderung bestimmter erblicher Formen durch besonders grosse (Elektion), bzw. besonders geringe (Elimination) Fruchtbarkeit derselben. Sippschaftstafel — methodische Kombination der Aszendenz- mit der Deszendenztafel; praktisch im allgemeinen nicht brauchbar. Soma (Weis mann) — Körper, als Gegensatz zur Erbmasse (Idio- plasma). Somation (Plate) — eine Variation, die sich dem Begriffe nach im wesentlichen mit der Paravariation deckt. Stammbaum — ein nach namensrechtlichem Gesichtspunkt her¬ gestellter Ausschnitt aus der Deszendenztafel (s. d.). Synapsis — gewöhnlich als Synonym von Syndese gebraucht. S y n d e s e — die bei den Reifungsteilungen der Geschlechtszellen er¬ folgende .paarweise Zusammenlegung der Chromosome; während der Syndese erfolgt wahrscheinlich der Mendel sehe Austausch der Erbanlagen. transformierende Vererbung — verschiedenmerkmalige Ver¬ erbung (vgl. heterophäne Vererbung). Variation — Abweichung; Abweichen eines Individuums von einem anderen oder von der Gruppe, zu der es gehört. Vererbung— vgl. Idiophorie. Verwandtschaftstafel — V-Tafel — jede Form tafelmässir genealogischer Aufzeichnung, insonderheit die Vereinigung von }\ zendenz- und Deszendenztafel. x-Chromosom — Geschlechtschromosom. y-Chromosom — die Geschlechtschromosome der höheren Tii sind bei einem Geschlecht paarig, beim anderen unpaarig vorhant (vgl. Geschlechtschromosome). Bei vielen Tieren trifft man alp bei dem Geschlecht, bei dem man eigentlich das unpaare Ck schlechtschromosom erwarten sollte, doch einen, wenn auch kleiner Paarling an; dieser Paarling des x-Chromosoms wird als y-Chron som bezeichnet. Zygote — die befruchtete Eizelle, die Ausgangszeile eines neu Lebewesens, die durch Vereinigung der beiden Gameten (der 1 und Samenzelle), d. h. also durch die Vereinigung der beiden h bierten elterlichen Erbmassen entstanden ist. Zu Adolf Kussmauls 100. Geburtstage (am 22. Februar 1922.) Von Prof. Dr. W. Fl einer in Heidelberg. Der Name Adolf Kussmaul gehört der Geschichte an, als c eines der grössten Aerzte und berühmtesten Kliniker aller Zeiten. Dem a den Zeiten der Not emporstrebenden Mediziner kann er ein Symbol sc für die Bedeutung des Spruches: „Freie Bahn dem Tüchtigen“, de im Altdeutschen heisst Kusso der Gute oder Tüchtige und Mulo d Mutige und Mut gehört dazu, sich selbst eine Bahn zu brechen, wo ni eine solche nicht schon vorgezeichnet findet. Die medizinischen Träg des Namens K u s s m a u 1 sind vorbildlich in dieser Beziehung. Die ärztliche Begabung stammt vom Grossvater und hat sich v Generation zu Generation potenziert. Er war Chirurgus, d. i. Wundar in Soellingen bei Durlach, hat aber wohl die ganze ärztliche Praxis i Dorfe besorgt, denn studierte Aerzte wurden aus der Stadt nur i äussersten Notfall zu Hilfe gerufen. Er starb schon im 40. Lebensjah und hinterliess die Witwe mit 4 Kindern in ärmlichen Verhältnisse Sein ältester, am 23. Dezember 1790 geborene Sohn hat sich vom arm' Bauernjungen, der seiner Mutter wacker mithalf, die vaterlose Fami tapfer durchs Leben zu schlagen, zum tüchtigen Arzte emporgearbeit und sein Enkel, dessen Manen diese Zeilen gelten, vom einfachen Lan arzt zum berühmten Kliniker. Lehrer und Erzieher mehrerer Gener tionen von Aerzten. In den prächtigen „Jugenderinnerungen eines alten Arztes“ schildc A. Kuss maul den erstaunlichen Werdegang seines Vaters, und < klingt es fast märchenhaft, wie der gutmütige Soellinger Pfarrer z fällig bei dem eben der Volksschule entwachsenen, auf der Weide d Kühe hütenden Knaben einen so ungewöhnlichen Trieb zum Lernen ui ein so vorzügliches Gedächtnis entdeckte, dass er sich seiner annahi ihm lateinischen Unterricht erteilte und Lehrbücher schenkte. Da der Knabe aber Wundarzt werden wollte, wie sein Vater ein war, so vermochte der Soellinger Pfarrer auch seinen Freund, den Amt chirurgus in Durlach dazu, jenen in der Knochenlehre und in den A: fangsgründen der Anatomie, auch in der Verbandlehre und Wundbehan lung zu unterweisen. Nach Beendigung seiner chirurgischen Ausbildung auf der von Jo Pet. Frank begründeten Schule für Hebammen und Wundärzte Bruchsal legte der Vater Kussmaul 1814 das Staatsexamen Karlsruhe ab und wurde dann Militärwundarzt bei den badisch« Truppen in den Befreiungskriegen. Als solcher machte er die Belag' rung von Kehl und Strassburg mit und kam bis nach Lothringen, wo ii der Typhus befiel. Wieder genesen, erwarb er sich durch seine chiru gische Praxis die Mittel, sich in Privatstunden die Kenntnisse z: gymnasialen Reifeprüfung zu verschaffen und auf den Universität« Heidelberg und Würzburg Medizin zu studieren. Im Herbst 1820 leg er in Karlsruhe das Staatsexamen für innere Medizin ab und trat dar als „Arzt, Wundarzt und Hebarzt“ in den badischen Staatsdiens Unter dem Titel eines Grossherzoglichen Stabsarztes erhielt er d erste Anstellung als Assistenzarzt beim Landamte Karlsruhe in Grabe bei Bruchsal; aber schon 1823 kam die Versetzung als Amtschirurgi nach Emendingen im Breisgau, 1829 diejenige als Physikus nach Bo; berg im Taubergiund und zuletzt 1834 diejenige nach Wiesloch b Heidelberg. Adolf Kussmaul kam am 22. II. 1822 in Graben zur We Die Erziehung und den Unterricht seines Erstgeborenen nahm d. Vater zunächst selbst in die Hand. In Boxberg sollte der kleine Add die Volksschule besuchen. Der einzige Schulmeister des Ortes, e' alter Reitersmann, der die Napoleonischen Kriege mitgemacht hatt; war aber ein kenntnisarmer, gemütsroher Mensch. Als der Vater dit| erkannt hatte, nahm er sein hochbegabtes, empfängliches Kind nach kurz« Zeit wieder aus der Volksschule und unterrichtete dasselbe, wie vorht schon in Emmendingen, daheim und unterwegs auf der Praxis. Mehr als der Unterricht in den üblichen Schulfächern interessier! den Knaben der naturwissenschaftliche Anschauungsunterricht in Gott«! freier Natur: er lernte schauen und die Schönheit der Erde und1 ihre Geschöpfe bewundern und erkennen. Die „Scientia amabilis“, wie si: der Vater ihn durch Sammeln, Bestimmen und geordnetes Einlege der Pflanzen in das Herbarium lehrte, schärfte schon das Auge de Knaben für künftige, ärztliche Diagnosen — die Freude an den Kinder Floras ist ihm zeitlebens geblieben. Februar 1922. MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT. 277 Als die Regelmässigkeit des Unterrichts mit der Zunahme der Praxis 1 der Amtsgeschäfte des Vaters zu leiden anfing, erbot sich der rrer von Schweigern aus Dankbarkeit auszuhelfen. Mit dem Schul- zchen auf dem Rücken trollte sich der kleine Adolf des Morgens gniigt fünfmal in der Woche vom Boxberger Doktorhause nach dem rrhause in Schweigern und anfangs ging die Sache ganz gut, denn Weg war nicht lang, kaum eine halbe Stunde. Aber von Woche Woche dehnte er sich bis schliesslich die Ankunft in Schweigern gegen Mittag und die Heimkehr in Boxberg erst gegen Abend er¬ de. „Die Landstrasse liess mich nicht los, das ganze Naturreich schwor sich, mich unterwegs festzuhalten und wunderschöne Herbst- e spendeten ihren Segen dazu!“ So wurde dann das ungebundene Leben auf der Landstrasse ab¬ rochen und der neunjährige Knabe aus dem Elternhause in Box- g in das einige Stunden entfernt gelegene Pfarrhaus in Buch am m verbracht. Die Pfarrersleute hatten keine Kinder und behandelten n Zögling wie ihr eigenes. Einen besseren Erzieher, als den gen und nie verdrossenen Landpfarrer hätte er nicht haben können. Unterricht war anregend und förderlich und die gemeinsamen Spa¬ gänge ebenso unterhaltend als nützlich. Dazu gab es im Pfarrhause - gute Bibliothek, die den jungen Zögling zeitweilig zu einer fast ihrlichen Lesewut anregte. Nie war das1 Leben in dem welt- eschiedenen Dörfchen einförmig und langweilig: es brachte dem dkind die Kenntnisse einer Menge von nützlichen Dingen, die dem itkinde häufig zeitlebens bis zur Lächerlichkeit fremd bleiben. Nach zwei eilend dahingegangenen Jahren war die Zeit zur gym- ialen Weiterbildung gekommen. Ungern schied der junge Kuss¬ ul aus dem idyllischen Pfarrhaus, aus dem ihm durch Gewöhnung geregelte Arbeit ein Segen für das ganze Leben mitgegeben wurde. Er ahnte seinen Lebensweg und wusste, was er werden wollte, e er doch an seinem Vater und an seinem theologischen Erzieher le Vorbilder. „Mir schien der Beruf als Landarzt der beste . . wollte Landarzt werden und schliesslich Physikus. wie mein Vater, stand fest bei mir. Nur eine Zeitlang schwankte ich, ob ich niclit Beruf eines Landgeistichen vorziehen sollte, nachdem ich den kost¬ en Frieden des Landpfarrhauses gekostet, wo ich wie das Kind ge- en, zwei Jahre lang verweilt hatte. Doch kehrte ich zu meinem en Vorsatz zurück, sobald ich wieder meinen Vater ärztlich wirken walten sah.“ Kussmaul besuchte die Lyzeen zu Wertheim, Mannheim und leiberg. So lange der Vater in Boxberg angestellt war, lag Wertheim am reinsten. Aber der Sohn fühlte sich in der anmutig an der Mündung Tauber in den Main gelegenen altehrwürdigen Stadt nicht behaglich, derum in einem Pfarrhause untergebracht, musste er sich in der erreichen Familie mit den Brosamen von Liebe begnügen, die für „kleinen Fremdling“ übrig blieben und der Pfarrer selbst küm- te sich in seiner kalten Art kaum um ihn. Glücklicherweise dauerte der Aufenthalt dort nur 1 Jahr, denn :m 1834 wurde der Vater als Physikus nach Wiesloch in der Rhein- ie, nahe bei Heidelberg versetzt. Inzwischen war die Zahl der Kinder auf 7 angewachsen, deren -hung den Eltern grosse Sorge machte. Um diese aber zu ermög- ;n, entschloss sich der Vater zu einem Opfer, dessen Grösse nur ig ermisst, wer den mühseligen Beruf eines Landarztes kennt: erzichtete auf die Bequemlichkeit der eigenen Familie und schickte e Frau mit den Kindern nach Mannheim, wo diese gute Schulen ichen konnten und blieb allein in Wiesloch, wo er sich mit mangel- ir Bedienung behalf. Oft vergingen mehrere Wochen, bis er von :n Geschäften abkommen konnte, um nach Frau und Kindern zu n. Er kam fast ausnahmlos zu Fuss, als guter Fussgänger ab- ende Wege in den ausgedehnten Waldungen der Rheinebene be¬ end. Nur in den Ferien war die Familie in Wiesloch vereinigt, m 1838 siedelte die Famile nach Heidelberg über, weil dieses viel r bei Wiesloch lag, als Mannheim. Im Wintersemester 1840/41 begann A. Kussmaul das medi- che Studium in Heidelberg, stolz darauf, von nun an „als freier der eigenen Kraft“ seine Zukunft selber zu schmieden. Die medizinische Fakultät bestand damals aus Tiedemann, Jgele, C h e 1 i u s, Puch eit und Gmelin, welchen sich im e 1844 noch Henle und Pfeufer hinzugesellten. Tiede- i n hat zusammen mit Gmelin das von der französischen med. leime preisgekrönte Werk „über die Verdauung“ geschrieben; 2 ff c 1 e hat die Geburtshilfe durch die Erfindung seiner Zange human htet und besass deshalb Weltruf. Chelius, berühmt durch seine :re Hand und seine vornehme, menschenfreundliche Art, war der asser eines Handbuches der Chirurgie, das 8 Auflagen erlebte und 5 Handbuches der Augenheilkunde. P u c h e 1 1 endlich war ein gelehrter Herr, der an umfassendem Wissen und literarischer atbarkeit von wenig Klinikern erreicht wurde. Die Universität be- schon seit 1817 drei von einander getrennte Kliniken, eine medi- cne chirurgiseh-ophthalmologische und geburtshilfliche, die alle im stallhof untergebracht. waren, bis 1842 nur die geburtshilfliche dort heb und die chirurgisch-ophthalmologische sowohl als auch die zmische in das ehemalige Jesuitenseminar, die heutige Kaserne, -gt wurden. Der Anatomie und Physiologie dienten, wie auch n naturwissenschaftlichen Anstalten, das Dominikanerkloster, das * e,r .Siegreiche gestiftet hat und jetzt noch Friedrichsbau heisst. Mosterkirche diente dem anatomischen Unterricht als Seziersaal, das Chor als helles Amphitheater war Hörsaal und die Sakristei Leichen¬ kammer. Dahin wanderte alle Morgen Kussmaul und verblieb tagsüber auf dem Präparierboden oder in den Hörsälen und abends auf der Bude hinter den Büchern. Auf die Dauer jedoch war er zum Einsiedler nicht geschaffen. Der verlockende Zauber, der auf der romantischen Welt des Burschentums liegt, erfasste auch ihn und als die Schwaben ihn keilten und seine Bedenken über die Kleinheit des Taschengeldes zerstreut hatten, sprang Küssmaul noch vor Abschluss des Jahres als Fuchs ein in das älteste Heidelberger Korps — die Suevia — , das noch heute fortbesteht. Nun wurde auch noch der Fechtboden so fleissig besucht, dass sich der Fuchs schon im folgenden Semester zum Burschen heraus- paucken konnte. Kussmaul muss ein guter Schläger gewesen sein und häufig auf der Mensur gestanden haben — obgleich er in seinen Jugenderinnerungen nur eine erwähnt und zwar diejenige mit dem damaligen Vandalen Rudolf v. Bennigsen — , denn allein im Sommer 1842 wo die Zahl der Korpsburschen der Suevia auf 6 zusammen¬ geschmolzen war und jeder derselben in der Hetze, welche das Korps Rhenania mit vier anderen gegen die alleinstehende Suevia veranlasst hatte, musste jeder Schwabenbursche zehnmal losgehen. Nachdem Kussmaul zuletzt noch als Senior das Korps geleitet hatte, wurde er inaktiv und unter die Ehrenmitglieder der Suevia auf¬ genommen. In diesem Verhältnis dem Korpsleben fernerstehend, be¬ gann dessen romantischer Schimmer vor den Augen des in die Kliniken vorgerückten Mediziners im Vergleich mit dem Ernste der Wirklichkeit und den Aufgaben des ärztlichen Berufes zu verblassen. Hierzu kam dass der SC. auf der angemassten Suprematie über die Wilden beharrte, auch dann noch, als die politische Unzufriedenheit in ganz Deutschland zu einer erstaunlichen Höhe angewachsen war und die allgemeine Erregung auch an den Universitäten, zumal in Heidelberg, hohe Wogen r u n c 6 überwiegende Mehrzahl der Studenten verlangte eine gründ¬ liche Reform des Studentenlebens und trat in Opposition zu den Korps gleiches Recht für alle fordernd. Kussmaul, der mit lebhafter Teilnahme den Gang der politischen Ereignisse in Deutschland und Frankreich verfolgte und auf der Seite der politischen Opposition stand, konnte folgerichtig die studentische nmht verdammen, da sie die Grundsätze des Liberalismus mit jener tente Auch kam er auf neutralen Boden, wie ihn botanische Ausflüge die klinische Gemeinschaft und das Zusammentreffen in Professoren¬ familien gewährten, angenehmen Komilitonen näher, die der Reform¬ partei angehörten, lernte sie schätzen und ihre Bestrebungen würdigen, oo entfremdete er sich allmählich dem Korpswesen. Es entbehrte der idealen Ziele, die ein frei und patriotisch gesinntes Herz erstrebt: die Burschenehre, der die Corps bestimmungsgemäss ihre blutigen Opfer brachten, wurde ihm unverständlich und die Gunst, deren sie sich bei den Regierungen erfreuten, verdächtig. So kam Kussmaul noch im Beginn des letzten klinischen Se- mersters mit seinem Freunde Eduard B r o n n e r aus Wiesloch überein dass es eine patriotische Pflicht sei, die studentische Opposition in ihren Bestrebungen zu stützen und die Spaltung in der Studentenschaft zu beseitigen. Da aber der SC. alle Reformbestrebungen von Einzelnen oder von Verbindungen unter dem Vorwurf der Feigheit oder der Mensurscheu mit Forderungen bekämpfte und zur Mensur zwang konnten sich — wenigstens für den Anfang — nur Burschen an die Spitze der Bewegung stellen, welche das Waffenspiel mitgemacht hatten und durch ihre Vergangenheit über jeden Verdacht der Feigheit erhaben waren. Das traf zu für Kussmaul, den ehemaligen Schwabensenior, seinen Freund Bronn1 er und noch einige andere Schwabenburschen. ■ jüngesäumt schieden die Freunde in Frieden aus der Suevia und gründeten die neue Reformverblndüng Alemannia, welche die Farcen Gpld-Blau-Rot trug, die blaugoldene Pracht, die Scheffel noch „im Weiteren d. Gaudeamus, „dem Tode nahe“ besungen hat. Die Ale¬ mannia sollte keine Waffenverbindüng sein, sondern eine Gesellschaft ehrenwerter Burschen mit dem Programme Pflege heiterer Gesellschaft, guter Bitten, vaterländischer Gesinnung, wissenschaftlichen Geistes und Sorge für Kräftigung des Leibes durch Turnen und Fechten. Rein aus Pauk lu st gestellte Forderungen sollten durch Ehrengerichte entschieden und abgewiesen werden, denn Mensurfertigkeit und Ehrenhaftigkeit sind verschiedene Dinge. w -Pvl Name und die Persönlichkeit Kussmauls galt damals in der Heidelberger Studentenschaft so viel, dass die Alemannia in kurzer Zeit auf nahe 50 Mitglieder heranwuchs. Andere Reformverbindungen s^.t°ssen sich ihr an und bald zählte die Opposition doppelt so viel Mitglieder wie die Korps: sie konnte somit die Suprematie der Korps uberwinden. Damit war die allgemeine Studentenschaft geschaffen, in welcher jeder Student als gleichberechtigt galt: ein Verdienst Kuss- mauls, das ihm zu grosser Ehre gereicht und eines der schönsten Gesehichtsblätter der Heidelberger Studentenschaft bildet. io^?im.^lI*(Wesen hat aber die Reformbewegung des Wintersemesters 1844/45 keinen wesentlichen Abbruch getan, denn „mit dem braunen Sohne Nubiens wetteifert der studierende Deutsche, narbige Abzeichen auf dem entstellten Gesicht zu tragen“. Bei K u s s m a u 1 fehlten die¬ selben. denn er hat nicht bloss Schlagen, sondern auch Parieren gelernt. Sein Korpsleben hat ihn nie gereut und keiner seiner früheren Korps- brüder ist ihm Feind geworden, im Gegenteil: Freunde fürs ganze Leben hat er ebenso wie im Korps auch in der Reformverbindung ge- 5* 278 MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT. Nr. wonnen und mit ihnen einen goldenen Schatz an freundlichen Er¬ innerungen, aus welchem er noch im höchsten Alter schöpfen konnte. Als Gymnasiast und als Student hat Kussmaul gelegentlich seiner Ferienbesuche beim Vater die botanisch und geologisch inter¬ essante Gegend so gut kennen lernen, dass er auf dessen Wunsch nn Sommersemester 1842 „eine naturwissenschaftliche Topographie des Amtsbezirks Wiesloch“ für die oberste Sanitätsbehörde des Landes aus¬ arbeiten konnte. , Ein viel erstaunlicherer Beweis für die Tatsache, dass das Korps- leben die medizinische Ausbildung Kussmauls in keinei Weise be¬ einträchtigt hat. ist aber die Lösung der medizinischen Preisfrage 1843/44. Dieselbe war der Augenheilkunde entnommen, die C heim s mit der Chirurgie gleichzeitig vertrat und verlangte eine Wissenschaft- iiche Untersuchung der Farbenerscheinungen im Grunde des Auges. In der Hauptsache wünschte C h e 1 i u s aber eine kritische Zusammen- Stellung der zahlreichen Theorien über das Wesen des Glaukoms. In kühnem Griff hat Kuss maul schon beim Studium der Litera¬ tur die Grundfrage erfasst: warum erscheint die. normale Pupille schwarz? Diese Erscheinung war so selbstverständlich, dass bis dahin noch niemand nach ihrer Ursache gefragt hatte. Nun sieht man aber auf dem Hintergrund von frisch ausgeschnittenen Augen von Schlac.it- tieren, wenn man dieselben unter Wasser betrachtet, die Gefasse der Netzhaut und den Eintritt des Sehnerven. Kuss maul fand bald eine richtige Erklärung für dieses Phänomen und versuchte dann durch Ein¬ schaltung von Linsen, welche ebenso wie das Wasser stärker licht¬ brechend waren als die atmosphärische Luft und deshalb ihren Brenn¬ punkt nicht in der Netzhaut, sondern vor derselben hatten, den Augen¬ hintergrund sichtbar zu machen. Das heisst mit anderen Worten: Kuss maul, der Korpsstudent, befasste sich mit dem Problem eines Augenspiegels, mit dessen Erfindung er eine neue Augenheil¬ kunde schaffen wollte. Die Erfindung ist ihm nicht geglückt auch später Brücke und Graefe nicht, erst der geniale Helm ho 1 tz brachte hinter die stärker lichtbrechende Linse vor dem Auge den durch¬ bohrten Hohlspiegel an, der es ermöglichte, den Augenhintergrund nell zu erleuchten und somit zu übersehen. Trotzdem bleibt es aber das allgemein anerkannte und von Bon¬ ders besonders gewürdigte Verdienst Kussmauls, als Erster d:e Frage aufgeworfen und formuliert zu haben, warum das innere Auge dunkel erscheint und als Erster versucht zu haben, aus dem Problem eines Augenspiegels Nutzen für die Praxis zu ziehen. Die Abhandlung wurde von der Fakultät mit grösstem Lobe über¬ schüttet und ihrem Verfasser einstimmig der Preis, die goldene Karl- Friedrichsmedaille, zuerteilt. Sie erschien Ostern 1845 bei .1. Gross in Heidelberg unter dem Titel „Die Farbenerscheinungen am Grunde des menschlichen Auges“ und mit der Widmung „Meinem Vater P. J. Kussmaul, Grossherzogi. bad. Physikus als Zeichen der Liebe und dankbaren Verehrung“. „ . , Ausser bei C h e 1 i u s stand K u s s m a u 1 beim alten T 1 e d e - mann, dem Anatomen und Physiologen, in besonderer- Gunst. Am besten erkannt und am meisten geschätzt wurde er aber von dem, seine Fakultätsgenossen überragenden N a e g e 1 e. an dessen Klinik Kuss maul in seinen letzten 4 Semestern als Assistent fungierte: er riet seinem Schüler in väterlicher Freundschaft, sich später für Geburtshilfe zu habilitieren. Die Pathologie und mit ihr die interne Klinik befand sich damals im Zustande mächtig fortschreitender Entwicklung. Kussmauls erster klinischer Lehrer P u ch e 1- 1, der neben der internen Klinik auch die Poliklinik leitete und durch die Aufstellung des Krankheitsbildes der Perityphlitis jetzt noch bekannt ist, stand noch im wesentlichen in der ersten symptomatischen Periode der klinischen Me¬ dizin. Die Diagnosen wurden den Symptomenbildern, welche die Kran¬ ken darboten, entnommen, die Krankheiten ontologisch als be¬ stimmte Wesen aufgefasst und deren Sitz und Ursache nach dem Vorbilde Morgagnis bei Verstorbenen durch Sektionen festzustellen versucht. Mit Perkussion und Auskultation einigermasseti vertraut, begann aber Puch eit doch schon anatomische Diagnosen zu stellen und vermochte die verschiedenen Stadien der Pneunomie und diese selbst von Ergüssen in der Brusthöhle zu unterscheiden. Jedoch mit der Erkenntnis der Krankheitsursachen war es damals noch schlecht bestellt: nur von einigen Hautkrankheiten kannte man die Erreger, z. B. Linnes Sarkoptes oder Acarus scabiei, den der korsische Student Renucci in den charakteristischen Gängen in der Haut Krätzekranker gefunden und den Fadenpilz Achorion, den Schönlein beim Favus entdeckt hat. Die Seuchen führte P u c h e 1 1. wie alle alten Pathologen, noch auf bestimmte Genien zurück, von welchen, ausser dem Genius epidemicus, rheumaticus, gastricus, biliosus und nervosus eine ganze Menge angenommen wurde. Erst Heule, ein Schüler des berühmten Anatomen und Physiologen Johannes Müller, sowie Schwann, hat, mit des letzteren Zellenlehre schon in Berlin bekannt, in seinen „Pathologischen Untersuchungen“ (1840) — auf Grund des Nach¬ weises des Acarus, des Achorion und der durch Pilze hervorgerufenen Muskardine der Seidenraupen — die Theorie auf-gestellt, dass kleinste, freilich erst noch sichtbar zu machende Lebewesen den miasmatischen und kontagiösen Seuchen zugrunde liegen. Nun wurde He nie fast gleichzeitig mit Pfeufer 1844 von Zürich nach Heidelberg berufen, ersterer als Ordinarius für Anatomie und Physiologie neben Tiedemann und letzterer als 2. innerer Kliniker u. o. Professor der Pathologie neben P u c h e 1 1. In Zürich hatten sich die zwei fast gleichaltrigen (bayerischen) Landsleute befreundet und ein Jahr vor ihrer Uebersiedelung nach Heidelberg zur Herausgabe der „Zeitschrift für rationel Medizi n“ verbunden. Schon der Titel der neuen Zeitschrift kla herausfordernd, war doch auch die Medizin der älteren Path löge n rationell, d. h. vernünftig und einsichtig, dem Stande ih Erkenntnis entsprechend. Aber die neue Medizi n sollte v Banne der Naturphilosophie, der Theosophie und des Aberglauln befreit werden und aus einer durch Einsicht geläutert Erfahrung hervorgehen. Diese Einsicht kann sie nur erlan; durcii genaue klinische Beobachtung der Kranken mit Hilfe nat wissenschaftlicher, physikalischer, mikroskopischer, chemischer, ana mischer und physiologischer Untersuchungen. Das von He nie geschriebene Programm der Zeitschritt für ra ne Ile Medizin „über medizinische Wissenschaft und Empirie“ wu von der medizinischen Jugend der vormärzlichen Zeit, die ein f< schrittlicher. kampflustiger Geist beseelte, mit Jubel begrüsst. Hörsäle von Puch eit und von Tiedemann in Heidelberg \ ödeten in demselben Masse, als diejenigen von Pfeufer und Hei sich füllten. Auch Kussmaul hörte noch in den zwei letzten mestern vor der Staatsprüfung Physiologie und allgemeine Pathok bei Henle und die Klinik, spezielle Pathologie und Therapie i Heilmittellehre bei Pfeufer; man muss sich nur fragen, wie er Assistent von Na eg eie die Zeit dazu fand. Nach glücklich best dener Staatsprüfung wurde er noch klinischer Assistent bei Pfeuf dessen Persönlichkeit, Lehr- und Heilmethode ihn mächtig anzog. (Fortsetzung folgt.) Für die Praxis. Ueber aktive Paralysetherapie. Von W. Weygandt, Hamburg-Friedrichsberg. , Die Paralyse hat seit ihrem Bekanntwerden klinisch, nosologi ätiologisch, diagnostisch gewaltige Wandlungen erfahren1, prognost und therapeutisch blieb es jedoch im wesentlichen bei dem gleit, trostlosen Ausblick: noch keinen sah ich glücklich enden. W auch in den Lehrbüchern die JMralyseprognose vom Tage der Diagno: Sicherstellung ab immer auf ein Todesurteil hinauslief, haben doch bestrebungen nie ganz geschlummert. Jahrzehntelang mühte sich die Empirie fruchtlos mit Mitteln vor 70 Jahren etwa Digitalis oder Nux vomica. während in den f Jahren die Behandlung mit Tartarus stibiatus ein gewisses Ansi erlangte, so barbarisch auch die oft die Schädelknochen perforiert; Wirkung erschien; noch 1877 und 1880 wurde sie von Ludwig Me empfohlen, der 8 von 15 Fällen damit geheilt haben wollte, wäh Reye 1877 bei seinen Fällen keinen Erfolg sah. Auch Arger nitricum und Aurum cyanatum spielten zeitweise eine Rolle, d> später im Experiment eine gewisse spirochätizide Wirkung n gewiesen werden konnte. I Therapeutische Tätigkeit muss zwei Bedenken berücksichtn 1. Diagnostische Sicherung. Die Abgrenzung von einer! mannigfachen- Formen der Lues cerebri, der prinzipielle Heilungsü lichkeit zuzugestehen ist. muss klargestellt sein. Die Serologie ji bessere Gewähr als die bekannten klinischen Zeichen: Bei ParalysB im Blut Wassermann bei1 0,2 gewöhnlich -| — I — h Komplement 1 häufig, Normalambozeptor seltener; Liquor ist klar, selten Stäube trübung. Pleozytose 10—100, selten mehr im Kubikmillimeter, und fl grosse und kleine Lymphozyten. Plasmazellen, neutrophile und eo» phile Leukozyten, Gitterzellen. Fibroblasten; Gesamteiweiss er« Globulinreaktion meist +, höchstens -| — h 28 proz. Fraktion — , PS -H-; Goldsol- und Mastixreaktion zeigen Paralysekurve; Wasser:! bei 0,2 +++, Hämolysinreaktion zeigt Normalambozeptor in 81 90 Proz. +, Komplementgehalt selten. Bei Tabesparalyse und s| närerParalyse sind die Befunde schwächer. Dagegen bei Lues cerebp frischer Meningitis: im Blut Wassermann 0.2 +++, Komplement: seltener als bei Paralyse; Liquor oft trübe, gerinnt leicht, xal chrom oder klar und farblos; starke Pleozytose. 100 — 3000 millimeter, meist grosse und kleine Lymphozyten, seltener Phi zellen und Leukozyten; Gesamteiweiss stark erhöht. Globulinreal meist +++, bei 28 proz. Fraktion Opaleszenz odler schwach; Pand-y +++; Goldsol- und Mastixreaktion zeigen Lues-cej Kurve oder Meningitiskurve; Wassermann bei 0,2 meBstJ bei 0.5 schwach + oder +. bei 1,0 H — L bis H I K HämolysinreaJI Normalambozeptor -j-, im Stadium schwerster Entzündung ist | plement vorhanden. Bei chronischer Hirnlues dieselben Blutreakti Liquor klar, farblos, durchsichtig, ohne Gerinnsel, Pleozytose 1| oder mehr, meist Lymphozyten, Gesamteiweiss nicht oder leicht ei Globulinreaktion schwach + bis +, 33 proz. Fraktion negativ. n schwach +, Goldsol- und Mastixreaktion zeigen Lues-cerebri-K' Wassermann bei 0,2 — , bei 0,5 negativ oder + bis H h bei 1,(1 bis +++, Hämolysinreaktion — . Bei rein endarteriitischer Hu| sind die Liquorbefunde meist recht gering. N o g u c h i s Luetinre;: ist bei Lues cerebri meist stark positiv, bei Paralyse nur in 52 i vorhanden, schwach oder mittelstark. Auch die Histologie zeigt einzelne Fälle, bei denen die Scheid zwischen Paralyse und Lues cerebri besonders in der Form einer - arteriitis der kleineren Rindengefässe ausserordentlich schwer zu » ist, so von Schröder und Jakob. Februar 1922. MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT. 279 2. Spontane B e s s e r u n g bei Paralyse ist geradezu alltäglich ; staltsüberführung mit Bettruhe beruhigt oft die erregtesten Paralysen, inchmal reicht schon Bettruhe im Privathaushalt aus. In Fried- isberg wurden 1910 bis 1918 in 11,71 Proz. von 875 Paralysefällen ontanrcmissionen festgestellt, die freilich hinsichtlich Intensität und uer ungemein verschieden waren. Im allgemeinen haben erregte J klassische Fälle bessere Remissionsaussichten als die dementen J depressiven; ungünstig sind die kindlichen Paralysen. Spontane Heilungen, wenigstens ohne Mitwirkung einer der neren Behandlungsmethoden, wurden mehrfach auch in neuerer Zeit schrieben, so ein Fall von T u c z e k, wo Paralyse mit Dekubitus gnostiziert war, Pneumonie und nach einem Jahr Besserung er- gte, worauf er geistesgesund schien und beruflich tätig war; nach Jahren traten tabische Symptome auf und erst nach 14 Jahren nverere Erscheinungen, Schwachsinn und Tod; Nissl stellt leichte ralytische Hirnveränderungen fest. S c h ii 1 e erwähnte einen Para- iker, der nach doppelseitiger Pneumonie und Otitis 20 Jahre gesund wesen sei. Dobrschansky beschrieb einen Mann, der von Para- ;e geheilt entlassen wurde, nach 6 Jahren Sepsis durchmachte und 5t nach weiteren 9 Jahren wieder paralytisch wurde und 3 Jahre rauf starb mit histologisch typischem Befunde. Rubin beschrieb eine au, die nach 3 jähriger Paralyse 12 Jahre gesund blieb, dann unter ralytischen Zeichen starb und histologisch Paralyse aufwies. N omn e schrieb 5 Fälle, doch wurden 4 von ihnen durch H och e angezweifelt d auch der 5. ist noch nicht histologisch untersucht. Hoche gibt rar im Prinzip die Heilbarkeit jeder Infektion durch einen bekannten d in seinen Lebensbedingungen untersuchten Erreger zu, will aber >ch keinen Fall geheilter Paralyse anerkennen und stellt als Voraus- tzung dessen 5 scharfe Bedingungen auf: 1. die klinische Diagnose .iss gesichert sein, 2. ebenso die serologisch-zytologische, 3. psychische iederherstellung muss für Lebensdauer vorliegen, 4. Tod darf nicht in iralyseverdächtigem Zustande erfolgen, 5. die Sektion muss Riick- ämde des früher paralytischen, zum Stillstand gekommenen Prozesses ichweisen. Will man die Skepsis auf die Spitze treiben, dann müsste an neben 1. und 2. noch verlangen, dass histologisch Paralyse sicher tchgewiesen sei an einem intra vitam durch Trepanation entnommenen irnrindenstück, wie es gelegentlich bei Fällen unserer Klinik geschah. Nur unter diesen Vorbehalten können wir an eine aktive Behand- ng der Paralyse herantreten. Vorerst soll aber erinnert werden, dass ich die herkömmliche symptomatische Behandlung zweifel- 3 manchmal remissionsbegünstigend und lebenverlängernd1 wirkt, ierher gehört die Abtrennung vom erregenden Milieu, Ruhigstellung, sbesondere Bettbehandlung, Regelung der Ernährung, Vorbeugung des ekubitus. Vor allem das Dauerbad kann segensreich wirken, zur eruhigung wie zur Dekubitusverhütung und -heilung. Einer meiner alle war verwirrt und äusserst heftig erregt, beschädigte sich mehr- ch selbst, bekam eine Phlegmone am rechten Arm, deren Verband ■ immer wieder abriss, verletzte sich am Augenlid und Ohr, erlitt eitere Phlegmonen, doch gelang es im monatelangen Dauerbade die zidierten Wunden zur Heilung und den Patienten zur Beruhigung zu -ingen. Ohne diese Behandlung wäre er an Sepsis und Erschöpfung [gründe gegangen, so aber erlebte er eine Remission, die ihm l4 jährige Berufstätigkeit in Freiheit ermöglichte. Gelegentlich konnten ir durch das Tag und Nacht fast 2 Jahre lang durchgeführte Dauerbad as Leben fristen, was unter Umständen für die Familie des Kranken on grosser Bedeutung ist. Seit den sero-zytologischen Feststellungen, dem experimentellen achweis von Himstörung bei mit Spirochaete pallida geimpften Tieren ad Noguchis Fund des Erregers im Paralytikerhirn ist die Krank- eit als maligne Luesform' der Diskussion entrückt. Das Problem, 'arum von allen Luikern nur rund 5 Proz. paralytisch werden, und wieweit Virus nervosus, angeborene oder erworbene Disposition ieran beteiligt ist, steht noch in lebhafter Erörterung, ebenso die rage, inwieweit die Spirochätentoxine oder die lokale Mikroorganis- lentätigkeit die Krankheitserscheinungen bedingen. Aber für eine ktive Paralysebehandlung ist der Angriffspunkt gegeben in der Be- ämpfung einer vorwiegend die Hirnrinde treffenden, im Wesen lalignen, progressiven Störung durch Spirochaete pallida und ihre ’rodukte. Als aktive Therapie kommt in Betracht 1. spezifische ntiluische Behandlung. 2. nichtspezifische, fieber- rregende Behandlung; in letzterer Hinsicht a) chemische toffe, b) Derivate von Infektionserregern, c) Ueber- ragung von Infektionskrankheiten. Zunächst sollen die Üttel einzeln, nebenher und zum Schluss die im praktischen Fall oft ingebrachten Kombinationen erörtert werden, Ueber Quecksilber gehen die Meinungen weit auseinander, omaczewski mass ihm "direkt bakterizide Wirkung bei, Perutz, (reibich, Neuber nahmen an, dass es auf die Körperzellen an- eizend zur Luesimmunkörperbildung wirkt. K o 1 1 e und Ritz be- onen, dass die wirksame Quecksilberdosis sehr nahe der tödlichen iegt. Fürstner, v. Krafft-Ebing, Obersteiner. Kraepe- i n, B u c h h o 1 1 z u. a. warnen, da Paralytiker nach Hg-Kur öfter aschen Körperverfall und plötzlich schwere Erregung zeigen. Nonne ‘mpfiehlt Schmierkur, indem nach 4 Tagen je 4 g grauer Salbe ein Jade- und1 ein Ruhetag folgt; darauf mtravenös Salvarsan 0,3 — 0,4 ge¬ geben wird; nach einem Ruhetage folgt die zweite Tour; insgesamt P—40 Einreibungen und 4 g Salvarsan. Ziehen empfiehlt im Prodro- nalstadium energisch Quecksilber, im vorgeschrittenen wöchentlich nur ;twa 1—2 g graue Salbe. P i 1 c z, R ä c k e u. a. haben Besserungen gesehen; v. Wagner, der eine Kombination mit Jod und kleinen Thyreoidindosen empfahl, sah sogar bei dementen Paralysen öfter Besserung. Marchand sah Besserung durch endolumbale Ver¬ abreichung von 0,002 Sublimat mit 0,02 Jodkali in 4 von 7 Fällen. Als Ersatz kommen in Betracht intramuskuläre Injektionen von Kalomel (5,0 mit Natr. chlor. 5,0, Ag. 50,0, Muc. g. arab. 2,5) oder Ol. cincreum oder Mercinol oder Novasurol oder Enesol (salizylarsen- saures Quecksilber) oder Richters Kontraluesin (kolloidales Hg) oder Hydrargyrum succinirmidatum (0,2 intramuskulär 25 mal). Jod’ kommt nur als Unterstützung anderer Methoden in Betracht und lässt rückbildende Wirkung luischer Gewebeprodukte erwarten. F. Klemperer empfahl intravenös eine 10 proz. Lösung 0,1 Jod- kalium oder Jodnatrium, insgesamt 5 — 20 g. Silberpräparate wirken auf Tiersyphilis günstig, so gaben Ko Ile und Ritz Kollargol, dessen Heildosis zur Giftdosis wie 1:3 oder 1:4 steht. Versuche bei Paralytikern von Stonkus und Weichbrodt waren noch nicht ermutigend. Methylenblau und Try- panblau haben bisher versagt. Grosse Hoffnungen galten dem Salvarsan, das Ehrlich als direkt spirochätizid bezeichnete und alsbald mit A 1 1 „beim ersten Wetterleuchten der Paralyse“ empfahl. Indes haben die zahllosen Ver¬ suche einer intravenösen Salvarsanbehandlung der Paralyse keine erkennbaren Erfolge gebracht; gelegentlich wurden weitgehende Re¬ missionen dieser Behandlung zugeschrieben, so von R ä c k e und Rung e. Immerhin kann ich intravenöse Anwendung dann empfehlen, wenn mit anderen Methoden, insbesondere der noch zu besprechenden Impfling, die klinischen und die Liquorsymptome hochgradig gebessert oder beseitigt sind, aber die Serumreaktion noch stark positiv ist. Knauer empfahl Neosalvarsan oder Silbersalvarsan (0,45 bis 0,6) in die Karotis zu injizieren und sah dabei klinische und Liquor¬ besserung. Meggendorfer wandte die Methode in unserer Klinik bei 37 Paralytikern etwa 200 mal an, ohne direkte Schädigung der Kran¬ ken, doch auch ohne wesentliche Erfolge. Seit 1911 wird Salvarsan auch endolumbal gegeben, so von Marinesco, Wechselmann, Swift und E 1 1 i s u. a. ; letz¬ tere empfehlen, nach intravenöser Verabreichung von 0,3 — 0,4 Salvar¬ san 40 ccm Blut zu zentrifugieren, nach 24 Stunden 12 ccm dieses Serums mit 18 ccm Kochsalzlösung zu mischen, Vi Stunde auf 56 0 zu erwärmen und nach Liquorentnahme durch die Punktionsnadel in den Lumbalsack zu injizieren. Wechselmann gab Neosalvarsan 0,001 bis 0,003 direkt endolumbal, doch beobachteten manche Forscher hierauf bedenkliche Folgen. Sehr ausgedehnte Erfahrungen gewann Genne- r i c h, dessen Methodik ich auch für die einfachste und zweckmässigste halten muss. Es werden 40 — 90 ccm Liquor in die Bürette gelassen und in diese eine Lösung von 0,00045 bis höchstens 0,0018 Neosalvarsan eingetropft, worauf man durch Hebung der Bürette die Mischung in den Lumbalsack zurückfliessen lässt. Man kann auch grössere Liquor¬ mengen, bis 150 ccm entnehmen, giesst davon vor der Mischung aber soviel weg, dass nur 70 — 90 zur Verwendung kommen. Bei strenger Aseptik, Ruhighaltung des Kranken und Tieflagerung des Kopfes ver¬ tragen Paralytiker die Prozedur meist recht gut; andere Fälle, wie auch gelegentlich sehr gebesserte Paralytiker, verspüren manchmal Beschwerden, Temperatursteigerung, Kopfschmerz, Uebelkeit, Er¬ brechen. selbst Krampfanfälle, Blasenschwäche, Beinschmerzen. Gen- n er ich injiziert alle 2 — 3 Wochen, ging manchmal bis zu 30 endo- lumbalen Injektionen in 1(4 Jahren, unter Verwendung von insgesamt 0,05345 Neosalvarsan und 455,5 ccm Liquor. Damit kombiniert er all¬ gemeine Behandlung mit intravenösem Salvarsan, mehrere, etwa 6 Kuren von je 5 — 8 Injektionen in einer Stärke von 0,2 — 0,5, ausser¬ dem manchmal noch mehrere Kalomel- und Jodkalikuren. Er empfiehlt diese Behandlung bei frischen Fällen mit lebhaften Entzündungsvor¬ gängen und entsprechend hohen Zellwerten, aber nicht sehr starkem Wassermann, und warnt vor Anwendung bei Paralyse vom Lissauer- schen, die gesamte Rinde treffenden Typ. Auch nach dem Verschwin¬ den des Liquorbefundes empfiehlt er jedes Vierteljahr eine Injektion. Von 38 seiner Fälle seien 18 sehr gut gebessert, mit normalen geistigen Funktionen, 8 gut gebessert, 7 mässig und 5 unbeeinflusst oder ver¬ schlechtert. Weniger günstig urteilen andere Autoren. Nach meinen Erfahrungen sind manchmal Erfolge unverkennbar, doch pflege ich die Methode nur anzuwenden als Ergänzung der Impfbehandlung oder in Fällen, bei denen letztere nicht durchführbar ist. Wesentlich erfolg¬ reicher ist die Methode bei Hirnsyphilis, bei der ich beispielsweise einen auch psychisch schwer angegriffenen Fall binnen weniger Monate durch 8 Lumbalinjektionen von 2198/3 Zellen, Globulinreaktion H — h Wassermann 0,2 — b auf 0/3 Zellen, Spur Opaleszenz, Wassermann 1,0 — und völlige psychische Intaktheit gebracht habe. Von mancher Seite wurden noch heroischere Methoden zur Hirn- salvarsanisation empfohlen, so erwähnte Gennerich den Subokzi¬ pitalstich nach Anton als beachtenswert bei schwerer Rückenmarks¬ veränderung. Marinesco ging intrazerebral vor, H a m m o n d, B a 1 1 a n c e und Campbell gaben durch den Balkenstich Neosalvar¬ san, B e r i e 1 injizierte Salvarsanserum durch die Fissura orbitalis Su¬ perior und Le v a d i t i, Marie, Märtel gaben durch Stirnhirn¬ trepanation subdural salvarsanisiertes Serum oder ein Gemisch von Krankenliquor mit dem Serum von impfsyphilitischen, salvarsanisierten Kaninchen. Die Erfolge sind keineswegs so bemerkenswert, dass sie zur Uebernahme des erhöhten Risikos der Methodik ermutigen. Silbersalvarsannatrium intravenös 14 Tage lang je 0,2 g, nach 8 tägi¬ ger Pause wiederholt, bewirkt nach Weichbrodt erhebliche Besse¬ rung der Pleozytose und der Wassermannreaktion. Aehnlich wirkt Sulfo- MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT. 280 Nr. xylat, gebrauchsfertig in 20proz. Lösung im Handel; 2mal wöchentlich 2,5 bis 3 ccm Lösung. Letzteres Mittel kann im Notfall auch intramuskulär gegeben werden, da es nur vorübergehend entzündliche Reizung, aber keine Nekrose verursacht. Einverleibung von spezifischen Immunkörpern wie auch von Lues¬ vakzinen scheiterte bisher an der Schwierigkeit der Materialgewin¬ nung, auch der Spirochätenzüchtung. 1909 versuchten Browning und Mackenzie Paralytikern ihr eigenes Serum endolumbal zu geben. Die nichtspezifische Paralysebehandlung, eine un¬ spezifische Reiztherapie, die Umstellung der Körperabwehrkräfte an- streb-t, stützt sich auf alte Erfahrungen, dass Geisteskrankheiten nach interkurrenten fieberhaften Erkrankungen manchmal in Besserung und Heilung übergingen. So beschrieb 1786 Reuss Heilung der Tobsucht durch Pocken und 1875 impfte Rosenblum 22 Geisteskranke mit Rekurrens, von denen 11 geheilt worden seien. Nasse hat 1870 Besserung von Paralyse durch Malaria beobachtet. Nach Erysipel, Scharlach, Pneumonie, Typhus, Phlegmone wurde Besserung oder Still¬ stand der Paralyse beschrieben. Freilich kam auch Paralyse in direktem Anschluss an fieberhafte Erkrankungen zur Beobachtung. Von chemischen temperatursteigernden Mitteln wurde viel¬ fach Natrium nucleinicum verwandt, 2,0 mit Natr. chlorat. 2,0, gelöst Aq. 100,0. Donath, der Paralytikern bei Bettruhe alle 5 bis 7 Tage 50 — 100 ccm jener Lösung injizierte, worauf nach 4 — 10 Stunden Temperaturen von durchschnittlich 38,5° erfolgten, stellte Hyperleuko¬ zytose von durchschnittlich 23 000 fest und erzielte bei 21 Fällen in 47,6 Proz. wesentliche Besserung bis zur Arbeitsfähigkeit, in 23,8 Proz. Besserung; Dauer der Remission bis zu 3 Jahren. Oskar Fischer hatte etwas bescheidenere Erfolge, während Kliene berge r, Löwenstein, Plange, Hauber u. a. nur unbedeutende Ergeb¬ nisse erzielten. Weich brodt setzte Hoffnung auf die Wirkung hoher Temperaturen und konnte bei Lueskaninchen durch Erhitzung im Brutschrank auf 42 bis 45° rektal den Schanker zur Heilung bringen. Erfolgreicher als Fiebererzeugung durch Natr. nucl., Quecksilber- nukle'in, Albumosen, Milch, Chaulmoograöl u. a. wirken direkte Bak¬ terienderivate. Wagner v. Jauregg versuchte zunächst Pyozyaneus- und Streptokokkenkulturen und ging 1891 über zu Tuberkulin. 1898 wandte Friedländer Typhuskulturen an. Alttuberkulin wird zunächst 0,005 oder 0,01, bei Tuberkuloseverdächti- gen 0,001, unter die Rückenhaut gespritzt. Erfolgt Temperatur von mehr als 38,5°, so gibt man bei der nächsten Injektion dieselbe Dosis; bei 38° bis 38,5° gibt man das 114 fache der vorigen Dosis. Alle 2 Tage wurde injiziert bis schliesslich 0,1 und selbst 1,0. Pilcz, F ried¬ länder, Cramer, Eccard, Tamburin i, Batistess a. Pappenheim, Volk, Schacherl u. a. haben damit gearbeitet, mehrfach unter Kombination, v. Wagner selbst gab vor- oder nachher Hydr. succin. 0,2 25 mal oder Schmierkur, 3 — 4 g graue Salbe 30 mal, ferner intravenöse Injektion von B e s r e dk a schem Typhusimpfstoff, 25 Millionen Keime = 0,1 ccm der schwächeren Vakzine, mit allmäh¬ licher Steigerung, ähnlich wie Tuberkulin. Die Erfolge sind, auch nach meinen Erfahrungen, besser als bei Natr. nucl.; Pilcz berichtete 1911, dass 23 von 86 Fällen wieder berufsfähig wurden. Die Kur lässt sich wiederholen. 1917 hat v. Wagner mehrere Paralytiker mit Malaria geimpft. Als mir Frühjahr 1919 Mühlens vom Tropeninstitut Impfstoff von Malaria und Rekurrens freundlichst zur Verfügung stellte, begann ich bei einer grossen Reihe von Kranken Impfungen mit Malaria tertiana, tropica, quartana und mit Rekurrens vorzunehmen. Die Erfolge dieser, auch von Weichbrodt in Frankfurt und von Plaut und Steiner in München, später auch von Nonne aufgenommenen Impfungen sind nach Häufigkeit, Intensität und Dauer der Wirkung wesentlich günstiger, als bei irgendeiner anderen Methode; auch wenn man an¬ gesichts dpr wenigen Jahre Beobachtungszeit das Wort Heilung ver¬ meidet, sind doch sicher ganz ausgezeichnete, bisher unbekannte Besse¬ rungen erzielt. Wir injizieren 0,2 bis 2 ccm des der Vene eines malariafiebernden Kranken entnommenen Blutes in oder unter die Haut des Armes oder Rückens eines Paralytikers; intravenöse An¬ wendung kürzt die Inkubationszeit ab. Rekurrens zeigte keine be¬ sonderen Vorzüge, auch nicht die höchsten Temperaturen; am rat¬ samsten ist Tertiana. Bei Hautimpfung findet man Inkubationszeiten von 6 Tagen bis 9 Yt Wochen, durchschnittlich 2 bis 3 Wochen. Wir lassen es in der Regel zu 6 bis 8, gelegentlich auch mehr Fieber- anfällen kommen, die vielfach 41 0 übersteigen und vereinzelt 42 0 er¬ reichen; meist ergibt sich der Quotidianatypus. Sodann wird Chinin gegeben, das wirksamer erschien als bei natürlich erworbener Malaria. Man gibt 3 Tage lang 2 mal 0,5 Chinin, mur., darauf noch mehrere Tage einmal 0,5 Chinin, mur.; das Chinin lässt sich auch intravenös geben. Oder man gibt täglich 0,5 Chin. mur. 6 Tage lang, darauf 7 Tage Pause, dann 6 Tage 0,5, sodann Pause usw., bis insgesamt 10 g. Erscheint möglichst sofortige Kupferung des Fiebers angebracht, so gibt man 1 g Chinin-Urethan intraglutäal. In unserer Klinik sind zurzeit 150 Fälle mit der Impfmethode behandelt. Bei 51 ist die Impfkur seit 1/4 Jahren beendet, bei weiteren 26 seit 1 Jahr. Von den 51 stehen 15 in voller Berufstätigkeit; 15 sind berufs¬ tätig, doch bestehen leichte Defekte; 7 sind psychisch geschwächt, doch noch arbeitsfähig; 7 sind unverändert und 7 sind gestorben. Re¬ missionen traten also ein in 72,5 Proz., dabei sind die meisten Re¬ missionen intensiver und auch jetzt bereits von längerer Dauer als die spontanen Remissionen und auch als die durch andere Kuren er¬ zielten Remissionen. Wenn man, wie Kirschbaum berechne Aussichten auf Spontanremission in 11,7 Proz. annimmt und uns« Fälle als teilweise ausgewählt, frisch erkrankt und von kräftiger Kc stitution betrachtet, müssen doch 40 Proz. nur auf Rechnung der K gesetzt werden. Ebenso günstig sind die Ergebnisse der seit eim Jahre behandelten wie auch der späteren Fälle. Die Besserungen si beurteilt nach klinischen, psychologischen und sozialen Gesichtspunkt! insbesondere hinsichtlich der Arbeitsfähigkeit. Manche Symptome v Pupillenstarre und -differenz, W e s t p h a 1 sches Zeichen und die sei zytologischen Befunde sind dabei manchmal geblieben, mehrfach au geschwunden, aber keinesfalls immer streng parallel der Berufsfähigkt Es handelt sich bei den Erfolgen nicht nur um klassische und erreg Formen, sondern auch um demente und depressive. Die Todesfä erfolgen meist interkurrent, keinesfalls war den Impfparasiten seil die Ursache zuzurechnen, es fanden sich weder Plasmodien noch C meten; eiilmal lag eine uns vorher nicht bekannt gegebene Chin; idiosynkrasie vor und einmal schien Herzschwäche infolge der Te; peratursteigerung zum Exitus beigetragen zu haben. Die besten Ai sichten haben Fälle in jüngeren Lebensjahren, von rüstiger Körpi beschaffenheit und möglichst frisch nach dem Ausbruch der Paraly; Das einem fiebernden Malariakranken entnommene Blut bleibt defib niert und bei Körperwärme 3 Stunden zur Impfung verwendbar. T Methode ist daher nicht allenthalben anwendbar, sondern nur da, \ Impfstoff zur Verfügung ist; zweckmässig kann man bei grösst Material von einem Paralytiker zum andern fortzüchten, so dass ze weise immer wieder Impfstoff vorliegt. Unter Kautelen ist die Methcx wie auch Mühlens auf Grund seiner parasitologischen Prüfung d Fälle betont, ungefährlich. Man muss nur Rücksicht auf das He nehmen, rechtzeitig die Malaria durch Chinin, auch Salvarsan od Methylenblau kupieren, häufig das Blut kontrollieren und darauf acht« dass nicht in der Umgebung Anopheles sind1, die die Malaria weit« tragen könnten. Die günstige Wirkung kann wenige Wochen na der Impfung eintreten, manchmal aber auch erst nach einer Reihe v Monaten. Nur bei einem Falle trat ein leichter Rückfall ein, do reagierte er günstig auf erneute Impfung. Gelegentlich wurden au 3 Impfungen vorgenommen. 2 Fälle seien kurz skizziert: Ein 38 jähr. Kaufmann war plötzlich erkrankt. Wassermannblut 0,2 + Liquor 0,5 4 — I — b, Zellzahl 83/3, Globulin 4 — b, Weichbrodt 4 — 1 — b, Mast reaktion paralytisch; Pupillen ungleich, verzogen, linke reagiert auf Lic unausgiebig, Zittern der Zunge und Hände, Sehnenreflexe lebhaft, artiku torische Sprachstörung, Schriftstörung; Euphorie, Grössenideen, Verschw« dungssucht, Reisedrang, heftige Erregung. Tertianaimpfung intravenc 12 Fieberanfälle; der letzte noch nach Beginn der Chininbehandlung, auf 41 Darauf Besserung, psychologisch und klinisch symptomfrei, volle Einsic hat auf Reisen im Ausland erfolgreich neue Geschäftsverbindungen geschafft Zurzeit Zellzahl 8/3, Globulin Spur, Weichbrodt 4", Wassermann Liquor 0,5 - 1,0 4-, Wassermann Blut 4 — b+. 36 jähr. Beamter, Ende 1918 erkrankt, Ende 1919 Anstaltsbehandlung, C dächtnisschwäche, Grössenideen, Erregung, alle Reaktionen positiv, Anfa 1920 Tropikaimpfung, nach einem Monat klinische Besserung, Sprache wied nahezu ganz gut, wurde dienstfähig als Hafenaufseher. Bei allen Erfolgen halte ich es doch für ratsam, noch eine Kon b i n a t i o n vorzunehmen, entweder mit Salvarsan und Quecksilb« oder besonders mit Tuberkulin, auch Typhusimpfstoff oder nicht ba teriellen Stoffen, wie Milch. Wahrscheinlichkeit spricht dafür, dass bei der Impfmethode c unspezifische Fieberreaktion doch Abwehrstoffbildung veranlasst, s weit der Organismus noch dazu imstande ist, und somit die infiltrativ Störungen bekämpft werden. Als Desiderat ist Mitverwertung sp zifischer Abwehrstoffe zu bezeichnen, durch die die anscheinend toxis bedingten Störungen, wie die Parenchymdegeneration, überwund1 werden. Zurzeit muss die Impfmethode als die ergiebigste Par lysebehandlung gelten, so dass es in jedem Einzelfalle Pflicht des Arzt ist, zu erwägen, ob eine solche Kur durchführbar ist. Besteht kei Möglicheit, so sollte wenigstens eine unspezifische Reizmethode, a empfehlenswertesten Tuberkulinbehandlung, vorgenommen werden, Verbindung mit Salvarsan, wenn angängig endolumbal. Erst we; diese Methoden in einer ihrer Formen einzeln oder kombiniert durc geführt sind oder der Fall von vornherein wegen zu vorgeschritten' Verfalls oder anderweitiger Gebrechen, wie schwerer Herz- und G fässerkrankung, ausscheidet, ist man berechtigt, sich mit der üblich symptomatischen Therapie bei Paralyse zu bescheiden. Bücheranzeigen und Referate. Immanuel Kant: Einführung in die Kritik der reinen Vernunft, neue Form gebracht von Georg Deycke. Verlegt bei Colema Lübeck. Der bekannte Forscher Deycke legt nicht ein Buch über Kai vor, sondern einen Versuch, eine der Hauptschriften Kants oh1 Aenderungen und Zusätze in unsere heutige Sprache zu übersetze Das ist nicht nur ein schwieriges, sondern auch ein erstaunlich kühn Unternehmen. Wie immer bei Kant soll in Gebiete des menschlich' Denkens eingedrungen werden, die dem täglichen Leben fernsteh«! dessen Hauptbegriffe also in der Sprache des Alltags fehlen. So hab« sich denn Kunstausdrücke ausgebildet, die nicht ohne weiteres vt ständlich sind, bei demjenigen, der sie kennt, aber eine lange Rei geschichtlich festgelegter schwingender Apperzeptionen wecken, c mit anderen Worten schlechterdings nicht geweckt werden könne Der, der sie nicht kennt, befindet sich aber einem seltsamen Kaude Februar 1922. MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT, 281 i.sch lateinischer und griechischer Brocken gegenüber, manchmal nur i ir notdürftig zusammengehalten durch deutsche Satzbindemittel, das ! ohne näheres Studium ganz unverständlich bleiben muss, vor allem n, wenn die beiden alten Kultursprachen ihm nicht geläufig sind, das geistige Leben des deutschen Volkes werden dadurch die Ur- riften K a n t s als solche und unmittelbar geradezu belanglos. Es i fast ausschliesslich Schriften über Kant und die Benutzung nt scher Begriffe und Formulierungen innerhalb weitester Kreise eres geistigen Lebens, die den Einfluss dieses grossen Denkers das Leben des Volkes vermitteln. Es muss also zweifellos zugegeben werden, dass eine Uebersetzung i Uebertragung der Kan t sehen Urschriften in eine lebende Sprache der grössten Wichtigkeit und Tragweite sein könnte. Nur so wäre inöglich, dass an diesem Schatz tiefster Gedanken ein ganzes Volk nicht nur wenige im richtigen Sinne gelehrte Männer teilhaben. Die sehe Sprache ist so reich, dass sie dem höchsten Gedanken lebendi- Ausdruck zu verleihen vermag. Erst in deutscher Sprache aus- irochen ist er Eigentum des deutschen Volkes und in seine geistige /egunig lebendig verwoben. Dann aber kann er selbst auch um- altend und fördernd auf die Sprache und das tägliche Leben zurück- ren. Die Sprache dichtet ja nicht nur für uns, sondern sie denkt h für uns, weit über das bewusste Gestalten hinaus. Es wäre so 1 aüch noch ein weiterer, damit allerdings eng zusammenhängender eit zu gewinnen: die grossen ethischen Gedanken der Menschheit K a n t J ist ja in letzter Beziehung überall auf ein ethisches Ziel estellt bedürfen geradezu der lebendigen Gegenwirkung des ge- chenen Wortes: ihre Formulierung muss wie diejenige des Volks- ; und des Sprichworts aus dem innersten Lebensquell eines Volkes pringen, die persönliche Enge des Einzelnen abstreifen können. Die Wahl der Schrift kann als eine sehr glückliche bezeichnet ien. Deycke übersetzt die „Prolegomena einer jeden künftigen aphysik, die als Wissenschaft wird auftreten können“, also eine immenfassung der Ergebnisse seiner Kritik der reinen Vernunft, mit Kant dieses gewaltige Werk „nicht für Lehrlinge, sondern für tige Lehrer übersichtlich zu machen versucht hat. Die Ueber- mg zeigt auf den ersten Blick die Vertrautheit mit der Gedanken- Kan.ts. Die schwerfälligen langen Perioden sind mit grossem :hl?£ kürzere Sätze aufgelöst; in dem ganzen Buch ist kein wohnliches Fremdwort mehr enthalten. Notwendig ist damit auch f.?1™"115 *echnicus mit seiner fixierten Bedeutung ausgeschaltet, duckhch auch seine Klippe an vielen Stellen umgangen ist, so en doch für den nicht Bewanderten Unverständlichkeiten zurück, den Wirkungskreis des Buches schwer beeinträchtigen müssen, cke übersetzt z. B. das Wort Metaphysik mit Uebersinnenlehre; • hier aber nicht der Umfang und Inhalt dieses Begriffes näher tert werden? Für den Satz Kants „Metaphysische Erkenntnis lauter Urteile a priori enthalten“, setzt Deycke: „Uebersinnliche nntms muss lauter unmittelbare Urteile enthalten.“ Damit ist zwar Wortlaut nach der Terminus technicus vermieden worden, in un- nbarem Gewand muss er aber ebensogut enthalten sein, wenn der einen streng definierbaren Sinn haben soll. Es ist selbstverständ- dass sich solche Beispiele in beträchtlicher Anzahl geben lassen mochte deshalb für eine Neuauflage doch einen Kommentar, etwa r Form eines im Anhänge gegebenen Spezialwörterbuches, für not- ! *2 V.altfn' und zwar gerade deswegen, weil durch die Uebersetzung ewohnhehen philosophischen Wörterbücher unbenützbar geworden K a n t selbst steht mit festen markigen Knochen in der geistigen seiner Zeit und ist ohne Kenntnis ihrer Probleme und der ihm rgehenden Lösungen nur sehr teilweise verständlich wenn auch leben werden darf, dass der Ballast historischen Wissens, der dem 2 alten Begriffe Eingearbeiteten unvermeidlich anhängt, nicht 4 und unter allen Umständen von Vorteil ist. he neuen Worte sind zum Teil ausserordentich treffend, und das das Deycke sich steckt, die starre begriffliche Schale des Klein- u sprengen, muss die wärmste Anteilnahme jedes Nachdenkenden :ken. Kant sehe Gedanken sind die Unterlage für die gesamte -nschaft von mehr als einem Jahrhundert nach ihm geworden, em die Form, in der Kant sie gegeben hat, dem Verständnis ^gewöhnliche Schwierigkeiten bereitet hat, die für unsere Zeit • weiter angewachsen sind. Es ist selbstverständlich, dass ein tsches Werk sich an Gemeinverständlichkeit nie mit den Schriften i vf Bleichen lässt. Das dürfte aber auch nie das Ziel sein. ' nachhaltige und gewissenhafte Arbeit wird hier Niemand Einlass o möge denn Deyckes kühner Versuch möglichst weite Kreise 7 Der Leser wird wohl nicht selten nach dem Kant sehen t und dann vielleicht nach einem philosophischen Wörterbuch n; ln™er wird er von dem Studium dieser Schrift, die S c h o p e n - ;r als die schönste Kants bezeichnet hat. bereichert sein. Karl Ernst Ranke. , ,r ^ u * ■ S t a r k e : Elemente der physiologischen Chemie. >age. Mit 15 Figuren im Text. Leipzig, Verlag A. Barth, 1921. Preis 50 M. 1 dem vorliegenden Buch wird eine Darstellung vom Stande der »logischen Chemie zu geben versucht, welche nicht ohne Wider- U0*™ dai'f- Denn an nicht wenigen Stellen finden sich so offen- • na schwere Fehler, dass es dem Rezensenten nicht möglich er- 7 dieses Lehrbuch einem Lernenden zu empfehlen. Einige Ein- n, die sich der Zahl nach leicht noch vermehren Hessen, mögen I dieses Urteil belegen. Seite 303: Der Mageninhalt, „unreiner Magensaft wie ihn die klinischen Prozeduren liefern“, enthält keine freie Salz¬ säure; denn mindestens zwei Eigenschaften der letzteren fehlen ihm. S. 351 . Das spezifische Gewicht des Harns wird durch eine einzelne Zahl, noch dazu mit vierstelliger Dezimale, charakterisiert , ein spezifisches Durchschnittsgewicht von 1,0175“. S. 381: Harnsäure Salze reduzieren die Fehling sehe Lösung (keine wehere Angabe wird beigefügt; man denke an die übliche Methode des Zuckernachweises im Harn!). Die Bezeichnungen des Gebietes der Fermentlehre werden in völlig irreführender Beziehung zueinander ge¬ setzt: das Trypsin des Pankreas wird als „Diastase“ bezeichnet (S. 332); ebenso werden das Labferment, das Steapsin und die Lezithinase sowie zahlreiche andere, offenbar nicht zugehörige Fermente ständig zu den ” sJ?sen * gezählt (S. 326 etc.). Zymase ist nach Starke der Be¬ griff für die intrazellulären Fermente überhaupt, während demgegen- ^er J.'e extrazellulären Fermente als Enzyme bezeichnet werden IS. 119). Auf der gleichen Seite findet sich z. B. folgender Satz: „Zy- masen und Enzyme stimmen in den charakteristischen Diastaseeigen- schaften so vielfach überein, dass wir sie im' folgenden gemeinschaftlich beschreiben werden.“ Die Einführung in die Lehre von den Kolloiden (S._ 82— 84) ist ebenfalls sehr unglücklich; eine grosse Rolle spielen da- bei „die künstlichen Kolloide“, von denen in der Kolloidchemie selbst nichts in dem vom Verf. ihnen beigelegten Sinne bekannt ist. S 340 wird berichtet, dass „wenn man anstatt der Zellpresssäfte den aus den Zellen dargestellten chemischen Körper Nukleohiston selbst auf Zucker einwirken lässt, sich aus letzterem Alkohol und Kohlensäuregas bildet'4; wissenschaftlich ist hiervon nichts bekannt! Der Gefrierpunkt des Blu¬ tes wird (S. 213) anstatt bei —0,55 bis —0,58° bei —0,537° als normal angegeben. In einem Buch, welches Anspruch „auf den Charakter eines kurzen, klaren, aber immerhin recht vollständigen Lehrbuches der physiologischen Chemie“ (vergl. Vorwort!) machen will dürften Angaben wie die vorstehenden nicht enthalten sein. H. Schade - Kiel. Dr. J. L. E n t r e s: Zur Klinik und Vererbung der Huntington- schen Chorea. 149 S. Berlin 1921. Springer. 88 M Vorliegende Monographie ist in der Reihe der von R ü d i n heraus- gegebenen „Studien über Vererbung und Entstehung geistiger Stö- r.un®® erschienen und aus der von R ü d i n geleiteten genealogischen Abteilung der Deutschen Forschungsanstalt für Psychiatrie hervor¬ gegangen der wir ausser Rüdins grundlegendem Werk auch die wertvolle Studie von Hoffman n über die Nachkommenschaft bei endogenen Psychosen verdanken. Ausgehend von 15 neu beschriebenen Fällen hat Entres eine Reihe sehr instruktiver Stammbäume erforscht. Der Erbgang entspricht in allen Familien dem sog. einfach dominanten. Da allerdings homo- gametisch mit der Anlage behaftete Individuen nicht gefunden wurden so käme, wie Ref. hinzufügen möchte, auch intermediäres bzw. inter- ferentes Verhalten in Betracht, im Analogie zu den Morgan sehen Erfahrungen an Drosophila sogar mit grösserer Wahrscheinlichkeit als eigentlich dominantes. Dieser Unterschied ist allerdings beim Men- schen mehr von theoretischer als praktischer Bedeutung. Isolierte Fälle hat tntre s bei seinen fast ein Jahrzehnt hindurch betriebenen Nach¬ forschungen überhaupt nicht aufgefunden. Entres zieht mit erfreu- iu er Bestimmtheit auch die rassenhygienischen Folgerungen aus seinen theoretischen Ergebnissen; u. a. fordert er die Zulassung des künst- hchen Abortes für die Angehörigen der Choreatikerfamilien. Die solide und bedeutungsvolle Arbeit darf nicht nur die Beachtung der Neuro¬ logen und Psychiater fordern, sondern in mindestens ebenso hohem urade auch das allgemeine Interesse der Aerzte und Hygieniker. Lenz- München. O. Cozzolino: Lehrbuch der Pädiatrie. 3. Aufl. 1. Bd. Neapel 192 1. 571 S. Vorläufig ist erst der 1. Band des bekannten italienischen Lehr¬ buches erschienen. Er enthält: den allgemeinen Teil, die Säuglings- ernahrung, die Krankheiten der Neugeborenen, die akuten Infektions¬ krankheiten und die Erkrankungen des Verdauungsapparates. Bei der Durchsicht der einzelnen Kapitel gewinnt man den Eindruck, dass es sich H.™ ,eint v5r<;reffliches’ gross angelegtes, ausserordentlich gründliches Werk handelt, das der italienischen, aber nicht minder auch der deutschen Pädiatrie alle Ehre macht. Letzteres empfindet man mit be¬ sonderer Genugtuung. Das Buch steht ganz auf der Höhe der Zeit und verrät eine geradezu stupende Literaturkenntnis des anscheinend mit Bi.enenfleiss ausgerüsteten Autors. Besonders ausführlich und lehr- ieich ist der grosse Abschnitt über die akuten Infektionskrankheiten Bei der Betrachtungsweise der Ernährungsstörungen baut C. auf den Lehren der deutschen Pädiatrie auf, -schlägt aber bei der Einteilung derselben eigene Wege ein. Die Ausstattung des Buches entspricht nicht seinem Inhalt. M o r o. Thoraxplastik und Skoliose von Dr. Oskar H u g - Zürich Stutt¬ gart, Verlag von Ferdinand Enke, 1921. Beilagenheft der Zeitschrift für orthopädische Chirurgie. Band XLII. Im ersten Teil des vorliegenden Werkes bespricht Verfasser in fesselnder Weise die geschichtliche Entwicklung der ganzen Lungen¬ chirurgie. Von der Freundschen Mobilisationstherapie — aktive Er- weiterung der Lunge — , die im Gegensatz zur Immobilisationstherapie (runktionsausschaltung) steht, ausgehend, wird die ganze Pneumo¬ thoraxbehandlung in erschöpfender Weise behandelt: die Pneumo¬ lyse, Lungenplomben bei Spitzentuberkulose, die Phreniko¬ tomie bei Lungeiibasistuberkulose, um dann zu den die Brustwand 282 MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT, Nr. t verändernden Eingriffen der Thorakoplastiken überzugehen: die Tem¬ porärresektion, ohne Substanzverlust, die modellierende Resektion — die Entfernung der lateralen knöchernen Brustwand , die Pleuropneu- molysis thoracoplastica nach F r i e d r i c h (Entknochung der mittleren und unteren Brustwand), die Willmsche Pfeilerresektion (partielle Entfernung der oberen Rippen im Bereiche der 1.— 8. Rippe), die Sauerbruch sehe Thorakoplastik (Resektion der 1.— 10. Rippe von 12 cm Länge unter Anwendung des Unterdruckverfahrens in Lokal¬ anästhesie). Der zweite Teil behandelt die Folgeerscheinungen an 1 horax und Wirbelsäule nach operativen Eingriffen wegen Lungenerkrankungen’, wobei die Intensität des Eingriffes und das Alter, resp. Modellations- fälrigkeit des Skeletts, die ausschlaggebenden Faktoren sind. Dieses Kapitel ist für Phthisiologen, Chirurgen und Orthopäden gleich inter¬ essant. Praktisch wichtig ist die Korrektur der Thoraxwand durch die richtig dosierte Pneumothoraxbehandlung. Der Einfluss des Empyems auf das Skelett ist im I. Stadium thoraxstützend, deshalb Konvexität nach der erkrankten Seite. Im II. Stadium (Kollabierungsstadium) Kon¬ vexität nach der gesunden Seite. Je nach Zunahme des opeiativen Eingriffs nach Empyem verändern sich die statischen Verhältnisse des Rumpfskeletts. Die Skelettveränderungen nach Thorakoplastik wegen Phthise erfahren an der Hand von 22 operativen Fällen eine ein¬ gehende Kritik, gute Bilder veranschaulichen die Resultate. Die post¬ thorakale Skoliose ist eine am schnellsten einsetzende. Das Maximum der Eindellung liegt fast immer an* dem lateralen oberen Teil; para¬ doxe Atmung bei den meisten Patienten durch Ausschaltung der Musculi intercostales; direkte Veränderung der Thoraxwand; konvexe seitliche Abweichung des unteren Stern umrandes, Ausbildung des ge¬ sundseitigen Empyems und dadurch mangelhafter Qasaustausch. Ver¬ lagerung des Schultergürtels, die Skoliose ist immer operationsseitig konvex und kyphosierend. Eine eingehende morphologische Besprechung der Rumpf¬ muskulatur und ihre Beziehung zur Wirbelsäulenverkrümmung folgt diesen Ausführungen. Im III. Teil bespricht Verfasser die biologischen Grundlagen der Skciiose im allgemeinen und sucht ihre entwicklungsgeschichtlichen Tatsachen festzustellen, die an der Basis der Skoliose wurzeln. Er teilt die Skoliose ein 1. in postthorakoplastische Skoliose (Grund: operative Eingriffe), 2. in habituelle Skoliosen (Grund; die durch den Schulbetrieb ver¬ änderte Lebensweise des Kindes), 3. in rachitische Skoliosen und 4. angeborene Skoliosen. Im Rahmen eines kurzen Referates lässt sich leider nur streifen, was der Verfasser in einer Fülle von äusserst fesselnden Gedanken¬ gängen in einem 232 Seiten umfassenden Werk vorführt. Der Inhalt ist für den Chirurgen, den Orthopäden und den Phthisiologen gleich wertvoll. Die Lebhaftigkeit der Sprache bringt den Leser auch- über trockenes Material spielend hinweg. Man legt das Buch nicht mehr gerne weg, wenn man einmal angefangen hat, sich in seinen Inhalt zu vertiefen. R. P iir c kh a u e r- München. Gesammelte Auszüge aus Dissertationen an der medizinischen Fakultät Köln im Jahre 1919/20. Herausg. von Prof. Dr. A. Dietrich- Bonn, 1921. Verlag von A. Marcus & E. Weber (Dr. Albert A ii n). 268 Seiten gr. 8. 25 M. ungeb. Die medizinischen Doktorarbeiten können nicht mehr gedruckt werden, es werden nur mehr ein Paar Schreibmasehinenexemplare ab¬ gegeben. Das ist eine traurige Sache, denn sie ist ein Zeichen der unerhörten Not Deutschlands und ganz besonders der deutschen Wissen¬ schaft. Wenn man das von der Kölner Fakultät herausgegebene Buch mit den Auszügen aus 115 Doktorarbeiten durchblättert, kann man1 sich aber des Gedankens nicht erwehren, dass diese Not auch etwas Gutes mit sich bringt. Gestehen wir es ganz offen; die meisten Dissertationen waren wirklich nicht wert, in der bekannten Breite gedruckt zu werden und auch der Gedanke, diese 115 Kölner Dissertationen auf einen Hauten getürmt zu sehen und durchblättern oder gar lesen zu müssen, ver¬ ursacht Alpdrücken. So aber, auf ein und zwei Druckseiten zusammen¬ gedrängt, machen sich auch die „Fälle von . . . “ ganz nett, man freut sich über das rege Leben in der Fakultät, liest vieles mit Befriedigung und Gewinn. Man kommt zu dem Schluss, dass dieses neue Verfahren eigentlich ganz ausgezeichnet ist. So ist das Material der grossen An¬ stalten richtig verwertet, anspruchslos gebracht, aber ausreichend und übersichtlich. Ein Eingehen auf Einzelheiten ist natürlich nicht möglich, es steckt aber viel Interessantes in dem Buch. Dauernden Wert haben vor allem die verschiedenen Arbeiten über die Kriegsgeschehnisse. Wünschenswert wäre bessere Ordnung der Arbeiten nach Materie und ein Sachregister. ' Kerschensteine r. Kumbuke. Erlebnisse eines Arztes in Deutsch-Ostafrika. Von Arthur Hauer. Mit 8 farbigen Tafeln und 21 Tuschzeichnungen von Curt Gregorius. 1922. Dom-Verlag, Berlin. 329 S. Ein stolzes, schönes und wehmütiges Buch. Zum friedlichsten Werke ausgezogen, mit all dem Wagemut und der Selbstlosigkeit des deutschen Arztes, bekämpft der Verfasser in unserer Kolonie Deutsch- Ostafrika die Schlafkrankheit und all die anderen der Kultivierung ent¬ gegenstehenden tropischen Krankheiten, insbesondere deren Erreger, schweift mit frohem Sinn durch die unendlich weiten Lande des mär¬ chenhaften Gebietes, mit offenen Augen für alles, was die zauberhafte Tier- (Elefanten, Nashorne, Löwen u. a.) und Pflanzenwelt in erstaun¬ licher Fülle darbietet ... das Herz geht dem Leser auf, gepackt vo unendlicher Sehnsucht nach all dem Schönen . . . und das Herz vei krampft sich, wenn man weiter liest von den unsagbaren Muhsalen, di der Krieg über die Kolonie gebracht hat. Es ziehen die schwere Kämpfe der Kolonisten mit den feindlichen Truppen an uns vorüber die treuen Askaris, in ihrem Heldentume für uns, leben in dei Buche, alles geschaut durch die Augen des ärztlichen Verfassers. 1 spannenden Skizzen stellt der Verfasser in. flottem Stile all das dai dann erfahren wir von den schweren Erkrankungen des Arzte selbst, schliesslich seine Gefangenschaft und seinen Transport nac Indien endlich die Heimfahrt ins unfrei gewordene Vaterland. Von dem Erleben in Deutsch-Ostafrika möchte man gern noch mehr erfahren und miterleben, und um ganz in jenei zauberhafte Stimmung zu verbleiben, möchte man gerne den Teil der Gefangen Schaft in Indien und die Rückkehr nach Deutschland für ein eigene Buch reserviert haben. Die Gesamtstimmung wäre einheitlicher. Dt Buch wird, wie für uns Erwachsene, auch für unsere reifere .lugen ein dankbares Objekt der Empfehlung sein. Max Nassauer. Zeitschriften - Uebersicht. 33. Vereinfachung a lieferte gegenub von seltenen Au Metalle auf die Iminul Zeitschrift für Immunitätsforschung und experimentelle Therapi Band, Heft 1 (Auswahl). Gaethgens - Hamburg: Beitrag zur Frage der Komplementauswertui bei der Wassermann sehen Reaktion. . t • Verf. hat die K a u p sehe Modifikation der WaR. mit der Origim methode verglichen und eine höhere Empfindlichkeit dei ersten feststcili können, ohne dass die Spezifität in irgendwie nennenswerter, Weise litt, t die Komplementauswertung gibt er eine Modifikation und die ihm ebenso gute Dienste geleistet hat. Die Methode der Original-WaR. 10 Proz. mehr positive Reaktionen, die, nahmen abgesehen, spezifischer Natur waren. Hajos-Pest: Ueber die Wirkung der agglutination. . . , , ,. ,1 Durch stark verdünnte Metallsalzlösungen wird die Immunagglutinatij gehemmt. Am stärksten hemmte das TI. Mg, weniger Zn, Al. Mn, die übrig) Metalle haben kaum einen Einfluss. Die Spuren von Metallen konnten , den Metallbakterienaufschwemmungen mit mikrochemischen Reaktionen naej gewiesen werden. E. Fried her ge r und K. 0 s h i k a w a - Greifswald: Ueber (j Wirkung der Einspritzung von Serum, Toxinen und anderen Giften ln c Karotis zentralwärts bei verschiedenen Tierarten. Wie Forssmann zuerst gezeigt hat, entsteht bei Einspritzung vj giftigen Antibammel-Kaninchensera in die Karotis nach dem Herzen zu nie das bei intravenöser Einspritzung zu beobachtende Symptomenbild dj Anaphylaxie, sondern ein wesentlich davon abweichender Symptome] komplex, der sich hauptsächlich in Manege- und Rollbewegungen äussert u den Forssmann auf eine Affektion des Kleinhirns zurückführt. In aij gedehnten Nachuntersuchungen unter mannigfaltiger Variation der B dingungen konnten Verfasser diese Resultate bestätigen und eine Anzahl neij Ergebnisse finden, deren Wiedergabe hier zu weit führen würde, histologischer Untersuchungen (Schröder) ergibt sich, dass Antiserum nicht im Kleinhirn, sondern in der Medulla hier schwere Veränderungen an den Kernen setzt. Auf Gru] das gifti: oblongata angreift uj L. Saathoff - Oberstdorf. Archiv für Verdauungskrankheiten mit Einschluss der Stoff weclis Pathologie und der Diätetik, redig. von Prof. Dr. J. Boas. Bd. XXVI Heft 5/6. j M F. G r o c d e 1 - Frankfurt a. M.: Zur Magennomenklatur. (Aus cj Röntgenabteilung am Hospital zum Heiligen Geist, Frankfurt a. M. Vorstaij Dr. F. M. G r o e d e 1.) Die Abgrenzung der einzelnen Magenabschnitte müssen wir in ers Linie wohl nach röntgenologisch erkennbarer Morphologie und Funktion v nehmen, da sie allein sich intra vitam mit Sicherheit studieren lassen, wc auch zuzugeben ist, dass intra vitam und post mortem ähnliche Eormbihj vorhanden sein mögen. Da nun der anatomische Aufbau des Magens durch:; nicht eine bestimmte Form bedingt, im Gegenteil eine Reihe von Formmögbj keifen bietet, denn geformt wird der Magen letzten Endes durch die FätigM des Nervensystems, so erscheint es auch vergebliche Mühe, eine nach a) tomischen Richtlinien aufgestellte Nomenklatur für alle Fälle durchführen | wollen. Erst, wenn wir einmal genügende Klarheit über die nervöse V sorgung des Magens besitzen, wird es auch möglich sein eine anatonusj physiologische Nomenklatur durchzuführen. Nick- Berlin: Ueber hochsitzende Duodenalstenosen. (Aus der innel Abteilung des Augusta-Hospitals. Prof. Dr. Schlayer.) Ist es schon äusserst schwierig eine tiefsitzende Duodenalstenose klini von einer Pylorusstenose zu trennen, so ist bei hochsitzender Stenose d Differenzierung bekanntlich überhaupt unmöglich. Die 2 hier veröffentlich) Fälle, die vor der Operation als Pylorusstenose, bedingt durch Karzmr angesprochen werden mussten, geben Verf. Veranlassung zu folgender Fra Stellung: Wie kommt es, dass bei der suprapapillären Duodenalsteri. folgender eigenartiger Symptomenkomplex sich darbietet: Fehlende bi auffallend geringe Hypertrophie der Muskularis, bei starker Magenekt.* sowie Retention, in Verbindung mit HCl-Defizit und Auftreten von Mlfl säure? Zur Erklärung muss seiner Ansicht nach die uns geläufige Erschein der gutartigen Pylorusstenose nicht so fast als die Folge der mechanisch Stenose, sondern als Wirkung des erkrankten Pförtners selbst, durch aki Reizwirkung aufgefasst werden. B ä r so n y - Pest: Beiträge zur Radiologie des Ulcus duodeni. B. beschreibt seine seit 1912 gemachten weiteren röntgenologischen fahrungen und Beobachtungen. Differentialdiagnostisch lenkt er die ■■■ merksamkeit darauf, dass nicht nur im Falle grosser Kolondehnung, sowie Kaskadenmagen, sondern auch bei nichtkompensierter Stenose, wenn Beginn kaum Erbrechen vorhanden war, an die Möglichkeit eines Duode^ geschwürs zu denken ist. Im übrigen sprechen Beschwerden im recl Hypochondrium bei Frauen mehr für Gallensteine, bei Männern mehr Februar 1922. MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT. 283 denalgeschwür, welch letzteres anfangs meist nur nachmittags Schmerzen j und erst später auch nachts, bei ihm sind die Schmerzen zumeist auch ich, um dann auszusetzen und nach längerer Pause wiederzukehren, : reiid bei Gallensteinen die Krampfanfälle in mehrtägigen bis wöchent- >n Intervallen aufzutreten pflegen. S c h o p p e - Frankfurt a. M.: Vergleichende Untersuchungen auf tryp- les Ferment ln den Fäzes und im Duodenalsaft mit der Kaseinmethode. , der mediz. Universitäts-Poliklinik. Prof. J. Strasburger.) Während nach Sch.s Untersuchungen die zur Prüfung auf tryptisches nent im Stuhl unsprünglich angegebene Gross-Koslowski sehe •inmethode als diagnostisches Hilfsmittel heutigentags nicht mehr ange- ichen werden kann und auch die von Matko angegebene Modifikation unter gewissen Einschränkungen einen diagnostischen Schluss gestattet, rt die Kaseinmethode, mit Duodenalsaft angestellt, brauchbare Resultate. Annahme einer funktionellen Pankreasstörung allerdings, im Zusammen- g mit Magenerkrankungen, wird durch Sch.s Untersuchungsergebnisse t gestützt, weitere Beobachtungen in dieser Richtung sind erforderlich, auch hinsichtlich der Frage, ob Darmerepsin hei Anwendung der Kasein- hode im Duodenalsaft wesentlich beteiligt ist. K e 1 1 i n g - Dresden: Ulcus pepticum iejuni und Pylorusausschaltung. dem Artikel von Prof. H a b e r e r in Heft 1 d. Zschr. Bd. 28. K. bestreitet Hab er er die Bedeutung seines einen Falles von jrusausscbaltung bei Ulcus duodeni nach K e 1 1 i n g hinsichtlich der daraus jgenen Schlussfolgerungen, umsomehr, als sich nicht ohne weiteres be¬ iten lässt, dass nicht auch trotz der Resektion des ganzen Pylorusteiles tische Ulzera, wenn auch sehr selten, entstehen können. B a u e r m e i s t e r - Braunschweig: Pylorospasmus und Pylorusstenose Röntgenbild. Wenn B. schreibt, dass zur Entscheidung, ob im Röntgenbilde ein orospasmus oder eine Pylorusstenose vorliegt, in zweifelhaften Fällen i noch andere Untersuchungsmethoden herangezogen werden müssten, so :heint mir diese Deduktion insofern nicht ganz richtig, als normaler Weise ;e Untersuchungen doch schon vorher ausgeführt sein sollten, ehe der nke überhaupt vor den Schirm gestellt wird. Rennen- Düren: Pleuritis und Magenschmerzen. (Aus dem städtischen nkenhaus Düren, Oberarzt Dr. Liebermeister.) Die Schwierigkeit der Diagnose Ulc. ventric. bei fehlender Blutung macht uns zur Pflicht, bei Magenschmerzen mit mangelnden, greifbar funk¬ eilen Veränderungen am Magen selbst bzw, an anderen Organen des lomens auch an die Möglichkeit einer Pleuritis zu denken. Besonders ide man da nach einer Pleuritis diaphragmatica als Frühsymptom von erkulose, wobei das Röntgenbild und diagnostische Tuberkulininjektionen ntbehrliche Hilfsmittel darstellen. F i n s t e r e r - Wien : Zur Indikationsstellung bei akuten Magen- und denafblutungen. Wenn auch die Ansicht der meisten Internisten und vieler Chirurgen in geht, bei der Indikationsstellung zur Operation 'der akuten Blutungen konservative Behandlung als Normalverfahren zu bezeichnen, so glaubt doch mit aller Entschiedenheit gegen Schüllers Beweisführung in ler Arbeit „Ueber die Indikationen zum chirurgischen Eingreifen bei irtigen Magenerkrankungen“ in Heft 1 d. Archivs Bd. 28 Stellung nehmen müssen, denn die Behauptung, dass die Resultate der Operation während akuten Blutung schlechter seien als die der internen Behandlung, lässt i nur dann aufrecht erhalten, wenn' man eben vollkommen unrichtige len zum Vergleiche heranzieht. A. J o r d a n - München. Zeitschrift für orthopädische Chirurgie einschliesslich der Heil- nnastik und Massage. XLII. Band. 1. Heft. Sven Johannsson: Ein Fall kongenitalen Defekts von Radius Ulna. Verf. beschreibt einen, bisher in der Literatur noch nicht beschriebenen eines totalen Defektes beider Vorderarmknochen mit Hautnarbe (wohl nionfalte); der Humerus zeigt im Röntgenbild an seinem distalen Ende ■ rechtwinkelige Beugung. Diese wurde durch Osteotomie gerade gestellt, •auf auch der Arm in gerader Stellung korrigiert wurde. P. M ö h r i n g - Kassel: Ein neuer Osteoklast. Wirkung geht aus einer Abbildung hervor. Fr. Staffel: Ein eigenartiger Stützkorsetttypus. Beschreibung eines vom Verf. unter Weglassung wichtiger auch für das ginal-Hessingkorsett nötiger Stützen konstruierten Korsettes. Die Vor- i, die Verf. von seinem „weichen System“ angibt, dürften wohl für Fälle, einer wirklichen Stütze bedürfen, kaum in Frage kommen. A. B r ü n i n g - Giessen: Beitrag zur Lehre vom Fussgewölbe und vom ttfuss. Verf. hat seine frühere Meinung über den Plattfuss geändert. Unter- lungen an Studenten, die sich dem Sport widmen, haben ihn davon über- gt, dass am leistungsfähigsten jene Füsse sind, bei welchen sich unter dem atarsus I und V Schwielen finden; alle guten Schnelläufer und Fuss- ger gehören jener Klasse an. Verf. glaubt, dass jeder Pes plan, mit Pes i. transv. beginnen muss. Selbstverständlich können beide Senkungen eneinander hergehen. Der Knickfu.ss hängt vom Gang des Menschen bei wärts gekehrter Fussspitze ab; das Primitive ist die Parallelstellung des ses. Nach phylogenetischen Betrachtungen hält Verf. die Anschauung für richtige, die den Metatarsus III als vorderen Bogen des Fussgewölbes eichnet. F. S c h u 1 1 z e - Duisburg: Die Einteilung des Plattfusses in seinen ein- len Formen und deren Behandlung. Die vom Verf. geübte Technik beim Redressement des Plattfusses mit !em schon aus der Klumpfussbehandluiig bekannten Redresseur beruht tatsächlich auf der Veränderung in der Form «nid Stellung des Kalkaneus 'ich und in seinem Verhältnis zum Talus. M. B r a n d e s - Dortmund: Zur M a d e I ti n g sehen Deformität des idgelenks. Br. hat 2 Geschwister, die schon vor 10 Jahren wegen Madelung- er Deformität von ihm untersucht wurden, einer eingehenden Untersuchung erzogen. Er fand, dass die Deformität sich seit dieser Zeit noch weiter gebildet hat und schliesst daraus, dass die von Springer aufgestellte mrie bezüglich der Entstehungsweise der Madelung sehen Deformität it in allen Fällen zutrifft, sondern dass in verschiedenen Fällen die eigent¬ lich auslösende Ursache in einem lokalen Prozess des Handgelenks zu suchen ist. . . , „ . . M. Brandes - Dortmund : Die Volkmann sehe Sprunggelenk¬ deformität als Folge kongenitaler Luxation der Fibula nach hinten. Die V o 1 k m a n n sehe Sprunggelenkdeformität, eine hereditäre kongeni¬ tale Luxation des Sprunggelenks wird durch Defekt der Fibula oder durch Verlagerung der Fibula nach hinten verursacht. Der Verfasser verwirft die von D r e i f u s s vorgeschlagene Atrothese des Sprunggelenks für solche Fälle wo es sich nur um eine Verlagerung der Fibula handelt und befürwortet Sehnenplastik. R. Pürckhauer - München. Archiv für Orthopädische und Unfallchirurgie. Band 19. Heft 1. Roeren - Köln: Ueber progrediente Fussdeformitäten hei Spina bifida occulta. * Ausführliche Darstellung dieser Deformitäten (Pes equvnus, I es varus. Pes excavatus). Therapeutisch kann die Verwachsung des Conus medullans gelöst bzw. ein dort sitzendes Myofibrolipom beseitigt werden. Ausserdem Wiederherstellung des gestörten Muskelgleichgewichts am Fuss und event. Operationen an Knochen und Faszie. Magnus- Jena: Vlerfüssler mit fakultativem Handgang. Beschreibung eines schweren Falles von Kinderlähmung mit Handgang, mit Abbildungen seiner ßewegungsfähigkeit. v. Schütz: Untersuchung über den Gang von Doppelt-Oberschenkel- atnputierten. . Mit Hilfe photographischer Augenblicksaufnahmen nach du Bois- R e y m o n d wurde der Gang untersucht und in zahlreichen Kurven dar- D e b r u n n e r - Berlin: Ueber den Wert der A 1 b e e sehen Operation bei tuberkulöser Spondylitis. Genaue Aufstellung der Indikationen auf Grund der Erfahrungen. Unge¬ eignet bei Fisteln oder Abszessen im Schnittgebiet oder schlechtem Allge¬ meinzustand. Bei schweren, langdauernden Lähmungen angezeigt bei gleich¬ zeitiger Laminektomie, ausserdem bei jeder Spondylitis mit und ohne Abszess. 3 monatliche Bettruhe in Bauchlage und Unterstützung durch die moderne Tuberkulosetherapie (Sonne, Luft, Ernährung). Kinder bis zum 4. Lebens¬ jahre sind nicht zu operieren, ältere nur dann, wenn mehr als 2 Wirbel erkrankt sind. Besonders Erwachsene eignen sich für die Operation. Ueber- mässig grosser Gibbus ist Gegenindikation. Mehrfache Herde sind nicht zu operieren. M a t h e i s - Graz: Ein angeborener Schulterblatthochstand nach F. König operiert. Embryonale Bildungsstörung häufig mit Skoliose, Muskel-Rippendefekt, Wirbelspalten, Halsrippen und Keilwirbeln verbunden. Das umgebogene obere Schulterblattende ist in Schlüsselbeingrube tastbar. Bisweilen Beweg¬ lichkeit des Armes behindert. Im beschriebenen Fall zeigt Röntgenbild knöcherne Spange vom Querfortsatz des 7. Halswirbels gegen inneren oberen Schulterblattwinkel ziehend. Operation: Entfernung der Knochenspangen oder bindegewebigen Stränge zwischen Wirbelsäule und Schulterblatt |Und des umgebogenen Schulterblattwinkels, oder die König sehe Operation, hier modifiziert ausgeführt: Freilegung und Abtragung des inneren oberen Schulterblattteils, sodann wird ein 1 cm breiter Streifen des inneren Schulter¬ blattrandes mit Meissei abgetrennt, worauf sich das Schulterblatt 4 — 5 cm abwärts ziehen lässt. In dieser Lage werden die beiden Schulterblattteile wieder ' miteinander vereinigt. Sodann wird der untere Schulterblattwinkel so durch einen Knopflochschlitz des Latissmus dorsi durchgeführt, dass eine ausgiebige Verschiebung des Schulterblattes möglich wird. Gute Beweg¬ lichkeit. V a 1 e n t i n - Frankfurt a. M.: Zur Kenntnis der Geburtslähmung (Duchenne-Erb) und der dabei beobachteten Knochenaffektionen. Stellt fest, dass es sich nicht um Luxation des Oberarms handelt, dass nur in Ausnahmefällen bei Anwendung grober Gewalt Epiphysenlösung beob¬ achtet wird, da ja bei spontaner Geburt das Leiden auch vorkommt. Deutet die Veränderung als Folgen der Nervenverletzung, als neurotische Knochen¬ atrophie und sucht die Verletzungsstelle am E r b sehen Punkt. Die Innen¬ rotation erklärt sich durch Lähmung bestimmter Muskeln, in einzelnen Fällen durch Distarsion des Schultergelenks. F r i s c h - Würzburg: Ueber Wachstumshemmung im Oberkiefer bei Lippen-Kiefer-Gaumenspalten. Die Lippenspalte ist möglichst frühzeitig zu schliessen, weil wegen der leichteren Formierbarkeit die Aussichten, die durchgehende Spalte in eine unvollkommene zu verwandeln, am besten sind. Orthodontische Behandlung nach der Operation notwendig. v. d. H ü 1 1 e n - Giessen: Zur Klinik elektrischer Unfälle. 2 Fälle von Starkstromverletzung, bei denen wiederholte Blutungen, offenbar infolge Gefässwandschädigung durch den Strom beobachtet wurden. In einem Falle mit Kopfverletzung stiess sich ein handtellergrosser Sequester des Schädeldachs allmählich ab. R a d i k e - Berlin: Erfahrungen mit Kraftübertragungsapparaten bei Lähmungen, Schlottergelenken und Gelenkdefekten. Beschreibung von Bandagen, mit denen durch Schulterheben der Unter¬ schenkel betätigt wird, insbesondere der amerikanischen Fitwellbandage. Am Arm gelang es bei Pseudarthrosen und Schulferdefekten nur selten, den mit Schienenhülsenapparat versehenen Arm mit einer solchen Bandage aus¬ reichend zu bewegen. Verwendung der Fitwellbandage zur Bewegung leichter Beinapparate bei Quadrizepslähmung und Knieschlottergelenk. Heft 2. P e r t h e s - Tübingen: Ueber plastischen Daumenersatz, insbesondere bei Verlust des ganzen Daumenstrahls. a) Fernplastik nach Nicola doni. b) Umgebungsplastik durch Spalt¬ bildung oder Fingerauswechslung oder Drehung von Fingern gegeneinander, so dass sie sich zur Greifung berühren können. P. hat nur Umgebungs¬ plastiken ausgeführt: Bildung eines selbständigen Daumenmetakarpus unter Entfernung des Metakarpus II zur möglichst tiefen Spaltbildung. Bei Verlust des ganzen Daumenstrahls Anlegung eines Spaltes zwischen 2. Metakarpus und übriger Mittelhand und Artikulierung des 2. Metakarpus mit dem Multungulum . majus und schliesslich Drehung des Zeigefingerstumpfes zur Mittelhand zur Bildung einer Zange. Mit dieser Methode wurde in 3 Fällen eine sehr brauchbare Hand erzielt. S c h m i 1 1 - Köln: Bursitis calcarea am Epicondylus externus humeri. Ein Beitrag zur Pathogenese der Eplkondylitis. 284 MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT. N) Mitteilung eines Falles mit Schmerzen an der Aussenseite des Ellen- bogengelenks Im Rüntgenbild am lateralen Condylus hürnen von ihm ab grenzbar ein unregelmässiger bohnengrosser Schatten von K"ochtgns^stg"j' Die Operation findet eine mit krümeliger Masse ausgefullte Zyste, du e e t fernt wird. Dieselbe besteht aus schwieligem (jewebe mit Hohlraumen, die mit kohlen- und phosphorsaurem Kalk ausgefüllt sind. Weil- Breslau: Die Aetlologie der Plexuslähmung der Neugeborenen Nach Kritik der bisherigen Anschauungen über die Ursache des L ndens stellt er eine neue Hypothese auf. Er glaubt, ebenso wie der hp.eb urt ' fach als intrauterine Druckschädigung anzusehen ist und nicht als (jeburt Schädigung, auch einen Teil der Entbindungslahmungen als intrauterine Druck¬ schädigung ansprechen zu sollen. _ _ ... K r e u z - Berlin: Zur intrapelvinen extraperitonealen Resektion des Nervus obturatorius nach Selig. . . m ln 13 Fällen ausgeführt, 8 mal nach Selig, o mal von einem supra¬ symphysären Querschnitt. Beschreibung und Krankengeschichten. Nach¬ behandlung mit Schienen und Uebungen. B a u m a n n - Aarau: Ueber die Dauerresultate der operativ behandelten Mcniskusverletzungen des Kniegelenks. Pll(, Anwendung der B r u n sehen Exstirpationsmethode, d. h. der Entfernung nur des beweglichen Teiles des Meniskus und nur bei schwerer Zerreissung die totale Entfernung. Von 90 Nachuntersuchten waren 52 Proz. ideal geheilt, ohne die geringste Einbusse ihrer Leistungsfähigkeit. Bei 41 Eroz. schwankt die Qualität zwischen glänzend und gut, sie konnten ohne erhebliche Be¬ schwerden ihren Beruf erfüllen. Nur 6.6 Proz. sind mehr oder weniger ungünstig Hierbei Kombination mit Arthritis deformans. Die Arthritis deformans steht in keinem ursächlichen Zusammenhang mit der Entfernung des Meniskus Wiederaufnahme der Arbeit meist schon 4—5 Wochen, sonst spätestens 8—10 Wochen nach der Operation. Indikation zur Operation, wenn es nach mehrwöchiger konservativer Behandlung wieder zu einem Rezidiv kommt. .... . D Bo eckh -Heidelberg: Beitrag zur Kenntnis der Aetiologie und Be¬ handlung der rachitischen Thoraxdeformitäten. Unter 1000 Rachitikern beobachtete man fast 700 mal Thoraxrachitis. Die intramammilläre Einsenkung am Thorax gilt sogar als Fruhsymptom der Rachitis Der bimförmige Thorax zeigt im oberen und unteren Abschnitt grosse Unterschiede des sagittalen und Querdurchmessers. Normalerweise beteiligt sich bei der Atmung des Kindes Thorax und Abdomen gleichmässig. Beim rachitischen Thorax wölbt sich das Abdomen bei Inspiration stark voi, während der Thorax sich wenig oder nicht bewegt. Der muskelschwache Bauch muss gestützt werden, um die rein abdominale Atmung auszuschalten und sie dem Thorax aufzuzwingen. Dies geschieht durch eine Binde um den Leib, die auch das seitliche Ausweichen der Rippenbögen verhindert. F r o s c h - Berlin: Statistik der Knochen- und Qelenktuberkulose in den letzten 5 Jahren (1915 — 1920). Aus der interessanten Aufstellung des grossen Materials aus der Berliner orthopädischen Poliklinik geht hervor, dass dem Mittelstände 20 Proz. mehr Kranke entstammen, wie dem Proletariat, dass das Leiden in erster Linie eine Erkrankung des Kindesalters, dass mehr das weibliche als das männliche Geschlecht beteiligt ist und die rechten Extremitäten etwas bevorzugt sind. Die höchste Frequenz wurde 1918/19 erreicht. M o n t f o r t - München: Aus der Beschaffungsstelle für orthopädische Versorgung Münchens. . Die Arbeit ist von grossem Wert für alle Aerzte, die mit der •Versorgung: der Beschädigten zu tun haben. Im Original zu lesen. v. S c h ii t z - Berlin: Die Fahrkartenlochzange als Ansatzstück. Der Oberarmamputierte ist für die dauernde und schnelle Arbeit nicht geeignet. Der Unterarmamputierte mit gut erhaltener Ellenbogenbeugung da¬ gegen vermag wirtschaftlich mit diesem Hilfsgerät zu arbeiten. Heft 3 und 4. Li er- Zürich: Die funktionelle Prognose der offenen und subkutanen Sehnenverletzungen der Finger und der Hand. Extensorenverletzungen sind häufiger und günstiger als Flexoren¬ verletzungen. Primäre Naht 61 Proz. Heilung der Strecker, 38 Proz. der Beuger. Sekundäre Naht 32 Proz. Heilungen der Strecker. 17 Proz. der Beuger. Prognose bei Landwirten am besten, weil glatte Wunden, bei Metall- und Fabrikarbeitern am schlechtesten, wegen der Zerfetzung. Im Alter von mehr als 60 Jahren selten Heilungen. Ursache der Misserfolge meist Ver¬ wachsung. Infektion bei den Flexoren erheblich mehr, als bei den Extensoren. Lokalisation bei Extensoren: Prognose schlecht am Nagel- und Mittelglied, am besten am Grundgelenk und Handrücken: proximal vom Handrücken wieder schlechter. Bei Flexoren: gut nur über dein Grundgelenk, in Hohl- liand und Handgelenk schlecht. B r a n d e s - Dortmund : Zum Spätresultat der Elfenbeinbolzungen des Fussgelenkes. 2 mal Bruch der Bolzen, 3 mal Wanderung der Bolzen aus Kalkaneus und Talus nach oben weit in die Markhöhle der Tibia hinein, offenbar infolge von Waokelbewegungen bei Schritt und Tritt. Die Erfolge der Knochen¬ bolzung sind im Enderfolg der Elfenbeinbolzung überlegen, besonders wenn sie periostbedeckt sind, wegen der Bildung von Knochenbrücken, die die Ankylose herbeiführen. G r a u h a n - Kiel : Zur operativen Behandlung des angeborenen Schulterblatthochstands nach König. Beschreibung eines Falles mit doppelseitigem Hochstand und Defekt der unteren Partie des Kukullaris. Links abnorme Verbindung des medialen Randes mit Querfortsätzen der Brustwirbel. Der obere Teil war deformiert nach oben aussen vorn, so dass er vorn am Hals prominierte und Erhebung des Armes beschränkte. Operation nach König mit befriedigendem kos¬ metischen und funktionellen Resultat. S c h u b e r t - Königsberg: Zur Frage der hohen Oberarmbrüche: Ursache und Behandlung der Schulterversteifung. Entscheidend ist der Zustand des Deltoideus, der auch bei Atrophie den Gelenkschluss aufrechterhält. Primär tritt reflektorische Adduktions¬ kontraktur, sekundär Schrumpfung der Gelenkkapsel ein. Für die meisten hohen Oberarmbrüche empfiehlt sich Streckverband in rechtwinkliger Abduktion. Während der Verbandbehandlung und nach Abnahme des Ver¬ bandes Bewegungsbehandlung, im wesentlichen mit aktiven Uebungen. B r a n d e s - Dortmund : Ueber die operative Behandlung der Klaueu- Hohlfüsse. 20 Fälle. Bei leichten Fällen: Redressement, Faszio- und Myotomie der Fusssohle und Verpflanzung des Extensor hallucis an das Köpfchen Sesambein des ersten Metatarsus. Bei Lähmung oder ^rese des Til anticus Verpflanzung des Peroneus longus auf Tibialis. Quere Durchsc s düng des Lig Plant long. ist wichtig bei starker Exkavation. Beim typu Klauenhohlfuss besteht selten ein echter Equinus, meist nur Equinus i Vorderfusses, mit Abknickung im Chopart. Achillotomie vermehrt de . die Deformität. In schweren Fällen Keilosteotonne in der (legend i Chopart. , .. G a u g e 1 e - Zwickau: Eine Klumpfussoperation. In bestimmten Fällen gibt Adduktion des Vorderfusses, besonders , Grosszehe, Anlass zu Rezidiven. Abduziert man dieselbe, so senkt der Aussenrand des Fusses abwärts. Drückt man diesen nach oben, die Grosszehe in Adduktion. Der Aussenrand ist bei Kiurnpfuss lange der Innenrand. Der 5. Mittelfussknochen widerstrebt der Korrektur. G mehrfach die Basis des 5. Metatarsus entfernt und die gegenüberlie« Seite des Kuboids angefrischt, um Verwachsung zu bekommen. Dam! der Widerstand beseitigt. Gute Resultate v. Schütz -Berlin: Die Messung indirekter Kraftquellen zur Betatl k u i i s tli ch et-i r Gl ^ e ^e r^ r 3 f t ^ u e 1 1 e n sind V0I1 Dr. ing. Meyer gemessen wo v. Sch. hat unter der Leitung von Prof. Schlesinger die indirt Kraftquellen untersucht und gemessen und in sehr ausführlichen lat und vielen Abbildungen die Grösse der Dauerleistung ermittelt Sonntag- Leipzig: Ueber federnde und nichtfedernde Subluxatlor Ellenköpfchens. . , Das nicht seltene Leiden der Subluxation der Ulna im unteren K Ulnargelenk, das häufig nach Verletzungen auf tritt, ist noch nicht ge! da anatomische Untersuchungen fehlen. Wahrscheinlich sind Kapsel, mentum later, int. und Lig. suberuentum zerrissen. Reposition ist b Retention schwierig. Fester Verband 3 Monate lang. Beim typischen Ra bruch tritt das Leiden auch auf. Behandlung: entweder feste Lederbar j oder Operation mit Fixation durch Bandnaht oder Knochennaht mit basl Verstärkung, nur ausnahmsweise Resektion. _ R ü h 1 e - Göttingen: Röntgenologische Studien über eine mit dem IN Os acetabuli bezeichnete Veränderung am oberen Pfannenrand. Das röntgenologische Os acetabuli ist nicht mit dem anatomischen j stanten 4. Beckenelement identisch. Es ist stets eine pathologische ) änderung. meist Folge rachitischer oder osteomalazischer Erkranku seltener eine Fraktur, oder ein Sequester, oder eine Ossifikation, Cd mobile. Bei Spätrachitis ist es als Spontaninfraktion, nach Art einer f hellungszone aufzufassen. Bla ss- Worms: Hebung des Hängefusses bei Peroneuslähmung i) Sehnenplasitk. , . . _ . , <■[ 3 Fälle, in denen der Tibialis posticus absteigend Sehne auf . nach Nicoladoni auf den gelähmten Tibialis anticus verpflanzt v unter geringer Spannung bei höchstmöglicher Stellungskorrektur inj Knopfloch der Sehne durch einen subkutanen Fettkanal ohne Abknit des Muskels. In einem Falle wurde neben dem Tibialis posticus der Fl hailucis longus auf die Extensoren umgepflanzt, blieb aber funktioi Offenbar weil er durch die Herumfuhrung um die Aussenseite des l Schenkels nach vorn abgeknickt wurde. Tätigkeitsbericht der Prüfstelle für Ersatzglieder Charlottenburg. Insbesondere Erfahrungen über den Carnesarm. Ho h mann - Münch! Archiv für Gynäkologie. Band 115. Heft 2. O. Zietzschmann: Ueber Funktionen des weiblichen GenitaF Säugetier und Mensch. Die führende Rolle für das Genitale ist in allen Stadien der Entwic und im geschlechtsreifen Zustande bis zum Verlöschen der Funktion) Keimdrüse zuzusprechen. Die zyklische Tätigkeit des Ovars unti Gebärmutter steht unter der Herrschaft von Hormonen. Die Mithilfe interstitiellen Eierstocksdrüse ist noch nicht erwiesen. Der reifende Fel regt die erste Neubildung der Uterusschleimhaut an. Das Corpus. li regt fortgesetzte Neubildung im Uterus bis zur Höhe und Ueberleituil den Schwangerschaftszustand an, Der sich entwickelnde Embryo sichei) Erhaltung des Corpus luteum. R. Zander: Ueber Radiumdosierung. In der B u m m sehen Klinik ist die Technik bei Radiumbehandlunj üebärmutterkrebses so ausgebildet, dass ausser einem intraut j liegenden Radiumröhrchen (ca. 50mg) noch gleichzeitig ein zv, quer vor die Portio gelegt wird. Um Verschiebungen zu vermeiden, der Apparat durch Eingiessen -einer rasch erstarrenden sog. Stenzmas die Scheide festgehalten. Wichtig ist die Feststellung, dass Radiumpräri bis zur Berührung nebeneinandergelagert, sich in ihrer Wirkung addf und dass auch rechtwinklig zueinander gelagerte Präparate sich verstä H. Zacherl: Beitrag zur Klinik und Therapie der Eklampsie, j Bericht über 188 Fälle von Eklampsie, darunter zweimal o Krampf e. Sterblichkeit der Kinder 33 Proz.. der Mütter 20,7 f Therapie ist die der ,,sog. mittleren Linie“, d. h. Grundsätze von Si ganoff kombiniert mit Aderlass; Leitung der Geburt exspektativ. J sinken der mütterlichen Sterblichkeit von 21,7 Proz. in den Jahren 190' auf 12.7 Proz. in den Jahren 1911 — 20! H. Katz: Ueber den plötzlichen natürlichen Tod in Schwangers) Geburt und Wochenbett. Sehr eingehende und interessante Durcharbeitung von 95 Fällen, di| zur Obduktion gekommen sind. 33 Frauen starben plötzlich wä; der Gravidität, während des Geburtsaktes 14. In unmittelbarem Anstf an die Geburt starben 29 und im Wochenbett 19. 22 mal waren Krankl des Herzens und der Gefässe, der Lungen und Niereij Ursache, 3 Schwangerschaftstoxikosen.- Verblutung und Luftembolie verschuldetet Tod in 24 Fällen; während im Wochenbett 19 Frauen meist an Throi embolie zugrunde gingen. F. Kirstein: Ueber die prognostische Bedeutung der Keimhän bei Kreissenden und Wöchnerinnen. Auf Grund seiner Untersuchung glaubt K. an die von anderer j bestrittene pathognomonische Wichtigkeit der Hämolyse. Wichtiger fil ist die Virulenz der Erreger und die Widerstandskraft der Kranken, wir aber über diese letztere gar nichts Sicheres wissen, leidet die Prog zierung an einer bisher noch nicht auszufüllenden Lücke. . , Februar 1922. MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT. 285 F. Kirstein: lieber die passive Immunisierung des Neugeborenen mit Behrings Diphtherie-Vakzin „TA“. Die aktive Immunisierung der Neugeborenen mittels des Vakzins „TA“ lieint möglich zu sein, ist aber für die Bekämpfung der Diphtherie un- eignet, da sie sich wenig wirksam oder zu langsam entwickelt. Neuge- irene kann man passiv immunisieren, wenn die Mutter in den letzten hwangerschaftsmonaten mit „TA“ behandelt wird. Trotzdem dann der ltitoxingehalt des Neugeborenen so auf das Vierfache erhöht werden kann, kranken auch solche Kinder ebenso häufig wie Kinder nicht vorbehandelter iitter. Erfolge bei Neugeborenendiphtherie sind scheinbar weniger auf den ntitoxingehalt als auf das normale unspezifische Pferdeserum beziehen. B. Aschner: Ueber einen eigenartigen Ovarialtumor aus der Gruppe r Folllkulome. Auffallende Menstruationsstörungen und ein bisher noch nicht beschrie- ner Befund in Form einer gänseeigrossen, massiven Corpus luteum- nlichen Bildung. (Einzelheiten der sehr eingehenden pathologisch-anatomi- lien Untersuchung lassen sich in kurzen Worten nicht berichten.) H. Füth: Beitrag zur Scheidenverätzung mit Chlorzink. Eine an Fluor Erkrankte hat sich anstatt des 5 proz. Protargoltampons [bst einen Tampon eingeschoben, der mit 50 proz. Chlorzinklösung ; tränkt war. Folge: eine vollständige Abstossung der vollkommen krotisch gewordenen oberflächlichen Schichten im Scheidengewölbe und der Portio in Form eines negativen Gipsabgusses. Heilung ohne Scha¬ ni (Solche Beobachtungen kamen in den Zeiten, da man noch den llorzinkstift nach Dumontpallier verwendete und die Scheide nicht nügend schützte, doch öfter vor. D. B.) H. Baumm: Osteogenesis imperfecta. Von gesunder I.-para wird eine Frühgeburt mit 9 Monaten entbunden, dien Veränderungen am Schädel sind Arme und Beine stark verkrümmt, ■chter Oberarm und beide Oberschenkel sind gebrochen. Röntgenbild. Er- hrung an der Mutterbrust. Spontanfrakturen im Verlauf der nächsten jnate. Das Kind gedeiht sonst gut, kann aber weder gehen noch sitzen, e Differentialdiagnose ob Osteogenesis imperfecta oder Osteopsathyrosis ist jht scharf zu machen. Therapeutisch schien Phosphorlebertran von itzen zu sein. Rob. Meyer: ..Plattenepithelknötchen“ in hyperplastischen Drüsen der irpusschleimhaut des Uterus und bei Karzinom. Im Anschluss an die bekannte Erscheinung, dass Epithelveränderungen, : im mikroskopischen Bild den Eindruck des Karzinoms machen, klinisch ;er gutartig sind, d. h. oft eben nur durch die Ausschabung geheilt bleiben, Versuchte M. mit bekannter Gründlichkeit einen eigenen Fall. Zu einem dgültigen Schluss über die diagnostische Wertung solcher „Plattenepithel- ötchen“ kommt auch M. nicht, meint aber, es wäre gut, solche Kranke t im Auge zu behalten. W. Strakosch und H. E. Anders: Beitrag zu der Lehre von n Akardiern: Ueber einen Holoakardius eumorphus. Im Gegensatz zu der allgemeinen Erfahrung hat in diesem Falle der ardische Zwilling ein völliges Geburtshindernis geschaffen und machte eine rstückelnde Operation notwendig; ausserdem tiefsitzende Plazenta. Wegen ehgradigen Oedems des Akardius muss nach spontaner Geburt des ersten nllings der zweite z. T. embryotomiert werden. Die pathologisch- atomische Beschreibung des absolut herzlosen Kindes muss im Original t seinen Abbildungen gelesen werden. W. S. F 1 a t a u - Nürnberg. Zentralblatt für Gynäkologie. 1922. Nr. 4. M. Henkel- Jena: Die intrakraniellen Blutungen Neugeborener. Diese sind durch Traumen intra partum leicht zu erklären; aber nicht in en Fällen, in denen die Sektion des Neugeborenen diese Blutungen als desursache aufdeckt, ist das Trauma nachweisbar. Hier muss die Asphyxie ; die Ursache der Blutung angesprochen werden. Diese Annahme wird durch unterstützt, dass auch sonst bei der Sektion Blutungen, wenn auch r kleine und kleinste (Herzmuskel, Endokard usw.) festgestellt wurden, r die Behandlung dieser Geburtskomplikation ergeben sich aus diesen obachtungen wichtige therapeutische Folgen: rasches Eingreifen durch rceps bei starker Asphyxie unter besonderer Herztönekontrolle. J. A r n o 1 d - Innsbruck: Schwangerschaft nach schwerer beiderseitiger :nexentzündung. Kasuistische Mitteilung, bl. 1921, Nr. 43.) Antikritik. M. M ü 1 1 e r - Mainz: Klinische Beobachtungen über Traubenzucker als ihenförderndes Mittel. Auf Grund einer Reihe von Versuchen schliesst Verf., dass der Trauben- cker in 40 — 50 proz. Konzentration in Menge von je 10 ccm intravenös pliziert, steril, ein gutes wehenförderndes Mittel ist, vornehmlich bei Er- idungswehenschwäche; er ist schadlos für Mutter und Kind und hat den rzug der Billigkeit und leichten Erlangbarkeit. W. S i g w a r t - Frankfurt a. M.: Erwiderung auf den Artikel von Sachs: Zur Entwicklung des nachfolgenden Kopfes beim toten Kinde. H. Baumann - Breslau. Zum IV. Handgriff. Polemik gegen Fuchs. H. H e 1 1 e n d a 1 1 - Düsseldorf: Blutige Verfärbung des Nabels als dia- ostisches Zeichen von Extrauteringravidität. Bestätigung der H. sehen Beobachtung durch C e 1 1 e n - Baltimore und •insohoff - Cincinnati. Werner- Hamburg. Zeitschrift für die gesamte Neurologie und Psychiatrie. 1921. md 73. O. F o e r s t e r - Breslau: Zur Analyse und Pathophysiologie der iären Bewegungsstörungen. Zu den Bewegungsstörungen, welche mit den Basalganglien im Zu¬ mmenhang stehen, gehören ausser der Chorea diejenigen der Paralysis itans, die nahe verwandte Gliederstarre bei Arteriosklerose, die Be- :gungsstörungen bei Pseudosklerose und Wilson scher Krankheit, die hetose und der Spasmus mobilis, das Krampussyndrom (Torsionsneurose, ’stonia lordotica), der Torticollis spasticus. Die von O. und C. Vogt ilech thin hierher gerechneten Störungen der L i 1 1 1 e sehen Krankheit sind ah F. der Ausdruck ganz verschiedener* Prozesse, von denen einer nur die ramidenbahn betrifft, während andere die Basalganglien beteiligen, ährend es sich bei allen genannten Störungen um Ausfallserscheinungen ndelt, gibt es in Zitter- und tonischen Krampfzuständen auch eigenartige Reizerscheinungen, die auf die Basalganglien zurückweisen. Die Krankheits¬ prozesse, die zu diesen Bewegungsstörungen führen können, sind ganz ver¬ schiedener Art. Sie beteiligen z. T. auch andere Hirnregionen, so dass Misch¬ bilder zustande kommen; aber auch die verschiedenen, den einzelnen basalen Ganglien zugehörigen Erscheinungen verflechten sich untereinander zu striären Mischbildern. Die Tatsache einer weitgehenden somatotopischen Gliederung in den Ganglien, wie der Umstand, dass die Krankheitsprozesse bald progressiv, bald regressiv verlaufen, erschwert die Herausschälung einzelner kennzeichnender Grundtypen sehr. Da jedoch einzelne Krankheits¬ bilder ziemlich nahe reinen Typen entsprechen, gelingt es doch, zur Auf¬ stellung von Grundtypen zu kommen, deren F. zwei genau darstellt, nämlich das hypokinetisch-rigide Pallidumsyndrom und das athetoide Striatum¬ syndrom. Das erstere ist gekennzeichnet durch Tremor in der Ruhe, der auch fehlen, kann, durch die Erhöhung des plastischen formgebenden Muskel¬ tonus, durch den Rigor (Erhöhung des passiven Dehnungswiderstandes der Muskeln), durch Spannungsentwicklung der Muskeln bei passiver Annäherung ihrer Insertionspunkte (Adaptations-, Fixationsspannung, kataleptisches Ver¬ halten), durch tonische Nachdauer der Kontraktion bei elektrischer Reizung, durch Fehlen der Irradiation bei Reflexbewegungen und tonische Nachdauer derselben, durch Fehlen der Reaktiv- und Ausdrucksbewegungen und deren eventuelle tonische Nachdauer, durch Bewegungsarmut, durch verlangsamten Beginn und Ablauf, geringe Exkursion der Bewegungen, Ermüdbarkeit und Schwächung der Kraft bei Willkürbewegungen mit eventueller Nachdauer derselben, Fehlen und mangelnde Verstärkung normaler Mitbewegungen, Fehlen der für • das Pyramidensyndrom charakteristischen Bewegungs¬ synergien, daher Erhaltenbleiben isolierter Willkürbewegungen. Das athe¬ toide Striatumsyndrom dagegen zeichnet sich aus durch das athetoide Be¬ wegungsspiel in der Ruhe, eine Herabsetzung des plastischen formgebenden Muskeltonus im Krampfintervall, Haltungsanomalien der Glieder und des Rumpfes, die der Hockerstellung entsprechen, Ueberdehnbarkeit der Muskeln, Neigung zu inkonstanter Fixationsspannung, ausserordentlich intensive und extensive Reaktiv- und Ausdrucksbewegungen mit Neigung zu tonischer Nachdauer, Mitinnervationen und Mitbewegungen bei willkürlichen Bewegungen, Unfähigkeit zu sitzen, gehen und stehen, an deren Stelle reaktive Massenbewegungen, die an Kletterbewegungen erinnern, treten. Das Pallidumsyndrom beruht auf dem Ausfall der Funktion des Globus pallidus, der einmal bei der Ausführung willkürlicher Bewegungen mitwirkt, indem er die notwendigen Mitbewegungen besorgt, Reaktiv- und Ausdrucks¬ bewegungen ihren Ursprung gibt, ein Organ der Massenimpulse ist, auch die unwillkürlichen Bewegungssukzessionen vermittelt, andererseits aber das zerebellare System hemmt. So kommt beim Ausfall des Pailidums also einmal der Verlust der Reaktiv- und Mitbewegungen usw. zustande, dann aber durch Enthemmung des zerebellaren Systems der Rigor, die Fixations¬ spannung und wohl auch der Tremor. Das Striatum seinerseits ist dem Pallidum superponiert; bei seinem Ausfall wird das Pallidum enthemmt, wodurch sich alle angeführten Erscheinungen erklären lassen. Besonders wird die Aehnlichkeit des Striatumsyndroms mit den Kletterbewegungen der Affen betont, die, ebenso wie die Neugeborenen, als Pallidumwesen zu be¬ trachten seien. In einem weiteren Abschnitt wird die Chorea besprochen, deren grosse Aehnlichkeiten mit der Athetose betont und ihre Genese auf eine gewisser- massen als Ataxie zu bezeichnende Störung des Striatums zurückgeführt. Torsionsspasmus, Ticks und Myoklonie endlich werden als lokale Athetose- syndrome gedeutet. Die grundlegende, ausserordentlich wichtige Abhandlung ist durch eine grosse Fülle symptomatologischer Feinarbeit reich, mit mehr als 170 aus¬ gezeichneten Abbildungen ausgestattet. Die Unterschiede der einzelnen Syndrome werden ebenso scharf gegeneinander als gegen das Pyramiden¬ syndrom herausgehoben, die Erklärungsversuche bis an die Grenzen unseres Wissens vorgeschoben. Ein dem Inhalt der Arbeit entsprechendes Referat ist hier unmöglich; diese ist am besten im Original nachzulesen. F. H. Le wy- Berlin: Zur pathologisch-anatomischen Differential¬ diagnose der Paralysis agitans und der Huntington sehen Chorea. Während bei der P. a. sich nur leichte Veränderungen im Putamen. dagegen schwerste im Globus pallidus finden, ist das Verhalten bei der H. Ch. gerade umgekehrt. Die Erkrankungen des Linsenkerns sind jedoch bei beiden Prozessen nur Teiler&heinungen viel weiter ausgebreiteter Schä¬ digungen. Ist es auch noch nicht entfernt möglich, aus dem histologischen Bild Schlüsse auf klinische Symptome zu ziehen, so kann man doch aus dem Zusammentreffen ätiologischer und bestimmt lokalisierter Schädigungen und charakteristischer histologischer Bilder urteilen, welcher Krankheitsgruppe die Präparate angehört haben. L. spricht sich gegen die Zusammenfassung in gewissem Sinne abgrenzbarer Krankheitsbilder zum amyostatischen usw. Komplex aus. tritt vielmehr für eine genaueste Einzeldurchforschung ein, die uns vielleicht sogar Einblicke in die Beziehung des pathophysiologischen Geschehens zu den Zellerkrankungen ermöglichen werden. F. Schob: Weitere Beiträge zur Kenntnis der Friedreich-ähnlichen Krankheitsbilder. Mitteilung zweier Beobachtungen: 1. Friedreich-ähnliches Bild, das sich von der F ried reich sehen Krankheit dadurch unterscheidet, dass das Leiden angeboren ist und sich keine Progredienz und keine ausgesprochene Heredität und Familiarität zeigt, ausserdem aber Augenerscheinungen: Chorioiditis dissem., Nystagmus, Abduzens- und Blickparese bestehen. Bei einer Schwester des 36 jähr. Kranken fand sich desgleichen Chorioiditis und Abduzenslähmung, so dass also doch eine gewisse Familiarität vorlag. 2. Mitteilung des pathologisch-histologischen Befundes eines in der Fest¬ schrift für Ganser beschriebenen Friedreich-ähnlichen Falles, der sich wahrscheinlich auf dem Boden kongenitaler Lues entwickelt hatte. Erkrankt waren die Systeme der Purkinjezellen, die der Kleinhirnkörner, der Oliven¬ zellen und der Hinterstränge. Es wird zum Schluss die Annahme näher erwogen, ob durch exogene Ursachen wie hier das gleichartige morpho¬ logische Bild der systematischen Parenchymdegeneration entstehen kann. Die Arbeit ist mit schönen Abbildungen belegt und enthält wertvolle ein¬ gehende, hier aber nicht zu berichtende Einzelergebnisse und Betrachtungen. B a p p e r t (Hirnverletzteninstitut Frankfurt: Zur Frage der Untersuchung der körperlichen Leistungsfähigkeit bei Hirnverletzten. Mit Hilfe verschiedener Apparate (Finger-, Handergograph, Gewichts¬ und Bederhebebückapparat) werden mehr umschriebene Muskelgruppen einer¬ seits, den gesamten Organismus anderseits in Anspruch nehmende unter- maximale und maximale Gewichts- und Dauerleistungen an Normalen und 2 86 MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT. Nr. Hirnverletzten untersucht. Dabei zeigen sich schon sehr grosse persönliche Verschiedenheiten bei Normalen, so dass man nicht daran denken kann, ..Normalkurven“ zu gewinnen. Verschiedenheiten, die jedoch von den Kurven Hirnverletzter übertroffen werden. Diese bieten im Prinzip dasselbe Bild wie die ermüdeter Normaler. Die Ermüdung äussert sich in Schwankungen der -Hubhöhe und Störungen des Rhythmus, erst des inneren, später auch des äusseren. Die Kurven sinken bei Ermüdung nicht gleichmässig ab; es bilden sich vielmehr immer tiefer liegende Plateaus. Dem einzelnen Plateau kann man nicht ansehen, ob es sich um die Leistung eines frischen oder ermüdeten Menschen handelt. Auch in der Ermüdung ist noch der ganze Organismus in Tätigkeit. ... , . Bei der Beurteilung kommt es nicht auf die Einzelleistung an (man kann nicht von einer Leistung auf andere schliessen), sondern man muss -diese zu der Gesamtheit der übrigen Leistungen, dem Leistungssystem, in Be¬ ziehung setzen und feststellen, wie dadurch das Leistungssystem und damit auch die praktische Leistungsfähigkeit verändert wird. B. betont ausdrück¬ lich den nur methodologischen Wert seiner mit vielen Kurven belegten Arbeit, die ein neuer Beleg für die Schwierigkeit der Beurteilung ergographischer Leistungen ist. W. Mayer-Gross und - G. Steiner- Heidelberg : Encephalitis lethargica in der Selbstbeobachtung. - Ausgezeichnete Selbstschilderung eines gebildeten, ..unbestechlich be¬ obachtenden“ Kranken, der nach einer Enc. leth. eine schwere Bewegungs¬ störung (Akinese, Rigidität, Zittern) und eine eigenartige psychische Ver¬ änderung, in -deren Vordergrund Zwangsphänomene stehen, zurückbehalten hat. Es finden sich ferner mangelnde Ansprechbarkeit der Affekte, nach¬ haltige depressive Stimmungen, eine abnorm gesteigerte Einfühlfähigkeit, Fehlen der spontanen Urteilsbildung und besonders Störungen auf dem Ge¬ biete des Wollens, Störungen in den Abläufen durch Willkü'reinstellung. Das nach dem Enderfolg hinzielende Wollen bleibt unwirksam, wenn nicht „Ueberlegung“ oder „wilde Begeisterung“ zu Hilfe kommen. Bei dem vor der Krankheit kraftvollen, auf die Wirklichkeit gerichteten Menschen herrscht jetzt die Reflexion vor. Es sind der Selbstschilderung, die ausserordentlich interessant ist, nur wenige zusammenfassende und kritische Bemerkungen beigefügt. F. Jahnel: Die Spirochäten im Zentralnervensystem bei der Paralyse. (Referat auf der Jahresversammlung des deutschen Vereins für Psychiatrie 1921.) * * Man kann bei geduldigem Suchen mindestens bei 50 Proz. aller Paralysen im Gehirn Spirochäten nachweisen. Die Behauptung einer besonderen Lues nervosa durch Marie und L e v a d i t i wird -durch J.s Zurückführung von deren Befunden auf eine eigenartige Kaninchenspirochätose widerlegt. In den inneren Organen von Paralytikern werden Sp. vereinzelt gefunden. Im Gehirn zeigen sie sich hauptsächlich in der Rinde, selten in der weissen Substanz, auch im Kleinhirn und den zentralen Ganglien. Sie finden sich auch in den Meningen, aber stets nur an wenigen Stellen, bisher noch nicht über dem Grosshirn. Diese Befunde, denen sicher eine grössere Bedeutung zukommt, schlagen vielleicht eine Brücke zu gewissen Fällen von Hirnlues, helfen vielleicht auch die Präparalyse klären. Bei -der Tabes werden selten Sp. gefunden, vor allem im arachnoidalen Gewebe; ihre Rolle für die Tabes ist ungeklärt. Das mikroskopische -Bild entspricht ja nur einem Momentbild aus einem jahrelangen Krankheitsvorgang. Sp. finden sich einmal disse- miniert, unregelmässig verstreut, ferner herdförmig von kleinen Kolonien bis zu riesigen Herdbildungen. Zu der letzteren Form gehört auch der vaskuläre Verteilungstyp. Regelmässige Beziehungen zu bestimmten Gewebselementen lassen sich nicht nachweisen. Karl N e u b ü r g e r - München: Histologisches zur Frage der diffusen Hirnsklerose. Histologische Darstellung zweier Fälle, die einer besonderen Form nicht¬ eitriger Entzündung des Hemisphärenmarks angehören. Es handelt sich um eine Erkrankung, die verschieden grosse Bezirke der weissen Substanz, u. U. das ganze Hemisphärenmarklager betrifft. Die Arbeit bietet vorwiegend anatomisches Interesse. Siegfried S a 1 0 m o n - Heidelberger Klinik: Ueber einen Fall von seniler Paralyse. Bei einer 71 jähr. Frau, die klinisch als senile Demenz diagnostiziert war, fand sich anatomisch ein ausgesprochener paralytischer Prozess, un¬ abhängig davon deutliche senile Rindenveränderungen in Form von Drusen und Alzheimer scher Fibrillenveränderung. Infektion vor 25 Jahren. Friedrich W o h 1 w i 1 1 - Hamburg: Zur Frage der sog. Encephalitis congenita (Virchow). II. Teil. Ueber schwere zerebrale Destruktions- Prozesse bei Neugeborenen und kleinen Kindern. (Kortikale und medulläre Enzephalomalazien und Sklerosen.) Es werden 9 Fälle mitgeteilt, bei denen es intrauterin oder in frühester Kindheit zu ausgedehnten, rein degenerativen Veränderungen, teils Er¬ weichungen, teils sklerotischen Prozessen, gekommen ist, die in verschiedener Weise lokalisiert sind. Durch die gleiche Schädlichkeit scheint bald das ganze ektodermale Gewebe vernichtet, bald die Glia verschont zu werden, wobei offenbar die Lokalisation, vor allem die besondere Art der Glia an den be¬ troffenen Stellen, vielleicht auch die Intensität der Einwirkung mitspielt. Aetiologisch kommt in einzelnen Fällen wohl das Geburtstrauma in Betracht, jedoch nicht überall. Einmal wurde zugleich eine Fibrose der Schilddrüse’ angetroffen, was an Beziehungen der Erkrankung zu Blutdrüsenstörungen denken lässt. Die Fälle stellen grösstenteils frische Stadien derselben Prozesse dar. die als lobäre oder atrophische Sklerose bzw. sklerotische Hemisphärenatrophie bekannt sind. Fü'r diese kommt als Aetiologie eine Enzephalitis so gut wie nie in Frage. Die interessante Arbeit, in der das Klinische stark zurücktritt, bietet fast ausschliesslich spezielles hirn¬ anatomisches Interesse. Hans H e r in e I - Hamburg bzw. Rinteln: Ueber Spirochätenbefunde bei atypischen Paralysen. Ausser bei stationärer Paralyse, wo ein Parasitenbefund ein Aufflackern des paralytischen Krankheitsprozesses kennzeichnet, und in den erheblich affizierten Stellen herdförmiger Paralysen fand sich bei allen Formen atypischer Paralysen (solchen mit Entwicklung miliarer Gummen, mit End- arteriitis, sehr rasch verlaufenden Erkrankungen, juvenilen und senilen Formen) allenthalben Pallida. Dagegen fehlten die Spirochäten bei End- arteriitis syph. der kleinen Hirngefässe, auch bei kombinierten Lues- Paralysefällen an solchen Stellen, die vom luetischen Prozess eingenommen waren. j. S c h u s t e r - Pest: Ein Fall von multipler Sklerose mit positive Spirochätenbefund. .... In einem Falle von multipler Sklerose, der besonders rasch verlauf' war, fanden sich in frischen Herdchen vereinzelte wohlcharakterisier Spirochäten, die in älteren Fällen vermisst wurden. A. Jordan und M. K r o 1 1 - Moskau: Ein Beitrag zur Different!: diagnose zwischen Nervenlepra und Syringomyelie. 19 jähr. Mädchen, wegen Krätze eingeliefert, z.eigt als auffallendste Befund neben der Krätze Mutilationen der Finger an beiden Händen, Main perforans an beiden Füssen, Perforationen der Nasenscheidewand, daneb eine Reihe von Krankheitszeichen: eigenartige fleckweise Verteilui dissoziierter Empfindungsstörungen, Lagophthalmus, Verdickung des link Nerv, medianus, Pigmentationen und Depigmentationen, anästhetische Narbe bildungen, Vergrösserung der Lymphdrüsen, Ausfall der Augenbrauen, E haltenbleiben der Nägel an den verstümmelten Fingern, die schon klinis viel eher für -Lepra sprachen. Die Kranke stammte aus einer Gegend, der Lepra auch sonst vorgekommen war. In einem Infiltrationsherd Hess sich tatsächlich Leprabazillen nachweisen. Die Bordet- Gengou sc Reaktion war negativ. Nicht ein einzelnes Symptom, aber die Summe all Symptome, ihre Gruppierung, ermöglicht die Stellung der Lepradiagno! deren Aeusserungen nach Ansicht -der Autoren wohl fast ausschliesslich Fol der Erkrankung der peripheren Nerven sind, nicht oder doch sehr seit, durch toxisch bedingte Rückenmarksschädigungen hervorgerufen sind. Georg S tief Per: Die Seborrhoea faclel als ein Symptom der Enc phaütis lethargica. , 2 Fälle von Palliduinsyndrom nach Enc. leth., welche die -bekam! Erscheinung des Salbengesichts zeigen. Als Ursache der Erscheinung wi eine Enthemmung entsprechender vegetativer Zentren in der Linsenkerj gegen-d angenommen. Karl Grosz- Wien: Zur Klinik der Ostitis deformans (Paget) d Schädels. t 2 Fälle von Ostitis deformans, die ausschliesslich den Schädel betrat« I 1. 56 jähr. Frau mit Aortenatheromatose. Plötzliches Einsetzen eines se starken, dauernden Drehschwindels, zerebellaren Gangs; Nystagmus, Kc nealreflex links herabgesetzt. Internusparese? Dabei auffallende Vergrös« rung und Deformation des Schädels mit Tympanismus. Hochgradige D struktion und Deformation der Schädelkapsel, basale Impression, Deformati. des Gesichtsschädels. Im weiteren Verlauf Zunahme der Deformation, Makrj1 glossi-e, quälende Schmerzen an den Beinen. 2. 49 jähr. Frau, leie) Arteriosklerose. Vor einem halben Jahre Kopfschmerzen, leichter Schwind 1 Schluckbeschwerden, Doppeltsehen. Objektiv Fehlen der Kornealrefle; i rechts Abduzensparese. ' Schädeldeformation usw. analog dem ersten Fa In beiden Fällen leichte endokrine Störungen, im 1. Makroglossie, my ödematöse Erscheinungen im Gesicht, Fehlen der Augenbrauen, vermehrt) Blutzucker, im 2. erhöhter Blutzucker und leichte alimentäre Glykosurie. t; Störungen können auf eine Schädigung der Hypophyse durch den Krankheit Prozess Hinweisen. Im Hinblick auf andere Erfahrungen sind jedoch andei Zusammenhänge möglich. Für die Diagnose sehr wichtig ist das Röntge verfahren Erwin Thomas- Köln: Ueber statischen Infantilismus bei zerebral Diplegie. J Mitteilung von 5 Fällen zerebraler Diplegie verschiedenen Alters, lB denen im Gegensatz einmal zu den sonst bestehenden spastischen Erschj nüngen, anderseits zur Beteiligung der Muskelgruppen bei der Hemiplesi eine auffallende Atonie der Nacken- und Rückenmuskulatur besteht r früher bestand; diese ist hervorgerufen durch auf Rückständigkeit geistigen Entwicklung beruhenden Nichtgebrauch. Heinrich D r e y f u s s - Heidelberg: Multiple Sklerose und Beruf. Aus einer Zusammenstellung von 1151 gesicherten Fällen von multipi Sklerose ergibt sich ein Hervortreten der landwirtschaftlichen Berufe -J den absoluten Zahlen, ferner bei der Differenzierung nach den Handwerk berufen ein Plus bei den Holzberufen (Schreiner, Tischler usw.) und ei- sprechende Befunde für das weibliche Geschlecht. Die Untersuchung wur unternommen unter dem Gesichtspunkte der Annahme Steiners, d. für die Uebertragung des Erregers Zecken in Betracht kommen, und so 1) sonders Leute, die viel im Freien arbeiten, betroffen werden. H. P f i s t e r - Berlin-Lichtenrade: Die diagnostische Bedeutung $ Glutäalklonus. . Der Glutäalklonus, den man erhält, wenn man dicht an der Rückset des Oberschenkels von unten her die Hinterbacke umfasst und sie tt kurzem, kräftigen Rucke nach oben bzw. oben und etwas nach aussen dräi| und der in Zuckungen analog denen beim Patellar- und Fussklonus besteht, «p anhalten, so lange die Hand mit der Zerrung nicht nachlässt, ein Phänomf das am besten in Bauchlage erhalten wird, ist ein echtes Pyramidensymptd, das auf gleicher Stufe mit Babinski, Patellar- und Fussklonus steht und i 17 Proz. der Fälle mit Schädigung der Pyramidenbahn vorhanden ist. i ist ein ganz sicheres Zeichen, wie sich einwandfrei erweisen lässt. V« Pseudoklonus, den man, seltener, bei Neurotikern antrifft, unterscheidet sf der echte in ganz ähnlicher Weise wie der Pseudopatellar- und Fusskloij von dem echten Klonus. Gelegentlich kann der Glutäalklonus das ert Pyramidenzeichen sein. H H n H h n « p n . Hpirlplhprtr • MüP.hweU ftines Stirntiimors mit Röntß'1 strahlen. , I Ein Gliom im Stirnhirn Hess sich röntgenologisch nachweisen, ohne d» eine Verkalkung des Tumors selbst oder Aenderungen in seiner UmgebiJ am Schädeldach vorhanden waren. Es wird angenommen, dass -der Tun" sich durch Mineralreichtum auszeichnete. J o s s m a n n - Breslau: Zur Kritik des Begriffs „unbewusstes P' ehisches Geschehen“ und R. A. E. Hoff mann: Zur Einteilung und Bezeichnung der Psyc ■ pathien. Zum Referat hier nicht geeignet. J. L. E n t r e s - Eglfing: Ueber H u n t i n g t o n sehe Chorea. Referat einer grösseren, bei Springer erschienenen Arbeit. F drängte Zusammenfassung der wertvollen Untersuchungen an 15 neuen Fall von H. scher Chorea, aus denen geschlossen werden kann, dass es sich i eine dominant gehende, mendelnde Erkrankung handelt. Fälle aus f Literatur, die scheinbar nicht zu dieser Annahme stimmen, ergeben sich = aus einem oder dem anderen Grunde unzuverlässig: verschleierte o-< mangelhaft erhobene Vorgeschichte, Fehldiagnosen, zu frühes Absterben > Zwischenglieder usw. Die grösste Zahl der Erkrankungen wird zwiscF Februar 1922. MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT 287 n 30. und 45 Lebensjahr manifest. Früherer Erkrankungsbeginn beruht :nbar auf komplizierenden Leiden. Einzelne Familien zeigen oft auf¬ end übereinstimmende Manifestationszeit. Auch sonst bestehen gewisse enheiten in einzelnen Familien: Zurücktreten der fast immer vorhandenen chischen Störungen. Für eigenartige psychotische Bilder wird eine Mo- sation latenter, entsprechender Erbanlagen angenommen. Friedrich M o e r c h e n - Wiesbaden : lieber Pseudopsychosen. Zum Referat nicht geeignet. Walter Jacobi-Jena: Zur Frage der allgemeinen Proteinkörper- raple und aktiven Immunisierung der progressiven Paralyse. Drei Fälle von Paralyse wurden mit lange fortgesetzten Injektionen i fötalen luetischen Leberextrakten behandelt. Danach interessante Ueber- nindlichkeitserscheinungen, selbst nach Injektionen von NaCl. 1 Fall n unverändert zum Exitus, die beiden anderen zeigten leichte Remissionen, en Zusammenhang mit der Therapie bezweifelt wird, die am ehesten noch den im Gefolge der Behandlung auftretenden Fiebererscheinungen zu- nnengebracht werden. Heinrich H e r s c h m a n n - Wien: Zwei Fälle von Eigentumsdelikten dge krankhaften Triebes zum Verschenken. 2 Frauen gegen Ende der 20 er Jahre, wegen ausgedehnter Unter- lagungen forensisch, kamen zu ihren Delikten vorwiegend unter dem fluss ihres „Triebes“ zum Verschenken. Beide zeigten hysterische Züge, ir interessant ist, dass die erste Kranke durch einen Vater belastet ist, in ganz gleicher Weise Eigentumsdelikte beging, um andere regalieren 1 beschenken zu können. Dabei konnte ein unmittelbarer Einfluss auf Kranke ausgeschlossen werden, weil der Vater starb, als die Kranke fahre alt war. Max Kirsch bäum - Köln: lieber Persönlichkeitsveränderungen bei dem infolge von epidemischer Enzephalitis. Mitteilung von 4 Fällen von Persönlichkeitsveränderung bei Kindern 14, 12 und 11 Jahre) nach Enzephalitis, die dreimal in dauerndem oder übergehendem asozialem Verhalten sich kundgab, einmal am ehesten einem jomanischen Zustandsbild entsprach. Es wird die Vermutung ausge- ochen, dass die Enzephalitis auf das jugendliche Gehirn anders einwirkt auf das ausgereifte. (Es kommen jedoch auch ausgesprochene Persönlich- tsveränderungen bei Erwachsenen vor [Ref.].) Man muss für möglich ten, dass es sich vereinzelt auch um eine natürliche Entwicklung, oder r auch um die Auslösung konstitutionell verankerter Reaktionsformen delt. Andreas K 1 u g e-Pest: Die Erweiterung des Foramen occipitale magnum. Mitteilung von 2 Beobachtungen plötzlicher Todesfälle von Kranken, bei en es infolge hirndrucksteigernder Prozesse (Tumor und Hydrozephalus) einer Erweiterung des For. occip. und des Raumes zwischen Opziput und as und Hereinbeziehung von Gehirnteilen, insbesondere der Medulla ongata, in diesen Raum gekommen war. Durch Muskelfixation wird im :emeinen ein Schutz der lebenswichtigen Partien gesichert. In beiden len trat der Tod infolge von Zufallsbewegungen bei „Vergessen“ der ation durch Kompression der Medulla zustande. Heinrich Fischer- Giessen : Tierexperlmentelle Krampfstudien. Mitteilungen der Protokolle, die anderweitigen Ausführungen des Autors ir die Genese des „elementaren“ Krampfes zugrunde liegen. Während linchen gesetzmässig nach Einatmung von Amylnitrit epileptiforme Krämpfe :ommen, treten diese nicht oder doch sehr abgeschwächt ein, wenn man Nebennieren ausschaltet. Entfernung beider Nebennieren hat nach den itokollen einen krampfhemmenderen Einfluss als die einer. Die Krampf- eitschaft kann gesteigert werden durch vorherige Rindenreizung. Vor- densein von Beinebennieren machte isch durch die höhere Krampfbereit- aft bemerkbar. Die Krampffähigkeit ist nicht lediglich eine Fähigkeit des lirns, sondern des Gesamtorganismus. Die Nebennieren spielen dabei eine sse Rolle; ihr Angriffspunkt liegt im Tonusanteil der quergestreiften skulatur. Deren Ansprechbarkeit wird durch Ausschaltung der Neben- ren herabgesetzt. Hellmuth G r a g e - Chemnitz: Ein Fall von Isolierter reflektorischer lillenstarre. Ungeklärter, doch wohl der Lues verdächtiger Fall (4 Fehlgeburten), bei i eine isolierte reflektorische Pupillenstarre auf eine nicht sichergestellte ’.ephalitis bezogen wird. E. P o 1 1 a k und E. Stern schein - Wien : Experimentelle Unter¬ hungen zur Frage des Verlaufes der okulopupillären Fasern in den hinteren rzeln. (Vorläufige Mitteilung.) An 2 Kaninchen wurden die hinteren Wurzeln von C 5 bis D 3 reseziert, waren keine Folgeerscheinungen an der Pupille bemerkbar. Daraus wird chlossen, dass die hinteren Wurzeln keinen Einfluss auf den 'Dilatatortonus Pupille ausüben. Lange- München. Zieglers Beiträge zur pathologischen Anatomie und zur allge- Inen Pathologie. Band 68. Heft 1. 1921. Anton Weichselbaum t. Nachruf. Hugo R i b b e r t t. Nachruf. - J. Aschoff: Zur Begriffsbestimmung der Entzündung. A. bringt hier gegenüber J o r e s, der seinen Entzündungsbegriff scharf egriffen und abgelehnt hatte, noch einmal eine zusammenfassende Darstel- ? seiner Anschauungen und seiner Begriffsbestimmung der Entzündung: er Entzündung versteht A. vom biologischen Standpunkte aus die Ge- ltheit der mit klinischen, morphologischen und physiologischen Methoden hweisbaren, auf pathologische Reize hin erfolgenden Regulationsvorgänge Organismus; dieselben können in restituierende, reparative und defensive men eingeteilt werden, sie sind in allgemeine (Fieber, Leukozytose, Anti¬ perbildung etc.) und in lokale defensive Reaktion (Entzündungsherd) zu inen. Sowohl die restituierende wie die reparative und auch die defensive Zündung spielen sich nicht nur am Gefäss- und Bindegewebsapparat, dem, was A. wieder besonders betont, auch am Parenchym ab. M. Staemmler: Ein Beitrag zur Lehre von der Zystenniere. (Aus u pathol. -hygienischen Institut der Stadt Chemnitz.) Auf Grund der histologischen Untersuchung von 7 eigenen Fällen, die s Erwachsene, teils Kinder (zwei Totgeburten) betrafen, kommt St. unter tischer Besprechung der Literatur zu der Auffassung, dass bei den Zysten- ren sowohl der Neugeborenen wie auch der Erwachsenen eine Kombination er angeborenen Entwicklungshemmung mit einer echten pri¬ mären Geschwulstbildung, einem multilokularen Kystom (N a u - werck - Hufschmidt) vorliegt, also primäres Neoplasma in einer miss¬ bildeten Niere, wobei die Bildung der Geschwulst oft der Entwicklungs¬ störung nicht parallel geht. J. Wätjen: Zur Pathologie der trachealen Schleimdrüsen. (Aus dem pathol. Institut zu Freiburg i. B.) Bei Grippe, Diphtherie, Pocken und bei Gelbkreuzvergiftungen findet W. schweren Strukturzerfall der Schleimdrüsen der Luftröhre, die sich neben Desquamation in Nekrose am abgestossenen wie auch am noch wandständigen Epithel äussern, was gleichzeitig mit deutlichen funktionellen Störungen der Schleimabsonderung einhergeht; nach W. sind die Veränderungen nicht bak¬ teriell, sondern zuerst toxisch bedingt. Sie bereiten erst den Boden für sekundäre Bakterienansiedelungen und deren Folgen (Wandabszesse in der Luftröhre, den Bronchien und im Lungengewebe, besonders bei Grippe und bei Gelbkreuzvergiftungefil). Bei Aetzvergiftungen durch Säuren, Alkalien und Sublimat treten auch Veränderungen der Luftröhrenschleimhaut auf, sie zeigen jedoch anderen Charakter wie bei den genannten Erkrankungen. G. Herxheimer und W. Gerlach: Ueber Leberatrophie und ihr Verhältnis zu Syphilis und Salvarsan. Zugleich ein Beitrag zur Frage der Leberzellregeneration. (Aus dem pathol. Institut des Stadt. Kranken¬ hauses zu Wiesbaden.) Im Hinblick auf die in den letzten, Jahren scheinbar gehäuften Beob¬ achtungen über das Auftreten sowohl von einfachem Ikterus wie auch von akuter gelber Leberatrophie im Verlaufe von Salvarsanbehandlung gewinnen die auf Grund von 6 einschlägigen Beobachtungen und deren klinischer und histologischer Würdigung niedergelegten Ausführungen ein besonderes Interesse: Die Autoren trennen scharf den einfachen Ikterus, dessen gehäuftes Auftreten dem Salvarsan zugeschoben wird; hjer wären katar¬ rhalische Zustände, wie sie sehr wohl durch die Ausscheidung des einver¬ leibten Salvarsanarsens in der Leber und durch den Magen (vergl. die Experimente von Aladow an Hunden mit P a w 1 o w scher Fistel!) zu¬ stande kommen, als Ursache des Ikterus anzusprechen; bei den Fällen von sog. akuter gelber Leberatrophie mit fast immer tödlichem Ausgang, von denen nach der Zusammenstellung der Autoren in den letzten 8 Jahren 41 Beobachtungen angeblich nach Salvarsanbehandlung mitgeteilt worden sind — nicht alle sehr kritisch, wie betont wird — weisen die Verf. darauf hin, dass der Beweis eines Kausalzusammenhanges durchaus nicht erbracht worden sei; denn die akute gelbe Leberatrophie kommt be¬ kanntlich auch ohne jede Salvarsanbehandlung im Verlauf der Lues zur Beobachtung, wie es unter den von den Verfassern mitgeteilten 6 Fällen zweimal festgestellt wurde und — was besonders wichtig ist — , diese Fälle bieten dann, wie hier gezeigt werden konnte, vollkommen das gleiche histologische Bild wie die angeblich durch Salvarsanbehandlung verursachten Todesfälle an akuter gelber Leberatrophie! Es wird auch daran erinnert, dass in der Mitte des vorigen Jahrhunderts der Quecksilberbehandlung be¬ sonders von englischen Autoren der gleiche Vorwurf gemacht worden sei. Bemerkenwert ist auch eine Beobachtung der Verf., dass sie bei einigen kurz nach Salvarsan-Quecksilberkuren Verstorbenen zwar in der Leber chemisch grosse Mengen von Arsen, aber sonst weder makro- noch mikro¬ skopische Veränderungen am Lebergewebe nachweisen konnten, was gegen direkte Arsenempfindlichkeit spricht. V. F. Schilling: Beitrag zur Kenntnis der Parotisgeschwülste. (Aus dem pathol. Institut zu Marburg.) Sch. hat in dem von ihm beschriebenen Fall einer Mischgeschwulst auf die Berstung der epithelialen Schleimzysten und das Eindringen der Schleim¬ massen in das umgebende Bindegewebe hingewiesen, während man sonst meist eine schleimige Umwandlung des Bindegewebes in derartigen Tumoren feststellte. Al. Schmincke: Ueber lymphoepitheliale Geschwülste. (Aus dem pathol. Institut der Universität München.) Sch. beschreibt unter Zugrundelegung von 5 Beobachtungen eine be¬ sondere Gruppe von Geschwülsten, die im Bereich der Gaumentonsillen, des weichen Gaumens und des Epipharynx gelegen sind und hier in die Mund- und Rachenhöhle vorspringende, bald ulzerierende Knoten bilden, die durch Röntgen- und Radiumbestrahlung sehr gut zur Rückbildung zu bringen sind; sie zeigen histologisch ein typisches diffus infiltrierendes Wachstum mit weitgehender Zell- und Kernatypie. Analog den von J o 1 1 y benannten lymphoepithelialen Organen, wie sie Thymus (Hammar, M a x i m o w) und Tonsillen (M o 1 1 i e r) darstellen, ist auch in den beschriebenen Ge¬ schwülsten der histologische und histogenetische Aufbau: ein synzytiales Epithelstroma mit eingelagerten losgelösten histiogenen und eingewanderten hämatischen Lymphozyten. V. Becker: Besteht ein ätiologischer Zusammenhang zwischen Oxyuren und der akuten Wiirmfortsatzentzündung? (Aus dem Pathologischen Institut der Hamburgischen Universität.) ln der Hälfte aller normalen, durch Appendektomie entfernten Wurm¬ fortsätze finden sich ohne histologisch erweisbare Veränderungen Oxyuren vor; klinisch kann dabei ein heftiger akuter Appendizitisanfall vorgetäuscht sein. Ein Zusammenhang zwischen histologisch feststellbarer akuter Appen¬ dizitis und der Anwesenheit von Oxyuren besteht nach B. nicht; Oxyuren finden sich auch in entfernten, akut entzündeten Wurmfortsätzen nicht häufiger als sonst an der Leiche. B. weist ferner auf die häufige Mitbeteiligung der kleinen Venen im Mesenteriolum der Appendix bei Wurmfortsatzentztindiiiig hin (Wandnekrose, Thrombophlebitis), Gefahr für embolische Prozesse in der Leber! Kleinere Mitteilungen: E. Lauda: Physiologische Druckschädigungen und Arteriosklerose der Duralgefässe. Ein Beitrag zur Kenntnis der Beziehungen zwischen Arteriosklerose und mechanischen Einflüssen auf die Gefässwand. (Aus der Prosektur des Krankenhauses Wieden in Wien.) Herrn. Merkel- München. Klinische Wochenschrift. 1922. Nr. 4. Br. B 1 o c h - Zürich: Einiges über die Beziehungen der Haut zum (ie- samtorganismus. Die neue Richtung betont wieder viel stärker als bisher die gesetz- mässigen Beziehungen zwischen Haut und inneren Organen. Auf dieser Grundlage ergeben sich auch verschiedene neue, oder besser modernisierte Gesichtspunkte in therapeutischer Beziehung. (Uebersichtsreferat.) 288 MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT. Nr. E. R e i s s - Frankfurt a. M.: Die pathologische Physiologie der chroni¬ schen Obstipation. Zusammenfassendes Referat. E. A b d e r h a 1 d e n - Halle: Neuere Untersuchungen über das Wesen und die Bedeutung der Nutramine (Vitamine). . Aus Versuchen an Tauben zeigte sich, dass, wenn diese Tiere durch eine bestimmte einseitige Ernährung einer alimentären Dystrophie ausgesetzt wur¬ den, sie eine ausserordentlich stark eingeschränkte Gewebsatmung zeigten. Fügte man der Nahrung wieder Hefe oder Kleienstoffe hinzu, so stieg der Qaswechsel sofort wieder stark an. Es scheint also, dass aus den aus Hefe oder Kleie gewonnenen Produkten dem Organismus Stoffe zugeführt werden, welche zur Zellatmung in enger Beziehung stehen. Einseitige Er¬ nährung führte bei Tieren auch zur Einbusse der Fortpflanzungsfähigkeit. H. P e i p e r - Frankfurt a. M.: Grundsätzliche Fragen in der Chirurgie der Nebennieren. * D , Im Gegensatz zum Ausfall von Tierexperimenten und klinischen Beob¬ achtungen nach Nebennierenexstirpation beim Menschen Hess sich am er¬ wachsenen Menschen nach einer 10 Monate zurückliegenden linkseitigen Nebennierenreduktion zeigen, dass innerhalb dieses Zeitraumes keine nach¬ weisbare kompensatorische Hypertrophie irgendwelchen Nebennierengewebes aufgetreten war. Der betreffende Fall (23 j ähr . Kranke), mit Sektion, wird mitgeteilt. Fr. L a o u e r - Frankfurt a. M.: Ueber die Wirkung des Hochgebirges aui das Blut und den Flüssigkeitsaustausch zwischen Blut und Geweben. Aus früheren Untersuchungen steht fest, dass bei Aufenthalt in einer Höhe ab 1500 m eine langsame Zunahme der roten Blutkörperchen und des Hämoglobins eintritt. Die Blutregeneration wird durch Höhenaufenthalt be¬ schleunigt. Der Gewichtsverlust nach Bergtouren kann durch Wasser- und Kochsalzaufnahme rasch wieder ausgeglichen werden. Verf. erörtert schliess¬ lich die Ursachen der zu beobachtenden Blutveränderungen. A. Neustadt und E. S t a d e 1 m a n n - Berlin: Zur Frage der Wir¬ kungsunterschiede von verschiedenen Tuberkulinen verschiedener Herkunft, sowie der Tuberkulinschäden nach diagnostischen Tuberkulininjektionen. Aus den Untersuchungen der Verfasser erhellt, dass es ein Tuberkulin von absoluter Zuverlässigkeit nicht gibt. Von den gebräuchlichen Alttuber¬ kulinen scheint dem A.T.H. die relativ grösste Zuverlässigkeit zuzukommen. Verfasser berichten dann noch an Hand mehrerer Fälle über Tuberkulin¬ schäden nach diagnostischen Injektionen. Auf Grund ihrer Erfahrungen erscheint ihnen der Wert diagnostischer Tuberkulinreaktionen als viel zu gering im Verhältnis zu dem möglichen Schaden. Sie gelangen daher zu einer absoluten Ablehnung dieses diagnostischen Verfahrens. G. J o a c h i m o g 1 u - Berlin: Ueber die Dosis letalis des Arseniks. Ein näher mitgeteilter Fall lehrt, dass auch eine grosse Arsendosis, auch wenn kein Erbrechen eintritt, nicht unbedingt zum Tode führen muss. Der betr. junge Mann hatte gleichzeitig etwa \lA Teelöffel salzsaures Morphin und einen Teelöffel arsenige Säure genommen. ( Man nimmt im allgemeinen an, dass die tödliche Dosis des Arseniks für einen Erwachsenen etwa 0,1 — 0,2 g beträgt. A. E. Al-der-St. Gallen: Die Eigenharnreaktion nach Wildbolz im Säuglingsalter. Verf. hat die genannte Reaktion (vergl. Näheres dazu im Original) bei 32 Säuglingen nachgeprüft, sowie bei 8 kleineren Kindern und einem älteren. Er fand in 80 Proz. eine positive Reaktion, so dass sie eine spezifische Tuber¬ kulosereaktion nicht darstellt. Mindestens für diese Altersklassen ist diese 'Reaktion nicht brauchbar. Der positive Ausfall war in den betr. Fällen auf die chemische Salzwirkung der Harnsalze zurückzuführen. F. S c h ö n i n g - Jena: Behandlung der Erythrämie mittelst Röntgen¬ strahlen. 3 derartige Fälle werden mitgeteilt. Sie erweisen die Röntgenbestrah¬ lung als ein ausreichend wirksames Mittel, um die Polyzythämie zur Heilung zu bringen. P. György: Phosphate und Zellatmung. Verf. kommt zum Ergebnis, dass das Phosphat-Ion die Zellatmung er¬ höht, selbst in einer sehr geringen Konzentration. G. Mies eher: Die Pigmentgenese im Auge nebst Bemerkungen über die Natur des Pigmentkornes. Das Wesen der Pigmentgenese im Auge ist durch den Nachweis der Pigmentoxydase geklärt worden; wir kennen aber die chemische Konstitution und Herkunft der Muttersubstanz noch nicht. Das Pigmentkorn besteht aus zwei Komponenten. L. Pinkussen: Ueber die Beeinflussung des Stoffwechsels der Kohle¬ hydrate durch Strahlung. Bei Diabetikern gelang es in einer grösseren Reihe von Fällen durch Bestrahlung nach Sensibilisierung mit Eosin den Blutzucker erheblich herunterzudrücken und den Harnzucker zu vermindern oder zum Ver¬ schwinden zu bringen. H. Böge: Echinokokkus der Wirbelsäule und des Rückenmarkes. Kasuistische Mitteilung. A. R o s t - Freiburg i. Br.: Zur Behandlung der Frühsyphilis. Schluss folgt. L. L a n g s t e,i n - Berlin: Heilnahrungen im frühesten Kindesalter. Für Unterernährung und Atrophie ist die beste Heilnahrung die Frauen¬ milch. Viele Atrophien und Hypotrophien erfordern stärkere Kohlehydrat¬ zufuhr, als in den gewöhnlichen künstlichen Nahrungsgemischen vorhanden ist (Malzsuppenextrakt). Kinder mit Neigung zu Enterokatarrh ertragen kohle¬ hydratreiche Mischungen weniger gut, für diese kommen Mischungen in Betracht, welche zu einer Sterilisierung des Dünndarms fahren. Sie müssen gärungshemmend wirken und zugleich die Indikation der Darmschonung er¬ füllen. Aus wirtschaftlichen Gründen sollen die Aerzte nicht immer sogleich zu den teuren Konserven schreiten, sondern die Nahrung aus Milch, Wasser und Zucker event. mit einem Eiweisspräparat oder Kalk zusammenstellen. K. K i s s k a 1 1 - Kiel: Scharlachprobleme. In der kritischen Bearbeitung seines statistischen Materiales führt Verf. aus, dass die Seuchenforschung gegenwärtig hinter der bakteriologischen mit Unrecht sehr zurückgetreten sei. Er betont die sehr verschiedene Letalität der Scharlachepidemien, unter Zugrundelegung des Berliner Materials von 1861 bis 1913. Vor allem fordert er auch — mit Recht! — eine Zentral¬ stelle, welche das statistische Material sachgemäss zusammenstellt und brauchbare Schlüsse daraus zieht. Grassmann - München. Medizinische Klinik. Heft 7. A. H e f f t c r - Berlin : Ueber Salvarsan und die Maximaldosis. Unbeschadet des grundsätzlichen Wertes der Maximaldosen starkwirkt der Arzneimittel hat die Feststellung der Salvarsartdosen aus den vt Verfasser dargelegten Gründen keinen praktischen Nutzen. E. Sc h i ff -Berlin: Die asthenische Gefässreaktion als konstitutionel Stigma bei Kindern. Das refraktäre Verhalten von blassen, schwach gebauten Kindern gegtj über der blutdrucksteigernden Wirkung des Adrenalins wird als asthenist| Gefässreaktion bezeichnet. Sie ist in vielen Fällen schon vorauszusaz aus der Pulsbeschaffenheit des Kindes. F. Glaser und B u s c h m a n n - Berlin-Schöneberg: Der makii skopische Hämokoniennachweis. Für die Diagnose des Ikterus und besonders seiner dissoziierten Form wird an Stelle der schwierigen mikroskopischen Hämokonienprobe die maki skopische Betrachtung des Blutserums auf Opaleszenz bzw. Trübung na Verzehren eines Butterbrotes empfohlen. Durch Ueberschichtung des Seru mit frisch bereiteter wässeriger 5 proz. Glyzerinlösung kann der Ausfall i Probe verstärkt werden. Finkbeiner - Zuzwil : Kretinismus und endemische Ossifikatloi Störungen. Von den drei aufgeworfenen Fragen wird die erste, d. h. ob die scha prinzipielle Trennung von Kretinismus und Chondrodystrophie klinisch ; rechtfertigt sei, auf Grund eigener Beobachtungen dahin beantwortet, d; zwischen beiden gewisse klinische Beziehungen im Sinne der älteren Autor denkbar sind. W. W e y g a n d t - Hamburg: Tierversuche und klinische Beobachtung bei Darreichung von Zentralnervensystemsubstanz. Das bekannte Präparat Promonta erwies sich in Tierversuchen und au in zahlreichen Fällen von leichten Psychosen usw. als ein wertvolles H< mittel, das für eine grosse Reihe von Indikationen empfehlenswert ist. S. Suchy-Wien: Uebermässiger Nikotingenuss als Ursache einer r gemeinen Endarteriitls. Der ausführlich mitgeteilte Fall beweist wiederum die schädigen Wirkung des Nikotins auf sämtliche Gefässe und weist auf die Notwendigk hin, bei einer das Anfangssymptom der Erkrankung bildenden Gehstörui zumal zusammen mit abnormen Sensationen, an einen Abusus von Nikot Koffein usw. zu denken. K. F e i t - Koblenz: Ueber Pityriasis rosea bei Syphilitikern uf Jarisch-Herxheimer sehe Reaktion. Auf Grund des mitgeteilten Falles und sonstiger Erfahrung in der Lik ratur scheint die Herxheimer sehe Reaktion keine für Lues spezifisch zu sein. R. Reinhard - Eichelba um - Berlin : Die Therapie der Ei didvmitis und Funiculitis gonorrhoica durch den Praktiker. Arthigon intravenös, Ichthyol örtlich, dazu Heftpflasterverband Stauung, unter Umständen Terpichin intramuskulär geben gute und raset Erfolge. B. C o g 1 i e v i n a - Triest: Die Technik der intralumbalen Dispargi. therapie. Bei Meningitis cerebrospinalis epidemica. H. D o 1 d - Marburg: Zur Kenntnis meiner Trübungs-Flockungsreaktiil Nur bei 6 Proz. von 600 Fällen blieb die sonst fast regelmässige Uebl einstimmung zwischen den gebräuchlichen Reaktionen und der D o 1 d scl| Probe aus. Die einfache und durch Frühablesung praktisch brauchbif Methode kann also für die einschlägigen Untersuchungen durchaus empfohii werden, falls die eindeutigen technischen Vorschriften genau befolgt werde E. Tobias- Berlin: Zur Frage: Hysterie und Hydrotherapie. Vorsicht! A x m a n n - Erfurt: Lichterythem und Wellenlänge. Hinweis auf die praktische Bedeutung der Untersuchungen vi H a u s s e r und Vahle. W.: Häufigere Zustandsbilder bei Influenza. S Oesterreichische Literatur. Wiener klinische Wochenschrift. Nr. 5 u. 6. A. F r a e n k e 1 - Wien: Zur Lehre von der Krebskrankh«, Vorgetragen i. d. Ges. d. Aerzte am 20. I. 1922. H! Wimberger-Wien: Bemerkenswerter Ablauf einer Spondylii tuberculosa. 14 jähr. Junge, der nur eine unregelmässige Form der Lendenwirb gegend und Abnahme des Allgemeinzustandes, sonst nichts Auffallendes zeig Im Röntgenbild liess sich im Bereich des stark destruierten letzten Brust- ul der beiden oberen Lendenwirbel ein verkalkender Senkungsabszess na<[ weisen. Vollkommene klinische Ausheilung in der Sonnenstation. E. Gold und F. Re iss- Wien: Ueber das Verhalten des Leukoderi syphiliticum der Bloch sehen Dopareaktion. E. F r o m m e r - Pest: Ein Fall chronischer Invagination, komplizL durch eitrige Wurmfortsatzentzündung. Der seltene Fall betraf eine, 58 jähr. Kranke. A. Kirch: Zur Diagnose der Darmtuberkulose. Bemerkungen zu dem Aufsatz von Loli in Nr. 3. A. S e r k o - Ljubjana: Ueber einen Fall von Claudicatio intermltttf universalis infolge von Hypoplasie des Herzens. Bei dem 13 jähr. Knaben, bei dem sich eine bedeutende Hypoplasie fej stellen liess, besteht ein eigentümlicher nach kurzer körperlicher Anstrengu! hochgradiger Ermüdungszustand vor allem mit Versagen der unteren Extreil- täten; nach kurzer Erholung stellt sich die Leistungsfähigkeit mehr oir weniger wieder her. Verf. bezeichnet den Zustand als Claudicatio universa Th. B a r s o n y - Pest: Kardlaveränderungen bei Speiseröhrenprozess. Erwiderung auf die Bemerkungen von O. Stricker in Nr. 47, 19r Nr. 4 u. 5. B. Asch er- Wien: Die praktische Bedeutung der Leb vom Habitus und die Renaissance der Humoralpathologie als therapeutisb Konsequenz der Konstitutionslehre. A. bespricht die noch vielfach strittige und ungeklärte Lehre vom HabL und der Konstitution (wobei er u. a. auf die Bedeutung der Pigmentverb;- nisse, Temperament, Innensekretion, Blutmischung, die Frage der Hypo- ul Hypertonie hinweist) besonders in bezug auf die Frauenheilkunde und b'l ebruar 1922. MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT. 239 allem den grundsätzlichen Unterschied zwischen den Geschlechtern r: Bei der Frau sind hervorstechend die Neigung zu Asthenie, optose und Aehnlichkeit mit dem kindlichen Organismus bei grösserer arkeit des Nervensystems und rascherer und reichlicherer Blutbildung, die grössere Neigung zur Bildung von Neoplasmen. Der Bedeutung der -titution“ entsprechen müssen in der Medizin wieder mehr wie gegen- r — die Kurpfuscher haben immer mehr daran festgehalten — die ■alen „Allgemeinkrankheiten“ gegenüber den exogenen Infektionen ge- gt und die Therapie mehr darauf eingestellt werden (Beispiel: ruelle. klimakterische, postklimakterische Störungen und andere Frauen- heiten). In therapeutischer Hinsicht ergibt sich eine vermehrte Be- ig der Abführkuren und anderer ableitenden Mittel, insbesondere aber derlasses, dessen sehr erweiterter Anwendung A. sehr das Wort redet, es im Original. Ir. 6. St. W e i s s und E. Stern- Pest: Ueber Häinolysinbildung nach xstirpation. )ie Verfasser bestätigen die Beobachtung von Leuken und B e c h, ;h bei Tieren nach Milzexstirpation die Hämolysinbildung eine beträcht- Abnahme erfährt. !>. Saxl und D. Scherf- Wien: Ueber die Ausscheidung von Farb- l durch Magensaft und durch die Galle. 'rgebnis: Parenteral gegebenes Methylenblau wird durch die Galle und reichlich durch den Magensaft ausgeschieden. Letztere Ausscheidung . beschleunigt bei — auch anaziden — Geschwüren des Magens und ;nums. Im übrigen besteht bei Anaziden häufig eine Verlangsamung der toffausscheidung. I. H o f m a n n - Wien : Ueber Lungenabszess nach subkutaner Thorax- zung. Beschreibung eines Falles. . Po k- Wien: Die Körperseitentemperatur, ein differentialdiagnostisches littet. )ie vergleichende Temperaturmessung- gleichzeitig in beiden Achsel- i ergibt öfters eine, bisweilen sehr ausgeprägte Temperaturerhöhung er Seite einer lokalisierten entzündlichen Erkrankung und kann zur entialdiagnose dienen (Beispiele: Adnextumor, uteriner Abortus .trauteringravidität, Appendizitis — Extrauteringravidität). II. L e k i s c h - Wien : Eine Modifikation der N e i s s e r sehen Spritze. 4it Abbildungen. ■ Vierter medizinische Wochenschrift. Ir. 3. M. G r o s s m a n n - Wien: Die Verwendung des Protargols bei aryngologischen Krankheitsfällen. las Protargol (Durchspülungen mit 0,5 — 1 proz. Lösung, Einlegen von ans mit 10 — 15 proz. Lösung) wirkt sehr günstig bei Ozaena; ebensolche ons sind nützlich bei Asthma nasale mit Sukkulenz der Schleimhaut, sslich sind bei Angina phlegmonosa Auswischungen der Tonsillarbuchten onzentrierter Protargollösung zu empfehlen. ir. 4. E. Eitner-Wien: Ueber Korrektur kleiner Narben im Gesicht. [1. schildert das Transplantationsverfahren, womit er besonders bei nnarben gute kosmetische Erfolge erzielt. lr._ 6. J. S c h i f f m a n n - Wien: Einige seltenere Indikationen zur caesarea. ) Schwangerschaftsunterbrechung wegen Encephalitis lethargica. avidität im interponierten Uterus, c) Retroflexio uteri, intraperitoneale lentverkiirzung. d) Uterus duplex, Endometritis sub partu (anschliessend Operation). Bergeat - München. Vereins- und Kongressberichte. Bamberger Aerzteabend. Sitzung vom 14. Januar 1922. ’rof. Dr. Lobenhoffer stellt vor: 2 Fälle von arteriosklerotischer mer Gangrän des Fusses, die mit subkutanen Infusionen von Natr. citr. wöchentlich 250 ccm) vorbehandelt waren und die Amputation im Be- des Fusses ohne Weiterschreiten der Gangrän vertragen hatten, lydronephrose, bei der die Zystoskopie versagt hatte, weil ein sich ;renhöhe teilender doppelter Ureter bestand, von denen der obere in genes, normal grosses Nierenbecken führte, dem das obere Nierendrittel orte, während der untere Ureter am Eintritt in den Hydronephrosesack harte Schwielen verschlossen war. Besprechung der Ursachen der inephrose und der Differentialdiagnose. lilzzyste. Im Laufe eines Jahres nach leichtem Trauma entstanden, sopfgrosser Tumor, der den Rippenbogen vorwölbte. Unterer Milzrand die dünnen Bauchdecken fühlbar. Blutbild unverändert. Splenektomie. >le echte Zysten, von denen eine sehr gross, die anderen nur klein i. Infiziertes Hämatom im Wundbett ohne Leukozytose, kricht über 4 Epileptiker, bei denen die linke Nebenniere exstirpiert Einer davon scheidet aus, weil Niere und Nebenniere fehlte. Bei ’• Kranken vorübergehendes Ausbleiben der Anfälle, die nach 2 Monaten wieder einstellten und häufiger als vor der Operation wurden. Beim anken erst keine Veränderung, jetzt sind die Anfälle etwas seltener 25 nur 15), beim 4. Kranken wird jetzt entschieden Besserung be¬ st. Anfälle sehr viel seltener und kürzer, stets mit Aura, die früher arhanden war. Ist lebhafter und arbeitsfrendig. Bei allen 4 handelte h um junge Männer um 20 Jahre mit relativ leichten Anfällen und ohne uheblichen geistigen Defekt. Die Operation liegt Y\ Jahre zurück. Stets n e r scher Schnitt, von dem aus die Nebenniere gut zu erreichen ist. Epilepsie nach Kopfschuss. Narbe über der rechten Stirnhälfte. Frei- Abpräparieren der Narbe, unter der sofort der erweiterte Ventrikel Abfluss von sehr viel Liquor, Ausfullen des Ventrikels mit Netz, von •>n Zipfel aussen über die narbige Hirnrinde ausgebreitet wird Deckung reitem Galealappen. Infangs hohe Temperaturen, im Liquor viele Leukozyten, aber nie Bak- (ruhende Infektion?), langsames Abklingen; seit der Operation an- ei. Ovarialkystom, den ganzen Bauch ausfüllend, mit breiten Verklebungen era Peritoneum der vorderen und hinteren Bauchwand, die beim Ab¬ lösen stark bluteten. Austapczicren der ganzen Wundflächc mit freitransplan¬ tiertem Netz. » Unter dem Bild einer hypertrophischen Sklerose eiriliergeliender Skirrlius des Magens. Lig. gastrocolicum, Netz, Serosa des Darmes und des Mesen¬ teriums mit dicken, sträng- und flächenförmigen, teilweise netzartig unge¬ ordneten Bindegewebsplatten besetzt. Am sehr kleinen Magen Serosa eben¬ falls zuckergussartig verdickt, Muscularis mucosae breites weisses Band, Schleimhaut teils glatt, teils polsterförmig. Mikroskopisch stellenweise sichere Karzinomnester. Wahrscheinlich stecken hinter den als Linitis hyperplastica beschriebenen Erkrankungen stets sehr zellarme Skirrhen. Medizinische Gesellschaft zu Chemnitz. (Offizielles Protokoll.) Sitzung vom 23. November 1921. Vorsitzender: Herr Reichel. Schriftführer: Herr König. Herr Geheimrat Prof. Dr. Reichel: Zur Spontanheilung maligner Tumoren. Vortr. stellt der Gesellschaft einen Patienten mit Spontanheilung eines Hirntumors vor. den er ihr bereits im Jahre 1902 gezeigt hat. Wegen der grundsätzlichen Bedeutung des Falles seien die wichtigeren Einzelheiten ge¬ nauer wiedergegeben: Der Kranke Karl Franz M., Schmied, damals 39 Jahre alt, trat am 17. April 1902 in das Krankenhaus ein. Er gab an, aus gesunder Familie zu stammen; beim Militär ein kleines Geschwür am Sulcus coron. penis gehabt zu haben, welches bald abheilte. Seit einem Vierteljahr bemerkte er an der linken Schläfenseite eine Anschwellung, welche allmählich wuchs. Er hatte grosse Schmerzen in der linken Gesichtshälfte, die nach dem Unterkiefer ausstrahlten. Die Sehschärfe war auf dem linken Auge in der letzten Zeit schlechter geworden, so dass er links Finger nur in 3 m Ent¬ fernung zählte. Ebenso hatte das Gehör auf dem linken Ohr gelitten. An der Aussenseite des linken Schläfenbeins sah man oberhalb des Jochbeins eine Geschwulst mit einem Längsdurchmesser von ca. 3 cm, einen Höhendurchmesser von 2 lA cm. Ihr vorderer Rand reichte bis zur Linea semicircularis, der obere verlief 3 Querfinger breit oberhalb des Jochbeins, der hintere bis 1 Querfinger breit vor dem Ohr. Die Geschwulst war hart, unverschieblich. Da Patient, wie erwähnt, beim Militär ein Geschwür am Geschlechtsteil gehabt hatte, wurde zunächst eine Behandlung mit Jodkali eingeleitet. Er verbrauchte im ganzen 30 g. Eine Besserung trat nicht ein, die Schmerzen hielten an, so dass Pat. nachts ruhelos umherlief. Der Tumor behielt die gleiche Grösse. Am 3. Mai wurde daher zur Operation geschritten. Ab¬ lösung eines grossen, nach oben konvexen Weichteillappens mit unterer Basis, der samt dem Schläfenmuskel nach abwärts geklappt wird. An der Grenze des Keilbeinflügels und des Schläfenbeins wurde der Tumor sichtbar, schimmert in Pfennigstückgrösse durch die verdünnte Schädelkapsel. Der Knochen wurde zunächst in der Grösse eines Zweimarkstückes entfernt. Es quoll die Tumormasse mit der verdickten Dura vor. Gleichzeitig strömte viel Arachnoidealflüssigkeit ab. Der Tumor war blaurot, blutete ausser¬ ordentlich leicht. Die Trepanationsöffnung wurde zugleich mit temporärer Resektion des Jochbeins bis auf über Funfmarkstückgrösse erweitert, doch kam man nicht an die Grenze der Geschwulst. Da der Puls elend wurde, musste die Operation abgebrochen werden. Tamponade mit Jodoformgaze¬ verband. Die von Herrn Prof. Nauwerck vorgenommene mikroskopische Untersuchung der bei der Operation entfernten Geschwulststücke ergab: Spindelzellensarkom mit einzelnen Riesenzellen; heröweise Hämosiderin. Aus dem Verlauf ist nur folgendes hervorzuheben: Eine sehr starke Ab¬ sonderung aus der Wunde zwang anfangs täglich zum Verbandwechsel. Am 12. Mai hatte sich die Geschwulst fast auf das Doppelte vergrössert und quoll aus der Schädellücke hervor. Sie zeigte einen grauweissen Belag. Die subjektiven Beschwerden gingen zurück. Unter dem Belag sah man röt¬ liche Granulationen. Von Anfang Juni an wurde eine allmähliche Verkleinerung der Geschwulst festgestellt, o|ine dass sich Stücke derselben abgestossen hätten. Am 20. Juni war sie bis auf Walnussgrösse geschrumpft, am 5. August bis auf Pfennigstückgrösse. Am 21. August war der Tumor völlig ver¬ schwunden; nur noch eine linsengrosse Oeffnung, aus welcher einige Tropfen seröser Flüssigkeit quollen, zeigte die Stelle der früheren Geschwulst an. Später bildete sich hier eine tiefe Einsenkung. Am 30. September 1902 wurde Pat. geheilt entlassen. Am 30. August 1921, also nach über 19 Jahren, stellte sich Pat. auf Aufforderung zur Nachuntersuchung vor. Er gab an, es sei ihm seit der Operation gesundheitlich dauernd gut gegangen, nur sei das Sehen auf dem linken Auge und das Hören auf dem linken Ohr schlecht geblieben. Nur hie und da habe er nach schwerer Arbeit in der Hitze etwas Kopfdruck, der aber meist rasch vorüberginge. Eigentliche Kopfschmerzen habe er nicht. Im linken Arm habe er nicht dieselbe Kraft wie im rechten; er sei aber bis jetzt völlig arbeitsfähig. Objektiv war das Allgemeinbefinden des Untersuchten ein gutes. Die linke Schläfengegend war stark muldenförmig eingezogen. Eine feste, breite, völlig glatte Narbe war fest mit dem Knochen verwachsen. Gehirnpulsation bestand nicht.- Zeichen von irgendwelchen Metastasen fehlten völlig. Herr Dr. Panofsky: Untersuchungen über Hirngewicht und Schädel¬ kapazität nach der Reichardt sehen Methode. Die gemeinsam mit Herrn Dr. Staemmler an etwa 1000 Leichen angestellten Untersuchungen über das Verhältnis Hirngewicht: Schädel¬ kapazität hatten folgendes Ergebnis: Von Krankheiten ohne Hirnveränderungen haben das geringste Hirngewicht, also die grösste Differenz gegenüber der Schädelkapazität: die -Tuberkulose und die arteriosklerotischen und zirrhoti- schen Prozesse. Die stärkste Erhöhung des Hirngewichts findet sich bei den Infektionen des Peritoneums und den vom weiblichen Genitale aus¬ gehenden septischen Erkrankungen, bei endogenen und exogenen Intoxika¬ tionen und (1 Fall) bei akuter Nephritis. Von Hirnkrankheiten zeigten einige im epileptischen oder paralytischen Anfall Verstorbene ein höheres Hirn¬ gewicht als dem Durchschnitt bei diesen Erkrankungen entsprach. Das Hirn¬ gewicht der Paralytiker war geringer als bei Normalen. Das Auftreten postmortaler Quellungsvorgänge und die Unmöglichkeit, andere zur Vermehrung des Hirngewichtes führende Faktoren (Hyperämie, Oedem individuelle Verschiedenheiten usw.) sicher auszuschhessen, beein- 'äSt in, Einzelfall den Wert der Reichardt sehen Methode insofern als nur die Verminderung, nicht aber die Vermehrung des Hirngewicht s sichere Schlüsse auf das Verhalten des Gehirns während des Lebens gestattet Eine ausführliche Veröffentlichung erfolgt in der Frankfurter Zschr. 1. Pathologie. Diskussion: Herr Hansel. Aerztlicher Verein zu Danzig. (Eigener Bericht.) Sitzung vom 5. Januar 1922. Herr Sebba: Therapie einiger Mund- und Kieferkrankheiten auf Grund '^^Di^Thefrk^def^'okalen Spirochätose der Mundhöhle zu welcher K o 1 1 e und Beyer die Stomatitis ulcerosa, Gingivitis, Alveolarpyorrhoe, Plaut-Vincent-Angina und Noma rechnen, ist ziemlich allgemein abgelehnt. Dementsprechend tritt an Stelle der Salvarsantherapie, welche keine Dauer- resultate gibt, für die Stomatitis epidemica die Entfernung der nekrotischen Schleimhaut- und Zahnfleischpartien, der subgingivalen Konkremente, die Vibrationsmassage und die Chlorzinkbehandlung. . , Fr^Winis? und Auch die Alveolarpyorrhöe kann nur chirurgisch durch Frmlegung und Entfernung der Granulationsmassen, der subgingivalen Konkremente und .der in Resorption begriffenen Partien des Alveolarrand. « seheü wei rden S. empfiehlt das Hochziehen des zur Freilegung der Krankheitsherde ge schaffenen Zahnfleischlappens durch Haltenähte, welche hinter den Zahnen geknüpft wz"dnerneplantation wendet s hauptsächlich bei der chronischen granulomatösen Periodontitis, seltener bei akuter und abszedierender Per - odontitis an. Der extrahierte Zahn wird vom Penodonteum, soweit es er¬ krankt ist, befreit, die Foramina apicalia und die Wurzelkanale des Zahnes werden abgeschlossen und die kariöse Zahnhöhle mit einer Füllung versehen. Der so vorbereitete Zahn wird entweder sofort oder nach 1 2 lagen Unter- vallreplantation nach Sebba) in die leere Alveole replantiert. Die B - festigung beginnt am 10. Tage; nach 4 Wochen steht der Zahn fest im Kiefer- knochen und ist funktionstüchtig. Die experimentellen Empflanzungsversuche Schroeders - Berlin mit Elfenbein zeigen, dass Elfenbein vom Knochen als ebenbürtig aufgenommen wird. Gehr icke -Berlin hat mit Erfolg Elfenbeinwurzeln in den Kieferknochen implantiert und Zahnkronen auf die eingeheilte Elfenbeinwurzel aufgesetzt. Die Röntgenaufnahme nach 3/a Jahren zeigte, dass die Wurzelknochen mit der künstlich ausgefrästen Alveole ver¬ wachsen waren. S. hat unter 27 Replantationsfällen nur einen Misserfolg "■ehabt. Ein vor 9 Jahren replantierter Zahn ist noch heute funktionsfähig. Der Einfluss von eitrigen Mundaffektionen auf die Entstehung von chronischen, schleichend verlaufenden Allgemeininfektionen (Nephritis, Appen¬ dizitis, Cholezystitis etc.) darf nicht unterschätzt werden Diese können ebenso wie von anderen latenten Infektionsherden (Urogenitalsystem, Tonsillen, Furunkulose, Nasenriebenhöhlenaffektionen etc.) auch von der Mundhöhle ausgehen, worauf auch F i s c h e r - Cincinnati in seiner Arbeit: Infektionen der Mundhöhle und Allgemeinerkrankungen, neuerdings aufmerk¬ sam macht. Herr Ad. Schmidt: Die Magenresektion nach Reichel. Es wird die Gastrojejunostomia retrocolica Reichels nach den Mit¬ teilungen des Autors, wie sie in der Literatur zu finden sind, erklärt. Erwähnt werden Körnlein. Mikulicz, Graser, A. v. Bergmann, P 61y a, Wilms, Sasse, Hofmeister, Finsterer und einige französische Autoren, die ähnliche Methoden anwandten. Zu Naraths Abhandlung ..Zur Geschichte der zweiten B i 1 1 r o t h sehen Resektionsmethode des Magens (D. Zschr. f. Chir. 1916) ist Stellung genommen und betont, dass die Resektionsmethode nach Reichel nicht ohne weiteres als Billroth II an- gesprochen werden kann. . In der Klinik des Geh. Rat Barth wurde streng nach den R eiche 1- schen Vorschriften verfahren, nur wurden alle Fälle in Sauerstoff-Aether- Narkose operiert. Seit Anfang Mai wurde die Reichel sehe Magen¬ resektion bei 16 Fällen ausgeführt. Hiervon waren 7 Magenkrebs, 4 kallöse Geschwüre des Magens, 1 narbige Pylorusstenose und 4 Duodenalgeschwüre. Nachuntersucht wurden 9 Fälle und zwar 1 8 Monate nach der Operation. Die Säurewerte waren herabgesetzt, doch fanden sich in 3 Fällen fast normale Werte. Die Form der Mägen nach der Operation wird an der Hand von Röntgenbildern gezeigt. Die Entleerungszeit schwankt von 1>2— 4K Stunden und beträgt im Durchschnitt 2lA Stunden. Die Grösse des resezierten Magenteils ist für die Entleerungszeit des Testierenden Magens ohne Bedeutung. Es fand sich 3 mal noch eine über handbreite Intermediär¬ schicht. Im Duodenum wurden nur vereinzelt Kontrastschatten nach¬ gewiesen. Die Entleerung erfolgte ohne Störungen durch die abführende Jejunalschlinge. Peristaltik wurde an grossen Magenresfen oft deutlich und leicht auslösbar beobachtet. Die Körpergewichtszunahme schwankte zwischen 6 Pfund und 52 I fund und betrug im Durchschnitt 20 Pfund. Wesentliche Beschwerden wurden nicht angegeben. Auffallend war der gute Appetit und die Beschwerdefreiheit bei dem Genuss jeglicher Nahrungsmittel. Kurzer Hinweis auf die funk¬ tioneilen Erfolge bei anderen Magenresektionen und der oben beschriebenen. Die relativ normale Entleerung wird durch die Art der Einpflanzung des Magens in das Jejunum erklärt, am Magenausgang wird ein Sporn gebildet (7pinhni.n in der M.m.W. und D.m.W. und teilt die Ansicht Oloffs, dass sofo und wiederholte Spülungen des verletzten Auges von grösster Wichtu sind weil durch diese das eigentlich schädigende Agens des I intenst — das Methylviollett — möglichst schnell entfernt wird. Herr J. H. Schultz: Die modernen Hysterietheorien und ihre Be tung für die ärztliche Praxis. . . Vortragender betont zunächst, von der Erörterung e i n z e 1 hysterischer Symptome ausgehend, die relative klinische Se heit rein hysterisch psychogener Symptome im Gegensatz zu den ube häufigen „Deck- und Fixationssymptomen“ bei unerkannten oder bereits^ gelaufenen somatischen Beschwerden; oft sind hysterische „Hüllensymptc Vor- oder Nachläufer organischer „Kernsymptome“. Ein praktisch wicht bereits von Briciuet oft erwähntes Alltagskernsymptom ist namen der Muskelrheumatismus in seinen verschiedenen Formen, der meist auf sprechende Therapie gut reagiert („hysterische Kopfschmerzen! ). Be ders ist davor zu warnen, Krankheitserscheinungen, die in eines der läufigen klinischen Bilder nicht passen, ohne weiteres als hysterisch buchen. (Fall einer atypischen, von sorgfältigen Internisten als nervöse pepsie überwiesenen Erkrankung eines 19jährigen, die sich gegen jede lt| pie als refraktär erwies und endlich als Magenkarzinom enthüllte; nut, Quälerei mit „Psychotherapie“). Sicher psychogene Symptome führen i obwohl ein erhebliches Bereich unklarer „funktioneller Storu zugegeben werden muss, bei der Behandlung bald zu tieferen sei sehen Grundlagen. (Fall von schwerem, ruckhaftem Verbeugt) tick bei einem 34jährigen; Friedensleiden. Grundlage: Aufstieg vom Arbe jungen mit 5 Pfennig )4-Stundenlohn zum Direktor und Besitzer eines gro* Werkes mit 200 000 M. Jahreseinkommen, Heirat mit einer BourgeoistoJ stark gesellschaftlich beschränkter Art, Verleugnung durch die frülf Freunde, obwohl noch Mitglied der S.P.D., Gefühl der Fremdheit und }< Geduldetseins in Familie und Umgangskreis der Frau. Schwinden des Grundkonflikt, lins „Entwkr ptomes nach drei erlösenden Aussprachen über diesen ptomfreiheit von 1 K> Jahren; Beziehungen zu Kraepe ' U 11 Die Eingliederung echt hysterischer Erscheinungen in die Psyche öffnet eine Reihe von Fragen. Bewusste E r s t p r o d u k t i o n (Simu t i o n) auf dem Wege der regulären „Willkür“ ist kaum anzunehmen, dagp bisher hysterische Symptome nicht bekannt, die nicht durch geeiip sind oisner uy siei iscuc ojminuim- - - - „ suggestive Massnahmen darzustellen wären, besonders in Hypnose (Lews d o w s k y), so dass Möbius’ Definition: „Hysterische Symptome ! hypnotische Erscheinungen ohne Hypnotiseur“ in diesem Sinne nicht widersprechen ist. Die Schöpfung ausgesprochen hysterischer fordert ein gewisses, wenn auch übel angewandtes Künstlertum, so dasf Ersterscheinung trotz des parodistischen Resultates die Problerm.li künstlerischen Schaffens aufrollt. Anders das Festhalten eines köl lieh dargebotenen Symptomes; es führt auf die von Forel zum erstel eingehend dargestellte „krankhafte Gewöhnung des Nervensystems", int Zirkel von Beschwerde und Angst: D u b o i s' Schraubensymptom, zu t von Kretschmer besonders hervorgehobenen und theoretisch Uberba Problem der „willkürlichen Reflexverstärkung“. Neben Willkür. Sugge« Gewöhnungs- und Uebungsmechanismen (die wieder zur Simulation rl Form zurückführen können) erfordert der Gesichtspunkt des erstrebten L I im hysterischen Symptome Beachtung (Unfall- und Spät kriegsfälle). autp Bonhöffe r besonderen Wert legte, während in anderen Fällen wl Nachahmungstendenzen im Vordergrund stehen. Ein Versuch, das hysterische Erleben in seiner lebendigen Ganzh fassen (Kraepelin, Scheler, K 1 a g e s, H e 1 1 p a c h) wird beit reinen Fällen die „hysterische Canaille“ mit B i n s w a n g e r als degeneri Komplikation ausscheiden und nach tieferen Kennzeichen suchen lassen J Urieinheitlichkeit nud Zerrissenheit des Erlebens, das groteske Schleudern^ Abreissen der Stimmungen lassen den J a n e t sehen Begriff der „4 soziation“ als besonders wesentlich erscheinen; er gibt auch für von Scheler und Klages ausgezeichnet gesehene „übermässige 14 in anderen“ und im ausdrucksmässigen bei innerer Leere und Kälte (K 1 a i Rückschlag des Darstellungsdranges gegen das Gefühl der Lebensohnma • ungesuchtes Verständnis, auch nahe Berührungen zu dem psychopathisj Typus des „Mnemisch Dissoziierten“ (Schultz). Während dieser ’ aber in seiner reinen Form ohne Annahme besonderer Zwischenglieder Frlebens („Unbewusstes und Unterbewusstes“) leicht verständlich ist, ‘ in vielen hysterischen Mechanismen die Interpolation verständige1 erklärender psychischer Reihen eine ausserordentliche psychokhn Hilfe dar. Hier liegen die Werte der Breuer-Freud sehen PsychofcD sis (L Frank) und vieler Gesichtspunkte der nach Ansicht des VortM Februar 1922. MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT. 291 nur bei bestimmten konstitutionellen Voraussetzungen zuständigen Sexual- ;hoanaIyse S. Freuds. Kritische Verwertung der hier gegebenen An- ingen kann sehr helfen, wie an drastischen Beispielen primitiv-symboli- r Träume gezeigt wird. (Erwähnung der „dream-therapy“ von Haber- nn- New York). Wie Freud selbst in den Perioden seines Schaffens sich selbst hinaus wies, zuletzt besonders überraschend in seiner jüng- Mitteilung „Jenseits vom Lustprinzip“, so sind die besten Köpfe aus ;m Kreise zu neuen Problemstellungen vorgeschritten: Adler, Jung, eder vertieften die Kenntnisse der in die Zukunft gerichteten Tenden- der Neurose gegenüber der rein historisch-psychogenetisch arbeitenden :inalanalyse Freuds. Von den psychologischen Theorien der Hysterie, die unsere Zeit beherr- n ist ausserordentlich viel wertvolles Material zusammengetragen; aber i sind es „Theorien“; eine wirklich universelle und restlos befriedi- (e Synthese der verschiedenen Teillösungen liegt bisher noch nicht vor. wird auch nie im Sinne einer Festlegung der Krankheit Hysterie, lern nur im Sinne einer evidenten Auflösung der hysterischen Reaktion u p p) zu erhoffen sein. Aussprache: Herr Hans H a e n e 1: Bei den verschiedenen Gesichts- iten, von denen man an das Hysterieproblem herangegangen ist, habe ich i vermisst, die für mich eine Leitlinie bilden. Wenn ich neurologischen ten gegenüberstehe, so frage ich mich, wieweit kann ich aus den Sym- ren des Kranken entnehmen, ob er unter seinen Krankheitssymptomen lei- oder nicht. Wenn sich in dieser Beziehung ein Missverhältnis heraus- t,- so ist das eine Verschiebung der Persönlichkeit aus Gründen, die ler besonderer Analyse bedürfen. So komme ich auf die Diagnose einer erischen Disposition zu. Ich diagnostiziere also psychoneurotische Re- onsweisen, selten eine Hysterie. Zum anderen vermisste ich den Be- des Gesundheitsgewissens. Beim Hysterischen ist dieses defekt. (Wenn Kranke nicht mehr das Interesse hat, in allen Fällen der Gesundheit den tritt zu lassen, so entsteht eine hysterische Reaktionsweise. Herr Kurt Schmidt: Das Gebiet der Hysterie ist wesentlich ein- hränkt worden durch die fortschreitende Erkenntnis z. B. von den endo- en Erkrankungen. Organisch bedingte Krankheiten können ausheilen mit icklassung neurotischer Erscheinungen. Diese müssen dann psychisch mdelt werden. Wir müssen von der Hysterie die hysterische Disposition rscheiden. Für die praktische Tätigkeit ist die Psychoanalyse am wich¬ en. Ich verweise da besonders auf die Theaterangst. Der erste Angst- and hat gewöhnlich eine körperliche Indisposition zum Aniasl Indem dem Kranken das zum Bewusstsein bringt, kann man Heilung erzielen. Herr J. H. Schultz (Schlussbemerkung) betont die Unmöglichkeit, im men eines kurzen Vortrages Vollständigkeit zu erstreben. Kohn- m m s „Gesundheitsgewissen“ führt leicht zu moralisierend orientierten sverständnissen, während der von H. H a e n e 1 betonte Widerspruch sehen Beschwerden und Klagen in der Behandlung der Ausdrucksstörungen ages) kurzen Raum fand; der prinzipielle Unterschied von „Krank- “ und „Reaktion“-Hysterie wird nochmals hervorgehoben. Aerztlicher Verein in Frankfurt a. M. (Offizieller Bericht.) Sitzung vom 19. Dezember 1921 . Vorsitzender: Herr v. Wild. Schriftführer: Herr Grosser. Aussprache zu den Vorträgen der Herren Flesch-Thebesius C u n o. (Vgl. Sitzungsbericht vom 5. Dezember 1921, d. W. 1922 S. 216.) Herr L u d 1 o f f warnt vor der Extcnsionsbehandlung der Köxitis wegen dir der Miliartuberkulose oder der tuberkulösen Meningitis. Beides ist dem Gipsverband nicht zu befürchten. Er warnt weiter davor, Spondy- kranke in Rübkenlage zu behandeln. Der Spondylitiker gehöre auf den ch. Rückenlage führe häufig zu Pneumonie. Neuerdings hat L. erstaun- 3 Erfolge mit der von Quincke wieder empfohlenen Kauterisations- mdlung der Spondylitis gesehen, wahrscheinlich infolge Zurückgehens endlicher Oedeme; auch L. betont, dass man mit dem alten Brenneisen, it mit dem Paquelin arbeiten müsse. Die Lokalisation des tuberkulösen zesses beeinflusst die Prognose: am günstigsten ist sie bei Spina ventosa Schultergelenkstuberkulose, am trübsten bei Koxitis. Für das Kniegelenk die Resektion die Methode der Wahl. Die Art des Prozesses erfordert ichiedene Behandlung: proliferierende Formen gehören fast immer in den sverband, fi'bröse erfordern Osteotomie, kariöse Resektion. L. fasst eine grosse Zahl .von „Heilungen“ nur als Besserungen auf. iter weist er darauf hin, dass kleine Tuberkelherde im Knochen der Stellung durch Röntgenstrahlen entgehen. Im Interesse der historischen echtigkeit betont er die grundlegenden Verdienste Joachimsthals Hohenlychen und die Priorität Bernhards vor R o 1 1 i e r. Herr Grosser möchte bei der Diagnose der kindlichen Tuberkulose it so grossen Wert auf Drüsenschwellung und Fieber legen, da auch enrachenaffektionen und Bewegung Fieberursachen sein können. Hilus- senschwellung kommt sicher auch nach Bronchitis und nach Grippe vor. ist wenn ein positiver Pirquet gefunden wird, ist damit die tuberkulöse ur der Hilusdrüsenschwellung noch nicht gesichert. Das Röntgenbild ist mit stärkster Kritik zu verwerten. Therapeutisch empfiehlt G. allgemeine 'orierung. Von spezifischer Behandlung ist er abgekommen: will man aber ■erkulin geben, so wähle inan eine Methode mit guter Dosierungs- dichkeit. Herr W. H o f in a n n bedauert, dass die konservative Behandlung der urgischen Tuberkulose oft an pekuniären Gründen scheitert. Auffällig ist gute Erhaltung der Muskulatur bei der Sonnenbehandlung. Herr S. Auerbach: Bei der neuerdings erkannten Wichtigkeit der vehrfunktion der Haut wäre zu erwägen, ob man nicht bei metaluischen rankungen Hautreizmethoden therapeutisch verwerten solle. Auch Herr Cahen-Brach hat Auftreten und hinterher nach Monaten schwinden von Hilusschatten bei infektiösen Prozessen beobachtet. Vom lerkulin Rosenbach hat er in der Kinderpraxis nicht mehr als bei sonstiger landlung gesehen. Herr L o e w e weist auf die Wichtigkeit der Eingipsung der Glieder in r natürlichen Haltung hin. In einigen Fällen sah er Günstiges von der iluftbehandlung der S c h m i e d e n sehen Klinik, besonders bei Hand- mkstuberkulosen; für diese Form und die Tuberkulose der Ellbogen kann auch die Röntgenbehandlung empfehlen. Er äussert sich skeptisch über die Erfolge der Jodkalibehandlung und wirft die Frage auf, ob nicht syphi¬ litische Prozesse dabei untergelaufen sind. Herr N e i s s e r betont den klimatischen Unterschied des Höhenklimas vom Klima der Ebene; die Aenderungen des Klimas sind bereits oberhalb 400 m deutlich. Er begrüsst deshalb den Plan des Rekonvaleszentenvereins, im Anschluss an die Heilstätte Ruppertshain eine Abteilung für chirurgische Tuberkulosen zu errichten. Herr Linke (als Gast) hebt hervor, dass es bei der Heilwirkung des Höhenklimas nicht so sehr auf die absolute Höhe, sondern auf den Unter¬ schied zwischen der Lage des Kurortes und dem bisherigen Aufenthalt des Kranken ankomme. Für Frankfurter Verhältnisse seien die Höhenlagen von Königstein, Falkenstein und ähnlichen Orten im Taunus, die um etwa 300 m gegen Frankfurt differieren, bereits ein ausreichender Unterschied. Herr Ascher: Die über einer Stadt lagernde, aus Wasserdampf, Strassenstaub und vor allem aus Rauch bestehende Atmosphäre nimmt in ge¬ ringer Höhe über den Dächern bereits an Dichte ab, so dass es durchaus verständlich ist, dass in einer Höhe von einigen hundert Metern über Frankfurt die Sonnenstrahlung bereits eine ganz wesentlich höhere ist, als in der Stadt, aber auch nicht wesentlich anders als einige hundert Meter höher am Feldberg. Im Hochgebirge werden natürlich andere Verhältnisse hinzukommen: ob sie aber so grundlegende Unterschiede ausmachen, dass eine wesentlich grössere Leistungsfähigkeit der heilenden Strahlen dadurch - bewirkt wird, bedarf noch der Untersuchung. Herr R. Oppenheimer: Ueber die Jodnatriumbehandlung entzünd¬ licher Prozesse. Ausgehend von einer Arbeit Schacherls, welcher die intravenöse Jodnatriumbehandlune- bei der Syphilis des Zentralnervensystems erprobte, versuchte Oppenheimer intravenöse und lokale Jodnatriumbehandlung bei verschiedenen entzündlichen Vorgängen. Wurden täglich 2 — 5 ccm einer 50 proz. wässerigen Jodnatriumlösung an 4 — 5 aufeinanderfolgenden Tagen i n t r a v e n ö s injiziert, so traten niemals Erscheinungen von Jodismus, Ni.erenschädigungen oder stärkere Beeinträchtigung des Allgemeinbefindens auf. Von manchen Kranken wurde die Injektion entlang der injizierten Vene während 5 — 10 Minuten als schmerzhaft angegeben. Der intravenösen Jod¬ natriumbehandlung wurden zunächst 4 Fälle von akuter Epididymitis unter¬ worfen; in dreien zeigte sich schneller Rückgang der Geschwulst und Schmerzhaftigkeit. Ebenso wurde ein Fall von subakuter Prostatitis ohne örtliche Behandlung günstig beeinflusst. Ueber die Behandlung von 3 Fällen von Nebenhodentuberkulose lässt sich Abschliessendes noch nicht sagen. Versagt hat die intravenöse Behandlung in einem Falle eitriger Parametritis mit sekundärer Pyelonephritis, sowie bei einem Beckenabszess. Bei Gonorrhöe und Katarrhen der Vagina und Urethra wurde die ört¬ liche Jodnatriumbehandlung versucht. Zur vaginalen Behandlung wurden Tampons mit 50 proz. Jodnatriumglyzerinlösung getränkt, zur Behandlung der. männlichen und weiblichen Harnröhre eine Lösung von Natr. jodat. 5,0, Glycerin pur. 5,0, Acid. boric. 1,0, Aq. dest. ad 50,0, zehn Minuten in der Harnröhre belassen. 3 Falle von nichtgonorrhoischem Harnröhrenkatarrh bei Männern heilten nach wenigen Tagen. Eine subakute weibliche Gonorrhöe, wo trotz intensiver örtlicher Behandlung während 6 Wochen Gonokokken¬ freiheit nicht erzielt war, wurde durch 4 kombinierte Behandlungen zur Heilung gebracht. Ebenso konnte in kurzer Zeit ein Fall von Kindergonorrhöe zur Ausheilung gebracht werden, der sich gegen die übliche örtliche Be¬ handlung refraktär verhalten hätte. Versagt hat dagegen die Jodnatrium¬ behandlung in 2 Fällen akuter Gonorrhöe. Zur Wundbehandlung wurden Streifen in 50 proz. Jodnatriuiri- lösung getaucht und täglich 2 mal erneuert. In 3 Fällen von suprapubischer Prostatektomie, wo infolge Berieselung durch infizierten Harn die Wunde belegt aussah, erfolgte Reinigung innerhalb weniger Tage. Besonders be¬ weisend für den Erfolg örtlicher Jodnatriumbehandlung war ein Fall von perinephriti^chem Abszess, der sich bis in das kleine Becken erstreckte. Trotz zweimaliger Spaltung bestanden hohe Temperaturen und Schüttelfröste weiter. Nachdem während 6 Tagen täglich 10 — 25 ccm 50 proz. wässeriger Jod¬ natriumlösung in die Wunde eingeträufelt waren, bestanden nur noch sub¬ febrile Temperaturen und der Kranke wurde späterhin geheilt entlassen. O. empfiehlt daher ausgedehnte Versuche mit der intravenösen und örtlichen Jodnatriumbehandlung in der inneren Medizin, Gynäkologie und Chirurgie. Medizinische Gesellschaft Göttingen. (Offizielles Protokoll.) Sitzung vom 19. Januar 1922. Vorsitzender: Herr Stich. Schriftführer: Herr v. Gaza. Herr Voigt: Neue Untersuchungen über geschützte Silberhydrosole und die Eigenschaften von Schutzkolloiden. Für die therapeutischen Erfolge intravenöser Silberinjektionen spielt, wie auch neuerdings durch die Untersuchungen von Dietrich bestätigt, das Schutzkolloid keine wesentliche Rolle, da es, allein injiziert, bei den daraufhin untersuchten Präparaten wirkungslos blieb (Kollargol und Elektro- kollargol [Dietrich], Dispargen [Voigt]). Wir müssen annehmen, dass nur solche Stoffe im Organismus leistungssteigernd wirken können, die ähnlich, wie für das kolloide Silber bekannt, in ihm gewisse Reaktionen aus- Iösen und erfahren. Für die Charakterisierung der in Frage kommenden Stoffe ist das Untersuchen zusammen mit kolloiden Metallen (Z s i g in o n d y, Voigt) ein wichtiges Hilfsmittel. Vortr. berichtet über die Ergebnisse aus¬ gedehnter derartiger Untersuchungen, die demnächst in der Kolloidzeitschrift veröffentlicht werden, über das Schutzkolloid des Dispargens: 1. Selbst ein sehr hoher Gehalt an Schutzkolloid (ca. 70 Proz. des Trockenpräparats) ge¬ stattet nicht die Konzentration der Auflösung beliebig niedrig zu ge¬ stalten, ohne dass Ag ausflockt; es erscheint vielmehr ein gewisser Salzgehalt für die Haltbarkeit" erforderlich. 2. Verschiedene Salze wirken, unabhängig von der Valenz in dieser Hinsicht verschieden, die Neigung zum Absetzen wird aber stets mit abnehmendem Salzgehalt (n / 1 0 — -n / 1 60) grösser, was auch Kontrollversuche mit kolloidem Au bestätigen. Selbst die Ver¬ wendung der Auflösung des reinen Schutzkolloids in der Konzentration der 2 proz. Dispargenlösung zur Herstellung der Salzlösungen ändert nichts an dieser Tatsache. Im Gegensatz hierzu nimmt die Neigung mit wachsendem Salzgehalt z u, wenn die Salzlösungen mit neutrali¬ sierter Schutzkolloidlösung hergestellt sind. 3. Unter dem Einfluss ge¬ wisser Salzlösungen kommt eine erhebliche Teilchenvermehrung zustande, die 292 MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT. Nt wohl durch Einwirkung auf das Schutzkolloid zu erklären ist. Hierbei spielt offenbar auch die Dauer der Einwirkung eine Rolle: nach einer gewissen Zeit ist das Optimum der Wirkung erreicht und es tritt dann, verhältnismassig schnell zunehmend, die entgegengesetzte Beeinflussung des Hydrosols ein. 4. Es ist anzunehmen, dass ähnliche Vorgänge: Ausflockung, Umlagerung, Um- und Aufladung u. ä. m. sich auch bei der Injektion ,, leistungssteigernder Stoffe im Körper abspielen, die sich in allen Einzelheiten unserer Kenntnis immer entziehen werden, in manchen Stadien aber beim Studium des Schic - sals des kolloiden Ag und AgJ im Säugetierorganismus beobachtet worden sind. Herr F. Bremer: Demonstration eines 37 jähr. Mannes mit den Symptomen der amyotrophlschen Lateralsklerose. Da in der Familie 8 Mit¬ glieder in 2 Generationen in ähnlicher Weise erkrankt sind, so ist das Krank¬ heitsbild zu den Heredodegenerationen vom spastisch-paretischen Typus zu rechnen. Eigenartig ist das Ueberwiegen der Vorderhorn- und das Zuriick- treten der Pyramidenstörungen. Herr F. Stern: Chronisch ainyostatische Enzephalitis und enzephali- tlsche Folgezustände. , . , „ Demonstration von 13 Fällen von vorwiegend klinischen Gesichtspunkten ausgehend. Der Demonstration vorausgeschickt werden kurze Erörterungen über die klinische Einheitlichkeit des enzephalitischen Krankheitsprozesses, der sich auf wenige Formen zurückführen lässt, sowie eine Erklärung der Pathophysiologie des Linsenkernapparates. Leichtere und schwerere Fälle des bekannten Parkinsonismus sine agitatione mit charakteristischen vegeta¬ tiven Störungen und psychischen Veränderungen, euphorischer Apathie einer¬ seits, triebhafter. Unruhe andererseits werden zuerst vorgestellt; die Un¬ abhängigkeit der Paresen und der Spontaneitätsstörung von der Hypertonie kommt an einzelnen Fällen besonders stark zum Ausdruck, ebenso zeigen einige Fälle überraschend das Symptom der plötzlichen Lösung schwerer Akinese. Angeschlossen werden mehrere Fälle mit spastisch-athetotischen Syndromen, einseitig wie doppelseitig, sowie Kombination mit den dys- pnoischen Atemstörungen, welche bis zu dauernden Anfällen grotesken Schnaufens sich steigern können und besonders hysterieverdächtig erscheinen; weiterhin einige Fälle mit Resterscheinungen choreiforiner und tetanieformer Zuckungen. Kurze Besprechung der Prognose und Therapie. (Genauere Ausführungen an anderer Stelle.) Aussprache: Herr G ö p p e r t: In der gleichen Zeit, in der sich die Enzephalitis vermehrt, sehen wir, wenigstens in Göttingen, und zwar genauer im Jahre 1920 bis November 1921 bei Kindern als Zeichen meningealer Reizung das Kernig sehe Symptom auftreten. Meist schliesst sich diese Störung an wohlcharakterisierte, fieberhafte Erkrankungen der oberen Luft¬ wege, die sog. Kindergrippe, an. Doch ist oft die primäre Affektion ganz auf den Nasenrachenraum beschränkt, so dass sie nur bei grösster Auf¬ merksamkeit erkannt wird. Wir dürfen uns daher nicht wundern, dass bei Fällen, die erst später in Beobachtung kommen, die Patienten von einer solchen Affektion nichts mehr wissen. Dann sieht das Krankheitsbild recht merkwürdig aus. Oefters kommen die Kranken zur Behandlung, weil sie bei körperlicher, namentlich aber bei geistiger Anstrengung Kopfschmerzen be¬ kommen und in der Schule seit kurzer Zeit versagen. Wer die Krankheit schon einmal durchgemacht hat, zeigt auch bei geringen fieberhaften Affek¬ tionen oft recht langwierige Rückfälle. Vielleicht ist nicht ganz ausge¬ schlossen, dass eine gewisse Verwandtschaft zu den gezeigten Krankheits¬ bildern besteht. Bezeichnend ist übrigens, dass die seit Anfang Dezember einbrechende epidemische Grippe fast keine neuen Fälle gebracht hat. Herr Staemmler: Ueber Veränderungen der sympathischen Ganglien bei akuten Infektionskrankheiten. Im Verlauf akuter Infektionen (besonders Streptokokken-, Staphylo¬ kokken- und Pneumokokkenerkrankungen) finden sich in den Ganglien des Sympathikus 1. degenerative Prozesse an den Ganglienzellen (Quellung von Kern und Protoplasma, Untergang des Kernes, Umwandlung der ganzen nekrotischen Zelle in eine strukturlose, manchmal kolloidähnliche Masse), zuweilen begleitet von Wucherung der Kapselzellen; 2. entzündliche Vor¬ gänge am Blutgefässbindegewebsapparat (Hyperämie der Kapillaren, Emi¬ gration weisser Blutkörperchen, mehr oder weniger ausgedehnte Infiltrate im Gewebe, manchmal unter Bildung neuronophagieähnlicher Bilder). Die degenerativen Prozesse betreffen meist nur einzelne Zellen, doch kann auch ein grosser Teil derselben dem Untergang verfallen. Die Bedeutung dieser Vorgänge liegt einmal in der akuten Wirkung auf den Kreislauf (Vasomotorenlähmung), zweitens bei wiederholten Infek¬ tionen und dem Fehlen einer Regeneration im Nervensystem, im allmählichen Entstehen einer "Schwäche des sympathischen Nervensystems, die anatomisch wohl in der sogenannten Altersveränderung der Ganglien begründet ist. einer mit Bindegewebsvermehrung einhergehenden Atrophie, oft deutlich ent¬ zündlichen Charakters. Neben den Infektionskrankheiten werden zweifellos auch andere Gifte zu derselben Schädigung des Sympathikus führen können, wie Vortr. das für Diabetes und Alkoholismus beobachtete. Aussprache: Herren üöppert. Heubner. Reichenbach, Koennecke, Ebbecke. Stern und Staemmler. Verein der Aerzte in Halle a. S. (Bericht des Vereins.) Sitzung vom 14. Dezember 1921. Gewerbemedizinalrat Dr. G e r b i s spricht über Stellung und Aufgaben¬ gebiet des staatlichen Gewerbearztes. Die Landesgewerbeärzte sollen einerseits als üewerbeaufsichtsbeamte an der Durchführung und etwaigen Erweiterung der Arbeiterschutzgesetzgebung mitwirken, allen Behörden als Gutachter und ärztliche Berater zur Verfügung stehen, anderseits aber zur Erkennung und Verhütung aller Gewerbekrank¬ heiten beitragen. Hierfür ist Mitarbeit der Aerzteschaft erforderlich. Der Landesgewerbearzt kann durch Erforschung der Arbeitsbedingungen und des ganzen Milieus in einzelnen Erkrankungsfällen zur Klärung der Aetiologie bei¬ tragen, der Arzt in der Praxis kann den Landesgewerbearzt auf vermutete gewerbliche Gesundheitsschädigungen in bestimmten Betrieben hinweisen. Planmässige Untersuchungen ganzer Arbeitergruppen, die von der Arbeits¬ gemeinschaft der staatlichen Gewerbeärzte Deutschlands nach einheitlichen Gesichtspunkten durchgeführt werden, sollen die Gesundheitsverhältnisse der verschiedenen Berufszweige sicherer ermitteln, als es die Statistik auf i ,| bisherigen Grundlagen ermöglicht. j: In der Besprechung betont Herr Paul S c h m l d t. dass eine ; kätnpfung der Gewerbekrankheiten ohne die Aerzte ebensowenig möglich i wird wie eine Bekämpfung der Infektionskrankheiten. Ein Landesgewig arzt bedarf der persönlichen Beziehungen, um die Schäden kennen zu le * und sie abzustellen. Gewerbehygienische Zentralstellen wurden schon 1 in. Preussen vermisst, nachdem Bayern und Baden mit gutem Bei vorangegangen waren. Nur durch Zentralstellen können . die praktis Erfahrungen vieler Einzelorgane in eine wirksame, systematische Prophj umgewertet und der Wissenschaft nähergebracht werden. In der 01 Stellung der Gewerbekrankheiten mit den Unfällen möchte S c h in i d behutsamem Vorgehen mahnen. Die Schweiz hatte diese Gleichstellung ge lieh eingeführt, aber infolge schlechter Erfahrungen wieder abgeschafft, grosse Schwierigkeit liegt in dem Mangel objektiver wissenschaftlicher gnosen bei vielen gewerblichen Krankheiten. Ohne diese werden sich H chondrie und Hysterie breitmachen. Jedem Arbeitsmann soll sein h werden, aber auf Grund exakter wissenschaftlicher Diagnosenstellung auf Grund von Gefühlsdiagnosen. Dazu gehört eine gute spezialisti Durchbildung der Aerzte auf diesem Gebiete. ■> Herr Herzfeld verspricht sich von einer besonderen Versiehe für gewerbliche Krankheiten nichts Gutes. Sie würde die Schäden, wi der Unfallversicherung anhaften, in erhöhtem Grade mit sich bringen, viele Beschäftigungen stets ungesund bleiben werden, wäre es von grössten Wichtigkeit, diejenigen rechtzeitig anderswo unterzubringen, die bestimmte Arbeit nicht vertragen. An dem Fehlen einer solchen Für? scheitert trotz allen Aufwandes hauptsächlich die Bekämpfung der Tt kulose bei den Arbeitern. Herr Clausen: Zur Entstellung und Behandlung des Begleitschle Clausen bespricht einleitend die neuesten Anschauungen über Auge als Organ des Raumsinnes. Er erörtert die Korrespondenz der t häute und geht kurz auf das binokulare Einfach- und Doppeltsehen Nachdem er auf die für die Entstehung des Schielens so ausserordentlich ' tige Assoziation der Konvergenz mit der Akkommodation und den Fusionsvorgang hingewiesen und kurz die Heterophorien gestreift hat, kc Vortragender zum eigentlichen Thema, dem sog. Begleitschielen, für di Entstehung eine Reihe von Faktoren mechanischer und nervöser Natu Frage kommen, so die topographisch-anatomischen Verhältnisse der Oi i wie Form und Grösse der Bulbi und der Augenhöhlen, Oeffnungswinke: Orbita, Veränderungen in den Beziehungen zwischen Bulbus und s, Adnexen, in erster Linie Muskeln und Orbitalfaszien. Hinsichtlich der vösen Beeinflussung der Augenstellung kommen in der Hauptsache das Fus bestreben und die Assoziation von Akkommodation und Konvergenz in F Die grösste Bedeutung für die Stellung der Augen ist von allen Fak sicherlich der Fusion beizulegen. Letztere ist nach den Untersuchunger Vortragenden dem Vererbungsgesetz meistens in gleich hohem Masse u werfen wie die übrigen Faktoren, d. h. die topographisch-anatomischen hältnisse des Auges und seiner Umgebung wie endlich auch die Refrakt Verhältnisse. Nach alledem musste eine hochgradige Vererbbarkeit des gleitschielens erwartet werden, die dann auch durch Anlegung genau Stammbäume bei allen vorkommenden Schielfällen fast durchweg erw werden konnte. CI. projiziert 12, zum Teil über 4 — 5 Generationen sic streckende Stammbäume, aus denen mit zwingender Beweiskraft die I gradige Vererbung des Begleitschielens ersichtlich ist. Da jedoch nich einheitlicher Faktor, sondern eine ganze Reihe von Faktoren in Frage kon die jeweils von verschiedener ausschlaggebender Bedeutung sein köi und auf die mangelhafte Fusion, wenn auch zum grössten Teil, so doch allein die Entstehung des Schielens in dem einen oder anderen Fall be> werden darf, so hat Vortragender zunächst davon abgesehen, besti; Regeln für die Vererbung des Begleitschielens aufzustellen, weil es sich, auf Grund der komplizierten Verhältnisse auch nicht anders zu erw. nicht um eine einfache rezessive oder dominante Anomalie beim Be schielen handelt. Fast ausnahmslos liess sich jedoch in allen Fällen starke Vererbung des Begleitschielens aufweisen. Da der Fusion woh der wichtigste Anteil für die Entstehung des Schielens beizumessen ist Fusion selbst aber mit dem 6. Jahre völlig ausgebildet zu sein pflegt, so die Behandlung des Schielens möglichst frühzeitig, wenn angängig schon 1. Lebensjahr ab, einsetzen, zu welcher Zeit eine genaue Korrektion vorliegender Refraktionsanomalien erfolgen muss. Auch muss mög schon vom 3. bis 4. Lebensjahr an mit stereoskopischen Uebungen zur beiführung oder Festigung des Fusionsvermögens begonnen werden. 1 diese konservative Behandlung nach einiger Zeit nicht zum Ziel, so man mit der operativen Therapie nicht zu lange zögern. In Fällen nach den augenblicklich üblichen Indikationsstellungen die Tenotomi Frage kommt, hat Vortragender diese, wenn nötig, unter Umstände einer Sitzung auch auf beiden Augen ausgeführt und je nach der d eintretenden mehr oder weniger vollkommenen Beseitigung der Stell abweichung die Augen ev. noch beim Einwärtsschielen dufch Atropin in Akkommodation gelähmt, um dadurch den Konvergenzreiz zu unterbi Um eine oberflächliche Verklebung der Operationswunde zu erreichen, v das Auge nur für höchstens eine Stunde unter Verband gestellt. Dann v unter Benutzung der jn Frage kommenden, korrigierenden Brille, gew inassen im noch labilen Zustand, des operierten Auges, an dem der tomierte Muskel noch keinen festen Hai; gefunden hatte, sofort ii Uebungen am Stereoskop bzw. Amblyoskop begonnen. Diese Uebil müssen in den ersten Wochen nach erfolgter Operation unter ärztlicher» trolle in sorgfältigster und ausdauerndster Weise fortgesetzt werden.! dieser Behandlung hat Vortragender fast bei allen Fällen sehr günstigd sultate erzielt, insofern, als nicht nur die Stellungsanomalie meistens I behoben, sondern auch, in einzelnen Fällen sogar bei Erwachsenen f ein binokulares Sehen, ja eine Fusion 3. Grades, meistens allerdings J längeren mit grosser Energie fortgesetzten stereoskopischen UebungeJ zielt wurde. CI. hält die im unmittelbaren Anschluss an die Operation zunehmenden stereoskopischen Uebungen für ausserordentlich wichtig.' bei mehrtägigem Verbände das operierte Auge, falls nicht etwa eine f lagerung ausgeführt sein sollte, sich sehr leicht wieder in die ihm gew Schielstellung begibt und der Muskel an einer unerwünschten Stelle wl anwächst. Irgendwelche nachteiligen Folgen hat Vortragender von « offenen Wundbehandlung nicht gesehen, da die kleine Konjunktivalwund wohnlich nach ganz kurzer Zeit ziemlich fest wieder verklebt ist. j Februar 1922. 293 MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT. Medizinische Gesellschaft zu Leipzig. (Offizielles Protokoll.) Sitzung vom 13. Dezember 1921. irsitzender: Herr S u d h o f f. Schriftführer: Herr Hnebschmann. Aussprache über die Vorträge der Herren Marchand (Patho- ;che Anatomie der Lungentuberkulose, M.m.W. 1922 Nr. 1) und äbsehmann (Zur Pathologie der Lungentuberkulose. M.m.M. 1921, 13. S. 1380). Herr Marchand gibt eine Zusammenfassung seines Vortrages. Herr Huebschmänn tut ' das gleiche. Er führt sodann das ■hoff sehe Schema zur Einteilung der tuberkulösen Prozesse in der ;e vor. Pathologisch-anatomisch sei dieses noch nicht ganz erschöpfend, sch ist nach seiner Meinung die Einteilung von Eugen A 1 b r e c h t vor¬ dien. Herr Strümpell: Die Kenntnis der gröberen und feineren patho- isch-anatomischen Veränderungen bei der Lungentuberkulose durch die eingehenden Arbeiten der letzten Jahre einen gewissen Ab- iss erreicht. Es fragt sich nun, welchen Standpunkt die Klinik den ren anatomischen Anschauungen und Einteilungsversuchen gegenüber ein- len soll. Ich gehe davon aus, dass die genaue klinische Diagnose eines jeden ;lnen Falles von Lungentuberkulose, nachdem dessen ätiologische Natur gestellt ist, zunächst eine rein anatomische sein muss. Wir müssen, ;it wie möglich, feststellen, in welcher Ausdehnung die Lungen von tuberkulösen Erkrankung befallen sind und welche Form die Erkrankung t. • -Diese Aufgabe kann - — namentlich mit Zuhilfenahme der Röntgen- irsuchung — bis Zu einem ziemlich grossen Grade von Genauigkeit gelöst len. Wir können die noch völlig frei gebliebenen Lungenabschnitte von bereits erkrankten abgrenzen, wir können alle kleineren und grösseren, tleer gewordenen Teile der Lunge erkennen, wir können die meisten its erfolgten Einschmelzungsprozesse, also die Kavernen bildungen ;r Lunge, mit Sicherheit erkennen, wir können Schrumpfungsvor¬ ige feststellen, wenigstens soweit sie grössere Abschnitte der Lunge .■ffen, und können endlich gewisse wichtige sekundäre Prozesse rankungen der Pleura, Pneumothorax) nachweisen. Wie man sieht, sind her nur physikalische Aenderungen des Lungengewebes, vor allem lerungen seines Luftgehalts, die wir erkennen. Unser Urteil über die to logische Natur der diesen Veränderungen zugrunde liegenden Vör¬ ie ist ein rein sekundäres, abgeleitetes Analogieurteil. Mit der Feststellung der anatomischen Veränderungen in der Lunge ist rlich nur die Kenntnis des jeweiligen Zustandsbildes erreicht. : entsteht die zweite, fast noch wichtigere Frage nach der Aktivität Prozesses, nach dem Kräfteverhältnis zwischen der Angriffskraft des ikheitserregers und den Abwehrkräften des Körpers. Ist der festgestellte js quo ein stationärer, ein in rascherem oder langsamerem Fort¬ reiten oder in langsamem Zurückweichen, d. h. in H e i 1 u n g s - denz begriffener? Von pathologisch-anatomischer Seite ist bekanntlich rdings mit grossem Nachdruck behauptet worden, dass die Beantwortung obigen prognostischen Fragen vor allem von der Feststellung der on deren histologischen Natur der im Einzelfall vorliegenden rkulösen Prozesse abhängig sei. Die neu eingeführten Namen der „pro- ctiven“ und der „exsudativen“ Form der tuberkulösen Ver¬ engen sollen die sichere Leitschnur zur prognostischen Beurteilung der einen Fälle abgeben. „Der Charakter, d. h. die histologische Art der isischen Prozesse entscheidet vor allem über die klinische Heilbarkeit Lungenphthise.“ Dieser Satz mag, was ich nicht zu entscheiden habe, rein pathologisch-anatomischen Standpunkt aus richtig sein. Eine mtliche klinische Bedeutung muss ich ihm aber durchaus absprechen, n erstens glaube ich nicht, dass wir mit irgendwelcher Sicherheit mit : unserer klinischen Methoden in allen Fällen jene uns Aelteren übrigens n lange bekannte Unterscheidung der histologischen Vorgänge schon zu weiten der Kranken machen können, und zweitens müssen doch auch Anatomen zugeben, dass sich in vielen Fällen „produktive“ und „exsuda- ‘ Prozesse so vielfältig miteinander vereinigen, dass schon hierdurch Unterscheidung für die Beurteilung des Gesamtzustandes an t verliert. Natürlich zweifle ich nicht, dass jetzt die Diagnose „produktive :ise“ und „exsudative Phthise“ infolge der suggestiven Macht des Wortes der Autorität in gewissen ärztlichen Kreisen modern werden wird. Ich hte aber, dass die Sicherheit dieser Diagnostik nicht immer im gleichen lältnis zur wirklichen Einsicht in die vorliegenden Krankheitsprozesse en wird. Was den Kliniker aber vor allem zur Ablehnung des obigen :es bewegen muss, ist seine grosse Einseitigkeit. Von wie reichen sonstigen, teils innerlich begründeten, teils rein zufälligen Er- issen hängt das Schicksal des einzelnen Kranken ab! Von seiner eigenen ititutionellen Widerstandskraft, von mannigfachen äusseren Umständen, dem Eintritt von Komplikationen (Blutungen, Pneumothorax u. a.). von Ausbreitung der Tuberkulose auf andere Organe (Larynx, Darm, Meningen, are Aussaat) usw.! Wie kann man da sagen, dass vor allem der histo- sche Charakter der Erkrankung entscheidet, wenn er auch natürlich als her nicht ohne Einfluss auf den weiteren Verlauf des Leidens ist. Dies aber kein klinisch hervortretendes wesentliches Merkmal. So sind wir also bei der Beantwortung der wichtigen Frage nach jeweiligen Aktivität des vorliegenden tuberkulösen Prozesses hauptsäch- immer noch auf die alten klinischen Merkmale. Konstitution und itus, Heredität und Familiarität, Alter, Ernährungszustand und von den einen klinischen Erscheinungen vor allem auf das Verhalten der ;enwärme angewiesen, die ein ungemein feines und sicheres Reagens den jeweiligen Stand des. Kampfes zwischen Krankheitserreger und pergewebe ist. Völlige Fieberlosigkeit ist mit wenigen Ausnahmen stets Zeichen der Kampfesruhe, die zum Wiederaufbau und zur Ausheilung krankhaften Veränderungen benützt werden kann. Jede Fiebersteigerung eutet eine Aktivität des Angriffes. In nichts anderem spiegeln sich Phasen und Schwankungen des langwierigen Kampfes so deutlich wieder, in der fortlaufenden Fieberkurve. Man hat neuerdings gemeint, in den dfischen tuberkulösen Kutanreaktionen noch sicherere Hinweise auf die eilige Kampfesstärke des befallenen Organismus zu besitzen. Ich will hierüber kein abschliessendes Urteil erlauben. Aber nach dem, was ich 'über gelesen und was ich selbst gesehen habe, scheinen mir die Ver¬ russe noch keineswegs genügend geklärt zu sein, um zu bindenden Schluss¬ folgerungen die Berechtigung zu geben. Für den Kliniker ist die Tuberkulose weder ausschliesslich ein anatomischer Vorgang, noch viel weniger ausschliess¬ lich ein „immunbiologisches Problem“, sondern eine Krankheit, die sich aus zahllosen Einzelprozessen zusammensetzt, deren Anwesenheit und Be¬ deutung in jedem Einzelfall nach Möglichkeit genau festzustellen die Aufgabe des klinisch geschulten Arztes ist. Die schier unerschöpfliche Mannigfaltigkeit in dem Verlaufe und der Erscheinungsweise der Lungentuberkulose macht auch die neuerdings wieder stark hervortretende Neigung nach schematischen ■ Einteilungen der verschie¬ denen „Formen“ der Lungentuberkulose mit Aufstellung einer Menge von Namen und Bezeichnungen von vornherein wenig aussichtsreich und praktisch wenig brauchbar. Ich halte diese Schemata auch in didaktischer Hin¬ sicht für nicht zweckmässig. Die Wirklichkeit lässt sich in das Prokrustesbett des Schemas doch nicht ohne Zwang hineinpressen und der Schüler verliert darüber die Hauptaufgabe des Arztes, jeden Einzelfall nach all seinen be¬ sonderen Eigentümlichkeiten genau zu analysieren, aus dem Auge. Dass man gewisse Hauptformen der Lungentuberkulose nach ihrer Wirkung unter¬ scheiden kann, versteht sich von selbst. Auch die Aufstellung der drei Stadien der Lungentuberkulose gilt höchstens für eine gewisse Anzahl aus der Kindheit stammender Infektionen, aber keineswegs für die m. E. nicht seltenen Fälle späterer Infektion. Schliesslich halte auch ich den Vorschlag, statt der ätiologisch voll¬ kommen eindeutigen und gut gewählten Bezeichnung „1 uberkulose jetzt wieder den alten Namen „Phthise“ einzuführen, für sachlich un¬ zweckmässig und unbegründet. Sollen wir jetzt etwa auch von „phthisischer Meningitis“, von „Gelenkphthise“. „Hautphthise“ u. a. sprechen?, ganz abge¬ sehen von dem logischen Widersinn einer „produktiven Phthise' . Auch hier macht sich zwar jetzt wieder die Suggestionsmacht der Autorität geltend. Ich hoffe aber, nicht für immer. Herr A s s m a n n betont im Gegensatz zu einer modernen, rein immun¬ biologischen, noch sehr spekulativen Richtung den grossen Wert exakter pathologisch-anatomischer Grundlagen für die klinische Beurteilung der Tuberkulose. Im einzelnen bespricht er zunächst seine Erfahrungen an Kriegs¬ tuberkulosen. In einem Teil derselben fand er bei äusserlich gar nicht disponiert aussehenden, kräftigen Männern mit gutem Thoraxbau eine auf¬ fallende Ausbreitung der Tuberkulose in den unteren und mittleren Lungen¬ abschnitten bei freien oberen Lungenteilen. Er weist auf die Aehnlichkeit mit der Ausbreitung der kindlichen Tuberkulose hin. Es liegt der Gedanke nahe, dass hierfür bei diesen Formen de-r Kriegstuberkulose einmal das unge¬ wöhnliche Mass äusserer Schädigungen, dann aber vielleicht auch ein Mangel an Schutzstoffen infolge Fehlens einer früher überstandenen Infektion ver¬ antwortlich zu machen ist. In der Mehrzahl der Fälle herrschte aber auch bei den Kriegstuberkulosen das vorwiegende Befallensein der Oberlappen und eine absteigende Tendenz des Krankheitsprozesses von oben nach unten vor, so dass hier kein grundsätzlicher Unterschied gegenüber dem sonstigen Verhalten angenommen wird. Zweitens übt A. Kritik an der Theorie, dass die Verbreitung der Tuber¬ kulose beim Erwachsenen in der Regel vom Hiius nach der Spitze auf retrogradem Lymphtransport erfolge. Die Röntgenbefunde von S t ti r t z und Rieder, die den Boden für diese Anschauung gegeben haben, ermangeln ganz einer anatomischen Kontrolle. Eigene ausgedehnte ver¬ gleichende anatomische, röntgenologische und klinische Untersuchungen lieferten keine Unterlagen für diese Anschauung. A. bittet Herrn Geheimrat Marchan d, sich vom pathologisch-anatomischen Standpunkte zu dieser Frage zu äussern. Die Röntgenbilder können auch ganz anders ausgelegt werden. A. nimmt an, dass wenigstens in vielen Fällen den sog. S t ü r t z - sehen „lymphangitischen“ Strängen hauptsächlich die blutgefüllten Gefässe. keine tuberkulösen Veränderungen der Lymphgefässe zugrunde liegen. Er ist der Ansicht, dass im allgemeinen viel zu viel tuberkulöse Veränderungen, namentlich in der Hilusgegend bei der Röntgendiagnostik der Tuberkulose angenommen werden, oft auch in vollständig normalen Fällen. Bezüglich der Nomenklatur meint A„ dass die Einteilung nach Fraenkel-Alb recht den praktischen Anforderungen in anatomischer, röntgenologischer und klinischer, auch in prognostischer Hinsicht am besten gerecht werde. Herr Wandel betont 1. die zunehmende Häufigkeit der tuberkulösen Lymphdrüsenerkrankungen, besonders der Hilustuberkulosen, auch bei Er¬ wachsenen, deren Weiterverbreitung auf das interstitielle Lungengewebe man in guten Röntgenbildern oft verfolgen kann; nicht so sehr die bekannten interstitiellen Stränge, als deutlich peribronchitische Umscheidungen in der Nähe des Hiius zeugen von dem Fortschreiten des Prozesses. Jahrelang können solche Tuberkulosen interstitiell, d. h. geschlossen, bleiben und klinisch nichts anderes, als häuiige subfebrile Temperatursteigerungen darbieten, bis plötz¬ lich doch Tuberkelbazillen gefunden werden, weil irgendein Bronchialdurch¬ bruch erfolgt ist. 2. Der Wert der A s c h o f f sehen Einteilung in eine produktive und eine exsudative Form für die Klinik darf freilich nicht überschätzt werden. Und doch hat insbesondere die anatomische und röntgenologische Differen¬ zierung der ersteren, prognostisch günstigeren, mit Schrumpfungen aus¬ heilenden Form schon viel genützt. Beispiel einer Infektionsserie von 3 Gliedern, jedesmal mit jahrzehntelangem benignem Verlauf. Die Beurteilung der prognostisch ungünstigeren exsudativen Form bereitet dem Kliniker viel mehr Schwierigkeiten, weil ihrem Wesen nach die verschiedenartigsten Prozesse in der tuberkulösen Lunge dieser Form zugrunde liegen können. In einer tuberkulösen Lunge können 1. echte pneumonische Prozesse mit mehr oder minder protrahiertem Verlauf auftreten, oft auch rezidivierend; während der Zeit der pneumonischen Exsudation vermehrtes, charak¬ teristisches. tuberkelbazillenfreies Sputum. Hierher gehören auch die als „epituberkulös“ bezeichneten unspezifischen Lungeninfiltrationen. Sie alle können restlos verschwinden. 2. Luetische Entzündungen in der tuberkulösen Lunge können die exsudative Form Vortäuschen, bei Jodbehand¬ lung sich vollkommen aufhellen. 3. Können ausgedehnte Lymph¬ stauungen neben tuberkulösen Herden Vorkommen und wieder ver¬ schwinden, so z. B. als H e r d r e a k t i o n e n während der spezifischen Therapie, manchmal auch spontan. Beispiele. Alle diese Zustände sind rönt¬ genologisch und klinisch von der spezifisch-exsudativen Form schwer zu unter¬ scheiden und fordern zur Vorsicht in der Prognosestellung auf. Herr Marchand betont, dass ein Vorrücken der Tuberkulose vom Hiius zur Spitze nur vorkomme, wenn ein Einbruch einer Hilusdrü'se in einen Bronchus vorliegt. MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT. Nr. 294 Herr Hu eck: Die Ansicht der meisten pathologischen Anatomen dürfte dahin gehen, dass der erste tuberkulöse Herd stets peripher im Lungengewebe liegt und dass sich die Erkrankung von hier aus zentralwärts zu den Hilus- drüsen hin ausbreitet. Die Tatsache, dass namentlich die Röntgenunter¬ suchung in der Klinik vielfach die umgekehrte Vorstellung erweckt hat — Aus¬ breitung vom Hlius aus peripherwärts in die Lunge — , kann u. a. oft dadurch bedingt sein, wie besonders Ranke betont hat, dass anatomisch das Zwischengebiet zwischen peripherem Lungenherd und Hilusdrüsen im Sinne einer unspezifischen Lymphangitis erkrankt, die einerseits zu schwieliger Ver¬ dickung der Wand der Qefässe und Bronchien, andererseits zu Bronchial¬ katarrhen führt, die wiederum Atelektasen auch in zentral gelegenen Lungen¬ abschnitten zur Folge haben. . Die Versuche, die Lungentuberkulose „einzuteilen , erscheinen doch auch von praktisch-klinischen Gesichtspunkten aus bedeutungsvoll. Zum mindesten erscheint die Möglichkeit gegeben, die drei prognostisch wichtigen Formen der indurierenden (zirrhotischen), produktiven (proliferativen) und exsudativen Tuberkulose mit klinischen Mitteln (insbesondere Röntgenverfahren) zu er¬ kennen und zu unterscheiden. . Herr Kruse: Für den Hygieniker und Bakteriologen erscheint als be¬ sonders bemerkenswertes Ereignis dieser Aussprache, dass gerade die er¬ fahrensten Kenner der Lungentuberkulose die sehr moderne Theorie, nach der die Lungentuberkulose der Erwachsenen gewissermassen nur das letzte Stadium der Kindheitstuberkulose sein soll, ablehnen. Gewiss gibt es spezifisch immunisierende Vorgänge bei der Tuberkulose, man darf ihre Trag- weite aber nicht überschätzen (vergl. Zschr. f. Tub. 39, S. 382). Neben dei spezifischen kann auch eine natürliche Immunität gegen Tuberkulose erworben werden. So ist wohl die verhältnismässige Widerstandsfähigkeit der zivili¬ sierten Völker durch die jahrhundertlange Auslese im Kampfe gegen die Tuber¬ kulose hervorgerufen worden, nicht durch spezifische Immunisierung. Herr Klarfeld: Die pathologische Anatomie des Gehirns in ihren Be¬ ziehungen zur Psychiatrie. (Erscheint als Originalartikel in der M.m.W.) Aussprache: Herr Niessl v. Mayendorf: Nicht Rinden¬ histopathologie, sondern die Gehirnmechanik, die Lehre von dem gesetz- mässigen Zusammenwirken der Gehirnteile vermögen über die physiologischen Grundlagen der psychischen Elemente wissenschaftlich aufzuklären. Mikro¬ skopische Anatomie, Physiologie und Pathologie des Gehirns müssen zur Auf¬ findung dieser Gesetze Zusammenarbeiten. Herr Buinke: Wenn die pathologische Anatomie der Psychosen warten sollte, bis die Anatomie der sog. psychischen Elemente gefunden ist, so würde sie recht lange warten müssen; denn wir glauben ja heute gar nicht mehr, dass es psychische Elemente gibt. Wissenschaftlicher Verein der Aerzte zu Stettin (Offizielles Protokoll.) Sitzung vom 6. Dezember 1921. Vorsitzender: Herr Hager. Schriftführer: Herr M ü h 1 m a n n. Herr Neisser: Ueber die hepatolienalen Erkrankungen. Zum Referat nicht geeignet. Herr Lieh teil au er: Die Beziehungen der Chirurgie zu den hepato¬ lienalen Systemerkrankungen. Es werden folgende Fragen besprochen: 1. Ist die jetzt allgemein vorherrschende Ansicht über die Funktion dieser Organe im physiologischen und pathologischen Zustande geeignet, einen Einfluss auf die allgemeine Chirurgie und ihre praktische Anwendung zu gewinnen? 2. Sind wir imstande, durch chirurgische Massnahmen die Erkrankungen dieses Systems zu beeinflussen? Herr Hei mann: Besprechung der Methoden zur Resistenzprüfung der roten Blutkörperchen und des Bilirubinnachweises nach van den Bergh und seiner Modifikationen. Herr F I a t e r: Demonstration des Kolorimeters von Meulengracht zum quantimetrischen Nachweis von Gallenfarbstoff im Blutserum. Medizinisch-Naturwissenschaftlicher Verein Tübingen. (Medizinische Abteilung.) (Offizielles Protokoll.) Sitzung v o rn 16. Januar 1922. Vorsitzender: Herr Stock. Schriftführer: Herr Jüngling. Herr Gmelin: Beitrag zur Askaridose aus der Pathologie unserer Haustiere. Unter Hinweis auf die Arbeiten von F ü 1 1 e b o r n über die Beteiligung der Blutbahn an der Vermehrung der Askariden im Körper des Wirts (Arch. f. Schiffs- u. Tropenhyg. Bd. 24 u. 25) zeigt Ref.. welche Bedeutung diesen Arbeiten für die tierärztliche Pathologie gerade jetzt zukommt, da seit dem Krieg eine ganz ungewöhnliche Vermehrung der Askariden nicht bloss bei den Menschen, sondern insbesondere auch bei den Haustieren festzustellen ist. Es werden die Askaridosen der Haustiere und ihr wirtschaftlicher Schaden geschildert und dann die Ursachen der Schädigung des Wirts be¬ sprochen, die nicht bloss in der Massenbesiedelung des Dünndarms und der gelegentlichen Wanderung der Würmer bestehen, sondern insbesondere auch in den durch die Askariden ausgeschiedenen Toxinen. An der räumlichen Ausbreitung der Askariden ist zweifellos die Unsauberkeit des Futters, Ver¬ bitterung von Mühlenstaub, Hinterkorn, schlechter Kleie — vergl. die Müller¬ pferde — ebenso schuld wie Unsauberkeit im Stall. Die Vermehrung im Wirtstier nach der von F ü 1 1 e b o r n geschilderten Weise, die eine Lücke im Entwicklungsgang der Askariden ausfüllt, muss dem Veterinärpathologen ohne weiteres schon darum annehmbar erscheinen, als eine ganze Reihe älterer Beobachtungen dadurch zwanglos erklärt wird, z. B. der Fund aus¬ gewachsener Askariden bei 10 Tage alten Kälbern (Ga steig er), 14 Tage alten Fohlen (Ref.), ferner die Erkrankung des Respirationsapparates und der Nieren, die G a s t e i g e r bei einer Askaridenenzootie in Miesbach- Tegernsee festgestellt hatte. Dass die Askaridenlarven, obgleich sie erheblich grösser sind, als die Mikrofilarien, bei ihrer Wanderung durch die Blutbahn keine erheblichere Störung der Gesundheit bedingen, kann den Veterinärpathologen nicht verwundern, da ihm eine analoge Wanderung von dem erheblich grösseren Skierostoma, mit dem 95 Proz. aller Pferde behaftet sind bekannt ist. Es wird sodann die Entwicklung und Wanderung v Scle’rostoma vulgare durch die Blutbahn an Lichtbildern und Präparaten i zeigt. Aussprache: Herr v. Schleich, Herr Gmelin, Herr A b e g Herr Reich, Herr Mönckeberg, Herr Birk, Herr Perthes. H Gmelin. Herr Vogel: Das Gehörorgan der Singzikaden. Herr V. berichtet über die von ihm kürzlich gemachte Entdecku Fast überall im Tierreich, wo kompliziertere Organe der Lauterzeugung v handen sind, finden wir auch Gehörorgane, so vor allem bei den durch Lunj atmenden Wirbeltieren. Auch bei den „musizierenden“ Heuschrecken i Grillen sind Sinnesorgane vorhanden, deren Bau als Gehörorgane gedeu werden kann: für das Vorhandensein solcher spricht auch das Experime Noch vollkommenere Organe der Lauterzeugung als bei den eben genann Gruppen finden wir unter Insekten bei den männlichen Singzikaden ( Weibchen sind stumm). Sie liegen als 2 rundliche, elastische Platten den Seiten des ersten Hinterleibsringes und werden durch einen riesij V-förmigen Muskel in Schwingungen versetzt, wodurch eben der „Gesai der Singzikaden entsteht. Zahlreiche Beobachtungen weisen darauf hin, d die Singzikaden hören, doch hat man bisher vergebens nach einem e sprechenden Sinnesorgan gesucht. Das vom Vortragenden als Gehörorj gedeutete Organ liegt an den beiden Seiten des 2.' Hinterleibsringes in ei halbkugeligen, mit der Leibeshöhle (=Blutraum) kommunizierenden Kap ausgespannt zwischen 2 federnden Skelettstücken, von denen das eine (innt je mit einer grossen, straff gespannten, auf der Bauchseite gelegenen Memb in Verbindung steht. Diese Membranen wurden von früheren Auto (hauptsächlich dem berühmten Reaiimur) als Resonatoren gedeutet, e Deutung', deren Unrichtigkeit L e p o r i bereits 1868 dargelegt hat, wel sich aber bis auf den heutigen lag erhalten hat. Aus der Lagebeziehung Membranen zu den Sinnesorganen lässt sich vielmehr ihre. Bedeutung, akustische Trommelfelle (Tympana) mit grösster Wahrscheinlichkeit ableii Die in einem Skelettring zwischen 1. und 2. Hinterleibsring ausgespann rundlichen oder ovalen Trommelfelle besitzen einen Durchmesser von 2 4 min und eine Dicke von vielfach nur 0,0005 mm. In der Mitte zeigen schöne Farbringe (Prinzip der dünnen Plättchen). Ein am Skelcttr inserierender kleiner Muskel dürfte als Spanner (Tensor tympani) diei ein grosser Luftsack (sog. Tracheenblase) verwächst mit der inneren W düng der Tympana. Da die Tracheenblase durch das Tracheensystem der Aussenluft kommuniziert, so ist, was physiologisch wichtig ist, auf Inn und Aussenseite des Trommelfells annähernd gleicher Luftdruck. Das Sim orgaii selbst besteht aus etwa 1500 sehr langen Sinneszellen, welche du basale und distale, faserig strukturierte Epidermiszellen straff, wie Saiten eines Instrumentes, zwischen den schon erwähnten Skelettstüc ausgespannt sind. Die feinsten Schwingungen der Tympana müssen auf die Sinneszellen übertragen werden. Der feinere Bau der letzteren, in: sondere ihre Stiftkörperendigungen, verhalten sich im wesentlichen wie den Gehörorganen der Heuschrecken und Grillen. Der das Organ im vierende Nerv kommt aus dem Bauchmark. Das Gehörorgan findet : nicht nur beim tonproduzierenden Männchen, sondern in, gleicher Gri auch bei den stummen Weibchen, welche durch den Gesang der Männe angeloclu werden sollen; die Tympana der letzteren sind jedoch- et- grösser als die der Weibchen. Die Ansicht, dass es sich im beschriebenen Organ um ein Gehöror handelt, ist äusserst wahrscheinlich, bedarf jedoch noch der experimente Stütze, mit welcher der Vortragende sich im kommenden Sommer befa: will. Würzburger Aerzteabend. (Offizielles Protokoll.) Sitzung des ärztl. Bezirksvereins v o m 7. Februar in der medizinischen Poliklinik. Herr Magnus-Aisleben demonstriert : 1. Syringomyelie (Syringobulbie) : 46 jälir. Mann, typischer Befund beiden Armen, rechts stärker als links, Spasmen im rechten Bein, Kyi skoliose, chronische Luxation des rechten Schultergelenks. Ferner: re Zungenhälfte atrophisch, fibrilläre Muskelzuckungen daselbst, Hypästhesie rechten Gesichtshälfte, rotatorischer Nystagmus nach rechts. Da. i neueren Untersuchungen der rotatorische Nystagmus im hintersten Teile Vestibulariskernes lokalisiert sein soll, wird man den Nystagmus hier ni der Lähmung des Hypoglossus und des sensiblen Trigeminus wohl als lok Symptom der von unten nach oben fortschreitenden Bulbuserkrankung sprechen dürfen. 2. T h o m s e n sehe Krankheit: 15 jähr. Kranker. Bei Händedruck, sonders links, deutliche Erschwerung der Handöffnung; bei Beklopfen Streckmuskulatur des Unterarmes beiderseits sekundenlang anhaltende I traktion. Dieser Zustand hat sich seit 2 Jahren allmählich entwickelt, älterer Bruder des Kranken, bei welchem im Jahre 1910 in der hiesigen n zinischen Poliklinik sichere Zeichen von Thomsen scher Kran! mechanisch und elektrisch festgestellt wurden, ist jetzt völlig beschwerd und als Schlosser tätig. Bei diesem ist jetzt objektiv nur durch Beklo der Zunge noch eine Dauerkontraktion nachweisbar; sonst alles völlig o Die beiden Kranken berichten, dass ihre Mutter als junges Mädchen tneh Jahre lang an der gleichen „Muskelsteifigkeit“ gelitten hat und seitdem ständig gesund geblieben ist. (Diese Beobachtungen werden von HI Dr. Stattmüller ausführlich veröffentlicht werden.) 3. Tabes: 3 Kranke; bei einem derselben, einem 42 jähr. Marmel Optikusatrophie und sehr starker Ataxie hat Herr Prof. Port die 1 v. Bayer sehe Tonusbandage aus elastischen Zügen angefertigt. Deifi stration .derselben und Besprechung ihrer theoretischen Grundlagen uber,t muskuläre Koordination. » 4. Lymphatische Leukämie: 57 jähr. Mann; im Dezember 1920 Behänd« in der hiesigen medizinischen Poliklinik wegen Bronchitis und Emphyt Damals wurde Drüsenschwellung am Halse und Vergrösserung der Ton:l vermerkt. Seit % Jahren zunehmende Anschwellung am Halse mit ziehe* Schmerzen, Mattigkeitsgefühl; jetzt erhebliche Schwellung der Halsdrtfi Axillar-, Inguinal- und Bronchialdrüsen; Milz 2 Querfinger unterhalb < Rippenbogens. Blutbefund am 3. Januar 4 600 000 rote, 65 000 weisse Ö körperchen, 90 Proz. Hämoglobin. Die weissen Blutkörperchen best;» Februar 1922. MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT. 295 stenteils aus kleinen Lymphozyten. Röntgenbestrahlung der Drüse. i- iren: 4 Feldern, mit je lA HED. Ain 24. Januar Drüsenpakete zurück- ngen. Befinden besser, 4 800 000 rote, 34 000 weisse Blutkörperchen, erum gleiche Bestrahlung. Am 7. Februar Befinden gut, Drüsenpakete er, 4 700 000 rote und 6900 weisse Blutkörperchen, darunter 40 Proz. nukleäre, 50 Proz. kleine Lymphozyten, 7 Proz. grössere Lymphozyten, -oz. Uebergangszellen, 1 Proz. Mastzellen, keine Bestrahlung, Eisen¬ lik. 5. Situs inversus: 47 jähr. Frau. Elektrokardiogramm zeigt in Bestätigung rer Beobachtungen, dass bei Ableitung I alle drei Zacken nach unten htet sind, während Ableitung II and III keine deutlichen Abweichungen der Norm zeigen. 6. Diabetes: 48 jähr. Mann, Besprechung der Haferkur. 7. Demonstration von Röntgenbildern über Pneumothorax. lysikalisch-medizinische Gesellschaft zu Würzburg. (Eigener Bericht.) Sitzung vom 2. Februar 9122. Herr Vogt: Ueber die Dynamik der Keimblattbildung nach Versuchen Triton. Quere Abtragung des Daches der Furchungshöhle an Blastulastadien von ;rist. und taen. ergibt bei Spätoperation (dicht vor und im Beginn der rulation) Embryonen, die ausser Defekten im Kopfbereich normal sind, Frühoperation (mittleres Blastulastadium) dagegen Exogastrulae von nel- oder Pilzform. Bei diesen trennt eine tiefe Ringfurche das animale Uebergangsmaterial vom vegetativen. An der Dotterkugel kann trotzdem eher Ansatz zur Invagination des Urdarms auftreten. Die Ringfurche Is die dem Urmundschluss homologe konzentrische Zusammenziehung der rgangszone zu deuten, die aber an falscher Stelle, nämlich oberhalb tt unterhalb des Keimäquators erfolgt (der rasch sich vollziehende rtschluss zieht diese Zone fälschlich animalwärts empor und verhindert ire normale Verschiebung nach abwärts). Epibolie der Uebergangszone Invagination der Dotterzellen wirken normalerweise synergetisch, er- :rn sich aber als lokal getrennt determinierte, aktive Prozesse: das riment zerlegt die Gastrulation in ihre 2 Phasen. Zum Determinations- em ergibt sich ferner: die Unterdrückung der Urdarmbildung kann die mg der Medullaranlage völlig verhindern, trotz Auftretens von Chorda in Somite, Blutanlage u. a. differenziertem Mesoderm. Kleine Dachstücke en differenziert zu Flimmerepithel werden. Die Dynamik der Keimblatt- ng ist weder durch Wachstumsdruck noch durch aktive Einzelbewegungen Zellen erklärbar, sondern aufzufassen als lokal determinierte, aktive enbewegung ganzer Keimabschnitte. Herr Ganter: Untersuchungen über den menschlichen Darm. Gemeinsam mit van der Reis - Greifswald mittels der von Ganter führten Darmpatronenmethode am menschlichen Dünndarm ausgeführte iriologische Untersuchungen haben ergeben, dass gewisse, nicht darm- e Keime im menschlichen Dünndarm abgetötet werden. Die Abtötung ;ine scheinbare, d. h. sie wird nicht durch motorische oder resorbierende tionen des Darmes vorgetäuscht. Die bakterizide Funktion kommt dem des Dünndarms zu. Es wurde mit der Methode weiterhin festgestellt, der Inhalt des Dünndarms beim Gesunden nicht keimfrei ist, sondern eine obligate Dünndarmflora vorhanden ist, die allerdings weniger üppig an Arten weniger reichhaltig ist als die Dickdarmflora. Dann schildert G. seine neue Versuchsanordnung, mit der sich die Be- ngen des menschlichen Dünndarms registrieren lassen. Es ergibt sich len mit dieser Methode angestellten Versuchen und den demonstrierten en, dass, ähnlich wie dies Trend elenburg beim isolierten Säuge- irm festgestellt hat, auch am menschlichen Dünndarm bei einem be¬ uten kritischen Innendruck ziemlich regelmässige Kontraktionen auf- l, deren Frequenz 10 — 12 in der Minute beträgt. Weitere Steigerung nnendruckes übt keinen Einfluss auf die Frequenz und die Grösse der aktionen aus. Bei Sinken des Druckes unter den kritischen Punkt hören lontraktionen momentan auf. Eine Ermüdbarkeit konnte nicht festgestellt en. Es wird der Beweis erbracht, dass es sich um peristaltische Wellen :1t. Durch Erweiterung der Versuchsanordnung wird die Geschwindig- ler peristaltischen Wellen gemessen. Die Versuchsanordnung lässt sich auf Untersuchungen am Oesophagus und Dickdarm anwenden. Gesellschaft der Aerzte in Wien. (Eigener Bericht.) Sitzung vom 27. Januar 1922. Jerr S. Peiler: Ergebnisse der von der Oesterreichischen Gesellschaft Erforschung und Bekämpfung der Krebskrankheit durchgefiihrten lelforschung. (Von 6000 Aerzten haben bloss 400 die versendeten Frage- i ausgefüllt.) Uarr A. Haberda: Stellung des Arztes im österreichischen und im ehen Strafgesetzentwurf. Jas österrreichische Strafgesetz stammt eigentlich aus dem Jahre 1803, das Gesetz von 1852 nicht wesentlich von dem alten Gesetz abweicht, lern Herrenhause im Jahre 1912 vorgelegte Entwurf ist in der Monarchie Gesetz geworden. Seit 1918 sind einige Teilnovellen im Nationalrat gt worden. Auch in Deutschland soll ein neues Strafgesetz dem Reichs- vorgelegt werden. 7ortr. berichtet über einige Punkte, die die Aerzte interessieren. • Eigenmächtige ärztliche Behandlung. Während früher :utschland ein Arzt wegen eines Eingriffes, zu dem der Operierte oder gesetzlicher Stellvertreter die Zustimmung nicht gegeben hatten, wegen :rer körperlicher Verletzung belangt werden konnte, kann er (im Falle esetzwerdung des Entwurfes) nur wegen Einschränkung der persönlichen eit geklagt werden. Der österreichische Entwurf verbietet nur die ition gegen den Willen des Kranken, der deutsche verlangt die ausdrück- Zustimmung. Der österreichische Entwurf lässt auch bei Bewusstlosig- die vitale Indikation gelten (z. B. bei Selbstmordversuchen). Sehr ig sind diese Bestimmungen auch wegen event. Entschädigungsklagen osmetischen Operationen, die nicht gelungen sind. Uebertragung von Seiten zu Heilzwecken (z. B. Malaria bei Paralyse) ist straffrei. II. Verletzungen mit Zustimmung des Verletzten sind nur zu Heilzwecken bei kranken Personen gestattet, z. B. Tubenresektionen bei gesunden Frauen also nicht, wohl aber bei Frauen, bei denen eine Gravidität Gefährdung des 'Lebens zur Folge hätte; Blutentziehungen mit Zustimmung des Blutspenders sind gestattet; die Frage bezüglich der Steinach sehen Operation ist nicht klar lösbar. III. Für die Abtreibung der Leibesfrucht gilt nur die strenge medizinische Indikation als berechtigter Grund. IV. Tötung der Leibesfrucht im M u 1 1 e r 1 e i b e ist nur dann straflos, wenn auf andere Weise die Gefahr für die Schwangere nicht abzuwenden ist. V. Der „Notstand“ gilt als Strafausschliessungs- grund nur bei vitaler Indikation. VI. Verletzung der Schweigepflicht wird strenge bestraft; auch fahrlässige Verletzung kann durch schlechte Verwahrung von Krankenprotokollen eintreten. Vortr. macht auf die besonders leichte und häufige Möglichkeit der Pflichtenkollision bei venerischen Erkrankungen aufmerksam. VII. Die An zeige Pflicht beim Verdacht von Ver¬ brechen obliegt nicht dem praktischen Arzt, sondern dem Totenbeschauer. VIII. Beide Entwürfe kennen keinen Berufszwang. IX. Der deutsche Entwurf enthält eine besondere Bestimmung für un¬ wahre Bekundungen, also für ärztliche Zeugnisse, die der Wahrheit nicht entsprechen. Vortr. warnt vor der Ausstellung von Gefälligkeits¬ zeugnissen. X. Schutz des Arztes gegen ungerechte Anklagen. Der österreichische Entwurf fordert zur Strafbarkeit, dass ein Schaden ent¬ standen ist. XL Das Kurpfuschertum wird auch dann bestraft, wenn es berufsmässig ausgeübt wird, nicht nur wenn es gewerbsmässig betrieben wird. In dieses Gebiet fallen die Geheimmittel, das Hypnotisieren durch Laien usw. Berliner medizinische Gesellschaft. (Eigener Bericht.) Sitzung vom 15. Februar 1922. Tagesordnung: Herr M. Berliner: Ueber Zwergwuchs. Fortsetzung der Aussprache: Ueber Salvarsanfragen. Herr O. Rosenthal: Die Lues primaria seropositiva ist schon als Sekundärstadium aufzufassen. Die 100 Proz. Heilungen des Herru L e s s e r sind eine längst widerlegte Behauptung, ganz abgesehen davon, dass inner¬ halb 2 Jahren ein Urteil völlig unmöglich ist. Meningitische Reizung bedeutet eine absolute Kontraindikation gegen Salvarsananwendung, und er stimmt mit den Vorrednern darin überein, dass bei der Salvarsantherapie mehr wie bisher auf die Alarmsymptome zu achten ist. Er bekennt sich als Anhänger einer chronisch-intermittierenden Behandlung. Herr v. Wassermann spricht vom biologischen Standpunkt aus. Das Primärstadium reicht von der Infektion bis zum Eintritt der seropositiven Reaktion; bis zu diesem Termin liegen keinerlei Gewebsläsionen vor. Den unabänderlichen Zyklus der Lueserscheinungen vermag nur das Salvarsan aufzuheben. Das serumpositive Stadium ist in ein allergisches und in ein nichtallergisches Stadium zu trennen. In dem Verlauf der Lues sind Ruhe¬ pausen eingeschaltet, und das Wesen dieser Latenz ist vollkommen unbekannt. Man wird dabei an einen biologischen Kompensationsvorgang denken müssen. Im seropositiven Stadium der Syphilis ist die spirillizide Wirkung des Salvarsans wichtig. Ist das Stadium der Allergie erst eingetreten, so kann die ätiologische Therapie keine Abtötung der Erreger mehr erzielen. Es ist ihm jetzt gelungen, einwandfreie Kulturen der Spirochaete pallida zu erhalten. Mit ihnen lassen sich durch positives Serum ausserordentlich eindeutige Agglutinationsphänomene erhalten. In Zukunft wird die Behandlung der Syphilis sich ausserordentlich kom¬ pliziert gestalten, da man alle möglichen biologischen Phänomene beachten müsse und sich nicht auf die Beobachtung der Wassermann sehen Reaktion wird beschränken dürfen. Herr Ulrich Friedemann: Bei Salvarsanschädigungen wird oft als Fehldiagnose akute gelbe Leberatrophie diagnostiziert. Es handelte sich in seinen Fällen um durch Salvarsaninjektionen provozierte Tropikaerkrankungen (komatöse biliäre Malaria). Ausser seinen 3 Fällen sind 4 weitere in der Literatur verzeichnet. Sämtliche Fälle wären sonst als Salvarsanschädigungen angesehen worden. Von seinen Kranken haben 2 in Deutschland die Malaria tropica erworben, was eine Folge der durch den Krieg zahlreich gewordenen Malariaträger anzusehen ist. Bei Fieber und Ikterus nach Salvarsan¬ injektionen ist das Blut stets auf Malaria zu untersuchen; durch intravenöse Chinintherapie ist Rettung dieser Fälle dann noch möglich. Herr Pinkus: Das Salvarsan erzielt besonders Erfolge bei maligner frünulzeröser Syphilis. Bei zu stark reagierenden Organen erzeugt das Sal¬ varsan bedrohliche Erscheinungen, wie z. B. die Blutungsreaktionen, die häufiger im Anfang der Kur auftreten. Trotz Ko 11 es Ausführungen be¬ zweifelt Vortr., dass das Salvarsan so gut hergestellt wird, wie früher. Herr Morgenroth: Als giftiges Produkt wurde das erste Oxydations¬ produkt des Salvarsans, welches auch den angioneurotischen Komplex er¬ zeugt, gefunden. Salvarsan Oxydationsprodukt des Salvarsans As == As O = As As = O /\ /\ II II /\ /\ II II \/NHs \/NHa OH OH OH OH Salvarsan zeigt in alkalischen Lösungen aber eine ganz verschiedene (iiftigkeit, beim längeren Stehen tritt sogar eine Entgiftung ein. Giftigkeit und Entgiftung beruhen auf Aenderung des kolloidalen Zustandes. Herr Fritz Lesser: Durch schwache Salvarsandosen werden seiner Erfahrung nach Neurorezidive erzeugt, die bei grossen Dosen ausbleiben. Vortr. vertritt die Anwendung der minimalen wirksamen Dosis. Bei Wieder¬ holungen der Kur steht die Gewinnchance nicht mehr in richtigem Verhältnis zur Gefahr. Wolff-Eisner. 296 MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT. Nr. Verein für innere Medizin und Kinderheilkunde zu Berlin. Pädiatrische Sektion. (Eigener Bericht.) Sitzung vom 13. Februar 1922. Demonstrationssitzung: Hvdm. Herr Cassel: 1. Fall von Hydrozephalus. Kind mit riesigem Hydro -/enh ihis erst seit kurzem gelingt es dem Kind, das enorme Kopfgebilde S1 S»“o » haltt“ Es sind 41 sys«, ns, Ische . 18 Monaten in ziemlich kurzen Intervallen von meist nur 8 14 Tagen vor genommen worden, wobei jedesmal 80—100 ccm Lumbalflüssigkeit abgelassen wurden. Der Erfolg wird als günstig beurteilt, da der Kopfumfang seitdem "ICht2.mdemoSnsTrierteder Vortragende eine Monoplegie, die bei einem Kinde im 9. Monat in Verbindung mit positivem Wassermann auftrat und von ihm als syphilitischer Hydrozephalus angesprochen wird. Ein solcher Verlauf ist ungewöhnlich, da ein syphilitischer Hydrozephalus sonst gewöhnlich nach Ablauf anderer syphilitischer Erscheinungen im 5.-6. Lebensmonat auftrit t. Dazu Herr J a p h a, der einen ähnlichen Fall gesehen hat, der dann später noch eine eitrige Meningitis überstand. Herr Jap ha: 1. Arthritis chronica. Die Erkrankung begann voi 2 Jahren mit einem unbestimmten Ausschlag, remittierendem Fieber, Er¬ krankung der Gelenke, die steif wurden und sich stark aufgetrieben zeigten, Anwendung von Sanarthrit besserte die Beweglichkeit und liess auch die Drüsenpakete verschwinden. Nach 12 Sanarthritinjektionen wV^de d , noch Caseosan verabreicht. Jetzt ist nur noch eine Schwellung der te'le Dazu Herr Karger, der hervorhebt, dass bei dem Erfolg die Be¬ wegungstherapie die Hauptsache sei. T , 2. Knochen- und Kehlkopflues. Die Differentialdiagnose gegen Tuber¬ kulose war schwierig, die bestehende Kehlkopfstenose wurde durch Neo- salvarsan beseitigt, das bei Kindern nicht die Gefahren bietet, welche man sonst ihm nachsagt. „ ., p-,. „ 3 Myxödem. Der Vortragende demonstriert eine Reihe von Fallen, welche meistens durch die Behandlung wesentlich gebessert sind Die Be¬ handlung muss früh, möglichst vor dem 12. Jahre einsetzen und dauernd durchgeführt werden. n Herr Gehrt: Drei Fälle von Meningitis serosa mit Amaurose, Der eine der demonstrierten Fälle wurde frisch während der Entstehung beob¬ achtet. Die Differentialdiagnose zwischen Hirntumor und Meningitis serosa bereitet einige Schwierigkeiten. Für letztere spricht das akute Einsetzen der Erscheinungen, ln einem 2. Fall wurden hypophysäre Symptome beob¬ achtet. Der Ausgang der Meningitis serosa in Neuritis mit nachfolgender Erblindung ist glücklicherweise selten. In den vorliegenden 3 Fallen findet sich kein Turmschädel, der in den sonst beschriebenen Fallen die Regel zu bilden scheint und die Erblindung durch Abklemmung der Aquaeduktus im Sinne von Bönnighaus heFbeiführen. . Herr Erich Müller demonstriert einen Fall von solitärer Echinokokken- blase der Lunge, welche durch Röntgendurchleuchtung festgestellt worden war. Dazu Herr Rabe, welcher die Differentialdiägnose ausführlich schildert, welche gegen Dermoidzyste schwierig ist. . Herr Martens betont, dass eine Dermoidzyste natürlich eigentlich operiert werden müsste und dass es der Begründung bedarf, wenn man darauf verzichtet Bei konservativer Behandlung hat man 24 — 30 Proz. Exitus und die Statistik, die auf Grund der Literatur Garre kürzlich veröffentlicht hat. erscheint für die Operation sehr günstig. Trotzdem muss man natürlich be¬ denken, dass die Statistik ein falsches Bild gibt, da mehr günstige als un¬ günstige Fälle veröffentlicht werden. Im vorliegenden Fall muss wegen der absolut zentralen Lage und der dadurch sich ergebenden grossen Gefahi die Operation abgelehnt werden. Von der Punktion ist dringend abzuraten, da bei ihr wiederholt Todesfälle auf dem Operationstisch, vo.rgekommen sind. Herr Lauter: Rektalschleimhautbefunde bei kindlicher Gonorrhöe. Da die meisten Rezidive vom Rektum ausgehen, ist in allen Fällen von Gonorrhöe bei Kindern die Untersuchung des Rektums und die Abimpfung von der Rektalschleimhaut erforderlich. . Herr Hultschinsky: Röntgenbehandlung der Rachitis. Bei Rachitis wurde erst ganz kürzlich Röntgenbehandlung angewandt. Der Erfolg beweist, dass auch tiefer dringende Strahlen wirksam sind. . Herr L. F. Meyer: Syphilitisches Nabelgeschwür. Die Erkrankung stellte sich zunächst unter dem Bilde einer banalen Nabelulzeration dar, in der sich jedoch ein positiver Spirochätenbefund ergab. Finkaistein hat bekanntlich das Vorkommen von syphilitischen Nabelgeschwüren vollkommen geleugnet. Die Differentialdiagnose, ob es sich um einen Primäraffekt oder um eine Aeusserung einer kongenitalen Syphilis handelt, ist aus vielen Gründen schwierig. A. Wolff-Eisner. Aus ärztlichen Standesvereinen. Neuer Standesverein Münchener Aerzte. Erfolg des Streikes konntefl lediglich eine etwas bessere Bezahlung und re: zweifelhafte Zugeständnisse hinsichtlich der freien Arztwahl verzeich; werden. — Nunmehr ist die Versicherungspflicht plötzlich auf die Einkomr bis 40 000 M. unter Wiedererhöhung der Grenze für Versicherungsbereehtig ausgedehnt worden. Die wiederholt erhobenen Forderungen der Aerzte ha keine Beachtung gefunden und die Aussichten in dieser Beziehung für Zukunft sind wenig erfreulich; mit der Entwertung der Mark wird die Sitzung vom 3. Februar 1922. Nach Begrüssung der neueingetretenen Mitglieder machte der Vorsitzende Herr Bergeat auf die in Nr. 42 und 4 des Korrespondenzblattes veröffent- i ; . i. * unH grösstenteils sehr unbefriedigenden nerr tsergear aui uie m im. uuu - - - lichten Honorarvereinbarungen und grösstenteils sehr unbefriedigenden Honorarverhandlungen aufmerksam. Als Hauptpunkt kamen sodann „Kassenärztliche Fragen (Reichsversicherungsordnung)“ zur Besprechung. Der erste Referent Herr Grassmann gab einen kurzen Ueberblick über die Entwicklung seit dem Aerztestreik 1920. Dieser war bekanntlich veranlasst durch die Erhöhung der Versicherungsgrenze von 2500 auf 12 000 M und der Grenze für die Versicherungsberechtigung. Unsere Münchener Hauptforderung ging dahin, dass nur die wirklich Bedürftigen an der Wohltat der Krankenversicherung teilnehmen dürften. Auch der Neue Standesverein hatte zu der Frage Stellung genommen und war in einer Resolution für möglichste Wiederherstellung der freien ärztlichen Praxis durch billige Einschränkung der freiwilligen Fortversicherung. Abschaffung des Pau¬ schale und Bezahlung der Einzelleistung eingetreten. Als sicherungsgrenze fortschreiten. Wenn von uns etwas et.reicht werden muss unsere Organisation schärfer am Werke sein, als bisher. Herr Lukas als zweiter Referent gab ein Bild von der Entwickl der Honorarverhältnisse in München, kam sodann auf den bayerischen Mar vertrag zu sprechen, durch den die Möglichkeit eines Streikes der Ae sehr eingeengt worden sei, und trat für bessere Vertretung unserer luteres im Parlament ein. Herr Bergeat bemerkte hiezu, dass eine derartige Erhöhung Versicherungsgrenze früher von uns wohl nicht so erstaunlich ruhig genommen worden wäre. Wir bräuchten wieder mehr Selbstvertrauen, < feste Direktion und einen einheitlichen Willen. Wie 1920 mussten ethischen Fragen wieder über die Honorarfragen gestellt und diese I fassung im ärztlichen Nachwuchs rege gehalten werden. Ein fest Programm tue uns not und für ein solches kämen vor allein die Fragen : Freiwillige Fortversicherung, Versicheruai grenze und freie Arztwahl als ein Ganzes in Betracht. Die Familienversicherung, die Ausdehnung der Versicherung auf alle w schädlich Schwachen, die Arbeitsgemeinschaft mit den Krankenkassen berij das Interesse der Aerzte viel weniger. Mit diesen sozialen Forderungen, | anderen zugute kommen, sollten die Aerzte wirklich nicht immer dem Gest geber entgegengehen, solange ihre eigenen Hauptforderungen ständig nur I gewiesen werden und sie auch in Honorarfragen allenthalben nur Widerstl finden. Deswegen brauche man aber noch lange nicht von einer „Los von | Kassen“-Politik zu sprechen, die natürlich nicht möglich wäre. Fortgesetzt müsse die Organisation an der Erreichung obiger L arbeiten, auch wenn nicht gerade eine gesetzgeberische Aktion in Sicht Auch unser zentrales Finanzwesen müsse gestärkt werden und Ausgaben, t der unmässig hohe Zuschuss für das Organ des LV. sollen endlich I schwinden. „ , ,, , .... . Fast scheine in Oesterreich, wohl infolge unerträglicher Verhältnis die kassenärztliche Bewegung z. Z. lebhafter zu sein als bei uns. Der \1 Erfolg eines 6 wöchigen Aerztestreiks in einer Grossstadt wie Wien verd| alle Beachtung. Mit der Aufforderung, der Neue Standesverein solle an von 1920 festhalten und diese neuerdings betonen, schloss unter allseitiger Zustimmung. ijr An der kurzen Diskussion beteiligten sich die Herren v. Dessau! Neger und v. Zumbusch. . ,1 Weiterhin führte Herr Grassmann Klage über die späte .1 Stellung der Morgenpost und Ausfall der Sonntagszustellung, l durch Bestellungen von Besuchen durch die Post nicht rechtzeitig in (1 Hände des Arztes gelangten und daher erst verspätet ausgeführt wei könnten. Sein Vorschlag, diesen Missstand der zuständigen Stelle he Abhilfe mitzuteilen, fand allgemeine Billigung. I Auch eine Anregung Bergeat s, dass eine Herabsetzung der städtists Liftsteuer seitens der beteiligten Aerzte anzustreben sei, wurde gutgeheil und eine gleiche behufs Einführung eines billigen Tarifes für Einzelstre| der Strassenbahn lebhaft begrusst. Den Schluss der Sitzung bildete der Bericht des Kassiers über e günstigen Stand der Kasse, weshalb der V e r e i n s b e i t r a g auf der t herigen Höhe belassen werden konnte. K. Goert seiner Resolui Herr B e r g J Kleine Mitteilungen. Galerie hervorragender Aerzte und Naturforsch Von Adolf Kussmaul, dessen 100. Geburtstag in diesen Tagen } feiert wird, sind 2 Bilder in der Galerie erschienen, das eine bei sei 80. Geburtstag, das andere die Büste des Kussmaul-Denkmals darstel Beide Blätter stehen denjenigen unserer Abonnenten, die sie noch i| besitzen, auf Wunsch kostenfrei zur Verfügung. Therapeutische Notizen. St. Engel und Martha T ü’r k - Dortmund geben Beiträge Behandlung der Säuglings Syphilis. Bei der Art der Behandlung spielt das Alter der Säuglinge eine j zu unterschätzende Rolle. Es ergeben sich danach 2 Stadien für diel handlung. In dem frühesten Säuglingsalter ist infolge der Kleinheit Venen eine intravenöse Behandlung sehr schwierig. Hier muss) Quecksilber behandelt werden, und zwar ist das Novasurol, das intramus! angewendet wird, das Mittel der Wahl. Seine Wirkung ist schnell energisch, eine vollständige Heilung der Krankheit Wird aber dadurch f erreicht. . . J Vom Ende des ersten Lebenshalbjahres an kann ein intravenös d wendendes Präparat gegeben werden, und zwar kommt hier allein das . salvarsan in Frage, das von den Säuglingen gut ertragen wird. Das ! salvarsan kann in einer Dosis von 0,15 einmal wöchentlich 6 8 Wd lang gegeben werden. Nach dieser Kur ist die WaR. meist negativ. ( - Halbmonatshefte 1921, 8.) H. Thierx) schs) H. D i e 1 1 e n - Schatzalp-Davos beobachtete einen Fall von Somnifenvergiftung mit Ausgang in Heilung. Eine 23 jährige Kranke, die an schwerer Schlaflosigkeit litt, hatte t Wissen des Arztes 15 ccm Somnifenlösung genommen, das ist fast das 31 der üblichen immer gut vertragenen Dosis. Die Kranke bekam eine n. 48 Stunden dauernde Bewusstlosigkeit mit lebensbedrohlicher Lähmunb Zentralnervensystems. — Das Somnifen ist eine Flüssigkeit, die in 1 cci Diäthylaminsalze- von 0,1 Diäthyl und 0,1 Dipropenylbarbitursäure en: Es wird in einer Dosis von 30 — 40 Tropfen verabreicht. Die obige E achtung mahnt aber zur Vorsicht bei höheren Dosen. (Ther. Halbmn hefte 1921, 18.) H. T h i e r , Februar 1922. MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT. 297 Studenten belange. ° , Bildung von Studentenschaften an den bayerischen Hochschulen. Das bayerische Staatsministeriuin für Unterricht und Kultus hat unter i lb. Januar 1922 die schon lange .erwartete Bekanntmachung über die ung von Studentenschaften an den bayerischen Hochschulen erlassen, die igkeit hat für die Universitäten München, Wiirzburg und Erlangen, die ^mische Hophschule München, die Hochschule für Landwirtschaft und .ierei in Weihenstephan und die Handelshochschulen München und Niirn- - Aus dem Inhalt dieses staatlichen Erlasses ist folgendes hervorzuheben: Der s 1 bestimmt die Mitgliedschaft: „Die vollimmatrikulierten lenten deutscher Staatsangehörigkeit an einer bayerischen Hochschule dle ..Studentenschaft“, Die Studentenschaft wird vom Staats- sterium für Unterricht und Kultus als Zusammenschluss aller an der Höch¬ te. zugelassenen Studierenden staatlich anerkannt, wenn sie darauf anträgt sich eine Satzung gegeben hat. die den Vorschriften dieser Bekannt- iung entspricht. Die Satzung der Studentenschaft kann bestimmen, ob, welchem Umfange und zu welchen Bedingungen vollimmatrikulierte Aus- 3r an der Studentenschaft oder ihren Einrichtungen teilnehmen dürfen Studentenschaften der einzelnen bayerischen Hochschulen steht es frei untereinander sowie mit entsprechenden Verbänden anderer deutscher ischulen zu vereinigen.“ Die Z wecke des Zusammenschlusses zu Studentenschaften gibt § 2 an¬ al Vertretung der Gesamtheit der Studierenden; b) Wahrnehmung der studentischen Selbstverwaltung, vor allem auf Gebiete allgemeiner sozialer Fürsorge für die Studentenschaft; c) Teilnahme an der Verwaltung der Hochschule in studentischen An- cenheiten und an der akademischen Disziplin; d) Mitarbeit an der Erledigung allgemein vaterländischer, wirtschaft- r und Bildungsfragen; e) Pflege des geistigen und geselligen Lebens zur Förderung der Gemein- t aller Hochschulangehörigen; f) Pflege der Leibesübungen der Studierenden. Ausgeschlossen sind ;ii dei I arteipolitik und des Glaubensbekenntnisses Die rechtlichen Verhältnisse regelt § 3. Der § 4 gibt an, was die Satzung, die sich jede Studentenschaft Beachtung der in der Bekanntmachung gegebenen allgemeinen Vor- ;ten geben muss, enthalten soll. Die Satzung bedarf nach § 5 der Zu- ning des Senats und unterliegt der Genehmigung des Ministeriums. J der^Hochsc h u te" Satzung wird die Studentenschaft verfassungsmässiges üur Beratung und Unterstützung der Studentenschaft in Vermögens- egenheiten ist ein V e r m ö g e n s b e i r a t bestimmt (§§ 7 und 8) Jie SS 9 14 enthalten Bestimmungen über Beiträge und Kassenführung. Venn eine Studentenschaft oder eines ihrer Organe gegen diese Be- lungeii verstösst, so kann nach § 15 der Senat den Beschluss oder die e‘ne m,t Gründen versehene an den A.St.A. zu richtende f^Sn^ct11S^ndnn' wodurch. der betr- Beschluss oder die Massnahme Jlg ausser Kraft gesetzt wird. Bei einem Einspruch gegen solch eine ■tandung trifft das Ministerium die Entscheidung :sust ein eigentümliches Zusammentreffen, dass der Erlass dieser staat- TV4 der Aufstelhlng der neuen •Notverfassung te deutschen Studentenschaften zusammenfällt. Man muss abwarten iMto s"£“j£r,'nscha, De.r Entwurf enthält den ärztlichen Behand- J ip oL Geschlechtskranke im ansteckungsfähigen Stadium und 1 t die Behandlung durch Nichtapprobierte aus, er enthält weiter den iiB. vr.n H -fUCl! Krankenhauszwang für Geschlechtskranke, die An- 2LI Jeihnltteln ln f.er Zeitung wird verboten. Jeder Beischlaf eensahtl l.. h"68 DY'ssentbch Ansteckungsfähigen soll bestraft werden, den Entwnr?”1/ Tm d6S R.ei(fhsrats stimmte der Vertreter Bayerns b lÄL h 6 wesentlichen Anträge Bayerns im Ausschüsse ÄÄ worden seien und der Entwurf in seiner gegenwärtigen zuwider laufe reIlglosen Empfinden der Mehrheit des bayerischen ? foDendPr5^ .An.scbauung den .tatsächlichen Verhältnissen entspricht, Veriassungsausschuss ges.e.I.er ,^lrd aafgefordert, dahin zu wirken, dass der dem sch . ?td Gesetzentwurf zur Bekämpfung der hrten FWim kra n.k h.e,ten soweit abgeändert wird, dass die be- ihkcSskranSr des, b.ay,f ischerl Landesrechtes zur Bekämpfung der nze d öpf (n bei behalt en werden können, dass ferner die Bestim- hfun^mnpi -zei es-«ber die Straffreiheit der Gewerbsunzucht, der S”n?d« nLUM dfr, offPn1tllchen Reklame die Mittel, die neben der X bfsSÄeJdS tSkrankhelten auch der Verhütung der Empfängnis i Geburten8uenrdUn|ph?v dafÜr wge tragen’ dass gegen die Verhinderung etzesvm-i U ld Schwangerschaftsunterbrechungen so rasch als möglich etzesvoHagen im Re.chsrat beantragt werden. s die zum SnfnLS0" n“f a‘.le unterstellten Behörden dahin einwirken, g von Grhm-f0P gegenITd‘e tdanmassige und geschäftsmässige Verhinde- erbrechiincrp n .unc^ Unfruchtbarmachungen sowie Schwangerschafts- ■endet werden.“66'811 gesetzüehen Mittel mit allem Nachdruck an- mnfen wurden'1561'6 Mmderheit wandte sich gegen diese Anträge, die p i ung ^ n ifr 6 't i ' uS‘,Ch nach dem Vorgänge der Nationalen Liga zur n dl eG k“l0f, neuerdings auch eine Nationale Liga eschlechtskrankhf iten gebildet. Sie zerfällt in 3 Abteilungen mit jeweils besonderem Arbeitsbereich, nämlich: 1 Eine medi¬ zinische zur grösstmöglichen Herabsetzung der Zahl der Infektionsträger, sie macht die Vermehrung der Armenapotheken des Landes zu ihrer besonderen Aufgabe. 2. Eine Abteilung für sittliche Aufklärung, die durch Vorträge Schriften und grosszügige, unermüdliche Propaganda in den Tageszeitungen die Kenntnis der Geschlechtskrankheiten und ihrer Vorbeugungsmittel in allen Volksschichten zu verbreiten bemüht ist. 3. Eine Abteilung für soziale Fürsorge mit der Aufgabe des Minderjährigenschutzes, der Hilfe für Schwangere mit venerischen Erkrankungen sowie der Errichtung von Heimen für erbsyphilitische Kinder. — In dem unter der Leitung von Prof. Dr. B o e h n k e stehenden ^„e,S “ n d b e \ 4 s d 1 e"s \ e d e r Berliner Schutzpolizei (Schupo) sind z. Z. 29 Aerzte, 2 Zahnärzte. 2 Apotheker und 150 Sanitätspolizeibeamte tätig. Auf dem 18 Polizeisanitätsstellen tun zu verschiedenen Stunden des tages insgesamt 10 Schupoärzte Dienst und leiten in den angegliederten nauskrankenstuben die Behandlung der leichteren Erkrankungen. Für die schwereren Fälle, auch für einzelne besondere von auswärts steht das r1SlerteL Rüher® Garnisonslazarett in der Scharnhorststrasse nunmehr ausschliesslich der Schupo zur Verfügung. Es ist mit 450 Betten, die ge- Pge,ntbch., schon nahezu sämtlich belegt waren, sowie mit allen notwendigen Fachabtetlungen und 9 Ambulatorien ausgestattet. Eine Zentrale zur Des¬ infektion und Entlausung der Schupokasernen, die meist mit schwefliger v.aure vorgenommen wird, ist dem Krankenhaus angegliedert. Auch eine eigene Kuranstalt mit 100 Betten besitzt die Schupo in Biesenthal Für Lungenkranke können Heilstättenkuren gewährt werden, entweder in einer r vertraglich verpflichteten Heilstätten oder in einer beliebigen anderen bei Auszahlung der Vertragsheilstättentaxe an den Kranken. Die gesamte lerne !nd fh» ‘ ktÄef 4ikam“,e K"leSSe" d“ Sd™°- freien VemMgung^ "«"ßrlndenburgiscten B Krankenkassen" d^'fiinTglLgs- abkommen getroffen, demzufolge für das 1. Vierteljahr 1922 folgende Ge - für Besucifein^V86 len solltep; 10,M- für Beratung eines Kranken, 20 M. 7 , e nes Kranken, nachts und an Feiertagen das Doppelte. 150 v. H. Oder Pin/Up 6,1 ,ubrlgen Sätzen der Preussischen Gebührenordnung von 1920 oder eine Pauschalsumme von 100 M. pro Kassenmitglied und Jahr wenn die Kassen diese Art der Bezahlung vorziehen sollten; ferner 7.50 M für Nan JaU nde Kdoipeter der Fahrt zum Kranken bei Tage, 12.50 M bei w fL Dlef0„FordoU1!^en wurden von den Kassenvertretern in der am . Februar 1922 in Berlin geführten Verhandlung einstimmig abgelehnt Der Aerzteverband der Provinz Brandenburg legt Wert darauf die abge ehnten Forderungen ajjch der Oeffentlichkeit bekannt zu geben, um sich von vom herein gegen den Vorwurf zu schützen, er habe durch übertrieben hohe Honorarforderungen die Einigung mit den Kassenvertretern unmöglich ge- M ~ Vom oberbayer. Schwurgerichte wurde der prakt. Arzt Dr Otto f lahrpn'fi Lunchen wegen V’er V e r b r e c -h e n der Abtreibung zu M°ua{fn Gefängnis verurteilt unter Anrechnung von 1 Jahr 1 M^nat Untersuchungshaft. Desgleichen erhielt der prakt. Arzt Dr. Karl Boeckel in München wegen strafbarer Eingriffe in 3 Fällen eine Gefängnisstrafe von 1 Jahr 6 Monaten; wegen eines Falles wurde er dem Schwurgerichte wpSfn' f Dle Verhandlungen zeigten mit erschreckender Deutlichkeit München eTreicht' w^und’ rbSmäS^ige Vernichtung des keimenden Lebens in unenen erreicht hat und man kann ermessen, welche Zustände eintreten Ahtrtm,’ Wen"- d‘e iet,Zt n°ch Mstehenden gesetzlichen Schranken gegen die Abtreibung, wie manche es wünschen, beseitigt würden. . . ,In einern Schreiben an die Landesregierungen weist der Peiniic " ““'“fr,"??"' ht„dr ra' aif »"3 oSAä r>,r,e„en e"Ber "s"-d" w”": In Anbetracht der bedenklichen Zunahme des Alknhnimicc miMsmsmm SÄ 'iltSi":’ w väüTÄJs SS d-aif ?'5m Drucksachen, nri? Jenen cs “m^rkaji Schwangerscliaft'^reschwerden^veJrinuer^'oder^indere*1'^ N?'v'\»''hUge. das Rad-Jo nicht nur Heilmittel, sondern auch Geheimmittel (?„SSc-Übris^ns gKSfArS? „Ä'tadl *- Ä" -äSÄ auf mehrere Jahre zurückgehender Anfragen an die Ra'd-J^Gesellschaft ' bis 298 MttNG.HP.NER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT. Nr. 8 keine Aufklärung über wesentliche Bestandteile auf den heutigen Tag noch des Mittels erfolgt ist. , R „ „ ; n n der Vor- — Das bayer. Kultusministerium hat den B e* *n v e , . Tä t1^ aui1^ .^riel^setzt. 1 "Ina^rikulLlon * Utut t vom 20. April hiS -^Berlin veranstaltete kürzlich Dr. Kurt S i\ in * e r mit^em unter seiner Leitung stehenden Aerztec lor esetzte Programm, Beethovens Konzert. Das für Liebhaberkrafe ^ - aite Chorvariation rs fffiftrr.tT»» .»* ** « —■ '"’,r-WDt S?Ä Association berlch«. «b^ dcckunn eines aus dem 16. Jahrhundert S^^ KataloaisieruriK Sei 'KJÜ ' ttS ÄXr 'L'stonschen ües«, s ssl Häsäs S£g sstas ? *£r SEEää ä SlÄrS7e*p»™»s 'tner Zeit. Lehens- «nd Veriiinttunsseiiitiere _ pc ;st eben alles schon dagewesen. . .. einen frühen Neanderta typ darstellt und z™“Jen g ^ einer späteren Zeit Pittdown einzureihen ist, der sich aber . N h der Beschreibung erhalten haben dürfte, als jene anderen! n Europa. ^^f^Uenes Exemplar, & SvÄeÄr;£ tAÄS a ä ss. ™ gxS£sÄ mächtigen Augenwülste und . *>«“*• «“ ais bei den schon bekannten Umensch^nschädeln^kanr1 man wohl annehmen dass sm im Leben sich r^^sSari raUfnne‘ der 5 Molar ze^gt sogar bereits die Merkmale der Rückbildung. isiüsipiliH lÜSliisptl S’Äi« - 6 Del SS;S-“Ä "dem de” j52nder?aMl5"nnd B° mer-Schldel (1400) surück. übartrillt aber den von Oibtahat der nur llOOmsstn jn Dresden ,*« ,,1.1 Mts eine in QetndnSaft mit de, Deutsche« aeseltschalt zu, B.kantpta* 4er Oese, dech.sk, ankheiten .e,a„s.aite,e Aus tt. H.U.J.B „ » f™ m. «1 U? S?h S“'r h b , i tt « n b i , d „ , * U „ d fürsor ge findet Pfingsten 1922 in Hamburg im Museum für Kunst * af staatliche. ho„ke» ddun . a «ffi^JetSchwelitSen. ») kewe, bliche Etae.g.isse. “ kSlerische Ersengnisse. c) . Be, uls.nBteBnh.it«.. 6. Verschiedenen. t itpratnr Abteilung B. 7. Gehörhilfsmittel. _ .. DasSeran, ar für soziale Medizin des Gaues Gross-Berlin des Verbandes der Aerzte Deutschlands veranstaltet vom 27. Februar bis 20 M?rzl922 seinen 23. Zyklus üW das Thema: P r z t“ n d Berufs¬ beratung“. Näheres durch Herrn Sanitätsrat Dr. A. P e y s e r, Char¬ lottenburg 2, Grolmanstr. 42/43. r, r|n,,cn- _ An der sozialhygienischen Akademie Charlotten bürg wird im Sommer 1922 vom 24. April bis 29. Juli ein soz'a,lhysienischei Vollkursus zur Vorbildung von Kreis-, Kommunal-, Schul- und Fursorgearzten stattfinden Der Lehrgang entspricht den Prüfungsbestimmungen für _Kre s- “ ebenso die nebenbei fakultativ abgehaltenen dreimonatigen Sonder 1 nrse in mthologischer Anatomie, Bakteriologie und Hygiene sowie gericlt l'iclier Medizin. ' Aerzte können auch Einzelvorlesungen als Gasthörer be¬ suchen Anfragen und Meldungen sind möglichst bald an das Sekretariat im Krankenhaus Charlottenburg-Westend, Spandauerberg 15/16, zu richten, das auch mit Hilfe des Wohnungsamts geeignete Wohnungen vermittelt. — Im Hygienischen Institut der Universität Greifswald findet in der Zeit vom 19.— 30. April 1922 ein „Lehrgang der I m m u n i t a t s 1 e h r e m 1 1 praktischen Uebungen“ statt. Besonders berücksichtigt werden die Serodiagnostik (W a s s e r m a n n sehe Reaktion, Flockungsreaktionen, [Sachs-Georgi. Meinicke], forensischer Blutnachweis, Agglutination usw.) und gierungs-^uml A*»*"”*»- * ** """“De, von D e . «k.c b m a » „ ln, Acr^V^ tirnnt,., KASSA* STÄ S tSTSff SÄ Ä« kos,. . . VCrf“T 1 e'c'kt lebe ? & Ä Marienwerder) 2. ln der Woche vom 5.-11. Februar 1 ™ dje \ vom 22^— 28.' Januar 'wurdeifn'achträ^nch noch 50 Erk^ankungeii ^ raothaf ku'ngen (undP 68 " Tode°sfölle), davon ^ in 3 f^^n^en^^vön fo Böhm Po«skaVSs1 1^,1", der Slowakei^ und. in ^ Städten '"übt? Ä» g««« J alfr" uifd* 1000 E mit 36,6, die geringste Nürnberg mit 12,6 1 odestallen p Vö{f R.-Q.-A wohner. Jahresw0che, vom 22.-28. Januar 1922, hatten von deutscl Städten über 100 000 Einwohner die grösste Sterblichkeit Mfchen- aladb. mit 28,0, die geringste Ludwigshafen mit 6,3 Todesfällen pro Jahr^u d^lOOO F wohner ' a. 3M. h Dr° Kurt "scherr hat sich für Kinderheilkui der Antrittsvorlesung: Neuere Ergebnisse über Spasi und Neurolo Stern ist Hochschu Frankfurt habilitiert. Thema philieforschung^ g ^ Dem Privatdozenten für Psychiatrie Oberarzt an der psychiatrischen Klinik, Dr med- Felix Dienstbezeichnung a. o. Professor verliehen worden H>k.) Hamburg. Die Privatdozenten Dr. Johannes B r o a e r s en tomie) 1 Prosektor am anatomischen Institut, und Dr. Wilhelm b e r g' (Orthopädie), Leiter des chirurgischen Ambulatoriums Eppendorf. zu ausserpla. "Sem1 PrivatdOozLTen5 a°.reon RrüfSsoTfür "innere Medizin Sc^ Ass fs' ten t S | sich in dem geräumigen Gebäude des ehemaligen Jesuitenkollegs Ru| Vaugirard. Zu Kriegszeiten war dort richtet, dessen gesamtes Inventar im von der Brasilianischen Regierung der suhenLt _ wurde^^ japanische Gesandte hat dem Rektor der Dniversifät persönliche Spende von 6 500 000 Kr. zur Linderung der finanziellen -Sch» keifen der Universität überreicht. - Der *. 0- ^ ^ und Gynäkologie, Dr. Konstantin J. B u c u r a, ist zum Vorstande de g logischen Abteilung der • Allgemeinen Poliklinik ebenda ernannt w Als Privatdozenten in der med. Fakultät wurden -^lassen. Dr Luger für interne Medizin, Dr. Bernhard Gottlieb fu ^ Zahnüeux! Dr ' Hugo Stern für Laryngo-Rhinologie mit besonderer BeruckMctn| der Phoniatrie, Dr. Ernst Freund für interne Medizin und .1 Oerstmann für Psychiatrie und Neurologie, (bk.) das Brasilianische Hospital eil Werte von 2 000 000 Fr. nun« Pariser medizinischen Fakultät Todesfälle. _ , r> „i c ♦ „ r k .-c Am 1 Februar starb Herr Sanitätsrat Dr. med. Paul Starke seit über 10 Jahren für die Interessen der Ae^teschaft höchst verdttd be k a n nt 'wu nie ft !fßff ^eSt^fSer AMeilÄr Stel.envermi.t.un,! Verbandes, in welcher Eigenschaft er sich durch glkommene D- npa. . keit und ungewöhnliche Umsicht auszeichnete. Als Geschäftsführer der digen Kommission der Aerzte und Lebensvers.cherungsge e «schuften es ihm die Versicherungsabteilung des Verbandes aus kleinen Anfang einer ergiebigen Einnahmequelle für die Wohlfahrtsabteilungen des Verl zu untwickeln.^ starb in Dresden an Herzleiden infolge SdilaJ Verkalkung der am 1 X. 1921 in den Ruhestand getretene leitende der chirurgischen Abteilung des Stadtkrankenhauses Friedrichstadt. Geh Rat Prof. Dr. Hermann L i n d n e r im 70 Lebensjahre. p. , In Wien starb, 74 Jahre alt, Dr. Julius Heitzmann. - zusammen mit seinem Bruder C. Heitzmann den bekannten H' man tischen anatomischen Atlas, der neben dem » V ! [jj ’°bf? , jahrzehntelang das wichtigste Lehrmittel für den anatomischen Unter: Deutschland und Oesterreich bildete. Ke I. iorenbiaLiier uiuuiauu w vrio, _ _ . . — — - - - - : — ^71 : V.,l.t 1. F. S.W. 7, P.ni1r.,lSra». - Druck von E. MUlttAP. Buch- »nd K»n,«.r»«l,,r,i, M»h«. der einzelnen Nummer 3. - d. • Bezugspreis ln Deutschland und Ausland siehe unten unter Bezugsbedingungen. . . . dgenschluss immer 5 Arbeitstage vor Erscheinen. • • MÜNCHENER Zusendungen sind zu richteil für die Schriftleitung: Arnulfstr. 26 (Sprechstunden 8^—1 Ohr), rar Bezujy : an J. F. Lehmanns Verlag, Paul Heyse- -trasse 26, für Anzeigen: L. Waibel, Anzeigen- Verwaltung, Weinstr. 2/1 II. Iedizinische Wochenschrift. ORGAN FÜR AMTLICHE UND PRAKTISCHE ÄRZTE. 9. 3. März 1922. Schriftleitung: Dr. B. Spatz, Arnulfstrasse 26. Verlag: J. F. Lehmann, Paul Heyse-Strasse 26. 69. Jahrgang. »er Verlag behält sich das ausschliessliche Recht der Vervielfältigung und Verbreitung der in dieser Zeitschrift zum Abdruck gelangenden Originalboiträge vor. Originalien. Aus der Universitäts-Frauenklinik in Bonn. (Direktor: Geh. Rat v. Franque.) her die postoperativen Bauchfellverwachsungen*). Dr. Heinrich Martius, Privatdozent und I. Assistent der Klinik. Vuf das Problem der Vermeidung von Bauchfellverwachsungen Laparotomien ist in den letzten Jahrzehnten viel mühsame ex- lentelle Arbeit verwendet worden. Wenn man bedenkt, dass der y einer jeden Bauchoperation durch Verwachsungsbeschwerden trächtigt werden kann und dass ein Teil der Operierten durch gileus sogar in die höchste Lebensgefahr gerät, so haben diese ihungen auch ihre volle Berechtigung. Die folgenden Zeilen mögen n, inwieweit es bei dem heutigen Stande unserer Operations- ik in unserer Macht steht, die postoperativen Bauchfelladhaesionen ermeiden und welche klinische Bedeutung den Verwachsungen dl nach gynäkologischen Bauchoperationen zukommt. Sesonders umfangreich sind die Versuche, die Entstehung von Ver- sungen durch irgendeinen chemischen Stoff, der während der ition in die Bauchhöhle hineingebracht wird, zu verhindern. In • Beziehung nehmen wir und mit uns die meisten anderen Gynä- en einen ablehnenden Standpunkt ein. Weder das von Höhne ie Peritonitisverhütung eingeführte Kampferöl, noch die vielen en Stoffe, die als „Gleitschmiere“ gedacht sind, verdienen mit den Ruf, die peritonealen Adhaesionen zu verhüten. Zu dieser nung haben uns sowohl eigene Misserfolge als auch theoretische jungen geführt, v. Franque veröffentlichte auf dem internatio- Gynäkologenkongress in Berlin im Jahre 1912 einen Todesfall Laparotomie, der nur auf die Kampferölprophylaxe geschoben wer- ronnte. Die Technik war genau nach den Vorschriften von n e durchgeführt worden. iir das Peritoneum bildet wie für jedes lebende Gewebe jede derung der Lebensbedingungen einen Reiz. Das feine Endothel erosa hat eine besonders hohe Reaktionsfähigkeit im Vergleich nderen Gewebsarten allen Reizen gegenüber. Je nach der intensität erfolgt eine Erregung. Lähmung oder törung der Lebenstätigkeit der Zellen1). Da die schwelle für das überaus empfindliche Perito- n sehr niedrig liegt, so antwortet dasselbe auch geringfügigsten Aenderungen der Lebensbedin- ; e n gegenüber mit derjenigen Z e 1 1 1 ä t i g k e i t, die iie Serosa charakteristisch ist, nämlich der so¬ nnten Plastizität. Die Ausscheidung eines plastischen ates ist eine für die Erhaltung oder Wiederherstellung der pliy- schen Verhältnisse in der Bauchhöhle eminent wichtige Eigen- des Bauchfells, ohne die eine erfolgreiche Bauchchirurgie über- nieh-t möglich wäre. Es könnte also höchstens unsere Aufgabe die plastischen Eigenschaften der Serosa durch irgendwelche ahmen auf bestimmte Stellen, an denen Verklebungen notwendig . B. für die Heilung der peritonealen Wunden oder iür die Lokali- von Entzündungen usw. zu beschränken, as Hineinbringen eines chemischen Fremdkörpers dagegen in die höhle muss, wenn es sich nicht etwa um etwas Indifferentes, physiologische Kochsalzlösung, handelt, einen Reiz ausüben, der sionen eher entstehen lässt, als verhütet. ie Richtigkeit dieser Ansicht ist auch durch die neuesten experi- Jen Untersuchungen mit arteigenem, flüssigem Fett durch L ö h n - 2) wieder bestätigt worden. ir halten also die chemische intraperitoneale Adhaesionsprophy- ir kein erfolgversprechendes Verfahren. as die anderen Massnahmen zur Vermeidung von Adhaesionen ifft, so sind sie mehr operationstechnischer Art. d weitem das Wichtigste ist die exakte Peritoneali- ing der Wundflächen und Stümpfe. Sie spielt bei näkologischen Operationen eine besonders grosse Rolle, wie hohem Masse die Stielversorgung an der Verbesserung der tionserfolge mitgeholfen hat, kann man am besten an der Ent- Nach einem Referat in der gemeinsamen Sitzung der Niederrheinisch- iischen Chirurgen und Gynäkologen in Düsseldorf am 26. November 1921. S. Verworn: Allgem. Physiol. S. 371 ff. . 9. Wicklung der einfachen Myomoperationen verfolgen. Olshausen erlebte bei 366 Myomoperationen bis 1907 allein 6 Fälle von Rela- parotomie wegen Ileus durch. Darmverwachsungen am Zervix- oder Ligamentstumpf, bevor er die Stümpfe versenkte. Die „retroperito- neaie Versorgung“ des Zervixstumpfes wurde zuerst von Bassini im Jahre 1886 und dann besonders von Hof m eie r im Jahre 1888 verlangt. Aber erst durch eine Mitteilung von C h r o b a k aus dem Jahre 1891 wurde die „retroperitoneale Methode“, d. h. die Verlegung des ganzen durch die Operation gebildeten Wundgebietes hinter das Peritoneum, zum Prinzip erhoben. Chrobak vernähte die peritoneale Wunde fortlaufend mit Katgut ausserhalb des einen Adnexstumpfes beginnend und ausserhalb des anderen Stumpfes endigend, also genau so, wie wir es jetzt auch noch machen. Die Mortalität der abdominalen Myomoperatiönen verringerte sich in dieser Zeit (1885 — 1906) von 34,8 Proz. auf 5,1 Proz. 3), eine Ver¬ besserung, bei der ausser der Stielversorgung natürlich noch sehr viel andere Momente mitgespielt haben. Neben der exakten Peritonealisierung ist zartes, schonendes Ope¬ rieren mit genauer Blutstillung und möglichster Einschränkung der intraperitonealen Drainage das Wichtigste. BTS e gute Technik ist die beste Adhäesionsprophylaxe. Dass das Bauch¬ fell vor mechanischen, chemischen und thermischen Reizen möglichst geschont werden muss, ist bei der grossen Empfindlichkeit desselben klar. Noch nicht entschieden ist die Frage, wie weit die Hautdes¬ infektion mit Jodtinktur als peritonealer Reiz in Betracht kommt. Flesch-Thebesius4) hat kürzlich an dem Material der Frankfurter chirurgischen Klinik nachgewiesen, dass die postoperativen StrangileusfäMe zugenommen haben und zwar von 12 auf 22 Fälle, berechnet auf die gleiche Zahl von Laparotomien in je 4 Jahrgängen (1911 — 1915 und 1915 — 1919) mit und ohne Joddesinfektion der Haut. Er schiebt die Zunahme auf dieses Hautdesinfektionsverfahren. Auch König (Marburg), H o f f m a n n (Meran) und D o o s e (Lübeck) haben eine Zunahme der Ueusfälie festgestellt. Wir schützen diie Därme aufs sorgfältigste vor der Berührung mit der gejodeten Haut, indem das durchschnittene Peritoneum parietaie ringsherum mit M i k u H c z klammern an Schutztücher aus Billroth- batist (nicht Gaze, da sie durchlässig ist) festgeklemmt wird. Ein absolut zuverlässiger Abschluss der Haut für den eventrierten Darm ist aber auch damit nicht erreichbar. Die Schutztücher können sich verschieben, und es können Lücken entstehen. Möglicherweise könnte schon die verdunstende Jodtinktur einen genügend starken Reiz auf die Darmserosa ausüben. Allerdings kommt es bei unseren Operatio¬ nen, die wir regelmässig in Beckenhochlagerung ausführen, so gut wie niemals zu einer Eventration der Därme. Dieselben werden viel¬ mehr sofort vor Beginn der Operation im kleinen Becken mit grossen Bauchtüchern zurückgedrängt und so mehr oder weniger vollständig aus dem Bereich des eigentlichen Operationsgebietes ausgeschaltet. Wenn noch anzustellende Versuche ergeben, dass die Jodtinkturdesin¬ fektion tatsächlich auch bei sorgfältigster Abdeckung der Haut die Ad- haesionsbildung begünstigt, wird man dieses so überaus handliche und sichere Hautdesinfektionsverfahren bei Laparotomien wieder fallen las¬ sen müssen. Unsere Erfolge sprechen nicht für eine ursächliche Bedeutung der Joddesinfektion: denn wir wenden sie immer an und trotzdem erlebten wir in keinem unkomplizierten Fall die Notwendigkeit der Re Laparotomie wegen frischer Adhaesionsbil- d u n g. Um Dünndarmverwachsungen im kleinen Becken vorzubeugen, wird ausser exaktester Vernähung des Peritoneums bei unseren Lapa¬ rotomien vor Schluss der Bauchhöhle gewöhnlich die Flexura sig- moidca über die Peritonealnaht gelegt und dort bis zum Verschluss des Peritoneum parietale, nachdem die Beckenhochlagerung in Beckentieflagerung umgewandelt ist. mit einem Stieltupfer fest¬ gelulten oder sogar mit einer Appendix epiploica im kleinen Becken festgenäht, um so einen dachartigen Abschluss zwischen grossem und kleinem Becken herzusteHen. Schliesslich gehört die Entfernung des Prozess us vermifor- m i s, auch wenn er ganz gesund ist, bei jeder gynäkologischen Lapa- 2) Arch. f. Gyn. 3) Nach Olshausen: Veits Hb. 1907 12. Aufl. 4) D. Zschr. f. Chir. 1920, 157, H. 1—2. 3 300 MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT, Nr. rotomie zur Prophylaxe gegen den postoperativen Strangileus. seitdem ! wir erlebten, dass nach einer Totalexstirpation wegen chronischer Ad- j nexentzündung der Wurmiortsatz zusammen mit einem Zipfe des gros¬ sen Netzes an der Abtragungsstelle der rechten Adnexe verklebte und eine strangförmige Brücke bildete, unter der sich 19 Tage nach der Operation eine Dünndarmschlinge inkarzerierte. so dass wegen Ileus relaparotomiert werden musste. Wie eng die Nachbehandlung nach den Lapaioto- mien mit der Adhaesionsprophylaxe verknüpft ist, hat besonders Vogel5) mit Nachdruck immer wieder hervorgehoben. Nicht Ruhigstellung des Darmes, sondern frühzeitige An- regung der Peristaltik muss unser Bestreben sein, um dem in Bewegung befindlichen Dünndarm keine Zeit zu lassen, an geschädigten Serosastellen zu verkleben. Wir gehen nach den gynäkologischen Laparotomien so vor, dass am Tage der Operation ein oder zwei Tropfklystiere mit Koffein ge¬ geben werden. Bereits in der Nacht nach der Operation, wenn die Kranke vom ersten Schlummer erwacht, wird löffelweise Tee bewilligt. Schon am ersten Tage nach der Operation erfolgt ein Darmeinlaul und am zweiten Tage nach der Operation wird mit Rizinusöl oder Frangol abgeführt. Vom Lichtbogen wird ausgedehnter Gebrauch ge- macht. Physostigmin, Peristaltin oder Hypophysin haben wir im all¬ gemeinen nur gegeben, wenn die Darmfunktion nicht in Gang kommen wollte und sahen keinen ausschlaggebenden Einfluss dieser Mittel. Auf die Bedeutung der „mechanischen Nachbehandlung“ Lapa- rotomierter mit frühzeitigen Bewegungsübungen und Aufrichten des Oberkörpers für die Adhaesionsprophylaxe hat Qoetze') in einem der letzten Hefte dieser Wochenschrift von neuem aufmerksam gemacht. Soviel über die Adhaesionsprophylaxe bei und nach Laparotomien. , ,. , Welche klinische Bedeutung haben nun aber die post¬ operativen Adhaesionen speziell nach gynäkologischen Laparotomien? Bei der Durchsicht des operativen Materials der Bonner Frauenklinik fanden sich zunächst 4 Fälle von postoperativem Strangileus unter 754 Laparotomien seit 1912. , . , „ . Es erübrigt sich, auf die Fälle im einzelnen einzugehen. 13ei zwei von ihnen handelte es sich um Genital- und Peritonealtuberkulose. Der dritte Fall wurde oben bereits erwähnt. Bei ihm gab der zurück- gelassene Wurmfortsatz die Veranlassung zur Darmeinklemmung. Der vierte postoperative Strangileus kam nach einer durch Stieltorsion vollständig vom Uterus getrennten Ovarialzyste mit starken peri- tonitischen Reizerscheinungen vor. ' Also alles komplizierte Fälle, während wir nach unkomplizierten Laparotomien keinen einzigen Strangileusfall feststellen konnten trotz umfang¬ reicher Na chforschungen, denen z. B. auch sämtliche Fälle von Wertheim scher Totalexstirpation und sämtliche Fälle von Laparotomien wegen Adnexentzündung unterworfen wurden. Ausser den Ileusfällen hat die Durchsicht unserer Krankengeschich¬ ten drei Fälle von Strangbeschwerden nach alter Ventrifixur ergeben. Es handelt sich um drei fast vollkommen übereinstimmende ralle, bei denen der von anderer Seite ventrifixierte Uterus wegen starker Zerrungsbeschwerden von uns wieder gelöst werden musste, und zwar hatte sich aus der flächenhaften Anheftungsstelle des Corpus uteri am Peritoneum parietale der Bauchwand ein derber Strang ausgezogen, der ausgesprochene Adhaesionsbeschwerden machte, ein Vorkommnis, das gar nicht so selten ist. Hier muss die Frage angeschnitten werden, wel¬ cher von den zahlreichen abdominalen Profixur- methoden mit Rücksicht auf derartige Ereignisse der Vorzug zu geben ist. Im letzten Jahre haben sich wieder verschiedene Autoren zu diesem alten Diskussionsthema geäussert '). Diejenigen abdominalen Profixurmethoden, die den physiologischen Verhältnissen am nächsten kommen, sind zweifellos die verschiedenen Arten der Verkürzung der Ligamenta rotunda, sei es nun, dass man die Bänder nach Baldy-Guggisberg durch die Ligamenta lata hin¬ durchzieht und hinten auf den Uterus aufnäht, sei es, dass man sie nach Menge vorne auf den Uterus aufnäht oder sei es, dass man die von Knoop neu empfohlene Werth sehe Methode vorzieht, bei der die Ligamenta rotunda von dem Bauchschnitt aus in den Leisten¬ kanälen aufgesucht und verkürzt werden. Auch die Methode von D o 1 e r i s gehört hierher. Wer im Einzelfall eine festere Fixation des Uterus für erforder¬ lich hält und die Leopoldsche Operation ausführt, muss die An- nähung des Uterus an die Bauchwand sehr ausgiebig vornehmen und zwar mit Verödung der ganzen Fossa vesico-uterina nach Werth, um sowohl der Ileusgefahr als auch der Gefahr der Adhaesionsbeschwerden vorzubeugen. Wir halten durchweg die sogenannte „schwebende“ Antefixation des Uterus durch Verkürzung der Ligamenta rotunda für ausreichend und führen sie meistens nach Baldy- Guggisberg oder Dolöris aus. B) Zbl. f. Gyn. 1904 Nr. 21, D. Zschr. f. Chir. 63, Die Heilkunde 1908, Zbl. f. Chir. 1916 Nr. 37 und 1917 Nr. 30, Fortschr. d. Med. 1916/17. 6) M.m.W. 1921 H. 44. 7) Eckstein: Zbl. f. Gyn. 1920 Nr. 26. — Hastrup: Zbl. f. Gyn. 1921 Nr. 15. — Garcia de la Serrana: Zbl. f. Gyn. 1921 Nr. 36. — Knoop: Zbl. f. Gyn. 1921 Nr. 36. Ausser bei Ileus und bei ausgesprochenen Strangsymptcmen sii wir mit den Relaparotomien wegen Adhaesionsbeschwerden von jeh sehr zurückhaltend gewesen, so dass unser Operationsmaterial in dies Beziehung nur klein ist und zur zahlenmässigen Lösung der Fra? auf die ich jetzt einzugehen habe, nicht ausreicht. Ich meine c Frage nach der Häufigkeit der postoperativen V er w acl su n gen. Wieviel Laparotomien haben peritoneale Adhaesionen z Folge und wieviel heilen ohne solche Verwachsungen aus? Bisher war es nur bei Gelegenheit von Relaparotomien müglu ein Urteil darüber zu gewinnen. Jeder Operateur kennt die Verwac sungen, besonders des Netzes, als harmlosen Nebenbefund. Auf solcs Beobachtungen fussend, findet man auch in der Literatur nicht seit die Bemerkung, dass Adhaesionen nach Bauchoperationen nichts lil gewöhnliches sind und keinerlei Beschwerden machen brauchen, diesem Sinne hat sich Schatz, Kaltenbach, Ols hau sei Kehrer, Martin, Pankow und mancher andere geäussert. V fanden bei der Nachuntersuchung von 62 wegen Adnexentzündung oj- rierter Frauen 3 mal Adhaesionsbeschwerden, also nur 4,8 Proz. Sehr genau hat Payr8 9 10) sein Operationsmaterial auf die pol operativen Adhaesionen hin bearbeitet. Er musste bei 3000 Laparol mierten in 3,26 Proz. der Fälle wegen Adhaesionsbeschwerden relaffi rotomieren und stellte bei weiteren 10 — 12 Proz. der Fälle \ erwat* sungen fest, die aber nicht wieder operiert werden brauchten. All auch diese einem grossen Material entnommenen und einheitlich >j wonnenen Zahlen lassen keinen Schluss in der Frage zu: Wie oft sij- Adhaesionen tatsächlich vorhanden und wie oft nicht? Es ist ein Verdienst Naegelis, die Röntgenuntersuchung t| Hilfe der Lufteinblasung in die Bauchhöhle zur Lösung dieser Frag herangezogen zu haben u). Dabei ergaben sich bemerkenswerte Fi sultate. Naegeli fand bei dem Material der Bonner chirurgisch Klinik mit Hilfe des Pneumoperitoneums unter 148 Fällen von Bau> Operationen 118 mal Adhaesionen = 79,8 Proz. Bei den darunter lg findlichen 114 „grossen Laparotomien“ fand sich sogar ein Prozents* von 91,2 mit Adhaesionen; also nur jeder zehnte Fall war frei \i Bauchfellverwachsung. Wenn man diese Zahlen mit den Angall von Payr und unseren Nachuntersuchungen in Vergleich setzt.» ergibt sich der zwingende Schluss, dass die post operativ» Adhaesionen in der überwiegenden Mehrzahl keil Beschwerden verursachen. Bei den N a e g e 1 i sehen Fällen handelt es sich meistens um La] rotomien in der oberen Bauchhöhle. Was die gynäkologische Operati anbetrifft, so lässt sich unser K a i s e r s c h n i 1 1 m a t e r i a 1 1 ) 1 gewissem Grade zur Beurteilung der Häufigkeit der postoperati'i Adhaesionen verwerten. Wir haben in den letzten 11 Jahren 33 wied¬ holte Kaiserschnitte gemacht. Ich fand bei 14 von diesen Fällen» den Operationsberichten Adhaesionen vermerkt. Dabei handelte S sich bei 11 Fällen erstmalig um den klassischen Kaiserschnitt. ihnen zeigten 8 Fälle beim zweiten Kaiserschnitt Adhaesionen. 22 i handelte es sich erstmalig um tiefe intraperitoneale oder extrapi- toneale Kaiserschnitte. Von diesen zeigten 6 Verwachsungen bei >i Wiedereröffnung der Bauchhöhle. “■ I Wenn also im ganzen die Zahl der Adhaesionsfälle auch viel F ringer ist als bei dem chirurgischen Material, so fällt doch auf, dä nach dein klassischen Kaiserschnitt derselbe hohe Prozentsatz vor; I haesionen zu konstatieren war wie bei den N a e g e 1 i sehen Fäll Inwieweit diese Kaiserschnittzahlen auf die anderen gynäkokl sehen Operationen übertragbar sind, muss dahingestellt bleiben. AI ist durch sie aber doch wohl zu dem Schluss berechtigt, dass a ul nach den gynäkologischen Laparotomien die poj operativen Adhaesionen nichts seltenes sind, _al weit weniger häufig Vorkommen bei denjenig* Bauchoperationen, aie sich nur im kleinen Becken abspiefl als bei den Laparotomien, die sich in die grosse Bauchhüll erstrecken. Aber auch nach den gynäkologischen Baut, Operationen besteht noch ein erheblicher Unti, schied in der Zahl der Fälle mit Adhaesionen und ijj Adhaesionsbeschwerden. . x i Noch häufiger als nach der ersten Laparotomie scheint die A bildung von peritonealen Verwachsungen zu sein nach denjemfi Bauchschnitten, die wegen Adhaesionen ausgeführt werden. Auch das ist früher schon öfter betont11) und durch die N a e gej sehen Untersuchungen bestätigt worden. Er fand in fast a| Fällen (in 39 von 42), die wegen Adhaesionen operiert waren, x Wochen nach der Relaparotomie bei der Lufteinblasung wieder wachsungen, meist in ausgedehnterem Masse als vorher, woben Kranken dann oft beschwerdefrei waren oder auch wieder Beschwer hatten. . , In klinischer Beziehung ist es nun von aliergrosster W tigkeit, welche Abhängigkeit zwischen den Beschwerden nach el Laparotomie und den peritonealen Adhaesionen besteht. Die grossen Schwierigkeiten in der Beurteilt* der postoperativen Adhaesionsbeschwerden hat ihren Grund inderhäufigen Differenz zwischen a* tomischem und klinischem Befund. 8) Zbl. f. Chir. 1914 S. 99. 9) Zbl. f. Chir. 1919 Nr. 41, D. Zschr. f. Chir. 163, 5/6. 10) Der abdominale Kaiserschnitt. Zschr. f. Geb. u. Gyn. 83. u) z. B. Riedel: Langenbecks Arch. 1904, 47, S. 154. Aärz 1922. MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT. Erstens können Adhaesionen vorhanden sein, ohne Beschwerden machen. Zweitens können vorhandene Beschwerden als Adhaesions- chwerden aufgefasst werden, ohne dass Adhaesionen vorhanden k Und drittens haben die sogenannten „Adhaesionsbeschwerden“ erlich oft gar nichts mit den vorhandenen und nachweisbaren Ad- sionen zu tun. Welches sind nun aber die Symptome, die mit Recht auf ■ postoperativen Adhaesionen bezogen werden nnen? Ich spreche hier nicht von den d a r m ver¬ wenden Verwachsungen, die ganz getrennt zu be- adeln sin d. Das Wesen der Adhaesionsbeschwerden ist durch die eigentiini- e Sensibilität der Bauchorgane bedingt, die durch die Untersuchun¬ gen Lennander, L. R. Müller, Käppis und anderen ge- t ist. Wir wissen jetzt, dass das Peritoneum viscerale und die chorgane unempfindlich sind, dass durch das Mesenterium jedoch n Zug an den Organen Schmerzempfindungen vermittelt werden, aber von unbestimmtem Charakter und nicht lokalisierbar sind, r schmerzempfindlich ist dagegen das Peritoneum parietale. Es durch die sensiblen Fasern des Sympatikus in der oberen Bauch¬ te unter Vermittlung der Nervi splanchnici an das Rückenmark an- ;hlossen. Auch bei ihnen ist die Lokalisationsfähigkeit der Schmer¬ weit geringer als z. B. bei der Haut. Wenn nun die normalerweise in gewissem Grade beweglichen ane der Bauchhöhle durch Verwachsungen fixiert werden, so kann sich bei den dadurch hervorgerufenen Beschwerden lediglich um ungsschmerzen am Peritoneum parietale oder an der Befestigungs- e der betreffenden Organe handeln. Dementsprechend machen gedehnte, feste, flächenhafte Adhaesionen meistens gar keine oder iger Beschwerden als Stränge, da die flächenhaften Fixationen den anen überhaupt keine Bewegungen erlauben und damit keine Mög- sammenhängen und der Biologie des Nervensystems ganz neu g< staltet; für das Verständnis des pathologischen Geschehens aber \vu den diese neuen Erkenntnisse noch lange nicht genügend verwerte Ich glaube, in so manchem Falle soll das pathologische Moment gai nie in einer primären Erkrankung der Nervenzelle, der Nervenfaser g sucht werden, sondern in einer Störung der innigen Beziehungen d Nervenelemente und der Glia. Ich stelle mir die physiologische Arbeit teilung und dementsprechend auch die physiologische Integration i Nervengewebe so weit fortgeschritten vor, dass die nervösen Elemen im wesentlichen nur noch ihre spezifischen Funktionen auszuüben ve mögen; die vegetativen dürften zum grössten Teil von der Glia übt nornmen worden sein. So dass die Nervenzelle erst im Verein mit d Glia lebensfähig und funktionell vollwertig ist. Nervenzelle und G zusammen bilden sozusagen eine Lebenseinheit, zusammen müssi sie jeden Reiz, jede Schädigung beantworten. Ich glaube, dieselbe Ko zeption hat N i s s 1 vorgeschwebt, als er bei der Darstellung der tyi sehen Zellerkrankungen, seiner schweren und akuten Zellveranderur darauf hinwies, dass zur Charakterisierung der Nervenzellerkrankui eine bestimmte Giiaveränderung gehöre. Zum Begriff der schwer Zellveränderung Nissls gehört einerseits die Verflüssigung c Ganglienzelle, andererseits die amöboide Umwandlung der Glia. LI akute Zellerkrankung Nissls ist eine Schwellung der Ganghenze plus eine bestimmte progressive Veränderung der Glia. Ich glaube nie dass diese Veränderung der Glia als eine lediglich sekundäre Erscheint! im Sinne W e i g e r t s aufzufassen sei. Wir besitzen Anhaltspunl dafür, dass die Glia eine das Nervensystem betreffende Schädigung au direkt beantwortet und nicht nur sekundär, nach vorheriger Schädigu der nervösen Elemente. Nervenelemente und Glia reagieren zusamm auf eine gesetzte Schädigung, d. h., dass erst die Summe der nervös und gliösen Veränderungen der Ausdruck der gesetzten Schädigu1 und der geweblichen Reaktion ist. Eine bestimmte Ganglienzellv änderung mit neurophagischen Erscheinungen an der umgebenden C ist der Ausdruck einer qualitativ oder quantitativ anderen Schädigu als dieselbe Ganglienzellveränderung ohne die neurophagischen scheinungen. Die konsequente Durchführung dieser Anschauung von der fu tionellen Einheitlichkeit des Systems Nervenelement plus Glia wu unsere Auffassung der pathologischen Vorgänge im Nervensyst wahrscheinlich nicht unwesentlich modifizieren. Ich kann hier auf dii Fragen nicht näher eingehen, ich möchte nur erwähnen, dass wa: scheinlich auch unsere Auffassung der entzündlichen Vorgänge ; Nervengewebe einer Ueberprüfung unterzogen werden müsste. M wären imstande, in dem System Nervenzelle plus Glia eine rein regr slve Störung von einer progressiven Veränderung zu unterscheiden ■ müssten uns daher mit dem V i r c h o w sehen Begriff einer parenchx tosen Entzündung auseinandersetzen. Ich kann auf diese Fragen ni eingehen, nicht nur weil die Zeit drängt, sondern auch weil sie n lange nicht spruchreif sind. j Die Schwierigkeiten, mit denen die Anatomie der Geisteskrai heiten auf ihrer jetzigen Entwicklungsstufe zu kämpfen hat, sind zl Teil recht erheblich. Die feinen Gewebsveränderungen, mit denen jj es jetzt zu tun haben, kommen nicht nur als das anatomische Komi psychischer Erkrankungen vor, sie können unter Umstäiden der Ar druck einer schweren körperlichen Schädigung sein, oder auch nur 1‘ Eingriffes, den der Tod bedeutet. Wir sind daher gezwungen, in eint jeden Falle zu sondern, was von dem histopathologischen Gesamtbif in eine Beziehung zur Psychose gebracht werden kann, und was f die erwähnten Schädlichkeiten zurückgeht. j Dazu kommt, dass die Dauer der psychischen Erkrankungen ha* recht lang ist. Die anatomischen Veränderungen wechseln je nach il Entwicklungsstadium der Erkrankung. Wir können daher bei einem demselben Prozess verschiedene Veränderungen antreffen, je nach öl Stadium, in dem der Kranke verstarb.' Es bedarf einer dauernden K trolle an der Hand der Klinik, um den Entwicklungsgang der anato sehen Veränderungen rekonstruieren zu können. 1 Und eine andere Schwierigkeit, die in dem eigentümlichen Verhall der Anatomie der Geisteskrankheiten zur klinischen Psychiatrie begr det ist. Die Problemstellung geht von der klinischen Psychiatrie ö dafür muss aber auch die Klinik einwandfreie, eindeutige Fälle Grundlage der anatomischen Untersuchungen liefern. Das kann * Klinik in vielen Fällen nicht. So kann uns der Kliniker nicht sag ob die Dementia praecox als eine einheitliche Erkrankung oder als f März 1922. MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT. 3Ü3 nkheitsgruppe aufzufassen ist. Ob gewisse Fälle von Katatonie in t Rahmen der Dementia praecox hineingehören oder auch nicht, jnso unpräzis sind die Anschauungen über die Abgrenzung gewisser tinfektiöser Schwächezustände von der Dementia praecox, über die itkatatonie, über gewisse präsenile Erkrankungen. Allerdings hat h die Klinik hier mit sehr verwickelten Verhältnissen zu tun. Das lim ist ja nur ein Teil des Qesamtkörpers, seine Erkrankungen sind fig nicht primär, sondern die Folge der Erkrankung eines anderen ;ans. So sind es namentlich Stoffwechselstörungen, die das Ge- 1 in Mitleidenschaft ziehen, Störungen in der Tätigkeit des endo- len Systems. Manches spricht dafür, dass die eigentliche Ursache ger Geistesstörungen, der Dementia praecox, der genuinen Epilepsie um nicht von der Basedowpsychose, dem Kretinismus, dem hypo- sären Infantilismus zu sprechen — , in der Dysfunktion einer Blut- $e oder des endokrinen Systems zu suchen ist. Die Gehirnverände- g ist hier sekundär, wobei es noch fraglich bleibt, inwieweit auch ogerie Momente anderer Art, wie die besondere Veranlagung des lirns eine Rolle spielen. Die psychische Erkrankung ist häufig die ultante mehrerer Faktoren, deren Anteil im einzelnen nicht leicht zu timmen ist. Eine Klärung kann hier nur durch das Ineinandergreifen ischer und anatomischer Forschung herbeigeführt werden. Trotz dieser prinzipiellen Schwierigkeiten mangelt es auch heute it an Problemen, an deren Lösung die Anatomie mit ihren heutigen teln erfolgreich mitwirken kann. So z. B. auf dem Gebiete der Idio- . Idiotie ist ein klinisch-symptomatologischer, kein nosologischer ;riff. Die Hirnveränderung, die dem klinischen Bilde des Sclnvach- is zugrunde liegt, kann ganz verschieden und das Endresultat gar ver- edener Prozesse sein. Wohl hat man mehrere Formen der Idiotie lusgehoben und eine jede für sich analysiert,, aber eine grosszügige, immenfassende Bearbeitung des Gebietes steht noch aus. A 1 z - im er hatte es vorgehabt, hat auch ein wertvolles Material zu- imengebracht, leider starb er, ohne seine Untersuchungen zu einem chluss gebracht zu haben. Die klinische Psychiatrie verlangt nach ;r systematischen Einteilung der Idiotien, Bumke bezeichnet es eine dringende wissenschaftliche Aufgabe, die grosse Masse der eborenen oder früherworbenen Schwächezustände rtach ätiologischen, comischen und klinischen Prinzipien in verschiedene Krankheiten zu egen. Ich glaube mit Ziehen, dass eine Einteilung nach ätio- schen Prinzipien auf sehr grosse Schwierigkeiten stossen würde, mehr Aussichten bietet eine pathologisch-anatomische Einteilung, sie von Bourneville versucht worden war. Vor allem müssten beiden grossen Gruppen der Idiotie durch Entwicklungsstörung und :h postfötale Krankheitsprozesse reinlich geschieden werden. Inner- der Gruppe der Idiotien durch Entwicklungsstörung hätten wir die¬ sen Formen, die durch „primäre Aplasie“, durch eine „idiogene“ vicklungsstörung verursacht werden, von den anderen zu trennen, denen es sich um eine „sekundäre Aplasie“, eine „peristatische“ Wicklungsstörung handelt. Soviel ich sehe, wird diese zweite ppe auf Kosten der ersteren immer mehr erweitert. So z. B. werden mit einer Porenzephalie vergesellschafteten Mikrogyrien und Hetero- en der grauen Substanz auf eine Störung der Korrelationen, auf einen fall von „Bildungsreizen“ zurückgeführt. Die Unterscheidung zwi¬ rn echter und erworbener Porenzephalie wird aufgegeben, man er- t alle Porenzephalien für fötal erworbene Schädigungen. Die ex- mentellen Arbeiten von Spatz über die besondere Reaktionsweise unreifen Nervengewebes machen es in der Tat wahrscheinlich, dass 1 die sog. echten Porenzephalien das Resultat einer sehr frühen idigung des Gehirnes sind. Die Beantwortung dieser Fragen wäre die Psychiatrie von prinzipieller Bedeutung, da sie uns vielleicht sehr itige Aufschlüsse über die Rolle der Vererbung, wie der Keimschädi- g in der Entstehung der Geisteskrankheiten geben könnte. Auch die durch chronische Intoxikationen bewirkten Dauerzustände en der anatomischen Bearbeitung. Hier kommt in erster Linie der nische Alkoholismus in Betracht. Die Schwierigkeiten liegen hier er relativen- Spärlichkeit des Materials und auch darin, dass die An¬ ten der Kliniker darüber, was als eine im kausalen Sinne alkoholische ;tesstörung anzusehen sei, zum Teil auseinandergehen. So z. B. in der chronische halluzinatorische Schwachsinn der Trinker von ?en Autoren als eine Dementia praecox bei einem Alkoholiker auf- sst wird. Indessen sind diese Schwierigkeiten nicht unüberwind- Ein dankbares Gebiet für die Anatomie ist auch die Gruppe der einer^Erkrankung der Basalganglien einhergehenden Psychosen, von C. und 0. Vogt, Spiel m eye r, Bielschowsky u. a. diesem Gebiete erzielten Ergebnisse ermuntern zu weiteren For¬ mten. Die Erforschung gerade dieser Gruppe, wo eine anscheinend 'tzmässige Verbindung bestimmter neurologischer Symptomenkom- e mit charakteristischen psychischen Krankheitsbildern gefunden 1 — die Erforschung gerade dieser Gruppe kann uns wichtige Auf- usse über den Aufbau des Psychismus geben. Ich kann hier nicht er auf diese Probleme eingehen, sie £ind viel zu komplex, um in ee auch nur flüchtig skizziert werden zu können. Beim Studium dieser Gruppe müssen wir u. a. auch auf die Frage i den inneren Zusammenhängen der einzelnen Hirngebiete stossen. möchte hier nicht auf die Frage der lokalisatorischen Einteilung des irns in ihren Beziehungen zum Psychischen eingehen. Welche An¬ mutigen man auch darüber haben mag, die Forderung einer exakten alisierung der festgestellten1 histopathologischen Veränderungen ist ihaus berechtigt und selbstverständlich. Die Aufgabe wird uns wesentlich erleichtert durch die grossartigen Vorarbeiten von ; c h s i g, Brodmann, Vogt, v. Monakow. Wir werden ver¬ suchen müssen, sowohl die areale wie die laminäre Lokalisation zu berücksichtigen. Allerdings wird man hier zu einer Technik greifen müssen, die zahlreiche Arbeitskräfte und grosse Mittel voraussetzt. M. H.l Ich könnte hier noch manches aufzählen, was die heutige Anatomie der Psychosen mit der heutigen Methodik in Angriff nehmen kann. Doch möchte ich Ihre Geduld und Ihre Zeit nicht über Gebühr in Anspruch nehmen. Um so mehr als ich noch einige Worte über die Entwicklungstendenzen unserer Disziplin sagen möchte. In Anlehnung an die Untersuchungen von W 1 a s s a k und insbesondere von Reich hat es Alzheimer unternommen, die Stoffwechselvorgänge, ganz besonders die Abbauerscheinungen im Nervensystem unter pathologi¬ schen Verhältnissen mit Hilfe mikrochemischer und farbenanalytischer Methoden zu erforschen. Ich brauche kaum daran zu erinnern, wie wich¬ tige Erkenntnisse wir diesen Forschungen verdanken. In einer Reihe von Psychosen, bei denen uns die üblichen Methoden im Stiche ge¬ lassen hatten, gelang es Alzheimer mit Hilfe seiner Technik einen ausgedehnten Zerfall des Nervengewebes nachzuweisen und so den Be¬ weis der organischen Natur der Erkrankung zu führen. So für die akute Katatonie, den genuin-epileptischen Anfall, gewisse Erkrankungen des Rückbildungsalters. Diese Forschungsrichtung gewinnt an Bedeutung, wenn man be¬ denkt. wieviel Gewicht auf einen pathologischen Abbau des Nerven¬ gewebes als Grundlage der Erkrankungen in den letzten Jahren von anderer Seite her gelegt wird. Es ist klar, dass wir mit der mikro¬ chemischen Methodik Vorgänge erforschen, die zum grossen Teil aus¬ gleichbar sind und nicht immer zu einer dauernden morphologischen Ver¬ änderung führen. Dadurch erweitert sich selbstverständlich in un¬ geahnte/ Weise das unsern Untersuchungen zugängliche Gebiet der Gehirnvorgänge und ihrer Abweichungen unter pathologischen Verhält¬ nissen. Hier liegt auch die Möglichkeit, einiges über den Mechanismus zu erfahren, durch den das endokrine System in das Gehirnleben ein¬ greift. So wäre es möglich, dass wir mit Hilfe der mikrochemischen Methodik Einblick gewinnen könnten auch in dasjenige Gebiet der Psychosen, das man als das organisch-funktionelle bezeichnet hat. M. H.l Es ist das gewöhnliche Schicksal einer jeden Entwicklung: je tiefer man in das Wesen einer Wissenschaft eindringt, je mehr das Verständnis für die Zusammenhänge wächst, um so komplizierter wer¬ den die Probleme, um so mehr wächst ihre Zahl. Um die Probleme der modernen Psychiatrie erfolgreich in Angriff nehmen zu können, bedarf es einer zielbewussten Zusammenarbeit des Klinikers, des Anatomen und des Chemikers, einer Zusammenarbeit, wie sie K r a e p e 1 i n bei der Konzeption einer Forschungsanstalt für Psychiatrie vorgeschwebt hat. In dieser Zusammenarbeit für das gemeinsame Ziel, die Erfor¬ schung des geisteskranken Menschen, ist die Anatomie ebenso unent¬ behrlich, wie die Psychopathologie. Aus der Chirurg. Universitätsklinik (Augustahospital) in Köln. Oesophagusplastik, Methodik und Erfolge*). Von Prof. Dr Paul Frangenheim. Gutartige Verengerungen des Oesophagus, die jeder Sondenbehand¬ lung trotzen oder zu Rezidiven neigen, erfordern die Schaffung eines neuen Speiseweges. Ehe wir einen Kranken zu einem lebenslänglichen Magenfistelleben verdammen, soll der künstliche Ersatz der unwegsam gewordenen Speiseröhre versucht werden. Vielleicht ist die Zeit nicht fern, wo mit fortschreitender Technik der einzelne auf Grund persön¬ licher Erfahrungen die Oesophagusplastik der Sondenbehandlung mit ihren vielen Gefahren und ihren Unbequemlichkeiten für den Kranken vorzieht. Nachdem der Dünndarm, der Dickdarm, der Magen ganz oder zum Teil, ferner die Brusthaut in Form eines antethorakalen Hautschlauches allein oder in Verbindung mit Dünndarm, Dickdarm oder Magen zum Ersatz der Speiseröhre verwendet wurden, sind die Möglichkeiten der Oesophagusplastik erschöpft. Die klinische Beobachtung, die Erfolge werden ergeben, ob das eine oder andere Verfahren als die Methode der Wahl zu bezeichnen ist oder ob alle gleich gute Resultate er¬ geben. Ax hausen sieht in der Vereinigung von Dünndarm mit einem antethorakalen Hautschlauch die Methode der Wahl. Die meisten Kranken wurden bisher auf diese Weise operiert. Wir verfügen in der Literatur schon jetzt über eine grössere Anzahl von Dauerresultaten und sind somit imstande, Endgültiges über dieses Verfahren zu berichten. Das Verfahren eignet sich für jugendliche und ältere Kranke und wird dann angewandt werden, wenn es nicht gelingt, eine ausgeschaltete Jejunalschlinge nach dem ursprünglichen Vorschläge von Roux bis zum Jugulum emporzuführen. Besteht diese Möglich¬ keit ■*— und bei Kindern gelingt es anscheinend nach unseren Er¬ fahrungen- und denen anderer fast stets, die Dünndarmschlinge bis zum Halse heraufzuführen — , so ist diese Roux sehe Methode unter allen Umständen einfacher und aus diesem Grunde der Verwendung von Dünndarm mit einem Hautschlauch (Lex er, Wu listein) vor¬ zuziehen. Die Kürze des Mesenteriums und die mit zunehmendem Alter stets ungünstigere Gefässversorgung setzen dem Roux sehen Verfahren bestimmte Grenzen. Bei zu kurzem Mesenterium wird die ausgeschaltete Schlinge nur soweit heraufgeleitet, als die anatomischen *) Vorgetragen in der Sitzung der Med.-Wissenschaftl. Gesellschaft an der Universität Köln am 13. Januar 1922. MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT. Verhältnisse es gestatten. Die Beobachtung bei der Operation zeigt | auch, ob die Gefässversorgung eine ausreichende ist; wenn sie un- j genügend ist, kann die Dünndarmschlinge manchmal nur bis zum Schwertiortsatz, bestenfalls bis in die Höhe der Brustwarzen ausgeleitet werden. Die Kürze des Mesenteriums des Dünndarmes führte zur Ver wendung des Dickdarmes (K ellin g, Vulliet) an Stelle des Jejunums. Aber auch am Dickdarm (Colon transversum) gibt es anatomische Verhältnisse, die die Verwendung dieses Darmabschnittes zur Oesophagusplastik unmöglich machen: zu kurzes Mesenterium, ungenügende Beweglichkeit der beiden Flexuren, und hierdurch Schwie¬ rigkeiten bei der Enteroanastomose nach Ausschaltung des Colon trans- versum. , D . . Gegen die Verwendung des Dickdarmes sprechen nach B 1 a u e l die grössere Infektionsgefahr und ein physiologischer Grund, nämlich die Verbindung eines stark säurebildenden Teiles des Verdauungs- traktus mit einem Teile, der nur ein schwach alkalisches Sekret in massiger Menge liefert. Dadurch könnte die notwendige _ Neutrali¬ sierung des Magensaftes vielleicht eine unvollkommene sein, sobald dieser in dem ausgeschalteten Dickdarm aufwärts steigt. Damit soll auch bei der Verwendung eines Hautschlauches der notwendige Schutz für diesen fortfallen, ln der Literatur sind Nachteile über die Verwen¬ dung des Dickdarmes nicht bekannt geworden. Sowohl die Verwendung des Dünndarmes wie die des Dickdarmes mit der meist in einer Sitzung auszuführenden Enteroanastomose, der Magendarmvereinigung, und der Ausleitung der ausgeschalteten Dünn¬ darmschlinge nach der Tunnelierung der Brusthaut bedeuten für die elen¬ den Kranken stets einen sehr grossen Eingriff. Durch die Verteilung der genannten Operationen auf mehrere Sitzungen hoffte man die in der Regel zuerst auszuführende Darmausschaltung und -ausleitung weniger eingreifend zu gestalten Die Verwendung des Magens zum Ersatz des Oesophagus brachte die gewünschte Vereinfachung des Ver¬ fahrens, sofern ein Teil der Vorderwand des Magens (Hirsch) oder die grosse Kurvatur (Jianu) zur Schlauchbildung benutzt wurden. Die Zahl der auf diese Weise operierten Kranken ist noch gering. Gewisse Schwierigkeiten wird die Verwendung eines Teiles des Magens immer bereiten, da der Magen bei länger bestehenden Verengerungen der Speiseröhre oft hochgradig geschrumpft ist. Die von K i r s c h n e r empfohlene und bisher von ihm einmal mit bestem Erfolge ausgeführte Verwendung des ganzen Magens zur Oesophagusplastik ist jedenfalls den Teilplastiken vorzuziehen, besonders wenn es, wie in dem K i r s c h n e r sehen Falle, gelingt, den unter die Brusthaut ver¬ lagerten Magen direkt mit dem1 am Halse quer durchtrennten Oeso¬ phagus zu vereinigen. Wenn der Heilverlauf bei allen auf diese Weise operierten Kranken stets ein so günstiger ist, wie in dem Kirschner- schen Falle, so wäre die Verwendung des ganzen Magens zum Ersatz der unwegsam gewordenen Speiseröhre allen anderen Operations¬ methoden vorzuziehen. Wenn der Eingriff an sich auch ein sehr grosser ist, so bietet doch die Beendigung der ganzen Plastik in einer Sitzung ausserordentlche Vorteile. Die von Esser empfohlene Bildung eines Haut¬ schlauches aus Thierschschen Läppchen und die direkte Vereinigung dieses Hautschlauches mit einer Gastrostomie vermeidet die Eröffnung der Bauchhöhle und ist dadurch allen anderen Verfahren überlegen. Eine Nachprüfung des Verfahrens steht noch aus. Fast alle bisher bekannt gegebenen Plastiken erforderten eine grössere Anzahl operativer Eingriffe und erstreckten sich über viele Monate, selbst Jahre. Neuere Veröffentlichungen lassen aber erkennen, dass die Zahl der Einzeleingriffe immer geringer wird und die Fertig¬ stellung der Oesophagusplastik dementsprechend kürzere Zeit be¬ ansprucht. Die Mitteilung jedes Einzelfalles und aller Misserfolge sind insofern von Wichtigkeit, als die Schwierigkeiten, die sich bei jedem Falle darboten, begangene Fehler u. dgl. allgemein bekannt wurden^ und so konnte ein jeder vom anderen lernen und jene Fehler vermeiden, die zu besonderen Komplikationen geführt hatten. Im vergangenen Jahre ist es mir gelungen, eine Oesophagusplastik nach Roux in 3 Sitzungen ohne Zwischenoperationen zu Ende zu führen. Die Plastik erforderte 8 Wochen. Wenn auch von dem letzten Eingriff bis zu dem Augenblick, wo der Kranke ein Glas Wasser trinken konnte, noch 10 Tage vergingen, so war doch schon vorher fest¬ zustellen, dass der neue Speiseweg unmittelbar nach der letzten Opera¬ tion benutzt wurde, denn der verschluckte Speichel gelangte nicht nach aussen. Den guten Erfolg der Plastik verdanken wir dem jugendlichen Alter des Kranken, nicht minder der Berücksichtigung alles dessen, was in der Literatur über die Oesophagusplastik niedergelegt ist, wobei uns eigene Erfahrungen zugute kamen. Wir lassen einige Daten über die Plastik folgen; Der 6 jähr. Knabe trank vor 1 Yi Jahren Sodalösung; ein halbes Jahr später Schluckbeschwerden, die durch Bougierung gebessert wurden. Das Kind konnte dann mit flüssiger und breiiger Kost ernährt werden. 14 Tage vor der Aufnahme trat eine Verschlechterung ein. Der Kranke konnte auch diese Nahrung nicht mehr schlucken, sondern erbrach alles. Der Kranke wiegt nur 12X> kg. Bei der Durchleuchtung zeigt sich nach Verschlucken einer kleinen Menge Wismut eine Stenose in der Höhe des Abgangs des linken Bronchus. Eine Sondierung gelingt nicht. Zunächst Anlegung einer Magenfistel durch den linken Rektus nahe der Kardia. Da nach einiger Zeit die Sondierung noch nicht möglich ist, erhält der Kranke des öfteren eine kleine Stahlkugel, armiert mit einem Seiden¬ faden zum Schlucken; diese wurde stets erbrochen. Eine Sondierung ohne Ende ist also nicht ausführbar. Allmähliche Gewichtszunahme auf 15 14 kg. Oesophagusplastik nach Roux. 14. 111. 1921. Ausleitung einer Dünndarmschlinge. Die Kontinuität des Darmes wird durch eine Scitenanustomose wieder helgestellt. Die ausgi leitete Schlinge wird seitlich mit dem Magen vereinigt und unterhalb diesi Vereinigungsstelle mit einem Seidenfuden abgeschnürt. Die Schlinge wir unter die Brusthaut verlagert. Sie reicht bis zum Jugulum. 14. IV. 1921t Quere Durchtrennung des Oesophagus am Halse, d; aborale Ende wird übernäht und versenkt, das orale zirkulär mit der Hai vernäht. c . 9. V. 1921. Vereinigung des Oesophagus mit dem oberen Ende dij ausgeleiteten Dünndarmschlinge durch einen der linken Halsseite entnommen! tü'rflügelartigen Hautlappen. , . , Am 20. V. 1921 trank der Knabe zum erstenmale Flüssigkeit und a 19. VI. 1921 wurde er geheilt mit gut funktionierendem künstlichem Oesi'j phagus entlassen. . 13. I. 1922. Die Magenfistel ist geschlossen. Der neue Speiscwi ■ funktioniert ausgezeichnet. Die unter der Brusthaut verlagerte DarmschlinJ zeigt lebhafte Peristaltik (s. Abb.). Abweichend von dem Roux sehen Vorschlag wurde die aul geleitete Darmschlinge retrokolisch ausgeleitet, aber so, dass gleichsaji nur eine unilaterale Aus¬ schaltung gemacht wurde, die Vereinigung der Darm¬ schlinge mit dem Magen er¬ folgte durch eine Seitenana- stomose und unterhalb die¬ ser Anastomose wurde die ausgeschaltete Jejunal¬ schlinge nur abgebunden, nicht durchtrennt. Das be¬ deutet eine geringe Abkür¬ zung des Verfahrens. Die quere Durchtrennung des Oesophagus am Halse, die bei vollkommen unweg¬ samer Speiseröhre bedenk¬ liche Folgen haben kann — Sekretansammlung, Zerset¬ zung, Dilatation — . ist ohne nachteilige Folgen für, den Patienten gewesen. Die Bildung des Oesophagus- mundes am Halse gestaltet sich bei querer Durchtren¬ nung entschieden einfacher, als wenn der Oesophagus nur quer halb axial eröffnet wird. Alle Versuche des Oesophagusersatzes bei gleichzeitig yorhandeneö Oesophaguskarzinom sind bisher fehlgeschlagen, das wird sich n ändern, wenn die Plastik erst nach radikaler Beseitigung des Karzinor; gemacht wird, ein kühner Wunsch, dessen Erfüllung wir noch harrej Bei gutartiger Verengerung des Oesophagus ist der plastische Ersa der Speiseröhre des öfteren mit Erfolg ausgeführt worden, der nunmci auch als Dauererfolg zu bezeichnen ist, da wir Patienten kennen, ci seit 12 Jahren ihren neuen Oesophagus ohne nennenswerte Beschwerd benutzen. Die Patientin L e x e r s. die erste 1910 fertiggestellte Plast klagt zuweilen über lästiges Jucken im Hautschlauch. Dass über dej artige Beschwerden nicht häufiger geklagt wird, ist uns begreitlkj seitdem wir durch die anatomischen Untersuchungen Paul Mülle wissen, dass die Epidermis des Hautschlauches auch nach jahrelang Benetzung mit Speichel, Speisebrei, Magensaft, keine krankhaften V<| änderungen erkennen lässt. Die Lanugohaare des zur Bildung dt Hautschlauches verwendeten Hautlappens waren an der Oberfläcj nicht einmal zu sehen, geschweige denn in störender Weise ai gewachsen. Anderseits ist aber auch die mehrfach geäusserte V<1 mutung nicht zutreffend, dass ein zu langer Darmschlauch funktiom von Nachteil sein kann (Blauei). Die von Stieda als 17jähri) operierte Patientin bekam 27 jährig starke Beschwerden durch das lf ihr auftretende Schwangerschaftserbrechen. In der Literatur sind bisher 28 erfolgreich durch geführ» Oesophagusplastiken bekannt gegeben worden. Die vj schiedenen Methoden sind an diesen Erfolgen wie folgt beteiligt: M thode Bircher L Roux 3, Wullstein-Lexer 16, Kellinl Vulliet 3, Jianu 1. K i r s c h n e r 1, Esser 1. bei 2 erfolgreich. Plastiken ist die Operationsmethode nicht bekanntgegeben. Der Schluckmechanismus bei der Oesophagu- Plastik ist des öfteren genau studiert worden (Schreiber u. 4 Sobald die Speisen den Halsteil des Oesophagus verlassen haben, fall» sie in kurzer Zeit in den Magen hinunter. Nur Nicolaysen erwähl dass bei seiner Patientin flüssige Nahrung rasch herabglitt, währe! feste Speisen sich zuerst im mittleren Teile des Hautrohres ansammclb und mit ein paar Mund voll Wasser herabgespült werden mussten od durch Druck mit der Hand über dem oberen Teil des Sternums her¬ gepresst wurden. Im allgemeinen kann man sagen, dass die Speist um so rascher in .den Magen gelangen, je länger das zur Plastik v- wendete Hautrohr ist. Bornhaupt, der einen Patienten nach R o i . den anderen nach Wullstein-Lexer operiert hatte, fand, dri der Mechanismus des Schluckens bei beiden Patienten ein ganz v- schiedener war. Im ersten Falle sah man nach jedem Schluckakt, V die Speisen mit einem Ruck mit mässiger Geschwindigkeit das aus <ä Brustwand gebildete Rohr passierten, dann erst setzte eine langsa - Peristaltik in der subkutan gelegenen Dünndarmschlinge ein. lärz 1922. MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT. 305 :iten Falle sah man nach jedem Schluckakt den subkutan gelagerten in sich peristaltisch aufblähen und gewann den Eindruck, dass die ise im Darmrohr nicht mit derselben Geschwindigkeit weiter- irdert wird wie im ersten Falle durch das Hautrohr. Bornhaupt :hte deshalb behaupten, dass die aus der Brusthaut gebildete Speise- e den physiologischen Verhältnissen mehr entspricht als die lang¬ te Beförderung der Speise durch die Darmperistaltik. Bei unserem ienten ist während der Nahrungsaufnahme dauernd eine lebhafte istaltik zu sehen, die auch durch einfaches Berühren der subkutan lagerten Darmschlinge ausgelöst werden kann (s. Abbild.). Der ient schluckt aber jede Nahrung mühelos. Bornhaupt hat behauptet, dass die Oesophagusplastik nur bei achsenen und bei Kindern über 10 Jahren angezeigt ist, während Kindern unter 10 Jahren die Plastik nicht versucht werden seil, 1 Kinder Eingriffe in der Bauchhöhle schlecht vertragen. Die schenzeit hat gelehrt, dass auch bei Kindern die Oesophagusplastik Erfolg gemacht werden kann. Hinz hat ein 2% Jahre altes Kind riert, Sundblad ein 3 jähriges, Verfasser einen 6jährigen Knaben, benhofer, Axhausen 8jährige. Mehrere 10- und 13jährige sind Erfolg operiert worden (Axhausen, B 1 a u e 1, R e h n, Mad- i e r, R o u x), von denen nach vollendeter Plastik einige an Zu- ;krankheiten starben (Status thymico-lymphat., Diphtherie, Pneu- rie). Die meisten Operierten gehören dem 2. und 3. Dezennium an. sind aber der Ansicht, dass die Operation in jedem Lebensalter lacht werden kann, wenn durch vorherige Anlegung einer Magen- pl der Ernährungs- und Kräftezustand der meistens unterernährten ienten ein derartiger ist, dass sie dem Eingriff gewachsen sind. Gross ist das Anwendungsgebiet der Oesophagoplastik nicht, so |:e es nicht gelingt, das Oesophaguskarzinom mit in ihren Bereich riehen. Die von Roux empfohlene prophylaktische Frühsondierung Oesophagus nach Verätzungen ist in ihrem Dauererfolg noch nicht ibersehen. Von einer gelungenen Sondenbehandlung muss man ver- ;en, dass der Behandelte so viel schlucken kann, dass er normal ihrt und arbeitsfähig ist. Aber bei lange fortgesetzter Sondierung ht sich in der Regel eine hochgradige Unterernährung bemerkbar, er Patient konnte nach längerer Sondenbehandlung nur flüssige breiige Speisen schlucken. Ausserdem bekam er ein Rezidiv, das r Sondenbehandlung trotzte. Bei einem derartigen Kranken ist der Schluss zur Oesophagoplastik leicht gefasst, zumal wenn die an- andte Mühe so reichlich belohnt wird, wie bei allen bisher ngenen Plastiken. Literatur. Budde: Zur Frage des plastischen Ersatzes schleimhautbekleideter re. II. Oesophagus. D. Zschr. f. Chir. 161. — Fon io: Ein Fall von thorakaler Oesophagoplastik. Schweiz, m. Wschr. 1921 Nr. 38 Lit. — ingenheirn: Oesophagoplastik. Ergehn, d. Chir. u. Orth. 5. Lit. Hartung: Zur Bildung des Hautschlauches bei der antethorakalen iphagusplastik. Med. Kl. 1919 Nr. 26. — Hinz: Zur präthorakalen iphagoplastik. D.m.W. 1921 Nr. 37. — Madien er: Ueber den Ersatz Speiseröhre durch antethorakale Schlauchbildung. D. Zschr. f. Chir. 155. — Iler Paul: Anatomische Untersuchungen des Speiseweges nach totaler Dphagusplastik. Beitr. z. klin. Chir. 118. — Ranzi: Ueber totale iphagoplastik. W.kl.W. 1919 Nr. 10. — Roux: Oesophago — jejuno — rostomose et retrecissements cicatriciels de l’oesophage. Grece med. Ig. Vr. 7, 1920. — Sundblad: Ueber anthethorakale Oesophagoplastik. i chir. scandinav. 1921, 53, H. 6. ts der medizinischen Universitätsklinik Königsberg i. Pr. (Direktor: Geh.-Rat Prof. Matth es.) Röntgenbestrahlung bei Asthma bronchiale. Von Felix Klewitz. Hinweise auf die günstige Beeinflussung des Asthma bronchiale :h Röntgenstrahlen finden sich bereits in der älteren Literatur1); r die Methode hat nicht die Verbreitung gefunden, die sie ver- it. Zum Teil liegt dies wohl daran, dass die Methodik der Bestrah- r wenig exakt ausgearbeitet war, wodurch mancher Misserfolg zu ären sein dürfte. Wir selbst haben seit mehreren Jahren alle imatiker systematisch mit Tiefenbestrahlung behandelt und in Kürze -its andernorts2) über unser Vorgehen berichtet. Schon damals 5 sich sagen, dass in vielen Fällen von Asthma bronchiale sehr i Erfolge erzielt wundert, wir waren aber nicht in der Lage, etwas eres über die Dauer des Erfolges zu sagen. Auch haben wir :re Erfahrungen inzwischen an reichlichem Material erweitert, so ä vir nunmehr ein abschliessendes Urteil über die therapeutischen •Ige fällen können. Unser Vorgehen weicht von dem früher angegebenen nur wenig ab; war es nötig, für das inzwischen aufgestellte moderne Instrumentarium zweckmässige Einzeldosis neu festzustellen. Diese Feststellung der eldosis geschah natürlich, wie schon früher betont, auf empirischem :e; unsere Erfolge beweisen, dass sie richtig gewählt ist. Bei erheb- :n Abweichungen nach oben und unten sahen wir Misserfolge, mit- r auch unangenehme Nebenerscheinungen. Ueber unser Instrumentarium sei folgendes gesagt: Symmetrieapparat; eröhren bzw. S.H.S. -Röhren, Belastung 2 M.A. (Wintz-Automat). Span¬ tshärtemesser: 108 — 112; Fokushautdistanz: 23 mm; Feldgrösse: 10: 15 cm. ') Literatur bei Wett er er: Hb. d. Röntgenther. ') Strahlentherapie 1921, 12. Prozentuale Tiefendosis: 18 — 20 Proz. der H.E.D. hinter 10 cm Wasser. Filter: 0,5mm Zink; H.E.D. (hinter Zink): 45 Min. Im einzelnen gehen wir so vor, dass im ganzen sieben Felder von je 10: 15 cm Grösse bestrahlt werden, und zwar vier vom Rucken, drei von der Brust aus 3). Die Dosis pro Feld beträgt Vs H.E.D., die Dauer der Be¬ strahlung pro Feld bei unserem Instrumentarium also 15 Minuten (unter Zinkfilter, das ausschliesslich verwandt wird). Wir bestrahlten im allge¬ meinen 1 — 2 Felder pro Tag, wobei wir uns in erster Linie nach dem Be¬ finden des Kranken richten; mehr oder weniger starker Röntgenkater ist nicht ganz selten. In spätestens sieben Tagen ist also die Bestrahlung beendet; sie kann übrigens ohne Bedenken ambulant durchgeführt werden. Damit ist die Kur aber nicht beendet; wir dringen darauf, dass in jedem Falle eine nochmalige Durchbestrahlung erfolgt und zwar spätestens nach Ablauf von vier Wochen. Diese erneute Bestrahlung soll auch dann statt¬ haben, wenn schon die erste vollen Erfolg gehabt hat. Die Erfahrungen an unserem immerhin reichlichen Material rechtfertigen diese Massnahme, deren Durchführung leider nicht selten an der Unvernunft der Patienten oder äusseren Umständen scheitert. Eine dritte Durchbestrahlung ist nur dann nötig, wenn bei erfolgreich bestrahlten Fällen nach einiger Zeit wieder Anfälle auftreten. In letzter Zeit sind wir dazu übergegangen, unmittelbar im Anschluss an die erste Bestrahlungsserie eine zweite anzuschliessen. Dieses Vorgehen scheint besonders wirksam und der Erfolg nachhaltiger. Wir möchten aber davor warnen, etwa aus Zeitersparnis anstatt der zwei Serien nur eine mit doppelter Einzeldosis (2/a H.E.D.) zu geben; grössere Dosen werden nach unserer Erfahrung oft schlecht vertragen und halten die Patienten von Wiederholung der Bestrahlungen ab. Der Erfolg zeigt sich mitunter bald, bisweilen schon vor Beendi¬ gung der ersten Bestrahlungsserie : die Anfälle verschwinden, die ka¬ tarrhalischen Erscheinungen nehmen ab. In anderen Fällen stellt sich der Erfolg erst nach der ersten, selten erst nach der zweiten Durch¬ bestrahlung ein. Mitunter wird nur eine Besserung des Zustandes er¬ reicht. derart, dass die Anfälle seltener und weniger heftig auftreten; auch in diesen Fällen ist der Erfolg immerhin offensichtlich. Nur in der Minderzahl der Fälle wird gar kein Erfolg erzielt. Folgende kurze Zusammenstellung wird das Gesagte näher erläu¬ tern; sie betrifft insgesamt 24 Fälle; die Zahl unserer Beobachtungen ist nicht unerheblich grösser, doch haben wir ausschliesslich Fälle be¬ rücksichtigt von denen wir auf brieflichem oder mündlichem Wege Nachricht über ihr Befinden erhalten konnten. Wir haben der besseren Uebersicht halber den erzielten Erfolg verschieden bewertet und zwar bedeuten drei +++. dass Anfälle bisher überhaupt nicht mehr auf¬ getreten sind, zwei ++, dass während der ersten Monate gleichfalls die Anfälle ausblieben, später sich selten und in milderer, den Kranken wenig belästigender Form einstellten; mit einem + ist ein Erfolg ge¬ bucht, derart, dass die Kranken zwar für einige Wochen ganz anfalls¬ frei waren, dann aber sich wieder Anfälle einstellten, wenn auch sel¬ tener und weniger heftig; ein — bedeutet, dass eine Besserung nicht erzielt wurde; diese verschiedene Bewertung der Erfolge hat natur- gemäss etwas Subjektives; da ihr aber ausschliesslich meist schriftliche Angaben der Patienten zu Grunde gelegt sind, ist die Objektivität wohl (hinreichend gewährleistet. Tabelle. Wie oft Wie oft Fall Erfolg durch- Fall Erfolg durch- bestrahlt? bestrahlt? 1. We. w 2 mal 13. Rom. ++ 3 mal 2. Eu. 2 „ 14. Schi. +++ 1 » 3. Ostr. 4. Ti. ++ 4 — h 1 ,, 1 .. 15. Ma. 16. Krü. n 3 „ 2 „ 5. Ku. +++ 2 ,, 17. Schu. ++ 2 ,, 6. Hi. # 3 ,, 18. Ku. — 3 ,, 7. Ma. 1 ,, 19. Ba. — 2 „ 8. Su. 2 ,, 20. La. — 1 9. Ou. H — 1 — h 1 » 21. Ro. — 1 >. 10. Zi. + 1 22. Ko. — 1 » 11. Sehe. + 2 „ 23. Ha. — 1 12. Scha. + 1 .. 24. Kau. — Man ersieht aus der Zusammenstellung, dass bei 17 der 24 be¬ strahlten Kranken ein Erfolg erzielt wurde; und zwar war er fünfmal derart, dass er einer Heilung gleichkam. Neunmal führte er zu vorüber¬ gehender Heilung und späterer nachhaltiger Besserung; zweimal trat nur Besserung ein. Es verdient hervorgehoben zu werden, dass bei keinem der 17 mit Erfolg bestrahlten Fälle die subkutane Anwendung von Nebennierenextrakt bisher mehr nötig war; dabei hatten einige dauerndem Adrenalin-abusus gehuldigt. Bei sieben Fällen wurde kein Erfolg erzielt; bemerkenswerter Weise war bei fünf dieser sieben er¬ folglos bestrahlten Fälle nur eine einmalige Durchbestrahlung vorge¬ nommen worden. Allerdings brachte mitunter auch bei den erfolgreich behandelten Fällen eine einmalige Serienbestrahlung unter Umständen sogar vollen Erfolg; aber das hält uns nicht ab, auf eine Wieder¬ holung der Bestrahlung in jedem Falle zu dringen. Ueber die Wirkungsweise der Strahlen vermögen wir nichts Siche¬ res zu sagen; nur glauben wir mit Sicherheit eine rein psychische Wirkung ausschliessen zu können. Es ist möglich, dass, wie Schil¬ ling4) annimmt, die Schleim sezernierenden Zellen der Bronchialwan¬ dungen von den Strahlen beeinflusst werden. Es wäre aber auch denk¬ bar, dass auf das autonome Nervensystem eine Wirkung ausgeübt wird. Das Blutbild wurde mehrmals kontrolliert; die eosinophilen Zellen wurden nach Abschluss der Bestrahlungsserie selten in gleicher Zahl, 3) Vorn links wird nur 1 Feld bestrahlt, so dass die Herzgegend frei bleibt. 4) D.m.W. 1909, 42. 3Ü6 MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT. Nr. häufiger reichlicher als vor. Beginn der Bestrahlung gefunden: eine Ver¬ minderung fanden wir nie5 6). . Wir pflegen während und noch längere Zeit nach Abschluss der Bestrahlung Jod zu geben, etwa l(- — 2) g pro Tag [meist in Form von Jodammonium 8)] und haben den Eindruck, dass es gerade bei gleich¬ zeitiger Strahlentherapie günstig wirkt. Gewöhnlich verordnen wir gleichzeitig Belladonna ev. mit Papaverin7) und Kalk (Calcium chlor.;, letzterer soll monatelang genommen werden. Die Anwendung von Nebennierenextrakten wird bei erfolgreich behandelten Fällen bald gänzlich überflüssig. Aus der Universitäts-Kinderklinik Erlangen. (Direktor: Prof. Dr. Jamin.) Ueber Jodprophylaxe bei Grippe. Von Privatdozent Dr. Ernst Stettner. Im Jahre 1920 wurde über den Verlauf der Grippeepidemie in der Erlanger Universitäts-Kinderklinik des Jahres 1918 berichtet und dabei neben anderem festgestellt, dass innerhalb 11 Tagen sämtliche in der Klinik untergebrachten Kinder und1 das gesamte Personal, soweit es nicht jenseits des 40. Lebensjahres stand, von der Infektion ergriffen wurde. Bemerkenswert erschien dabei, dass sich innerhalb der kurzen Zeitspanne von 11 Tagen die Infektionskraft des Grippevirus im Hause erschöpfte, denn später aufgenommene grippefreie Kinder erkrankten nicht mehr an Grippe. Im Dezember 1921 ging wiederum eine ähnliche Grippewelle über unsere Stadt und in einigen Kliniken wiederholte sich das gleiche Ereignis wie 1918, indem neben den dort unter¬ gebrachten Kranken fast das ganze Personal für Pflege und Haus inner¬ halb weniger Tage an Grippe erkrankte. In unserer Klinik verlief diesmal die Epidemie anders. Es ist möglich, dass dies auf eine pro¬ phylaktische Massnahme zurückzuführen ist, die wir in Form der Ver¬ abreichung einer kleinen Jodgabe durchführten. Finck wies 1920 darauf hin, dass mit Hilfe von Jod der Ausbruch eines beginnenden Schnupfens verhindert oder der Verlauf wenigstens günstig beeinflusst werden kann. Er empfahl eine Jodjodkalilösung. Unterdessen sind Arbeiten von J. P losch und Salomon und von Cheinisse, Aubyn, Farrer und D u f o u r erschienen, in welchen das Jod, meist in Form von Jodtinktur, zur Vorbeuge und Behandlung von Infektionskrankheiten, meist Grippe, empfohlen wird. _ Wir prüf¬ ten nun bei der diesjährigen Grippeepidemie die Wirksamkeit der Jod¬ prophylaxe und gaben vom 8. XII. an jeden in der Klinik Anwesenden und jedem grippefreien Zugang je 1 Tablette Dijodyl-Riedel, Säuglingen y2 Tablette und glauben damit gute Erfahrungen gemacht zu haben. Unsere diesmalige Hausinfektion verlief in der Zeit vom 6. bis 17. XII., also wieder innerhalb 11 Tagen. In dieser Zeit waren in der Klinik 46 Kinder untergebracht und 21 Erwachsene (Aerztc. Schwestern, Hausangestellte) beschäftigt. Von den 46 Kindern waren 14 als grippe¬ krank eingeliefert und1 8 wegen Scharlach isoliert. Es verbleiben somit 24 grippefreie Kinder und 21 Erwacbc''ne. die der Infektionsgefahr un¬ mittelbar ausgesetzt waren. Ein Blick auf untenstehende Tabelle lässt den Verlauf der Hausinfektion vor und nach der Jodprophylaxe ohne weiteres erkennen. Säuglinge Kinder Erwachsene der Infektion ausgesetzt ' 9 15 21 ohne Jodprophylaxe waren 4 10 5 davon erkrankt 2 7 4 unter Jodprophylaxe standen 5 5 16 davon erkrankt 4 0 0 Aus der Tabelle scheint hervorzugehen, dass mit Hilfe von Jod jenseits des Säuglingsalters ein vollkommener Schutz gegen Grippe erreicht werden kann1. Das ist natürlich kaum der Fall. Für eine solche Annahme sind die mitgeteilten Zahlen viel zu klein. Trotz ihrer Klein¬ heit sprechen sie für eine günstige Umgestaltung der Verhältnisse. Keine Schutzwirkung sahen wir bei den Säuglingen, hier konnte lediglich eine Verzögerung des Krankheitsbeginnes um 3 — 4 Tage be¬ obachtet werden. Von besonderer Wichtigkeit scheint uns der Umstand, dass dies¬ mal die Pflegerinnen nahezu völlig grippefrei geblieben sind. Damit wurde die Verbreitung der Krankheit im Hause am stärksten gehemmt und es gelang diesmal, die wegen Scharlach isolierten Kinder, auch ohne Jodprophylaxe, grippefrei zu halten. Ueber die Behandlung der Grippe mit Jod sind wir noch zu keinem abschliessenden Urteil gekommen. Wir können einstweilen lediglich vermerken, dass bei Behandlung mit dem jodhaltigen Yatrenkasein keine schwereren Lungenkomplikationen mit Todesfolge im Bereiche unseres kleinen Materials aufgetreten sind. Die Wirkungsweise des Jods im Organismus unter dem Gesichts¬ winkel der Steigerung der Abwehrkräfte theoretisch zu erörtern, hat solange keinen Zweck, bis nicht die vermutete prophylaktische Wirkung an einem umfangreichen Material erhärtet ist. Im Hinblick auf die Un¬ gefährlichkeit, Einfachheit und Billigkeit des Verfahrens empfehlen wir 5) Die Zählungen wurden von Frau L a a s e r vorgenommen, die in ihrer Doktordissertation ausführlich über die hier nur auszugsweise wiederge¬ gebenen Erfahrungen berichten wird. 6) Jodammon. 5,0. Liqu. ammon. anis. 1 ( — 3), Tinct. Op. benz. 3,0, Succ. Liquir. 10,0, Aqu. dest. ad 200, 3 — 4 mal tägl. 1 Essl. 7) Etwa Extr. Bellad. 0,3, Papaver. 1,0 für 30 Pillen, 3 mal täglich 1 Stück. einstweilen für weitere Versuche alle 8 — 10 Tage je 1 Tablette eir Präparates mit bekanntem Jodgehalt zu nehmen. Literatur. 1 Jamin und Stettner: Ueber Grippe und Krankheitsbereitscl mit besonderer Berücksichtigung der Altersdisposition bei Kindern. Jb Kindhlk. 1920, 91, S. 1—20. — 2. J. F i n c k: 3. E. M e r c k s Jahresberichte, 33. — 34. M.m.W. 1920, Nr. 15. S. Jahrg., 1919—1920, S. 158— 426. ■159. Aus der wissenschaftlichen Abteilung des Sächsischen Seru Werkes Dresden. Haut- und Tuberkuloseimmunität*). (Zugleich ein Beitrag zur Frage der aktiven Tuberkulös« Immunisierung.) Von Dr. W. Böhme, Abteilungsvorstand. M. s. g. H.! Die meisten Erfahrungen, die Sie und andere h her mit der P o n n d o r f sehen Hautimpfung sammelten, liefen aui . Koch sehe Alttuberkulin hinaus. Mit ihm baute Ponndori zunäc in fast 12 jährigen Versuchen seine Methodik aus, dieser Impfstoff bild bis heute das Kriterium des Erfolges oder Misserfolges einer Metho die ihre Einführung in das Problem der Tuberkuloseimmunisieru letzten Endes ja äusseren Beobachtungen verdankt, die bei der Pock Schutzimpfung gemacht wurden. Da auf die Technik der Impfausführung durch Demonstrationen ■ sondert eingegangen worden ist, brauche ich dieser bei meinen A führungen keine besondere Beachtung zu schenken. Jedenfalls, so i fach sie anzuste-llem, von ihrer richtigen, dem eigentlichen Zweck \ gerecht werdenden Ausführung hängt nicht zuletzt der Erfolg und Beurteilung der ganzen Impfung — auch vom immunitätswissensch; liehen Standpunkte aus — ab. Schon bald nach gewisser Ausbreitung der Hautimpfmethode wur< Wünsche nach Impfstoffen auf breiterer antigener Basis laut, als das für subkutane Therapie gebräuchliche Alttuberkulin darstellt. 1 klinische und biologische Verhalten des Organes Haut Hess sie gerec fertigt erscheinen. Die Brauchbarkeit der Alttuberkuline hat man durch Vergleichs» fungen auf verschiedene Stellen- der Haut zu prüfen versucht. Dage; ist einzuwenden, dass keineswegs jedes einzelne Hautstück unter g gleichen Bedingungen für die Auslösung der diagnostischen Lol reaktion steht, dass Wechselwirkungen zwischen den zugleich beimpf Feldern sicher vor sich gehen und auch der mechanische Vorgang Einimpfung nicht unbedingt gleichsinnig s-ein wird. Für die therapeutische Verwendung eines Impfstoffes n der P o nn-d o r f sehen Methode wird nicht so sehr die Breite der Lol reaktion ausschliesslich, als vielmehr der antigene Aufbau dessel und der klinische Effekt bestimmend sein müssen. Nicht mit vollem Recht ist also auch die Ursache der Schwankun: im Herstellungsmodus der einzelnen Institute zu suchen: denn die ist für das Koch sehe Alttuberkulin weder ein Geheimnis, noch ■ besonders empfindlichen Faktoren abhängig. Die richtige Konzentrat bei der Einengung und die hinreichende Mischung mit bovinem Tut kulin, das nach den uns heute vorliegenden Erfahrungen eine komp sierende Reaktionsbreite in besonderen Fällen erkennen lässt, gewi leistet für jedes Alttuberkulin- Koch die Eigenschaften, die man ■ ihm als Diagnostikum und für den Zweck subkutaner therapeuti.se Injektionen erwarten darf, wie es das M o r o sehe Tuberkulin zeigt, Das Schwergewicht der Kritik liegt vielmehr im Wesen der als Tuberkulinreaktion bekannten Erscheinungen, soweit Alttuberk in Frage kommt, und in der Anpassung des Impfstoffes an klinische biologische Tuberkuloseerfahrungen in der durch die Hautimpfm-rth gegebenen- Erweiterung ihrer Nutzanwendung. Als nun Ponndorf vor längerer Zeit mit mir in der aus sprochenen Absicht in Arbeitsgemeinschaft trat. Versuche nach dit Richtung anzustellen, kamen mir experimentelle Tuberkulosearbc sehr zu statten, deren erste Anfänge bis in die Jahre 1912 und 1 zurückreichen, als ich den Vorzug hatte, in Instituten autoritär Tuberkuloseforscher arbeiten zu dürfen, als es Much -Hamburg j Maragliano - Genua sind. Es lag zunächst nahe, für die besonderen Zwecke der Hautimpi das Tuberkulin auf ein praktisch höchstmögliches Mass einzuen und es mit der autolysierten Leibessubstanz, also dem bazillä Eiweiss und sein-en uns chemisch bekannten Mantelstoffen- von den seiner Herstellung benutzten humanen- und bovinen Kulturen se! stark anzureichern, um so dem Impfstoff die Materialien mitzugel) aus denen der Organismus den unseren heutigen Kenntnissen nach j kannten antigen-en Komplex der Tuberkuloseimmunij aufzubauen scheint. Es ist also hervorzuheben, dass die baziliij Beimengungen der unter diesem Gesichtspunkte erhaltenen Impfst nicht ausschliesslich intakte Tuberkelbazillenleichen darstellen, sond soweit noch mikroskopisch erkennbar, sämtliche Uebergänge ' Much s-chen Solitärgranulu-m zur streptoiden, Ziehl-negativen Bazil form bis zu intakten, Ziehl-gefärbten Bazillen zeigen. Trotz gj erheblichen Gehaltes an bazillärem An-tigen wird das mikroskopb *) Gekürzt nach einem Vortrag, gehalten in der Aerzteversamm 1 Weimar über Erfahrungen mit der Hautimpfung nach Ponndorf,' 27. November 1921. . ärzl922^ MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT. 307 im vorwiegenden Eindruck durch die Gegenfarbe geformter und i oser Elemente als Kennzeichen des weitgehenden autolytischen :sses beherrscht. Es ist damit die Resorption dieser Antigene | hrleistet, wenn auch Tierversuche den Vollzug der Resorption loch intakten Bazillen- in den Hautzellschichten gleichfalls erkennen IC )a ich nicht behaupten oder zu vermuten wagen möchte, dass die lierte Einführung Tuberkulin + Tuberkelbazillenantigene (Endo- e) in der soeben gekennzeichneten Form, etwa dank der bio- :h völlig gesonderten Stellung der Haut, die heute theoretisch erfahrungswissenschaftlich geforderten Voraussetzungen der Br¬ ing einer aktiven Immunität ersetzen würde, werde ich am Ende ;r Ausführungen Versuche erwähnen, die die Hautimpfmethode für n Endzweck Vorspannen. Da „Resistenz“ im praktischen Erfolg :h beschränkte Immunität ist, wird ihre Dauer nach Hautimpfung iesen toten Stoffen entscheiden müssen, wieweit sie dem Begriff unität“ gleichgesetzt werden kann. )ie einzige Möglichkeit einer objektiven Beantwortung dieser mentalen Frage über die Leistungsgrenzen der Hautimpfung mit |i geschlossenen Antigenkomplex können natürlich nur lange Zeit i breitester Basis fortgeführte, frühzeitige prophylaktische iungen am tuberkulosegefährdeten Menschen in Würde die Mortalitäts- und Morbiditätsziffer sicher zu beob¬ inder Impfdistrikte einen markanten Sturz zeigen, wären wir der uche, die die einzige Hoffnung heute nur noch in der Verwendung lebenden Vinis erblicken, allerdings enthoben. Dieser „Tuberkulosehautimpfstoff A“ ist natürlich für iitane Injektionen keinesfalls verwendbar, da seine hierfür üblichen brumgen zu tuberkulin- und endotoxinhaltig wären. Er ist kein jaerkulin. Die Möglichkeit oder Unmöglichkeit einer Dosierung ie Zwecke der Hautimpfung ist in letzter Zeit von verschiedenen a zum Gegenstände der Erörterungen gemacht worden. Ob bei der iodik der Kutanimpfung eine strenge Dosierung erforderlich, oder eser Begriff einstweilen nur theoretisch der Klinik der subkutanen rerkulinkur entlehnt ist, wird allein die klinische Beobachtung ent- len müssen. Tir scheint logischerweise theoretisch das Erfordernis einer stren- Dosierung nicht gegeben. Ob ich beispielsweise einen Tropfen an¬ muten Tuberkulins in die Subkutis oder in die kapillaren Lymph- :n der endermalen Zellschichten bringe, bedeutet ja einen funda- den Unterschied. Von der Subkutis aus wird das Tuberkulin in rst kurzer Zeit restlos resorbiert und in voller Dosis unvermittelt tuberkulösen Gewebe zugeführt. Die letale Dosis liegt nach einem r Literatur verzeichneten Falle offenbar noch unter 1 ccm unver- en Alttuberkulins, das den Tod in wenigen Stunden auslöste, e man die gleiche Menge Tuberkulin restlos in die Interzellular- - der Haut bringen, so wäre eine derartige Wirkung keinesfalls ch. Im Durchschnitt bringt man ja tatsächlich bei der Ponn- schen Methodik Mengen in die obersten Zellschichten, die zwi- 0,2 und_ 0,6 ccm eines hochkonzentrierten Impfstoffes schwanken, rngen, die nach dieser Applikation über das bald vorübergehende einer starken lokalen und Herdreaktion in schädigendem Sinne sgingen, sind, soweit Ponndorf und die Referenten berichteten, beobachtet worden. Solche Reaktionen treten ja auch gelegent¬ schon1 bei den bisher bekannten diagnostischen Hautimpfungen Aber noch eins ist zur Beleuchtung dieser Frage aus immuni- technischen Tierexperimenten von grosser Wichtigkeit zu fol- Wir besitzen zahlreiche Daten, aus denen eindeutig nach vielen 'ungen hervorgeht, dass die Haut nach Einbringen ganz bestimmter ionsgifte in einer etwa 100 mal geringeren Dosis, als zur Auslösung ;ischer, humoraler Reaktionsstoffe bei subkutaner Injektion not¬ ig sind, quantitativ das gleiche leistet# ohne hin- derum bei Steigerung um das Vielfache dieser is weder serologisch noch klinisch eine k u mu¬ te od e r s u m m i e r t e Wirkung auszulösen! >iese Ueberlegungen und Erscheinungen sprechen und können nur ne sehr bedeutungsvolle Schutzfunktion der Haut im Sinne einer ortunen Selbstdosierung und Ausschaltung der herd- lgenden Momente sprechen. Es handelt sich hier letzten Endes as wissenschaftliche Erfassen aller Funktionen eines Organes, dem empirisch schon lange Zeiten breiten therapeutischen Raum gab. -rst' in letzter Zeit jedoch scheint man sich mit diesen Begriffen • nein näher zu befassen, wie aus den Veröffentlichungen von Cie- s. \\ e i n h ard t. Müller, S c h m i d t - L a b i u m e hervorgeht, •ollten nun- klinische Beobachtungen doch eine Dosierung1) dieser toffe für die Hautimpfung in gewissen Fällen erforderlich oder chenswert machen, so wäre sie auf recht leichte Weise derart zu :nen> dass man. was den unverdünnten Impfstoff anlangt, nach en dosiert, weiterhin aber vielleicht mit Vio, Vs oder 1lz der leicht • herzustellenden Verdünnungen des Ansgangsstoffes arbeitet. Man m. E. allerdings dabei, sowohl der funktionellen Sonderstellung aut, als auch einem vieltausendfachen klinischen Material zu wenig , ns schenken. Offenbar bestehen zwischen einer durch sub- e Ueberdosierung hervorgerufenen infausten Herdreaktion und der ,» Hautimpfung zu beobachtenden Reizauslösung im tuberkulösen beachtenswerte Unterschiede. Die Haut scheint in ihrem nonsablauf die Gefahr für den Herd abzufangen. I Hautimpfstoffe werden neuerdings in Kapillaren abgegeben, die ar eine Impfung dosierte Quantum enthalten. ir. 9. Dieser Hauptimpfstoff A wird noch eine weitere Anpassung an die Methodik und an die immunitätswissenschaftlichen Erfordernisse dadurch erfahren, dass das beigefüfte bazilläre Antigen nicht durch Temperatur¬ grade abgetötet wurde, sondern die Bazillen spontan zum Absterben gebracht werden. Dass Temperaturen — und es kommen nur relativ hohe in Frage — das bazilläre Protoplasma irgendwie so verändern, dass sein antigener Aufbau wesentlich beeinträchtigt wird, lehren hinreichende Erfahrungen. So empfiehlt auch Löwenstein mit Recht, es schon für Injektions¬ zwecke mit spontan abgestorbenen^ artgleichen Bazillen zu versuchen. Besonders in den letzten Jahren ist nun ausser den bekannten Mischinfektionen klinischer Tuberkulose viel über Krankheitsgruppen geschrieben worden, die man unter „Mischinfektionen auf tuberkulöser Basis“ und „tuberkulöse Intoxika¬ tionen“ zusammenfasste. Nähere Einzelheiten müssen in den Litera¬ turstellen nachgelesen werden. Es sei hier nur auf die Arbeiten von Poncet, Ponndorf und G. Hirsch verwiesen. Besonders in Frankreich haben diese Ideen Fuss gefasst. Charakteristisch für beide Gruppen ist wohl das gänzliche Fehlen klinischer und physikalischer Symptome für Tuberkulose bei Vor¬ herrschen von vielgestaltigen Beschwerden ohne sicher erkenntliche Ursache. Es ist ja bekannt, dass bei der Mehrzahl von diesen Misch¬ infektionen auf tuberkulöser Basis Streptokokken, neben Pneumokokken, Influenzabazillen in der Hauptsache und gelegentlich auch Staphylo¬ kokken u. a. im Blute resp. Sputum kulturell festgestellt wurden. Ponndorf konnte soeben zeigen, dass bei solchen Patienten, im Ver¬ gleich zu Kontrollen von Gesunden, z. B. mit reinen Mischvakzinen dieser Erreger, spezifische Reaktionen durch Hautimpfungen ausgelöst wurden. Es schien daher für diese Fälle Erfordernis, den Hautimpfstoff „A“ mit einer stark dosierten Quote jener Organismen zu verstärken, die sowohl bei völlig larvierter, als auch bei der klinischen Tuberkulose das Bild charakteristisch, ja entscheidend beherrschen. Dieser so kom¬ binierte „H a u t i m p f s t o f f B“ löst auch klinisch charakteristische Sonderreaktionen aus, wie Ponndorf früher und andere soeben be¬ richteten. Beide Impfstoffe werden im Institut kulturell auf lebende pathogene Keime und am tuberkulösen Meerschwein auf spezifische Reaktivität (intrakutan) und hierauf schliesslich von Herrn Ponn- d o r f am Kranken selbst klinisch geprüft. Die fertigen, geprüften Impf¬ stoffe tragen den Namenszug Ponndorf. Die Impfstoffe stellen eine dicke, braune, stark trübe Flüssigkeit dar, die bei geeigneter Auf¬ bewahrung als praktisch unbeschränkt haltbar gelten können. Theore¬ tisch und praktisch scheint viel dafür zu sprechen, dass man mit dem Hautimpfstoff „B“ ausschliesslich wird auskommen können. Die Theorien und Hilfstheorien der biologischen Tuberkulin »virkung können in diesem Rahmen nicht näher* berührt werden. Ohne den Vv ert theoretischer Konklusionen für alle naturwissenschaftlichen und für alle therapeutischen Fortschritte im Besonderen zu verkennen, scheint es mir doch, als ob die Theorie sich zuweilen etwas zu hoch über die praktischen Beobachtungen erhebt und, statt in enger An¬ lehnung diese zu unterstützen, ihrer Nutzanwendung hinderlich zu werden droht. ■ — Es wird über aller Theorie zu oft vergessen, dass letzten Endes der praktische Erfolg entscheidet. Die Theorie der Toxin-Antitoxinbindung, die Anaphylaxietheorie, letztere im klinischen Begriff der negativen und positiven Anergie (v. Hayek, Kämmerer), die jüngst durch Selter aufgestellte ,,Reizkörper“-Theorie nichtantigener Natur stimmen *praktisch darin überein, dass die Tuberkulinempfindlichkeit auf jeden Fall als spezifische Schutzwirkung des tuberkulösen Organismus aufzufassen ist. Der Versuch, die Tuberkulinwirkung und wohl auch diejenige art¬ spezifischer Antigene in den grossen Proteinkörpertopf zu werfen, darf als abgetan gelten, da mit keinem heterogenen Eiweisskörper, selbst solchen verwandter Art, eine dem Tuberkulin an typischer Gesetz¬ mässigkeit und Intensität gleichkommende Reaktion auszulösen ist. Dass unspezifische Nebenkomponenten, auch anatomische und physio¬ logische der Haut, eine Rolle beim Reizablauf mitspielen, ist dabei nicht bestritten. So gelang es uns natürlich auch nicht, mit heterogenen Körpern, mit Seren, Vakzinen, Milch, Nährböden u. a. Stoffen die bei der P o n n - d o r f sehen Impfung auftretenden Phänomene auszulösen. Am ehesten scheint mir der Versuch aussichtsreich, die Tuberkuhnwirkung in engster Anlehnung an Histologie- und Biologie des Tuberkels zur Klärung zu bringen. Kein biologisches, spezifisches Produkt, das den abgetöteten Bazillus zum Ausgangspunkt nahm, erreichte nach bisheriger Applika¬ tionsform und Dosierung mehr, als eine bestenfalls weitgehende, aber vorübergehende Resistenz, durch kein anderes wurde aber auch diese Wirkung übertroffen. Die bisherigen 12 jährigen Erfahrungen mit der Hautimpfung in ihrer jetzigen Gestalt lassen es, besonders auch auf prophylaktischem Wege, möglich erscheinen, die Abwehr¬ kräfte im gesunden Gewebe so weitgehend zu mobilisieren, dass bei gewissen Tuberkuloseformen eine anatomische Latenz, bei Schutz¬ geimpften eine vielleicht lebenslange Resistenz, natürlich unter Voraus¬ setzung sozialer Normbegriffe, als das Durchschnittsziel zu erreichen sein wird. Heilkörper gegen Tuberkulose passiv in Seren durch antitoxische, bakterizide, präzipitierende, agglutinierende u. a. Stoffe einzuführen ist von al en namhaften Forschern nach jeder Richtung versucht und von allen als völlig aussichtslos auch wieder aufgegeben worden. Dass eine 4 MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT. 3Ü8 Nr. Immunmilch und auf der Partigenlehre aufgebaute Partigensera (S t r u - bell) in gleichem Rahmen zu beurteilen sind, ergibt sich sowohl aus , der Geschichte, als aus dem jetzigen Stande des Tuberkuloseproblems, j Der schulmässige Antikörpernachweis ist eben nachweislich keines.aiJS bei Tuberkulose, wie etwa bei Rotlauf und Diphtherie, mit Heil- odei Schutzkraft identisch, wie ihm ja auch vice versa praktisch weder eine ; diagnostische, noch prognostische Bedeutung zukommt. Der Begriff dier absoluten und' relativen Immunität ist nach heute geltender Anschauung untrennbar mit dem lebenden, artspezifi¬ schen Bazillus verbunden. Ich sage dies jedoch mit der Einschränkung des vorhin über „Resistenz“ Erwähnten. Dies kam auch auf den- beiden letzten Kongressen Wiesbaden und Elster von autoritativer Seite klar zum Ausdruck. Dass es absolute Immunität auch nicht nur durch Tuberkulose gibt, zeigen eine Anzahl Tiere (Pferd, Hund, Katze), die zeitlebens kaum oder überhaupt nicht an Tuberkulose erkranken. Hier handelt es sich um das zweite Gesicht der Sphinx. Das. Problem der aktiven Immunisierung mit lebendem Virus wurde bisher bekanntlich zunächst am Rind von R. K o c h an bis in neuere Zeit in Angriff genommen. Bis auf wenige Einzelversuche handelte es sich hierbei allerdings hauptsächlich um nicht artspezifische, lebende Impfstoffe. Möller behandelte wohl als Erster 2 Kranke mit intra¬ venösen Einspritzungen lebender Menschentuberkelbaziilen in mini- j malsten Dosen ohne Schaden mit gutem Erfolg, und Wichmann stellte dem Aerztlichen Verein Hamburg in jüngster Zeit ein Mädchen vor, dessen Haut- und Schleimhauttuberkulose und Lupus des Gesichtes er durch aktive Immunisierung, und zwar durch Intrakutanimpfung mit abgeschwächten, lebenden, menschlichen I uberkelbazillen ohne jede andere Therapie heilte. Betrachtet man die Erfolge, die unter Heranziehung der für Aus¬ lösung von Schutzreaktionien so hervorragend geeigneten Haut nach der Ponndorf sehen Methodik bisher erzielt wurden, so drängt sich gewissermassen die Frage auf, o b diese Methodik auch für die aktive Immunisierung mit lebendem Impfstoff als beson¬ ders aussichtsreich herangezogen werden könnte. Wir müssen dabei fragen, welche klinischen, experimentellen, und welche theoretischen Grundlagen hierzu berechtigen. Die klassischen Versuche Römers und Josephs bewiesen be¬ kanntlich, dass die experimentelle Reinfektion auf dem Boden einer be¬ stehenden Tuberkulose nicht angeht, beim Rinde, bei Schafen, Affen, Meerschweinchen, bei Kindern und Erwachsenen konnte festgestellt werden, dass minimale Mengen Tuberkelbazillen gegen spätere hohe Dosen schützten. In eigenen orientierenden Versuchen der letzten Jahre bei Kaninchen fand ich diese Beobachtungen oft in überraschen¬ der Weise bestätigt. An karzinomkranken Tuberkulösen konnte gezeigt werden, dass eine experimentelle Reinfektion nicht anging; F. Klem- p e r e r konnte in einem Selbstversuch erweisen, dass bei subkutanei Injektion lebender Rindertuberkelbazillen die Tuberkulose völlig lokal blieb. Die soeben erwähnten therapeutischen Injektionen mit lebenden Bazillen bei bereits bestehender Tuberkulose sprechen unbedingt für die Gangbarkeit dieses Weges unter Heranziehung der Haut. Voraus¬ setzung für die Durchführung dieses Problems ist, dass die Methode der Applikation schädliche Erscheinungen ausschliesst. Sie wird als ungefährlich gelten müssen, wenn erstens ein Stamm abgeschwächter Virulenz verwendet wird, ferner eine ausgezeichnet durchgeführte Emulsion variierende Dosierung ausschliesst und die Impfung in den Boden einer allergisch hoch- geimpften Haut erfolgt. Auch die natürliche Beobachtung spricht für die Gangbarkeit dieses Weges. Die relativ seltene tuberkulöse Infektion der Haut beim Menschen, die verschwindend seltenen Fälle solcher Infektionen beim Tier trotz engster und dauernder Berührung mit Tuberkelbazillen, aie überraschenden Heilungen von Lupus, Tuberkuliden u. a. Hautinfektionen durch Impfungen in die abgrenzende gesunde Epidermis, wie aus den eben gehörten Berichten und Demonstrattonen hervorgeht, sprechen für eine ausgezeichnete Schutz- tesp. Heilfunktion des Hautorganes. Diese Ueberlegungen führten dazu, den Weg nach langwierigen Ar¬ beiten im Versuch zu beschreiten und mit einem artspezifischen, leben¬ den Impfstoff soeben charakterisierter Eigenschaften, in seinem eigenen Tuberkulin suspendiert, Menschen ohne jede Schädigung aktiv zu immunisieren! Hier sei nur allein diese nakte Tatsache erwähnt, ohne zu präjudi- zieren, mir wohl bewusst, dass ein Urteil über die Brauchbarkeit dieser, auf die aktive Immunisierung erweiterten Ponndorf sehen Impfung heute keineswegs abgegeben werden kann. An eine allgemeine Frei¬ gabe dieses Impfstoffes soll vorerst gleichfalls nicht gedacht werden, bis ein Kreis für dieses Problem interessierter Kliniker ein erstes All- gemeinurteLl abgeben kann1. Auch Versuche, diese Unterlagen für eine praktische Rinderimmuni¬ sierung zu verwerten1, sind im Gange. Es wäre lebhaft zu begrüssien, wenn sich Herren bereit erklären wollten, eine praktische Durchführung dieser Anregung an ihren Kliniken zu übernehmen, um a priori wissenschaftlich und klinisch die Brauchbar¬ keit der Idee und des Impfstoffes vor Uebergabe an die Allgemeinheit soweit abzugrenzen, dass Enttäuschungen und Eindrücke vermieden werden, wie wir sie in den letzten Jahren gerade auf dem Gebiete der aktiven Tuberkuloseimmunisierung erlebt haben. Wie die aktive Immunisierung nur ausschliesslich auf eine voll geschützte Haut erfolgen dürfte, würde der biologische Vollzug dieser aktiven Impfung möglicherweise durch Nachimpfungen mit dem 11a Impfstoff vorteilhaft zu unterstützen sein. . Es dürfte noch interessant sein, zu erwähnen, dass auch für auf Infektionen, Typhus, Gonorrhöe u. a. Hautvakzinen von etwa bO 100 Milliarden Keimen pro Kubikzentimeter, die unter Ausschluss chemischen oder thermischen Attacken hergestellt sind. Versuchen Verfügung stehen, die zeigen sollen, ob die für I ubeikulose entschic brauchbare Methode vielleicht auch hier praktische Resultate zeiti kann. Von Herrn Schmidt-Labaume haben Sie soeben erm gende Ausführungen hinsichtlich der Gonorrhöe gehört. Am Ende meiner Ausführungen sehen Sie, meine sehr geehi Herren, dass die seit nunmehr 12 Jahren erprobte Ponndorf s Hautimpfmethode sowohl befruchtend auf das Bestreben nach H Stellung breiter basierter, unserem heutigen immunitätswisscnsch liehen Standpunkte entsprechender Impfstoffe wirkt, als auch geeia erscheint, dem Tuberkuloseproblem neue, vielleicht verheiort kriminell sein muss. Warum bin ich aber bei jedem fiebernden iort besonders für digitale Ausräumung? Es ist sicher, dass mit inem Instrument so bestimmt Verletzungen auszuschliessen sind, wie t dem Finger, und wie oft merkt man bei der digitalen Austastung rletzungen, durch die allzuleicht dann instrumenteil eine grössere Ge- :ir heraufbeschworen wurde. In den ersten zwei Monaten darf bei chtfieberiMem Abort kiirettiert werden, wenn die Blutung stark ist d die Zervix sich nicht bis zur Möglichkeit einer digitalen Austastung hnen lässt. Grundsatz ist, bei einer Kürettage in Klinik oder Privat- us keinerlei Hilfskraft zum Halten von Instrumenten oder der Beine benötigen, denn erstens geht ohne Hilfskraft alles bequemer und 'eitens wird die Aseptik eher gewährleistet. Jeder Eingriff — digitale istastung oder Kürettage — ist im Privathause auf einem Tische zu tchen^ wobei die Beine durch ein gedrehtes und links seitlich ge- otetes Betttuch maximal gebeugt gehalten werden. Ein zweites ge¬ eiltes Bettuch wird an dem einen freien Zipfel der Knotenstelle geknotet, dann oben um beide Tischbeine geschlungen und auf der ;hten Seite der Patientin wiederum an das erste Bettuch angeknotet, tzt sind die Beine fest und unverschieblich, auch seitlich auseinander halten. Diese zuverlässigen, improvisierten Beinhalter lassen sich jedem Hause sofort hersteilen und es entfällt damit jegliches Mit- hmen von Beinhaltern (Abbildung). Falls der Narkotiseur wünscht, die linke Hand zu befestigen, um an der rechten Hand den Puls zu fühlen, ist es ein leichtes, an dem eiten noch freien Zipfel des ersten geknoteten Bettuches ein ge- htes Taschen- oder Handtuch anzubinden und so, um das Hand- enk gedreht, wiederum am Bettuch zu befestigen, dass auch die linke id unverschieblich hält. Vor Beginn jedes Eingriffes ist nochmals genau in Narkose zu ersuchen, ob sich doch noch irgendein pathologischer Befund an den längen ergibt Um Assistenz unnötig zu machen, soll jeder Arzt sich selbst haltendes hinteres Spekulum besitzen. Sehr zweckmässig der verbesserte Spiegel nach Auvard (Abbild.). Ein vorderer egel steüt dann die Portio ein, welche mit zwei Kugelzangen gefasst cL Zwei sollen es deshalb sein, weil um so weniger ein Ausreisscn m zu befürchten ist. Wenn man diese Kugelzangen federnd in der .en Hand hält und mit der Sonde in der rechten die Uteruslänge vor- itig misst, hat man eine Perforation nicht zu befürchten. An dieser Ile möchte ich auf die partielle Erschlaffung des Uterus aufmerksam ■ihen, welche von verschiedenen Beobachtern beschrieben ist. Diese seht eine Perforation vor, doch wenn man eine Weile wartet, fühlt n bald wieder den Widerstand der Uteruswand. Man dehnt mit ‘garsdien Dilatatoren vorsichtig bis 12 und benutzt dann die etten in der bekannten Weise. Man verwende möglichst Küretten, che dann nahezu in ihrer Grösse Nr. 12 der He gar sehen Dilata- en entsprechen. Bei fieberndem Abort ist es am angenehmsten, wenn die digitale naumung schon möglich ist. Oft gelingt es bei vorsichtiger Dehnung Hegar Nr. 17 oder 18 auszutasten. Sollte bei fieberndem Abort och die Dehnung bis Nr. 12 nur möglich sein, so lege man zwei bis ! sphde lange Laminariastifte ein und räume den nächsten Tag aus. i einiger Uebung gelingt die Austastung mit dem Finger stets, und lte die Zervix die gelösten Reste nicht passieren lassen, so drückt n vom hinteren Scheidengewölbe die gelösten Reste — die äussere 309 Hand fest auf dem Uterus — heraus. In einigen Fällen muss man den W i n t e r sehen Abortlöffel hierzu nehmen. Eine Verletzung ist nicht möglich, wenn der Löffel gerade ist un^l beide Löffelöffnungen genau aufeinander passen. Handelt es sich um einen Abort im 3., 4 oder späteren Monat, gleichviel ob er fiebert oder nicht, und die Zervix ist ru einen Finger durchgängig, so ist meine Methodik folgendermassen : Ehe ich mit dem Finger, welcher im Uterus ist, irgendetwas mache taste ich mich nach dem Kopfe, drücke diesen mit dem Finger gegen die der Uteruswand aufliegende äussere Hand und bohre dabei den ringer in eine Fontanelle ein, ebenso eventriere ich Bauch und Brust. Der eingehakte Finger bringt dann bequem den Fötus heraus oder aber es ist jetzt leicht mit dem Wi nt ersehen Abortlöffel. Jedenfalls hat man auf diese Weise nicht mehr nötig, stundenlang nach dem ab¬ gerissenen Kopfe zu suchen oder andere Instrumente zu Hilfe zu nehmen. Ist der Uterus leer, so steht die Blutung; in einzelnen Fällen von Atoiiie ist Sekakornin oder 'I enosin angebracht. Eine Tamponade oder Spülung nach der Ausräumung habe ich seit 2 Jahren nicht mehr benötigt. Nach jeder Kürettage oder Austastung drücke ich — die äussere Hand fest auf dem Uterus, die innere Hand im hinteren Scheidengewölbe — die letzten gelösten Reste und Blut¬ gerinnsel heraus. Zusammenfassung. Jeder Abort soll möglichst digital ausgetastet werden, ohne nach- herige Anwendung von Instrumenten. Im Privathause sollen, sowohl bei Curettage wie Austastung, meine aus 2 Bettüchern improvisierten Beinhalter verwandt werdend Bei nicht fieberhaften Aborten bis zum 2. Monat darf kürettiert werden, wenn die Zervix sich nicht weiter als bis He gar. Nr. 12 in einer Sitzung dehnt. Eine Kürette soll rhit hinterem Selbsthalter- spekulum ohne Assistenz gemacht werden. Auch bei fieberhaften Aborten bin ich für aktives Vorgehen. Nach 2 Monaten soll stets digital ausgetastet werden. Der Kopf des Kindes ist dann vor der Ausräumung dadurch zu verkleinern’, dass der eingefiihrte Finger sich bei Gegendruck der äusseren Hand in eine fl°nt,ane11? embohrt. Gelöste Reste dürfen im Notfälle mit dem Abort- loffel nach Winter entfernt werden. Tamponade und Spülungen halte ich nicht für nötig. Aus der Universitäts-Augenklinik zu Greifswald. (Direktor: Prof. Dr. W. Löhlein.) Intrakardiale Adrenalininjektion bei Narkoseherzstill¬ stand eines Säuglings. Von Dr. C. Bliedung, I. Assistent der Klinik. Es ist in diesen Blättern erst vor kurzem von Vogt und von Frenzei über intrakardiale Adrenalihinjektionen bei Narkoseherzstill¬ stand berichtet worden. In der zusammenfassenden Arbeit von Fren¬ zei wird darauf hingewiesen, dass .bei der Bewertung des Mittels nui jene Fälle zu berücksichtigen sind, bei welchen im sonst gesunden Organismus das Herz infolge akuter Schädigung versagt. Bei dieser koirektem Betrachtungsweise fallen dem Mittel nicht jene Versager zur Last, welche durch ungünstige Nebenumstände, wie organische Herz- sch wache, Erschöpfung des Herzens durch vorhergehende Infektions¬ krankheiten oder durch Ueberreizung nach langdauernder Behandlung mit Exzitantien usw., bedingt sind. Unter diesem Gesichtspunkt ge- winnt das Mittel überraschend an Bedeutung. Denn es kommen dann auf 9 aus der Literatur bekannte Fälle 5 Dauererfolge. Ueber den Angriffsort des Mittels gehen die Ansichten auseinander. Auch über die Technik besteht noch keine eindeutige Ansicht. Das Adrenalin soll das Gangliensystem und vor allem die sympathischen Nervenendigungen erregen. Sicher ist es jedenfalls nach den prak¬ tischen Erfahrungen, dass das Mittel imstande ist. den Kreislaufmotor un gefahrdrohenden Moment wieder in Gang zu bringen und so eine Entgiftung des Blutes zu bewirken. Dabei erweisen sich die gleich- zeitige Erweiterung der Koronararterien und die vasokonstriktorische Wirkung auf die peripheren Gefässe neben der Herzreizwirkung als er¬ folgreich. Wird rechtzeitig injiziert, so können irreparable Schädigungen des Zentralnervensystems vermieden werden. Je nach dem Ort. der Applikation unterscheidet man intraperi¬ kardiale, intramyo'kardiale und fntraventrikulare Injektionen. Da die Injektion immer ein Eingriff ins Dunkle bleibt, leuchtet es ein, dass das Perikard nicht mit Sicherheit getroffen werden kann. Besonderes Gewicht wird von einzelnen Autoren auf die intraventrikulare Injek¬ tion gelegt. Dabei wird von manchen wieder der linke Ventrikel be¬ vorzugt. Ausschlaggebend für den Erfolg scheinen die Resorptions¬ verhältnisse zu sein. Da nun der gefäss- und lymphspaltenreiche Herz¬ muskel nach Henschen in hervorragender Weise an der Resorption beteiligt ist und da ferner das Reizleitungssystem des Herzens wahr¬ scheinlich in der Herzmuskulatur selbst zu suchen ist, dürfte es bezüg¬ lich der Schnelligkeit und Ausgiebigkeit der Wirkung von untergeordne¬ ter Bedeutung sein, ob die Injektion in einen Ventrikel oder in die Muskulatur erfolgt. Die praktischen Ergebnisse sprechen jedenfalls da¬ für. Auch soll das Adrenalin am Herzmuskel selbst keine Schädigungen hervorrufen. Weit wichtiger ist es, die Gefahrzonen zu meiden," zu denen ja die. hintere Herzwand gehört. Dies wird natürlich um so schwieriger, je mehr man sich darauf kapriziert, mit der Spitze der Kanüle ein eng umschriebenes Ziel zu erreichen. Solange nur 4* 310 MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT. eine Reizwirkung erreicht werden soll, erscheint es daher besser, hebe auf eine intraventrikuläre Injektion zu verzichten, als den Erfolg des Eingriffes durch ein allzu kühnes Vordringen mit der Nadel zu gefährden. Anders liegen die Dinge, wenn mit der Reizwirkung eine Entlastungs¬ punktion des überdehnten rechten Ventrikels oder eine Infusion in den linken Ventrikel zum Zwecke der Wiederherstellung seines normalen Schlagvolumens verbunden werden soll. Das beifolgende Schema von Hen sehen gibt einen guten Uebcrblick über die Wahl des Einstich¬ punktes für die verschiedenen Zwecke. Projektion der einzelnen Herzabscknltte auf die vordere Brustwand. Stellen für die Entlastungs- vi/ Jy punktion des r. Vorliofes. /-x\ r?\ Stellen für die Entlastungs- Dy punktion d. r. Ventrikels. /T\ /C'. Stellen für die Infusion d. 1. Uy Dy Ventrikels. Neben den Gefahrzonen, Scheidewand der Vorhöfe und der Ventrikel, Zone des H i s- T a wa r a sehen Bündels, oberes Drittel der vorderen Längsfurche, Basis des rechten Herzohres, Einmündungsstelle der beiden Hohlvenen (sino-aurikuläres System) und hintere Hälfte der atrioventri¬ kulären Grenzen ist auf die Dosierung des Reizmittels zu achten (Henschen). Eine Ueberdosierung kann unter Umstanden infolge Erschöpfung der Schlagenergie des Herzens erneuten Herzstillstand nach Wiederbelebung zur Folge haben. Die Reizdosis des Adrenalin scheint nach den bisherigen Erfahrungen beim Erwachsenen bei 1 mg zu liegen. Irgendwelche Erfahrungen über Dosierung und Technik bei Säuglingen liegen nach der Literatur bisher nicht vor. Bekanntgegeben wurde ein Fall von Brünings, üocti blieb die von ihm ausgeführte Injektion bei einem 6 Monate alten Kinde erfolglos. Der erste Dauererfolg wurde in unserer Klinik erzielt. Es handelte sich um ein Kind, das zur Zeit der Injektion 4 Monate alt war. Es hatte einen doppelseitigen Buphthalmus. Der intraokuläre Druck betrug beiderseits 50 mm Hg. Herz und sonstige Organe waren gesund. 7 Tage nach der Aufnahme wurde in Chloroformnarkose eine druckentlastende Operation des rechten Auges vorgenommen. Da diese erfolglos blieb, wurde nach weiteren 10 Tagen abermals in Chloroformnarkose eine E 1 1 i o t sehe Trepanation aus¬ geführt Der Dauererfolg blieb auch jetzt aus. Nach 16 Tagen Wiederholung der Operation in Chloroformnarkose. Nach Beendigung dieser dritten Opera¬ tion und Narkose war der Puls klein, die Atmung oberflächlich und das Aussehen des Kindes sehr blass. Es musste längere Zeit hindurch künstliche Atmung angestellt werden. Obgleich das Kind herzgesund war, machte es nach dieser Narkose einen recht ungünstigen und verfallenen Eindruck. Auch durch die dritte Operation wurde keine dauernde Druckherabsetzung erzielt Sollte also das Sehvermögen des Kindes nicht dem vollständigen und sicheren Verfall überlassen werden, so musste abermals zur Operation geschritten werden. Infolge dieser zwingenden Indikation wurde nach einer 14 tägigen Pause eine weitere Trepanation nach El Hot in Chloroform¬ narkose ausgeführt. Operation und Narkose waren kaum nach etwa 5 Mi¬ nuten beendet, als der Puls sehr klein und die Atmung oberflächlich wurde. Haut und Schleimhäute waren blass. Das Kind hatte 1 g Chloroform be¬ kommen. Nach einigen Minuten künstlicher Atmung trat vorübergehende geringe Besserung des Pulses und der Atmung ein. Eine bessere Durch¬ blutung war anderweitig nicht zu bemerken. Die Besserung dauerte jedoch nur kurze Zeit, infolgedessen wurden nunmehr 2/io ccm Kajnpferöl gegeben. Die künstliche Atmung war inzwischen fortgesetzt worden. Nach der Kampferinjektion waren einige kräftige Pulsschläge zu fühlen. Sehr bald darauf wurde der Puls wieder schwächer und etwa 5 Minuten nach Be¬ endigung der Narkose trat Herzstillstand und gleichzeitig Stillstand der Atmung ein. Das Kind sah blass und verfallen aus. Unter diesen bedroh¬ lichen Erscheinungen wurden ihm etwa 1 Minute nach dem Herzstillstand 2/io ccm einer 1 prom. Adrenalinlösung langsam intrakardial injiziert. Der Herzmuskel sprach fast augenblicklich an. Es setzte ein überraschend regel¬ mässiger und kräftiger Puls ein. Gleichzeitig tat das Kind die ersten Atemzüge, die alsbald tiefer und regelmässiger wurden. Das Lebensrot stellte sich wieder ein. Eine halbe bis eine Minute nach der Injektion machte es mit Händen und Füssen Abwehrbewegungen, öffnete die Augen und stiess den ersten Hungerschrei aus. Im Laufe des Tages und der folgenden Zeit traten keine auffallenden Erscheinungen oder Erregungszustände auf. Die Injektion wurde in der folgenden Weise ausgeführt: Nach Ab¬ schätzung der Länge der Kanüle, die etwa 3 34 cm betrug, wurde diese im vierten Interkostalraum hart am Stemum in der Mitte zwischen 4. und 5. Rippe eingestochen. Nach etwa 1 cm tiefem Eingehen fühlte man veränderten, härteren Widerstand des Herzmuskels. Unter Ab¬ schätzung der Länge des draussen verbliebenen Endes der Kanüle wurde diese unter leichter Neigung nach medianwärts langsam um einen weiteren Zentimeter vorgeschoben und dann 2/io ccm der Lösung langsam injiziert. Der leitende Gedanke war hierbei, wenn nicht den rechten Ventrikel, so doch sicher die Herzmuskulatur annähernd in der Mitte der vorderen Herzwand zu treffen, wo diese der Brustwand dicht an- Andererseits sollten auch die liegt und von der Pleura unbedeckt ist. Gefahrzonen vermieden werden. „ j Als wesentliches Ergebnis des Versuches ist wohl die Feststellung der zureichenden Reizdosis, welche im ersten Lebensjahr bei Tio mg zu liegen scheint, anzusehen. Auch die Technik, die nicht wesentlich von den bis jetzt am meisten gebräuchlichen Arten abweicht, durfte wohl wegen ihrer Einfachheit zu empfehlen sein. Es ist von F r e n z e 1 die Forderung aulgestellt, die intrakardiale Adrenalininjektion unter den typischen W leaerbelebungsmassnahmei aufzunehmen und bei jeder Narkose das Instrumentarium hierzu bereit-: zuhalten Für den Ophthalmologen ist das Mittel jedenfalls eine bedeutungs¬ volle Reserve. Gerade bei Operationen an Jugendlichen kommt er mch ohne Narkose aus. Eine kurze Statistik über das Material unsere j Klinik im letzten Jahr ergibt, dass bis zum 5. Lebensjahr alle Opera¬ tionen im 9. Lebensjahr noch 50 Proz., über das 15. Lebensjahr lnnaui nur noch 1 Proz. der Operationen in Narkose vorgenommen werden Ls erscheint daher die genannte Forderung für unser Fach gerecht! fertigt, zumal stets eine zwingende Indikation vorliegt, wenn bei Jugendl liehen’ operiert werden muss. Literatur. Frenzei: Bekämpfung des Narkoseherzstillstandes durch intrakardial Adrenalininjektionen. M.m.W. 1921 S. 730. - Vogt: Ueber die Grundlage I und die Leistungsfähigkeit der intrakardialen Injektion z»r Wiederholung Ebenda S. 732. _ ___ Aus dem städt. Säuglingsheim Dresden. (Prof. Bahrdt.)i Ueber die intravenöse Injektion von Kampferwasser bei Säuglingen. Von Dr. R. Scheich er. ln Fällen von äusserster Herzschwäche, in denen wir durch sut kutane Gaben von Kampferöl zu langsame oder gar keine Wirkurj mehr erzielen konnten, versuchten wir Kampfer in wässeriger Losur intravenös zu geben. Das Präparat wird von der Firma E. Merck . sterilen Ampullen zu 40 — 500 ccm in den Handel gebracht und ste? nach dem Vorschlag von Prof. Leo-Bonn eine Ringerlösung tu einem Kampfergehalt von 0,142 Proz. dar. , Gleich einer unserer ersten Versuche bot einen überraschend! Erfolg. Ls handelte sich um den 7 Monate alten Säugling Gerhard : mit Kapillärbronchitis. Am 2. 6. 1920 um 6 Uhr morgens kollabier, das Kind plötzlich; es trat stärkste Dyspnoe auf, der Puls war sei schlecht gefüllt, deutliches Trachealrasseln war hörbar. Trotz su kutaner Injektion von Kampferöl trat weitere Verschlechterung d, Zustandes ein; der Puls war nicht mehr zu fühlen, die Atmung setz aus — der Exitus schien gekommen. Da spritzte ich in eine Schade vene langsam 8 ccm Kampferwasser ein. Während der Injektion zeig sich starke Rötung in reichlich Handtellergrösse um die Injektion stelle. Der Puls wurde allmählich wieder fühlbar und war 2 Stund später voll und kräftig; auch die künstliche Atmung war nach et\ 3 — 4 Minuten nach der Injektion überflüssig. Das Kind hat von da an r mehr Kampfer nötig gehabt (auch nicht Kampferöl subkutan) und wur 7 Wochen später als geheilt in gutem Ernährungszustände entlassen. Dieses anscheinend so günstige Ergebnis veranlasste uns, öftt, Kampferwasser intravenös anzuwenden. Bestimmend für uns \m in erster Linie, eine möglichst rasche Kampferwirkung zu erziel«) Wir gaben im allgemeinen Dosen von 10 — 20 ccm; das entspräci einer Kampfermenge von 0,014—0,03 ccm, also etwa dem 20.— 30. 1 einer subkutanen Kampferölinjektion von 0,5 ccm. Nach den Angaben vl Leo (D.m.W. 1913, H. 13) genügt bei wässriger intravenöser jektion der 50. Teil der Kampfermenge einer subkutanen Oelinjektri um das Gleiche zu erreichen. Nicht unwesentlich dürfte fernerhin \ einem Säugling in mehr oder minder ausgetrocknetem Zustande ! Einverleibung von 10—20 ccm Flüssigkeit direkt in die Blutbahn st Unsere Versuche erstreckten sich bisher über 54 Fälle und zw. 27 Bronchopneumonien, 3 Kapillärbronchitis, J 10 schwere Ernährungsstörungen (Dekomposition, Intoxikation! 9 schwere Ernährungsstörungen und Bronchopneumonie, 4 Ruhr, 1 Meningitis epidemica. Wenn unsere absoluten Erfolge auch als gering anzusehen sil so ist dabei zu berücksichtigen, dass die weitaus meisten Fälle Zeit der Injektionen sich in moribundem Zustande befanden. Bisweil wurden mehrere Injektionen innerhalb eines oder mehrerer läge macht; 11 davon in den Sinus sagittalis, da aus technischen Grünj die Injektion in eine Vene unmöglich war. . J Irgendwelche Reizerscheinungen der Injektionsflüssigkeit, die nei| das Gefäss gelangte, wurden niemals beobachtet. — In 5 Fällen sehr schlechtem Turgor wurde das Kampierwasser subkutan apphzj in Mengen bis zu 100 ccm. Auch dabei zeigte sich keinerlei lol- Reizung und die Resorption ging gegenüber andern Flüssigkeiten n langsamer vonstatten. Eine Kampferwirkung war bei dieser Art Applikation nicht festzustellen. — Einmal wurde bei einem sehr sdr dekomponierten, moribunden Kinde im Alter von 3 XA Monaten Kampferwasser intraperitoneai (80 ccm) gegeben, allerdings o irgendwelche sichtbare Wirkung. Der Exitus trat nach 2 Stunden ; März 1922. MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT. 311 Zur Technik der Injektion ist nur zu sagen, dass sie mit einer j e r sehen Spritze und mittelstarker, ausgeglühter Platinkanüle aus¬ führt wurde. — Eine deutliche günstige Wirkung der intravenösen ektion, wenn auch mehrmals nur für kurze Zeit, konnten wir in Fällen feststellen, derart, dass meist noch während der Injektion, : stets langsam ausgeführt wurde, der Puls grösser wurde, öfters ir der nicht fühlbare Puls wieder deutlich zu fühlen. Dabei liess die spnoe nach, die Atmung wurde ruhiger und tiefer, und das Aussehen s Kranken besserte sich sichtlich. Das würde sich völlig mit den fahrungen Hosemanns (D.m.W. 1916, H. 44) und Leos (D.m.W. 13, H. 13 und M.m.W. 1913, H. 43) decken. Besonders von der irkung auf das Atemzentrum hebt Leo hervor, dass sie ungleich irker und rascher ist und ebensolange anhalte wie bei bei weitem irkeren subkutanen Oelinjektionen. In 8 Fällen, die freilich sowieso als „verzweifelte Fälle“ anzusehen iren, konnten wir keine Wirkung des Kampferwassers feststellen, ihrend in den übrigen Fällen die Wirkung zweifelhaft schien. Ein¬ il erlebten wir bei einem moribunden Fall den Exitus während der iektion, wohl sicher aber nicht „propter hoc“. Eine pneumokokkenwidrige Wirkung des Kampfers, die von ver¬ miedenen Seiten hervorgehoben wurde, haben wir bei der wässerigen I ektion nicht erwartet und uns auch von einer etwaigen prophylak- chen Wirkung nicht überzeugen können. Die einmal ausgebrochene ankheit lässt sich durch Kampfer nicht heilen (Rosenthal, Verh. Kongr. f. inn. Med. 1914). wie Leo auch besonders betont (D.m.W. 18, H. 11) und die prophylaktische Bekämpfung gelänge nur bei rem Bruchteil der Pneumokokkenstämme. Eines unserer Fälle sei noch besonders gedacht wegen der unerwünschten benwirkungen : H. P., 3 Monate alt. Ausgedehnte Bronchopneumonie derseits. Im Zustand stärkster Dyspnoe und Zyanose wird bei nicht fühl- rem Puls eine langsame Injektion von 20 ccm Kampferwasser in eine hädelvene gemacht. Während der Injektion wird die Umgebung der Injek- nsstelle in reichlich Fünfmarkstückgrösse sehr blass, nach einigen Stunden rötet. Puls und Atmung bessern sich sichtlich. Da am nächsten Tage eder stärkere Dyspnoe auftritt, werden in die gleiche Vene, wenig unter- b der gestrigen Injektionsstelle, wiederum 20 ccm Kampferwasser injiziert, be: zeigt sich ebenfalls Erblassen, dann Rötung in der gleichen Ausdehnung e gestern, mit unregelmässig gezackten Rändern. Wirkung gleichgut wie |i Tage vorher. Es sei besonders bemerkt, dass beide Male eine frische rpulle genommen wurde und die Injektion in die Vene glatt von statten ig. Im Verlaufe der nächsten Tage wurde die Rötung immer stärker, id, bis am 8. Tage eine oberflächliche Hautnekrose begann und sich fast er das ganze gerötete Gebiet erstreckte. Unter Salbenbehandlung heilte : Nekrose bald ab, das Kind hatte die Pneumonie überstanden und konnte Wochen später als geheilt entlassen werden. | Trotz dieser recht unangenehmen Nebenwirkung und unserer ja pht gerade glänzenden Erfolge dürften doch weitere Versuche mit iTavenöser Kampferwasserinjektion zu empfehlen sein, soweit diese ethode jetzt nicht durch die intravenöse Kampferölinjektion überholt rd (Fuld, Ther. Hrnh. 1920, S. 460 und Fischer, B.kl.W. 1921, 869). über die aber wohl die Akten noch nicht geschlossen sind, denfalls dürfte bei atrophischen, wasserverarmten Säuglingen, bei nen neben der Herzwirkung auch die Flüssigkeitszufuhr in Betracht mmt, die wässerige, intravenöse Injektion vorzuziehen sein, und eitere Versuche damit sind erwünscht. P.S. Während des Druckes erschien eine Arbeit von L e o in der m. W. 1922 S. 155: Ueber die Wirkung intravenöser Kampferöliniek- n, in der besonders über die Wirkung auf die Atemgrösse berichtet rd: Rascher und hoher Anstieg der Atemgrösse mit baldigem Abfall, nn allmähliches und viele Stunden anhaltendes Ansteigen weit über in Anfangswert der Atemgrösse. Bei subkutaner Oelinjektion nur nz allmähliche und geringe Wirkung. — Das bestätigt aufs Beste isere Beobachtungen der Kampferwasserwirkung auf die Atmung. jezifische Therapie und Prophylaxe des Gelbfiebers. Von Prof. Dr. Ol pp- Tübingen. Schon 1907 hat A. M. Stimson vom U. S. Public Health Service len spiralförmigen Protisten demonstriert und veröffentlicht, den er s der Niere eines in New Orleans 1905 an Gelbfieber gestorbenen anken nach L e v a d i t i gefärbt hatte. Nfo g u c h i, dem wir die 1918 erst im Leberbrei vom Meerschweinchen, dann auch beim Menschen folgte Entdeckung des Gelbfiebererregers verdanken, den er Lepto- ira icteroides nannte, hat den von Stimson gefundenen Parasiten it dem von ihm beschriebenen als identisch erklärt. 1919 und 1920 ■lang es Noguchi und KI i gl er in Yukatan und in Peru, Gelb- ber auf Meerschweinchen zu übertragen und den Erreger aus ihnen eder zu isolieren. Le Blanc vom Rockefellerinstitut hat diese Be- nde 1921 in Verakruz bestätigt. Nach vorausgegangenen experimentellen Tierversuchen und Vor- hriften N o g u c h i s haben nun L y s t e r und P a r e j a zum erstenmal - Serumbehandlung beim Menschen mit Erfolg durchgeführt, und zwar i einem amerikanischen Matrosen von Honduras und bei dem mexi- uiischen Gesandten von Nikaragua. Das spezifische Serum wurde m Pferden gewonnen. Bis zum 31. Dezember 1920 waren 170 Fälle 'f diese Weise behandelt. Hierbei zeigte es sich, dass die Kranken, - das Anti-Ikteroides-Serum innerhalb der ersten 3 Krankheitstage erhal- n hatten, nur eine Mortalität von 13,6 Proz. aufwiesen, d. h. 13 Todes- lle bei 95 Erkrankungen, während die Sterblichkeit bei den 75 Fällen, die erst nach dem 4. Tage mit dem Serum behandelt waren, 52 Proz. Detrug (39 Todesfälle). Dies würde mit der längst bekannten Tatsache übereinstimmen, dass die Stegomyia fasciata von einem Gelbfieber¬ kranken während der 3 ersten Fiebertage Blut gesogen haben muss, um eine Infektion hervorrufen zu können. Während derselben Epidemien wurden 783 Gelbfieberfälle, die nicht mit Serum behandelt wurden, beobachtet, von denen 442 starben. Das ergibt eine Mortalität von 56,4 Proz. Wenn sich die Serumbehandlung weiterhin als erfolgreich ausweist, ist ein ungeheurer Fortschritt in der Gelbfiebertherapie erzielt. Es wäre das erstemal in der Geschichte der Spirochätenkrankheiten dass ein Leiden, dem wir bisher therapeutisch machtlos gegenüberstanden, nicht durch Arsenpräparate, sondern durch ein spezifisches Serum er¬ folgreich behandelt werden kann. Noch wichtiger erscheint mir die Prophylaxe, die Noguchi emp¬ fiehlt. Er gibt Injektionen von 2,0 ccm einer abgetöteten Leptospira- ikteroides-ReinkuItur, die mindestens 2 000 000 000 Keime pro Kubik¬ zentimeter enthält. Von 3230 auf diese Weise 2 mal geimpften Per¬ sonen bekam keine das Gelbfieber, während 267 Fälle unter den nicht¬ geimpften Individuen auftraten. Beide Gruppen waren der Infektion in gleichem Masse ausgesetzt in Guatemala, Salvador und Tuxpan. Diese Versuche sollten noch in grösserem Massstabe nachgeprüft werden. Wenn sich die prophylaktische Impfung tatsächlich bewährt, so wäre die grosse Gefahr wesentlich herabgemindert, auf die m. W. M a n s o n zum erstenmal hingewiesen hat. nämlich die Verschleppung des Gelb¬ fiebers von der Ostküste Amerikas durch den Panamakanal nach der Ostküste Asiens, die mit Stegomyia fasciata reichlich versehen ist und in hygienischer Beziehung noch sehr viel zu wünschen übrig lässt. Bei etwaiger Einschleppung des Gelbfiebers nach China und angrenzende Länder wäre es dann nur noch eine Frage von Geld und ärztlichem Personal, um prophylaktisch und therapeutisch erfolgreich Vorgehen zu können. Literatur. A. H. Stimson: Note on an Organism Found in Yellow Fever Tissue. Reports U. S. P. H. S. 22, Part 1, 451, 1907. — Hideyo Noguchi: Etiology of Yellow Fever, Papers I — XIII. Journ. Exper. Med. 29: 547—596, Juni 1919; 30: 1—29, Juli 1919; 30:87—93, August 1919; 30: 401—410, Oktober 1919; 31: 135—168, Februar 1920; 32: 381—400, Oktober 1920; 33: 683—692, Juni 1921. — Noguchi and Kl i gl er: Experimental Studies on Yellow Fever occuring in Merida, Yukutan. Journ. Exper. Med. 32: 601, Nov. 1920 und 627, Nov. 1920. — Noguchi and Kl i gier: Experimental Studies on Yellow Fever in Northern Peru. Journ. Exper. Med. 32: 239 und 253, Febr. 1921. — Hideyo Noguchi: Serum Treatment of Animais Infected with Leptospira icteroides. Journ. Exper. Med. 31: 129, Febr. 1920. — Noguchi and P a r e j a, Wenceslao: Prophylactic Inoculation against Yellow Fever. Journ. Amer. Med. Assoc. 76: 96, Jan. 1921. — Hideyo Noguchi: Prophylaxis and Serum-Therapy of Yellow Fever. Journ. Amer. Med. Assoc. 77: 181 — 185, Juli 1921. Eine Kriegsneurose in ärztlicher Selbstbeobachtung. Von Dr. med. A. Am b old. Alter 27 Jahre. Schon vor dem Kriege ausgesprochene neurasthenische Beschwerden, hauptsächlich zerebral-psychischer und kardiovaskulärer Rich¬ tung (rasche körperliche und geistige Ermüdbarkeit, Insuffizienzgefühl, nasale Reflexneurose mit starker wässeriger Sekretion, Arrhythmie). Wegen der Herzgefässneurose erst 1916 eingezogen. Im Feuer 3 Wochen, sonst beim Feldlazarett oder in der Heimat. Oktober 1818 leichte Grippe ambulant überwunden, seither elend gefühlt. 8 November 1918 nach angreifenden Strapazen völlig erschöpft mit begonnener Pneumonie ins Feldlazarett; am folgenden Tage hochfiebernd mit dem Räumungstransport des Lazarettes in dem Durcheinander des Rückzuges mit Lazarettzug abtransportiert. Hier erwache ich am 3. Tage des Transportes plötzlich mit einem ganz groben Schüttelzittern meiner beiden Arme. Mein erster Eindruck — als ich überhaupt begriffen hatte, was vor sich ging, war Erstaunen, dann meldete sich das psychologische Interesse, sowie auch eine gewisse Genugtuung, denn — über den Zweck des Schiittelns war ich mir als¬ bald klar: manifeste „schwere Krankheit“ sollte die fehlende ärztliche Hilfe (die bei der Ueberlastung des Zuges mit nicht transportfähigen Schwerverwundeten nicht im entferntesten den dringendsten Aufgaben gerecht werden konnte) erzwingen. Nach kurzem Schwanken, ob ich das Symptom in dem angedeuteten Sinne verwerten solle, machte ich mir klar, dass dies Ziel auch direkter zu erreichen sein müsse und unter¬ drückte alsbald das Schütteln, was eine ständige, nicht unerhebliche Kraftanstrengung erforderte. Das Schütteln selbst ermüdete mich trotz meinet elenden Körperverfassung in keiner Weise. Am nächsten Morgen — und dieser Beobachtung wegen ist der sehr klarlievende Fall vielleicht von Interesse — lanen die Arme ruhig, aber der Schüttelmechanismus stand mir völlig nach Belieben zu Gebote: ich konnte ohne Mühe schütteln oder die Arme ruhig halten und ohne weiteres vom einen zum anderen übergehen. Als der Verlauf der Krankheit und die äusseren Geschehnisse mich nach 8 Tagen im Heimatlazarett noch fiebernd und kaum gebessert daran denken liessen. den Schüttelmechanismus wieder zu probieren, stand er mir nicht mehr zu Gebote. Ohne meine ärztliche Kenntnis der Sachlage hätte mir der Schüttel¬ tremor mit seiner Plötzlichkeit und Heftigkeit wahrscheinlich als echte Krankheitsäusserung imponiert. MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT. 312 Aus dem Pharmakologischen Institut der Universität Bonn. (Direktor: Geh. Rat Prof. Leo.) Albertan, ein neues Antiseptikum. Von Prof. Dr. C. Bachem. Neben den jodhaltigen Ersatzpräparaten des Jodoforms hat man neuerdings erfolgreich auch Verbindungen von Aluminium mit an¬ deren Körpern verwendet. Das neueste Produkt auf diesem Gebiete ist das Albertan. Ich habe dieses Präparat durch Herrn H. Har¬ ten scheidt prüfen lassen und es sind die Ergebnisse eingehend in dessen unter meiner Leitung entstandenen (zahnärztlichen) Inau¬ guraldissertation, Bonn 1921, niedergelegt. Albertan besteht chemisch aus einer Verbindung von Aluminium und Phenolalkoholen und ist nach Angabe der herstellenden Fabrik1) als ein Aluminiuinpolyphenylat aufzufassen mit einem Gehalt von 8 Proz. Aluminium. Die Darstellung selbst ist Geheimnis der Fabrik. Das einen chemisch einheitlichen Körper darstellende Präparat ist von neutraler Reaktion und in allen bekannten Lösungsmitteln unlöslich. Albertan ist ein überaus feinkörniges Pulver von graugelber Farbe. Die feine Verteilung der Teilchen ist so gross, dass es leicht gelingt, das Pulver in Staubform der Luft mitzuteilen. Im Gegensatz zu Jodo¬ form ist Albertan völlig geruchlos. Bei der Nachprüfung der Löslichkeit wurde versucht, das Mittel in Wasser, Aether und Alkohol zu lösen, indem die genannten Lösungsmittel 5 Tage lang unter zeit¬ weiligem Schütteln einwirkten. Niemals war indes die geringste Lö¬ sung festzustellen. Wenn demnach überhaupt eine nennenswerte. Dis¬ soziation bei der antiseptischen Wirkung auf Wunden usw. stattfindet, so muss diese ausserordentlich langsam vor sich gehen, was seiner¬ seits wieder eine protrahierte Wirkungsdauer garantiert. Infolge der feinpulverigen Beschaffenheit besitzt Albertan eine grosse Adsorptionsfähigkeit. Hierin scheint ein grosser Vor¬ teil des Präparates zu liegen. Die Adsorptionsfähigkeit wurde durch Entfärbung einer Farbstofflösung geprüft und zwar wurde das Präparat nach dieser Richtung mit zwei anderen Mitteln von hoher Adsorptionsfähigkeit, nämlich weissem Bolus und Tierkohle, verglichen. 10 Reagenzgläser wurden mit je 10 ccm einer verdünnten Methylen¬ blaulösung (0,02 Proz.) gefüllt. Den Lösungen wurde das zu prüfende Albertan zugesetzt und zwar von 0,1 angefangen stufenweise aufwärts bis zu 1 g. Die nach 12 Stunden vorgenommene Filtration zeigte, dass die Methylenblaulösung, der 0,3 g Albertan zugesetzt war, sich vollständig entfärbt hatte, während die Lösung von 0,2 g noch einen bläulichen Schimmer zeigte. Zum Vergleich wurden analoge Versuche mit Bolus alba und Tierkohle angestellt und gefunden, dass die Me¬ thylenblaulösung durch Zusatz von 1 g Bolus alba entfärbt wurde, während bei der Prüfung mit Tierkohle schon die geringe Menge von 0,01 genügte, um eine Entfärbung herbeizuführen. Wenn Albertan also auch nicht die Adsorptionsfähigkeit der Tierkohle erreicht, so übertrifft es in dieser Hinsicht Bolus alba ganz erheblich. Ein weiterer Unter¬ schied zeigte sich bei den genannten Versuchen darin, dass sich am Spiegel der Flüssigkeit dauernd kleine Mengen mit Farbstoff beladener Albertankörnchen absetzten, die wenig Tendenz zeigten, zu Boden zu sinken, was bei Bolus alba nicht der Fall war, dass ferner die Albertan¬ körnchen ungleich länger im Wasser suspendiert blieben als die Bolus¬ körnchen, eine Erscheinung, die ebenfalls zu Gunsten des Albertans spricht. Auch die Kapillarkraft des Albertans wurde in einer zwar etwas rohen, aber für die praktischen Bedürfnisse hinreichenden Form geprüft und zwar in der gleichen Weise, wie dies bereits Diebel2) in seiner Inauguraldissertation (Zur Wundbehandlung mit pulverför¬ migen Substanzen) festgestellt hatte und der auch bezüglich der Me¬ thylenblauversuche zu ähnlichen Resultaten gekommen war. In kleine, vierfach gefaltete gleichgrosse Gazebeutelchen wurde die gleiche, ge¬ nau abgemessene Menge Albertan sowie Bolus und Kohle gegeben. Die Wägung ergab für das Bolussäckchen 8,85 g, das Albertansäckchen 7,25 g und das Tierkohlesäckchen 7,06 g. Die drei Säckchen wurden nun gleichzeitig in ein Gefäss mit Wasser eingetaucht und nach 10 Minuten wieder herausgenommen. Nachdem sie 10 Minuten frei aufgehängt und abgetropft hatten, ergab eine erneute Wägung, dass das Bolussäckchen 38,65 g, das Albertansäckchen 42,50 g und das Kohle¬ säckchen 40,7 g schwer waren. Zusammen mit der Gaze hatte al$o Bolus 29,80 g, die Tierkohle 33,64 g und Albertan 35,25 g zugenommen. Andere Versuche ergaben ähnliche Resultate. — Diese Versuchsanord¬ nung gestattet uns zwar nicht, genaue Schlüsse über die Kapillarkraft der untersuchten Pulverarten zu ziehen; da aber die Prüfung unter den gleichen Versuchsbedingungen stattfand, gibt uns die Anordnung wenigstens ein vergleichendes Resultat. Albertan übertrifft also an Kapillarkraft Bolus alba bei weitem, und selbst die Tierkohle, deren hohe Adsorptionskraft bekannt ist, erreicht nicht die Kapillarkraft des Albertans. Dieb el. der zu den analogen Versuchen statt Wasser Hydrozelenpunktat benutzte, hatte ebenfalls bei der nämlichen Ver¬ suchsanordnung beim Albertan im Verhältnis zu Bolus eine vermehrte Gewichtszunahme beobachtet. In einigen Versuchen wurde sodann die bakterizide Kraft des Albertans festgestellt. Unter den nicht pathogenen Keimen *) Hergestellt von den Chem.-pharmaz. Fabriken Albert & Lohmann, O. m. b. H. in Fahr a. Rhein. 2) J. Diebel: Zur Wundbehandlung mit pulverförmigen Substanzen. Inaug.-Dissert. Berlin, 1921. Nr. 9 wurde Bazillus prodigiosus gewählt, dessen Wachstum sich bekanntlich j durch rötliche Farbe auszeichnet und daher leicht verfolgt werden kann. In einer mit Nähragar beschickten Petrischale wurden die Pro-' digiosus-Kultnren strichweise verimpft und die Impfstriche teils mii dem zu prüfenden Albertan bedeckt, teilweise mit Jodoform, währenc andere Striche zur Kontrolle frei blieben. Nach 24 ständigem. Ver¬ weilen im Brutschrank konnte in beiden Fällen eine geringe Wachs-, tumshemmung beobachtet werden, welche jedoch nach 48 Stunden be den Kulturen unter Einwirkung des Jodoforms bedeutend stärker in dk Erscheinung trat, als unter Albertaneinwirkung. Gleiches Resultat er¬ gaben die Versuche mit Reagcnzglaskulturen mit schräg erstarrten Agar. Von pathogenen Keimen wurden Bakterium coli und der Mikro- kokkus pyogenes aureus in der gleichen Weise mit Albertan (bzw Jodoform) behandelt, wobei sich das gleiche Resultat wie bei den Ver¬ suchen mit nicht pathogenen Keimen ergab. . J Die Giftigkeit des Albertans wurde an Kaninchen in der Weist geprüft, dass die Tiere das Mittel in aufsteigender Menge, mit Wassei aufgeschwemmt, per os erhielten. In Intervallen von 2 Tagen wurde die Einzeldosis bis auf 5 g gesteigert. Während der ganzen Versuchs¬ dauer trat nicht die geringste Störung im Allgemeinbefinden auf, selbs: 5 g schienen keine üblen Wirkungen hervorzurufen. Theoretisch könnt; eingeworfen werden, dass die Phenolkomponente des Präparates eint Ausscheidung von Eiweiss bedingen könnte. Jedoch ergab die tägliche Harnuntersuchung, dass dieser Einwand in praxi unbegründet ist. Auf Grund der angestellten Versuche scheint also die wertvolish Eigenschaft des Albertans die geringe Giftigkeit und grosse Adsorp- tionsfähigkeit zu sein. Bei sezernier enden Wunden wird durcl Albertan eine gründliche Trockenlegung der Wunde in kurzer Zeit er¬ reicht, wodurch eine schnelle Einschränkung der Sekretion erfolgt, wi< aus folgendem Tierversuch hervorgeht: Einem’ Kaninchen wurden durcl Reiben mit grobkörnigem Sandpapier zwei fünfmarkstückgrosse Wun den gesetzt, welche binnen kurzer Zeit starke Sekretion zeigten. E: wurde nun die eine Wunde in dünner Schicht mit Albertan bestreut während die andere Wundfläche zur Kontrolle freiblieb. Bereits naci 12 ständiger Einwirkung war eine deutliche Verminderung der Sekretioi und nach weiteren 12 Stunden eine völlige Austrocknung der Wundt zu beobachten. Dabei war eine Schädigung der Wunde oder ihrer Um gebung in keiner Weise festzustellen. Verschorfung und Epithelisie t rung fand in kurzer Zeit statt. Die Kontrollwunde zeigte nach 24 Stun den noch Rötung und Sekretion, heilte also langsamer als die m: Albertan behandelte. Wenn auch die bakterizide Kraft des Albertans hinter der des Jodo! forms zurücksteht, so entzieht es doch infolge seiner sekretionsvermin. dernden und austrocknenden Wirkung den Bakterien den Nähr bo den und hemmt auf diese Weise deren Wachstum. Inzwischen ist Albertan nun auch klinisch erprobt worden) Nachdem bereits Diebel nach nur 3 — 4 maligem Aufstreuen eim starke Sekretionsverminderung mit Granulationsbildung beobachtet hat) wurde auch aus anderen Krankenhäusern (Universitätskliniken usw. berichtet, dass das Mittel bei zahlreichen Wunden seine Schuldigkeil tut, wobei besonders* auf die austrocknenden Eigenschaften hingewieseij wird. Bei Brandwunden schien es sich besonders zu bewähren. Aul diesem Grunde empfehlen sich auch Alberta n - Brandbinden) die bei Verbrennungen zweiten Grades in Frage kommen und als Er satz der Wismutbinden gedacht sind. Während Albertan selbst ge ruchlos ist, kommen1 ihm ausgesprochen desodorierende Eigenschafte’ zu. Mit seiner sekretionseinschränkenden Wirkung hängt auch di< schnelle Reinigung schmieriger Wunden und Granulationen zusammer Im Anschluss an diese Ausführungen sei noch kurz einer zweite; Verbindung gedacht des Albertan-Wismuts, einer Phenyl Wismutverbindung mit 29 Proz. Wismut. In seinen äusseren Eigen schäften gleicht dieser Körper sehr dem Albertan; er ist aber trot seines Gehaltes an Wismut voluminöser als Albertan. Während voi diesem 20 g einen Raum von 41 ccm einnehmen, füllen 20 g Albertan Wismut einen solchen von 49 ccm. Auch dieses erwies sich im Tier) versuch als praktisch ungiftig und es dürfte vor allem zur Behandlung von Darmerkrankungen, bei denen neben der Wismutwirkung eine uni mittelbar desinfizierende Wirkung erwünscht ist, in Frage kommen Diesbezügliche Versuche werden meines Wissens zur Zeit von anderel Seite angestellt. Ein Beitrag zum Zustandekommen nächtlicher Waden krämpfe. Von Dr. Kurt Ochsenius, Chemnitz. In einem dankenswerten Artikel hat Prof. M ar w e d e 1 - Aachen in Nr. 35 des vorigen Jahrganges dieser Wochenschrift über das Zui standekommen und die Verhütung der nächtlichen Wadenkrämpfc be richtet. Dankenswert ist der Aufsatz deswegen zu nennen, weil ei Kapitel des Alltags, das keinen Anspruch auf hochwissenschaftliche Be deutung erheben kann, für würdig befunden wurde, in dieser Wochen Schrift bzw. in einer Vereinigung von Chirurgen zur Diskussion gestell zu werden, was bisher in der Regel ja leider nur dann zu geschehe pflegt, wenn — wie auch im vorliegenden Fall — der betr. Autor da Leiden am eigenen Körper kennen zu lernen Gelegenheit hatte. Der Wunsch der im praktischen Leben stehenden Kollegen, e möchten in den medizinischen Zeitschriften noch mehr Fragen des Al1 lärz 1922. MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT. 313 ; behandelt werden, hat ja bereits zu einer Aktion geführt, die aller- 1; wohl noch nicht in die Oeffentlichkeit getreten ist. Mit dem er¬ nten Artikel ist ein vielversprechender Anfang gemacht worden; ! l wir darin ein günstiges Omen! v'on jeher sind Selbstbeobachtungen von Aerzten ganz wertvoll ■ 'sen ; es sei mir daher als vorübergehendem „Wadenkrämpfler“ ein ■ gestattet. Dass Ueberstreckung des Fusses im Sinne der Spitz- : tellung am Tage bei mir eine Schmerzhaftigkeit der Wadenmuskula- is zur Dauer von 3 Tagen verursacht, habe ich erst in diesen Tagen < zur Genüge ausprobiert; das will ich dem Autor gerne zugeben. > es resultiert daraus nicht ein nächtlicher Anfall. Zu dieser Dis- iion zu Muskelkrämpfen muss m. E. noch ein auslösender Faktor men. ps sind nun 10 Jahre her, dass ich von dem unangenehmen Krampf :r Muskulatur beider Waden morgens geweckt wurde; er stellte an den nächsten 3 Morgen regelmässig um die gleiche Zeit — ; um A 6 Uhr — wieder ein. In der Lebensweise hatte sich nichts jlert, das Herumlaufen bei den Patienten war stets das gleiche, die ppathie war auch dieselbe. Ich überlegte hin und her, da fiel mein auf das neue Paar Sockenhalter, das am oberen Teil der Wade tigt wird und das ich erst seit 4 Tagen trug. Ich Hess es weg, am Hten Tag kein Krampf; am folgenden Tag wurde es wieder an- \ t, prompt trat der Krampf wieder auf. Seitdem liess ich es ganz und habe keinen Anfall mehr gehabt, obwohl, wie gesagt, die jerzhaftigkeit der Wadenmuskulatur willkürlich durch Ueberexten- ; jederzeit ausgelöst werden kann. Da Wadenkrämpfe im Kindes- . sehr selten sind, bezieht sich meine Erfahrung nur auf Beobach- sn an 2 Bekannten, bei denen der Anfall ebenfalls erstmalig nach ben eines straffen Sockenhalters auf trat. Es würde meines Erachtens erspriesslich sein, wenn auf das aus- ;de Moment bei dem Anfall in Zukunft die Aufmerksamkeit noch i gelenkt würde. Und in diesem Sinne schien mir dieser kurze 1 eis als Ergänzung zu den interessanten Ausführungen berechtigt, 1 ja auch von seiten der Nervenärzte die Kompression der Nerven licht zum wenigsten auch der Gefässe mit der daraus resultierenden hhlechterung der Blutversorgung verantwortlich gemacht wird. Zu Adolf Kussmauls 100. Geburtstage (am 22. Februar 1922.) Von Prof. Dr. W. Fl einer in Heidelberg. (Fortsetzung.) j/or der Gründung einer eigenen Praxis wollte Kussmaul, an- kt vom Ruhme der neuen Wiener Schule, den Meister der pat'ho- ]:hen Anatomie Rokitansky und seinen Schüler, den Kliniker ; d a. in ihren Arbeitsstätten wirken sehen. So reiste er zusammen Feinem Freunde Bronn er im Sommer 1847 nach Wien, wo er Jesenkomplex des allgemeinen Krankenhauses in der Alservorstadt medizinischen Erwartungen durch die Fülle dessen, was er für ; ärztliche Ausbildung vorfand, weit übertroffen sah. In den nnaten des Wiener Aufenthaltes wohnte er 300 klinischen und jhtlichen Sektionen bei, die Rokitansky selbst ausführte und Protokolle der Meister in gedrängter Kürze und doch erschöpfend rte. In der chirurgischen Klinik von Dum reich er sah er die Chloroformnarkose; kurze Aethernarkosen hatte er schon bei er in Heidelberg ausgeführt. Sehr lehrreich fand er die Haut- bei Hebra und den Kurs bei Bednar,, im Findelhause über dieiten der Neugeborenen. In grösster Dankbarkeit und Ver- ig gedenkt Kuss maul in seinen Jugenderinnerungen des treff- l Ignaz Philipp Semmelweis, welcher die beiden Assistenten geles in ihren Studien so viel als möglich förderte und ihnen eltene Erlaubnis verschaffte, sechs Wochen im Gebärhause zu izieren. Kurz vorher — Frühjahr 1847 — hatte S e m m e 1 w e i s, Kenntnis der Mikroorganismen, lediglich auf Grund pathologisc'h- 'tnischer Befunde und klinischer Beobachtungen die Identität der envergiftung und des Wochenbettfiebers erkannt. Mit Vorliebe :c die Seuche im Gebärhause die Abteilung für den Unterricht erzte und verschonte diejenige für den Unterricht der Hebammen. Erklärung lag nahe: die Mediziner beschäftigten sich mit patho- :h-anatomischen Studien im Leichenhause, die Hebammen nicht, fliese Erwägung gestützt, wurde fortan kein Mediziner mehr zu Jsuchungen in der Frauenklinik zugelassen, der sich nicht vorher ältig die Hände mit Chlorkalklösung gereinigt hatte. So ist melweis zum Wohltäter der Menschheit geworden; der Ge- bh des Chlorkalks war der Anfang der Antisepsis und die 'liehe Waschung der Hände der Anfang der Asepsis. Beide baden sind zur Grundlage des Erfolges der chirurgischen Technik I rden. 'as klinische Haupt der neuen Wiener Schule war Skoda, der ante Diagnostiker auf dem Gebiete der Atmungs- und Kreislauf- he. Er bezog die von der Norm abweichenden, perkutorischen Auskultatorischen Schallerscheinungen nicht mehr wie Laentiec wine Schüler direkt und symptomatisch auf bestimmte Krank- A, sondern streng wissenschaftlich nur auf physikalische Verände¬ rt in den betreffenden Organen. Dann wurden die Möglichkeiten dacht, welche pathologischen Zustände das physikalische Verhalten untersuchten Organe verändert haben könnten und zuletzt erst die Diagnose der Krankheit gestellt, welche die pathologisch-anatomi¬ schen Organveränderungen hervorgerufen hatte. Die physikalische Diagnostik stand somit auf einem sicheren, wissenschaftlichen Boden und die klinische Diagnose war ein komplizierter Denkakt, eine logische Schlussfolgerung. Kussmaul besuchte die Skoda sehe Klinik mit höchstem In¬ teresse. fand aber in ihr doch keine innere Befriedigung, denn für Skoda galt nur Diagnostik und pathologische Anatomie, die Heil¬ kunst aber — wenn es sich nicht um mechanische und äussere Ein¬ griffe handelte, wie sie die Chirurgen und Hebra übten — gar nichts. So entstand in Skodas Klinik der therapeutische Nihilismus, denn Lehrer und Schüler vergassen die eigentliche Aufgabe der Medizin: das Heilen. Damit sank die beste aller menschlichen Künste von ihrer Höhe tief herab. Der Ruf wissenschaftlich gebildeter Aerzte litt Schaden in den Augen des Publikums und der Pfuscherei wurden Tor und Tür geöffnet. In Prag, wohin die Freunde gleich nach Weihnachten 1847 zogen, war das anders. Von Professoren und Dozenten freundlich aufgenom¬ men und wie Kollegen behandelt — nicht wie „medizinische ABC- Schützen und Ignoranten“ — fühlten sie sich bald heimisch und hielten die Prager für „bessere Menschen“ als die Wiener. Dem berühmtesten und beliebtesten Lehrer Prags, dem internen Kliniker Oppolzer bewahrte K u s s m a u 1 zeitlebens ein dankbares Gedächtnis. Er schildert den reicherfahrenen, von den humanen Auf¬ gaben der Heilkunst durchdrungenen Mann als einen getreuen Ekkehard in allen Nöten und Gefahren der Praxis und stellte ihn höher als Skoda. Inzwischen war Virchows Stern aufgegangen: seine Kritik von Rokitanskys „Handbuch der pathologischen Anatomie“ und sein Programm, mit dem er das zusammen mit Reinhard heraus¬ gegebene „Archiv für pathologische Anatomie und Physiologie“ er- öffnete, wirkte so mächtig auf K u s s m a u 1, dass er gerne mit Bron- ner gleich nach Berlin gereist wäre, um Virchow zu hören — da erfolgte Ende Februar mit dem Sturze Louis Philipps die Erklärung der Republik in Frankreich. Auch in Deutschland drohte die Revo¬ lution. Das zwang zu rascher Abreise. Glücklich von Prag in die Heimat zurückgekehrt, folgte Kuss- m a u 1 der Aufforderung des badischen Kriegsministeriums zum Eintritt in das Heer, weil bei der unsicheren Weltlage und der erschütterten Ordnung die Zeit zur Gründung einer eigenen Praxis nicht günstig war. Als Feldarzt dem Bat. Holtz in Rastatt zugeteilt, machte Kuss- maul die Heerfahrt der badischen Brigade nach Holstein mit, die aber — bis auf 1 Bataillon — schon im Herbst 1848 zurückberufen wurde, um den Rheinwinkel bei Basel von Staufen bis Wehr zu be¬ wachen, weil S t r u v e und B 1 i n d von der Schweiz aus in der Markgrafschaft die Republik proklamiert und1 bewaffnete Haufen ge¬ sammelt hatten. Als Oberarzt und Leiter des Feldspitals fand dann den Winter über Kuss maul in Lörrach und in Rändern eine befriedigende ärztliche Tätigkeit, die ihm das Vertrauen sowohl1 der Offiziere als auch der Mannschaften und der Bürgerschaft eintrug. Im April 1849 zum 2. Male nach Schleswig Holstein kommandiert, verblieb Kussmiaul dort mit dem Bat. Porbeck, bis dasselbe nach dem' schmählichen Waffenstillstand zwischen Preussen und Dänemark wegen der in der Heimat ausgebrochenen Meuterei1 des badischen Heeres, die den Grossherzog zwang, das Land zu verlassen, heim¬ berufen wurde. Die militärische Laufbahn Kussmauls endete mit einem monate¬ langen, schweren, kaum zu bewältigenden Dienst in der Festung Rastatt. Dort hatte sich das aufständische badische Heer auf Gnade und Ungnade den belagernden Preussen ergeben und wurde zusammen mit bürgerlicher Volkswehr und Freischaren — an 6000 Mann — in die Kasematten abgeführt, wo neben der grössten Not auch' das Stand¬ gericht herrschte. Endlich kam Ende Dezember 1849 der schon lange erbetene Abschied und die grossherzoglich badische Felddienstmedaille für treuen Dienst im Heere. In K a ti d e r n hatte Kussmaul ein so gutes Andenken hinter¬ lassen, dass man nach dem Wegzug des einen der beiden dort prak¬ tizierenden Aerzte ihn aufforderte, die Stelle des Abgegangenen ein¬ zunehmen. In den ersten Tagen des März 1850 folgte er dem will¬ kommenen Rufe, denn, „an der Schlei und der Eider hatte er oft sehn¬ süchtig der herrlichen Landschaft in der badischen Heimat oben bei Basel gedacht, wo der Rheinstrom nach dem Norden sich wendet und Wiese und Kander, die munteren Töchter des Schwarzwaldes, sich mit ihm vermählen. Der gesegnete Winkel umschliesst die Aemter Lör¬ rach, Schopfheim und Müllheim, den südlichsten Teil der altbadischen oberen Markgrafschaft, das Heimatland Hebels, verklärt vom Schim¬ mer der Poesie. Ein Volk alemannischen Stammes, regen und betrieb¬ samen Geistes bewohnt die schönen Gauen“ (Jugenderinnerungen, S. 451/2). Es gelang ihm rasch, Vertrauen und Praxis zu erwerben. Die ärztliche Tätigkeit gewährte ihm volle Befriedigung und ein mehr als ausreichendes Einkommen. Jetzt war der feste Boden gefunden, wo¬ rauf er den eigenen Herd gründen und die seit 4 Jahren mit rührender Geduld „des fahrenden Doktors“ harrende Braut heimführen konnte. Da starb plötzlich der verehrte Vater und die Hochzeit musste ver¬ schoben werden, bis der Herbst ins Land zog. Nach 3 Jahren reinsten Glückes fand die Tätigkeit in Rändern ihren jähen Abschluss. Den ungeheuren Strapazen einer an Umfang immer mehr zunehmenden Praxis in der gebirgigen Gegend zur strengen Winterzeit waren die Kräfte K u s s m a u 1 s auf die Dauer nicht ge- 314 MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT. Ni) wachsen. Im Februar 1853 lähmte ihn eine schwere, rheumatische „Meningitis lumbalis“ und fesselte den jungen Arzt monatelang ans Krankenbett oder auf den Fahrstuhl. Er sah sich gezwungen, die Landpraxis aufzugeben. Als aber mit dem Gefühle der wiederkehrenden Gesundheit neuer Lebensmut erwachte, tauchte aus den Sorgen wieder das Ideal der Studienzeit auf: die akademische Laufbahn. Die Fähigkeit hierzu hat zuerst N a e g e 1 e, der Geburtshelfer, bei seinem hoch- begabten Schüler Kussmaul erkannt, als dieser, noch vor dem Staatsexamen, bei ihm Assistent war. Der Vorschlag erschien aber Kuss maul damals aus Mangel an Mitteln unausführbar In Wien und Prag erweckte die Freude an der medizinischen Wissenschaft aufs neue die Idee bei Ku s s m au 1, sein Glück als Dozent in Heidelberg zu versuchen; der Ausbruch der Revolution zerstörte aber diesen hochstrebenden Zukunftsplan. Erst bei der Genesung von schwerer Krankheit zeigte sich die Möglichkeit zur Verwirklichung der Idee, war Kussraaul doch durch die in der Praxis erworbenen Mittel in den Stand gesetzt, noch einmal für einige Semester auf eine Uni¬ versität zu gehen. Er dachte s>ich nunmehr die pathologische Anatomie, die durch Virchow eine neue Gestalt und reichen Inhalt gewonnen hatte, als künftiges Lehrfach und zog deshalb nach Würzburg, wohin Virchow von Berlin berufen worden war. In Würzburg immatriku¬ liert, beschäftigte Kussmaul stich bei Virchow. Koelliker und Scherer vorwiegend mit anatomischen, physiologischen, chemischen und pathologisch-anatomischen Studien und besuchte die Kliniken nur ab und zu aus Neugier, ihre Leiter lehren zu sehen. Virchow nahm grosses Interesse an Kussmaul, riet ihm aber mehr zum klinischen Lehrfache, als zum pathologisch-anatomischen und empfahl ihn zuerst an Griesinger in Tübingen und, da dessen mit einem Dozenten zu besetzende Assistentenstelle inzwischen ver¬ geben war, hernach an Hasse in Heidelberg, den Nachfolger P f e u f e r s. Nach erfolgter Promotion im Sommer 1854, bei welcher ihm sein Freund Nikolaus Friedreich, der nachmalige Heidelberger Kliniker, opponierte, verliess Kuss maul Würeburg und wandte sich nach Illenau, der Badischen Landes-Heil- und Pflegeanstalt, um unter Rollers Leitung sich praktische Erfahrungen in der Psychiatrie zu sammeln. In der Illenauer Bibliothek stiess Kussmaul beim Stu¬ dium eines psychiatrischen Werkes von J a k o b i - Siegburg auf Ver¬ suche über die Kompression der Karotiden zu Heilzwecken. Es traf sich gut, dass ein früherer Assistent J a k o b i s, der später auf so tra¬ gische Art aus dem Leben geschiedene Gudden zugleich mit Kuss¬ maul in Illenau weilte und diesem das in Siegburg oft geübte Ver¬ fahren zeigen konnte. Wie vom Schlage gerührt verliert ein Mensch, sobald die Blutbahn seiner Karotiden gesperrt wird, das Bewusstsein und den willkürlichen Gebrauch seiner Muskeln, denn die von den Wirbelarterien zugeführte Blutmenge reicht nicht aus, die Funktionen des Gehirns zu unterhalten. Kussmaul brachte diese Beobachtungen zusammen mit den berühmten Versuchen Claude B e r n a r d s, die dieser 2 Jahre zuvor über die Verrichtungen des Halssympathikus angestellt hatte. Auf Durchschneidung, also Lähmung, und auf elektrische Rei¬ zung des Halssympathikus am Schnittende des Kopfteils traten mit gesetzmässiger Regelmässigkeit bestimmte Veränderungen in der Blut¬ fülle, Farbe und Wärme der entsprechenden Kopfhälfte und bestimmte Bewegungen am Auge der gleichen Seite ein, welche Donders, de Ruyter, Schiff und Virchow aus der vasomotorischen Natur des Halssvmpathikus erklärten. Falls nun, sagte sich Kuss¬ maul, die Annahme eines besonderen vasomotorischen Nervensystems richtig war, so musste es gelingen, dieselben Erscheinungen am Kopfe, die man durch Lähmung oder durch Reizung des sympathischen Halsnerven hervorrief, durch einfache mechanische Sperrung und Wiederherstellung des Stromlaufes in den grossen Schlagadern, die den Kopf mit Blut versorgen, zu erzielen.“ Vom Gedanken erfüllt, „mit der Leuchte des physiologischen Versuches in der Hand in die dunkle Provinz der Pathologie der Zirkulationsstörungen des Gehirns siegreich vorzudringen“, zog Kussmaul von Illenau nach Heidelberg, um da sein Glück als Dozent zu versuchen. Aus der in Illenau konzipierten Idee entsprangen drei wichtige experimentelle Arbeiten, die im Laboratorium von Dr. B o r n- träger ausgeführt wurden, bei welchem Kuss maul chemische Analyse belegt hatte. Die erste: „Untersuchungen über den Einfluss, welchen die Blutströmung auf die Be¬ wegungen derlrisund anderer Teile des Kopfes aus¬ übt“ nahm einen grossen Teil des Winters 1854/55 in Anspruch. Sie wurde der Würzburger Fakultät als Dissertation vorgelegt und fand Aufnahme in den Verhandlungen der physikalisch-medizinischen Ge¬ sellschaft dortselbst (Nr. 1. VI, 1855). Die zweite: „Ueber den Einfluss der Blutströmung in den grossen Gefässen des Halses auf die Wärme des Ohrs beim Kaninchen und ihr Verhältnis zu den Wärmeveränderungen, welche durch Lähmung und Reizung des Sympathi¬ kus bedingt werden“2) erfolgte unter Mitarbeit der Studenten T e n n e r und B ü 1 a u, und die dritte Arbeit: „Untersuchungen über Ursprung und Wesen der fallsuchtartigen Zuk- kungen bei der Verblutung, sowie der Fallsucht überhaupt“3) von Kussraaul und T e n n e r war der Glanzpunkt jener experimentellen Arbeitsperiode; sie hat die Lehre von der Epilepsie 2) Moleschotts Untersuchungen zur Naturlehre I. 3) Ibidem III. mächtig gefördert und bewiesen, dass manche Formen der Fällst in einem Krampfe der Gefässmuskeln der Hirnarterien beruhen. Die Habilitation in Heidelberg war mit manchen Schwierigke verknüpft: die alte Fakultät war nicht mehr da, mit Ausnahme Chelius, und der neuen war Kuss maul bei seiner Wieder nach Heidelberg ein Fremdling. Der schöne Traum vom Lehrfache pathologischen Anatomie schwand gleich nach dem ersten Besuche Hasse, denn dieser war an eine ältere Abmachung gebunden. Theodor v. Dusch, den nachmaligen Polikliniker, Sohn des i maligen badischen Staatsministers A. v. Dusch und Schwiegers des Chemikers G m e 1 i n. Hasse konnte somit Kussmaul in sei Vorhaben, trotz Virchows Empfehlungsbrief nicht stützen. Der N a e g e 1 e, Kussmauls väterlicher Freund war verstorben und der Augenheilkunde hatte sich Kussmaul schon in Wien und 1 abgewandt, weil ihm die sichere Hand für die feinen Operationen Auge versagt war. So wandte er sich dann, auf den Rat seines a Gönners Chelius der Pharmakologie und Toxikologie und nahm daneben noch gerichtliche Medizin- und Psy i a t r i e in Aussicht, denn es traf sich geschickt, dass damals ge die Stelle eines Assistenzarztes beim Physik Heidelberg frei wurde, um welche sich Kussmaul bewarb, wurde ihm am 30. April 1855 übertragen. Hierzu haben ihm sic neben der psychiatrischen Ausbildung in Illenau, einige Veröff lichungen aus der Praris vieles geholfen: z. B. die Arbeit über endemische Wurstvergiftung, die er zusammen mit sei Vater, vor dem Eintritt in das badische Heer im Frühjahr 1848 in W loch beobachtet und samt Leichenbefunden in der Zeitschrift der I sehen Aerzte für Staatsarzneikunde erscheinen Hess und die Arbc über „P o 1 y o s t i t i s“ — die wohl die erste Beschreibung der ak Osteomyelitis war — , über „K o n t a g i o s i t ä t und B e h a n dl i der Ruh r“, über „Septische Stomatitis“ und über den dominaltyphus in der Umgebung vonKandern , di- alle als praktischer Arzt in Kandern verfasst und zumeist in den teilungen- des badischen ärztlichen Vereins publiziert hat. Da die Würzburger Dissertation zur Habilitation in Heidelberg r galt, musste Kussmaul hier nochmals in einem Kolloquium vor Fakultät den Nachweis guter Kenntnisse liefern. Eine besondere Hr tationsschrift wurde ihm aber erlassen, weil er seinerzeit die demische Preisfrage gelöst und1 die Abhandlung „Ueber die Far1 erschein-ungen am Grunde des menschlichen Auges“ als Druckse herausgegeben hatte. Endlich erfolgte am 14. Juli 1855 nach Abhai einer, von der scholastischen Aera übernommenen öffentlichen Di tation die Habilitation: die venia legendi wäre aber noch bei’ gescheitert an der frivolen Art, mit welcher ein Opponent — de Name Kussmaul zwar verschwiegen, aber nie vergessen ha die achte These angriff und auf regierende Häuser überleitete: „Die unter Verwandten ist aus sittlichen, nicht aus physiologischen Grüi verwerflich“ (Kussmaul: Aus meiner Dozentenzeit, S. 37). politische und kirchliche Reaktion war eben damals so mächtig, kurz vor Kussmauls Habilitation freie Denker wie Kuno F i s ei und 0. Moleschott des Rechts beraubt wurden. Vorlesungei halten. Den Studenten hatte die interessante Disputation Kussma besser gefallen als der Fakultät, er fand deshalb schon bei der ei Vorlesung über Arzneimittellehre, die er nur auf dem schwr Brett ankündigen konnte, weil das Vorlesungsverzeichnis für das Wr semester 1855/56 schon gedruckt war, volle Bänke. Gut besucht auch das im Sommersemester 1856 gelesene Publikum über die Hr fragen der Biologie, das er ungefähr in der Art von Bi chats cherches phvs-iologiques sur la vie et la mort“ gestaltete. Dann fol Vorlesungen über Toxikologie, gerichtliche Anthropologie, Psychi für Mediziner und- Juristen, gerichtliche Medizin für Juristen, ger liehe Medizin und Toxikologie für Mediziner — die Toxikologie meinsam mit Dr. Bornträger — und über allgemeine Patholi insgesamt 9 verschiedene Vorlesungen in 7 Semestern, eine g e v tige Leistung neben- experimentellen Arbeiten und beruh Tätigkeit. Kussmauls Lehrmethode entsprach wohl am meisten ! Go eth eschen Vorschrift, die er seinen Faust dem Wagner and fehlen Hess: Such’ Er den redlichen Gewinn. Sei er kein schellenlauter Tor! Es trägt Verstand und rechter Sinn mit wenig Kunst sich selber vorj Doch lasse ich Kussmaul über seine Vortragsweise Selber re habe ich doch nicht das Glück gehabt, ihn noch in der Klinik zu hi „Der freie Vortrag ist mir nicht leicht geworden; ich brauchte' Mühe Zeit und Uebung, bis ich mir eine Redefertigkeit, wie sie1 Dozent besitzen muss, erwarb . “ „Anfangs arbeitete ich meine Vorträge sorgfältig auf dem Papier, bis ich erkannte, dass ein wissenschaftlicher Aufsatz und ein wisj schaftlicher Vortrag recht verschiedene Dinge sind.“ Seine L1 in Heidelberg batten ihre Werke immer noch vorgelosen. „Der Leser mag sich nach Lust Zeit zum Verständnis 'I Aufsatzes nehmen, _ der Hörer kann das nicht. Der Vortrag wehrt dem Hörer jede Zerstreuung und zwingt ihn, auf jedes Wor- nau zu merken und den Gedankengang mitzugehen, er bedarf Sprache, die ihn fesselt durch Lebhaftigkeit. Bestimmt! des Ausdruckes und sicheres Denken, Lange, wenn auch kunstvolle Perioden, die den Leser viell ‘entzücken, ebenso ein allzu gleich massiger, 'wenn auch wohlgese1 Gang der Darstellung, der den Leser anspricht, aber den H f MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT. 315 V 1 März 1 922. ischläfert, taugen für den Vortrag nicht. So begreift man auch, warum >le Gewohnheiten des Lehrers, wie z. B. das Zupfen am Bart, das iuspem, das Einlegen sinnloser Flickworte u. dgi. m., den Hörer an r fortgesetzten Aufmerksamkeit, die der Vortrag verlangt, nicht zer- reuen und schädigen dürfen. „Um meinen Zweck zu erreichen, beschränkte ich mich deshalb bald rauf, mein Thema auf dem Papier nur zu ordnen und arbeitete auf eser Grundlage den Vortrag darüber im Kopfe aus. Ich sagte mir ihn, if und abgehend, so lange laut oder halblaut vor, bis er sich glatt ie ein Faden von der Spule abwickelte.“ „Ab und zu gönnte ich den Zuhörern eine Ruhepause, um sie vor müdung zu schützen und frisch zu erhalten . Auch behielt ich eine Zuhörer stets im Auge, um aus ihren Mienen zu entnehmen, ob 2 dem Vortrage mit Verständnis folgten . Kurz vor dem Vortrage irfte ich mich nicht mit Memorieren und Aufsagen quälen, auch nicht irher stundenlang in der dumpfen Stube sitzen: am besten geriet der prtrag, wenn ich mich vorher ein Stündchen im Freien erging. Trotz redlicher Mühe, die ich mir gab, habe ich es aber nie zum liprovisator auf dem Katheter gebracht, denn so lange ich lehrte, usste ich mich auf jede Vorlesung vorbereiten, der klinische Unter¬ st allein liess eine Vorbereitung nur teilweise zu.“ Aus seinen Vorlesungen hat Kussmaul manche Anregungen zu men Arbeiten geschöpft. Die Untersuchungen über Toten- und hloroformstarre, auch diejenigen über Zerreissung der arotiden beim Erhängen entstammen der gerichtlichen Medi- n und die Untersuchungen über die GiftwirkungdesFliegen- ihwammes, bei welcher, nach Maschkas Angaben, die Toten¬ arre fehlen sollte, der Toxikologie. (Die Totenstarre fehlt aber bei esen Pilzvergiftungen nicht, wohl tritt dieselbe aber sehr schnell auf id verschwindet auch nach wenigen Stunden wieder: Maschka heint demnach nur zu spät beobachtet zu haben.) Das berühmte Buch >er die Bildungsfehler der Gebärmutter verdankt Kuss- a u 1 seiner gerichtsärztlichen Stellung in Heidelberg. Die amtliche Jktion einer im 3. Monat ihrer ersten Schwangerschaft unter den Er- .heinungen einer inneren Verblutung gestorbenen Frau, welche die achbarschaft für vergiftet hielt, ergab eine linksseitige Eil eit er- chwangerschaft und innere Verblutung durch Berstung des mchtsackes. Merkwürdigerweise enthielt aber der linke Eierstock ;in Corpus luteum, während der rechte zwei solcher aufwies, von eichen der eine dem Zustand in den ersten Schwangerschaftsmonaten ltsprach. Das Ei, welches sich im linken Eileiter entwickelte, musste also )m rechten Eierstock, wo es erzeugt worden war, quer durch die Ge- irmutter hindurch in den linken Eileiter hinübergewandert sein. Eileiterschwangerschaften hatte man fälschlicherweise auch bei inigen Präparaten der Heidelberger anatomischen Sammlung an- mommen. Ein genaueres Studium lehrte aber K., dass es sich hier n Schwangerschaft in einem mangelhaft entwickelten Nebenhorn einer inhörnigen Gebärmutter handelte. Diese Entdeckung gab ihm Ver¬ fassung zum Studium der Entwicklungsgeschichte und hysiologie der einhörnigen Gebärmutter. Auch wies r nach, dass die Schwangerschaft in Nebenhörnern fast ausnahmslos, ach noch an der Leiche, für Eileiterschwangerschaft gehalten wurde, »en Abschluss des Werkes bildete eine Abhandlung über Nach- mpfängnis, ein für Physiologen und Juristen gleich anziehendes hema, das in innigem Zusammenhang mit der Verdoppelung der Ge- ärmutter steht. Die Monographie ging unter dem Titel „Vondem Mangel, der erkümmerung und Verdoppelung der Gebärmutter, on der Nachempfängnis und der Ueber Wanderung es Eies, mit 58 Holzschnitten (Würzburg, Stahels Verlag, 1859) in ie Welt hinaus, verbreitete Kussmauls Ruhm und galt noch 1900 ach Hegars Beurteilung, als eine fundamentale Arbeit, welche der iynäkologie ein neues Gebiet erschlossen und allgemeine Bedeutung ewahrt hat. Das letzte Werk aus der fruchtbaren Dozentenzeit Kussmauls l Heidelberg bildeten die „Untersuchungen über das eelenleben des neugeborenen Mensche n“. In seinen Vorlesungen über die Seelenstörungen, als1 welche K. die 'sychiatrie angekündigt hatte, empfand er es als einen Mangel, dass isher niemand jener Frage nähergetreten war. Die Philosophen Kant jind Hegel bemassen das Seelenleben des Neugeborenen übermässig och. Mich eiet, der Hegelianer, nannte sogar das Schreien des Neu- eborenen das Entsetzen des Geistes über das Unterworfensein unter he Natur; Aerzte und Naturforscher dagegen sprachen dem neu- eborenen Menschen jede Spur von Intelligenz ab; Karl Vogt be- auptete sogar, dass derselbe auf einer tieferen Stufe geistiger Be- abung, stehe, als jedes andere Säugetier. Kuss maul hat durch Ex- erimente und Beobachtung diese Widersprüche aufgeklärt und eine uverlässige Grundlage geschaffen, auf welcher die Psychologie weiter¬ auen konnte. Die grosse Bedeutung des inhaltsreichen kleinen Büch¬ eiris, das 1859 bei Winter in Heidelberg erschien, ist erst später voll- uf gewürdigt worden: 1885 und 1896 hat dasselbe neue Abdrücke durch Jietzker in Tübingen erfahren. Die Dozentenzeit Kussmauls in Heidelberg fiel in die grösste , nd ruhmreichste Periode, welche die Ruperto-Carola in den fünf Jahr- mnderten ihres Bestehens erlebte. Seit 1852 wirkte in ihr B u n s e n, er grosse Chemiker und seit 54 neben ihm sein Freund K i r c h h o f f, er grosse Physiker, und 1858 wurde durch die Berufung von H e 1 m - oltzauf den nunmehr von der Anatomie abgetrennten und selbständig Nr. 9. gewordenen Lehrstuhl der Physiologie ein Triumvirat geschaffen, wie es an der gleichen Universität wohl noch nie vorgekommen ist. Kussmaul hat ein Semester lang K i r c h h o f f s Vorlesung über Elektrizität und in einem anderen diejenige von Helmholtz über die Sinnesorgane und das Nervensystem regelmässig besucht. Auch trat er mit vielen, später berühmt gewordenen jüngeren Gelehrten aus aller Herren Länder, die in den Laboratorien der genannten drei grossen Männer wissenschaftlich arbeiteten, in nähere Beziehungen. Um nun einen regen Gedankenaustausch über die Bestrebungen und Arbeiten zwischen den jüngeren Naturforschern und Aerzten zu ermöglichen, gründete Kussmaul, unterstützt von Kekule, dem Chemiker, Wundt, dem Physiologen und späteren Philosophen, und von Can- t o r, dem Mathematiker, am 24. Oktober 1856 den Naturhisto¬ risch-medizinischen Verein, den auch die älteren Profes¬ soren werktätig unterstützten: eine Schöpfung, die heute noch besteht und in der wissenschaftlichen Welt grosses Ansehen geniesst. Mit der Berufung Friedreichs nach Heidelberg, im Frühjahr 1858, mit welchem ihn schon seit der Würzburger Studienzeit eine innige Freundschaft verband, trat Kussmaul der inneren Klinik und damit seinem eigentlichsten Berufe wieder näher und war, solange er noch in Heidelberg weilte, Friedreichs treuer Begleiter bei den klinischen Visiten und regelmässiger Gast in der Klinik. Auf der Versammlung deutscher Naturforscher und Aerzte im Sep¬ tember 1857 in Bonn hatte K u s s m a u 1 durch seine wohlgelungenen Experimente über die vasomotorischen Funktionen des Halssympathikus und über die fallsuchtartigen Zuckungen das Auge des Erlanger Ana¬ tomen Ger lach auf sich gezogen und bei näherer persönlicher Be¬ kanntschaft -dessen Sympathie erworben. G e r 1 a c h glaubte schon da¬ mals in dem jugendlichen Forscher Kussmaul den richtigen Mann für die Nachfolgerschaft des, einem Siechtum verfallenen. Klinikers Dittrich gefunden zu haben und bewirkte nach des letzteren Tode die Berufung Kussmauls an die innere Klinik in Erlangen im Jahre 1859. (Schluss folgt.) Für die Praxis. Behandlung und Prognose der akuten Mittelohrentzündung. Von Scheibe-Erlangen. Die grössere Hälfte der akuten Mittelohrentzündungen heilt ohne Durchbruch des Eiters, allein durch Resorption (imperforative Form). In der kleineren Hälfte der Fälle wird mehr Sekret gebildet, als die Mittelohrräume zu fassen vermögen, und es kommt zum Durchbruch (perforative Form). Es besteht nicht, wie man früher annahm, ein prinzipieller, sondern nur ein gradueller Unterschied, deshalb ist auch die früher übliche Trennung in Katarrh und Eiterung jetzt fast allgemein aufgegeben. Man kann es aber der imperforativen Form nicht ansehen, ob sie nicht doch noch zum Durchbruch führen wird. Hiebei kommt aber nicht lediglich der Durchbruch durch das Trommelfell in Betracht. Dieser kann auch durch den Knochen erfolgen, sei es nach aussen, sei es nach innen. Aus rein praktischen Gründen, besonders mit Rück¬ sicht auf die Behandlung, ist es aber zweckmässig, die Unterscheidung in perforative und nicht perforative Otitis media bei¬ zubehalten Wichtiger noch ist die Einteilung in genuine und sekundäre Mittel¬ ohrentzündung und zwar im Hinblick auf die Verschiedenheit der Pro¬ gnose. Es ist deshalb notwendig, auf diesen Unterschied näher ein¬ zugehen. Man nennt die Otitis mit einem nicht gerade glücklich gewählten Ausdruck „genui n“, wenn sie nach operativen Eingriffen in der Nase, nach Katarrh, Angina, oder ohne bekannte Ursache, also im sonst widerstandsfähigen Organismus eintritt. Zwei Drittel der genuinen Mittelohrentzündungen heilen ohne Durchbruch nach aussen. Wenn eine Perforation des Trommelfells ein¬ tritt, so ist sie unsichtbar klein und gewöhnlich nur an der Wucherung ihres Randes oder dem Heraussickern des Sekretes zu erkennen. Als Loch ist sie nur dann zu sehen, wenn der Durchbruch in einer zufällig bestehenden Narbe oder in einer atrophischen Stelle erfolgt. Niemals entstehen zwei Perforationen; ebenso vereitern die zugehörigen Lymph- drüsen nie. Infolge der starken Reaktion der Schleimhaut entsteht häufig Retention in einer oder einigen Zellen, d. h. ein Empyem. Der unter Druck stehende Eiter bricht sich meist durch die Knochenwand Bahn. Dies geschieht durch Knocheneinschmelzung bzw. durch rarefi- zierende Otitis, dagegen sehen wir im sonst wiederstandsfähigen Organismus keine Nekrose des Knochens. Bei freiem Abfluss aus allen Zellen ist keine endokranielle Komplikation zu befürchten. Als „sekundär e“ Eiterungen bezeichnet man die nach be¬ stimmten Allgemeinkrankheiten. Sie sind ausgezeichnet durch mangel¬ hafte Reaktion der Schleimhaut: es kann zu nekrotisierender Ent¬ zündung kommen. Nur ein kleiner Teil der sekundären Form — etwa Yz — heilt ohne Durchbruch des Trommelfells, dabei sind die Influenzafälle mit eingerechnet, die von den sekundären am meisten Aehnlichkeit mit den genuinen haben. Es können zwei oder mehr Perforationen entstehen, die oft als mehr oder weniger grosse Löcher sichtbar sind. Wie das Trommelfell, kann auch die Schleimhaut nekro¬ tisch zerfallen. Infolgedessen kann es auch zur Nekrose des Knochens kommen, und zwar — was hervorgehoben werden muss — mit Vorliebe gerade bei vollständig freiem Abfluss. 5 316 MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT. Nr. 9. Die Drüsen können vereitern. Zu Empyem kommt es infolge der geringen Schwellung der Schleimhaut sehr selten, dagegen können endokranielle Komplikationen auch bei vollständig freiem Abfluss ent¬ stehen. Um Missverständnisse zu vermeiden, sei betont, dass in Fällen von leichten Allgemeinkrankheiten die erwähnten Unterschiede nicht auitreten müssen; auch sind es nicht alle Allgemeinkrankheiten, die diesen Unterschied im Verlauf bedingen, sondern nur die sog. kon¬ sumierenden Allgemeinkrankheiten, insbesondere die akuten Infektions¬ krankheiten und die Tuberkulose. Die nicht mit Abmagerung einher¬ gehenden Allgemeinkrankheiten, wie Chlorose, Arteriosklerose und Gicht, lassen diesen Einfluss auf den Verlauf der Mittelohreiterungen nicht erkennen. Zum Verständnis des klinischen Verlaufs müssen noch folgende drei pathologisch-anatomische Tatsachen besonders betont werden: 1. Die Mittelohrentzündung erstreckt sich nicht nur auf die Haupt¬ räume, sondern immer auch auf alle oder die meisten peripheren pneu¬ matischen Zellen. Es besteht also in jedem Falle eine Mitbeteiligung des Warzenteils, also gleichsam eine Mastoiditis. Die beliebte Be¬ zeichnung „Mastoiditis“ für die Retention im Warzenteil und deren Folgen ist deshalb irreführend. 2. Die Entzündung betrifft nicht bloss die Schleimhaut und deren tiefste periostale Schicht, sondern greift vom Periost aus auch auf die benachbarten Markräumc über. Dies ist der Grund, warum so oft gleich im Beginn eine Druckempfindlichkeit des Warzenteils, also des äusseren Periosts, sich einstellt. 3. Die Entzündung erstreckt sich nicht nur auf die Räume des Mittelohrs, sondern auch auf die Nachbarräume, Gehör¬ gang, Labyrinth und Schädelhöhle. Das geht aus dem zweiten Satz hervor. Am besten sieht man dies im knöchernen Gehörgang, noch ehe das Trommelfell durchbricht. Die Mitbeteiligung der Schädel¬ höhle können wir aus dem häufigen einseitigen Kopfweh und die des Labyrinths aus dem häufigen starken Sausen, der Einengung der oberen Tongrenze und den nicht seltenen Schwindelanfälleü schliessen. Bis zum Entstehen einer Pachymeningitis externa aber oder einer Laby¬ rinthitis ist noch ein ebenso weiter Weg, wie bis zur Entstehung eines subperiostalen Abszesses auf dem Warzenteil. Die Diagnose der akuten Mittelohrentzündung bietet dem Prak¬ tiker meist keine Schwierigkeiten. Schwer ist sie nur dann, wenn gleichzeitig ein Furunkel des Gehörgangs besteht. Allerdings, wenn Per¬ forationsgeräusch zu hören ist oder Schleim in der Spülflüssigkeit schwimmt, oder wenn Druckempfindlichkeit des ganzen Warzenteils vorhanden ist, kann kein Zweifel aufkommen. Fehlen alle diese An¬ zeichen, so lässt sich für die Diagnose häufig ein Symptom verwerten, das merkwürdigderweise bisher fast in keinem Lehrbuch Erwähnung findet. Es ist das der Ohrschmerz bei Ruktus. Er entsteht durch Kon¬ traktion eines Binnenmuskels in der Paukenhöhle und fehlt im Beginn der Mittelohrentzündung nur selten. Aber man muss darnach fragen, da die Kranken ihn von selbst fast niemals erwähnen, Behandlung. Am wichtigsten ist die A 1 1 g e m e i n b e h a n d 1 u n g. Ueber sie bestehen keine nennenswerten Meinungsverschiedenheiten. Im Vorder¬ gründe steht das Vermeiden von Schädlichkeiten, wie kör¬ perliche und geistige Anstrengung und Alkohol. Wenn man bedenkt, dass 62 Proz. Männer und nur 38 Proz. Frauen den Ohrenarzt wegen Mittel¬ ohrentzündung aufsuchen, so ist das sicherlich dem Umstande zuzu¬ schreiben, dass durch die obengenannten Schädlichkeiten „Kongestion“ nach dem Kopfe und damit eine Verschlimmerung des Ohrenleidens her¬ vorgerufen wird. Stuhlverstopfung soll aus dem gleichen Grunde be¬ kämpft und die Tieflage des' Kopfes vermieden werden. Gewöhnlich hat es der Kranke Helion selbst herausgefunden, dass Schmerzen und Ausfluss geringer sind, wenn er ausserhalb des Bettes ich befindet, oder im Bette durch ein paar Kissen die Kopflage erhöht. Ueber die Lokalbehandlung herrschen die verschiedensten Ansichten — kein Wunder, da die meisten Mittelohrentzündungen, be¬ sonders die genuinen, ohne, ja selbst trotz falscher Lokalbehandlung heilen. Am wenigsten Widerspruch werde ich wohl finden, wenn ich bei der imperforativen Form empfehle, gegen Schmerzen 10 proz. Karbol¬ glyzerin einzuträufeln, obgleich diese Behandlung vielleicht den wenig¬ sten Einfluss hat; aber der Kranke kommt damit am leichtesten über die schmerzvollen Nächte hinweg, ohne den Arzt in seiner Nachtruhe zu stören. Daneben empfiehlt es sich, Morphium, Aspirin u. dgl. gegen die Schmerzen zu verordnen. Nicht nur gegen die Schmerzen, sondern gegen die Entzündung selbst soll der Eisbeutel helfen, besonders wenn Druckempfindlichkeit des Warzenteils oder Klopfen besteht. Viele Ohrenärzte verordnen zwar warme Umschläge und erwarten von ihnen wohl Vermehrung der Eiterung und Durchbruch nach aussen: damit dürfte aber auch stärkere Schwellung verbunden sein. Das wollen wir aber gerade vermeiden. Am festen ist die Heilung ohne Durchbruch des Trommelfells und ohne Retention in den Zellen. Die dankbarsten Fälle in der Praxis sind die, welche nach fortgesetzten warmen Um¬ schlägen mit Schwellung hinter der Muschel zum Arzt kommen. Hier geht die Schwellung auf Eisbeutel noch verhältnismässig häufig zurück. Eine ebenso grosse Streitfrage ist die Luftdusche, obgleich durch zwei überzeugende Statistiken von Brieger und Denker nachgewiesen ist, dass die mit Luftdusche behandelten Fälle schneller heilten als die. bei welchen sie weggelassen wurde. Nur soll man sie nicht gleich in den ersten Tagen anwenden, da sic. ebenso wie der Schneuzakt, Schmerzen hervorrufen kann. Bei Druckempfindlichkeit sieht man dieselbe manchmal direkt nach der Luftdusche entschieden geringer werden oder ganz verschwinden. In die Augen springend ist auch bisweilen darnach die Hörverbesserung. Vor allem aber jrieht man die günstige Wirkung der Luftdusche bei den perforativen Fällen, wenn sie Eiter aus der Paukenhöhle in den Gehörgang schleudert. Sie ist dem V a 1 s a 1 v a sehen Versuch vorzuziehen, da bei ihm Stauung im Kopfe entsteht. Die Bedenken, welche gegen die Luftdusche vor- gebracht werden, sind rein theoretischer Natur und brauchen hier nicht erörtert zu werden. . ,11 Auch die Frage der Anwendung der Parazentese ist strittig und wird es noch so lange bleiben, bis die Lehre von der Entstehung des Empyems der Warzenzellen Allgemeingut der Ohrenärzte geworden ist. Nach meiner Erfahrung, die sich mit der von Zaufal. Piff 1. Siebenmann und P r e y s i n g deckt, ist die Parazentese keine lebensrettende, sondern höchstens eine schmerzlindernde Operation. Der Praktiker kann ruhig ohne Gefahr für seinen Kranken auf den Trommelfellschnitt verzichten. Das Empyem der Paukenhöhle bricht auch von selbst durch, und auf das gefährliche Empyem der Warzen¬ zellen hat die Parazentese keinen Einfluss. Das Trommelfell ist das beste Sicherheitsventil; darum sind Durchbrüche durch die Fenster ins Labyrinth bei der imperforativen genuinen Mittelohrentzündung ausser¬ ordentlich selten 1), und eine Fistel im Boden der Paukenhöhle nach dem Bulbus der Vena jugularis- zu ist noch kaum beobachtet worden. Will man den Spontandurchbruch des Empyems der Paukenhönle ev. unter Zuhilfenahme des Eisbeutels und schmerzlindernder Mitte nicht abwarten. so kann man die Leiden des Kranken um einen oder einige Tage abkürzen, wenn man die Parazentese bei folgenden Sym¬ ptomen macht: Schmerzen, Klopfen, Vorwölbung und ev. gelbliches Durchscheinen des Trommelfells, Fieber und Druckempfindlichkeit des Warzenteils im Beginn der Mittelohrentzündung, zumal wenn die Hör¬ weite für Flüstersprache weniger als 50 cm beträgt. Bei besserer Hör¬ weite ist die Schleimhaut noch resorptionsfähig genug, so dass das Em¬ pyem noch zur Aufsaugung gelangen kann. Die Parazentese ist sehr schmerzhaft, sie ist kein leichter Eingriff j da der Untersucher nur mit einem Auge in den Gehörgang sient, so dass er die Tiefe schwer abschätzen kann. Die Schmerzen lassen sich be¬ deutend lindern, wenn man eine Viertelstunde vorher einen kleiner Wattebausch auf das Trommelfell legt, der mit einem Brei aus Alypir und Adrenalin bestrichen ist. Eine Gefahr für die Gehörknöcheicbei besteht nicht, wenn der Trommelfellschnitt im hinteren unteren Qua¬ dranten gemacht wird. Erfolgt Ausfluss, so soll sich die antiseptische Behänd] lung anschliessen. Der Gehörgang wird mit lauwarmer Borsäuie-| oder physiologischer Kochsalzlösung ausgespritzt. Die Spritze ist zwa bei manchen Ohrenärzten verpönt, aber auf andere senonendere Weist lässt sich der Eiter und besonders die abgestossene Epidermis gar nich entfernen. Nach der Ausspritzung wird die Luftdusche gemacht. Daiu| wird unter Spiegelkontrolle sehr sorgfältig ausgetrooenet. Man benütz | dazu eine feine, watteumwickelte, biegsame Sonde, mit der man be grösserer Perforation in die Paukenhöhle hineingeht. Wie wichtig di< gründliche Austrocknung, besonders bei grösseren Perforationen ist sieht man an den Kranken, die sich selbst ausspritzen, die sich abe nicht genügend austrocknen können. Meist geht bei diesen die Heiluni nicht eher vorwärts, als bis man die Austrocknung selbst übernimmt Die vielfach beliebten starren Holzstäbchen oder die Pinzette sind da zu ungeeignet. Also die Devise lautet: Trockenbehandlung, aber nich für sich allein, wie sie gegenwärtig noch sehr modern ist, sondern ers nach vorheriger Ausspülung! Zum Schluss wird zwe'ckmässi'g ein amt septisches Pulver in den Gehörgang geblasen. Dazu nimmt man an besten Borsäure, die im Gegensatz zu Dermatol, Jodol und ähnlichen vom Eiter aufgelöst und fast von allen Kranken gut vertragen w'rd. De Gehörgang wird oberflächlich mit einem Wattepfropf verschlossen, Lei der Patient wechseln muss, so oft er nass ist. Die antiseptische Behandlung ist absolut notwendig bei den Otitidei mit grosser Perforation, da ohne sie ein grosser Prozentsatz durch Ein dringen von Fäulnispilzcn chronisch wird, aber auch bei den gcnu'nei Eiterungen mit unsichtbarer Perforation hat sie grosse Vorteile. Ersten bekommt man ein viel klareres Bild vom Trommelfell und von dei Hämmerteilen; das ist aber, wie an anderer Stehe nusgeführt wt-dei soll, sehr wichtig für die Diagnose des Empyems im Warzenteil. Zwei tens sehen wir niemals Fötor auftreten, und drittens bildet sich sei: selten ein Furunkel oder Ekzem. Vor der Tamponade des Gehörgangs und vor der Bier sehen Stau ung möchte ich warnen. Dölger berichtet über 22 Fälle, die mi Tamponade behandelt worden waren. Bei 11 davon war das Sekre übelriechend, und bei 9 musste die Aufmeisselung des Warzenfort satzes gemacht werden. Es scheint, dass die Fäulnisgifte durch di-; Perforation hindurch auf das Mittelohr ungünstig einwirken, auch wen? die Saprophyten selbst nicht eindringen. Uebrigens wirkt die Gaze an den Abfluss immer eher hindernd als fördernd, die abgestossene Epij dermis aber vermag sie überhaupt nicht aufzusaugen. Der Gehörgan:; ist das schönste Drainrohr, das man sich denken kann. Warum so man dies noch durch Gaze verlegen? Auch hier liegt, ebenso wi bei der Spritze, ein Missverstehen chirurgischer Grundsätze vor. Bt Wunden — der Gehörgang ist keine Wunde — lässt sich die Tamponad oft nicht entbehren, aber auch da ist sie von Uebel. 1) Viel häufiger sehen wir die Labyrinthitis bei der sekundären Mittet ohreiterung und zwar je grösser die Trommeifellperforation desto häufiger also unabhängig von Retention durch das Trommelfell. 5. März 1922. MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT. Ueber die Nachteile der Bi ersehen Stauung kann ich mich kurz assen, da sie wohl allgemein aufgegeben ist. Sie hat gleichsam wie hin Experiment von neuem bewiesen, wie schädlich die Stauung für die Mittelohrentzündung ist. Im Anschlüsse an ihre Anwendung wurden .usserordentlich häufig Empyeme im Warzenteil mit rapider Einschmcl- :ung des Knochens beobachtet. Einsichtige Ohrenärzte haben dies orausgesehen und deShalb die Bier sehe Stauung, die eine Zeitlang ielfach Mode war, nicht mitgemacht. Prognose. Der Kranke will in erster Linie von seinen Schmerzen befreit sein. )ie nächste Frage aber ist, wie seine Mittelohrentzündung verlaufen vird. Wie lange wird das Leiden dauern, wird das Gehör wieder nor¬ mal, heilt das Loch im Trommelfell wieder zu, oder wird die Eiterung chronisch werden, ist eine Operation notwendig, ist das Leiden lebens¬ gefährlich? Diese Fragen auf Grund von ohrenärztlichen Statistiken beantworten zu wollen, würde dem Praktiker gar nichts nützen, da die Ibrenärzte fast nur die schweren Falle sehen. Den folgenden Aus¬ übungen ist deshalb eine Statistik2) der sog. Frühfälle zugrunde ge¬ egt, das heisst derjenigen Fälle, welche innerhalb der ersten 3 Tage n Behandlung kommen. Bedingung war natürlich, dass sie bis zu Ende leobachtet werden konnten. Die Behandlung war die in den obigen Ausführungen geschilderte. Was zunächst die Prognose der genuinen Mittelohrentzündung betrifft, so heilten zwei Drittel ohne Durchbruch und nur in einem Drittel rfolgte Ausfluss, sei es spontan, sei es nach Parazentese. J Wenn nach der Dauer gefragt wird, so antwortet man am besten, lass sie sehr verschieden ist und sich nicht genau bestimmen lässt, n einem Tag können alle Beschwerden vorüber sein, die Krankheit kann ber auch mehrere Wochen oder Monate dauern. Eine längere Dauer ils ein halbes Jahr kommt selbst in den kompliziertesten Fällen kaum emals vor. Damit ist zugleich gesagt, dass kein Fall chronisch wird, venigstens nicht bei sachgemässer Behandlung. Die durch- Tchnitt liehe Dauer der imperforativen, also der leichteren Fälle jtis zur Wiederkehr des normalen Gehörs betrug 10 Tage, die durch- chnittliche Dauer des Ausflusses in den perforativen Fällen 12 Tage. )as Trommelfell schliesst sich in allen Fällen wieder, und die Hörweite vird wieder normal resp. wie vorher. Restitutio ad integrum sehen wir neist sogar ohne Behandlung. Nur in den Fällen mit einer grossen Perforation in einer Narbe oder atrophischen Stelle des Trommelfells vird die Eiterung infolge des Eindringens von Fäulnispilzen ohne Be- landlung leicht chronisch. Komplikationen, und zwar Empyem mit seinen Folgen, bekamen ,-on 100 drei. Ein Fall unter 200 musste operiert werden. Bei unbehan- lelten Fällen ist die Anzahl der Komplikationen und der Operationen vesentlich grösser. Die wichtige Mortalitätsziffer der genuinen Otitis lässt sich vor- äufig nur abschätzen, da die Zahl der behandelten Frühfälle — 175 — :u klein war. Da aber unter den 175 Fällen 5 Empyeme beobachtet wurden, und da nach einer grösseren ohrenärztlichen Statistik, die sich mf die gleichen Behandlungsmethoden aufbaut, auf 15 Komplikationen Todesfall trifft, so würde auf 500 Frühfälle 1 Todesfall entfallen. Da iber die Komplikationen bei den Frühfällen sofort in Behandlung :ommen, während in jener ohrenärztlichen Statistik viele verschleppte ■'äile sich finden, so kommt schätzungsweise 1 Todesfall auf 1000 Fälle, a vielleicht auf 2000 oder 3000. Die Lebensgefahr ist also eine ge- inge, aber ausschliessen lässt sich der letale Ausgang trotz sofortiger .achgemässer Behandlung nicht mit Sicherheit; das kommt von der inzugänglichen Lage einzelner peripherer, pneumatischer Zellen. In den ohrenärztlichen Statistiken kommt schon auf 100 akute Aittdohreiterungen 1 Todesfall. Das lässt eher verstehen, warum die Aittelohrentzündungen nicht nur in Aerzte-, sondern auch in Laien- ireisen so gefürchtet sind. Noch verständlicher aber wird es, wenn man ledenkt, dass die Kranken mitten aus voller Gesundheit manchmal in venigen Wochen, ja Tagen dahingerafft werden, und dass die meisten Todesfälle gerade im besten Alter erfolgen. Zwar im Greisenalter sind lie Mittelohreiterungen wegen der starken Entwicklung der pneuma¬ ischen Zellen am gefährlichsten, aber alte Leute erkranken selten daran. 3ei Kindern dagegen tritt die akute Mittelohrentzündung zwar am läufigsten auf, ist aber infolge der geringen Entwicklung der pneuma¬ ischen Zellen fast ungefährlich, wie jeder vielbeschäftigte Kinderarzt bestätigen kann. Ich komme nun zum Schluss zur Prognose der sekundären fiterung. Bei ihr ist der Verlauf ein ganz anderer. Bei Influenza zwar leilte die Otitis noch öfter ohne Durchbruch des Trommelfells als bei ler genuinen, und die durchschnittliche Dauer des Ausflusses betrug iur 8 Tage, bei Masern aber dauerte der Ausfluss schon 19 Tage, bei Scharlach 38 Tage, und bei Tuberkulose gar sehen wir nur ganz aus- lahmsweise Heilung eintreten. Immerhin wurden auch von den sekundären Fällen bei sofortiger lehandlung nur 1 Proz. chronisch, in unbehandelten Fällen allerdings usserordentlich viel mehr; bei der sekundären Form ist der Einfluss er Behandlung ganz augenfällig. Der Verschluss des Trommelfells bleibt häufig aus, besonders bei ien schweren Fällen von Scharlach und bei tuberkulöser Eiterung. Bei etzterer habe ich nur einmal die Perforation sich schliessen sehen. Während bei Influenza, Pneumonie, Masern und Typhus das Gehör neist wieder normal wird, bleibt in den schwersten Fällen von Schar- 717 lachotitis fast immer Schwerhörigkeit zurück, bei Tuberkulose aber ist die Wiederkehr normalen Gehörs ausgeschlossen. Komplikationen treten fast dreimal so häufig auf, wie bei der genuinen Otitis. Bei Influenza, Diabetes und anderen leichteren All¬ gemeinkrankheiten sehen wir auch Empyeme wie bei der genuinen Otitis, bei den schweren Scharlachfällen aber und bei der Tuberkulose fast nur Nekros'e des Knochens, manchmal mit ausgedehnter Sequester¬ bildung. Da die Nekrose der spontanen Rückbildung weniger fähig ist, als das Empyem, führen die sekundären Eiterungen verhältnismässig häufiger zur Operation als die genuinen. Bei ihnen musste schon von 50 Fällen einer operiert werden. Infolge der nekrotisierenden Entzündung schreitet die Zerstörung sehr häufig unaufhaltsam bis zur Dura und bis ins Labyrinth fort. Die Labyrinthitis hat meist dauernde Taubheit und bei Kindern, wenn sie doppelseitig ist, meist Taubstummheit zur Folge. Dagegen führt sie im Gegensatz zur Labyrinthitis bei der genuinen Eiterung — die glück¬ licherweise sehr viel seltener ist — fast niemals zur Meningitis. Die Entzündung macht also fast immer im Labyrinth Halt. Das gleiche gilt von der Dura. So häufig Pachymeningitis externa bei Scharlach und Tuberkulose entsteht, so selten greift die Entzündung von der Dura auf die weichen Hirnhäute, das Gehirn und auf die .Sinus über. Bei Tuberkulose habe ich nur einen einzigen Todesfall erlebt, ebenso wie Troeltsch und Bezold. Und bei Scharlach habe ich trotz schwerster Zerstörung im Mittelohr noch keinen Fall vom Ohr aus tödlich enden sehen. . Wir können also den Satz aufstellen: Je mehr Neigung zur Heilung besteht, desto gefährlicher ist die Mittelohreiterung, je grösser aber die Zerstörung im Ohr und je geringer die Neigung zur Heilung ist, desto ungefährlicher. So paradox dieser Satz auch ist, er ist durch grosse, hier nicht näher anzuführende Zahlen bewiesen. Es ist eben ein Heilungsvorgang und zwar die reaktive Schwellung der Schleimhaut,, welche zur Retention in den Zellen und. damit zu den tödlichen endo- kraniellen Komplikationen führt, während die nekrotisierende Entzündung zwar sehr häufig unaufhaltsam bis ins Labyrinth und bis zur Dura fort¬ schreitet, aber, wie schon^gesagt, hier Halt macht. Eine Erklärung für dieses Verhalten vermag ich vorläufig nicht zu geben. Ueber die Retention in den Zellen, d. h. das Empyem in der näch¬ sten Nummer! Soziale Riesizio uns fierztliciie sianfleoonoeieseinieißa. Grundlagen und Ziele der Tuberkulosebekämpfung*). Von Medizinalrat Dr. G. Seiffert, München. Wie bei jeder menschlichen Tätigkeit kann man auch bei der Tuberkulosebekämpfung nur dann erfolgreiche Arbeit leisten, zu Fort¬ schritten kommen und sich selbst zur Arbeit richtig einstellen, wenn man sich über die allgemeinen Bedingungen, das Wesen und den Zweck der Arbeit möglichste Klarheit verschafft hat. Nur wenn man sich der wissenschaftlichen Grundlagen bewusst ist. wird man ein schematisches Arbeiten nach bestimmtem Rezept vermeiden, wird man sich nicht in unfruchtbare Kleinarbeit verlieren. Geht man an eine Erörterung über die Grundlagen und Ziele der Tuberkulosebekämpfung heran, so muss man zunächst die Grundsätze, denen die Tuberkulosebekämpfung folgen soll, nach ihrer epidemiologischen Berechtigung und ihre Durchführ¬ barkeit unter den Verhältnissen der Wirklichkeit prüfen, dann weiter untersuchen: wie soll praktisch vorgegangen, wie soll Geleistetes be¬ urteilt, in welcher Richtung soll weitergearbeitet werden? Die Methodik der Tuberkulosebekämpfung zeigt gegenüber der Be¬ kämpfung anderer übertragbarer Krankheiten offenkundige Verschieden¬ heiten. Haben diese Differenzen ihre Berechtigung, oder ist vielleicht die Tuberkulosebekämpfung gegenüber der Bekämpfung anderer Infek¬ tionskrankheiten noch lückenhaft und rückständig? Die Seuchen¬ bekämpfung sieht heute ihre Hauptaufgabe darin, durch Ausschalten des Erregers die fortlaufende Kette der Infektionsfälle zu unterbrechen, mag man die Ausschaltung durch Erregervernichtung, z. B. durch Des¬ infektion oder durch eine möglichste Abschliessung des Infektions¬ herdes, z. .B. durch Isolierung des Kranken erreichen wollen. Der theoretisch und logisch unanfechtbare Gedanke, durch Erregerausschal¬ tung ein Weiterschreiten der Krankheit zu verhüten, stösst bei seiner Durchführung in der Praxis auf Schwierigkeiten, die je nach Art der einzelnen Krankheiten verschieden grosse sind. Wenn eine Krankheit nur selten und vereinzelt auftritt, wie z. B. die Pest oder Cholera unter unseren Breiten, ist es sehr leicht, den Erreger durch Vernichtung auszuschalten und hierdurch weitere Infektionen zu unterbinden. Je verbreiteter aber eine Infektionskrankheit im Volke ist. desto schwieriger wird es. die auch entsprechend mehr ausgestreuten Erreger zu erfassen und unschädlich zu machen. Die Tuberkulose ist wohl die verbreitetste Infektionskrankheit, sie stellt für Europa z. B. den grössten Gegensatz gegenüber der Pest dar. Ihr Erreger, der freilich nicht ubiquitär, sondern in gewissem Grade an die nähere Umgebung des Tuberkulösen gebunden ist, macht allein durch seine weite Verbreitung eine völlige Ausschaltung unmöglich. Hierzu kommt seine relativ grosse Unempfind¬ lichkeit gegenüber äusseren Einflüssen, z. B. Austrocknung usw. Neben der örtlichen Kiankheitsverbreitung beeinflusst auch die zeit¬ liche Krankheitsdauer die Menge der ausgestreuten Keime. Je kürzer *) Vortrag, gehalten Im ärztlichen Fortbildungskurs am 27. X. 1921. 5* 2) Dr. Alb recht: M.m.W. 1906 Nr. 21. 318 MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT. Nr. 9. der Krankheitsverlauf, je grösser die Aussicht, die Erreger zu erfassen, eine wirksame Bekämpfung im Sinne der Erregerausschaltung durch¬ zuführen. Die zeitlich ausserordentlich lange Dauer der Tuberkulose¬ erkrankung — man kann durchschnittlich eine 5 jährige Krankheitsdauer mit ungefähr 2 jähriger Bazillenausscheidung annehmen — macht eine völlige Erregerausschaltung bei Tuberkulose illusorisch. Kommt zu einer langen Krankheitsdauer noch hinzu, dass der Kranke nicht durch die Schwere seines Leidens am Verkehr mit seinen Mitmenschen stark behindert ist, wie etwa ein bettlägeriger Typhus¬ kranker, so wird hierdurch der Wirkungsbereich der Erreger so ver- grössert, dass ihre Erfassung kaum oder gar nicht mehr möglich wird. In besonders 'hohem Grade trifft dies für die Tuberkulose zu* die einem Kranken bei stärkster Bazillenausscheidung gestattet, oft jahrelang seinem Beruf nachzugehen und seine bisherige Lebensweise beizu¬ behalten. Wiederum eine neue, fast unüberwindliche Schwierigkeit, die Tuberkelbazillen zu erfassen und unschädlich zu machen. Verbreitung, Krankheitsdauer und Krankheitsverlauf erschweren im Gegensatz zu fast allen anderen übertragbaren Krankheiten das wich¬ tigste Ziel der Seuchenbekämpfung, Ausschaltung des Erregers, bei der Tuberkulose in so hohem Grade, dass dieses Ziel auch unter den günstig¬ sten Verhältnissen wohl nie vollkommen erreicht werden kann. Das Krankheitsbild der Tuberkulose erklärt es ohne weiteres, dass man mit einer reinen Erregerbekämpfung bei der Tuberkulose Fiasko erleiden würde. Man könnte einwenden, in früheren Jahrhunderten ist durch strengste Isolierung Kranker und hiermit auch der Erreger aus der menschlichen Gesellschaft bei einer anderen, der Tuberkulose in ihrerr Art sehr nahestehenden Infektionskrankheit, dem Aussatz, Aehnliches gelungen. Bei dieser hervorragendsten Tat des Mittelalters auf dem Gebiet der Seuchenbekämpfung darf man aber nicht vergessen, dass die Lepra eine gar nicht mit der Tuberkulose in Vergleich zu bringende geringe Verbreitung hatte. Weiterhin muss man bedenken, dass sich unsere heutigen Anschauungen über die Freiheit der Person gegenüber dem Mittelalter so geändert haben, dass man sich heute nicht mehr zu gesetzlichen Massregeln herbeilässt, die eine erfolgreiche Bekämp¬ fung durch rücksichtslose Zwangsisolierung aller Kranken ermöglichen. Schliesslich wäre auch bei der grossen Verbreitung der Krankheit eine entsprechende Bekämpfungsweise heute in ihrer Durchführung finan¬ ziell undenkbar. Man muss daher bekennen, dass der Krank'ieits- charakter der Tuberkulose es heute nicht erwarten lässt, dass man durch umfangreiche Desinfektionsmassnahmen, Isolierung von Kranken usw. auch bei Aufwendung grösster materieller Mittel allein eine wirk¬ same Bekämpfung durchführen kann. Hiermit wird man nun keineswegs zu dem Schluss gelangen dür¬ fen, bei den geringen Aussichten auf völlige Erregerausschaltung sei jede Erregerbekämpfung zwecklos. Man wird bei der Tuberkulosebe¬ kämpfung diese Aufgabe niemals vernachlässigen dürfen, nur muss man sich stets bewusst sein, dass die direkten Bekämpfungsmethoden des Erregers, die bei den meisten anderen übertragbaren Krankheiten allein zu vollem Erfolg führen, hier nur unterstützend mitwirken. Man darf aber die Erregerbekämpfung im Verein mit anderen Massnahmen nicht gering anschlagen. Sie ist in der Kette der Bekämpfungsmassnahmen der Tuberkulose ein unentbehrliches Glied, das, nur für sich allein ge¬ nommen, praktisch von keinem zu grossen Wert ist. Wieweit ist die direkte Erregerbekämpfung bei der Tuberkulose durchführbar und was kann von ihr erwartet werden? Die Bazillen¬ bekämpfung kann in- und ausserhalb des kranken Körpers erfolgen. Bis heute besitzt man kein Mittel zur Vernichtung der Tuberkelbazillen im menschlichen Körper. Soweit sie im Körper des Angesteckten oder Kranken unschädlich gemacht werden, ist es der angeborenen, erwor¬ benen und durch ärztliche Massnahmen geförderten Widerstandskraft des menschlichen Körpers zu verdanken. Diese vernichteten Erreger kommen aber gegenüber den ausgeschiedenen Tuberkelbazillen prak¬ tisch gar nicht in Frage. Eine Vernichtung der Tuberkelbazillen im Sinne der Ehrlich sehen sterilisatio magna des Körpers durch ein chemotherapeutisches Mittel erscheint zur Zeit aussichtslos, ebenso ist es unmöglich, durch irgendeine aktive oder passive Immunisierung eine Abtötung der Tuberkelbazillen im Körper zu erreichen. Irgendwelche wirksame Methoden zur Abtötung der Tuberkelbazillen im mensch¬ lichen Körper, die an sich die radikalste, sicherste und auch durch¬ führbare Tuberkulosebekämpfung darstellen würden, sind bis heute nicht entdeckt. Die Vernichtung der Tuberkelbazillen ausserhalb des Körpers kann im Auswurf theoretisch sicher durchgeführt werden. Durch Kochen, Zusatz von Desinfizientien ist die Vernichtung der Bazillen im Aus¬ wurf gesichert. In Heilstätten und bei vernünftigen Kranken wird sich die Auswurfbeseitigung hygienisch einwandfrei durchführen lassen. Im täglichen Leben werden aber dauernd mit dem Auswurf grösste Mengen Tuberkelbazillen unbedacht oder gewissenlos ausgestreut, hiergegen kann man praktisch so gut wie gar nicht vorgehen. Tuberkulöse, die sich regelmässig einer Spuckflasche bedienen, sind leider ausserhalb einer Heilstätte, fern von dem Auge eines Arztes oder einer Für¬ sorgerin nicht allzu häufig. Spuckverbote werden auch unter Androhung hoher Strafen nicht allzuviel erreichen. Eher wird sich etwas durch Belehrung Kranker und durch entsprechende hygienische Erziehung der Bevölkerung, insbesondere der Jugend, langsam erreichen lassen. Gegen die von den Tuberkulösen ausgehusteten Tröpfchen, die Tuberkelbazillen enthalten und bei langem und engem Zusammenleben mit Tuberkulösen zweifelsohne zu Ansteckungen führen können, ist ein völliger Schutz praktisch schwer durchzuführen. Gegen die Tröpf¬ cheninfektion, deren Bedeutung vielleicht von mancher Seite zu hoch' eingeschätzt wird, ist nur ein indirekter Schutz — sieht man zunächst) von der Trennung des Kranken von seiner Umgebung ab — für der täglichen Verkehr durch gesundheitliche Erziehung des Kranken um seiner Angehörigen zu gewissen Vorsichtsmassregeln, die aber prak¬ tisch nur bei gewissenhaften und verständigen Personen Nutzen ver¬ spricht, zu erreichen. • Die Desinfektion der von Tuberkulösen bewohnten oder verlassene! Räume hat nur Wert, wenn sie sachgemäss durchgeführt wird. Die völlige Abtötung der Tuberkelbazillen durch Raumdesinfektion ist tech¬ nisch nicht leicht und wird in der Praxis nur selten vollkommen er¬ reicht. Glücklicherweise scheint eine indirekte Ansteckung durch dir Wohnung viel seltener wie durch den Kranken zu erfolgen. Immer-] hin muss man schlechtgehaltenen Wohnungen als Inf ektionsverrnittlei j ernste Beachtung schenken. Wenn die Sauberkeit der Bewohner eint mangelhafte ist, können in der Wohnung eines Tuberkulösen sich Kin-j der durch verschmierten Auswurf anstecken, kann tuberkelbazillen-j reicher Staub eine Ansteckung vermitteln. Die Wohnungspflege uik die Reinlichkeit ist daher bei tubetkulösen Familien besonders zu be¬ achten und zu fördern. Eine Wohnung in gutem baulichen Zustand die ein Tuberkulöser verlassen hat, wird nach einer gründlichen Säu¬ berung und Scheuerdesinfektion für die Nachbewohner ungefahrlict sein. Eine Formalindesinfektion wird bei ganz besonders gelagerter Einzelfällen hin und wieder anzuwenden sein, ihren Zweck wird siel aber nur bei strengster Durchführung erfüllen können. Die Erregerausschaltung ist in der Praxis in der Hauptsache au: ein Unschädlichmachen des Auswurfs, Förderung der Wohnungspflego und der Reinlichkeit beschränkt. Dazu kommt bei einem Wohnungs-| Wechsel des Tuberkulösen die gründliche Scheuerdesinfektion. Bis zt einem gewissen Grade kann durch persönliche Vorsichtsmassregeln des Kranken und seiner Umgebung die Gefahr der Erregerübertraguru| vermindert werden. Da die Erregerausschaltung im praktischen Leben nur sehr begrenz j möglich ist, wird man weiterhin überlegen, wie die Gefahr, die vor dem bazillenausscheidenden Kranken ausgeht, zu verringern ist. Da; sicherste Vorgehen besteht in einer Isolierung des Kranken, etwa ir einem Krankenhaus oder in einer ähnlichen Anstalt. Es wurde schor oben angedeutet, dass eine Isolierung aller Bazillenausscheider, die nur unter gesetzlichem Zwang zu erreichen wäre, für die nächste Zei ! undurchführbar ist. Gesetzt die hierzu erforderlichen Mittel, entspre¬ chende Anstalten wären vorhanden, so würden sich nur wenige Men sehen einer Isolierung während einer durchschnittlich doch mehrjäh-| rigen Krankheitsdauer freiwillig unterziehen. Ob eine Volksvertretung heute die Energie fände, Entsprechendes zum Gesetz zu erheben. olj eine Regierung die Gewalt hätte, das Gesetz durchzuführen, muss ernst-] haft angezweifelt werden. Eine zwangsweise Dauerisolierung alleii Bazillenausscheider, die wirksamste Bekämpfungsmethode, wird wohl nie durchgeführt werden. Immerhin wird schon etwas erreicht sein, wenn man einen Teil der Bazillenausscheider bewegt, sich freiwillig wenigstens zeitweise in eine Anstalt aufnehmen zu lassen, wenn man einen Teil der Schwer ! tuberkulösen bis zu ihrem Ende hospitalisiert. Ihre Ansteckungsgefahr ist für die Zeit der Isolierung beseitigt. Es muss daher jede Aufnahme eines Bazillenausscheiders, mag sie auch nur wenige Wochen dauern in eine Heilstätte oder ein Krankenhaus als Ansteckungsverringerunü wertvoll erscheinen. Man muss anstreben, möglichst viele offene Tu berkulosefälle möglichst lange freiwillig zu isolieren. Wenn hiermit heute noch keine grossen Erfolge erzielt sind, stj liegt es einmal daran, dass geeignete Unterkunftsstellen noch wenisj zahlreich sind, zweitens daran, dass die Volksanschauung sich noch zt wenig mit einer Isolierung Tuberkulöser vertraut gemacht hat, vielmehi in jeder Hospitalisierung eine gewisse Vorbereitung auf einen baldigei Tod sieht. Weiterhin darf man auch nicht die Psychologie des Tuber kulösen unberücksichtigt lassen, der oft egozentrisch denkt, nicht au j seinem gewohnten Lebenskreis ausscheiden will und den Ernst seine Krankheit für sich und noch viel weniger für seine Ufngebung voll ein sieht. Schliesslich ist die Hospitalisierung wiederum eine Geldfrage einmal eine Frage nach Deckung der Verpflegskosten und zweiten] nach der Unterhaltsbestreitung für die Familie des Kranken. Trotz der Schwierigkeiten muss die Hospitalisierung als direkte Bekämpfungsmassregel der Tuberkulose ernsteste Beachtung finden Bei entsprechender Beeinflussung der Volksanschauung und richtige! Ueberredung des Kranken wird es möglich werden, eine ständig wachj sende Zahl von Bazillenausscheidern einer mehr oder minder längere.! Isolierung zu unterwerfen. Ist eine einwandfreie Wohnung vorhanden, ist durch die Einsichj und Gewissenhaftigkeit des Kranken und seiner Familie ein entspre! eilendes hygienisches Verhalten gesichert, so kann auch ohne Hospita! lisierung die Ansteckungsgefahr bedeutend herabgesetzt werden. Di Ansteckungsgefahr ist am grössten, wenn der Bazillenausscheider i: einem überbelegten, wenig oder gar nicht gelüfteten Schlafzimmer di Nacht mit seiner Familie zubringt. Bei Tage ist die Infektionsgefah wohl eine geringere. Hauptsache ist daher Verbesserung des Schlaf raumes. Die Forderung eines eigenen Schlafraumes für den Kranke1 kann bei der heutigen Wohnungsnot und den hohen Lebenskosten nu in wenigen Fällen erfüllt werden. Es muss wenigstens erreicht werder dass der Kranke ein eigenes Bett erhält und es auch wirklich nur fü sich benutzt. Schliesslich wird man daran denken können, offen Tuber kulöse während der Nacht z. B. in einer Walderholungsstätte zu iso Heren. Münchener medizinische Wochenschrift. 319 . irz 1922. »ann der Kranke nicht isoliert oder durch anderweitige lahmen ungefährlich gemacht werden, so muss man die Jn- j nsgefahr dadurch zu vermindern suchen, dass man die bedrohten [ ienmitglieder, insbesondere die Kinder von ihm trennt. Einer ■; rtrennung, die -meist ein Zerreissen der Familienbande bedeutet, m sich nur wenige Familien unterziehen. Es fehlt auch sehr oft eeigneten Unterbringungsmöglichkeiten der Kinder, es können durch die Trennung bedingten höheren- Unterhaltskosten nicht auf- 1 werden. Man wird sich zunächst damit begnügen müssen man diese Trennung bei besonders misslichen Verhältnissen * ht. Auch hier wird man ernsthaft überlegen müssen, ob man i wenigstens eine Halbtrennung während der Nacht durchsetzen i aucd eine Gesamtisolierung aller Bazillenausscheider un- tührbar erscheint, ist vorübergehende Hospitalisierung eines Teils anken. Halbisolierung während der Nacht, Verbesserung der Woh- . Verhältnisse, Trennung oder Halbtrennung der Familienmitglieder .ranken bei einem Teil der Tuberkulösen aussichtsvoll und er- ; ar. ie bisherigen Ausführungen über direkte Bekämpf ungsmöglich- 3 der Tuberkulose dürften bewiesen haben, dass unter den jetzigen ] Itnrssen und nach dem augenblicklichen Stand der Forschung hier bmmenes nicht erreicht werden kann. Man muss aber mit allen 'n ^ ^ Mögliche anstreben; das, was heute zur direkten Tuber- Bekämpfung getan werden kann, wird trotz seiner Unvollkommen- viele Neuansteckungen verhüten können. iel mehr wie bei anderen übertragbaren Krankheiten spielen bei uberkulose indirekte Bekämpfungsmethoden eine Rolle. Der Um- Hieser indirekten Massnahmen ist sehr gross, die Art und der ihrer Anwendung sehr wechselnd. Sie werden von den ver- l ensten Momenten bestimmt, sie sind daher im Einzelnen nicht ! festzulegen, geschweige denn gesetzlich zu regeln. Ebensowenig man immer klar die Wirkung indirekter Massnahmen erkennen .n, zumal nicht in kurzen Zeitspannen. Ihr Einfluss auf übertrag- e Krankheiten, besonders auf die Tuberkulose, wird oft unter- 5 1 und bleibt vielfach unerkannt. welcher Richtung sind von indirekten Massnahmen bei der Tu- «osebekampfung Erfolge zu erwarten? Um diese Frage zu be- srten, muss man zweierlei berücksichtigen, einmal den durch- ]. liehen Krankheitsablauf der Tuberkulose und zweitens die Krank- eeinflussung -durch günstige bzw. ungünstige Urmveltsbedingun- . Die Krankheitsbilder der Tuberkulose schwanken zwischen den :nen subakuter und chronischer Krankheitsformen. Die Tuber¬ bietet in ihren einzelnen Verlaufsformen das Bild einer Streuungs- ij dar bei der die höchste Zahl von jenen Verlaufsbildern er- } wird, der Infektion ein mehrjähriges Latenzstadium folgt, ch ausserlich durch gar keine oder nur sehr geringfügige Krank- rscheinungen bemerkbar macht, das dann in ein längeres Krank- }adium übergeht, dessen Symptomenkomplex nach Art, Schwere >auer kaleidoskopartig wechselt. Praktisch hat sich fast jeder h einmal mit Tuberkulose infiziert. Der Prozentsatz der Er- ngen ist aber den Infektionen gegenüber verhältnismässig sehr ge- Die durchschnittliche Erkrankungsresistenz ist bei der mensch- j .^asse unter günstigen Lebensbedingungen hoch. Der Grad der cikungsresistenz zeigt Schwankungen im Verlauf des Lebens; : in den allerersten Lebensjahren gering, nimmt bis zum Ent- ■ r s . r ^hebjich zu, um dann stark zu sinken und im en Alter wieder mässig anzusteigen. Wie bei allen Lebens- • men findet man naturgemäss auch hier grosse Verschiedenheit, cm durchschnittlichen Krankheitsverlauf kann man für die Tuber- oekampfung wichtige Fingerzeige gewinnen. Soweit es geht, lurch direkte Bekämpfung die Infektion jedes Lebensalters ver- “ werden müssen. Der Gedanke, dass eine Infektion nach dem { en Kindesalter und vor dem Entwicklungsalter einen gewissen r 2&gen spätere exogene oder endogene Reinfektionen bieten .muss noch als recht problematisch und noch zu wrenig bewiesen Tnen, um eine Infektion in genannter Lebenszeit unberücksichtigt sen oder gar zu begünstigen. Auf Grund der Erfahrungen über ■ankheitsresistenz in den einzelnen Lebensaltern muss man alles ‘hen. um eine Infektion in den ersten Lebensjahren, in denen die leitsdisposition am grössten ist zu verhüten; das Gleiche gilt für itwicklungsjahre. Schliesslich wird man bei erfolgter Infektion 'ernuhen müssen, besonders in den Lebensperioden erhöhter leitsdisposition, wie z. B. dem Entwicklungsalter die Latenz- . möglichst lange auszudehnen, damit das Individuum möglichst Aratte sammelt, um ohne schwerere Erschütterungen und tiefer- ae Veränderungen ein beginnendes Krankheitsstadium mit Erfolg naen zu können. Eine Durchseuchungsresistenz im Sinne völliger ; jnsabwehr wird schwerlich zu erreichen sein. Eine sehr wesent- .rhohung der Erkrankungsresistenz liegt dagegen im weiten Be- les praktisch Möglichen. 'S dem durchschnittlichen Krankheitsablauf ergeben sich für die uiosebekämpfung folgende Forderungen: Verhütung der Infektio- sonders im frühesten Kindesalter, der Infektionen bzw. Reinfek- 1 im Entwicklungsalter, möglichste Ausdehnung des Latenzsta- zwischen Infektion und offenkundiger Krankheit oder gar Ver- leglicher Krankheitserscheinung. •rEÄs der Umweltsbedingungen auf die Tuberkulose äussert Erhöhung der Infektionsgefahr, Verkürzung des Latenzstadiums und schnellerem und schwererem Verlauf des Krankheitsstadiums. Hauptsächlich kommen in Frage ungünstige Einflüsse, die bedingt sind durch die Wohnungs-, Ernährungs- und Berufsverhältnisse, den Stand der Lebenshaltung und die Art der Lebensführung. Die Wohnungsverhältnisse erhöhen in erster Linie die Ansteckungs¬ gefahr, je enger die Menschen bei ungeeigneter Wohnungspflege zu¬ sammenwohnen. desto grösser die Infektionsaussichten. Ungesunde, feuchte, lichtarme -und kalte Wohnungen werden dazu beitragen können, das Latenzstadium zu verkürzen und den Krankheitsverlauf wesent¬ lich zu verschlechtern. - Per TEinfIlISS d?r Ernährung äussert sich in bedeutsamster Weise am das Latenzstadium im Sinne einer Verkürzung, auf die eigentliche Erkrankung im Sinne schwerer und schnell verlaufender Organzerstö¬ rungen. Hierfür spricht eindeutig das Aushungerungsexperiment des verflossenen Krieges. Die Infektionsgefahr wird durch den Ernährungs- zustand insoweit beeinflusst, als die Zahl der offenen Tuberkulose bei schlechten Ernährungsverhältnissen steigt. Es ist aber auch anzuneh- men, dass ein unterernährter Mensch ein günstiger Boden für eindrin¬ gende Bakterien ist, dass er exogenen und endogenen Reinfektionen weniger Widerstand leisten kann wie ein guternährtes Individuum. , Enge schmutzige und ungelüftete Arbeitsräume erhöhen die In¬ fektionsgefahr, wenn sich unter den Arbeitern Bazillenhuster befinden, ist der Körper des Arbeiters der Arbeit nicht gewachsen, durch über¬ massige Arbeit geschwächt, wirken auf ihn schädliche Einflüsse ein, unter denen die Staubeinwirkung auf die Lunge an erster Stelle steht so wird die Arbeit ähnlich wie Unterernährung wirken. Die Bakterien rinden bei einer Infektion einen günstig vorbereiteten Boden, die La¬ tenzzeit wird verkürzt, der Krankheitsverlauf verschlechtert. Der Stand der allgemeinen Lebenshaltung, die sich ihrerseits in der Hohe des Einkommens widerspiegelt, ist für die Tuberkulose von weitgehender Bedeutung. Die Lebenshaltung bedingt die Güte der Wohnung und den Stand der Ernährung. Ausreichender Erwerb schützt VOl.r-V,-b1erarr,beit und macdt es möglich, durch anderweitige Massregeln schädliche Berufs- und Umweltseinflüsse zu paralysieren. Schliesslich spielt für den Verlauf der Tuberkulose die Lebens- iuhrung; des Einzelnen eine massgebende Rolle. Je weniger sie den Gesundheitsnormen folgt, je mehr sie sich gesundheitlichen Exzessen uberlasst, desto ungünstiger wird nach jeder Richtung der Verlauf und die Verbreitung der Tuberkulose beeinflusst. Was ist hieraus für die Bekämpfung der Tuberkulose zu ent¬ nehmen? Sie muss, soweit es in ihrer Möglichkeit liegt, die gesundheitliche Verbesserung der Wohnungs-, Ernährungs-, Berufs¬ verhältnisse und der Lebensführung beeinflussen. Auf die Höhe der Lebenshaltung, des nötigen Durchschnittseinkommens sowie der all¬ gemeinen wirtschaftlichen Verhältnisse kann sie keinen Einfluss aus- . ^ies ist Aufgabe der Staatswirtschaft, der gegenüber nicht aus¬ drücklich genug betont werden kann, dass eine Tuberkulosebekämp- nI!?.inur Aussicht auf Erfolg hat, wenn die äussere und innere Politik eines Volkes die gesamte Wirtschaftslage vor einem Herabsinken auf ein niedrigeres Lebensniveau bewahrt. Die Höhe des Lebens¬ niveaus entscheidet über die Höhe der Tuberkuloseverbreitung. Die Wohnungsfrage im Sinne der Beschaffung ausreichender, preis¬ werter, geräumiger und gesunder Wohnung kann die Tuberkulosebe¬ kämpfung praktisch wenig beeinflussen, sie wird dagegen auf die Woh¬ nungspflege durch die Bewohner in Bezug auf Reinlichkeit und Erhal¬ tung der Wohnung durch die Heimfürsorge einwirken können. Sie wird durch Mietzuschüsse und ähnliche Mittel das dichte Zusammen¬ wohnen Tuberkulöser mit ihrer Umgebung zu verhüten suchen Da bei der heutigen Wohnungsnot in dieser Richtung nicht zu viel zu erwarten ist. muss der laufenden Wohnungspflege besondere Beach- £escaen^I werden, hier kann durch Belehrung auch mit wenigen Mitteln etwas erreicht werden. Auf die allgemeine Verbesserung der Ernährung kann die Tuber¬ kulosebekämpfung nicht einwirken. Sie wird aber versuchen müssen, iur tuberkulöse Kranke und Gefährdete, insbesondere deren Kinder. Nah¬ rungsmittel zu verbilligten Preisen unter Hinzuziehung geeigneter Stel¬ len zu vermitteln. Zum Teil lässt sich auch durch Belehrung bei der Heimfursorge erreichen, dass die zur Verfügung stehenden Nahrungs¬ mittel wirtschaftlicher ausgenutzt und besser zubereitet werden. Die für die Tuberkulose wichtigen Berufsgefahren werden, soweit es sich um unhygienische und überfüllte Arbeitsräume, um Staub- betriebe Ueberarbeit bei Frauen und Jugendlichen handelt, auf Grund gesetzlicher Massnahmen durch die Gewerbeaufsicht usw. vermindert werden können. Die eigenen Aufgaben der Tuberkulosebekämpfung bestehen nur darin, Tuberkulöse und Tuberkulosegefährdete auf ihren ungeeigneten Beruf hinzuweisen und sie den Stellen zuzuführen, die für eine Berufsberatung und Berufsumstellung in Frage kommen. Die in der Tuberkulosebekämpfung tätigen Personen werden sich hier meist nur auf allgemeine Ratschläge beschränken können, sie werden vor ungeeigneten Berufen warnen. Tuberkulöse den ihnen entsprechenden Berufen zuzuführen, wird die Fürsorge gewöhnlich nicht in der Lage se‘n* da ihr nähere Berufskenntnisse fehlen und sie über die wirt¬ schaftlichen Berufsaussichten nicht genügend unterrichtet ist. Die Lebensführung lässt sich durch allgemeinhygienische Beleh- rung, die in früher Jugend einsetzen soll, in gewissem Grade gesund- heitlich bestimmen, hierbei soll auch die Tuberkulosebekämpfung in ihrem Rahmen mitwirken. Freilich wird in der heutigen Zeit ein all¬ zugrosser Optimismus nicht am Platze sein, dass das Volk und in erster Linie die Jugendlichen dieser Belehrung folgen werden. ■MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT. Im Sinne einer indirekten Bekämpfung der Tuberkulose arbeitet jede Massnahme, die dem allgemeinen Gesundheitsschutz und der Gesundheitsfürsorge dient. Es ergibt, sich hieraus als selbstverständlich dass die Tuberkulosebekämpfung engst verbunden mit allen anderen Zweigen der Gesundheitspflege und Gesundheitsfürsorge zusammen- Jrl LDer Ueberblick über die einzelnen Bekämpfungsmöglichkeiten der Tuberkulose, ihre Begründung und Bewertung unter Berücksichtigung der praktischen Verhältnisse ergibt dass unter den mannigfachen Mass¬ nahmen keine einzige für sich durchgreifend wirksam sein kann dass nur dann, wenn der ganze Komplex der Massnahmen in Tätigkeit tritt, ein Erfolg zu erwarten ist. Die Vielheit der Bekamprungsmassnahmen erlaubt keine schematische Behandlung. Die Bekämpfung muss nach Lage des einzelnen Falles individuell durchgeführt werden Es werden je nach den sich im Einzelfall ergebenden Bedürfnissen und Notwendig¬ keiten bestimmte Massnahmen in den Vordergrund treten, andere we¬ niger berücksichtigt bleiben können. Die Tuberkulosebekämpfung hat sich heute auf verschiedenen Ge¬ bieten zu bewegen. Sie will neue Ansteckungen verhüten und ihnen durch Fürsorge vorbauen. Sie will Angesteckte durch körperliche Kral- tigung und Resistenzsteigerung vor einer Erkrankung bewahren und schliesslich sucht sie durch therapeutische Massnahmen Erkrankte zu heilen und den Erkrankten möglichst lange erwerbsfähig zu erhalten. Letzte Aufgabe gehört streng genommen nur insoweit zur eigentlichen Tuberkulosebekämpfung, als hierdurch eine Bazilienausscheidung ver¬ hütet oder durch Abheilung zum Verschwinden gebracht wird. Die therapeutische Beeinflussung der Tuberkulose ist historisch so eng mit der Tuberkulosebekämpfung verknüpft, dass man diesen Teil von ihr nicht mehr wird scharf abtrennen können. Hiermit steht die Tuber¬ kulosebekämpfung vor einer so grossen Zahl von Aufgaben, wie su. bei keiner anderen Krankheit und in keinem anderen Fursorgezweig zu er- iUlleiKönnen die bestehenden Einrichtungen der Tuberkulosebekämpfung den gestellten Aufgaben gerecht werden? Wie kann durch weiteren Ausbau die Bekämpfung erweitert und verbessert werden? Zur Bekämpfung einer Krankheit muss man die Krankheitsfälle kennen und möglichst vollständig erfassen. Hierfür hat sich bei den übertragbaren Krankheiten die Meldepflicht als notwendig erwiesen. Bei der Tuberkulose ist eine allgemeine Meldepflicht aller Tuberkulose¬ fälle praktisch undurchführbar. Das sehr wechselnde Bild der in den verschiedenen deutschen und ausserdeutschen Landern bislang be¬ stehenden Meldepflicht der Tuberkuloseerkrankten ergibt, dass sich die Meldepflicht fast nur auf offene Lungen- und Kehlkopftuberkulosen erstreckt, aber auch hier mit weitergehenden Einschränkungen. Meist sind nur die Todesfälle an offener Lungen- und Kehlkopftuberkulose meldepflichtig, ausserdem Erkrankungen an offener Lungen- und Kehl¬ kopftuberkulose unter besonders gefährlichen Verhältnissen. Der neue Entwurf zur reichsgesetzlichen Bekämpfung der Tuberkulose sieht eine Meldepflicht für ansteckende Erkrankungen an Lungen-, und Kehlkopt- tuberkulose vor. Ob durch diese Meldepflicht,' falls der Entwurf zum Gesetz werden sollte, alle in Betracht kommenden Fälle erfasst werden, muss bezweifelt werden. Es wird immerhin durch eine derartig um¬ fassende Meldepflicht ein wesentlich grösserer Twl der Tuberkulose¬ erkrankten bekannt werden wie bisher. Diese Meldepflicht hat ab¬ gesehen von ihrer medizinalstatistischen Bedeutung aber nur Wert, wenn die Bekämpfungseinrichtungen so ausgebaut sind, dass in den Einzelfäjlen auch eine wirksame Bekämpfung getrieben werden kann. Hiervon ist man aber heute noch weit entfernt und die Geldnot wird auch in der nächsten Zeit einen entsprechenden Ausbau leider kaum gestatten. An sich könnte man trotzdem einer ausgedehnteren Melde¬ pflicht das Wort geben, damit man über den wirklichen Umfang der Erkrankungsfälle und ihre näheren Verhältnisse genauere Unterlagen wie bisher gewinnt. Man muss sich aber auch darüber klar sein, dass einer richtigen Durchführung der Meldepflicht mannigfache praktische Schwierigkeiten im Wege stehen. Jedenfalls wird die Meldepflicht für die nächste Zeit nach Inkrafttreten eines Reichsgesetzes medi- zinalstatistisch nur annähernde Wirklichkeitsbilder ergeben, hat nian doch bislang mit der bestehenden sehr begrenzten Meldepflicht in den einzelnen Ländern nur recht bescheidene Erfolge erzielt. Ob die geplante reichsgesetzliche Bekämpfung der Tuberkulose ihren Zweck in weitem Umfang erfüllen kann, wird in erster Linie davon abhängig sein, ob die zur Durchführung nötigen Mittel beschaut werden können. Hiergegen dürften bei der jetzigen Lage Deutsch¬ lands sehr erhebliche Bedenken bestehen. Die ältesten Einrichtungen gegen die Tuberkulose sind die Heil¬ stätten. Der ursprüngliche Zweck der Heilstätten war — und an ihm wird auch heute noch festgehalten — , durch Heilbehandlung den Ein- tritt der Invalidität zu verhüten oder hinauszuschieben, den Tuber¬ kulosekranken wieder erwerbsfähig zu machen und möglichst lange erwerbsfähig zu erhalten. Sie sollten als therapeutische Massnahmen im Rahmen der Kranken- und Invaliditätsversicherung dienen. Erst später erblickte man in den Heilstätten auch eine Massnahme zur Tuberkulosebekämpfung. Wie weit die Heilstätten ihre ursprüngliche Aufgabe erfüllen, soll an dieser Stelle unerörtert bleiben. Es soll nur untersucht werden, wieweit die Heilstätten für die eigentliche Tuber¬ kulosebekämpfung in Frage kommen. Durch die Isolierung der Kranken in den Heilstätten wird für diese Zeit die von ihnen ausgehende In¬ fektionsgefahr für ihre Umgebung ausgeschaltet. Der Heilste ttenauf- cnthalt trägt, wenn er auch verhältnismässig nur kurz ist, stets etwas zu einer Ansteckungsverringerung bei. Weiterhin kommt für die berkulosebekämpfung in Frage, dass bei einer Anzahl von hallen d die Heilstättenbehandlung eine Besserung und damit oit auch das hören der Bazillenausscheidung herbeigeführt wird, dass bei e anderen Teil durch die Heilstättenbehandlung eine JBazillenausscbei überhaupt verhütet wird. Der erzieherische Einfluss, den die Heils auf ihre Insassen in Bezug auf gesundheitliche Lebensführung, ric Beseitigung des Auswurfes usw. ausübt, ist wertvoll, er meist nur bei einsichtsvollen und gewissenhaften Patienten vo^S haltiger Wirkung sein. So lange die Heilstätten nur besserungst; Patienten für beschränkte Zeit aufnehmen können, ist ihr YB engeren Rühmen der li^berkulosebckämpiung beschränkt. HB Tuberkulosebekämpfung würden sie dagegen von höchster Bedet werden, wenn sie auch nichtbesserungsfähige oder erst durch lai Behandlungsdauer beeinflussbare Kranke für viele Monate aufnel könnten. Dem steht aber' die bisherige gesetzliche Regelung ube Heilstättenaufnahme entgegen. Die Erfüllung dieser Aufgabe n weiterhin die unzureichende Bettenzahl unmöglich, deren Hohe 1 den ursprünglichen Anforderungen genügt und deren Umfang in heutigen Zeit nicht wesentlich erhöht werden kann. Schhesshc geben sich noch Schwierigkeiten bei der Kostendeckung für die pflegung Schwertuberkulöser. Die angeführten Schwierigkeiten m: cs zweifelhaft, ob es praktisch durchführbar und wirtschaftlich ist, die Heilstätten in diesem Sinne zu verwerten. Man Wird wohl zunächst darauf beschränken müssen, die Heilstätten ihrei sprünglichen Heilaufgaben zu erhalten und sie diesen Bedürfnissen sprechend zu erweitern. Bei den ungeheuren Kosten für Neubat Betrieb ist man gezwungen, den Kreis ihrer Aufnahmen auf ausge teste Fälle zu beschränken. Die Heilstätten werden vielfach be durch ungeeignete Fälle und Nichttuberkulöse; eine strengere tung. die vornehmlich durch eigene Beobachtungsstationen en könnte, ist eine Notwendigkeit. Eine Musterstation wurde z. B. i die Landesversicherungsanstalt Mittelfranken in Nürnberg eingen Unter dem Gesichtspunkt der Tuberkulosebekämpfung wird der rl zweck der Heilstätte darin gesehen, Bazillenausscheider tempor; isolieren, besserungsfähige Tuberkulöse nicht zu offenen Tuberku werden zu lassen und bei offenen Tuberkulösen die Bazillenaus! düng zu beseitigen. Es liegt aus diesem Grunde auch die Lord' aller Heilstätten, die sich der kindlichen Tuberkulose annehmei grössten Interesse der Tuberkulosebekämpfung. Die Isolierung möglichst zahlreicher Bazillenausscheider auf Zeiträume ist die wichtigste Frage, deren Lösung die Tuberkulc kämpfung entscheidend beeinflussen wird. Hier liegt der Hebe zu einer wirksamen Tuberkulosebekämpfung mit aller Kraft angi werden muss. Es wurde schon oben darauf hingewiesen, dass zwangsweise und dauernde Isolierung aller Bazillcnausscheide einzige wirklich durchgreifende Massnahme, aus verschiedenen Gr heute undurchführbar ist. Es wird sich aber doch erreichen 1. für längere Zeiträume freiwillig Kranke zum Eintritt in geschlc Anstalten zu bewegen. Eigene Krankenhäuser oder Heime für bc tuberkulöse haben sich erfahrungsgemäss nicht bewährt, da in das Volk nur Sterbehäuser sieht und deshalb seine Angehörigen hingibt oder länger belässt. Zweckentsprechender sind Kra häuser. die alle Formen der Tuberkulose aufnehmen. Sie finde schon in einzelnen Städten und man hat bei entsprechender Bee sung durch den Arzt und die Fürsorge erreichen können, dass ein grosser Teil der offenen Tuberkulösen eintritt und ein sehr t licher Teil Tuberkulöser in ihnen stirbt. Gegen diese Kranken! bestehen nur finanzielle Bedenken. Ihr Bau und ihre Einrichtui fordern erhebliche Mittel, die man heute kaum aufbringen kann Netz derartiger Anstalten über das ganze Land auszubreiten, vet die Geldnot. Es besteht dagegen ein anderer gangbarer Weg, de wenig beschritten wird. Die Kranken sollen in kleineren Kn häusern, besonders in ländlichen Gegenden, in besonderen 1 uberk abteilungen, die mit nur verhältnismässig wenig Mittel ausgebaui den können, auf genommen werden. Verschiedentlich haben su Landesversicherungsanstalten bei invaliden Schwertuberkulösen erklärt, an Stelle der Invalidenrente die Pflege in einem Krankl treten zu lassen. Wirksam wird diese Ablösung aber nur sein, wenigstens ein Teil der Rente den Angehörigen belassen wi Kranke sich nur zum Eintritt in eine Anstalt entschlossen \v wenn in dieser Form wenigstens teilweise Sorge für ihre Larnil troffen wird. Es ist notwendig, ausreichende Mittel zu beschafft auch Schwertuberkulösen, die nicht Invalidenrentner sind, la Aufenthalt in Krankenhäusern zu ermöglichen. Es wird längs; erreichen sein — hierfür sprechen Erfahrungen z. B. in Engla das Volk an die Unterbringung Schwertuberkulöser in die Kr häuser mehr und mehr zu gewöhnen, wenn der Aufenthalt aus liehen Mitteln oder auf dem Versicherungswege bestritten wird. 1 hin wird nur ein Bruchteil der Schwertuberkulösen aufgenommei den können. Es wird ernstlich zu erwägen sein, ob man nicht Fällen, wo aus Mangel an Pflege, aus Widersetzlichkeit des K und Aehnlichem eine stark erhöhte Ansteckungsgefahr besteht, fl lieh eine Zwangsisolierung in Krankenhäusern durchsetzen so Der Gedanke, erwerbsfähige Tuberkulöse ln eigenen Arbei nien anzusiedeln, ist theoretisch gut gedacht, gegen die pra; Durchführbarkeit bestehen aber sehr ernsthafte Bedenken. Ehe der Gedanke, Tuberkulöse mit ihren Familien in besonderen n unterzubringen, durchführbar, es bestehen aber auch hier ZI ob auf die Dauer die Familien die bald als Tiiberkulosehäuscr g' •z 1 922. MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT. 321 j eten Wohnungen beziehen werden. Jedenfalls wäre es nur bei t lrung sehr hoher Mietsbegünstigungen möglich, an muss offen gestehen, trotz mannigfacher Vorschläge ist die j der Isolierung von Bazillenausscheidern praktisch nicht gelöst, i iuss aber in Einzelfällen jeden gangbaren Versuch machen, dieses i erreichen; der Versuch wird, richtig aufgefasst, gar nicht so j gelingen. !e Behandlungsmassnahmen, die eine Abheilung der Tuberkulose amit ein Aufhören der Bazillenausscheidung erzielen können, vom Standpunkt der Tuberkulosebekämpfung unterstützt wer- Besonders gilt dies für die aussichtsvolle Behandlung der kind- Tuberkulose. Sicher wird auch die Pneumothoraxbehandlung, und Stranlenbehandlung. die chirurgische Behandlung der Lun- lerkulose für die Tuberkulosebekämpfung eine immer mehr wach- Rolle spielen. Ob und wieweit die immunbiologischen Methoden i Tuberkulosebekämpfung von Bedeutung werden, müssen erst e Erfahrungen lehren. Bei Angesteckten, Krankheitsbedrohten, ehr leicht erkrankten Tuberkulösen wird man durch körperliche ;ung und geeignete therapeutische Massnahmen sehr günstige j erzielen und hiermit zur Tuberkulosebekämpfung wirksam bei¬ können. Es werden die schwereren Erkrankungen vermieden, rd erreicht, dass aus den Angesteckten keine Bazillenträger i. er liegt auch die grosse Bedeutung der Walderholungsstätten, wohl nach ihrer Zahl wie nach ihrer Betriebsart eines inten- Ausbaues bedürfen, der auch heute noch durchgeführt werden Der ursprüngliche Sinn der Walderholungsstätten, nach dem leute meist noch verfahren wird, ist. Krankheitsgefährdete oder tuberkulöse während des Tages aufzunehmen, für die Nacht die Patienten in ihre Wohnung zurück. Sicherlich ist der rufenthalt in den Walderhglungsstätten von Nutzen. Frische intsprechende Lebensweise und gute Beköstigung werden einen ünstigen Einfluss auf den- Körper im Sinne einer erhöhten Er- ngsresistenz ausiiben. Die Rückkehr am Abend in oft sehr un- ;e Wohnungsverhältnisse, in die gewohnte Umgebung und damit Sorgen und Leiden des Alltags werden aber einen grossen Teil l Tage für die Gesundheit Gewonnenen wieder zunichte machen. Form des Tagesaufenthaltes erfüllt die Walderholungsstätte ihre >en nur teilweise. Sie kann als solche sehr zweckmässig sein ärkung und Erholung be ansteckungsgefährdeten Kindern. Immer aber ihr Erfolg beschränkt, wenn sie ihre Insassen zur Nacht- ix Familie, zuriickgibt. Die Walderholungsstätten werden ihren nur dann voll erfüllen können, wenn sie ihre Kranken sowohl Nacht wie für den Tag aufnehmen könnten. Die finanziellen Be- ■ Segen einen Nachtbetrieb der Walderholungsstätten dürften uheblich sein, da die laufenden Betriebskosten keine sehr grosse ing gegenüber dem Tagesbetrieb bedeuten werden. Es kommt ; einmalige Ausgabe die Bereitstellung der Schlafräume und ihrer tung in. Frage. Für den Vollbetrieb der Walderholungsstätten s wichtig in die Wagschale, dass viele Leichtkranke, die jetzt Stätten aufgenommen werden, mit gleichem Erfolge in Wald- lgsstätten behandelt werden können, vorausgesetzt, dass der halt dauernd ist. So wird es möglich, die Heilstätten zu ent- und hier mehr Platz für solche Fälle zu schaffen, die einer :n Heilstättenkur bedürfen. Ein Heilstättenneubau ist heute fast lieh, die wesentlich geringeren Kosten für Errichtung einer Wald- igsstätte sind eher aufzubringen. Bestehende Walderholungs- sollen für Dauerbetrieb ausgebaut werden. Für neu zu er¬ de Walderholungsstätten sind Bau- und Betriebspläne von vorne- aut Dauerbetrieb anzulegen. Da Walderholungsstätten mit Dauer- nicht in nächster Nähe bei den Wohnorten der Kranken liegen i, können sie auch der ländlichen Bevölkerung dienen, fiir die Tagesbetrieb meist verschlossen bleiben. Walderholungsstätten cenbetrieb können nur von grösseren Städten oder in dichter bc- en Gegenden durch Interessenverbände mehrerer Gemeinden -t werden. Für kleine Städte und ländliche Gegenden kommt >atz der Walderholungsstätten in der Form in Frage, dass man -inrichtung an kleinere Krankenhäuser anlchnt. Die Erholungs- muss nicht immer im Walde liegen, sie kann auch in einem , staubfreien Garten nahe bei oder in einer kleinen Stadt ge- cin. Im Krankenhausgarten können die nötigen Liegehallen und -'hlafbaracke errichtet werden, eventuell können für das Ueber- 1 geeignete Krankenhausräume hergerichtet werden. Das Wich¬ el Kostensparende liegt darin, dass der Betrieb der Erholungs- besondeis der Küchenbetrieb, mit dem Krankenhausbetrieb ver- wird, dass vielleicht auch die Aufsicht durch das Kranken- visonal ausgeiibt wird. Wird das System der Walderholungs¬ unter diesen Gesichtspunkten ansgebaut - und dieser Ausbau otz der Geldnot ausgeführt werden — , so wird man hierdurch i .irekte Tuberkulosebekämpfung bei Krankheitsgefährdeten und - ’apeutische Beeinflussung früher Tnberkulosefälie sehr wesent- fdem. I'uptauigabe der Fürsorgestelleu wird es sein, die Kranken, Krank- jund Ansteckungsgefährdeten zu erfassen, Erkrankungen bzw. Kung. festzustellen, den Einzelnen je nach Bedürfnis den besteh- ' Einrichtungen zuzuführen und durch Heimfürsorge in der Fa- Ansteckungsgefahr möglichst herunterzudrücken. Die Für- - eile erfüllt einmal rein ärztliche Aufgaben. Als solche dient sie -r Linie der Diagnose der Krankheit und ihres Stadiums. Dass in der Fürsorgestelle eigentliche Behandlung getrieben wird, dürfte abzulehnen sein. Vom Standpunkt der Tuberkulosebekämpfung er¬ scheint es nötig, in einer Fürsorgestelle das Hauptgewicht auf die eigentliche Fürsorgearbeit zu legen, unter der die Heimfürsorge weit¬ aus an erster Stelle steht. Die Heimfürsorge soll einmal die In¬ fektionsgefahr vermindern, indem der Kranke zu hygienischer Lebens¬ weise, zu richtiger Behandlung seines Auswurfes angehalten wird. Die .Heimfürsorge wird prüfen, wie eine Isolierung des Kranken, wie die Trennung von infektionsgefährdeten Familienmitgliedern, besonders von Kindern erfolgen kann, sie wird geeignete Unterbringungsmöglich¬ keit suchen und durch taktvolle Ueberredung die Kranken und ihre Angehörigen zu einer entsprechenden Isolierung bewegen. Die Heim¬ fürsorge wird die Wohnungspflege verbessern und die Familie des Tuberkulösen zur Reinlichkeit und zu gesundheitlicher Lebensführung erziehen. Sie wird Winke geben, wie die Lebenshaltung, die Ernäh¬ rung verbessert werden kann. Das grosse Gebiet der vielseitigen, kleinen Massnahmen der indirekten Tuberkulosebekämpfung ist das eigenste Gebiet der Heimfürsorge. Will diese Arbeit Erfolg sehen, so muss sie von geeigneten Arbeitern ausgeführt werden; hierfür werden wohl nur weibliche Fürsorgepersonen in Frage kommen, bei denen ein praktischer Blick .für die Lebensverhältnisse, die Gabe, das Zu¬ trauen des Befiirsorgten zu gewinnen und ein menschliches Mitgefühl ebenso erforderlich sind wie ein entsprechendes hygienisches und für¬ sorgerisches Wissen. Der . Erfolg der Heimfürsorge ist in höchstem Masse von der Persönlichkeit und Eignung der Fürsorgerin abhängig. Der Ausbau der Fürsorgestellen wird sich in erster Linie in der Richtung der Heimfürsorge zu bewegen haben. Jede Fürsorgestelle soll mindestens über eine Fürsorgerin verfügen, die mit Vorteil gleich¬ zeitig auch auf anderen Gebieten der Gesundheitsfürsorge tätig sein kann. Eine Fürsorgestelle, die keine Fürsorgerin für Hausbesuche hat, ist unfertiges Stückwerk, das seinen Hauptzweck nicht erfüllt. Der Ausbau der Fürsorgestellen in der ärztlichen Richtung muss einmal in der Weise geschehen, dass nur Fürsorgeärzte mit guten spezia- listischen Kenntnissen verwandt werden, dass andererseits bei kleinen Fürsorgestellen Anschluss an Krankenhäuser mit Röntgeneinrichtung gesucht wird, da Röntgenuntersuchung für die Tuberkulosediagnose unbedingt nötig ist, heute aber eigene Röntgenapparate nur von den grössten Fürsorgestellen beschafft werden können. Sehr nötig ist es, dass auch unter den praktischen Aerzten das oft fehlende Verständnis für die Tuberkulosefürsorge geweckt wird, dass die Fürsorgestelle in engster Weise mit den praktischen Aerzten zusammenarbeitet und ihr Vertrauen besitzt, nur dann wird es möglich sein, die Tuber¬ kulösen weitgehendst zu erfassen und in Fürsorge zu nehmen. Zur indirekten Tuberkulosebekämpfung gehört schliesslich noch die Volksbelehrung über Wesen und Verhütung der Tuberkulose. Das Wissen des Volkes ist auf diesem Gebiete sehr mangelhaft. Man kann durch Vorträge, Belehrungsfilme, Presseaufsätze, Merkblätter usw. die Erwachsenen auf die Gefahren hinweisen und wird bei systematischer Belehrung langsam erreichen, dass das Wissen in die Masse dringt und wenigstens von dem einsichtigeren Teil der Bevölkerung auch an¬ gewandt wird. Recht wichtig erscheint es, diese Volksbelehrung schon in der Schule einsetzen zu lassen. Gesundheitliche Volksbelehrung muss mehr wie bisher in den Unterrichtsstoff der Schule eingefügt wer¬ den; In dieser Richtung müssen neben dem Arzt Lehrer und Geistliche auf das Volk einwirken. Es muss. Volksanschauung werden, dass die Tuberkulose eine heilbare und vermeidbare Krankheit ist. dass jeder Fall möglichst frühzeitig dem1 Arzt und der Fürsorge zuzuführen ist. Das Arbeitsprogramm der Tuberkulosefürsorge ist sehr gross, seine richtige .Durchführung ist abhängig von dem speziell medizinischen und dem sozialhygienischen Wissen und Verständnis, der Organisationsgabe, der Energie und Hingabe des Arztes, der die Tuberkulosebekämpfung, an erster Stelle betreiben soll und ihre Leitung in der Hand behalten muss, von dem Verständnis der Behörden, die diese Arbeit unter¬ stützen sollen, vom Zutrauen, vom guten Willen und von der Einsicht der Befiirsorgten und schliesslich vom Ausschlaggebendsten, den nötigen Mitteln. Flieran fehlt es und wird es voraussichtlich in der nächsten Zukunft stark mangeln. Das Reich und die Länder werden die vollen Kosten der Tuberkulosebekämpfung nicht aufbringen können. Die kommunalen Mittel sind unter der heutigen Steuergesetzgebung stark beschränkt. Bei den steigenden Kosten für anderweitige, oft weniger wichtige kommunale Aufgaben kommt die Tuberkulosebekämpfung ge¬ wöhnlich zu kurz. Die freiwillige Hilfstätigkeit kann nicht mehr in dem Masse Mittel zur Verfügung stellen, wie es in vergangenen, besse¬ ren Zeiten möglich war. Man muss sinnen, wie die wenigen Mittel am besten ausgenützt, wie sie etwa gesteigert werden können. Jede Verzettelung der Mittel muss streng verhütet werden. Ueberall. wo es durchgeführt werden kann, müssen die in Betracht kommenden Geld¬ geber zu Interessengemeinschaften zusammengefasst werden; die ein¬ zelnen, an. sich unzureichenden Mittel müssen zusammengeworfen wer¬ den, um in ihrer Gesamtheit wirkungsvoll zu werden. Landesver- si.cherungsanstalten und Krankenkassen müssen noch weit mehr wie bisher einen Teil ihrer Mittel für die Tuberkulosebekämpfung bereit¬ stellen, entlasten sie doch hierdurch auch die für ihre Pflichtleistungen aufzubringenden Kosten. Organisationen, die sich zu wirtschaftlichen oder anderen Zwecken zusammengeschlossen haben, sollen ebenfalls einen Teil ihrer Einnahmen der Tuberkulosebekämpfung bei ihren Mit¬ gliedern zukommen lassen. Vornehmlich sollen hieran die Organisatio¬ nen des nichtversicherten Mittelstandes denken, der heute materiell am schwersten durch die 1 uberkuloseerkrankungen seiner Angehörigen 3 22 MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT. N; betroffen wird. Ein Teil der Gewinne aus öffentlichen und indu¬ striellen Unternehmungen sollte der Tuberkulosebekämpfung zufliessen. Derartige Mittel können durch die Tätigkeit einer Zentralstelle nur beschränkt erschlossen werden, es gibt manche ergiebige Quellen lo¬ kaler Natur, die durch persönliche Beeinflussung, z. B. durch den Leiter einer Tuberkulosefürsorgestelle mit Geschick und Geduld auch heute noch gar nicht so selten eröffnet werden können. Alle lokalen Fürsorgeeinrichtungen müssen sich der Mühe unterziehen, derartige Stellen aufzufinden und für die Tuberkulosebekämpfung zu gewinnen. Durch diese wichtige Kleinarbeit werden sich die pekuniären Hilfs¬ mittel auch jetzt noch nicht unwesentlich vermehren lassen. Hierzu kommt eine bessere haushälterische Verwendung der Mit¬ tel. sie dürfen nicht einseitig oder in oft gegensätzlicher Nebeneinander¬ arbeit ausgegeben werden. Jede Fürsorgeeinrichtung soll ihren Haus¬ haltplan aufstellen und hierbei überlegen, wie durch Einsparung un¬ nötiger Ausgaben ihre Mittel für das unbedingt Nötige vermehrt wer¬ den können. Bei jedem einzelnen Fürsorgefall muss kritisch geprüft werden: welche Massnahmen versprechen bei geringstem Mittelauf¬ wand den besten Erfolg? Wenn unter derartigen Gesichtspunkten ge¬ arbeitet wird, so wird sich trotz der Geldarmut die Fürsorge am Leben erhalten können. Die Fürsorgestellen werden den Kampf um ihre Kostendeckung am ehesten durchführen können. Viel schwerer ist dieser Kampf bei Anstalten und ähnlichen Einrichtungen. Bei manchen Anstalten besteht die Befürchtung, dass es aussichtslos ist, dass die Anstalten zu einer Schliessung gezwungen werden. In diesen Fällen wird man schlechtere Anstalten, die ihren Aufgaben nur unvollkom¬ men genügen, rechtzeitig aufgeben, wenn hierdurch die Erhaltung guter Einrichtungen gesichert wird. Neueinrichtungen dürfen nur mit gröss¬ ter Vorsicht geschaffen werden, wenn die materiellen Voraussetzungen vorhanden sind, dass der Betrieb wirklich durchgeführt werden kann. Sonst bedeuten Neueinrichtungen nur Mittelverzettelung zum Schaden des Bestehenden. Wer soll den Kampf gegen die Tuberkulose führen? In erster Linie der Arzt, der aber über entsprechende Vorbildung und Eignung verfügen muss. Da die Tuberkulosebekämpfung mit den verschiedenen anderen Massnahmen zur Gesundheitspflege und Fürsorge eng ver¬ knüpft ist, soll sich ihrer der Amtsarzt, besonders in ländlichen Ge¬ genden, annehmen. In Gichter bevölkerten Gegenden und in Städten wird er sich die Aufsicht erhalten, die praktische Einzelarbeit aber eigenen Tuberkulosefürsorgeärzten überlassen müssen, die je nach den Verhältnissen diese Arbeit haupt- oder nebenamtlich versehen. Neben dem Arzt sind für die eigentliche Fürsorge Fürsorgerinnen nötig, die eine gute Ausbildung in der Tuberkulosefürsorge erhalten müssen. Grössere Städte werden vielleicht eigene Tuberkulosefürsorgerinnen anstellen. In kleineren Städten und auf dem Lande soll die Tuber¬ kulosefürsorge von Bezirksfürsorgerinnen neben ihrer anderen Fürsorge¬ arbeit übernommen werden. Es muss aber Vorsorge getroffen werden, dass von ihnen die Tuberkulosefürsorge auch richtig durchgeführt wird und nicht aus Arbeitsüberhäufung oder besonderer Vorliebe für andere Fürsorgezweige vernachlässigt wird. Der individuelle Charakter der Tuberkulosefürsorge erlaubt kein schematisches Arbeiten. Sie kann daher nicht durch eine Zentral¬ stelle nach einheitlichen strengen Normen organisiert und geleitet werden. Der Fürsorgetätigkeit muss den lokalen Verhältnissen Ent¬ sprechend freier Spielraum gelassen werden. Anderseits ist es aber notwendig, dass die Fürsorge, so weit es geht, nach einheitlichen Grund¬ sätzen arbeitet. Eine Zentralstelle muss daher vorhanden sein, die Leitlinien gibt, Auskünfte erteilt, bei der Geldverteilung aus öffentlichen Mitteln mitspricht und wissenschaftlich die Tuberkulosebekämpfung fördert. Hierfür haben sich die aus ärztlichen Fachvertretern und Vertretern des Staates lose gebildeten Landesverbände zur Bekämpfung der Tuberkulose als sehr zweckmässig erwiesen. Sie werden den genannten Aufgaben einer Zentralstelle gerecht und vermeiden dabei die üblen Folgen, die sich aus einer zu intensiven Zentralisierung wo¬ möglich unter straffen gesetzlichen Vorschriften ergeben. Das Grundgerüst für die Tuberkulosebekämpfung ist aufgerichtet. In ihren einzelnen Teilen ist sie schon mehr oder minder ausgebaut. Der Plan des Gebäudes ist, so weit es der heutige Stand der Wissen¬ schaft ermöglicht, fertig. Der völlige Ausbau wird noch lange Zeit erfordern, es wird wie bei vielen anderen Bauten hauptsächlich davon abhängen. ob sich zu seiner Fertigstellung die nötigen Mittel finden werden. Wenn der jetzige Plan der Tuberkulosebekämpfung auch, rein theoretisch gedacht lückenhaft und angreifbar ist so muss man doch stets berücksichtigen, dass seine Durchführung zu eng und zu vielfach mit dem praktischen Leben in Verbindung steht, dass man wie im Leben immer auch hier Kompromisse schliessen muss, freilich nur unter der Voraussetzung, dass man mit den gemachten Konzessionen seinem Ziel am nächsten kommt und jederzeit Gutes durch Besseres ersetzt. Was die Zukunft, vor allem dje wissenschaftliche Vorarbeit, der Tuber¬ kulosebekämpfung an Fortschritten und neuen Aufgaben bringen wird, ist noch unsicher. Der gemachte Anfang ist aber gut und entwicklungs¬ fähig. Man wird unentwegt an ihm Weiterarbeiten, wenn auch die reife Frucht der Arbeit, die völlige Ausrottung der Tuberkulose, vielleicht erst in Jahrhunderten, vielleicht auch nie geerntet werden kann. Bücheranzeigen und Referate. Prof. Dr. Gustav Hegi: Illustrierte Flora von Mitteleuropa besonderer Berücksichtigung von Deutschland, Oesterreich und Schweiz. IV. Band, zweite Hälfte. München, J. F. L e h m a n n. Schon mehrfach wurde auf das grosse, prachtvoll illustrierte wissenschaftlich die höchsten Ansprüche befriedigende Werk in di Wochenschrift hingewiesen. Es ist durch die Ungunst der Kriegs- Nachkriegsverhältnisse immer noch nicht zum vollen Abschluss gebr aber weit gefördert und seit einiger Zeit darf man hoffen, dass es wieder rasch vorwärts geht. 5 starke Quartbände (je 5—600 Seiten) sind jetzt vollstä 1, 2, 3 behandeln die Gefässkryptogamen, Gymnospermen, M cotyledonen, 3 und 4 die Choripetalen, welche der eben begon Band 4 (2) und 5 zu Ende bringen wird. Band 6 (1) den ersten der Sympetalen vorführend, ist ebenfalls vollständig. Band 6 (2) deren 2. Teil, darin die Hauptmenge der Kompositen, bringen. Die Arbeit ist so gross angelegt und durchgeführt, dass Hegi nach Mitarbeitern umsehen musste; so sind die Sympetalen H a j e k bearbeitet, während an den Choripetalen Prof. R Keller, Dr. Josias Braun-Blanquet, Dr. Gams und Schmid und andere grössere oder kleinere Abschnitte bearb' Der Charakter des Buches ist dabei aber ein durchaus einheiti geblieben. Hegi hat selbst viele Zusätze beigesteuert. Neben wildwachsenden Pflanzen des grossen Gebietes sind sehr zahlr Einschleppungen und bekanntere Kultur- und Gartenpflanzen anh, weise behandelt, natürlich nicht mitnumeriert und nur gelegentli schwarzen Ergänzungsbildern vorgeführt. Ja durch kurze Exkurs es gelungen, stets die mitteleuropäische Flora im Rahmen der ' flora zu zeigen. Neben der Morphologie und Systematik k< Pflanzengeographie und -biologie sehr vielseitig und interessan Wort. Viele Literaturangaben gestatten über kritische Fragen n Quellen zu benützen. In gleicher Liebe wie früher sind die lateini; Namen erklärt, insbesondere aber von Dr. M a r z e 1 1 die mannigf; deutschen Namen gesammelt und erläutert. Nutzen und Schade Pflanzen, chemische Bestandteile, kurz, was man nur wissen wi zu finden. Der Bilderschmuck in Farbtafeln, schwarzen Ergänzungsbilden photographischen Aufnahmen und das Papier ist gleich gut und wie früher. Und was die Hauptsache ist — man kann mit dem I praktisch gut arbeiten, sorgsame Bestimmungstafeln lassen au schwierigen Gattungen die Arten sicher ermitteln. Das prächtige Werk bringt also dem Liebhaber wie dem Bota dem Anfänger wie dem Vorgerückten reiche Belehrung und sol keiner Bibliothek fehlen. Mir ist es ein sehr oft und gern ben zuverlässiger Freund geworden. Den Autor, seine Mitarbeiter und den Verlag, die trotz Schwierigkeiten das Werk mit zäher deutscher Ausdauer weiter? haben, darf man zu dem bisher Geleisteten aufs' wärmste be: wünschen. K. B. Lehma H. K. Corning: Lehrbuch der Entwicklungsgeschichte des sehen. Mit 672. davon 105 farbigen Abbildungen. 1921. Bergm München. Corning stellt in seinem neuen Lehrbuch die Entwicklun Menschen in den Mittelpunkt der Darstellung und kommt damit einem nicht unberechtigten Wunsche unserer heutigen Medizine gegen. Im Gegensatz zu anderen Werken wird daher die vergleic Embryologie der früheren Entwicklungsperioden, wie Furchung. B der Keimblätter usw. in möglichster Kürze gegeben. Durch Eint in zahlreiche kleinere Abschnitte wird die Uebersicht für den An nach Möglichkeit erleichtert. Eingestreute Kapitel allgemeinen haltes, wie z. B. über den Wert der einzelnen Furchungszellen die Gastrulationstheorie, über Plazentarbildungen, über das Exkn System, über Hermaphroditismus usw. erwecken in trefflicher und fasslicher Weise bei dem Studierenden das Interesse an der En lungslehre und bringen ihm ihre Bedeutung zum Bewusstsein. N der Wahl des Zeichners war Corning weniger glücklich. Die A düng der in der Heraldik zur Versinnbildlichung der Farbe gebräucl Strichmanier auf mikroskopische Zeichnungen ist wenig nachaf wert. Auch den plastischen Zeichnungen würde man öfters gern mehr künstlerisches Empfinden wünschen. Worunter der wissen liehe und didaktische Wert ja nicht zu leiden braucht. Manche mata, wie das nach Bryce (Fig. 5) zur Veranschaulichung der Sp histogenese. wären bei der 2. Auflage besser durch neuere zu er: wobei im Text auch die doch völlig gesicherte Beteiligung der somen am Aufbau des Spermiums u. a. erwähnt werden könnte, sonst müsste der eine oder der andere Abschnitt, wie z. B. de die Entwicklung der Lunge, in Hinblick auf neuere Ergebnisse umgearbeitet werden. Diese Wünsche sollen jedoch nicht hinde Corningsche Werk zur Einführung in die Entwicklungslehr wärmste zu empfehlen. B. R o m e i s - Mün<| H. Helfe rieh: Atlas und Grundriss der traumatischen Fr: und Luxationen. Mit 64 farbigen und 16 schwarzen Tafeln.: 427 Figuren im Text. 10. Auflage. J. F. Lehmanns Verlag, Mi Preis 100 M. 'J Das bei allen bisherigen Auflagen erstrebte Ziel des Verl das Buch auf der Höhe der Zeit zu erhalten, tritt auch diesmal wi' deutlich zutage. : März 1922. MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT. 323 Sowohl im allgemeinen, wie im speziellen Teile haben alle Er- 1 , rangen der letzten Zeit unter besonderer Berücksichtigung der Be- rfnisse des praktischen Arztes Verwertung gefunden; so in ersterem I besondere die neuen Formen der Behandlung mit Dauerzug; aber ; ;h im zweiten Teile sind viele Abschnitte umgearbeitet und ergänzt. : Tafeln und Textbilder sind wesentlich vermehrt und namentlich truktive Röntgenaufnahmen in reichlicher Anzahl eingefügt. Papier, ick und Ausstattung sind trotz der Not der Zeit vorzüglich. So erfüllt das Buch auch in seiner jetzigen Auflage den Wunsch ; , Verfassers, „es möge den Studierenden die Einführung in das wich- 2 Gebiet der Frakturen und Luxationen erleichtern und Aerzten ein -uchbarer Führer sein“, vollauf. Es dürfte wohl kaum lange dauern, so wird dieser zehnten eine neue ulage folgen; denn „der Helferich“ soll sich im Besitze eines jeden dizinstudierenden befinden und muss in jeder Handbibliothek eines iktischen Arztes, auch in der bescheidensten, vorhanden sein. KI. H. Brüning: Kurzgefasstes Lehrbuch der Untersuchung am Kran- abette des Kindes. F. Enkes Verlag., Stuttgart. 1921. 312 S. Mit der Veröffentlichung dieses Buches sollte einem Mangel ab- lolfen werden, den der Autor, wie er im Vorwort sagt, schon seit Be¬ tt seiner pädiatrischen Tätigkeit stets empfunden hat. indem „der iderheilkunde, im Gegensatz zu den meisten übrigen medizinischen jzialfächern, ein besonderes Lehrbuch der Untersuchung am Kran- lbett fehlt“. Freilich hat es sich nicht vermeiden lassen, „dass nche Dinge* welche in ähnlichen Werken, insbesondere der inneren dizin und der speziellen klinischen Diagnostik geschildert werden. :h in dem vorliegenden Buch sich wiederfinden“. Immerhin war B. niiht, „die letzteren möglichst kurz zu fassen, das rein Kinderärzt- le schärfer herauszuheben und vor allem auch durch kurze klinisch- gnostische Abschnitte zu vervollständigen“. Morn Emmerich und Hage: Winke für die Entnahme und Einsendung l Material zur bakteriologischen, serologischen und histologischen tersuchung. Ein Hilfsbuch für die Praxis. Springer, Berlin 1921. (ns: 9 M. Das kleine Heftchen von 45 -^Seiten beantwortet kurz und ndlich wohl so ziemlich alle Fragen, die im Verkehr zwischen ern¬ tendem Arzt und Untersuchungsstelle auftauchen können. Es weist j die Fehler hin, die erfahrungsgemäss häufig bei der Einsendung Inacht werden und bespricht, wie man es dabei nicht machen soll, r Vorzug des Hilfsbuches ist, dass es nicht einseitig vom Standpunkt Seuchenbekämpfung beschrieben ist, sondern, dass es auch, histo- ische Untersuchungen, mehr klinische Verfahren (Opsonischer Index, .ierhaldenreaktion). gerichtlich-medizinische Untersuchungen (Blin¬ ken. Spermanachweis) usw. berücksichtigt. Tn der Einleitung wird Recht darauf hingewiesen, dass manche einsendenden Aerzte die :teriologische Untersuchung überschätzen und andere Aerzte sic erschätzen und dass beide Auffassungen auf Unkenntnis beruhen, u hilft die Benutzung dieses Hilfsbüchleins sicherlich ab. Es wäre wünschen, dass es Verbreitung fände. Leider wird es aber denen it helfen können, die durch Halbwissen auf diesen Sondergebieten i zu falscher Kritik und: zum Misstrauen gegen die Arbeiten einer dersuchungsstelle verleiten lassen. R i m p a u - Solln (Isartal). Lehrbuch der gerichtliche l Medizin mit Zugrundelegung (le¬ tschen und österreichischen Gesetzgebung und ihrer Neuordnung i'Dr. Julius Kratter. Hofrat, o. ö. Professor der gerichtlichen Medi- i. R. an der Universität Graz. 2 Bände. Erster Band. Theore- her Teil. 2., wesentlich erweiterte Auflage. Stuttgart. Verlag von dinand Enke. 1921. 724 Seiten. Preis: broch. 132 M.. geb. 150 M. Das ausgezeichnete Lehrbuch unseres Altmeisters der gerichtlichen dizin liegt hier in neuer und in verschiedenen Kapiteln erweiterter m vor; die erste Auflage war 1912 erschienen und ihr folgte dann 9 das als 2. Band gedachte schöne, durch zahlreiche, dem 1. Band lig fehlende Abbildungen ausgezeichnete Werk: „Gerichtsärztliche xis“ des gleichen Verfassers, das auch in dieser Wochenschrift 20, S. 462) angezeigt worden ist. Der vorliegende Band ist nun 1. Band des ganzen Werkes bezeichnet. Kratter hat es ver- nden. trotz der mehrfachen Umarbeitungen und Ergänzungen ein- ier Kapitel doch den Umfang des Werkes nicht wesentlich zu er¬ lern (100 Seiten), was sich äusserlich durch die Wahl eines etwas neren Papiers der neuen Auflage gar nicht bemerklich macht. Sehr erfreulich ist, dass jetzt u. a. auch die Benzidinprobe, wegen ihrer grossen Schärfe und ihrer gegenüber der Gtiajak- fflprobe doch bedeutend einfacheren Ausführbarkeit sehr wichtig ist. : ihrem Recht kam: bei dem Kapitel: Beurteilung von Narben te Ref. auch gerne die sehr interessante und praktisch wichtige histo- sche Arbeit Marchands (W.m.W. 1915 Nr. 6) erwähnt gesehen, !ehe auf die Altersbestimmung der Narben und auf die ausserordent- e Wichtigkeit von Fremdkörpereinschlüssen in solchen hinweist. Wie die 1. Auflage, so möchte Ref. auch diese 2. Auflage aufs aller- ' niste empfehlen, es wird aus dem Buch nicht nur der praktische t. der sich in dem Werke einmal gelegentlich Rat sucht, sondern der Berufssachverständige immer wieder Belehrung und Bereiche- ’g seiner eigenen Erfahrung gewinnen. H. M e r k e 1 - München. . Das ärztliche Heiratszeugnis. 71. S. Leipzig 1921. Kabitzsch. is 15 M. Vorliegendes Sammelheft bringt eine Reihe von Vorträgen, die in ••Aerztlichen Gesellschaft für Sexualwissenschaft und Eugenik“ in Berlin gehalten worden zu sein scheinen. Nach einem einleitenden Vorwort von dem Vorsitzenden dieser Gesellschaft, Geh. Rat Posn er spricht sich Prof. Westenhöfe r, der Vorsitzende der Berliner Ge¬ sellschaft für Rassenhygiene, unbedingt für obligatorische ärztliche Heiratszeugnisse aus. Wenn er allerdings sagt, dass das eigentliche Mittel, welches zur Gesundung der Rasse führe, „sich zum grossen Teil mit radikalen politischen und wirtschaftlichen Forderungen deckt, die von den Arbeitern aller Länder erhoben werden“, so ist das m. E. bedauerlich, .weil es die Frage der Rassenhygiene ohne Not in das Gezänk der Parteien zerrt. Der zweite Beitrag von dem Augenarzt Crzellitzer handelt von der „Farr.ilienforschung als Grundlage für das Heiratszeugnis“.- Der dritte Mitarbeiter, der Psychiater Lepp- m a n n, verhält sich gegen das Heiratszeugnis radikal ablehnend, zeigt sich allerdings nicht ganz mit der modernen Erblichkeitsforschung ver¬ traut. Auch der nächste Beitrag von Prof. Heller, welcher die Frage hinsichtlich der Geschlechtskrankheiten behandelt, kommt zur Ab¬ lehnung eines obligatorischen Zeugnisses. Geh. Rat Strassmann berichtet über tatsächliche Erfahrungen, welche er als Gynäkologe bei der Eheberatung gemacht hat. und spricht sich ebenfalls gegen obliga¬ torische Zeugnisse aus. Der Jurist Sontag erklärt sie zwar für höchst wünschenswert, aber für vorläufig bei uns leider undurchführbar. Der letzte Beitrag von dem Herausgeber des Heftes, dem Frauenarzt und Rassenhygieniker Hirsch, ist sehr wertvoll und beachtenswert. Er spricht sich für obligatorische Heiratszeugnisse ohne Eheverbote und ohne Zwang zum Austausch aus. Die Untersuchung soll m der Haupt¬ sache nur jedem Ehekandidaten selber Klarheit über seine Ehefähigkeit bringen. Dann ist es auch nicht notwendig. Männer und Mädchen, die niemals geschlechtskrank waren, mit allen Provokationsmethoden und Schikanen darauf zu untersuchen. „Die Deutsche Gesellschaft zur Bekämpfung der Geschlechtskrankheiten hat ein solches obligatorisches Untersuchungsverfahren ausgearbeitet und meines Erachtens damit ge¬ zeigt. wie es nicht gemacht werden soll.“ Dem kann sich Ref. nur anschliessen. Lenz- München. Arthur Kittel: 37 Jahre Landarzt in Preussisch-Litauen. 1869 bis 1906. Verlag Kittel, Königsberg. 46 Seiten. „Den Tag meiner' endgültigen Abfahrt aus Russ machte ich nicht bekannt . . . mein Neffe (mein Nachfolger) brachte mich frühmorgens an den Strom . . . doch kam ich noch zur Zeit in Tilsit an zum Zuge nach Königsberg. Hier unterhalte ich einen lebhaften Verkehr mit meinen alten Universitätsgenossen. Im März 1919 erblindete ich.“ So schliesst das kleine Büchlein, das der 83 jährige blinde Kollege nieder¬ schrieb. In ihm erzählt er einfach und schlicht von aufreibendster ärzt¬ licher Tätigkeit in seinem kleinen litauischen Oertchen. immer voll freu¬ digster Lebensbejahung, sich aufreibend in segenspendender Betäti¬ gung. Es rollt das Leben des Landarztes vorüber, wie sie tausendfach sich opfern, keines Lohnes gewärtig . . . darum ist das Büchlein liebens¬ wert und lesenswert. Max Nassauer. Zeitschriften -U ebersicht. Bruns’ Beiträge zur klinischen Chirurgie, red. von G a r r e, K ü 1 1 n e r und v. Brunn. 125. Bd. 1. Heft. Tübingen, Laupp. 1922. Aus der Marburger Klinik berichtet A. L ä w e n über Operationen an den Plexus chorioidei der Seitenventrikel und über offene Fensterung des Balkens bei Hydrocephafus Internus. Der von Dandy eingeschlagene Weg durch die Gehirnsubstanz in den Seitenventrikel gibt die einzige Möglichkeit, den ganzen Plexus aus einem Seitenventrikel herauszubekommen, erscheint aber nur zweckmässig, wenn es sich um bedeutende Ausdehnungen der Ven¬ trikel handelt. L. schildert einen Fall, in dem er wegen Hydrocephalus int. auf einer Seite die Resektion des Plexus chor. vornahm, die von dem Kinde 3 Wochen überlebt wurde, bei dem aber wegen Bildung einer Liauorfistel die Wirkung der Operation nicht festgestellt werden konnte. L. stellte an grossen und mittelgrossen Hunden Versuche an. von einer Inzision durch den Balken aus den Plexus aus einen Seitenventrikel herauszuziehen, von denen er drei längere Zeit am Leben erhalten konnte und zeigt an einem weiteren Fall ("Operation wegen nichtlokalisierbaren Hirntumors), dass die offene Balken- fensterung technisch durchführbar ist und vertragen wird (wenn sie auch in dem beschriebenen Fall nur die Somnolenz und andere Hirndrucksymptome beseitigte). Weiterhin schildert L. einen Fall, in dem er wegen schwerster Eklampsie die Balkenfensterung vornahm, bei dem sich eine wesentliche Abnahme des Hirndrucks danach konstatieren Hess, der Eingriff aber infolge des raschen Zusammensinkens der noch relativ dicken, viel Blut führenden, die Wand der Seitenventrikel bildenden Hemisphärenschicht auf die Blut¬ verteilung im Gehirn wirkte und die lebenswichtigen Zentren in der Medulla oblongata schädigte. Erich E i c h h o f f gibt aus der K ü 1 1 n e r sehen Klinik Beiträge zur Chirurgie des Rektums. Bericht über die an der Breslauer Klinik behandelten Rektumkarzinome. Derselbe stützt sich auf das Material von 1879 — 1920 (1021 Fälle: von denen allerdings 21.6 Proz. nur für einige Zahlenangaben ver¬ wertet werden konnten und 800 Fälle in nähere Verwendung kamen und 610 159.7 Proz. der Gesamtzahll in Behandlung genommen wurden). Im 1. Teil bespricht E. Alter und Geschlecht. Sitz und Form der einzelnen Tumoren. Symptome und Diagnostik. Auch nach F s Material ist das Rektumkarzinom fast doppelt so häufig bei Männern als bei Frauen, und findet sich eine Reihe von jugendlichen Kranken (2. — 3. Dezennium), von denen nur 13 opei'abel waren und der itingste Kranke 17 Jahre alt war. Bezüglich des Sitzes unter¬ scheidet er die seltenen Karzinome des Anus, die der Portio perinealK die häufigen Karzinome der Amnulle (60.7 Proz.) und die hochsitzenden Rektum¬ karzinome. Im 2. Teil bespricht E. die Radikaloperation bzw. die Indikations¬ stellung hiezu, solange noch Aussicht auf Erfolg besteht, soll radikales Ver¬ fahren eintreten, wenn nicht besondere Gegenindikationen (Herz- und Lungen¬ affektionen. zu schlechter Allgemeinzustand) bestehen, auch bei 70- und 75 jährigen Kranken wurde noch radikal operiert. Eine gewisse Vorbereitung 324 MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT. Nr. 9 (5—8 Tage vorher täglich 1—2 Esslöffel Rizinusöl), am Tag vor dem Eingriff Darmspülung, 2—3 Tage vor der Operation nur flüssige Kost, ist von grosser Bedeutung. Auch die Breslauer Klinik hält eine präliminare Kolostomie nicht für notwendig, d. h. nur bei bedrohlichen Zuständen (drohendem oder kom¬ plettem Darmverschluss) für indiziert. Die Mehrzahl der Radikaloperationen (75 Proz.) wurde in Allgemeinnarkose, von 1900 ab in Mischnarkose oder Rückenmarksanästhesie ausgeführt, letztere mit 0,15 proz. Novokain nach '/, Stunde vor der Operation gegebenen 0,02 Morphium. Im allgemeinen wird in linker Seitenlage mit gebeugten Oberschenkeln und etwas nach vorn ge¬ neigter rechter Seite operiert, gelegentlich auch in Bauchlage, mit stärkerer Beckenhochlagerung; E. bespricht die verschiedenen Arten Operation (partielle Exzisionen, Amputationen (113 Fähe), Resektionen (199 Fälle) und Invaginationen (4 Fälle) und die Nachbehandlung. Die Operationsmortalität betrug 24,5 Proz.. die Dauerresultate, und funktionellen Resultate werden eingehend gewürdigt, auch die Technik des Anus Praeter- naturalis wird erörtert (auch bezüglich der Dauerresultate) und in Tabellen das Resultat der einzelnen Operationsniethoden zusammengestellt Alexander H e 1 1 w i g bespricht aus der Frankfurter chir. Klinik die Hyper¬ thyreosen leichteren Grades (eine vergleichende klinische und pathologisch¬ anatomische Studie) und geht auf die als unausgebildete Formen (formes frustes Charcot), Kropfherz. Basedowoid etc. beschriebenen näher ein und gibt 10 Krankengeschichten mit dem histologischen Befund der operierten Thyreoidea mit Abbildungen, er betont in den leichten Formen genaue Er¬ hebung der Anamnese. Wenn auch dem Exophthalmus die diagnostische Bedeutung nicht allgemein zugesprochen wird, so äst doch der Glanz der Augen, die Erweiterung der Lidspalte in der Mehrzahl der leichten Thyreosen, der feinschlägige Tremor in zahlreichen leichten Fällen zu konstatieren, ebenso Schlaflosigkeit und Hyperhidrosis, besonders der Blutbefund wird zur Entscheidung, ob man es bloss mit nervösen Erschöpfungszuständen oder mit einer progressiven Hyperthyreose zu tun hat, herangezogen. Die histo¬ logischen Befunde lassen zwischen den Hyperthyreosen leichten Grades und dem klassischen Basedow prinzipielle Unterschiede nicht erkennen. H. sieht in dem Vollbasedow das charakteristische Endglied in der grossen Kette von Krankheiten, die bei aller Ungleichartigkeit ihrer klinischen Erscheinungen doch sämtlich von derselben Ursache herzuleiten sind, der Hypersekretion der Schilddrüse. , . . , .... .. H. F. O. H a b e r 1 a n d gibt aus der Kölner chirurgischen Klinik experi¬ mentelle und klinische Untersuchungen mit Chelonin bei chirurgischer Tuber¬ kulose und kommt nach ausführlicher Schilderung seiner Versuche, bak¬ teriellen und klinischen Beobachtungen zu dem Schluss, _ dass es ein Kunst¬ fehler ist, eine prophylaktische oder therapeutische Vakzination mit lebenden, wenn auch avirulenten, den menschlichen Tuberkelbazillen verwandten | Mikroben zu üben. . Ellen L e c h n e r gibt aus der Bonner Klinik einen Beitrag zur Kasuistik der Hirnangiome und beschreibt nach Anführung von 56 Fällen aus der Lite¬ ratur (von denen 51 auf das Grosshirn entfallen) und Besprechung der Symptomatologie und des Verlaufes ein faustgrosses Angiom des Schläfen- lappens, das operiert wurde, aber grosse Schwierigkeiten dabei bot. Heinr. Altemeyer gibt aus den Dortmunder Krankenanstalten eine Arbeit zur Technik der Beseitigung von gutartigen Stenosen der Papilla Vateri und teilt eine von H e n 1 e in mehreren Fällen erfolgreich geübte Operationsmethode mit. . Walter Altschul gibt aus der chirurgischen Klinik fn Prag einen neuen Beitrag zur Äetiologie der Schiatter sehen Erkrankung; teilt 7 neue Fälle mit. nach denen er seine Ansicht bestätigt findet, dass es sich bei dieser Erkrankung um eine Verletzung der Tibiaepiphyse, sei es durch direkte sei es durch indirekte, wenn auch manchmal recht geringfügige Gewalt handelt. Paul Caan gilbt aus der Kölner Klinik einen Beitrag zur Frage des Wesens und der Pathogenese derOstitis deformans (Paget) und kommt im Anschluss an 2 näher mitgeteilte, hauptsächlich Veränderungen an der Tibia aufweisende Fälle zu der Ansicht, dass es sich dabei weniger um neuro- pathische Störungen als um Dysfunktion mehrerer zueinander in Wechsel¬ funktion stehender hypokriner Drüsen handelt, deren Hormone entzündungs¬ erregend auf das Knochenmark wirken, denen hyperplastische Wucherungen und degenerative Umwandlungsprozesse folgen. Gerhard W o 1 f f beschreibt aus dem Breslauer jüdischen Krankenhause eine typische, durch Muskelzug entstandene Abrissfraktur der unteren Hais¬ und oberen Brustwirbeldorne und geht auf den Mechanismus, bei dem es sich meist um einen mit dem Arm zu leistenden Kraftaufwand handelte und bei dem besonders der Trapezius in Betracht kommt (Heben schwerer Gegen¬ stände vom Boden), näher ein und erwähnt die dabei vorkommenden Sensi¬ bilitätsstörungen. Sehr. Zentralblatt für Chirurgie. 1922. Nr. 5. F. v. Hofmeister: Unterbindung der Art. hepat. propria ohne Leber¬ schädigung. Verf. schildert 1 Fall von Ligatur der Art. hepat. propr. jenseits des Abganges der Art. gastr. dextr. bei gleichzeitiger, fast totaler Magenexstir¬ pation mit völlig ungestörter Heilung. Der glatte Heilverlauf erklärt sich vielleicht daraus, dass eine Triplizität der Leberarterie — normale Art. hepat., Art. für den linken und Art. für den rechten Leberlappen — vorlag; jeden¬ falls verdankte die Leber ihre arterielle Versorgung nicht ausschliesslich dem Kollateralkreislauf durch die Adhäsionen. Trotzdem ist die Art. hepat. propr. stets mit äusserster Vorsicht zu behandeln. Prof. Vidakovits - Pest: Zur Frage der Drainage nach Struniektomie. Verf. ist heute noch Anhänger der Drainage nach Strumektomie und be¬ gründet seinen Standpunkt. Duschan M a 1 u s e 1 r e w - Subotica: Ueber das Verhalten des Blut¬ druckes bei Achsendrehuiig des Mesenteriums. An 2 Fällen von Torsion des Mesenteriums konnte Verf. beobachten, dass die Torsion am Anfang mit einer bedeutenden Blutdrucksteigerung einher¬ geht, während das Zuruckdrehen des torquierten Mesenteriums eine kritische Blutdrucksenkung zur Folge hat; wodurch die Erhöhung des Blutdruckes bedingt ist, ist noch ungeklärt, während das Sinken des Blutdruckes durch die Erweiterung der durch die Torsion gelähmten Mesenterialgefässe ver¬ ursacht wird. Mit 2 Krankengeschichten. R. V o g e 1 e r - Berlin-Steglitz: Der quere bogenförmige Bauchschnitt bei eitrigen Bauchoperationen. Auf Grund günstiger Beobachtungen weist Verf. darauf hin. dass der quere Bogenschnitt mit Durchtrennung der geraden Bauchmuskeln in be¬ liebiger Höhe auch für eitrige Bauchoperationen die günstigste Bauch eröffnung darstellt. Die Eiterung einer queren Bauchwunde greift nicht au die Faszie über, während bei dem Medianschnitt die Eiterung fast stets i die Tiefe greift' dieser Vorteil wird aber nur erzielt durch die quere Durch schneidung der Muskulatur. . ... A. W. F i sehe r -Frankfurt a. M.: Bemerkungen zur Arbeit vo E. Makai: Zur Frage des sog. Ulcus simplex des Darmes. Verf. widerlegt kurz die von Makai erhobenen Einwandc. E. Heim- Schweinfurt-Oberndori. Zentralblatt für Gynäkologie. 1922. Nr. 5 und 6. F. Lichtenstei n- Leipzig: Intra partum spontan entstandenes Bauet deckenhamatom. ^ g { au{ diese relativ seltene Geburtskomplikation au merksam gemacht hat, mehren sich die Veröffentlichungen über derartig Fälle, deren Verlauf und Äetiologie mehrere Abweichungen voneinander bictei H. Hinsei mann- Bonn: Die Entstehung der Trophoblast- un Synzytiallakunen des menschlichen Eies. , ,1 Bemerkungen zu der Arbeit von T emesväry: „Ueber ein sehr jungt menschliches Ei in situ“ im Arch. f. Gyn. Bd. CXV, Heft 1. Fr. Klee-Bonn: Ein Karzinomsarkom des Uterus. Schilderung eines grossen Mischtumors. Diese Uteruskombinatiun: tumoren sind sehr selten. . Fr. H e in 1 e i n - Bochum: Zur Behandlung der Placenta praevia l.ni treuryse oder Kaiserschnitt. Ein Beitrag zur kürzlich erschienenen Motu graphie von F. Hitschmann: „Die Therapie der Placenta praevia . Kritisch-statistischer Bericht über 133 Fälle unter 11 000 Geburten se 1906. 3 Todesfälle = 2,3 Proz. Kindliche Mortalität — 19,5 Proz. Metrei ryse ist die Methode der Wahl. H. R e h - Frankfurt a. M. : Der fünfzigprozentige Alkohol zur Blu Auswischung bzw. Ausspülung des blutenden Endometriums führt ? einer stumpfen und raschen Blutstillung, die für manche Situationen ang< bracht und empfehlenswert sein kann. Bei atonischen Blutungen. Blutung« post abortum und bei endometritischen Blutungen brachten Spülungen m 50 — 70 proz. Alkohol bald Blutstillung. N. L o u v o s - Athen: Echinokokkenzyste im Douglas als Geburt hindernis. Nr. 6. J. A m r e i c h - Wien: Ein Fall von primärem Tubenkarzinom. Der primäre Tubenkrebs ist keineswegs eine besondere Seltenheit. D Veröffentlichung dieses Falles wird damit begründet, dass der Fall z Klärung der Frage, welche Rolle die Entzündung für die Entstehung d Tubenkurzinoms spielt, beitragen kann und auch noch bezüglich der path logischen Anatomie Besonderheiten aufwies. V. Hie ss und F. H i r s c h e n h a u e r - Wien: Zur Behandlung d Wochenbettfiebers. Bericht über einige Versuche mit kolloidalem Silber, Elektrokollargi Dispargen, Caseosan, P r e g 1 scher Jodlösung mit den verschiedensten R sultaten. ... P. v. K u b i n y i - Szegedin (Ungarn): Herabsetzung der Mortalität d Freund-Wert heim sehen Karzinomoperation. Die vom Verf. vorgeschlagenen Verbesserungen bestehen in: 1. gründlichster Vorbereitung des Krebses vor der Operation, 2. verschärfter Wundschutz, insbesondere ein kreisendes Instrume tarium, 3. Gebrauch von Eingiessung von Wasserstoffsuperoxyd in die Barn höhle, ., 4. Bevorzugung der kombinierten vagino-abdominalen oder abdomir vaginalen Methode, all dies in Verbindung mit der Tiefentherapie als Nachbehandlung. A. L ö s e r - Berlin : Trichomonas vaginalis und Glykogengehalt Scheide in ihren Beziehungen zur Kolpitis und zum Fluor. Polemik mit Höhne, Stephan, Abel in der Bazillosanfrage. Bettina N e u e r - Nürnberg: Virulenzprüfung der Streptokokken na S i g w a r t s Methode. Ausgedehnte Nachprüfung des S i g w a r t sehen Zeichens Hessen ki einheitliches Ergebnis erkennen: bald Wachstum, bald völlige Wachstun hemmung der Streptokokken auf den Filtraten, ja selbst unterschiedlicl Verhalten ein und demselben Filtrat gegenüber. Die S i g w a r t sehe M thode führt nicht zur Differenzierung und Virulenzerkennung der Strep kokkenstämme. M. B e h r e n d - Frauendorf (Stettin): Schwere Schädigung der Unt' leibsorgane intra partum. Interessante Kasuistik. Werner- Hamburg Zeitschrift für Kinderheilkunde. 30. Band. 1. u. 2. Heft. '9 (Nachträglich.) B. S a 1 g e - Bonn : Die Bedeutung der Geschwindigkeit der Entwickli für die Konstitution. Die normale oder anormale Beschaffenheit des kindlichen Körpers bestimmten Entwicklungsabschnitten ist abhängig von der Geschwindigk der Entwicklungsvorgänge ; viele als konstitutionelle Anomalien bezeichn Zustände sind nichts anderes als Anachronismen, als ein Hineinragen frü normaler Zustände und Funktionen in Lebensabschnitte, in denen sie sei überwunden sein müssten. Jos. B e c k e r - Bonn : Ueber Haut und Schweissdrüsen bei Föten i Neugeborenen. Aenne S c h m i t z - Bonn: Zur Entwicklung der quergestreiften Mus latur. Beide Arbeiten sind durch S a I g e s oben zitierte Meinung veranlag die eine beweist an Haut und Schweissdrüsen, die andere an der Faserdi- der quergestreiften Muskeln bei Föten und Neugeborenen, dass grosse jrj viduelle Verschiedenheiten im Ausbildungszustand beider Arten von Elemen' bei gleichalten Kindern bestehen. Diese Formelemente entwickeln sich ungleich rasch, was auf Verschiedenheiten der Konstitution beruhen mt Albert H u t h - München: Ernährungszustand und Körpermaasse. 31 Schüler einer Klasse wurden von Schulärzten nach klinischen <1 sichtspunkten hinsichtlich ihres Ernährungszustandes beurteilt und in t’ ’Z 1 922. MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT. 325 ;te gebracht. Vom gleichen Schülermaterial wurden verschiedene maassindizes berechnet und auch diese in Ranglisten angeordnet; es (sich nicht die mindeste Korrelation zwischen Ernährungszustand und i:inem Körpermaassindex. artin V i c t o r - Charlottenburg; Ueber plötzliche Todesfälle lm Säug- , er als Folge von akuter Nebenniereninsuffizienz. vei Fälle. Klinische Zeichen: Purpuraartige Hautblutungen, plötzlich ende gehäufte Konvulsionen, in der anfallsfreien Zeit hochgradige e, Dyspnoe, kaum fühlbarer, weicher Puls. Anatomischer Befund; ;ung bzw. frische Blutung einer Nebenniere. . Pfaundler und K. S c h ü b e 1 - München ; Verdauungsversuche nndarm junger Ziegen bei Einverleibung arteigener und artfremder abgebundene, aber in situ belassene Darmschlingen neugeborener |i wurde z. T. Ziegen-, z. T. Kuhmilch, sowohl in nativem als in i lautem Zustand eingebracht und dann nach einiger Zeit der Rückstand [ cht. Es ergab sich mangelhafte Erledigung der Kuh- gegenüber der jnilch, also Resorptionsbehinderung der artfremden Milch, analog den ; en Anschauungen über die pathogene Rolle der Resorptionsverlang- i für die Entstehung der akuten Verdauungsstörungen beim Säugling, itz W e n g r a f - Wien; Ueber die Ausscheidung getrunkenen Wassers läugling. je wasserausscheidende Fähigkeit der Niere ist schon in den ersten 'tilgen voll ausgebildet. Die Wasserausscheidung ist beim Brustkind | liessend, beim hypotrophischen etwas verzögert, beim dyspeptischen jtändig. ltau v. B a r a b ä s - Pest: Die Behandlung von Säuglingskrankheiten inschlichen Blutinjektionen. ite Erfolge bei chronisch ernährungsgestörten und bei exsudativen igen. Injektion von 8 — 10 ccm Blut der Mutter 6 — 7 mal in Abständen -5 Tagen. i ter K u 1 1 e r - Berlin : Masernschutz durch Rehonvaleszentenserum. Istätigt Degkwitz' Angaben, nur hält er rudimentär verlaufende i für ungeschwächt kontagiös. i Pfaundler und L. v. S e h t - München: Ueber Syntropie von leitszuständen. wird eine Formel aufgestellt, nach der sich das bisher bloss nach I ven Eindrücken behauptete vorzugsweise ZusKmmentreffen zweier jeitszustände in Zahlen ausdrücken lässt. Für verschiedene wichtige icungen des Kindesalters wird an grossem Material diese Zahl, die i oder negativ sein kann (Syn- bzw. Dystropie), angegeben. Näheres jjinal. Gott. litschrift für die gesamte Neurologie und Psychiatrie. 74. Bd. Heft. [ul Schilder: Bemerkungen über die Psychologie des paralytischen !i wahns. Uteilung dreier Fälle von Paralyse, bei denen in ähnlicher Weise, wie s früher bei Manie festzustellen versuchte, auf der Psychose voraus- : unliebsame Erlebnisse eine in entsprechenden Grössenideen sich de, ins Uebermass getriebene Reaktion erfolgte. Die durch die un- imen Erlebnisse in Gang gesetzten Abwehrmechanismen sind durch ■alytischen Prozess abgeändert (die Grössenideen tragen den Stempel itiklosigkeit). Während bei 2 Kranken die Grössenideen rasch ab- , dauerte die dritte Psychose, in welcher die Wahnbildungen einen bhizophrenen Anstrich hatten, lange Zeit fort. . thur K r o n f e 1 d - Berlin : Ueber schizophrene Veränderungen des itseins der Aktivität. ^schafft sich in einer Reihe von Abschnitten: „die psychopathologi- liennzeichen psychotischer Primärsymptome“, „der gegenwärtige Be- jswandel des Schizophreniebegriffes“, „psychotische Primärsymptome I Schizophrenie“, „Bemerkungen zur Phänomenologie des Aktivitäts- j:seins“, „das Ich und die Gefühle“ erst ein breites Fundament und ft dann in einem kurzen Abschnitt zuerst die qualitativen Modifiku- des Bewusstseins der Aktivität, die bei Schizophrenen gleichartig iert sind wie bei Nichtschizophrenen als ein von psychologischen ngen genetisch abhängiges, sekundäres, pychisches Geschehen. Spe- schizophren werden sie erst dann, wenn die primären genetischen ngen und Fundamente schizophren sind. Die qualitativen Aenderungen häufigeren. Das seltenere primäre Fehlen des Aktivitätsbewusstseins, dem Erlebniskorrelat der objektiven katatonischen Sperrungen, Para- und sonstigen psychomotorischen Anomalien zum Ausdruck kommt, echtes primäres Symptom der Schizophrenie anzusehen. Hier sind a der Erlebniskontinuität, wie sie sich eben nur im psychotischen geschehen finden und dieses eindeutig von allen charakterologischen ten und Blüten des Schizoids unterscheiden. iien K a h n - München: Ueber die Bedeutung der Erbkonstitution für iätehung. den Aufbau und die Systematik der Erscheinungsformen des s. unternimmt den Versuch, einige Erscheinungsformen des Irreseins in iifachen Beziehung zu Erbkonstitution, Konstellation und Umwelt zu j en, wobei unter Konstellation die durch Umwelteinflüsse erworbene rrutig des Organismus verstanden wird. Konstellative Eigenschaften 'O im Laufe des Lebens erworbene, nicht vererbbare Eigenschaften, schliesslich konstitutionell bedingte Krankheiten werden das manisch- ve Irresein, die Dementia praecox und die Epilepsie besprochen und I aufzuzeigen versucht, wie man sich ihr Zustandekommen erbbio- ! erklären muss. Kahn nimmt für alle drei Krankheiten das Zu¬ wirken zweier verschiedener Faktoren an, für das manisch-depressive - eine endokrin-zirkuläre Grundstörung und eine auf diese abge- ]• affine (elastisch-labile) Affektivität, für die Schizophrenie eine An- ’ Schizoid (die allein in gewissen psychopathischen Typen sich aus- md eine zur Prozesspsychose, für die Epilepsie eine Anlage zu Epi¬ ker allein wieder ein Psychopathentyp entspricht), und eine Anlage feptisch-endotoxischen Grundstörung. Im Gegensatz zu diesen erb- i tionell bedingten stehen die vorwiegend konstellativ verursachten jiten, von denen Kahn die Paralyse und das Delirium tremens be- Ist im allgemeinen bei der Paralyse die Verursachung und die be- I Ausbildung der Erkrankung konstellativ bedingt, so muss man bei ('typischen Formen das Hereinspielen in der Anlage gelegener Fak¬ toren annehmen. Die reinen erbkonstitutionellen Formen bedürfen zu ihrer Manifestation nur der Einwirkung der gewöhnlichen Lebensreize, die reinen konstellativen dagegen können auf dem Boden jeder beliebigen Erbkonstitution entstehen. Bei der systematischen Ordnung werden die reinen erbkonsti¬ tutionellen Formen als eigene Gruppen ins System gestellt werden können. Die konstellativen Formen werden als grosse Gruppen (mechanische, toxische, infektiöse) zusammengefasst werden müssen. Da jedoch mannig¬ fache Mischanlagen Vorkommen, ausserdem konstellative Faktoren bei erb¬ konstitutionell bedingten Krankheiten und umgekehrt wesentliche Verände¬ rungen der Krankheitsbilder hervorrufen können, wird es oft nicht möglich sein, eine einfache Diagnose zu machen; es ist dann die mehrdimensionale Diagnostik im Sinne Kretschmers am Platze. Die erbkonstitutionell- konstellative Auswertung der pathogenetischen Komponenten — ein Gesichts¬ punkt, welcher der erbbiologischen Forschung zu verdanken ist — verspricht Klärung auf vielen Gebieten und Beseitigung mancher alter Vorurteile. Karl B i r n b a u m - Berlin: Grundgedanken zur klinischen Systematik. Die Psychose ist eine lebendige funktionelle Einheit, die aus dem Zu¬ sammenspiel verschiedenartiger Kräfte sich ergibt. In diesem Zusammen¬ spiel wirken Faktoren sehr verschiedener Valenz, hochwertige, die nahe mit dem jeweiligen Krankheitsvorgang Zusammenhängen, — das sind formale Strukturelemente von allgemeiner elementarer Natur — und geringerwertige, die als Einschaltungen, Aufpflanzungen, Ableitungen, Ausgestaltungen, als pathoplastische zusammengefasst, nicht zum Wesen einer Krankheit gehörig betrachtet werden können. Die allgemeineren Grundformen, nach denen sich praktisch brauchbare klinische Krankheitseinheiten abgrenzen lassen, sind zu finden als diejenigen, die sich erfahrungsgemäss konstant und gleichartig bei dem gleichen pathogenen Agens zeigen, die als letzte klinische Gegebenheiten erscheinen und übrig bleiben, wenn man alles pathoplastische Beiwerk abge¬ streift hat. Dieser letzte Weg ist zurzeit der brauchbarste. B. gibt, um zu veranschaulichen, wie der Aufbau eines Krankheitssystems nach seinen Anschauungen zu denken ist. ein vorläufiges Orientierungsmodell, ein kompli¬ ziertes Schema, das hier nicht näher zu besprechen ist. Hermann H o f f m a n n - Tübingen: Studie zum psychiatrischen Konsti¬ tutionsproblem. Ein Beitrag zum erbbiologisch-klinischen Arbeitsprogramm. Es ist die Aufgabe der psychopathologischen Forschung, konstitutionelle und konstellative Eigenschaften zu unterscheiden und vor allem auch aus den konstellativen die konstitutionelle Komponente herauszuschälen. Bei der Konstitution ist zunächst zu achten auf die Konstitutionsvalenz, die ver¬ schieden gross anzunehmen ist, je nachdem geringfügige oder starke Milieu¬ faktoren zur Entfaltung des Phaenotypus nötig sind. Die Frage der K.- Valenz ist von grosser praktischer Bedeutung für die Aufstellung exakter Erblichkeitsregeln. Unter Hinweis auf Kretschmer bespricht H. ferner von Konstitutionsarten vor allem die manisch-depressive und schizophrene in ihren Auswirkungen. Auf den erbbiologischen Zusammenhang des präsenilen Beeinträchtigungswahns, der Paraphrenien und der Paranoia mit der Schizo¬ phrenie wird hingewiesen. Wahrscheinlich handelt es sich hier um Konsti¬ tutionslegierungen, „intermediäre Konstitutionen“, deren Bedeutung an ein¬ zelnen Fällen mit manisch-depressiver und schizophrener Erblichkeit aufge¬ zeigt wird. Für manche Melancholien des Rückbildungsalters darf die An¬ nahme einer derartigen . intermediären“ Konstitution als relativ gut bewiesen gelten. Auch für die Ausgestaltung vorwiegend konstellativer Leiden kommen sicher meist besondere konstitutionelle Momente in Betracht. In dem dritten Teil seiner Ausführungen betont H. die Bedeutung der Familien¬ forschung für die Klinik und gibt eine Reihe von in jedem einzelnen Falle notwendigen Fragestellungen. Als hereditäre Vizinitätsregel stellt er den Satz auf: Treten zwei klinische Abnormitäten, die bislang in der Systematik als selbständige Einheiten geführt wurden, besonders häufig in enger heredi¬ tärer Nachbarschaft nebeneinander in einer Familie auf, so ist damit eine biologische Verwandtschaft, die Beteiligung gleicher Konstitutionselemente bewiesen. F. K e h r e r - Breslau : Der Fall Arnold. Studie zur neueren Para¬ noialehre. Ausführliche Mitteilung einer Krankengeschichte mit guten Selbstschilde¬ rungen und einer eingehenden Analyse, die zu beweisen versucht, dass auf dem disponierenden Boden der pubischen Persönlichkeitsumbildung als Ant¬ wort spezifisch angelegter Persönlichkeiten auf die entscheidenden Lebens¬ konflikte dieser Altersstufe echte Wahnreaktionen mit derselben Schärfe der Systematisierung in derselben Aufeinanderfolge von Beziehungs-, Ver- folgungs- und Grössenwahn Zustandekommen, wie sie bisher als charakte¬ ristisch für die chronisch unheilbare Paranoia gegolten haben. K. glaubt von einer rein reaktiven, d. h. in kurzer Phase zur vollen Ausheilung kommenden, also subakuten, echten Paranoia sprechen zu können. Auf Einzel¬ heiten des Falles wie der Analyse kann hier leider nicht eingegangen werden. Alfred Meyer-Bonn: Ueber das1 L e r i sehe Handvorderarmzeichen. Wesen und diagnostische Bedeutung. Das Leri sehe Vorderarmzeichen besteht darin, dass bei Beugung der Finger gegen die Hohlhand und weiterhin der Hand gegen den Unterarm eine Kontraktion des Bizeps und Brachioradialis erfolgte, die sich in einer Beugung des Unterarms äussert. Es findet sich bei 98 Proz. der Gesunden, fehlt bei Lähmungen, im epileptischen Anfall usw. Asymmetrien sind fast immer ein pathologisches Zeichen. Sein Fehlen wurde als besonders feines Symptom der Pyramidenbahnerkrankung angesehen. M. kommt nun an der Hand von Untersuchungen an einem grösseren Krankenmaterial und Beobach¬ tungen an Gesunden im Gegensatz zu anderen Untersuchern zu der Ver¬ mutung, dass es sich beim L d r i sehen Zeichen nicht um einen Reflex, sondern um eine Schmerzreaktion handelt. _ Siegmund A u e r b a c h - Frankfurt a. M.: Ueber zentrales Fieber nach Gehirn- und Rückenmarksoperationen. An der Hand eigener Fälle, solcher aus der Literatur und der physio¬ logischen Untersuchungen kommt A. zu dem Schluss, dass die Hauptursache der zentralen Hynerthermie in den die Ventrikel eröffnenden oder die Ven¬ trikelwand ohne Eröffnung in einen Reizzustand versetzenden Verletzungen gelegen sei. Erheblicher Abfluss oder Stauung von Liquor bewirkt eine derartige Reizung. Um die Annahme einer individuell verschiedenen La¬ bilität der wärmeregulierenden Zentren kommt man nicht herum. Für die Indikationsstellung kann die Möglichkeit der offenbar für sehr junge und alte Menschen gefährlichen Hyperthermie nichts ändern. Josef Gerstmann - Wien: Ueber die Einwirkung der Malaria tertiana auf die progressive Paralyse. II. Mitteilung. G. berichtet zusammenfassend über 200 Fälle, vorwiegend Paralysen, die mit Mal. tert. behandelt wurden. Ausser 25 früher besprochenen, bei 326 MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT. Nr. denen günstige Erfahrungen erzieh wurden, blieben von 116 neu verwerteten Paralysen nur 38 ungebessert; von den übrigen wiesen 42 mit einer KranK- heitsdauer bis zu 2'A Jahren Remissionen ohne Zeichen einer psychischen Defektuosität auf, 22 solche, bei denen die Defekte nicht ohne Ä'fn “ erkennen waren (Krankheitsdauer bis zu 3 A Jahren) und “d . , missionen (Krankheitsdauer bis zu 6 Jahren) mit ohne weiteres erkennbaren Schwächezuständen. Die angegebenen Zahlen sind keine endgult'^®n- ' d* d'e unvollkommenen Remissionen noch spät zu vollkommenen werd • Unter dem Einfluss der Behandlung traten vielfach Aenderungen des KranK- heitsbildes auf. delirante, paranoide, halluzinoseartige, katatone, hysteriforme Bilder, die nun die Szene beherrschten und kurz oder lange anh>e“en, ohne die Prognose zu verschlechtern. Zwischen dem serologischen und klinischen Verhalten besteht keine Uebereinstimmung. Die unvollkommenen Remis¬ sionen zeigen eher weitergehende Besserungen des serologischen Befundes In vielen klinisch gebesserten Fällen findet sich sogar eine Verschlechterung des serologischen Befundes. Die günstigsten Aussichten bieten die am wenig¬ sten fortgeschrittenen Fälle. Die Remissionen können sehr rasch., aber auch erst nach Monaten deutlich werden. Sie scheinen dauerhaft zu sein ; manche dauern schon 4 Jahre an. Ob man nun die Malaria mit Chinin bekämpft oder ob man ausserdem noch Salvarsan gibt, scheint ohne Belang für die Behandlungsaussichten zu sein. . . V K a f k a - Hamburg: Die Kolloidreaktion des Liquor cerebrospinalis. K bespricht auf Grund seiner ausgedehnten Erfahrungen die Kolloid- reaktionen. die eine Erweiterung unserer bisherigen Liquordiagnostik be- deuten, weil sie am empfindlichsten sind und uns ein Bild der qualitativen Eiweissverhältnisse geben. Schlüsse *us den gewonnenen Kurven dar! freilich nur der ziehen, der die Technik beherrscht und die kolloidchemischen Grundlagen genau kennt. Die Ergebnisse der im ganzen besten Goldsol- reaktion sind nur verwertbar, wenn die Lösung makroskopisch und vor allem biologisch einwandfrei ist, d. h. auf Salz- und Kolloidempfindlichkeit geprüft worden ist. Da die Empfindlichkeit der Goldsolreaktion gegen äussere Einflüsse eine sehr grosse ist und man diese bisher nicht auszu¬ schalten versteht, ist die durch besondere Verfahren empfindlicher gemachte, dabei viel weniger diffizile Mastixreaktion oft vorzuziehen. K gibt als besondere Modifikation die gefärbte Normomastixreaktion an und empfiehlt bei einer Verdünnung von 1 : 1 anzufangen. Die Berlinerblaureaktion bei einer Verdünnung von 1:100 ist nur verwertbar für die Diagnose des nor- malen Liquors, wenn sie negativ ist, und für die Erkennung der Meningitis. Die anderen Kolloidreaktionen (Cercolid-, Kollargol-, Benzoereaktion der Franzosen) kommen neben den drei ersten nicht oder noch nicht in Betracht. Die charakteristischen Kurven sind die der Paralyse und der Meningitis. Bei nichtparalytischen syphilitischen Erkrankungen des Nervensystems -finden sich abgeschwächte Meningitiskurven, deren Minimum die sog. Lueszacke ist. Die sog. abortiven Paralysekurven bei luetischen Prozessen konnte K. als nach links verschobene Lueszacken deuten. Als Grundlage der Kolloid- reaktiönen ist das qualitative, weniger das quantitative Verhalten der Liquor- eiweisstnischung anzusehen. Die Kolloidkurven erleichtern vielfach die klinische Diagnose vor allem im Bereiche der luetischen Erkrankungen. Wenn sich gegenüber einigen Krankheiten (mutt. Sklerose, Tumoren, mit starkem Abbau einhergehende Arteriosklerose) Schwierigkeiten ergeben, so gestattet doch das Gesamtbild der Liquorveränderungen im Verein mit der Klinik meist die Diagnose. Bei günstiger Entwicklung können die Kolloid- reaktionen dahin führen, bei der Erkennung des pathogenetischen Prozesses mitzuhelfen. F. K. W a 1 1 e r - Rostock : Zur Histologie Und Physiologie der mensch¬ lichen Zirbeldrüse. , ,, W. tritt zunächst gegenüber anderen Autoren für die Nervenzellennatur der von ihm beschriebenen Pinealzellen mit Fortsätzen und Endkolben ein. Ferner stellt er im Anschluss an einen genauer beschriebenen Fall (Gliome im Kleinhirn. Verwirrtheitszustand, zunehmende Hirndruckerscheinungen, epi- Icptiformc Anfälle, Tod im Anfall nach langjähriger Krankheitsdauer), bei dem sich die Zirbel um das Dreifache vergrössert fand und vor allem die Randgeflechte hypertrophisch waren, unter Heranziehung einiger weiterer Fälle die Hypothese auf, dass der Zirbeldrüse eine hirndruckregelnde Funk¬ tion zukomme. F. P 1 a u t - München: Vergleichende Untersuchungen über Phagozytose in Serum, Kochsalzlösung und Liquor. Während gewaschene und ungewaschene menschliche Leukozyten in aktivem Serum gleich stark Amylum phagozytieren. geht die Phagozytose in inaktiviertem Serum verlangsamt vor sich und erreicht geringere Werte. Gewaschene Leukozyten nehmen weder in 0,85 proz. Kochsalzlösung, noch in Normosallösung, noch endlich im Liquor Amylum auf. Dagegen phagozy¬ tieren ungewaschene Leukozyten in Kochsalzlösung nach anfänglicher Verlang¬ samung in gleichem Umfange wie in aktivem Serum. Im Liquor, gleichgültig ob dieser erhitzt wurde oder nicht, phagozytieren ungewaschene Leukozyten erst nach längerer Exposition und in geringerem Prozentsatz. Der Eiweissreichtum in den untersuchten Grenzen spielt dabei keine Rolle. Auch wenn man dem Liquor Serum zusetzt, ist die Phagozytose beschränkt, bei 10 Proz. Serum¬ gehalt noch sehr gering. Der Zusatz von Liquor zu Kochsalzlösung schwächt die Phagozytose ungewaschener Leukozyten erheblich ab; sie bleibt von einem 40 proz. Zusatz an nach 20 Minuten nahezu aus. Mehrstündige Digestion ungewaschener Leukozyten mit Liquor verändert die Phagozytose nicht. Digeriert man jedoch mit Liquor bei 37°, so wird die Phagozytose abgeschwächt, jedoch nicht mehr als bei Digestion mit Kochsalzlösung oder Serum bei 37°. Wäscht man die Leukozyten jedoch nach der Digestion bei 37°. so zeigt sich keine Veränderung der Phagozytose gegenüber nicht- digerierten Leukozyten. Es wird gefolgert, dass der hemmende Einfluss des Liquors auf die Phagozytose nicht darauf beruht, dass die Leukozyten in dieser Flüssigkeit in besonderem Masse geschädigt werden. Zum Schluss bespricht P. mit grösster Vorsicht die Bedeutung seiner Befunde, wenn sich heraüsstellen sollte, dass .auch für die Bakterienphago¬ zytose der Liquor als solcher ein ungeeignetes Medium ist und um so ge¬ eigneter wird, je mehr er den Charakter des Serum annimmt. von äusseren Umständen ab. sei nicht als diagnostisches Zeichen zu vi wenden. Das Verhalten der Kinder beim Liebesgebahren sei als charakte: logisches Kennzeichen zu verwerten, es deute oft eijd^n^l^g e^ünchen Klinische Wochenschrift. 1922. Nr. 5 nicht eingetroffen, w später referiert. Nr. 6 u. 7. Al. E 1 1 i n g e r - Frankfurt a. M.: Die Angriffspunkte der Diuretika. Uebersichtsreferat. F. Karewski - Berlin: Ueber den Bauchschmerz und seine different diagnostische Bewertung bei akuten abdominellen Erkrankungen. I Verf. erörtert zunächst die Bedingungen,’ unter welchen abdominelle krankungen zu Schmerzen führen, gibt eine kurze Charakteristik der abdo ' nellen Schmerzen. Die Beschaffenheit spontaner Bauchschmerzen kann klare klinische Bilder bei kritischer Beurteilung wenigstens soweit :l klären, dass man sagen kann, ob die Erkrankung noch das ursprünglich fallene Organ betrifft, oder ob sie schon auf das Peritoneum ubergegru hat. Die richtige Art der Untersuchung wird auseinandergesetzt, auf die die Differentialdiagnose sehr viel ankommt, die anatomischen Unterlagen die richtige Lokalisierung des Ausgangspunktes der Schmerzen werden! Kürze dargestellt. Skeptische Beurteilung, sorgfältige und Zusammenhanges klinische Beobachtung, Wertung der psychologischen Fehlerquellen kfivj die richtige Diagnose weitgehend sichern E. Billigheimer - Frankfurt a. M.: Der Kalziumspiegel Im Blute : seine Beeinflussung durch verschiedene Gifte. ] Zunächst ergaben die angestellten Versuche, dass der Kalziumspiegel I bei jedem Menschen der gleiche ist, nämlich ca. 9,4 mg-Proz. betragt. Nl Adrenalininjektionen wurde Sinken des Kalkspiegels gefunden, nach Pilokaa zeigte sich eine Tendenz zur Steigerung, nach Atropin blieb der Kalkspul am konstantesten, auf Natriumphosphat zeigte sich ein Absinken. Verf. I schliesslich eine Theoriß der Wirkungen dieser Gifte. H. Meyer- Göttingen: Die chronische Duodenalstenose. 2 Fälle dieser in ihrem Wesen noch nicht geklärten Erkrankung werj mitgeteilt. In beiden wurde operiert und die Duodenojejunostomie ausgtfiij Die klinischen Erscheinungen sind spärlich, Verwechslungen mit Pyloi Stenose liegen nahe. Das Krankheitsbild des artenomesenterialen Duodef Verschlusses gibt vielleicht Erklärungsmöglichkeiten. Eva Langanke-Königsberg: Ueber die morphologischen Bestandli des Duodenalinhaltes und ihre differentialdiagnostische Bedeutung. Verf. hat auf Grund der Rothman-Manheim sehen Angaben 20 Fällen die durch die Duodenalsonde gewonnene „Galle“ auf ihre morii logischen Bestandteile untersucht. Sie kann sich aber der Ansicht der bei genannten Autoren, dass eine äusserste Zellarmut den Duodenalinhalt cr.a terisiere, nicht anschliessen, in den meisten Fällen fand sie zahlreiche zej Bestandteile, z. T. auch Leukozyten. . • C P o s n e r - Berlin: Eine bisher unbekannte Form der Azoosper: In einem näher mitgeteilten und noch 2 weiteren Fällen bestand I dem Kranken, der nie geschlechtskrank gewesen war und dessen Potenz m war, Azoospermie aus dem Grunde, dass infolge eines noch nicht aulgeklaj Hindernisses die im Hoden tatsächlich nachgewiesenen Spermatozoen nicti das Ejakulat gelangen konnten. P. bezeichnet diese Form als angeboi Obliterations-Azoospermie. Eine Therapie ist bisher nicht gefunden.^ J. K 1 i p s t e i n - Mannheim: Ueber einzeitige Salvarsan-Embarin- I Saivarsan-Cyarsal-Behandlung. ... . Die bisherigen Versuche führten zu dem Eindruck, dass die beiden nannten Methoden die syphilitischen Symptome rasch beseitigen, die V günstig beeinflussen und ernstere Zwischenfälle nicht verursachen. Ein na vorteil liegt in der absoluten Schmerzlosigkeit der Anwendung. Ein we; licher Unterschied in der therapeutischen Wirksamkeit der beiden MetM wurde nicht festgestellt. , , . R. Schelcher - Dresden: Zur Behandlung der Dlphtheriebazillentri mit Dlphthosan. , . Das Diphthosan ist ein Flavizidpräparat, das mit Sussstoff versetzu Das Ergebnis der Versuche fordert zu weiterer Prüfung auf. Die Behandl mittelst Spülungen oder Einträufelungen einer Lösung von 1 : 5000 kann , im Privathause durchgeführt werden. Bei einfachem Schnupfen wurde! Erfolg des Mittels nicht gesehen. Th. G ö 1 1 - München: Psychische Anomalien im Klelnklndesalter. Der Zeichnung der verschiedenen klinischen Bilder, welche sich ausl mannigfaltigen psychischen Anomalien der Kleinkinder ergeben, schliesst I sehr bemerkenswerte Ausführungen an, wie sich die Verkennung dieser stände gestalten kann, d. h. die unrichtige Annahme solcher Anomalien, recht vielen Fällen, welche den Eindruck von psychischen Anomalien i bieten, handelt es sich um das Ergebnis von Nichterziehen durch Eltern] sich selbst nicht in der Hand haben. Fehler und Unterlassungssünden u frühesten Erziehung des Kleinkindes spielen eine sehr grosse Rolle, eine sl leitete geistige Entwicklung liegt oft zugrunde. de Bo er: Paroxysmale Tachykardie. Die ventrikuläre Form von paroxysmaler Tachykardie ist dasselbe’ gehäufte Extrasystolie der Kammern, bei welcher die Erregung lantl aber nicht „ruckweise rundkreist“. Durch das Experiment beim rrj herzen wurde gezeigt, dass man die künstliche paroxysmale Tachyk beenden kann, indem man der rundkreisenden Erregung durch einen IO tionsschlag eine zweite Erregung entgegenschickt. S. d e B o e r - Amsterdam: Die Prädisposition der Vorhöfe zum ' Jakob K 1 ä s i - Zürich: Beitrae zur Frage der kindlichen Sexualität. K. gibt eine Reihe von wirklich netten Kindergeschichtchen, mit denen er beweisen möchte, dass es ein Erwachen des Geschlechtsempfindens im Sinne des Manifestwerdens nach vorangehender vollständiger Ruhe nicht gebe. Der Sexualtrieb könne sich schon im frühesten Lebensalter, wenigstens auf psychischem Gebiete, mit allen seinen besonderen Qualitäten äussern wie bei Erwachsenen. Ob es dabei zu sexuellen Akten komme, hänge rein mern. fl« # y-V . « , Beim Flimmern zirkuliert die Erregung ruckweise in einer Kien dieser Bedingung kann von den Vorhöfen leichter entsprochen werde' von den Kammern, da bei den ersteren eine ziemlich zirkumskripte I trittsstelle der Erregung besteht. H. Langer und E. M e n g e r t - Charlottenburg: Ueber Hellprin;’ der akuten Ernährungsstörungen im Säuglingsalter und die Möglichkeit Koliserumtherapie. .. Die Bedeutung des Koliserums scheint den Verfassern darin zu n] dass es durch Zuführung von spezifischen Schutzstoffen das ergänzt, der künstlichen Heilnahrung fehlt und sie von der Frauenmilch untersch Das injizierte Koliserum beschleunigt in vielen Fällen die Reparation. F ü 1 1 e b o r n: Ueber den Infektionsweg bei Askaris. Auf Grund neuer Versuche kann Verf. bestätigen, dass mit den Eierr schluckte, reife Askarislarven sich verhalten wie verfütterte Strongy' MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT. 327 z_1922. me, indem sie von den Darmwänden aus durch die Pfortader zur und dann auf dem Blutwege zur Lunge gelangen. Ein Teil der larven gelangt regelmässig durch die Lungen zum linken Herz und mn in alle Organe eingeschwemmt werden. gen S c h u 1 1 z e - Marienburg: Oberschenkelosteomyelitis nach Zahn¬ ung. suistische Mitteilung. Haudek und A. Kriser-Wien: lieber die Röntgenbehandlung s e d o w sehen Krankheit. f Grund ihrer Erfahrungen und zahlreicher Angaben in der Literatur lie Verfasser lebhaft für diese Therapie ein. Die Misserfolge betragen :rschiedenen Statistiken nur 10 — 25 Proz. lieble Begleiterscheinungen sich heute durch entsprechende Technik vermeiden, auch die Kapsel- hsungen, wegen welcher Eiseisberg vor den Bestrahlungen treten nicht in dem befürchteten Grade auf. Die Technik wird be- n. ch bei Herzneurosen mit kardiovaskulären Beschwerden haben die er bei richtiger Dosierung oft Gutes erreicht. Verfasser bekennen sich Standpunkte, dass kein Basedow operiert werden soll, ehe er nicht lt worden ist. Engelsmann - Kiel: Die neue Desinfektionsordnung und der prak- Arzt. ly. F r a n k - Breslau : Das Tetaniesyndrom und seine Pathogenese, rbersichtsartikel. . R e h n - Freiburg i. Br.: Ueber myoelektrische Untersuchungen bei scher Katalepsie. rf. hat zu seinen Untersuchungen eine eigene Methode mittelst sog. stichelektroden angewendet und konnte im Gegensatz zu den Ergeb- von Fröhlich und Meyer zeigen, dass im hypnotischen Zustand orische Entladungen in der Muskulatur bestehen, welche anscheinend iem Typus der normalen Innervation entsprechen. (Vergl. die Kurven iginals!) Der Muskel leistet im Zustand der Hypnose eine elektrisch ire Tätigkeit, welche unmittelbar mit der äusseren Arbeit verknüpft : ist zu folgern, dass die kataleptische Muskelstarre einfach als Tetanus gehäufter gewöhnlicher Innervationen anzusprechen ist. K ü s t n e r - Breslau: Schwangerschafts- und Menstruationsglvkosurie. :rf. berichtet über Versuche zur Klärung der Frage, ob die Glykosurie ersten Monaten der Gravidität renalen Ursprungs ist. Aus diesen nen scheint hervorzugehen, dass der renale Diabetes nicht in ursäch- Zusammenhang mit dem Ei resp. der Plazenta steht, sondern dass die veränderte Funktion des Ovariums die Zuckerausscheidung be¬ st. S a 1 o m o n - Giessen: Die entzündlichen Augenerkrankungen der Neu- len in der Nachkriegszeit. itsprechend der Zunahme der weiblichen Gonorrhöe in der fraglichen iegen auch die entzündlichen Augenerkrankungen der Säuglinge an. rzlich erschienene Statistik aus Bayern, welche das Gegenteil darzutun , muss Zweifeln begegnen. Die nichtgonorrhoischen Augenentzundungen lerdings zurückgegangen. Ihre Prognose ist durchaus günstig, wenn er Behandlung jede Polypragmasie vermieden wird. Für die Prophy- r gonorrhoischen bewährte sich die Sopholanwendung (Verbindung von Formaldehyd und Nukleinsäure). Davon wird I Tropfen einer 5 proz. : ins Auge gebracht. Verf. fordert die obligate Anwendung der höeprophylaxe durch ganz Deutschland. F r ä n k e 1 - Breslau: Erfahrungen und Dauerergebnisse in der othoraxbehandlung der Lungentuberkulose. e Erfahrungen an 75 resp. 57 Fällen sind dem Berichte zugrunde gelegt, usbleiben des Erfolges bei einem Teile dieser Fälle wird von Verf. ichlich dem vorzeitigen Abbrechen dieser Behandlung zur Last gelegt, mg der Erfahrungen und der bei der Methode beobachteten Gesichts- Bezüglich der Technik hat die Stichmethode sich in ihrer heutigen Ikommnung durchgesetzt. Das Verfahren ist im grossen und ganzen r, kann aber kaum in die Hand des praktischen Arztes gelegt werden, auptkampf gegen die Tuberkulose liegt nach wie vor auf sozialem . L o t s c h - Berlin : Die traumatischen Läsionen des Talus. ergl. Bericht der M.m.W. (1921 Nr. 50) über die Sitzung der Berl. lesellschaft vom 1. Dezember 1921. S e 1 b r i g - Berlin-Weissensee: Die operative Frakturbehandlung nach ;rf. hat viele Frakturen mit dem Verfahren der Knochenverschraubung eit, das La ne 1894 angegeben hat. Der Vorteil der Knochennagelung esonders in der Herstellung einer normalen Knochenkonfiguration, auch ran die Methode bei infizierten und komplizierten Frakturen mit Erfolg len. Die Methode verdient eine grössere Beachtung. Michaelis: Die Abhängigkeit der Wirkung der Chininalkaloide kterlen von der Alkalität, icht zu kurzer Inhaltsangabe geeignet. . Königsfeld - Freiburg i. Br.: Ueber die Beeinflussung des mensch- Stoffwechsels durch Chlorophyllpräparate. erf. teilt in Kürze mit, dass es durch Zufuhr von Chlorophyllpräparaten 5san) gelingt, den menschlichen Stoffwechsel im Sinne einer Steigerung anflussen. • Dreser: Die Bewegung der Atemluft in den Alveolargängen der 3? ' halt kann nicht gekürzt wiedergegeben werden. La n d e n b e r ge r - Würzburg: Tuberkulinprobe und Skrofulöse len Erfahrungen bei der augenärztlichen Klientel. ie hier mitgeteilten Erfahrungen zeigen, dass die Tuberkulinprobe bei hugenärztlichen) Bild der Skrofulöse als diagnostisches Hilfsmittel kaum ;tge kommt; sie gibt jedoch einen wichtigen Anhaltspunkt für den der Allergie des kranken Körpers und besonders seines Integuments, lergie läuft weitgehend mit der Ekzembereitschaft des Körpers parallel, r. L ö f f 1 e r - Halle a. S.: Grundregeln für den Fixationsverband, usammenfassende Instruktion für den Praktiker über dieses Thema, f f 1 e r - Danzig: Der Arzt als Gesundheitslehrer, erf. fordert innerhalb der berufsmässigen Hingabe an das Volkswohl ing der neugestellten Aufgabe, Gesundheitslehrer zu werden, echtsanwalt H. .Friedländer - Charlottenburg: Steuergesetze. H. G r ü s s: Flüssige Kristalle. Feuilleton. R. F r e i s e - Berlin : Klinische Mikromethoden unter besonderer Berück¬ sichtigung der neueren Verfahren. Referat. Grass mann - München. Medizinische Klinik. Heft 6. F. Deutsch und R. P r i e s e 1 - Wien : Herzuntersuchungen bei Schwangeren und Gebärenden. Auf Grund zahlreicher radiologischer Befunde zeigt sich das gesunde Herz wohl unter dem Einfluss der Gravidität vergrössert, jedoch nur in sehr geringem Maasse. Ausserdem ergab sich, dass diese Vergrösserung auf Rechnung beider Herzanteile zu setzen ist, dass dieselbe durch die Wehen¬ tätigkeit keine weitere Zunahme erfährt und sich im Wochenbett sehr rasch zurückbildet. Der objektive Befund akzidenteller Herzgeräusche in der Gravidität dürfte auf eine gewisse Neigung zur Funktionsschwäche hinweisen. H. B i b e r s t e i n - Breslau: Ueber Hautdiphtherie, insbesondere die ekzematoide Form. Die „Diphtheria ekzematoides“ ist den nicht charakteristischen Formen der Wunddiphtherie- an die Seite zu stellen und durch genaue bakteriologische Untersuchung mit Sicherheit zu diagnostizieren. Die Wirksamkeit der Serum¬ behandlung ist ungenügend; bewährt hat sich dagegen das Eukupin: Betupfen mit 5 proz. alkalischer Lösung, Verband mit 2 proz. Salbe. Umfrage über die neue Influenzaepidemie. Prophylaxe gegen die Tröpfcheninfektion ist allgemein hygienisch; die Inkubationszeit dürfte nur nach Stunden zählen. Erworbene Immunität wird von manchen angenommen. Der Eintritt feuchter Witterung hat zweifellos einen Einfluss auf die Infektionswelle; abgehärtete Personen bleiben gewöhn¬ lich verschont. Der Pfeiffer sehe Bazillus wurde im Sputum oft ge¬ funden. Charakter der Epidemie allgemein als leicht bezeichnet. Salizyl- präparate bewähren sich am besten. Der von einem der Beantworter ge¬ machte Vorschlag der „Alkoholprophylaxe“ wird sehr bald den Weg in die Tageszeitungen finden. L. Lindenfeld - Wien: Ueber Meningitis gonorrhoica. Mitteilung der Krankengeschichte und des genauen Obduktionsbefundes; der histologische Befund der Meningitis war übrigens nicht spezifisch. A. L i n h a r t - Plan: Ueber vorübergehenden Verschluss von Körper¬ öffnungen mittels Hautknopflöchern. Empfehlung für den Verschluss des abdominalen Anus praeternaturalis. H. v. 0 r t e n b e r g - Santa Cruz: Zur Kasuistik seltener Ileusfälle. Persistenz des strangförmigen Ductus omphalo-mesentericus und Strangu- lationsileus. F. Friedländer- Charlottenburg: Nachtrag zu meiner Arbeit: Ueber senile Hysterie (Astasie-Abasie und Vagotonie). Sektionsbefund bestätigte die klinische Diagnose. R. Feustell - Grünau: Ueber praktische Erfahrungen mit Lytophan. Gegenüber geringen Erfolgen bei chronischer Gicht ist für rheumatische Erkrankungen aller Art und jeden Verlaufes das Mittel dem Praktiker zu empfehlen. W. Gaethgens und G. S a 1 v i o 1 i - Hamburg: Beitrag zu Theorie und Praxis der Ausflockungsreaktion von Sachs und G e o r g i. Bei der Kombination von S.-G.-R. mit der Wa.R. ergeben nur spezifische Ausflockungen eine Hemmung der Hämolyse, während unspezifische Aus¬ füllungen negativ reagieren. Da letztere vornehmlich nach kürzerer Ein¬ wirkung der Bruttemperatur auftreten, empfiehlt sich die Ablesung in zweifel¬ haften Fällen erst nach 48 Stunden. Ernst T o b i a s - Berlin : Ueber die Bedeutung der Hydro- und Thermo- therapie für die Physiologie und Pathologie des weiblichen Sexualapparates. Klinischer Vortrag. S. Schweizerische Medizinische Wochenschrift. 1921. Nr. 50 (nach¬ träglich). Hotz: Zur Kropffrage. Verf. fand bei behäbigen, fetten Frauen im Klimakterium mit grosser diffuser oder knotiger Struma (grober Kolloidkropf mit Hypothyreose) guten Erfolg von Jodkali (5 proz., je 5 Tropfen an den ersten 5 Tagen jeden Monats), wahrend bei vorzeitig erschöpften kropfigen Frauen im geschlechtsreifen Alter Jod sehr gefährlich ist, die rechtzeitige Operation vollen Erfolg bringt. Bei Kindern sah er, dass in der gleichen Familie jüngere Kinder kretinisch, ältere hyperthyreotisch waren bei ganz gleichen, weichen, pulsierenden Kröpfen, kleinbläsig mit flüssigem Kolloid, hohem Epithel. Ist bei der ersteren Gruppe Jod erfolglos, soll man operieren und hat dann oft noch Erfolg. Verf. befürwortet sehr die Jodprophylaxe im Kindesalter nach K 1 i n g e r u. a. Galli-Valerio - Lausanne: La flagelliase des Euphorbiacees en Suisse. (3e contribution ä l’adaptation des parasltes.) M a s s i n i - Basel: Ueber tuberkulöse Myokarditis. Bei einem Fall von chronischer Myokarditis, der weder intra vitam noch bei der Sektion Zeichen von spezifischer Tuberkulose irgendeines Organs darbot, wurden mittelst Tierversuchs aus dem Herzmuskel Ttiberkelbazillen vom Typus humanus gezüchtet. W. L ü s c h e r - Basel : Ueber Myocarditis tuberculosa. Sehr ausführliche Beschreibung von 2 Fällen mit ganz verschiedenem histologischem Charakter (produktiv-entzündliches Granulationsgewebe und chronisch fibroplastische Entzündungsform), aber positivem Bazillcnbefund. Verf. weist darauf hin, dass bei systematischer Anwendung des Tierversuchs Myokarditisfälle wohl häufiger als tuberkulös erkannt würden, wofür ja auch Liebermeisters Erfahrungen sprechen. E. Jacob- Bremen. Oesterreichische Literatur. Wiener Archiv für innere Medizin. III. Band, Heft 3. N. Roth -Pest: Respirations-Stoffwechselversuche an Röntgen-behandel- ten Basedow-Kranken. Die Respirationsstoffwechselanalyse gibt Aufschluss über den bei Basedowkranken gesteigerten Oxygenverbrauch und die Kohlensäureausgabe. In den untersuchten, ausgesprochenen Basedowfällen wurde nach Röntgen¬ bestrahlung in beiden Punkten eine Wiederherstellung zur Norm gefunden und somit die Wirksamkeit der Behandlung erwiesen. Bleibt diese Wir¬ kung aus, so ist die Fortsetzung der Bestrahlung aussichtslos. In der 328 MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT. Nr unausgebildeten Form fehlt obige Stoffwcchselstörung, weshalb auch diese Kontrolle des Bestrahlungserfolges nicht tunlich ist. St. Rusznyak - Pest: Krankheiten und Jahreszeiten. Der Einfluss der Jahreszeiten auf die Krankheitshäufigkeit ist vielfach beobachtet, die Ursachen noch wenig aufgeklärt. Aeussere, zumal klimatische Einflüsse kommen vor allem für die Infektions- und ..Erkältungs krankheiten in Betracht, für andere Krankheiten sind periodische Einflüsse der Innen¬ sekretion und Regulationen von Seite des vegetativen Nervensystems, auch wechselnde Zustände der Anaphylaxie, anzunehmen. Eine grössere Zahl von Krankheiten zeigt eine jährlich zweimalige Häufung (Frühjahr und Herbst), so die Tuberkulose, die Rheumatismen, Malaria, Nephritis, das Magengeschwür, Cholelithiasis und Neurosen, klimakterische Störungen. Andere häufen sich im Frühjahr: Geisteskrankheiten, Tetanie, Basedow, Gicht, Diabetes, Chlorose. Herzfehlerbeschwerden, andere im Herbst: Tabes, Duodenalgeschwür, Asthma, Hirnblutungen. A. v. F e k e t e, D. Fuchs, B. M o 1 n a r - Pest: Ueber die Nephro- pathia gravidarum. . Für die Nephropathia gravidarum lassen sich zwei, allerdings häufig sich vermischende Typen aufstellen: 1. der nephrotische, verbunden mit Kochsalz- und Wasserretention (Oedeme), ohne Blutdrucksteigerung, Augen¬ hintergrundsveränderung und ohne Vermehrung des Restnitrogens im Blut¬ serum, 2. der nephritische mit Nitrogenretention, Blutdrucksteigerung und Retinitis albuminurica. Ersterer reagiert meist gut auf wasser- und kochsalz¬ arme Diät, letzterer tut das nicht und zeigt rasche Progression und führt oft zur künstlichen Unterbrechung der Schwangerschaft. Die Eklampsie be¬ trifft — ausser scheinbar Gesunden — vorzugsweise die nephrotischen Formen. Die Nephrose hat ihre pathofogische Grundlage in einer Erkrankung der Gefässe des Unterhautzellgewebes oder auch der Nieren, die Nephritis in der Erkrankung der Nierengefässe, die Eklampsie in der Erkrankung der Gehirngefässe. L. Karczag und D. Marko-Pest: Zur Differentialdiagnose der sterno-mediastlnalen Dämpfungen. Für die Differentialdiagnose sind vor allem zu beachten die anatomischen und respiratorischen Verhältnisse der rechten Lunge, welche bis zur Mitte des Brustbeins reicht und sich keilförmig zwischen das Brustbein und die Mediastinalgebilde einschiebt und die Veränderungen der Aorta (Aorta pro¬ minens und praecurrens), welche röntgenologisch festzustellen sind. St. Rusznak und J. Barat-Pest: Ueber den Mechanismus der Resistenzveränderung der roten Blutkörperchen. Betrifft vor allem die erhöhte Resistenz der jungen Blutkörperchen gegen¬ über der osmotischen und chemischen Hämolyse. F. S t e r n b e r g - Pest: Ueber Purpuraerkrankungen. Analyse verschiedener Fälle von essentieller Thrombopenie, chronisch intermittierende Thrombopenie, akuter essentieller Thrombopenie, anaphylak¬ toider Purpura, toxischer, Ernährungspurpura. K. Hajo s-Pest: Ueber den Einfluss des Magensaftes auf die Bakterien der Typhus-Koli-Dysenteriegruppe. Die keimtötende Wirkung des Magensaftes auf die genannte Bakterien¬ gruppe beruht nur auf seinem Salzsäuregehalt. Die Abtötung erfolgt bei dem normalen Magensaft in 15 — 20 Minuten. Ihr entgehen am ehesten die mit Flüssigkeit eingeführten, den Magen also eher verlassenden Bakterien. Der hypo- und anazide Magensaft ist daher weniger wirksam. Mischinfek¬ tionen kommen oft dadurch zustande, dass durch eine primäre Ruhrinfektion die Azidität des Magensaftes herabgesetzt wurde. L. Csaki-Pest: Ueber die Verteilung des Blutzuckers im strömenden Blute. Die Blutkörperchen des Gesunden sind auch bei vermehrtem Blutzucker¬ gehalt zuckerfrei, die des Diabetikers sind auch bei niedrigem Zuckerspiegel zuckerhaltig. Ketonkörper haben auf dieses Verhältnis keinen Einfluss. Nach Defibrinieren oder Zusatz von gerinnungshemmenden Körpern verhält sich das Blut des Gesunden wie das des Diabetikers. E. Földe s-Pest: Diabetisches Oedem und Azidose. Einfluss der Azidose auf die Oedembereitschaft. Vergrösserung der roten Blutkörperchen bei Diabetikern mit bedeutender Azidose. Abnahme der Grösse durch Sodagaben (Laugenwirkung), Vergrösserung der Blutkörper¬ chen bei Oedembereitschaft. Oedembereitschaft als Folge geschädigter Nierenfunktion infolge der Azidose. Beziehungen der Hydrämie zur Oedem¬ bereitschaft; Einfluss der Sodagaben auf die Hydrämie, die Zahl der roten Blutkörperchen und die Oedembereitschaft. G. Hetenyi und J. V and o r f y - Pest: Experimentelle Unter¬ suchungen über den Mechanismus der Regurgitation beim Menschen. Bei der Magensekretion kommt stets eine physiologische Regurgation zustande, wenn der Salzsäurespiegel des Mageninhaltes einen gewissen, individuell verschiedenen Grad erreicht hat, und zwar in zwei Phasen: anfangs fliesst Pankreassaft in den Magen, dann Galle und Darmschleim. Bleibt die Regurgitation aus, so kann es zur Hyperazidität kommen. E. v. Haynal-Pest: Der diagnostische Wert des S c h i 1 1 i n g sehen Blutbildes. St. Rusznyak, J. Barrat und G. Daniel -Pest: Experimentelle und klinische Untersuchungen über das Antitrypsin. Untersuchungen über die Natur der Antitrypsine (Kolloide, aber weder Fettkörper noch Eiweissverbindungen). Die Antitrypsinreaktion des Blut¬ serums ergibt häufig paradoxen Ausfall, ist nicht charakteristisch für Krebs. Die Kachexie, bei welcher sie häufiger positiv ist, ist auch auf andere Weise zu erkennen. Immerhin spricht die positive Reaktion mehr für Krebs als die negative gegen einen solchen. Bergeat - München. Amerikanische Literatur. A. W. Hewlett und J. P. S w e e n e y: Chinidinbehandlung bei Vor¬ hofflimmern. (Journ. Am. Med. Assoc., Chicago, 1921, LXXVII, Nr. 23.) Chinidin wurde in 11 Fällen von Vorhofflimmern angewandt, wobei fünf Fälle geheilt wurden. Verf. kommen zu folgenden Schlussfolgerungen: Das Chinidin stellt in einer gewissen Anzahl von Fällen einen normalen Herz¬ rhythmus her. Frische Fälle von Vorhofflimmern werden am günstigsten beeinflusst, ln einigen Fällen kann das Chinidin schwere Symptome hervor- rufen, welche einen ungünstigen Einfluss auf die Kompensation ausüben. Es ist daher ratsam das Chinidin nur zu gebrauchen, nachdem die Dekompen¬ sation durch andere Mittel behandelt worden ist. S. B. Burk: Bluttransfusion in den Sinus longitudinalis superior Säuglingen, die an Ernährungsstörungen leiden. (Med. Record, N. Y„ 1921 Nr. 18.) •• Die Transfusion zitrierten Blutes bei Säuglingen mit Ernahrungsstorun hat sich praktisch bestens bewährt. Die Transfusion bei Säuglingen wird besten durch den Sinus longit. sup. gemacht. Bei Kindern unter 2 Jahren die vordere Fontanelle leichten Zutritt zum Sinus, der sich wegen sc Grösse und oberflächlichen Lage sehr zur Bluttransfusion eignet. A. H. E b e 1 i n g und A. C a r r e 1: Endresultate kompletter Hn transplantation der Hornhaut. (Journ. Exper. Med., Baltimore, 1921, XX) | Nr. 5.) Es wurde ein kleines üewebestiiek, welches die ganze Dicke der Hi, haut einer Katze einnahm, auf die Hornhaut einer anderen Katze überpfb ; Das Stück wurde nach 2 Jahren untersucht und vollständig transparent ; funden. Die Wölbung der Kornea schien normal zu sein. A. Carrel und A. H. E b e 1 i n g: Alter und Vermehrung der Eil . blasten. (Journ. Exper. Med., Baltimore, 1921, XXXIV, Nr. 6.) 1 Experimentell besteht ein bestimmtes Verhältnis zwischen dem Wachs* einer reinen Kultur von Fibroblasten, die in Plasma kultiviert werden. | dem Alter des Tieres, von welchem das Plasma herrührt. Die Zellvermehtj nimmt ab, je älter das Tier ist. Ein ähnliches Verhältnis besteht zwischen : Lebensdauer der Fibroblasten in vitro und dem Alter der Tiere. Die ’j schiedenheit der Wachstumsrate einef reinen Kultur von Fibroblasten !i als Reagens gewisser Modifikationen, welche unter dem Einfluss des AI im Blutserum auftreten, gebraucht werden. Der Einfluss des Alters auf Serum ist charakterisiert nicht durch die Abnahme eines akzelericrerj Faktors in der Vermehrung der Fibroblasten, sondern durch die Verstärk« eines Hemmungsfaktors. L. Clend enning: Die Ursachen ungünstiger Symptome nach Gas enterostomie. (Journ. Am. Med. Assoc., Chicago, 1921, LXXVII, Nr, 16. Beobachtungen an 36 praktischen Fällen führen Verf. zu folgenden Rtj taten: Die Gastroenterostomie ergibt gute Resultate nur in sorgfältig auf wählten Fällen. Die günstigsten Resultate werden erzielt in Fällen von L.« pylori mit Obstruktion. Am wenigsten günstig sind die Resultate bei 1 schwüren, die vom Pylorus abliegen. Die Kranken, bei denen die Gail enterostomie ausgeführt wird, haben geringe oder gar keine Verdamu beschwerden, wenn die Fälle gehörig ausgewählt werden. Die Ursau ungünstiger Folgen der Gastroenterostomie sind Jejunalgeschwür, Rezii des Geschwürs, besonders Geschwüre an der hinteren Magenwand, Dian infolge zu schneller Beförderung der Nahrung, Erweiterung des Jejunumi folge einer zu grossen Oeffnung, gastrische Stasis infolge zu hoher .1 führung der Gastroenterostomie und endlich nachfolgende Magenerkrankj L. Fisher und A. Cohen: Lungenabszess bei Erwachsenen i Tonsillektomie unter Allgemeinnarkose. (Journ. Am. Med. Assoc., Chici 1921, LXXVII, Nr. 17.) Wahrscheinlich sind mehrere Ursachen für das Entstehen eines Fünf abszesses verantwortlich. Es ist leicht möglich, dass Aspiration infiziei Materials einen Lungenabszess hervorrufen kann, wobei eine fe'nlerll Technik eine Rolle spielt. Sehr wahrscheinlich liegt aber in den mea Fällen die Ursache darin, dass infizierte Emboli durch die Lymph- oder ll gefässe weitergetragen werden und sich in den, Lungen festsetzen. Wie kann nun diese schwere Folge vermieden werden? An der h eines grossen statistischen Materials zeigen Verf., dass Lungenabszessei nahe ausschliesslich nach Operationen’ unter Allgemeinnarkose auftrl während bei lokaler Anästhesie nachfolgende Lungenabszesse sehr selten I Diese günstige Wirkung der Lokalanästhesie ist auf folgende Weise m klären: 1. Sie verhindert Aspiration infizierten Materials. 2. Sie fuhrt 1 Kontraktion der Lymph- und Blutbahnen im Operationsfeld herbei und 1 hindert auf diese Weise eine Weiterbeförderung infizierten Materials. 3.! allgemeine Schock und die allgemeinen üblen Einwirkungen sind geringen bei der Allgemeinnarkose. 4. Lokalanästhesie kann einen ruhenden Infekti! herd im Respirationstrakt unmöglich zum Ausbruch bringen. H. C. Bumpus und J. C. Me iss er: Herdinfektion in Fällen 1 Pyelonephritis. (Journ. Am. Med. Assoc., Chicago, 1921, LXXVII, Nr. i Bei 82 Kaninchen wurden Injektionen eines grüne Farbe produziere! Streptokokkus gemacht, der von den Gaumenmandeln, von Harn und 1 von Kranken gewonnen wurde, die an Pyelonephritis litten. Bei 62 di Versuchstiere wurden Läsionen in den Nieren hervorgerufen. Veri; glauben, dass dies ein Beweis sei, dass Pyelonephritis oft durch eine H infektion, welche Streptokokken enthält, verursacht wird. Die Streptoko! zeigen eine Vorliebe für den Harntraktus. Der Kolonbazillus, welcher) wohnlich für die Krankheit verantwortlich gemacht wird, hat nur eine ul geordnete Bedeutung. J. A. Fordyce und I. Rosen: Laboratoriumsergebnisse bei ll und Spätsyphilis. Eine Uebersicht über 1064 Fälle. (Journ. Am. Med. Asl Chicago, 1921, LXXVII, Nr. 26.) Etwa 25 — 30 Proz. aller Fälle von Sekundärsyphilis weisen eine Infell des Zentralnervensystems auf. Dies kann nur durch eine Lumbalpun'l festgestellt werden, da die klinischen Symptome in den ersten Monaten: bedeutend sind. Das Nervensystem wird bei Männern viel häufiger in j leidenschaft gezogen als beim weiblichen Geschlecht. Die Wassermal sehe Probe des Blutes bleibt häufig negativ, während die Zerebrospl Flüssigkeit einen aktiven luetischen Prozess anzeigt. Keine Kranken «1 als geheilt entlassen werden ohne eine Untersuchung der Zerebrospinalflii keit. Eine Unterlassung dieser Untersuchung kann oft schwere und unwj rufliche Folgen haben. Pupillenanomaliem und Paralyse der Gehirnnerven sind oft Pi gnomonisch und weisen immer auf Syphilis des Nervensystems hin. I Fehlen klinischer Symptome schliesst Syphilis des Nervensystems nicht1 Die klassischen Symptome der Tabes können bei negativem Blut- und LU befund Vorkommen. Die Kolloidgoldprobe ist von den Verfassern wät' der letzten 6 Jahre angewandt worden und hat sich von grossem diagt sehen und praktischen Wert erwiesen. G. H. Weaver: Beobachtungen über die Behandlung des Schar fiebers durch menschliches Immunserum. (Journ. Am. Med. Assoc., Chi«; 1921, LXXVII, Nr. 18.) Schon vor 3 Jahren hat Verf. einen Artikel veröffentlicht über die handlung des Scharlachfiebers durch Injektionen von Immunserum, das« Scharlachrekonvaleszenten gewonnen wurde. Seitdem hat er diese Bel« lungsmethode in vielen Fällen akuter Erkrankung angewandt und durc ;irz 1922. MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT. 329 jige Resultate erzielt. Das Serum wurde meistens intramuskulär in i von 60 — 90 ccm eingespritzt. Nur in wenigen Fällen wurde dasselbe renös gebraucht. Wenn die erste Dosis keine Besserung brachte, wurde j 24 Stunden eine zweite Einspritzung gemacht. Eine lange Erfahrung dass die Serumbehandlung frühzeitig angewandt werden muss. (. M. Blackford: Magensymptome. Beobachtungen an 1000 Fällen, n. Am. Med. Assoc., Chicago, 1921, LXXV1I, Nr. 18.) Jnter den 1000 Fällen wiesen 14 Proz. organische Erkrankungen des ns auf. Alle diese Fälle wurden ziemlich genau vermittelst der Röntgen- en diagnostiziert. In 34 Proz. der Fälle lag abdominale Erkrankung i wobei die Magenfunktion auf dem Reflexwege gestört wurde. Gallen- , lentzündung verursacht mehr Störungen der Magenfunktion als irgend- mdere Abdominalerkrankung. In 18 Proz. aller Fälle konnte allgemeine i merkrankung als Ursache der Magenstörung festgestellt werden. In •oz. konnten keine objektiven pathologischen Veränderungen entdeckt :n. Hier musste die Störung der Lebensweise und allgemeiner äche zugeschrieben werden. Bei einem Drittel aller Fälle, bei denen r eine Operation vorgenommen worden war, war die Störung funktionell. Proz. aller Fälle konnte keine Diagnose gestellt werden. Bei 13 oder Proz. der untersuchten Kranken war der Wurmfortsatz entfernt worden, ei 10 Proz. aller untersuchten Frauen war vorher eine Beckenoperation normnen worden. Z. C. Browning: Bericht über einen Fall von Tuberkulose des mmarks. (Med. Record, N. Y„ 1921, C, Nr. 24.) n diesem Falle bestand zugleich Tuberkulose der Nebennieren und der Iklappe des Herzens. i. A. Koser und R. B. Edmondson: Beobachtungen über Bacillus nus-Infektion von in Blechbüchsen verpacktem Spinat. (Journ. Am. Assoc., Chicago, 1921, LXXVII, Nr. 16.) n letzter Zeit sind eine Anzahl von Fällen von Botulinusvergiftung durch enspinat vorgekommen. Hierauf hat das chemische Bureau zu mgton eine Reihe von Untersuchungen über büchsenverpackten Spinat :ht, die zu folgenden Resultaten führten: Bacillus botulinus, Typ A, kann n Büchsenspinat vermehren und sein charakteristisches Toxin produ- . Eine Temperatur von 37 0 C ist dem Wachstum des Bazillus günstig, die Vermehrung des Keimes hinreichend zugenommen hatte, so war n des Spinatsaftes genügend, ein Meerschweinchen innerhalb 18 Stunden ten. Das Wachstum des Bacillus botulinus erfolgt unter Gas- und scher Toxinbildung. Von 174 Probebüchsen verdächtigen Spinats wurde acillus botulinus oder dessen Toxin in 6 Büchsen gefunden. In allen war es Typ A. Diese 6 Büchsen waren alle aufgetrieben und ver- ten beim Oeffnen einen widerlichen Geruch. Das Aussehen und der h solcher Büchsen bilden daher ein Warnungszeichen gegen den Genuss r Nahrung. . A. McLeod und W. F. Jacobs: Hypernephrom des Sternums. Record, N. Y„ 1921, C, Nr. 23.) 'erfasser berichten über 2 Fälle dieser Erkrankung, die beide mit Tod ;en. L Einhorn: Fälle von Gallenblasenerkrankung andere Affektionen /erdauungsapparates vortäuschend. (Med. Record, N. Y„ 1921, C, 1.) .. berichtet über 3 solcher Fälle. In einem Falle bestand ein typisches les Magenkarzinoms; ein anderer Fall täuschte ein Duodenalgeschwür ind im dritten Falle hatten kompetente Aerzte die Diagnose auf Darm- iktion gestellt. In allen diesen Fällen wurde die richtige Diagnose direkte Untersuchung des Duodenalinhaltes vermittelst des Duodenal- ches gemacht. . T w i d d e 1 1: Vitamine in der Kinderernährung. (Med. Record, N. Y., C, Nr. 22.) erf. hat eine Anzahl von Säuglingen, die an Ernährungsstörungen litten eine Zunahme an Gewicht zeigten, in der Weise behandelt, dass er die r mit frischem Eigelb, in Milch verrührt, ernährte. Die Kinder nahmen :h an Gewicht zu und gediehen vortrefflich bei dieser Nahrung. . Twiddell: Bemerkungen zur operativen Behandlung besonderer von eiternder Meningitis. (Med. Record, N. Y., 1921, C, Nr. 17.) 'erf. berichtet über 2 Fälle von eitriger Meningitis, die nach einer idektomie auftrat. Es wurde eine Dekompressivoperation ausgeführt, mlicher senkrechter Einschnitt und Entfernung des Knochens. Die Dura war straff gespannt, so dass beim Einschnitt der Eiter herausspritzte. Kultur wies den Streptokokkus auf. Am oberen und unteren Wund- 1 wurde je ein Gummidrain unter die Dura mater eingelegt. Wund- s mit Katgutnaht. Innerhalb 4 Stunden sank die Temperatur. Das im verschwand nach einigen Stunden. Heilung. . R. Pennington: Die Anwendung von Kaliumnitrat bei Osteo- is und anderen Infektionen. (Med. Record, N. Y., 1921, C, Nr. 23.) »ie Kaliumnitratlösung wird in Verbindung mit einem Umschlag von locken gebraucht. Das Salz wird mit dem Hafer gemischt und ^nd Wasser zugegossen, um das Ganze in einen Brei zu verwandeln. je nach der gewünschten Reaktion 1 — 4 g per 28 g.) Der Verband in einer Dicke von etwa 3 mm auf die kranke Fläche gelegt. Diese dlungsmethode hat sich in einer grossen Anzahl von Fällen aus- hnet bewährt. Während nach operativen Eingriffen Rezidive häufig 'St bei diesem Verfahren nicht ein einziger Rückfall beobachtet worden. • Aaron und E. Beck: Die Phenoltetrachlorphthaleinprobe für die iunktion. (Journ. Am. Med. Assoc., Chicago. 1921, LXXVII, Nr. 21.) 'henoltetrachlorphthalein (Abkürzung: Tetrachlor) wurde zuerst von lorff und Black hergestellt. Es ist ein geruch- und geschmackloses •misches Pulver, unlöslich in Wasser und bildet mit Alkalien tief ge- Salze. Es wird hauptsächlich durch die Galle ausgeschieden und in ‘uodenalinhalt geworfen. Schon früher wurden von Rowntree und eil Versuche gemacht, das Tetrachlor als Probe für die Leberfunktion rwerten. Der letztere spritzte das Tetrachlor intravenös ein und ge¬ lte den Duodenalschlauch zur Untersuchung des Duodenalinhaltes. 'a sich das Tetrachlor leicht verändert, haben Verfasser ein besseres rat hergestellt. 2,5 g Tetrachlor wird mit 5 ccm einer doppelt normalen mnydroxydlösung und 45 ccm dreifach destillierten Wassers in eine ische (200 ccm haltend) gefüllt. Kochen während 20 Minuten mit Rück- mdensator und Filtrierung in eine 100 ccm haltende Flasche. Das j at ist eine wässerige Lösung des Dinatriumsalzes von Phenoltetrachlor- { ein, welche eine tiefe Purpurfarbe annimmt und sich sehr leicht zersetzt, I da das Alkali des Salzes sich mit dem Silikat des Glasbehälters zu verbinden strebt und so ein Niederschlag entsteht. Um dies zu verhindern, werden Reagenzgläser mit geringem Silikatgehalt in eine reinigende Flüssigkeit ge¬ setzt. Dann werden sie sechsmal in reinem Wasser gewaschen und in einem Waschapparat von der Reinigungsflüssigkeit freigemacht. Dann werden die Röhrchen dreimal in destilliertem Wasser gewaschen und getrocknet. Hierauf werden sie mit reiner Baumwolle geschlossen und während lK> Stunden in einen heissen Lüftsterilisator gesetzt. Alles muss mit grösster Reinlichkeit ausgeführt werden. 1,5 ccm (75 mg Tetrachlor) wird in ein Reagenzglas gegossen und ver¬ siegelt. Diese Tuben zeigen keine Veränderungen während mehrerer Monate. Bei der Anwendung wird ein Gummischlauch in den Magen und das Duodenum eingeführt. Wenn der Kranke auf der rechten Seite liegt, fliesst der Duodenal¬ inhalt tropfenweise vom Schlauch ab. Wenn ein guter Abfluss hergestellt ist, wird mit einer Tuberkulinspritze 1 ccm der Lösung (50 mg) in eine Vene des Unterarms eingespritzt. Der Abfluss vom Duodenalschlauch wird in ein Porzellangefäss geleitet, das eine 40 proz. Natriumhydroxydlösung enthält. Der Farbstoff erscheint zuerst als ein schwacher Purpurring, der allmählich tiefer und intensiver wird, bis das Maximum erreicht ist. Dieses Verfahren wurde bei 7 praktischen Fällen angewandt und ergab befriedigende Resultate. Es ist jedoch klar, dass die Methode in einer grösseren Anzahl von Fällen verwendet weroen muss, um ein bestimmtes Urteil zu ermöglichen. Wenn mehr als 15 Minuten verstreichen bis die ersten Zeichen des Farbstoffes erscheinen, kann man mit Sicherheit Leber¬ veränderungen annehmen. Alle Kranken, bei denen die Leber nicht normal funktionierte, ergaben eine Verzögerung des Farbstoffes. A. A 1 1 e m a n n. Im Druck erschienene Inauguraldissertationen. Universität Breslau. November — Dezember 1921. Knosalla Johannes: Selbstverstümmelung bei Soldaten im Kriege mit besonderer Berücksichtigung der chirurgischen Seite. Sabath Hanns Georg: Systematische Untersuchungen über Vorkommen von Soor und Hefe in der weiblichen Vagina. Schwartz Theodor: Ueber einen Beitrag zur operativen Behandlung des Mastdarmprolapses bei Kindern. Vereins- und Kongressberichte. Medizinische Gesellschaft zu Chemnitz. (Offizielles Protokoll.) Sitzung vom 14. Dezember 1921. Vorsitzender: Herr Reichel. Schriftführer: Herr König. Herr Tittel: Ueber Schwangerschaftspyelitis. Die Pyelitis als Schwangerschaftkomplikation ist durchaus nicht selten. Die Diagnose ist meistens leicht, kann jedoch exakt nur mit Zystoskop und Harnleiterkatheter gestellt werden. Neben der üblichen Behandlung mit reichlich' Flüssigkeitszufuhr per os, Seitenlage, Harnantiseptizis ist die direkte Beeinflussung durch Nrerenbeckenspülungen im subakuten und chronischen Stadium zu empfehlen. Die Erfolge dieser Behandlung sind so, dass künst¬ liche Unterbrechung der Schwangerschaft wegen Pyelitis1 nicht mehr in Frage kommt. Diskussion: Herr K r u 1 1 und Herr Ochsenius. Herr Büttner: Ueber Bedeutung und Anwendung der Proteinkörper¬ therapie. Es wird über die Erfolge mit den verschiedenen Präparaten berichtet. Bei Gelenkerkrankungen in subakuten und schon chronischen Stadien werden mit 2 — 5 ccm Milch intraglutäal bemerkenswerte Besserungen erzielt. Ab¬ szesse wurden nie gesehen. Den Vorzug leichterer Dosierbarkeit hat das Caseosan, aber auch da sind die Dosen verschieden an Individuum und nach Krankheit. Wenn auch eine gewisse Allgemeinreaktion wünschenswert erscheint, so kann eine übermässige hier besser vermieden werden als bei Milch. Herdreaktion ist in positivem und negativem Sinn ebenso damit auslösbar, während die Lokalreaktion so gut wie wegfällt. Anwendungs¬ gebiet ist der subakute Gelenkrheumatismus, der gonorrhoische Gelenk¬ rheumatismus, die Komplikation der Gonorrhöe überhaupt und verschiedene Hauterkrankungen. Bei akutem Gelenkrheumatismus und besonders dessen Komplikation der Endokarditis sowie bei Endocarditis lenta und krypto¬ genetischer Sepsis sind Dosen von 2 — 5 ccm einer 2 — 5 proz. Kollargollösung intravenös auch in 3 — 5 tägigen Abständen besonders wirksam. Das Silber wirkt nicht chemotherapeutisch, sondern katalytisch. Schüttelfröste werden dabei häufiger gesehen bei älterer Kollargollösung, seltener bei frischer und Fulmargin, das auch intramuskulär anwendbar und wirksam ist ohne zu starke Lokalerscheinungen, aber deutliche Herdreaktion gibt. In seiner Wirksam¬ keit ähnlich ist das Vakzineurin bei Neurotiden und Neuralgien, unwirksam ist es bei den Veränderungen der Enzephalitis. Bei primär oder sekundär chronischen Gelenkerkrankungen werden mit Sanarthrit mehr oder weniger lang anhaltende Besserungen der Schmerzhaftigkeit und der Arbeitsfähigkeit erzielt je nach dem Grade der bereits vorhandenen anatomischen Verände¬ rungen. Obgleich eiweissfrei, so scheinen auch bei diesem Präparat, ebenso wie dem 20 proz. Terpentin Eiweissspaltprodukte zu entstehen, die sekundär erst wirksam werden. Das Grundprinzip ist die Leistungssteigerung nicht einzelner Zellen, sondern des ganzen Körpers. Wenn auch die Basis dieser Art von Behandlung sehr breit zu sein scheint, so ist vorläufig die spezifische Therapie doch nicht als abgetan zu bezeichnen. Prophylaxe konnte bisher mit diesem Präparat praktisch noch nicht getrieben werden wie etwa bei der Diphtherie oder dem Tetanus. Eine gewisse elektive Gruppenwirkung scheint dennoch zu bestehen. Proteinkachexie wurde nicht gesehen, wohl aber Andeutungen von Anaphylaxie, 2 mal bei Milch, häufiger bei Kollargol, wenn auch rasch vorübergehend. Die altbewährten Behandlungsarten sind nicht aufzugeben, können aber sehr wertvoll durch parenterale Eiweissgaben unterstützt und verstärkt werden. In der Diskussion werden anaphylaktische Erscheinungen nach Aolan von Dr. H a r f f erwähnt, ausserdem sprechen Geh. -Rat R e i c h e 1, Prof. Clemens, Dr. N e u b e r t und Dr. Wagner. 330 MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT. Nr.« Gesellschaft für Natur- und Heilkunde zu Dresden. (Vereinsamtliche Niederschrift.) Sitzung vom 28. November 1921. Vorsitzender: Herr P ä s s 1 e r. Schriftführer: Herr Q r u n e r t und Herr Wemmers. Herr Schneider (a. G.): Die Lehre vom Eigenwillen (Thelematologie) und ihr Verhältnis zur Psychologie und zu den angewandten Geisteswissen¬ schaften. , . Die Tatsache des Eigenwillens, die allgemeinste und festeste unserer Eigenschaften, wird in Leben und Lehre zu wenig berücksichtigt. Der Eigen¬ wille verdient Gegenstand einer besonderen Wissenschaft zu werden, der Thelematologie. Diese ist eine aus der Psychologie herausgewachsene Er¬ fahrungswissenschaft, die sich zu dieser verhält, wie die Technik zur Physik. Diese Thelematologie ist die grundlegende Wissenschaft für die Ethik, Pädagogik, Volkswirtschaft, Soziologie und Politik. Der Eigenwille lässt sich sondern in Eigenhilfe und Eigennutz. Eigenhilfe ist die Entwicklung und Be¬ tätigung der eigenen Anlagen ohne Forderung irgendeines Opfers fremden Eigenwillens. Eigennutz ist die gewünschte oder vollbrachte Hemmung eines fremden Eigenwillens, d. h. je$e Form von Einzelgewalt. Das Ziel des menschlichen Eigenwillens ist das persönliche Glück, das nur in der Form des Eigenhilfs- oder Tätigkeitsglückes durch das Mittel der Sittlichkeit erreicht werden kann. Sittlichkeit ist die Notwendigkeit der Anpassung der eigenen Eigenhilfe, d. h. des persönlichen Tätigkeitsglückes, an die Eigenwillen der vielen, verschiedenen, gedächtnisbegabten Mit¬ menschen. Gefühlsbegabte Menschen sind von Natur zur Rücksicht auf andere Menschen, d. h. zur Nächstenliebe und Eigenhilfe geneigt; Menschen ohne Gefühlsbegabung neigen zur Rücksichtslosigkeit und zum Eigennutz. Daher sind nur gefiihlsbegabte eigenhelfende Menschen zur wahren Sittlich¬ keit zu erziehen, gefühlsunbegabte eigennützig veranlagte Menschen können nur zur Verstandes Sittlichkeit erzogen werden, d. h. sie müssen durch thelematologische Verstandeserkenntnisse und praktische Lebenserfahrungen inmitten der anderen eigenwilligen Menschen das ersetzen, was ihnen an natürlichem Gefühl fehlt. Eigennützige Menschen sind unglückliche Gefühls¬ krüppel. Die Tatsache der Vererbung der geistigen Veranlagung im besonderen und der geistigen Kausalität im allgemeinen muss uns veranlassen, unsere Mitmenschen nicht für ihren Charakter verantwortlich zu machen, d. h. uns nicht zu entrüsten und nicht zu hassen. Der eigenhelfende Verzicht auf Einzelgewalt ist bei der Stärke des menschlichen Eigenwillens nur in dem¬ jenigen Gesamtwesen, Staat möglich, der die Gemeingewalt zur Sicherung der Einzeleigenhilfe wirksam anwendet. Der Staat ist die Eigenwillen- Organisation' eines Volkes, er muss daher das Räderwerk seines Organismus durch die natürliche Wirkungsrichtung der einzelbürgerlichen Eigenwillen treiben lassen. Innerhalb des thelematologisch organisierten Staates wird der notwendige Kampf ums Dasein nicht mehr in der niedrigen Form des Gewaltkampfes, sondern in der höheren Form des W ettkampfes geübt. Der Staat hat die thelematologische Aufgabe, jede Einzeleigenhilfe zu befreien, und jeden Einzeleigennutz zu überwachen, d. h. auszunützen, aus¬ zuschalten oder zu hemmen. Die staatliche Befreiung der Einzeleigenhilfe besteht in der Schaffung freiester Entwicklungs- und Betätigungsmöglichkeit aller Begabungen. Der Einzeleigennutz wird vom Staate ausgenützt, d. h. besteuert, wenn er sich mit dem Eigennutz der Mitmenschen ohne Eigenwillenschädigung aus¬ tauscht, ausgeschaltet, wenn er gegen den Staat wirken will (Steuer¬ reform), unterdrückt, wenn er den Eigenwillen der Mitmenschen hemmt (bürgerliches und Strafrecht). Bei dieser Unterdrückung des verbrecherischen Eigennutzes ist das Ziel der staatlichen Gemeingewalt nicht die Bestrafung des Verbrechers, sondern die Sicherung der Gesellschaft. Der einzelne Staat ist gegenüber seinen Bürgern ein G e m e i n w i 1 1 e, d. h. frei von jedem Eigennutz; der Staat ist gegenüber den anderen Einzelstaaten ein Gesamteinzelwille, d. h. erfüllt von starkem Gesamteigennutz, neben staatlicher Gesamt¬ eigenhilfe. Das Vorhandensein von vielen gesamteigenwilligen Staaten neben¬ einander auf der Erde wird allmählich zur Anerkennung einer zwischen¬ völkischen Gesamtsittlichkeit und einer zwischenvölkischen Organisation zwingen. Letztere wird zur Aufstellung eines über den Einzelstaaten stehenden Gemeingesamtwillens der „Menschheit“ führen, dem die den Einzelstaaten entzogene Gesamteinzelgewalt als Gemeingesamtgewalt über¬ tragen wird. Nur diese Organisation der Staaten zur Menschheit sichert einerseits die notwendige Befreiung der staatlichen Gesamteigenhilfe, d. h. der freien völkischen Kulturentwicklung, andererseits den organisierten Völkerfrieden. Der Krieg wird eingeschränkt, nicht durch Verzicht auf den völkischen Gesamteigenwillen, sondern durch die mit Hilfe der zwischenstaatlichen Organisation ermöglichte Befriedigung der völkischen Gesamteigen¬ hilfe. Die Ethik des Christentums erstrebt das falsche Ziel der irdischen Selbstverleugnung mit dem richtigen Mittel der Nächstenliebe; die Ethik des Herrenmenschentums erstrebt das richtige Ziel der persön¬ lichen Selbstbehauptung mit dem falschen Mittel der Einzelgewalt; die Ethik des auf die Thelematologie gegründeten Lebensglaubens erstrebt das richtige Ziel der persönlichen Selbstbehauptung mit dem rich¬ tigen Mittel der Nächstenliebe. Aussprache: Herr Ganser kann sich in vielen Punkten den Aus¬ führungen des Vortragenden nicht anschliessen. Von Einzelheiten, auf die einzugehen die Zeit nicht gestattet, abgesehen findet er die Methode der Untersuchung anfechtbar. Der Vortragende hat das ganze psychische Ge¬ schehen unter den Gesichtspunkt des Willens gestellt. Wenn auch bei dieser einseitigen Betrachtung dem Gegenstände interessante Seiten abgewonnen werden können, so hat doch die dialektische Behandlung mit Begriffs¬ erklärungen, die vielfach blosse Umschreibungen waren, eine tiefere Er¬ kenntnis nicht vermitteln können; ja sie hat in wichtigen Punkten gefehlt, indem sie die Gefühle von Lust und Unlust teils unberücksichtigt gelassen, teils verstandesmässig und dazu recht subjektiv gewertet hat, ohne zu be¬ rücksichtigen, dass sie in ihrer Ursprünglichkeit jeder Erklärung unzugänglich sind. Herr Hans Hacuel: Ein grosser Teil der Ausführungen des Vort stützt sich auf die Feststellung eines Unterschiedes zwischen der Eigei hilfe auf der einen und dem Eigennutz auf der anderen Seite. Ich bring es nicht fertig, diesen Unterschied zu erkennen. Für mich ist alles a dem Selbsterhaltungstrieb beruhend. Ich glaubte auch weitere Widersprüci zu erkennen, die auf dem fehlerhaften Grundgedanken bestehen. . Herr Schneider: Die Lehre vom Eigenwillen leugnet nicht d hohe Bedeutung des Gefühlslebens auf die Gestaltung des Willens, behaupt jedoch, dass zusammengesetzte Affekte aus Gefühlen und Vorstellung!, hervorgehen und daher durch Verstandes- und Vernunftsvorstellungen g wandelt werden können. Die Scheidung des Eigenwillens in Eigenhilfe ur Eigennutz ist lehrmässig und praktisch durchzuführen und ergibt wertvol Ausblicke für angewandte Geisteswissenschaften und für das praktisct Leben. „ Herr Ganser: Der Vortr. hat mich nicht überzeugt. Er vergisst, da: die Gefühle das Ursprüngliche und einer Analyse nicht zugänglich sin Seine Betrachtungsweise muss auf Irrwege führen. Sitzung vom 5. Dezember 1921. Vorsitzender: Herr P ä s s 1 e r. Schriftführer: Herr Grünest und Herr Wemmers. Tagesordnung: Wahl des Vorstandes für 1922/23. Herr Galewsky: Die persönliche Prophylaxe (Selbstschutz) bei d Bekämpfung der Geschlechtskrankheiten. ' Vortr. bespricht kurz die Grundlagen der Bekämpfung der Geschlechl krankheiten, die 1. in der Prophylaxe, 2. in der Hpilung bestehen, und ve breitet sich dann eingehend über die modernen Bestrebungen, die z Förderung des Selbstschutzes dienen sollen. Er berichtet über die Ei richtungen und Bestrebungen in England, Amerika usw. und referiert du über die Konferenz der Deutschen Gesellschaft zur Bekämpfung der G schlechtskrankheiten am 30. September und 1. Oktober in Berlin, bei der vi 5 Referenten die Themata bearbeitet waren. G. erwähnt, dass unter d mechanischen Schutzmitteln sich nach allen bisherigen Erfahrungen am best Sublimat und Silbersalze bewährt haben, und dass auch frisch bereite Sublimatsalben ebenso wie Chininsalben gute Erfolge erzielt haben. Nach Hervorhebung der Schwierigkeiten, die in der Bekämpfung zwei verschiedener Krankheiten wie der Gonorrhöe und der Syphilis liegen, t richtet Vortr. über die Erfolge, die in Manchester, London, Berlin und Koble in eigens dazu eingerichteten Stationen und Rettungswachen erzielt word sind, und erhofft ebenfalls von der Einrichtung derartiger Desinfektionsstell Gutes, wenngleich er sich der Schwierigkeiten dieser Einrichtungen w< bewusst ist. Nach Besprechung der verschiedenen Methoden der Prophylaxe 1 Mann und Frau, insbesondere bei den Prostituierten, wendet .sich G. zi Schluss zur Organisation und Propaganda und hofft, dass — wie auch anderen Ländern — im neuen Strafgesetzbuch der Vertrieb aller zur Pi phylaxe dienenden Mittel, wenn er in dezenter und nicht anstössiger We vor sich geht, freigegeben werden wird, wie es im neuen Gesetzentwi bereits vorgesehen ist, wo eine scharfe Trennung zwischen empfängn verhütenden und schützenden Mitteln bereits durchgeführt ist. Aussprache: Herr Mann. Herr Flachs fragt an, ob eine prophylaktische Behandlung mit S varsan gegen Infektion mit Lues schützen würde. Herr Galewsky verneint die Frage des Herrn Flachs. Aerztlicher Verein in Frankfurt a. M. (Offizielles Protokoll.) Sitzung vom 2. Januar 1922. Vorsitzender: Herr S e u f f e r t. Schriftführer: Herr Rosenhaupt. Herr Schlosser: Das Stadtgesundheitsamt. Die nationale Not verhilft dem Volk zu den verantwortlichen Stel amtlicher Gesundheitsfürsorge und dem Arzt zur Anerkennung als Faclnm in der Verwaltung. Solange die Gesundheitsämter aber verschönerte sta ärztliche Dienststellen verbleiben, können sie ihren Zweck nicht erfüll Der Grossstädte, in denen das Stadtgesundheitsamt seinen Namen rec fertigt und eine vollberechtigte und vollverpflichtete selbständige Abteili der Verwaltung darstellt und seiner Aufgabe durch Bestellung eines Arz als Amtsvorsitzenden Rechnung getragen wird, sind einstweilen nur v einzelt wenige, aber es geht entschieden und deutlich voran. Die Orga sationsform ist — bezeichnend für die Jugend der Einrichtung — bisher r mals in 2 Grossstädten die gleiche; mit Recht hält sich die aufstrebei Reformation von jeder Schablone fern und passt sich den Lokalbedinguni an. Frankfurt hat vielleicht seine Besonderheit darin, dass die Umstell; aus der juristischen auf die medizinische Vorbildung nach schweren Müh dann aber so radikal erfolgte, dass sämtliche Verwaltungsstellen mit Me zinern besetzt sind ohne juristische Facharbeiter und Hilfsarbeiter: Amtsvorsitzende, sämtliche Dezernenten, der Verwaltungsdirektor des stäi sehen Krankenhauses (Universitätskliniken) sind Mediziner, 2 Ordinarien 1 Fakultät (Hygieniker und Psychiater) im Nebenamt Dezernenten des Sta gesundheitsamtes. Zweckmässigerweise ist die Personalbegutachtun abteilung von den eigentlichen Aufgaben des Amtes abgetrennt und dem Ofc stadtarzt selbständig unterstellt. Sämtliche ärztliche Kräfte sind im Sta gesundheitsamt vereint: 5 Stadtärzte, 2 Stadtassistenzärzte, nebenaintl 16 Schulärzte, 2 Fürsorgeärzte, 4 Krippeärzte, sämtliche Krankenhaus- l Anstaltsärzte. Das ganze Gebiet ist aufgeteilt in 8 Dezernate: 1. Stadtmedizinalwesen, Statistik. 2. Stadthygiene (einschliesslich Infektionskrankheiten), Nahrur mitteikontrolle. 3. Verbindung mit dem Wohlfahrtsamt. (Freies W< fahrtsarztwesen, Volksseuchen, Fürsorge für die Kriegsopfer, hygienis 'Volksbelehrung, Ausbildung.) 4. Verbindung mit dem Jugendamt. (Säuglingsfürsoi Kostkinder, Krippen, Säuglings- und Kinderheime, Rachitiker- und Krüpi fürsorge, Erholungsfürsorge.) 5. Schulhygiene. (Schulärzte, Schulzahnklinik, Kindergärten Horte, ärztliche Berufsberatung.) ,ärz 1922. MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT. 331 6. Psychopathenfürsorge. (Fürsorgestelle, Gefährdeten- rge, Heilerziehungsheime.) 7. Rettungswesen. (Zentralisiert.) 8. Anstaltswesen, ärztliche Fortbildung. Die Schöpfung des neuen Amtes erfolgte ohne Anforderung neuen Per- ls und ohne weitere Raumansprüche. Die Gesundheitskommission auf staatliche Verordnung ist personell isch mit der Deputation fü'r das städtische Gesundheitswesen, bereichert i Polizeipräsidium und Kreismedizinalräte als Mitglieder. — Das Für- .■wesen wird zurzeit auf allen Gebieten unter städtische Führung ge- . neu Tuberkulosefürsorge, Bekämpfung der Geschlechtskrankheiten, lingsfiirsorge, jedoch unter Beibehaltung der ausführenden privaten nisationen. Die Einheitlichkeit des Wohlfahrtswesens wird gesichert l einen städtischen Wohlfahrtsverband sämtlicher sozialer Aemter: Wohl¬ samt, Jugendamt, Stadtgesundheitsamt, Arbeits- und Wohnungsamt. Herr Karl Landauer: Das Tetanoid. Am Material der Poliklinik wurde nach tetanoiden Symptomen gefahndet, ruf diese Weise eventuell einer nosologischen Einteilung der Psycho- en näherzukommen. Insgesamt wurden über 1000 Kranke untersucht, anden sich erstens das Fazialisphänomen von Chvostek bei zirka ’roz., zweitens das Trousseau sehe Phänomen (R.-R. 200 mm, kling hausen sehe Manschette, Dauer der Anwendung 2 Minuten) : ■ Phase: sensible Reizerscheinungen bei ca. % der Untersuchten, also hologisch ; zweite Phase : myokloitiforme Zuckungen bei etwa 20 Proz. (+) ; : Phase: Ulnariskrampf, das ist Geburtshelferhand, federnder Krampf bei 5 Proz. (++); vierte Phase: Allgemeinerscheinungen: allgemeine ungen, tetanische Krämpfe, epileptische Krämpfe und Abszencen in illen. Ferner wurden beobachtet: kataleptischer Trousseau in ca. 3 Proz. in 6 Fällen ein Krampf unter Extension und Abduktion des Daumens bei ung der übrigen Finger in allen Gelenken (Epitrousseau). Drittens rische Uebererregbarkeit (E r b sches Phänomen) in 28 Fällen. Ferner en beobachtet bei Kranken, die ein oder mehrere dieser Symptome eil : Uebergreifen der Zuckung bei mechanischer Erregung auf Nachbar¬ te in 10 Proz., myoklonieähnliche Zuckungen besonders in Form sehr ifter Sehlafzuckungen bei etwa 30 Proz., grobschlägiger unregelmässiger lor bei 12 Proz., Spontankrämpfe der Waden und Grosszehenballen in roz., einmal des linken Fazialis und zweimal des Daumenballens rechts, ikteristikum: passive Ueberwindung erfordert geringe Kraft und kupiert. Ile von spontanen tetanischen Anfällen. In 20 Proz. der Fälle folgende hlafstörungen : Alltagsgedanken lassen nicht zur Ruhe kommen; Kranke ;n nicht aufhören zu denken und zwar an gleichgültige Dinge, Tagreste. Symptom nur hervorstechender Teil der allgemeinen inneren Unruhe, ble Reizerscheinungen in 25 Proz. Sehr häufig Schlafstörungen im Sinne ngstträume und des Aufschreckens, überhaupt häufig Angsterscheinungen, re Beobachtung von Katarakten, Zahn-, Nagel- und Haarerscheinungen, le, die als Magentetanien imponieren. 1 mal Quincke sches Oedem. Die Symptome wurden gefunden bei ganz verschiedenen Erkrankungen; is: einer postoperativen und 4 Graviditätstetanien, zweitens 5 juvenilen den, in deren Kindheit die Spasmophilie eine Rolle spielte. Drittens lepressionen : vor allem häufig Chvostek, entsprechend der Uebererreg- it des Fazialis (Zucken um den Mund) bei normalem Schmerz. Viertens tzuständen aller Art vom katatonen Raptus bis zur physiologischen Angst jesunden Kindes. Hier auch Trousseau sehr häufig, immer aber sehr ger, oft nach wenigen Minuten nicht mehr nachweisbar. Fünftens bei iren Psychopathen. Bei solchen mit psychogenem- Einschlag häufig iptischer Trousseau. Sechstens bei Hysterie. Hier zweimal halb¬ er Trousseau, einmal Trousseau und Chvostek gekreuzt. Siebtens bei tomatischer Neurasthenie namentlich im Gefolge von Grippe, chronischer lohreiterung (in 36 Fällen), Typhus, Ruhr und Arteriosklerose. Achtens lirnkranken aller Art: Chorea, zerebrale Kinderlähmung, Paralyse und raumen, sowie vor allem Enzephalitis. n der Therapie erweist sich Kalk in leichten Fällen als Kalkan, in ren als Ca. lact., in schweren als Ca. chlorat. intravenös als frappant Mittel. Erb und Trousseau verschwinden oft bereits 10 Minuten nach rijektion. Beim Versagen des Ca. Magnesium chlorat. intravenös. Dies Glich in jener kleinen Gruppe mit Epi-Trousseau, die charakterisiert ist: itige, aber sehr reizbare Psychopathen, welche auf geringfügige Anlässe nfälle haben von Zittern und Gewaltakten mit dem Gefühl, dass sie die lt über sich verloren haben. Inkontinenz der Affekte. In 2 Fällen meen, sonst stets auch auf Epilepsie verdächtige Symptome. Hier war hvostek positiv und Ulnaris übererregbar, dagegen stets der Medianus, der Radialis an der Grenze des Normalen. Diese Fälle werden unter etanie zusammengefasst, wobei offen bleibt, ob dies eine Krankheit meris oder eine Mischung von Epilepsie und Tetanie. Ja tetanoide Symptome somit bei den verschiedensten Erkrankungen ten, dürfte das Tetanoid nur ein anderer Name für Uebererregbarkeit Es bleibt nur ein ganz kleiner Rest von echten Tetanien, juvenilen ien (als Wiedererscheinung der Spasmophilie) und die Gruppe des Epi- )ids. Basedowoide Symptome waren bei 30 Proz. der Tetanoiden zeisbar. ebenso häufig Infantilismus, in wenigen Fällen Akromegalie, dem und Eunuchoidismus. Der J e u s c li sehe Versuch der Einteilung ’syehopathen in basedowoid und tetanoid ist daher verfehlt. izinisch-biolog. Abend der Universität Frankfurt a. M. (Eigener Bericht.) Sitzung vom 7. Februar 1922. Vorsitzender: Herr Voss. Schriftführer: Herr Völker. ,err Oppenheimer: Die Ausscheidung von Scharlachrotöl durch eher (Demonstration.) lacn Verbitterung von Scharlachrotöl an Versuchstiere, insbesondere -• tritt eine Rotfärbung in den Gallengängen auf. Bei gleichzeitiger reichung von Cholesterin wird diese Veränderung wesentlich intensiver, ss eine makroskopisch sichtbare Rotfärbung der Leber zustande kommt. lerr Fischer: Völliger Abriss eines Papillarmuskels im linken Veu- durch Koronarsklerose. (Demonstration.) >ei einem bisher gesunden Kranken, der ganz plötzlich unter äusserst luichen Herzerscheinungen erkrankte und nach 10 Monaten ad exitum srgab die Sektion folgenden Befund: ein Papillarmuskel war völlig ab¬ gerissen und die Sehnenfäden, an denen das obere Stück hing, hatten sich mehrfach überdreht. Die Muskulatur unterhalb der Abrissstelle zeigte eine Nekrose, die auf mangelnde Blutversorgung infolge hochgradiger Sklerose der ernährenden Koronararterie zurückzufüWen war. Herr Berber ich: Die Pubertätsdrüse. Nach einer kurzen historischen Einleitung setzt sich Vortr. mit den An¬ schauungen Steinachs auseinander. Die eigenen Untersuchungen sprechen (ebenso wie die noch unveröffentlichten von J a f f 6) gegen eine trophische und resorptive, aber für eine gewisse innersekretorische Funktion der Zwischenzellen. Es ist wahrscheinlich, dass es sich bei letzterer mehr um eine korrelative Funktion handelt, während die innersekretorische Funktion der Genitalsphäre von den Hodenzellen ausgeht. Herr Mader: Ueber die regulatorische Dysfunktion des thermo- genetischen Apparates bei missbildeten Neugeborenen. Bei 2 Missgeburten, -die u. a. erhebliche zerebrale Missbildungen zeigten, wurden Temperaturschwankungen zwischen 35 und 42° beobachtet, die durch keinerlei äussere Momente (Erwärmung oder Abkühlung) beeinflusst werden konnten. Herr Leichen Ueber den Kalziumgehalt des menschlichen Blutserums und seine Beeinflussung durch Störungen der inneren Sekretion. Thyreoidinfütterung und Basedow bewirkten ein Sinken, Myxödem ein Steigen des Kalkspiegels; bei Hypophysenverfütterung fand sich ebenfalls Senkung, in einem Falle von Hypophysentumor Erhöhung. Behandlung mit Ovarienpräparaten hatte Senkung, Kastration Erhöhung zur Folge. Auch bei Suprarenininjektion konnte Senkung beobachtet werden. Das Suprarenin wirkt im kalkarmen Milieu besser, während bei erhöhtem Blutkalk eine Hemmung der Adrenalinwirkung eintritt. Bei Zuführung von Epithelkörper¬ chen kam eine Steigerung des Blutkalkspiegels zustande. J. E. Kayser-Petersen. * Aerztlicher Verein in Hamburg. (Eigener Bericht.) Sitzung vom 14. Februar 1922. Herr Lippmann berichtet über einige Fälle von Icterus catarrhalis mit Leber- und Milzschwellung und positivem Bazillenbefund (Paratyphus A oder Typhus) oder entsprechender Agglutination. L. sah etwa zehnmal soviel Fälle von klinisch gleichem Verlauf, mit und ohne Fieber, ohne dass der Nachweis einer gleichen Infektion erbracht werden konnte, glaubt aber doch, dass sie auch als Infektionsfolgen aufgefasst werden müssen, und nimmt damit Naunyns Cholangielehre auch für den Icterus catarrhalis an. Herr Tlieys stellt eine Kranke vor, bei der eine isolierte Kaverne im rechten Oberlappen nahe der Pleura bestand. Operative Eröff¬ nung der Kaverne nach Rippenresektion hatte guten Erfolg. Pneumo¬ thorax oder Thorakoplastik, die bei ausgedehnteren Zerstörungen eines Lungenlappens die Methoden der Wahl sind, kamen im vorliegenden Falle nicht in Betracht. Herr Dan zieer zeigt ein durch Operation gewonnenes Präparat von Pseudomyxoma oeritonei, einen höckerigen Tumor, der, unter dem Colon transversum gelegen, anscheinend vom Pankreas ausging. Herr Hellmuth: Differentialdiagnose zwischen Schwangerschaftsniere und chronischer Glomerulonephritis in graviditate. Untersuchung der Oedem- flüssigkeit mit dem P u 1 f r i c h sehen Refraktometer ergibt, dass die Schwangerschaftsnierenerkrankungen mit den Nephrosen in Parallele gesetzt werden können, während die Glomerulonephritis einen wesentlich höheren Eiweissgehalt der Oedemflüssigkeit aufweist. Herr Nürnberger fand an dem Material der Frauenklinik sehr häufig Schädigungen bei Bluttransfusionen; Untersuchung von Blutproben auf Hämaegiutinine ergab, dass sie bei Graviden ungleich häufiger sind als bei anderen Menschen. Zur raschen Feststellung dieses offenbar bei den Schädigungen in Betracht kommenden Faktors mischt N. einen Tropfen Spender- und Empfängerblut in einem Tropfen Natriumzitratlösung auf dem Objektträger; man kann dann schon makroskopisch sofort die Agglutination erkennen. Herr Paschen berichtet über Versuche betreffend den Wert der Revakzination: Impft man Kaninchen auf der einen Seite mit Vakzine unter Zusatz von Wiederimpflingsserum, das unmittelbar vor der Revakzination entnommen -ist. auf der anderen Seite mit der gleichen Vakzine 4* Serum des gleichen Spenders, 14 Tage später entnommen, so zeigt sich auf der einen Seite keine, auf der anderen starke Hemmung, selbst wenn bei dem Wieder¬ geimpften keine erhebliche Reaktion aufgetreten war. Diskussion zu dem Vortrage des Herrn Bonne: Kann unser deutsches Volk sich aus dem Boden unseres Vaterlandes selbst ernähren? (Vergl. d. W. Nr. 6, S. 217.) Herr Cal Vary: zur Abstinenzfrage; Herr Hahn: Kritik der Klein¬ siedelungen; Herr Klean Schmidt: zur Frage der Milchversorgung. Vorzüge der Trockenmilch; Herr Weygand t: psychischer Faktor der Siedlungspolitik; zur Alkoholfrage; Herr Wichmann: hält Klein¬ siedlungen in mancher Beziehung für bedenklich; Herr Lichtwitk; Herr Z i p p e r 1 i n g: Bodenreform; Herr Engel mann; Herr Kestner: über Vollkornbrot; Herr Knack: Polemik über soziale Fragen. Herr Bonne; Schlusswort.' Max F r a e n k e 1 - Hamburg. Medizinische Gesellschaft zu Jena. Sitzung vom 11. Januar 1922. Herr B u c h h o 1 z und Herr Zange: Röntgenstrahlenbehandlung der Kehlkopftuberkulose. (Mit Lichtbildern und Krankenvorstellung.) Herr Runge: Ueber die Bedeutung des C o r t i sehen Organs für das Hören. Sitzung vom 25. Januar 1922. Herr Ergeeilet zeigt einen 47 Jährigen mit ausgedehnter fleckiger Melanosis der Sklera, Melanosis der Iris und Aderhaut. Sehnervenscheibe pigmentfrei. Die tiefbraune Iris ist dick. Bälkchen und Krypten fehlen im Ziliarteil ganz. Eine Kontraktionsfurche ist nahe dem temporalen Randteil entwickelt. Im steil abfallenden Pupillenteil kleine Wärzchen. — Die Iris des anderen Auges ist im allgemeinen hellgrau (an einzelnen Stellen Pigment¬ fleckchen), sie zeigt aber auch eine Bildungsstörung in Gestalt einer ziemlich 332 MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT. Nr. dicken Gefässschlinge, die im lockeren Irisgewebe korkzieherartig gewunden auf der temporalen Seite von der Iriswurzel bis zum Sphinkter zieht. Herr Hannemann: Remonstration eines Falles von Polykorie des rechten Auges. In der Iris zeigt der Pupillartei! eine eigenartige Wulstung in der Art, dass der nasale Teil anch vorn zu umgestülpt ist. Nach Homatropin¬ einträufelung sieht man mehrere teils grössere, te*ls, !tl®1(nere, °fff"“n^re" ’J" Irisdiaphragma konzentrisch dem Pupillarrand im Sphinktergebiet, im ganzen 6 an der Zahl, einschliesslich der an normaler Stelle befindlichen Hauptpupille. Herr A. Schmitt: Kurze Beschreibung eines Falles von ungewöhn¬ licher Form der Altersatrophie der Iris mit Ablösung des vorderen Irisblattes und Aufsplitterung desselben in einzelne in der Vorderkammer flottierende Fasern. (Erscheint anderweitig ausführlich.) , , . , Herr Seile: 1. Cholestearinkristalle ln der Vorderkammer bei Phthisig 2. Demonstration einer vergoldeten Silberkugel in einem Exenterations- stumpf des Auges, die 30 Jahre beschwerdelos getragen und dann mit dem Stumpf wegen Entzündungserscheinungen entfernt werden musste. , Herr A Schmitt: Das Starkrankenmaterial der Umv. -Augenklinik Tübingen 1901—1919, 8614 Fälle betreffend, wird statistisch-klinisch nach ver¬ schiedenen Gesichtspunkten, wie Bevorzugung des männlichen oder weib¬ lichen Geschlechts, zuerst erkrankte Seite, Refraktion, Astigmatismus, Alter der Starerkrankung. Beruf, Heredität, Missbildungen der Augen, angebliche Aetiologie, vorhergegangene und gleichzeitige Erkrankungen untersucht und die Wahrscheinlichkeit einer endogenen Ursache der Starerkrankung gemäss den Ergebnissen festgestellt. (Erscheint anderweitig ausführlich.) Herr Erggelet: Vorführung des Differentialpupilloskop von Hess. Herr Brückner: Zur Zytologie des Auges. Medizinische Gesellschaft zu Kiel. (Eigener Bericht.) Sitzung vom 19. Januar 1922. Herr .1 o r e s: 1. Pathologisch-anatomische Demonstrationen. 2. Zur Frage des postembryonalen Gefässwachstums. Vortr. hat Anlass genommen, noch einmal auf die Wachstumsvorgange in der Intima zurückzukommen, die sich nach der Geburt in der Aorta des- cendens zuerst zeigen und die hier wie auch im übrigen Gefässsystem bis in die späteren Lebensalter hinein sich fortsetzen. Jores stützt sich dabei aut ein Material, das hauptsächlich schon vor längerer Zeit gesammelt war und das z. T. von Dr. Uyama bearbeitet worden war. Im Hinblick auf die Untersuchungen Rankes und H u e c k s über die Strukturen des Gefässbindegewebes, hält Jores die strenge Unterscheidung einer elastischen Hyperplasie und einer regenerativ-bindegewebigen Intima¬ verdickung nicht mehr aufrecht. Die Untersuchung erstreckte sich auf ver¬ gleichende Betrachtung der gleichen Gefässabschnitte an Fällen verschiedenen Alters. Legt man hierfür die Befunde an der Aorta thoracica zugrunde, so zeigt sich, dass eine Intimaschicht mit vorwiegend elastischer Grund¬ substanz sich nach der Geburt in wenigen Monaten bis zu einer gewissen Stärke entwickelt, die dann annähernd konstant bleibt. Längsmus'kulare Anteile dieser Intimaschicht sind zwar in der Ablage schon beim Neu¬ geborenen vorhanden, bilden sich aber erst später aus und dann nur gering. In der Regel wird die Längsmuskulatur durch starke Hyperplasie elastischer Grundsubstanz verdeckt. Eine stärkere Zunahme der Intima, insbesondere in Form kollagener Bestandteile wird von Mitte bis Ende des 2. Jahrzehnts an häufiger angetroffen. Aber ihr Vorkommen ist nicht an ein bestimmtes Alter gebunden, auch ist die Zunahme mit dem Alter ungleichmässig, so dass eine mit dem Alter parallel gehende Verstärkung der Intima nicht fest¬ zustellen ist. Reichliche Ausbildung der elastischen Elemente fand sich zu¬ weilen auch noch im 6. Jahrzehnt, allerdings in einer Form, die die nachträg¬ liche Elastinimprägnation in vorher überwiegend kollagen angelegten Schichten als wahrscheinlich annehmen lässt. Rechnet man hinzu, dass im Alter Elastin- fasern in der Gefässwand auftreten, deren Vorhandensein leicht bei Elastin- färbung übersehen werden kann, so ergibt sich, dass der Gefässwand die Fähigkeit zur Bildung elastischen Gewebes auch im Alter nicht abgeht. Die stärkeren Grade einer Intima, namentlich soweit sie als kollagen imprägnierte Lagen und Schichten auftreten, sind pathologisch und als Anpassungs¬ wachstum aufzufassen. Mit dem Lebensalter können sie nicht direkt Zu¬ sammenhängen, aber ihr häufiges und in späteren Jahrzehnten regelmässiges Vorkommen ist auf pathologische Schädigungen zurückzuführen, von denen mit .zunehmendem Alter so gut wie alle Menschen betroffen werden. Schwieriger ist zu beurteilen, ob die bald nach der Geburt auftretende subendotheliale und vorwiegend elastische Schicht physiologisch oder patho¬ logisch ist. Ihr regelmässiges Vorkommen spricht gegen die letztere An¬ nahme. Aber da Vortragender eine elastisch-hyperplastische Schicht bei einer 44 cm langen Frühgeburt vorfand, die 9 Tage gelebt hatte, so scheint ein Zusammenhang zwischen der Ausbildung der Schicht in der Aorta und dem Beginn des postembryonalen Lebens zu bestehen. Andererseits können die namhaft gemachten physiologischen Einflüsse, wie Wegfall des Plazentar¬ kreislaufes (T h o m a), Dehnung und Spannung der Aorta durch Längen¬ wachstum (A s c h o f f), deswegen nicht in Betracht kommen, weil die Ent¬ wicklung der Schichten bei den daraufhin untersuchten Säugetieren, auch bei den domestizierten fehlt. Somit ist selbst für die erste Anlage der Intima¬ schichten nach der Geburt die pathologische Entwicklungsweise nicht ganz auszusch Hessen. Bemühungen des Vortragenden über die Art derjenigen Schädigungen, auf welche das Arteriensystem mit elastischen und bindegewebigen Hyper¬ plasien der Intima reagiert, näheren Aufschluss zu gewinnen, haben nicht zum Ziele geführt. Aber Jores glaubt der Vorstellung entgegentreten zu können, dass das Arteriensystem einer physiologischen Uber die allgemeinen Alterserscheinungen hinausgehenden Abnutzung unterliege. Medizinische Gesellschaft zu Leipzig. (Offizielles Protokoll.) Sitzung vom 10. Januar 1922. Vorsitzender: Herr S u d h o f f. Schriftführer: Herr Huebs.chmann. Herr Klein Schmidt stellt einen 50 jähr. Kranken vor, bei dem ein walnussgrosses Fibrosarkom, das von der Dura ausgehend in die Gegend der linken Zentralwindung vordringend, exstirpiert worden war. Der Tum hatte ausser allgemeinen Hirndrucksymptomen eine Lähmung der rec.i seitigen Extremitäten verursacht. Nach Umschneidung der Dura war t Tumor ohne Schwierigkeiten und ohne Verletzung des Gehirns enukleu worden. Trotzdem entwickelte sich bei nicht ganz ungestörter Heilung ei hauptsächlich motorische Sprachlähmung, die sich jetzt allmählich bessert, Lähmung der Extremitäten hat sich ebenfalls etwas gebessert. Aussprache: Herr B o s t r o e m bespricht die neurologische D trtiosc dos t^cillos Herr Payr: 1. Ueber eine keimfreie kolloidale Pepsinlösung zur Narb: erweichung. Verhütung und Lösung von Verwachsungen. (Ist nn Zbl. Chir 1922, Nr. 1 erschienen; ref. d. W. Nr. 4, S. 134.) 2. Demonstration eines Falles von operiertem Sarkom der Membra interossea des Unterarms bei einem 14 jähr. Mädchen. 3 Fall voll operiertem retrosternalem Kropf von Zweimannsfaustgros Herr Hohl bäum: 1. Schwierige Beseitigung eines Anus praet Be'i einem auswärts wegen Appendizitis operierten 23 jähr. Mädcher i stand ein linksseitiger lliakalafter, der dem Zoekum angehorte und n: ungewollter Durchtrennung der Sigmaschlinge angelegt worden war. B6 Stümpfe waren blind verschlossen. Die abführende Schlinge war dui Gefässschädigung bis auf Fingerdicke geschrumpft und verengert bis i Beginn der Rektumampulle, das proximale Ende der Sigmaschlinge endete, der Höhe der linken Spina il. a. s. und lag hinter dem verlagerten Zoe kt Durchziehen des mobilisierten oralen Sigmastumpfes durch eine neugeschafh Oeffnung im Beckenboden. Extraperitoneale Anastomose dieses mit d Rektum. Reposition des Zoekums und Verschluss des Zoekalafters führtej Stuhlentleerung auf normalem Wege mit völliger Kontinenz. 2. Aneurysma der Poplitea nach Osteotomie wegen Genu valgum. 5 Wochen nach primär geheilter Osteotomie trat nach Abnehmer Gipsverbandes ein faustgrosses Aneurysma der Poplitea auf. Durch N einer erbsengrossen Oeffnung an der Hinterwand derselben und Deckung ■ Naht mit dem Sartorius wird das Aneurysma zur Heilung gebracht. I ms Tib. ant. und post, nach der Operation, sowie gegenwärtig, 6 Monate spa normal. Die Entstehung des Aneurysma wird durch Elevatonumdruck die Arterie erklärt. . . , 3. Spontantetanie, mit Epithelkörperchentransplantation behandelt. Bei einer 22 jähr. Schwester waren akut sich häufig wiederhole Tetanieanfälle aufgetreten. Es wurden 2 Epithelkörperchen (auch durch hi: logische Untersuchung als solche festgestellt) aus einer Leiche wenige Mim nach dem Tode entnommen und der Kranken präperitoneal transplanh 7 Stunden nach der Operation noch ein kurz dauernder Anfall, dann Sistie der Anfälle bis heute, 2 Monate später. Gegenwärtig nur noch Lhvos kaum angedeutet, Trousseau und Erb negativ. .. Aussprache: Herr Payr gibt Bemerkungen zur Technik der Kn Operation. Eine postoperative Tetanie hat er bei 2000 Strumaoperatio nie gesehen. Medizinische Gesellschaft zu Magdeburg. (Offizielles Protokoll.) Sitzung vom 2. Februar 1922. Herr Teu scher: Knochenoperationen bei Verkrümmungen der unti Ex t rem i tä te n T zeigt an der Hand von Lichtbildern die in der orthopädischen f anstalt" von Prof. Dr. B 1 e n c k e üblichen Operationen zur Beseitig knöcherner Deformitäten der unteren Extremitäten mit Heranziehung hierzu überhaupt angegebenen Methoden. Gezeigt werden photographische Aufnahmen und Röntgenbilder Kranken mit knöchernen Ankylosen im Hüftgelenk, hauptsächlich auf Boden tuberkulöser Koxitiden entstanden, bei denen durch die schräge trochantere, die intertrochantere oder die pelvotrochantere Osteotomie gute Korrektur der Flexions-Adduktionskontraktur des Oberschenkels er wurde. Bei knöchernen Ankylosen des Kniegelenkes in starker Be Stellung erwies sich die Drehmann-W erndorff sehe paraartikr Methode als sehr erfolgreich. Sehr zahlreich sah T. Genua valga zur ( ration kommen, die in den meisten Fällen in der suprakondylären Osteot< nach M a c E v e n bestand und gute Resultate zeitigte. An der Hand Röntgenbildern konnte der Vortragende die starken arthritischen änderungen zeigen, die beim Ausbleiben der operativen Behandlung eintn Bei Totalkrümmung der Beine im Varussinne wurde gewöhnlich in einer mehreren Sitzungen schräg durchmeisselt, je nachdem Tibia oder Femur der stärksten Verkrümmung war. Auch die keilförmige Osteotomie mt mehrfach in Anwendung treten, um zufriedenstellende Resultate zu erzi Es kam immer zu glatten Heilungen mit guter Konsolidierung der 1 ragnu Nur in einem Fall trat eine Katguteiterung ein. die einen nochmaligen Ein erforderte, da sonst die Gefahr der Sequestrierung einer Knochenzacke stand, die sich bei der Durchmeisselung nicht hatte vermeiden lassen, einem anderen Kranken verursachte eine derartige Zacke Beschwerden den ersten Gehversuchen. Beide Male nach Abmeisselung der Zacke gl Erfolg. Bei Kindern mit rachitischen nullförmigen Unterschenkelverk mungen gute Resultate nach A n z o 1 e 1 1 i und Röpke. Bei scharfen Knickungen im unteren Drittel wurde regelmässig schräge oder keilfor Osteotomie 'vorgenommen, mit der immer eine befriedigende Korrektur reicht wurde. Schliesslich berichtet T. noch über gemachte Erfahrunger Hallux valgus-Operationen. von denen die nach der kürzlich von H o h m angegebenen Methode ausgeführten sehr zuverlässig und erfolgreich ersehe Diskussion: Herren Kirsch, Habs, Tfchmarke, A. Bien und Reichardt. Herr A. Blencke: Demonstration eines Kriegsverletzten, der m einer Schussverletzung am linken Fuss eine Spitz-Klumpfussstellung r Durch Sehnenverlängerung und keilförmige Osteotomie wurde erreicht, der Fuss wieder ganz aufgesetzt und voll belastet werden kann. Herr A. Blencke: Der augenblickliche Stand der Behandlung Knochen- und Gelenktuberkulose. i (Der Vortrag erscheint in Bruns’ Beiträgen zur klinischen Ohiru: HR - / ' . z 1922. MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT. 333 Aerztlicher Verein München. (Eigener Bericht.) Sitzung vom 22. Februar 1922. rr Thann ha user: Demonstriert das seltene Krankheitsbild eines i sarkoms mit diffuser Melanose. Die ganze Hautoberfläche der Kranken iiel braun-schwarz verfärbt, auch die Schleimhäute und sogar die Zähne ihr oder minder stark pigmentiert. Im übrigen finden sich in der Haut i .ehwarze Knötchen -eingelagert, im Abdomen ein mächtiger Tumor und ollige Leber. Den Ausgangspunkt des Leidens dürfte ein von Jugend (teilender Pigmentnävus auf der Brust bilden. Der Urin ist dunkelbraun it Melanogen: in den letzten Tagen auch Melaninreaktion. Um der unbekannten Konstitution des Melanins auf die Spur zu kommen, hat i.ender mit H. Weiss zusammen die Vorstufe, das Melanogen, aus in isoliert und einen Körper, der die Brenzkatechinreaktion gibt, wahr- ch Protokatechusäure oder Homoprotokatechusäure darin entdeckt, rr Rosenberger stellt einen Fall von lange Zeit unerkannt ge- Ur Granatsplitterverletzung des Gehirns vor und knüpft daran die j !g, bei unklaren Nervensymptomen auch leichter Art, soweit sie Uilnehmer betreffen, niemals die Röntgenuntersuchung zu versäumen, ifig, wie im vorliegenden Falle, rasche und vollständige Aufklärung 1 s rr Oberndorfer projiziert eine grössere Anzahl der in seinem i kürzlich gesammelt erschienenen Diapositive von pathologischen I ten. Die äusserst plastisch wirkenden, bis in alle Einzelheiten und : des Abdomens klar durchgezeichneten Bilder häufiger und seltener ischer Abnormitäten und pathologischer Veränderungen erweckten : ine Bewunderung. rr Grassmann verliest eine Entschliessung gegen die geplante ng des alten Botanischen Gartens, dessen Erhaltung im Interesse der : ner Volksgesundheit dringend geboten wäre; sie wird einstimmig inmen. Irr Kämmerer spricht über Bronchialasthma. (Der Vortrag er- i demnächst in ausführlicher Form.) skussion: die Herren Eskuchen, Thannhauser, Ranke 1 r u t z. migung der Münchener Fachärzte für innere Medizin. (Eigener Bericht.) Sitzung vom 2. Februar 1922. ! sitzender: Herr R. May. Schriftführer: Herr Handwerck. Irtsetzung der Aussprache über seltenere Elektrokardiogramme und itrationen von solchen: rr Mobitz (als Gast) zeigt Elektrokardiogramme eines 20jährigen Ins, bei welchem im Verlauf einer Pneumonie einen Tag lang eine idige Dissoziation zwischen Vorhof- und Kammertätigkeit bestand. Iz des Vorhofs f23, der Kammer 128 in der Minute. Es wird nach- n, dass die Leitung zwischen Vorhof und Kammer intakt bleibt, denn er Sinusreiz ausserhalb der refraktären Kammerperiode einfällt, findet iberleitung statt. Somit entsteht die hochgradige Dissoziation lediglich en geringgradigen Frequenzunterschied der Reizbildung im Sinus- und I I f f sehen Knoten. rr v. Romberg: 1. Das Chinidin hat nach einer Zusammenstellung eratur durch Herrn v. Kap ff in etwa der Hälfte der Fälle von | :11er Arhythmie regelmässigen Rhythmus herbeigeführt. Auch die liinische Klinik hatte bei ihren Kranken etwa 53 Proz. Erfolge. Typisch 5 Vorhofflimmern oder -flattern über regelmässige Vorhoftachysystolie Iweiser Blockierung der A.-V.-Ueberleitung in den regelmässigen us über (Demonstration von Kurven). Leider scheint der Erfolg nie- i wirklich dauernder zu sein. Seine längste bisher beobachtete Dauer n der Klinik 10 Monate. Auch chronische Darreichung von Chinidin in dem vorübergehenden Charakter des Erfolges anscheinend nichts, lieh kommt eine Zeit, in der das Mittel nicht mehr wirkt oder nicht :rtragen wird. Trotzdem bildet es eine sehr wertvolle Bereicherung rapie. 5 Chinidin wurde nach den Angaben v. Bergmanns nur immer m Essen gegeben. Bei älteren oder sehr empfindlichen Leuten lie Einzeldosis auf 0,2 begrenzt. Sie wurde dann unter Umständen m Tage wiederholt. Wenngleich einzelne Fälle guter Chinidinwirkung Insuffizienz bekannt sind, so sind das doch grösste Ausnahmen. Das sollte als ein lähmend wirkendes Mittel nur gebraucht werden, wenn Tätigkeit vorher und zwar möglichst schon einige Wochen befriedigend 11t ist. Die gleichzeitige Verordnung von Chinidin neben Digitalis v. R. nicht zweckmässig. Demonstration der EKG. von selteneren Arhythmien: a) regelmässige ichystolie mit der ganz ungewöhnlich hohen Frequenz von 660 in lute. Die Kammersystole folgt mit verschiedener Ueberleitungszeit i. bzw. jedem 6. Vorhofreiz. Nach 1,2 Pulv. fol. Digit, geht die ktion in Flimmern mit einer Frequenz von 675 — 600 über. Durch Blockierung wird die Kammertätigkeit regelmässig, 75 in der Minute, j Aus der unter Leitung von H. Straub (jetzt Halle) angefertigten !von S t r a u b e 1 (D. Arch. f. klin. Med.) und aus entsprechenden 1 tungen der Klinik 6 EKG. von Sinusvorhofblock, davon einer bei 2 jährigen Arbeiter mit gesundem Herzen, der bald vorü'bergeht. Es p verschiedene Wirkung auf die Ueberleitung von Vorhof zur Kammer Den und auf die Erklärungen hingewiesen, wie sie Wenckebaeh jlcrseits H. Straub gegeben haben. Aus der Straubei sehen Arbeit mehrere EKG. totaler Sinus- ' ie (Sinusflimmern). Der Herzschlag macht in diesen Fällen den p perpetueller Arhythmie. Den R-Zacken gehen aber regelrechte |n voraus. Als Vorhofextrasystolie ist die Störung nach dem ganzen Vht aufzufassen. Die Erklärung einer völlig regellosen Reizerzeugung sknoten entsprechend dem Flimmern oder Flattern der Vorhöfe bei ähnlichen perpetuellen Arhythmie hat am meisten für sich, s-sp rache: Herr Handwerck fragt, ob Herr v. R. Chinidin ' ambulanten Kranken in der Sprechstunde verordne, r v. Romberg: Die Chinidinbehandlung bedarf fortlaufender sorg- eobachtung, wenn es sich um perpetuelle Arhythmie handelt. Der Kranke sollte möglichst zweimal täglich vom Arzt gesehen werden. Er muss Bettruhe halten. Herr Handwerck gesteht, dass, so ermutigend auch die Berichte v. Bergmanns gewesen wären, er sich nach der Lektüre der vorher¬ gehenden Veröffentlichung Freys nicht habe entschliessen können, Chinidin ohne weiteres in der Sprechstunde zu verordnen, obwohl dies vielfach zu geschehen scheine. So habe ihm ein 57 jähr., noch sehr rüstiger Herr, der angeblich seit seinem 28. Jahr an Anfällen von Herzjagen (anfänglich alle Monate einen Anfall, seit seinem 50. Jahr seltener, 1917 — 1920 überhaupt keinen Anfall) leide, und der ihn vor einem Jahre zum erstenmal in der Sprechstunde mit einem Anfall von Tachyarhythmie (120 vollkommen unregel¬ mässige Herzaktionen in der Minute) konsultiert habe, berichtet, dass er bei seinen beiden letzten Anfällen (Mai und Oktober 1920) von je 3 — 4 Tage langer Dauer an früher nicht beobachteten Ohnmachtsanwandlungen gelitten habe, auch nachher habe er noch 1 — 2 Monate sich nicht so wohl gefühlt (gegen Morgen Erwachen mit momentanem Herzaussetzen). Die Frage: Sie haben wohl Chinidin erhalten, wurde bejaht. Der Rat, Chinidin bei dem neuen Anfall nicht zu nehmen, wurde befolgt: Der Anfall dauerte 30 Stunden, danach Wohlbefinden wie in früheren Jahren nach den Anfällen. Ausser Blutdruck: 180/100 mm Hg R.-R. kein Herzbefund. Darmatonie. Herr v. Romberg: Bei Behandlung der paroxysmalen Tachykardie oder Tachyarhythmie bewährt sich eine einmalige Gabe von 0,4 — 0,5 Chinidin in einer Anzahl von Fällen vortrefflich zur Kupierung der Anfälle. Bei häufigen derartigen Anfällen kann eine solche einmalige Dosis ein- oder zweimal wöchentlich, unter Umständen nur einmal oder mehrmals monatlich auch prophylaktisch günstig wirken. Voraussetzung ist auch bei dieser Anwendung eine tadellose Herztätigkeit und im Allgemeinen das Fehlen auch leichter zerebraler Störungen. In zweifelhaften Fällen empfiehlt sich die allmähliche Erreichung der wirksamen Dosis wie bei perpetueller Arhythmie oder die längere Verabfolgung kleinerer Mengen. Herr Neubauer frägt an, ob der Herr Vortragende die gleichzeitige Anwendung von Chinidin und Digitalis unter allen Umständen ablehnt. Wir befolgen zwar ebenfalls die Regel, dass Insuffizienzerscheinungen vor An¬ wendung des Chinidins durch Digitalis beseitigt werden sollen; aber wir pflegen dann die Digitalismedikation während der Chinidinkur fortzusetzen, in der Annahme, dass dadurch einerseits die günstige Wirkung des Chinidins auf das Vorhofflimmern unterstützt, anderseits ungünstige Nebenwirkungen des Chinidins ausgeschaltet werden können. Wir haben mit dieser Kombination keine ungünstigen Erfahrungen gemacht. Herr v. Romberg: Die mögliche ungünstige Wirkung des Chinidins auf die Herzkraft glaubt v. R. durch gleichzeitige Digitalisverabfolgung nicht vermeiden zu können. Der Angriffspunkt der beiden Mittel ist offenbar zu verschieden. Die unmittelbare Gefährdung insuffizienter Herzen durch Chinidin kann so gross sein, dass v. R. nochmals dringend empfiehlt, Chinidin nur bei befriedigender Herztätigkeit anzuwenden. Herr Neubauer stellt weiter die Anfrage, wie der Herr Vortragende die Kombination von Chinidin mit anderen Kreislaufmitteln, z. B. mit Koffein, bewertet. Herr v. Romberg: Die Kombination des Chinidins mit Koffein wurde von ihm noch nicht versucht. Die Anregung ist jedenfalls im Auge zu be¬ halten. Herr Grassmann hat bisher üble Nebenerscheinungen bei der vorsichtigen Anwendung des Chinidins noch nicht gesehen. Hinsichtlich der Kombination von Digitalis mit Chinidin erwähnt er eine frühere Mitteilung von Wenckebaeh, welcher den gleichzeitigen Gebrauch dieser beiden Medikamente unter gewissen Modalitäten empfohlen hat. Der ausgedehnteren Anwendung des Chinidins in der Privatpraxis steht der Umstand entgegen, dass der Preis des Mittels für den Mittelstand unerschwinglich ist. Man müsste geradezu einen Fonds, ähnlich wie s. Z. für Radium, schaffen, um diesen von der Krankenversicherung ausgeschlossenen Kreisen die Benützung von Chinidin zu ermöglichen. Herr v. Romberg: Auch in der von Wenckebaeh empfohlenen Art scheint v. R. die Kombination von Digitalis und Chinidin nicht zweck¬ mässig. Zur Erzielung guter Wirkung erfordert die perpetuelle Arhythmie grössere Digitalisgaben als der regelmässige Rhythmus. Gibt man sonst z. B. 0,3 Pulv. fol. Digital, titrat., sind bei perpetueller Arhythmie 0,4 — 0,5. ev. 0,6 in 24 Stunden zu gebrauchen. Die Wirkung kommt dann bekanntlich bisweilen rascher, in vielen Fällen aber auch nicht schneller oder erst später als bei regelmässigem Rhythmus mit den Normaldosen. Mit der Verordnung kleiner Digitalismengen bei vorwiegender Arhythmie kann man nur eine chronische Digitalisierung unterhalten. Sie scheint v. R. neben Chinidin, wie betont, unzweckmässig. Umgekehrt sind bei vorwiegender Herzinsuffizienz neben grossen Digitalismengen relativ kleinere Chinidindosen nur eine Hem¬ mung für den vollen Digitaliserfolg. Man kommt sicher mit der getrennten Verabfolgung der beiden Mittel weiter. Die alte Zusammenverordnung von Chinin mit Digitalis verwendete nach unseren heutigen Anschauungen ganz unzureichende Chininmengen von etwa 0,3 in 24 Stunden. Herr v. Romberg: Demonstration der Kurven von Diurese, Körper¬ gewicht, Pulszahl und Pulsdruck bei einer schweren Herzinsuffizienz einer älteren Frau mit Hypertonie, Kropf, mit merklichen thyreotoxischen Erschei¬ nungen (Glanzaugen, Zittern, Schwitzen, anhaltender Tachykardie, Unter¬ ernährung) mit perpetueller Arhythmie, mit anfänglich schwerer Herzschwäche, besonders allgemeinem Hydrops. Durch entsprechende Digitalisbehandlung. Beschränkung der Flüssigkeitszufuhr, durch zeitweise salzarme Kost zunächst gute Besserung und befriedigende Entwässerung. Dann aber kein rechtes Weiterkommen. Fortbestehen beträchtlicher Reste der Oedeme, dauernd hohe Pulsfrequenz. Dann unter Aussetzen der Digitalis Jodkur nach E. Neisser 3 mal täglich 1, 2, 3 usw. Tropfen Sol. Kal. jodat. 1:20. Schon bald nach Beginn bessere Diurese, bei 3 mal 7 Tropfen beträchtliche Verlangsaipung des Pulses auf normale Frequenz, Zunahme der Entwässerung, sciir gutes Gesamtbefinden. Weitergabe der nützlichen 3 mal 7 Tropfen für etwa 3 Wochen beabsichtigt, wenn der Puls ruhig bleibt. Meist dann Pause von etwa 1 Monat und Wiederholung der Jodkur für 3 Wochen in noch mehrmaligem Wechsel ratsam. Die Neisser sehe Jodbe¬ handlung ist in derartigen operativ wegen des Herzens nicht anzufassenden Erkrankungen ein grosser Vorteil. Sic verlangt sorgliche Beobachtung der Pulsfrequenz, sofortiges Abbrechen bei Zunahme der Pulszahl, ev. Zurück¬ gehen auf noch kleinere Jodmengen als angegeben. Aussprache: Herr R. May erinnert an die Empfehlung des Thyreoidins für sich allein und in Verbindung mit Diuretin, Digitalis usw. I zur Behandlung der Oedeme durch E p p i n g e r. 334 MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT. N Herr R. v. H ö s s 1 i n demonstriert Elektrokardiogramme eines Kranken, bei dem ursprünglich Zweifel bestanden, ob die bradykardischen Anfälle nur durch vagotonische Einflüsse oder durch Veränderungen im Bündel bedingt waren. Eine hochgradige Verbreiterung der R. -Zacke an deren Spitze liess letztere Annahme berechtigt erscheinen. Ein in einem bradykardischen An¬ falle 1913 aufgenommenes Elektrokardiogramm 'zeigte bei Halbierung der t uls- zahl ausser den regelmässigen P-Zacken vor R noch an anderen btellen An¬ deutungen von P-Zacken, während solche in einem 1915 im Anfall ange¬ nommenen Elektrokardiogramm nicht zum Vorschein kamen. Nach reicher Operation eines Duodenalulcus hörten die Beschwerden und Anfälle völlig auf, so dass diejenigen Recht zu behalten schienen, welche die Herz¬ störungen lediglich auf vagotonische Einflüsse zurückführten. Im Jahre 1919 kehrten die bradykardischen Anfälle in verstärktem Masse wieder und nun zeigten die Elektrokardiogramme völlig ausgebildete Dissoziation und regel¬ mässig von den Vorhöfen ganz unabhängige Kammerautomatie. Im Gegensatz zu diesem Falle konnte v. H. in einem anderen Falle, welcher klinisch die Symptome einer Adams-Stokes sehen Krankheit mit Erbrechen und Bewusstseinsverlust im bradykardischen Anfall aufwies, durch das Elektrokardiogramm nachweisen, dass es sich um eine reine Sinus¬ bradykardie ohne jede Andeutung einer Ueberleitungsstörung handelte. Der Fall verlief dementsprechend auch günstig. Wissenschaftlicher Verein der Aerzte zu Stettin. (Offizielles Protokoll.) Sitzung vom 10. Januar 1922. Vorsitzender: Herr Hager. Schriftführer: Herr M ü h 1 m a n n. Herr HoHmann stellt einen Doppelt-Unterschenkel-Amputierteii vor, der mit ganz einfachen Kunstbeinen (Holztrichter ohne Oberschenkelschienen) vorzüglich geht: ferner werden Armamputierte mit modernen Armprothesen (Carnes, Kresser, Hüftner, Sauerbruch, Krukenberg) vorgestellt. Herr E. O. Schmidt: Ueber Meniskusverletzungen. Meniskusverletzungen sind eine keineswegs seltene Erkrankung. Die Häufigkeit wird demonstriert durch die beobachteten Fälle an dem allge¬ meinen Krankenhause Hamburg-Barmbeck und dem allgemeinen Kranken¬ hause Bethanien-Stettin. Nach geschichtlicher Uebersicht wird auf die Anatomie des Kniegelenks eingegangen. Die Mechanik des Kniegelenks wird näher erläutert. Jede erfolgte Streckung wird von einer Aussenrotation des Unterschenkels beendet, jede Beugung beginnt mit einer Innenrotation. Die statischen Verhältnisse der Articulatio genus werden genauer präzisiert. Nach Erläuterung der P a n r a t sehen Bilder der Meniskusverschiebung bei Beugung — Aussenrotation und — als Neues — der Innenrotation bei „Streckung“, wird auf die Entstehungsmöglichkeiten der Meniskusverletzung hingewiesen. Die Meniskusverletzung • — rascheste Aussenrotation bei fest¬ stehendem Unterschenkel „reflektorischen Herumreissen“ des Körpers bei gerade gerichtetem Gang — die Hyperextension, ungehemmt, beim Fussball- spiel, durch Fehlen des Balles, die „reflektorische Innenrotation“ bei den einzelnen Sportarten wird beleuchtet. Aussenrotation — bei Beugung — lässt eine mediale, Innenrotation — meist, doch nicht durchweg bei Streckung — lässt eine laterale Meniskusverletzung zustande kommen. Es wird dann auf die Diagnose der Meniskusverletzungen eingegangen, die Be¬ deutung der mehr oder minder langen Einklemmung, das ruckartige Ver¬ schwinden derselben, die typischen Druckpunkte usw. werden hervorgehoben. Ueber die Therapie lässt sich nur sagen, dass nur die chirurgische Therapie eine rationelle ist. Konservative Behandlung kommt nur bei den wenigen dazu geeigneten Fällen in Betracht. Bei der Operation soll man erhalten was nicht losgelöst ist. wobei zu bemerken ist, dass von den kleinsten Teilen, die zurückgelassen sind, Rezidive ausgehen können. Diskussion: Herr Selig: Die frischen Fälle bei jungen Leuten zu operieren, ist wohl allgemeine Ansicht und wie auch Nachuntersuchungen, so u. a. die von Konjetzny dartun, sind dabei die Endresultate gut. Be' älteren Kranken und zur Operation sonst ungeeigneten Fällen sind andere Massnahmen erforderlich. Um zu vermeiden, dass diese gleich nach Ab¬ klingen des Unfalls umherlaufen und sich dadurch schwere Schädigungen zu¬ ziehen, müssen wir ihnen sofort beim Aufstehen einen das Knie entlastenden Apparat geben. Die Beschwerden verschwinden meistens ganz. Ob spontane Auflösung des teilweise abgelösten Meniskus dazu beiträgt, bleibe dahin¬ gestellt. Herr Lichtenauer: Meniskusverletzungen sind keine seltenen Er¬ krankungen. Ich habe im vorigen Jahre 5 Fälle operiert. Auffallend ist, dass selbst bei rezidivierenden Fällen die Diagnose so selten gestellt wird. Die Operation gibt gute Resultate. Iii dem von Herrn Selig angeführten Falle, der spontan geheilt sein soll, hat es sich m. E. nicht um eine Meniskus¬ verletzung gehandelt. Medizinisch-Naturwissenschaftlicher Verein Tübingen. (Medizinische Abteilung.) (Offizielles Protokoll.) Sitzung vom 30. Januar 1922. Vorsitzender: Herr Stock. Schriftführer: Herr Jüngling. Herr Röder: Demonstration eines Bronchialfremdkörpers. An Hand eines Falles (2 jähriges Kind mit Erbse im rechten Haupt¬ bronchus und sekundärer Pneumonie rechts) wird die Frage erörtert, ob bei kleinen Kindern die obere und untere Bronchoskopie ausgeführt werden soll. Vortr. kommt zu dem Schluss, dass stets die obere Bronchoskopie angewandt werden soll. Die primäre untere Bronchoskopie lehnt er wegen der infolge der Tracheotomie begünstigten Lungenkomplikationen ab. Herr Noltenius berichtet über Beobachtungen betreffend Raum¬ empfindungen und Fallgefühl beim Fliegen. Das Schiefstehen der Erde erklärt er aus einer Verwirrung der normalen reflexmässigen Raumempfindung durch die im Kurvenflug auftretende Zentrifugalkraft. Das Fallgefühl beruht auf einer Aufhebung der Nervenreize, die normalerweise vom Statolithenapparat der Muskulatur zufliessen, einer Aufhebung des Ewald sehen Labyrinthtonus. Physikalische Erwägungen verlangen, dass diese Fallempfindung nur bei senkrechter Kopfha5 empfunden werden könne. Das steht mit den Beobachtungen des ortrage im Einklang. Aussprache: Herr R © i s s, Herr Noltenius. Herr B e n t e 1 e berichtet über gehäuftes Auftreten von Diplokol otitiden im Anschluss an Grippe. , , Charakteristisch ist nahezu symptomloser Verlauf bis zu den schwe Komplikationen. Besondere Neigung zu Meningitis und Sinusphle Genaueste Ohruntersuchung ermöglicht rechtzeitiges Erkennen und tingr Herr Alb recht: a) Ueber die Behandlung der doppelsei Postikuslähmung (Demonstration). , A bespricht zunächst die bisher angegebenen Methoden und geht auf seine eigenen Versuche über. Von den verschiedenen Behandlung, hat sich ihm folgende bewährt: Laryngofissur. Ablösung der Schiein einer Seite vom Morgagni sehen Ventrikel bis zur Trachea. Submt Resektion des Aryknorpels. Abtragung der Weichteile zwischen Schiein und Knorpel. Tamponieren der Schleimhaut gegen den Knorpel. Aussprache: Herr Perthes, Herr R e i s s. Herr A 1 b r e c h b) Ueber die Vererbung von Ohraffektionen. Die konstitutionell sporadische Taubstummheit vererbt sic$> monoli; rezessiv, die hereditäre Labyrinthschwerhörigkeit dominant, die Otoskf sowohl dominant wie auch auf andere bisher noch nicht erkannte Art. otosklerotische Prozess ist somit nicht als biologische Einheit aufzufasse Aussprache: Herr Perthes, Herr A 1 b r e c h t, Herr V e i Physikalisch-medizinische Gesellschaft zu Würzbu (Eigener Bericht.) Sitzung vom 16. Februar 1922. Herr Braus: Pfropfungen von Gliedmassen. Herr B. berichtet über seine eigenen Pfropfungsversuche und über von Harrison und seinen Schülern stammende Experimente über T plantationen von Gliedmassen. Es gelingt bei Amblystoma. punctatun vordere rechte Extremitätenknospe, wenn sie anf die entsprechende Seite verpflanzt wird, zu einer typischen linken Extremität auswachse lassen, wenn bei der Verpflanzung (über den Rücken her) die Stelle rechts dorsal lag, links ventral zu liegen kommt (harmonische Verpflanz Die verpflanzte rechte Extremitätenanlage ergibt jedoch auf die linke gebracht, eine rechte Extremität, wenn die Anlage um die Vorderseite Kopfes herumgebracht und so eingepflanzt wird, dass die Stelle, die r dorsal lag, links wiederum dorsal zu liegen kommt (disharmonisch), man es in der Hand hat, an beliebiger Stelle eine linke oder rechte Extrc zu erzeugen, beruht darauf, dass in der Anlage vorne und hinten im früh Stadium bereits festgelegt ist, dorsal und ventral jedoch durch die Umgs verändert wird. Beweisend hiefür ist die Beobachtung, dass man i Drehung der Extremitätenanlage an Ort und Stelle um 180° auf der 1 Seite eine rechte Extremität erzeugen kann. Die verpflanzte Extremit; auch von Einfluss auf ihre Umgebung derart, dass, je' weiter sie kaudal' gesetzt wird, auch aus entsprechend kaudalwärts gelegenen Rückenm Segmenten ihre Innervierung erfolgt. Arzneiinlttelkommission der Deutschen Gesellschaft für in Medizin, unterstürzt vom deutschen Aerztevereinsbur Bericht über die Sitzung vom 3. Januar 1922 in W ü r z b (Anwesend : Gottlieb, Heffter, Holste, Penzoldt, v. R b e r g. Spatz, S t i n t z i n g.) Der Vorsitzende (Penzoldt) gab eine Uebersicht über die fr Tätigkeit der A.-K. Zur Bekämpfung der überhandnehmenden Schädel Arzneimittelwesens wurde die A.-K. 1911 vom Kongress für innere Mi gegründet. Als Ideal schwebte ihr der Council on Pharmacy and Cher of the American Medical Association vor. Für deutsche Verhältnisse 1 ’r jedoch Vorbilder und vor allem grössere Geldmittel. Mit dem JV eines Vorbildes sind wohl auch manche Fehler, die unleugbar im Anfan macht wurden, zu entschuldigen. Mit dem Fehlen genügender Mittel häi zusammen, dass sich die A.-K. zunächst auf die Bekämpfung der rek haften und irreführenden Anpreisungen u. ä. beschränkte. Diese mi Arbeit in zahlreichen schriftlichen und mündlichen Beratungen durchgeh Bestrebungen, die in Gestalt der Arzneimittellisten in die Oeffentlichkeit t stiessen in den beteiligten Kreisen vielfach auf Gleichgültigkeit, noch aber auf ausgesprochene Feindseligkeit, welch letztere sich zu heftige: griffen in der Presse und sogar zu gerichtlichen Klageandrohungen steig Es fehlte aber auch nicht an Zustimmung insbesondere seitens der liehen Verbände. Es gelang der A.-K. hervorragende konsultierende Mitg zu gewinnen. Vor allem wurde eine Verständigung mit den besonders essierten Vereinigungen (dem Verband der chemischen Grossindustrie pharmazeutischen Fabriken, den Verlegern der medizinischen Fachpresse erreicht, teils angebahnt. Der Erfolg war eine wesentliche besserung des Anzeigewesens. Nur die Regierungen verhielten sich gegen den Gedanken einer Prü stelle für Arzneimittel vollständig ablehnend. Während des Krieges haben verschiedene Generalkommandos erireu weise Verfügungen nach den Grundsätzen der A.-K. zum Schutz' Kranken getroffen. Die Tätigkeit der A.-K. ruhte während des Ki Herbst 1919 nahm infolge der erneut und erhöht hervortretenden St des Arzneimittelwesens die A.-K. ihre Arbeit wieder auf. Damals beschlossen, im Aufträge der A.-K. verfasste aufklärende Ver off lichungen über neuere Arzneimittel der Fachpresse zur Verfügu stellen. Um eine Auskunftsstelle und womöglich eine P r ü f u stelle für Arzneimittel einzurichten, wandte sich die A.-K. an die deu Aerzte um Beiträge. Die Sammlung ergab leider nur eine Summe, ui die Einrichtung und der Betrieb der Auskunftsstelle nicht länger als eii möglich ist. Deshalb wurde am 3. Januar 1922 entsprechend dem Anträge' de schäftsführers (H o 1 s t e - Jena) der Beschluss gefasst: Die A.-K.. dere nennung in dem oben stehenden Sinne ergänzt wird, soll sich an die de Aerzteschaft mit der Bitte wenden, 60 000 M. im Jahre ihr zur MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT. 335 rz 1922. zu stellen. Nur so sei es möglich, die Auskunftsstelie im Be¬ rn erhalten. Wenn jeder Arzt jährlich den geringen Beitrag von .-eben würde, so wäre die Auskunftsstelle gesichert. Bei dieser kann ■.der Arzt Belehrung über die ihm unbekannten Arzneimittel u. ä. os erholen. Diese Auskunftsstelle, wie die Arbeiten der A.-K. über¬ sind von grossem Werte für den ärztlichen Stand, den auf der wissen- chcn Höhe auch in der Arzneimittelbehandlung zu erhalten eine hohe e ist, sowie auch für das Wohl der Kranken, die vor schädlichen und ;en Mitteln zu schützen jedem Arzte am Herzen liegen muss. Eine e Zahl von aufklärenden Veröffentlichungen in den med. Zeitschriften die nächste Zeit in Aussicht genommen worden. Die Gründung einer dien, pharmakologischen und therapeutischen Prüfungsstelle soll, wenn afür die Mittel zu bekommen sein sollten, im Auge behalten werden. Auswärtige Briefe. Berliner Briefe. (Eigener Bericht.) e Vorstands wählen in der Medizinischen Gesellschaft. — Der Vertrags- f über die Familienversicherung. ich niemals seit dem Bestehen der „Berliner Medizinischen Gesell¬ war das Interesse der Mitglieder in so weitgehendem Maasse für die les Vorstandes, insbesondere des ersten Vorsitzenden, in Anspruch ge- n wie in diesem Jahre. Das kann man begrüssen, weil er eine engere { zwischen Vorstand und Mitgliedern zur Voraussetzung hat; man » aber auch bedauern, weil es uns wieder zum Bewusstsein bringt, dass :ht mehr, wie früher, über eine Anzahl überragender Persönlichkeiten j n, die neben ihrer anerkannten wissenschaftlichen Bedeutung auch die ."igenschaften eines Vorsitzenden der grössten ärztlichen Körperschaft In. Die Zeiten sind vorüber, wo neben V i r c h o w Männer wie rgmann, Senator, Waldeyer und später Orth wirkten, so ir die Frage entstehen konnte, wer von mehreren der geeignetste sei, d wir uns heute eimgestehen müssen, dass man ein wenig in Ver- Iit kam, um einen geeigneten zu finden. So war, da Orth schon 1 letzten Jahren nur aus besonderem Pflichtgefühl das Amt beibehalten etzt aber aus Gesundheitsrücksichten eine Wiederwahl in keinem Falle en zu können erklärte, die Neuwahl schon lange Gesprächsstoff in den r Aerztekreisen gewesen, und man sah ihr mit einer gewissen ng entgegen. Damit sie besser, wie es bei früheren Gelegenheiten len war, vorbereitet werde, hatte sich ein Ausschuss gebildet, der die Jer der Gesellschaft wiederholt aufforderte, Wünsche und Anregungen gelangen zu lassen. So war eine Stelle geschaffen, bei der jeder, der ir die Sache interessierte, seine Ansichten zum Ausdruck bringen Der Ausschuss nahm seine Arbeit auf, und bei seinen sehr ein¬ en Beratungen wurde natürlich an erster Stelle die Kandidatur des :en stellvertretenden Vorsitzenden, Herrn Kraus, besprochen, der rsammlungen in mustergültiger Weise geleitet hatte. Aus rein sach- Gründen, deren Erörterung hier zu weit führen wurde, die er selbst rrchaus anerkannte, und hauptsächlich, weil er mit anderen Aufgaben Iin Anspruch genommen ist, nahm man davon Abstand, ihm diesen anzubieten, und man kam überein, Herrn Körte vorzuschlagen, erklärte sich auf Befragen auch bereit, den Posten anzunehmen, falls einer grösseren Mehrheit gewählt würde. Soweit schien alles in den Bahnen zu verlaufen, da ereignete sich etwas Unerwartetes. Eine i von Aerzten war mit diesem Vorschläge nicht zufrieden, vielleicht , weil sie ein Mitglied der Fakultät als ersten Vorsitzenden wünschte, zte sich aber nicht mit dem Ausschuss in Verbindung, erklärte später, öffentlichungen über das Bestehen eines solchen übersehen zu haben, ternahm ihrerseits Schritte, um Herrn Kraus zur Annahme einer itur zu bewegen. Dieser erklärte, dass er das Vorgehen des Aus- s allerdings gebilligt habe; wenn aber eine grössere Mehrheit der Jer ihn als Vorsitzenden wünschen sollte, so würde er sich ihr ersagen. Damit war eine recht unerquickliche Situation geschaffen; Woche, die der Wahl vorausging, herrschte die Stimmung eines mpfes; die Mitglieder erhielten Zuschriften von beiden Gruppen, in lie Wahl des einen bzw. des anderen Kandidaten empfohlen wurde. Es imerhin ein wenig erfreulich, dass es doch mehr als einen gibt, auf h das Vertrauen einer grösseren Zahl der Berliner Aerzte vereinigte; hr wenig erfreulich war der Eindruck, den man bei der Wahl selbst Die Versammlung verlief stürmisch wie eine erregte Volksver- ng. Gewählt wurde schliesslich Herr Kraus. Dass damit die der Gesellschaft einer sicheren Hand anvertraut ist, bezweifeln auch en nicht, die ihm ihre Stimme nicht gaben. Nur bleibt es bedauerlich. Ibst bei einer Gelegenheit, die ausschliesslich dem wissenschaftlichen ;enkreise angehört, die Berliner Aerzteschaft nicht die Ruhe und aufbringen konnte, die man bei ihrer sozialen Stellung zu verlangen igt ist. r Zufall fügte es, dass wenige Tage zuvor in demselben Saale des beck-Virohow-Hauses ein ähnliches Bild mangelnder Diszipliniertheit n Augen des Zuschauers sich entrollte. Am 18. Februar fand eine ^ame Mitgliederversammlung des Gross-Berliner Aerztebundes und Wirtschaftlichen Abteilung statt. Gegenstand der Verhandlung war die ung der Familienversicherung, ein Thema, das schon wiederholt die r erregt hatte, allerdings auch von einschneidender Bedeutung für die aftliche Existenz sehr vieler Aerzte ist. Wie schon früher an dieser lerichtet wurde, besteht eine vertragliche Verpflichtung zwischen den ikassenverbänden und dem Aerztebund, über die ärztliche Ver- : der Familienmitglieder zu verhandeln. Diese Verhandlungen waren n Mangel zuverlässiger statistischer Unterlagen für die Kassen und Unübersehbarkeit der wirtschaftlichen Einwirkung für die Aerzte rdentlich schwierig; sie drohten schon zu scheitern, und es trat •in Zeitpunkt ein, wo einige Kassen versuchten, einzelne Aerzte fest den. Dieser Versuch ist misslungen. Die Verhandlungen wurden aufgenommen und führten unter gegenseitigen Zugeständnissen schliess- einem Vertragsentwurf, der von den Vertretern der beiden Parteien nmen wurde. Der Vertrag soll zunächst nur für eine Versuchszeit ,em Jahre abgeschlossen werden, die genügen kann, um seine Wir¬ kung zu erproben, anderseits nicht so lang ist, dass schwere Schäden aus ihm erwachsen können. Wegen seiner ganz besonderen Bedeutung aber sollten vorher die Mitglieder befragt werden. Der Vertragsentwurf ist ganz gewiss nicht frei von Schönheitsfehlern. Ebenso gewiss aber ist es, dass in ihm das erreicht ist, was erreichbar war. Nichtsdestoweniger war man auf Widerstände gefasst, und diese kamen in der Mitgliederversammlung in recht heftiger Form zum Ausdruck. Wieder waren es die Kollegen einiger Vororte, die die grössten Schwierigkeiten machten und auf keines ihrer ver¬ meintlichen Rechte verzichten zu dürfen glaubten. Sie erreichten es auch, dass ihnen gewisse Zugeständnisse gemacht und Mindestsätze gewährleistet wurden. Der Verlauf der Versammlung war so, wie leider erwartet werden konnte: sehr stürmisch und nicht sehr würdig. Das Ergebnis war so, wie glücklicherweise erwartet werden konnte: Dem Vorstande wurde die Er¬ mächtigung zum Vertragsabschlüsse erteilt. M. K. Zum Entwurf der bayerischen Standesgerichtsordnung. Von Sanitätsrat Dr. Bergeat in München. Die Notwendigkeit, das ehrengerichtliche Verfahren bei den ärztlichen Bezirksvereinen durch einheitliche Vorschriften zu ordnen, ist schon zu der Zeit erkannt worden, als wir in Bayern noch keine gemeinsame Landes¬ ärztekammer, sondern noch nur acht selbständige Aerztekammern hatten. Im Jahre 1910 ist von mir den Aerztekammern der Entwurf einer Ehrengerichts- ordnung vorgelegt worden. Die Beratung ergab in der oberbayerischen und der mittelfränkischen Kammer in wichtigen Punkten beträchtliche Ab¬ weichungen. Der Plan, durch Ausgleich dieser Unterschiede zu einer allge¬ mein gültigen Fassung zu gelangen, scheiterte 1913 vor allem an dem grundsätzlich ablehnenden Verhalten einer Aerztekammer. Im Krieg ist die Tätigkeit der Aerztekammern erloschen. Immerhin ist das früher Geschaffene nicht vergeblich gewesen; vielmehr hat sich gezeigt, das$ sich die Ehren¬ gerichtsordnung da, wo sie eingeführt war, bewährt und gute Dienste ge¬ leistet hat. Nun hat, wie in Nr. 6 der M.m.W. mitgeteilt, der Landesausschuss der Aerzte Bayerns, in fortschreitendem Ausbau des Standeswesens begriffen, auch diese Angelegenheit aufgenommen und gemäss dem vorjährigen Be¬ schluss der Landesärztekammer den Bezirksvereinen den Entwurf einer Standesgerichtsordnung zur Beratung unterbreitet. Die mit der Ausarbeitung betraute Kommission hat ihren Beratungen eine von mir ausgeführte, ein¬ greifende Umbearbeitung zur Grundlage genommen. Von besonderem Werte und, wie ich sagen darf, zu einer wirklichen Freude, ist uns die Mitarbeit eines seit Jahren in der ärztlichen Standesgerichtsbarkeit tätigen juristischen Beraters geworden, des Herrn Stadtrates Dr. Merkel in Nürnberg. Ihm verdanken wir die unverdrossene Sichtung der oft eigenartig verwickelten Materie und die straffe und erschöpfende Fassung der von uns für notwendig erachteten Bestimmungen. Man kann nur wünschen, dass wir Aerzte auch künftig, wo immer wir uns Gesetze schaffen wollen, uns solcher sachver¬ ständiger Mithilfe bedienen und zu erfreuen haben werden. Stadtrat Dr. Merkel hat dem Entwurf eine ebenfalls bereits veröffentlichte l) aus- . fü’lirliche Begründung beigegeben, welche s. Z. einen wertvollen „Kommentar“ zur Ehrengericihtsordnung bilden wird. Im Folgenden soll nun ein kurzer Ueberblick über den Inhalt- des Entwurfes gegeben werden. Der Stoff der Standesgerichtsordnung hat gegen früher einen stark ver¬ änderten Aufbau und durch die Vervollständigung der alten, sowie die Auf¬ nahme neuer Bestimmungen eine ganz wesentliche Erweiterung erfahren. Durch die Gliederung in Abschnitte mit entsprechenden Bezeichnungen hat die Uebersichtlichkeit viel gewonnen. Als Einleitung zum Ganzen wird der Zweck und die Zuständigkeit der Standesgerichtsbarkeit in gedrungener Form dargelegt und jedes Mitglied der Bezirksvereine verpflichtet, vor der An¬ rufung öffentlicher Gerichte jede aus dem Berufsleben entspringende Klage gegen einen Kollegen — unbeschadet der gesetzlichen Rechte — zuerst der Standesgerichtsbarkeit zu unterbreiten. Ebenso wird die Verpflichtung ausge¬ sprochen, jeder Ladung vor das Schieds- und Ehrengericht Folge zu leisten. Die ersten Stellen der Gerichtsbarkeit bilden die Schieds- und Ehren¬ gerichte bei den Bezirksvereinen. Man hat vor Jahren schon daran gedacht, diese Gerichte durch Angliederung an die Aerztekammern aus dem engen örtlichen Kreis herauszuheben, in dem die Sachlichkeit nicht immer leicht zu wahren ist. Da aber zur geeigneten Schlichtung der meist anfallenden ört¬ lichen Streitigkeiten auch die Kenntnis der örtlichen Verhältnisse notwendig ist und ausserdem die zunehmende Verkehrsunterbindung eine Zentralisierung immer mehr erschwert, wurde der Gedanke nicht weiter verfolgt. Als Berufungsgericht für die Urteile der Vereinsehrengerichte dienen die Kammer¬ ehrengerichte. je, eines für den Bereich der Aerztekammer. * Die Schieds- und Vereinsehrengerichte sind mit drei Richtern (Aerzten) besetzt, wozu auf Beschluss des Ehrengerichtes als vierter Richter ein mit der Befähigung zum Richteramt ausgestatteter Jurist treten kann; das Kammerehrengericht besteht aus fünf Richtern, von denen einer Jurist sein muss, der gleichfalls von der Aerztekammer zu wählen ist. Das bisherige, stellenweise durch Zuruf recht summarisch vollzogene Verfahren zur Wahl der Ehrenrichter wird durch die Vorschrift der geheimen Abstimmung ver¬ bessert. Früher bestand teilweise ein recht lebhafter Widerspruch gegen die Zuziehung eines Juristen zum ärztlichen Ehrengericht. Dieser Wider¬ spruch kann hoffentlich als überwunden gelten. Wo diese Einrichtung ins Leben getreten ist, hat sie sich in jeder Weise für das Ansehen der Gerichte sowohl wie für das Interesse der Parteien als so nutzbringend erwiesen, dass man nicht mehr darauf wird verzichten wollen. Ebenso wird hoffentlich jetzt die von mir von jeher vertretene Uebertragung des vollen Stimmrechtes an den juristischen Richter keinem Einwand mehr begegnen. Sie ist meines Erachtens ein Gebot der Standeswürde des Richters. Neu aufgenommen wurde die förmliche Verpflichtung der Ehrenrichter durch ein Handgelübde und die dafür bestimmte Formel. Hier wäre nebenbei bemerkt noch eine kleine Aenderung am Platze durch wenigstens teilweise Uebertragung des Vollzuges an den Vorsitzenden des Gerichtes (statt des Vorsitzenden des Bezirks¬ vereines oder der Aerztekammer). Der Entwurf bringt diie höchst notwendige strenge und vollkommene Trennung des schiedsgerichtlichen (Schlichtungs-) Verfahrens von dem eigent¬ lichen ehrengerichtlichen (Straf-) Verfahren. Das schiedsgerichtliche Ver- ') Bayer, ärztl. Korr.Bl. 1922 Nr. 6 u. 7. 336 MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT. Nr fahren beim beruflichen Streit zweier Aerzte gipfelt nach dem Scheitern einer Vermittlung in einem Schiedsspruch, sofern sich beide Parte“" verbindlichen Unterwerfung unter den Schiedsspruch vorher bereit eiklaren. Cine Berufung gegen den Schiedsspruch gibt es nicht. , | Das ehrengerichtliche Verfahren tritt ein auf Strafantrag der Vorstand Schaft des Bezirksvereins, auf Strafantrag eines Arztes oder auf Selbst¬ anzeige Klagen von Laien werden von der Vorstandschaft des Bezirksvereins geprüft und gegebenenfalls übernommen, wodurch die Vorstandschaft zur Partei im Verfahren wird. Zur Wahrung der Unabhängigkeit des Ehrenge¬ richtes wird diesem im Gegensatz zu früher das Recht zur selbständigen Einleitung eines Strafverfahrens in dem vorliegenden Entwurf nicht mehr ungesäumt., ßedürfnjs erwiesen sich ausdrückliche Bestimmungen (§15) über die Dauer der Klagefristen und solche über die Wiederaufnahme des Ver- fahrens (§ 19). Beide Punkte sind in Dr. Merkels Begründung an der Hand der einschlägigen Vorschriften der Reichsstrafprozessordnung genauer erläutert. Auch die Vorkehrungen für den Fall, dass ein Richter oder ein ganzes Gericht (auch das ist schon vorgekommen), als befangen abgelehnt werden sollte, sind ergänzt und erweitert worden, so dass es zu Ver¬ legenheiten und Zweifeln kaum mehr kommen dürfte. = . ,, Nach § 17 erkennt das Ehrengericht im Falle der Verurteilung auf a) Ver¬ weis oder b) Geldstrafe oder c) Aberkennung des aktiven und passiven Wahl- rechtes auf bestimmte Dauer oder d) auf Androhung der hrklärung der Standesunwürdigkeit oder e) Erklärung der Standesunwürdigkeit. Verbindung der Geldstrafe mit einer anderen Strafe und Verschärfung der Strafen durch Veröffentlichung ist zulässig. . . . . Die Fassung der Punkte d) und e) bereitete nicht geringe Schwierig¬ keiten, welche in der staatlichen Verfassung der Bezirksvereine liegen, ^ins¬ besondere bezüglich des Ausschlusses aus einem Bezirksverein. Der Aus¬ schluss aus dem Bezirksverein steht nicht dem Ehrengericht zu, sondern unter¬ liegt dem Beschlüsse der Vereinsversammlung. Das Ehrengericht muss sich daher auf die Feststellung der Standesunwürdigkeit beschränken und die Folgerungen dem Vereine uberlassen. Beschliesst dieser den Ausschluss, so steht dem Betroffenen noch eine Beschwerde an die Aerztekammer (Be- schwerdekommission) offen, welche in diesem Fall noch gewissermassen die oberste Instanz über dem Kammerehrengericht bildet. Infolgedessen war es, einerseits zur Wahrung des Ansehens der Ehrengerichte, anderseits mit Rück¬ sicht auf die schweren moralischen und wirtschaftlichen Folgen des Aus¬ schlusses, geboten, für Entscheidungen nach § 17 e die Einstimmigkeit des Gerichtsbeschlusses zur Voraussetzung zu machen. Die Kommission hat nicht verkannt, dass hier die Geschlossenheit des Verfahrens einiges zu wünschen übrig lässt. Ein wichtiger Grund mehr neben anderen wichtigen Gründen, um eine baldige zeitgemässe Umänderung der durch Allerhöchste Verordnung von 9. VII. 1895 festgelegten bayerischen Standesverfassung eifrig zu be- Weitere eingehende Bestimmungen, die hier nicht erörtert werden sollen, regeln als eine Art Geschäftsordnung das eigentliche Verfahren bei den Ehrengerichten: Die Aufgaben des Vorsitzenden, die Zusammensetzung des Gerichtes, die Ladungen, die Berichterstattung und Vernehmung, das Protokoll, die Entscheidung des Gerichtes und Bekanntgabe derselben, die Kosten¬ deckung (zu welcher die Parteien im ziemlichen Urrifang herangezogen werden), die Aktenbildung, die Wahrung des Geheimnisses und den Jahres¬ bericht der Gerichte. Vieles an diesen Bestimmungen mag als selbstverständlich und deshalb überflüssig erscheinen, ist es aber nicht bei der unserem freien Beruf im Blut steckenden Neigung zur Formlosigkeit; erst durch die ausdrückliche Fest¬ legung wird das einheitliche und selbstsichere Arbeiten der Ehrengerichte gewährleistet und ihr Verfahren vor unfreundlichen Angriffen, welche wie bekannt in der Regel die Form bemängeln, geschützt. So leicht es im allgemeinen der Kommission gelungen -ist, sich auf be¬ stimmte Beschlüsse zu einigen, in einem Punkte ist sie nicht einig geworden, das ist die Zulässigkeit des Ehrenwortes. Daher legt sie für § 32 zwei Fassungen vor: Die Abnahme des Ehrenwortes ist unzulässig oder I. Die Abgabe des Ehrenwortes nach dem Ermessen der Parteien, Zeugen und Sachverständigen ist unzulässig. II. In besonders bedeutungsvollen Fällen kann das Gericht be- schliessen, einer Partei, einem Zeugen oder Sachverständigen das Ehren¬ wort abzunehmen, was in förmlicher Weise zu geschehen hat. Solche Aussagen sin‘d wörtlich aufzuzeichnen und nach Anerkennung durch den Aussagenden in das Protokoll aufzunehmen. Die Frage ist von -solcher praktischer und ethischer Bedeutung, dass sie nicht durch Uebergehung sich selbst überlassen werden kann, sondern gelöst werden muss. Die Lan-d-esärztekammer wird die letzte Entscheidung zu treffen haben. Unser juristischer Berater und mehrere Mitglieder der Kommission lehnen das Ehrenwort ab, andere vertreten die zweite Fassung. Da ich zu den letzteren zähle, mögen mir einige Bemerkungen erlaubt sein 2), wobei ich vorausschicke, dass bisher auch die Aerztekammern in dieser Frage soweit überhaupt eine geteilte Stellung einnahmen. In Oberbayern galt bisher -dem Sinne nach die zweite Fassung, -die mittelfränkische Kammer -hat die ganze Bestimmung als überflüssig gestrichen. -Das Dilemma, richtig gefasst, ist ein sehr enges: Soll die Abnahme des Ehrenwortes unter allen Umständen untersagt oder soll sie unter gewissen engbegrenzten Umständen zulässig sein? Die juristische Auffassung -beruft -sich vor allem darauf, -dass im Straf¬ verfahren der öffentlichen Gerichte der Parte-ieneid ausgeschlossen -ist. Man wird die Grunde, -die dazu geführt haben, sehr wohl würdigen und sich auch der Ansicht nicht verschldessen, dass das ärztliche Ehrengericht um so ein¬ wandfreier nach aussen dasteht, je mehr sich sein Verfahren dem der ordent¬ lichen Gerichte anschliesst, doch lassen sich auch für die andere Auffassung gewiss recht gute, weniger rechtswissenschaftliche als allgemeine Gründe beibringen. Kein Gerichtsverfahren kann zur Feststellung der Wahrheit und des Rechtes heroischer Mittel, d. h. der besonders feierlichen Aussage, ent¬ behren. Dem öffentlichen Gericht dient dazu der Zeugeneid. Gerade hierin 2) Soeben, nachdem obige Betrachtungen im wesentlichen nieder¬ geschrieben waren, erschien in -Nr. 8 des Bayer. Aerztl. Korresp. ein Aufsatz Dr. Merkels, in dem der Gegenstand von der juristischen Seite beleuchtet wird. kann sich das ärztliche Ehrengericht, dem die Vereidigung nicht zusteht, , öffentlichen Gericht eben gar nicht anpassen und dafür kann, von vornlie nur im beschränkten Maasse, nur in dem Ehrenwort ein Ersatz cefu i werden für die Fälle, wo andere Mittel nicht zum Ziele führen. Auch der Zeu. cid ist bekanntlich nicht frei von der Möglichkeit schwerster moralis Konflikte, welcher Möglichkeit -die verfeinerte und humanere Rech tspi unserer Zeit auch Rechnung trägt. Dieselbe Umsicht in der Abwägung Zulässigen kann auch unseren Ehrengerichten zur Pflicht gemacht wer Dem ganzen Wesen nach unterscheidet sich aber das Ehrengericht doch; von dem ordentlichen Gericht. Ich meine, natürlich cuin grano saus, Objekt seiner Tätigkeit. Das ordentliche Gericht setzt bei seinen Angekla eine grosse Menge von mala fides oder nur recht wenig bona fides vor es gibt ihnen fast das Recht, sich mit allen Mitteln, auch -dem der Unw heit, der Bestrafung zu entziehen. Das wollen wir, so scheint mir wen-igsi bei einem ärztlichen Standesgericht doch nicht ohne weiteres als Grund übernehmen Wir verlangen von dem, der vor seinen Standesgenossen Richtern steht, auch Wahrhaftigkeit in seinen Aussagen und verurteilen n gewiesene Unwahrheit jedenfalls weit schärfer als es das ordentliche Oe: tut. Daher besteht m. E. nicht ein absolutes Bedenken gegen -das Ehren' einer Partei. Ausgeschlossen in jeder Weise wäre es freilich, das Ehren’ als moralische Daumenschraube zu benützen, um die Beweisführung zu leichtern und dem Beklagten das Bekenntnis seiner Schuld abzuzwingen. Bedenken g-egen eine solche grausame Art des Rechtsverfahrens dürfte . der Grund dafür sein, dass das ordentliche Gericht im Strafprozess auf Parteieneid — im Zivilprozess spielt der Parteieneid sogar eine gr Rolle — verzichtet, zumal bei der drakonischen Strafe, die auf den Mei gesetzt ist. Meine Ueberzeugung ist aber, dass mit dieser radikalen lehnung des Parteieneides dem persönlichen Rechtsempfinden und Rei bedürfnis manches Angeklagten empfindlicher Abbruch geschieht, indem ihm den Gegenei-d zu seiner Verteidigung versagt. Die Lücke, die man empfindet, ist der Hauptgrund, warum ich bei unseren Ehrengerichten, vielleicht doch einer etwas feineren Differenzierung fähig sind, als die orc liehen Gerichte, das Ehrenwort, auch bei den Parteien, nicht ganz geschlossen sehen möchte. In erster Linie zum Schutz des Beklagten. Ge bei der Art des ärztlichen Berufslebens, das sich so vielfach ohne Zeugen spielt, sind nicht schwer Fälle denkbar, in denen ein tadelfreier Man schweren Verdacht geraten oder gebracht werden kann und alles seinen Ungunsten zu sprechen scheint und wo auch der Makel eines , liquet“ von verderblichster Wirkung ist. Hier soll jedes Mittel der tei-digung offengehalten, keines aus Grundsatz verschlossen bleiben, dürfen zu den Ehrengerichten, denen wir ja die Initiative Vorbehalten denen das Recht der freien Beweiswürdigung immer gegeben ist, das Vcrtr haben, dass sie von der ihnen gegebenen Vollmacht den richtigen Gehr zu machen w-issen und ebenso, dass die juristische Beratung Missbrauche Missgriffe zu verhindern imstande sein wird. Mein Empfinden spricht für den Sinn -des zweiten Paragraphen; geeignetere Fassung, welche jede Sicherung gibt, wird, wenn erfordei gefunden werden. Möge -die Entscheidung, wie sie auch ausfalle, uns; Stande zum Wohl gereichen, wie wir dies von der ganzen neuen Star gerichtsordnung erhoffen dürfen. Kleine Mitteilungen. Therapeutische Notizen. Ein merkwürdiger Fall von Heilung einer Darm tu b k u 1 o s e. Im Frühjahr 1915 wurde ich zu dem damals etwa 50 Jahre alten l halter Karl Schm, in Ründeroth gerufen. Er lag schon 2)4 Jahre schwer krank zu Bett. Ueber-einstinu hatten alle bisher untersuchenden Aerzte die Krankheit als Darmtuberk bezeichnet. Der Zustand war so bedenklich geworden, dass der behänd Arzt, die pflegende Schwester, wie auch die Angehörigen das Ableben Kranken für die allernächsten Wochen erwarteten. Befund: Abendliches Ansteigen der A.-T. auf etwa 40 '. Abmagt „bis zum Skelett“. Passive Rückenlage. Dekubitus in Sakral- und Fe gegend. Stuhl stets schokoladenbraun; eingesandte Probe enthielt Tube bazillen. Hochgradige Schwäche: der Kranke ist seit Monaten nicht in der Lage, sich im Bette zu setzen. Behandlung. Ich baute meinen Heil-plan auf den Versuchen Gräfin Prof. Linden in Bonn auf, durch Kupfer den Koch sehen Ba zu beeinflussen. Mein Gedanke war, durch regelmässige Darreichung von minit Mengen eines Kupfersalzes zu erreichen, dass monatelang ständig eine ge Menge von Kupfer im Körper anwesend sei. Ich wählte das Kup-fersulfat. Seiner wässerigen Lösung liess ich < Gelatine alba und, zwecks Kontrahierung der Darmwandgefässe < Adrenalin beifügen. Die Darreichung geschah genau gleichmässig jede Stunde von ino 8 Uhr bis abends 10 Uhr. Es durfte kein Brechreiz auftreten; baid die richtige Dosis ermittelt. Nebenbei liess ich zur Herabdrückung des Fiebers von 3 — 9 Uhr mittags alle 2 Stunden einen Esslöffel einer einprozentigen Pyramidonh geben. Das war die ganze Behandlung. Verlauf: Nach 1 Woche Stuhl normal gefärbt, Befinden bede besser; es gelingt dem Kranken, sich im Bette aufzurichten. Nach 2 W- kann er auf einige Minuten selbständig aufstehen, um Bedürfnisse zu richten. Nach 3 Wochen finde ich ihn im Garten sitzen. Nach 4 W- geht er 1 km zu Fuss. Nach 3 Monaten tritt er seinen Dienst wiede nimmt aber das Kupfer noch weitere 3 Monate. Bis heute, also 6 Jahren, ist der Mann gesund geblieben. Dr. med. Hubert Kahle- Köln a. H. H a r 1 1 u n g, Knappschaftskrankenhaus Emanuelsegen O.S., ber über die im dortigen Krankenhaus mit gutem Erfolg durchgeführte B e h : lung von Verbrennungen. H. richtet sich in seiner Behan nach den von T sch marke dargelegten Grundsätzen, d. h. er sieht in Verbrennung eine frische, nicht infizierte Wunde und sucht diese vor Dingen vor Infektionen zu bewahren. Die von ihm angewandte V irz 1922. MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT. 327 ■gung besteht darin, die Haut mit Jodtinktur zu desinfizieren, danach die rmisfetzen abzutragen, die Blasen mit ihrem gallertigen Inhalt zu :n und einen sterilen Verband anzulegen. Er bevorzugt dabei Jodoform¬ wegen ihrer schmerzstillenden Wirkung. Den ersten Verband lässt er Tage liegen, weicht ihn danach im Wasserbad los und versorgt die c weiter mit Salben- oder feuchten Verbänden. Auf diese Weise be¬ it er die Verbrennungen ersten und zweiten Grades. Bei den Ver- mgen dritten Grades lässt er den Schorf auf der Wunde möglichst un- t. on grosser Wichtigkeit ist es, schon bei den ersten Verbänden die sehr eintretenden Kontrakturen zu berücksichtigen und die Verbände so gen, dass diese vermieden werden. So z. B. bei einer Verbrennung andrückens die Hand in leichter Beugestellung, bei einer solchen der .äche die Hand in überkorrigierter Streckstellung einzubinden. (Ther. onatshefte 1921, 15.) H. T h i e r r y. /alter Körting-Prag (Universitätsklinik) berichtet über die Be- lung der Grippe bei Schwangeren, wie sie an der dortigen lklinik mit relativ günstigem Erfolg durchgeführt wurde. Es handelt :ier besonders um die mit Pneumonie komplizierten Grippefälle, wo s einer massenhaften Exsudation seröser Flüssigkeit in die Alveolen »ronchien das Leben der Schwangeren akut bedroht ist. Hier wurde eine frühzeitig angewendete Adrenalintherapie Günstiges erreicht. Das alin wurde intramuskulär, alle 3 — 4 Stunden, je 1 ccm Stammlösung )0) gegeben. Oft wurden bis zu 18 ccm der Lösung verabreicht. Kör¬ gründet den Heilerfolg darauf, dass es durch die Grippeerkrankung zu toxischen Schädigung der Nebennieren gekommen ist, die zu einer en Durchlässigkeit der Kapillaren führt und dadurch zu der enormen ation in die Alveolen. Durch die künstliche frühzeitige Einverleibung .drenalin kann diese Hypofunktion des Adrenalinsystems ausgeglichen n. (Ther. Halbmonatsh. 1921. 21.) H. T h i e r r y. ie Behandlung gewisser Lungenaffektionen mit nikpräparaten in hohen Dosen und zwar 50 proz. Lösung la. cacodylicum oder Arrhenal empfiehlt F. Nidergang (Presse ile 1921 Nr. 78). Bei ausgesprochener Lungentuberkulose gibt Behandlung keinerlei Erfolg, doch liegt ihr Indikationsgebiet haupt- :h im Lungenemphysem, mit oder nicht mit Bronchitis verbunden und in irklichen, asthmaähnlichen Dyspnoen, ferner noch vielleicht bei fötider litis und Lungengangrän. Es werden immer eine Reihe von 10 — 12 In¬ ten gemacht und zwar alle 2 Tage oder wenigstens 2 mal pro Woche enös, indem man allmählich mit der Dosis (jedesmal um 1 ccm) an- und das Maximum von 5 — 6 g des Arseniksalzes schliesslich erreicht Eine Anzahl nach dieser Methode behandelter Patienten haben seit Jahre keinen neuen Anfall von Empyhsem mehr, andere nach völliger g neue Anfälle, die im allgemeinen weniger heftig waren und rasch t wurden, gehabt. N. nennt seine Methode eine antiseptische und ipnoische Lungenbehandlung. St. Studentenbelange. im Streit um die Verfassung der deutschen Studentenschaft. er Verfassungsstreit, der die deutschen Studentenschaften seit langer rregt und daher an dieser Stelle schon des öfteren behandelt wurde, rch den Erlass der Notverfassung in ein besonders entscheidendes im getreten. Es dürfte deshalb von grossem Belange sein, das Urteil Hannes zu hören — Universitätsprofessor Dr. jur. L e n t - Erlangen — . e kein anderer in der Lage ist, die Vorgänge mit unvoreingenommenem ju betrachten, hatte er doch den Vorsitz des Spruchhofes, der über die ceit der Erlanger Verfassung zu entscheiden hatte. Die folgenden Aus¬ gen sind einem Artikel aus dem „Fränkischen Kurier“ entnommen, ch in den „Deutschen Akademischen Stimmen“ erschienen ist. egen die auf dem Erlanger Studententag beschlossene Aenderung der tger Verfassung hatten mehr als 12 Studentenschaften Einspruch er- 1 weswegen die Angelegenheit dem Spruchhof überwiesen wurde, der Gern Vorsitz von Prof. Dr. L e n t in einer Sitzung am 10. XII. 1921 ent- < dass Stück 1 der Erlanger Verfassung, welches eine Gliede- 3 ler bisher einheitlichen deutschen Studentenschaft in drei autonome i;n: die reichsdeutsche, die deutsch-österreichische und die sudeten- ■ he Studentenschaft vorsieht, wegen satzungswidriger Abstimmung un- lj g sei. Durch diese Lage wurden einige Führer zu dem Entschluss usst, die Gegensätze gar nicht mehr zum Austrag kommen zu lassen, *1 sie die deutsche Studentenschaft auf eine völlig neue Grundlage > i. Mit einem Gewaltstreich wurde die neue Verfassung als Not ver- jü für gültig und bis 1925 unabänderlich, zugleich die Erlanger und Ger Verfassung für aufgehoben erklärt. Rechtlich ist die Notverfassung unzweifelhaft u n - g. Mit vollem Recht haben daher der Kreis Bayern und die S tu - schäften von den Universitäten Berlin und Marburg und von der shochschule Leipzig die Notverfassung als ungültig abgelehnt. J der Frage, ob die Notverfassung ein Fortschritt oder eine günstige t ist, die verdient, von der deutschen Studentenschaft nachträglich >niert zu werden, äussert sich Prof. Lent wie folgt: „. . . Sie be- kt die deutsche Studentenschaft auf einen wirtschaftlichen Zweckver- dem daneben noch hochschulpolitische Aufgaben zufallen. Dagegen ist beit für die deutsche Kultur und Volksgemeinschaft, die noch in der er Verfassung festgelegt war, ausgemerzt. ... Es ist der klare Ver- •uf die hohen Ziele, welche den aus dem Kriege heimkehrenden, durch wolution erschütterten Studenten vorschwebte, das deutliche Zeichen bebbens jenes ideellen Strebens nach Mitarbeit am Wiederaufbau, jetzt, wo alles darauf ankommt, allen Volksgenossen ihre Pflicht zur ■ an Staat und Volk über den Beruf hinaus einzuprägen, die furchtbare I Gültigkeit zu bannen, mit welcher weite Kreise allem staatlichen Ge- n gegenüberstehen, ist es in meinen Augen tief bedauerlich, dass die lie Studentenschaft nicht mehr feierlich allen ihren Angehörigen die zur Mitarbeit am deutschen Volke vor Augen hält. . . . Tief be- ch ist auch die völlige Trennung der deutschen Studentenschaft von terreichisohen und sudetendeutschen.“ Den Gesamteindruck, den Prof. Lent von der Notverfassung hat, können wir aus folgendem Satze entnehmen: „Das Ganze kommt mir vor — ich kann mich irren, aber ich fühle so — als ein Sieg von Kräften, die um jeden Preis verhindern wollten, dass die deutsche Studentenschaft ein Werkzeug des nationalen Aufstiegs, von einheitlichem nationalem Geiste erfüllt würde.“ Ich glaube, diese Ausführungen sprechen eine deutliche Sprache und be¬ dürfen keiner Ergänzung. v. V. In Freiburg haben die Wahlen zu dem von 48 auf 20 Sitze ver¬ ringerten Allgemeinen Studentenausschuss für das Sommersemester eine absolute Mehrheit für den Hochschulring deutscher Art ergeben, der mit 039 Stimmen 11 Sitze erhielt. Der Hochschulverband katholischer Stu¬ dierender erhielt 6, die freie Hochschulgruppe 3 Sitze. Die Wahlbeteiligung betrug 63 v. H. — Bei der gleichzeitig stattfindenden Urabstimmung über die Frage: Sollen vom S.-S. 1922 an die Studierenden der beiden ersten Semester verpflichtet sein, wöchentlich 2 Stunden Leibesübungen zu treiben, ergab sich eine Zweidrittelmehrheit für Einführung der pflichtmässigen Leibes¬ übungen mit 1283 gegen 577 Stimmen. Tagesgeschichtliche Notizen. München, den 3. März 1922. Am 27. v. Mts. wurde der Erweiterungsneubau der chirurgischen Universitätsklinik in München in feier¬ licher Weise eingeweiht. Eine zahlreiche Festversammlung, die höchsten bpitzen der Münchener Behörden, der Stadt und der Universität ein- schliessend, füllte den mit Pflanzen geschmückten grossen Hörsaal der chirur¬ gischen Klinik. Der Rektor der Universität, Geheimrat v. Drygalski, eröffnete die Feier mit Dankesworten an den Leiter der Klinik und an die Stellen, deren einsichtiges Entgegenkommen trotz der Ungunst der Zeiten den Bau ermöglicht hatte, worauf Prof. Sauerbruch die Festrede hielt. Er gab einen Ueberblick über die Entwicklung der chirurgischen Klinik im vorigen Jahrhundert, der Verdienste seiner beiden Vorgänger Nuss bäum und engerer besonders gedenkend, und erläuterte dann die Aufgaben und die Anordnung des Neubaues. Mit bewegten Worten dankte auch er allen, die sich um den Bau verdient gemacht haben, insbesondere dem künstlerischen Schöpfer des Baus, Oberregierungsrat Kollmann, und schloss mit einem Appell an die anwesenden Studierenden, trotz schwerer Not festzuhalten im Vertrauen auf die Zukunft des Vaterlandes. Nach der Feier, deren Eindruck durch stimmungsvolle Gesangsvorträge erhöht wurde, führte ein Rundgang die ei Sammlung durch die neuen Räume. Diese enthalten im Hauptgeschoss Uperationssäle, Vorbereitungs- und Waschräume, eine S a u e r b r u c h sehe Druckdifferenzkammer, im Erdgeschoss Laboratorien und im 2 Stock Bibliothek, Sammlung und Assistentenwohnungen. Man war überrascht und ertre«1 dder d*e Schönheit und vollkommene Zweckmässigkeit des Ge¬ schaffenen. Wenn auch der Bau -an künstlerischem Beiwerk einfacher ge¬ halten ist, als andere noch in der Vorkriegszeit entstandene JJniversitäts- bauten desselben Baükünstlers, z. B. Poliklinik und Frauenklinik, so steht er doch m bezug auf Gediegenheit des Materials und der Arbeit auf voller Höhe. Dass das im verarmten Deutschland noch möglich gewesen ist, ist erfreulich und gereicht zum besonderen Ruhme dem eigentlichen Schöpfer des Baus Geheimrat Sauerbruch. Wie schon der Rektor der Universität in seiner Rede andeutete, ist der Bau i h m bewilligt. Nur das ausserordentliche Ver- trauen und die Autorität, die er sich in der kurzen Zeit seines Wirkens in München zu erwerben gewusst hat, haben es vermocht, die zähen Wider- Stande zu überwinden, die sonst einer so hohen Forderung seitens der Re¬ gierung und des Landtags sicher entgegengesetzt worden wären. Insoferne bedeutet die Eröffnung des Klinikbaus einen Ehrentag für unseren soeben auch mit der Kussmaul-Medaille ausgezeichneten Professor Sauerbruch. — Man schreibt uns: Das Gesetz über die Prüfung und Be¬ glaubigung von Fieberthermometern, das jetzt in Kraft ge¬ treten ist, legt nicht nur den Fabrikanten die Verpflichtung auf, alle von ihnen hergestellten Fieberthermometer amtlich prüfen zu lassen, bevor sie sie in den Verkehr bringen, sondern es verlangt von den Gross- und Kleinhänd¬ lern, dass sie ihre Bestände den Prüfungsanstalten zur Kontrolle vorlegen Dabei ergab sich, dass ein beträchtlicher Teil der Lagerware aus Apotheken und Drogerien — durchschnittlich 30 Proz. — bei der Prüfung als unbrauch¬ bar ausgeschieden werden musste, sei es, dass die Instrumente falsch an¬ zeigten — Abweichungen von Qrad und mehr sind gar kejne Seltenheit _ sei es, dass die Instrumente andere Mängel aufwiesen, die für die Beurteilung einer Krankheit verhängnisvoll werden können. Es zeigte sich ferner, dass diese durchschnittlich 30 Proz. unbrauchbarer Thermometer nicht den gewöhn- F«he!l AfUSfa a bH- !?,er ,Prüfung darstellen, dass vielmehr gewissenlose Sh,mr?n™ni Ufld H^ndleIr ,dan(ach «strebt haben, allen bei ihnen aufgehäuften Schund noch vor dem Inkrafttreten des Gesetzes an den Mann zu bringen Dabei sind die aus diesen Kreisen der Zwischenhändler zur Prüfung ein¬ gereichten Mengen von Thermometern verhältnismässig nur klein; man muss also annehmen, dass noch viel mehr minderwertige Ware, entgegen den Be¬ stimmungen des Gesetzes, von Kleinhändlern heimlich ungeprüft an den Ver¬ braucher abgesetzt wird. Die ungeprüften Fieberthermometer bilden also 'eiztMln deT Uebergangszeit eine grössere Gefahr für Leben und Gesundheit der Menschen als je zuvor Es ist Pflicht eines jeden Arztes, das seinige dazu beizutragen, um solche schädlichen Instrumente so schnell wie möglich aus- zumerzen und dadurch die Segnungen des Gesetzes in vollem Umfange herbei- zufuhren. Zur amtlichen Prüfung von Fieberthermometern sind zurzeit ausser der Physikalisch-Technischen Reichsanstalt zu Charlottenburg noch die beiden thüringischen Staatsprüfämter in Ilmenau und Gehlberg und das anhaitische . taatsprufamt in Zerbst berechtigt. Jedes Thermometer, das die Prüfung be¬ standen hat, wird von allen vier Anstalten in gleicher Weise durch Aufätzen des Zeichens DR, einer laufenden Nummer und der Jahreszahl beglaubigt Amtliche Prufungsscheine werden im allgemeinen nicht ausgestellt; die bisher vielfach von den Verfertigern mitgegebenen Fabrikscheine, welche die amt¬ liche Prüfung Vortäuschen sollen, sind gänzlich wertlos und, soweit sie zahlen massige Angaben über die Fehler des Instruments enthalten, sogar vielfach unrichtig und irreführend. Mit amtlichen Stempeln beglaubigte Fieberthermn meter hefern — die Maximumthermometer auch nach dem Erkalten — auf (1.1 richtige Angaben der I emperatur des Kranken. Da ein solches Thermo 338 MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT. Nr. meter aber möglicherweise um diesen Betrag zu hoch oder zu niedrig zelge" ] kann, so können zwei derartige Instrumente im ungünstigsten ralle um das , Doppelte, also um 0,2 u voneinander abweichen. Ob sich diese Grenzen mit der Zeit enger ziehen lassen — vorausgesetzt, dass in Ae.r.zt®kr.eis®" haupt ein Bedürfnis dafür besteht — , muss einer spateren Ueberlegung vor- behdlU.ii Dreibein ^ ^ k r i m i n e 1 1 e n Aborte hat die bayerische Re¬ gierung veranlasst, die Abgabe von Q u e 1 1 s t i f t e n in Apotheken unter Rezeptzwang zu stellen. (S. u. Amtliches.) . , cfr„t — Im April d. J. werden die psychiatrischen Abteilungen bei dem Straf¬ vollstreckungsgefängnisse München (Stadelheim) — „ fü.r , ,dle gerichtsbezirke München und Augsburg — und denx,QerJchtsge*ang"lsseniltl”] Nürnberg — für die Oberlandesgerichtsgefängnisse Nürnberg, Bamberg und Zweibrücken — eröffnet. Sie werden von Fachärzten geleitet und mit dem erforderlichen Pflegepersonal ausgestattet sein aber wegen Raummangels vorerst nur männliche Untersuchungs- oder Strafgefangene aufnehmen können. Aus dem nämlichen Grunde sollen auch, zumal von auswärts, nur solche Gefangene eingewiesen werden, bei denen die Begutachtung durch einen Facharzt unumgänglich ist. Bei den engen Zusammenhängen zwischen Kriminalität und psychischer Entartung oder Erkrankung durfte es den neuen Beobachtungsstellen nicht an Material fehlen und man darf sich wohl von ihrer Arbeit manches wissenschaftlich wertvolle Ergebnis erwarten und ebenso manchen strafrechtlichen Fortschritt in der heiklen Frage der Ver¬ antwortungsfähigkeit vieler Verbrecher. — Nach amtlichen Berichten betrug in F r a n k r e ic h ^ ®rs*|,n Semester des Jahres 1921 die Zahl der 0 ebu r t e n 421 180 424 668 , die der Todesfälle 348 329 (356 728), die der Eheschliessungen 228 185 (332 1 242) die der Scheidungen 15 567. Der Geburtenüberschuss betrug also '2 851 (67 940), in Deutschland war er in den 3 ersten Monaten desselben Jahres 179 356. Die entsprechenden Zahlen des Vorjahres sind in Klammern beigefügt. — Der Reichsausschuss für Leibesübungen veranstaltet gemeinschaftlich mit dem Reichsverband für Zucht und Prüfung deutschen Halbblutes in der Zeit vom 15. Juni bis 2. Juli 1922 in der grossen Automobil-Ausstellungs¬ halle am Kaiserdamm in Berlin, also in der unmittelbaren Nahe der Statte der gleichzeitig stattfindenden deutschen Kampfspiele, dem Stadion, eine Deutsche Sport-Ausstellung, die einen umfassenden Ueberblick über die Leistungsfähigkeit aller für die verschiedensten Gebiete des Sportes, sowie Turnen, Wandern, Reiten, Fahren usw. tätigen deutschen Industrie¬ zweige bieten wird. Das Bureau der Ausstellung befindet sich in den Ge¬ schäftsräumen des Reichsausschusses für Leibesübungen, Berlin W 35, Kur- fürstenstr. 48/III. , , . . — Zum Leiter der geburtshilflich-gynäkologischen Abteilung an den neuen Krankenanstalten der Stadt Mannheim wurde Prof. Holzbach, früher Assistent bei Prof. Seil heim in Tübingen, ernannt. In der engeren Wahl waren ausser ihm Proff. G a u s s - Freiburg, E n g e 1 th o r n - Jena und E y m e r - Heidelberg. — Herr Dr. K. Reicher hat sich nach 9 jähriger Tätigkeit in Bad Mergentheim in Bad Homburg niedergelassen. — An den Akademischen Heilanstalten zu Kiel werden vom 20. Mai bis 29 Juli d J an den Sonnabenden unentgeltlich Fortbildungskurse für Aerzte in 'allen klinischen Fächern, einschliesslich Physiologie, Hygiene, Pathologie, Pharmakologie, soziale und gerichtliche Medizin und Physikochemie gehalten. Teilnahme nach vorheriger Anmeldung gegen eine Einschreibgebühr. Auskunft erteilt Prof. Klingmüller, Direktor der Univ. -Hautklinik, Kiel, Hospit.il- strasse 26 “ — Vom 3. — 8. April findet an der medizinischen Fakultät der deutschen Universität in Prag ein Fortbildungs¬ kurs über Herz - und Gefässerkrankungen statt. Zuschriften sind an das Dekanat der deutschen medizinischen Fakultät in^ Prag II (Krankenhausgasse) zu richten mit dem Vermerk „Fortbildungskurs auf dem Briefumschlag. Programme werden auf Wunsch zugesendet. — Vom 6. — 11. März d. J. findet auf Anordnung des sächsischen Mini¬ steriums des Innern unter Leitung des Stadtbezirksarztes Ob.-Med.-Rat Dr. H a u f f e in Chemnitz ein ,,L ehrgang für Aerzte über Schul¬ gesundheitspflege“ statt, der in erster Linie für sächsische Bezirks¬ ärzte und solche Aerzte Sachsens bestimmt ist, die sich schon als Schul¬ ärzte betätigen oder dies zu tun beabsichtigen. — Die 46. Tagung der Deutschen Gesellschaft für Chi¬ rurgie findet vom 19. bis 22. April 1922 im Langenbeck-Virchow-Hause, Berlin NW. 6, Luisenstr. 58/59, statt. Als Hauptthemata stehen zur Be- sprechung: „Die experimentellen Grundlagen der Wunddesinfektion . Ref.. Herr Prof. N e u f e 1 d - Berlin (als Gast). „Die chirurgische Allgemein¬ infektion“. Ref.: Herr Prof. L e x e r - Freiburg. „Die Bedeutung der histo¬ logischen Blutuntersuchung“. Ref.: Herr Dr. S t a h 1 - Berlin. „Die Muskel¬ verpflanzung“. Ref. : Herr Prof. W u 1 1 s t e i n - Essen. Eine Ausstellung von Instrumenten, Apparaten und Gebrauchsgegenständen zur Krankenpflege ist in Aussicht genommen. (Anmeldungen an die Hauskommission des Langenbeck- Virchow-Hauses zu Händen des Herrn M e 1 z e r.) Demonstrationsabend für Röntgenbilder am Mittwoch, den 19. April, abends 8 Uhr, im Langenbeck- Virchow-Hause. — Die 13. Tagung der Deutschen Röntgen-Gesell¬ schaft findet am Sonntag (nach Ostern), den 23. April bis Dienstag, den 25. April 1922 im Langenbeck-Virchow-Hause, Berlin NW. 6, Luisenstr. 58/59 statt. Vortragsanmeldungen werden spätestens bis 1. März an die Adresse des Vorsitzenden, Prof. Dr. Franz G r o e d e 1 in Frankfurt a. M„ Hospital zum Heiligen Geist, erbeten. Anmeldungen und Anfragen bezüglich Aus¬ stellungen sind zu richten an: Herrn Direktor Hirschmann. Berlin N. 24, Ziegelstr. 30. Die Mitgliedskarten sind bei Herrn Melzer, Berlin, Langen- beck-Virchow-Haus, baldigst gegen Einzahlung des Jahresbeitrages (30 M.) vorauszubestellen (Postscheckkonto H. Melzer, Berlin, Nr. 3757). Nicht¬ mitglieder können die Tagung gegen Lösung einer Teilnehmerkarte zu 30 M. besuchen. — Die diesjährigen Jahresversammlungen des Deutschen Zentralkomitees zur Bekämpfung der Tuber¬ kulose finden vom 17. — 19. Mai in Bad Kosen statt. Am 1. Tag wird die Tuberkulose-Aerzte-Versammlung (nur für Aerzte) abgehalten werden, am 2. Tage die Generalversammlung und die Ausschusssitzung und am 3. Tage je eine Sitzung der Mittelstands-, Lupus- und Fursorgestellenkom- mission. Für jede Versammlung ist ein allgemein interessierender Vortrag mit anschliessender Erörterung vorgesehen. — Die „V ereindgung der leitenden Verwaltungsbt amten von Krankenanstalten Deutschlands hält in d< Tagen vom 2—4. Juli ds. Js. in Wiesbaden ihren Kongress ab. D Tagung geht vom 29. Juni bis 1. Juli ein Fortbildungskursus im städtisch. Krankenhause für schon im Amte befindliche leitende Verwaltungsbeam voraus. p ^ g { portUgal. Vom 13.— 26. November v. J. 5 Erkrankung und 3 Todesfälle in Ribeira Grande (Azoren). Britisch Ostafrika. Vc 1 August bis 30. September v. J. 85 Erkrankungen und ab Todesfälle Uganda. — Brasilien. Vom 30. Oktober bis 5. November v. J. 3 Erkra kungeri und 4 Todesfälle in Bahia. , , . _ , — Cholera. Britisch Ostindien. Vom 16. Oktober v. J. bis 7. J nuar d. J. 76 Erkrankungen und 79 Todesfälle in Kalkutta; vom 11. Se{ tember bis 5. November v. J. 57 Erkrankungen und 52 Todesfälle in i Karact: vom 11. Dezember v. J. bis 7. Januar d. J. 2 Erkrankungen und 3 Todesfall in Madras. , _ — Fleckfieber. Deutsches Reich. In der Woche vom 12.— 18. F bruar 1 Erkrankung im Kreise Neidenburg (Reg.-Bez. Allenstein). Für d Zeit vom 29. Januar bis 4. Februar wunden nachträglich 8 Erkrankung (und 3 Todesfälle) ermittelt. Ferner wurden nachträglich gemeldet ai Frankfurt a. O. für die Zeit vom 22. — 28. Januar 8 Erkrankungen (ui 2 Todesfälle), vom 15.— 21. Januar 16 (8) und vom 8.— 14. Januar 26 (1). • Danzig. In der Woche vom 22.-28. Januar 2 Erkrankungen in der Sta — In der 5. Jahreswoche, vom 29. Januar bis 4. Februar 1922 liatt von deutschen Städten über 100 000 Einwohner die grösste Sterblichkt München-Gladbach mit 30,9, die geringste Barmen mit 11,7 Todesfällen p Jahr und 1000 Einwohner. R--G--A. Hochschulnachrichten. Bonn. Prof. Dr. W. Trendelenburg, Direktor des pharmak logischen Institutes in Rostock hat einen Ruf in gleicher Eigenschaft na Bonn erhalten an Stelle des Geh. Rats Prof. Dr. Leo. Erlangen. Am 23. Februar hielt Dr. med. et med. dent. Karl Haue stein zwecks Habilitierung für das Fach der Zahnheilkunde seine Prob Vorlesung „Ueber Alveolarpyorrhöe“. Der Titel der von der medizinisch1 Fakultät angenommenen Habilitationsschrift lautet: „Kieferhöhlenerkra kungen“. , . , F r a n k f u r t a. M. Dr. Kurt Sehe er (nicht Sc her r, s. vor. N hat sich für Kinderheilkunde habilitiert. ... Freiburg i. B. Dr. Ferdinand W agenseil. Assistent . des an tomischen Instituts, habilitierte sich für Anatomie und Anthropologie. Giessen. Für das Jahr 1922/23 wird von der medizinische Fakultät folgende Preisaufgabe gestellt: 1. Für den akademischen Prei Es soll bei Fällen von Pseudologia phantastica untersucht werden, ob si dabei Störungen der optischen Merkfähigkeit nachweisen lassen. 2. 1 ür d Baiser-Preis: Die pathogenen Hyphomyzeten in der Giessener Gegend. C staatlichen Preise betragen je 180 M„ der Preis der Balserstiftung besteht den ungefähr 500 M. betragenden Jahreszinsen des Stiftungskapitals. Es ka auch die Hälfte der Preise zur Verteilung kommen. Die Bewerbungsschr ist vor dem 1. April 1923 an die Fakultät einzusenden, (hk.) G ö 1 1 i n g e n. Der a. o. Professor der Zahnheilkunde und Direktor d zahnärztlichen Instituts, Dr. Hermann Euler, wurde zum ord. Profess ernannt, (hk.) »sJ Hamburg. In der medizinischen Fakultät habilitierten sich Dr. Er Le Blanc für innere Medizin und Dr. Hans Schmidt für Immunität Wissenschaft, (hk.) Heidelberg. Anlässlich des 100. Geburtstags Adolf Kussmau verlieh die medizinische Fakultät den Kussmaul-Preis dem Direktor d Münchener chirurgischen Klinik Prof. F. Sauerbruch für seine Verdien: um die Förderung der Lungenchirurgie. Kiel. Ernannt wurde der Privatdozent für Physiologie und allgemei Biologie, Prof. Dr. phil. et med. August Putter in Bonn vom 1. April d. ab zum Abteilungsvorsteher am physiologischen Institut und zugleich zt Ordinarius an der Universität Kiel, (hk.) Todesfälle. Am 23. Februar 1922 starb plötzlich und vollkommen unerwartet Dr. J hann S a p h i e r, der Chefarztstellvertreter der dermatologischen Uinvi sitätsklinik. Sein Tod bedeutet nicht nur für die Münchener Klinik, sonde auch für die dermatologische Wissenschaft einen schweren Verlust. A seiner Feder sind bereits eine Reihe höchst beachtenswerter Veröffentlichung hervorgegangen, noch grösseres war, da er erst im 37. Lebensjahre stai zu erwarten. In letzter Zeit beschäftigte er sich am meisten mit ä Dermatoskopie, er hat sie als Erster für die Erforschung der Hautkrar heiten nutzbar gemacht. Er war nicht nur als Arzt und Forscher hervi ragend tüchtig und begabt,' sondern auch ein ethisch ausserordentlich hoc stehender Mensch. Sein Name wird in der dermatologischen Wissensch fortleben. * L.v Zumbusch. ln Hamburg ist am 23. d. M. der a. o. Professor für Geburtshilfe u Gynäkologie an der dortigen Universität, Oberarzt am Allgemeinen Kranke hause Barmbeck Dr. Walter R ü d i n im 61. Lebensjahre gestorben, (hk.) Nr. 5346 c 2. Amtliches. (Bayern.) Verordnung über Abgabe von Quellstiften in Apotheke Auf Grund des Reichsstrafgesetzbuches § 367 Ziff. 5 und des Poliz Strafgesetzbuches Art. 2 Ziff. 9 wird verordnet: § 1. Stifte, Sonden oder Meissei aus Laminaria, Tupeloholz oc anderen quellfähigen Stoffen dürfen nur auf schriftliche, mit Datum u Unterschrift versehene Anweisung (Rezept) eines Arztes oder zum Gebrai. in der Tierheilkunde eines Tierarztes zu Heilzwecken abgegeben werd< § 2. Sie dürfen — ausserhalb der Tierheilkunde — nur auf jedesn erneute, schriftliche, mit Datum und Unterschrift versehene Anweisung eii Arztes wiederholt abgegeben werden. München, den 24. Februar 1922. I. A. gez.: Graf v. Lerchenfeld. Dr. M e y e r. Dr. Schweyer. Dr. M a Dr. v. Deybeck. Oswald. Wutzlhofer. Hamm. Verlag von J. F. Leh m ann in München S.W. 2, Paul Heysestr. 26. Druck von E. Mühlthaler’s buch- und Kunstdruckerei, München. der einzelnen Stummer 3.— U. • Bezugspreis In Deutschland und Ausland siehe unten unter Bezugsbedingungen. . . . i Igenschluss immer 5 Arbeitstage vor Erscheinen. MÜNCHENER Zusendungen sind rti ** ""“"hi " viiijii , */m. Iedizinische Wochenschrift. ORGAN FÜR AMTLICHE UND PRAKTISCHE ÄRZTE. 10. 10. März 1922. Schriftleitung: Dr. B. Spatz. Arnulfstrasse 26. Verlag: J. F. Lehmann, Paul Heyse-Strasse 26. 69. Jahrgang. er Verlag behält sich das ausschliessliche Recht der Vervielfältigung 7nd' yeiTrmtu7g7e7 i7cüeaer Zeitschrift zum Abdruck gelangenden^Origina^eiträge Originalien. der medizinischen Klinik des St. Marienkrankenhauses in Frankfurt a. M. Ueber die Funktion der Nebennierenrinde. Von Richard Stephan in Frankfurt a M. 'ie experimentellen Beobachtungen über die Bedeutung der Neben- jri in ihren Beziehungen zu dem Gesamtsystem der endokrinen , :n haben sich im Laufe des letzten Jahrzehntes zu einem wahrhaft i ‘rsehbaren Material gesteigert; vor allem aber ist es nahezu un- ;;h geworden; die am Tier festgestellten Einzeltatsachen über die j nogische Wirkung der Nebenniere unter den verschiedensten Be¬ rgen des Experimentes zu einem überzeugenden und nicht wider- ren Ergebnis einheitlich zusammenzufassen. Das erhellt eindeutig er Tatsache, dass die klinische Betrachtungsweise einen nur sehr leiden en Nutzen aus der verschwenderischen Fülle der experimen- ä Einzelheiten gezogen hat. Im grossen und ganzen sind wir über [Schon von Addison erschöpfend geschilderten Symptomen- ex des akuten Nebennierenschwundes nicht hinausgekommen; lie Entdeckung des Adrenalins mit seiner nunmehr bis ins Letzte iten Einwirkung auf Blutdruck, sympathisches Nervensystem und eres Kapillarrohr hat die pathologische Physiologie der Neben- nicht irgendwie entscheidend zu beeinflussen vermocht. Der ch des Ausbaues einer klinischen Nebennierensymptomatologie ist Addison noch einmal durch französische Kliniker mit der Prü¬ des Begriffes der „Hyperepinephrie“ in Zusammenhang mit dem nenten Hochdruck und der primären Nierensklerose unternommen ;n, aber schon in den Anfängen steckengeblieben. Die in dieser mg sich bewegenden Mitteilungen von Vaquez, Aubertin u b a r d sind von Wiesel, Schwarz und Goldzieher zum estatigt und in wichtigen Einzelheiten ergänzt worden, haben im :i aber merkwürdig wenig Nachprüfung erfahren. Es kann un- ! r vorausgesagt werden, dass sie die weitere Forschung über das !i der sog. essentiellen Hypertension aus ihrem Literatschlummer ken wiia; für unser Thema mag ihre kurze Erwähnung zunächst Im. s gesicherte Tatsachen, die für das Verständnis des folgenden elang sind, seien vorausgeschickt: Die Nebenniere baut sich auf inde und Mark. Die Trennung in zwei Gewebsarten — Inter¬ im un.d chromaffines Gewebe — ist anatomisch und entwick- eschichtlich scharf ausgesprochen. Das Markgewebe ist ekto- er Herkunft, die Rinde wird aus dem ventralen Anteil des Meso- s entwickelt. Eine ganz besondere Betonung erfordert dabei der nd, dass das Interrenalsystem — von äusserst seltenen Aus- n abgesehen — ausschliesslich in der Nebennierenrinde zur Ent- j ng gelangt, während das chromaffine Gewebe nach den wichtigen juchungen Kohns in starker Verbreitung regelmässig ausser im Jauch im Grenzstrang des Sympathikus, in den Paraganglien der ii. im Plexus solaris und im Ganglion stellatum sowie im Verlauf der nmalarterien und der sympathischen Nerven nachweisbar ist. .muss sicheinprägen, dass das Markgewebe nur i Bruchteil des chromaffinen Systems im Orga¬ ns ausmacht, und dass demgemäss die operu- . Entfernung beider Nebennieren nur das g e - i e Kind engewebe aus dem Körper eliminiert, das s y stem hingegen quantitativ kaum beeinfluss*, ildung des den chromaffinen Zellen entstammenden Adrenalins • t so wahrscheinlich keine nennenswerte Störung. Weiterhin ist .meutung zu wissen, dass im wachsenden Organismus der Funk- J.r Nebenuierenrinde eine bedeutungsvolle, in ihren Einzelheit in i licht hinreichend geklärte Rolle bei der Regulation der Wachs- jipulse zukommt und dass bei Adenomen der Rinde im Kindesalter holt eine prämature Gesamtentfaltung und Hypergenitalismus Kt wurden. In der Periode des abgeschlossenen Wachstums sind Kenntnisse noch sehr viel dürftiger; die Atrophie des Genital- ' k U* der Hypophyse darf wohl als regelmässiger Begleiter hrbus Addisonii bezeichnet werden, falls der Ablauf der Erkran- ■i.enugend Zeit zur Involution übrig lässt. Und schliesslich mögen Die eigenartigen Beziehungen der Rinde zum Cholesterinstoff- r vermerkt werden und darauf hingewiesen sein, dass in der ■ Kmden- oder Markschwund der Pathogenese der Addison- jeit zugrunde liegt, die widersprechendsten Meinungen vertreten ■ 1U werden. Die Mitbeteiligung der Nebennieren an den klinischen Sy.m- ptomenbildern der pluriglandulären Erkrankungen ist noch strittig und nicht analysierbar; ebenso muss vorläufig die Existenz eines primären Nebennierendiabetes als durchaus fraglich bezeichnet werden. Unsere eigenen Untersuchungen und Beobach- t u n ge n i n dieser Richtung gingen, ursprünglich von k 1 i n i s c h e n Studien über Blutdruckschwankungen i n der Klimax aus. Sie galten zunächst der Erforschung des Zu- sammenhanges von subjektiven Beschwerden und objektiven Krank¬ heitsäusserungen in ihren jeweiligen Beziehungen zu Biutdrucksteige- rung und eventueller Störung der Nierenfunktion; soweit sie sich nicht unmittelbar auf das im Titel fixierte Thema zurückführen lassen, sollen sie hier ausser Betracht bleiben. Aus dem in systematischer Weise an einem grossen Krankenbestand v o r genom¬ menen Prüfungen resultierten in durchaus ein¬ deutiger W e ise zunächst zwei Ergebnisse: Einmal d i e u n g e w öhnliche Häufigkeit permanenter, in der Intensität starkem Wechsel unterworfener Hyper- tension als Vorläufer und Begleiter des Klimak¬ teriums; und sodann eine fast gesetzmässige Poly¬ globulie mittleren Grades, die im Durchschnitt zwi¬ schen 5,8 — 7 Mille pro Kubikmillimeter beträgt und tageweise Schwankungen bis IVg Mille erkennen lasst. Die Kurve der Blutdruckerhöhung geht dabei keineswegs der¬ jenigen der Erythrozytenzahl parallel. Dass es sich um eine wahre Vermehrung der roten Elemente in der Volumeinheit, nicht um eine sekundär bedingte Erscheinung — durch Wassereindickung der Blut¬ flüssigkeit oder um Verschiebungserythrozytose — handelt, liess sien nn Einzelfall unschwer feststellen. Wir vermerkten in einer grossen Zahl von Einzelbeobachtungen zunächst diese Befunde, ohne auf ihre I athogenese einzugehen. Es sei dabei noch angeführt, dass als regel¬ massiger Begleiter von Hypertension und Polyglobulie das Endo- thelsymptom1) in wechselndem Ausmasse in Erscheinung tritt. Hy Pertension, Polyglobulie und positives Endo¬ thelsymptom als charakteristische Trias der kli¬ makterischen Allgemeinstörung — das w-ar das dia¬ gnostische Ergebnis unserer grossen Untersu¬ ch u n g s r e i h e. Weiterhin leiteten uns therapeutische Erwägungen auf der Basis der Arbeitshypothese, dass einem Teil der objektiven klimakterischen *- i-mptome eine endogen bedingte Dysfunktion der Nebennieren patho¬ genetisch zugrunde liege; die Berechtigung einer solchen Betrach¬ tungsweise soll hier ausser Diskussion bleiben. Ziel dieser Versuche musste sein, durch temporäre oder zeitliche Ausschaltung von Neben¬ nierensubstanz die theoretisch postulierte Hyperfunktion — Blutdruck- Steigerung zu vermindern. Das gegebene Verfahren war das röntgen- therapeutische, das auch für die Beeinflussung der Nebenniere schon seine Vorläufer hat, die freilich alle vor der Zeit exakter Dosierungs¬ möglichkeit liegen und denen daher nur mehr ein sehr beschränkter Wert zukommt; immerhin konnte die Ungefährlichkeit der Tiefenbestrahlung dei Nebenniere aus ihnen erschlossen werden. Unser Vorgehen wich gegenüber allen bisherigen Versuchen in zwei prinzipiellen Punkten ab: V\ u beschränkten uns stets auf die linke Nebenniere und belasteten dlC; 111aut elner einzigen Sitzung bei einem Einfallsfeld von 18 : 24 cm mit der Maximaldosis harter, zinkfiltrierter Strahlung in der Absicht, soweit wie technisch möglich, die linke Nebenniere durch den Röntgen- strahl zu schädigen. Die Beobachtung einer event. Wirkung wurde in täglicher, klinischer Kontrolle durchgeführt. Abgesehen von einem Rontgenkater wechselnden Grades wurden Schädigungen der Patienten me beobachtet in einer Versuchsreihe, die zunächst 10 Fälle schwerer, ausgeprägter klimakterischer Störungen umfasste. In teil weis er Uebereinstimmung mit den Mit¬ teilungen der Literatur konnten wir auch bei dieser intensiven einseitigen Bestrahlung der Neben¬ niere in keinem Falle eine irgendwie sichere Be¬ einflussung des Blutdrucks konstatieren, von vor¬ übergehenden, auch spontan häufigen’ Schwa n- Rungen der Werte nach unten abgesehen. Dagegen ergab sich bei der fortlaufenden Beobachtung in jeaem Einzelfall das zunächst überraschende Er¬ gebnis, dass die erhöhten Erythrozyten zahlen zur No rm ab sanken und trotz derweiter bestehenden üb- rigen Sym ptome stets auf normaler Höhe blieben. Die N Vergl. B.kl.W. 1921: Ueber das Endothelsymptom. 3 340 MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT. Verminderung setzte gewöhnlich nach zwei lagen ein und war nach yei- lauf einer Woche beendet. Bei 6 von 10 Kranken war das allmähliche Absinken von einem deutlichen Skleralikterus und einer Urobilinuric begleitet; es waren dies jene Fälle, bei denen die Polyglobulie vor dem Versuch besonders ausgeprägt war. Ueber den Einfluss der Neben¬ nierenbestrahlung auf das Endothelsymptom sagten die Versuche nichts Sicheres aus, weil das Stauungsphänomen in der Klimax auch ohne therapeutischen Eingriff quantitativ grossem Wechsel unterworfen ist. Die naheliegende Frage nach der Ursache der Erythrozytenverminde¬ rung musste, so sehr sie verständlicherweise im Vordergrund stand, zunächst offen bleiben. Es kamen allzu verschiedene Ursachen in Be¬ tracht: Milzreizung, Leberschädigung, direkte Stromaschädigung usw. Beim damaligen Stand der Versuche durfte allein das Fazit gezogen werden, dass die einmalige Tie¬ fenbestrahlung einer Nebenniere das P a r e n c.h y m, insbesondere das Mark, nicht zu zerstören vermag, es wird im folgenden zu zeigen sein, dass diese Schlussfolgerung in der Hauptsache falsch war. Die therapeutischen Versuche wurden im weiteren Verlauf auch auf das Krankheitsbild der „essentiellen Hypertension“ der blanden Nierensklerose ausgedehnt, das mit dem Symptomenkomplex des pathologischen Klimakteriums mehrere führende Symptome gemeinsam hat. Auch hier war der Endzweck die Herabsetzung des dauernd er¬ höhten Blutdrucks; in gleicher Weise wie bei den übrigen Bestrahlungen blieb auch bei diesen Fällen der hypothetisch angestrebte .Erfolg aus Aber auch hier wurde der merkwürdige Einfluss aut die über die Norm gesteigerte Zahl der roten B 1 u t - elemente vermerkt. Bei zwei besonders schweren Fällen essentieller Hypertension, bei denen schon monatelang alle klinischen Behandlungsmethoden erfolglos erschöpft worden waren, schlugen wii schliesslich den Kranken die einseitige Nebennierenexstirpation vor, immer noch in dem Gedanken, dass die Röntgenbeeinflussung perkutan keine genügende Konzentration der Bestrahlung am Wirkungsort er¬ laubte. Die relative Gefahrlosigkeit des Eingriffes war durch die an Fischers Entdeckung sich anschliessenden Mitteilungen über Neben¬ nierenreduktion bei Epilepsie hinreichend erwiesen. In grösster Kürze seien zunächst die Krankengeschichten angeschlossen: alle klinischen Daten und Erwägungen, die sich nicht unmittelbar auf unsere heutige Fragestellung beziehen, fehlen hier und werden anderwärts ausführlich mitgeteilt. Fall 1. J. B.. 41 jähr. S. In poliklinischer, ständiger Beobachtung seit August 1920. Anamnese auch familiär o. B. Früher nie ernstlich krank, vor 19 Jahren Fall auf den Kopf. Bewusstlosigkeit. Seitdem häufig Kopf¬ schmerzen, grosse Reizbarkeit. 1916 im Felde grosse Aufregung bei Trommel¬ feuer. Nach 4 Wochen in die Heimat. Monatelang Anfälle, angeblich mit Bewusstlosigkeit und Krämpfen. Damals in wenigen Wochen ergraut. Blut¬ druck soll bei wiederholten Untersuchungen über 200 mm Hg betragen haben. Objektives war darüber nicht zu erfahren. Nach Entlassung vom Militär Besserung. Seit Anfang 1920 viel seelische Erregungen; seitdem wieder Anfälle, häufige Erregungszustände, Schwindel, viel Herzklopfen, absolute Schlaflosigkeit. Zu keiner Arbeit fähig. Objektiv wurde poliklinisch festgestellt: Nervöses, äusserst reiz¬ bares Wesen, frühzeitiges Ergrauen. Keine pathologischen Veränderungen an den Innenorganen, insbesondere keine Herzvergrösserung und keine Albumin¬ urie. Nervensystem ohne erkennbare objektive Störungen. Wassermann in Blut und Liquor negativ. Blutdruck (zu verschiedenen Tageszeiten und Tagen) schwankend zwischen 220/170 systolisch, 160/90 diastolisch. Erythrozytenwerte zwischen 7 200 000 und 6 200 000 schwankend, Hämoglobin entsprechend erhöht; einmal wurde ein Wert von 8 800 000 festgestellt. Leukozyten zwischen 8 und 40 000. Keine Ver¬ schiebung der Leukozytenformel. An den Erythrozythen frisch und in ge¬ färbtem Präparat keine pathologischen Veränderungen. Klinische Aufnahme am 1. II. 1921. Dem obigen Befund nach¬ zutragen ist von der stationären Beobachtung, dass die Nieren funktionell bei wiederholter Untersuchung intakt gefunden werden. (Wasserversuch, Harn¬ menge etc.) Nüchternwerte von Blutzucker und Reststickstoff in Serum 98 mg-Proz. bezw. 21 mg-Proz. Im Urin kein Urobilin und Urobilinogen. Serum ganz hell und klar. Wiederholte serologische Unter¬ suchung auf den Gehalt des Serums an Gerinnungsfer¬ ment ergibt regelmässig stark unternormale Werte, wie sie für eine Hypofunktion des Mihsystems cha¬ rakteristisch sind. Während der ersten Woche des Krankenhausaufenthaltes absolute Bett¬ ruhe. Starke Erregung. Anfälle von Tachykardie, Schlaflosigkeit. Wiederholt Ohnmächten mit Erloschensein der Patellarreflexe, aber Erhaltenbleiben der Pupillenreaktion. Keine typischen epileptischen Anfälle. Erythrozyten dauernd über 6 'A Mille. Blutdruckwerte fortlaufend, bei Bettruhe systolisch gemessen. 190, 180, 172, 198, 166, 172, 166, 170, 158, 160, 165, 166, 148, 145 mm Hg. Vom 14.- — 25. Tage zwischen 140 — 155 mm Hg. Endothelsymptom in wech¬ selnder Stärke positiv. Während der ganzen Beobachtungszeit im auffallen¬ den Gegensatz zu dem hohen Erythrozytenwerte äusserste Blässe der ge¬ samten Haut. Massiger Dermographismus. Am 20. II. im Einverständnis und nach Aufklärung des Kranken operative Entfernung der linken Neben¬ niere (Dr. Flörcken). Ganz minimale Blutung während der Opera¬ tion. Am Morgen der Operation 6 800 000 Erythrozyten, 6 Stunden nachher 6 700 000 E„ 8200 L. Am 3. III. gutes Allgemeinbefinden, deutlicher Skleralikterus, E. 6 200 000, Urin o. B. Am 4. III. Ikterus der Sklera noch mehr ausgesprochen. Urobilin +. Urobilinogen ±, E. 5 140 000. 5. III. E. 5 200 000. Ikterus kaum mehr vorhanden, Urobilin schwach +. 6. III. Gutes Befinden, kein sicherer Ikterus mehr. Urin o. B. Nr. H •'7 — 15 in se|ir rasche Erholung. Operationswunde heilt reaktionsli Erythrozytenwerte zwischen 4 700 000 = 5 200 000. Blutdruck während d ganzen Zeit nie unter 145 schwankend zwischen 145 175 mm Hg, also i verändert gegenüber den Zahlen vor der Nebeunierenexstiipation. 10 Tage vor dem Eingriff Bestrahlung eines Hautfeldes mittels <1 Quarzlampe in einer Dosierung, die bei normalen . Kontrollfällen leid Rötung und deutliche Braunfärbung erzeugt. Haut bleibt völlig reaktionsl 14 Tage nach der Operation Bestrahlung an korrespondierender Stelle un gleichen Bedingungen ergibt ausgesprochene Bräunung. Die Erythrozytenzahlen sind bisher — bei poliklinischer weiterer E obachtung dauernd normal geblieben (bis Dezember 1920). Der Blutdru schwankte wie vor dem Eintritt zwischen 140 und 185 mm Hg. blieb a! völlig unbeeinflusst. Das Endothelsymptom, das wochenlang nach der Opei tion negativ geblieben war, ist inzwischen wieder in wechselnder Stär nachweisbar. Einen sicheren Einfluss auf den Allgemei b e f u n d hat die N.-N. - Exstirpation nicht gezeitigt. Die exstirpierte Nebenniere war makroskopisch auffallend gross, insl sondere das Mark. Mikroskopisch (Prosektor Dr. R e i n h a r d t - Leipz lautet die Epikrise: „Es ist also ein dem allgemeinen Lipoidstoffwecli des Individuums parallel gehender hoher Lipoid- und Cholesterinestergeh der Nebennierenrinde und ein die klinisch festgestellte Hypertension a klärender, durch den Reichtum an chromafiinen Zellen in der stark e wickelten Marksubstanz nachweisbarer, hoher Adrenalingehalt der Nebi niere festgestellt.“ Fall 2. Schä. Ch„ 36 jähr. 2. In poliklinischer Beobachtung s Januar 1920, stationär ab 13. VI. 1921. ’jj Anamnese: Eine Schwester mit 38 Jahren an S c h 1 a anfall gestorben, angeblich bei Schrumpfniere, sc aber vorher ganz gesund gewesen sein. Die Kranke sei früher gesund, aber immer sehr nervös. Seit 19 Jahren verheiratet, kinderl 4 mal Abort, 2mal Totgeburt. Früher wiederholt angestellte Untersuchum auf Wassermann sollen stets negativ gewesen sein. Mann gesund. Eh falls mit negativer WaR. Vor 3 Jahren mehrere Monate sehr hefti; „Nervenrheumatismus" im ganzen Körper. Seit ca. :'A Jahren äusst heftige Kopfschmerzen, die die Kranke völlig schlaflos machen. Ausserd heftige, wandernde neuralgieforme Schmerzen überall. Angeblich 30 Pfi Gewichtsabnahme. Befund: Grazil, leidlicher Ernährungszustand, blasse Gesichtsfar Sensorium vollkommen klar, fieberfrei. Nervensystem ohne objektive V änderungen. Innere Organe ohne sichere Veränderungen; insbesondere H nicht vergrössert (Röntgenologisch relativ klein). Geringe Vergrössen der Schilddrüse. Urin o. B. Spez. Gewicht 1015 — 20. Wasserversuch ergibt aus geringer Verzögerung der Gesamtausscheidung keine Anomalien. Rest 19,5 mg-Proz., Harnsäure im Serum 1,25 mg-Proz., Blutzucker 114mg-Pn WaR. — . , Blutdruck: Bei häufigen Messungen 280/150, 260/125. 270:160 u Bettruhe ändert nichts an der Höhe des Druckes. Blutbefunde laufend E. 6 700 000, 6 360 000, 6 900 ( 6 300 000 usw. Leukozyten stets um 9000, Hämoglobin 100 — 110 Proz. Leu zytenformel o. B. Endothelsymptom regelmässig ++++. Im Augenhin grund kleine, fleckige Blutungen. Serologische Untersuch u auf Gerinnungsferme n.t ergibt starke Verminderu bei fast normaler Gerinnungszeit. Bei der absoluten Un einflussbarkeit des Zustandes durch klinische Behandlung wird der Kran die Exstirpation einer N. N. vorgeschlagen. Operation am 24. VI. 1921 (Dr. Flörcken). Exstirpation linken Nebenniere in Mischnarkose, die technisch rasch und leicht geh Minimaler Blutverlust bei der Operation. Die Kranke erholt sich in wem Tagen von dem Eingriff. Erythrozyten am Morgen der Operation 6 700 1 6 Stunden später 6 800 000, am 25. VI. 6 662 000. 26. VI. 6 1 00 000, 27. 5 540 000. 29. VI. 5 600 000. 2. VII. 5 500 000. 9. VII. 5 200 000. 15. 4 900 000. Von hier ab bis Dezember 1921 bei poliklinisch Beobachtung um 5 000 000. 24 Stunden nach der Operation au: sprochener Skleralikterus, der 3 Tage anhält und von mittelstarker Urob urie begleitet ist. Sehr erhebliche, monatelang anhaltende klinische Be rung, nach der N.-N. -Exstirpation, insbesondere völliges Freisein von K schmerzen und ausgezeichneter Schlaf. Serumwerte 14 Tage post Rest-N. 40 mg-Proz. Harnsäure 0,9 mg-Proz. Blutzucker 77 mg-Proz. C r innungsferm ent jetzt in normaler Menge vorhand In gleicher Weise wie bei Fall 1 wurde vor und nach der Operatio: ein korrespondierendes Bauchfeld mit der Quarzlampe bestrahlt: vor • Eingriff starke Rötung, mittelstarke Pigmentierung, nachher starke Röi und ganz aussergewöhnlich starke Braunfärbung der Haut. Makroskopisch ist die exstirpierte Nebenniere von normalem Ausse sicher nicht vergrössert. Mikroskopisch (Prosektor Dr. Reinhardt) fii sich ebenfalls keine eindeutigen Zeichen für Hypertrophie des Parenchj Die linke Niere ist bei der Operation makroskopisch von norm: Aussehen, auf der Oberfläche ganz glatt. Ein zwecks mikroskopischer Ui suchung exzidiertes Nierenstückchen ist leider beim Versand verloren gangen. Derkritischen Besprechung dieser beiden O p e tionsfälle, deren Ergebnisse sich in fast allen Pur ten decken, sei noch eine dritte Beobachtung ans reiht, die für das Verständnis des folgenden \ Bedeutung erscheint: Bei einer 58jährigen Frau, die an operablem Magenkarzinom litt und solaminis causa bestrahlt wei sollte, wurde ein Rückenfeld auf die linke Nebenniere in der gleit Anordnung und Intensität wie bei den bisher erwähnten Fällen ai ziert. Die Kranke starb nach 6 Wochen an einer interkurrenten Blut Die Obduktion ergab eine starke Verkleinerung der linken Nebent; gegenüber rechts, in der Hauptsache die Rinde betreffend. Mik skopisch war fast das gesamte Rindenparench zerstört und bindegewebig organisiert. Das M liess ebenso wie die rechte NN. keine Strahl Schädigung erkennen. Die zum Teil dem Strahlenkegel gänglich gewesenen Organe — Leber, Pankreas, Niere, Darm — b MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT. 341 lärz 1922 irmales Aussehen. Es war mit diesem Versuch somit i escn, dassdie einmaligeBestrahlungdcr Ncben- : c in einer Dosis, die höchstens 30 P r o z. der HED. ■ i c h t, zu einer Nekrose des Rindenparenchyms 1 1, während das chromaffine System nicht er- tibar geschädigt wird; m. a. W.: Die NN. -Rinde ist I hem Masse radiosensibel, das Markgewebe hin- n durch praktisch anwendbare Strahlendosen : t beeinflussbar. issen wir die Resultate des bislang Mitgeteilten unter einheitlichen ,itspunkten zusammen — der verfügbare Raum muss das Sum- he des Vorgehns an dieser Stelle erklären so lassen sich de Ueberlegungen als erwiesen aussprechen: Die einmalige genbestrahlung der Nebenniere mittels einer rbierten Dosis von ca. 30—35 Proz. HED. hat die Iteration des Rindenparenchyms im Qefolge; Dark bleibt unbeeinflusst. Ein klinischer Effekt in ne einer Verminderung des Blutdruckes ist h die Tiefenbestrahlung nicht zu erzielen. Wie ergleich mit den Ergebnissen der operativen Therapie lehrt, darf negative Effekt aber nicht auf die ungenügende Beeinflussung romaffinen Gewebes bezogen werden; denn auch die einseitige oation der NN. bleibt ohne Einfluss auf die anormal hohe Ein- g des arteriellen Druckes. Es stehen hier demgemäss Folgerungen zur Diskussion: Entweder ist die Regu- des Blutdruckes durch zentrale Fakto-en bedingt und ganz un- dg von der Funktion des Markgewebes, oder aber die Ausschal¬ es Markes einer Nebenniere ist an Masse zu gering, um gegen- ier Gesamtfunktion des chromaffinen Systemes in Betracht zu m. Wir hätten also bei der einseitigen NN.-Reduktion — einerlei ch das Messer oder durch Strahlung — zwar mit einer Halbierung ndengewebes, aber nur mit einer relativ ganz geringen Verminde- er chromaffinen Gewebssubstanz zu rechnen; sie bedeutet also, len naheliegenden Vergleich aus der Therapie des Morbus Base- heranzuziehen, in bezug auf das Mark eine ungenügende Keil- on der Thyreoidea, in bezug auf die Rinde aber eine Halbseiten¬ ation mit einer Verminderung um die Hälfte des Parenchyms. Die gs erwähnten Befunde K o h n s sprechen für diese Auffassung, 'lieh vorläufig noch nicht sicher zu beweisen ist. Es muss mit iedenen Möglichkeiten bei den einzelnen Krankheitsbildern ge- t werden; hier wird vor allem eine sorgfältige klinische Anali- ; jedes einzelnen Falles einzusetzen haben. Die Fragen des len Effektes, der therapeutischen Auswirkungsmöglichkeiten ollen hier ganz ausser Betracht bleiben. is will in ersterLinie vielmehr das Problem b e - tigen, auf welchem Wege die Umstellung der globulie auf normale Erythrozyten werte in der mein heit zustande kommt. Sekundäre Momente, wie rkungen des Wasser- und Eiweissgehaltes der Blutflüssigkeit _d nach dem Eingriff, kennten mit Sicherheit ausgeschlossen wer- -benso zeigte sich unwiderlegbar, dass die vielfach geltende, von e r inaugurierte Ansicht vom Kapillarspasmus als ursächlichem it der kompensatorischen Polyglobulie nicht zu Recht besteht: iie Reduktion der NN. -Rinde bewirkt stets normale Erythro- erte auch dann, wenn die Hypertension und damit der hypo- i erhöhte Kapillartonus unverändert fortbesteht. Es blieben esslich zur Erklärung nur mehr zwei Möglich- n : Eine von der Funktion der Rinde in irgendwelcher Weise ige, vermehrte Bildung der roten Blutkörperchen — eine ver- Markfunktion — oder aber eine auf dem gleichen Modus be- - 1 Verminderung der physiologischen Mauserung der Erythro- eine verminderte Hämolyse, deren Angriffspunkt dann in einer nten Funktion des retikulo-endothelialen Zellapparates zu suchen Für die erstere Annahme Hessen sich keinerlei Itspunkte gewinnen; die letztere aber konnte n wandfreier, experimenteller Beweisführung bewiesen werden. ^wurde in früheren Untersuchungen 2) gezeigt, dass der quanti- jehalt der Blutflüssigkeit an proteolytischem Ferment abhängig der Funktion des Milzsystemes: durch chemische und physi- Funktionsreize der Pulpazelle lässt sich regelmässig eine Ver- g des Fermentes erzielen. Ihre quantitative Fixierung hat statt 'Og. „Gerinnungsanalyse“, die zwar keine absoluten Zahlenwerte in ihren Ausischlägen gegenüber Normalblut aber praktisch völlig lende Vergleichsmomente zeigt. Es muss dabei noch hinzu¬ werden1, dass hämolytische Tätigkeit der Pulpazelle und Fer- )duktion quantitativ Hand in Hand gehen; eine dauernde Ver- ing an proteolytischem Ferment im Serum charakterisiert nach i ausgehenden Versuchen auch stets eine gegenüber der Norm lerte Hämolyse im Organismus. So viel von der theoretischen Setzung. In allen Fällen von Polyglobulie mit .rtension wurde nun absolut regelmässig eine je Verminderung des proteolytischen Fer- ;^sin der Blutflüssigkeit in zahlreichen Einzel- b'ergl. R. Stephan sowie Stephan und Wohl: Untersuchungen '•> proteolytische Serumferment, Qerinnungsferment und proteolytisches 1 rment. Zschr. f. d. ges. exper. Med- 1921. Die ausführliche Publi- uer Versuchsprotokolle, auf der sich die weiteren Ausführungen : erfolgt a. a. O. versuchen f e s t g e s t e 1 1 1. Die Tatsache der dauernd anormal niedrigen Funktion des Milzsystems bei den oben erörterten Krankheits- zuständen war damit sicher festgestellt, die verminderte Hämolyse als Ursache der Erythrozytenvermehrung in der Volumeinheit aber nur wahrscheinlich gemacht. Sie wurde erwiesen durch die Wirkung der Rindenreduktion: Sowohl durch die Strahlen¬ nekrotisierung wie auch durch den chirurgischen Eingriff trat schon 24 Stunden nach der Ausschaltung der linken NN. eine erhebliche Stei¬ gerung des Fermentgehaltes auf, der nach ca. 3 Tagen normale Werte eri eichte und in der Folge auf dieser Höhe blieb. Der Vermehrung der Fermentmenge gingen parallel die Zeichen der durch die Rindenreduktion bedingten Steigerung der Hämolysie: Rasche Verminderung der Erythro¬ zyten, leichter Ikterus, Erhöhung der Serumbilirubinkonzentration und Urobilinurie. Wir sind gewohnt, diese Symptome auf eine gesteigerte Blutmauserung zurückzuführen und sie auf eine Hyperfunktion des retikuloendothelialen Zellsystemes zu beziehen. Der Vergleich der klinischen Analyse mit den Ergebnissen des Experimentes sagt dem¬ gemäss aus : D i e Funktion des Milzsystemes unterliegt der Regulierung durch die Nebennierenrinde; Hyper- Junktion des Rindenparenchyms bedingt Hypofunk¬ tion des Milzgewebes, als deren klinischer Ausdruck Polyglobulie, als deren serolog ischer Vermindern n g der Ferment ko nzentration im Serum zu gelten hat. Ob der Antagonismus der beiden endokrinen Drüsen auch in umgekehr¬ ter Richtung zur Auswirkung kommt, ist vorläufig ungeklärt. Hier haben weitere klinische und experimentelle Forschungen einzusetzen. Sie werden von Bedeutung sein vor allem für die Frage von der Patho¬ genese mancher Formen der perniziösen Anämie. Es spricht schon jetzt manches für die Annahme, dass einzelne Formen von Polyzythämie und Anaemia perniciosa pathogenetisch Antipoden sind und dass die Funktion der NN.-Rinde dabei im Mittelpunkt des Geschehens steht. Davon anderwärts mehr. Die Linie, auf der die weitere Forschung sich zu bewegen hat, :st damit klar vorgezeichnet r Es ist vor allem zu prüfen, ob das gefundene Gesetz von der hormonalen Zügelung der Miizfunk- tion durch das Rind e n i n kr e t nur für die Pulpazelle Geltung hat oder ob es auch auf alle übrigen Zellen des Organismus ausgedehnt werden darf. Einige Beispiele liegen bereits vor. In unseren Kranken- geschichten sind die Hautreize mittels ultravioletter Strahlung erwähnt denen eine eindeutige Auslegung zukommt: Die gleiche Dosis elektro¬ magnetischer Reizung der Epithelzelle, die vor der Rindenreduktion überhaupt nicht oder nur zu minimaler Pigmentbildung in der Epidermis führt, bewirkt nach dem Eingriff eine starke Bräunung der bestrahlten Hautpartien. Kontrollen nach andersartigen Operationen blieben stets negativ. Die Regulierung der Zellfunktion durch die NN.-Niere ist da¬ mit auch für das Hauptepithel in hohem Masse wahrscheinlich gemacht und damit die gleichzeitig wie bisher nur auf komplizierterem YVege er¬ klärbare Pipientierung bei der Addisonkrankheit auf sehr einfache Weise dem Verständnis nähergerückt: Die Schwächung oder der totale Aus- fall der Rindenfunktion bei NN. -Schwund hebt die physiologische Rc gulation der Epidermiszellfunktion auf und verursacht Funktions- anomalie in dem Sinne, dass nunmehr jeder Reiz, gleichgültig welcher Art und Intensität, die spezifische Funktion der Hautzellen — eben die Pigmentproduktion — in Tätigkeit treten lässt. In der gleichen Rich¬ tung wäre die postmortale Pigmentierung von Hautstücken ini Brut¬ schrank einer Erklärung zugänglich. Versuche, die wir mittels Röntgen¬ strahlenreizes auf verschiedene Organe bei der essentiellen Hyper¬ tension durchgeführt haben, sprechen gleichfalls für eine Hemmung der Funktion aller Zellen; auf Einzelheiten kann hier nicht eingegangen werden. Im gleichen Sinne wären vereinzelte Beobachtungen der Hypertensionsliteratur zu verwerten: Einmal die von Böen he im er- Hyperchlgrämie bei Epilepsie und deren Schwinden nach der NN. -Exstirpation, und sodann vor allem die Tatsache, dass beim Hyper- tonikei der Ausgleich zwischen Blut und Gewebe nach intravenöser In¬ jektion hochprozentiger Traubenzuckerlösung viel langsamer statthat als beim Normalen. Hyperglykämie haben wir in unseren Fällen ver¬ misst, von anderer Seite ist sie als häufiger Begleiter der permanenten Blutdruckerhöhung beschrieben worden. Derartige Befunde könnten nur dann als beweisend angesehen werden, wenn sie im Anschluss an eine Leistungsprüfung des Organismus beobachtet würden; für die Be¬ ut teiluug im nüchternen Zustand sind die Ausschläge unserer Metho¬ den wohl nicht hinreichend scharf. Im ganzen dürfen wir aus dem Mit geteilten den Schluss ziehen, dass das In- K r e t der NN. - Rinde mit Gewissheit auf hormonalem Wege und in antagonistischer Weise die Funktion d e s ' M i 1 z systemes beherrscht und dass mit Wahr¬ st . ‘Z1 1 *.c h k e * * die Annahme einer Zügelung der Zell- t ä t i g k eit durch die Nebenniere auch für den gesam¬ ten Organismus Gültigkeit hat. Es werden durch diese Feststellungen eine Reihe von physiologischen und klinischen Fragen auf¬ gerollt, von denen hier zum Schluss nur die wichtig¬ sten gestreift werden können: In therapeutischer Hinsicht ist die Unbeeinflussbarkeit der Blutdruckerhöhung durch direkte Ein¬ wirkung auf die NN. erwiesen. Bei der hohen Radiosensibilität des Rindenparenchyms sind doppelseitige Tiefenbestrahlungen, auch in kleinen Dosen, unter allen Umständen kontraindiziert. Die von Dresel eingeführte Reizbestrahlung der NN. bei Diabetes verbietet sich damit, da Spätschädigungen niemals auszuschliessen sind. Für die Tumor¬ therapie lässt sich die Unmöglichkeit der Beeinflussbarkeit solcher Neo- 3* MßNCHENER_MED IZ I NI SCH E _W 0 C HENSCH RI FT. Ö42 Plasmen ableiten, die in der Nachbarschaft der NN. gelegen sind und bei deren Durchstrahlung der obere Nierenpol mehr als 30 Proz. der HED. appliziert erhält. Eine grosse Reihe fremder und eigener Be¬ obachtungen von „Bestrahlungskachexie“ beim Magen-, 1 ankreas- und ( iallenblasenkarzinom finden auf diese Weise ihre einfache trklaiung Die Behandlung der Polyzythämie durch NN. - k c- duktion befindet sich noch im Versuchsstadium; sie Kann so lange nicht allgemein empfohlen werden, als grössere vei suchs¬ reihen nicht vorliegen und wir noch nicht sicher imstande sind, pathoge- netisch verschiedene Gruppen dieser Erkrankung klinisch abzutrennen. Wir selbst sind mit diesen Fragen augenblicklich beschäftigt, rur die Beeinflussung der perniziösen Anämie sollen Untei suchungen über die Wirkung subkutaner Injektionen von reinem Rindenextrakt unter¬ nommen werden; die Beschaffung geeigneter Präparate ist bisher noch nicht gelungen. Durch Adrenalin lässt sich das Rindeninkret selbst¬ verständlich nicht ersetzen. ■ Und schliesslich sei noch eine weitere therapeutische Auswirkungs- möglichkeit kurz erwähnt, die sich aus den obigen Ergebnissen zwang¬ los herleiten: ln welcher Weise ist der Ablauf von Infektionskrankheiten und von Tumorerkrankungen von der Funktion der Nebennierenrind^ abhängig? Es ist a priori nicht unwahrscheinlich, dass auch die Tätig¬ keit des zellulären Abwehrmechanismus des Organismus der Steuerung durch das Rindeninkret unterworfen ist und dass wir künftighin Wege finden werden, die Regulierung des Verlaufes in zweckmässigem Sinne durch therapeutische Einwirkung zu beherrschen. Hier stehen wir ganz im Beginn der Erkenntnis, die nur durch strengste Kritik und sorgfältigste klinische Beobachtung gefördert werden kann. Ein ausführliches Ein¬ gehen auf diese theoretisch wie praktisch gleichennassen wichtigen Fra¬ gen verbietet sich in einer Abhandlung, deren 1 enoi ausschliesslich am das Herausarbeiten der Grundtatsachen eingestellt ist. Aus der Medizinischen Universitätsklinik zu Königsberg. Ueber Leberfunktionsprüfungen. Von Privatdozent Dr. Lepehne. I, Chromodiagnostik. In einer kürzlich erschienenen Mitteilung fl] hatte ich darauf hingewiesen, dass von mir, unabhängig von den gleichartigen Unter¬ suchungen Ros ent hals und v. Falkenhausens L2J, ebenfalls eine „Chromodiagnostik“ der Leber mittels. Farbstoffinjektion und Duodenalsondierung versucht worden war. Hier soll über die Eigeb- nisse etwas ausführlicher berichtet werden. Im Gegensatz zu den genannten Autoren, die eine subkutane Injektion von Methylenblau verwandten, habe ich Indigo kann in intravenös gespritzt und bin dabei zu abweichenden Resultaten gekommen. Zuerst wurden, wie berichtet, fertige Tabletten zur Herstellung der Indigokarminlösung benutzt, später injizierte ' ich stets 2,0 ccm einer 2 proz. wässerigen Indigokarminlösung (nur kurze Zeit haltbar) intravenös, was stets gut vertragen wurde. Der Duodenalsaft wurde in Abständen von 5 Minuten gesondert aufgefangen. Bei Lebergesunden trat — bisher nur mit 1 Ausnahme — durchschnittlich 35 Minuten nach der Injektion eine plötzlich beginnende Grünfärbung der bis dahin gelbbräunlichen Galle auf, die meist ganz scharf einsetzte, oft so, dass cie untere Hälfte der auigefangcnen Portion noch gelb, die obere grün war. Der früheste Beginn war einmal 15 Minuten, der späteste 50 Minuten nach der Injektion. Die Stärke der Grünfärbung war nicht ganz gleichmässig, meist recht beträchtlich und hielt, mitunter etwas nachlassend, bis zum Abbruch des Versuches (etwa 1/4 Stunden) an. Ein¬ mal konnte nach 1 Stunde 40 Minuten, zweimal nach 2 Stunden die Wiederkehr der normalen Gallenfarbe beobachtet werden. Eine Mengen¬ zunahme des Duodenalsaftes, die nach Rosenthal den Beginn der unsichtbaren Methylenblauausscheidung bedeutet, konnte ich bei Beginn der Grünfärbung nicht feststellen. Ueberhaupt ist die Menge der auf¬ gefangenen Portionen sehr wechselnd (Spasmen des Choledochus- sphinkters, cf. Stepp [3], M e y n e r [4]). Mitunter versiegte gerade kurz nach der Injektion der Gallenfluss fast völlig, was vielleicht als eine psychisch bedingte Reaktion des Sphinkters anzusehen ist. Bei Leberkranken waren die Resultate nicht ganz gleich¬ mässig. Im Gegensatz zum Lebergesunden wurde bei dem Icterus catarrhalis und einem Ikterus infolge chronischer Cholangitis1) das Indigo¬ karmin nicht mit der Galle ausgeschieden. Ein Fall von Icterus catarrhalis wurde einmal, 4 weitere Fälle sowie die Cholangitis im Abstand von 5—7 Tagen zweimal untersucht. Jedes¬ mal blieb eine Grünfärbung bei diesen teils auf der Höhe des Ikterus, teils im Abklingen begriffenen Fällen bis zu 2)4 Stunden nach der Injektion völlig aus. Eine etwaige Leukoverbindung des Farbstoffes konnte weder nach der Methode von Rosen th al, noch sonstwie nachgewiesen werden. Somit scheint in diesen Krankheiten die — vielleicht diffus geschädigte — Leber in der Regel zur Ausscheidung des Indigokarmins unfähig zu sein. Im Gegen¬ satz hierzu fanden Rosenthal und v. Falkenhausen, dass ge- ») 34 jähr. Mann; seit 2 Jahren krank, leichter Ikterus, Leber vergrössert und hart; Milz palpabel. Blutbild o. B. Im Serum „Stauungsbilirubin“; Urin: Ug ++. WaR. — . rade bei Leberkranken das subkutan injizierte Methylenblau besom rasch ausgeschieden würde und betrachten dies als eine Stütze Minkowrski sehen Theorie des Ikterus durch Parapedese (erh< Durchlässigkeit der Leberzellen). Hiermit stehen meine Befunde r. in Einklang, da sie gerade eine erschwerte Duiciilässigkeit den Farbstoff erwiesen haben. . Positive Indigoausscheidung b e 1 I k t e r u skr . k e n erhielt ich zweimal. Einmal bei einem fast abgelaufenen Ict catarrhalis. Der zweite Fall betraf einen abklingenüen Icterus ca rhalis eines Kindes (Urobilinogenurie, Subikterus, palpable Leber) zeigte nach 40 Min. Grünlarbung. Von 2 Cholelithiasisfällen verlief der eine am Tage i einem schweren Anfall ohne Ikterus mit „positiver Chromocht (25 Min.), der zweite, eine chronische Cholelithiasis ohne Ikterus g'rosser, harter, druckempfindlicher Leber dagegen mit „negativer Chro cholie“. Wie Lebergesunde verhielten sich eine leichte Hepatitis am! einer Salvarsankur mit Gallensäureausscheidung im Urin (s. Teil sowie ein multiples Zystadenom der Leber, das dieselbe in einen ries Tumor verwandelt hatte. Negative Chromocholie bei einem anscheit Lebergesunden konnte bis jetzt nur einmal festgestellt werden einem jungen Menschen mit Rückenschmerzen ohne klinischen Bei aber positivem Urobilinogengehalt der Lebergalle (s. 1 eil Ill),.i Zusammenfassend müssen wir sagen, dass in diagnostisc Hinsicht diese Methode nicht weiterzuführen scheint. Vielleicn die Methylenblauprobe Rosenthals eher dazu geeignet, wenn auch infolge der ausbleibenden sichtbaren Verfärbung der Galle 1 plizierter ist -). Ob es möglich ist in progno st i s eher H in s i nach dem positiven oder negativen Ausfall der Indigochromochohe Stärke der noch vorhandenen allgemeinen Leberschädigung zu urteilen, muss dahingestellt bleiben. Dass das P h e n o 1 s u 1 f o p h t h a 1 e i n sich als nicht gallel erwies, habe ich schon in der ersten Mitteilung berichtet. Kongp — 20 ccm einer 2 proz. wässrigen Lösung3) intravenös — wurdt Lebergesunden nach 20—35 Minuten ausgeschieden. Die Rotiar uer Gatle setzt nicht so scharf ein, nimmt allmählich an Starke zu ist vielfach schlecht zu erkennen. Unsere Resultate bei Leberkru waren nicht eindeutig. Bei Ikteruskranken wird der Farbstoff in Regei anscheinend rasch ausgeschieden. ; " Ein Versuch, nach intravenöser Yatreninjektion Jod in der » nachzuweisen, misslang. Wie mir Rosen thal brieflich rnitt wird Jod auch durch den Pankreassaft ausgeschieden. San; säur e, die ich in der Form der Mendel sehen [5] intravenöse: jcktion4) gab, wurde weder bei einem Lebergesunden, noch bei Cholelithiasis, noch bei einem Icterus catarrhalis im Verlauf von 2 und 3 Stunden nach der Injektion mit der Galle ausgeschieden. Lisenchloridreaktion war in allen Portionen negativ, obgleich minin Spuren von zur Galle zugesetzter Salizylsäure eine tiefe Violettiar gaben. Der Urin gab stark positive Reaktion. Zu Zwecken der L< funktionsprüfung ist die Salizylsäure also unbrauchbar. Diese L achtung dürfte auch eine direkte therapeutische Sali; Wirkung vom Blutstrom her auf die Gallenwege in Frage s len, zumal die Salizylsäureinjektion auch keinen besonders reicnl oder etwa konzentrierten Gallenfluss nach sich zog. Ob nic‘>' Indigokarmin oder das Kongorot in den Fällen mit pos Ausscheidung eine therapeutische Wirkung auf die ü; wege ausiiben könnte, muss weiteren Untersuchungen uberlassen bk Positive Kongorotausscheidung scheint mit einer Konzentration der oder einem Zufluss von „Blasengalle“ einherzugehen (s. u.). Bc kenswerterweise nehmen die im gefärbten Duodenalsaft gotunc Zellen keine Vitalfärbutig an. Ueber die Frage, ob der Beginn und die Dauer der Chromoi wesentlich durch Erkrankungen der Niere beeinflusst wird, kan bisher noch keine sichere Auskunft geben. Theoretisch müsst schleunigte oder gehemmte Farbstoffausscheidung durch die Nterc den Ausfall unserer Probe von Bedeutung sein. Kongorot wird mr Urin nicht sichtbar ausgeschieden. Schliesslich sei noch das Problem der sogen. „Blas eng; erörtert, dem ich auch auf dem Wege der Chromocholie näh kommen suchte. Während die meisten Autoren bisher annahmen die auf intraduodenale Injektion von Wittepepton, Magnesiumsulfa subkutane Injektion von Pilokarpin etc. und auch mitunter spontai leerte wesentlich dunkler gefärbte Galle durch Beimischung von U biasengalle infolge Kontraktion der glatten Gallenblasenmuskulat erklären sei (cf. Lyon [6], Simon [7], Stepp [3], R o t h ma n Lepehne [9]), wendet sich neuerdings Einhorn 1101 gegen Auffassung. Er behauptet, dass der auch durch Einführung von kose, Kalomel, Kochsalz etc. zu erzielende dunklere Gallenfluss n die Produktion einer konzentrierteren Galle als Folge des ehern Anreizes aufzufassen sei. Einhorn sah nämlich auch nach Exstir der Gallenblase dunklen Gallenfluss und konnte anderseits einer Laparotomie bei eingefiihrter Duodenalsonde keine Kontrakt Gallenblasenmuskulatur nach Magnesiumsulfatinjektion beobachte! -) Möglicherweise dürfte aber die Probe durch die von Sax Scherf beobachtete Methylenblauausscheidung in den Magen gestört ' (W.kl.W. 1922 Nr. 6). Indigokarmin wurde im Tierversuch dieser nicht in den Magen ausgeschieden. 3) Acltere Lösung wirkte toxisch! (vorübergehende Amaurose, schmerzen). . „„ „ . ') Na. salic. 8,0, Coffein, natrio salic. 2,0, Aqua dest. 50,0, davon . intravenös bei gut gestauter Vene. lärz 1922. MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT. 343 t konnte ebenso wie in meinen früheren Untersuchungen bei 2 Kran- ijrtit Cholezystektomie keine „BlasemgaHe“ erhalten. Allerdings trat j sonst der Reflex diesmal nicht regelmässig, sondern nur in einigen p auf. Die Chromocholie könnte in dieser Frage vielleicht insofern Bedeutung sein, als die Intensität der Grün- oder Rotfärbung der nicht zunehmen dürfte, wenn die Dunklerfärbung nach Magnesium- nur auf einer Zumischung von Blasengalle beruht, denn es ist an- imen, dass in der kurzen Zeit nach derF'arbstöffinjektion (bis2Stun- bei dem ständigen Abfluss der Lebergalle so gut wie kein Farbstoff je Gallenblase übergetreten sein dürfte. Bei Verdünnung dieser :j engalle“ mit Wasser bis zur Intensität der vorher erhaltenen hellen . ;rgalle“ müsste dann der grüne oder rote Farbton bedeutend an e abnehmen. Mir standen bisher nur 4 einwandfreie Resultate zur 'gung. Zweimal erwies sich die Grün- bzw. Rotfärbung der f iinf- ll verdünnten Blasengalle wesentlich schwächer als in dfer farbigen gaüe, in> 2 anderen Fällen jedoch war die Intensität der grünen i auch nach lOfacher Verdünnung noch ebenso stark wie die der 3 Kalle! Dieses widerspruchsvolle Verhalten kann ich noch nicht 1 en. Die praktisch-therapeutische Bedeutung dieser Frage liegt I :r Hand. a c h t r a g bei der Korrektur: In einer soeben zum Referat i enen Arbeit hat auch Hatieganu i. m. Injekt. von Indigo- :n zur Leberfunktionsprüfung verwandt und in Uebereinstimmung teinen Versuchen beim Icterus cat. fehlende Indigoausscheidung Iden (Annales de med. 1921, 10, S. 400). II. Die Galiensäuren im Duodenalsaft und Urin. /ährend in Frankreich die Untersuchung insbesondere des Urins aliensäuren schon lange in den Kreis der Leberfunktionsprüfungen en war, hatte man in Deutschland den Störungen des Kreislaufs illenfarbstoffe das Hauptinteresse zugewandt (cf. Botzian [ 1 1 ], n t h a 1 Ll2], L e p e h n e [13] u. a.). Dies lag zum grossen Teil ' fehlenden leichten Methodik. Unlängst hat nun Hermann M ii 1 - 14j die in Frankreich viel benutzte Haysche Schwefelblumen- einer ausgedehnten Kontrolle ihrer Brauchbarkeit unterzogen. Er u dem Schluss, dass ausser Galiensäuren nur die meist mit ihnen ; Geschäfte ten Aminosäuren eine gleiche Herabsetzung der Über¬ spannung des. Urins bewirkten. Diese exakten Untersuchungen es nahe, die Schwefelblumenprobe als Leber¬ tionsprüfung zur Fesstellung von Störungen Galiensäuren Sekretion mittels Untersuchung J r i n s und des Duodenalsaftes zu verwenden. In- icn haben die französischen Autoren Gilbert, Chabrol und rd [15] vergleichende Untersuchungen auf Galiensäuren am Urin ■ Tropfenzählers und im Blut mittels der Pe 1 1 e n'-k of e r tchen veröffentlicht. Ferner hat Be.th [16] eine Methode der quanti- i Schätzung der Galiensäuren im Duodenalsaft und Harn mittels nzählung ausgearbeitet, die aber infolge ihrer überaus grossen iziertheit für praktische Zwecke nicht in Frage kommt, ü meinen Untersuchungen, die zusammen mit Medizinalpraktikant mann (s. a. Inaug.-Diss. Königsberg 1922) ausgeführt wurden, e ich die Probe in folgender einfacher Form an, die eine verhält¬ st exakte Ablesung ermöglichte. if in Petrischalen oder Uhrschälchen gegossenen stubenwarmen Urin bzw. alsaft in verschiedenen Verdünnungen (s. u.) wurde mittels Messerspitze z kleines Häufchen von Schwefelblumen (Sulfur praccipitatum crudum) inger Höhe darauf fallengelassen. Nach Ablauf von 5 Minuten wurde nun i. ob sich ein ..Randschleier“ gebildet habe: Bei herabgesetzter Über¬ spannung verteilen sich nämlich die Schwefelblumen in dieser Zeit als ner, dünner Schleier um das Häufchen, während sie bei fehlenden äuren sich überhaupt nicht ausbreiten oder höchstens einen gröberen enkranz bilden, der sich, besonders mittels Lupe, leicht von dem chleier“ unterscheiden lässt. Mitunter wird die Probe nach 10 bis Uten noch positiv: wir betrachteten jedoch 5 Minuten als Grenze, miger Uebung gelingt die Unterscheidung zwischen positivem und ein Ausfall der Probe auch bei geringem Gallensäuregehalt leicht, das bei positivem Ausfall eintretende Zubodensinken von Schwefcl- als Kontrolle dienen kann. Auch wir stellten noch einige Kontrollen itung der Methode an. Kochsalz, Fettsäuren und Azetonkörper sollten h a b r o 1 und Benard sowie nach Doumes [17] die Oberfiächen- ng herabsetzen. Kochsalz ergab nur in praktisch nicht vorkommenden Nationen, Azetonkörper zeigten überhaupt keine positive Reaktion, ach Eingabe von Cadechol (Kampfer + Desoxycholsäure) blieb die i be negativ. ttds dieser Probe gelingt es nun zwar nicht, ein exaktes Maass i ^geschiedenen Gallensäuremengen zu erhalten, wohl aber eine er gl e ic h sz wecken genügende Schätzung der- u vorzunehmen, indem am Duodenalsaft und a in Diejenige Verdünnung festgestellt wird, die g e - noch einen positiven Ausfall gibt. In der Regel 3 rnehrere, zu verschiedenen Zeiten der Sondierung aufgefangene plportionen untersucht werden, um Fehlerquellen möglichst aus- Ussen. Um Lebcrgesunden fällt die Probe a m Urin stets n e - aus. Nach den französichen Befunden soll auch das Blut des Ge- trei von Galiensäuren sein. Im Duodenalsaft waren die er- n Verdünnungszahlen sehr ungleichrnässig. In der Mehrzahl lagen Ja h 1 e n d e r „L e b e r g a 1 1 e“ zwischen 1 : 200 und 1 : 500. Jere und höhere Werte wurden seltener angetroffen, wo- Uen unter 1:50, vielleicht sogar unter 1:100 bei Leber- pn wohl auf Verdünnung des Duodenalsaftes durch I °9er Pankreassaft oder auf Schleimbeimengung beruhen. , 'Höhere Werte fanden wir bei einem Ulcus duodemi mit früherer Chole¬ zystektomie (1:600), bei einem Diabetes (1:800) und bei einer per¬ niziösen Anämie mit Pleiochromie (1:800, I: 1000). Hierbei muss man an eine mehr oder weniger starke Beimischung von „Blasengalle“ den¬ ken. Daher wäre es zweckmässig, um brauchbarere Vergleichszahlen zu erhalten, zugleich eine quantitative Schätzung des Biliriibingehaltes vorzunehmen, da eine Beurteilung nur nach der Farbintensität sich als nicht ausreichend erwies. Meist war für uns eine quantitative Bili¬ rubinbestimmung wegen der gleichzeitigen Farbstoffausscheidung un¬ möglich. Positive Indigokarminausscheidunig änderte übrigens die Gal¬ lensäurezahlen nicht. Bei der Kongorotausscheidung aber zeigten die roten Portionen immer höhere Zahlen (z. B. 1:900; 1:1200). Ent¬ weder ist es also durch den Reiz des ausgeschiedenen Farbstoffes zu einer Gallenblasengallebeiinischung oder zu einer konzentrierteren Leber¬ gallensekretion gekommen °). Auch die teils spontan, teils nach intra¬ duodenaler Injektion von Pepton oder Magnesiumsulfat erhaltene dunk¬ lere „B 1 a s e n g a 1 1 e“ ergab wesentlich höhere Werte b i s zum f ü n f f a c h e n d e r „L e b e r g a 1 1 e“, wie folgende Tabelle Diagnose Leber galle Blasengalle Myalgie . 1 80 1 500 Leukämie . t l 120 l 600 II 1 200 1 700 Neurasthenie . 1 150 1 700 Splenomegalie . . . 1 180 1 650 Bronehiektasie . . I 1 250 1 1200 II 1 250 1 1200 Diabetes . 1 800 1 1800 Basedowoid .... I 1 400 1 2500 II 1 500 1 2500 Mehr übereinstimmend und von grösserer pathologisch-physiologi¬ scher und diagnostischer Bedeutung sind die bei Leberkranken erhaltenen Zahlen. Der Duodenalsaft (Lebergalle) von 9 Fällen von Icterus catarrhalis sowie von dem oben¬ erwähnten Fall von chronischer Cholangitis wie? bei wiederholt vorgenom rnener Untersuchung in verschiedenen aufgefangenen Portionen auf der Hölle des Ikterus die niedrigen Verdünnungszahlen von 1 : 20 bis 1 : 50, etwas höhere Zahlen bis zu normalen Werten beim Abklingen des Ikterus auf (s. Tabelle). Die Werte der Blasengalle waren dabei verhältnismässig hoch. D i e Gallen saurem engen i m Urin wäre n, wie wir in Ueber¬ einstimmung mit den französischen Autoren fanden, dagegen ganz auffallend gering oder fehlten ganz, obgleich doch an eine Retention wie des Bilirubins, so auch der Galiensäuren zu denken wäre. Meist gab nur der unverdünnte Urin eine positive Probe, die Stärkstmögliche Verdünnung betrug auf der Höhe eines Icterus cat. 1 : 3. Bei einem totalen Choledochusverschluss infolge von Karzinom sprach der stark bilirubinhaltige Urin sogar nur bis zu einer Verdünnung von 1:5 an! Dies stimmt damit überein, dass die genannten Autoren auch im Blut nur Spuren von Gallensäuren fanden. Dabei hat Zusatz von Urin zu Duodenalsaft oder zu einer Lösung von Na. glycocholic. keine Hemmung, sondern gerade eine Erhöhung der Verdünnungszahl zur Folge. Die folgende Tabelle gibt eine Uebersic'nt über die in der Lebergalle, der Blasengalle und1 im Urin gefundenen Verdünnungszahlen sowie einen Hinweis auf die Farbe der Lebergalle, auf Bilirubinurie und Urobilinogenurie und den Ausfall der Chromodiagnostik mit Indigo¬ karmin. (G. = Galiensäuren.) Diagnose Datum Lebergalle Blaseu- galle Urin Chromo¬ cholie Icter. catarrh. 30. XI. 5. XII. I : 20 hell 1 : 30 bell 1 : 20 - Bil. + Ug. ? G. 1 : 3 + Bil. + Ug. — G. 1 : 0 + negativ negativ negativ Ieter. catarrh. 19. XU. 1 : 20 bell I : 40 — Iiil. + Ug. + G 1 : 1 + Abkling. Icterus catarrh. 29. XI. 1 : 30 normal 1 : 40 1 : 20 1 : 60 — Bil. — LTor. G. — positiv Icter. catarrh. 14. XII. 21. XII. 1 : 50 bell I : 70 1 : 50 hell 1 : 120 Bil. + Ug + G. l : 1 + van. G. — negativ negativ Ieter. catarrh. Rezitiv. 24. I. 1. II, 8. II. 15 II. 23. II 1 : 40 dunkel 1 : 7 dunkel 1 : 8 dunkel 1 : 30 dunkel 1 : 15 dunkel I : 260 1 : 600 l : 300 Bil + Ug. G. l :0 -h Bil. + Ug. + G. — Bil. + Ug. ++ G. - BU.+ Ug.-f+4-G. - Bil. + Ug. -H- + G. - negativ negativ Abkling Icterus catarrh. 25. X. 1. xr. 1 : 100 normal 1:10 1 : 40 normal Bil. - Ug. ++ G. - Bil. — Ug. J- G — negativ negativ Abkling. Icterus catarrh 6. XII. 20. XI t 1 : 150 dunkel vac. dunkel 1 : 150 dunkel 1 : 210 1 :2m dunkel 1 : 250 1 : 800 1:60 Bil. ? Ug. -f- + G. — Bil. - Ug. ++ G. - positiv Abkling Ikterus catarrh. 12. I. 17. 1. 1 : 380 1 : 700 Bil. - Ug. ++ G. - Bil. — Ug.-f+G.l :0 + - Abkling. Ikterus cat arrh 5.1. 1 : 3U0 dunkel — Bil. — Ug. +- j- G. 4 : o -]- — Chron. Cholangitis subicterus t'. XI. 23. XI 23. XI [ 1 : 40 dunkel 1 : 100 normal 1 : 65 hell l : 400 1 : 500 1 : 700 Bil. 4- Ug. +++ G. - Bil — Ug.+++G 1:0 + Bii. - Ug. +++ G. - negativ negativ 8) Zufügung von Kongorot zu Lebergalle ergab keine verstärkte Herab¬ setzung der Oberflächenspannung. 34-1 MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT. Nr. Einige weitere Untersuchungen bezogen sich auf Leberkranke ohne Ikterus. Bei einer Cholelithiasis erhielten wir am Tage nach einem schweren Anfall niedrige Gallensäurezahlen der dunkelgefärbten Lebergalle (1 : 150) bei positiver Gallensäureausschei- dung im Urin: 1:1 + (Bil. — Ug. +++). Bei verringerter Gallen¬ säureausscheidung in den Darm war es also zu einem Uebei tritt von üallensäuren in das Blut und somit in den Urin gekommen. Vielleicut dürften diese Untersuchungsmethoden, besonders die Schwefelblumen- probe am Urin, eine differentialdiagnostische Bedeutung gerade für die Gallensteinkoliken haben. Vier Tage nach dem Anfall harn es an¬ scheinend zu einer Ausschwemmung der retinierten Salze. Anstieg in der Lebergalle auf 1 : 350 und 1 : 500, Uringallensäuren fehlend. Auch bei einem Kranken am Ende einer Salvarsankur konnten wir Gallen- Säureausscheidung im Urin bei auffallend, niedrigen Werten im Duo¬ denalsaft (1 : 80; 1 : 70) feststellen. Im übrigen hatten wir nur Gelegen- 'heit, den Urin einiger Leberkranken zu untersuchen. 2 Fälle von Ca. hepatis ohne sichtbaren Ikterus gaben stark positive Proben (1.2 und 1 : 3), ein dritter Fall reagierte negativ. Positive Probe ergab auch eine Bronchopneumonie mit grosser Fettleber (Autopsie). Hier zeigte die Untersuchung des Blutserums, dass zugleich ein latenter Ikterus vom Typus des „Stauungsbilirubins“ bestand. Negativ verlief die Reaktion bei einer schweren Leberzirrhose und bei der schon ge¬ nannten Zystenleber. III. F a 1 1 a sehe Gallenprobe. Urobilinogenurle. Falta, Högl er und Kn ob loch f 19] haben vor kurzem an¬ gegeben, dass nach Eingabe von 3 g Fel tauri siccum dep. es nur bei Leberkranken zu einer „alimentären Urobilinogenurie“ käme, voraus¬ gesetzt, dass keine Pleiochromie bestände, da hierbei die alimentäre Urobilinogenurie auch ohne Lebererkrankung auftreten könne. Ich habe diese Probe an einer Anzahl von Fällen nachgeprüft unter Ver¬ wendung des Merckschen Präparates. Da von den Autoren _ keine Zeitangaben gemacht waren, so verabreichte ich das Pulver meist am Vormittag und untersuchte den Urin vorher, dann 3— 5 Stunden später, zum zweiten Male nach 6 — 7 Stunden und in 4 Fällen 12 Stunden nach Eingabe. Ich konnte mich von der Eindeutigkeit dieser Methode nicht überzeugen, besonders wenn wir auch die Urobiliinprobe an¬ stellten, Wir erhielten positive Urobilinogenurie 4 Stunden nach Ein¬ nahme des Pulvers bei einer Leukämie, bei einem völlig kompensierten Herzfehler und bei einer grossknotigen verkäsenden Lungentuberkulose, positive Urobilinurie 12 Stunden nach Beginn des Versuchs bei einem Basedowoid, bei Hyperazidität und Epilepsie, also bei Erkrankungen, bei denen auf eine Leberveränderung nicht zu schliessen war. Anderer¬ seits gab die mehrfach erwähnte chronische Cholangitis mit Subikterus bis 6 Stunden nach der Einnahme kaum einen nennenswerten positiven Ausschlag, . wie folgende Tabelle zeigt. V 900 a. m. vor ]9C0 300 der Einnahme Übg. schwach ■T schwach + Cb. schwach + schwach -p schwach -j- Meine Untersuchungen führten mich auf die Vermutung, dass es Tagesschwankungen auch bei der spontanen Urobilinogenurie gebe. Daraufhin wurde bei der früher erwähnten Cholelithiasis vom 4. Tage nach dem letzten sehr schweren Kolikanfall ab der Morgen- (9 Uhr) und Abendurin (6 Uhr) täglich im Reagenzglase so stark verdünnt, bis nach Zusatz des Urobilinogenreagens eine Rotfärbung nach Ablauf von 3 — 5 Minuten nicht mehr zu erkennen war. Dabei ergaben sich nun, wie die folgende Kurve zeigt, ganz uner¬ wartet grosse Unterschiede im Urobiiinogengehalt des Morgen - und Abendurins. Die Abendportion ent¬ hielt 4 bis 7 mal so viel Urobilin ogen als die Morgen- Portion. Gleichartige Unter¬ suchungen bei Lebergesunden und anderen Leberkranken zeig¬ ten einige Male ebenfalls, wenn auch bedeutend niedrigere Ta¬ geskurven. Wahrscheinlich hängt diese, in der Literatur (Hilde- b r a n d t [20], Meyer-Betz [21]) nicht erwähnte Erschei¬ nung von dem stärkeren Gallen¬ fluss nach der Mittagsmählzeit ab. Nur Grimm [22] hat schon auf den Einfluss bestimmter Er¬ nährung auf die Urobilinogenurie hingewiesen, ohne aber auf die praktische Wichtigkeit einzu¬ gehen, Verschiedene Konzentra¬ tion der Urinportionen könnte allerdings zu ähnlichen Befunden führen. Trotzdem müsste unter Berücksichtigung meiner Befunde beim Suchen nach einer diagnostisch wichtigen Ürobilinogenuiie oder Urobilinurie bei negativem Befunde am Vormittagsurin stets auch der Abendurin untersucht werden, um nicht zu falschen Resultaten zu kommen. So müsste auch bei der Gallenprobe Faltas die Einnahme des Pulvers in den Morgenstunden und die Urinuntersuchung bis etwa gegen 3 Uhr nachmittags analog dem oben angeführten Versuch stattfinden, da eben eine positive l bilinogenprobe bei Leberkranken auch bei negativem Morgen- und \ mittagsurin am Spätnachmittag spontan auftreten kann. Zum Schluss sei noch ganz kurz auf d i e d i a g n o s 1 1 s i Bedeutung der Urobilinogenocholie hingewiesen (cf. i Strisower [23]. Im Gegensatz zur Norm war sie in der „Le1 galle“ sehr stark ausgesprochen bei obiger Cholelithiasis und bei Salvarsanhepatitis. Positive Rotfärbung ergaben auch ein abklinge Ikterus, ein Ulcus duodeni und der anscheinend lebergesunde Ivra mit negativer Chromocholie, während die Fälle von Icterus cat. Urobilinogen in der Lebergalle aufwiesen. Stets urobilinogenh: erwies sich, wie bei meinen früheren Untersuchungen 191, nur „Gallenblasengalle“. Literatur. 1 Lepehne: B.kl.W. 1921 Nr. 49. — 2. Rosenthal v. Falkenhausen: B.kl.W. 1921 Nr. 44. — 3. Stepp: Z. f. klin. i 1920, 89. S. 313. — 4. M e y n e r: M.K1. 1920 Nr. 26. 5. M e n d e 1: 1 Monatsh. 1904 S. 165. — 6. Lyon: New York medical Journal 1920, Nr 1 u 2 — 7. Simon: zit. nach Kongresszentralbl. 1921, 19, S. 101 8. Roth mann: Grenzgeb. 1921, 33, S. 497. — 9. Lepehne: D. Art klin Med 1921. 137, S. 78. — 10. Einhorn: New York med. Joi 1921, 114, Nr. 5, S. 262, zit. Kongresszentralbl. 1921, 20, S. 453. 11 Botzian: Grenzgeb. 1920, 32, S. 544. — 12. Rosenthal: D. I {. klin. Med. 1921, 135, S. 257; Arch. f. exp. Path. u. Pharm. 1921. 91. S. 24 13. Lepehne: I). Arch. f. klin. Med. 1921, 136, S. 88, 1921, 135, S. 1920. 132, S. 96. Erg. d. inn. Med. u. Kindhlk. 1921, 20. • 14. H. Mül Schweiz, med. Wschr. 1921 Nr. 36. 15. Gilbert, Cliab Benard: Cpt. rendus des seances de la soc. de biol. 1920, 83, S. zit. Kongresszentralbl. 1921. 17, .S 400; Gaz. des hopitaux 1921 Nr. 28 Kongresszentralbl. 1922, 21, S. 322. 16. Beth: Wien. Arch. i. jnn. 19M ? S 565 — 17. Doumes: Annales de med. 1921, 10, S. 26. Kongresszentralbl. 1921, 20, S. 292. — 18. Fuhrmann und Kisch: d. ges. exp. Med. 1921, 24, S. 84. — 19. F a 1 1 a, H ö g 1 e r und K n o b 1 r MmW 1921 Nr. 39. — 20. Hildebrandt: Z. f. klin. Med. 1906 S 351 — 21. Meyer-Betz: Erg. d. inn. Med. u. Kindhlk. 1906 o. ooi. — ui. m ^ y w i v «. ^ . . . ' _ S. 733. — 22. Grimm: Virch. Arch. 1893, 132, S. 246. — 23. S t r l s o » f Aus der Medizinischen Universitätsklinik Frankfurt a. I (Direktor: Prof. Dr. v. Bergmann.) Zur Frage der Pankreasfunktion bei der Ruhr. Von Dr. Ladislaus v. Friedrich. Das alljährlich immer von neuem beobachtete Aufflackern und treten der Ruhr wäre schon allein genügend, um unser Interesse d Krankheit zu widmen. Wenn wir uns überlegen, dass zu diesen al frischen Fällen noch zahlreiche der chronischen Formen — welche i von Kriegszeiten stammen — hinzukommen, so ist es erklärlich, nicht nur der chronisch werdende Charakter dieser Infektionskran das Interesse der Klinik in den letzten Jahren auf sich lenkte, sot auch andere, vielseitige, mit dieser Krankheit Zusammenhang Probleme. Die zahlreichen Beobachtungen der Kriegszeit — wo infolge grossen Materials auch bei der Ruhr besonders reichliche Erfahru gesammelt werden konnten — haben ergeben, dass Magenstöru bei Dysenterie durchaus häufige Erscheinungen sind. Dass scho akuten Stadium der Magen in Mitleidenschaft gezogen wird, ist ins nicht zu verwundern, da dies schon von allen fieberhaften Erkrankt und vor allem von solchen bekannt ist, die entweder durch schweren toxischen Eigenschaften oder wegen anderer Umstänc ich erwähne nur den grossen Wasser- und Kochsalzverlust — Organismus schädigen. Anders liegen die Verhältnisse in der Ri valeszenz und nach Ablauf der Krankheit. Während nach den nu Infektionskrankheiten die begleitende Gastritis oder funktionelle Mi Wertigkeit des Magens zur Norm zurückkehrt — rein klinisch : durch gesteigerten Appetit sich kennzeichnend — , finden wir be Ruhr gerade da erst Klagen von den Kranken angeführt, die über die Rekonvaleszenz reichen. U f f e 1 m a n n konnte scho Jahre 1875 bei ruhrkranken Kindern An- oder Subazidität festst Vermehrt erfolgten solche Publikationen im Kriege, es seien Schlesinger fl], Porges [2], Edelmann [3], Cahn B r ii n a u e r [5], Roubitschek und L a u f b e r g e r [6], S cl der [7] u. a. genannt. Nur ln der Deutung der postdysenteri: Achylie sind sich die Autoren nicht einig. Ein Teil nimmt an, die Achylie schon vor der Infektion da war, nur latent gebliebe und gerade diese begünstigte die Ruhrinfektfon. In diesem äusserten sich Porges, Cahn, Roubitschek. Dagegen gl: die andern es als Ruhrfolgezustand auffassen zu können. _ S c h r ö der seine 37 Fälle schon während der Krankheit lind in der R valeszenz beobachten konnte, meint, dass die Achylie eine Folg Ruhrtoxinwirkung auf die Magendrüseif sei. Er meint ferner, da: schwersten Achylien bei der S h i ga - K r u s e - Ruhr vorkommet allgemeinen verlaufen ja die S h i ga - K r u s e - Ruhrfälle am sc sten. Doch ist es nicht die Regel, wie ich [8] das auch bei Bes bung einer Epidemie' zeigen konnte, bei welcher der Shiga-Kr Bazillus in allen Fällen entweder bakteriologisch oder serologisch gewiesen werden konnte und die Fälle doch in kürzester Zei leichtesten Ablauf zeigten. Die Klinik ist also hier inassgebcndei das neuerdings wieder von S t ra u s s [9| betont wird. Ueber die n keit der postdysenterischen Achylien ist auch noch keine Heb März 1922. MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT. (■MF . vmung in der Literatur. Die Mehrzahl der genannten Autoren al in 21 3 oder 50 Proz. ihrer Fälle Anazidität. Dagegen fand Laus s [101 in Uebereinstimmung mit R ö in h e 1 d und A. A 1 e xa n - I r nur in 30 Proz. der Fälle Achylie; aber es mag wohl, wie er j betont, vom Zeitraum der Beobachtung abhängen. Ausser den Magenbeschwerden, die ihre Erklärung teilweise in Anazidität oder Achylie finden, stehen die Darmerscheinungen auch den chronischen Ruhrformen bei einer grossen Gruppe der Er- x ikten im Vordergrund der klinischen Symptome. Wir wollen von kolitischen Erscheinungen ganz absehen, weil sie doch selbstver- tidlich zum eigentlichen Bild der Ruhr gehören. Wenn wir mit asburger[ll] drei Formen der chronischen Ruhr anerkennen, so es hauptsächlich die dyspeptisch-diarrhoischen Fälle, die uns vor ii interessieren. Es wechseln dabei oft Obstipation mit häufigen chfällen. Bei der Häufigkeit der Achylie resp. der Subazidität war laheliegend, bei denjenigen Fällen; wo nicht mehr erkennbare Zei- l eines Dickdarmkatarrhs vorliegen, an gastrogene Diarrhoen zu cen oder, was auch naheliegt, an eine Schädigung der Pankreas- tion. Wir wissen ja, dass die Salzsäure der natürlichste und stärkste ;ger der Pankreassaftsekretion wenigstens im Tierexperimente ist. ;ler Literatur liegen mehrfache Untersuchungen vor. die das Ver- ien der Pankreassekretion bei Achylia gastrica zum Studium wähl- : So fanden Frank und Sch itten heim [12] bei Anaziden im riihstück V o 1 h a r d s Trypsin, ebenso Gross [13] im Stuhl. V o 1 - d [14] traf bei 22 Achylikern 9 mal kein Trypsin im ausgeheberten eninhalt nach Oelfrühstück an. Gross fand neben Achylia gastrica Jylia pankreatica auch bei Kranken ohne Durchfälle. Ehr mann "Lederer [15] fanden bei 98 Fällen von Achylie und Anazidität ipsin überaus reichlich im Mageninhalt. Kuttner [16] sagt, dass Achylia gastrica auch eine Achylia pankreatica hinzutreten kann, li ist das ein seltenes Vorkommnis, v. Noorden [17] fand nor- i; Ausnutzung der Nahrung bei Achylikern und nur selten niedere enentwerte im Duodenalsaft. Aehnliohe -Beobachtungen machte l z b u r g [18], — Glässner [19] teilte vor kurzem Resultate mit, er bei akuten und chronischen Ruhrkranken erhob, er zeigte, aller- js an einem sehr kleinen Material (8 Fälle), dass die akuten Ruhr- mit einer Pankreashypochylie einhergehen, bei den chronischen ihn fand er eine vollkommene Pankreasachyiie im Duodenalsaft, ■untersuchte aber nur auf Trypsin. Katsch und ich [20] > teil vor kurzem bei Angabe einer neuep Methode der Pankreas- ! etionssteigerung an einem grossen Material von Achylien zeigen, i die Magenachylie keineswegs, parallel mit einer Pankreasachyiie i ergeht, ja wir konnten in keinem Fall eine komplette Pankreas- : iie finden. Was die Durchfälle betrifft, konnten wir keinen Pa- ; iisrnus zur Pankreasfunktion finden; die funktionellen Pankreas- ochylien verliefen nicht gleichzeitig mit Diarrhoe. Wir untersuchten ili auch einige Ruhrfälle mit demselben Ergebnis. Von diesen er- » nen Befunden ausgehend schien es ganz lohnend, eine grössere ie von Ruhrkranken auf das Verhalten des Pankreas zu unter- ! en und zwar in verschiedenen Stadien der Krankheit. Die Technik war die übliche. Ich untersuchte den mittels der llenalsonde gewonnenen Duodenalsaft auf Trypsin und Diastase; i Steapsin wurde diesmal nicht untersucht, da es sich bei den vor- lehenden Untersuchungen zeigte, dass sein Verhalten wechselnd ist keine charakteristischen Eigenschaften der Pankreasarbeit dar- ; . Ich w'andte auch die in der erwähnten Publikation empfohlene ! erreizmethode an. Die Fermentuntersuchungen sind nach der i lode von F u 1 d und Wohlgemuth ausgeführt worden. Da ch bei den Vorversuchen zeigte, dass der unverdünnte Duodenal¬ in allen Röhrchen verdaut wurde, wurde ein lv 10 verdünnter Saft wendet. Untersucht wurden insgesamt 20 Fälle. Es wäre zu ührend, auf alle Fälle einzugehen; am besten veranschaulichen ■rhobenen Resultate Tabelle 1 und 2. wo getrennt die akuten von chronischen Fällen zu sehen sind. Jeberblicken wir die Tabelle 1, wo die akuten Rulirfälle zusummeii- •Ült sind, so sehen wir vor allem, dass in keinem der 10 Fälle die für die i easverdauung charakteristischen Fermente Trypsin und Diastase fehlen, öintersuchten Fälle sind sichere Ruhrfälle gewesen. Die Diagnose wurde 1 -'der bakteriologisch oder serologisch gesichert, oder gelang dieser, Nach- ; nicht, was ja bei der Ruhr öfters zutrifft, so war das klinische Bild das i einwandfreien Dysenterie. Es befinden sich da Fälle, die ganz am n der Erkrankung untersucht wurden, ferner solche, die nach einigen i nach Aufhören der akuten Erscheinungen untersucht wurden, und auch D; bei welchen die akuten Erscheinungen zwar abgeklungen waren, die £ immer noch breiige Durchfälle ohne Schleim- und Blutbeimengungen G (Fall 1 und 4). Die Magenuntersuchung ergibt, wie das ja schon bc- r . bereits im akuten Stadium eine Subazidität (Fall 4 und 9), aber auch Achylie. Hier möchte ich darauf hinweisen, dass die Untersuchung üchternen Mageninhaltes, welchen wir mit der Duodenalsonde gewinnen, er in das Duodenum gelangt, nicht gleichzusetzen ist mit dem Ergebnis ’robefrühstiicks (siehe die Fälle 2, 4, 5, 7). Ist doch das Probefrühstück anz anderer sekretorischer und motorischer Reiz auf den Magen, als 1 Godenalsonde. Was zunächst das Trypsin betrifft, so sehen wir den : gsten Wert in 'Fermenteinheiten, ausgedriickt: 16 vor der Aether- fung bei Fall Nr. 3, wo noch Fieber und Durchfälle bestanden; dass aber 5 Pankreas funktionsfähig ist, zeigt die Reizbarkeit nach Aether- itzung. Fall Nr. 8 zeigt ebenfalls niedrige Werte, dagegen finden wir 1 all 7 iin Beginn der Erkrankung äusserst hohe Fermenteinheiten. Die Gsewerte waren am niedrigsten bei Fall Nr. 8, wo auch die Trypsin- : nieder ausgefallen sind. Die höchsten Werte sehen wir bei Fall 4 bei äusserst schweren Ruhr. Dass beide Fermente nicht parallel abge¬ 345 sondert werden, bessel- gesagt nachgewiesen werden können, wurde schon in der erwähnten Arbeit von Katsch und mir betont und wir sehen hier wieder die Bestätigung dieser Beobachtungen (siehe Fall 1, 4, 5). Es können daher bei der Beurteilung der Pankreasfunktion durch einseitigen Ferment¬ nachweis auch aus diesem Grunde Fehler erwachsen. Dass nicht die Schwere des Falles, noch weniger die Verschiedenheit des Erregers, das Maassgebende ist, beweisen einige Fälle (Nr. 2, 8, 10). Ebensowenig ist für die Durchfälle die Magenachylie maassgebend. Wenn wir uns klarmachen, dass die er¬ haltenen Befunde sich alle auf 1 : 10 verdünnten Duodenalsaft beziehen, so müssen wir erkennen, dass bei den akuten Fällen nur selten eine deutliche Hypochylie des Pankreas nachgewiesen werden konnte. Dass das Pankreas nur funktionell hypochylisch war, beweist am besten, dass mittels Aether- reizes in den meisten Fällen eine erhöhte Tätigkeit zu erkennen war. Die Titrationsazidität schwankte zwischen. 8 — 15 ccm n/10 NaOH mit Phenol¬ phthalein als Indikator auf 100 ccm Saft berechnet. Das spezifische Gewicht des Saftes betrug 1008 — 1014. Wenden wir uns zu der Tabelle 2, zu den chronischen Fällen, so sehen wir hier 10 Fälle untersucht, bei welchen die Ruhrinfektion schon lange zurückliegt, aber die Krankheit noch gar nicht zum Stillstand gekommen ist oder nach zeitweisem Wohlbefinden immer von neuem aufflackert oder sogar von neuem beginnt, so dass wir in diesen Fällen von einem Ruhrrezidiv sprechen können. Zunächst finden wir hier bei den Magen.inhaltsunter- suchungen in den meisten aber nicht in allen Fällen eine Achylie. Noch auffallender ist hier die Erscheinung, dass der nüchterne Mageninhalt weniger verdauungstüchtig ist als der nach dem Probefrühstück gewonnene, was nach dem Gesagten selbstverständlich ist, doch berücksichtigt werden muss. Bei einem einzigen Fall (Nr. 6) sehen wir kein tryptisches Ferment im Duodenal¬ saft. Allerdings ist sehr zu betonen und bemerkenswert, dass derselbe Fall nach Aethereinspritzung doch Trypsin aufweist, doch vor allem ist in ihm die Diastase reichlich vorhanden. Starke Durchfälle bestanden in diesem Fall trotz der vorhandenen Magenachylie und Mangel des tryptischen Ferments, nicht. Die niedrigsten Trypsinwerte vor Aether zeigt Fall 7, ein äusserst hartnäckiger chronischer Fall; doch nach Aether zeigt auch er normales Ver¬ halten. Sehr hohe Werte zeigen Fall 2 und 4 trotz der bestehenden Durch¬ fälle. Diastase fehlt in keinem Falle, doch sind die Werte vor Aether, also im nicht präparierten Duodenalsaft in vielen Fällen niedrig. Parallelismus zwischen Diastase und Trypsin fehlt öfters, wie dies Fall 2 und 4 zeigen. Vergleichen wir die beiden Tabellen, so sehen wir keine wesentlichen Unter¬ schiede. Wir können also in den chronischen Fällen auch -nur höchstens die Hypofunktion des Pankreas feststellen, ohne dass hierbei die Schwere des Falles beurteilt werden könnte. Es ist keinesfalls aus unserem Material zu er¬ sehen, dass die Achylie bei der Ruhr gleichzeitig von einer Pankreasachyiie begleitet wird oder gar, dass das Ruhrtoxin in spezifischer Weise das Pankreas schädige, wie es scheinbar beim Magenparenchym der Fall ist. Dass bei akuten schweren Krankheiten, also auch bei der Rühr, die Drüsen¬ organe keine normale Funktion entfalten, ist geläufig und so ist es auch nicht zu verwundern, dass bei den akuten schweren Fällen, wo der Wasser- und Chlorverlust des Organismus hochgradig ist, auch die Pankreasfunktion darniederliegt. Ebenso kann man sich die Hypo¬ funktion oder' zeitweilige Afunktion des Pankreas erklären bei den schweren chronischen Formen, die zur Kachexie führen, oder bei den ödetnatösen Formen. Leider hatten wir keine Gelegenheit, solch eine toxisch-kachektische Form zu untersuchen. Wenn wir uns also über¬ legen, worin die prinzipiellen Unterschiede unserer Untersuchungen gegenüber denen G 1 ä s s n e r s bestehen, so können wir uns leicht vor¬ stellen, dass er durchweg solche schwere Formen der chronischen Ruhr untersuchte. Allerdings fehlten uns seine klinischen Daten und seine Untersuchungen beziehen sich nur auf das tryptische Ferment. Dass aber bei der Ruhr Stühle zu beobachten sind, die so gedeutet werden können, dass sie auf eine Pankreassekretionsstörung hinweisen, wird von vielen Autoren beschrieben. So betont schon Porges (1. c.) dass man auch in der Rekonvaleszenz der Ruhrkranken öfters Stühle sieht, die unveränderte Speisereste enthalten, manchmal wieder Stühle, die eine Gärungsdyspepsie zeigen. Die Ursache derselben nach diesem Autor sei die vorhandene Magenachylie, es seien daher diese Störungen gastrische Diarrhöen, aber er denkt auch schon an eine Mit¬ beteiligung des Dünndarms im Sinne einer Gastroenterokolitis. A 1 b u [21 1 sagt, dass die Dünndarmbeteiligung mit einer gleichzeitigen Hyper- motilität des Magens häufig bei der Ruhr vorkommt. Kuttner und L ehma n n [22] deuten die Diarrhöen meist als funktionell oder als Zeichen einer chronischen Kolitis. Schmidt und Kaufmann [23] glauben, dass diese unveränderten Speisereste im Stuhl auf Fort¬ bestehen des Katarrhs im Ileum hinweisen. M a 1 1 h e s [24], Löwen- t h a l [25] u. a. heben auch sowohl bei akuten und chronischen wie postdysenterischen Kolitiden den Dünndarmcharakter in einzelnen Darm¬ entleerungen hervor. S t r a s b u r g e r (1. c.) untersuchte bei der dys¬ peptischen Form der chronischen Ruhr die Pankreasfunktion mittels der S c h m i d t - K a s c hiv a d o sehen Kernprobe und fand hierbei keine Veränderung. Jedoch betont er, dass diese Probe nur gröbere Störungen der Pankreasfunktion aufzudecken imstande ist. Er meint, dass bei den Fällen, wo in den Fäzes unverdaute Nahrungsreste zu finden sind, es sich nicht um eine gastrogene Diarrhöe handelt, son¬ dern um Funktionsstörungen des Dünn- und Dickdarmes, ferner, dass die Durchfälle nicht durch Fehlen der Salzsäure bedingt seien, sondern es handele sich um koordinierte Störungen gleichzeitig des Dünndarmes oder der Bauchspeicheldrüse. Strauss (1. c.) fand in einer grossen Anzahl Fälle, die er mittels der Probedarmdiät untersuchte, viele, die auf Pankreasstörungen hinwiesen. Wir fanden selbst bei Anwendung der Schmidtseben Probekost öfters bei den untersuchten Fällen geringgradige Störungen; teils viel Neutralfett, Fettnadeln, Stärkereste oder Muskelfaserreste. Jedoch konnten wir in keinem Falle aus dieser Probe einen auffallenden Ausfall der fermentativen Tätigkeit 346 MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT. Nr. 1( Tabelle 1. Akute Fälle. Nr. Name und Alter Probe¬ frühstück Mit, der Duodenalsonde Trypsin- | Diastase- Einheiten Klinik und Bemerkung - - — - - Magen¬ inhalt Duodenalsuft Vor j Nach Aether Vor | Nach Aether 1 1 A. R. 18 J. 35 ccm 25 : 48 80 ccm 8 : 14 12 ccm Jk XaOH 1 125 125 1 64 250 Leichte Ruhr. 3. Woche nach Beginn der Erkrankung untersucl Stühle noch breiig. 2 W. St 50 J. 62 ccm 18 : 38 20 ccm 6 : 28 10 c cm ~ NaOH 125 N. B. 125 X. B. -\V i dal : 1 : 320 positiv auf Shiga-Kruse Seit einem Monat DurcUfal Schleim und Eiter im Fäzes. Rektoskopisch : 8 cm über de Spinkter 2 erbsenarosse Ulcera. 3 M. Z. 24 J. 70 ccm 16 : 36 Sofort kam Duod.-Saft N. B. 16 32 64 125 20. Tag der Erkrankung. Noch Temperaturen. 5— 6 mal tägl. sclileimi breiige Stühle. Im Stuhl Y-Bazillen. 4 K. B. 54 J. 10 eem 8 : 25 • 25 cem 0 : 4 12 ccm NaOH 64 250 250 250 64. Tag der Erkrankung. Schwere Ruhr. Schleim und Nacligäru im Stuhl. 5 M. G. 11 J. 50 ccm 20 : 43 40 ccm 5 : 12 10 ccm Jjj NaOH 125 N. B. 64 N. B. Leichte Ruhr. 7. Tag der Erkrankung. Noch blutig-sclüeim. Durckfäl 6 J. R. 24 J. 15 cem 4 : 28 30 cem 0 : 4 12 ccm Jjj NaOH 64 125 125 125 Am 6. Tag der Erkrankung. Stuhl ent! alt kein Blut mehr. 7 E. B. 53 J. 80 ccm 18 : 30 25 ccm 0 ; 6 N. B. 250 N. B. 125 N. B. 2. Tag der Einlieferung. Frische Ruhr. Durchfälle, Tenesmen. 8 A. P. 40 J. 40 ccm 0 : 6 N. B.*) 15 ccm ^ NaOH 32 32 32 64 Am 14. Tag der Erkrankung. Zeitweise diorrhoische Stühle 9 Fr. H. 9 J. 45 ccm 5 : 24 80 ccm 0 : 20 8 ccm ^ NaOH 64 N. B. 125 N. B. Bakteriologisch: Flexuer 5. Tag der Erkrankung. • 10 B. 0. 64 J. 1 40 ccm O : 12 U «->*<>* 1 J 125 1 125 250 500 4. Woche. Zeitweise noch Durchfälle. Bakteriol.: Typus Y. 1 •) N. B. = Nicht bestimmt. Tabelle 2. Chronische Fälle. Nr. Name und Alter Probe- frühstück Mit der Dnodenalsonde Trypsin- | Diastase- Einheiten Klinik und Bemerkung o'- Magen¬ inhalt Duodenalsaft Vo t | Nach Aether Vor | Nach Aether 1 M. H. 40 J. 55 ccm 0 : 11 40 ccm 0 : 8 4 ccm NaOH 16 1 64 64 250 1915 Ruhr. Seitdem Magen- und Darmbeschwerden. Seit 2 Wocl besonders nach Schwarzbrot neuerlich Schmerzen uud Dutelifa 2 A. R; 21 J. 80 ccm 25 . 40 10 ccm 4 : 18 10 ccm NaOH 500 500 125 250 August 1920 Ruhr- Darnach monatelang krank. Jetzt zeitweise s schmerzhafte Dickdarmspasmen unil Durchfälle. 3 G. K. 43 J. 64 ccm 0 : 14 Sofortkam Duod.-Saft 12 ccm NaOH 125 N. B. 64 N. B. 1916 Ruhr. Seit 3 Wochen neuerlich Beschwerden. Appetitlosigk Durchfälle. Flexner aggl. positiv. 4 G. K. 28 J. 113 ccm 7 : 38 20 ccm 0 : 15 11 ccm ^ NaOH 250 250 64 250 1917 Ruhr. Seitdem Blähungen. Täglich dreimal Stühle. 5 J. K. 39 J. 115 com 10 : 26 10 ccm 0 : 14 8 ccm ^ NaOH 64 N. B. 64 N. B. Juli 1920 Ruhr. Flexner aggl. positiv. Jetzt wieder Durchfälle Stuhlbeschwerden. 6 K. S. 30 J. 225 ccm 0 : 14 20 ccm 0 : 8 N. B. - 16 500 1000 1919 Ruhr akquieriert. Seitdem Beschwerden. Rektoskopisch n Geschwüre. 7 F. D. 50 J. 43 ccm 0 : 4 N. B. 6 ccm ^ NaOH 32 125 125 250 Juli 1918 Ruhr. Im April 1921 Autnanme m uiu jvuiuk iheumatoid. Bei schweren Speisen oder olme Salzsaurem kation staike Durchfälle. 8 M. W 27 J. N. B. 20 ccm 18 : 30 25 ccm 0 : 15 8 ccm NaOH 125 N. B. 250 N. B. Vor 114 Jahren Ruhr. Nach gewöhnlicher Nahrung, hauptsäcb Brot, Durchfälle. 9 E. W. 19 J. 30 ccm 26 : 40 10 ccm NaOH 64 125 64 125 Vor V« Jahr Ruhr. Subakute Form. 10 E. Th. 28 J. 85 ccm 0 : 6 Sofort kam ■„ -o. Duod.-Saft. [ D- 125 125 1 250 N. B. 1 Vor 2 Jahren Ruhr. Zeitweise Durchfälle. des Pankreas oder des Darmes erkennen. Wir glauben daher, dass die mangelhaft ausgenutzten Nahrungsreste auf Dünndarm Schädigungen zurückzuführen seien. Dass d’ie anatomischen Grundveränderungen im Dünndarm durchaus nicht so selten sind, beweisen die Arbeiten Schmidt und Kauf¬ manns (1 c.). Grub er und Schaedels [26], die sogar allein im Dünndarm die Ruhrgeschwüre als isolierte Erscheinungen beschreiben. Aber es braucht gar keine anatomische Grundlage im Dünndarme vorzuliegen, eine gesteigerte Peri¬ staltik infolge Unstimmigkeiten im vegetativen Nervensystem genügt auch zur Erklärung dieser Befunde. Wenn wir also zu der Erklärung der diarrhöischen Zustande und der dyspeptischen Erscheinungen durchaus nicht das Pankreas als Hauptfaktor oder im Mittelpunkt der Erkrankung stehendes Organ an¬ erkennen. so stehen wir hier im vollen Einklänge mit der Auffassung von v. Noordens (1. c.). der die Hypochylia des Pankreas nicht hoch einschätzt und im Fehlen der Salzsäure noch keinen Grund zum Versiegen der Pankreassekretion annimmt. Die diarrhöischen Zustände sind teils Folgezustände der zu Achylia gastrica sich hinzugesellenden Affektion des Dünndarmes oder derselbe wird vom Dickdarm aus as- zendierend infiziert. Strasburger weist auf diesen „schwachen Darm" nach Ruhr hin, ohne dass wir mit Sicherheit wüssten, ob immer ein anatomisches Substrat dahintersteckt. Jedenfalls ist nach unserer Auffassung die Pankreasschädigung bei der Ruhr, wenn überhaupt v handen, nur selten — Grote [27] konnte an einem grösseren Mate auch nur zwei Fälle beobachten — und von funktioneller Natur i wir müssen da mit v. Noorden und Strasburger an eine koo nierte Folge gleicher Ursachen denken, dagegen die diarrhöischen stände als durch den Dünndarm bedingte auffassen. Literatur. 1. W. Schlesinger: Vereinsber. d. Oes. f. hin. Med. W Februar 1915: ref. M.m.W. 1915 Nr. 10. — 2. Porges: M.m.W. Nr. 17. — 3. E d e 1 m a n n: Zit. nach B r ii n a u e r. — 4. ü ahn: B.ki.w. i Nr 24. — 5. B r ü n a u e r: W.m.W. 1917 Nr. 6 u. 7. — 6. R o u b 1 1 s ch und Laufberger: Tlier. Mh. 1915 Nr. 6. — 7. S c h r ö de r: D.m.W. . Nr. 37. — 8. v. Friedrich: D.m.W. 1917 Nr. 51. 9. H. S t r au Sammlg. zwangt Abhandl. d. Verdauungskrankh. 1921 7, H. lli. 10. Ders.: Verhandl. d. Oes. f. Verdauungskrankh. in Homburg 1901, Karger. — 11. Strasburger: D.m.W. 1921 Nr. 16, 17 u. IS. 12. Frank und Schittenhelm: Zschr. f. exp. Path u. Ther. 191J, » 13. Gross: M.m.W. 1912 'S. 2797. — 14. Volhard: M.m.W. 1907 S. — 15. Ehrmann und Lederer: B.kl.W. 1908 Nr. 31. — 16. K nt t n Kraus-Brugsch’ Spez. Path. u. Ther. 1914. 17. v. N o o r d e n -S c h nn Klinik der Darmkrankheiten 1921. — 18. Günsburg: M.K1. 1918 Nr 4S 19. Glässner: W.kl.W. 1920 Nr. 39. — 20. Katsch und v. Fr iedri Klin. Wschr. 1922 H. 3. — 21. Albu: M.K1. 1920 Nr. 39 und M.m.W. Nr. 16. — 22. K u 1 1 n e r und Lehmann: M.K1. 1920 Nr. 2. Schmidt und Ka uff mann: M.m.W. 1917 Nr. 23. 24. Matth März 1922 MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT 347 rschauer Kongr. f. inn. Med. 1916. — 25. Löwenthal: Arch. f. Ver- ungskrankh. 1919. — 26. Qruber und Schaedel: M m W 1918 I 35. — 27. Grote: M.KI. 1920 Nr. 35. Aus der medizinischen Klinik Würzburg. (Vorstand: Prof. Dr. Morawitz.) !jer die Gewinnung von Dünndarminhalt beim Menschen. Von Prof. Dr. Ganter. Durch die von mir angegebene Darmschiffchenmethode [l] sind 1 in den Stand gesetzt, beim Menschen ohne grösseren Eingriff i ohne. dass durch die Untersuchung pathologische Zustände gesetzt • den sind, aus jedem beliebigen Darmabschnitt Inhalt zur bakterio- < sehen oder chemischen Untersuchung zu gewinnen. Die von mei- i Mitarbeiter van der Reis [2] angegebene Methode ermöglicht in entsprechender Weise, gelöste Substanzen an beliebigen Stellen ( Darmkanals auszugiessen. Die Schwierigkeiten, die den angege- P Methoden anhaften, sind wohl die Ursache, weshalb diese keine j;ere Verbreitung gefunden haben, trotz des Interesses, das man, : die zahlreichen Zuschriften beweisen, ihnen entgegengebracht hat j Hauptschwierigkeiten liegen zunächst darin, dass für die Verfahren : starker Magnet erforderlich ist. dessen Beschaffung wegen des ■:n Preises den wenigsten Kliniken möglich sein wird. Weiterhin ort zur Anwendung der Verfahren eine meist wiederholte Röntgen- . hleuchtung. Dann ist die Ausführung ziemlich zeitraubend und irdert ein sehr gewissenhaftes und aufmerksames Pflegepersonal, 1 auch von Seiten des Kranken setzt die Durchführung eine gewisse inerksamkeit voraus. Mit dem Verlust von Schiffchen ist immer echnen. Wenn sich die angegebenen Methoden bei Gesunden oder leicht siken, wie unsere Erfahrung gezeigt hat, unschwer durchführen p, so begegnen sie doch bei Schwerkranken beträchtlichen Schwie- j Uten, die sich aus der verminderten Beweglichkeit des Kranken |ben. Durchleuchtung mit Röntgenstrahlen auch bei Anwendung Trochoskops und die Anwendung des Magneten stellen Anfor- jngen, denen Schwerkranke gelegentlich nicht gewachsen sein len. Schliesslich war man bei den Schiffchen an eine gewisse Grösse finden, unter die man praktisch nicht heruntergehen konnte. Die j derlichen Dimensionen machten die Anwendung in dem Zweige ; Medizin gerade besonders schwierig, bei dem die Untersuchung der jnflora von besonderem Interesse und von weittragendster Bedeu- I ist, nämlich in der Kinderheilkunde. | Seit Anwendung der Methode bin ich bestrebt, sie zu verbessern * sie derart auszugestalten, dass die obenerwähnten Schwierig- i n wenn nicht beseitigt, so doch vermindert werden. Eine Voraus- iing für die Anwendung einer neuen diagnostischen Methode ist | Unschädlichkeit. In der Furcht zu schaden, werden wir immer {Neigung haben, uns möglichst weit von der Gefahrzone zu halten Nissern Sinne mit Unrecht insofern, als wir uns damit häufig ; Mittels begeben, das zur richtigen Diagnose führt und so zum Entscheidenden Vorteil des Kranken wäre. Je mehr man eine j eilende diagnostische Methode beherrscht, um so sicherer wird in der Beurteilung der Grenze, an der eine Gefahr für den jken droht. Bei der Schiffchenmethode hat sich sehr bald ge- , dass sie völlig gefahrlos ist. Daraus ergab sich, dass die jiode zur Erreichung des Endziels wesentlich angespannt werden ■ Die Richtung, in der die Verbesserung anzustreben war, wurde 1 nur von den obenerwähnten Schwierigkeiten bestimmt, sie ergab | auch aus den Erfahrungen, die ich bei meinen Untersuchungen 1 Dünndarmperistaltik [3] gesammelt hatte. Bei diesen Unter¬ fingen hatte ich anfänglich die Sorge, ob auch nach Ablassen Unt aus dem Gummikranz bei der Entfernung des Schlauches aus Dünndarm nicht Schwierigkeiten entstünden. Die Versuche haben Borge als völlig unbegründet erkennen lassen, der Schlauch mit (kollabierten Kranz Hess sich leicht herausziehen. Diese Erfahrung 4 es nahe, zu versuchen, ob nicht durch Anwendung eines dünnen huch es, den man vom Munde aus durch Oesophagus und Magen hn Dünndarm befördert, gewissermassen durch eine verlängerte h o r n sehe Duodenalsonde, Darminhalt zu gewinnen wäre. Es dies doch eigentlich die einfachste und naheliegende Lösung des lems. Es zeigt sich, dass die Einführung und, was ebenso wichtig. Entfernung eines mehrere Meter langen Schlauches sehr wohl ?t. Nachdem dies festgestellt ist, muss praktisch auch aus den i en Abschnitten des Darmes Inhalt ähnlich zu gewinnen sein wie '-lern Duodenum. Sobald es sich aber um bakteriologische Unter- ■ingen handelt, die mit dem Dünndarminhalt vorgenommen werden n, so >st die einfache verlängerte Duodenalsonde nicht ohne Lres anwendbar. Es würde sonst nach Einführung des Oliven- -5 in den Magen Mageninhalt in den Schlauch treten. Bei An- -‘n von Dünndarminhalt würde eine Mischung mit dem Magen- d erfolgen und die Bakterien des letzteren würden die Unter¬ fing des Dünndarminhaltes zum mindesten sehr erschweren. fS war daher eine „Sonde“ zu verwenden, die beim Einfuhren [nSe geschlossen ist, bis das Kopfende die Stelle des Dünndarmes -'ht hat, aus der Inhalt entnommen werden soll, he Forderung wurde auf folgende Weise erfüllt: Es wurde em einen Ende eines mehrere Meter langen dünnen Schlau¬ er. 10. chcs die mehrlöcherige Olive der üblichen Duodenalsonde befestigt. Ucber den freien, löcherigen I eil der Olive wurde ein kurzes etwas weiteres, dünnwandiges Schlauchstück gestülpt, dessen Ende verschlos- Sen Yi11"- Durch dieses iibergestiilpte Schlauchstück wird der Zutritt von Magen- und Darminhalt verhindert. Zum Verschluss des kurzen Schlauchstückes kann ein kleiner Metallzylinder Verwendung finden, der bei eventueller Röntgendurchleuchtung leicht neben der kleineren' Olive zu erkennen ist. Ist das auf die angegebene Weise vorbereitete Kopfstück nun in den Teil des Dünndarmes gewandert, aus dem Inhalt entnommen wer¬ den soll, so wird mittels einer Spritze, die an das aus dem Mund hängende Ende des Schlauches gesetzt wird, eine rasche Druck¬ steigerung im Schlauchinnern erzeugt; dadurch erweitert sich das auf die Olive aufgesetzte kurze Schlauchstück und wird abgestossen. Dieses Schlauchstück interessiert nicht weiter; es wird per vias na¬ turales entleert. Man sollte erwarten, dass nunmehr durch Ansaugen mit der angesetzten Spritze Darminhalt gewonnen werden könnte. Das gelingt aber nicht ohne weiteres, da die Menge des anzusaugenden Inhaltes im Allgemeinen gering ist. Man wird praktisch, wenn es sich einfach darum handelt. Qualitative Untersuchungen des Darm- inhaltes durchzuführen, sich so helfen, dass man physiologische, auf Körpertemperatur gebrachte, sterile Kochsalzlösung oder eine zweck¬ massig zusammengesetzte Nährlösung durch den Schlauch injiziert, wiederholt ansaugt und erneut injiziert. Man spült auf diese Weise das Darmstück aus und saugt schliesslich die zur Untersuchung er¬ forderliche Menge der Flüssigkeit an. Das „Spülwasser“ enthält die Bakterienflora und lässt sich bakteriologisch verarbeiten Die an¬ gesaugte Flüssigkeit zeigt eine Trübung, gelegentlich kleine Teile (Speisereste) und regelmässig mindestens bei Normalen leichte Gelb¬ färbung, von der Galle herrührend. Man wird nicht erwarten dürfen, die gesamte, durdi den Schlauch eingespritzte Flüssigkeitsmenge wie¬ der ansaugen zu können. Ein Teil der Flüssigkeit wird durch die Peristaltik des Darmes sogleich weiterbefördert und geht dem Versuch verloren. Da die Olive mehrere Oeffnungen trägt, so wird ein Fest¬ saugen der Olive beim Ansaugen mit der Spritze vermieden. Es braucht nicht gesagt zu werden, dass man durch Auskochen des Schlauches samt dem Verschluss diesen vor der Einführung steri¬ lisieren kann, am besten in physiologischer Kochsalzlösung. Zweck¬ mässig wird das aus dem Munde heraushängende Schlauchstück hart am Ende durch eine Klemme abgeschlossen, damit nicht Keime von aussen in den Schlauch eindringen können. Wenn man vor Aufsetzen der sterilisierten Spritze das Schlauchende bis zur Klemme abschneidet, so ist man sicher, dass bei der bakteriologischen Verarbeitung ge¬ fundene Keime eben nur aus dem Darmabschnitt stammen können, aus dem man Inhalt angesaugt hat. Man kann den Schlauch gut mehrere Tage liegen lassen, ohne dass der Kranke ausser der kleinen Unannehmlichkeit des Schlauches im Munde, belästigt wird. Der Kranke ist in der Lage, Flüssigkeit und schon zerkleinerte Speisen ohne Schwierigkeit zu sich zu nehmen. Es kann so zu verschiedenen Zeiten Darminhalt gewonnen werden. Wenn es sich nun darum handelt, quantitative Untersuchungen mit dem Darminhalt anzustellen, so wird das angegebene Verfahren, bei dem man nur verdünnten Darminhalt unbekannter Konzentration gewinnen kann, nicht genügen. An einer Stelle des Darmes ist nicht genügend Inhalt vorhanden, als dass er den gesamten Hohlraum des langen, wenn auch dünnen Schlauches ausfüllt und gar noch in die Spritze angesaugt werden kann. Durch eine einfache Ventilvorrichtung als Kopf des Schlauches, wobei durch Ansaugen mit der am heraus¬ hängenden Ende des Schlauches aufgesetzten Spritze das Ventil ge¬ öffnetwird, gelingt es unschwer, unverdünnten Darminhalt zu gewinnen. Zur Entnähme dieses Inhaltes aus dem Ventil muss jedoch der Gummi¬ schlauch nach dem Ansaugen aus dem Dünndarm herausgeholt werden. Einfacher liegen die Verhältnisse noch, wenn man aus therapeu¬ tischen oder diagnostischen Gründen Arzneimittel oder Kulturen in tiefere Stellen des Darmes bringen will. Hier wird es im allgemeinen nicht auf steriles Arbeiten ankommen. Man wird infolgedessen auf den Verschluss des eingeführten Schlauchendes verzichten können. Zweckmässig setzt man aber eine Olive wie bei der Duodenalsonde an, um dem Darm eine gewisse Angriffsmöglichkeit an den Schlauch zu geben, so dass diese, einmal in den Dünndarm gelangt, rasch weiter¬ befördert werden kann. Durch Feststellung der Länge des eingeführten Schlauches weiss man jederzeit, an welcher Stelle des Darmes sich das Schlauchende befindet. Die Vorteile, die diesem Verfahren gegenüber der Schiffchen¬ methode eigen sind, liegen auf der Hand. Zunächst kostet das Instru¬ mentarium sozusagen nichts. Ein Magnet ist nicht erforderlich. Von einer Röntgendurchleuchtung kann abgesehen werden. Die Anwendung des Verfahrens ist auch bei Schwerkranken möglich. Man ist unab¬ hängig von der Aufmerksamkeit des Kranken und des Pflegepersonals. Den Hauptvorzug aber sehe ich darin, dass die Dimensionen der Vor¬ richtung leicht derart gewählt werden können, dass sie auch bei Kin¬ dern. ja Säuglingen anwendbar ist. Die Fragestellungen, die sich mit dem angegebenen Verfahren be¬ arbeiten lassen, liegen so nahe, dass ich darauf nicht einzugehen brauche. Ich habe die wesentlichsten Arbeitsrichtungen schon in meiner oben zitierten Arbeit angegeben. Es stellen dieselben wohl nur einen kleinen Teil dar, wenn man das Gebiet der Kinderheilkunde ein- schliesst. Dass das Verfahren völlig gefahrlos ist, geht auch aus der Arbeit von Einhorn [4] hervor, die erschienen ist, nachdem ich meine Ver- 4 348 mhnchener medizinische Wochenschrift, Nr. 1( Suchstechnik ausprobiert und niedergeschrieben hatte^ lässt einen Schlauch verschlucken und fuhrt, nachdem das untere Schlauchende das Coecum erreicht hat medikamentös^ tes Dickdarmes bei Kolitis aus. Zur Entnahme von Darminhalt hat n 1 n h o r n den Schlauch nicht verwendet. Literatur. l Ganter- Ein Verfahren, aus beliebigen Teilen des Darmes Inhalt zu entnehmen Dm W 1920 Nr 9. - 2. van der Reis: Ueber eine Methode. "srz; dSawÄ behandelt wurde. Klin. Wschr. 1922 S. 366. Aus der medizinischen Universitätsklinik Erlangen. (Direktor: Prof. Dr. L. R. Müller.) Die Behandlung der Tuberkulose mit Röntgenstrahlen. Von Dr. med. Fritz Hilpert, Vorstand des Röntgenlaboratoriums. In den letzten Jahren haben sich in der Tuberkulosebehandlung die Röntgenstrahlen eine Stellung erworben an der heute kein Internist mehr achtlos vorübergehen kann. Zahlreich sind die Arbeiten, die dieses Gebiet erschienen sind, verschieden jedoch die Methoden und Dosen, die von den verschiedenen Autoren angewendet und eI"PfoJjle” werden. Lange Zeit wurde mit kleinen Dosen gearbeitet bis Wint mit seiner Tuberkulosedosis, die 50 — 60 Proz. der von ihm angegebene! Hauteinheitsdosis (HED.) entspricht, auf dem Plan erschien. Ausdrück¬ lich sei erwähnt, dass sich diese Dosis nicht auf die Behandlung d Lungentuberkulose bezieht, über die W in tz nicht berichtet. Im Gegensatz dazu wendet Ba enteister sehr kleine Dosen ai und Stephan kommt auf Grund theoretischer Erwägungen zu einer allgemeinen „Tuberkulosedosis von 10 Proz. aei HLD J Ls ist nie zu verkennen, dass der Begriff einer allgemeinen Tuberkulosedosis eine gewisse Verwirrung in die Behandlung der verschiedenen tuberkulösen Erkrankungen gebracht hat. Wir haben uns hier nun die Trage vor¬ zulegen, gibt es eine allgemeine Tuberkulosedosis und wie gross ist diese oder sind für die verschiedenen tuberkulösen Erkrankungen ver¬ schiedene Dosen in Anwendung zu bringen. Optimale Dosis ist jedes¬ mal diejenige, die den tuberkulösen Prozess rasch und günstig beein¬ flusst, ohne dass schädliche Nebenwirkungen eintreten. Zugleich muss die Behandlung auch auf soziale Gesichtspunkte Rücksicht nehmen, so dass der Kranke möglichst bald wieder arbeitsfähig wird, und wenn die Behandlung bei Arbeitsfähigkeit durchgeführt wird, dass er dann nicht allzuhäufig von der Arbeit abgehalten wird. Dieser letztere Ge¬ sichtspunkt kommt wohl nur bei der Drüsen- oder bei leichter Knochen¬ tuberkulose in Betracht, er fällt selbstverständlich bei der Behandlung der Lungen- und Bauchfelltuberkulose weg, denn für den Erfolg des Kampfes gegen diese Lokalisationen der Tuberkulose ist völlige Scho¬ nung und möglichste Ruhe Vorbedingung. Die in der Röntgenliteratur von den verschiedenen Autoren an¬ gegebenen Dosen lassen sich häufig nicht miteinander vergleichen, da die verschiedensten Masseinheiten gebraucht werden. Ls lasst sich nach dieser Angabe häufig nur schätzen, ob kleinere, mittlere oder grössere Dosen zur Anwendung kamen. Für die Behandlung der Lungentuberkulose besteht Ueber- einstimmung, dass nach der Vorschrift Bacmeisters, dem sich die meisten Autoren angeschlossen haben, nur kleine Dosen gegeben werden sollen. Diese Dosen wirken als Reiz für die Umgebung des Tuberkels, insbesondere auf das Bindegewebe, ohne jedoch einen raschen Zerfall des tuberkulösen Granulationsgewebes zu verursachen, der zur Kavernenbildung führen würde. Bacineister bestrahlte Lungenherde, deren Lage er durch die Röntgendiagnostik genau test¬ gestellt hat, mit je 6 kleinen Feldern von vorne und hinten, die m Abständen von einigen Tagen gegeben werden. Jeder Herd wird zwei¬ mal von vorne und hinten bestrahlt. Die Dosis für das Feld .betragt 10—15 X auf die Haut. Ausserdem wird die Behandlung mit künstlicher Höhensonne verbunden. Behandelt werden indurative und chronisch progrediente Formen der Tuberkulose. Exsudative und rasch un¬ günstig verlaufende Fälle werden von der Behandlung ausgeschlossen. Nach seiner letzten Mitteilung in der Strahlentherapie wendet Bac- meister jetzt ein Verfahren an, wie es ähnlich auch von uns seit längerer Zeit geübt wird, indem er mit kleinen Dosen beginnt und die Dosen allmählich steigert. Er verabreicht auf diese Weise 8—30 I roz. der HED. P , . Sc hl echt- Kiel geht ähnlich vor und gibt für das Feld 5 bis 7 bis 10 X, gleich V«— % HED. , Feldgrösse 10X10 cm, Filter 4 mm Aluminium. Aehnlich ist auch noch die Methode von B o g e - Magde- bUfSS c h r ö d e r - Schömberg kam auf dem Wege des Tierexperimentes ebenso wie früher Bacineister zur Ansicht, dass grosse Dosen *) Anmerkung bei der Korrektur: De la camp (Med. Kl. 1921 Nr. 48) vertritt die Ansicht, dass „der Begriff der Tuberkulosedosis lediglich im orientierendem Sinne gebraucht werden soll. Strahlenwahldosis hat sich dem Organ anzupassen, in dem der tuberkulöse Prozess zur Ent¬ wicklung kam." Er ist somit der Ansicht, dass die tuberkulöse Erkrankung der verschiedenen Organe mit verschiedener Dosis zu behandeln ist. verabreicht werden müssen, um einen Erfolg bei der Lungentuberki lose zu erreichen. Er bestrahlte 11 Fälle mit 0,6— U HLD. lur jede Feld, und zwar in 2-3 wöchigen Zwischenräumen je 1 Fe.d Dab. sah er in 5 Fällen Verschlechterung, darunter 1 1 odestall. Die L folge bei den übrigen Fällen „waren keinenfalls besser als wie ma sie sonst bei gleichwertigem Material ohne btrablentherapie zu t reichen pflegt". Er hat deswegen die Röntgentherapie der Lunge: tuberkulöse wieder aufgegeben. K ^ , Ausgehend von den Erfahrungen, die wir bei der Behandlung dt Lungentuberkulose mit Alttuberkulin gemacht haben, haben wir vt sucht, die Röntgenbehandlung ähnlich zu gestalten, indem wir n kleinen Dosen beginnen und allmählich die Dosen steigern. Die B Strahlung geschieht auf Grund des Röntgenbefundes. Es werden r die erkrankten Partien bestrahlt. Die Durchstrahlung des Thorax » eine möglichst gleichmäsisge sein, deshalb bestrahlen wir dieseö Lungenpartie von vorne und von hinten. Die Feldgrosse betra mindestens 10 T 15 cm, Fokushaiitabstand 30 cm, Filter 0,5 mm Zn selbsthärtende Siederöhre am Symmetrieinstrumentarium der Firr Reiniger, Gebbert & Schall mit W i n t z schein Regenenerautoni: Der eigentlichen Lungenbestrahlung schicken wir m jedem Falle, ec Vorschläge F r ä n k e 1 s folgend, eine Bestrahlung dei Milz mit A HE auf die Haut voraus. Nach der Milzbestrahlung haben wir ebenso u Fränkel eine mässige Lymphozytose, cL h. eine Vermehrung c Lymphozyten bis etwa 10 Proz. feststellen können. Die Lungenbehan lung beginnt mit einer Dosis von Vs bis U« HLD. auf die Haut \ vorne und von hinten. Auf den Erkrankungsherd in der Dunge dur ungefähr in der Nähe des Hilus nach unserer Berechnung 5—6 Pri der HED. zur Einwirkung gelangen. Genaue Messungen konnten leie nicht durchgeführt werden, da die Messung mit dem Wasserphanti die Absorptionsverhältnisse im Lungengeyvebe unrichtig angibt u eine andere dem Lungengewebe gleichartige künstliche Masse uns nit zur Verfügung steht. Der ersten Bestrahlung folgt alle 4 Tage ein andei Feld von vorne und hinten mit geringer Steigerung der Dosis bis >/, HED auf der Haut, was in der Mitte der Lunge einer Dosis von i gefähr 15—20 Proz. der HED. entsprechen durfte. Nach grosser Dosen legen wir eine Zwischenpause von 6 Tagen ein. Ls werden : mit die erkrankten Lungenpartien wiederholt mit immer steigend Dosen bestrahlt. Die Behandlung führen wir 2—3 Monate dur Schädliche Einwirkungen haben wir bei dieser Art der Iherapie i gesehen. Dagegen haben wir ganz entschieden den Eindruck i wonnen, dass so behandelte Fälle einen günstigeren Verlauf boten gleichartige Lungenerkrankungen, die nicht mit Röntgenstrahlen handelt wurden, und ausserdem haben diese Fälle dauernde und ; haltende Besserung gezeigt. Bestrahlt wurden freilich nui chroni: indurative und langsam progrediente Formen. Leider ist die Zahl so bestrahlten Fälle noch sehr klein, jedoch glauben wir aut ün des bei diesen Kranken erzielten Erfolges die Methode zur Nachahmi empfehlen zu dürfen. Bei einem mit künstlichem Pneumothorax v bundenen Fall zeigte sich eine sehr beträchtliche Schrumpfung ganzen kranken Seite. Allerdings bestand auch längere Zeit ein mit grosses Pleuraexsudat. ... * Wenn ich nun die von uns durchgeführte Methode mit der 1 anderer Seite angegebenen vergleiche, so muss ich sagen, dass wir jeden einzelnen Herd eine grössere Gesamtdosis verabreichen aL anderen Autoren. Bacmeister und Schröder haben durch . experimente bewiesen, dass grössere Dosen wirksamer sind als klein Die klinische Erfahrung am Menschen hat gezeigt, dass grosse Do auf einmal verabreicht schlecht vertragen werden. Unsere Metti gestattet uns, mit kleinen Dosen zu beginnen, die Dosen zu steis und insgesamt eine grosse Dosis gewissermassen als „dosis refrac zu verabreichen. Dabei lässt sich die Methode weitgehend mdividr sieren und jedem einzelnen Fall anpassen. Eine Bestrahlung der Kehlkopftuberkulose führen auch nur bei stationärer oder langsam fortschreitender Lungentul kulose unter gleichzeitiger diätetischer AlJgemeinbehandlung durch. Bestrahlungstechnik dabei ist folgende: Die Feldgrösse 6X8 Fokushautabstand 30 cm, Filter 0,5 mm Zink. A HED. am die H Als wirksame Dosis trifft auf den Kehlkopf ungefähr 25 Proz. Bestrahlung ward alle 3 — 4 Wochen wiederholt, nach der 4. Bestrahl setzen wir eine längere Pause ein. Die Erfolge sind in den bisher! Fällen befriedigend. Bei rasch fortschreitender Lungentuberkulose schlechtem Allgemeinzustand dagegen wirkt die Bestrahlung di verschlechternd. Eine ambulante Röntgenbehandlung der Lungen- Kehlkopftuberkulose erscheint unzweckmässig. Für die Bestrahlung der tuberkulösen Lymphome, die r unter der Haut gelegen sind, werden von den verschiedenen Aut bald kleinere, bald grössere Dosen .als beste Methode empfohlen. Autoren, welche kleine Dosen anwenden, wiederholen in kurzen 1 sen. z. B. alle 14 Tage die Bestrahlung mit der gleichen Dosis, durch wird sicherlich eine Summation und als Endergebnis eine grös Dosis erreicht. Dies ist daraus zu ersehen, dass die Haut der so strahlten Fälle häufig Pigmentation aufweist. Die Gesamtdosis eben in diesen Fälled als „verzettelte“ Dosis verabreicht. An Röntgenologen empfehlen grössere Dosen, so verabreicht K 1 e u für jedes Feld eine HED. unter 3 mm Aluminium und wiederholt solche Bestrahlung nach 5 — 6 Wochen. Wir verabreichen bei den tuberkulösen Lymphomen */s HED. die Haut unter 0,5 mm Zink bei einer Feldgrösse von 6X8 cm einem Fokushautabstand von 23 cm, unter Umständen auch 30 Wir erreichen damit als wirksame Dosis in 2 — 4 cm Tiefe 40 — 50 l MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT. 349 iVlärz 1922, ■ HEIX Nach 6 Wochen1 wird die gleiche Dosis nochmal und nach i eren 8 Wochen eine dritte derartige Bestrahlung gegeben. Wir ) ten in allen in dieser Weise behandelten Fällen wesentliche i erung erzielen, wenn nicht gleichzeitig ein fortschreitender Lungen - 1 ess bestand. Nicht alle tuberkulösen Drüsen reagieren gleich- . dg auf die Bestrahlung. Diejenigen mit mehr bindegewebiger stur reagieren mit Schrumpfung und es bleibt als Endeffekt ein ■ er harter Knoten zurück, der gewöhnlich gute Verschieblichkeit ■■ Die Umgebung selbst ist reizlos, die Haut nicht oder nur gering ; entiert. In den anderen Fällen, in denen die Lymphome weichere l.istenz haben und von vorneherein eine mehr exsudative, käsige i)i zeigen, kommt es rasch zur Einschmelzung. Ist der grösste Teil iDriise oder des Drüsenpaketes erweicht und zeigt sich deutliche jtuation, so wird der Inhalt durch Stichinzision entleert. Von ver- ! denen Autoren wird die Eröffnung des Abszesses abgelehnt und • ohlen, den Inhalt mit Nadel und Spritze anzusaugen. Doch nur in wenigsten Fällen gelingt dies, in den anderen verstopft sich die 1 sofort durch Käsebröckel, die sich nie durch die Spritze ent- n lassen und deren Beseitigung doch wesentlich für einen raschen ngsverlauf ist. Es entsteht allerdings durch die Stichinzision eine I, die sich aber nach der zweiten oder dritten Bestrahlung nach tändiger Reinfgung und Entleerung des Abszesses schliesst. Die ehende Narbe ist klein, reizlos und meist auch auf der Unterlage |:hieblich. Da nur ~is der HED. gegeben wurden, verträgt die ij den Reiz, der durch das Sekret der Fistel bewirkt wird, ohne —res. Grössere Dosen zu geben halte ich aus kosmetischen Grün- i und wegen der Gefahr für die Haut für unrichtig, da die stark bestraül- -ßtellen auch später noch einen locus minoris resistentiae für In- rrn bilden. Was die kleineren Dosen betrifft, so können sie wohl leien Fällen durch häufiger wiederholte Bestrahlungen, was einer zettelten“ Dosis gleichkommt, zum gleichen Effekt führen, doch ist !l eltenere Bestrahlung mit etwas grösserer Dosis für den Kranken angenehmer als die häufigen Bestrahlungen, zumal wenn es sich n handelt, dass die Bestrahlung ambulant vorgenommen wird, 5 lass die Kranken von auswärts zur Bestrahlung kommen. Schäd- 1 Einwirkungen sah ich bei der Art unserer Anwendung nie. Die hr, dass es bei der raschen Einschmelzung zu einer miliaren Aus- i kommen könnte, halte ich für sehr gering. j’tepp, der über eine grössere Zahl von Drüsenbestrahlungen ehr gutem Erfolg berichtet, verwendet 30—40 X für das Feld, was lj ähr unserer Dosis von 2/s Hauteinheitsdosis entsprechen dürfte. (Sensibilisierung der Drüsen durch Jodpräparate, wie sie von diesem I- empfohlen wurde, haben wir nicht angewandt und halten sie auch für nötig. )ie Hilus'drüsen tuberkulöse bestrahlen wij- mit je einem von Brust und Rücken, von einer Feldgrösse 10 X 15 cm, 30 cm ihau tabstand und 0,5 mm Zinkfilter und verabreichten % HED. wirksame Dosis dürfte auf den Hilus ungefähr 40 Proz. der HED. ni Die Erfolge sind durchweg gut. Diese Art der Bestrahlung doch nur zu empfehlen, wenn kein stärkerer und kein fortschrei- r Lungenprozess vorliegt. Kleine Herde in der Nähe des Hilus enbronchitische Stränge bilden keine Kontraindikation, leb er die Behandlung der Knochentuberkulose möchte ich hier nicht verbreiten, da dies ausschliesslich chirurgisches Ge¬ st. ur die Behandlung der Bauchfelltuberkulose werden ^alls von den verschiedenen Autoren verschiedene Methoden und j hiedene Dosen angegeben. Seitz-Wintz geben als wirksame I ^ Proz. ihrer HED. auf das Bauchfell verabreicht gedacht tuchen dies_ dadurch zu erreichen, dass sie unter 0,5 mm Zinkfilter < orne und hinten je ein Fernfeld geben, um so eine möglichst homo- Durchstrahlung des ganzen Abdomens zu erreichen. Schlecht e 4 Felder von vorne und hinten 10 X 10 cm zu 2/3 HED. oder r eld 10 X 15 cm von vorne und hinten unter 4 mm Aluminium- Die Fernfeldbestrahlung hält er für unzweckmässig, ohne sein ; zu begründen. Mewitz gibt 16 — 20 kleine Felder — täglich ein Feld, gleich (HED. — unter 3 mm Aluminiumfilter. Böge empfiehlt 4 Felder HO cm in zwei Sitzungen, auf das Feld Vs— 'A HED. unter 3 mm jniumfilter und wiederholt diese Dosis alle 3 Wochen, he Bestrahlungstechnik, die wir seit 2 Jahren durchführen, ist h der von W i n t z angegebenen. Wir verabreichen bei der Bauch- lerkulose je ein Feld von vorne und hinten, von ungefähr 20 cm Grosse und einem Fokushautabstand von 45—50 cm und reichen unter 0,5 mm Zinkfilter 2/3 HED. auf die Haut. Damit hen wir bei unserem Apparate als wirksame Dosis auf das Bauch- 1—50 Proz. der HED. Diese Methode verwenden wir sowohl bei brösknotigen Form, als auch bei der exsudativen Form, freilich em wir vorher den Aszites durch Punktion entleert haben. Er- it bei der fibrösknotigen Form der Prozess auf ein bestimmtes ! t des Abdomens beschränkt, so, verwenden wir für diese Form ! tinzelfelder mit Konzentration auf den Erkrankungsherd und vei- Hien dort 40—50 Proz. der HED. Die Bestrahlung wird gewöhnlich 0C^en wiederholt. Nach weiteren 8 Wochen wird eine dritte chlossen. Eine vierte Bestrahlung ist nur selten notwendig ge- \ Natürlich ist diese Behandlung mit allgemeinen Massnahmen utt-, Sonnen-, Ernährungsbehandlung) zu vereinen. Aus wirtschaft- Gründen ist es nur selten möglich, die Patienten während der n. Behandlung in der Klinik zu behalten. Unter 12 Kranken hatten e> 7 sehr gute Erfolge, doch sind 5 Patienten ad exitum gekommen. Ueber diese muss ich besonders berichten. Bei 2 Fällen handelte es sich um Polyserositis tuberculosa. Nach der ersten Bestrahlung (vorher Bauchpunktion) füllte sich der Aszites sehr rasch wieder, der Allgemein¬ zustand besserte sich nicht und wir sahen deshalb von einer zweiten Bestrahlung ab. Wir glauben nicht, dass bei der Polyserositis tubercu¬ losa, wenn es sich um ausgesprochene Fälle handelt, durch die Röntgen¬ bestrahlung des Abdomens ein Erfolg zu erzielen ist. 2 Fälle, die auf die Bestrahlung während des Klinikaufenthaltes günstig reagierten, gingen später ausserhalb der Klinik an Darmtuberkulose zugrunde. Das Vorhandensein von tuberkulösen Darmgeschwüren scheint uns eine Gegenindikation für die Bestrahlung zu bieten. Auf jeden Fall muss beim Vorhandensein von tuberkulösen Darmgeschwüren eine sehr vor¬ sichtige Dosierung angewandt werden, damit nicht die tuberkulösen Infiltrate, die vorwiegend an den Lymphfollikeln des Darmes sitzen, zur raschen Einschmelzung kommen. Dadurch könnten rasch breite Darm¬ geschwüre entstehen, die eine wesentliche Verschlimmerung des ganzen Zustandes bewirken würden. Ein 5. Fall, der monatelang in der Klinik lag und nebenbei einen fortschreitenden Lungenprozess hatte,^ wurde während des Klinikaufenthaltes durch die Bestrahlung sehr günstig beeinflusst. Der vorher bestehende Aszites - war vollständig verschwunden,' frühere Drüsentumoren, im Abdomen waren nach den Bestrahlungen nicht mehr nachweisbar, der Allgemeinzustand hat sich wesentlich gebessert. Jedoch ein halbes Jahr nach der Entlassung ist der Kranke zu Hause gestorben1. Was die Todesursache war, liess sich nicht genau feststellen, jedoch ist anzunehmen, dass eine unzweck¬ mässige Lebensführung em Wiederaufflackern des Lungenprozesses her¬ vorgerufen und so den ungünstigen Ausgang bewirkte. Der Erfolg während des Klinikaufenthaltes zeigt in diesem Fall, dass eine gleich¬ zeitig bestehende fortschreitende Lungentuberkulose an und für sich keine Gegenindikation gegen die Bestrahlung bildet, wenn damit eine entsprechende Allgemeinbehandlung durchgeführt werden kann. Was die klinisch geheilten und günstig beeinflussten Fälle betrifft, so sahen wir bei den exsudativen Formen, dass ein beträchtlicher Aszites dann, wenn sich die Kranken zur zweiten Bestrahlung ein- steilten, häufig schon verschwunden oder dass nur ein ganz geringer Rest noch vorhanden war. Das Allgemeinbefinden hob sich, was aus einer Gewichtszunahme zu entnehmen war. Die fibrösen Formen reagierten mit Zurückgehen und vollständigem .Verschwinden der früher fühlbaren Knoten und mit wesentlicher Besserung des Allgemein¬ befindens. Bei der Bestrahlung von fieberhaften Fällen der Bauchfell¬ tuberkulose konnten wir wiederholt eine günstige Beinflussung der Körpertemperatur feststeilen. Es zeigte sich, dass am Tag der Be¬ strahlung oder am nächsten ein Temperaturabfall eintritt, dem in manchen Fällen dauernd normale Temperaturen folgen; in anderen Fällen folgt nach einigen Tagen ein nochmaliger Anstieg und erst danach ein Abfall. Bei einer dritten Gruppe freilich kam es nach kollaps- ai tigern remperaturabfall wieder zum Anstieg mit dauernd hoher Tem¬ peratur. Auf Grund der Kurven ist es in den meisten Fällen möglich ein prognostisches Urteil abzugeben. Eine genaue Erklärung der Ursachen, die die Temperatureinwir¬ kungen bedingen, ist schwer zu geben. Das Fieber selbst wird erzeugt durch die Zerfalls- und Sekretionsprodukte der Tuberkelbazillen und durch den Zerfall der körpereigenen Zellen in den tuberkulösen Herden Durch beide gelangen toxische Produkte in den Kreislauf, die die Wärme- i egulationszenti en im Zwischenhirn erregen. Durch die Bestrahlung selbst wird wohl der Tuberkelbazillus in seiner Vitalität nicht verändert, doch dürfte die Vitalität der Zellen der tuberkulösen Herde gestärkt werden. Sind nun in der auf die Bestrahlung folgenden Zeit die Zellen der tuberkulösen Herde durch den Strahlenreiz in ihrer Leistungsfähig¬ keit gefördert, so wird der Infektionsprozess in mehr oder weniger kuizer Zeit eingedämmt und dementsprechend kehrt die Temperatur sofort nach kürzeren subfebrilen Schwankungen zur Norm zurück. Ist die Infektion aber so schwer, dass die Körperzellen trotz des ausgeübten Strahlenreizes nicht mit ihr fertig werden, so gehen die Temperaturen nach dem kollapsartigen Abfall wieder in dauernd hohen Stand hinauf, was ein Fortschreiten der tuberkulösen Erkrankung bedeutet. ■ Hauttuberkulose wurden von dermatologischer Seite kleine Dosen unter 1 — 4 mm Aluminiumfilter empfohlen. Die Bestrah¬ lung muss in bestimmtem meist kurzen Intervallen wiederholt werden. Da wir durch kleine Dosen bei starken tuberkulösen Infiltraten der Haut keine Besserungen sahen, so sind wir zu grossen Dosen übergegangen und bestrahlen heute die Hauttuberkulose mit einer HED. pro Feld unter 0-5 miTi Zinikfllte.r und wiederholen dieses Dosis 2 bis 3 mal nach je 6 Wochen. Es ist durch diese Methode vollständige Rückbildung der tuberkulösen Infiltrate zu erzielen. Bei Lupus sind wir auch allmählich z}} grösseren Dosen übergegangen. Vor der Bestrahlung werden die Fälle in der Hautklinik so lange mit 20 proz. Pyrogallussalbe vor¬ behandelt, bis die obere Schicht der Epidermis sich losgelöst hat. Ist der Lupus nur ganz oberflächlich, so bestrahlen wir aus ökonomischen Gründen die erkrankte Stelle mit einer HED. nicht unter Zink, sondern unter 3 mm Aluminium filter. Bei allen tiefergreifenden Fällen verwenden wir das 0,5 mm Zinkfilter, verabreichen ebenfalls eine HED. pro Feld. Die Bestrahlung wird nach 6 Wochen wiederholt und, falls die Erkrankung nicht zur Abheilung gekommen ist, nach weiteren 6 Wochen noch ein drittes Mal durchgeführt. Die Erfolge der Röntgen¬ behandlung der Hauttuberkulose sind durchwegs sehr gute. Zusammenfassung. Die Frage, ob es eine allgemeine Tuberkulosedosis gibt, ist zu verneinen. Die von Wintz angegebene Dosis von 50—60 Proz. 4* MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT. Nr. 350 der HED., die sich auf die Bestrahlung der Drüsen- und Bauchfelltuber- kulose bezieht, erscheint uns für diese Erkrankungen ais etwas zu hoch. Wir schätzen die hiefür nötige Dosis auf 40-50 Proz dei HEU. Stephan hat als Tuberkulosedosis 10 Proz. d HED an¬ gegeben. Diese Dosis kann nach unserer Ansicht als Mittelwert für die Behandlung der Lungentuberkulose gelten. Wir beginnen bei dieser Erkrankung mit ungefähr 6 Proz der HED. ^ steigen im Laufe der Behandlung allmählich auf 15—20 Proz. der HED. Hur die Larynxtuberkulose dürfte die optimale Dosis bei ungefahi 25 Proz der HED. liegen. Weit grössere Dosen müssen zur erfolgi eichen Bekämpfung des Lupus und der Hauttuberkulo ^eangewende werden. Wir schätzen die bei diesen Erkrankungen E>osj auf mindestens 80 Proz. der HED. Diese in Prozentzahlen Dosen sind auf den Erkrankungsherd zu verabreichen Bei ober lachl ich gelegenen Erkrankungen wird diese Dosis gewöhnlich durch e in Ein- fallsfeld bei tiefer gelegenen durch zwei und mehr Emfallsfelder er¬ reicht. Unsere Erfahrungen mit der Strahlentherapie haben uns gezeig , dass die Röntgenstrahlen nicht nur im Kampf gegen Drusen- und Bauch¬ felltuberkulose, sondern auch gegen die Lungen-, Kehlkopf und Haut¬ tuberkulose ein wertvolles therapeutisches Hilfsmittel darstellen. Literatur. Seitz und Wintz: Unsere Methode der Röntgentiefentherapie. Urban & Schwarzenberg. 1920. -Küpferie: Strahlenther Bd. 2 He t 2 - Ders.: Strahlenther. Bd. 5. Heft 2. - Bacmeister: Dun-W. 1916 Nr. 4. — Ders.: Zschr. f. Lungentub. Bd. 27. — ^ e„r. s;Q.S,tr®hrle "thü: Bd 12 Heft 1. — Küpferie und De 1 a Camp. M.K1. 1913 Nr. 9. De la' Camp Ther. d. Qegenw.. Mai 1921. — M. Fränkel: Fortschr. a. d Geb d Romgenstr. 22 m 26. - Ders. Strahlenther B^ 9 Heft 1 und Bd. 12, Heft 2 u. 3. - S t e p ha n: Strahlenther. Bd 11. S‘ep^ Strahlenther. Bd. 10, Heft 1. - Schlecht: M.mW 1920 Nr. 28^ K 1 e w i t z: M.m.W. 1920 Nr. 10. — M 0 r y: M.m.W. 1921 Nr. 4 B ose. M Kl 1921 Nr. 36. — Mühlmann: Ther. Halbmonatschr., Jg. 34, Nr. . Sehr ötter: Strahlenther. Bd. 11. Heft 2. — Schröder: D.m.W. 19.1 Nr. 45. _ Blutung. Bei der Aufnahme bestand hochgradige Anämie. Digitale Löst von Plazentarresten. Geringer Blutverlust. Nach 24 Stunden FaUus info Anämie, trotz Kochsalz- und Bluttransfusion (500 ccm m die Kubituhei Sektion ergab eine hochgradige Ausbildung aller Organe. Ich erwähne diesen Fall nur deshalb, weil der Veiblutungs bei den Abortfällen aus den ersten Monaten der Schwa ngersch ausserordentlich selten ist. Hegar hat in 40 jähriger 1 atigkeit ub haupt keine Abortverblutung erlebt , ... n ln der folgenden Tabelle habe ich die afebrilen und febrilen Abc fälle zusammengestellt, wie sie sich auf die einzelnen Jahre verteil Die Zahlen der letzten Kolumne zeigen den prozentualen Antei, septischen Aborte. Tabelle 1. Aus der Heidelberger Universitäts-Frauenklinik. (Direktor: Qeheimrat Menge.) Zur Frage der Therapie des septischen Abortes. Von Dr. Ludwig Handorn, Assistent der Klinik. Seitdem Winter1) auf dem Kongress der deutschen Gesellschaft für Gynäkologie in Strassburg 1909 für die konservative Behandlung puerperaler Erkrankungen eintrat und 2 Jahre später, etwa zu gleiche! Zeit wie Trau g ott2). auch für die Therapie des septischen Abortes durchaus neue, konservative Richtlinien aufstellte ist der Kampf um die beste Art der Behandlung des febrilen Abortes nicht zur Ruhe gekommen. Immer noch stehen sich die Ansichten schroff gegenube und fast unübersehbar sind die Veröffentlichungen, in denen die eu mei¬ nen Autoren sowohl für das aktive, wie auch für das konservative Ver¬ fahren beim septischen Abort eintreten. Die Abortfrage ist in den letzten Jahren zu einem höchst aktuellen Thema geworden. Und dem schweren Problem, wie die Fehlgeburt im einzelnen Fall zu behandeln sei steht der praktische Arzt ratlos gegenüber, wenn er von beiten namhafter Autoren das eine Mal hört, Heim fieberhaften Abort muss sofort ausgeräumt werden, das andere Mal, der fieberhafte Abort iS ein „noli me tangere“, weil mit der Ausräumung das grösste Unheil angeriohtet werden kann. Nur an der Hand von umfänglichen Statistiken kann man zur Klä¬ rung dieser Frage kommen. Aber die Statistiken müssen einheit¬ lich geführt sein, wenn sie als Vergleichsobjekte brauchbar sein sollen. Die beste Aussicht versprechen ln dieser Beziehung solche Zahlenzusammenstellungen, die nicht einzelne Fälle einander gegen¬ überstellen, sondern die eine aktive und konservative Behandlungsara als Unterlage haben. .... , . , Nur L a t zk 0 3) und Z e 1 n i k - K e r m a u 11 e r 4) haben bisher ein derartiges Material verwertet. , Um dieses auswertbare Material zu vergrossern. habe auch ich die Abortfälle der Heidelberger Frauenklinik unter diesem Gesichts¬ punkte bearbeitet. . _ T,_ „„ Wir verfügen über 1323 Aborte aus einem Zeitraum von 13 Jahren (1908—1920, klinische Leitung: Ge'heimrat M en ge). , ^°npdl®^nf S Aborten verliefen 1139 (86,1 Proz.) afebnl und 184 (13,9 Proz.) febril. Als fieberhafte Aborte habe ich nur solche bezeichnet, bei welchen die Temperatur 38° und darüber betrug. Da über die Behandlung der afebrilen Aborte volle Einmütigkeit herrscht, werden in folgendem nur die „septischen“ Aborte zur Betrachtung kommen. Beim afebrilen Abort räumen wir, wenn er nicht mehr aufzuhalten ist, grundsätzlich möglichst bald aus. Bei diesem Vorgehen haben wir nur einen ein¬ zigen Todesfall erlebt, der aber nicht die Therapie belastet. Die Frau starb an Verblutung. Frau M. St.. 46 Jahre, 14,-Gebärende. Abortus incompletus mens. 4. Aufgenommen 4. IX. 1918, gestorben 5. IX. 1918. V1. „ etnrkp Vor 4 Wochen Abort. Seit dieser Zeit ausserhalb der Klinik starke Jalir Ge samt zahl Atebrile Febrile Proz. der der Aborte Aborte Aborte febr.Aborto 1908 1909 69 71 61 52 8 19 11.6 26,8 1910 1911 61 80 52 65 9 15 14,8 18, x 1912 100 83 17 1913 112 96 16 14,3 1914 146 125 21 • ha 1916 128 112 16 12,5 1916 110 101 9 8,2 1917 1918 91 62 80 53 11 9 12,1 11,5 1919 141 124 17 32,1 1920 152 135 17 Gesamtzahl | 1323 | 1139 | 181 13,9 Die Gesamtzahl der Aborte hat auch in der Heideibergei hai klinik in den letzten Jahren stark zugenommen. Das Prozentverhal der febrilen Aborte ist dagegen im allgemeinen gl®J|j2ebkeben, t Erscheinung, die auch Latz ko an seinem grossen Material festste konnte. Er kam zu folgenden Verhältniszahlen für die septisc Aborte: 1911 33,75 Proz. 1913 28,0 1916 33,75 ,, 1917 33,0 1919 34,87 „ Wie sich die septischen Aborte auf die einzelnen Monate Schwangerschaft verteilen, geht aus folgender Tabelle hervor: Tabelle 2. Verteilung der septischen Aborte auf die einzelnen Monate: mens. I — 4 — 2,2 Proz. mens. II — 62 — 33,7 „ nfiens. III — 65 — 35,3 „ mens. IV — 22 — 12,0 ., mens. V — 16 — 18,7 „ mens. VI — 7 — 3,8 ,, mens. ? — 8 ' 4,3 ,, !) Winter: Verhdl. d. deutsch. Ges. f. Gyn. 1909, 13, Zbl. f. Gyn. 1911, Nr. 15. Med. Kl. 1911. Nr. 16. . „ 2) Traugott: Zschr. f. Geburtsh. 1911, 68, 1914, 75. 3) Latzko: Zbl. f. Gyn. 1921, Nr. 12. 4) Zelnik: W.kl.W. 1920, Nr. 27. Ueber 2/s aller febrilen Abortfälle kommen demnach auf de und 3. Monat der Schwangerschaft Das durchschnittliche Verhältnis der gesamten Aborte zu den bürten ausgetragener Kinder berechnet sich aus unserem Materia 1: 6 Hegar hat seinerzeit für das Grossherzogtum Baden die hültniszahl 1 : 8 — 10 berechnet. Stellen wir bei unserem Materia Jahre 1908 und 1920 einander gegenüber, so bekommen wir die hültniszahl 1:7 für 1908 und 1 :4 für 1920. Auch bei dieser rechnung ergibt sich also eine starke Zunahme der Abortziffer. Bei der Behandlung der fieberhaften Aborte gingen wir bis Jahre 1914 aktiv vor. Von 1915 an wurde konservativ fahren, wobei in dem Uebergangsjahr 1915 der eine oder andere tische Abort noch nach aktiven Prinzipien behandelt wurde Bis Jahre 1914 wurde demnach bei jedem Abort, ob er fieberhatt v oder nicht, sofort nach der Aufnahme ausgeräumt. Von 1915 ab g wir folgendermassen vor: Bei jedem fieberhaften Abort enthielte uns streng jeglichen uterinen Eingriffes. Die Kranken müssen ruhe enthalten. Durch Darreichung von 2 mal 0,5 Chm in. sult. 1 halb einer' Stunde wird der Uterus zu stärkeren Kontraktione geregt. Auf diese Weise gelingt es oft, die„ SPpatanentleerunp Uterus zu erreichen. Bei dem im Gang befindlichen Abort is Chinin in der Tat ein glänzendes, wehenanregendes Mittel Mi Entleerung des Uterus kommt es meistens zum Abfall der fiebert Temperatur zur Norm. Tritt bei der Chinmmedikation kein Mol so verhalten wir uns weiterhin vollkommen abwartend. Bei ster Bettruhe klingt dann das Fieber gewöhnlich in einigen läge Die Anhänger der aktiven Therapie weisen immer wiede die Gefahren retinierter. infizierter Plazentarteile hin. Sie behai dass von diesen aus der Körper immer von neuem von Keimen schwemmt werde (S c h 0 1 1 m ü 1 1 e r, v. F r a n q u e). Nach un Dafürhalten liegt gerade diese Gefahr bei der Ausräumung des irr ten Uterus viel näher als bei der abwartenden Behandlung. JA stens sehen wir immer von neuem, dass die in Ruhe gelassenen tierenden, septisch infizierten Frauen in der Regel nach einige, ganz von selbst entfiebern. Theoretisch kann man die gute we im Befinden sich so vorstellen, dass sich ein Leukozyten vall den abgestorbenen und in Zersetzung begriffenen Eiteilen bildet. Cher eine weitere Keiminvasion in die Gewebe verhindert. lebendes Gewebe sind durch ihn gewissermassen vonelnanac Aärz 1922. MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT. 351 ;;den. Mit der Zeit kann auch eine Autoimmunisierung zustande itnen, sodass der Organismus Herr wird über die eingeschwemmten : erien, zumal deren Menge durch die sich hinter dem Infektions- : bildende Reaktionszone allmählich abnehmen muss. Greift man bei solchen Verhältnissen digital oder instrumenteil ! so durchbricht man den DemarkationswalL Der Vergleich mit der Entleerung eines Abszesses, wie ihn manche ren für die Ausräumung des infizierten Uterusinhalts gebraucht n, ist meines Erachtens nicht richtig. Bei der Eröffnung eines :esses verschaffen wir nur dem Eiter Abfluss, durchlöchern aber i die pyogene Membran, deren Schutz für den Körper uns bekannt Bei der Ausräumung des infizierten Uterus wird dagegen der aus ulationszellen bestehende Schutzwall ausgedehnt durchbrochen damit der Allgemeininfektion *Tür und Tor geöffnet. Derselbe Ein¬ ist späte r, wenn die Bakterien durch die Leukozyten und die en Abwehrkräfte des Körpers abgetötet oder in ihrer Virulenz liwächt sind, ungefährlich. Die Ausräumung des Uterus wird bei dem Abortus febrilis in der elberger Frauenklinik gewöhnlich erst vorgenommen, nachdem die peratur mindestens 8 Tage lang völlig normal gewesen ist. In ;m Stadium stellt sie, wie oben gesagt ist, einen gefahrlosen Ein- dar. Jnsere Technik der Ausräumung ist folgende: Nach voraus- lickter Uterusspülung mit Jodalkohol vermittelst eines dünnkalib- i, doppelläufigen Uteruskatheters wird, falls es nötig ist, der Zer- kanal gut erweitert. Wir benützen hierzu längsperforierte H e - sehe Dilatatorien. welche Menge für die Aufschliessung des haltigen Uterus bei febrilen Aborten und für die Dilatation des ikalkanals bei jauchenden Karzinomen speziell zur Durchführung eventuell notwendigen Intrauterintherapie hat anfertigen lassen5), i Gebrauch dieser längsperforierten Erweiterungssonden wird jede ipelwirkung vermieden. Solide Dilatatorien drängen das infektiöse ■rial nach der Stelle des geringsten Druckes. So kann bei dem auch solider Instrumente eine weitere Ausbreitung der Infektion i die Tuben, auf das Bauchfell vermittelt werden. Dann wird Ei oder sein Rest digital oder instrumentell von der Uteruswand löst und mit der Abortzange entfernt. Wenn man digital Vorgehen so darf man dies nur bei genügend erweitertem Zervikalkanal Menge legt grossen Wert darauf, den Finger bei der Ausräu- ; septischer Aborte nur dann in die Uterushöhle einzuführen, wenn Zervikalkanal ihn sehr leicht passieren lässt. Auch der Finger Itet bei ungenügender Erweiterung der Zervix eine Stempelwir- Menge hält es, wie Opitz und S t o e c k e 1, im allgemeinen weckmässiger, die Ausräumung der infizierten Uterushöhle über- t nicht digital vorzunehmen, weil bei diesem Verfahren der Uterus ier äusseren Hand dem .einzuführenden Finger entgegengedrückt en muss. Eine stärkere Quetschung der infizierten Uteruswand sich dabei gewöhnlich nicht vermeiden. Durch diese Manipu- t können nicht nur Keime in das Wandgewebe direkt eingetrie- sondern solche, die schon tiefer in der Wand sitzen, auch weiter istreut werden. Besonders in den Fällen, bei welchen eine be¬ ende parauterine Infektion infolge diagnostischer Schwierigkeiten erkannt wird, muss dieses Vorgehen schwerwiegende Folgen sich ziehen. Schonender wirkt hier die grosse stumpfe Kürette, nan in all den Fällen anwenden soll, bei welchen die zervikale ige für den Finger nicht ausreicht. Sie wird auch zum vorsich- Nachkiirettieren gebraucht, wenn vorher der Finger nicht alles rnen konnte. Wir haben bei unseren, mit der Kürette behandel- 'ällen nie eine Perforation erlebt und glauben, dass bei zartem' auch des grossen, stumpfen Instrumentes Uterusverletzungen sich rlich vermeiden lassen. )ie Resultate unserer aktiven und konservativen Behandlungsära in den folgenden statistischen Zahlen einander gegenübergestellt. Latz ko glauben wir, dass es wenig Sinn hat, Einzelfälle mit- der zu vergleichen. Nur die Gegenüberstellung grösserer Reihen nach aktiven und konservativen Prinzipien behandelten Fällen, sie bis jetzt nur von Z e 1 n i k aus der Kermauner sehen : und von La tzko selbst gegeben wurde, kann Aufschluss da¬ bringen, welches therapeutische Verfahren vorzuziehen ist. :r Aktivist wird eine Reihe von Fällen nicht operieren — wegen hender Komplikationen, wegen Spontanabgang des Uterusinhaltes der Nonaktivist wird sich genötigt sehen, trotz seiner Prinzipien allzu selten einzugreifen und zwar gewöhnlich wegen Blutun- (Latzko). Wird man als Anhänger der konservativen Thera- wegen Blutung zum Eingreifen gezwungen, so wird der Fall t vorher schon einige Tage konservativ behandelt worden sein, iss er in Wirklichkeit doch nicht zu den rein aktiv behandelten i zu rechnen ist. Der „Aktivist“ hätte einen solchen Fall sofort träumt. Und umgekehrt werden bei den konservativ behandelten i aus der aktiven Aera häufig die komplizierten Fälle, also solche ’on vornherein viel schlechterer Prognose, an Zahl überwiegen, ss eine Statistik, welche diese Besonderheiten nicht berücksich- ein falsches Bild geben muss, da prognostisch ungünstige Fälle ünstigeren verglichen werden. Unter komplizierten Fällen ehen wir solche, bei denen die Infektion den Uterus bereits iiber- ten, also auf die Rarametrien, die Adnexe und das Beckenbauch¬ bergegriffen hat. Diese komplizierten Fälle ganz auszuschalten, E y m e r hat diese hohlen Erweiterungssonden in der Zschr. f. enther. 10, S. 900 beschrieben. wie manche Autoren, vor allem Halban, fordern, ist m. E. nicht zulässig. Es wird viele Fälle geben, bei denen die Entscheidung, ob die Infektion noch rein uterin oder schon parauterin sitzt, sehr schwer ist. Der Tastbefund kann hier völlig im Stich lassen. Es ist deshalb nötig, zur Erkennung der besten Behandlungsmethode alle Fälle heran¬ zuziehen. „Sowie wir einem auf subjektivem Urteil beruhenden Moment, wie der Anwesenheit von Komplikationen zur Zeit der Ein¬ lieferung einen entscheidenden Einfluss auf die Statistik einräumen, öffnen wir der Willkür Tür und Tor“ (La tzko). Ich lasse nun unter Zugrundelegung dieser Art von Vergleichs¬ methode unser Material folgen. Tabelle 3. Aktiv beh. Aborte . . . Kons. „ „ ... 1908—14 1915—20 105 sept Aborte 79 „ 5 Todesfälle 7 4,8% 8,9% Mort. n Gesamtsumme . 184 sept. Aborte 12 Todesfälle 6,5% Mort. Nach dieser rein zahlenmässigen Zusammenstellung hat die kon¬ servative Aera eine fast zweimal so grosse Mortalität aufzuweisen wie die aktive Aera. Sie liefert also als ersten Eindruck den, dass die aktive Methode der konservativen weit überlegen ist. Bei näherer Betrachtung der einzelnen, letal ausgegangenen Fälle ergibt sich jedoch ein ganz anderes Resultat. Betrachten wir kurz die 12 Todesfälle. 1. Frau S. B., 40 Jahre, X.-para. Abortus incompletus mens. 5. Auf¬ genommen 24. X. 1909, gestorben 2. XI. 1909. Zuhause einmal Schüttelfrost bis 40,9 °. In der Klinik Metreuryse, Frucht spontan geboren. Digitale Plazentarlösung und Kürettage bei 39,0° Tem¬ peratur. Hierauf 2 Schüttelfröste und intermittierendes Fieber um 39 — 40" bis zu dem nach 9 Tagen erfolgenden Exitus. Sektionsprotokoll: Bild der Bakteriämie mit multiplen Abszessen in Nieren und Lunger. 2. Frau A. G., 35 Jahre, VIII. -para. Abortus incompletus mens. 3. Auf¬ genommen 11. VIII. 1912, gestorben 13. VIII. 1912. Perforation der Zervix nach kriminellem Abort (Einspritzung von Seifenwasser). Mehrere Schüttelfröste. Erbrechen. Operation: Totalexstirpation des Uterus unter' Mitnahme beider Adnexe bei allgemeiner Peritonitis. 2 Stunden nach der Operation Exitus. 3. Frau F. N., 39 Jahre, XI. -para. Abortus incompl. mens. 3. Auf¬ genommen 3. IX. 1912, gestorben 18. IX. 1912. 5 Tage vor der Aufnahme Schüttelfrost. Bei 40,3° Fieber Ausräumung und Kürettage. Abends Anstieg der Temperatur auf 41,3°, dann steiler Temperaturabfall. In den nächsten Tagen langsamer Anstieg des Fiebers. Vom 11. Tage ab 5 Schüttelfröste mit tiefen Remissionen. Daher Unter¬ bindung der beiden Venae spermaticae und der Vena iliaca interna dextra. Am nächsten Tage Exitus. Sektionsprotokoll: Puerperaler Uterus, Status nach Unterbindung beider Venae ovaricae, der rechten Vena iliaca und zweier Zweige des Plexus lumbosacralis, der linken Arteria iliaca. Thrombophlebitis der Vena cava inferior und der Venae femorales. 4. Frau M. St., 34 Jahre, II. -para. Abortus incompl. mens. ?. Aufge¬ nommen 19. XI. 1913, gestorben 23, XI. 1913. Am 4. XI. vom behandelnden Arzt wegen Fieber und putrider Eihaut¬ reste Ausräumung vorgenommen. In septischem Allgemeinzustand einge¬ liefert. Im Blut fanden sich Staphylokokken. Therapie: Kollargol, Kochsalz intravenös, Digalen. — In der Klinik Schüttelfrost und zunehmende Ver¬ schlimmerung. Nach 4 Tagen Exitus. Sektionsprotokoll: Eitrige Endometritis. Abszess im rechten Para- metrium, jauchige Thrombophlebitis in der rechten Hypogastrika mit throm¬ botischem Abschluss gegen die Iliaka. Frischer Thrombus in der rechten Spermatika. Metastatischer, eitriger Milzinfarkt mit Durchbruch ins Peri¬ toneum und abgekapseltem subphrenischem Abszess links. Multiple eitrige Lungeninfarkte. 5. Frl. A. R., 27 Jahre, II. -para. Abortus incompl. mens. 3. Aufge¬ nommen 30. VII. 1914, gestorben 28. VIII. 1914. Ausserhalb der Klinik schon 4 Tage Schüttelfröste. Nach Spontanabgang der Frucht in der Klinik bei 39 5 Fieber digitale Plazentarlösung, dann dauernd remittierendes Fieber. 37,5 — 41,5° mit 14 Schüttelfrösten. Therapie: Pantopon und Morphium. Sektionsprotokoll: Puerperale Septikopyämie, putride Endometritis mit lymphangitischer Parametritis abscedens, septisch erweichter Infarkt in der Milz und rechter Niere, metastatischer Abszess in beiden Lungen und im Myokard. Frische verruköse Endocarditis mitralis. 6. Frau E. S., 40 Jahre, VIII. -para. Abortus incompl. mens. 2. Auf¬ genommen 28. VII. 1915, gestorben 29. VII. 1915. Ausserhalb der Klinik vom Arzt trotz Fieber 4 mal abradiert. In ausge¬ sprochenem septischem Allgemeinzustand eingeliefert. Am nächsten Tage Exitus. Sektionsprotokoll: Jauchige Endometritis, eitrige Salpingitis, diffuse, eitrige Peritonitis. 7. Frl. A. R., 23 Jahre. I.-para. Abortus spontanea mens. 4. Aufge¬ nommen 22. XII. 1916, gestorben 29. XII. 1916. Bei der Aufnahme 40,5 0 Fieber. Am 2. Tag Spontanausstossung vo i Frucht und Plazenta. Temperatur 40,0°. Dann 4 Tage lang Febris continua um 40°. Gestorben an Sepsis. Therapie: Herzmittel. Sektionsprotokoll: Endometritis puerperalis, Sepsis, septischer Milztumor, Infarkt in Milz und Nieren. 8. Frau S. K., 42 Jahre, XIII. -para. Abortus incompl. mens. 2. Aufge¬ nommen 14. X. 1918, gestorben 26. X. 1918. Vor der Ausräumung 6 Tage Temperatur um 37,0°. Am 7. Tag wurde wegen starker Blutung die Ausräumung vorgenommen. Am 7., 8. und 9. Tag fieberfrei. Am 10. Tag 38,2°. In den nächsten Tagen Anstieg bis 40,0° Temperatur. Am 13. Tag Exitus infolge Grippe. Sektion verweigert. 9. Frau E. K., 35 Jahre, V.-para. Abortus incompl. mens. ?. Aufge¬ nommen 20. IX. 1919, gestorben 22. IX. 1919. Ausserhalb der Klinik wegen Abortus incompl. trotz Fieber ausgeräumt. 5 Tage später Fieber bis 40° mit Schüttelfrost. Temperatur bei der Auf¬ nahme 38,8°. 2 Tage später an Sepsis gestorben. Therapie: Kollargol. MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT. 352 Sektionsprotokoll: Putride Endometritis, multiple Abszesse in Lunge, Leber. Milz, Herzmuskel. Frische, verruköse Endokarditis, Penkarditis. 10. Frau V. H.. 37 Jahre, Xl.-para. Abortus incompl. mens. 2. Aut- genominen 23. XII. 1919, gestorben 3. I. 1920. Von dem behandelnden Arzt trotz Schüttelfrost Abrasio vorgenommen. Bei der Aufnahme 39,8" Temperatur. Dann 12 Tage lang bis zum Exitus Febris continua um 40° herum. Therapie: Kampfer, Digitalis. Sektionsprotokoll: Eitrige Endometritis, eitrige Lymphangitis m beiden Parametrien, Salpingitis und Oophoritis sinistra. Douglasabszesse, phleg¬ monös eitrige Entzündung im retroperitonealen Zellgewebe entlang der Vena spermatica sinistra bis zum unteren Nierenpol. . 11. Frau K. E„ 31 Jahre,. Vl.-para. Abortus incompl. mens. 2. Aut- genommen 18. VI. 1920, gestorben 2. VII. 1920. u Vom behandelnden Arzt ausserhalb der Klinik wurde trotz Schüttelfrost Abrasio vorgenommen. Bei der Aufnahme Temperatur von 40,0 . 15 Tage lang Febris continua um 40". Septischer Allgemeinzustand. Therapie: Kollargol, 5 ccm intravenös, 4 mal. Im Blut fanden sich hämolytische Streptokokken. Sektionsprotokoll: Thromboendokarditis, septischer Milztumor mit sep¬ tischem Infarkt, septischer Infarkt der linken Niere, allgemeine Sepsis. 12. Frau L. S.. 38 Jahre, IV.-para. Abortus incompl. mens. 2. Auf¬ genommen 10. XII. 1920, gestorben 22. II. 1921. Ausserhalb der Klinik wurde trotz Fieber die Ausräumung vorgenommen. Dann Temperaturanstieg bis 40°. Bei der Aufnahme 39,8" Fieber. Sep¬ tischer Allgemeinzustand. Im Blut fanden sich hämolytische Streptokokken bis zum Tode. Die Temperatur war intermittierend von 38,5 — 40,0 . Sektionsprotokoll: Endometritis, Endokarditis mitralis ulcerosa, septi¬ scher Milztumor mit teilweise septischer Infarzierung, septischer Nieren¬ infarkt. , „ . , ... Von den 5 Todesfällen der aktiven Aera darf ein Fall (Nr. 2) nicht der Ausräumung zur Last gelegt werden, denn er ist an einer durch einen der- Operation vorausgegangenen kriminellen Eingriff entstan¬ denen Peritonitis gestorben. Fall Nr. 4, der ausserhalb der Klinik vom Arzte trotz Fieber ausgeräumt wurde, wäre bei uns in der Klinik in der damaligen Zeit ebenso behandelt worden. In der Zeit 1914—1920 (konservative Aera) wurden von den 7 ad exitum gekommenen Fällen 5 (Nr. 6, 9, 10, 11 und 12) von den behandelnden Aerzten ausserhalb der Klinik trotz bestehenden Fiebers ausgeräumt und in septischem Allgemeinzustand in die Klinik ein¬ geliefert. Sie können demnach nicht als konservativ behandelte Fälle gelten. Fall Nr. 8 ist an Grippe gestorben. Er darf also nicht mit¬ gezählt werden. Von Todesfällen, die dem konservativen Verfahren zur Last gelegt werden können, bleibt demnach nur einer (Nr. 7). Unter Berücksichtigung dieser Sachlage muss also Tabelle 3 folgendermassen lauten : Tabelle 3. Aktiv bell. Aborte . Kons. „ „ . . 1908—14 105 sept. Aborte . . | 1915-20 1 79 „ „ 4 Todesfälle l Todesfall 3,8% Mort. 1,3% „ Aus der berichtigten Tabelle geht demnach hervor, dass die Mor¬ talität bei aktivem Vorgehen bedeutend höher ist als bei konserva¬ tiver Behandlung. Latzko berechnete für sein Material (Aborte über 38") bei aktivem Vorgehen 11 Proz.. bei exspektativem Verhalten 7,8 Proz. Mortalität. H a 1 b a n “) kommt bei durchweg aktivem Vor¬ gehen auf eine Mortalität von 3,13 Proz.. wobei aber zu berück¬ sichtigen ist, dass H a 1 b a n komplizierte Fälle ausschaltet, während Latzko dies bei seiner Statistik nicht tut. Zwei Momente werden gegen das abwartende Verfahren immer wieder ins Feld geführt: Der lange Krankenhausaufenthalt und die Blutungsgefahr. Ich habe die durchschnittliche Dauer des Kranken¬ hausaufenthaltes aus unserem Material berechnet und bin dabei zu folgenden Zeiten gekommen: Bei aktivem Vorgehen 12 Tage, bei kon¬ servativem 15 Tage Krankenhausaufenthalt. Traugott erhält bei exspektativem Vorgehen einen durchschnittlichen Krankenhausaufenthalt von 17,5 Tagen. Die bei unserem Material zum Vorschein kommende geringe Differenz von durchschnittlich 3 Tagen im Krankenhausaufent¬ halt bei konservativer Behandlung einerseits und aktivem Vorgehen andererseits kann auf keinen Fall ausschlaggebend sein für die Bevor¬ zugung eines therapeutischen Verfahrens, das für den Kranken weniger Lebenssicherheit bietet. In der allgemeinen Praxis wird der Arzt bei konservativem Vor¬ gehen manchmal auf Schwierigkeiten stossen; die Kranken werden ungeduldig, da sie unter dem Eindruck stehen, dass „nichts an ihnen gemacht werde“. Ein zielsicherer und sich der Verantwortung be¬ wusster Arzt wird trotzdem den von ihm für richtig erkannten Weg weitergehen. Die Verblutungsgefahr ist, wie ich schon oben erwähnte, bei den Aborten in den ersten Monaten sehr gering. Trotzdem wird sie der Praktiker aus naheliegenden Gründen mehr fürchten als die Klinik, in der irnmei ein Arzt zur Stelle ist. der nötigenfalls sofort eingreifen kann. In der Praxis wird daher die Indikationsstellung nicht immer so streng gehandhabt werden wie in der Klinik. Mancher Arzt wird bei einem septischen Abort eingreifen, bei dem der Kliniker noch abge¬ wartet hätte. Doch bedeutet es, wie Latzko sagt, schon sehr viel, wenn das Fieber an sich als Anzeige zur Ausräumung aus dem Ge¬ dankengang des Arztes verschwindet. Auf Grund unserer therapeutischen Ergebnisse werden wir dem konservativen als dem schonenderen und überlegenen Verfahren auch in der Folgezeit treu bleiben. Zum Schluss noch ein Wort zur bakteriologischen Indikationsstel¬ lung. Wir entnehmen bei allen septischen Aborten Blut aus der Kubital- vene und säen die entnommene Probe sofort am Krankenbett auf Näh böden aus. Der Blutbefund . soll uns aber nur einen diagnostisch! und prognostischen Anhalt geben. Bei positivem Streptokokkemiac! weis ist die Prognose fast immer ungünstig. Die beste Zeit zur Blu entnähme ist auf der Höhe des Schüttelfrostes odei kurz danach. Auch der bakteriologische Befund des Scheiden- und Uterusexsi dates ist für uns von diagnostischem und prognostischem Wert. I bestimmt aber in keiner Weise unser therapeutisches Handeln. nehmen also in dieser Frage einen ähnlichen Standpunkt ein w Veit7), Bumm, Bondy8), Mansfeld") u. a. Abgesehen davo dass eine exakte Identifizierung der einzelnen Keimarten sowohl ba terioskopisch als auch durch das Nährbodenverfahren ausserordentHi schwierig sein kann, schwankt die Pathogenität desselben Bakteriur oft so stark hin und her. dass beim Nachweis des hämol\ tischt Streptokokkus im Uterusinhalt ein Fall ganz gutartig verläuft, währo ein anderer einer höchst foudroyanten Sepsis erliegt. Auch kann i d Uteruskavum schon wieder keimfrei geworden sein, wenn in der Tie des Gewebes die Infektion fortschreitet. Im Gegensatz zu Pa n k o sind wir der Anschauung, dass sich die bakteriologische Indikation Stellung für die Praxis noch weniger eignet als für die Klinik. Meine Erfahrungen mit Neösilbersalvarsannatrium Von Prof. Dr. E. Qalewskv, Dresden. Der Wunsch, verschiedene kleine Unannehmlichkeiten, die dt Silbersalvarsan anhaften, zu beseitigen und die therapeutische Braue barkeit des Präparates noch zu erhöhen, auf der anderen Seite t Lösungen des Silbersalvarsans noch mehr zu stabilisieren und dal zu entgiften, hatte Geheimrat Kolle veranlasst, auf diesem Gehn weiterzuarbeiten. Es ist ihm m'it seinen Mitarbeitern gelungen, c Ziel zu erreichen und ein neues Präparat, das Neosilbersalvarsa natrium, zu finden. Ich habe das Silbersalvarsannatrium seit dem J\ 1920 angewendet und möchte heute über die Resultate, die ich r demselben erzielt habe, berichten. * „ , .. Ich habe mit dem neuen Präparat bisher an 290 Kranken ut 2800 Injektinen gemacht, glaube also, dass ich nach einem Zeitrai von fast 2 Jahren bereits in der Lage bin, ein Urteil über cas Mit zu fällen. , , . .• , Das NeoSiSaNa. ist ebenso wie das alte Silbersalvarsan ein dun] schokoladebraunes Pulver, welches in Ampullen von 0,2 bis 0,5 ccm ; liefert wird. Wenn es sich zersetzt, wird es grauschwarz, die Losu nimmt eine schwarz schmutziggraue Farbe an, im Gegensatz zur n malen ichthyolbraunen Lösung. Das in der Ampulle zersetzte Pul darf selbstverständlich auch hier nicht angewendet werden. Der Vorzug des Neösilbersalvarsannatrium vor dem alten bilb salvarsan besteht schon bei der Lösung darin, dass es sich se leicht und vollkommen löst und dass die Lösungen, verglüh mit denen des Neosalvarsan (aber auch des alten Silbersalvarsan) s stabilisiert sind. Das Präparat hält sich 24 Stunden an der Luft ol wesentliche Zunahme der Giftigkeit, in 2 — 4 Stunden erfo.gt ub haupt keine Zunahme der Giftigkeit, während Neosalvarsanpraparate 3__4 Stunden das Zwei- bis Dreifache der Giftigkeit, in 24 btum das Sechs- bis Siebenfache erreichen können. Was die Schnelligkeit und Vollkommenheit der Lösung anbelai so sind die Lösungen von Neösilbersalvarsannatrium völlig gleich des Neosalvarsans. Als weiteren Vorteil hat das NeoSiSaNa, dass in einer Dosis, die halb so gross ist, als die des Neosalvarsans. her' heilend im Tierversuch wirkt. Dies ist deshalb wichtig, weil NeoSiSaNa. auch aufzufassen1 ist als ein chemisch st b i 1 i s i e r t e s, biochemisch verstärktes N e o s a 1 Iv ä r s Ms weiterer Vorzug des NeoSiSaNa. spielt das Moment eine Ro.le, fl sich das Präparat leicht mit Hg mischen lässt und sich infolgedes besser zur Kombinationskur mit Hg — wegen der Methylen-Sulfoxy KomDonente, die es enthält — als Mischspritze verwenden lasst. Ich habe das Präparat stets in Dosen von 0,2, 0,3. 0,35, 0 45 und 0,5 angewendet. Die Dosis 0,2 habe ich nur als taste Dosis verwendet. Als normale Dosis zur Behandlung hat sich am bei 0,3 — 0,45 bewährt (alle 4 — 5 Tage). Was die Wirkung des Präparates auf die Spirochäten und die scheinungen selbst anbelangt, so ist sie eine ausserordentlich g Die Spirochäten im Primäraffekt verschwinden im allgemeinen her nach der ersten Injektion. Die Wirkung auf den Primäraffekt seihst ebenfalls sofort zu erkennen. Derselbe heilt schnell ab, die Dm bilden sich ebenfalls rasch zurück, wenn man ohne Hg behandelt, allgemeinen ist das NeoSiSaNa. vielleicht um eine Kleinigkeit schwur als das alte 9iSa„ dafür ist aber seine Verträglichkeit e um so grösssere. Ebenso schnell verschwinden Exantheme andere luetische Erscheinungen, Auch Schleimhauterscheinungen v den ausserordentlich günstig beeinflusst. Mein Behandlungsschema w'ar im allgemeinen: 10 — 12 Injektu NeoSiSaNa. zur Abortivbehandlung bei seronegativer Lues I. 10 12 Injektionen mit Hg kombiniert (oder auch allein) bei seroposit Lues I. Jeder Abortivkur lasse ich nach 6 Wochen Pause eine zw Sicherheitskur von 4 — 6 Injektionen folgen (ev. wieder mit Hg k biniert). Sowohl vor der Kur wie nach den ersten Injektionen als * 7) Veit: Ergehn, d. Uyn. 1914. 8) Bondy: Zschr. f. üeburtsh. 70. °) Mansfeld: Gyn. Rdsch. 1916, M.m.W. H. 17. 1911, Nr. 38. 6) Halb an: Zbl. f. Gyn. 1921, Nr. 12, März 1922. MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT. 353 . i;h Schluss der Kur schalte ich gewöhnlich die Blutproben eSo, um . Schwankungen der Blutprobe festzustellen. Mit dieser Abortivbehandlung (also 14 — 18 NeoSiSaNa.-Injektiouen) ji primärer serologischer Lues habe ich bisher 30 Fälle behandelt, die i 1 — 1A Jahre serologisch und klinisch verfolgen konnte1). Alle , ese Fälle sind bisher o'hne Rezidive verlaufen. Gleicht liegt das daran, dass ich zu dieser Abortivkur nur Fälle ver- » nde. die möglichst frühzeitig zu mir kommen, und dass ich Fälle i der 5. oder 6. Woche nicht mehr zur reinen Abortivkur nehme, sserdem behandle ich bei jedem Kranken Primäraffekt und die dazu- 1 lörende Scleradenitis mit Hg-Salben usw. Ich glaube, dass — so- ■it man nach \V< Jahren überhaupt rechnen kann — in meinen llen die Abortivbehandlung als gelungen anzusehen ist, da bisher ntliche Wa.-Blutproben negativ ausgefallen sind und klinische Re- ive nicht aufgetreten sind. Neben diesen reinen Abortivkure'n wurden auch kombinierte iren von NeoSiSaNa. und Hg gemacht, um zu sehen, ob die- ben kräftiger und nachhaltiger wirken, und um die Verträglichkeit n Hg und NeoSiSaNa. zusammen zu prüfen. Einen wesentlichen terschied zwischen beiden Behandlungsmethoden für die Abortiv- landlung kann ich bei meinen Frühfällen nicht anerkennen. Ich re nicht den Eindruck, als ob mit Hg ein wesentlicher Fortschritt feit würde, wenn man zeitig genug anfängt. Dagegen vertragen e Kranken die reine Sal varsankur sicherlich ss er als die kombinierte. Ich glaube aber, dass in allen llen, wo die Blutprobe positiv ausfällt, eine kombinierte Kur in der gel am Platze ist. Ganz zweifellos ist dies der Fall in den Fällen ii manifester sekundärer Lues. Hier werden wir auf die kombinierte Kur rläufig nicht verzichten können. Ich habe aber auch bei positivem Wa. Fällen, in welchen die Kranken sich vor Hg scheuten oder nach der iten schlecht vertragenen Injektion das Hg verweigerten, mit reinen oSiSaNa.-Injektionen auch bei Lues I seropositiva sehr gute Re- tate erzielt, und mit reinen Salvarsankuren ein absolutes Freibleiben rt serologischen und klinischen Rezidiven erreicht. Was die Verträglichkeit des Mittels anbelangt, so scheint r dieselbe eine ausserordentlich gute zu sein. Der jioneurotische Symptomenkomplex tritt so gut wie gar nicht mehr :. Die beängstigenden, aber im allgemeinen harmlosen Erscheinungen, 2r die ich als Erster beim SiSa. berichtet habe, fehlen hier so gut 2 ganz. Nur äusserst selten, vielleicht 2—3 mal, habe ich eine Wal- gshyperämie im alten Sinne — aber viel leichter — konstatieren inen. Von besonderen Nebenerscheinungen habe ich in 2 Fällen Erbrechen ebt; ab und zu trat ein leichter Schüttelfrost auf. aber doch nur Ingen Grades. Stärkere Schüttelfröste traten nur in den Fällen :, in denen der Wa. bereits positiv war und unmittelbar auf die In- tfon eine starke Jarisch - Herxheim er sehe Reaktion auftrat, o in den Fällen, wo es sich bereits um einen starken Spirochäten¬ fall und ein richtiges Spirochätenfieber handeln musste. Zwei meiner mken vertrugen das NeoSiSaNa. im allgemeinen schlecht; sie fiihl- sich nach dem Gebrauch desselben nicht wohl und gaben an, dass en früher das reine Neosalvarsan besser bekommen wäre. Tat- dilich war dies auch der Fall, als ich dieses wieder verwendete. :se Kranken scheinen also eine besondere Empfindlichkeit gegen ; neue Präparat gehabt zu haben. Das gleiche trat in einem dritten II ein, in dem ich einem Kranken mit einer starken ulzerösen Spüt- s der Nase NeoSiSaNa. gab. Dasselbe wirkte zwar ausgezeichnet, ■ Kranke klagte aber über ein so auffallend starkes Schwitzen und esmaligen leichten Schüttelfrost, dass ich auch hier wieder zum Neo- varsan überging, welches er besser vertrug. Sonst wurde das Prä- 'at überall ausgezeichnet vertragen und, abgesehen von 10 Kranken, über starkes Fieber klagten2), habe ich weitere Nebenerscheinungen nittelbar an die ersten Injektionen nicht konstatieren können. Da¬ ten habe ich zweimal Ikterus beobachtet; einmal bei einem Kranken. ■ bereits längere Zeit mit Neosalvarsan, Silbersalvarsati und oSiSa. 4- Hg behandelt war, bei welchem es also zweifelhaft war. lchem der Präparate der Ikterus zuzuschreiben war. In einem zwei- i Fall trat im Anschluss an die 8. NeoSiSaNa. -Injektion bei einer sehr pfindlichen Kranken ein Exanthem auf. dem später ein Ikterus folgte, dass die Kranke das Krankenhaus aufsuchen musste. Ausser dieser en schweren Salvarsandermatitis habe ich noch 4 Fälle von Salvar- idermatitis im Verlaufe der letzten \A Jahre gesehen. Es handelte h in 2 Fällen um leichtere Erkrankungen, die verhältnismässig schnell rübergingen; nur in einem Falle, den ich bereits 'in der Dermatol, sehr. 3) veröffentlicht habe, in welchem es sich um eine Röntgen- i Salvarsandermatitis handelte, musste der Kranke mehrere Wochen > Zimmer hüten. Sonst verliefen die anderen Fälle im allgemeinen dit und günstig. Dann habe ich noch einen leichten Arsenzoster einem Kranken gesehen, der aber in kurzer Zeit wieder verschwand, sind also 1m allgemeinen sehr wenig Nebenerscheinungen, die auf- Geten sind, und abgesehen von 2 Fällen von Exanthem, die die Kran- ■i veranlassten, das Krankenhaus aufzusuchen, die aber auch günstig ^liefen, habe ich keine ernsteren Nebenerscheinungen gesehen. Im letzten Jahre habe ich, um auch diese Methode zu prüfen. oSiSaNa. als Mise hin jektion mit Novasurol oder ü a r s a 1 gegeben und habe mich von der guten Mischbarkeit mit b Ausser diesen 30 Fällen sind noch eine grosse Anzahl von kurzer fobachtungszeit mit ebenfalls bis jetzt sehr guten Resultaten in Behandlung. ") Darunter 4 an einem Tage (Wasserfehler?). 3) Derm. Wschr. 1921. beiden Hg-Präparaten und von der guten Wirkung dieser Mischinjek¬ tionen überzeugt. Von einem bin ich allerdings fest überzeugt: dass diese Mischspritzen nicht so energisch und nicht so anhaltend wirken wie die Kombination von S a 1 v a r - san + Hg intramuskulär injiziert. Ich habe bereits von andern Kollegen behandelte Kranke mit Lues II nach dieser Injektions¬ methode gesehen, die im Sekundärstadium schnellere und ernstere Rückfälle gehabt haben als ich sie in meiner Praxis gewöhnt bin. Ob dies an den vielleicht geringeren Dosen oder an der Mischung liegt, kann ich heute noch nicht mit Sicherheit sagen. Ich glaube also, dass die Mischinjektionen zwar eine schnelle Wirkung, aber doch nicht eine so nachhaltige besitzen. Diese klinischen Beobachtungen stimmen mit den von Kolle bei Kaninchenschankern ermittelten Tatsachen, die er in Hamburg auf dem Kongress der D. dermatol. Ges. mitteilte, überein. Wie vorsichtig man mit der Deutung von Nebenwirkungen sein muss, zeigten mir 2 Fälle, die ich in der letzten Zeit erlebte. Einer meiner Patienten, der mich mit einem starken Primäraffekt und posi¬ tivem Wa. aufsuchte, erhielt zuerst eine schwache NeoSiSa.-Injektion; darauf Jarisch-Herxheimer sehe Reaktion, Schüttelfrost und Fieber. Zweite Injektion besser vertragen, nur noch ganz leichte Tem¬ peratursteigerung. Dritte Injektion NeoSiSa. 0,3 + Novasurol als Mischspritze ruft eine akute Hg-Intoxikation hervor (Fieber, sehr zahl¬ reiches Erbrechen,, gehäufte Durchfälle; nach Weglassen des Nova- sarols und Erholungspause werden die NeoSiSaNa.-Injektionen sehr gut vertragen. In einem zweiten Fall bei einem 16 jährigen Mädchen mit Lues congenita werden die NeoSiSaNa.-Injektionen sehr gut vertragen. Als ich zur Steigerung Cyarsal zusetzte, erfolgte ebenfalls ein Kollaps, starkes Erbrechen, Durchfall, Schüttelfrost. Auch hier wieder wurden die ersten NeoSiSaNa.-Injektionen gut vertragen1). Ausser diesen beiden Misserfolgen habe ich bei den Mischspritzen sonst keine wesentlichen Nebenerscheinungen gesehen. Ganz kurz möchte ich noch über einige interessante Fälle berich¬ ten, die die Wirksamkeit des neuen Präparates zeigen sollen. 1. Eine schwere beiderseitige Keratitis parenchymatosa, sehr lange mit Hg vorher vergeblicli behandelt, ist nach zwei NeoSiSaNa. -Injektionskuren fast völlig ausgeheilt. 2. Eine äusserst hartnäckige Leukoplakie, die seit 4 Jahren mit Neo¬ salvarsan und Hg behandelt worden ist, und nebenbei schwere vegetierende Lueserscheinungen an Nase und Ohr zeigt, erhält zuerst eine Zittmannkur und dann 9 NeoSiSaNa.-Injektionen. Leukoplakie und Lues vegetans heilen sofort ab, obwohl Patient ein starker Raucher ist und sehr unregelmässig zur Kur kommt. Ein leichtes leukoplakisches Rezidiv der Zunge heilt nach wenigen Injektionen einer zweiten Kur sofort ab. 3. Ein Patient, welcher eine kombinierte Neosalvarsan- und Hg-Kur- von zusammen 7 Salvarsan- und 20 Hg-Spritzen erhalten hat wegen primärem Ulcus durum, erkrankt kurze Zeit nach Beendigung der Kur an schwerer ulzeröser Lues im Gesicht, an der Urethra und am Arm bei positivem Wassermann und Spirochäten im Urethralgeschwür. Mit 10 NeoSiSaNa.-Injek¬ tionen ist das schwere Rezidiv abgeheilt. Der Patient, der an einer schweren galoppierenden Lues erkrankt ist, ist z. Z. noch bei mir in Behandlung, sein Wassermann ist negativ, Erscheinungen hat derselbe z. Z. nicht mehr, nachdem er noch einmal ein zerebrales Rezidiv durchgemacht und seitdem noch 2 NeoSiSaNa. -Kuren erhalten hat. Fasse ich mein Urteil zusammen, so halte ich das Neosilbersalvarsannatrium für ein sehr wirksames, bei weitem das Neosalvarsan überragendes Präpa- r a t. welches dem Silbersalvarsan 'in seiner Wirkung fast gleich ist und den Vorzug hat, dass es in höheren Dosen verträglicher ist als das Silbersalvarsan. Man kann infolgedessen höhere Dosen geben als beim Silbersalvarsan. ohne dass die Verträglichkeit darunter leidet. Der Vor¬ zug desselben liegt, wie 'ich schon oben anführte, darin, -dass der angio- neurotische Symptomenkomplex fast ganz wegfällt, dass das Präparat in einer Dosis, die halb so gross wie die des Neosalvarsan ist, schon heilend im Tierversuch wirkt, dass das NeoSiSaNa. sich ebenso schnell und vollkommen wie das Neosalvarsan löst, und dass diese Lösungen von NeoSiSaNa ausserordentlich haltbar und stabilisiert sind. Ein Stehenlassen der Lösungen länger als Id Stunde ist aber trotzdem zu vermeiden. Ich kann das NeoSiSaNa. auf Grund meiner Erfahrungen insbesondere für die Abortivbehandlung zur reinen Salvarsankur auf das wärmste empfehlen. Es ist aber auch ebensogut in Kombination mit Hg oder als Mischspritze bei der sekundären Lues und auch bei der ter¬ tiären Lues 'in Verbindung mit Jod ein ausserordentlich wirksames, gut verträgliches Präparat. Aus dem hygienischen Institut der Universität Qiessen. (Direktor: Prof. E. Qotschlich.) Ein Anreicherungsverfahren zum Nachweis von wenigen oder in ihrer Wachstumsenergie gehemmten Keimen im menschlichen Harn. Von Prof. Huntemüller. Das Verschwinden der Krankheitserreger aus dem Blute des kranken bzw. genesenden Körpers ist schon sehr bald nach den grund¬ legenden Entdeckungen Robert Kochs und seiner Schüler Gegenstand der Forschung gewesen. Hierfür konnten einmal die bakterientötende Wirkung des Blutes, die Ablagerung in den verschiedenen Organen und 1) Aehnliche Erfahrungen habe ich auch mit Suifoxylat + Hg als Mischspritze gemacht. 354 MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT. Nr. 10. endlich die Entfernung mit den Se- und Exkreten des Körpers verant¬ wortlich gemacht werden. „Die Fähigkeit des Organismus, mittels der Nierensekretion sich nicht bloss von gewissen gelösten, sondern auch von organisierten Giften zu befreien, „sollte bis zu einem gewissen Grade als eine wert¬ volle Einrichtung der Natur zu begrüssen sein“ (Cohn heim Uj) utlld deshalb der Harn „ein ausgezeichnet günstiges Objekt für die Unter¬ suchung auf die Anwesenheit von Organismen im Körper darbieten (Klebs[2l). , . . t .. .. Die bakteriologische Urinuntersuchung hat aber nicht die diagnosti¬ sche Bedeutung erlangt (Neumann [3]), wie man es auf Grund theoretischer Ueberlegung annehmen zu müssen glaubte. Denn an der Hand einer grossen Reihe von experimentellen Untersuchungen (W y s s o k o w i t s c h [4]. Opitz [5], J. Koch |6| u. a.) konnte nachgewiesen werden, dass die Ausscheidung von Bakterien durch die Nieren kein physiologischer Vorgang ist (Biedl und Kraus |7J), sondern erst nach Schädigung der Nierenzellen stattfindet. Eine Schädigung der Nieren im Verlaufe von Infektionskrankheiten infolge von Toxinwirkung oder, wje wir gleich noch sehen werden, durch Ablagerung von Krankheitskeimen, wird aber häufig beobachtet, so dass der Befund der spezifischen Krankheitserreger im Urin bei inneren Krankheiten nicht gar so selten ist. und z. B. beim Typhus auch diagnostisch verwertet wird. In neuerer Zeit sind sogar mehr¬ fach im Urin Diphtheriebazillen nachgewiesen (Conra di und Bier- a s t [8], Beyer [9] usw.), so dass wir auch bei dieser als reine Toxikose aufgefassten Krankheit mit einem gelegentlichen Eindringen der Erreger in die Blutbahn' zu rechnen haben. Denn an die Herkunft der Keime aus dem Blut ist in diesen beiden Fällen wohl nicht zu zweifeln, während wir andererseits auch mit einer Infektion des Urins auf dem Lymphwege vom Darm aus oder aszendierend durch die Urethra zu rechnen haben. Die Ausscheidung der Typhuskeime im Urin ist für die Epidemio¬ logie des Typhus von grosser Wichtigkeit und kann, wie die Erfahrung lehrt, jahrelang fortdauern, nachdem die Typhusbazillen längst aus dem Blute verschwunden sind. Diese Keime stammen aus Bakterienherden in der Niere selbst, und Orth [10l bezeichnet gewisse Entzündungs¬ herde in der Marksubstanz der Nieren bei septischen Erkrankungen als „Ausscheidungsaffektionen“, eine Bezeichnung, für deren Richtigkeit die oben schon erwähnten Arbeiten über das Schicksal der ins Blut inji¬ zierten Mikroorganismen den Beweis erbracht haben. Nach Wysso- ko witsch [4] verschwinden diese schnell aus dem Blute und werden hauptsächlich in der Leber, ferner in der Milz und nur in Ausnahmefällen in der Niere abgelagert. Ob es sich dabei um einen physiologischen Vorgang handelt, möchte ich sehr dahingestellt sein lassen. Jedenfalls können diese Ablagerungen, wenn es sich um pathogene Keime handelt, wie J. Koch [6] nachweisen konnte, zu eitrigen Nephritiden führen und „der Nachweis von Traubenkokken im Urin kann daher für die Diagnose eitriger Nierenerkrankungen, bei Pyämie. Osteomyelitis. Endokarditis, Phlegmone, Furunkel und Karbunkel von Bedeutung sein.“ Hu eb sch mann [11] kommt auf Grund ätiologischer und patho¬ logisch-anatomischer Untersuchungen zu dem Schluss, dass eine echte akute Glomerulonephritis nie durch echte Bakterientoxine oder sonst irgendwie gelöste Gifte, sondern ausnahmslos durch endotoxische Bak¬ terien hervorgerufen wird. In vielen Fällen werden sich die primären Herde oder die Eingangs¬ pforten der infektiösen Keime gar nicht mehr feststellen lassen. Denn eine leichte Angina, eine kleine eiternde Hautwunde, ein Darmkatarrh, Stuhlverstopfung, Gravidität usw. können den Mikroorganismen Ge¬ legenheit geben, in den Organismus einzudringen, um dann auf dem Blut- oder Lymphwege in die inneren Organe zu gelangen und hier zunächst abgelagert zu werden. Die Keime können jetzt selbst längere Zeit im Latenzzustand verharren, bis eine Resistenzherabsetzung des Organismus ihnen die Möglichkeit bietet, die Schutzkräfte des Körpers zu überwinden und ihre pathogene Wirkung zu entfalten. Diese Ab¬ lagerung kann nun überall im Körper stattfinden, und wir sehen der¬ artige Herde bei der Staphylokokkenpyämie, dem Paratyphus usw. in den verschiedensten Organen auftreten, doch scheinen, wie es auch Wy ssokowitsch experimentell feststellen konnte, Leber, Milz und Nieren bevorzugt zu werden. Die Herde in der Leber sollen an anderer Stelle den Gegenstand unserer Betrachtung bilden: hier vollen wir uns speziell mit der bak¬ teriellen Infektion der Harnwege beschäftigen. Durch die guten Erfolge der Autovakzinbehandlung nach W right besonders bei infektiösen Blasen- und Nierenerkrankungen, ist die bak¬ teriologische Urinuntersuchung wieder in den Vordergrund des Inter¬ esses getreten. Ueber ihre Bedeutung für die Diagnose und Therapie speziell der akuten Nephritis hat sich Scheidemantel [12l des näheren geäussert. Er hält die Untersuchung des gefärbten Sediment¬ ausstriches in der Bakteriologie der Nephritis deshalb für besonders wichtig, weil nach seinen Erfahrungen im Gegensatz zum eitrigen Harn bei Zystitis der nep'hritische Harn häufig steril bleibt, obwohl im Aus¬ strich reichlich Bakterien nachzuweisen sind. Ich kann diese Beob¬ achtung nur bestätigen, habe aber gerade mit auf Grund dieses Be¬ fundes die von Scheideman tel verworfene Nährbouillon mit gutem Erfolg zu unseren Züchtungsversuchen herangezogen. Denn die in ihrer Wachstumsenergie gehemmten Bakterien entwickeln sich nur sehr schwach und zögernd auf den festen Nährböden, so dass ihr Nachweis häufig misslingt. Diese Wachstumshemmung ist bei den aus der Niere stammenden Keimen wohl in erster Linie auf -eine Schädigung durch die Immunstoffe des Körpers zurückzuführen, eine Annahme, die in dem verspäteten Wachstum von Typhuskeimen aus dem Blut bei der C o n r ad i sehen Gallenanreicherung ihre Bestätigung findet und die neuerdings besonders wieder bei Schutzgeimpften nachgewiesen werden konnte. Auch in den Urin können diese Immunstoffe übergehen, wenigstens ist dieser Beweis für die Agglutinine geliefert. Das Vorkommen vor Antikörpern im Urin' ist nach G. Michaelis [13l schon von W right bei seiner Vakzinationstherapie beobachtet und gibt einen guten In¬ dikator für die Fortschritte der Immunisierung. Es handelt sich hierbe um das Auftreten von Fadenbildungen bei Bact. coli, wie sie vor Pfaundler [14] im Immunserum beschrieben wurden. Die Aus¬ scheidung von Agglutininen durch den Harn, denn hierauf beruht das Phänomen, findet aber nach den Untersuchungen von H. v. H ö s s • lin [15] nur bei Schädigung der Niere statt, während gesunde Nieren für Agglutinine undurchlässig sind. _ Ferner können auch chemisch wirksame Stoffe im Urin auftreten Durch die Untersuchungen von K. B. Lehmann [16l und I. Rich¬ ter [17] wissen wir, dass frisch gelassener Harn durch seinen Gehalt an sauren Phosphaten, aromatischen. Substanzen u. dgl. bakterizic wirken kann. Auch Meyer -Betz [18] konnte beobachten, dass der dünne, schwachsaure Harn bei Pyelitiskranken dem Bact. coli di» üppigste Vermehrung gestattet, während stark saurer Harn im all¬ gemeinen, im besonderen der stark saure konzentrierte Harn der hoch fiebernden Kranken ein Bakterienwachstum unter den gewöhnlich« Verhältnissen lange Zeit nicht aufkommen lässt. Ebenso könnt« Hoppe-Seyler [20] feststellen, dass konzentrierte, an aromatischer Verbindungen' (Aetherschwefelsäure und Glukuronsäure) reiche Urin- beigemengte Kolibazillen absterben lassen. Er strebte daher ebens- wie M e y e r - B e t z [18] und H a a s [19] bei der Behandlung der Koli pvelitis und Zystitis eine stark saure Reaktion und starke Konzentratiot des Harnes an. Auch nach Jahn [21] ist bei tierischem Harn der be deutende Einfluss der Azidität bzw. Alkaleszenz bei der keimtötende) Wirkung offensichtlich. Aber nicht nur die verminderte Wachstumsenergie, sondern aucl die geringe Zahl der Keime erschwert häufig ihren Nachweis. Hier ver sagt auch die mikroskopische Betrachtung des gefärbten Sediment ausstriches, da ein Bodensatz bei positivem Bakterienbefund nicht vor handen zu sein braucht. Besonders ist dies bei frischen Fällen voi infektiöser Nephritis der Fall, wo erst geringe pathologische Verände rungen Platz gegriffen haben. Hier kann eine rechtzeitige, positive bak teriologische Harnuntersuchung die Diagnose klären, und der Prozes bei geeigneter Therapie ohne grosse Funktionsschädigung zur Abheilun; kommen. . . , Unter Berücksichtigung dieser verschiedenen Punkte habe ich de: flüssigen Nährboden trotz seiner Nachteile zur Anreicherung heran gezogen, ln der bakteriologischen Diagnostik wird ja die Anwenduii; eines flüssigen Mediums zur Anreicherung mehrfach empfohlen. So is die Anreicherung des Stuhles in Peptonwasser bei Cholera, des Lum balpunktates in Zuckerbouillon bei Meningitis* und des Blutes in Gail bei typhösen Erkrankungen Gemeingut der bakteriologischen Techni geworden. Von Travinski [22] ist die Gallemanreicherung auc zum Nachweis von Tvphusbazillen im Urin mit gutem Erfolg benutz Er konnte durch dieses Verfahren bei 343 Harnproben 104 m: (30,32 Proz.) Typhusbazillen nachweisen, während es bei direkter An¬ saat auf Drigalski-Conradi-Platten nur 69 mal (20,12 Proz.) gelans Wurde der Urin durch den Katheter entnommen, so konnte bei 78 Unter suchungen 25 mal (32,18 Proz.) ohne und 35 mal (45 Proz.) mit dt Gallenanreicherung ein positives Resultat erzielt werden. Bei diesen AV. handelt es sich allerdings um den Nachweis gan bestimmter Keime, die unter normalen Verhältnissen im oder ar menschlichen Körper nicht Vorkommen. Doch hat das Conradi Kayser sehe Galle-AV„ besonders in der Modifikation vo P. Schmidt [23] auch bei Staphylo- und Streptokokkensepsis gut Erfolge ergeben. Die Beschaffung von einwandfreiem, steril entnommenem Ausgang: material macht hier ebenso wie bei der Entnahme von Härnprohe Schwierigkeiten. Dass diese mit dem Katheter unter streng aseptische Kautelen zu geschehen hat, braucht wohl nicht extra betont zu werde! Für den vielbeschäftigten prakt. Arzt ist sie daher in den meisten Fällt nicht durchzuführen. Doch lassen sich bei geeigneter Technik die Fehlt auf ein erträgliches Mass zurückschrauben. Uns stand für unsere Untersuchungen das Material der Universität1 kliniken sowie einiger Fachärzte in Giessen zur Verfügung. Zur Kot trollierung unserer Befunde wurden mehrere Portionen des gleiche Harns untersucht und, falls die Menge ausreichte, was bei dem dur. Uretherenkatheterismus gewonnenen nicht immer der Fall war, je 2 cc zu einer Agarplatte ausgegossen. Falls das Resultat aus den ve schiedenen Proben nicht übereinstimmte, wurde eine erneute Einsci düng erbeten. Auf diese Weise gelang es auch bei schubweiser Air Scheidung einwandfreie Resultate zu erzielen. Nachdem wir uns in früheren Versuchen von der Brauchbarkeit d< Anreicherung überzeugen konnten, gehen wir jetzt in der Weise v< dass wir von dem Bodensatz des möglichst frischen, steril entnommene Harns ein gefärbtes Ausstrichpräparat anfertigen und je eine gros: Oese auf Agar- und Endonährboden ausstreichen. Beim Fehlen ein* Sedimentes unterbleibt das mikroskopische Präparat, dagegen werde in beiden Fällen 2 ccm des gut durchgemischten Harns zu einer Aga platte verarbeitet, ein Teil mit der gleichen Menge Bouillon verset und ein Teil unverdünnt bebrütet. Der Rest wird auf Neutralität tu Eiweiss geprüft. Wurden von einem Harn mehrere Portionen eii MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT. Tabelle 1. Blasenharn. 1 alten kn ltnr lositiv beim Koli beweg! | unbewegt Alkali - bildner Typhus Paratyphus B Proteus Gono¬ kokken Staphylo- | Strepto¬ kokken Varia Pos tiv insgesamt Verun- reinignng Steril Ausstrich so- ort . PQ (6,5%) 101 (16,83%) 15 (2,5%) 1 (0,17%) 1 (0,17%) 3 (0,83 %) 1 (0,17 o/0) • 35 (5,83 °/0) 4 (0,67 o/o) 16 (2,67%) 216 (36%) 9 (1,5 /„) !4 stg. Anc. . — 25 <4,17%) 15 (2,5%,) 1 (0,17%) 1 ■ (0,17» 0) (0,83 %) — 84 (14%) 6 (1%) 5 (0,83 %) 142 (23,67%) (4,83® 0) 172 ,-iuastr. nach 8 st". Anr. . 1 0\17 /o) 2 (0,B3o 0) i (0,17%) — - — — — 29 (3,67%) _ 2 (0,33%) 28" (4,67 n „) 4 (0.67%) (,<30,0/ /q) igesau.t . . . 40 (6,67%) 1 6 (21.33%) 31 (5, 17%) 2 (0,34%) 2 (0,34 0 0) (1,33 o/o) i (0,17» o) 141 '23,5°Jo) 10 (1,67®/*) 23 (3,83%) 386 (64,34%) 42 (7%) 17.' (28,67%) Tabelle 2. Ureterenharn. lus«tiieli so- 3rt . . . 5 25 7 — — 2 — 3 2 3 47 4 iusstr. nacli 4 stg Anr. . — 9 12 - 2 — 10 — 5 38 — 103 \usstr. nach 8 stg. Anr. . 1 2 — — — — — 4 - - 7 2 gesamt . . . 6 ' _ < 36 19 — — 4 - 17 2 8 92 6 103 Tabelle 3. Mehrfache Untersuchungen bei gleichen Kranken. Pat. B Nr. 859 * 912 r „ 913 1. „ 1X61 r. „ 1162 1. „ 1232 1. „ 1275 r. „ 1276 1. „ 1261 r. » 1262 I. „ 3846 r. „ 3847 I. Bl. Urei. n v Baet. coli (atyp.) sofort 77 77 — — Staphylokokken (Verunreinigung!) Bact. coli (atyp.) sofort n n Bact. coli (atyp.) sofort Bact. coli (atyp.) sofort n nach 24 stg. Anr. „ sofort Pat M Nr. 2650 Bl. „ 2651 1. Ijret „ 2652 r. ., .. 2814 Bl ,. 2815 I. Uji't. „ 2816 r „ 2843 Bl. 2901 l. Uret. Staphylokokken nach 24 stg. Anr. Staphylokokken nach 24 stg. Anr. 77 r Staphylokokken nach 24stg. Anr. „ 2902 r. ;andt, so wird jede auf diese Art verarbeitet. Die 2-ccm-Platte gibt ; neben der Kontrolle der AV. zugleich auch Aufschluss über die Zahl entwicklungsfähigen Keime in der Urinprobe. Auch ohne Zusatz von Nährbouillon kann man in den meisten len durch Bebrütung der Urinproben bei 37° ein gutes Resultat er- en, da der Harn im grossen und ganzen einen guten Nährboden für (terien bietet. Denn stark saure Urine, die das Bakterienwachstum gere Zeit hemmen, sind nach unseren Erfahrungen in der Praxis ten, und die Verminderung der Wachstumsenergie bei den aufgefun- len Bakterien ist daher wohl in erster Linie auf die Wirkung der Ab- hrstoffe des Körpers zurückzuführen. Diese Ansicht findet ihre Bestätigung durch unsere Kulturergebnisse, iterium coli, dessen Infektionsweg wohl hauptsächlich bei Frauen steigend durch die Urethra führt und dessen Sitz daher meist die '•nblase ist, wuchs zum grössten Teil, in etwa 80 Proz. der Fälle, n ersten Ausstrich aus dem Originalurin (s. Tab. 1). Die 3 Stämme Proz.), die eine 48 sttindige Anreicherung zum Nachweis gebrauch- und in ihrer Wachstumsenergie stark gehemmt waren, sind, wie Tab. 2 ersichtlich ist, aus Ureterham, also aus der Niere gezüchtet waren d'er Wirkung der Abwehrkräfte des Körpers ausgesetzt ge- 5en- Demgegenüber wurden Staphylo- und Streptokokken, die wohl zugsweise vom Blut aus ihren Weg absteigend durch die Nieren ge¬ nmen hatten, nur in 27 Proz. der Fälle beim ersten Ausstrich gefunden, egen in 14 Proz. erst nach 48 ständiger Anreicherung. Wenn hierbei h die geringere Zähl der im Ausgangsmaterial vorhandenen Keime lfach eine Rolle spielt, so Hess sich anderseits diese Wachs tums- imung bei der Kultur auf festen Nährböden auch sehr gut nach weisen, onders die Staphylokokkenkolonien zeigten häufig starke Qrössen- Jrenzen, so dass man oft an eine Mischinfektion denken konnte, bis h die Zwergkolonicn durch die Bouillonkultur als Staphylokokken innt wurden. Dieser Zwergwuchs verlor sich erst nach mehrfachem lerimpfen auf frische Nährböden. Die gleiche Beobachtung konnte Bakterien aus der Koligruppe, Paratyphus und anderen gemacht den. Auf den mit 2 ccm Harn gegossenen Agarplatten zeigte sich ;es verspätete und spärliche Wachstum ebenfalls. Mehrfach blieben ; Ausgangsplatten aber steril, während die Kultur durch Anreicherung ii gelang. Auch der Fortgang der Heilung, d. 'h. das Anwachsen der lunstoffe im Körper kam hierdurch gut zum Ausdruck. Der lange Aufenthalt im menschlichen Körper führte aber noch zu teren Variationen. So wurde z. B. bei den Staphylokokken die Farb- ibildung vermisst; die Kolonien zeigten auf der Agarplatte fast chweg ein grauweisses Aussehen. Das Bacterium coli hatte meist c BewglicTikeit eingebüsst und war atypisch geworden; oft fehlte I raubenzucker-, hin und wieder auch die Milchzuckervergärung, ■gegenüber fanden sich häufig Schleim- und Fadenbildung, die auch Eire Autoren (s. G. Michaelis [13]) beschreiben. Mehrfach konn- ■ auch bei den vom gleichen Kranken, aber zu verschiedenen Zeiten lichteten Stämmen Verschiedenheiten in der Beweglichkeit. Säure- uasbildung festgestellt werden. Auch die aus dem rechten und lin- ' ureterurin des gleichen Kranken gezüchteten Stämme zeigten der- ,re Unterschiede. 2 Fällen konnten im mikroskopischen Präparat sowohl wie Uh das Anreicherungsverfahren wiederholt Fäden mit echten Ver- Nr. lu. zweigungen festgestellt werden. Ueber diese als Streptotricheen anzu¬ sprechenden Gebilde habe ich bereits an anderer Stelle [24] berichtet. Mischinfektionen wurden in 20 Tüllen beobachtet, und zwar handelte es sich 4 mal um .Koli und Staphylokokken, 4 mal um Staphylo- und Streptokokken, einmal um Staphylokokken und Hefen, 2 mal um Koli I und Proteus, in 6 hallen wurden neben Staphylokokken und in 3 Fällen neben Koli Gram-positive, kurze, pseudodiphtherieähnliche Stäbchen ge¬ funden, die aber nur vorübergehend festzustellen waren. Vielleicht handelt es sich hier um Diphtheriebazillen, die durch die Kö-rperpassage atypisch geworden waren (s. ob. Conrad i), eine Vermutung, die noch durch weitere Untersuchungen geklärt werden muss. Verunreinigungen aus der Urethra, von der Haut und aus der I.uft konnten in zweifelhaften Fällen durch mehrfache Untersuchung des I gleichen Kranken als solche erkannt werden. Sie treten auch bei ge¬ eigneter Entnahmetechnik viel seltener auf, als man im allgemeinen anzunehmen geneigt ist (s. Tab. 3). Auch sind meiner Ansicht nach Staphylokokken, die aus der Niere stammten, sehr häufig als Verunreini- j gung angesehen worden, einmal, weil mit einer Staphylokokkenaffektion der Niere nicht gerechnet und ferner die für den Staphylococcus pyo¬ genes verlangte Farbstoffbildung vermisst wurde. Analoge Befunde bei der Leber, die, wie oben gesagt, an anderer Stelle mitgeteilt werden sollen, weisen darauf hin, dass wir auch bei Nierenaffektionen viel häufiger mit Staphylokokken als der Ursache zu rechnen- haben, als allgemein angenommen zu werden pflegt. Schmerzen in der Nierengegend bei klarem, sedimentfreiem Urin erwecken klinisch den Verdacht auf Tuberkulose. In diesen Fällen ver¬ sagt auch die mikroskopische Untersuchung. Bei 52 steril entnommenen Urinproben, die uns zur Untersuchung aüf Tuberkelbazillen eingesandt waren, konnten nur einmal Tuberkalbazillen mikroskopisch festgestellt werden, einmal fanden' sich säurefeste Stäbchen, die sich bei weiterer Untersuchung als Streptotricheen erwiesen, in beiden Fällen war ein starker Bodensatz im Urin vorhanden. Vor Anstellung des Tierversuches sollte stets die kulturelle Untersuchung mittels des Anreicherungsver- fahrems herangezogen werden, da sie oft die Aetiologie des Leidens klärt und sich der jetzt recht kostspielige Tierversuch erübrigt. So konnte der 38 mal geforderte Tierversuch 8 mal unterbleiben, da ander¬ weitige Bakterien gefunden wurden, die den klinischen Befund restlos klärten; 7 mal fiel er positiv und 23 mal negativ für Tuberkulose aus; doch muss dabe; berücksichtigt werden, dass bei vorliegender Tuber¬ kulose auch andere Bakterien als Mischinfektiomen Vorkommen können. In den auf Tuberkulose verdächtigen Fällen konnten insgesamt 16 mal Bakterien aus der Koligruppe, 6 mal Staphylo- resp. Streptokokken und 4 mal verschiedene andere Keime nachtgewies'en werden. Auch bei septischen Erkrankungen kann die Anreicherung des Urins Aufschluss über die Natur des Leidens geben. So konnten bei 3 auf Typhus verdächtigen Fällen, bei denen die G r u b e r - Wi d a 1 sehe Reaktion negativ ausfiel, aus Harn und Blut Staphylokokken gezüchtet und dadurch die Aetiologie geklärt werden. Hier konnte das Ergebnis der Harn-Bouillon-Anreicherung durch die C o n r a d i - K a y s e r sehe Blutkultur bestätigt werden. Das Harn-Bouilion-AV. gibt aber nicht nur in einem weit grösseren Prozentsatz als bisher frühzeitig Aufschluss über die Aebioiogie der Erkrankung und gestattet weit sicherer als bisher die Feststellung der Bakterienfi eiheit bei behandelten hallen, bei denen v ir ja hauptsächlich 5 m MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT.. Nr. 1 mit einer Wachstumshemmung zu rechnen haben, sondern es set^ auch zugleich in den Stand durch eine Autovakzintherapie das Leiden MK 7 U cberZ; *-• ‘fÄlH 74 Kd ,oo7 26 — 8 Conradi und Bierast: D.m.W. 1912. 9- a e j c i. vi mW 1913 — 10 Orth: Kongr. in Rom, zit. n. Baumert. Jali ■ K-UHOb.chn.ann: Med. Kl 1920. — 12. S c! 1^. de ... *1 '«'3. -13. OM 1 |h ..1 »= F« ■ *»** ^ hiv, “-«''JA V ‘-fcVf D.m.W 1910. Zi. __ Schmidt: D.m.W. 1915. — 24. Hunte¬ rn ülfer:' Festschrift fü’r Bostroem Zieglers Beitr. 1921. 69. - D e r - selbe: Zbl. f. innere Medizin 1921, Nr. 52. Aus dem balneologischen Institut Bad Nauheim. Ueber die Verwendung von Aluminiumsaiten zur Auf¬ nahme des Elektrokardiogramms. Von Proi. Dr. A. Weber. Wertheim-Salomonson1) hat darauf hingewiesen, dass die Verwendung von dünnen Aluminiumsaiten gegenüber den sonst gebräuchlichen Quarz- und erst recht gegenüber den Platinsaiten aus¬ serordentliche Vorteile bieten würde; auf Grund theoretischer Berech¬ nung die durch das Experiment vollaut bestätigt wurde, stellte er fest, 'dass die Normalempfindlichkeit von 4 p dicken AlurmmumsEuten 4 bzw 7 fach grösser sei als die von Quarz- resp. Platinfaden. B s vor einigen Jahren war die Herstellung von ganz dünnen Alumimum- saiten nicht möglich. Die Firma Heräus, Hanau hat auf Veranlassung von Wertheim-Salomonson ein Verfahren misgearbeitet, auch ganz dünne Fäden bis herab zu 3 p Dicke aus A kimmium herzu¬ stellen. Mit Hilfe eines Apparates, den die Firma Lei tz, Wetzlar baute ist es ein leichtes, Aluminiumsaiten von 3 p Durchmesser aus den von der Firma Heräus bezogenen Wollastfäden selbst herzustellen-). Solche Saiten von der erforderlichen Länge für das E d e 1 m a n n sehe grosse Elektromagnet-Galvanometer haben einen Widerstand von rund 800 Mit einem Ballastwiderstand von 2000 - im Kreise haben sie eine Ausschlagsgeschwindigkeit von 0,0065 Sek., wenn man eine Spannung von 1 Millivolt anlegt und die Fadenspannung so reguliert, dass bei tausendfacher Vergrösserung ein Ausschlag von 1 Zentimeter resultiert Eine' derartig rasche Reaktionsgeschwindigkeit ist mit Platinfaden niemals zu erreichen. Sie ist insofern von praktischer Bedeutung als es jetzt möglich sein wird, auch mit kleineren Modellen von Saiten galvanometern vollkommen richtige Elektrokardiogramme zu zeichnen, worauf schon S a m o j 1 o f f und Wertheim - Sa o in onson in gewiesen haben. Bei Verwendung von 2 p dicken Aluminiumfaden würde für die klinische Elektrokardiographie ein Permanent-Saiten- galvanometer ausreichend sein3). Das dürfte eine Kostenersparnis vo schätzungsweise 80 Proz. bedeuten. Jedenfalls wird man künftighin ui Stelle von Platinsaiten nur noch Aluminiumfaden benutzen, die ab¬ gesehen von allen anderen Vorteilen, auch noch den der grossen Halt¬ barkeit haben. WWWWvVWAVWAWAV^AVAV^AV — Zu Adolf Kussmauls 100. Geburtstage (am 22. Februar 1922.) Von Prof. Dr. W. Fleiner in Heidelberg. (Schluss.) Kussmaul ist auch als Kliniker seinem Jugendideal vom Arzte und dem vom Vater übernommenen Glauben an die hippokratische Heil- kunst treu geblieben. Galt seine Dozentenzeit in Heidelberg im wesent¬ lichen der wissenschaftlichen Medizin, so suchte er als Kliniker in Erlangen mit emsigem Fleisse durch genaue klinische Beobachtung der Kranken mit Hilfe von physikalischen, chemischen, physiologischen und pathologischen Untersuchungen die durch Einsichtgel ä u t e 1 e Erfahrung sich anzueignen, die r a t i o, welche H e n 1 e und Di e u - f e r in ihrer Zeitschrift als Grundlage der praktischen Medizin forderten. Er fühlte sich in Erlangen noch als Lernender, denn als er auch in den Ferien den ganzen Tag in der Klinik verbrachte, gab er seinem alten Gönner Gerlach auf die Frage, „was er denn da immer zu tun natte, v) Pflügers Arch. 1914, 158, S. 107. . . . . 2) Der Apparat und seine Anwendung ist. in einem in Gilde me i sters ) lOCI {\piJdlrtl uuu aciuc Aiiwvnuwiif, ~ i • t Zschr. i. biol. Technik und Methodik erscheinenden Aufsatz beschrieben. 3) Anmerkung bei der Korrektur: Al.-Saiten von 2 u Dicke habe ich in allerletzter Zeit aus von der Firma Heräus bezogenen Wollestondraht mühelos hersteilen können. es waren doch keine Studenten da“, zur Antwort; „Ich bin eben selb "0ChIn Wie? hatte es den jungen Arzt schwer bedrückt dass der we berühmte Diagnostiker Skoda über % e K Asm,“ Heilens vergessen hatte. Als junger Kliniker stiebte * “ S! “J darnach diesen Fehler auszugleichen und der letzteren zu gieic.k Rechte zu verhelfen. In der akademischen Antrittsrede in Freibu über die Entwicklungsphasen der exakten Medizin“ hat er dann s. eigenes klinisches Programm und Glaubensbekenntnis verkündigt. .. Wenn Wissenschaft M a c h t ist, so muss die Medizin, mehr sie sich zur Wissenschaft erhebt, auch um so mächtiger . Kunst sich erweisen, denn die Therapie ist d.e golde, Frucht um derentwillen das Feld der med.z i n i s c Id W issen schaftbebautwird. All unsere Arbeit und Muhe ua vergebens, wenn aus dem medizinischen Wissen nichts erwüchse. , die trostlose Gewissheit unseres Unvermögens. Mit rastlosem Fleisse und gleichem Interesse für alle Gebiete i Medizin hat er die Wissenschaft und die Kunst in gleicher \\ eise j fördert! Alle seine Arbeiten, gross an Zahl und Verschiedenheit i Stoffes sind Meisterwerke in ihrer Art, inhaltsreich, klar, und zuv lässig. So waren auch seine Vorträge in der Klinik und die letzt, überdies besonders anregend, weil sie sich, der Erfahrung und d Bedürfnis des Arztes entsprechend, einer gewissen Universalität freute. Ausser der auch die Augenheilkunde umfassenden Chirurgie, Geburthilfe samt der im Entstehen begriffenen Gynäkologie und < internen Medizin gab es damals noch keine anderen klinischen Sond fächer _ Das Gebiet der inneren Medizin war also besondtrs gn umfasste es doch ausser den eigentlichen inneren Erkrankungen . Erwachsenen auch die Kinderheilkunde, die Haut- und Geschlechtskra heiten, die Kehlkopfkrankheiten, die Nervenkrankheiten und zum 1 auch die Geisteskrankheiten. Auch war die innere Medizin nicht sei. abgegrenzt von der Chirurgie und Gynäkologie, Grenzgebiete umsaun ringsum das eigentliche Mutterland. Darum stellte sich Kussma auch niemals die Frage des Celsus: quae ratio medicinae potissima aut chirurgica, aut pharmaceutica. aut diaetetica? Er wählte die Mit ohne persönliche Vorliebe für das eine oder das andere, nur nach < Erfordernissen des Einzelfalles, geleitet von strengen Indikationen sich aus der genauen Diagnose und der Einsicht in den inneren Met nismus des Krankheitszustandes ergaben. Hervorragend war Russmaul in der hippokratischen Kunst, Ernährung und Lebensweise dem individuellen, konstitutionellen dürfnis und Leistungsvermögen seiner Kranken anzupassen Die . iachsten, geradezu populär gewordenen diätetischen Mittel Ku: m a 11 1 s z. B. die Hafergrütze, die gebrannte Mehlsuppe und die bat milch, hat er in der Landpraxis im badischen Oberland kennen gelei sie dienten den alemannischen Bauern zum Frühstuck oder Abendes. Pfeufer hatte aber seinen Klinikern schon in Heidelberg als arztii Pflicht eingeschärft, alle ihre Sinne im Interesse ihrer Klienten ir liehst auszubilden und insbesondere dem Geschmackssinn sein gi Recht nicht vorzuenthalten, selbst auf die Gefahr des Zipperleins Kehre es bei ihnen ein, so möchten sie sich mit Sydenham, < englischen Hippokrates trösten: „Die Gicht bevorzuge die geistreic Leute.“ Die gute Küche hatte also mit ihrem Wohlgeschmack und i Bekömmlichkeit auch ihren Platz in der Kussmaul sehen Diätetik In der Arzneimittellehre erfahren, wie kaum ein anderer, wä Kussmaul nur die mildesten Mittel und vetordnete dieselbe! einfachster Form. Wenn irgend möglich, vermied er die scharfwirker Agentien; vor den grossen Gaben des Kalomels. wie dieselben k Zeit üblich waren zur Behandlung der Ruhr und des TyPhuS- “ stets gewarnt, weil dessen Nutzen gering ist und auch, durch mii Mittel erreicht werden kann. Die Volksmedizin hat er in seiner c ländischen Praxis vielfach und die Heilmethoden der Natura aus ihren Schriften, deren Lektüre er mir manchmal ar.ernp gründlich kennen gelernt. Viel zu klug und zu freidenkend, überlieferte Erfahrungen zu verachten oder die Gegner der Schulme. zu unterschätzen, suchte er in beiden den Kern von Wahrheit, der enthielten und verwandte das Brauchbare in der Therapie, ohne dad seiner eigenen Grösse Abbruch zu tun, Physikalisch-therapeuti Massnahmen, zumal die Anwendung des Wassers in Form von schungen, kamen wegen ihres Einflusses auf die Vasomotoren Kussma u ls Klinik vielfach in Anwendung, hat er doch deren Nt schon in jungen Jahren am eigenen Körper erfahren. Die kalten ö wie dieselben zurzeit bei Typhus üblich waren, ersetzte er in hum Weise und mit gleichem Erfolge durch Teil- oder Ganzwaschungen Einschlagen des Körpers in nasse Leintücher auf einem neben Krankenbett gestellten Ruhelager. Unter den zahlreichen werktätigen Handleistungen mechani: Art, welche dem Namen nach zur Chirurgie gehören, aber vom i tischen Arzt mit gleichem Erfolge wie vom chirurgischen oder gyi logischen Operateur ausgeführt werden können, verdient die von K t maul ersonnene und viel geübte Kompressionstampon der Portio vaginalis uteri zur Einschränkung oder V erm der übergrossen menstruellen Blutverluste der Frauen, besondere: wähnung. Die Quelle so vieler Leiden, welche die fortschreitende armung des Blutes und der Kräfte zur Folge hat, ist durcr „Blutsparungsmethode“ Kuss m'auls verstopft worden ; selbe hat sich auch vielfach bewährt, wo innere Mittel versagten die Massnahmen der „kleinen Gynäkologie“, die Auskratzungen sic nutzlos erwiesen. [ März 19 22. MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT. 357 Am engsten verknüpft mit dem Namen Kussmauls, im Volks- t nde geradezu identisch mit ihm, ist die Behandlung der igenerweiterung mittels der Magenpumpe. Voraus i g dieser Erfindung die „Behandlung des Schnupfens der Säuglinge“ . ch Katheterisierung der Speiseröhre und Einlaufenlassen der Milch in ji Magen, wenn den armen Wesen durch Behinderung der Nasen- \ riung das Saugen unmöglich geworden war. Manchem, der sich für % hält, wird dieses Thema höchst unbedeutend und eines grossen ' nnes kaum würdig erscheinen: eine Mutter aber, die ihr Kind dem \ hungern nahe gesehen hat, denkt anders. So gut man nun einem Säugling einen Katheter über den Kehlkopf- »gang hinweg in die Speiseröhre, kann man bei Erwachsenen eine ülutidsonde unter Benützung des Schluckaktes in den Magen hinab- i ieben. Aus Mitleid mit den Kranken, die von den im erweiterten gen angestauten, sauren und zersetzten Massen furchtbar gequält 1 durch fortgesetztes Erbrechen doch nie ganz befreit wurden, schritt iung seiner Behandlungsmethode der Magenerweiterung: er wmsste, ijs sie nur Beschwerden lindem und das Leben verlängern, aber uhanische Verengerungen des Magenausganges nicht beseitigen nte. Er glaubte, dass nur die Chirurgie hier Hilfe schaffen könnte, so hat K u s s m a u 1, der interne Kliniker, die erste Anregung dazu eben, Magenkrankheiten, welche für die interne Behandlung unheil¬ sind, auf operativem Wege in Angriff zu nehmen (Kussmaul: Arch. f. klm. M. 6. S. 485). Schneller als Kussmaul es für möglich gehalten hat, ist die Chirur- ■ unter dem Schutze erst der Antiseptik und dann der Aseptik mit ihrer ■ iderbar entwickelten Technik in Gebiete vorgedrungen, welche einst ! schliesslich der internen Medizin angehört haben. Anlässlich der Lveihung des neuen Operationssaales der Heidelberger chirurgischen 'iik sagte der alte Herr in einer geistvollen Rede, halb im Scherz j halb im Ernst: „Wenn ich noch einmal jung wäre, so würde ich bei h Assistent werden und darnach streben, die vielen Fälle, welche 3t zu Czerny wandern, der medizinischen Klinik wieder zurück- i ewinnen.“ „ Czerny, der nach 30 jähriger, ruhmvoller Leitung der chirurgischen uik in Heidelberg das Krebsinstitut, das jetzige Samariterhaus, grün- U, hat zum Gedenken seines ehrwürdigen Schwiegervaters, des 1 spen Arztes, den Kussmaulpreis für Verdienste um die Heilkunde Giftet und der medizinischen Fakultät das Recht verliehen, alle ahre, am 22. II., dem Geburtstage Kussmauls, demjenigen rischen Arzte zugleich mit der Kussmaulmedaille den Preis zu er- welcher ein neues Heilverfahren ersonnen hat, das sich dann in Praxis bewährte. Wir haben diesmal Sauerbruch gewählt, ven seiner Verdienste um die Chirurgie der Brustorgane. Auch auf diesem Gebiete ist K u s s m a u 1 ein Vorkämpfer gewesen, 1 n er hat „DieThorakozentesebeiPleuritis, Empyem 4 Pyopneumothorax“ (D. A. f. klin. M. 1868, 4.) zum Ge- "ngut der Aerzte gemacht. Das Verfahren war nicht neu. denn schon tpokrates hat vor 22 Jahrhunderten dasselbe manchmal mit Glück ■geführt. Aber die neue Wiener Schule, deren therapeutischer Nihilis- : schon wiederholt erwähnt worden ist, hatte aus den verunglückten ■ suchen des Chirurgen Schuh und des Diagnostikers Skoda, die mündlichen Ergüsse in die Brusthöhle operativ zu heilen, den Schluss gezogen, „dass es besser sei, die Heilung dieser häufigen Krankheiten der Natur zu überlassen, es müsste denn sein, dass der Eiter durch¬ brechen wollte und die Natur bei ihren Heilbestrebungen doch nicht ganz geschickt verfahre.“ Kuss maul vermochte nicht, der schliesslich zum Tode führen¬ den Atemnot dieser Gequälten untätig zuzusehen und entleerte die Pleuraergüsse durch Punktion, Schnitt oder auch durch Rippenresektion. Zur exakten Indikation für das im Einzelfalle zu wählende Opera¬ tionsverfahren reichte die physikalische Diagnostik nicht aus: so kam er allmählich zur P r ob e p u nk ti o n, einem Verfahren, das jetzt all¬ gemein üblich und über die Wahl der Operationsmethode entscheidend geworden ist. Wässerige Ergüsse konnten durch einfache Punktion zur Heilung gebracht werden, eitrige nur durch breiten Schnitt oder Rippen¬ resektion. Die Spülungen der Pleurahöhle mit desinfizierenden Flüssig¬ keiten, wie Lösungen von unterschwefligsaurem Natron (das er auch bei Magenspülungen verwandte, in der Annahme, dass die schweflige ! Säure, wie beim Schwefeln der Fässer, hemmend auf Pilzwucherungen wirkte) und von Kreosotwasser, ebenso wie die von ihm konstruierten doppelläufigen Drainröhren, erweisen sich jetzt nicht mehr als nötig. Von dem, was Kussmaul in der medizinischen Wissenschaft und Kunst geleistet hat, ist in diesem engen Rahmen nur ein keines Bild ge¬ zeigt worden ; auf schlichtem Hintergrund eigentlich nur die Marksteine, welche den Weg und die Richtung des Aufstiegs zur Höhe der Meister¬ schaft in der Heilkunde 4) kennzeichnen. Für eine des seltenen Mannes würdige Biographie ist noch viel übrig geblieben. Wohl kann man den Ruhm des Gelehrten nach dem bleibenden Wert seiner Werke bemessen, zur vollen Würdigung des grossen Arztes und seines erfolgreichen Wirkens gehört aber noch die Kenntnis von der Eigenart seiner hervorragenden Persönlichkeit. War sie schon . Bei der Wichtigkeit des Gesetzes über Wochenhilfe. das auch für den Arzt nicht ohne Bedeutung ist. wird eine Darstellung der be¬ stehenden Vorschriften in ihrer heutigen Form nicht ohne Wert sein. Fs kommen in Frage einmal ergänzte oder erneuerte Paragraphen der Reichsversicherungsordnung und zweitens das eigentliche Gesetz über Wochenhilfe und Fürsorge. Nach dem Gesetz gibt es drei Formen der Wochenhilfe: Kassen¬ wochenhilfe. Fanulienwochenhilfe und Wochenfürsorge. Kassen¬ wochenhilfe kommt in Frage, falls die Versicherte mindestens 6 Monate vor der Niederkunft gegen Krankheit _ versichert war, Farni lien wcch enhilfe für die Ehefrau, Töchter. Stief- und Pflege¬ töchter von Versicherten, die mit ihnen in häuslicher Gemeinschaft leben. Wochenfürsorge aus Mitteln des Reiches erhält jede im Inland wohnende minderbemittelte Deutsche, für die die obengenannten Formen der Wochenhilfe nicht in Frage kommen. Als minderbemittelt gelten solche, bei denen das eigene Einkommen oder das des Mannes im Jahr vor der Entbindung 15 000 M. nicht überstieg; dieser Betrag erhöht sich für jedes Kind unter 15 Jahren um 500 M. Geleistet sollen werden; 1. Aerztliche Behandlung, falls solche bei der Entbindung oder Schwangerschaftsbeschwerden erforderlich ist. Die Gewährung ärztlicher Behandlung wird erfolgen, sobald über ihre Durchführung und die Vergütung der Aerzte alle Verhandlungen abgeschlossen sind. Bis dahin wird eine Geldbeihilfe in der Höhe von 50 M. gewährt. Die Wöchnerin soll durch Rechnung oder anderweitig nachweisen, wann und warum Arzt oder Hebamme gerufen wmrden. An Stelle dieser Oeld- beihilfe kann die Kasse ärztliche Behandlung, Hebammendienst und i forderliche Arzneimittel gewähren. 2. Ein Entb indungsbeitrag in der Höhe von 100 M. — Ai hier kann Sachleistung durch die Kasse erfolgen. 3. Ein Wochengeld in der Höhe des Krankengeldes 10 Wochen, von denen mindestens 6 in die Zeit nach der Niederkr fallen müssen. Der Mindesttagessatz des Wochengeldes ist 4.50 bei der Kassenwochenhilfe, 3 M. bei der Familienwochenhilfe i Wochenfürsorge. Besondere Bestimmungen gelten für den Fall, d; die Wöchnerin gleichzeitig Anspruch auf Wochengeld und Krankeng hat. Kassen können an Stelle des Wochengeldes Aufnahme in Wöchnerinnenheim und Hilfe lind Wartung durch Hauspflegerinnen währen; in letzterem Falle muss der Wöchnerin die Hälfte des Wochi geldes verbleiben. 4 Ein Stillgeld, solange die Wöchnerin ihr Neugeborenes st bis zum Ablauf der 12. Woche nach der Niederkunft. Das Stillg muss täglich mindestens 4.50 M. betragen. Stillgeld wird auch geza wenn die Brust nur einmal, daneben aber Beikost gegeben wird. 1, gestillten Zwillingen wird doppeltes Stillgeld gewährt. Das Stillg kann nicht durch Sachleistung ersetzt werden. Der Nachweis Stillens wird für gewöhnlich durch Zeugnis eines Arztes oder ei Hebamme erbracht. Sehr weitgehend eingeführt hat sich die Ausstelli des Stillzeugnisses durch die Säuglingsberatungsstellen. Die Kassen können, falls ihre Versicherten infolge, der Schwank schaft arbeitsunfähig werden, ein Schwangerengeld in der Höhe Krankengeldes bis zu 6 Wochen zubilligen und auf die Dauer die Leistung die Zeit der Gewährung des Wochengeldes vor der Niet kunft anrechnen. Bei der Familienwochenhilfe kann Wochen- und ;• geld bis zur Hälfte des Krankengeldes erhöht werden. Die Anträge auf Wochenhilfe sind zu stellen für Kassen- Familienwochenhilfe bei der Krankenkasse der Versicherten bzw. '•ersicherten Familienangehörigen, für die Wochenfürsorge beim \| sicherungsamt des Aufenthaltes der Wöchnerin. Bei Verweigerung der Wochenhilfe entscheidet das Versicherur amt. Berufung kann an das Oberversicherungsamt erfolgen. Fra grundsätzlicher Bedeutung können durch das Reichsversicherungs verbeschieden werden. Die Kosten der Kassenwochenhilfe y den ausschliesslich von den Krankenkassen getragen, sie r nen zu diesem Zweck erhebliche Beitragserhöhungen (bis io Proz ) vornehmen. Die Kosten der Familienwochenhilfe tra Krankenkasse und Reich zu gleichen Teilen. Die Wochenfürsorge streitet das Reich ganz. Für Wöchnerinnen, die in ihrer Sache! betreffend Wochenhilfe brauchen, hat der Landesverband für St lings- und Kleinkinderfürsorge, München, Ludwigstrasse 14/1, 3. (rang eine Beratungsstelle eingerichtet, die unentgeltlich, Ersatz etwaiger Portokosten, entsprechende Auskunft erteilt. Eingeh behandelt ist die gesetzliche Unterlage der Wochenhilfe in einem I faden Jägers durch das Gesetz vom 19. Juli 1921 (München. O. B e Man kann naturgemäss sichtbare und statistisch ausdriiekbare folge des Gesetzes noch nicht erwarten; hiiefür ist das Gesetz nocl kurze Zeit in Kraft. Erfolge, die man auf seine Vorgängern, Kriegswochenhife, zurückführen will, müssen mit Vorsicht beur werden, da hierbei manche andere Faktoren entscheidend mitsprac Die starke Zunahme des Selbststillens während des Krieges wurde ; fach der Kriegswochenhilfe zugeschrieben; bei einer Anzahl von F< mag dies zutreffen, bei dem erheblich grösseren T eil aber dürften Schwierigkeit und die hohen Kosten, Milch für das Kind zu bescha zum Selbststillen bestimmt haben, beobachtet man doch jetzt an schiedenen Orten, dass mit der Verbesserung der Emährungsverl nisse die künstliche Ernährung wieder zunimmt, wenn auch nicht in JVIansse wie in der Vorkriegszeit. Es ist unmöglich zu sagen, wie bei der Stillzunahme ein Erfolg der Kriegswochenhilfe zu sehen Auch heute, wo die Milchbeschaffung äusserst schwierig und der M preis ein unangemessen hoher ist, werden diese Umstände oft viel j wie das Stillgeld entscheiden. Die Erfolge der Kranken- und Invali Versicherungen sind im Sinne einer Hebung der Volksgesundheit fast 40 Jahren mit Sicherheit nicht erkennbar; die Auswirkung des setzes über die Reichswochenhilfe zeigt sich vielleicht erst bei nächsten und übernächsten Generation. Dass das Gesetz ganz y Erfolg bleibt, wie vereinzelte Schwarzseher annehmen, wird hof lieh nicht zutreffen. J Die Durchführung des Gesetzes erfordert ausserordentlich Mittel; trotz der grossen Gesamtaufwendungen mag manche Er leistune gering erscheinen. Man versucht sie dauernd zu erhöhei dies aber bei der täglich wachsenden Verarmung Deutschlands in sprechendem Masse weiter geschehen kann, ist zweifelhaft. Die währten Leistungen werden nie im ganzen Umfange Vollentsc gungen sein, es wird schon wesentlich damit gedient sein, wem einen nicht zu kleinen Zuschuss darsteilen. Es liegt aber nicht ; in den Geld- bzw. Sachleistungen die einzige Bedeutung des Oese Der Gedanke der Wochenhilfe ist lebendig geworden und wirbt c das Dasein des Gesetzes täglich für sich; man denke allein ar indirekte Propaganda für das Selbststillen durch das Stillgeld. I zu erwarten, dass diese Gedanken immer fester in den Gedanken des Volkes eingewebt werdbn, dann erfüllt sich das Gesetz auc seiner ideellen Richtung. Auch nach anderen Richtungen bedeute Gesetz Fortschritte oder bereitet einen Fortschritt vor. Als seh deutsam muss hervorgehoben werden, dass das Gesetz bei seiner keinerlei Unterschied zwischen ehelicher und unehelicher Mutter rr März 1922. Münchener medizinische Wochenschrift. 361 i fakultative Ablösung des W'ochengeldes durch Hauspflege wird ohne ; :ifel den Ausbau dieser wichtigen Einrichtung fördern. Dadurch. Ü vielerorts die Beratungsstellen für Säuglinge das Stillzeugnis aus- t en, erhöht sich die Zahl der befiirsorgten Säuglinge, die zum Teil m nach Ablauf des Stillgeldes noch in der Fürsorge bleiben. So i et das Gesetz mannigfache neue Möglichkeiten, um die Fürsorge i Vlutter und Kind extensiver und intensiver zu gestalten. ln manchen Fällen mag vielleicht das Gesetz das Gewollte nicht r ichen. Manche werdende Mutter wird die Zeit, in der sie sich vor r nach der Niederkunft von der Erwerbsarbeit enthalten soll, nicht i er zweckmässig, oft gar zu ungeeigneter und schwerer Beschäfti- Ir benützen. Für manche, weniger gewissenhafte Frau wird auch Stillgeld in seiner jetzigen Höhe kein Lockmittel zum Selbststillen . Derartige Nachteile werden aber den aus dem Gesetz erwach- : n Nutzen nie überwiegen. Die besten Einrichtungen zeigten ein- Je Fehlschläge, man darf an ihnen nicht irre werden, man muss Ganze sehen. Es ist auch zu hoffen, dass das Gesetz bei seiner ültigen Fassung im Rahmen der Reichsversicherungsordnung seinem cke noch besser gerecht werden dürfte wie bisher, wird man doch dahin auch weit mehr aus den praktischen Erfahrungen über die Iihabung und Durchführung des Gesetzes gelernt haben. Man darf Wirkung des Gesetzes im ganzen nicht unterschätzen. Man soll vergessen, dass das Gesetz eine bessere Zukunft für die kommen- Generationen und ihre Mütter schaffen will und hierbei wird man ; an die Worte Friedrich Naumanns denken müssen: „Die ner regieren, die Frauen aber sind zur Grösse der Nation das ;ste. Denn nur Völker mit leistungsfähigen Müttern setzen sich h, die Mütter sind das erobernde Element. Wird in einem Volke Mutterschaft schwach, so nützt alle übrige Kultur nichts mehr, s Sinken der Mütter ist der Niedergang an sich, der Sturz in das dsenalter der Völker.“ Gesundheitsverhältnisse der jüngeren und ältesten rgänge des deutschen Volkes bei der gegenwärtigen Ernährungslage. c Oberregierungsrat Dr. Bogusat, Mitglied des Reichs¬ gesundheitsamtes. 'Obwohl die Freigabe vieler Nahrungsmittel aus der Zwangswirt- ft und die reichlichere Lebensmittelzufuhr aus dem Auslande die meinen Ernährungsverhältnisse in Deutschland wesentlich gebes- haben, ist die Lage derjenigen Altersklassen des deutschen Volkes, ehon während der Kriegszeit am meisten unter Ernährungsschwie- :iten litten, nämlich die der Kleinkinder, der Schulpflich- 3 n und der nicht mehr oder nur in bescheidenstem Maasse E r - 1 b s f ä h i g e n immer noch keine beneidenswerte. Sind die Kleinkinder auch im allgemeinen nicht mehr dadurch • erhöhten Infektionsgefahr ausgesetzt, dass sie. wie in den Jahren —1918, infolge der ausserhäuslichen Berufstätigkeit der Mütter in ergärten, Krippen und ähnlichen Anstalten zusammengedrängt en, so leidet ihr Wohlbefinden neben anderem doch ganz erheblich i die hohe Verteuerung der Lebensmittel sowie die oft geradezu ^ammerns werten Wo'hngelegenheiten. Leider liegt i den Gesundheitszustand der Kleinkinder kein gleichmässiges sta- ! ches Material aus dem ganzen Reiche vor. Immerhin erhält man ungefähres Bild von dem Umfange der Schädigungen, wenn man einschlägigen Angaben aus einer Reihe von Bezirken und üross- i en des Reiches beachtet, nach denen Vs — Vs der dort woh- ;den Kleinkinder deutliche Krankheitserschei- -gen darbieten. Namentlich wird über die auch jetzt noch gen Fälle von Rachitis, und zwar gerade der schweren For- (Verkrüppelungen nicht nur der Gliedmassen, sondern des Brustkorbes) bei den Zwei- und Dreijährigen geklagt, ig finden sich ausserdem bei Kleinkindern Darmerkrankun- wohl infolge der in manchen Familien nicht ausreichenden Ver- Isng der Kleinen mit Griess, Kinderzwieback sowie anderen geeig- i Nährmitteln und der Verabfolgung des nicht immer einwandfreien 3S an Stelle jener leichtverdaulichen Nahrung. Auch Blutarmut och sehr häufig, und in einzelnen grösseren Städten, besonders in Iitriegegenden, fällt fast allgemein bei den Kleinkindern ein schlech- -rnährungszustand auf, wenn auch überall eine gewisse Besserung nüber dem Vorjahr zugegeben wird. schwerer als bei den Kleinkindern treten die körperlichen und ^chen Folgeerscheinungen der allgemeinen Not der letzten Jahre 'len Schulkindern in die Erscheinung, wenn auch bei diesen ! "ossen und ganzen eine gewisse Besserung gegen das (iahr nicht zu verkennen ist. Hauptsächlich ist noch •r der Nachwuchs des sogenannten Mittelstandes, dessen Bedräng- > iel zu wenig bekannt ist, in Mitleidenschaft gezogen. So wurde, •’iur einige Beispiele anzuführen, noch vor kurzem aus Lübeck ;htet, dass dort in den Mittelschulen 79,49 und in den Volksschulen ■ Proz, aus Bitterfeld, dass in höheren Schulen 70 Proz., in Volks- , en 55 Proz. der Kinder deutlich unterernährt wären. Be- ‘ 2rs sind durch unzureichende Ernährung in den Städten die Kinder 'westbesolideten und Witwen, sowie solche aus kinderreichen und 'steilnehmerfamilien geschädigt, auf dem Lande Kinder von Ar- beitnehrnern, die keinen eigenen Landbesitz haben, oder aus Familien, die aus Unverstand oder Gewinnsucht ihren Kindern die notwendigen Nahrungsmittel entziehen, um sie zu teuren Preisen zu verkaufen. Die durch mangelhaft zusammengesetzte oder nicht ausreichende Be¬ köstigung unter der Bezeichnung „Unterernährung“ zusammengefassten Störungen, die eigentlich erst nach dem Kriege bei unserer Schul¬ jugend beobachtet werden konnten, sind mannigfacher Natur. Eine Reihe von Kindern zeigt geringes Fettpolster und schlaffe Muskulatur, ein müdes, blasses Gesicht und ist in körperlicher sowie geistiger Leistungsfähigkeit merklich beeinträchtigt. Andere wieder haben zwar ein leidliches Aussehen, sind aber an Rumpf und Gliedmassen ausser¬ ordentlich mager. Bei einer dritten Gruppe fällt mehr eine Unter¬ entwicklung auf; die Kinder bleiben klein und zart und bieten kein ihren Lebensjahren entsprechendes Aeusseres, stammeigentümliche Unterschiede sind hierbei allerdings zu berücksichtigen. Dem Alter nach sind wohl vor allem die jüngsten Jahrgänge der Schule, denen in den ersten Entwicklungsjahren die wichtigsten Nahrungsmittel mehr oder weniger fehlten, wesentlich betroffen, in einzelnen deutschen Orten auch ältere Kinder, welche die ganze Hungerzeit des Krieges und der Nachkriegszeit als Schüler durchmachten. Dem Geschlecht nach haben fast überall in den in Frage kommenden Gebieten d i e Knaben mehr gelitten als die Mädchen, letztere in einigen Städten nur in den späteren Lebensjahren. Die Anzahl der ihrem Er¬ nährungszustände nach nicht vollwertigen Kinder schwankt in ver¬ hältnismässig weiten Grenzen, sie ist geringer in Gegenden mit wenig oder gar keiner Industrie und beträchtlicher in Industriegebieten sowie einigen Grossstädten. Von besonderen Krankheitsformen ist an erster Stelle die T u b e r k u 1 o s e zu nennen, die in der Form der Drüsen-, Knochen- und Gelenktuberkulose nicht nur bei den Grossstadtkindern, sondern auch bei denen in mittleren und kleineren Orten sowie bei der Land¬ jugend eine ausserordentliche Vermehrung erfahren hat. Vor allem macht die Drüsentuberkulose (Skrofulöse) viel von sich reden, stel¬ lenweise sind bis 50 Proz. der Kinder skrofulös. Das Umsichgreifen des Leidens in ländlichen Gebieten ist besonders ver¬ hängnisvoll, da hier die Wurzeln der Volkskraft angegriffen werden und bei dem noch immer geringen Verständnis der Bewohner für hygienische Erfordernisse und dem Mangel an Einrichtungen frühzeitiger Fürsorge besondere Gefahren drohen. Weiterhin sind wie bei den Kleinkindern so auch bei den Schul¬ kindern hohe Grade von Blutarmut sehr oft festgestellt worden, die, da andere Ursachen nicht nachgewiesen werden können, in vielen Fällen vermutlich auf tiefer liegenden Stoffwechselstörungen beruhen. Ausser Tuberkulose und Blutarmut hat die Rachitis bei den Schulkindern eine nicht unerhebliche Verbreitung gewonnen, nicht selten in den schwersten Formen. Knochenveränderungen auf ra¬ chitischer Basis kommen zumal bei Schulanfängern viel öfter vor als früher, und bei den älteren Schülern schwinden die Zeichen einer über¬ standenen Rachitis nicht in dem Maasse, wie es beim Vorherrschen besserer Lebensbedingungen sonst zu geschehen pflegt. Auffallend ist eine in der jetzigen Ausdehnung kaum gekannte Ver¬ schlechterung der Zahnverhältnisse unter den Schulkindern, die in nicht wenigen Fällen mit Skrofulöse vergesellschaftet ist. Bei den in ihrem Ernährungszustände zurückgebliebenen Kindern tritt ausserdem der Zahnwechsel oft verspätet ein. verschiedentlich wurden Kinder von 7 — 8 Jahren angetroffen, bei denen der Zahnwechsel noch nicht eingesetzt hatte. Bei dem engen Zusammenhänge, in dem Körper und Geist zu einander stehen — mens sana in corpore sano — , nimmt es nicht wunder, dass als Folge des nicht befriedigenden Allgemeinbefindens auch geistige Fähigkeiten der Kinder wie Aufmerksamkeit, Konzentrationsfähigkeit und Gedächtnis bei vielen merklich gelitten haben. Die seelische Regsamkeit ist z. T. verringert, die Unterrichts¬ ergebnisse lassen häufig noch zu wünschen übrig. Man geht nicht fehl in der Annahme, dass die Hauptschuld an dem bedauerlichen Gesundheitszustände unserer Kinder der herrschenden M i 1 c h n o t zuzuschreiben ist. In der Zeit vor dem Kriege erhielten nicht nur Säuglinge und Kleinkinder Milch, sondern es stand ebenso den anderen Familienmitgliedern täglich ein fast beliebiges Quantum Milch zur Verfügung. Während und nach der Kriegszeit fiel die Milch¬ belieferung für die Kleinkinder teilweise, für Schüler und Schülerinnen wohl überall völlig fort. Bekanntlich ist nun aber die Milch als Nah- rungs- und Aufbaumittel für den wachsenden Organismus in den ersten Lebensjahren durch kein anderes Nahrungsmittel zu ersetzen und zwar besonders deshalb nicht, weil, wie neuere Forschungen lehrten, in der Milch und den aus ihr hergestellten Produkten Rahm, Butter, Käse bestimmte Nahrungsstoffe (Vitamine) enthalten sind, die für Wachstum und Entwicklung jüngerer Individuen anscheinend nicht entbehrt wer¬ den können. Das Fehlen oder der Mangel an Milch macht deshalb gewissermassen einen Einschnitt in die körperliche Entwicklung der betreffenden Jugend. Die Wachstumsintensität verringert sich, der Mineralstoffwechsel ist beeinträchtigt, die Knochenentwicklung gestört, die Blutbildung vermindert. Als Ersatz für die vitaminreiche Milch und. das Butterfett ein .Lebensmittel mit gleich hohem Vitamingehalt zu finden, stösst noch heute auf Schwierigkeiten. Neben der Milchnot besteht dazu für viele Kreise ein Mangel an Fleisch und Eiern, der zu einer Einseitigkeit der Ernährung führt und auf den Gesundheits¬ und Kräftezustand besonders der älteren Kinder nachteilig einwirkt. MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT. Nr. 362 Eine weitere Altersklasse, der die gegenwärtige Besserung der Ernährungslage nicht in wünschenswertem Umfange Erleichterung gebracht hat. umfasst alle diejenigen, die infolge vorgerückter Jahre nicht m e h r oder nur in ganz bescheidenem Maasse als e r w e rb s - fähig an zusetien sind und denen anderweitige ausreichende ueld- mittel zur Bestreitung des notwendigen Lebensunterhaltes nicht zur Verfügung stehen, also vor allem Witwen, Klein - und Sozial¬ rentner, Altpensionäre, Angehörige freier Berufe u. a. m. Wie zahlreich diese Bedauernswerten in gesundheitlicher Beziehung Opfer der herrschenden Zeitverhältnisse werden, davon reden vorläufig nur die Listen der privaten Wohlfahrtsvereinigungen, besonders der Tuberkulosefürsorge, denn noch besteht bei den Ge¬ nannten vielfach grosse Scheu, ihre Leiden und Beschwerden zustän¬ digen Stellen bekanntzugeben oder öffentliche Hilfe in Anspruch zu nehmen. Ueberhaupt pflegen diese Personen sich um fremde Unter¬ stützung, und sei es auch zur Behebung körperlicher Krankheits¬ zustände, nicht früher zu bemühen, bis alle eigenen- Hilfsmittel er¬ schöpft sind, bis alle nicht dringend erforderliche Bekleidung, aller überflüssiger Hausrat verkauft, eine etwaige Lebensversicherung ver¬ pfändet und jede Aussicht auf Selbsthilfe geschwunden ist. Wenn auch das während der Kriegs- und Nachkriegszeit beobachtete massen¬ hafte Absterben dieser ältesten Jahrgänge wesent¬ lich zurückgegangen ist, so bleibt vorerst die Frage offen, inwieweit die. niedrigere Sterbeziffer dadurch zustande gekommen sein dürfte, dass der Tod bei den Angehörigen dieser Altersklasse in den Vorjahren eben ganze Arbeit gemacht hat. Im übrigen geht aus ein¬ zelnen bereits vorliegenden Zahlenangaben hervor, dass die Sterblich¬ keit dieser Personen noch immer höher ist als kurz vor dem Kriege. So besagt eine Hamburger Statistik, dass 1920 im dortigen Staats¬ gebiet von über 70 jährigen Personen 107,53 vom Tausend dei Be¬ völkerung gleichen Alters gegenüber 103,9 im Jahre 1913 verstürben. Um einer ernsten Gefährdung der in vorstehendem gekennzeich¬ neten Bevölkerungsgruppen vorzubeugen, waren in den letzten Jahren amtliche und private Stellen nach Kräften bemüht, die bekannten Schwierigkeiten zu verringern. Unter anderem wurden aus Reichs¬ mitteln ausser einmaligen Beiträgen zur Förderung der Erforschung der Tuberkulose, zu den Fahrtkosten für die Unterbringung erholungs¬ bedürftiger Kinder im Auslande u. a. m. fortlaufend 3 000 000 M. zur Förderung der auf sittliche und gesundheitliche Hebung des Volkes gerichteten Bestrebungen, soweit sie allgemeine Bedeutung haben, bewilligt. Weitere 400 Millionen Mark sind in' dem Haushalt des Reichsministeriums für Ernährung und Landwirtschaft für 1921/22 vor¬ gesehen zur Besserung der Milchversorgung und zwar für solche Ge¬ meinden. in denen die Milchversorgung besonders notleidet, d. h. der Milchbedarf nur bis zu einem bestimmten, noch festzusetzenden Bruch¬ teil gedeckt ist. Im Hinblick auf die hohe Bedeutung des Jugend- wanderns für die körperliche und geistige Wiedergesundung unserer Jugend wurde ferner dem deutschen Hauptausschuss für Jugendher¬ bergen von der Reichsregierung eine bestimmte Summe überwiesen. In mehreren Ländern, z. B. Sachsen, Württemberg und Mecklenburg- Strelitz, fand die Wohlfahrtspflege bereits eine gesetzliche Regelung. In Preussen wurden durch einen Erlass des Ministers für Volks¬ wohlfährt vom 1. März 1921 Kur- und Badeorte den Sozialversicherten und der minderbemittelten Bevölkerung dienstbar gemacht; überdies wurde alljährlich durch einen besonderen Erlass des gleichen Ministers die Unterbringung von Stadtkindern auf dem Lande unterstützt. Bayern stärkte die Bestrebungen der Kleinkinder-, Schulkinderfürsorge, Tuber¬ kulosebekämpfung u. a. m durch reichliche Zuschüsse. Die _ Landes¬ versicherungsanstalten, denen § 1274 RVO. die Möglichkeit gibt, Auf¬ wendungen zur Hebung der gesundheitlichen Verhältnisse der ver¬ sicherungspflichtigen Bevölkerung zu machen, haben Unternehmungen und Anstalten, die der allgemeinen Kinderfürsorge dienen, mit reich¬ lichen Beihilfen bedacht. Durch besondere Beiträge haben ausserdem zahlreiche Kommunalverwaltungen für eine Verbilligung des Milch¬ preises auch für Kleinkinder Sorge getragen. Schliesslich ist auf dem Gebiete der privaten Wohltätigkeit von sehr vielen Vereinen und Ver¬ bänden helfend eingegriffen worden; leider kann im Rahmen dieses kurzen Aufsatzes auf die einzelnen hierhin gehörigen, höchst anerken¬ nenswerten Leistungen nicht näher eingegangen werden, besonderer Erwähnung bedürfen indes die Arbeit des Vereins „Landaufent¬ halt für Stadtkinder“, der den Charakter einer Reichs¬ zentrale besitzt, und die Hilfsaktion der religiösen Gesell¬ schaft der Freunde (Quäker) von Amerika, Der erst¬ genannte Verein, der in dem berüchtigten Kohlrübenwinter 1917 aus privater Hilfsbereitschaft entsprang und in engster Fühlung mit den Reichs- und Landesbehörden steht, hat bis jetzt nahe¬ zu die gesamte Erholungsfürsorge der deutschen Kinder geregelt. Ihm ist es oft unter unsäglichen Mühen gelungen, in den einzelnen Jahren seit seiner Gründung eine erstaunlich grosse Anzahl erholungsbedürf¬ tiger Kinder im In- und Auslande unterzubringen, so im Jahre 1920 allein in Preussen 76 981, im übrigen Reich 130 999 und im Auslande 36 083. In aufopferndster und dankenswertester Weise hat ferner seit Frühjahr 1920 das grosszügige und straff organisierte amerikanische Liebeswerk der Quäker unseren Kindern Hilfe gebracht. Die Haupt¬ aufgabe der Mission besteht in der Ausgabe einer täglichen Zusatz¬ mahlzeit an Kleinkinder, Schulkinder. Jugendliche bis 18 Jahre und werdende sowie stillende Mütter, die durch Unterernährung besonders schwer gelitten haben. Durch die Hilfsmission wurden Mitte 1920 in etwa 800 Orten täglich ungefähr 725 000 Kinder und Mütter gespeist. Bis zum Jahresende hatte sich die Zahl der Orte, in denen Speisungen stattfanden, auf ungefähr 600 vermehrt. Der Höhepunkt dieser m schenfreundlichen Tätigkeit wurde im Juni 1921 erreicht. Zu die Zeit wurden täglich 1 Million Portionen in 1640 Orten abgegeben. 1 Reich leistete bisher zu der Quäkerspeisung einen Beitrag in H von 50 Millionen Mark zur unentgeltlichen Bereitstellung von M und Zucker. In dem laufenden Etatsjahr sind vom Reiche für Zwecke der Ernährungsfürsorge für unterernährte Kinder, die wie \ dem in Verbindung mit der Arbeit der Quäker ausgeübt werden ; 100 Millionen ausgeworfen. Zu erwähnen bleibt, dass sich der infolge vorgeschrittenen Al gar nicht oder nur noch in bescheidenstem Maasse Erwerbsfähigen, weit Sozialrentner in Frage kommen, das vom Reichstag beschloss Gesetz über Notstandsmassnahmen zur Unterstützung von Renl empfängern der Invaliden- und der Angestelltenversicherung \ 7 Dezember 1921 annimmt. Auch für die notleidenden Kleinkapi rentner, deren Zahl in Deutschland auf 4—500 000 geschätzt wird, mancherlei geschehen. So haben beispielsweise Bayern im Jahre 1 5 Millionen ' Mark Staatsbeitrag und das Ergebnis einer Sammlung der Höhe von 12 Millionen Mark, zusammen 17 Millionen Mark, Jahre 1921 weitere 20 Millionen Mark, Sachsen 5 Millionen M: Baden 500 000 M„ Thüringen \'A Millionen Mark für Kleinrenh Mecklenburg-Schwerin für Minderbemittelte einen Betrag 1 050 000 M. zur Verfügung gestellt. Ferner hat Mecklenburg-Stn durch das Gesetz über Altersbeihilfen für Kleinrentner vom 31. IV und 13. Juli 1921 eine Altersbeihilfe für die genannten Personen Form einer Leibrentenversicherung eingerichtet, bei der das Land Hälfte der Kosten trägt. Das Reich will, wie in einer dem Ha ausschuss des Reichstages von der Reichsregierung unterbreit! Denkschrift hervorgehoben wird, sich an diesen Unterstützungsm; nahmen mit einem Zuschuss beteiligen, der für die Zeit vom 1. Oktc 1921 bis 31. März 1922 auf 100 Millionen Mark bemessen ist. Zuschuss soll auf die Länder verteilt werden und grundsätzlich solchen Kleinrentnern zugute kommen, die selbst — oder, falls es um Witwen handelt, deren Ehegatten — ein Vermögen durch Ar erworben oder erhalten haben, um sich gegen Alter oder Erwe Unmöglichkeit zu schützen. Welche Einzelmassnahmen noch anderer Seite — Kommunalverwaltungen, privater Wohltätigkeit i - für die in Rede stehende Altersklasse getroffen wurden, kann nicht näher ausgeführt werden. Ist für die jüngeren und ältesten Jahrgänge unseres Volkes sprechend den Forderungen der Gegenwart von den verschieden! amtlichen und privaten Stellen auch schon viel geleistet worden, bleibt immerhin noch viel zu tun übrig. Im Interesse unserer Kin auf denen unsere Zukunft beruht, ist zu wünschen, dass das J ugei wohlfahrtsgesetz. das die amtliche Zusammenfassung ; Jugendbestrebungen beabsichtigt und dessen erste Lesung von dem ständigen Ausschuss des Reichstags nunmehr beendet wurde, bald Verabschiedung gelangt. Durch einheitliches Handeln wird alsc ganz ausserordentlich mehr geschafft werden können als durch derzeitige Nebeneinanderarbeiten der verschiedensten Faktoren, lange dieses Ziel nicht erreicht ist, wird man sich naturgemäss Sondermassnahmen begnügen müssen, als deren dringlichste wohl Ausdehnung der vielerorts bewirkten M i 1 s h v e r b i 1 Hg u ng ; auf ältere Kinder anzusehen ist. Neben den Jüngeren sollte man ; auch die A e 1 1 e s t e n, vor allem diejenigen, die durch bereits ge fene Bestimmungen nicht erfasst werden, nicht vergessen, da cs Staat, abgesehen von Rücksichten der Menschlichkeit, keitiesv gleichgültig sein kann, wenn sorgsam aufgespeicherte Kräfte, die Allgemeinwohl nach einer oder anderen Richtung noch zu nützen mögen, hilflos zugrunde gehen. Wie das im einzelnen zu gesc'hi hat, ob durch Einführung einer Alterspensionsversicherung, Erhol des Existenzminiimums, weitere Steuererleichterungen oder and mehr, muss der Prüfung berufener Instanzen Vorbehalten bleiben, vornehmste Gebet eines jeden Kulturstaates muss es jedenfalls das Alter, das einen unschätzbaren Reichtum kostbarer Erfahrui repräsentiert, soweit zu schützen, als das überhaupt möglich i Bücheranzeigen und Referate. J. Meisenhelmer: Geschlecht und Geschlechter im Tierrei I. Die natürlichen Beziehungen. Jena 1921. Verlag G. Fischer. 896 Seiten mit 737 Abbildungen im Text. 180 1 210 M. Der Verfasser, dessen Arbeiten über die sekundären Gesellet merkmale jedem Biologen bekannt sind, hat in dem vorliegenden I ein Werk geschaffen, das sicher auf lange Zeit hin grundlegend wird. Mit peinlichster Gewissenhaftigkeit wird alles behandelt, was die natürlichen Beziehungen der Geschlechter zueinander in allen A des Tierreiches Bezug hat. Hier im einzelnen auf den Inhalt Werkes einzugehen, würde zu weit führen. In klarer, leicht verständlicher Weise, erläutert durch zahlrt vorzugi Lena Abbildungen, werden die bisher ermittelten Tatsachen schildert und an sie die Schlussfolgerungen angeknüpft. Dabei schränken sich die Ausführungen niemals darauf, eine einzelue Ers> nung nur bei einer bestimmten Art zu ermitteln und die dabei ge\ nenen Ergebnisse, so wie dies heute leider vielfach üblich ist, zu allgemeinem, sondern stets werden alle bisher beobachteten Erst nungen in gleicher Weise berücksichtigt und die widersprecnei März 1 922. MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT. 303 iide in sorgfältiger Weise gegeneinander abgewogen. Dabei zeigt : dass häufig genug ganz nahe verwandte Arten hinsichtlich des s lechtlichen Verhaltens weit von einander abweichen, während r entfernte ähnliche oder gleiche Vorkommnisse darbieten. Gerade in der umfassenden Behandlung aller Erscheinungen und ! Gegenüberstellung unterscheidet sich die Darstellungsweise M.s i legend von fast allen den zahlreichen anderen Veröffentlichungen, ich heute mit dem Sexualitätsproblem beschäftigen. Sie stützen eistens ihre überphantasiereichen Ausführungen nur auf diie an i! Art, in erster Linie am Menschen ermittelten, oft recht zweifel- 1i Ergebnisse und glauben durch sinnlose Verallgemeinerung einer ■ nen Beobachtung das Sexualitätsproblem lösen zu können. Vas dagegen M. bringt, ist sachliche Darstellung, echte Wissen- i . Ueberall stellt er die eigene Anschauung scharf in den Vorder- B. eine ausführliche Besprechung der entgegengesetzten Anschau- gi unterbleibt, da sie bei dem riesigen Umfang des behandelten B tes zu weit geführt hätte. Gewissenhafte Hinweise auf die jj en. aus denen die gemachten Angaben stammen, ermöglichen es h leicht, sich noch genauer über einzelne Fragen zu unterrichten. Das Buch ist wohl in erster Linie für den Forscher gedacht, ihm [l es reichste Belehrung und ihm wird es dauernd ein wertvolles Bchlagewerk sein. Es wäre nur zu wünschen, dass jeder, der in '! olge das Geschlechtsproblem behandelt, die Art der Meisen- :i er sehen Darstellung und vor allem seine Gründlichkeit nach- ijien suchte. Das wird ihn vor übereilter, sinnloser Theorien- l!g, wie sie heute so vielfach geübt wird, schützen. :ber auch der Arzt, der sich die Zeit nehmen kann, das, Buch erarbeiten, wird aus einem solchen Vorgehen reichen Gewinn Bi. Bei der Beurteilung vieler ärztlicher Fragen spielt ja heute a; das Geschlechtsproblem eine wichtige Rolle. Wer das Meisen- ji e r sehe Werk kennt, wird mit dem Verfasser einsehen, „dass lisch vertieftes Verständnis dieser Seite menschlichen Wesens us der erweiterten vergleichenden Erfassung der Probleme ge- r:n werden kann. Der Mensch ist hier wie überall in der Natur n Spezialfall“. er Verlag hat bei der Herstellung Vorzügliches geleistet: Grosser erleichtert das Lesen, die Abbildungen sind gut, das Papier :i ismässig. die ganze Ausstattung gefällig. 3 vereinigt dieser erste Band alle Vorzüge eines wissenschaft- < Werkes in sich und wir dürfen mit grosser Spannung dem j:n Bande entgegensehen, in dem in erster Linie die theoretischen i' behandelt werden sollen, die sich an das Geschlechtsprobiem Wen. H. Stieve. Stellung nicht leiden, dabei aber manchem Mediziner erfahrungsgerfiäss sympathischer werden. Im übrigen wird eine lückenlose Darstellung aller Anwendungs¬ formen der Hochfrequenzströme (primäres Solenoid, Autokonduktion, Kondensation, Fulguration usw.), sowie der verwandten Stromarten (Morton sehe Ströme, Wave-current, Monodische Voltaisation ge¬ geben. Steffens behandelt in einem eigenen Kapitel seine Anionen¬ therapie, B ii h 1 e r bespricht ausführlich die Hochfrequenztherapie des pathologisch veränderten Blutdruckes; mit seiner Anschauung, dass die Blutdrucksenkung auch bei Applikation von Diathermieströmen eine spezifische Wirkung der raschen elektrischen Schwingungen und nicht der Wärme sei, steht er im Gegensatz zu den allgemein üblichen An¬ sichten. Die Diathermie wird in einem eigenen Teil behandelt. Die physikalische Einführung hiezu ist eine Wiederholung aus dem ersten Teil. Wenn auch hier wie im ersten Teil überall die reiche Erfahrung des Verfassers zum Ausdruck kommt und oft in kurzen Sätzen präzisiert ist, so wird derjenige, der sich eingehender mit diesem Zweige der Therapie beschäftigen will, doch noch eines der ausführlichen Speziallehrbücher der Diathermie zu Hilfe nehmen müssen. Ein Kom¬ pendium kann nicht alle Einzelheiten bringen; wenn es aber, wie das vorliegende, eine umfassende, kritische Uebersicht gibt, dann hat es seinen Zweck voll erfüllt. H a m m e r- München. Erhard Riecke: Lehrbuch der Haut- und Geschlechtskrankheiten. Verlag von Gustav Fischer. 884 S. Preis 125 M. Das bekannte Werk von 12 Autoren, von Riecke herausgegeben, erscheint jetzt in 6. Auflage. Es erlebte in 15 Monaten 2 Ausgaben. Der Grund seiner Beliebtheit liegt erstens wohl in seiner Natur, halb Atlas halb Lehrbuch zu sein und zweitens in der Art seiner Darstellung. Verfasser sagt im Vorwort, dass sich die Neuherstellung zahlreicher alter Abbildungen als notwendig erwies. Das ist unbestreitbar. Dass ferner . viele neue Abbildungen, lehrreichere, eingetauscht wor¬ den seien. Dieser Tausch dient dem Ganzen nur zum Vorteil. Ganz neu umgearbeitet sind die Pilzerkrankungen. Die modernen Behandlungsarten und Heilmittel sind besprochen, soweit sie sich Hei- matsrecht erworben haben. Der Umfang hat dadurch allerdings um 30 Seiten zugenommen. Einige Bilder — Ekthyma gangraenosum, Lupus erythematodes faciei z. B. — könnten verschwinden. An Stelle von Tomasczewski ist Friboes getreten. Der Preis, auf Goldmark umgerechnet, ist erstaunlich mässig, Druck und Papier sind ausgezeichnet. Karl T a e g e - Freiburg i/B. Weidenreich: Das Evolutionsproblem und der individuelle > tungsanteil am Entwicklungsgescheiten, Heft 27 der Vorträge . ifsätze über Entwicklungsmechanik der Organismen von W. Roux, i 1921. J. Springer. Preis 48 M. . weist mit Recht darauf hin, dass heute kein kritisch denkender s er eine einigermassen befriedigende Erklärung der Artentstehung könne und versucht dann die schwebende Frage von seinem ninkt aus zu erklären. Er lehnt sich in seinen Anschauungen Rächlich an Naegeli und Oskar Hertwig an. Seine Aus- Gen sind gut durchdacht, berücksichtigen aber fast ausschliesslich eren, schon in alle Lehrbücher aufgenommenen Tatsachen, ohne gebnisse neuerer Arbeiten auch nur zu erwähnen. Die Braus- nschauung z. B., auf die W. Bezug nimmt, dass die Gelenkenden 2desmal neu durch gegenseitige Beeinflussung der artikulierenden fn ihrer zweckdienlichen Form gestaltet werden, sondern dass die 1 der Gelenkenden vererbt sei, ist durch die neuen Arbeiten von ; endgültig widerlegt. Auch bei der Frage der Parallelinduktion <| der behandelten zeigten keine Besserung. Die Mindestdauer der Belia- war zwei Jahre. Endgültiges über die Erfolge lässt sich nicht sagen, ■ Teil, wie es ja bei einer Heilanstalt erklärtlich ist, aus der Beobachtur schwunden ist. ... . „ Anna K 1 e e m a n n (I. med. Klinik München): Ueber das weisse 13 und seine Aenderungen im Verlaufe der Lungentuberkulose. Von Bedeutung sind 1. Zahl der Neutrophilen, 2. die Linksverscm 3. die Zahl der Leukozyten, 4. die Zahl der Eosinophilen. Die Gj leukozytenzahl allein gewährt Stützen weder für diagnostische noC| gnostische Schlüsse. Neutrophilie (relative) auch bei fehlender Erhöhui Leukozytenzahl kann nach Sekundärinfektion bzw. Hämoptoe auftreten allgemein in bezug auf Prognose ungünstig zu werten, desgleichen Verschiebung des weisseu Blutbildes. Lymphozytose findet sich Vorzug in leichteren Fällen, sie ist prognostisch günstig zu werten. Eosinopluh sich bei günstig verlaufender! Fällen. , 'J Brinkmann und Schmoeger (Krankenhaus St. Georg, Lt Erfahrungen in der Tuberkulosetlierapie mit Partialantigenen nach Dev Much. ...... Nach längeren theoretischen Ausführungen über den Streit, ob die l wie D e y c k e und Much behaupten, oder das Eiweiss (L a n g Spezifische sind, kommen Verfasser auf Grund ihrer Statistik zum E einer günstigen Beurteilung. Von 298 Tüberkulosepatienten (cf. Tab Tabelle 1. über die ätiologische Bedeutung das Eieckfieber sind. . Hans Sa hl mann -Heidelberg: Ueber das Verhalten der Albumine und Globuline beim serologischen Luesnachweis. - ... Verf. findet die wirksamen Stoffe des Luetikerserums bei den ver¬ schiedenen Ausflockungsmethoden sowohl in der Albumin-, als in der Globulin- fraktion vertreten. Beim Kohlensäureverfahren erhält man die grösste Menge m der Albuminfraktion. Die WaR. und die S a c h s - G e o r g i sehe Reaktion dürften auf den gleichen Eigenschaften des syphilitischen Serums beruhen Abweichungen im Verhalten sind wohl durch sekundäre Faktoren bedingt. Walther J a n t z e n - Hamburg: Theoretische und praktische Ergebnisse mit den Flockungsreaktionen nach M e i n i c k e. Die dritte Modifikation M e i n i c k e s (D.M.) eignet sich vorzüglich zur Stadium Zahl ! % Positive Erfolge Negative Erfo’ge Ver¬ schlechtert % °/o % 1 39 27,7 89,7 5,1 5,1 11 51 37,1 66,7 21,6 11,8 III 51 37,1 21 6 13,5 64,7 Tabelle 2. Stadium Positiv e Et folge Negative Erfolge Ver¬ schlechtert °/o °/o °/o I 72,7 9 18,2 It 63,6 31,4 4,5 III 4,8 14,5 80,6 lärz 1922. MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT. 365' ! n 141 Patienten (Tabelle 1) mit Partialantigenen, davon 20 in mehrfacher ehandelt. I. v. Hayek und R. Peters- Innsbruck: Anatomische und biologische ienzierung tuberkulöser Lungenerkrankungen. >ie tuberkulösen Krankheitserscheinungen der Lungen treten als bio- i he Reaktionsänderungen >und pathologisch-anatomische Zustandsände- j i auf. Darauf bezieht sich die konsequente Durchführung des Aschoff- 1)1 sehen Schemas (exsudative und produktive Formen etc.), das in die • übertragen werden muss, was nach Ueberzeugung der Verfasser nur die Radiologie möglich ist. Die Unterschiede frischer und narbiger i sse in radiologischer Hinsicht werden erläutert. T. P e t e r s - Innsbruck: Zur Technik der röntgenologisch differenzierten i nuntersuchung. ’ie Röntgenuntersuchung tuberkulöser Lungen erfordert eine besonders lischentzündliche und noch nicht im Narbenstadium befindliche Erkran- j i eingestellte Untersuchungstechnik, und zwar muss von Durchleuchtung 3 ufnahrne Gebrauch gemacht werden. Die Durchleuchtung lässt nur die i| Verwachsungen und den pathologisch-anatomischen Charakter der Fälle Uen, die extrem einer bestimmten Gruppe zuneigen, nicht aber den der gütigen Zwischenstufen. Bei der Aufnahme kommt es auf die Ruhe des Ies (Muskelentspannung, Atemstillstand, tiefste Inspirationsstellung) und ior-anterioren Strahlengang an. Die Strahlung muss weich, die Be- ; grösstmöglich sein wegen der kurzen Expositionszeit. Um Unscharfen Ausschaltung nichtzentrierter Strahlen zu vermeiden, sind möglichst ,i kleine Einzelaufnahmen verschiedener Lungengebiete angezeigt. Der i rkungsschirm wird abgelehnt, da er durch das „Korn“ Unschärfen ver- It. Das Wesentliche bei der Platte ist diagnostische Verwertbarkeit, d. h. Reichtum und Schärfe. |i. Orszägh: Ueber die Einwirkung von Pleuraexsudaten auf die «tuberkulöse. i erf. gibt eine historische Uebersicht über die Theorien der Entstehung je Prognose von Exsudaten bei Tuberkulose. Er untersuchte die Allergie- «mg bei Pleuritiden und fand negative Allergie bei Spontanpleuritiden, ij e dagegen bei Pleuritiden im Gefolge von artifiziellem Pneumothorax jlgert daraus ein unterschiedliches Verhalten der Pleuritiden. Auf Grund ^Statistik kommt Verf. dann zum Ergebnisse, dass der grösste Teil der Btiden (wo fast stets eine Lungenkomplikation hinzukommt) eine un¬ sre Prognose hat und die Prognose nicht so sehr vom Exsudate als dem Ater des Lungenprozesses und der Widerstandskraft des Organismus a:t. ■ Frisch (II. med. Klinik Wien): Ueber tuberkulösen Kopfschmerz, erf. berichtet über Fälle mit „tuberkulösem Kopfschmerz“, die er als eine Je fruste“ einer Meningitis serosa tuberculosa darstellt. Als führende fome sind zu nennen Zeichen von Tuberkulose an einer Stelle des i s, Kopfschmerz und endokranielle Druckerhöhung, gemessen durch die E|'lröntgenuntershichung und die Lumbalpunktion, welch beide Methoden [>tets gleiche beziehende Resultate lieferte. Die Genese, Symptomato- i Diagnose, Differentialdiagnose der Forme fruste werden besprochen s der Erfahrung heraus therapeutisch Lumbalpunktion und Alttuberkulin i ilen. Boenheim: Beitrag zur Kenntnis des Chlorstoffwechsels. IV. Der itoffwechsel bei Lungentuberkulose. jer NaCl-Spiegel im Blute Tuberkulöser ist niedrig. Eine Abhängigkeit i en Magenazidität und dem Chlorspiegel im Blute Tuberkulöser war • eststellbar. Die Hypochlorämie hängt nach Verfassers Ansicht mit der uralisation zusammen. Die Untersuchungen des Verfassers ergaben bei tlen und leichten Formen von Tuberkulose einen NaCl-Harnanstieg kurz ! lern Essen, in schweren Fällen kehrte sich das Bild. Die NaCl-Aus- ! mg stieg post coenam nicht an, sondern erst eine Stunde später. Da cht einmal Normazidität des Magens vorlag wie bei leichten und mittel- > en Fällen, so muss diese Retention auf einer noch unbekannten Noxe 1 n- N e u f e 1 d - Hamburg. mtralblatt für Herz- und Gefässkrankheiten. 1921. Nr. 22—24. j M a t z n e r - Birkfeld: Klinische Beobachtungen über Disotrin. erf. hat das Disotrin, eine Kombination von Digitalis mit Strophanthus- iden in 208 Fällen der verschiedensten Herzkrankheiten angewendet, i Form der intravenösen Injektion, teils in Form von Tropfen oder 1 en. Er erzielte mit dem Mittel Erfolge, welche ihm das Disotrin als leales Herzmittel“ erscheinen lassen. Nur in 2 Fällen von Leber- : )men wurde ein Versagen hinsichtlich der Herzwirkung gesehen, ln ringlich liegenden Fällen verwendete Verf. das sog. Kollapsdisotrin, : s einen Zusatz von Adrenalin enthält. Bezüglich der Diurese trat die 'kung erst nach 8 — 12 Tagen ein. um sich dann durch viele Wochen auf ihe zu halten. Bei allen kompensierten und unkompensierten Herz- ! leistete das Disotrin sehr Gutes. Hervorragend war die Wirkung bei ' den Herzschwächen in Grippe- und anderen Pneumonien. Fälle ^ sten Kollapses wurden überwunden. Die Injektionen dürfen nie sub¬ gemacht werden. Eine gastrische oder intestinale Störung hat Verf. I gesehen. Bei kruppösen Pneumonien gibt Verf. 3 — 4 Tage intern > n, bei Grippe schon gleich von Beginn an, etwa 2 — 3 mal täglich ' pfen. Busch -Mainz: Ueber traumatisches Aortenaneurysma, i unmittelbaren Anschluss an ein schweres Brusttrauma stellten sich jiem bis dahin ganz gesunden Schwerarbeiter Herzbeschwerden von 1 Charakter ein. welche anfangs überwunden wurden. Nach 5 Monaten - bereits Aortenaneurysma gefunden. Für das Zustandekommen dieses u smas bleibt als Erklärung nur das Trauma. Einschlägige Literatur l| rörtert. Stadler- Plauen: Ueber Isthmusstenose der Aorta bei syphil tischer : erkrankung. ■rf. beschreibt. 2 Fälle von Isthmusstenose der Aorta bei syphilitischer kung derselben. Die Verengerung sitzt in diesen Fällen an der Stelle ahtungsänderung der Aorta zur Deszendens, nach Abgabe der linken ■'Ga. Die Erklärung für diese Stenosierung lag im beschriebenen einen Druck des erweiterten Aortenbogens auf die Isthmusgegend. Be¬ rten für das Auftreten solcher Stenosen sind: erhebliche Erweiterungen ifsteigenden und Bogenteils, besonders im Bereich der Konkavität, ‘gige Form der Aorta mit plötzlicher Richtungsänderung nach der dens hin. Die Stenose wird zunächst rein mechanisch hervorgerufen. sie kann aber gesteigert werden durch bindegewebige schrumpfende und atherosklerotisehe Prozesse, welche durch die veränderte Richtung des Hauptblutstroms begünstigt werden. Grassmann - München. Deutsche Zeitschrift für Chirurgie. 167. Band, 5.-6. Heft. Tomosuke May e da: Untersuchungen über Parablose mit besonderer Berücksichtigung der Transplantation und Hypernephrektomie. (Aus der chir. Klinik der Universität Basel. Vorstand: Prof. Dr. G. Hotz.) Verf. war in der glücklichen Lage, mit Unterstützung von G. Hotz- Basel durch ausgedehnte Parabioseexperimente an weissen Ratten unsere Erfahrungen über dieses hochinteressante Problem weiter auszubauen. Die wichtigsten Ereignisse: Die Parabiose ist einer Homoioplastik gleichzusetzen, es wird das ganze Tier transplantiert. Entsteht wie bei einer gelungenen Homoioplastik ein inniger und dauernder Zusammenhang zwischen den Partnern, wobei beide Tiere gut weiter wachsen, so spricht Verf. nach einem Vorschläge von Hotz von homogener Parabiose, während in anderen Fällen die Partner durch eine organische Trennungslinie voneinander geschieden bleiben und Neigung haben sich zu trennen. Dabei magert das eine Tier ab, wird anämisch, bleibt zurück und stirbt bei normaler Entwicklung des anderen Tieres: heterogene Parabiose. Die Hauptursache der heterogenen Parabiose ist eine toxische Beein¬ flussung des kleinen Organismus, oft Hämolyse. Unvollkommene Heilung der Naht. Misslingen der vitalen Färbung des Partners, mangelhafte Blut¬ gefässkommunikation, Misslingen der Uebertragung eines Hautmuskelstückes, Absterben des einen Tieres bei doppelseitiger Nebennierenexstirpation sind die Kennzeichen der heterogenen Parabiose, während bei der homogenen Parabiose bei glatter Wundheilung mit kontinuierlicher Epitheldecke ein reichlicher Säfteaustausch möglich ist, vitale Färbung beiderseits gleich stark auftritt, ein angrenzender Hautmuskellappen einheilt und das beider Nieren beraubte Tier am Leben bleibt. Heterogene parabiotische Paare fanden sich in 67 Proz., etwas mehr bei Tieren verschiedenen Wurfes als bei Tieren gleichen Wurfes. Der Aus¬ tausch der Körpersäfte erfolgt im wesentlichen durch die interzellulären Lymphspalten, die Blutkapillarenkommunikation, ist, ganz gleich ob homogene oder hetrogene Parabiose, nur schwach. Gelingt bei Tieren ein homoio- plastischer Hautaustausch (in 44 Proz. bei Geschwistern, in 28 Proz. bei nicht blutsverwandten Tieren), so hat die Parabiose viel bessere Aussichten, dagegen wird durch die Parabiose die Homoioplastik zwischen den Partnern nicht erleichtert, im Gegenteil tritt sowohl gegen autoplastische wie homoio- plastische Hautübertragung eine Sensibilisierung ein. Bei Trennung der homogenen parabiotischen Paare etwa 4 Wochen nach der beiderseitigen Hypernephrektomie kann das nebennierenlose Tier weiterleben, weil eine Hypertrophie der akzessorischen Nebenniere eintritt. Eventuell kann das parabiotische Paar auch nach Exstirpation beider Neben¬ nieren weiterleben. Bei kleinen Partnern der heterogenen Parabiose findet sich zunächst Reizung, dann Degeneration des Knochenmarks und gelegentlich myeloide Herde in der Milz. H. Haugk: H i r s c h s p r u n g sehe Krankheit und enges Becken. (Aus der chir. Abt. des Krankenhauses St. Georg-Leipzig. Leit. Arzt: Prof. Dr. Heller.) Bei dem 20 jährigen, durch seiii langes Leiden mit Kolitis und Gärungs¬ dyspepsie sehr heruntergekommenen Kranken wurde durch Resektion des Megakolon Heilung erzielt. Als anatomische Ursache des Leidens wird eine hochgradige Beckenverengerung mit horizontal einwärts vorliegendem Steissbein aufgefasst. Die Verengerung war so hochgradig, dass von der Durchziehung des Darmes Abstand genommen werden musste und ein defini¬ tiver Anus praeternaturalis angelegt werden musste. Die Beckenverlagcrung ist in Zukunft als ätiologisches Moment mit in Erwägung zu ziehen. Oskar Stracker: Luxationen nach Schussverletzungen. (Aus dem orthop. Spital in Wien. Direktor: Prof. S p i t z y.) Im Anschluss an Schussverletzungen der Gelenkkörper kann es entweder plötzlich oder allmählich zur Luxation kommen, entweder durch direkte Ge¬ walteinwirkung des Geschosses oder durch den gleichzeitigen Sturz des Verletzten oder durch sekundäre Verschiebung durch Muskelzug. Die federnde Fixation fehlt, häufig kommt es zu ankylotischen Verbindungen und Einschränkung von Bewegungsresten durch Kallusbildung. Therapeutisch wurde vielfach mit Redressement Besserung erzielt. Im allgemeinen Vorsicht mit blutigen Eingriffen wegen der latenten Infektion. Felix Mandl und Josef P a 1 u g y a y: Ueber die Beiiideformitäten der Fussballspieler. (Aus der II. chir. Univers. -Klinik in Wien. Vorstand: ' Hofrat Prof. Dr. J. H o c h e n e g g.) Bei einer grossen Anzahl von Kranken fanden sich Varusdeformitäten. welche sich bei Ausübung des Fussballsports durch funktionelle Anpassung an die kinetische Inanspruchnahme entwickelt hatten. Verf. schlagen zur Verhütung dieser Deformitäten eine „funktionelle Orthopädie“ im Sinne Roux vor, nämlich Verhinderung der einseitigen Fussausbildung durch das Spiel mit beiden Füssen, ferner Wechsel in der Funktion der Spieler und Einhaltung einer bestimmten Altersgrenze für Jungmannschaften. Oskar Wiedhopf: Die Neben- und Nachwirkungen der örtlichen Be¬ täubung. (Aus der chir. Univ.-Klinik Marburg. Direktor: Prof. Dr. L ä w e n.) Die Nebenerscheinungen bei der Lokalanästhesie sind nicht Wirkungen des zugesetzten Adrenalins, das infolge der starken Verdünnung unschuldig ist, sie sind vielmehr auf die Reposition des. Novokains zurü'ckzuführen und im wesentlichen zerebraler Natur. Ausser leichteren Nebenwirkungen (Uebelkeit. Erbrechen, Herzklopfen. Schwindel, Schweissausbruch u. a.) wur¬ den Kollapse. Erregungs- und Schlafzustände und 14 Todesfälle in der Literatur beschrieben. Vermeidung der Intoxikationsgefahr durch Sterilisieren des Instrumentariums in sodafreiem Wasser, Benutzung dünner Kanüle, Ver¬ meidung von Gefäss- und Duraverletzungen, Benutzung von Novokain¬ bikarbonat oder Zusetzung von Kalium sulfuricum. Als Nachwirkungen wer¬ den beobachtet: Wund- und Nachschmerz, Nierenreizungen, Hautnekrosen. Für die einzelnen Anästhesierungsverfahren kommen durch die anatomischen Verhältnisse bedingte Schädigungen in Frage. Die Dosis des Novokains soll 1.25 g nicht überschreiten. Auch die Lokalanästhesie hat ihre strenge Indi¬ kation (vgl. Brau n). V. E. Mertens- München: Ueber ein aufsaugbares Füllmittel fiir Wundhöhlen und Fisteln. Der Portugiese J. de Seixas-Palma stellte zunächst für die Zwecke der Veterinärmedizin einen Wundkitt her, der „in erhöhtem Maasse das schaffen soll, was die eintrocknende Wundabsonderung zur Verklebung 366 MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIF_T_ Nr. der Wundränder leistet“. Das Präparat ..Palmasse“ genannt, besteht aus Tannin. Gelatine und Borax, wird heiss in die Wunde^ gegossen und soll in der Wundhöhle eine gleichmässige gallertige Plombe bilden. .M. ver wandte das Mittel nach Operationen, bei denen tH.ohl^au^fp^“f ^Sr (Schenkelbruch. Leistenbruchoperationen nach Perthes, Enf®rnan.^ /i '^ei Tumoren etc.), ferner zur Behandlung von Fisteln. Voraussetzung ist dabei, dass die Fistel genügend desinfiziert war. Die beigebrachten Beispiele sind keineswegs überzeugend (Ref.). . . _ v c Knlm Niedlich: Mediale Leistenhernien bei Frauen. (Aus dem knapp schaftskrankenhaus im Fischbachthal. Chefarzt: Prof. Dr. ° r “ n ® , Unter 1000 seit 1011 operierten Leistenhernien, an denen 78 weibjjcne Kranke beteiligt waren, wurden 3 mediale Hernien und 4 weiche Leisten gefunden. Die Seltenheit wird erklärt durch die Untersuchungen Dona 1 1 s, der feststellte, dass die hintere Leistenkanalwand besonders in der Gegend der Fovea ing. med. durchschnittlich bei der Frau widerstandsfähiger ist und zwar durch Faserzüge, die von der hinteren Faszie des Transversus ausgehend nach unten und aussen verlaufen (Lamina pubo-transversalis). H. Flörcken - Frankfurt a. M. Zentralblatt für Chirurgie. 1922. Nr. 6 u. 7. Hch. Harttung - Eisleben : Zur Frage der postoperativen Tetanie und Unglücksfälle bei Anästhesien. ' . ... . „ Verf. schildert 1 Fall von postoperativer Tetanie mit psychotischen Zuständen, der durch Darreichung von Nebenschilddrüsentabletten in Heilung ausging; wahrscheinlich wäre aber auch ohne diese Tabletten Teilung ein¬ getreten, da es sich nur um eine vorübergehende Schädigung der Epithel¬ körperchen handeln konnte. Ein 2. Fall, der ad exitum kam, ist wohl al schwere Novokainvergiftung aufzufassen, da wahrscheinlich Novokain in die Blutbahn eingespritzt wurde. .... . L. A rn sp er ge r- Karlsruhe: Retrograde Dünndarminvagination nach Gastroenterostomie. p _„.rn Verf. schildert ausführlich einen kürzlich beobachteten Fall von retro¬ grader Dünndarminvagination des abführenden Schenkels der Gastroenteio- stomie. die vor 11 Jahren angelegt worden war. Verf. ist geneigt, als Ursache dieses Circulus vitiosus, der bereits vor 11 Jahren 3 mal m geringem Grade sich zeigte, spastische Zustände an der Gastroenterostomiestelle und der obersten Dünndarrnschlinge anzunehmen, wofür auch die sehr starKen Verwachsungen der obersten Dünndarmschlinge sprechen würden. Hs. Lehmann- Wien: 10 proz. Jodkalilösung zur Darstellung von Fistelgängen. Abszess- und Empyemhöhlen im Röntgenbilde. Veranlasst durch die vorzüglichen Resultate, die Rub r 1 1 i u s mit 10 proz. Jodkaliumlösung bei Blasen-, Ureter- und Nierenbeckenfullungen -er¬ zielte, hat Verf. diese Lösung mit bestem Erfolge auch zur Füllung von Fisteln, Abszess- und Empyemhöhlen verwendet. Die sehr einfache Technik ist kurz beschrieben. 10 proz. K.-J.-Lösung macht intensiven Röntgenschatten, setzt keinerlei störende Nebenerscheinungen, lässt sich sehr leicht in feinste Fisteln bringen und ebenso leicht wieder entfernen. _ A. Wagner -Lübeck: Zur Technik der späten zweizeitigen Prostat¬ ektomie.^ fjehlt eine tecllnjsche Verbesserung, die darin besteht, dass er vor de'r Prostatektomie das Bauchfell oberhalb der Blasenfisteln durchtrennt und es einige Zentimeter tiefer der Blase exakt aufnäht. Durch dieses Extra- peritoneallegen der Blase wird die Operation erleichtert und ihre Dauer ver¬ kürzt Bei exakter Seidenanheftung ist das Bauchfell sehr rasch verklebt. J. Hohlbaum- Leipzig: Tödliche Embolie nach Varizenbehandlung mit Pregllösung. Verf. hat kürzlich bei einem Kranken nach intravenöser Injektion von 80 ccm P r e g 1 scher Lösung in eine Krampfader unterhalb des Kniegelenkes eine fortschreitende Thrombose der Vena saphena, erlebt, aus der sich zwei grosse fingerlange Emboli ablösten und zum Exitus untei den Zeichen einer Lungenembolie führten. Um solche fortschreitende Thrombose bis zur Schenkelbeuge zu verhindern, empfiehlt Verf., zuerst ein Stück Vene vor ihrem Eintritt in die Vena femoralis zu resezieren und dann erst die Pregl¬ lösung zu injizieren; dadurch verliert die intravenöse Behandlung an Gefähr¬ lichkeit, die sonst ein einfaches und sicheres Mittel zur Beseitigung aus¬ gedehnter Varizen darstellt. Herrn. M e y e r - Göttingen : Nasenkorrektur bei Hasenscharten¬ operationen. , ,, ,, £ Um -die unschöne Breitnase bei Hasenscharten zu korrigieren, geht Verf. so vor dass er im oberen Nasenlochwinkel einen dreieckigen Ausschnitt anlegt lind diesen mindestens 14 cm weit in den Nasenflügel hineinführt; gleich¬ zeitig macht er noch eine rhombenförmige Exzision am Grunde der Nasen¬ öffnung. Aus einer beigegebenen Skizze ist die Schnittführung leicht er¬ sichtlich. ,, „ „ Rud. Oppen he im er- Frankfurt a. M.: Ein operativ geheilter Fall von tabischer Blasenparese. Verf. hat eine tabische Blasenstörung dadurch zur Heilung gebracht, dass er die motorische Funktion des M. detrusor durch Aufpflanzung der funktions¬ tüchtigen M. recti verstärkte; er bildete aus den beiden Mm. recti einen Muskellappen, den er auf der Vorder-Hinterwand der vorher angefrischten Blase anheftete. Die Technik dieser Plastik ist kurz beschrieben; sie eignet sich für alle Formen von Detruscparesen, bei denen die ursächliche organische Nervenerkrankung unterhalb Ti sitzt. Dr. E. H e i m - Schweinfurt-Oberndorf. ln einer kurzen Mitteilung wird angeregt, an grösserem Material i Beeinflussung der sog. Ausfallserscheinungen durch Suggestion in llypnc \yP U t e r - Heidelberg: Prinzipielle Bemerkungen zur Technik i Grossfeldfernbestrahlung^strahiungszeit, Einschränkung des Röntgenkuh möglichst genaue Einstellung der Röhre. Kompression des Leibes und da; Annäherung der Röhre an den Erkrankungsherd; Vermeidung der Dur Strahlung überflüssig grosser Körpermassen. Minderung in der Einwirkung ungewollten Streustrahlung. . . , ,, W. F e 1 d m a n n - Düsseldorf : Ueber den diagnostischen und the peutischen Wert des Pneumoabdomen bei postoperativen Verwachsungen m Laparotomien. WQ ^ Verdacht auf Verwachsungen mit der vorde oder seitlichen Bauchwand besteht, empfiehlt sich zur Sicherstellung der E guose die Röntgendurchleuchtung eines Pneumoabdomens, und wenn di deii Verdacht bestätigt, zur Therapie die Laparotomie mit sofort an schlossener Sauerstoffüllung der Bauchhöhle. Anzustreben ist m ledern F, zur Kontrolle des klinischen Resultates eine Durchleuchtung ungefähr IKlCl'w. K aPm p s c h u 1 1 e - Duisburg: Subperitoneales Dermoid als Gebu Am weiteren Heruntertreten und am Austreten wird der Kopf gehinc durch eine die hintere Vaginalwand vorwölbende Geschwulst. Längssch über den Tumor in 6 cm Länge. Dann lasst Sich die Geschwulst le enukleieren. Geburtsbeendigung durch Forzeps. Naht des Geschwulstbe mit tiefgreifenden Knopfnähten. Heilung nach 14 Tagen. A. P r o b s t n e r - Pest: Primäre und Spätresultate der chirurgisch handelten chronischen Adnextumoren auf Grund 5 jährigen Materials. Die die Arbeit beschliessende Zusammenfassung lautet: Wir • schliessen uns zur operativen Therapie nur in Fällen von seit Jahren stehenden, häufig rezidivierenden, jeder konservativen Therapie trotzem lästigen Beschwerden oder Arbeitsunfähigkeit, mehrere Monate nach klingen der letzten Entzündung. Wo die soziale Lage des Kranken samtl: Forderungen der konservativen Therapie nicht ermöglicht, stellen wir Indikation früher auf. In der Regel wählen wir die radikale Methode, entschieden einseitigen Entzündungen (puerperale) gehen wir konservativ Mit Hilfe der radikalen Operation gelang es uns bei 88,1 Proz. endgul Heilung bzw 95,5 Proz. vollständige Arbeitsfähigkeit zu erzielen, mit n ganz 5 Proz. Mortalität. Die Resultate unserer konservativen Operatic sind trotz rigorosester Auswahl der Fälle schlechter, als die der radik Operation. Die sog. Ausfallserscheinungen entstanden in erster Linie Frauen mit nervöser Disposition, aber in keinem Falle erreichten sie e solchen Grad, dass sie -den guten Erfolg der Operation in Frage ges hätten. Werner- Ha.nbur Frankfurter Zeitschrift für Pathologie. 26. Band, Heft 2. Zentralblatt für Gynäkologie. 1922. Nr. /. O. Frankl- Wien: Zur Klinik und Pathologie der Adenomyosis. Die Adenomyosis uteri, früher wenig beachtet, ist häufiger, als man ge¬ glaubt hat. F. entwickelt an einer grossen Zahl von Beispielen die Patho¬ logie des Leidens und ihr histologisches Substrat. F. S c h u 1 1 z e - R h on h o f - Heidelberg: Der hypnotische Geburts¬ dämmerschlaf. .... , , . „ , Die Heidelberger Frauenklinik hat sich im letzten Jahr ganz speziell aut die schmerzlose Geburtsleitung in Hypnose eingestellt. Verf. schildert die Methode nochmals und berichtet über eine Versuchsreihe von 79 Fällen mit einem vollen Erfolge von ca. 90 Proz. — Die Methode eignet sich aber in allererster Linie für Anstalten, weniger für die Allgemeinpraxis. P. W o 1 f f - Darmstadt: Die Beeinflussung der sog. Ausfallserscheinungen durch Hypnose. Frieda Malkwitz: Beitrag zur Kenntnis polypöser Bronc' karzinome. (Pathol. Institut Leipzig, St. Georg.) , j Ableitung von versprengtem Keim. ^ . , ... W. Sch war zacher: Plötzlicher Tod an Erstickung infolge legung des Kehlkopfeinganges durch ein faustgrosses Epitheliom des Zun grundes. (Institut für gerichtl. Medizin in Graz.) . Benignes Epitheliom, abzuleiten- vom Ductus lingualis. Keine Sc Franz Peter er: Ueber Glioma llnguae. (Pathol. Institut Basel.) Taubeneigrosse, abgerundete, blasse, glatte Geschwulst unter der Zu breitbasig in die Muskulatur übergehend; ist als teratoide Geschwulst zusehen. aus unipotentem. nur in Gliagewebe differenzierbarem Ke;m zuleiten. Fliessender Uebergang derartiger einfach gebauter Tumoren bi den Epignathi. . Adolf Hart wich: Bakteriologische und histologische Untersuchu am Fettmark der Röhrenknochen (Oberschenkel) bei Abdominaltyi (Pathol. Institut Hamburg-Eppendorf.) , T In allen untersuchten Fällen Hessen sich im Fettmark kulturell lyl bazillen, und histologisch spezifische kleine Nekroseherde nachweisen, aber immer bazillenfrei waren, wahrscheinlich also Toxinen ihre Entste verdanken; es ist noch fraglich, ob derartige Nekroseherde in Jedem Fa l Typhus Vorkommen müssen, oder nur der Ausdruck schwerster lntekti Smd Rudolf Jaffe: Pathologisch-anatomische Veränderungen der Keimdi bei Konstitiitioiiskrankheiteii, im besonderen bei der Pädatrophie. (ri furt a. M., S e n c k e n b e r g isches Pathol. Institut.) Der normale kindliche Hoden hat nur wenige Zwischenzellen, die oder nur Spuren Fett enthalten; bei chronischen Infektionskrankheite das Bindegewebe zwischen den Hodenkanälchen erweitert, ödematos. Zwischenzellen vermehren sich dabei nicht; dagegen sind bei konstitu i minderwertigen Kindern die Zwischenzellen stets vermehrt und entli richlich Fett. Regelmässig ist dieser Befund bei Pädatrophikern. Zwischenzellenvermelirung ist also ein anatomisches Merkmal für konsti nelle Minderwertigkeit, wohl aufzufassen als Störung innerer Funktionei den Zwischenzellen auch im frühesten Kiiidesalter zukommen. Johanna Supp es: Ueber das Knorpelglykogen der Rippenepiphyse Rhachitis. (Pathologisches Institut Dresden-Friedrichstadt.) Die Abweichung des Glykogengehaltes des rhachitischen Knorpels dem Normalen ist gering, sie besteht fast nur in einer Abnahme des Glyki und einem weniger geordneten Auftreten desselben im wuchernden Kn< Walter Oppenheimer: Uebermässige Hyperplasie des t metriuins. (Pathologisches Institut Danzig.) . Weib, 21 Jahre. Uterus wegen 3 wöchentlich sich wiederholender stj Blutungen mit den Adnexen entfernt. Der Uterus war stark vergroj seine Schleimhaut stark gequollen, bis 2)4 cm dick, in hirnwindungenähn Falten aufgeworfen. Histologisch fand sich eine Hyperplasie der Dt| Schicht ohne Entzündungszeichen. Ursache wahrscheinlich Störung, inneren Sekretion vonseiten der kleinzystisch veränderten Ovarien. Kubig: Beiträge zur pathologischen Anatomie der Milz. U utn sches Institut Dresden-Friedrichstadt.) a) Knotige Hyperplasie der Milzpulpa. Krebsmetastasen vortausc b) Blutzyste der Milz. c) Nebenmilzartiger, zirkumskripter Tumor der Milz. MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT. 367 zeigte der gewonnene Lipoidextrakt nach Z i e li 1 keine oder nur eine mini¬ male Säurefestigkeit. Wahrscheinlich spielen physikalisch-chemische Unter¬ schiede im Aufbau der Bakterien eine Rolle. W. Pfannenstiel - Frankfurt a. M. : Vergleichende Untersuchungen über die Extrahierbarkeit verschiedener säurefester Bakterien mit Aetlier- Azetongemischen. Es gelang mit Aether-Azeton ge mischen aus allen säurefesten Bakterien Lipoidsubstanzen zu extrahieren. Die Säurefestigkeit und die Extrahierbarkeit gehen aber nicht parallel. Daher kann auch die Säure¬ festigkeit nicht allein durch den Lipoidgehalt bzwi durch die Wachshülle bedingt sein. Es scheinen noch chemisch-physikalische Eigenschaften mit¬ zusprechen, die auch für die Tierpathogenität eine Rolle spielen mögen und durch eine differente Plasmastruktur bzw. „die Dispersität der Plasma¬ kolloide“ bedingt sind. Die echte Tuberkulose, die Hühnertuberkulose und saprophytische durch Tierpassagen gesteigerte Stämme sind durch Extraktion ihrer Säurefestigkeit kaum zu berauben. Die Anpassung an das Tier scheint zu einer Aenderung des chemisch-physikalischen Aufbaues zu führen, mit dem auch vielleicht die Pathogenität zusammenhängt. Georg H e u e r - Berlin: Untersuchungen über den Agglutinationsvorgang unter Verwertung des Agglutinationsoptimums. Der Einfluss der Kochsalz¬ verdünnung auf die Antikörper der Sera. B u c h n e r - Berlin: Sind die Crithidien der Schaflaus für Mäuse pathogen? Neue Versuche, die den L a v e r a n sehen angepasst waren, zeigten, dass durch Verfüttern von Schaflauscrithidien Mäuse nicht infiziert werden konnten, was L a v e r a n behauptet hatte. Diese Differenz ist demnach noch nicht aufgeklärt. Ludwig Bitter-Kiel: Ueber die Prüfung und Begutachtung von Des¬ infektionsmitteln. Es wird an einem Beispiel, dem Desinfektionsmittel „Phenoco“, das ausgezeichnet begutachtet worden ist, gezeigt, wie unrichtig es ist, nicht die 5 wichtigen Punkte, 1. hohe Desinfektionskraft, 2. Ungiftigkeit, 3. Geruch¬ losigkeit, 4. Wohlfeilheit, 5. Unschädlichkeit für das Material etc. zu berück¬ sichtigen. Bei Nachprüfungen ergab sich, dass das „Phenoco“ nicht einmal die Desinfektionskraft der Kresolseife erreichte. Eugen F r a e n k e 1 - Hamburg: Ein weiterer Beitrag zur Menschen¬ pathogenität des Bacillus pyocyaneus. Beschrieben wird ein Fall von Pyozyaneusinfektion bei einem zweimonatigen Kinde, bei dem wahrscheinlich durch Verschlucken der Er¬ reger sich zuerst eine nekrotisierende Magenwanderkrankung etablierte, an die sich später eine umschriebene Lebernekrose anschloss. So ist wohl nunmehr kein Organ mehr bekannt, bei dem nicht der Bacillus pyocyaneus sich festsetzen könnte. Wegen seiner Pathogenität ist grösste Sauberkeit bei den Kindern am Platze, um vorbeugend zu wirken. R. 0. Neumann - Bonn. März 1922. Walter Lii scher: Ueber Myocarditis uraemica. (Pathologisches In - i Basel.) lei der diffusen, akuten Myocarditis interstitialis ist in ätiologischer Jhung eine infektiös-toxische und eine rein toxische Form zu unter- i len ; zur letzteren Gruppe gehört die Myocarditis uraemica, wahr- i dich bedingt durch Ausscheidung von Harnsubstanzen ins Myokard. Die ; nkung ist eine seltene. C Bann wart: Zur Pathogenese des Morbus Addisonii. Zerstörung : ebennierenmarkes und des Grenzstranges durch ein Lymphangio endo- ma peritonei metastaticiun. (Pathologisches Institut Basel.) )er Fall bildet einen weiteren Beweis für die Annahme, dass der Morbus ton eine Folge der Erkrankung des Nebennierenmarkes und der Para- i en ist, die beide im beschriebenen Fall von Tumormassen substituiert l* ilarnewitz: Zur Kenntnis des Neuroblastoma sympathicum. (Patho- | lies Institut Kiel.) 7 jähr. Frau, primärer Tumor der linken Nebenniere. Metastasen im I Lungenoberlappen und in beiden Ovarien; besteht histologisch aus iLympathoblasten-ähnlichen Zellen, also aus unreifen Elementen. |:. -Hübscher: Exostosis cartilaginea des Scheitelbeins. (Pathologi- I Institut Basel.) (norpelige Exostose auf der Innenfläche des Scheitelbeins, also auf bindegewebig entstandenen Belegknochen; Genese entweder phylo- sch zu erklären oder Vorliegen einer sekundären Bildung, ähnlich der lg von Knorpelgewebe bei Frakturen auch bindegewebig präformierter en. Ierdinand Wietold: Die grossen Exsudatzellen bei Meningitis tuber- i und käsiger Pneumonie. (Senckenberg isches Pathologisches it, Frankfurt a. M.) Tie Zellen sind sicher nicht hämatogener Abstammung, sondern Ab- linge fixer Gewebszellen, bindegewebiger oder endothelialer Natur. Es t ihnen offenbar besondere Funktion im Kampf gegen das tuberkulöse zu, die morphologisch in Formveränderung, Loslösung aus dem Zell- tid, Phagozytose zum Ausdruck kommt. k Yamanoi: Ueber autoplastische Transplantation der Thymus in ilz bei Kaninchen. (Pathologisches Institut Basel.) lei schonendem und schnellem Arbeiten gelingt bei Kaninchen regel- ? die autoplastische Transplantation von Thymusgewebe in die Milz; ransplantat bleibt lebensfähig, zeigt zuerst degenerative Erscheinungen, erationen erst vom 21. Tage ab; zuerst vermehren sich die kleinen eilen, dann treten auch die H a s s a 1 sehen Körper auf, die Unter- igen machen wieder wahrscheinlich, dass die kleinen Thymusrinden¬ epithelialer Natur sind. Oberndorfer - München. eitschrift für Hygiene und Infektionskrankheiten. 1922. 95. Band, :ft. .d. R e i n h a r d t - Leipzig: Ueber den Einfluss des Trypaflavins auf phtherieinfektion und die Diphtherievergiftung. s konnte bei experimenteller Wunddiphtherie der Meerschweinchen ge¬ worden, dass das T rypaflavin sowohl eine giftneutrali¬ nde als auch eine bakterizide Wirkung ausübt. In Verdünnungen von und 1: 1000 vermag das Trypaflavin die auf das Gift zurückzuführende Wirkung der lebenden Diphtheriebazillen Yz und % Stunden nach der on aufzuheben, ebenso die Wirkung der vorher durch Toluol abge- l Bazillen in einer Verdünnung von 1: 100; ausserdem neutralisiert es ierie-(Bouillon-)-Gift, das in Wunden eingerieben wurde. In den oben- lten Verdünnungen tötet Trypaflavin auch lebende, in der Wunde ver- e Diphtheriebazillen ab, wenn das Mittel Fa und V\ Stunden nach der on an die Wunde gebracht wurde. d. R e i n h a r d t - Leipzig: Ueber experimentelle Wundinfektion und desinfektion nach Versuchen an Meerschweinchen und Mäusen mit rcholerabazillen, Pneumokokken und Streptokokken. s gelingt mit infektiösem Material, wie z. B. den vom Verf. benützten tercholeraerregern, den Pneumokokken und S t r e p t o- ; e n fortschreitende Wundinfektionskrankheiten bei Meerschweinchen läusen zu erzielen und diese dann durch Ueberrieselung mit geeigneten izientien zur Heilung zu bringen. Für Hühnercholera eignete rypaflavin am besten. Sublimat 1:1000 und Silbernitrat lOproz.. lodoform und Jodtinktur kamen nahe an Trypaflavin heran. P n e u m o- :en und Streptokokken wurden durch Trypaflavin am besten usst. O p t o c h i n erwies sich als weniger geeignet, V u z i n wirkte . Es sind also Mittel, die die betreffenden Erreger elektiv beeinflussen ugleich allgemein chemotherapeutisch wirken; diese Eigenschaften sind dlein nicht ausschlaggebend. s wird auch darauf hingewiesen, dass es mit dieser Methode der ichen Infektion gelingt, fragliche Mittel auf ihre Wirkung im Tier¬ ment zu prü'fen. . S c h i e m a n n - Berlin: Weitere Beiträge zur experimentellen Wund- :ktion. Jm Klarheit zu schaffen, ob die Wirkung der Antiseptizis eine direkte Utende sei, oder ob unspezifische Reizmittel die Schutzwirkung hervor¬ wurden Mäuse bzw. Meerschweinchen mit Friedländerbakterien, Mäuse- >. Streptokokken und Staphylokokken infiziert und dann mit Trypa- j Sublimatlösung, Dahlia und auch mit Reizstoffen, Yatrenpuder und fitinölpaste behandelt. Die Reizmittel hatten keine Erfolge aufzuweisen, Ts geschlossen werden musste, dass die Wirkung auf eine direkte Keim- zurückzuführen ist. Trypaflavin übte auch in Form von Streupulver ;l tarke Heilwirkung aus. . Schlossberger und W. P f a n n e n s t i e.l - Frankfurt a. M.: *• Versuche zur Differenzierung der sog. säurefesten Bakterien mittels fementbindung. erf. benützten ausser dem Typus humanus und bovinus der echten 1 culose, Stämme von Arloing, Fried mann, 3 Meerschweinchen- ■estämme, Hühner- und Froschtuberkulose, den Stamm Ra bin o- Ich aus Butter und den Timotheebazillus. Eine Differenzierung gelang mit der Agglutination noch mit der Komplementbindungsreaktion, welche Gesetzmässigkeiten waren nicht vorhanden, dagegen aber eine Gruppenspezifität. Die Hühnertuberkulose machte eine Ausnahme Tn. als sie im Vergleich mit den übrigen Stämmen noch bei erheblich ren Verdünnungen des homologen Stammes positiv reagierte. Auch Klinische Wochenschrift. 1922. Nr. 5 (nachträglich). (3. B u m k e - Leipzig: Psychologie und Psychiatrie. Uebersichtsreferat. S. B e r g e 1 - Berlin: Die natürlichen Abwehrmittel des Körpers gegen die syphilitische Infektion und ihre Beeinflussung besonders durch Quecksilber. Auf Grund der neueren biologischen Anschauungen, welche nach Verf. mit den anatomischen Befunden und klinischen Erfahrungen übereinstimmen, muss gesagt werden, dass das Hg die jeweils vorhandenen Abwehrkräfte des Körpers zu einer einmaligen, meist unzureichenden Auswirkung auf die Spiro¬ chäten gelangen lässt, aber die dauernden natürlichen Heilungsvorgänge durch Vernichtung der lebenden Produktionsquellen der Antistoffe zeitweise ver¬ hindert, ohne selbst unmittelbar auf die Erreger einzuwirken. R. H e n n e b e r g - Berlin: Ueber Salvarsan-Hlrntod. Verf. teilt 3 Beobachtungen mit Sektionsbefunden und Abbildungen der Präparate mit, bei welchen in 2 sog. hämorrhagische Salvarsunenzephalitis vorlag, während sich im 3. Fall ein grösserer Bluterguss im Pons fand. Epikrise. Der Umstand, welcher zu diesem ungünstigen Ausgang führte, konnte nicht klargestellt werden. J. Markwalder - Baden (Schweiz): Wirkungswert von Bulbus Scillae. Verf. machte Versuche, um eine exakte Orientierung über den Wirkungs¬ wert der Droge zu gewinnen. Mitteilung der Methodik. Bezüglich der im Handel befindlichen sog. Extrakte ergaben die Untersuchungen, dass diese Extrakte an herzwirksamer Substanz weniger wirksam sind als das Ausgangs¬ material. Verf. versuchte, die herzwirksame Substanz zu isolieren. A. H e 1 1 w i g - Frankfurt a. M.: Klinische Narkoseversuche mit Solaesthin. Das S. ist ein von den Höchster Farbwerken rein hergestelltes Methylen¬ chlorid, das sich als Inhalationsanästhetikum vollwertig brauchbar erwies für kurzdauernde Eingriffe, dann zur Einleitung der Vollnarkose oder zur Halb¬ narkose, kombiniert mit örtlicher Betäubung. Der Artikel bringt ausser den einschlägigen Urversuchen eine kurze technische Anweisung für die An¬ wendung in der Praxis. O. Fleischmann - Frankfurt a. M.: Zur Frage der Sero- und Chemo¬ therapie der otogenen und rhinogenen Meningitis. Die Grundbedingungen für eine wirksame Chemotherapie sind von der Blutbahn aus gegeben, während in den Lumbalsack eingebrachte Stoffe kaum über den Bereich des Rückenmarks hinaus wirksam sein können. Verf. be¬ richtet über Versuche mit Trypaflavin, das bei Meningitis nachweislich in nennenswerter Menge in den Liquor übergehen kann. Die richtige Dosierung ist noch nicht genügend festgestellt. R. R o u b i t s c h e k - Karlsbad : Die renale Schwangerschaftsglykosurie als Frühsymptom der Gravidität. In der Gravidität erscheint Traubenzucker im Harn bei normalen oder wenig erhöhten Blutzuckerwerten. Zur Schwangerschaftsdiagnose kann die zuckermobilisierende Wirkung des Adrenalins verwendet werden. Verf. hat mit einer bestimmten Methode, die sich hierauf gründet, 20 Gravide untersucht und konnte bei 19 die Glykosurie nachweisen. G. S i e f a r t - Charlottenburg: Zur Frage der Abortbehandlung. Feststellungen zu einem früherem Artikel in Nr. 51 der B.kl.W. 1921. Katzumi K o j i m a - Berlin : Ueber die Beziehungen des Saprophytlsmus zum Parasitismus bei Bakterien. Aus Versuchen des Verf. ergab sich, dass der Welch-Fränkel sehe Bazillus zwei verschiedene Lebenskreisläufe hat, einen saprophytischen und MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT. einen parasitären. Es kommt nur auf das Nährsubstrat an, welchen Weg von beiden der Bazillus schliesslich einschlägt. E. E reudenberg und P. Q y ö r g y - Heidelberg: Untersuchungen iiber die Pathogenese der infantilen Tetanie. Nicht zu weiterer Kürzung des wesentlichen Inhalts geeignet. M. Koch nt a n n und P. Schmidt- Halle: Ueber die Trage der Anaphylaxie bei den isolierten Organen des Frosches. Aus den Versuchen muss der Schluss gezogen werden, dass sessue Rezeptoren am Frosch nicht nachweisbar sind und dass im anaphylatoxischen Serum keinerlei gelöste Substanzen vorhanden sind, die eine Giftwirkung auf die isolierten Froschorgane haben. G. A. R o s t - Freiburg : Zur Behandlung der Frühsyphilis. (Schluss.) F. s kam dem Verf. darauf an zu zeigen, dass nur bei Auffassung der Syphilis als eines chronischen Infektionsvorganges es möglich ist, mit einiger Sicherheit eine Ausheilung zu erreichen. Die symptomatische Behandlung ist als unzureichend abzulehnen. Die richtige Behandlung der Syphilis erfordert grosse Erfahrung und Uebung. Der Praktiker soll sich, wo möglich, des Rates und der Mitwirkung des Facharztes bedienen. K. Kassowitz und R. Schick- Wien : Neue Wege der Diphtherie- prophylaxe. , ... . Die Verfasser fordern nicht die ausschliessliche Bekämpfung des Diph¬ theriebazillus. sondern die Ausarbeitung der Methoden, mittelst welcher dem Organismus inehr Schutzstoffe zugeführt werden können. Die lntrakutan- injektion ist das Rüstzeug’ für die aktive Immunisierung. H. U 1 r i c i - Sommerfeld : Die Krankenauswahl für die Anstaltsbehand¬ lung Tuberkulöser. O M e y e r li o f - Kiel: Ueber die Energetik des Muskels. Refent Grassmann - München. Deutsche medizinische Wochenschrift. 1922. Nr. 5 und 6. F^. Sauerbruch und M. L e b s c h e - München: Die Behandlung der bösartigen Geschwülste. (Schluss aus Nr. 4.) Die von der Gynäkologie veröffentlichten grossen Erfolge der Strahlen¬ therapie beiin Uteruskarzinom konnten von der Chirurgie nicht bestätigt werden Der Begriff der Karzinomdosis trägt ausschliesslich den physikali¬ schen Verhältnissen Rechnung, während bei der therapeutischen Beein¬ flussung bösartiger Geschwülste biologische Vorgänge mindestens eine sehr bedeutende Rolle spielen, wie die sicher nachgewiesenen Spontanheilungen solcher üeschwülte deutlich genug erkennen lasen. Eine tiefergreifende Kenntnis vorn Entstehen und Vergehen maligner Tumoren wird in Zukunft eine zielbewusste Strahlentherapie vielleicht den Weg einschlagen lassen, auf dem es ihr gelingt, die natürlichen Abwehrkräfte des Organismus, welche der Rückbildung oder gar Ausheilung bösartiger Geschwülste dienen, zu vermehrter Wirksamkeit anzureizen. Einstweilen muss die Chirurgie in der Frühdiagnose und Frühoperation der malignen Tumoren die sicherste Gewähr für eine Heilung erblicken und vermag zur Zeit noch in der Strahlentherapie ein überlegenes Verfahren nicht anzuerkennen. Braun- iN/ickau : Die Grenzen der örtlichen Betäubung in der Chi¬ rurgie. Lumbal- und Sakralanästhesie sind nur bei ganz bestimmter, strenger Indikition berufen, die Narkose zu ersetzen. Alle Formen der pa-raverle- bralen Anästhesie haben sich als zu gefährlich herausgestellt, um niclft ver¬ lassen zu werden. Die örtliche Betäubung im engeren Sinpe tritt vor allem bei den Operationen an den Kiefern, im Gesicht, in Mundhöhle und Rachen, sowie am Halse in erfolgreichsten Wettbewerb mit der Narkose; weniger ( ist dies schon am Hirnschädel der Fall. Auch die Brust korb chirifrgie arbeitet vorteilhaft mit der örtlichen Betäubung, während Operationen im Innern der Brusthöhle wegen Gefahr des reflektorischen Herz- und Atem- . Stillstandes, des Wogens der Lunge und der Pressatmung beim nicht narkoti¬ sierten Menschen nur in Narkose gestattet sind (S a u e r b r u c h). Grössere Bauchoperationen werden zweckmässig kombiniert ausgeführt: örtliche Be¬ täubung für die Bauchwand, kurze Narkose für die Eingriffe am Bauchinhalt. Für Operationen im Gebiete des Plexus sacralis ist die parasakrale An¬ ästhesie ein ausgezeichnetes und ungefährliches Verfahren. An der oberen Extremität ist die Plexusanästhesie mit Injektion dreiquerfingerbreit ober¬ halb des Schlüsselbeines bei besonderer Indikation zweckmässig, während an der unteren Extremität praktisch höchstens die Lumbalanästhesie für die Narkose eintreten kann. B. selber hat niemals bei viel mehr als 50 Proz. seiner Operationen die örtliche Betäubung angewendet. G. S u 1 t a n - Berlin: Ueber Nebennierenexstirpation bei Epilepsie. Unter 5 Fällen, bei denen die von Fischer angeregte Nebennieren¬ reduktion gemacht worden war, konnte einmal eine Besserung des psychischen Zustandes, ein anderes Mal eine Verminderung der Anfälle bei fortgesetzter Luminaldarreichung gesehen werden. Die übrigen drei Fälle blieben unbe¬ einflusst. H. Leo-Bonn: Ueber die Wirkung intravenöser Kampferölinjektion. Nach intravenöser Injektion von Kampferöl - — s/s der injizierten Oel- menge wird in den Lungen festgehalten (Fischer) — kommt es fast un¬ mittelbar zu einem jähen Anstieg der Atemgrösse, dem ein allmähliches Ab¬ sinken folgt, worauf ein neuer, den ersten erreichender oder gelegentlich gar übertreffender, länger dauernder Anstieg eintritt. Während der erste Anstieg als ein Reflexvorgang auf die Oelablagerung in den Lungenkapillaren angesehen werden muss, ist der zweite die Folge einer Kombination von örtlicher Oel- und resorptiver Kampferwirkung. Im Tierexperiment wurde nachgewiesen, dass 0,2 ccm Oel auf das Kilogramm Körpergewicht bei intra¬ venöser Injektion gefahrlos vertragen wurden. Gleichwohl bleibt äusserste Vorsicht bei therapeutischer Anwendung geboten. Vielleicht kann die Ab¬ lagerung des Oeles in der Lunge zu einer Heilwirkung bei Lungentuberkulose benutzt werden. E. R u n g e - Berlin : Zur Behandlung der akuten Anämie sub partu. Auf Grund günstiger eigener Erfahrungen empfiehlt Verf. bei jeder einigermassen beträchtlichen Geburtsblutung das Blut aufzufangen, im Ver¬ hältnis 3: 2 mit physiologischer NaCl-Lösung, der 1 Proz. Natr. citr. zugesetzt ist, zu verdünnen und davon eine grössere Menge (600 — 700 ccm) als ge¬ wöhnliches Klysma, den Rest als Tropfeinlauf zu geben. H ü b n e r - Elberfeld: Schmierseifeneinreibungen als Mittel zur Verbesse¬ rung der Syphllisbehandlung. Bei gleichzeitiger Sclnnierseifeneinreibung — täglich 10 g 15 Minuten lang — neben Neosilbersalvarsan und Cyarsal konnte durchgehends ein er¬ heblich rascheres Negativwerden der WaR. festgestellt werden. Als Or wird die Reizwirkung auf die Haut (Esophylaxie) angesehen. G. K r e h s - Leipzig: Neosilbersalvarsan (N.S.S.) und seine eiitzei Verwendung mit Novasurol. Die genannte Kombinationsbehandlung wird als das gegenwärtig v, samste und dabei unbedenklichste Verfahren gerühmt. L. Brandt und IM. F r a e‘,n k -e 1 - Charlottenburg: Verödung Tränendrüse durch Röntgenstrahlen. Durch Röntgenbestrahlung der Tränendrüse (6 Sitzungen an je 2 einanderfolgenden Tagen mit Pausen von je 1 Woche- Gesamtdosis 6 ' Aluminiunülter 4 mm) wurde das nach operativer Entfernung des 1 r,T sackes zurückgebliebene Tränenträufeln beseitigt. F. M. M e y e r - Berlin: Zur Technik der Quarzlichtbehandlung. Fortbildungsvortrag. A p e 1 - Charlottenburg : Zur Behandlung des schwachen Haarwue nach Z u n t z und K a o p. Das Kapp sehe Verfahren wirkt auch ohne Keratinzusatz lediglich d den Reiz, welchen Ammoniak und Galvanisation auf der! Haarboden au; Zweckmässig ist die Kombination mit der innerlichen Hiimagsolanbeiiandl M ö 1 1 e r - Peine: Das Erdöl als Heilmittel. Historisches. ü. Sing er- Wien: Der gegenwärtige Stand der Pankreaserkrankun Schluss folgt. W. Liepmann - Berlin: Gynäkologische Ratschläge für den Prakt H. S c h o 1 1 in ü 11 e r - Hamburg: Ueber den angeblichen Zusami hang zwischen Infektionen der Zähne und Allgemeinerkrankungen. Verf. hält den Zusammenhang zwischen septischen Allgemeinerk kungen und infektiösen Zahnkrankheiten, wie er von Fischer behai wird, für ausserordentlich selten gegeben. N o n n e n b r u c h - Wü’rzburg: Ueber Beziehungen der Gewebe Diurese und über die Bedeutung der Gewebe als Depots. Eine gestörte Wasser- und Salzausscheidung durch die Nieren lr bei intakter üewebsfunktion zunächst noch keine hydrämische Plethora die Gewebe einen Ueberschuss von Wasser und Salz aus dem Blute^ r entfernen. Die Hauptursache der Oedeme liegt im Zustande der Ge' selbst, insbesondere der Blutgefässe. Die Diuretika der Purinreihe und; Novasurol haben neben der Nierenwirkung auch noch die Eigenschaft, Gewebe zu entwässern und zu entchloren, woraus sich eine Konzentrij des Blutes mit absoluter Vermehrung des Bluteiweisses ergibt. E. T a n c r e - Königsberg: Erfahrungen mit Vitaltuberkulin. Es ergaben sich keine Kontraindikationen gegen die Verwendung aj sch Wächter lebender humaner Tuberkelbazillen beim tuberkulösen Menst, K. B u r c h a r d i - Baden-Baden: Experimentelle Untersuchungen die Kontagiosität des Lupus vulgaris. Der ulzerierte Lupus der Haut und der Nasenschleimhaut bietet geringe Ansteckungsgefahr. K. N a s w i t i s - Berlin: Ueber „Auslösung“ von Zellverinehru durch Wundhormone bei höheren Säugetieren und dem Menschen. Die nach Autotransfusion durch Gefrierenlassen und Wiederauftauen I störten Blutes gesehene Blutkörperchenvermehrung wird als Folge Reizwirkung von Blutzerfallprodukten angesehen. A. Weil-Berlin: Geschlechtstrieb und innere Sekretion. Beschreibung eines weiblichen Eunuchen und eines männlichen f choiden mit vergrösserter Unterlänge, verbreiterter Sella turcica«und fej dem bzw. stark herabgesetztem Geschlechtsempfinden (1 Abbildung). S c h e i d t - München: Die respiratorische Exkursionsbreite des Ei umfanges und ihre Bedeutung. Die mechanischen Bedingungen für die Atmungsfunktion des TI werden bestimmt durch den auf die Körpergrösse bezogenen absoluten li Brustumfang bei Exspiration )*! umfang, durch den Exkursionsquotienten " Brustumfang bei Inspiratio oder durch die auf den Brustumfang bei ruhiger Atmung bezogene ab; Differenz zwischen den Umfängen bei tiefster Inspiration und Exspir, und durch den Thorakalindex. F. K ö t h e - Leipzig: Quecksilber als Reizmittel bei Stomatitis ule« Orale Verabreichung von Hydrarg. oxydulat. nigr. 0,01 — Sachar. ad 10,0, dreimal täglich 1 Messerspitze bei sorgfältiger Zahnreinigung Entfernung von alten Eiweisszerfallsprodukten), häufigen Mundspiilungei 1 proz. HaOs und Aetzung der Geschwüre mit 8 proz. Zinc. chlorat. 1J auch in den langwierigen Fällen zu rascher Heilung, vermutlich durch Wirkung. E. Liek-Danzig: Nochmals zur Frage der Röntgenschädigungen. Polemik gegen Kurtzahn. C. W e g e 1 e - Königshorn : Die temporäre Ausschaltung des N phrenicus. Die Ausschaltung des Phrenikus durch Novokainisierung zur Beseit eines hartnäckigen Singultus ist vor der eingreifenden Durchschneidu Anwendung zu bringen. Mitteilung eines durch einmalige Injektion da geheilten Falles. ü. Singer- Wien: Der gegenwärtige Stand der Pankreaserkranki (Schluss aus Nr. 5.) W. Liepmann - Berlin: Gynäkologische Ratschläge für den Pral Baum- Augsb' Medizinische Klinik. Heft 8. Arndt- Berlin: Salvarsanfragen. Die ungewöhnliche Zunahme der schweren Dermatitiden, die zun tödlich verlaufen, ist höchstwahrscheinlich eine Folge der Zunahme de handlung mit Salvarsan überhaupt. Die vom Verfasser beobachteten 12 1 fälle werden im einzelnen besprochen. G. H e r r n h e i s e r - Prag: Ueber die Manifestation von Pan erkrankungen im Röntgenbilde. Ausführliche Zusammenstellung der an Magen und Duodenum logisch wahrnehmbaren Zeichen, die bei Pankreasaffektionen zur Beobat gelangen können. Umfrage über die neue Influenzaepidemie. Uebereinstimmend wird der leichte Charakter der Epidemie sow schubweise Auftreten grosser Wellen mit Abbruch des Frostwetters h gehoben. Der Pfeiffersche Bazillus wird oft gefunden; es schein erworbene Immunität, wenn auch keine vollständige, zu geben. Dun MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT. ärz 1922. 369 J n dürfte die Krankheit nicht in besonderem Maasse propagiert werden. Ü.g sind einige Fälle von Enzephalitis neu aufgetreten. . R o m i c h - Qrimmenstein : Die Behandliingsincthoden der Knochen- elenkstuberkulose in der Volksheilstätte Grimmenstein, le Behandlung ist individualisierend und vor allen! kombiniert, d. h. t: ausgiebiger operativer Therapie wird die konservative im Gestalt von ji- und Luftbehandlung, Stauung usw. gehandhabt. Keine Vorteile durch lulinbehandlung; nur diagnostische Verwendung von Röntgenstrahlen. { o e 1 c h a u -.Berlin: Lieber die Methoden der Messung der Körper- i atur und über ein neues Verfahren der Schnellmessung. urch Benützung eines kleinen Drahtgestelles, welches den Thermometer i und in ein Uringlas gehängt wird, lässt sich das zuverlässige und :i auszuführende Verfahren ohne Schwierigkeit bei beiden Geschlechtern «den; seine Vorteile sind ausserdem noch darin zu sehen, dass bei I einer Infektionsgefahr eine grosse Menge Messungen binnen kurzer ritereinander zu bewerkstelligen ist. !. N a g e 1 s c h m i d t - Berlin: Ueber die Praxis der Röntgentiefen- i: mg. ihsammenfassender Vortrag, der erneut darauf hin weist, dass mit sorg- , n Gebrauch auch der besten Messinstrumente die Fehler der Dosierung I licht ausgeschaltet sind. i n k b e.i n e r - Zuzw.il: Kretinismus und endemische Ossifikations¬ gen. bzwar vorzeitige Verknöcherung bei Gesunden im Endemiegebiet so ■ie anderwärts vorkommt, so sind doch bisher sichere Fälle von smus mit prämaturer Ossifikation noch nicht beobachtet worden, man das ganze Problem als ein Schulbeispiel von Klassenvariation be¬ it, so ergeben sich höchst bemerkenswerte Tatsachen, die weiteren 3 ms wert sind. i. B r a u n - Steglitz: Zur Behandlung der Oxyuriasis (Wurmkrankheit), npfehlung und zweckmässige Gestaltung der Butolankur. . Frisch und W. S t a r 1 i n g e r - Wien : Ueber das Flockungs- igen des Blutplasmas bei Lungentuberkulose. as Flockungsvermögen des Blutplasmas ist für klinische Zwecke ein ( hend genaües Maass der Grösse der Fibrinogenfraktion und somit des jszerfalls; so gibt die Reaktion für die Beurteilung der Aktivität und dienz eines tuberkulösen Prozesses ein einfaches Hilfsmittel an die T o b i a s - Berlin : Ueber die Bedeutung der Hydro- und Tliermo- lie bei einigen funktionellen Nervenkrankheiten. oilepsie, Chorea minor, Beschäftigungsneurosen, Tick. Paralysis agitans, : d o w sehe Krankheit. S. chweizerische Medizinische Wochenschrift. 1922. Nr. 2 und 3. . G u g g i s b e r g - Bern: Die fötale Indikation zur operativen Be¬ ug der Geburt. Jaquet: Der Oszillotonograph zur graphischen Registrierung der orischen Pulsdruckschwankungen. ^Schreibung und Abbildung eines neuen Apparates, der eine Modifikation a c h o n sehen Oszillometers darstellt und die oszillatorischen Puls- : chwankungen aufschreibt. Aus dar Kurve lässt sich auch ziemlich : die Höhe des systolischen Druckes bestimmen. Staehelin- Basel: Die Pathologie der Atmung. (Schluss.) F r i c k e r - Bern : Kritische Bemerkungen zur Frage der Funktions- uen des Magens. ir die Praxis ist das Ewald-Boas sehe Probefrühstück dem E h r - :i sehen Alkoholfrühstück vorzuziehen, schon deshalb, weil durch den i die Magensekretion beeinflusst wird und weil es auch viel besser zur iätsprüfung geeignet ist. Man darf die bewährte Methode nicht deshalb Ln, weil sie übertriebene Erwartungen nicht erfüllen kann. , Schnyder: Zur Kasuistik der Zwillingslagen, n Fall von Einstellung des ersten Kindes in Fusslage und des zweiten 3 fiage. r. 3. unziker und v. W y s s - Adlis wil : Ueber systematische Kropf- e und Prophylaxe. ie Verfasser haben 745 Kinder ein Jahr beobachtet, von denen nach ig der Schilddrüse ca. die Hälfte aus jeder Altersstufe (6.— 16. Lebens- /öchentlich 1 mg Jodkali bekam, im ganzen 0,04 g. Bei den Behandelten fi die Schilddrüsen durchschnittlich um mehr als die Hälfte kleiner, (also nicht nur eine Prophylaxe, sondern auch eine Therapie des Kropfes ij Schule auf breiter Grundlage möglich. Für die Prophylaxe wird ilmgsweise eine 5mal kleinere Dosis genügen. Es ist aber jedenfalls eine L Dosierung für jede Altersstufe anzustreben und man muss die Jodalkalien Den, weil sie völlig resorbiert werden, während bei den organischen >ibindungen die Dosierung wegen der unsicheren Resorption zu un- L| ist. Der Körper braucht physiologischerweise Spuren von Jod und die (sserung der Schilddrüse in gewissen Gegenden ist nur eine physio- fe Einstellung der Bevölkerung auf zu jodarme Ernährung. Unser Ziel Fein, die physiologisch nötige Spurendosis Jod festzustellen und dem Ö zuzuführen, am besten als Zusatz zum Kochsalz. Dann wird die -uhr ungefährlich sein. (Vergl. auch M.m.W. 1922 S. 47.) fenninger - Zürich: Ueber die Beziehungen der Tiertuberkulose zur ';ulose des Menschen. Antrittsvorlesung. G 1 a n z m a n n - Bern: Die biologische Bedeutung der Vitamine für iderheilkunde. Schluss folgt. J' u n g - St. Gallen: Klinischer Beitrag zur Schwangerschaftshyper- V der Schilddrüse. ei einer im 7. Monat Schwangeren (früher 9 normale Geburten) sah S rasch zunehmende Sehstörung, bitemporale Hemianopsie, partielle 1 satrophie und typisches Röntgenbild. Nach Hysterotomie und Tuben- ’ation rascher Rückgang aller Erscheinungen. Akromegalie, Poly- und Furie fehlten. o e m i s c h - Arosa: Ueber die Wirkung der T r e u p e 1 sehen Hen bei mit Schmerzen verbundenen Krankheitserscheinungen. mpfehlung der Tabletten im Beginn entzündlicher Vorgänge (Angina, j)fen, Magen-Darmkatarrh), besonders aber im Beginn der Migräne, wo 1 >ei sich selbst immer prompten Erfolg hatte. L. J a c o b - Bremen. Vereins- und Kongressberichte. Aerztlicher Verein zu Danzig. (Eigener Bericht.) Sitzung vom 19. Januar 1922. Herr A. Schmidt: a) Ein Beitrag zur zentralen Luxation des Ober¬ schenkelkopfes. Es wird das Röntgenbild einer zentralen Luxation gezeigt. Ein Kriegs¬ teilnehmer, der auf dem Rückmarsch 1918 von einem Auto angefahren wurde, fiel um' und zog sich eine zentrale Luxation zu. Er versuchte noch weiter zu marschieren, Hess sich dann aber in ein Feldlazarett aufnehmen und marschierte nach einigen Tagen, da das Feldlazarett aufgelöst wurde und die zurückbleibenden Kranken dem Feind übergeben werden sollten, weiter. Der Oberschenkel stand in Strecksteilung im Hüftgelenk fixiert. Wegen der günstigen funktionellen Stellung kam eine Operation nicht in Frage. Es wird auf den Entstehungsmechanismus hingewiesen. , Fixation des leicht abduzierten Beines, die bei der Schrittstellung gegeben ist. Begünstigt wird die zentrale Luxation durch Gewalteinwirkungen in der Achse des Schenkel¬ halses, von Bedeutung ist die auf Zug- und Druckwirkung aufgebaute Bälkchenstruktur des Schenkelhalses und Kopfes. Es werden die Gewalt¬ einwirkungen besprochen, die zu Frakturen führen müssen. Von differential- diagnostischen Merkmalen ist die Vorwölbung der Gegend der Hüftgelenks¬ pfanne, die vom Mastdarm aus palpiert werden kann, von besonderer Be¬ deutung neben der die Situation klärenden Röntgenaufnahme. Therapeutisch ist es von Wichtigkeit, ob eine gleichzeitige Beckenfraktur vorliegt. Im vor¬ liegenden Falle bestand keine gleichzeitige Beckenfraktur. In frischen Fällen kann eine Extension mit Hebelwirkung auf den Schenkelhals und Kopf zum Erfolg und günstigen funktionellen Resultat führen. In alten Fällen kommt bei ungünstiger Stellung des Oberschenkels die Resektion des Kopfes oder die subtrochantere Osteotomie in Frage. b) Ein Beitrag zur Kasuistik der Zwerchfellhernie. Es werden die Röntgenbilder eines Mannes mit einer Zwerchfellhernie gezeigt, der zu einer poliklinischen Röntgenaufnahme der chirurgischen Ab¬ teilung des Krankenhauses • überwiesen wurde. Das erste Bild in dorso- ventraler Richtung lässt die Vermutung einer linksseitigen Verlagerung der Baucheingeweide in die Brusthöhle aufkommen. Dfe zwei folgenden Bilder werden nach Verabfolgung einer Bariumaufschwemmung in dorsoventraler und dextro-sinistraler Richtung angefertigt. Aufnahmen nach einem Kontrast¬ einlauf und einem Pneumoperitoneum konnten bei dem poliklinischen Kranken nicht angefertigt werden. Mit Hilfe von Skizzen wird der sich aus den Bildern ergebende Situs erklärt. Ein zwerchsackähnlicher Magen war in die Brusthöhle verlagert. Ob Dickdarm mit verlagert ist, konnte nicht mit Be¬ stimmtheit angegeben werden. Es handelt sich um einen Kriegsteilnehmer, der 1914 liegend durch ein russisches Infanteriegeschoss verwundet wurde. Einschuss in der Höhe der linken 9. Rippe in der hinteren Axillarlinie. Das Geschoss wurde unter dem rechten Rippenbogen in der Matnmillarlinie in einem russischen Lazarett ent¬ fernt. Der Mann hat ein sehr wechselreiches Gefangenenleben in Russland hinter sich und musste z. T. sehr schwer arbeiten (Kohlengruben). Er hatte häufige, z. T. ileumartige Beschwerden, die auch jetzt noch anfallsweise auf- treten. Zur Operation, die dringend, angeraten wurde, konnte er sich bisher nicht entschlossen. Besprochen werden die präformierten Zwgrchfellücken, der Larrey- sche Raum und das Foramen Bochdaleki und ihre Bedeutung für die Hernia diaphragmatica vera. Die - Geschossart und Richtung, die resultierende Grösse des Zwerchfelloches, der Verlagerungsmechanismus unter Mitwirkung des negativen Druckes im Brustfellraum und der Bauchpresse und die klinischen Symptome. Jede Schussverletzung der Brust oder des Bauches, bei der eine Tympanie in der linken unteren Brusthälfte, Plätschergeräusche oder Geräusche des Verdauungskanales daselbst nachweisbar sind, muss den Verdacht einer Zwerchfellhernie wecken. Die Diagnose wird geklärt durch die Röntgenaufnahme in zwei Richtungen unter Zuhilfenahme der Kontrast¬ mahlzeit, des Kontrasteinlaufes und des Pneumoperitoneums. Die Therapie ist eine operative. Statistik von Loebell: Arch. f. klin. Chir. Bd. 117, H. 3, 97 Fälle. Von 20 nicht operierten Fällen sterben alle bis auf einen’ 68 Fälle operiert mit 35 Heilungen. Statistik von Schioes smann 50 Proz. Mortalität. Frey: 33 Fälle, von denen 4 geheilt wurden, 2 davon durch Operation. Berchthold: 24 operierte Fälle mit 22 Heilungen . Sutter: 70 operierte Fälle mit 64 Heilungen. Der operative Weg ist bei frischen Verletzungen durch den Einschuss gegeben, bei älteren Verletzungen nach Wietings Vorschlag zunächst abdominal, später event. thorakal. Unser Streben muss dahin gehen, nach gestellter Diagnose zur Operation zu drängen, da der sonst unvermeidliche Ileus das Schicksal des Kranken besiegelt. In der Diskussion zeigte Herr Wilhelm Röntgenbilder der inneren Abteilung des Städt. Krankenhauses von einem weiteren Fall von Zwerchfellhernie nach Schussverletzung aus der Kriegszeit. Es handelt sich um eine Verlagerung von Magen und Colon transversum. Herr Wolff: Die Behandlung der schweren Skoliosen. W. sprach über die Behandlung der schweren Skoliosen, der Kypho¬ skoliosen. Er ging zuerst auf die Korsettbehandlung ein und empfahl, an dem Hessingkorsett, das nichts weiter als stützen soll und kann, nur diese Eigen¬ schaft auszunützen. Dann streifte er kurz die blutigen Behandlungsmethoden, über welche vorläufig noch kein Urteil abzugeben ist. Gymnastik und Massage sind bei den schweren Skoliosen nur Hilfsmittel fü’r die übrige Be¬ handlung. Da^ gilt auch für die K 1 a p p sehen Kriechübungen. Das Wesent¬ lichste bei der Behandlung der schweren Skoliosen wird stets die gewaltsame Redression bleiben. In dieser Beziehung hat die W u 1 1 s t e i n sehe Methode sich nicht besonders bewährt, während die A b b o 1 1 sehe wesentlich Besseres leistet. Vielleicht ist die Kombination beider geeignet uns dem Ziele zu nähern. 370 Aerztlicher Verein in Frankfurt a. M. (Offizieller Bericht.) Sitzung vom 16. Januar 1922. Vorsitzender: Herr S e u f f e r t. Schriftführer: Herr Rosenhaupt. Herr Qroedel: Die Röntgenbehandlung klimakterischer Erscheinungen. Nach Röntgenkastration treten, im Gegensatz zu der noch immer in Laienkreisen verbreiteten Meinung, keine stärkeren klimakterischen Be¬ schwerden auf als bei nicht bestrahlten Frauen. Vielmehr findet man nach sachgemäss vorgenommener Bestrahlung oft einen leichteren Verlauf der Wechseljahre. Uer Vortragende hat daher amenorrhoische Frauen, besonders solche mit Hypertonie, bestrahlt und teilt genauer die Resultate bei 15 derartigen Fällen mit, von denen 2 gebessert, 13 geheilt wurden. Auf Grund seiner bisherigen Erfahrungen glaubt G., die Eierstock¬ bestrahlung mit einer doppelseitigen Applikation von je einer Hauttoleranz¬ dosis als derzeit bestes Mittel zur Beseitigung protrahierter klimakterischer Beschwerden, im besonderen zur Bekämpfung des klimakterischen Hochdrucks bestens empfehlen zu können. Ein abschliessendes Urteil möchte er sich aber noch nicht erlauben, da seine Beobachtungen noch nicht zahlreich genug sind. Auch bezüglich der Deutung seiner Erfolge will er sich noch alle Reserve auferlegen. Er vermutet, dass die klimakterischen Erscheinungen beseitigt werden, wenn es gelingt, durch Röntgenbestrahlung die innersekretorisch tätigen Zellen des Ovariums zu gesteigerter Funktion anzuregen, wobei die Reizdosis dieser Zellen offenbar gleich der Vernichtungsdosis des Follikel¬ apparates, also der Kastrationsdosis, zu setzen ist. (Der Vortrag erscheint in d. W.) Herr H o 1 S e 1 d e r: Aerztliche Reiseeindrücke aus den Vereinigten Staaten von Nordamerika. Vortr. war 4 Monate in den Vereinigten Staaten, um einer Einladung der American Röntgen Ray Society, einen Vortrag zu halten, Folge zu leisten und um in dem State-institute for the study of malignant diseases in Buffalo die Frankfurter Röntgentiefentechnik einzuführen. Er hatte Gelegenheit, eine grössere Rundreise durch den Westen und durch Zentralamerika zu machen und dort viele hervorragende Chirurgen, Röntgenologen und Krebsforscher kennen zu lernen. In Buffalo befasste er sich eingehend mit der Radium¬ emanationsbehandlung maligner Tumoren, die in den letzten Jahren in Amerika zu besonderer Blüte entwickelt worden ist. Er hat einen grossen Eindruck von dieser Therapie gewonnen, die auf das wünschenswerteste in ihren Erfolgen sich mit der deutschen Röntgentechnik ergänzt, indem beide Techniken einander gerade da helfen, wo die andere die grössten Misserfolge zu verzeichnen hat. Die Verbindung der deutschen Tiefentherapie mit der amerikanischen Radium-Emanations-Nadeltechnik verspricht einen grossen Fortschritt im Ausbau der Strahlentherapie zu bringen. In Chicago hatte er besondere Gelegenheit, das akademische Leben Amerikas kennen zu lernen und hat von den grossen wissenschaftlichen und experimentellen Forschungs¬ instituten einen ausserordentlich guten Eindruck gewonnen. Besonders interessant war ein Besuch der Mayo-Klinik in Rochester-Minnesota, die in ihrer Organisation zur gründlichen Untersuchung einer grossen Menge von Kranken einzigartig in der Welt dasteht und unter den besonderen ameri¬ kanischen Verhältnissen ganz Hervorragendes leistet. In Cincinnati lernte er sehr sorgfältig vergleichende röntgenoskopische und pathologische Unter- suchungsreihen über die Lungentuberkulose in dem Hospital von Dr. Dun- h a m kennen, die die Arbeiten der Freiburger Schule auf das Glücklichste ergänzen. Auf die speziellen chirurgischen Studien in Johns Hopkins Hospital in Baltimore, in der Harvard University in Boston und in zahlreichen New-Yorker Hospitälern kann hier im einzelnen nicht näher eingegangen werden. Besonders eindrucksvoll war ein Besuch in dem Rockefeller- Institut, wo er Gelegenheit hatte, unter Führung von Dr. C a r r e 1 die wunderbaren Präparate von einem Stückchen Hühnerfleisch zu sehen, das durch sieben Jahre lang in künstlichen Kulturen am Leben und bei voller Wachstumsenergie gehalten wird und bei dem es Carrel gelungen war, durch mikrokinematographische Aufnahmen das Wachsen der einzelnen Ge¬ webszellen durch Teilung kinematographisch darzustellen. Vortragender hat überall in Amerika eine überaus gastfreundliche Aufnahme gefunden und von der Entwicklung der amerikanischen medizinischen Wissenschaft sehr günstige Eindrücke gewonnen. Dass die äusseren Erscheinungen des ärzt¬ lichen Lebens vielfach von dem uns gewohnten Bild abweichen, berührt in der ersten Zeit sehr fremdartig, ist aber durch die Natur der amerikanischen Verhältnisse begründet und bedeutet gerade dadurch wieder andere bei uns undenkbare Forschungsmöglichkeiten. Gerade deshalb ist aus einer Wieder¬ vereinigung der wissenschaftlichen Kreise beider Länder für jeden ein grosser Vorteil zu erhoffen, und es steht nur zu wünschen, dass die Wiederanbahnung • der wissenschaftlichen Beziehungen, die einst so eng gewesen sind, in kurzer Zeit zu vollem Erfolge führen möge. Naturhistorisch-medizinischer Verein zu Heidelberg. (Medizinische Sektion.) Sitzung vom 6. Dezember 1921. Vorsitzender: Herr Sachs. Schriftführer: Herr Freuden b erg. Herr Freudenberg: Ueber die Ursache der Griinfärbung von Säug¬ lingsstühlen. (Erschien in der Klin. Wschr.) Herr Heller: Die Rolle der Galle bei der kryptischen Verdauung. (Erscheint im Jb. f. Kindhlk.) Aussprache: Herren v. R e d w i t z, Gross. Herr G y ö r g y: Neue Untersuchungen über die Wirkung der Molke auf das Darmepithel. (Erscheint im Jb. f. Kindhlk.) Herr Gott lieb: Umstimmung durch unspezifische Reize (nach Ver¬ suchen mit Dr. Freund). Aussprache: Herren M o r o, Freund, S i e b e c k, G o 1 1 1 i e b. Sitzung vom 10. Januar 1922. Herr Bett mann: Krankenvorstellung. • Herr Teutschlaender: Demonstration über experimentelle Teer¬ karzinome und über gehäuftes Vorkommen sonst seltener Lokalisationen von Spontankarzinomen bei entsprechend lokalisierten Ausnahmezuständen. Projektion von Diapositiven von Hautveränderungen und E p i - JL ! theliomen, welche nach der Methode von Yamagiwa und 1 c h i k a \ durch monatelange Pinselung mit Gaswerkteer erzeugt werd Alle 5 (der 55 gepinselten) Mäuse, welche den 4. -7. Pinselungsmonat üb lebten, zeigten epitheliale Tumoren. Bei 3 davon kann nach dem his logischen Bild an der biologischen Bösartigkeit der Gewächse kein Zwe bestehen (Bildung z. T. medullärer Epithelzapfen, Atypie der Epithelzeli zahlreiche Mitosen, starkes Tiefenwachstum, Eindringen in die Muskulat; wenn auch destruierendes Wachstum nicht sicher nachgewiesen wert konnte. Die Veränderungen der 2 übrigen Tiere sind mikroskopisch nc nicht untersucht, stimmen aber makroskopisch mit den auch mikroskopi- untersuchten überein. — Unabhängig von den T. erst vor kurzem bekai gewordenen Mitteilungen B 1 o c h s unternommene, Herrn cand. med. J o r d . übertragene Experimente mit verschiedenen Teerfraktionen (welchen ein A satz von Ross über die Bedeutung der verschiedenen Teerfraktionen bei ( Entstehung mancher Berufskrebse als Basis diente), zeigten, dass es mit eii gewissen Teerfraktion schon nach einem Monat gelingt, makroskopisch' äl liehe Wucherungen zu erzielen wie bei 4 monatlicher Pinselung mit Vollte Diese Versuche sind noch nicht abgeschlossen. Im Anschluss an die Teertumoren werden dann seltenere Sporn-, karzinotne demonstriert, welche T. auf relativ spezifische, parasitär-chemisc Reize zurückführt: Zunächst ein Bilharziakarzinom der Harnbla an dessen Peripherie noch zahlreiche Bilharziaeiep zu erkennen sind, v solche von T. 1921 auch bei einem an Hämaturie und Papillombildung c Harnblase leidenden Aegypter im Urin nachgewiesen werden konnten. Endlich mehrere der 19 von T. beobachteten Fälle von „K a 1 k b e i karzino m“, d. h. von Mittelfusskarzinom des Haushuhns, das, nicht seit doppelseitig, im Anschluss an die durch die Cnemidocoptes mutans-Milbe vt ursachte Fusskrätze („Kalkbein“) sich entwickelt. Aussprache: Herren Bettmann, Sachs, T eutschlaendi Herr Denn ig: Gefässreflexe bei Rückenmarkskrankheiten. Aussprache: Herren v. Weizsäcker, Dennig, Hansen. Herr Falkenheim: Serologische Untersuchungen über die Strukt und die Herkunft der Blutplättchen. Mit Herrn Dr. Rosenthal an der Breslauer med. Klinik gemeins, ausgeführte Versuche zeigten, dass durch Immunisierung von Kaninchen r Aufschwemmungen von Erythrozyten, Leukozyten und Blutplättchen d Menschen Agglutinine gebildet werden, deren Spezifität sich im serologisch Reagenzglasversuch folgendennassen kundgab: 1. Erythrozytenimmunsen agglutiniert Erythrozyten vollständig, Leukozyten mässig, Plättchen nie 2. Leukozytenimmunserum agglutiniert Erythrozyten gering, Leukozyten u Plättchen stark. 3. Plättchenimmunserum agglutiniert Erythrozyten nie Leukozyten und Plättchen stark. Gleichgerichtete Versuche mit Immunse; kernhaltiger Erythrozyten und kernhaltiger Spindelzellen des Huhnes ergab keinerlei zellverwandtschaftliche Beziehungen zueinander und zeigten, da der Ausfall der Menschenblutversuche nicht durch Kernsubstanzen in Leuk zyten und Blutplättchen (nach Schilling) und ihr Fehlen in Mensche erythrozyten hervorgerufen sein konnte. Damit konnte die S c h i 1 1 i n g sc Lehre der erythrozytär-karyogenen Abstammung der Plättchen abgelehnt u auf ausgesprochene zellverwandtschaftliche Beziehungen der Blutplättchen dem System der weissen Zellen geschlossen werden. Von welchen Zell dieses Systems im einzelnen die Blutplättchen abstammen, ergab sich aus d Versuchen nicht, ihr Ergebnis wurde als Stütze der W r i g h t sehen Theoi der megakaryozytogenen, leukozytär-protoplasmatischen Herkunft d Plättchen gewertet. Medizinische Gesellschaft zu Kiel. (Eigener Bericht.) Sitzung vom 2. Februar 1922. Herr Griitz: Ueber eine Mikrosporieepidemie in Kiel. Trotz sehr reichlich in Kiel vertretener Dermatomykosen wurde bis 19 keine Mikrosporie beobachtet. Der erste Fall, der zur Beobachtung ka betraf ein Kerion Celsi, das in nichts den Verdacht einer Mikrosporie e weckte, bis die. Kultur überraschenderweise ein einwandfreies Mikrospon Audouini ergab. Kurz darauf wurde bei 4 Geschwistern einer Famil typische Mikrosporie mikroskopisch und kulturell festgestellt, die iner würdigerweise ebenso wie der erste Fall keine weiteren Infektionen ve ursachte. Dagegen wurde in einer Kinderzufluchtstätte in Kiel durch einen i September 1921 dort aufgenommenen mit einer, „schuppenden kahlen Stell« am Kopf behafteten Knaben aus Lübeck die Mikrosporie erneut zugeschlepj Binnen 2 Monaten wurden von den 48 Insassen des Kinderheims 29 infiziei von denen 15 nicht entzündliche typische Kopfherde, 9 mässig entzündlicl Hautherde und 5 gleichzeitig Haut- und Kopfherde aufwiesen. Bei sämtlich' Fällen wurde derselbe Erreger, das Mikrosporon Audouini, nachgewiesc Behandlung mit Röntgenepilation und Anlegung von Zinkleimkappen zur Ve hütung der Sporenverstreuung. Diskussion: Herren Schirren, Klingmüller, Grütz. Herr Pa u Isen: Pygmäeneigeiischaften in der deutschen Bevölkeren: Die Pygmäen und Buschmänner vereinigen in sich eine grosse Zahl v«, anthropologischen Eigenschaften, die entwicklungsgeschichtlich als primiti’ anzusehen sind. Vereinzelt finden sich diese Eigenschaften rassemässi familiär oder individuell auch bei anderen Rassen und Völkern. Die Häufm dieser Eigenschaften bei den Pygmäen und Buschmännern ist das Chara' teristische und erweist sie als die primitivste jetzt noch lebende Rasse. S sind anzusehen als verhältnismässig wenig differenzierte, primitive Form, d langschädeligen, grosswüchsigen, pigmentarmen Nordeuropäer als mei spezialisierte Form der Menschheitsentwicklung. Damit erweist sich eh Reihe individueller Abnormitäten in unserer Bevölkerung als Erbgut v« primitiven Vorfahren. (Erscheint ausführlich im Archiv für Anthropologif Diskussion: Herren v. Stark, Ahschütz, P a u 1 s e n. Sitzung vom 16. Februar 1922. Herren Siemerling und Oloff: Vorstellung eines Falles v( Pseudosklerose (Westphal-Strümpell) mit Lebererkrankung, Kornea ring (Kayser-Fleischer) und doppelseitiger, nur bei seitlicher B> leuchtung sichtbarer Katarakt, die der nach Verletzung durch Kupfersplltt« entstehenden Katarakt ähnlich ist. 43 jähr. Arbeiter, seit 1917 in Beobachtung. Mutter hat 4 mal an Ikteri gelitten. 1 Bruder Veitstanz. Im Alter von 10 — 12 Jahren einmal Ikteru MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT. März 1922. MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT. > Beginn des Zitterns in den Händen. 1917 Zittern des Kopfes, Zittern Hände, besonders rechts allmähliche Zunahme des Zitterns. Status: , kes Wackeln und Schütteln des Kopfes, 120 Oszillationen in der Minute, j extremen Stellungen, besonders beim Beugen nach rückwärts, hört das 1 ;keln auf, ebenso in völliger Ruhelage des Kopfes. Starrer Gesichtsaus- :k, Spraclie langsam, aber nicht artikulatorisch gestört. Schilddrüse nicht irössert. An den Armen in der Ruhe leichtes Zittern des ganzen Armes, Bewegungen, z. B. nach Vorwärtsstrecken der Arme, starke Zunahme j Schütteins, förmliches Flügelschlagen und Schwimmbewegungen (S t r ü m- 1). Stossende Zuckungen im Pectoralis major. Bei komplizierten Be- ungen, z. B. Auskleiden, Essen, Schreiben sehr starkes Schütteln, ln I unteren Extremitäten viel geringeres Zittern. Kein Romberg. Keine - und Retropulsion. Hypotonie sehr ausgesprochen. Abdominal- xe fehlen. Sehnenreflexe gut erhalten. Leberdämpfung nicht verkleinert. Blutbild nichts besonderes. WaR. im Blut negativ. An der Haut keine e, keine besondere Pigmentierung. Psychisch: gleichmässige, ruhige imung. Geht seiner Beschäftigung nach. Keine Demenz. Im Urin uilinogen und Urobilin schwach positiv. Lumbalpunktion: Druck 90 — 100. m 17. Nonne +. Herr Oloff: Ueber Augenbefunde bei Pseudosklerose. Als charakteristisches Augensymptom, das auch im vorliegenden Falle ausgesprochen beiderseits vorhanden ist, gilt der zuerst von F 1 e i - i e r richtig gedeutete und näher erforschte grüne Hornhautring, der 2 min t nahe dem Hornhautrande in der deszemetischen Membran gelegen ist. nimmt an, dass er ebenso wie die Streifenhügelerkrankung durch toxisch- nische Einflüsse, wahrscheinlich von der Leber aus, entsteht. Genauere ibnisse über die nähere chemische Beschaffenheit des Fleischer sehen ;es stehen leider noch aus. Von sonstigen klinischen Augensymptomen den bisher nur Nystagmus und zwar angedeutet in 1 Falle beobachtet; übrige Auge war stets frei. An dem vorliegenden Falle von Pseudo¬ rose bot sich dem Vortr. Gelegenheit, noch eine andere Augenverände- i; in Gestalt einer beiderseitigen nur bei seitlicher Beleuchtung aber nicht Durchleuchtung sichtbaren, sonnenblumenartigen Linsentrübung im Seh¬ gebiet festzustellen, die auf Grund der Kriegserfahrung nur bei Anwesen- von Kupfer im inneren Auge vorkommt und ihren Sitz im Kapselepithel Linse hat. Eine Kupfersplitterverletzung hat der Kranke nie erlitten, nhautring und Linsentrübung sind bei ihm rechts stärker entwickelt als i. Nach Untersuchungen von Siegfried und M ö r n e r sind D e s - n e t ische Membran (= Sitz des Fleischer sehen Ringes) und Linsen¬ iel in Bezug auf ihre chemische Zusammensetzung miteinander verwandt, iren beide zum retikulären Bindegewebe. Vielleicht sind auch im vor- inden Falle Hornhautring und sonnenblumenartige Linsentrübung durch gleiche mikrochemische Ursache, die in ähnlicher Weise wie das Kupfer elektive Wirkung auf das Augeninnere entfaltet, entstanden. Herr Siemerling: Nach den Symptomen: Lebererkrankung, Zittern, otonie, grünbräunliche Pigmentierung, sonnenblumenähnliche, graue Fär- ; in der Linse, die nur bei seitlicher Beleuchtung zu sehen ist, kann es nur um Pseudosklerose handeln. Psychische Abweichungen fehlen bisher, anders ist. hervorzuheben die eigenartige Linsenveränderung, die dem Kupferkatarakt ähnlich ist. Zum Schluss wird der anatomische Befund der Pseudosklerose besprochen an der Leber und im Gehirn. Pseudo¬ rose und Wilson sehe progressive lentikuläre Degeneration werden in ereinstimmung mit Spielmeyer als identische Krankheitsbilder au- :hen. Hingewiesen wird auf die Sonderstellung des lentikulären Systems und extraperitonealen Bahn sowie den besonderen Chemismus des Globus dus und der Substantia nigra, wie er durch die Eisenreaktion von Spatz igewiesen ist. Diskussion: Herr Bürger. Herr Hanssen: Ueber Seuchenbekämpfung in Kiel im 18. Jahrhundert. Vortr. geht im Anfang kurz auf den Gang der Epidemien in Schleswig- stein ein. (Vergl. Oeffentl. Gesundht. 1920 H. 5 — 8.) Nach den Akten Kieler Magistrats ergab sich ein übersichtliches Bild über den Verlauf Epidemien in Kiel, besonders über Pest und Ruhr im 18. Jahrhundert, dem Jahre 1596 ist eine Anfrage des Rates der Stadt Hamburg erhalten, eher um „billige Moderation“ der Zulassung von Hamburger Kaufleuten Kieler Umschlag (Markt) bittet. Sehr zahlreich sind Verordnungen, An- en, Berichte über die Pest in den Jahren 1709 — 1711. Man kann genau Gang der Pest verfolgen von Polen bis zu ihrem Eintritt in die Herzog¬ er selbst. Die ersten Fälle kamen in Friedrichsort bei Kiel vor im re 1711. Die Pest ergriff dann 1712 auch ülückstadt und Rendsburg. Strafen, welche gegen Uebertretung der Absperrungsmassnahmen ange¬ lt wurden, waren sehr strenge. Wer ohne Gesundheitspässe in die zogtümer sich einschleichen wollte, wurde mit Brandmal und Staupen¬ ag bedroht, ja mit der Todesstrafe am Galgen. Schiffe mussten eine :ere Quarantäne durchmachen, das Lotsengeld musste in mit Seewasser illte Eimer geworfen werden. Infizierte Häuser wurden niedergerissen, darin befindlichen Sachen verbrannt. Ersatz des Verlorenen erfolgte publico. Gegen die Ruhr im Jahre 1798 wurden auch zahlreiche Verord- gen erlassen. Ro^s Obst durfte nicht verkauft werden. Die Aus¬ ungen der Ruhrkranken mussten in besondere, zu dem Zwecke gegrabene her geschüttet und mit ungelöschtem Kalk bedeckt werden. Die Leichen an Ruhr Gestorbenen mussten bei Nacht und ausserhalb der Stadt be¬ tet werden. Die Aerzte mussten jede Woche über alle von ihnen be- delten Kranken an die Polizei berichten. Zum Schluss geht Vortr. auf die Akten betreffend die sog. Entzündung Wassers des Kleinen Kiels ein. Die medizinische Fakultät stattete iber ein Gutachten ab. Der Vortrag erscheint ausführlich im Arcli. f. Gesell, d. Med. Herr A. Schultz: Ueber die sog. schleimige Degeneration der Gefäss- id. Die von neueren Autoren (A s c h o f f, Stumpf, S a 1 t y k o w und allem H u e c k) hervorgehobene Bedeutung der „schleimigen Degenera- i“ für den arteriosklerotischen Krankheitsprozess wird dadurch in ein es Licht gerückt, dass es Vortragendem gelang nachzuweisen, dass ganz malerweise die Bindegewebsgrundsubstanz der Gefässwand einen ikoiden“ Charakter besitzt. Mittels einer eigenen Modifikation der ' r k e 1 sehen Schleimfärbung mit Kresylechtviolett (Färben in 5 proz. iseriger Lösung, Differenzieren in stark verdünnter Essigsäure, Einbetten -ävulosesyrup) liess sich das Bindegewebe grösserer Gefässe schon beim 871 Fötus in deutlicher metachromatischer Rotfärbung zur Darstellung bringen. Mit zunehmendem Alter wird im weiteren Verlaufe des. Lebens die Intensität der metachromatischen Farbnuance immer deutlicher. Die „Schleimreaktion“ ist am ausgesprochensten in den tieferen Schichten der Aortenintima und in den inneren Lagen der Media. Mit abnehmendem Kaliber der Gefässe nimmt auch die Deutlichkeit der Reaktion ab. Zahlreiche vergleichende Unter¬ suchungen lehrten, dass Metachromasie der Bindegewebsgrundsubstanz überall dort auftritt, wo elastische Fasern in Entstehung begriffen, sind. Aus diesem Zusammenhang erklärt sich auch die Zunahme des „mukoiden Gewebes bei arteriosklerotischen Prozessen, soweit sie elastisch-hyperplastische Vorgänge betreffen. Kombinierte Färbungen mit Kresylviolett + Scharlachrot ergaben das interessante Resultat, dass die Lipoide in der mukoiden Grundsubstanz zur Ausfüllung kommen, so dass dieser offensichtlich eine gewisse „Fett- afiinität“ zuzusprechen ist und das gleichzeitige Vorkommen von elastischen Hyperplasien und fettiger Degeneration somit eine ungezwungene Erklärung findet. Der Ausdruck „schleimige Degeneration“ muss fallen gelassen wer¬ den, da es einmal fraglich ist, ob es sich überhaupt um einen Degenerations¬ prozess handelt und zweitens die Veränderung, die der Fettablagerung un¬ mittelbar vorangeht, sich in einem von Natur aus „schleimigen“ Gewebe abspielen würde. Neben der „Fettaffinität“ besitzt dieses Gewebe auch eine ausgesprochene „Kalkaf finität“, wie Untersuchungen an sklerotischen Aorten und Schenkelarterien mit „reiner Mediaverkalkung“ ergaben. Beide Eigen¬ schaften teilt das Gefässbindegewebe mit dem Knorpel, mit welchem sich in histochemischer Beziehung mannigfache verwandtschaftliche Beziehungen nach- weisen lassen. Dass die Bindegewebsgrundsubstanz der Gefässwand in der Tat ein „Mukoid“ enthält, erwies sich mikrochemisch an dem Unterschied zwischen Gefrier- und Paraffinschnitten, indem letztere sehr deutlich durch Alkoholfällung entstandene, fädig-körnige Gerinnungsfiguren erkennen Hessen. Durch Einwirkung schwacher Alkalien auf Gefrierschnitte liess sich ferner die „Schleimsubstanz" extrahieren, so dass die spezifische Färbung negativ aus¬ fiel. Schliesslich gelang der chemisch-analytische Nachweis, indem ein Kalk¬ wasserextrakt von Aorten einen Eiweisskörper enthielt, der die für Mukoide charakteristischen Reaktionen mit Essigsäure zeigte. Die mit Kresylviolett gefärbten Schnitte bewiesen gleichzeitig in sehr schöner Weise, dass der Umwandlungsprozess des Elastins in Elacin bereits im Kindesalter beginnt. Während nämlich die elastischen Lamellen der Gefässwand beim Neugeborenen vollkommen ungefärbt bleiben, zeigten sie mit zunehmendem Lebensalter eine etwa mit zehn Jahren beginnende, Schritt für Schritt intensiver werdende Blaufärbung, die etwa mit dem 7. Dezennium zum tiefen Kobaltblau wurde. Das systematische „Altern“ eines bestimmten Gewebes wird uns hiermit sinnfällig vor Augen geführt. Diskussion: Herr J o r e s. Emmerich. Med.-wissenschaftl. Gesellschaft an der Universität Köln. (Offizielles Protokoll.) Sitzung vom 13. Januar 1922. Vorsitzender: Herr Hering. Schriftführer: Herr B e 1 1 z. Geschäftlicher Teil: 1. Bericht des Schriftführers. 2. Neuwahl des Vorstandes: Vorsitzender: Herr Hering, stell¬ vertretender Vorsitzender: Herr Moritz; Schriftführer: Herr Siegmund, stellvertretender Schriftführer: Herr Haberland. Wissenschaftlicher Teil: Herr Frangenheim: 1. Traumatische Zwerchfellhernie. Brust-Bauchschuss (Inf.-Gewehr) September 1914. Seit dieser Zeit Er¬ brechen nach jeder Mahlzeit, Atemnot, Gewichtsabnahme 30 Pfund. Eine Röntgenaufnahme zeigt die Verlagerung des Magens in die Brusthöhle. Operation nach vorheriger Phrenikusunterbrechung. Schnitt am linken Rippenbogen. Magen und Flexura coli sinistra sind in die linke Brusthöhle verlagert und hier sowie am Zwerchfelldefekt angewachsen. Die Lösung gelingt ohne Organverletzung. Naht des Zwerchfelldefektes. Alle Be¬ schwerden sind sofort geschwunden. In kurzer Zeit Gewichtszunahme um 30 Pfund. Die Lunge hat sich zum grössten Teil wieder ausgedehnt. Diskussion: Herr Dietrich. 2. Oeosphagusülastik, Methode und Erfolge. (Der Vortrag ist in Nr. 9, S. 303 d. W. abgedruckt.) Diskussion: Herr Hering. Aerztlicher Verein zu Marburg. (Offizielles Protokoll.) Sitzung vom 11. Januar 1922. La e wen: Zur Behandlung angiospastischer Schmerzzustände an der unteren Extremität. (Wird ausführlich anderwärts veröffentlicht.) G. Bes sau: Moderne Tuberkuloseprobleme. Der Koch sehe Fundämentalversuch beweist die Existenz eines spe¬ zifischen Tuberkuloseschutzes. Dieser Schutz beruht nicht auf Antikörpern (Agglutinine, Präzipitine, komplementbildende Antikörper sind nachgewiesen, haben aber keine Beziehung zum spezifischen Schutz; Bakteriolysine sind nicht vorhanden — R. Pfeiffer sehe Schule (B a a t z) entgegen Kraus- Hofer; eine sonstige spezifische antiinfektiöse Serumwirkung ist bisher auch nicht als erwiesen zu betrachten); der spezifische Schutz geht nicht von der Mutter auf den Säugling über. Wir beobachten beim tuberkuloseinfizierten Individuum das Phänomen der Tuberkulinemphndlichkeit. Dieses Phänomen (nicht zu verwechseln mit der Tuberkelbazillen-Eiweiss-Anaphylaxie) beruht nicht auf Antikörpern, selbst im Parabioseversuch überträgt es sich nicht (Römer und Köhler), es geht nicht von der Mutter auf den Säugling über. Der Vergleich zwischen Serum- und Tuberkulinempfindlichkeit ergibt wichtige, z. T. grundsätzliche Unterschiede: 1. Symptomatologisch: Bei der Tuberkulinvergiftung vermissen wir den anaphylaktischen Schock und fast immer Exantheme, ein Verhalten, das ver¬ mutlich mit der Art der Giftentstehung bei der Tuberkulinempfindlichkeit Zusammenhängen dürfte. 2. Wichtig ist, dass Serum antigen, Tuberkulin niemals antigen wirkt. 3. Wenn serum- und tuberkulinempfindliche Individuen in ihrer Empfind- 372 MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT. Nr. lichkeit gesteigert werden, ergeben sich durch Beobachtung der lokalen (lokal = am Orte der Darreichung) Empfindlichkeitsreaktion Unterschiede: a) zeitlich (bei der Steigerung der Tuberkulinempfindlichkeit fehlt oft jede Inkubation, bei der Steigerung der Serumempfindlichkeit ist stets eine Inkubation — in der Regel 5 Tage — nachweisbar), b) quantitativ (die Tuberkulinempfindlichkeit steigt oft ganz langsam und allmählich, die Serumtiberempfindlichkeit plötzlich-sprunghaft), c) qualitativ (bei der Tuberkulin-Lokalreaktion liegt das Maximum der Entzündung stets im Zentrum, bei der Serumüberempfindlichkeit oft in der Peripherie: Phänomen der Kranzbildung). 4. Im weiteren Verlauf der Empfindlichkeit sehen wir bei täglicher Serum- bzw. Tuberkulinapplikation einen weiteren Unterschied auftreten: die Serumüberempfindlichkeit erlischt sehr schnell (Katanaphylaxie), die Tuber¬ kulinempfindlichkeit bleibt bestehen (teleologisch bedeutsam). 5. Bei der Tuberkulinempfindlichkeit beobachten wir Herdreaktionen, bei der Serumüberempfindlichkeit unter keinen Umständen. (Lokale Tuberkulin¬ reaktionen sind durch Tuberkulin zum Aufflammen zu bringen, lokale Serum¬ reaktionen durch Serum nicht!). Aus der Herdreaktion bei der Tuberkulinempfindlichkeit folgt, dass die Tuberkulinempfindlichkeit an das tuberkulöse Gewebe gebunden ist, an Zellen mit spezifischer Funktion (Tuberkulozyten). Aus dieser Definition folgt, dass die verschiedenen Erscheinungsformen der Tuberkulinempfindlichkeit nicht die gleiche Bedeutung haben: 1. Die Herdreaktion ist der Ausdruck der Reaktion zwischen Tuberkulin und tuberkulösem Gewebe. 2. Die Allgemeinreaktion ist die Folge des bei der Herdreaktion entstehenden und in den Kreislauf gelangenden Giftes. 3. Die Lokalreaktion stellt einen auf Tuberkulinreiz neu ent¬ standenen tuberkulösen Herd dar; Beweis: a) histologisch: die Tuberkulinlokalreaktion enthält spezifisch tuber¬ kulöses Gewebe; b) biologisch: sie gibt typische Herdreaktionen bei Herantritt von Tuberkulin. Hie Tuberkulinlokalreaktiou ist also der Ausdruck des Vermögens, auf Tuberkulinreiz tuberkulöses Gewebe zu bilden. Bei der Serumüberempfindlichkeit beobachten wir nur Lokal- und Allge¬ meinreaktionen. Beide haben im Prinzip die gleiche Bedeutung: sie sind Ausdruck der Antigen-Antikörperreaktion. Bei der Tuberkulinempfindlichkeit besteht zwischen Allgemein- und Lokalreaktion kein Parallelismus: vorgeschrittene Fälle zeigen in der Regel starke Allgemeinempfindlichkeit (viel tuberkulöses Gewebe vorhanden) und oft schwache Lokalreaktionen (schwaches Vermögen auf spezifischen Reiz neues tuberkulöses Gewebe zu bilden; daneben wohl auch andere Ursachen): abgeheilte Fälle zeigen geringe Allgemeinempfindlichkeit (wenig tuberkulöses Gewebe vorhanden), dabei oft starke oder wenigstens leicht steigerbare Lokalempfindlichkeit. Aus diesen Ableitungen ergibt sich die verschiedene diagnostische Bedeutung der Lokal- und Allgemeinreaktion; es handelt sich hier nicht, wie es meist dargestellt wird, um verschiedene Grade der Fein¬ heit dieser Reaktionen, sondern um Reaktionen von verschiedener Bedeutung. Beziehung zum spezifischen Tuberkuloseschutz kann nur die lokale Tuberkulinempfindlichkeit haben; das dynamische Moment, die Fähigkeit, spe¬ zifisches Gewebe zu bilden, nicht das statische Moment, die Menge des vorhandenen Gewebes, ist Maassstab des Schutzes. An die spezifisch er¬ worbene Fähigkeit, auf eine Substanz des Tuberkelbazillus mit Entzündung zu reagieren, dürfen wir ohne weiteres die Vorstellung eines Schutz¬ mechanismus knüpfen. Ist die Tuberkulinempfindlichkeit ohne Tuberkuloseinfektion zu erzielen? Die Erzeugung der Allgemeinempfindlichkeit setzt eine grössere Quantität tuberkulösen Gewebes voraus, deren Entstehung wohl nur durch Infektion möglich ist; für die Frage der Erzeugung des spezifischen Tuberkulose¬ schutzes ist bedeutsam die Frage der Hervorrufung der lokalen Tuberkulin¬ empfindlichkeit, die der Ausdruck des Vermögens der Bildung spezifischen Gewebes ist. Warum erzeugt Tuberkulin keine lokale Tuberkulinempiindlichkeit? Im Tuberkulin muss das „sensibilisierende“ Agens enthalten sein, denn mit Tuberkulin lässt sich ja oft eine bestehende lokale Tuberkulinempfindlichkeit steigern. Im übrigen ist es a priori unwahrscheinlich, dass jemals eine Substanz A gegen eine Substanz B spezifisch empfindlich macht. Wurde die Tuberkulinempfindlichkeit auf Antikörpern beruhen, so würde sich mit Tuberkulin die Tuberkulinempfindlichkeit unschwer erzielen lassen. Die Tuberkulinempfindlichkeit setzt aber die Bildung spezifischen Gewebes voraus; es liegt sehr nahe, anzunehmen, dass zu dieser Gewebsumstimmung das spezifische Agens längere Zeit an einer bestimmten Stelle im Gewebe liegen muss, um hier langsam diese Umstimmung zu erzwingen (entsprechend dem Vorgang bei der Infektion). Ist dann erst an irgend einer Stelle diese Gewebsumstimmung erfolgt, dann gewinnt der Körper die Fähigkeit, dieselbe auch auf den flüchtigen Tuberkulinreiz hin in Erscheinung treten zu lassen. Zur primären Er¬ zeugung dieser Gewebsumstimmung dürfte das Tuberkulin deshalb unge¬ eignet sein', weil das Tuberkulin zu leicht und zu schnell resorbiert wird. Die spezifische Substanz muss zur Erzeugung der lokalen Tuberkulin¬ empfindlichkeit in möglichst unresorbierbarer Form eingebracht werden: mit vorsichtig abgetöteten Tuberkelbazillen (bekanntlich schwer resorbierbar), die in kleinen Dosen in die verschiedensten Gewebe (Kutis, Subkutis, Lunge, Milz, Leber, Bauchhöhle) des Meerschweinchens gebracht wurden, Hess sich in einem Teil der Fälle starke lokale Empfindlichkeit erzielen. In jedem Versuch waren auch Fehlresultate zu verzeichnen. Am ungünstigsten waren die Ergebnisse bei intravenöser Injektion (zu starke Verteilung des spezifi¬ schen Agens), am günstigsten bei intraperitonealer (Erzeugung einer sterilen, makroskopisch und mikroskopisch typischen Netztuberkulose). Die Lokal- cmpfindlichkeit bestand Wochen bis Monate. Die stärksten lokalempfindlichen Tiere zeigten keine nennenswerte Allgemeinempfindlichkeit (der Voraussetzung entsprechend), dagegen auf grössere, subkutan verabfolgte Tuberkulindosen typische Herdreaktionen an den Tuberkulinlokalreaktionen: biologischer Be¬ weis, dass hier spezifisches Gewebe entstanden war. Sind die Tiere, welche die lokale Tuberkulinempfindlichkeit erworben haben, spezifisch geschützt? Bisher nur 1 Versuch, der in diesem Sinne spricht. Die Erzeugung der lokalen Tuberkulinempfindlichkeit dürfte die experimentelle Grundlage einer Tuberkuloseschutzimpfung darstellen; über die Aussichten einer solchen beim Menschen lässt sich noch kein Urteil fällen. Beim bereits tuberkulös infizierten Individuum lässt sich durch Tu • kulin ein günstiger Erfolg erzielen: 1. Durch Steigerung der Lokalempfindlichkeit. Durch Tuberkulink reaktion lässt sich eine solche erzielen bei inaktiven bzw. abgeheilten ! zessen; bei aktiv progressiven Erkrankungen ist eine Steigerung in der R nicht möglich. Der Kampf mit dem Tuberkelbazillus treibt den Qrganis auf das im gegebenen Moment mögliche Maximum seiner lokalen Reakti fähigkeit, ein künstlich erzeugter Tuberkulinherd spielt gegenüber dem na liehen Infektionsherd keine Rolle. Bei inaktiven Prozessen sinkt, so Makro- und Mikroorganismus ausser Wechselwirkung treten, die Lc, empfindlichkeit ab, aber in einer Form, dass auf leichten Tuberkulinreiz lokale Reaktionsfähigkeit sofort wieder gehoben wird. Die Steigerung Lokalempfindlichkeit spielt also therapeutisch keine nennenswerte Rolle, ist aber in diagnostischer Hinsicht bedeutsam: leicht erzielbare sh Steigerung der Lokalempfindlichkeit spricht für ein inaktives Stadium Tuberkulose (wenigstens im Kindesalter). 2. Durcli Erzeugung von Herdreaktionen, d. h. durch Steigerung der Zündung am tuberkulösen Herde. Hier liegt der Schwerpunkt der gew. liehen Tuberkulinbehandlung. Die Herdreaktion als solche ist als heilsan betrachten, aber: starke Herdreaktionen lösen Allgemeinreaktionen aus. D bedingen den Zustand der „Giftantianaphylaxie“. Die Giftantianaphyl; die unspezifisch auf alle Ueberempfindlichkeitszustände sich erstreckt, v schädlich (vergl. Masern!), sie hebt plötzlich und in hohem Grade die Tu kulinempfindlichkeit auf und beraubt dadurch den Organismus des spezifis* Schutzes. Daher die wohlbegründete Furcht vor stärkeren Allgem reaktionen. — Bei Behandlung mit langsam steigernden Dosen ist auch wirksame Moment die Herdreaktion, die unter der Schwelle klinischer \\ nehmbarkeit verlaufen kann. Wird die Herdreaktion = 0, so sinkt die Tu kulintherapie zur Scheinbehandlung herab. Eine eigentliche Immunisiei findet nicht statt. Zwar schwindet die Tuberkulinempfindlichkeit, ein 1 gang, der recht komplexer Natur sein dürfte: beim Sinken der Allgen empfindlichkeit kommt zunächst der Schwund tuberkulösen Gewebes in F (analog dem .Vorgang bei der Spontanheilung der Tuberkulose); das Absii der Lokalempfindlichkeit weicht von dem Verhalten bei der Spontanhei ab; hier bleibt eine leichte Steigerungsfähigkeit bestehen, die nach Tuberki behandlung fehlt. Was bedeutet diese Tuberkulinunempfindlichkeit? Höt wahrscheinlich keinen Immunitätszustand, für den die theoretischen Vor Setzungen fehlen (die Pickert-Löwenstein sehen Antitoxine stehen nicht); auch zeigt zeitlich und quantitativ der Eintritt dieses empfindlichkeitszustandes wichtige Unterschiede gegenüber dem Eintritt Immunitätszuständen. Teilweise handelt es sich wohl um Giftantianaphyl; dieser Teil ist unspezifisch (kürzlich durch klinische Beobachtungen Rank bestätigt); ein grosser Teil ist spezifisch und möglicherweise Analogon der Katanaphylaxie bei der Serumüberempfindlichkeit. Wenn d Tuberkulinlokalunempfindlichkeit mit klinisch günstigem Verhalten vereii ist, so liegt dies wohl daran, dass sich nur günstige Fälle in diesen Zus versetzen lassen, bei denen am Schluss der Behandlung die tuberkuli Herde gut abgekapselt sind. Ob sich wirklich mit dieser Tuberkulink Unempfindlichkeit ein höherer spezifischer Schutz verknüpft, als er bei stehender Tuberkulinlokalempfindlichkeit vorhanden war, ist nicht erwie das Gegenteil wahrscheinlich. Eine Entscheidung könnten nur Reinfekti versuche bringen, die beim Menschen undurchführbar sind. Wochen i Monate nach Abschluss der Tuberkulinbehandlung kehrt die Lokalempfind keit allmählich zurück. Die Tuberkulinbehandlung muss als ihr biologisches Ziel das erstre was wir bei der Spontanheilung der Tube/kulose sehen: möglichste j Senkung der Tuberkulinallgemeinempfindlichkeit als Ausdruck der Abhei i der tuberkulösen Herde, dabei möglichste Erhaltung der Lokalempfindlicl I als Ausdruck des spezifischen Schutzes; wenn die Lokalempfindlichkeit sinkt, sollte sie wie bei der Spontanheilung leicht steigerbar bleiben. E derartigen (teleologisch sehr verständlichen) Zustand erzielt die Tuberk behandlung bisher nicht. Sie vereinigt nützende (Herdreaktion) schädigende (Giftantianaphylaxie, event. Katanaphylaxie) Momente. Es die Kunst des Therapeuten, den Nutzen gegenüber dem Schaden mögli ! ergiebig zu gestalten. Zwei Probleme sind unerwähnt geblieben, die heute die Literatur herrschen, ohne einen Fortschritt zu bedeuten: 1. Die Theorie der Partigene. Eine Zerlegung der spezifischen Tu kulinsubstanz in einzelne spezifische Anteile ist bisher nicht erwiesen, theoretischen und praktischen Schlussfolgerungen höchst zweifelhaft, f der dargelegten Auffassung handelt es sich wahrscheinlich darum, dass ] spezifische Substanz in möglichst unresorbierbarer Form („Rückstand“) sonders geeignet ist zur lokalen Erzeugung spezifischen Gewebes, dass i selbe Substanz in möglichst resorbierbarer Form („Lösung“) sich beson I zur Erzeugung von Herdreaktionen eignet. 2. Die Immunisierung nach Friedmann. Bei Meerschweinchen zeugen die Friedmann sehen Bazillen keine oder keine nennensw Tuberkulinlokalempfindlichkeit; sie haben hier also eine geringere biologi Aktivität als tote humane Bazillen. Nach Lust erzeugen sie nicht eii eine Empfindlichkeit gegen Schildkrötentuberkulin. Sie sind also zur zifischen Tuberkuloseprophylaxe denkbar ungeeignet. Für die Therapie bi sie gegenüber dem Tuberkulin sicher keine Vorteile, wohl aber Nachh dem entsprechen die klinischen Erfahrungen. Originalarbeiten: Jb. f. Kindhlk. Bd. 79 u. 81. — M.m.W. 191: B.kl.W. 1916. Rheinisch-westfälische Gesellschaft für innere Medi; Nerven- und Kinderheilkunde. (Offizieller Bericht.) 36. Sitzung in Köln am 27. November 1921. Vorsitzender: D i n k 1 e r - Aachen. Schriftführer: La s p e y r e s - Bon, L e n z m a n n - Duisburg: Diagnose und Behandlung der P 1 a u t - V Cent sehen Angina. L. empfiehlt Behandlung der Geschwüre durch mehrmaliges Betupfen Salvarsanlösung. M o h r - Coblenz: Ueber die Behandlung der Organneurosen. Da die neurotischen Symptome sich bei diesen Krankheitsformen weit mehr als bei anderen neurotischen Störungen hinter rein orgar März 1922. MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT. ,373 . leinende verstecken und umgekehrt die ersteren die letzteren nicht selten rk verdecken, so ist für die Organneurosen eine systematische psycho¬ tische Behandlung besonders angezeigt und in hervorragender Weise ge¬ ilet, die innigen Wechselbeziehungen zwischen Psychischem und Physi- • em' zu zeigen. Die Erfolge sind bei systematischem Vorgehen fast immer . r gute. Neben einer konsequenten Berücksichtigung der bei jedem Medi- I ncnt und jeder physikalischen Prozedur vorhandenen unmittelbaren psy- . schon Wirkungen, gilt es, durch Heranziehung der Hypnotherapie und für • • schwierigeren Fälle durch Anwendung einer vernünftigen Kausalanalyse ychoanalyse) die psychische Seite des Circulus vitiosus zwischen Körper¬ en, und Seelischem zu beeinflussen und ihn dadurch zu unterbrechen, chtig ist dabei die Häufigkeit der einzelnen Sitzungen und die Dauer ganzen Behandlung, die meist viel zu kurz bemessen wird. Ausser rz- und Magen-Darm-Neurosen, Basedowfällen, Leberkoliken, nervösen men von Glykosurie kommen vor allem für eine solche Behandlung die isten Fälle von Asthma bronchiale, Schwangerschaftserbrechen. Blasen¬ rungen und viele Menstruationsanomalien in Frage. (Eigenbericht.) G o 1 d b e r g - Wildungen: Zur Differentialdiagnose der Nierentuber¬ ose. (Mit Röntgendemonstration.) A) Das klinische Bild der Nierentuberkulose (RNTbc.) ist ein so viel- taltiges, dass man behaupten darf: Alle typischen urologischen Syndrome anderen Erkrankungen der Harnwege bietet gelegentlich auch die rentuberkulose. Während die Krankheitsbilder einer chronischen refrak- »n Zystitis, einer septischen Pyonephrose, einer infizierten Nephrolithiasis erenkoliken, Hämaturie, Pyurie) recht oft vorgetäuscht werden, die Ali¬ cen eines Tumors der Harnwege (intermittierende reine Hämaturie) zu- ilen Frühformen begleiten, berichtet G. über 2 recht seltene Erscheinungs- isen der RNTbc. 1. 50 jähr. Frau, faustgrosse, bewegliche Geschwulst im rechten Meso- .trium abtastbar, keinerlei subjektive Erscheinungen, Harn nor- 1 1, o. B. Rtg. : Vergrösserte, verlagerte Niere. Diagnose: Gutartige schwulst einer ektopischen Niere. Operation: Geschlossene tuber¬ löse Pyonephrose, verödet und verkalkt. Heilung. 2. 35 jähr. Mann, sucht im Juli zum ersten Male ärztliche Hilfe, stirbt on nach 4 Monaten urämisch. Aber vor 10 Jahren spontan aufgebrochener 1 spontan zugeheilter Hodenabszess. Es bestand Pyelonephritis, Pyurie, rimpfung positiv; nie* Nierenbeschwerden; kystoskopisch r e c li t e s iterostium Krater, Ulcus daneben. Funktion: Polyurie von 3—5 (!) Liter, niedrig (auch nach Fasttag), fast fixiert, nach Indigkarmininjektion iiber- ipt kein Blau! Rtg.: Rechts kleiner, kreisförmiger Nierenschatten mit •dichtungsherden oben; links normal grosse und normal geformte Niere ic Dichtigkeitsdifferenzen. Also Bild einer erst ganz schleichend, dann pid progredienten Nephrosklerose. B) Das einfache Röntgenogramm muss mehr zur Lokalisation, d. i. tenbestimmung der RNTbc. herangezogen werden, als es bisher geschieht. Pyelographie ist bei RNTbc. überflüssig und unzulässig. Steinähnliche latten im Nierenbilde erschüttern keineswegs die auf anderem Wege ge¬ llte Diagnose. Auf den Gesamtnierenschatten kommt es an; man muss ■s daran stezen, ihn exakt auf die Platte zu bringen. In denjenigen Fällen, welchen Kystoskopie und Ureterenkatheterismus unmöglich sind, werden i, natürlich immer im Zusammenhang mit allen übrigen anamnestischen I klinischen Befunden, zuweilen entscheidende Hinweise auf die zu ope- •ende Seite aus exakten Nierenbildern ergeben. C) Die Schwierigkeiten der Differentialdiagnose der Art der Erkrankung rden sich bei negativem Impfergebnis in Zukunft steigern dadurch, ^ dass f 1 u e n z a nephropyelozystitiden einer mit Mischinfektion verknüpften rentuberkulose bzw. Harnbefund und örtlichem Befund zum Verwechseln dich sein können; heilen sie _ab, so ist die Diagnose ja geklärt; andern- s bleibt sie in suspenso, bis schliesslich die Tierimpfung gelingt. V. belegt mit Beispielen aus seiner Erfahrung. S i e g m u n d - Köln: Krebsentwicklung in Bronchiektasen. Der Vortragende demonstriert 4 Fälle von Plattenepithelzellkarzinomen Lunge, die in chronischen Bronchiektasen zur Entwicklung gekommen ren. Er verwertet die Befunde im Sinne der Reiztheorie und bespricht Beziehung von reaktiver und autonomer Gewebsproliferation. Chroniscli zündliche Veränderungen mit fortgesetzten Regenerationsprozessen am thel führen in den verschiedensten Organen gelegentlich zur Krebsent- :klung. Die Charakterveränderung der Geschwulstzellen braucht nicht un- lingt angeboren zu sein, sondern kann auch erworben werden. Für die lei bestehende Störung der Wachstumsregulation ist der Fortfall von webswiderständen verantwortlich zu machen, wobei die Insuffizienz zellu- :r Abwehrleistungen von grosser Bedeutung ist. R 1 n d f I e i s c h - Dortmund demonstriert an Röntgenbildern die Schwie- erforderlichen Kontrollmaassnahmen für die Wahlen dann mehrere Sitzung erfordern, was mit dem Zweck der Gesellschaft sich kaum vereinigen lass dürfte. In der Sitzung gab es dann noch eine nicht uninteressante Gescjiäf Ordnungsdebatte über die vom Vorstand getroffene Anordnung, dass ade der Berl. fned. Gesellschaft gehaltenen Vorträge der „Med. Klinik“ zur V öffentlichung übergeben werden müssten. Herr Julius Schwal protestiert gegen diesen Zwang, der nicht den Interessen der Vortragenc entspricht, und verweist darauf, dass bisher auch schon ein offizielles Org bestanden hätte, ohne dass ein solcher Zwang ausgeübt worden wäre. Herr F. Kraus als stellvertretender Vorsitzender hebt hervor, dass gar kein absoluter Zwang bestehe, nur eine Art „Nötigung“. Der Vi tragende kann ja einen Auszug geben und dann seinen Vortrag anderwei veröffentlichen. Herr Benda betont die sachliche Notwendigkeit, alle in der Berl. m< Gesellschaft gehaltenen Vorträge an einer Stelle zusammen zu vereinigen. Herr Hans Kohn gibt vom Vorstandstisch der Ansicht Ausdruck, d; man Herrn Kraus missverstanden haben müsse, da nach den Beschluss des Vorstandes ausdrücklich nur mit Genehmigung der Redaktion ein Vortr, der in der Gesellschaft gehalten worden ist, anderweitig erscheinen darf. Die Wahlen waren diesmal von einem Komitee vorbereitet worden, di die Herren S. Alexander und Lennhoff angehörten, welche in di Gross-Berliner-Aerzteblatt mitteilten, dass sie ihr Mandat von der gesamt! Berliner Aerzteschaft hätten. Der Vorgang ist insofern bemerkenswert, j die von ihnen aufgestellte Liste Körte als Vorsitzenden, H i s, Bum; Henius als stellvertretende Vorsitzende bei der Wahl des 1. Vorsitzende nicht durchging, sondern in beachtenswerter Minderheit blieb. B r a n d e i bürg, Czerny, Für b ringer, Goldscheider, Kleewit1 A. Lazarus, L u b a r s c h, Max Meyer, Morgenrot h, Orth ifl A. v. Wassermann forderten in einem Rundschreiben zur Wahl v F. Kraus auf, der auch mit sehr grosser Mehrheit gewählt wurde und Annahme der Wahl betonte, dass er vor allem den wissenschaftlicl Charakter der Berl. med. Gesellschaft aufrecht zu erhalten gedenke. Sitzung vom 1. März 1922. Fortsetzung der Salvarsandebatte. Herr Lennhoff berichtet über 2 Salvarsantodesfälle, von denen sl einer als Grippepneumonie erwies. Man darf daher nur von Salvarsantodi fällen sprechen, wenn die Sektion keine anderen Ursachen ergeben hat. j Herr Umber berichtet über den vollständigen Erfolg einer Salvars,; kur in Verbindung mit Jod und Quecksilber bei Diabetes insipidus, ebenso < einmaliger Salvarsangabe bei Diabetes, der völlige Toleranz für einige Ja! erlangte. Auch er hat in den letzten Jahren die kolossale Zunahme (| akuten Leberatrophie beobachtet und glaubt, dass primär eine Bereitschj der Leberzelle zur Autolyse, vielleicht durch Ernährungsverhältnisse bedin vorhanden sei. März \m. _ MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT. Herr ß c n d a hebt hervor, dass die Steigerung der Leberatrophiefäüe i schon 1917 eingetreten sei. Mit dem infektiösen Ikterus hat sich ein jammenhang nicht feststellcn lassen. 1917 kamen 6 Prom. Sektionsfälle akute gelbe Leberatrophie, in den späteren Jahren 4 Proz.! In allen s en lässt sich durchaus nicht konstant Salvarsanbehandlung und nicht aal Syphilis nachweisen. Bei der Sektion ist die von Friedemann •orgehobene Verwechselungsmöglichkeit mit Malaria nicht gegeben. Herr Friedemann: Herr Wechsel mann hat 3 Fälle von i rus nach Salvärsan auf Malaria untersuchen lassen und hat in allen allen Malariaplasmodien gefunden. Herr Joachlmoglu erörtert die komplizierten Reduktions- und Oxy- onsverhältnisse, die sich bei der sog. Mischspritze, der Kombination von , arsan und Quecksilber, ergeben. Herr A. H. Isaack betont den Wert des Salvarsans. Herr Saalfeld regt eine Enquete über die Technik an. Herr Schumacher spricht auf Grund von Versuchen über die jrmakologische Wirkung. Spirochäten sind nukleinsäurefrei und färben ! daher mit Giemsa rot. Das Gleiche. lässt sich durch analoge Behandlung J Hefezelle erreichen. Ionisierte Hg-Präparate sind für therapeutische ;cke ungeeignet, da sie für die Körperzelle früher giftig sind, als für die ochäten. Für Salvarsan liegen die Verhältnisse umgekehrt sehr günstig, bewirkt die Mobilisierung der Nukleinsäure, welche in den Leukozyten i Körper dargeboten wird. I Herr P 1 e h n fragt nach den Gründen der Zunahme des Ikterus und | ter gelber Leberatrophie. Die Häufung trat erst nach der Hungerzeit ein. ührt sie gerade auf Ueberlastung der Leber zurück. Biliöse Malaria ohne Qoglobinurie ist ungewöhnlich und nur auf die jetzt bestehende Ikterus- . -itschaft zurückführbar. Herr F. Schlesinger gibt vom Standpunkt des Praktikers eine Ueber- jt über die Meinungsverschiedenheiten, die in der langen Salvarsandebatte : ge getreten sind. In letzter Zeit ist das Salvarsan schwerer löslich ge- enn was wohl mit den Zufällen bei der Therapie in Zusammenhang steht, positive Wassermann darf nicht die Grundlage der Therapie werden. Die Wahlen zum Vorstand wurden gestern abgeschlossen. Stell- retende Vorsitzende wurden: H e n i u s, Fedor Krause, B u m m. riftiührer: Benda, Umber, Morgenrot h, M. Borchardt. atzmeister: Ernst U n g e r. Bibliothekar: Hans K o h n. Wolff-Eisner. rein für innere Medizin und Kinderheilkunde zu Berlin. (Eigener Bericht.) Sitzung vom 20. Februar 1922. Tagesordnung. Herr Paul Lazarus: Radiothorium. (Vorläufige Mitteilung.) Das Radiothorium hat vor Thorium X eine weiche Alpha- und Beta- hlung voraus. Die von der Auergesellschaft zur Verfügung gestellten chen Radiothorsalze verankern sich in Knochenmark, Leber und Milz erzeugen dort stets Thorium X. Die sog. Halbwertsdauer beträgt beim | rium X 3,64, beim Radiothor 700 Tage. Infolge der langen Nachwirkung sen kleinere Dosierungen und grössere Intervalle gesetzt werden. Bei der Maus lassen sich infolge der Verankerung an den genannten len nach Radiothorinjektion Skelett, Leber und Milz photographieren, n Hund entsteht nach tödlicher Dosis Knochenmarksreizung und Leuko- e. Der Tod erfolgt dann an hämorrhagischer Diathese. Versuche an r Krebsratte ergeben, dass das Radiothor tumoraffin ist. Heilversuche an Menschen zeigen als Reizdosis 50 — 100 Einheiten, als imungsdosis 200 — 300 Einheiten. Bei Blut- und Stoffwechselerkrankungen kleinere Dosen zu geben. Bei Karzinom kommt örtliche Anwendung un- cher Radiothorsalze in Betracht, um toxische Wirkungen einerseits und '.dosen anderseits zu vermeiden. Bei schweren Bluterkrankungen hat tragender eine Reihe auffallender Besserungen beobachtet. Herr V. Schilling: Einige überzeugende Beispiele von praktischer tbildverwertung. Vortragender gibt eine Uebersicht über die Bedeutung der Arneth- :n Untersuchungen für die praktische Medizin, und führt 3 Fälle von Peri- tis an, bei denen das Vorkommen prozentual gesteigerter stabkerniger isndformen Diagnose und Prognose stellen Hessen. Der Fall, in dem sich ällig viel Jugendformen fanden, kam zum Exitus, während die anderen e gerettet wurden. Es folgt die Demonstration ausführlicher Tabellen. Die Diskussion für beide Vorträge wurde auf die nächste Sitzung ver- ■ W.-E. Gesellschaft der Aerzte in Wien. (Eigener Bericht.) Sitzung vom 10. Februar 1922. Herr H. Finsterer demonstriert das Präparat eines Muskelangioms. Nach mehrfachen falschen Diagnosen einer in der rechten Nackengegend :genen Geschwulst wurde bei einer Probepunktion reines Blut entleert. Der Tumor ging, wie die Operation ergab, vom M. rhomboideus minor Heilung. Herr M. Jerusalem: Typische Verletzungen der Bau- und Industrie¬ leiter. Die volkswirtschaftliche Bedeutung der Betriebsunfälle ist bedeutend. • 2 Statistik der Nachkriegszeit dürfte erheblich höhere Ziffern ergeben als I Fliedensstatistik, weil die Zahl der jugendlichen und ungeübten Arbeiter " rie der in den Betrieben angestellten Kriegsbeschädigten eine sehr be¬ itende ist. Ausser körperlicher Minderwertigkeit als Kriegsfolge, 'igelnder Uebung und jugendlichem Leichtsinn erweist sich als häufigste ■ allursache der Alkoholmissbrauch. Ferner konstatieren wir des öfteren ‘iitverwendung vorhandener Schutzvorrichtungen, überhaupt Nicht- : »Igung der Betriebsvorschriften, ungeeignete Kleidung, mitunter auch 'geringe Intelligenz des Arbeiters. Seltener ereignet sich die Verletzung Hrend des normalen Ganges der Maschine, als vielmehr bei dem Versuche, • Hindernis zu beseitigen oder bei Reinigungsarbeit vor völliger Abstellung, 'hstverständlich muss ein gewisser Prozentsatz von Unfällen als unver- dlich angesehen werden. Es ist im allgemeinen recht schwierig, über den gang des Unfalles verlässliche Angaben seitens des Kranken zu erhalten. Die Befangenheit fast jedes Kranken dem Arzte gegenüber, in welchem er nicht nur den Therapeuten, sondern auch den Begutachter sieht, spielt ohne Zweifel eine grosse Rolle. Sitzung vom 17. Februar 1922. Herr E. L e x e r - Freiburg i. B. (als Gast): Wiederherstellungstherapie. Zu den Aufgaben der Wiederherstellungschirurgie gehören 1. die Heilung von Gewebsdefekten, 2. die Trennung von Verwachsungen, 3. die Heilung von Defekten und Beseitigung von Verwachsungen. Die kineplastischen Opera¬ tionen am Amputationsstumpf gehören eigentlich nicht in das Gebiet der Wiederherstellungstherapie. Er hält grundsätzlich daran fest, zu warten, bis der Untergrund der Narben weich geworden ist, bis die Narben anämisch sind. Dann ist nicht zu befürchten, dass Narbenschrumpfung eintritt. Eine wesentliche Beschleunigung der Erweichung des Narbengewebes konnte durch Röntgenreizdosen (zweimalige Bestrahung in 6 wöchentlichem Intervall) be¬ wirkt werden. Vortr. hat in einer grossen Anzahl von Fällen bei der Rückpflanzung des Stieles von Lappen die Granulationen nicht angefrischt und glatte Heilung erreicht. Bei der Lappenplastik nach der italienischen Methode (Bildung von Lappen aus ider Armhaut) hat sich die Fixation des Armes mittels Segel- tuchpflasters sehr bewährt. L. schildert Methoden zur Bildung der Falte im oberen Augenlid, zur Bildung des Philtrum bei Oberlippenplastik und zur Bildung des Oberlides aus Nackenhaut, zur Beseitigung mimischer Stö¬ rungen bei Fazialislähmung durch Heranziehung der Mm. temporales und masseter. L. meint, dass von den gesunden Muskeln aus Nervenfasern ins ge¬ schädigte Gebiet hineinwachsen. Ausführlich berichtet er über die Verwen¬ dung von Knochen und Knorpel bei der Gesichtsplastik, über die Resultate der freien Knochenplastik und die plastische Behandlung von Pseudarthrasen, ferner über Gelenksplastik mit Fettgewebe. Aus ärztlichen Standesvereinen. Aerztlicher Bezirksverein München-Stadt. Vollversammlung vom 2. März 1922. Wahlen. Schwebungen, Stimmungen nannte man es, Missstimmungen waren es, welche zu einem heftigen Vorstoss hauptsächlich der jungen Aerzte gegen die bisherige Vorstandschaft Anlass gaben. Fast gleichstark standen sich die Parteien gegenüber. So kam am 21. Dezember eine Wahl der Gesamtvorstandschaft nicht zustande. Die einzelnen Parteigruppen hatten bis zum heutigen Tag Zeit, sich zu ordnen und je nach dem Reichtum ihrer Temperamentsschattierungen und nach ihrer Stimmungslage sich auszuwirken. Das Endergebnis war die Wiederwahl Kastls zum 1. Vorsitzenden (mit 212 von 381 Stimmen) und Kustermanns zum 2. Vorsitzenden (252 Stimmen von 374); 1. Schriftführer wurde v. H e u s s, 2. Schwaab; Schatzmeister Freudenberger (einstimmig) : Beisitzer : Kersch ensteine r, P 1 ö g e r, Uhl, Althen. Kästle, C a s e 1 1 a, Aug. Bauer, Petten- k o f e r, Cohn, S t r ö b 1. Den Vorsitz in der Versammlung führte gewandt und energisch Küster mann. Das Verlesen der seinerzeitigen Rücktritts¬ erklärung Kastls mit ihrer Begründung veranlasste die Assistenten zu der Erklärung, sich weiter am Wahlakt nicht zu beteiligen, weil dies gegen die Abmachung geschah und die Jungen dadurch in ein ungünstiges Licht ge¬ bracht wurden. — Mögen nun die Recht behalten, -welche sagen: der Streit ist jetzt vorüber — Schwamm drüber. Scholl berichtet über die Verschmelzung der Organi¬ sation des Leipziger Verbandes mit der des Aerzt- liehen Bezirksvereins München aus Gründen der Vereinfachung und Verbilligung der Verwaltung, nachdem ja die wirtschaftlichen Ab¬ teilungen der ärztlichen Bezirksvereine nach der bayerischen Aerzteordnung auch für die Wahrung der wirtschaftlichen Interessen der bayerischen Aerzte zuständig sind. Die Vorsitzenden der ärztlichen Bezirksvereine, bzw. deren Vertreter sollen als Obmänner des Leipziger Verbandes gelten, die Vor¬ sitzenden der freien Aerztekammern oder deren Vertreter als die Gau¬ vorsitzenden (Vertrauensmänner), der Landesausschuss der Aerzte Bayerns als der Landesausschuss Bayern des Leipziger Verbandes anzusprechen sein. Die Stadt München und Oberbayern-Land sollen je einen Gau bilden. Der Aufbau des Leipziger Verbandes ist sonach nicht unitaristisch, sondern förderalistisch, nicht die einzelnen Mitglieder, sondern die einzelnen Provinzen und Länder bilden seine Basis. Wenn Bezirksverein und Leipziger Verband sich vereinen, können alle deutschen Aerzte umfangen und alle wirtschaft¬ lichen Belange erfasst werden. — Die Verschmelzung der beiden Vereine wird beschlossen. Vertrauensmann des Gaues München: K r e c k e, Stell¬ vertreter: Kuntzen, 1. Schriftführer: Alexander. 2.: Kallen¬ berg e r. Kassier: Scholl. Beisitzer: 1 n g e r I e, Wassermann. Frau Democh-Maurmeier. Hiezu kommen noch: der Vorsitzende des Bezirksvereins und des Aerztevereins für freie Arztwahl, sowie ein Ver¬ treter der Assistenten und der Volontäre. Grünwald: Gebühren in der Privatpraxis unter Ein¬ schluss der Gebühren für Ausländer. Unter Zugrundelegung der Beschlüsse des Landesausschusses von 6. XL 1921 bespricht Ref. kritisch die Entwicklung der jetzigen Gebührenvorschriften und hebt die Bedenken gegen die bindenden Bestimmungen in denselben hervor. Die gleitende Skala ist die einzige Möglichkeit, in allen Fragen der Wirtschaft zu einer Lösung zu kommen. - — Von Ausländern werden immer häufiger Klagen gegen die deutschen Aerzte wegen massloser Ueberforderung geäussert. Auch die Presse beginnt sich damit zu beschäftigen. Das schadet unserem Ruf. Seine Ausführungen fasst Grünwald in folgende, einstimmig angenommene An¬ träge zusammen: 1. Vorläufig die von G r ü n w a 1 d folgendermassen modifizierte An¬ weisung des Landesverbandes anzunehmen und die Gebührenkommission an¬ zuweisen, in möglichster Kürze neue Vorschläge zu machen. 2. Anschlag in Warte- und Sprechzimmer. Bekanngabe in der Tagespresse: Die Entlohnung ärztlicher Leistungen erfolgt in der Regel (für Aus¬ länder ausschliesslich) nach freier Vereinbarung. Wenn keine solche stattgefunden hat, gelten für Ausländer die Sätze der bayerischen Gebührenordnung vom 17. Oktober 1901 vervielfacht mit dem Reichs¬ teuerungsindex, wozu noch ein Zuschlag von 200 Proz. tritt. 376 MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT. Nr. 1< in d e u t s c Beträge in h e r Währung der Währung ein Es empfiehlt sich. Rechnungen für Ausländer auszustellen unter Anfügung der entsprechenden des betreffenden Landes. Ein Antrag Kerschenstein er s, die Vertragskommission rein wirtschaftliches Organ — zukünftig der freien Arztwahl zu übertragen und die entsprechenden Schritte dieserhalb bei der wird prinzipiell angenommen. Vorstandschaft zu tun. Freudenberger. Auswärtige Briefe. Berliner Briefe. (Eigener Bericht.) Zu S. Alexanders 70. Geburtstag. — Die staatlichen Polikliniken und die Krankenkassen. — Zunahme der Kurpfuscherei. In einer Zeit, in der die materiellen Interessen allenthalben im Vorder¬ gründe stehen und auch im ärztlichen Leben die kollegialen und Standes¬ fragen zu überwuchern drohen, ist es eine besondere Freude, solcher Männer zu gedenken, die in selbstloser Weise ihre ganze Arbeitskraft dem allge- meinen Wohl ihres Standes widmen. Zu diesen Männern gehört S. Alexander, dem die Berliner Aerzteschaft heute ihre Glückwünsche zum 70. Geburtstage darbringt. Alexanders Lebensarbeit galt dem Ausbau und der Entwicklung der ärztlichen Standesinteressen, und es gibt kaum ein Gebiet, auf dem er nicht beratend und führend mitgewirkt hat; auf jedem aber konnte man ebenso sehr seine erstaunliche Sachkenntnis, seine klare Darstellungsweise wie seine nie versagende Arbeitsfreudigkeit be¬ wundern. Er ist auch ausserhalb Berlins und besonders den Besuchern der Aerztetage nicht unbekannt, seine Hauptarbeit aber galt seiner Heimatstadt. Schon in seinen ärztlichen Jugendjahren trat er als eifriges Mitglied der Standesvereine hervor, dessen Geschäftsausschuss er seit dem Tode Bechers als Vorsitzender in mustergültiger Weise leitet. Allgemein ge¬ schätzt wird seine Tätigkeit in der Aerztekammer, dessen Vorstand er seit vielen Jahren als Kassenführer angehört. Wenn wir noch seine Verdienste um das Zustandekommen und die Entwicklung des Berliner Rettungswesens, die Schaffung des Kuratoriums für Kriegsentschädigung der Gross-Berliner Aerzte, die ärztliche Darlehenskasse, die ärztliche Versorgung der Kriegs¬ hinterbliebenen, den Zentralkrankenpflegenachweis, das ärztliche Versiche¬ rungswesen. die Mitarbeit im Gross-Berliner-Aerztebund erwähnen, so ist damit der Umfang seines Arbeitsgebietes noch nicht annähernd erschöpft. Und auf jedem Gebiet spielt er noch heute eine führende Rolle. Wer ihn eine Versammlung leiten sieht oder ein Referat halten hört, der fühlt, dass er die Höhe seiner Leistungskraft noch nicht überschritten hat. Aus jedem seiner Worte spricht dieselbe Sicherheit, dieselbe Sachlichkeit, aber auch dieselbe Frische wie vor 10 Jahren, und das lässt uns hoffen, dass seine Arbeitskraft der Berliner Aerzteschaft noch recht lange erhalten bleiben wird. Einen Streitpunkt, der in. früheren Jahren die Gemüter häufig erregt hat und doch niemals befriedigend gelöst werden konnte, bildete das Polikliniken- wesen und seine Einwirkung auf die wirtschaftlichen Interessen der Aerzte. Die Polikliniken, besonders die staatlichen, hatten einen Zulauf, der weit über die Bedürfnisse der Forschung und des Unterrichtes hinausging, zu einem nicht geringen Teil auch von zahlungsfähigen Kranken, und die Aerzte sahen darin eine unberechtigte Schwächung ihrer Praxis. Dann wurde es eine Zeit¬ lang still von diesen Klagen, und schliesslich trat fast das entgegengesetzte Verhältnis ein, die Leiter der Polikliniken klagten über Materialmangel. Die Ursache für diesen Umschwung der Verhältnisse liegt in der Entwicklung der Krankenversicherung, für die chirurgischen Polikliniken auch in der des Rettungswesens, das den Zugang frischer Verletzungen verringerte, und schliesslich auch in der allgemeinen Teuerung. Die Fahrt zur und von der Poliklinik kostet so viel Geld und Zeit, dass die Unentgeltlichkeit der Be¬ handlung viel von ihrem Reiz verloren hat. Zu den Besuchern der Poli¬ kliniken gehörten auch Kassenkranke; in manchen Polikliniken wurden sie aus kollegialer Rücksicht abgelehnt und den Kassenärzten überwiesen, in anderen ohne weiteres behandelt. Die Unkosten für Verbände, Röntgen¬ aufnahmen u. dergh, sowie einen kleinen Wochenbeitrag, der infolge ministerieller Erlasse, zur Deckung der allgemeinen Unkosten erhoben wurde, mussten sie zahlen, erhielten sie aber von der Kasse zurück. Besonders die chirurgischen Polikliniken glaubten auf diese Kranken nicht verzichten zu können, weil sonst ein geordneter Unterricht nicht möglich gewesen wäre. Nach Inkrafttreten des Vertrages zwischen Krankenkassen und Aerztebund lehnten die ersteren aber die Rückzahlung der Beträge grundsätzlich ab, und die Leitung des Aerztebundes, die die Ansicht vertrat, dass Kassenmitglieder grundsätzlich nicht in staatlichen Polikliniken behandelt werden sollen, er¬ klärte die Ueberweisung in solche für unstatthaft. Die Folgen für den chirur¬ gischen Unterricht machten sich deutlich fühlbar. Man musste aber be¬ fürchten, dass sie für den gesamten akademischen Unterricht bedrohlich würden, sobald die Familienversicherung eingeführt ist; denn dann würden auch die Frauen und Kinder der Versicherten den Polikliniken fernbleiben, und da die klinischen Kranken zu einem erheblichen Teil aus den Polikliniken überwiesen werden, müsste auch der Krankenbestand der Kliniken bedenklich zurückgehen. Diesen Erwägungen konnte der Vorstand der Wirtschaftlichen Abteilung des Aerztebundes sich nicht entziehen; es kam zu Verhandlungen zwischen ihm und Beauftragten des Lehrkörpers, und diese Verhandlungen führten zu einer beide Teile befriedigenden Vereinbarung. Als offizielle kassenärztliche Sprechstunde dürfen die staatlichen Polikliniken nicht ver¬ wendet werden. Soweit sie ohne Kassenkranke den Unterricht nicht sach- gemäss durchführen können, dürfen sie Kassenpatienten untersuchen und be¬ handeln. Die für den Unterricht nicht geeigneten Fälle und die diagnostisch und operativ versorgten sollen zur Nachbehandlung den Kassenärzten über¬ wiesen werden. Zu Unterrichtszwecken sollen die Kranken nur mit ihrer Einwilligung verwendet werden. In den Warteräumen soll ein augenfälliger Hinweis angebracht werden, dass in den Polikliniken nur Unbemittelte Be¬ handlung finden. Die Wirtschaftliche Abteilung des Aerztebundes erklärte sich damit einverstanden, dass unter Wahrung dieser Vereinbarungen Kassen¬ kranke wieder den staatlichen Polikliniken überwiesen werden, und der Vorstand des Krankenkassenverbandes erklärte sich bereit, den Kranken die in der Poliklinik ihnen erwachsenden Kosten zurückzuerstatten.- Damit hat die Poliklinikenfrage in befriedigender Weise ihre Lösung gefunden. Leider muss das Gegenteil gesagt werden von einem anderen Uebel, gegen das die Aerzteschaft seit Jahrzehnten kämpft, von dem Kur pfuschereiunwesen. Aus einer kürzlich veröffentlichten Zusaminci Stellung erfahren wir. dass die Zahl der Kurpfuscher in Berlin seit Krieg- j ende auf das Sechsfache gestiegen ist. Aus den Krankenlisten. die sie z i führen verpflichtet sind, geht hervor, dass_ Angehörige der Aristokrat und der gebildeten Stände einen erheblichen Teil ihrer Klientel bilden, b selbst rekrutieren sich aus den verschiedensten Ständen, Droschkenkutsche | Krankenschwestern, ehemalige Geistliche und viele ehemalige Angehörige di Heeres. Von diesen sind manche während des Krieges' in Lazaretten m der Krankenbehandlung in Berührung gekommen und nutzen jetzt die ; gewonnenen Kenntnisse aus, andere sind durch den Verlauf des Krieges a; ihrer Bahn gerissen und mussten sich einem anderen Erwerb zuwende Mit wenigen Ausnahmen aber spekulieren alle auf den Zulauf aus dt Kreisen derer, die nicht alle werden. Ein staatlicher Schutz gegen ihr unhei volles Wirken ist leider nicht zu erwarten. M. K. Kleine Mitteilungen. Die amerikanischen Aerzte und das Alkohol verbot. Die Schriftleitung des Journal of the American Medical Association h; sich der dankenswerten Aufgabe unterzogen, eine gross angelegte Rundfra; unter nahezu 54 000 amerikanischen Aerzten zu veranstalten über die Stellut der Aerzte zur Anwendung des Alkohols als Heilmittel und besonders ; den im Gesetz vorgesehenen einschränkenden Bestimmungen über die Ve Ordnung. 58 Proz. der Aerzte beantworteten den Fragebogen und wir könnt wohl annehmen, dass die daraus gewonnene Statistik ein ziemlich richtig' Bild der Ansichten der gesamten Aerzte der Vereinigten Staaten gibt. 1 möge zunächst noch ganz kurz die wichtige Bestimmung des Verbotgesetz' für die ärztliche Verordnung angeführt werden: Jeder vorschriftsmässig zur Berufsausübung zugelassene und berufstätij Arzt kann auf Antrag einen Erlaubnisschein erhalten, der ihm das Rec gibt, in einem Vierteljahr 100 Verordnungen auszugeben, von welchen keil mehr wie % Liter Branntwein betragen darf und zwar darf er für e und dieselbe Person innerhalb von 10 Tagen nur einmal diese Menge ve ordnen. Ausserdem kann er für persönliche Abgabe an seine Kranken b zu etwa 6 'A Liter im Jahr, für Laboratoriumszwecke bei Nachweis d' Bedarfes jede notwendige Menge erhalten, wenn er sich verpflichtet, s nicht zu Trinkzwecken verwenden zu lassen. Nun besteht i allerdings e grosser Missstand darin, dass neben diesem Gesetz auch noch einzel staatliche Vorschriften Geltung haben, die zum Teil viel strenger sind, i erlauben 7 Staaten überhaupt keine Verordnung von Alkohol. Die Frage, ob Branntwein ein notwendiges Arzneimittel sei, b antworten 51 Proz. mit „Ja“ und über 49 Proz. mit „Nein“. Die Anwendui wird zu etwa 75 Proz. begründet bei Lungenentzündung, Influenza und anden Infektionskrankheiten, dann folgen mit etwa 35 Proz. Alterskrankheiten ui Schwächezustände, weiter mit etwa 10 Proz. Rekonvaleszenz, Diabetes, Her fehler und Schock. Es ergab sich, dass für die Beantwortung hauptsächh die Lehrbücher herangezogen wurden. Die gleiche Frage wird für Bit mit 26 Proz. „Ja“ und 74 Proz. „Nein“ beantwortet. Merkwürdigerwei wird hier an erster Stelle die Wirkung als Laktagogum angeführt, eine A schauung, die vielleicht aus der alten deutschen Literatur herübergenomtm ist; weiterhin wird es verwendet in der Rekonvaleszenz, bei Anämien ui Dyspepsien. Aehnlich ist die Verteilung der Stimmen für Wein, nämlb 32 Proz. „Ja“ und 68 Proz. „Nein“, als Anwendungsgebiete gelten dieselb wie für Bier, eine grössere Rolle spielt er als Ersatz für Branntwein. Weiterhin wird gefragt, ob sich in der Praxis Fälle ereignet hätte wo die Durchführung des Verbotgesetzes unnötig Leiden oder auch Todesfä verursacht habe. Es antworten 22 Proz. mit „Ja“ und 78 Proz. mit „Nein Das Ergebnis überrascht zunächst sehr. Den Hauptanteil macht anscheine; die Vergiftung durch auf unerlaubte Weise hergestellte und bezogene Alkoho namentlich Methylalkohol, aus. Der erste Begriff scheint auch von manch Aerzten ziemlich weit gefasst worden zu sein, denn es sind* auch humoristisc Antworten eingelaufen. Merkwürdigerweise berichten auch Aerzte von Uj nötigen Leiden, welche selbst Branntwein verordnet haben, so dass c Deutung der Ergebnisse zu dem Schlüsse kommt, dass bei der Beantwortu dieser Frage ebenso soziale, moralische und politische Gesichtspunkte ma; gebend gewesen seien als ärztliche und wissenschaftliche. Eine weitere Frage stellt fest, wieviel Aerzte eine Verordnung v> Branntwein, Bier oder Wein für ratsam gehalten haben. Es sind für Bram wein 44 Proz., für Bier 13 Proz., für Wein 21 Proz., wobei noch zu b denken ist, dass diese Frage nur von etwa zwei Drittel beantwortet wurc Der Hauptgrund dafür ist, dass nur ein kleiner Teil der Aerzte überhau Erlaubnisscheine besitzen, nämlich etwa 25 — 30 Proz. Diese erstaunli niedrige Zahl erklärt sich, wie einzelne Bemerkungen zeigen, daraus, da ein grosser Teil auch von Aerzten, welche die Anwendung von Alkol nicht grundsätzlich ablehnen, gegen die Erlaubnisscheine ist, einerseits i sich dem Drängen der Kranken sowie auch alten Freunden zu entziehe dann aber auch aus allgemeinen Berufsinteressen; sie wehren sich dagegt dass der Arzt zum „Schenkwirt“ gemacht wird. Schliesslich wird noch gefragt nach den Erfahrungen bezüglich d Menge der Verordnungen, ob die Zahl höher oder niedriger wie 100 Vierteljahr sein soll bzw. ob überhaupt eine Einschränkung bestehen sc 57 Proz. sind für Einschränkung in irgendwelcher Form. Von diesen der grösste Teil für die Zahl, wie sie schon besteht, nur 2 Proz. si für mehr als 100 Verordnungen. Zur Begründung dieser Antworten werd die verschiedensten Gründe angeführt, es lassen sich etwa 3 Hauptgrupp unterscheiden: Einzelne Aerzte sind entschiedene Gegner des Gesetzes üb; haupt, sie berichten davon, dass heimlich getrunken wird, dass der Bez von Alkohol auf ungesetzlichem Wege in manchen Gegenden sehr ieitj sei usw. Ein sehr grosser Teil ist für eine Beschränkung, da er schlimil Erfahrungen mit skrupellosen Kollegen gemacht hat, die sich aus den Vtj Ordnungen ein einträgliches Geschäft machen und so das Ansehen des Berul gefährden, eine 3. Gruppe endlich ist vom Standpunkt der ärztlichen u' wissenschaftlichen Freiheit aus gegen eine Beschränkung. Sie steht auf dtig. Die Tuberkulose zeigt bei den Hyperthyreosen nur wenig cung zur Heilung, sie dauert endlos, oft jahrzehntelang, aber ich ie doch auch recht viele Fälle, bei denen die Tuberkulose schliess- ausheilte. Wir dürfen aber hier eine diagnostische Schwierigkeit nicht ver- len, die darin liegt, dass wegen des labilen Verhaltens der Tem- tur, wegen der Pulsbeschleunigung, der Abmagerung und der Kraft- fkeit sehr oft irrigerweise der Verdacht auf Tuberkulose aus- trochen wird; und wenn dann auch noch jene Polymikroadenie am ken und Hilus beobachtet wird, die bei dem basedowischen Kropi er Regel vorhanden ist, so liegt es nahe, eine Tuberkulose zu ver- i|en, auch dort, wo tatsächlich nur eine reine Hyperthyreose vor- jt. ISchilddrüsenvergrösserung und Myom gehören eng zusammen; Myom darf überhaupt nicht etwa bloss als eine lokale Uterusaffek- betrachtet werden, sondern als ein Symptom einer Korrelations- j - 3) T u r b a n und L. Spengler: Resultate der Asthmabehandlung im I hgebirge. 2. Jahresheft der Schweiz, balneolog. Gesellschaft 1906. Störung. Bei der überwiegenden Mehrzahl der myomatösen Frauen wird keine Tuberkulose gefunden, und Warnekros'1) spricht sogar von einem gewissen Antagonismus zwischen der Funktion des weib¬ lichen Geschlechtsapparates und der Tuberkulose. Anders verhält sich Schwangerschaft und Wochenbett: es ist eine feststehende Tatsache, dass die Schwangerschaft eine vorhandene Tuberkulose in ungünsti¬ gem Sinne beeinflusst, und es ist deshalb wohl berechtigt, die Schwan¬ gerschaft bei tuberkulösen Frauen frühzeitig zu unterbrechen, um ein weiteres Fortschreiten der Tuberkulose hintanzuhalten. Schlimmer noch als in der Schwangerschaft schreitet die Tuberkulose fort im Wochenbett und den darauf folgenden Monaten. Oft wird die Schwan¬ gerschaft von tuberkulösen Frauen noch ganz leidlich überstanden, Ent¬ bindung und Wochenbett verlaufen gut, aber 6 — 13 Wochen nachher setzt eine rapide Verschlimmerung des Lungenleidens ein und führt rasch zum Tode. Es ist dies jene Zeit, in welcher die jungen Frauen, auch wenn sie sonst gesund sind, abzumagern pflegen, dabei nervös und angegriffen sind und wo die Fülle des sog. Milchfettes rasch verloren geht, eine Zeit, in der die Schilddrüsenhyperplasie der Schwangerschaft sich zurückzubilden pflegt. Die eigentümliche Tatsache, dass gewisse Organe, z. B- die. Mus¬ keln, fast nie an Tuberkulose erkranken, dass die Leber nur sehr selten und fast nur im terminalen Stadium davon befallen wird, dass ander¬ seits die Nieren und Nebennieren gar nicht selten doppelseitig an Tuberkulose erkranken und verkäsen, scheint darauf hinzuweisen, dass neben einer allgemeinen auch eine besondere Organdisposition eine gewisse Rolle spielt. Es ist nicht unwahrscheinlich, dass die humoralen Verteidigungsmittel bei der Tuberkulose gegenüber den zellulären der Organe in den Hintergrund treten; es entzieht sich aber vollkommen unserer Kenntnis, worin diese Abwehrfähigkeit oder Organdisposition begründet ist. Wenn wir uns fragen, ob wir es einem Organ oder einem Indivi¬ duum arisehen^können, ob es widerstandsfähig gegen Tuberkulose sei oder nicht, so bleiben wir die Antwort schuldig, und insbesondere sind wir über jene nichtspezifischen Abwehrvorgänge im Unklaren, die an¬ scheinend bei der Tuberkulose eine wichtige Rolle spielen. Ueber diese gibt uns kein Habitus und keine mikroskopische Untersuchung der Organe Aufklärung. Greifbarer als die nichtspezifische Widerstandskraft ist die er¬ worbene Immunität. Versuchen wir uns wenigstens von dieser ein Bild zu machen, und zwar an einem Immunisierungsvorgang, dessen ganze Entwicklung wir mit dem Auge verfolgen können, nämlich bei der Kuhpockenimpfung. Bei einer Erstimpfung tritt bekanntlich ungefähr um den 9. Tag eine Nekrose der Impfstelle ein und die Areola am 11. Tag zeigt, dass nunmehr die Entzündung ihren Höhepunkt erreicht hat und dass die Demarkation der Impfnekrose im Gange ist. Wenn man nun nach Pirquet nicht nur einmal, sondern an den folgenden Tagen immer wieder eine Impfung anlegt, so reifen die sukzessive angelegten Imp¬ fungen nicht je an ihrem 9. Tage nach der Anlage, sondern alle mit¬ einander zeigen am selben Tage den Höhepunkt. Also Nr. 1 am 9., Nr. 2 am 8., Nr. 3 am 7., Nr. 4 am 6. Tag nach der Impfung und so fort. Da muss also um den neunten Tag nach der Erstimpfung im Organismus etwas gereift sein, sagen wir ein Reaktionskörper, der mit dem Infektionserreger zusammen die Nekrose und die Entzündung erzeugt. Die Nekrose ist also hier nicht allein das Produkt des In¬ fektionserregers A, sondern es muss noch eine zweite vom infizierten Menschen gelieferte und erst reif gewordene Komponente B dazu- kommen, um die Abtötung des Gewebes zu erzeugen. Die Narbe, welche nach einer gelungenen Erstimpfung zurückbleibt, beweist, dass eine Nekrose des geimpften Hautstückchens zustande gekommen ist. Lässt man nun nach einer Erstimpfung nach einer Reihe von Jahren eine zweite Impfung, die Revakzination folgen, so tritt die entzündliche Reaktion früher ein, nicht am 9., sondern vielleicht am 5. oder 6. Tag. Und da der Impfstoff der gleiche ist, wie das erste Mal, so muss die Reaktionsfähigkeit des infizierten Körpers sich geändert haben, allergisch geworden sein. Ein weiterer Unterschied liegt darin, dass trotz der oft recht erheblichen Entzündungen eine Hautnekrose meist nicht einzutreten pflegt und dass dementsprechend fast nur nach den Erstimpfungen tiefe Hautnarben Zurückbleiben. Lässt man alsbald nach einer gelungenen Impfung eine weitere folgen, so tritt sehr bald eine kleine knötchenförmige Entzündung ein, die aber rasch wieder abklingt; der Körper ist immun geworden, die Vakzine kann ihm nichts ahhaben, sie wird von der Haut offenbar sofort unschädlich gemacht. An diesem Verlauf der Vakzination ist besonders das Verhalten der Erstimpfung bemerkenswert, denn dieses scheint durch das Auftreten der Hautnekrose zu zeigen, dass sich der noch nicht geschützte Kör¬ per des Infektionserregers nur in der Weise zu erwehren vermag, dass er das infizierte Stück Haut opfert und abstösst. Und zwar muss es ein komplexer Vorgang sein, welcher zu dieser Nekrose Veranlassung gibt. Der Prozess bei der Tuberkulose zeigt mit der Vakzination manche Analogie, auch hier tritt bei dem Primäraffekt, z. B. bei dem Eindringen der Tuberkelbazillen in die Lunge gewöhnlich eine Nekrose ein. Dass diese etwas anders verläuft, nämlich unter dem' Bild der Gewebsver- käsung, also einer Koagulationsnekrose, tut nichts zur Sache. In der Umgebung des verkästen Primäraffekts macht sich wie bei der Vakzina- 4) Warnekros: Ausschaltung der Genitalfunktion und ihr Einfluss auf die Lungentuberkulose der Frau. Zschr. f. Tuberk. 1917, 27, 116. 3* Münchener medizinische Wochenschrift. 382 tion eine entzündliche Reaktion geltend, welche zur bindegewebigen Abkapselung der verkästen Stelle führen kann. Wird nun ein bereits tuberkulöses Tier zu in zweiten M a 1 mit Tuberkulose infiziert, wie dies Koch in seinem berühmten Fun¬ damentalversuch getan hat, so geschieht die nekrotische Abstossung viel akuter, und diese zweitinfizierte Stelle kann sogar zur Heilung ge¬ langen. Wenn die Zweitimpfung nur mit geringen Bazillenmengen ausgeführt wird, so geht sie unter Umständen gar nicht mehr an. Der Impfschutz gegen grosse Infektionsmengen ist aber nur unvoll¬ kommen. Er kann durchbrochen werden und die 1 uberkulose, kann auf dem Lymph- und Blutwege weiterverbreitet werden. Bei der Nekrose, also der Verkäsung der tuberkulösen Herde kommen offenbar auch zwei Faktoren in Betracht: ein Faktor A, der von dem I ubeikelbizillus geliefert wird, und ein Faktor B. der im Kör¬ per zur Reife kommt. Diese Annahme einer komplexen Wirkung ist schon von Ehrlich und dann namentlich auch von Wassermann vertreten worden. Wir können diesen Vorgang auch . bei der Tuberkulineinspritzung verfolgen. Das Tuberkulin stellt ja nichts anderes dar, als die Leibessubstanz der ruberkelbazillen. Spritzt man diese bei tuberkulosefreien Menschen und Tieren ein, so tritt keine Reaktion auf. Bei tuberkulösen Individuen dagegen kommt es zu einer Entzündung an der Einspritzungsstelle, hier muss also im Körper, und zwar in der Haut, ein Reaktionsprodukt, ein Faktor B, vorhanden sein, der mit dem Tuberkulin zusammen schädigend und entzündungs¬ erregend (ob heilend?) wirkt. Wenn wir uns nun fragen, wie wir einen gutartigen von einem bös¬ artigen Verlauf der Tuberkulose unterscheiden können, so muss die Antwort lauten: Bei gutartigem Verlauf wird der infizierte Herd durch reaktive Entzündungen abgekapselt und unschädlich gemacht, sowohl ,im Primäraffekt als auch in den zugehörigen Lymphdrüsen. Es findet eine narbige Abkapselung aber keine weitere Ausbreitung statt. Der Körper ist in diesem Kampfe Sieger geblieben. In bösartigen Fällen da¬ gegen wird der entzündliche Wall durchbrochen und immer neue Teile werden von der Infektion ergriffen, das entzündliche Qewebe verfällt fortschreitend der Verkäsung. Wenn sich die Angaben von Lieber¬ meister bestätigen, der im Blute von Tuberkulösen häufig Tuberkel¬ bazillen nachw eisen konnte, so scheint daraus hervorzugehen, dass eine Verbreitung der "1 uberkelbazillen auf dem Blutweg sehr häufig nicht „angeht“, also nicht zum Auftreten neuer Herde Veranlassung gibt, dass sie nur in besonders dazu disponierten Organen Fuss fasst, und dass sie jedenfalls nicht immer zu einer allgemeinen Miliartuberkulose zu führen braucht. Ueberall dort, wo der Tuberkelbazillus sich im Qewebe ansiedelt, ist eine Entzündung nachweisbar, nur der Verlauf und der Ausgang dieser Entzündung ist verschieden, bald in Nekrose, bald in Narben¬ bildung, und in den leichtesten Fällen kann sogar eine Restitutio ad integrum eintreten. Jede Entzündung setzt sich aus exsudativen und proliferativen Vorgängen zusammen, von denen, je nach der Akuität des Prozesses und je nach der Beschaffenheit des Organs bald der eine, bald der andere Vorgang vorherscht 5). Auch der Miliartuberkel ist ein solches Entzündungsprodukt, in dessen Mitte der Bazillus zu finden ist. Das Zentrum des Miliartuberkels ist hauptsächlich von epitheloiden Zellen zusammengesetzt, also von solchen, die sich von den Binde¬ gewebszellen und Endothelien herleiten und deren Wucherung unter die proliferativen Vorgänge gerechnet wird. In der Peripherie des Tuberkels sieht man einen Wall von Lymphozyten und selbst von Leukozyten und bei den Miliartuberkeln der Lunge sind die angrenzen¬ den Alveolen gewöhnlich von einem richtigen zellulären und fibrinösen Exsucat erfüllt. sie zeigen also die Charakteristika des exsuda¬ tiven Entziindungsprozesses. Bei der tuberkulösen Pneumonie, die vielfach schlechtweg als käsisre Pneumonie bezeichnet wird, also bei der übelsten Form der Tuberkulose, hat die Infektion oft einen ganzen Lungenlappen zu gleicher Zeit ergriffen, und der akute entzündliche Prozess äussert sich ganz überwiegend in der Form einer Exsndation. ganz ähnlich dem¬ jenigen bei einer kruppösen Pneumonie. Die Alveolen sind in grosser Ausdehnung von einem entzündlichen, fibrinös gerinnenden, dabei aber auch zellreichen Exsudat erfüllt, wenn auch hier, wie schon Buhl ge¬ zeigt hat, eine Beteiligung der Epithelien nicht fehlt. Zwischen dem Miliartuberkel, den gröberen Knoten, der azinös-nodösen Form, den lobulären und lobären tuberkulösen Prozessen kommen alle nur denk¬ baren Uebergänge vor. Da im Gegensatz zu den akut entzündlichen exsudativen Prozessen in dem abkapselnden Narbengewebe der chronisch verlaufenden gut¬ artigen Prozesse das Produkt von proliferativen Prozessen gesehen wird, da es sich also dabei um eine Neubildung jugendlichen Bindegewebes handelt, so hat man diese proliferative Tuberkulose in Gegensatz gebracht zu den vorwiegend exsudativen Prozessen der akuten Pneumonie. So ist es geschehen, dass diese Krank¬ heit, welche wegen der Mannigfaltikeit ihrer Erscheinungen bis jetzt noch ieder Einteilung gespottet hat, geschieden wird in eine exsudative und eine proliferative Form, wobei die erste als die ungünstige, die letzte als die günstige und zur Vernarbung tendierende bezeichnet werden soll. Man wird diese Einteilung nur verstehen, wenn man ihre Entstehung genealogisch verfolgt. V i r c h o w war 5) Siehe hierüber die klassischen Arbeiten von F. Marchand: Prozess der Wundheilung. D. Chir. 1901, Lief. 16, ferner: Ueber den Entzündungs¬ begriff. Virch. Arch. 1921, 234 und: Pathol. Anatomie und Nomenklatur der Lungentuberkulose. M.m.W. 1922 Nr. 1. Nr^ es, welcher im Gegensatz zu Laennec den Miliartuberkel von < käsigen Pneumonie streng unterschied; denn in der Tat kann man eil umfangreiche pneumonische Infektion unmöglich als Knötchen, also Tuberkuluin bezeichnen; er hatte zu dieser Unterscheidung um mehr Veranlassung, weil er den Tuberkel unter die Geschwülste i, zwar die Granulationsgeschwmlste rechnete, während die käsige Pn< monie alle Kennzeichen einer ausgesprochenen exsudativen Entzündu darbietet. Orth, der Schüler Virchows, Aschoff. der Schü Orths und N i c o 1 der Schüler A s c h o f f s haben die V i r c h o w sc Lehre wenn auch in modifizierter Weise, aufrechterhalten, und jetzt übliche Unterscheidung der Lungentuberkulose in eine proliferati und exsudative Form bedeutet nichts anderes als ein Wiederauflei der alten V i r c h o w sehen Dualitätslehre. Wer aber, wie wir Aelteren, noch die heillose Konfusion erb hat welche durch Virchows Dualitätslehre in den Köpfen - Kliniker (z. B..Niemey ers) und der Aerzte angerichtet worden und wer sich daran erinnert, wie befreiend, ja erlösend Kochs E deckung gewirkt hat, welche die ä t i o 1 o g i s c h e Einheit der Tuben lose nachwies, der wird nicht geneigt sein, die Wiederkehr der Dualitä lehre in irgendeiner Form zu htgrüssen. Schon beim Miliartuber werden wir stutzig, ob wir ihn der proliferativen oder der exsudath Form zurechnen sollen, denn wenn auch irn Miliartuberkel das Zentri grösstenteils aus gewucherten Endothelzellen und bindegewebigen E menten zusammengesetzt ist, so sind doch in der Peripherie meist dt lieh exsudative Prozesse in den benachbarten Alveolen nachweist Aber selbst, wenn wir den Tuberkel als Typus der proliferativen F men auffassen, so wird es doch niemand einfallen, ihn in Parall zu setzen mit den zur narbigen Verheilung tendierenden Bindegewe Wucherungen der fibrösen (also proliferativen) Phthise. Es kommt ui auf den augenblicklichen pathologisch-anatomischen Stand, der Krai heit an, sondern auf deren Verlauf, und zwar darauf, ob die heilend abschliessenden, vernarbenden Prozesse überwiegen, oder ob die Kra: heit alle neugebildeten Entzündungswälle und Immunitätsreakt.or immer wieder uurchbricht und immer neue Gebiete ergreift und abtöl ob der infizierte Organismus siegt in diesem lokalen und allgemeir Kampf oder der infizierende Mikroorganismus. Dabei ist es ni mai sgebend, ob der Prozess mehr mit Neubildung jugendlicher Bin gewebszellen oder mit der Auswanderung von Leukozyten verläi sondern ob er stillsteht und vernarbt, oder ob er fortschreitet und v käst. Die Verkäsung aber, die Koagulationsnekrose, kann in gleici Weise das exsudative und proliferative Gewebe ergreifen. Auch i proliferative Zentrum des Miliartuberkels pflegt zu verkäsen, wie sc.l Laennec gezeigt hat. Er kann aber auch unter Bildung eh fibrösen Knötchens ausheilen, wie die Befunde bei alter Polyserosi besonders bei Pericarditis obliterans zeigen. Andererseits braucht exsudative tuberkulöse Pneumonie keineswegs immer zu verkäsen, kann auch ausheilen, und zwar entweder unter Narbenbildung o sogar mit einer restitutio ad integrum. Ich habe eine derartige A heilung einer umfangreichen tuberkulösen Pneumonie nicht ganz sei beobachtet, und1 noch viel häufiger als jetzt kam sie vor in der ers Tuberkulinära, als man noch mit grossen Dosen des Mittels arbeit und dabei gar nicht selten in der Umgebung des tuberkulösen Luug herdes recht ausgedehnte entzündliche Reaktionen erhielt. Die Me zahl von ihnen heilte bald wieder aus. Andererseits kann eine ursprü lieh exsudative tuberkulöse Pneumonie bei chronischem Verlauf a in Bindegewebswucherung übergehen: Unter den Präparaten, wel bei diesem Vortrag demonstriert wurden, konnten die Schnitte ei tuberkulösen diffusen Pneumonie gezeigt werden, in welchen an vie Stellen Knospen und Züge jugendlichen Granulationsgewebes in die Fibrin und anderem exsudativen Material erfüllten Alveolen hert gewachsen waren. Hier zeigte sich also der Uebergang einer ursprü lieh rein exsudativen in eine proliferative tuberkulöse Pneumonie. Die Frage, wie es kommt, dass der tuberkulöse Prozess in Lunge bald ausheilt, bald unter proliferativer Wucherung von Gram tionsgewebe in Narbenbildung, also in Zirrhose übergeht, bald aber a dem Gewebstod, also der Verkäsung anheimfällt, wird uns alsfc klarer, wenn wir das Beispiel einer anderen Infektionskrankheit Lunge zum Vergleich heranziehen, nämlich dasjenige der Pneumo Die Lungenentzündung pflegt akut zu beginnen und bietet ganz % wiegend das Bild einer exsudativen Entzündung dar, welche die Alvet mit Fibrin, weissen und roten Blutkörperchen anfüllt. Geht der Prozess der üblichen Weise etwa nach einer Woche in Heilung über, so wird exsudative Material verflüssigt und resorbiert, die Alveolenwände überzie sich mit neuem Epithel und der Entzündungsprozess geht in völlige Wieij herstellung über. Wenn dagegen der Entzündungsreiz längere Zeit andau wenn also der Körper mit den Infektionserregern nicht fertig wird, und .wl namentlich die Zellschädigung tiefer gegriffen, die epithelbildCnden Schiel zerstört hat, so entwickelt sich aus dem ursprünglich exsudativen Pro; mit der Zeit mehr und mehr eine proliferative Wucherung der Bindegewt zellen und Endothelien; jugendliches Granulationsgewebe wächst, wie M; c h a n d und R i b b e r t gezeigt -haben, von den des Epithels herauf Bronchiolen in die Alveolen hinein, erfüllt sie mit einer soliden Masse, alsbald der Bindegewebsbildung anheimfällt und wir stehen vor -der so:; chronischen Pneumoni^, also der Karniiikation und der bindegewebigen \ dichtung, welche grosse Teile der Lunge zur narbigen Verödung bririj ■kann. In nicht ganz wenigen Fällen von Pneumonie, z. B. bei manchen fluenzapneumonien, ist die Schädigung des Lungengewebes durch den eii; drungenen Infektionserreger aber derartig schwer und tiefgreifend, dass n bloss das entzündliche Exsudat in den Alveolen, sondern auch deren Wä mitsamt dem ganzen Lungengewebe dem Tode verfallen; freilich nicht u: dem Bilde der Verkäsung, sondern unter demjenigen der gelben eitri . lärz 1922. MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT. 383 i limelzung. die schliesslich zum Abszess, also zur Verflüssigung und j .[ibildung führt 6). Dass bei der abszedierenden Pneumonie nicht eine 1 0ne Verkäsung, sondern eine eitrige Einsohmelizung stattfindet, kommt ] , her. dass bei der akuten Pneumonie vorwiegend die polynukleären izyten auswandern, welche das abgetötete Gewebe durch ihr verdauen- Ferment zum eitrigen Brei verflüssigen, während beim tuberkulösen die Lymphozyten prävalieren, denen ein solches verdauendes Ferment . Im klebrigen aber zeigt der Prozess der Pneumonie durch Pneumo- ■n und Streptokokken viele Analogien mit der Tuberkulose. Beide (Mi in Heilung übergehen, nur ist bei der Tuberkulose auch in günstigen 1 1 die Gewebsschädigung meist von viel längerer Dauer und sie greift j und deswegen wird sie gewöhnlich nicht in Restitution übergehen, •m mit Narbenbildung heilen. Dabei aber ist es die Regel, dass der vom | -kelbazillus ergriffene Gewebsteil im Zentrum der Nekrose also der jisung anheimfällt und dieser Käse kann entweder von Narbengewebe ilossen liegen bleiben, eingedickt werden und schliesslich verkreiden, er kann auch-wie ein Abszess erweichen, in die Bronchien durchbrechen. \ worfen werden und eine Höhle, die Kaverne, hinterlassen, die derjenigen Linern Lungenabszess nicht unähnlich ist. [(Venn in neuerer Zeit durch Asch off und Albert Frankel die rscheidung zwischen exsudativer und proliferativer Form der rkulose in den' Vordergrund gestellt worden ist, so möchte man Juten, dass es eine Eigentümlichkeit des befallenen Menschen ist, oder mehr mit exsudativen, oder mehr mit proliferativen Pro- auf die eingedrungenen Schädlichkeiten zu antworten, dass es ] also bei den Patienten mit chronisch-proliferativen Phthisen um i Neigung zu defensiver Bindegewebshyperplasie handelt. Diese hauung kann aber nicht als berechtigt anerkannt werden, denn ge- Jilich sehen wir bei der Sektion, dass die zuerst ergriffenen Teile jÖberlappens mehr die proliferativen und vernarbenden Prozesse eten und dass die später erkrankten Unterlappen exquisit das j der akuten exsudativen verkäsenden Pneumonie zeigen und ein jchtiger Arzt wird deshalb mit Vorliebe die Diagnose auf „pro- itiv-exsudative“ Tuberkulose stellen. Veniger aus dem augenblicklichen pathologisch-anatomischen Zu- 1, als aus dem klinischen Verlauf können wir erkennen, ob Cörper oder der Mikroorganismus in diesem Kampfe Sieger bleiben Vor allem die Temperatur, dann aber auch die Beobachtung, tx Prozess sich schnell ausbreitet, oder auf seinen Herd beschränkt t, ferner die toxischen Allgemeinersc'heinungen geben uns Auf- ss. Dämnfutig und Bronchialatmen, verschärftes oder abge- ächtes Atmen, Fehlen oder Vorhandensein von Rasselgeräuschen nen sowohl bei exsudativen wie bei proliferativen Prozessen vor, aus den physikalischen Erscheinungen allein können wir, nur jssen, ob etwa eine Verdichtung des Lungengewebes grösseren geringeren Umfanges vorhanden ist, nicht aber ob sie durch eine illung des Alveolargewebes mit exsudativem Material oder durch bindegewebige Kornifikation bedingt ist. Wir hören mit dem loskon nur die physikalischen Verhältnisse, nicht aber den zellu- Charakter der ' Erkrankung. Auch die Röntgenphotographie, he für die Diagnose der Lungentuberkulose von der grössten Be- ing ist. wird für die Frage, ob der Prozess gutartig oder bösartig, ob ehr proliferativ oder exsudativ ist, nur mit Vorsicht herangezogen Ien können. Gewiss geben die fibrösen Indurationen die dichtesten tten, ebenso wie sie auch die intensivsten Dämpfungen liefern, andererseits werden diffus verstreute grobfleckige Schatten den Sacht auf disseminierte bronc’hiogene azinöse nodöse, also vor- ijend exsudative Prozesse erwecken. Doch kann auch die Be- litung des Röntgenbildes zu Irrtümern Veranlassung geben. Es j ir erst kürzlich ein Fall begegnet, der auf der Röntgenphotographie ypische Verhalten einer üblen disseminierten grobfleckigen Tuber- e darbot; die Anamnese bei dem völlig fieberlosen Kranken Hess erkennen, dass es sich um die vernarbten Reste einer schon seit ihren ausgeheiltep ausgedehnten tuberkulösen Erkrankung handelte. :s darf übrigens nicht vergessen werden, dass die Widerstands- keit des infizierten Individuums nicht allein maassgebend ist, ern dass auch die Virulenz des Bazillenstammes und besonders die Menge der infizierenden Bazillen in Betracht kommt. Gegen Ueberschwemmung mit riesigen Bazillenmassen, wie £ie durch ration in den Unterlappen nach. Blutung in eine Kaverne vor- nen, ist auch die beste Konstitution wehrlos. lA’ir können als gesichert annehmen, dass für die Frage, ob eine 'kulöse Infektion überwunden wird oder ob sie akut oder chro- fortschreitend zum Tode führt, in erster Linie das Verhalten, die Widerstandsfähigkeit des infizierten Organismus maassgebend Sicher spielen dabei erworbene immunisatorische, also fische Faktoren eine wichtige Rolle, aber die erworbene Immunität ehr häufig unzuverlässig, jedenfalls kann sie durchbrochen werden, nur durch Infektionskrankheiten, z. B. durch Masern, Typhus und hhusten. sondern auch durch Schwangerschaft und Unterernährung. 2 Durchbrechung der Immunisationsvorgänge kann durch einVcr- inden der Pirquet sehen Reaktion gekennzeichnet werden. 6) Bei der Tuberkulose und bei der Vakzination darf wohl als sicher lommen werden, dass die Abtötung des Gewebes durch das Zusammen- -n eines Bakteriengiftes mit den Abwehrkräften (Immunisierungssub- en) des infizierten Organismus zustande kommt und auch bei der tertiären ilis ist wahrscheinlich die Nekrose des Gutnmigewebes ähnlich zu n. ^ Es erscheint aber sehr zweifelhaft, ob auch die Gewebsnekrose und e Einschmelzung beim Lungenabszess durch ähnliche komplexe Vorgänge 'klären ist, wahrscheinlich besitzen gewisse Bakterien, z. B. Staphylo- en und Streptokokken an sich die Eigenschaft. Zellen und Gewebe zu • ohne dazu der Mitwirkung von Körpersäften zu bedürfen. Höchst wahrscheinlich ist es, dass neben diesen spezifischen Im¬ munisierungsvorgängen auch nicht spezifische, genuine Abwehrkräfte des Organismus eine Rolle spielen, ja diese nicht spezifischen Wider¬ standskräfte scheinen sogar unter Umständen wichtiger zu sein als die spezifischen: Wenn eine tuberkulöse Infektion a limine im Primär¬ affekt und in den Hilusdrüsen ausheilt, oder nach ein paar Schüben sekundärer Art mit weiter verbreiteter Lymphdrüsenschwellung zum definitiven Stillstand kommt, so kann man entweder annehmen, dass der Organismus von sich aus genügende, nicht spezifische Abwehrkräfte besessen hat, man kann aber ebenso gut die Vermutung aussprechen, dass er prompt die spezifischen Abwehrkräfte gebildet hat, welche der Ausbreitung des Prozesses entgegenwirkten. Aber es ist klar, dass es auch bei der Annahme dieser zweiten Möglichkeit schliesslich im wesentlichen auf die Eigenschaften des infizierten Organismus ankommt, nämlich darauf, ob er seine Abwehrkräfte prompt mobilisieren kann oder nicht. Die Immunis.ierungvorgänge sind ein Weg, ein Mittel zur Erreichung dieses Zwecks. Für die Frage, ob ein Mensch bei der allgemein verbreiteten Infektionsmöglichkeit sein Lebtaglang von der Tuberkulose verschont bleibt, ob er eine Infektion rasch und dauernd überwindet, oder ob er i'hr widerstandslos zum Opfer fällt, ist nicht allein die in früher Kindheit erworbene Immunität maasgebend, sondern offenbar in viel höherem Grade die allgemeine Resistenzfähigkeit des Körpers; oder mit anderen Worten: es erscheint weniger wichtig, ob er sich gegenüber den Tuberkelbazillen verhält wie das reinfizierte allergische Meerschweinchen gegenüber dem erstmalig infizierten, als darum, ob er einer Infektion mit Tuberkelbazillen entgegentritt ähnlich wie ein Hund oder ähnlich wie ein Meerschweinchen. Es entzieht sich gänzlich unserer Kenntnis, woran wir diese nicht spezifischen Widerstandskräfte erkennen können, und im einzelnen Fall ist es auch nicht möglich, zu entscheiden, welche Abwehrkräfte im Werke sind und wie sie wirken. Dort aber, wo unsere Kenntnisse am geringsten sind, dort blühen die Blumen der Hypothese und Spekula¬ tion am üppigsten. Anthropometrie. Von Prof. Dr. Rudolf Martin in München. Ich folge einer Aufforderung des Schriftleiters dieser Wochenschrift und dem von praktischen Aerzten wiederholt an mich gerichteten Wunsche, wenn ich an dieser Stelle eine möglichst gedrängte Beschrei¬ bung der von mir geübten anthropometrischen Technik gebe. Jede Messung des menschlichen Körpers hat den Zweck, für irgend¬ welche morphologischen Merkmale einen exakten, ziffernmässigen Aus¬ druck zu geben. Wo es sich nicht um ganz spezielle Fragen handelt, wird es meist darauf ankommen, denjenigen morphologischen Merkmal- komplex eindeutig zu fixieren, der das Individuum charakterisiert. Durch die Messung, wird aber nicht nur die äussere Körperform festgelegt, wie man irrtümlicherweise vielfach annimmt, sondern, indem viele unserer Maasse an Skeletpunkten angreifen, erfasst sie auch den Aufbau des ganzen Körpergerüstes und lässt, besonders durch Umfangmaasse, selbst die Beteiligung einzelner Gewebe an der Zusammensetzung des Körpers erkennen. So bildet sie neben der klinischen Beobachtung ein wichtiges Hilfsmittel zur Erkennung der menschlichen Konstitution, das nicht länger vernachlässigt werden darf. Jedes mornhologische Merkmal lässt sich messen, aber man wird sich vernünftigerweise auf solche Maasse beschränken, die eine wichtige körperliche Eigenschaft fest¬ stellen, und die zwar unentbehrliche, aber stets subjektiv gefärbte Be¬ schreibung zu präzisieren geeignet sind. ■ Zahlen erwecken bei den meisten Menschen die Vorstellung der Genauigkeit. Diese Vorstellung ist aber nur in den Fällen berechtigt, in welchen die Gewinnung dieser Zahlen wissenschaftlich einwandfrei war. Dazu gehören: 1. genaue Instrumente, 2. eine bewährte, gewissenhaft durchgeführte Messtechnik, 3. geübte Beobachter, 4. ein geeignetes Material und 5. eine auf Grund der neueren biometrischen Methoden einwandfreie statistische Verarbeitung der durch die Messung erhaltenen Zahlenwerte. Von diesen verschiedenen Punkten sollen hier zunächst nur die drei ersten kurz besprochen werden. Die zur Gewinnung genauer Werte erforderlichen Apparate sind Präzisionsinstrumente; die primitiven Einrichtungen, die von Nichtfach¬ leuten vielfach verwendet werden, sind für wissenschaftliche Zwecke schlechthin unbrauchbar und können niemals zuverlässige Resultate liefern. Entsprechend den verschiedenen, durch Messung festzustellen¬ den Dimensionen des menschlichen Körpers brauchen wir auch ver¬ schiedene Instrumente. Für die Höhenmcssungen, die, wie ich später zeigen werde, eine wichtige Rolle bei der Berechnung der Längenproportionen unseres Körpers spielen und die wir zur Konstruktion von Proportionsfiguren benötigen, kommt nur das Anthropometer in Betracht. Es ge¬ stattet, die Höhenlage irgendwelcher Körperpunkte über der Stand- oder Sitzfläche in Projektion auf die vertikale Prinzipalachse mit absoluter Sicherheit zu bestimmen. Das Anthropometer besteht aus einem runden, nur an einer Seite etwas abgeflachten, 2 m langen Hohlstab aus Messing, der des leich¬ teren Transportes wegen in 4 Teile zerlegbar ist und in eine Segel¬ tuchhülle verpackt werden kann (Abb. 1). Der Stab besitzt eine doppelte Millimeterskala. Die eine erstreckt sich, am unteren Stab¬ ende beginnend, von Null bis 2000 mm über alle 4 Teilstücke, die andere ist auf der entgegengesetzten Seite des Stabes angebracht und läuft in umgekehrter Richtung, mit dem Nullpunkt am oberen Ende des Anthropo- MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT. Nr. 384 meters beginnend, nur über die beiden oberen Teilstücke des Stabes. Diese letztere Skala kommt für die Höhenmessungen nicht in Betracht. Dem Anthropometer sind ausserdem zwei 28 cm lange, schmale, an dem einen Ende spitz auslaufende und auf einer Seitenfläche mit Millimeter¬ einteilung versehene Stahllineale beigegeben, die bei den neueren Instru¬ menten mit den römischen Ziffern I und II bezeichnet sind. Vor Beginn einer Messung steckt man die 4 genau ineinander- gepassten Teilstücke unter Beachtung der beiden Skalen sorgfältig und fest ineinander, so dass die Gradeinteilungen an keiner Stelle unter¬ brochen sind. .. , ,, An dem Anthroporneterstab gleitet in sicherer Führung ein Metall¬ schieberkästchen mit einem Fensterausschnitt, das an seinem oberen Ende eine Querhülse trägt, in welcher das eine (mit I bezeichnete) Stahl- Abb. X. Anthropometer, in seine vier Teile zerlegt. Daneben die beiden Lineale. Vs nat. Gr. (Aus Martins Lehrbuch, Fig. 29, S. 113.') lineal horizontal verschiebbar ist. Das Lineal muss so in die Schieber¬ hülse eingesteckt werden, dass, wenn man auf den Fensterausschnitt des Schieberkästchens blickt, die Spitze nach links und unten gerichtet und dem Beschauer die nichteingeteilte Fläche des Lineals zugekehrt ist. (Nur das eine der beiden Lineale entspricht dieser Anforderung.) Ist das Lineal richtig in die Hülse eingeführt, so liegt reine Spitze und Unterkante in einer Linie mit dem Oberrand des Schieberfensters, so dass an diesem die Höhe eines jeden von der Linealspitze oder dem Linealunterrand berührten Körperpunktes über der Stand- oder Sitz¬ fläche abgelesen werden kann. Das Instrument ist jetzt für die Ab¬ nahme der Höhenmessungen zum Gebrauch fertig. Aber mit dem Anthropometer ist aus Sparsamkeitsgründen zugleich noch ein Stangen- oder Schiebezirkcl kombiniert, den wir zur Feststel¬ lung der Körperbreiten oder kürzerer Dimensionen, wie z. B. der Fuss- länge und Fussbreite, benötigen. Als solcher wird einfach das oberste Teilstück des Anthropometers benützt1) (Abb. 2). Zu diesem Zwecke wurde an dem Kopfende des obersten Teilstückes eine zweite, der Schieberhülse entsprechende und mit ihr parallel gerichtete Hülse an¬ gebracht. die für das zweite (mit II bezeichnete) Lineal bestimmt ist. Dieses wird, unter der Voraussetzung, dass man wieder wie vorhin den Fensterausschnitt des. Schiebers und damit die bis 2 m durch¬ laufende Skala des Stabes gegen sich gerichtet hat, so in die Hülse eingesteckt, dass es, dem Schieberlineal entgegengesetzt, mit der Spitze zwar auch nach abwärts, aber nach rechts sieht. Auch an diesem Lineal muss wieder die nicht graduierte Fläche dem Beschauer zu¬ gekehrt sein, sonst ist das Lineal unrichtig eingesetzt. Es ist vorteil¬ haft, gleich vor Beginn einer Messung beide Lineale in der angegebenen Weise an dem Stab anzubringen. Geht man beim Messen von den Höhenmaassen zu den Breiten- 1) Man kann auch die beiden oberen Teilstücke als Stangenzirkel ver¬ wenden, wenn man Körperdimensionen feststellen will, die 480 mm über¬ schreiten. maassen über, d. h. will man das Anthropometer in einen Stangenzi umwandeln, so hebt man einfach das oberste Teilstück des Anthrc meters ab, muss aber nun das Schieberlineal so umstecken, dass dem oberen Lineal gleichgerichtet ist. Dies geschieht mit einem i am raschesten und bequemsten dadurch, dass man. das Stabstück in linken Hand haltend, das Lineal mit der rechten Hand an seinem teren Ende fasst und herauszieht und dann den Stab um seine La achse um ISO0 dreht, so dass jetzt der Fensterausschnitt des Schiel dem Beschauer abgewendet ist. Hierauf wird das Lineal von ne von derselben Seite her, d. h. von rechts nach links, so in die H eingeführt, dass seine Spitze nach oben und links schaut. Jetzt an beiden Linealen die graduierten Breitseiten gegen den Besch; gerichtet und die Linealspitzen einander zugekehrt. (Vgl. Abb. 2.) Abb. 2. Stangenzirkel. Oberstes Teilstück des Anthropometers mit eingesb Linealen. Vs nat Gr. (Aus Martins Lehrbuch, Fig. 31, S. 115.) Abnahme direkter Maasse werden beide Lineale gleichlang ausgez d. b. auf dieselbe Millimeterzahl eingestellt. Bei projektivi; Messungen bilden die beiden Lineale zwei rechtwinkelige Ordinate! Stab des Stangenzirkels die Abszisse, auf die die beiden Endpunkt) zu messenden Linie projiziert werden. Das Ablesen der Entfernung der beiden JLinealspitzen erfolgt Stangenzirkel natürlich an der von oben beginnenden Skala, und an dem Oberrand der Schieberhülse, also an der dem Fensterausst entgegengesetzten Seite des Schiebers. Neuerdings habe ich neben den geradlinigen Linealen auch solche mit einer tasterförmigen Ausbiegung hersteilen lassen, urr Stangenzirkel auch für die Feststellung von in der Medianebenc Körpers liegenden Durchmessern verwenden zu können, für die b ein besonders grosser Taster nötig war. Man braucht zur Abn solcher Maasse also nur die geraden Lineale durch die Tasterlinea ersetzen. Zur Messung kleinerer Abstände zweier Körperpunkte vonein; verwendet man am besten den Tasterzirkel. Er dient dahe allem bei der Feststellung der Kopfmaasse, soweit sie nicht projekti genommen werden müssen. Der Tasterzirkel besteht aus zwei ein Gelenk verbundenen Stahlschenkeln, die in ihrem unteren AbS' gerade, in ihrem oberen aber seitlich ausgebogen und mit birnf abgerundeten Enden versehen sind. Der eine Schenkel trägt ai Stelle, wo die Abbiegung beginnt, den Drehpunkt eines mit Reduk teilung versehenen Stahllineals, welches in einem am anderen Schl drehbar angebrachten Führungskästchen mit Index hin- und herpl (Abb. 3). Die maximale ablesbare Entfernung der Zirkelspitzen bi 300 mm Die Ablesung erfolgt an der abgeschrägten Kante des des Führungskästchens. Eine kleine Schraube an der Unterseite letzteren gestattet die Tasterarme in jeder Lage zu fixieren und die Richtigkeit des abgelesenen Maasses zu kontrollieren. Ir schlossenem Zustand kann das Instrument bequem in die Tasch steckt werden; das Stahllineal liegt dann auf den sich mit ihren I März 1922. MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT. ihrenden Tasterarmen. Will man die Messung beginnen, so zieht i die beiden Arme soweit auseinander, dass man das Lineal in das rungskästchen einstecken kann. Die Schraube des letzteren wird i so gestellt, dass eine halbe Umdrehung genügt, um das Lineal zu ren. Der Gleitzirkel, der vor allem für die feineren Gesichts- und 1 ikelmessnngen ein sehr handliches Instrument darstellt, ist der ieblehre der Mechaniker naciigebildet und unterscheidet sich von ji Stangenzirkel nur durch seine geringe Grösse und die Unver- . ebbarkeit seiner Arme (Abb. 4). Er besteht aus einem 250 nun :en>, beiderseitig mit Millimetereinteilung versehenen Stahllineal, i [essen einem Ende ein 120 mm langer Querarm mit einem zugespitz- und einem stumpfen, abgeplatteten Ende befestigt ist. Ein an dem illineal gleitender Schieber trägt einen zweiten, genau gleich- auten und gleichlangen Querarm. Die Gradeinteilung beginnt mit i Nullpunkt an der Basis des festen Armes, und der Abstand der eispitzen, resp. der Innenflächen der Querarme wird an einer ab- chrägten Stelle des Schiebers abgelesen. Auch an diesem Instru- ite erlaubt eine kleine Schraube an der unteren Schmalseite des iebers, diesen letzteren in jeder beliebigen Lage durch eine rasche j raubendrehurig festzustellen. IZur Messung von Kurven und Umfängen dient das Bandmaas s, (i kommt für anthropometrische Zwecke nur ein Stahlbandmaass von —200 cm Länge in Betracht. Bandmaasse aus gewebtem Stoff diffe- 2ii infolge der schlechten Einteilung unter sich und vom Normal- ermaass oft um 10 mm und dehnen sich ausserdem im Gebrauch. Die drei letztgenannten Instrumente, Taster, Gleitzirkel und Band¬ iss werden zugleich mit einem Dermographen und einem Bleistift einer leicht transportablen Segeltuchmappe, die auch noch eine che für die Beobachtungsblätter enthält, geliefert. Als Fabrikant für iropologische Apparate kam früher nur die feinmechanische Werk- tte von P. Hermann in Zürich in Betracht; seit Jahresfrist werden obengenannten Instrumente aber auch von Alig & Baumgärtel, Piü- Von den zur Charakterisierung des Körperbautypus brauchbaren Maassen seien hier nur die wichtigsten aufgezählt. Ich lege dabei das Schwergewicht auf den Modus procedendi. weil von ihm in erster Linie die Genauigkeit der gewonnenen Werte abhängt. Die in eckigen Klam¬ mern beigefügten Zahlen beziehen sich auf die entsprechenden Nummern in der soinatometrischen Technik meines bereits genannten Lehrbuches, wo sich weitere Erläuterungen, besonders auch über die Messpunkte, finden. Körpergewicht [Nr. 71], Für klinische und anthropologische Zwecke kommt nur das Nacktgewicht in Betracht. Alle, erst aus Kleidergewichten berechneten Körpergewichte geben nur ganz approxi¬ mative, für individuelle Fälle durchaus wertlose Zahlen. Das Gewicht der Kleider unterliegt bei unserer Bevölkerung je nach Geschlecht, sozialem Stand und Jahreszeit grossen Schwankungen. R a u t m a nn (Unter¬ suchungen über die Norm. Jena 1921, S. 20) stellte sogar bei Soldaten, die doch einheitlicher gekleidet sind, Unterschiede zwischen Nackt¬ gewicht und Gewicht in Uniform (in Stiefel. Hose und Rock, ohne Mütze und Koppel) von 3,0— 8,0 kg fest. Selbst das Hemd unserer Volksschul¬ kinder wiegt je nach Material, Jahreszeit, Geschlecht und Alter der Kinder zwischen 80—420 g, so dass ein einheitlicher Abzug von 100 g von dem im Hemd festgestellten' Gewicht, wie er vielfach geübt wird, nicht als genau genug bezeichnet werden kann. Die Ablesung hat mit einer Genauigkeit von 100 g und, besonders bei wiederholten Wägungen des gleichen Individuums, unter Berücksichtigung der Tageszeit zu er¬ folgen, da das Körpergewicht im Laufe des Tages zunimmt. Die Ein¬ tragung in das Beobachtungsblatt erfolgt in Kilogramm; ein Gewicht von 50 kg und 300 g wird also einfach 50,3 geschrieben. Auch die sämtlichen folgenden Messungen sind am unbekleideten Individuum vorzunehmen, höchstens das Anlegen einer, die Schamteile bedeckenden Binde kann gestattet werden. Jedes weitere Kleidungs¬ stück aber, und sei es nur ein Hemd oder ein Badeanzug beeinträchtigt die Genauigkeit der Bestimmung der Messpunkte und macht die Beob¬ achtung des so wichtigen äusseren Körperreliefs unmöglich. Beobachter, 3. Tasterzirkel, geöffnet u. geschlossen. (‘/6 nat. Grösse.) ab. 4. Gleitzirkel. (V6 nat. Grösse Abb. 5. Messung der Körpergrösse. Abb 6. Messung der Höbe des r. vorderen Darrabeinstachels über dem Boden. Abb. 7. .Messung der kleinsten Stirnbreite. onsmesswerkzeugfabrik in Aschaffenburg, hergesteilt und können 2kt von dort bezogen werden. Alle Winkelmessungen am Körper, z. B. die verschiedenen Gesichts- nkel oder die Neigung des Brustbeins zur Vertikalen, der Gelenk- i Beckenachsen zur Horizontalen werden am besten mit einem inen Goniometer ausgeführt, der sowohl an den Gleitzirkel, wie den Taster angesteckt werden kann. Da es sich, aber hier um ezialuntersuchungen handelt, so sei hinsichtlich der Beschreibung i Handhabung dieses Instrumentes auf mein Lehrbuch der Anthro- logie (Fischer, Jena 1914, S. 491 — 492) hingewiesen. Dagegen bedarf man zur Feststellung des Körpergewichtes noch her Wage, wozu sich am besten sog. Personenwagen mit Lauf- ■wichtsanordnung eignen. Gewöhnliche Dezimalwagen erfordern bei 1 ssenuntersuchungen durch das beständige Auswechseln der Gewichte viel Zeit. Leider erfüllen die wenigsten Wagen in den Schul- und Lnkenhäusern die Anforderungen ap Genauigkeit, die an sie gestellt nrden müssen. Unerlässlich ist eine beständige Kontrolle der Wage. 1 sonders nach jeder Ortsveränderung durch den Untersucher selbst dtels eines Normalgewichtes, das mindestens 1/io der Wiegekraft der age betragen muss. Man prüfe auch die richtige Stellung der Wage : ttels Senkblei und WasSerwage und lasse den zu Wiegenden sich :;ts genau auf die Mitte der Brücke stellen./ die mit dem nötigen Takt und mit wissenschaftlicher Sachlichkeit Vor¬ gehen, werden keinen Widerständen begegnen. Schulkinder sollten aber nur einzeln, nicht in Anwesenheit ihrer Genossen gemessen werden. Man erledige, um das Individuum nicht zu ermüden, sämtliche Mes¬ sungen in rascher Folge hintereinander, was dadurch erleichtert wird, dass man die gefundenen Zahlenwerte einem Gehilfen zuruft, der sie zur Kontrolle wiederholt und in das Beobachtungsblatt einträgt. Die Reihenfolge der Maasse muss derart sein, dass im Interesse möglichster Zeitersparnis ein Maass praktisch leicht nach dem anderen genommen werden kann, und dass ein wiederholtes Auswechseln der Instrumente vermieden wird. Bei unruhigen Personen, bei welchen die Möglichkeit besteht, dass sie ihre Körperhaltung während des Messens verändern, wird man vorteilhafterweise sämtliche Messpunkte, ehe man mit den Messungen beginnt, aufsuchen und mit dem Dermographen auf der Haut durch kleine Kreuzchen oder dünne, kurze Striche markieren. Bei dieser I Aufzeichnung der Punkte achte man sorgfältig darauf, dass man die ! Haut nicht während der Palpation auf ihrer Knochenunterlage ver¬ schoben hat. Körpergrösse [Nr. 1 [. Sie ist gleich der vertikalen Entfernung des Scheitels von der Bodenfläche beim aufrechtstehenden Individuum. Zur Bestimmung der Körpergrösse und der neun folgenden Maasse wird das Individuum aufrecht, in guter, natürlicher Haltung so an eine senk- 386 MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT. rechte Wand gestellt, dass es diese mit den Fersen, mit Qesäss und Rücken, jedoch nicht mit dem Hinterkopf berührt. Der Kopf darf nicht nach der Seite geneigt und muss von- dem Beobachter so eingestellt werden, dass der leicht palpierbrre Unterrand der Orbita und die Ober¬ ränder der beiden Ohrecken (Tragus) in eine Horizontale zu liegen kommen. Es genügt in der Regel die Bestimmung der Ohr-Augen- Horizontalen an der einen, am bequemsten an der rechten Kopfseite. Die Schultern dürfen nicht hcchgezogen werden, und die möglichst ge¬ streckten Arme hängen an den Seiten des Körpers herab, so dass die Handteller gegen die Seitenflächen der Oberschenkel sehen. Nun stellt sich der Beobachter an die rechte Seite der zu messenden Person, indem er das Anthropometer nur mit drei Fingern seiner rechten Hand am Unterrand des Schieberkästchens festhält. Das Instrument muss dabei senkrecht und genau in der Medianebene vor dem Individuum und das langausgezogene Schieberlineal einige Zentimeter über (lern Scheitel des Individuums stehen. Jetzt schiebt man das Schieberkästchen langsam herab, bis der Unterrand des Lineals den Scheitel (Vertex) berührt, was mit Daumen und Zeigefinger der linken Hand kontrolliert wird, und liest die Körpergrösse auf Millimeter genau am Oberrand des Fensterausschnittes ab (Abb. 5). Auch bei allen folgenden Messungen hält man das Anthropometer in der rechten Hand, während man mit der linken Hand je nach Bedürfnis das Schieberlineal auszieht oder zurück¬ schiebt und die Messpunkte palpiert. Das Vertikalhalten des Instru¬ mentes macht nur dem Anfänger einige Schwierigkeit, die aber nach kurzer Uebung überwunden wird. Im .übrigen kann man die unteren 10 cm des Anthropometers auch in eine Fussplatte mit Hülse einlassen, wodurch das Instrument von selbst senkrecht stehen bleibt. In einzelnen, besonders klinischen Fällen kann die Bestimmung der Körpergrösse und der anderen Höhenmaasse am Aufrechtstehenden un¬ möglich sein. Man ist dann genötigt, die Messungen am Liegenden vorzunehmen in der Art, wie man Leichenmessungen ausführt, wozu wieder das Anthropometer verwendet werden kann. Allerdings muss die Unterlage durchaus eben sein. Messungen im Bett, oder auf einer nachgiebigen Matratze sind unbrauchbar. Dagegen genügt irgendein Tisch, auf den man das Individuum mit dem Rücken der Länge nach ausgestreckt legt und an dessen unterem Ende man ein senkrechtes Brett anbringt, an das die Fusssoblen angestemmt werden. An dem oberen Abschnitt dieses ungefähr 35 cm hohen und 40 cm breiten Brettes wird eine 6 cm lange, horizontal gestellte, halbierte Metallhülse angebracht, in die man das untere Ende des Anthropometers legt, so dass der Nullpunkt des Stabes der Fussplatte entspricht. Ein gleich hohes Stativ, mit entsprechender halbierter Metallhülse wird an das Kopfende gestellt, und ist dazu bestimmt, den oberen Teil ides Instru¬ mentes aufzunehmen. Der Stab des Anthropometers liegt nun genau horizontal in -der Medianebene über dem zu Untersuchenden, und man braucht das Schieberlineal nur von oben herunter auf die Messplatte zu führen, um die entsprechenden Höhen ablesen zu können. Unter den Kopf wird ein Kissen gelegt, weil jetzt die Ohr-Augen-Ebene senkrecht zur Tischfläche stehen muss. (Vergl. Lehrbuch Abb. 30, S. 114.) Ich möchte aber ausdrücklich darauf hinweisen, dass die an Liegen¬ den gewonnenen Maasszahlen nicht mit den im Stehen ermittelten ver¬ glichen und zusammen verarbeitet werden dürfen. Nach eigenen Be¬ obachtungen an mittelgrossen Individuen konnte ich durchschnittliche Unterschiede von 14 — 55 mm für die einzelnen Höhen bei grossen in¬ dividuellen Schwankungen feststellen. Es sind eben im Liegen die Stellung des Beckens und die Krümmungen der Wirbelsäule ganz andere als beim Stehen. Auch werden im Liegen die Schultern hochgezogen, und durch die Verlagerung der Eingeweide verändert sich auch die äussere Form des Abdomens und Brustkorbes und damit Nabel- und Mamillenlage. Es ergibt sich also eine ganz andere äussere Körper¬ topographie als beim Stehenden. Die an die Bestimmung der Körpergrösse sich anschliessenden Messungen sind die folgenden: Höhe des oberen Brustbeinrandes überdem Boden [Nr. 4]. Man lässt das Anthropometer ruhig an seiner ursprünglichen Stelle stehen, neigt es nur ein wenig nach aussen, stösst das Schieber¬ lineal leicht zurück, um das Schieberkästchen am Gesicht des zu Messen¬ den vorbei bis in die Höhe des oberen Brustbeinrandes (Incisura jugu- laris) herabführen zu können. Nun zieht man das Schieberlineal bei senkrecht stehendem Anthropometer wieder so weit aus, dass die Spitze auf dem als Suprasternale bezeichneten Messpunkt, der der tief¬ sten Stelle der Incisura jugularis entspricht, aufliegt, was mit dem Zeige¬ finger der linken Hand leicht kontrolliert werden kann. Dieses und alle folgenden Maasse müssen auf Millimeter genau abgelesen werden. Höhe des oberen Symphysenrandes über dem Boden iNr. 6l. In gleicher Weise, wie eben beschrieben, d. h. ohne das Anthropometer von seinem Platze zu rücken, zieht man das Schieberkästchen bis in das Niveau des Oberrandes der Symphysis ossium pubis herab. Der hier gelegene Messpunkt (Symphysion) wird leicht gefunden, wenn man die flache Hand mit gestreckten Fingern auf die vordere Bauchwand des zu Messenden legt, und unter leichtem Druck nach innen so weit nach abwärts führt, bis die Spitze des dritten Fingers auf eine harte Unterlage stösst. Hier ist der gesuchte Mess¬ punkt, der meist im Niveau der oberen Schamhaargrenze, resp. einer kleinen transversalen Beugungsfurche liegt, die besonders bei Kindern den Schamberg deutlich nach oben begrenzt. Das Symphysion ent spricht also stets dem höchsten Punkte der Symphyse in der Median ebene und darf nicht auf der Vorderfläche oder gar in der Nähe der äusseren Geschlechtsteile gesucht werden. Durch Abzug des letzten von dem vorletzten Maasse berechnet man Nr. i ' die Länge der vorderen Rumpfwand [Nr. 27], die zu¬ lässigste Rumpflänge, die wir feststellen können, da alle an der Rück fläche des Körpers genommenen Masse infolge der individuell wi selnden Ausbildung und Richtung der Dornfortsätze unsicherere : sultate ergeben. Dass man zu einer eingehenden Topographie der deren Rumpfwand auch die. Höhenlage des unteren Randes des Co: sterni, des Nabels und der Mamillen feststellen wird, versteht sich | selbst. Alle Maasse der Extremitäten werden an der recl Körperseite genommen; nur wenn es sich darum handelt, Asym trien der Gliedmaassen oder Anomalien der Körperhaltung festzuste wird man die Messung auch an der linken Körperseite durchfüll Die Längendimensionen können aus folgenden Maassen berec! werden: Höhe des rechten Akromion über dem Boden [Ni Man stelle das Anthropometer jetzt vor die rechte obere Extren des zu Beobachtenden und verfahre im übrigen, wie oben beschrie Die rechte Hand des Beobachters hält das Anthropometer und f zugleich den Schieber, während die linke die Messpunkte palp Wichtig ist, dass der Arm des zu Messenden gestreckt^ und ruhig der Seitenfläche des Körpers anliegt, ohne dass die Schulter b gezogen wird. Der zur Messung einzig verwendbare Akromialpi liegt ungefähr in der Mitte des Seitenrandes, des von hinten, unten i vorn oben ansteigenden Akromion und ist gewöhnlich zwischen * etwas divergierenden Ursprungsportionen des M.deltoides leicht zu fül Frontalschnitte durch das Schultergelenk beweisen, dass ein auf d •Weise bestimmter Punkt nur 3 bis 5 mm höher als der Oberrand Humeruskopfes gelegen ist. Die Unterkante des Schieberlineals n daher dem Seitenrand des Akromion anliegen und darf nicht auf de: Oberfläche aufgesetzt werden, sonst erhält man zu grosse Armlän Im übrigen ist die ganze Topographie der seitlichen Schultergeg vor allem die wechselnde Lagebeziehung des Akrömialrandes zur Ari latio acromio-clavicularis für einzelne Konstitutionstypen dure charakteristisch. HöhederrechtenEllenbogengelenkfugeüberd Boden [Nr. 9]. Das Schieberkästchen des Anthropometers wird so weit herabgeführt, dass die Spitze des Lineals den als Radiale zeichneten Messpunkt, d. h. den Oberrand des Capitulum radii bef Die Fuge der Articulatio humero radialis verläuft annähernd horize in einem mehr oder weniger vertieften, stets deutlich sichtbaren G chen. Ich markiere den Punkt mit dem Fingernagel des linken Zc fingers und lege die Linealspitze direkt auf die Nagelplatte dieses Fin auf. Um dieses und die folgenden Maasse zu nehmen, muss sich Beobachter selbst in ein Knie niederlassen (vgl. Abb. 6). Hö.he des Griffelfortsatzes' des rechten Rad über dem Boden [Nr. 10]. Der Messpunkt (Stylion) entspricht tiefsten Punkt des Proc. styloideus, der in der von den Endsehnen Mm. abductor pollicis und extensor pollicis brevis und des M. exte pollicis longus gebildeten dreieckigen Vertiefung (Tabatiere) leicht funden wird, wenn man mit der Nagelplatte des Daumens von u her gegen die Spitze des Griffelfortsatzes drückt. Höhe der rechten Mittelfinger spitze über d Boden [Nr. 11], Die Hand der zu messenden Person muss zur nähme dieses Maasses ganz gestreckt werden, ohne aber den Ari seiner Lage zum Körper zu verändern. Hierauf wird die Spitze Lineals an den Unterrand der Fingerbeere des Mittelfingers (Dakty angelegt und die Höhe abgelesen. Durch Abzug der vier letztgenän Maasse voneinander berechnet man sowohl die Ganze A r m 1 ä [Nr. 45] als auch die Länge des Oberarmes [Nr. 47], Unterarmes [Nr. 48] und der Hand [Nr. 49]. Will man auf Teilkomponenten des Armes verzichten, so bestimmt man nur die I des Akromion und der Mittelfingerspitze. Oberarm-, Unterarm- Handlänge können auch direkt mit dem Stangenzirkel gemessen we doch stimmen diese direkten Maasse nicht ganz genau mit den jektivischen überein. Zur Längenmessung der unteren Extremität dienen die folge! Maasse: Höhe des rechten vorderen Darmbeinstacl: iiberdemBoden [Nr. 13]. Der Messpunkt (Iliospinale ant.) ist 1 zu finden, wenn man die vier Finger seiner linken Hand auf den rec Darmbeinkamm der zu messenden Person legt und mit dem Dar von innen und unten, d. h. vom Leistenband her die tiefste Stelle Spina iliaca ant. sup. zu erreichen sucht. Nicht die am meisten gewölbte Stelle des nach vorn abfallenden Darmbeinkammes, sor die eigentliche Spina ist als Ausgangspunkt der Messung zu wäj Die Ausführung der Messung zeigt Abb. 6. Da der Oberrand des Femurkopfes beim Lebenden mit ke Instrument erreichbar ist, und der Trochanter major infolge seiner i dehnung und seiner Beziehungen zu den straffen Endsehnen der i glutaei med. und min. einen schlechten Messpunkt darstellt, so -J aus der Spinalhöhe auch die Ganze Beinlänge [Nr. 53] berec: werden. Individuell schwankt die vertikale Entfernung vom Iliosp zur Femurkopfkuppe zwischen 19 und 52 mm. je nach Körpergr; Beckenneigung und Form der Beckenschaufeln. Man muss daher vor Höhe des vorderen Darmbeinstachels einen bestimmten Betrag ziehen und zwar bei einer Körpergrösse bis zu 130 cm 15 mm „ „ „ von 131 bis 150 cm 20 mm „ „ „ von 151 bis 165 cm 30 mm ,. „ „ von 166 cm u. darüber 40 mm MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT. 387 März 1922. Es ist selbstverständlich, dass man auf diese Weise nur approxi- ive Werte für die Beinlän-ge erhält, doch ist der Fehler im ein- len Fall, wie Untersuchungen am Skelet ergaben, nur gering. Höhe der rechten Kniegelenkfuge über dem Boden 15]. Der Messpunkt (Tibiale) liegt am inneren Gelenkrand des alkopfes vor dem Lig. collaterale tibiale. Die Orientierung ist ;h die Patella und vor allem durch das Lig. patellare gegeben. Fasst t dieses zwischen Daumen und Zeigefinger der rechten Hand, und ; ebt mit dem letzteren die Haut einmal in der Vertikalen und dann Her Horizontalen etwas hin und her, dann wird man deutlich den Dnkspalt fühlen, da die Gelenkkapsel hier ziemlich dünn ist. Nur Frauen mit starkem Pannicuius adiposus kann die Auffindung des ktes Schwierigkeiten bereiten. Man hüte sich aber, den Punkt zu . d. h. an dem ünterrand des Condylus medialis tibiae, oder zu hoch, ler seichten Vertiefung unter dem Epicondylus medialis feinoris zu len. In Zweifelfällen lasse man das rechte Bein für einen Augen- k im Knie leicht beugen. Um die rechte Hand für die Feststellung ;es wichtigen Messpunktes freizubekommen, und die Spitze des 3als richtig aufsetzen zu können, bitte ich den zu Messenden, den 3 des Anthropometers mit einer Hand (natürlich wie bisher in der lianebene und vertikal) zu halten. Dies ist selbst bei Kindern leicht erreichen. Höhe der rechten inneren Knöchelspitze üoer n B o d e n |Nr. 16], Auch hier muss, wie bei dem Darmbeinstachel, Messpunkt ganz an die wirkliche Spitze des Malleolus med. gelegt den. Man sucht ihn daher am leichtesten von unten und etwas von en her, indem man hinter dem Lig. calcaneo-tibiale mit der Nagel¬ te des Daumens dagegen drückt. Legt man dann die Spitze des eals auf die letztere auf, so berührt man zugleich die Spitze des leolus. Die auf diese Weise festgestellte Fusshöhe unterliegt ach der Ausbildung des Fussgewölbes grossen individuellen Schwan¬ gen. Durch Abzug der drei letztgenannten Maasse voneinander er- t‘ man die Länge des Oberschenkels | Nr. 55 1 und des tersc henk eis [Nr. 56], Erwähnt sei auch noch die Spannweite der Arme (Klafterweite) 17], obwohl sie ein komplexes Maass darstellt, weil sie in einem z bestimmten, während des Wachstums sich ändernden Verhältnis Körpergrösse steht. Am sichersten lässt sich die Messung aus- en, wenn sich der Beobachter mit horizontal gehaltenem Anthropo- er dicht vor das zu messende, mit wagrecht ausgestreckten Armen der Wand stehende Individuum stellt, dessen rechte Mittelfinger- ze mit der eigenen linken Hand am Nullpunkt des Instrumentes hält und mit der linken Mittelfingerspitze das Schieberkästchen an >en vorstehendem Unterrand soweit als möglich hinausschieben lässt. Instrument muss, um das Maximalmass ,zu erreichen, in der Höhe Manubrium sterni und der Schlüsselbeine liegen. Die gewonnene 1 wird natürlich jetzt am Unterrand des Schiebers, an dem die gerspitze anlag, nicht am Fensterausschnitt, abgelesen. Auch zur Feststellung der .Stammlänge oder Sitzhöhe deitelhöhe bis Sitzfläche) [Nr. 23], die v. Pirquet zur Berechnung res Gelidusi verwendet, kann das Anthropometer benützt werden. . Individuum muss sich zu diesem Zweck auf einen Hocker von cm Höhe in aufrechter Haltung und mit horizontal eingestelltem ife (s. o.) setzen. Dann stellt man das Anthropometer vertikal in Mitte des Rückens des zu Messenden auf die Sitzfläche und führt Schieberkästchen so weit herab, bis die Unterkante des Lineals dem Scheitel aufliegt. Verschiedene Körperhaltung und verschiedene le des Sitzes können das Maass stark beeinflussen. Die nun folgenden Masse werden mit dem Stangenzirkel genommen. Breite zwischen den Akromien (Schulterbreite) [Nr. 35] . adlinige Entfernung der beiden Akromialpunkte voneinander Man ;t den Stangenzirkel mit der rechten Hand von oben her an seinem ren Ende, mit der linken am Schieberkästchen, nachdem man die hllineale der Länge der Zeigefinger entsprechend, ungefähr 90 mm, gezogen hat. Ich palpiere zuerst beide Messpunkte mit den Finger- ren der auf den Stahllinealen aufliegenden, ausgestreckten Zeige- er. Hierauf lege ich die Spitze des oberen Stahllineals an den Seiten- d des linken Akromion und schiebe das Schieberlineal langsam an rechte Akromion. Man kann bei dieser Technik leicht, mit den gerspitzen feststellen, ob die Lineale wirklich den Messpunkten itig anliegen. Die Ablesung des Maasses erfolgt, wie bereits erwähnt, der obdn angegebenen Maassskala, und zwar am Oberrand des Schie- kästchens. Eine an den stärksten seitlichen Ausladungen der Mm. toidei gemessene Schulterbreite ist mit der Akromialbreite natürlich it vergleichbar. Breite zwischen den Darmbein kämmen [Nr. 40], d. h. scheu den beiden am meisten seitwärts ausgeladenen Punkten der stac iliacae. Handhabung des Instrumentes wie bei der Bestimmung Akromialbreite, nur müssen bei korpulenten Personen die Lineale ger ausgezogen werden. Man drücke die Lineale nur leicht an den ‘'per an und hüte sich vor allem davor, das Maass oberhalb, statt 1 den Seitenrändern der Darmbeinkämme zu nehmen, da die grösste dtenentwicklung gemessen werden soll. Grösste Hüftbreite [Nr. 42a). Es handelt sich bei diesem 'asse um die Feststellung der grössten Breite in der Hüftregion, die ■i bei mageren Personen mit der Breite zwischen den grossen Roll- :eln (Trochanterbreite) deckt. Bei muskulösen und fettleibigen In- uduen wird das Maas aber durch die seitlich über den Trochanteren ‘ Springenden Muskel- resp. Fettmassen bedingt. An diese seitlichen Nr. II Ausladungen werden die Lineale des horizontal gehaltenen Stangen¬ zirkels fest, aber ohne einzudrückeu, angelegt. Für die Konstitutionsforschung dürften auch der transversale und der sagittale Brustdurchmesser [Nr. 36 und 37] eine immer grössere Bedeutung gewinnen, um so mehr, als die Brustumfänge leider zu den technisch schwer zu bestimmenden Maassen gehören, Den transversalen Durchmesser misst man mit horizontal vor der Brust gehaltenem Stangenzirkel, indem man die Lineale an die seitliche Tho¬ raxwand an die Stelle der grössten seitlichen Ausladungen anlegt. Den sagittalen Durchmesser bestimme ich senkrecht zum transversalen mit dem mit Tasterarmen montierten Stangenzirkel, indem ich die eine Zirkelspitze auf die untere Grenze des Corpus sterni, die andere auf den in der- gleichen Horizontalebene gelegenen Dornfortsatz des Tho¬ rakalwirbels aufsetze. Man kann beide Durchmesser natürlich sowohl in der Atempause, wie bei stärkster Inspiration und Exspiration messen. Als ergänzende Maasse kommen noch in Betracht: Breite der rechten Hand [Nr 52), ein für die Feststellung der Berufsvarietäten wichtiges Maass. Man fasst die vollständig extendierte rechte Hand des zu Beobachtenden und misst quer über den Handrücken zwischen den vertikal gehaltenen Linealen die grösste Distanz der seitlich am meisten vorspringenden Punkte der Capitula der Ossa metacarpalia II und V. Man beachte, dass der mediale Messpunkt mehrere Millimeter proximal von der Art. carpo metacarpea gelegen ist. Der .Daumen wird also nicht mitgemessen. Länge des rechten Fusses [Nr. 58], Die Stange des In¬ strumentes muss parallel uem medialen Kande aes etwas vorgestellten und belasteten rechten Fusses auf den Fussboden gelegt werden, worauf man das feste Stahllineal an den am meisten nach hinten vorspringen¬ den Punkt der Ferse anlegt und das Schieberlineal an die Kuppe der vorstehendsten Zehe (erste oder zweite) anschiebt. Breite des rechten Fusses [Nr. 59], Aehnlich wie bei der Messung dtr Handbreite wird der Stangenzirkel mit senkrecht gerichte¬ ten Linealen quer über den belasteten Fuss gehalten und dann durch Anlegen der Lineale an die vorspringendsten Punkte in der Gegend der Köpfchen der Metatarsalia I und V die geradlinige Entfernung dieser beiden Punkte voneinander festgestellt. Die so gemessene Fussbreite steht also nicht senkrecht auf der Fusslänge. Ich gehe nun zu einer Besprechung der wichtigsten Umfang¬ messungen über. Bei der üblichen doppelseitigen Gradeinteilung der meisten Stahlbandmaasse ist es vorteilhaft, die Kapsel stets in die linke Hand zu nehmen und das Band mit der rechten je nach Bedarf aus¬ zuziehen, weil dann die Zahlen der Skala auf der dem Beobachter zu¬ gekehrten Seite des Bandmaasses stets aufrecht stehen. Umfang des Halses [Nr. 63]. Man legt das Bandmaass in der Art um den Hals, dass es senkrecht zu der etwas nach vorn geneigten Halsachse an der schmälsten Stelle, vorn ungefähr über den Ring¬ knorpel läuft. Will man die Veränderungen des Umfanges durch Struma messen, was bei Beobachtungen an unserer Jugend besonders wich¬ tig ist, so muss man noch einen zweiten Umfang messen und zu diesem Zwecke das Bandmaass seitlich und vorn über die stärksten Vorwölbungen legen, während es hinten in der tiefsten Stelle der konkaven Nacken¬ kurve liegen bleibt. Es verläuft jetzt stark schräg von hinten oben nach vorn unten. Bei diesem wie bei allen folgenden Umfängen, darf das Bandmaass nicht so stark angezogen werden, dass es in die Haut ein¬ schneidet; es soll vielmehr gerade nur der Körperoberfläche anliegen. Umfang der Brust a) bei ruhigem Atmen [Nr 61], b) bei In¬ spiration | Nr. 61a) und c) bei Exspiration [Nr. 61b]. Von den verschie¬ denen Methoden, den Brustumfang zu messen, empfehle ich diejenige, bei welcher das Bandmaass hinten direkt unter den unteren Schulter¬ blattwinkeln., seitlich hoch in der Achselhöhle und vorn genau ober¬ halb der Mamillen, über die Warzenhöfe verläuft. Beim Anlegen des Bandmaasses sollen die Arme des zu Messenden nur so weit, dass man eben das Bandmaass unter den Achselhöhlen durchziehen kann, aber nicht bis zur Horizontalen gehoben werden und während der Messung selbst lose herabhängen. Im weiblichen Geschlecht muss bei stärker ausgebildeter und nicht gesenkter Mamma das Bandmaass etwas höher angelegt werden; es ist daher vorteilhaft, noch ein zweites Maass direkt unter den Mammae, ungefähr in der Höhe der Basis des Processus xiphoideus horizontal um den Thorax zu nehmen. Dieses Maass, bei In¬ spiration und Exspiration festgestellt, orientiert uns auch über die Grösse der Flankenatmung. Es wäre überhaupt angezeigt, mehr als bis¬ her auch die verschiedenen Atmungstypen zu beachten. Die bei den militärischen Aushebungen übliche Art, den Brustumfang mit seitwärts horizontal ausgestreckten Armen zu messen, hat den Vorteil, dass die unteren Schulterblattwinkel höher stehen, aber den Nachteil, dass die bei abduziertem Arm stark vorspringenden, vom M. pectoralis major und M. latissimus dorsi gebildeten Wandungen der Achselhöhle mit¬ gemessen werden. (Vergl. zu der ganzen Frage: W. Scheidt, Zur Technik der Brustumfangmessung; Die Kindertuberkulose 1. Jahrgg. Nr. 6/7 S. 57.) Um ein richtiges Maass der respiratorischen Exkursions¬ breite zu bekommen, muss man bei Ungeübten das Aus- und Einatmen mehrere Male ausführen lassen. Kleinster Umfang oberhalb der Hüfte [Nr. 62], Um¬ fang des Abdomen ohne Rücksicht auf die sehr verschiedene Nabellage in der Höhe der am meisten eingezogenen Seitenkontur des Rumpfes, also zwischen unteren Rippenbogen und Darmbeinkämmen. Grösster Umfang des rechten Oberarmes a) bei Streckung [Nr. 65] und b) bei Beugung [Nr. 65 (1)]. Das Bandmaass wird zuerst in der Höhe der stärksten Vorwölbung des M. biceps hori¬ zontal um den lose herabhängenden Arm gelegt und das Maass ab- 4 MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT. m gelesen. Hierauf lässt man den Oberarm nach vorn bis zur Horizontalen erheben und den Unterarm mit geballter Faust und grösster Kraftanstren¬ gung gegen die Schulter beugen, bis die maximale Kontraktion des M. biceps erreicht ist. Nun verschiebt man das Bandmaass. bis es über der Kuppe des Bizepswulstes liegt. Die Differenz der beiden Maasse gibt einen Einblick in die Massenentfaltung der Oberarmmuskulatur. Grösster Umfang des rechten Unterarmes INr. 66J. An dem schlaff herabhängenden, supinierten Unterarm, mit dem Be¬ schauer zugewandter Vola, wird das Bandmaass horizontal um die stärkste seitliche, durch den M. brachioradialis bedingte Vorwölbung gelegt. Die Hand darf nicht zur Faust geballt werden. Kleinster Umfang des rechten Unterarmes LNr. 67J. In der Höhe der schwächsten Stelle, aber stets proximalwärts der Proc. styloidei radii und ulnae bei gleicher Haltung des Armes wie bei dem vorhergehenden Maass. Grösster Umfang des rechten Oberschenkels [Nr. 68]. Das Bandmaass muss an der Stelle der stärksten medialen Aus¬ ladung unterhalb der Nates, nicht in der Glutäalfalte selbst, horizontal um den rechten Oberschenkel gelegt werden. Um bei starker Muskel¬ oder Fettentwicklung die richtige Stelle zu finden, lässt man das linke Bein etwas seitswärts stellen, bis man das Bandmaass angelegt hat, dann aber wieder in die ursprüngliche Lage zurücknehmen. Erst jetzt best man, am besten an der äusseren Seite des Oberschenkels, um nicht mit den Geschlechtsteilen in Berührung zu kommen, das Maass ab. Grösster Umfang des rechten Unterschenkels (Wadenumfang) [Nr. 69]. Ohne das Bandmaass von dem Bein weg¬ zunehmen, führt man es nach unten bis an die Stelle der stärksten Aus¬ ladung der Wadenmuskulatur, die bei der individuell stark variierenden Dicken- und Längenausbildung der Mm. gastrocnemii sehr verschieden hoch liegen kann. Kleinster Umfang des rechten Unterschenkels [Nr. 70], Dieser kleinste Umfang ist gewöhnlich direkt über dem Mal¬ leolus medialis gelegen, wird aber durch Richtung und Ansatz des Tendo calcaneus, die zu beachten sind, mehr oder weniger beeinflusst. An die Körpermaasse möchte ich noch einige wenige Kopfmaasse anschliessen. Sie sollten auch von der Konstitutionsforschung nicht vernachlässigt werden, einmal weil ganz bestimmte Korrelationen zwi¬ schen Kopf- und Körperwachstum bestehen, und ferner auch, weil es mehr als wahrscheinlich ist, dass die Rassenzugehörigkeit auch in unserer stark gemischten europäischen Bevölkerung den Körperbau¬ typus beeinflusst, was aus Untersuchungen an fremden Menschenrassen unzweideutig hervorgeht. Horizontalumfang des Kopfes [Nr. 45] 2). Man hält den Nullpunkt des Bandmaasses mit der linken Hand auf der Glabella fest, führt es mit der rechten Hand über die linke Kopfseite bis zu dem vor¬ springendsten Punkt des Hinterkopfes (nicht über die meist viel tiefer gelegene Protuberantia occipitalis) und von da über die rechte Kopf¬ seite zurück zur Glabella, wo man es ebenfalls mit der linken Hand fasst. Dadurch wird die rechte Hand frei, um zu kontrollieren, ob das Band¬ maass gleich hoch an beiden Kopfseiten und wirklich über den vor¬ springendsten Punkt des Hinterkopfes läuft. Nur bei einer derartig sorgfältigen Technik kann man maximale Umfänge des Neurokraniums erhalten. Die nun folgenden Maasse werden mit dem Tasterzirkel genommen. Man fasst die Zirkelarme an ihren vorderen Enden mit beiden Händen und zwar so, dass der Daumen auf die obere, der Zeigefinger auf die untere Seite der abgerundeten Zirkelenden zu liegen kommt. Auf diese Weise kann man mit den Fingerspitzen die Zirkelenden auf die Mess¬ punkte aufsetzen und am Kopf festhajtenv ohne die Kopfhaut ein¬ zudrücken. Die Ableseskala bleibt dabei' immer sichtbar. Grösste Kopflänge [Nr. 1]. Geradlinige Entfernung der Glabella von dem am meisten in der Medianebene vorragenden Punkt des Hinterhauptes (Opisthokranion). Man stellt sich an die rechte oder linke Seite (je nach der Lichtquelle) der auf einem Hocker sitzenden Person, hält, wie eben beschrieben, das linke Zirkelende zwischen Daumen und Zeigefinger auf der Glabella fest und fährt mit dem anderen Zirkelende langsam in der Medianebene am Hinter¬ haupt auf und nieder, bis der Index am Maasslineal den maximalen Wert anzeigt. Will man sich von der Richtigkeit der Messung überzeugen, so stellt man mittels der Schraube das Lineal bei der gefundenen Zahl fest und macht nun mit dem festgestellten Instrument eine Kontroll- rnessung. Ebenso kann man auch bei den folgenden Maassen verfahren. Grösste Kopfbreite [Nr. 3], d. h. die grösste Breite des Gehirnschädels senkrecht zur Medianebene, wo sie sich findet. Die Messpunkte (Eurya) müssen in einer Horizontal- und Frontal¬ ebene liegen. Man stellt sich vor das zu messende Individuum, so dass das Scharnier des Tasters in die Medianebene seines Kopfes zu liegen kommt und führt dann die Zirkelspitzen, in der oben beschriebenen Weise zwischen den Fingern haltend, so lange in Zickzacklinien an der seit¬ lichen Kopfwand auf und ab, bis der grösste gerade Durchmesser ge¬ funden ist. Die Lage dieses Durchmessers variiert mit der Kopfform. Kleinste Stirnbreite [Nr. 4]. Man suche zunächst mit den Zeigefingern diejenigen über dem Jochfortsatz des Stirnbeins am meisten nach vorn und innen gelegenen Punkte der Linea temporalis (Frontotemporalia). Legt man die Zeigefingerspitzen in die an dieser Stelle befindlichen, vom M. temporalis bedeckten kleinen Vertiefungen und schiebt die Zirkelspitzen auf die oben erwähnten Punkte der Linea temporalis, so kann man die Breite an der Skala ablesen. Diese vordere 2) Die kephalometrische Technik hat eine eigene Numerierung. Nr. 1 Kopfbreite ist vor allem für die Beurteilung der Frontalhimentwicklun von Bedeutung (Abb. 7). Joch bogenbreite [Nr. 6]. Technik wie oben. Die Tastei spitzen werden an die am meisten seitlich ausgeladenen Stellen de Jochbogens (Zygia) angelegt. Bei Europäern liegen die Messpunkt ungefähr 2 cm vor dem Tragus. Unterkieferwinkelbreite [Nr. 8]. Die Tasterspitzen sin nicht hinten, sondern seitlich an die Unterkieferwinkel anzusetzen, we die grösste Ausladung (Gonion) gemessen werden soll. Das Instrumer wird am besten so gehalten, dass die Zeigefingerbeeren, auf denen di j Tasterspitzen aufruhen, von hinten und unten her die Unterkieferwinku umgreifen. Der M. masseter darf natürlich nicht kontrahiert werdet Ein Vergleich der vier aufgeführten Brejtenmaasse gibt einen gute Einblick in den Aufbau von Gehirn- und Gesichtsschädel. Ergän? müssen sie aber doch durch die Höhenmaasse werden. Ganze Kopfhöhe [Nr. 16], die der projektivischen Entfernun des Scheitels vom Unterrand des Kinnes (Gnathion) entspricht. Si wird atn besten mit dem Stangenzirkel gemessen, indem man sich seil lieh neben den zu Messenden kniet. Nachdem der Kopf in der Oht Augen-Ebene orientiert ist, legt man das langausgezogene obere Line; auf den Scheitel, hält es hier mit der linken Hand fest und schiebt m: der rechten Hand den Schieber mit dem kurzausgezogenen Lineal i der Medianebene an den unteren Kinnrand. Dabei muss der Stab de Stangenzirkels senkrecht zur Ohr-Augen-Ebene stehen. Das Maas dient hauptsächlich zur Berechnung, wieviele Kopfhöhen in der Körpeij grosse enthalten sind. Morphologische Gesichtshöhe [Nr. 18], projektivisch Entfernung der Stirnnasennaht (Nasion) von dem eben genannten Kinn Punkt. Der Verlauf der Sutura naso-frontaüs lässt sich trotz des Naht gewebes und des meist sehr dünnen M. procerus auch am Lebende' leicht feststellen. Der Messpunkt entspricht also der Nasenwurzel, nicrj dem stets tiefer gelegenen Nasensattel. Die Handhabung des Instrui mentes ist die eben beschriebene; man muss nur zuvor das ober; Lineal kurz stellen und seine Spitze mit Zeigefinger und Daumen de linken, auf dem Kopfe des zu Messenden aufruhenden Hand, an da Nasion anlegen. Das Maass entspricht der auch am Schädel festzn stellenden Höhe des Splanchnokraniums. 0 h r h ö h e d e s K o p f e s [Nr. 15], Nur durch dieses Maass kan | am Lebenden die Höhenausdehnung des Neurokraniums festgestelii werden. Man muss sich vor den zu Messenden stellen, den Stangen Zirkel in der rechten Hand haltend. Hierauf wird das langausgezogen obere Lineal horizontal auf den Scheitel, die Spitze des nur ganz kurze Schieberlineals aber an den linken Traguspunkt (Tragion) angeleg Das Maass ist erst dann richtig und abzulesen, wenn der Stab de Stangenzirkels parallel zur Medianebene gehalten wird, was einig Uebung erfordert. Von Einzelmaassen des Gesichtes erwähne ich nur noch die Höh der Nase [Nr. 21], die als Entfernung der Stirnnasennaht (Nasion von dem Nasenboden, d. h. dem einspringenden Winkel, der von der Unterrand der Nasenscheidewand und der Integumentaloberlippe ge bildet ist (Subnasale), gemessen wird. Stangen- oder Gleitzirkel. Die Breite der Nase [Nr. 13] entspricht der gradlinigen Ent fernung der beiden am meisten seitlich ausgeladenen Punkte der Nasen flügel (Alaria) von einander. Man fasst den Gleitzirkel am Schiebe! mit der rechten Hand und legt ihn so an das Gesicht an, dass di! Innenseiten der flachen Zirkelarme die verlangten Punkte eben be rühren. Es ist selbstverständlich, dass die Abnahme der aufgezählten Maass] einige Uebung erfordert; man muss zuerst in der Bestimmung de individuell sehr verschieden ausgebildeten und gelagerten Messpunkte sowie in der Handhabung der Instrumente die notwendige Sicherhei erworben haben, ehe man die gewonnenen Zahlen wissenschaftlich ver werten kann. Die letzteren werden in vorgedruckte Beobachtungsblätte eingetragen, und zwar empfehle ich dringend Individualblätter, weil nu diese eine mannigfache statistische Verarbeitung gestatten, ohne di Zahlen immer wieder abschreiben zu müssen. Die Anordnung de Maasse auf den von mir herausgegebenen Beobachtungsblättem ist dahe derart, dass durch ein Uebereinanderlegen der Einzelblätter die Zahle der gleichen Maasse sämtlicher Individuen in Vertikalkolonnen zu stehes kommen und auf diese Weise leicht statistisch verarbeitet werdei können. Die meisten der oben aufgeführten Maasse sind sowohl in dej für unsere studentischen Erhebungen von dem gemeinsamen Ausschus für Leibesübungen, dem Amt für Leibesübungen und dem Verein Stul dentenhaus München herausgegebenen Beobachtungblatt, sowie in de. neuen Gesundheitsbogen der Münchener Stadtschulen aufgenommer worden. Noch einige weitere Maasse enthält das von mir ausgearbeitet Beobachtungsblatt zur Konstitutions- und Typenforschung3), an das sic; auch das von der deutschen Hochschule für Leibesübungen in Berli verwendete Beobachtungsblatt eng anlehnt. So ist jetzt eine Einheit lichkeit in der Messtechnik und in der Registrierung der Maasse erreich^ die einen Vergleich der Resultate vieler Beobachter möglich macht. Natürlich enthalten alle diese Beobachtungsblätter auch noch ein Reihe von Rubriken zur Aufnahme der deskriptiven Merkmale. Fit viele derselben, z. B. für Augen-, Haar- und Hautfarbe, für die Forr: der Nase, der Lippen, der Augenlider, für die Gesichtskontur in de Frontalansicht usw.. besitzen wir bereits vorzügliche Schemata, die un erlauben, auch diese Formverhäitnisse ziffernmässig auszudrücken un< 3) Zu beziehen durch die Buchdruckerei Franz Stein, Mancher Gabelsbergerstrasse 62. MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT. 389 i jlärz 1922. ' " it der rechnerischen Verarbeitung zugänglich zu machen. Dabei , en wir nie vergessen, dass hier die Zahl, wie übrigens auch bei netrischen Aufnahmen, nur eben den kürzesten und exaktesten Aus- ; für irgendwelche Grössen- und Formverhältnisse darstellt. Für . e rein beschreibende Merkmale sind genau gefasste Bezeichnungen möglichen Varianten in das Beobachtungsblatt eingesetzt, die eine ■itliche Charakterisierung durch verschiedene Untersucher gestatten, achtung und Messung müssen immer Hand in Hand gehen und sich iseitig zu ergänzen und zu bestätigen suchen, tusser der metrischen und deskriptiven Beobachtung sei in allen igen Fällen noch eine photographische Aufnahme empfohlen, auch hier sind wieder ganz bestimmte Bedingungen zu erfüllen, wenn wissenschaftlich brauchbare, unter sich vergleichbare Bilder er- 1 will. Nur Objektive mit grosser Brennweite, hoher Lichtstärke ;rossem Bildwinkel, die infolgedessen keine Randverzeichnung geben, verwendbar. Alle Aufnahmen müssen in gleicher Verkleinerung cht werden. Eine Plattengrösse 13:18 erlaubt drei Aufnahmen tanzen Figur neben einander in 1/is natürlicher Grösse oder drei Aufnahmen in Vs natürlicher Grösse. Als Aufnahmen der ganzen kommen Vorder-, Seiten- und Rückenaufnahme, die genau recht- lig zu einander stehen müssen, in Betracht. Immer muss in der ellungsebene ein Maassstab mitphotographiert werden, um auch an photographischen Abzug noch Messungen ausführen zu können, lie Brustaufnahme empfiehlt sich neben der üblichen Vorder- und nansicht noch eine Eindrittelseitenansicht, denn die letztere ent- wichtige Eigentümlichkeiten der Gesichtsbildung, die weder Vorder- Seitenansicht geben können. Am besten erreicht man die genaue tierung der einzelnen Aufnahmen mit Hilfe einer Drehscheibe, auf as Individuum, einmal richtig aufgestellt, einfach entsprechend ge- wird. Eine solche Einrichtung befindet sich im Laboratorium für ärmessung des hiesigen Anthropologischen Institutes, lur Feststellung des Körperbautyfus des Einzelnen und ganzer nen sind aber die durch Messung gewonnnenen absoluten Werte ausreichend, da sie ja von der allgemeinen Grössenentwicklung Versuchten abhängig sind. Man muss daher noch das Verhältnis inzelnen Maasse zu einander berechnen. Solche Verhältniszahlen Indices spielen in der Anthropologie eine grosse Rolle, doch ist licht der Ort, um näher darauf einzugehen. Dagegen muss nach- lich darauf hingewiesen werden, dass ein Vergleich einzelner iduen untereinander, oder eines Individuums mit einer Gruppe, i Typus, nur möglich ist, wenn sämtliche Maasse auf eine Einheit iert werden. Am häufigsten wird als Vergleichsgrösse die Körper- e oder die Länge der vorderen Rumpfwand gewählt. Setzt man llen untersuchten Personen eines dieser Maasse = 100, so erhält für sämtliche andere Körperdimensionen relative Werte, die un- igig von dem individuellen Grössenausmaass und unter sich direkt eichbar sind. Es ist auf diese Weise leidht, die relative Ab- mng eines einzelnen von einem bestimmten Körperbautypus zu hnen und praktisch darzustellen. Ferner gelingt es ohne weiteres irund der relativen Höhenmaasse die Proportionsfiguren des ein- n- Menschen zu konstruieren und so deren körperliche Unter- ie direkt anschaulich zu machen 4). >o ist die anthropometrische Beobachtung also imstande, die kli- j Diagnose des Körperbaues in wesentlichen Punkten zu ergänzen, estattet nicht nur ziffernmässig Merkmalkomplexe aufzustellen, die nmten Körperbautypen entsprechen, sondern sie ermöglicht auch, Konstitution des einzelnen so festzulegen, dass ihre relative Ab- iung von einem Durchschnitt berechnet und ihre Veränderung in eit kontrolliert werden kann. In der so festgestellten Konstitution«- s des Individuums bekommt auch der praktische Arzt ein wich- Mittel an die Hand, das ihm nicht nur die klinische Diagnose er- ert, sondern das er sogar prognostisch verwerten kann. Natürlich :ine Messung und keine Zahl imstande, die Ursachen der spe¬ ien Körperbildung eines Menschen aufzudecken. Dennoch bildet genaue Kenntnis das Fundament, auf dem die so vordringlichen hungen über die Vererbung und die Umwelteinwirkung, über die und phänotypische Gestaltung des einzelnen, aufgebaut werden in. der chirurgischen Universitätsklinik zu Marburg a. L. ’eisung des Nervus ischiadicus und des Nervus dhenus bei angiospastischen Schmerzzuständen der unteren Extremität. Von Prof. Dr. A. Läwen, Direktor der Klinik. tuf dem Chirurgenkongress 1920 habe ich einen Fall von seniler rän besprochen, bei dem ich, um den Kranken schmerzfrei zu len und die Demarkierung ruhig abwarten zu können, den Nervus idicus in seinem Querschnitt vereist habe. Das gleiche Verfahren ich neuerdings in einem' anderen Falle angewandt, wo seit Jahren wiederholende Anfälle von Angiospasmen am rechten Bein zu lei-zsteigerungen geführt hatten, die für den Kranken kaum noch dich waren und wo der Befund am Fusse eine beginnende Gangrän scheinlich machte. In dem gleichen Gedankengang wie beim ) Ich hoffe, die Bedeutung dieser beiden Methoden den Lesern dieser - enschrift bei einer späteren Gelegenheit an einem konkreten Beispiel, ■m wachsenden Münchner Schulkind, zeigen zu können. ersten Fall unterbrach ich hier durch Vereisung den Nervus ischiadicus. Der Erfolg war, was die Schmerzen anbetrifft, der erhoffte: der Kranke ist seit der Nervenvereisung, die jetzt 9 Monate zurückliegt, vollständig schmerzfrei geworden. Im übrigen Verlauf war jedoch die Wirkung ganz anders, als ich erwartet hatte. Der Fuss wurde nämlich noch am Tage der Vereisung wieder warm und ist es bis auf den heutigen Tag geblieben. Die Einzelheiten des auch in mancher anderen Beziehung bemer¬ kenswerten Falles waren folgende: H. D., pens. Briefträger, 61 Jahre alt. Nie ernstlich krank gewesen. Vor 7 Jahren bekam der Kranke zum ersten Male beim Gehen Anfälle von krampfartigen Schmerzen in der rechten Wade und im Fuss, die ihn beim Gehen so stark hinderten, dass er jedesmal stehenbleiben und das Bein eine Zeitlang im Knie strecken und beugen musste, wodurch er Erleichterung fand. Bei jedem dieser Anfälle war der rechte Fuss kalt, es kribbelte ihm und er hatte das Gefühl, als ob der Fuss eingeschlafen wäre. Die Be¬ schwerden wurden mit der Zeit stärker, die Anfälle häufiger, so dass der Kranke 1917 pensioniert werden musste. Vor etwa % Jahren (1920) bekam er plötzlich einen ausserordentlich starken Schmerzanfall im rechten Bein, der 2 — 3 Tage anhielt. Nachts konnte er nicht schlafen. Dann wurde er bis auf Schmerzen beim Gehen wieder beschwerdefrei. Am 15. V. 1921 traten vormittags anhaltende Schmerzen im rechten Unterschenkel und Fuss auf, die sich nachmittags plötzlich so steigerten, dass er laut schreien musste und die Leute aus der Umgebung in seine Wohnung liefen, um nach ihm zu sehen. Ich wurde von den Angehörigen in die nahegelegene Wohnung ge¬ holt, fand den Kranken laut jammernd im Bette liegen, den rechten Fuss voll¬ kommen kalt bis über die Knöchelgegend, keinen Puls in den Fussarterien und den Radialispuls stark unregelmässig. Ueberführung des Kranken in die chirurgische Klinik. Dort gibt er noch an, dass der rechte Fuss seit 5 Jahren auch in der warmen Jahreszeit dauernd kalt gewesen sei; im Winter habe er am rechten Fuss kaum einen Schuh vertragen können; er habe den Fuss öfter am Tag am Ofen wärmen müssen. Geraucht habe er wenig. Potatorium zugegeben. Befund: Magerer, verbraucht aussehender Mann mit stark ge¬ schlängelten und hervortretenden Schläfenarterien. Art. radialis stark ge¬ spannt und geschlängelt. Herz nach links vergrössert. Töne rein. Starke Arhythmie mit Extrasystolen. Puls unregelmässig. Rechter Fuss fühlt sich bis zu den Knöcheln kalt an. Sensibilität erhalten, eher etwas gesteigert. Puls weder an der Dorsalis pedis noch an der Art. tibialis post, zu fühlen. An der Art. poplitea ist der Puls gut zu fühlen, um etwa 3 cm unterhalb der Kniekehle aufzuhören. Patellarreflexe vorhanden. 16. V. Die Schmerzen haben die ganze Nacht angehalten, vielleicht etwas geringer wie gestern Abend. Fuss kalt. Puls an den Fussarterien nicht fühlbar. Operation; 9 Uhr 30 Min. vormittags in örtlicher Betäubung Frei¬ legung des rechten N. ischiadicus 3 Querfinger unterhalb der Gesässfalte. Er ist von dichten Varizen umlagert, macht einen etwas atrophischen Ein¬ druck und erscheint von beiden Seiten abgeplattet. Injektion von 5 ccm 4 proz. Novokainlösung in den Nervenstamm. Stumpfe Zerlegung des Nerven in 2 Hälften und Querschnittsvereisung jeder Nervenhälfte 20 Minuten lang mit meinem Kohlensäurevereisungsapparat *). Hautnaht. Dann wird auf der Innenseite des rechten. Unterschenkels 5 cm unterhalb des Kniegelenkspaltes der N. saphenus aufgesucht und 10 Minuten lang vereist. Hautnaht. Unmittelbar nach der Novokaininjektion und Ischiadikusvereisung hören die Schmerzen im rechten Fuss, die Berührungsempfindung und die Be¬ wegungsfähigkeit des rechten Fusses und der Zehen auf; während am linken Unterschenkel und Fuss die Haut vollkommen normal ist, erscheint sie rechts bis zum Kniegelenk nach oben zu abnehmend mit unregelmässig begrenzten etwa erbsengrossen blauvioletten Flecken bedeckt, die den Eindruck venöser Stasen machen. 12 Uhr mittags: Vollkommene Anästhesie wie am Ende der Operation von der Kniekehle bis zu der Zehenspitze und im Saphenusgebiet unterhalb der Vereisungsstelle. 6 Uhr abends: Rechter Fuss ist vollständig warm geworden. 17. V. Rechter Fuss und Zehen schlaff gelähmt. Auf der Rückseite des Unterschenkels reicht jetzt die anästhetische Zone bis zu seiner Mitte. An der Aussenseite des Unterschenkels kleine subkutane pulsierende Arterie fühlbar. Fuss warm. 21. V. Motorische und sensible Lähmung unverändert. Fuss warm. Puls an den Fussarterien nicht fühlbar. 22. V. Puls heute in Gegend der rechten Art. dorsalis fühlbar. 26. V. Kapillar mikroskopische Untersuchung (Privat- . dozent Dr. M o o g, Oberarzt der med. Klinik): Beim Herabhängenlassen beider Beine aus dem Bett zeigt sich zwischen rechts und links ein deutlicher Unterschied. Rechts intensive leicht violette Rötung der Haut, links normal aussehende Haut, die später blau wird. Unter dem Mikroskop sind die Kapillaren am rechten (vereisten) Bein normal weit mit deutlicher Strömung. Links erscheinen dagegen die Kapillaren wesentlich enger, wenn auch da gelegentlich normalweite Schlingen auftreten. Meist sind sie auch korkzieherförmig gewunden. 7. VI. Motilität und Sensibilität nicht geändert. Der Kranke steht mit Schienenstiefel auf. 15. VI. Der Kranke läuft mit 2 Stöcken. Entlassung. Nachuntersuchung: 29. VI. Der Kranke bis zu 4 Stunden ausser Bett. Schmerzen völlig geschwunden. Rechter Fuss fühlt sich wärmer an als der linke. Kein Puls in den Fuss¬ arterien. Lähmung ungeändert. Keine faradische Erregbarkeit. Galvanisch bei Stärke 15 wurmartige Zuckungen. Gegend des rechten Knöchels etwas ödematös. 15. VII. Rechter Unterschenkel und Fussrücken ödematös geschwollen. Oberschenkelumfang rechts 36,5, links 38,5 cm. Wadenumfang rechts 32,1, links 30 cm. Anästhetische Zonen etwas verschmälert. Achillessehnenreflexe vorhanden. Plantarreflex fehlt, Patellarreflexe vorhanden. I. X. Der Kranke völlig schmerzfrei, läuft mit einem Stock. Er wiegt jetzt 130 Pfund gegen 120 Pfund vor der Operation. Der rechte Fuss fühlt sich genau so warm an wie der linke. Irgendwelche trophische Störungen sind weder an der Fusssohle noch an den Zehen vorhanden. Puls weder an der Art. dorsalis pedis noch an der Art. tib. post, fühlbar. Beim Hängen des J) Vergl. Verhandl. d. Deutschen Gesellschaft f. Chir. 1920 S. 204. r 390 MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT. _ _ _ Nr. Fusses und beiin Stehen wird der rechte Fuss sofort intensiv hyperämisch. Die Rötung setzt sich bis aui die Mitte des Unterschenkels fort. Aktive Bewegungen sind weder mit dem Fuss noch mit den Zehen ausführbar. Bei Reizung mit starken faradischen Strömen erfolgt vom Nerven aus keine Zuckung. 7. XL Der Kranke dauernd beschwerdefrei. Keine Schmerzanfälle mehr. Er geht auf ebenen Flächen wie in seiner Wohnung ohne Stock. Bei der heutigen Untersuchung sind am rechten Fuss und Unterschenkel weder trophische Ulcera noch sonstige trophische Störungen, wie spröde schuppende Haut, festzustellen. Der Fuss fühlt sich nicht kühler an als der linke. Die Muskulatur am ganzen rechten Bein ist etwas atrophisch. Die Umfänge betragen 15 cm unterhalb der inneren Kniegelenksspalte rechts 28,5, links 30,5 cm. Der Kranke ist noch nicht imstande, den Fuss oder die Zehen aktiv zu bewegen. Werden die Füsse nach abwärts gehängt, so rötet sich der rechte Fussrücken deutlich, während die Rötung beim linken ausbleibt. Reiz¬ versuche der Haut mit Senföl ergaben weder rechts noch links ein Resultat. Es besteht starke Klopfempfindlichkeit des N. tibialis in der Kniekehle und etwa handbreit unterhalb davon und des N. peroneus am Wadenbeinköpfchen. Die Schmerzen werden in das gelähmte Endausbreitungsgebiet beider Nerven verlegt (Symptom von P. Hoff mann). Der Blutdruck beträgt an der rechten Art. brachialis 'gemessen 215 mm Hg. Eine Röntgenaufnahme des rechten Fusses und Unterschenkels lässt keine trophischen Veränderungen der Knochen erkennen. Dagegen sieht man in der Höhe des oberen Sprung¬ gelenkes die geschlängelte verkalkte Art. dorsalis pedis. 8. XI. Kapillarmikroskopische Untersuchung (Privat¬ dozent Dr. Moog): Nagelfalz der 3. Zehe rechts: die Kapillaren sind nur an der Umbiegungsstelle von der Arterie zur Vene zu Gesicht zu bringen. Sie sind ziemlich eng, ab und zu erkennt man eine deutliche Schlängelung. Die Strömung ist durchweg kontinuierlich. Ab und zu sieht man kurz¬ fristige Unterbrechungen. Links: die Kapillaren sind als lange Schlingen zu sehen, sie sind sehr wenig geschlängelt und eng. Strömung wie rechts. Es besteht kein wesentlicher Unterschied zwischen den beiden Seiten. Eine Ausbreitung der Sensibilität nach der Peripherie ist seit der letzten Untersuchung nicht eingetreten. 22. XL Der Kranke völlig beschwerdefrei. Um sein Bein zu kräftigen hat er es mit einer Arznei eingerieben, die ihm Mitte Mai, also vor der Operation, sein Hausarzt gegen die Schmerzen verschrieben hatte. Die Ein¬ reibung geschah am 15. oder 16. d. M. Am 21. bemerkte er Blasen am Fuss und kommt deshalb in die Klinik. Befund: An der rechten 3. Zehe besteht ein oberflächlicher nicht entzündeter Epitheldefekt neben dem lateralen Nagelrand. An der Aussenseite des Endgliedes der 4. und 5. Zehe findet sich eine oberflächliche Blasenbildung mit wässerigem Inhalt. Die übrige Fuss- und Unterschenkelhaut ist genau wie bisher vollkommen normal, weder rissig noch glänzend. Sobald der Fuss nach abwärts hängt, wird er wieder hyper¬ ämisch. Salbenverbände. 29. XL Epitheldefekt der 3. Zehe abgeheilt. Aus den Blasen der 4. und 5. Zehe ist die Flüssigkeit abgeflossen. Starke Klopfempfindlichkeit des N. peroneus und tibialis bis zur Unterschenkelmitte mit nach den Zehen aus¬ strahlenden Sensationen. Keine Schmerzen mehr. Fuss und Zehen motorisch noch völlig gelähmt. 6. XII. Die Stelle an der 3. Zehe, wo die Blase sich befand, ist völlig überhäutet. Die andere an der Aussehseite und Sohlenfläche der 4. Zehe ist leicht blaurot verfärbt. Die Blasenhaut ist darüber eingetrocknet. Kein Puls an der Art. dorsalis pedis und der Art. tibialis. 8. XII. Neurologische Untersuchung durch Prof. Stertz: Faradisch weder vom Nerven noch vom Muskel aus eine Reaktion. Galvanisch mit starken Strömen vom Nerven aus keine Reaktion, vom Muskel aus eine träge Zuckung. Die Reaktion tritt bei Reizung des Sehnenteils des Gastro- knemius und Soleus besser und ergiebiger ein als bei Reizung des Muskel¬ bauchs. Genau so verhält sich der Extensor hallucis longus und der Extensor digitorum. Der Abductor hallucis brevis reagiert weder galvanisch noch faradisch, während er am linken Bein deutlich zuckt. Komplette Entartungs¬ reaktion der gelähmten Muskeln. Die Sensibilität entspricht den bisherigen Grenzen. Auch bei Reizung mit faradischen Strömen wird in den anästhe¬ tischen Zonen kein Schmerz empfunden. 17. XII. Der rechte Fuss ist auch nach längerem Liegen in mässig warmem Raum deutlich wärmer als der linke. Hängt er bei rechtwinklig gebeugtem Knie nach abwärts, so tritt sofort eine intensive, bis zur Mitte des Unterschenkels reichende Rötung ein. Die leicht blutige Verfärbung der eingetrockneten Blase an der Aussenseite und Fusssohlenseite der kleinen Zehe ist fast ganz verschwunden. Dagegen hatte sich in dem vorher ab¬ gehobenen Bezirk wieder eine Blase gebildet, die aufgebrochen ist und aus der wässerige Flüssigkeit abfliesst. Auf der Aussenseite der rechten Ferse besteht eine zweite längliche ebenfalls aufgebrochene Hautblase. Aktive Be¬ wegungen im Fuss und Zehen sind noch nicht möglich, passiv sind die Ge¬ lenke frei. Die Unterschenkelumfänge betragen 15 cm unterhalb der inneren Kniegelenksspalte gemessen rechts 27, links 29 cm. Die Sensibilität ist deutlich besser geworden, vor allen Dingen auf der Innenseite des Unter¬ schenkels, da wo Saphenusgebiet und Ischiadikusgebiet aneinanderstossen. Besonders deutlich ist bei der heute vorgenommenen Untersuchung festzu¬ stellen, dass die Tiefensensibilität durchweg 2 Querfinger weiter nach peripher reicht als die Oberflächensensibilität (mit Haarpinsel gemessen). Die Tiefen- sensiblilität ist auch in der anästhetischen Insel am Saphenusgebiet vor¬ handen. Die Klopfempfindlichkeit des N. tibialis und peroneus reicht bis nahe an die Knöchel. 20. XII. Kapillarmikroskopische Untersuchung (Privat¬ dozent Dr. Moog): Rechts sind an dem Nagelfalz der 2. Zehe die Kapillaren gut sichtbar. Die Schlingen sind kurz, wenig geschlängelt, mittelmässig weit, jedenfalls nicht enger als bei der letzten Untersuchung. Strömung langsam, zum grossen Teil körnig, der Untergrund ist gut durchblutet. Am linken Fuss sind die Kapillaren zahlreicher sichtbar als rechts. Ihre Weite ent¬ spricht der der rechten Seite. Die Strömung ist nicht ganz gleichmässig, aber weniger körnig als rechts. Der Untergrund ist weniger durchblutet als rechts. 30. XII. Nach Entfernung der nekrotisch gewordenen Kutis findet sich ein trophisches Geschwür auf der Ferse und ein zweites an der Aussenseite des rechten Fusses etwa in Höhe des 5. Metatarsalköpfchens. 19. I. 1922. Der rechte Fuss ist wärmer wie der linke, seine Haut frisch rot. Das Ulcus auf der Ferse ist noch zweipfenniggross und mit frischen Granulationen bedeckt. Das an der Aussenseite der 5. Zehe ist noch nicht kleiner geworden, sein Grund noch nicht ganz gereinigt. Beim Heize beider Unterschenkel und Füsse mit dem ülühlichtbogen werden dt rechte Fuss und Unterschenkel deutlich hyperänii scher wie links. 1. 11. 1922. Der Kranke dauernd schmerzfrei. Er hat immer das Gefü von Wärme im rechten Fuss. Das Geschwür an der rechten Ferse ist se einigen Tagen völlig ab geh eilt, das an* der Aussenseite der 5. Zeh ist noch pfenniggross und am Rande in i t frischen Granulationen bedeckt. Di anästhetische Bezirk ist seit der letzten Untersuchung wieder deutlich kleine geworden. In den Hautbezirken, in denen die. Sensibilität wiedergekehrt is ist das Gefühl besser als an der normalen Haut (Hyperästhesie). Das vorliegende Krankheitsbild war so zu deuten, dass es sich tu Angiospasmen bei peripherer Arteriosklerose hat delte. Alter des Kranken, die nachweisbare Arteriosklerose periphere Arterien (Temporales, Radiales. Fussarterien), hoher Blutdruck und dj Herzerscheinungen sprachen für diese Diagnose. Dass der senile Gangrän anfallsweise auftretende, mit starken Schmerzen verlautend Gefässkrämpfe lange Zeit vorangehen können, ist bekannt. Der völlig Verschluss der Arterien tritt schliesslich bei fortschreitender Erkrai kung der üefässwand durch Intimaverdickung, Thrombose und embt lische Vorgänge ein. Ob in diesem Falle die Gangrän bereits im Ar schloss an den langdauernden, über 15 Stunden von uns beobachtete Gefässkrampf eingetreten wäre, lässt sich natürlich nicht entscheidei ich habe es angenommen und unter diesem Gesichtspunkte, wie ei wähnt die Nervenvereisung vorgenommen. Die Durchsicht der Literatur ergab, dass von französischer Seit bei schmerzhafter Gangrän bereits einmal die Resektion von Nerver Stämmen vorgenommen worden wrar. Z w i r n und H a y e m haben i einem entsprechenden Fall den Nervus tibialis hinter dem innere Knöchel und dem N. peroneus superficialis im mittleren Unterschenke drittel reseziert. Die Schmerzen hörten daraufhin auf und auch dl Gangrän wurde durch Wegfall angiospastischer Momente günstig bc einflusst. Auch in meinem Falle sind die Folgen der Querschnitts Vereisung des N. ischiadicus und des N. saphenus bemerkenswert i bezug auf 1. die Schmerzen. 2. Oie Zirkulationsverhältnisse und 3. di Frage der Entstehung trophischer Geschwüre. Die S c tun e r z a n f ä 1 1 e. die dem Kranken das Leben verbittei ten, sind vom Augenblick der Vereisung an, nun seit 9 Monaten, voii ständig be-seitigt worden. Dafür hat der Kranke eine Läl mung aller Qualitäten der im N. ischiadicus verlaufenden Nervenfaser eingetauscht. Von diesem Ausfall spielt für den Kranken eine eil drucksvolle praktische Rolle nur die motorische Lähmung. Di Vereisungsstelle ist so gelegt, dass die Unterschenkelbeuger erhalte und nur die Fussmuskeln gelähmt worden sind. Diese Lähmung bt steht jetzt noch vollkommen. Sie lässt sich aber durch das Trage eines Peroneusstiefels weitgehend ausgleichen. Der Kranke läuft hit in unserer bergigen Gegend recht gut mit einem oder auch zwi Stöcken. Die erhebliche Zunahme seines Körpergewichtes zeigt ai besten, dass er wieder ein lebensfroher Mensch geworden ist. Wi die sensible Lähmung in langsamem Rückgang begriffen ist, so wir auch allmählich die motorische zurückgehen. Das Wiede rauswachsc der sensiblen Nervenfasern haben wir durch häufige Untersuchung dt Hautsensibilität sowie mit Hilfe des P. H o f f ma n n sehen Nervei klopfversuches verfolgt. In den ersten 6 Monaten erfolgte die Vei kleinerung der anästhetischen Hautbezirke am Unterschenkel nur sei langsam. Im 8. und 9. Monat machte sie aber sehr rasche Fortschritt so dass am Ende des 9. Monats der Unterschenkel bis nahe an di Knöchelgegend wieder normale Hautempfindlichkeit zeigte. Die Fus: muskeln sind 9 Monate nach der Vereisung noch vollkommen gelähm Eine Atrophie der Unterschenkelmuskulatur nahm in den ersten Monate zu, ging aber dann wieder etwas zurück. Die weitgehende sensibl und motorische Lähmung musste bei der hochliegenden Vereisungssteli am Ischiadicus mit in Kauf genommen werden. Dafür ergab sich dt Vorteil, dass sich die Wirkung in bezug auf die Zirkulation auf e: sehr grosses Gebiet erstreckte und dass sie längere Zeit erhalten bleib Sollten nach vollkommen eingetretener sensibler und vasomotorische Regeneration sich wieder Schmerzzustände einstellen, so würde ic nicht zögern, die Nerven aufs neue zu vereisen. Auf die Zirkulation in dem gefährdeten Fusse ist die Nervei Vereisung von wesentlichem Einfluss gewesen. Der Fuss wurde b der ersten Untersuchung, wenige Stunden nach der Opera tion wieder warm gefunden. Der gleiche Befund ergab sic bei allen unseren Nachuntersuchungen. In den ersten Wochen nac dem Aufstehen bestand ein Oedem am Unterschenkel und in di Knöchelgegend, das aber bald vollkommen verschwand. Beim Heral hängenlassen des Fusses und beim Stehen ist noch jetzt monatelan nach der Vereisung der rechte Fussund Unterschenkel gege links deutlich hyperämisch. Der Tonus der kleinen Arterie und der Kapillaren ist nach der Vereisung zunächst weggefalilen, h; sich dann aber bis zu einem gewissen Grade wieder hergestellt. N; genügt er noch nicht, um die auf ihm lastende Blutsäule zu trage Recht bemerkenswerte Aufschlüsse ergab die kapillarmikrosko p i s c h e Untersuchung. Am 10. Tage nach der Vereisung wart die Kapillaren am vereisten Fuss normal weit, aber weiter wie a; anderen Fuss. Etwa ein halbes Jahr später fanden sich keine Unte schiede mehr. Dagegen zeigte sich bei jeder Nachuntersuchung, da; beim Herabhängenlassen des vereisten Fusses sich seine Kapillare gegen den anderen deutlich erweiterten. Der Kapillartonus war a; vereisten Bein noch dreiviertel Jahre nach der Vereisung des zugehör gen grossen Nerven noch nicht so weit wieder hergestellt, dass er d auf ihm lastende Blutsäule ohne Veränderung tragen konnte. Der vo 1 MOFERMM )globin-Eiwciß-Präparat nach Geh. Med.-Rat Prof. Dr. Siegert. in ist ein natürliches Organ -Eisen -Präparat, bei dem durch die Eigenart der llung die chemische Konstitution des Hämoglobins, wie die natürliche Beschaffen- heit der Serumkörper vollständig gewahrt bleibt. Vorzüge: Rasche, zuverlässige Wirkung: Genaue Kontrolle erlaubt, die Hämoglobinbestimmung nach 'lallqvist. Leichte Verdaulichkeit und Bekömmlichkeit : Niemals Schädigungen der Zähne, des Magens oder des Darmes. Wohlschmeckend, haltbar und frei von schädlichen Mikroorganismen. 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MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT. 391 anfallsweise auftretende, wahrscheinlich aber bis zu einem gewissen .de immer vorhanden gewesene Reiztonus der Kapillaren ist durch Nervenvereisung auf Monate beseitigt worden, wodurch die Zir- itionsverhältnisse und damit die Ernährung des rechten Fusses amtlich gebessert worden sind. Vermutlich sind die h m e r z a n f ä 1 1 e ausgeblieben, nicht nur weil die :i s i b 1 c Leitung nach oben unterbrochen worden r. sondern weil überhaupt keine Angiospasmen standegekommen sind. Weder bei unseren zahlreichen :huntersuchungen noch durch Erhebungen beim Kranken haben wir als etwas feststellen können, was auf das Wiederauf treten von pospasmen hätte schliessen lassen. Der Wegfall des Reiztonus und bessere Durchblutung der Extremität haben ihr Zustandekommen hindert. Von besonderem Interesse ist die Tatsache, dass bei einer lonate nach der Vereisung vorgenommenen Untersuchung auf Hitze- : die Kapillaren des gelähmten Fusses stärker mit Erweiterung rea- ten als die des anderen. Da es sich aber bei diesem Kranken rt um ein gesundes Gefässsystem handelte, möchte ich von Schluss- erungen aus dieser Tatsache absehen. Ich möchte nur darauf hin- sen, dass Bier an dem Hinterbein eines Ferkels, bei dem in Höhe Art. femoralis alle Nervenverbindumgen nach oben durchschnitten rden waren, im Heissluftkasten die Hyperämie in ganz derselben . rn erzeugen konnte, wie am normalen Bein. Die Kapillardilatation ch die heisse Luft ist also nicht an die Nervenverbindungen mit dem ’ :kenmark gebunden. Ueber das physiologische und anatomische Verhalten der Gefässe h der Durchschneidung des zugehörigen grossen Nerven liegen zahl- ■ ;he Untersuchungen vor. L a p i n s k y fand nach Durchschneidung Froschisehiiadicus zunächst eine Verengerung der Gefässe der ge- mten Extremität infolge Reizung der verletzten Vasokonstriktoren, nach 24 — 60 Stunden in eine Erweiterung übergeht, zu der sich ige Tage später eine Schlängelung und Ausbuchtung der Gefässwand eilt. Dann kommt es wieder zu einer geringfügigen Verengerung, h so, dass die Gefässe weiter als normal bleiben. Groll hält lerdings den Ablauf der Veränderungen am Zirkulationsapparat nach hiiasdurchschneidung beim Frosch für nicht so gesetzmässig. Vor :m ist nach der Periode der arteriellen Hyperämie die Wiederher- llung des peripheren Gefässtonus unvollkommen, so dass sich das den eines ausgleichenden Einflusses einer übergeordneten Regula- l durch die ausgeschalteten Zentren noch bemerkbar macht. Ex- imentelle Untersuchungen (Schiff, L a n do i s) sowie Beobach¬ gen am Menschen (C a s s i r e r) ergaben weiter, dass noch in spä- sr Zeit nach der Nervendurchtrennung in der gelähmten Extremität >Ige vermehrter Wärmeabgabe die Temperatur herabgesetzt sei. flieh sind von Bedeutung anatomische Veränderungen, nentlich eine erhebliche Dickenzunahme der Gefässwand, die sich ige Zeit nach der Nervendurchschneidung nachweisen Hessen (Ber- e t, A. Fränkel, Helling, Lapinsky u. a.). Namentlich auf snd der Untersuchungen Lapinskys kann es als erwiesen an- ehen werden, dass die normale Zusammensetzung der Gefässwand i der Unversehrtheit des zugehörigen Nerven abhängig ist. Will m die Ergebnisse dieser Untersuchungen auf den vorliegenden Fall :rtr.agen, so ist zunächst zu berücksichtigen, dass es sich bei ihm ht um ein gesundes Gefässsystem, sondern um ein arteriosklerotisch ranktes handelte. Die durch die Nervenvereisung gesetzte Strom¬ reiterung erstreckt sich auf ein spastisch und durch Wandver- kung verengtes Gefässgebiet. Der Vergleich mit der anderen, eben- s nicht ganz gesunden Extremität zeigt, dass die Vereisung des hiadicus zwar keine Wirkung auf die grossen, wahrscheinlich throm- ;ierten Fussarterien ausüben konnte, dass aber, wie erwähnt, das ize Kapillargebiet auf Monate hindurch den Reizzustand seines Tonus ior und dafür einen relativen Tonus erhielt, der schon beim ;rabhän genlassen der Extremität eine Kapillar- s c h 1 a f f u n g n i c h t verhindern konnte. Weiter muss man den erwähnten experimentellen Untersuchungen bedenken, dass sie ; mit Nervendurchschneidungen gemacht worden sind. Alle Fern- :ebtiisse werden bezogen auf die Degeneration am peripheren und itralen Nervenabschnitt. Es wäre aber auch denkbar, dass die Jurombildung am zentralen Nervenstumpf und der Reiz der h dort bildenden Verwachsungen nicht ohne Einfluss auf das Ka- larsvstem gebliieben sind (vergl. unten). Die Frage der Entstehung von trop bischen Störungen ch der Querschnittsvereisung eines Nervenstammes ist von hohem eresse, weil sich das Verhalten eines vereisten Nervenquerschnittes n einem durchschnittenen wesentlich unterscheidet. Wie W. T r en¬ de n bürg besonders betont hat, schliessen sich an die Querschnitts- reisung eines Nervenstammes keine Rcizvorgänge im nne einer Narbenbildung an. Die Regeneration' im ver¬ heil Nerven, die nach der Degeneration des peripheren und des an- . mzenden zentralen (Wiedhopf) Stückes einsetzt, braucht also :ht die Schranke einer Narbe zu durchbrechen. Auch in meinem ■ Ile hat sich mit Sicherheit keine endoneurale und mit grosser Wahr- leinlichkeit keine perineurale Narbe an der Vereisungsstelle gebildet, ahrend der Vereisung ist das Nachbargewebe peinlich vor dem Mit¬ frieren geschützt worden. Das schnelle Wiederauswachsen der Ner- nfasern und die fehlenden Beschwerden an der Freilegungsstelle r Nerven beweisen, dass keine Nervennarben vorhanden sind. Das ■rhalten des gelähmten Abschnittes nach dieser narben- und neurom- ;en Nervendurchtrennung ist nun deshalb von besonderem Interesse, weil nach den Vorstellungen von L e r i c h e und B r ii n i n g zwischen Neurom und Entstehung trophischer Geschwüre ursächliche Beziehungen bestehen sollen. Zur Klärung dieser Frage haben meine am Menschen erhobenen Beobachtungen den Wert eines Experimentes. Sechs Monate lang nach der Vereisung haben sich keine Spuren irgendeiner trophischen Störung nachweisen lassen, obwohl der Kranke den gelähmten Fuss im Schuhwerk ohne besondere Polsterung beim Gehen, ausgiebig belastet hat. Eine sehr oberflächliche Verbrennung ist am Fussrücken in wenigen Tagen verheilt. Auch am Knochen haben in dieser Zeit wiederholte Röntgenaufnahmen keine Veränderungen er¬ geben. Im 7. Monat ist noch ein nach einer Einreibung an der 3. Zehe entstandener Epitheldefekt schnell zugeheilt. Dagegen bildete sich offen¬ bar infolge eines Schuhdruckes um diese Zeit an der Aussenfläche und Sohlenseite der 5. Zehe eine leicht blaurot verfärbte Stelle, zu der dann Anfang des 8. Monats eine Blasenbildung an der Ferse kam. Beide Stellen wandelten sich in oberflächliche Ulcera um. Soll man sie als trophische Störungen auffassen? Dass in einem anästhetischen Hautbezirk ein durch das normale Hautgefühl nicht kontrollierter Druck eine Blutsugilktion und ein Ulcus hervorrufen kann, ist an sich nichts Verwunderliches. Auffallend ist aber, dass das gleich an mehreren Stellen geschah und dass es bei erhaltenen ganz gleichen Bedingungen erst nach über 6 Monaten sich einstellte. Ich zögere nicht, die Veränderungen als „trophische“ aufzufassen und glaube, dass das späte Auftreten dieser Störungen einer besonderen Beachtung bedarf. Nach den Vorstellungen von Leriche führt qine Nervennarbe (Neurom) zu einer Störung der kapillaren Zirkulation. Der von den Verwachsungen an der Neuromstelle ausgehende Reiz wird über die Rückenmarksganglien zum Teil über periarterielle sympathische Bahnen zur Peripherie an die Kapillaren geleitet. Nicht der Sensibilitätsverlust, sondern -der von den Verwachsungen ausgehende Dauerreiz begünstigt die Entstehung trophischer Geschwüre. Leriche nimmt an, dass es sich immer um einem vasodilatatorischen Reiz handele. Als Beweis für die Richtigkeit dieser Annahme führt Leriche auch die Tatsache an, dass zwischen der Verletzung z. B. des N. ischiadicus und dem Auftreten trophischer Geschwüre immer ein längerer Zeitraum, der meist mehrere Monate betrüge, liegt. Auch wenn der Fuss solchen äusseren Beschädigungen ausgesetzt ist, die sonst erfahrungsgemäss die Entstehung trophischer Ulcera begünstigen, so treten sie doch in frischen Fällen nicht auf. Erst wenn die Nervennarbe sich gebildet hat, entstehen die trophischen Geschwüre. B r ü n in g .führte diese Gedankengänge noch weiter. Er sieht die nach Nervenverletzungen auftretenden Gewebsschäden als eine Kom¬ bination der Folgen des Sensibilitätsverlustes, von Störungen der fei¬ neren Gefässarbeit, der Schweissekretion und vielleicht auch speziell trophischer Funktionen der Nerven an. Die Hauptursache ist ein „Reizzustand“ im Nerven, der sowohl bei partiellen wie totalen Ner¬ vendurchtrennungen zustande kommt und der durch den Narbendruck oder das Neurom an der Verletzungsstelle ausgelöst wird. Dieser Reiz greift an den im peripheren Nerven verlaufenden sympathischen Fasern an. Möglicherweise wirkt dieser Reiz im Nerven zuerst auch auf sen¬ sible Fasern und wird erst im Rückenmark auf das Sympathikusgebiet übertragen. Für die Richtigkeit ihrer Anschauungen führen Leriche und Brüning vor allem die heilende Wirkung der operativen Ent¬ fernung von Neuromen und Nervennarben auf trophische Störungen an, die schon zu einer Zeit eintreten, wo eine Wiederherstellung der Nervenleitung noch nicht möglich ist. Auch in meinem Falle von Ischiadikusvereisung besteht, genau wie es Leriche von den Nervenverletzungen beschreibt, ein Inter¬ vall zwischen dem Zeitpunkt der Verletzung und dem Auftreten der trophischen Störungen. Es beträgt etwa 634 Monate. Es fehlt aber bei der Nervenvereisung das, was nach der Verletzung in dieser Zeit vor sich geht und den Reiz zu trophischen Störungen abgeben soll, nämlich die Narbenbildung. Es müssen hier also andere Dinge wirksam sein,, die die trophischen Störungen hervorrufen. Es war nun auffallend, dass eben zu der Zeit, wo 'die Störungen erkennbar wurden, die Regeneration des vereisten Nerven bemerkenswert rasche Fortschritte machte. Die anästhetischen Hautbezirke am Unterschenkel, die bis dahin nur wenig eingeengt worden waren, wurden wesentlich kleiner und die beiden Hauptstämme, der N. peroneus sowie der N. tibialis waren bis in die Gegend der Knöchel ausserordentlich klopfempfindlich, wobei die Schmerzen in ihr Endausbreitungsgebiet verlegt wurden. Dies Zeichen wird so ge¬ deutet, dass die Regeneration bis an die klopfempfindliche Stelle fortgeschritten ist (P. Hoff mann). Dabei lagen die trophischen Störungen noch vollkommen im sensibel und motorisch gelähmten Ge¬ biet. Auch ein wiedereingetretener nervöser Anschluss der Gefässe im gelähmten Fuss war noch nicht erkennbar. Wenigstens kam es beim Herabhängen dieses Fusses noch zur erheblichen Hyperämie. Der Kapillartonus war also noch sehr geschwächt. Vielleicht ist es aber doch möglich, dass die Nervenregeneration bereits weitere Fortschritte gemacht hat, als es durch unsere klinischen Untersuchungs¬ methoden nachziiweisen ist. Es wäre ein Entwicklungsstadium der jungen Nervenfasern denkbar, wo sie zwar noch keine Berührungs¬ oder Schmerzempfindung zu leiten vermögen, doch aber imstande sind, bereits einen „Reiz“ auf das Gewebe zu vermitteln, in das sie hinein¬ gewachsen sind. Ein derartig „unterinnerviertes“ Gewebe scheint aber zur Entstehung trophischer Störungen besonders disponiert zu sein. Brüning kommt auf Grund seiner Literaturstudien zu dem Schluss, dass im allgemeinen mehr die pathologische Veränderung der luner- ■ .392 .MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT. HrJ vation als ihre völlige Aufhebung zur Schädigung des Gewebes führt. Hieher gehören ausser den partiellen Nervenverletzungen vielleicht auch die bei Tabes oder Syringomyelie beobachteten trophischen Störun¬ gen. Es wäre also denkbar, dass sich an der unteren Extremität nach einer Ischiadikusvereisung und zwar je nach der Höhe der Ve'reiSUngs- stelle nach Monaten ein kritisches Stadium aWs’biklet, in dem der gelähmte Euss trophischen Störungen gegenüber besonders Wtenig widerstandsfähig ist. Theoretisch müsste sich dies Stadium verhindern oder beseitigen lassen, wenn man den Nervert aufs neue vereist. Das trophische Ulcus an der Ferse War 8 Vz Monate nach der Vereisung wieder vollständig zugeheilt zd einer Zeit, wo die Haut¬ sensibilität sich noch weiter an die Knöchel heran hergestellt hatte. Das weiter peripher gelegene Ulctrs zeigte um diese Zeit am Rande gute Granulationsbildung, heilte aber in der Beobachtungszeit nicht Zu. Ob die Ischiadikusvereisung mit der arteriell-venösen Attastomose W i e t i n g s in Konkurrenz zu treten vermag, lässt sich natürlich auf Grund meiner einzigen Beobachtung noch nicht sagen. Vor allem fehlt es noch an Erfahrungen darüber, inwieweit die Nerven Vereisung bei bereits eingetretener peripherer Gangrän das oberhalb liegende bedrohte Gewebe durch bessere Durchblutung zu schützen vermag. Jedenfalls hat die Nervefivereisung vor der Wietingschen Operation voraus, dass sie ungefährlich ist und dass sie mit völliger Sicherheit die Schmerzzustände beseitigt. Ihre Technik ist noch ausbaubar. Z w i r n und H a y e m raten, die Nervenresektion in der Nähe des Gangrän¬ herdes auszuführen, um gesundes Gebiet möglichst zu schonen. Ich habe oben die Gründe auseinandergesetzt, warum ich die Vereisung so hoch gelegt habe. Es würde aber vielleicht genügen, die Ver¬ eisung unterhalb des Abgangs der motorischen Aeste für den Gastroknemius und den Soleus zu legen. Dann würde die motorische Lähmung des Fasses vermieden werden. Die Vereisung kommt zu¬ nächst nur an der unteren Extremität in Frage. Die geeignetste Indi¬ kation gibt das der' sensilen Gangrän nicht selten vorangehende angio- sklerotische Reizstadium ab. Auch bei Raynaud scher Krankheit kann man an der unteren Extremität die Vereisung in Betracht ziehen. Neuerdings habe ich die Vereisung des Ischiadikus und Saphenus auch doppelseitig in einem Falle von Erythromelalgie vorgenommen. Ich werde über diesen Fall berichten, wenn er genügend lange beobach¬ tet worden ist. Für einige Stunden kann man ängiospastische und erythromekl- gische Schmerzanfälle durch Le'itungsunterbrechung des N. Ischiadicus und des N femoraiis mit einer 2— 4pruz. Novokainlusiuig beseitigen. Nach Ablauf der pharmakologischen Wirkung tfeten aber natürlich die Schmerzen wieder auf. Literatur. io?i 17* n_LnR:- ZblV,*' Ctlir‘ ^20 Nr- 48 und Arch. f. klin. Med. iyzi, li/. Bier: Hyperäriste als Heilmittel. Leipzig, 4. Aufl. S. 23. — wassirer: Die vasomotorisch-trophischen Neurosen. Berlin 1912 — °r0 : Be’r- z- patk Anat. u- allg. Pathol. Bd. 70, H. 1. — P Hoff- rlw iQ5nl 19!5 Nr- 13 u' 31. - Läwen: Verhandl. d. Deutschen Ges. 7hl f'rMr0' i^nLxre r ™ h e : n?eL Zentralorgan f. d. ges. Chir. Bd. 3 u. 12. w- Nr' 29' ~ Trendelen bürg: M.m.W. 1918 Nr. 49. — f d. ges.°Chir Bd- 53- ~ z w i r n und H a y e m: Zentralorgan Konstitution und endokrines System*). Von O. Wuth. wirken 6iner Erkrankung ist in der Resel das Zusammen- virken mehrerer Faktoren erforderlich. Auf der einen Seite steht als 3UI der anderen der betroffene Organismus. Wie für die Schädlichkeit eine gewisse minimale Wirkungsfähigkeit zur Er¬ zielung eines Effektes notwendig ist, so muss andererseits der Organis¬ mus eine gewisse Krankheitsbereitschaft, eine Disposition zeigen. Diese KondbLZnnd p*in e'nen, variablen, stets schwankenden Anteil, die ,m wesen,Bchen in ^ A"'^e f“*- , p>e Konstitution ist nach Bauer zu definieren als die Summe find [ eine ganz an ‘kn Mongolismus, bei welchem die davon betroffenen IndividU' sekretorisc' ^SSerordentliche Aehnlichkeit aufweisen, per analogiam den inne Gien Störungen zuamziLhlen. i . März. 1922, geben ist, dass diese Fragen von eihfe'r völligen Klärung noch weif itfernt sind, und die Verhältnisse durchaus nichf sei einfach liegen, 15 oberflächliche Betrachtung Vortäuschen könnte, so kann mail döch jhl mit ziemlicher Sicherheit sagen, dass allen ebenerwähnten psychi- iien Anomalien gemeinsam .ist die Zugehörigkeit der im Krankheits- 1 le ■ die psychische Veränderung Irti Gefolge habenden Organe zum dokrinen System. Auch diese Auffassung wild gestützt durch ver- hiedene Erfahrungen der Therapie, ' so durch die opötherapentisehen folge bei Hypothyreosen, durch die Symptomatologie der Thyreoidlu- rgiftung und die chirurgischen Erfolge bei Hyperthyreoidismus. Auch s Tierexperiment liefert zur Stütze gewisse Beiträge. Wir denken an Versuche Adlers, dem es gelang, bei winterschlafenden Igeln rch Thyreoidinzufuhr das Erwachen künstlich hervorzurufen. Ferner läre anzuführen die von Rom eis beschriebene und vielleicht als irm einer Beeinflussung recht primitiver Triebe aufzufassende Steige¬ ng der Fresslust bei Kaulquappen durch Fütterung mit Keimdrüsen- bktahl Aus diesen, soeben, angeführten.Tatsache-n können wir also mit Ziem- |:hfcir Wahrscheinlichkeit dfeü Schluss Ziehen, ; dass dem endokrinen rstem ein gewichtiger Einfluss auf den körperlichen Und psychischen abitus, somit auf die Qesamtpersönlichkeit zu/.usch-eiben sein dürfte. ; dürfte ferner einleuchten, dass dieser Einfluss wohl in der Pathologie id im Tierexperiment als konditionell zu betrachten ist. dass man den- Iben aber für die Vererbung körperlicher und psvchischer Anlagen ' s konstitutionell wird auffassen müssen. Würde sich diese Annahme ir absoluten Gewissheit erheben lassen, so hätten wir in dem Blut- iisensystem gewissermassen den Träger der Konstitution, den Weg- eiser und Regulator der Entwicklung, das Bindeglied zwischen psychi- hem und physischem Werden und Geschehen zu erblicken. In der Regel finden wir nun Soma und Psyche zum einheitlichen aazen der Persönlichkeit fast untrennbar verschmolzen. Auf grob upirischer Beobachtung Und Verwertung dieser Ueberelnstimmung isiert die Gabe, die wir gemeinhin als Menschenkenntnis zu bezeichnen legen. Indessen hat es auch nicht an Versuchen gefehlt, diese Beziehungen issenschaftlich zii erklären; Als hypothyreotisches Temperament hat an eine Konstitution bezeichnet, deren Trägern bestimmte körperliche id seelische Eigenschaften in konstanter Weise eigen sind. In psychi- her Hinsicht zeigen solche Individuen geringe Regsamkeit, bisweilen igar Trägheit, Interesselosigkeit und gesteigerte Ermüdbarkeit; die jirperlichen Stigmata sollen bestehen aus Neigung zu kleinem stärnmi- :n Wuchs, oft mit Fettleibigkeit verbunden, zu trockener und pastöser laut, zu frühzeitiger seniler Involution. Unschwer erkennen wir aus ieser Schilderung die Aehnlichkeit mit dem ausgeprägten Krankheits- lde des Myxödems. Wie man nun geneigt ist, zu diesem die Base- owsche Krankheit in gewissen Gegensatz zu bringen, so hat man ich ein hyperthyreotisches Temperament beschrieben. Die Träger eser Konstitution werden . geschildert als magere, grosse Menschen it feuchter Haut und grossen Glanzaugen; auf psychischem Gebiet illen gesteigerte Erregbarkeit und Labilität des Affektlebens das her- prstechendste Merkmal sein. Von weiteren aufgestellten Konstitu- rnstypen wären ferner noch zu erwähnen die hyperpituitäre und hypo- mitale Konstitution. Individuen, welche diesen Typen angehörei, :igen neben Hypoplasie des Genitale Anomalien der sekundären Ge- .hlechtsmerkmale, charakteristische Verteilung des Fettpolsters, zarte autdecken; in psychischer Hinsicht sollen sie von phlegmatischem emperament und von scheuem, zurückgezogenem Wesen sein. Nun aber stellen obige Fälle durchwegs mehr oder weniger starke ibweichungen von der Norm dar und unterscheiden sich vom Kre¬ nismus. Morbus Basedowii und Eunuchoidismus eigentlich nur graduell. 3h en wir somit eine Beeinflussung der Gesamtpersönlichkeit durch das idokrine System in der Pathologie und in Fällen, die dem patho- gischen näher als der Norm stehen, als gesichert an. so interessiert is hauptsächlich die Frage, ob wir auch beim Durchschnittsmenschen, so bei der grossen Masse, solche Beziehungen feststellen können. !\x wiesen schon eingangs darauf hin, dass viele Tatsachen der Ver- rbung. z. B. die Vererbung von Stammes- und Familienzugehörigkeits¬ erkmalen für das Bestehen solcher Beziehungen sprechen. Für die sychiatrie ist diese Frage von besonderem Interesse. Einmal der irch die Genealogie festgestellten Tatsachen wegen und sodann wegen 3r vermuteten Beziehungen zwischen psychischen Störungen und liehen der inneren Sekretion. Es handelt sich also darum, ob wir auch eim Normalen Beziehungen zwischen körperlichem und seelischem jabitus feststellen können. Dazu ist nun zunächst zu bemerken, dass 'ir vorläufig nicht in der Lage sind, beim Durchschnittsmenschen be- immte körperliche Typen als feststehend betrachten zu können. Es it zwar nie an Versuchen gefehlt, Menschentypen aufzustellen, allein ndgiiltiee Anerkennung vermochte bislang keine dieser Einteilungen .1 erringen. Zur Ermöglichung eines Ueberblicks glaube ich von einer urzen Schilderung der hauptsächlichsten Typen nicht absehen zu iirfen. Von Wunderlich stammt die Aufstellung einer reizbaren iarken und schlaffen Konstitution, mit zahlreichen, sich auf beide Fer¬ ien verteilenden I JntergruDnen. So sollten die zerebrale, spinale, atarrhalische, biliöse, plethorische, anämische Konstitution Unter¬ ruppen der reizbaren Konstitution bilden, während der . schlaffen die venöse, lymphatische, fette, asthenische und kretinenartige Konstitution zugehören sollte. Ideenverwandt damit ist die Tand- ersehe Einteilung in hypertonische, .normaltonische und hvpo- anische Menschen. Rokitansky sowie Beneke bemühten ich auf Grundlage von Grössenmessungen der Organe be- 39? Stimmte LeistungSfypen auizustellen, wobei sie sich mit der Aufstellung eines überwertigen und minderwertigen Organismus be¬ gnügten. Diesen Bemühungen, wenigstens in ihren Ausgangspunkten ähnlich ist der Klassifizierungsversuch von Viola, der einen Habitus megafdSplanchnicus oder apoplecticus und einen Habitus mikrosplanchni- cus 'oder phtftisicus- unterschied. Fast ausschliesslich auf dem Studium der äusseren Körperförtu und ihrer Proportionen beruht die Aufstellung Sigauds und seiner Schüler von 4 Typen, nämlich des Type respira- toire digestif, musculaire und eefebral. Von grösster Wichtigkeit ist rn. E. jedoch die Tatsache, dass schon Sigauds Schüler Chainou- M a c A u 1 1 f f e richtig erkannten, dass sich nur wenige Individuen ohne Schwierigkeiten fff dieses Schema einfüged lassen und dadurch zur An¬ nahme zahlreicher Mischformen, z. B. des Type musculo-digestif, ceie- bro-musculaire usw. gedrähgt sahen. So gross die Zahl der Richtlinien, so gross die Zahl der Typen. Aus diesem Umstand allein kann man schon erkennen, wie wenig befriedigend alle Versuche ausgefallen sind- Und wie wir sahen, war ia auch schon der Notwendigkeit eines Kom¬ promisses in dem Zugeständnis der Mischformen Rechnung getragen eine Annahme, die uns in Anbetracht der Summe der dem Einzei- ifidividttuffl überkommenen Erbanlagen durchaus berechtigt erscheint und picht nur berechtigt, sondern notwendig. Aber gerade diese Misch- förme'n oder vielmehr die ihrer Aufstellung zugrunde liegende richtig erkannte Notwendigkeit bilden die Hauptschwäche aller derartigen TypisierungSLesirebüngen, eine Schwäche, die darin begründet liegt, dass es eben nickt gelingen will, die unendliche Mannigfaltigkeit der Natur, die keine zwei vollkommen gleiche Individuen entstehen lässt, in starre Schemata zu pressen. Dazu kommt die Gefahr, dass bei dem für solche Fragestellungen anerkannten Mangel an exakten Mess¬ methoden subjektiver Ansicht und Täuschung weitester Spielraum ge¬ lassen ist. Neuestens hat nun Kretschmer den Versuch gemacht, Beziehung zwischen körperlichem und psychischem Habitus festzustellen.. Er stellt vier körperliche Typen auf, den pyknischen. den asthenischen, den athletischen und dysplastischen Typ und bringt unter weit¬ gehender Berücksichtigung erbbiologischer Ergebnisse den pyknischen Typ, hl dem wir im wesentlichen den Viola sehen Typus megalo- splanchnicus und den Sigaud sehen lype digestif erkennen, in Be¬ ziehung zur manisch-depressiven Anlage, während er den asthenischen Typ, der vieles mit dem Still ersehen Habitus asthenicus, dem Sigaud sehen Tvpe cerebral oder respiratoire gemein hat, sowie dem athletischen (Sigaud sehen Type musculaire) und dem dysplastischen Typ Beziehungen zur schizophrenen Anlage zumisst, aber auch über die$e Betrachtungen weit hmausgehend Beziehungen zwischen Körper¬ bau und Charakter beim Nichtosychotischen nachzuweisen sucht. So« begrüssenswert das Auftauchen eines durch die Phantasmen von Gail und Lavat’e f ad absurdum geführten Gedankens, dessen richtigen Kern wir mehr ahnen als beweisen können, in neuer, weit ausblickender Fassung und mit dem ßestreben, den Forderungen exakter Wissenschaft- licher Forschung gerecht zu werden, auch ist, so begrüssenswert allein schon die Belebung der Kunst ärztlichen Sdhauens durch derartige Betrach¬ tungen, so können wir nicht verhehlen, dass den Kretschmer sehen Ausführungen schwerwiegende methodologische und aprioristische. zum Teil oben schon angedeutete Bedenken gegenüberstehen, auf die ich jedoch nicht eingehen will, bis die von anderer Seite in Angriff ge¬ nommene exakte Nachprüfung der K r e t s c h m e r sehen Angaben, die sich allerdings über ein sehr grosses Material wird erstrecken müssen, ihr Urteil abgegeben hat. ... Zunächst scheinen mir seine Darlegungen eine zahlenmassige Be- stätigung des von k e h m sowie mir erwähnten relativ seltenen Vor- kommens von gröberen körperlichen Anomalien beim manisch-depres¬ siven Irresein gegenüber der Dementia praecox und Epilepsie zu er¬ bringen, ein Umstand, der nicht so sehr verwunderlich erscheint in Anbetracht der Tatsache, dass das manisch-depressive Irresein in Verlauf und Ausgang dem normalen psychischen Geschehen mit seinen Affektschwankungen viel näher steht als die anderen erwähnten Psychosen. Des weiteren spielen unseren Erfahrungen nach gröbere, auf bestimmte Organe beziehbare morphologische Anomalien zahlen- mässig in unserem Krankenmaterial durchaus keine bedeutende Rolle und ferner ist sicherlich auch der körperliche Habitus bis zu einem ge¬ wissen Grade von exogenen Faktoren beeinflussbar: es sei hier nur an die Erfolge sportlicher und militärischer Erziehung erinnert. Und so will es mir scheinen, dass die Versuche, aus dem Körperbau, einer Summe gewisser Partialkonstitutionen auf eine andere Summe von Partialkonstitutionen, die Psyche oder auf die Gesamtkonstitution einer Persönlichkeit zu schliessen, vorerst noch vor fast unüberwindlichen Schwierigkeiten stehen dürften. Ist doch auf einem ursprünglich so fruchtbaren Gebiet, wie den morphologischen Veränderungen bei endo¬ krinen Störungen, auf welcher Grundlage letzten Endes ja die oben erwähnten Versuche basieren, eine gewisse Stagnation nicht zu ver¬ kennen. Wir können somit heute wohl nur soviel sagen, dass eine Beeinflussung der Gesamtpersönlichkeit durch das. endokrine System auch beim Normalen in hohem Masse wahrscheinlich ist. dass jedoch unsere Methoden es noch nicht erlauben, im Einzelfalle mit einiget Sicherheit diesen Einfluss und damit auch die Beziehungen zwischen Soma und Psyche zu präzisieren. Und wenn wir uns nochmals die erwähnten Tatsachen vergegen¬ wärtigen, welche uns eine Beeinflussung von Soma und Psyche durch das Blutdrüsensystem als wahrscheinlich annehmen lassen, diesen letzteren also als Partialkonstitution eine besondere, andere Partial¬ konstitutionen beeinflussende Stellung zuerkennen, so will es mir am versprechendsten erscheinen, an diesem Punkt mit der Erforschung der MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT. MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT. Nr. 1] 394 Konstitution einzusetzen. Eppinger sowie Pötzl und Hess haben in ihren Versuchen diesem Gedanken Rechnung getragen, indessen hat sich die Hoffnung als trügerisch herausgestellt, durch pharmako¬ logische Funktionsprüfungen des vegetativen Nervensystems eindeutige Aufschlüsse über Zustandsänderungen im Blutdrüsensystem zu erhalten. Auf der Suche nach weiteren Möglichkeiten des Eindringens, erinnern wir uns einiger Tatsachen der Physiologie. So wissen wir. dass die Kohlehydrattoleranz, die endogene Purin- und Kreatininausscheidung, das N-Minimum eine gewisse bemerkenswerte individuelle Konstanz zeigen und vielleicht als Ausdruck bestimmter Konstitutionen auf¬ zufassen sind. Besonders hervorzuheben sind in dieser Hinsicht auch die Energiewechseluntersuchungen Grubers über den auf die Körper¬ querscheibe berechneten Ruheumsatz. Ausser anderen Faktoren übt nun die Schilddrüsensubstanz einen mächtigen Einfluss auf den Energie- und Eiweissstoffwechsel aus, und auch sonst bestehen enge, wenn auch noch nicht völlig geklärte Beziehungen zwischen Blutdrüsensystem und Stoffwechselvorgängen. Es sei nur kurz an gewisse Formen der Fett¬ sucht erinnert, an den Diabetes insÜpidius und mellitus, an gewisse Störungen des Mineralstoffwechsels. Wir sehen also, dass Beziehungen des endokrinen Systems zur körperlichen und seelischen Konstitution in hohem Masse wahrscheinlich, ja in vielen Punkten sichergestellt erscheinen, und wir wissen, anderer¬ seits, dass Stoffwechselvorgänge von dem Blutdrüsensystem abhängig sind. Ich möchte daher der Hoffnung Raum geben, dass von einer weiteren Klärung dieser Beziehungen vielleicht zu erwarten steht, dass sie uns messbare und unmittelbarere Anhaltspunkte für die Konstitution liefern dürfte, als wir sie heute aus der Betrachtung des Körperbaus zu schöpfen vermögen und gerade auf psychiatrischem Gebiete, auf dem erbbiologische Einflüsse eine solche Rolle spielen, dürfte vielleicht der stoffwechselchemischen Konstitutionsforschung in der Zukunft eine besondere Bedeutung zukommen. Aus der urologischen Abteilung der akademischen chirurgischen Klinik zu Düsseldorf. (Geh. Rat Witzei.) Urologische Röntgendiagnostik. Von Prof. Dr. P. Janssen, Vorsteher der Abteilung. Die Röntgendiagnostik chirurgisch-urologischer Erkrankungen hat in den letzten Jahren grosse Fortschritte gemacht und es ist dem prak¬ tischen Arzt wohl nicht ganz leicht, heute allen Berichten einer ganz speziellen Fachliteratur zu folgen, tatsächlich Brauchbares von dem¬ jenigen zu trennen, was sich noch im Stadium des umstrittenen Ver¬ suchs befindet. Und doch muss auch der Praktiker, der nicht selbst Röntgendiagnostik treibt, wissen, was dieser Zweig der Diagnostik leisten kann, um seine Kranken beraten zu können und Licht zu bringen in die Krankheitsprozesse eines Organsystems, welches sich wie kaum ein anderes der direkten Beobachtung des unbewaffneten Auges ent¬ zieht. Wirklich gute, d. h. brauchbare Röntgenaufnahmen der Harn¬ organe bringen die Kranken selten mit in' die Kllinfk, obwohl fast ein jeder seine Platten oder Abzüge bei sich trägt, die in irgendeinem Rönt¬ geninstitut angefertigt sind. Brauchbare Aufnahmen kann aber nur der anfertigen, der sich speziell mit der Röntgendiagnostik der Harn¬ organe beschäftigt hat. Die Darstellung von Konkrementen und Fremd¬ körpern genügt uns heute nicht mehr, wir wollen aus W e i c h teil- bildern Lagerung, Ausdehnung und Struktur der Organe erkennen. Ohne zweifellos scharfsinnige diagnostische Deduktionen heranzuziehen, die in Einzelfällen den Sachverhalt klarzustellen in der Lage waren und die in einer reichhaltigen kasuistischen Literatur niedergelegt sind, soll im nachstehenden nur das erwähnt werden, was sich für die Praxis als einwandfrei erwiesen hat. Als Verfahren stehen zu Gebote die Röntgendurchleuch¬ tung, die Röntgenaufnahme ohne und mit Kontrast¬ mitteln und die Auffüllung der Peritonealhöhle mit einem gasförmi¬ gen Medium. Luft, Sauerstoff, in neuester Zeit auch der schnell resor- bierbaren Kohlensäure: das Pneumoperitoneum. Die Röntgendurchleuchtung scheidet für die Urologie fast ganz aus, soweit es sich nicht um das Pneumoperitoneum bandelt, dessen später gedacht werden soll. Wir bedürfen sogar für die Diagnostik der Kon¬ kremente einer objektiveren Darstellung als die Durchleuchtung allem sie geben kann, denn kleinere und sich bewegende Steine werden da¬ bei nicht sichtbar. Sie wird ersetzt durch die Röntgenaufnahme. Wenn diese brauchbar sein soll, so muss sie vor allem ein klaies ana¬ tomisches Bild liefern, welches ganz, bestimmte Richtlinien für die Be¬ obachtung gibt, d. h. ein1 genaues Knochenstrukturbild der unteren Rip¬ pen und Wirbelquerfortsätze bzw. des Kreuz- und Steissbeines, sowie die Umrisse der Mm. psoas und quadratus lumborum. Zu diesem Zwecke muss das Sekret aus dem unteren Harnorgan entfernt werden, denn die flüssigkeitsgefüllte Blase absorbiert einen Teil der Strahlen, verdeckt gewisse Körper, die sich sonst markieren würden (z. B. ab¬ gebrochene Gummikatheter!). Man empfiehlt zur deutlicheren Darstel¬ lung von Gegenständen in der Blase die Sauerstoff- oder Luftinsuffla- tion (bei letzterer Vorsicht in ulzerös veränderten Blasen wegen Gefahr der Luftembolie!), notwendig erweist sich dieses leicht ausführbare Ver¬ fahren aber selten. Viel bedeutungsvoller ist die peinlichste Entleerung des Darmkanals nicht nur von Speisebrei und Kot. sondern auch von Gasen, deren Anwesenheit die Haustren stark hervortreten lässt und ! so zu Missdeutung des Bildes Veranlassung gibt, sic sind besonder] aus dem Colon ascendens und der Flexura hepatica schwer zu eng fernen. So sonderbar es klingen mag, eine genügende Dairnentleerun 1 zur Darstellung der Nieren und des Ureterverlaufes ist nicht einfach Einen, besser zwei Tage vor der Aufnahme muss der Kranke abiiihrei und zwar mit drastischen Mitteln (Ol. ricini) und erhält vor der Am nähme noch einen entleerenden Einlauf. Die Nahrung während jene Zeit muss flüssig sein, am Morgen' der Aufnahme bleibt er nüchteri Nur so sind gute Strukturbilder zu erhalten. Nun einige Worte über die Aufnahme selbst. Auf die A; paratur soll nicht eingegangen werden. Selbstverständlich können m mit modernsten Apparaten in sachkundiger Hand die Feinheiten zi Darstellung gebracht werden, nach denen wir suchen. Der Körper mus der Platte fest anliiegen, ohne Luftzwischenraum. Bei Nieren- un Ureteraufnahmen erreicht man dies durch Erhöhung des Oberkörpei und Beugung der Hüftgelenke (dicke Polsterrolle unter die Knie! Bei Blasenaufnahmen müssen die Hüftgelenke gestreckt sein. Seitlich Aufnahmen der Blase zur Darstellung pathologischer Zustände sin zwecklos, da die Beckenknochen das Organ verdecken: diagonal können von grosser Bedeutung sein, man muss sich bei der Lagerun nur die anatomischen Verhältnisse der Beckenknochen vor Augen halte um eine Ueberschneidung des Organs zu vermeiden. Stets sind Verstärkungsfolien zu verwenden (Gehler sehe Dupluxfolie). . 1 Alle Aufnahmen, sofern es sich nicht um Uebersichtsaufnahnu. der Nieren zum groben Vergleich zwischen rechts und links hande oder um Bilder von kleineren Kindern, müssen mit Kompressionsbletk vorgenommen werden: mit runder für Niere und Blase, mit rech eckiger für den Ureterverlauf. Die Blende muss so tief eingehen. w I es der Kranke eben vertragen kann. Ein zwischen Körper und Bletu geschalteter Loofaball macht nicht nur den Druck erträglicher, sondei massiert vor allem die sich in die Blendenöffnung vorwölbenden Weicl teile und die Luft aus den über dem darzustellenden Organ gelegen: Darmpartien fort. Um eine möglichst günstige Strahlenachse zu erhalten, muss d Röhre gekantet werden: bei der Blase leicht zum Beckenausgan bei der Niere nach oben hin* möglichst so, dass der Blendenring ob« unterhalb des Rippenbogens eingedrückt wird. Häufig wird es no wendig werden bei verdächtigem' Befunde (z. B. Parenchymstem« der Niere usw.), unter Stellungsänderung der Röhre eine zweit Aufnahme zu machen, um eine andere Strahlenachse zu erhalten. Gj nicht genug kann geraten werden, z. B. bei fraglichen Strukturverändj rungen der Niere, nach mehreren Tagen erneute Aufnahme zu mache; um festzustellen, ob die gleichen Verhältnisse noch vorliegen. Fehle quellen, wie Plattenfehler. Unsauberkeiten der Verstärkungsfolie US' müssen natürlich ausgeschlossen sein! Die Belichtungsdauer ist für grössere Konkremente ziemli belanglos, keineswegs aber für kleinere und für die Erkennung v< Strukturveränderungen der. Niere (Abszesse und Tumoren). Man den! nur nicht, die Niere, ein extraperitoneal gelegenes Organ, bewes sich nicht bei der Atmung! Freilich tut sie dies, und in einer für ih radiögraphische Darstellung sogar recht extensiven Weise, so da schon die Steinkonturen parallel zur Körperachse verschwommen e scheinen, weniger markierte Umrisse aber gar nicht mehr erkennb werden. Deshalb sind für diese Nieremaufnahmen Momentau nahmen unter maximaler Belastung etwas härterer als der sonl "-eich gehaltenen Nierenröhren bei A t e m s t i 1 1 s t a n d notwend:! Einüben des Patienten auf letzteren ist wegen Materialersparnis eni fehlenswert! Endlich sei noch auf die dringende Notwendigkeit hingewiescl stets das gesamte Harnsystem radiographisch abzusuchen, au wenn es schon glückte, ein Konkrement etwa in den abführcndii Wegen oder in den oberen Harnorganen zu finden. Nur so gewin man eine genaue Indikation für die operative Entfernung der Niere: und Uretersteine. Daraus ergibt sich für eine vollkommene Un-te suchung die Notwendigkeit von je einer Aufnahme rechts und links h Niere. Nierenbecken und oberen Ureterverlauf, je einer für den Läng verlauf des Ureters und eines Blasenbildes nebst den unteren Urete abschnitten — sofern nicht die oben angeführten Gründe Wiede holungen in gleicher oder späterer Sitzung bedingen. Die chirurgischen Lehrbücher ' enthalten immer noch das Dogm kleinere Konkremente und solche gewissen chemischen Aufbaus, w Urate, Zystin und Xanthinsteine, seien radiographisch nicht darstellbr Hem muss widersnrochen werden. Schon einem Gutachten v> Israel aus dem Jahre 1915 ist zu entnehmen, dass er nur 4 Prc, der Konkremente als nicht darstellbar bezeichnet. Diese Zahl ist wc heute rmch weit mehr heruntergegangen'. Die Grösse des Steines J sich selbst stellt bei guter Apparatur und Aufnahmetechnik kc Hindernis für seine Darstellbarkeit dar. Man bringt den auch ga dünnen, schalenförmigen Stein des Nierenparenchyms ebenso gut a die Platte wie den stecknadelkopfgrossen Ureterstein, auch bei korp lenten Kranken. Ebenso können wir uns von einem Versagen des Vc fahrens bei Uraten nicht überzeugen. Xanthin- und Zystinkonkremen sind so wenig häufig, dass es an Reihenuntersuchungen fehlt; wo in sie aber vermutet und im einfachen Röntgenbilde nieht findet, dürl ihre Darstellung gelingen unter Zuhilfenahme von Silberniederschläg auf denselben durch Kollargolfüllung des Nierenbeckens So verhältnismässig einfach es also ist, den Nieren- und Niere beckenstein festzustellen, so schwierig ist die W e i c h t e i 1 a u nähme. Aber sie ist notwendig und gelingt auch stets nactv richtig März 19 22. MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT. i bereitung selbst bei fettleibigen Personen; ja man möchte behaupten, |S in einem starken umgebenden Fettpolster sich die Zeichnungen i Niere, zum mindesten ihre Umrisse, besonders gut abheben. Einen ■ onderen Fortschritt bedeutet hier die neuerdings von Rosenstein Carelli angegebene Herstellung eines künstlichen Emphy- m s des Fettlagers der Niere mit Sauerstoff bzw. Kohlensäure. Die Abtastung der normal liegenden Niere ist unmöglich, höchstens , ingt cs, ihren unteren Pol mit der untersuchenden Hand in Be- rung zu bringen. Die Fälle von Aplasie oder Hypoplasie einer Niere ; 1 nicht selten. Bekannt ist es, wie irreleitend die Annahme ist, 1 s zu zwei regelrecht gelegenen und funktionierenden Ureteröffnungen tei Nieren gehören müssen. Jedem Urologen sind die Fälle in Er- ierung, in denen z. B. bei Aplasie einer Niere beide Harnleiter in etwa geteilte Pelvis einer Solitärniere führten, oder in denen zu n einen Ureter eine ganz unterentwickelte Niere gehörte, und ähn- e. Diese Erfahrungen veranlassen uns, bevor wir uns zu irgend¬ ein Eingriff an der Niere entschliesscn, stets durch die Röntgenauf- rime von dem Vorhandensein zweier Nieren zu über- jj;gen — neben allen modernen funktionell-diagnostischen Verfahren. I Ebenso gestattet es nur die Röntgenaufnahme, eine leichte jrstopie der Niere von einer Vergrösserung des Organs zu „ erenzieren, da eine Abtastung in diesen Fällen nur teilweise möglich Bei grösseren beweglichen Tumoren der Bauchhöhle wird meist r der radiographische Nachweis beider Nieren an normaler Stelle v der Verwechslung mit Ren mobilis schützen oder Hufeisennieren i)i anderen Entwicklungsstörungen des Organs. Diese die Lage bestimmenden Uebersichtsbilder dürfen natürlich r ht als Kompressionsblenden-Aufnahmen angefertigt werden, denn auf , se Weise würde das bewegliche Organ leicht reponiert werden. {; Aufnahmen müssen im Liegen, besser im Stehen gemacht werden, i (glichst nachdem durch längeres Gehen eiine Senkung des Organs jgünstigt wurde. So gelingt es also stets, über die Lage und die Grössenverhältnisse ff Niere ein gutes Bild zu bekommen, schwieriger aber ist die Er- lanung von Strukturveränderungen der Niere; auch die 1 utung technisch ganz tadelloser Bilder macht heute noch Schwierig¬ sten, aber wir sind in der Erreichung dieses Zieles auf gutem Wege, !; Ausgestaltung der Röntgentechnik lässt von Jahr zu Jahr sicherere irtschritte erkennen. Bei künstlicher Durchleuchtung der Platte mit ihtiger Lichtintensität und unter Benutzung des kleinen Kunstgriffes, u Platte aus einer Entfernung von 3—4 m mit einem guten Opernglase i betrachten, der die Unterschiede der Dichtigkeit des Organs viel sser vor Augen führt, ist man auch heute schon in der Lage, manche izelheiten krankhafter Parenchymveränderungen zu erkennen und. zu uten. Es kann nicht genug angeraten werden, jede exstir- e r t e N i e r e bei ihrer anatomischen Zerlegung mit ihrem öntgenbilde genau zu vergleichen und daran zu lernen, werden wir neben der weiteren Ausgestaltung der Technik uns dem de der diagnostischen Deutung am Lebenden am besten nähern. Man kann die persistierende fötale Lappung der Niere gut erkennen, ch das Vorhandensein der doppelseitigen kongenitalen Zystennieren gut diagnostizierbar — • eine für event. geplantes radikales Vorgehen ; chst bedeutungvolle Feststellung! Ebenso können beginnende ma- ;ne Tumoren, wenn ihre Dichtigkeit von derjenigen des normalen erengewebes abweicht, gelegentlich auf der Platte gut erkannt erden zu einer Zeit, in der das Volumen des Organs noch nicht be- nders vergrössert ist, d. h. bevor etwa die Durchleuchtung des leumoperitoneums genügenden Aufschluss gibt. Nierenabszesse, enn sie nicht allzuklein sind, markieren sich auf den Platten, besonders enn käsige Degeneration oder Verkalkung einzelner Partien vorliegt, ; dass man event. bei anderweitig festgestellter Nierentuberkulose ;h ein recht gutes Bild der vorliegenden Veränderungen des Organs li machen in der Lage ist. Recht wesentlich ist für die Beurteilung die Erkenntnis, ob n Nierenstein sich im Pelvis oder im Parenchym befindet und an •elcher Stelle des Parenchyms. Denn auf diese Weise vermag man it Eingehen auf den Stein auf kürzestem Wege sehr viel Nierensub- anz zu schonen. Das Röntgenbild der Weichteile lässt diese Lokali- ition mit fast absoluter Sicherheit erkennen, Jedenfalls viel sicherer s alle Messverfahren, die z. B. von französischer Seite angegeben erden. .. . Erweitert wird die Diagnostik pathologischer Vorgänge in der Niere arch die Pyelographie: die Auffüllung des Nierenbeckens mit ontrastmitteln nach Uretersondierung. Ein vielumstrittenes Ver- ihren! Die Verwendung des Kollargols und ebenso diejenige es Pyelons, dem die als „Giftwirkung“ angesprochenen Erschei- angen des ersteren angeblich fehlen sollen, hat ganz fraglos mehrfach a plötzlichen Todesfällen geführt, deren einwandfreie. Erklärung noch ussteht und auf die einzugehen hier nicht der Ort ist. Die Pyelo- raphie selbst ist zu einem in der Urologie ganz unentbehr- ichen Verfahren geworden und auf Grund unserer Erfahrungen önnen wir dasselbe als ganz harmlos bezeichnen bei Beobachtung weier Vorsichtsmassregeln: zunächst muss das Mittel ohne den Druck eingespritzt werden, denn das Nierenbecken darf nicht ge- ehnt und damit Kollargol bzw. Pyelon in das Parenchym eingepresst werden ; man eicht zunächst das Pelvis mit Borlösung, bis der Kranke inen leichten Druck bemerkt, lässt ablaufen und injiziert dann ganz anft die gleiche Menge des Kontrastmittels, dessen Anwesenheit im lierenbecken niemal szu irgenw eichen Druckbeschwei- len Veranlassung geben darf! Ferner soll man es unbedingt Nr 11 vermeiden, gleichzeitig beide Nierenbecken mit Kollargol oder Pyelon anzufüllen. Sehr gute Kontrastwirkung gibt auch eine Jodkali¬ lösung von 10 Proz., besonders aber Natriumbromid von 20 Proz. Die Mittel sind biliger und sollen in beliebigen Mengen (also auch zur Dar¬ stellung grösserer Erweiterungen des Nierenbeckens) ungiftig sein, zumal wenn man aus der während der Aufnahme liegenbleibenden Sonde die Flüssigkeit alsbald abtropfen lässt und ausserdem wird, da die letztgenannten Präparate nicht schmutzen, die heute so kostbare Operationswäsche nicht verdorben. Die Pyelographie gibt Aufschluss über die Grössenverhältnisse des Nierenbeckens, über etwa bestehende Bildungsanomalien (Bipartitio, mit einfachem oder doppelt angelegtem Ureter, Hufeisen-, Kuchennieie usw.) Die Calices erster und zweiter Ordnung markieren sich gut und lassen erkennen, wieweit die etwaige Ausdehnung des Pelvis fort¬ geschritten ist, ob Nierenparenchym in grösserer Ausdehnung ihr be¬ reits zum Opfer fiel. Weitere Feinheiten, ob z. B. die Ausdehnung des Pelvis vom letzteren selbst oder den Calices ausging, oder ob ulzerative Prozesse an den Papillenspitzen oder Papillome des Pelvis Aussparungen des Kontrastmittels hervorrufen, mag gelegentlich er¬ kennbar sein, es ist aber noch zu früh, derartigen Befunden ausschlag¬ gebenden diagnostischen Wert beizumessen. Gut sollen sich nach Kollargolauffüllung Konkremente des Nieren¬ beckens abheben, die für die gewöhnliche Radiographie nicht sichtbar waren und rauhe Oberfläche haben, auf denen sich das kolloidale Silber niederschlagen kann. Die Aufnahme darf erst gemacht werden, wenn das Kontrastmittel im übrigen ganz entleert ist, weil sonst das Konkrement verdeckt werden würde. Wie oben angedeutet, vei- anlassen unsere guten Steinaufnahmen uns selten dazu, zu diesem Hilfsmittel zu greifen, bzw. der vorher aufgenommene negative Be¬ fund fand durch dasselbe keine Aenderung. Die Notwendigkeit der Darstellung des U r e t e r v e r 1 a u f e s Nt unumgänglich bei jedem Verdacht auf Bestehen von Missbidungen und erworbenen Lageveränderungen im Bereich der oberen Harnwege, ihre restlose -Deutung ist nur auf diese Weise möglich. Zur Verwendung von Metallmandrins in gewöhnlichen Uretersonden oder Blei- bzw. Queck¬ silberfüllung derselben ist nicht zu raten: diese Sonden sind zu starr und geben kein richtiges Bild vom wirklichen Verlauf des Harnleiters. Zu bevorzugen sind die mit Wismut imprägnierten Sonden und zwar solche mit Lichtung. Sie schmiegen sich dem Ureterverlauf gut an und geben gleichzeitig das Nierensekret, lassen also, um einige Beispiele zu nennen, erkennen, ob bei doppelter Anlage des Ureters der einen Seite nur der eine etwa mit einer funktionierenden Niere in Verbindung steht, oder ob, wie wir es beobachteten, bei Bi¬ partitio des Nierenbeckens der eine, entzündlich veränderte Teil des¬ selben eitergetrübten, der andere normalen, klaren Harn entleerte USW Auch wenn Verdacht auf Ureterstein vorliegt oder ein Schat¬ ten der Röntgenplatte als solcher angesprochen werden muss, ist die Aufnahme mit Wismutsonde erforderlich. Nicht als ob die Sonde nun vor dem Ureterstein arretiert würde, das ist sehr oft nicht der Fall, die Sonde passiert vielmehr neben dem Stein weiter hinauf. Der, Sondenschatten tritt in positiven Fällen sogar nicht immer in Be¬ rührung mit dem Steinschatten. Dass eine korrekte Feststel¬ lung dieses Befundes zwei Aufnahmen in abweichender Strahlen¬ richtung oder Stereoaufnahmen erforderlich macht, liegt auf der Hand, weil natürlich der supponierte Steinschatten, wenn er etwa, um ein Beispiel heranzuziehen, von einer ver¬ kalkten Mesenterialdrüse herrührte, bei der Aufnahme in nur einer Ebene von dem Sondenschatten zufällig überschritten werden könnte. Die radiographische Darstellung des Ureterverlaufes schützt auch allein sicher vor der Verwechslung des Uretersteines mit Phlebolithen der Beckenvenen, die auch in jugendlichem Alter beobachtet werden. Der Geübtere wird zwar meist in der Lage sein, aus dem einfachen Bilde an der runden Gestalt der Schatten, ihrem multiplen Auftreten, ihrer Lagerung parallel dem horizontalen Schambeinaste die Venen¬ steine als solche zu erkennen. Dass bei allen Ureteraufnahmen stets der ganze Verlauf dar¬ zustellen ist, wurde schon betont. Auf die physiologischen Engen: bei Austritt aus dem Nierenbecken, bei Kreuzung mit den Iliakalgefässen und im intramuralen Blasenverlauf, dem hauptsächlichen Sitz des Steines, ist besonders zu achten. Bei Lokalisation des Steines an letzt¬ genannter Stelle auf dem Röntgenbilde kann allein die Zystoskopie vor der Verwechslung mit Blasensteinen schützen, nicht aber die Grösse des Steinschattens: wir fanden gelegentlich ein . intramurales Kon¬ glomerat von 8 Uretersteinen (Oxalate), die als e i n Gebilde auf der Platte wirkten und der Grösse und Lagerung wegen zunächst als Bla¬ senstein angesprochen worden waren. . Beiläufig sei bemerkt, dass es nie versäumt werden sollte, bei Schmerzanfällen in der Appendixgegend, deren klinische Nebenerschei¬ nungen die Diagnose Appendizitis zweifelhaft machen, die Röntgen¬ aufnahme vorzunehmen: wir fanden mehrere Male, dass durch Nachweis eines Uretersteines die Diagnose schnell geklärt wurde! Bei der Untersuchung von Erkrankungen. der Blase soll man, wenn der übrige Befund nicht absolut eindeutig ist, niemals von der Röntgenuntersuchung Abstand nehmen. Man denke nur nicht, dass das negative Ergebnis der Zystoskopie in jedem Falle ein Stein¬ leiden der Blase ausschliesse, so absurd dies auch klingen mag. Eine Prostatahypertrophie mit starker Fundussenkung kann, wenn die Spie- geliuntersuchung nicht auch retrograd vorgenommen wurde, recht leicht den Stein an jener tiefsten Stelle übersehen lassen und ein Divertikel- 5 MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT. .396 Nr. stein entzieht sich völlig dem endoskopischen Nachweis. Aber^ auch der endoskopisch ausgemachte oder bei nicht ausführbarer Zysto- skopie durch die Sfeinsonde festgestellte Blasenstein sollte radio¬ graphisch dargestellt werden, nicht etwa nur um einen ganz objektiven Anhaltspunkt für seine Grosse zu erhalten, sondern auch für seine Form und Beziehung etwa zur Urethra (Pfeifenstein, dessen Entfernung ausserst schwierig sich gestalten kann). Die Zystoskopie lässt nur an der über fläche des Steines seine chemische Zusammensetzung erkennen, nicht im Kern. Ein offenbarer Phosphatstein kann einen grossen harten Uratkern haben oder gar einen Fremdkörper in seiner Mitte beherbergen; ein abgebrochenes Stück eines üummikatheters, einen Knochensplitter nach Verletzung oder ein Geschossstück. Alle diese Verhältnisse anzutreffen hatten 'wir Gelegenheit und das Rönt¬ genbild liess dieselben vorher erkennen an der wechselnden Dichte des S t e I n s c h a 1 1 e n s in der Mitte und an seinen Rän¬ dern. Das ist natürlich von ausserordentlicher Bedeutung für die operative Indikation! Es würde ein grober Fehler sein, wollte man Konkremente wie die eben skizzierten durch Zertrümmerung zu entfernen versuchen: das Röntgenbild lässt die Sectio alta als den ein¬ zig möglichen Operationsweg erkennen. Aber auch gew isse Veränderungen der BMsenwand selbst kann man durch das Röntgenbild und allein durch dieses feststellen. Wie oft z. B. macht ein blutender Blasentumor die Endoskopie un¬ möglich, die Radiographie zeigt jedoch seinen Sitz, seine Ausdehnung und gestattet Schlussfolgerungen über seine Operabilität. Man be¬ darf dazu der Kontrastmittel. Es genügt die Luftauffüllung, die gute Bilder gibt, bei der wir aber die Gefahr der Luftembolie bei offenen Gefässlumina scheuen. Die mehrfache Kollargolaufnahme in ventrodorsaler und beiderseitig diagonaler Richtung zeigt, ebenso wie etwa die Wismutaufnahme des Magens, die Aussparung des Schattenbildes im Bereich des Tumors und lässt alles Wissens¬ werte aus der Kombinierung jener drei Aufnahmen erkennen. Ganz vorzügliche Resultate gibt die radiographische Darstellung der Blasendivertikel bezüglich ihrer Form und Ausdehnung, die durch die Zystoskopie ja in keiner Weise zu ermitteln ist. Bei richtiger Lagerung gibt die Kollargolfüllung der Blase ein ganz klares Bild des Divertikels und ebenso zeigt die in die Divertikelöffnung ein¬ geführte Wismutsonde, welche sich aufrollt bei Aufnahme ohne Kon¬ trastmittel die Ausdehnung des Divertikels oder der „Nebenblase“ an, und führt man gleichzeitig — bei Divertikeln des Fundus — in die benachbarte Ureteröffnung eine zweite Sonde ein, so gelangt man zu einer Deutung der Lageverhältnisse des Ureters zur Divertikelwand, die für den einzuschlagenden operativen Weg zur grössten Bedeutung werden kann. Die Unterscheidung, ob ein Konkrementschatten etwa der Pro¬ stata angehört oder der Blase wird ermöglicht durch eine Aufnahme der kollargolgefüllten Blase bei Beckenhochlagerung und starker Kan- tung der Röhre zum Beckenausgang. Der Blasenstein verschwindet im Kollargolschatten, das Prostatakonkrement liegt ausserhalb desselben deutlich erkennbar,. Die radiographische Darstellung der Prostathypertrophie, die gelegentlich möglich ist, bleibt hinter ihrer Feststellung durch andere Verfahren (Palpation, Endoskopie, Sondierung der Harnröhre) meist zurück. Veränderungen der Urethra: Strikturen, paraurethrale Fisteln und Abszesse, ferner die komplizierten anatomischen Verhältnisse nach Verletzungen lassen sich recht gut auf der Röntgenplatte darstellen unter Voraussetzung der Lagerung des Membrum parallel zur Platte, bei Schräglagerung des Beckens und Injektion des Kontrastmittels unter ganz leichtem Druck und nachher Abklemmen der Urethra. Ist der Druck zu stark, so fliesst das Kontrastmittel über den Sphincter externus in die Blase hinein und aus diesem Grunde gelingt auch sicher nur die Darsteilung der vorderen Urethra, während man auf ein Bild der posterior oft verzichten muss. — Als Kontrastmittel pflegen wir hier eine ganz dünne Wismutaufschwemmung zu benutzen, weil sie die Wäsche nicht verdirbt wie das Kollargol; der Verwendung des Wismut für Aufnahmen der höher gelegenen Abschnitte des Harn¬ systems steht der Umstand entgegen, dass das durch die Schwere sich senkende Wismut leicht an den Organwänden haften bleibt und schlecht zu entleerende Zusammenballungen bildet. Einen unser diagnostisches Rüstzeug sehr wesentlich verbessernden Faktor stellt die Herstellung des Pneumoperitoneum dar. Auf die Technik der Ausführung kann hier nicht eingegangen werden. Wir bedienen uns der Auffüllung der Bauchhöhle mit Luft. Obwohl irgend¬ welche Schädigungen des Kranken niemals festzustellen waren, wird man das Verfahren doch nur anwenden, wenn man ohne dasselbe den Aufbau der Diagnose nicht vollenden kann; denn die Luftansammlung behindert die Leute doch recht sehr und lässt sich noch nach Wochen im Abdomen nachweisen; die Abfassung der Luft nach der Durch¬ leuchtung wird aber niemals restlos durchgeführt werden können. Es bedarf noch der Nachprüfung, ob die neuerdings von französischen Autoren empfohlene Kohlensäureauffüllung Vorteile bringt. Sie sollen darin bestehen, dass, abgesehen von der Unschädlichkeit des Gases, dieses, in Mengen von 2 Liter eingeführt, nach % Stunden restlos resorbiert ist, so dass das immerhin nicht angenehme Gefühl des aufgeblähten Peritoneums fast verschwunden ist, wenn der Kranke den Röntgentisch verlässt. Das Pneumoperitoneum gibt bezüglich der, Form und der Grössen¬ verhältnisse der Nieren, ihrer Beziehung zu den Nachbarorganen, ihrer Beweglichkeit und ihrer Differenzierung gegenüber intraabdominellen Tumoren sehr klare Aufschlüsse, namentlich wenn man geübt darin alle Möglichkeiten der Untersuchung auszunutzen, die im Stehen ij im Liegen ausgeführt werden muss, vor allem auch unter langsam Drehung des liegenden Körpers um seine horizontale Achse und gleiij zeitiger Abtastung des Abdomens, um die Verschieblichkeit und La; Veränderung des als Niere angesprochenen Schattens zu deuten. Aber auch die Ergebnisse des Pneumoperitoneums dürfen nicht üb schätzt werden, das lehrte uns jüngst ein Lall, in dem wir von dies Verfahren eine Aufklärung zweifelhafter klinischer Symptome erh< hatten. Es bestand bei einer jungen Frau ein grosser ballotticrem Tumor der linken Flanke, der als die vergrösserte Niere angesproc! wurde, nur machte stutzig das günstige und gleichmässige Ergeh der nach allen Methoden vorgenommenen Untersuchung der Einz urine. Gleichwohl bestätigte das Pneumoperitoneum jene Diagno Die Nierengegend wurde freigelegt, das Organ wurde in normal Grösse an regelrechter Stelle wahrgenommen, aber ihm fest an; lagert fand sich eine kindskopfgrosse Zyste des Schwanz des Pankreas, welche die Schattenbildung verursachte und operativ beseitigt wurde. Die im Stehen aufgenommene Röntgenpla wurde nochmals eingehend durchforscht und es war nun — da man tatsächlichen Verhältnisse kannte! — eine ganz zarte Differenz i Dichtigkeit des Schattens zu bemerken, welche die Niere gegen i fest anliegenden Zystenschatten absetzte, die bei der Durchleuchte des Pneumoperitoneums zu erkennen jedoch völlig unmöglich ; wesen wäre. Jedenfalls stellt das Pneumoperitoneum ein Verfahren dar, dess Ausführung in irgendwie zweifelhaften Fällen niemals u n t e lassen werden darf. Die Erkennung der feinen Strukturverhältnisse der Niere ist ik lange nicht abgeschlossen und hat wahrscheinlich mit weiterem Ausl der Röntgenapparatur noch eine grosse Zukunft. Aus der Hals-, Nasen- u. Ohrenklinik der Akademie f. praktisc Medizin in Düsseldorf. (Direktor: Prof. Dr. B. Oerte Zur Therapie der Peritonsillitis. Von Dr. Heinz D ah mann, Oberarzt der Klinik. So vielgestaltig ,das Bild der, Peritonsillitis auftreten kann ul im manifesten Stadium sich zu äussern vermag, so zahlreich sind at die therapeutischen Massnahmen, die von den einzelnen Anhängi dieser oder jener Methode geübt und empfohlen werden. Und ebei wird auch im allgemeinen jede Methode ihre Vorzüge zu betonen und Nachteile der anderen Behandlungsformen herauszufinden wissen. Objektiv betrachtet hat jede Methode ihre Vorzüge und Nachte und besonders dann, wenn sie als einzige Methode wahllos auf s Formen von Peritonsillitis ihre Anwendung finden soll. Ich möchte darum in folgendem die einzelnen, d. h. die gebräu lichsten therapeutischen Massnahmen besprechen, sie nach Wert i Zweckmässigkeit für die einzelnen Formen und Stadien der Pf tonsillitis ordnen und dementsprechend ihre Anwendung empfehlen. Kurz zusammengefasst kennen wir folgende Methoden: I. Die konservative Behandlung, bei der wir eine Rückbildung < Entzündungserscheinungen erstreben oder einen Spontan dur bruch des Abszesses nach der Mundhöhle hin abwarten. (Inn lieh: Salizylsäurepräparate, äusserlich: warm gurgeln, Hai Umschläge, Halslichtbad etc.) II. Die chirurgische Behandlung. 1. Inzision des Abszesses durch den vorderen Gaumenbog| (Schnittführung möglichst auf der Höhe des Abszesses para dem freien Rande des Gaumenbogens.) 2. Einreissen der Abszesswand in der oberen Gaumenbucht. (L Einreissen geschieht entweder mit stumpfem Haken oder i dem scharfen, geknöpften K iTT ia n sehen Sichelmesser.) 3. Scharfes Herauspräparieren (Luxation) des oberen Mand pols aus der oberen Gaumenbucht und dadurch breite 1 Öffnung der Abszesshöhle, die' sich bekanntlich zwischen M: delgewebe und Mandelbett bildet. (Dieser Eingriff stellt ersten Phasen der Mandelausschälung dar.) Was die konservative Behandlung angeht, so ist die für alle d i e Fälle indiziert, in denen noch keine Einschmelzung c peritonsillären Infiltrats erfolgt ist. Wendet man in diesem Stadii der Peritonsillitis die konservative Behandlung an, so erlebt man nii allzu selten Rückbildung der Entzündung sowie des Infiltrats und « mit auch Nachlassen der Beschwerden. Handelt es sich jedoch um eir einwandfreien peritonsillären Abszess, so ist die konservative Behai lung nicht zu empfehlen. Wenngleich auch die meisten peritonsillär Abszesse nach ca. 8—10 Tagen spontan nach der Mundhöhle hin dun zubrechen pflegen, ist doch eine frühe Eröffnung des Abszesses zur E lastung der Spannung und zur Behebung der qualvollen Beschwert vorzuziehen. Um sich zu vergewissern, ob schon eine Einschmelzi des peritonsillären Infiltrats erfolgt ist, wenden wir die Probepun t i o n an. Man wählt für diesen Zweck recht white Kanülen, auch ev. dickflüssigen Eiter, also im Beginn der Einschmelzung, as rieren zu können und um auf diese Weise keinen Abszess zu überseh Die Probepunktion kann nicht genügend empfohlen werden; d( weder Aussehen der Mandeln noch die Stärke der Prominenz geben r mit Sicherheit Aufschluss darüber, ob schon Einschmelzung erfolgt März 1922. MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT. , »r nicht. Selbst die anscheinend gelblich durchscheinende Höhe 3 5 peritonsillären Infiltrats führt oft irre, wenn die helle Stelle nicht flingt ist durch dahinterstehenden1 Eiter, sondern durch anämische lissheit der Schleimhaut infolge der prallen Spannung, welche die | itzufuhr zu dieser Stelle erschwert. Es ereignet sich in den Kliniken ’ hältnismässig recht häufig, dass Kranke eingeliefert werden, bei . len ohne Erfolg mehrere tiefe Inzisionen gemacht waren, Inzisionen, ; nur die Schmerzen gesteigert und unter Umständen eine Eintritts- i rte für schwerste weitere Infektionen geschaffen hatten, wie Phleg- i nen des Halses. Um den Kranken diese unangenehmen Folgen nutz- [cr und qualvoller Inzisionen zu ersparen, wird1 die Probepunktion eckmässig angewandt. Die Probepunktion an sich ist ein kleiner, ht sehr schmerzhafter Eingriff. Nach Kokainisierung der Schleimhaut in die Kanüle von einer Einstichstelle aus in die verschiedenen •htungen des Infiltrats zum Absuchen auf event. Abszessbildung rührt werden. Wird kein Eiter gefunden, so hat man wenigstens in (j verhältnismässig kleinen Einstichstelle keine neue nennenswerte B trittspforte für weitere Infektionen geschaffen. I Verläuft die Probepunktion mit negativem Resultat, so wird die Handlung konservativ bleiben müssen, bis später wiederholte Punk- Iji oder palpierbare Fluktuation eitrige Einschmelzung ermittelt und 3 rurgische Behandlung indiziert. Die Wahl zwischen den oben an- 3 ährten chirurgischen Methoden wird bestimmt durch Anamnese, i ch den Zustand der erkrankten Mandel und der Gaumenbögen und Glich durch den Plan der weiteren Behandlung; ob z. B. eine mög¬ est baldige Totalexstirpation der erkrankten Mandel in Aussicht nommen wird und der Patient sich damit einverstanden erklärt. Ist letztere der Fall, so ist zweifellos die beste Methode das E: rauspräparieren des oberen Mandelpol s. Nach Ab- I lung der Peritonsillitis ist es dann nur noch ein kleiner, meist sehr iihter Eingriff, die Tonsille gänzlich aus ihrem Bett stumpf heraus- «ichälen und am unteren Pol abzuschnüren (Tonsillektomie). Selbst- \ "stündlich muss dieser Eingriff vorgenofnmen werden, bevor sich der l.ierte obere Tonsillenpol der oberen Gaumenbucht wieder angelegt ; oder gar mit ihr werwachsen ist. Wird aber aus irgendwelchem Grunde : vorgeschlagene baldige Tonsillektomie abgelehnt oder ist eine solche r ht indiziert, so ist auch von der Eröffnung des peritonsillären Ab- Lsses durch Luxation des oberen Tonsillenools abzusehen: denn der r ere Pol ragt nach Abklingen der Peritonsillitis entweder frei in die hndhöhle und stört Schlingakt und Sprache oder er legt sich wieder r oberen Gaumenbucht an. Es bilden sich dann zwischen der Tonsille eerseits und den Gaumenbögen und dem Mandelbett andererseits leite und ausgedehnte Verwachsungen, welche für den Fall, dass doch tbh kurzer oder langer Zeit aus anderen Ursachen eine Tonsillektomie corderlich werden könnte, die Operation wesentlich erschweren irden. Für »diese Fälle käme also Inzision des peritonsillären Ab¬ risses durch den vorderen Gaumenbogen oder Eingehen auf den iszess durch die obere Gaumenbucht in Frage. Die Inzision durch den vorderen Gaumenbogen f der gebräuchlichste Eingriff. Besonders vorsichtige Aerzte pflegen c Klinge des zweischneidigen Abszessmessers im Abstand von 2 cm ’i der Spitze mit Heftpflaster zu umwickeln, um ein zu tiefes Ein- ngen in die Tiefe und damit Verletzung grösserer Gefässe zu ver¬ rieten. Es genügt jedoch, wenn man auf die Tonsille zu inzidiert und sh nicht zu sehr lateralwärts hält. Der Schnitt wird recht gross an- 5 egt. Er verklebt ziemlich leicht, und zur Lüftung des Abszesses rss am Tage nach der ersten Inzision nochmals die verklebte Oeff- ng mit Ha r t m a n n scher Zange oder Kornzange stumpf erweitert vrden. Dieses Vorgehen ist da indiziert, wo es sich um eine erst- tlige Peritonsillitis handelt, eine Tonsillektomie nicht in Aussicht jnommen wird und der Abszess sehr weit nach vorn gelagert ist, : dass diese Inzision den direktesten Weg zum Abszess darstellt, -zuraten von dieser Inzision ist in Fällen häufig rezidivierender 1 ritonsillitis. bei der schon narbige Verwachsungen zwischen ,rderem Gaumenbogen und Tonsille bestehen und Tonsillektomie in 'ssicht genommen ist. Denn häufige Inzisionen durch den vorderen Jumenbogen führen zu derben Verwachsungen, die später bei der ’nsillektomie stumpfes Operieren geradezu unmöglich machen können Ei durch das erforderliche scharfe Auspräparieren einmal die Operation ’sentlich erschweren und andrerseits die Möglichkeit gefährlicher Ichblutungen zur Folge haben. Um dieses zu vermeiden, wählt man zweckmässig den Weg zur (Öffnung des Abszesses durch die obere Gaumen- hcht. Da in den meisten Fällen die Peritonsillitis ihren Ausgang ’nmt von dem erkrankten oberen Tonsillenpol, stösst man an dieser Idle häufig in- nur ganz geringer Tiefe auf den Abszess. Diese Me- bde hat aber den Nachteil, dass sie — mit dem stumpfen Haken aus- jiührt — sehr schmerzhaft ist und den Abszess auch nicht breit er- •net. Diese Abszessöffnung wird schmerzloser bei Anwendung der Ibscharfen Hoopmann sehen Schere. Fasse ich nun alles kurz zusammen, so ergibt sich für die Behand¬ le der Peritonsillitis folgendes zweckmässige Vorgehen: L In allen Fälen von peritonsillärer Erkrankung beginnen wir mit (r> Massnahmen der konservativen Behandlung. 2. Es wird das peritonsillitische Infiltrat mit weiter Kanüle p u n k - ’ert zu einem Zeitpunkt, zu dem schon beginnende Einschmelzung : erwarten ist. Ergibt die Punktion keinen Fiter, so wird nicht inz;- brt und die konservative Behandlung noch fortgesetzt. Wird Eiter ■i der Punktion gefunden, so kommt chirurgische Behandlung in Frage ’d zwar; 3. Inzision durch den vorderen Gaumenbogen, wenn die Abszesshöhle weit nach vorn reicht, wenn es sich um eine erstmalige Peritonsillitis handelt und baldige Tonsillektomie nicht in Frage kommt. 4. Eine Eröffnung des Abszesses via obere Gau- m e n b u c h t, wenn der Abszess in der Nähe des oberen Gaumenpols zu liegen scheint, wenn schon mehrfache frühere Inzisionen durch den vorderen Gaumenbogen zu reichlicher Narbenbildung an dieser Stelle geführt haben und Patient eine entsprechend frühzeitige Tonsillektomie ablehnt, oder diese aus anderen Gründen nicht in Frage kommt. 5. Die Ausschälung (Luxation) des oberen Tonsillen¬ pol s aus der Gaumenbucht in allen Fällen, aber auch nur in den Fällen, in denen nach Abheilung der ersten entzündlichen Erscheinungen die Tonsillektomie angeschlossen wird, wofür einerseits die kli¬ nische Indikation und andererseits das Einverständnis des Patienten Voraussetzung sind. Zum Schluss möchte ich nochmals auf die Vorteile der Probe¬ punktion hinweisen, deren Ergebnis einerseits die Wahl zwischen kon¬ servativer Behandlung und chirurgischem Eingriff entscheidet und andererseits unnötiges Quälen des Kranken mit nutzlosen oder gar schädigenden Inzisionen zu vermeiden ermöglicht Aus der orthopädischen Klinik der Universität in Freiburg i. Br. Ueber den Wellenschnitt. Von Prof. Dr. A. Ritsch 1. Um strangförmige Gebilde, insbesondere Sehnen, Nerven, Gefässe freizulegen, bedient man sich allgemein gerader, dem Verlauf des frei¬ zulegenden Gebildes folgender Hautschnitte. Es hat das auch an vielen Stellen1 des Körpers keinerlei Nachteile. In der Nähe der Gelenke liegen die Umstände anders. Hier kann leicht einmal, selbst wenn es auch nicht etwa zu einem gestörten Wundverlauf kommt, eine dem freien Ablauf , bestimmter Gelenkbewegungen hinderliche Narbe entstehen. Denn eine Narbe zieht sich bekanntlich nicht nur in querer, sondern auch in der Längsrichtung im Laufe der Zeit nicht unbeträchtlich zu¬ sammen. Derartige Störungen gehen in der Regel von beugeseitig gelegenen Narben aus und betreffen am häufigsten das Schulter-, Ellenbogen- und das Kniegelenk, auch wohl die Vola manus (Dupuytren sehe Kon¬ traktur). Am häufigsten habe ich nach Verlängerung der Kniekehlensehnen wegen Beugekontraktur des Kniegelenkes derartige Störungen als Re¬ zidive infolge geradliniger Hautnarben beobachtet. Um dem abzuhelfen, bin ich auf den Gedanken gekommen, in der¬ artigen Fällen den Hautschnitt nicht mehr gradlinig, sondern entweder bo¬ genförmig, oder noch besser wel¬ lenförmig anzulegen (s. Fig.). Beim Ablösen der Hautränder erhält man dabei zwei Lappen a und b. Diese werden beim Zurückziehen der Wundränder mit Wundhaken nach aussen umgeschlagen und stören das Freilegen der tieferen Gewebsab- schnitte in keiner Weise. Nach voll¬ endeter Operation wird die Wunde durch Knopfnähte geschlossen. Die Narbe bekommt infolge Schrumpfens eine leicht abgeflacht-wellenförmige Gestalt. Diese hindert die volle Aus¬ dehnung der Haut im Gegensatz zu einer geradlinigen deshalb nicht, weil sie sich angespannt weiter zu strecken in der Lage ist, wie etwa ein Stück einer Spiralfeder. Von Vorteil ist auch, dass die wellenförmige Narbe das strang- förmige Gebilde in der Tiefe nur an einer Stelle schneidet, so dass eine etwaige Verwachsung nicht den funktionellen Schaden stiften kann, wie wenn sie, wie bei einem geradlinigen Schnitt, die ganze Ausdehnung dieses Schnittes betrifft. Ich empfehle in allen Fällen vom Wellenschnitt Gebrauch zu machen, wo es sich darum handelt, bestehende Kontrakturen durch eine offene Weichteiloperation zu beseitigen, aber auch in allen solchen Hallen wo die Gefahr nahegerückt ist, dass eine geradlinige Narbe in¬ folge ihrer späteren Schrumpfung dem Ablauf bestimmter Bewegungen hinderlich werden könnte. Ein einfacher aktiver und passiver Uebunqsapparat für den Vorderfuss, bezw. die Zehen. Von Dr. Q. Hohmann. Privatdozent für orthop. Chirurgie in München. Wer viel Fusskranke zu behandeln hat, empfindet es als ein Bedürfnis, für die Wiederherstellung der Funktion des Fusses in seinem vorderen Anteil mechanische Vorrichtungen zu haben, die die übrigen Heilmassnahmen unterstützen. Bisher gibt es solche Apparate nur sehr wenige. Vor allem sind es die Kontrakturen in den Metatarso- 5* MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT. 398 Phalangealgelenken, welche eine grössere Berücksichtigung verdienen, als sie bisher im allgemeinen erfuhren. Diese Gelenke sind von ausser¬ ordentlicher ja entscheidender Bedeutung für die normale Abwickelung des Fusses vom Boden. In dieser Phase des Ganges biegt sich der Fuss in den Metatarsophalangealgelenken nach oben ab, ruht anfangs auf den Metatarsusköpfchen und im letzten Moment des Abstossens vom Boden auf der Sohlenfläche der Zehen in ihren Endgliedern Sehr häufig sehen wir pathologische Veränderungen im Bereiche des Vorder- t'usses d^e mit dem Einsinken des Quergewölbes beginnen und zu einer plantaren Senkung der mittleren Metatarsusköpfchen führen. Im Gefolge dieser Veränderungen bilden sich Kontrakturen in diesen Ge¬ lenken aus. Besonders handelt es sich um das 2.. 3. und auch 4 Meta- tarsophalangealgelenk. Die Zehen verlagern sich in diesen Gelenken dorsalwärts, indem ihre Grundglieder sich an der Rolle der Köpfchen der Metatarsen nach oben verschieben. Primär dürfte es sich hierbei um eine Insuffizienz der Interossei handeln, die infolge der Verbreite¬ rung des Mittelfusses zum Teil unwirksam werden und ihre Wirkung auf die Zehen einbüssen. Zum Teil wird auch der Flexor digit. brevis unwirksam. Die Dorsalflektoren der Zehen gewinnen das Uebergewicht, verkürzen sich, wie män am Vorspringen ihr ei Sehnen am Fussrückcn feststellen kann, die Zehen selbst stellen sich in Krallenstellung. Nur der Flexor digit. longus bleibt wirksam und zieht die Endglieder der Zehen in diese Beuge- oder Krallenstellung. Dabei kann die Verlage¬ rung der Zehen in den Grundgelenken dorsalwärts so weit gehen, dass dieselben in hochgradigen Fällen stumpf, ja bisweilen rechtwinkelig auf den Köpfchen der Metatarsen stehen. Sekundär schrumpft dann die Kapsel an der Dorsalseite und die, ebenso wie an den Fingergrund¬ gelenken exzentrisch angebrachten Seitenbänder, Ligamenta collateralia, die wie gespannte Spiralen wirken. Eine aktive Plantarflexion der Zehen ist dann nicht mehr möglich, da sie gehindert wird nicht nur durch die Insuffizienz der kurzen Muskeln, sondern auch durch die sekundäre Verkürzung der Gelenkweichteile. Der Kranke geht dann beim Ab¬ wickeln des Fusses nur mehr über die Reihe der Metatarsusköpfchen ohne wesentliche Mitbeteiligung der Zehen. Auf die Dauer treten dadurch Ueberlastungsbeschwer- den auf. An der Sohle finden sich die typischen Hornhaut- und Klavusbildungen und es entstehen z. T. sehr hartnäckige Beschwerden. Fig. 1. Fig 2. Therapeutisch müssen wir zuerst die Grundursache, die Valgus- stellung und Senkung des Quergewölbes zu beheben suchen, was durch eine, das Längs- und Quergewölbe stützende Einlage geschieht. Dann aber müssen wir die normale Funktion der kurzen Fussmuskeln wieder herzustellen suchen und gleichzeitig die Kontraktur in den Grundgelen¬ ken bekämpfen. Wir erreichen dies durch heisse Bäder, Massage der kurzen Fussmuskeln, sowie durch passive Plantarflexion der Zehen in den Grundgelenken, die manuell auszuführen ist. Ferner müssen wir die kurzen Fussmuskeln aktiv üben. Wir können dies durch aktive Plantarflexion des Vorderfusses bewirken, die sog. Greifübung der Zehen. Wir werden aber einen grösseren Nutzen sehen, wenn wir diese aktive Uebung unter Widerstand ausführen lassen. Zu diesem Zwecke habe ich nachstehend beschrie- Nr. 1 ~ benen kleinen Widerstandsapparat konstruiert, der sich mir recht gi bewährt hat. ’ . . .. ,, ucrf„co., „ a) Widerstandsübungsapparat für Vorderfussun ZC\)er Apparat besteht aus einer Sohlenplatte aus Eisenblech . v< etwa 30 cm Länge, die in der Gegend der Metatarsophalangealgelen! durch ein Scharniergelenk nach oben und unten beweglich gemacht u Diese Sohlenplatte ruht auf einer schiefen Ebene auf, die unter 35—41 Neigung auf einem horizontalen, 70 cm langen Grundbrett montiert u Diese schiefe Ebene reicht nadh vorn nur bis z« dem Scharnu gelenk der Sohlenplatte, so dass der Vorderfussteil derselben fr nach abwärts bewegt werden kann. Am hinteren Rand der Soh.er platte ist ein 3—4 cm hoher Rand als eine Art Fersenkap angebracht. 3 Schnallengurte befestigen den Fuss auf dieser Sohle platte, einer schräg von der Ferse zum Fussgelenkspalt. einer für d Mittelfuss unmittelbar hinter dem Metatarsophalangealgelenke. einer 1 die Zehen. Von dem Grundbrett aus erhebt sich etwa an der hinter Drittelgrenze desselben senkrecht ein Bandeisengalgen 70 cm ho in die Höhe, an dessen oberem Ende eine aufrechtstehende sagitt; Rolle befestigt ist. Von der vorderen Spitze der Sohlenplatte aus gt eine Schnür über diese Rolle nach hinten, an der ein Birnengewic hängt. Eine Walklederfilzplatte liegt zum Schutz des Fusses auf < Eisenblechsohle. Die Uebung wird so vorgenommen, dass der Kran mit dem Vorderfuss den angebrachten Widerstand überwindet, indem die Zehen kräftig sohlenwärts beugt. Diese Uebung ist ausgezeichi zur Kräftigung vor allem der kurzen Sohlenmuskulatur und dient durch auch ‘zur Mobilisierung der versteiften Zehengrundgelen ^1S'eüiU weiteres Bedürfnis ist. eine Vorrichtung zur Mobilisierung < versteiften Grosszehengrundgelenks zu haben. Dasselbe ist namentl bei der deformierenden Arthritis in seiner Bewegungsfahigkeit stark e geschränkt. Insbesondere ist die Dorsalflexion in diesem Gelenk s behindert. Die Grosszehe ist aber für die Abwicklung des Fusses 1 Fig. 3. r:~" grosser, ausschlaggebender Bedeutung, auf ihr ruht zu allerletzt Fuss. Man geht über die Grosszehe, die mit breiter Fläche dem Bt aufliegt und mit starken Muskelkräften an ihn anpresst und von ihm gehebelt wird. Darum sind die Gehstörungen bei deformierender Arth im Grosszehengrundgelenk, die wir öfter sehen und die bisher et stiefmütterlich behandelt wurde, für den Besitzer dieses Leidens recht empfindlich. Teils hindern die verkürzte Gelenkkapsel, teils die Osteophyten an der Dorsalseite die Dorsalflexion der Grosszehe, und jeder Schritt bedeutet eine Zerrung des Gelenks bzw. ein An¬ pressen der knöchernen Gelenk¬ körper gegeneinander. Ueber eine rationelle Behandlung der Arthritis des Grosszehengelenks folgt eine besondere Arbeit. Die Behand¬ lung dieses Leidens wird aber wesentlich unterstützt durch Ueb- ungen aktiver und passiver Art. Für aktive Uebungen eignet sich der unter a beschriebene Wider¬ standsapparat. zur passiven Deh¬ nung habe ich nachstehend be¬ schriebene Mobilisierungsschiene hergestellt. b) Mobilisierungsschiene für die Zehen. Dieselbe besteht aus 2 Pelotten, eine für den Fussrücken, ein den Unterschenkel, zwischen denen ein starrer Winkel befestig! Am Scheitel des Winkels befindet sich ein Haken. Die Schenke: Winkels sind durch Flügelschrauben zu verstellen bzw. festzust um die Schiene bei verschiedenen Lagen des Fussgelenks und’ schiedenen Fussgrössen anwenden zu können. Die Pelotten w< mit einfachen Gurten angeschnallt, die Fusspelotte muss unmitf ■ März 1922. MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT. 399 Lr dem Qrosszehenmittelfussgelenk am Fussrücken liegen, die andere , der Vorderseite des Unterschenkels etwas oberhalb des Fuss- 'nks an. Sie dienen lediglich als Qegenhalt. bzw. als Fixierung des 1 -halb des zu mobilisierenden Gelenks liegenden Gliedabschnittes, gen diesen festen Punkt, der mit dem Haken an dem ütel des starren Winkels gelegen ist, wird die Grosszehe in " Richtung dorsalwärts gezoge n. Eine kleine Leder- •mfe führt um das Grundglied der Grosszehe und wird mit einer 'mir nach dem Haken geführt, fest angezogen und dort befestigt, i. 3u 4.) Nach 5—10 Minuten kann die Schnur noch einmal nacli- , igen werden. Die Schiene ist eine Dauerschiene nach der Art Schede sehen Schienen, d. h. sie bleibt etwa Vs— 1 Stunde lang, jlmal täglich liegen. Bekanntlich sind ja kurzdauernde passive Wirkungen bei Gelenkkontrakturen nicht immer sehr wirksam, nur i länger andauernde und allmählich verstärkte Kraft vermag verkürzte j mkweichteile genügend zu dehnen. Beide Apparate sind von der fdagistenfirma Stortz & Raisig. München, Rosenheimerstr. 4 a her- | teilt. _ _ Yatren in der Gönorrhöebehandlimg. Von Dr. C. O. Herb eck, Berlin-Niederschönhausen. Die Behandlung der verschiedenen Formen männlicher und weib- i er Gonorrhöe geht, gleichlaufend mit der Reizbehandlung »lerer Erkrankungen1), darauf hinaus, eine Beeinflussung des Krank- itsprozesses durch Einverleibung von Reizkörpern zu erzielen. Vornehmlich die chronischen Formen dieser Erkrankung waren J; jeher eine Crux medicorum; sagt doch schon Ri cords: „Une • iide pisse commence, Dieu le sait, quand eile fimra.“ Ein abschliessendes Urteil über den Wert der verschiedenen Reiz¬ te. wie Aolan. Kasein, Terpichin, Trypaflavin. kolloidale Silber- j parate u. a., zu fällen, ist derzeit kaum möglich. Auffallend günstiger jpmflussung der genannten Erkrankungsformen durch diese Mittel jhen solche gegenüber, wo diese Therapie vollständig versagte. Das in letzter Zeit häufiger genannte Yatren2) (5 Jod-8 oxychinolin- i ulfosäure) ermunterte gerade wegen seiner relativen Ungiftigkeit und ner bakteriziden Eigenschaften zu eingehenderer Prüfung bei gonor- nischen Erkrankungen. In ausführlichen Versuchen stellte Diet- -•h3) im Kaiser-Wilhelm-Institut für experimentelle Therapie in Iilem (Geh. Rat Wa s s e r m an n) fest, dass Yatren u. a. Gonokokken Aszitesbouillon in 0,01 proz. Lösung in 2 Stunden abtötet. _ Neben ser bakteriziden Eigenschaft scheint das Yatren eine spezifisch rei- ide Wirkung auf erkranktes Gewebe auszuiiben ’), ohne jedoch die unter äusserst stürmisch einsetzenden Reaktionen der Proteinkörper ;r kolloidalen Silberpräparate zu zeigen. Auch ist eine Schädigung erkrankten Körperzelle scheinbar nie beobachtet6). Nachdem mir das West-Laboratorium in Hamburg-Billbrook die orderlichen Mengen Yatren bereitwilligst zur Verfügung stellte, ent- iloss ich mich, ausgedehntere Versuche mit diesem Mittel bei ver- siiedensten Formen der Gonorrhöe auszuführen, um eine Beeinflussung Js Krankheitsprozesses durch die chemotherapeutische Wirkung des "tren (es spaltet im Körper kein Jod ab, sondern wirkt als Komplex- rper) und zugleich durch die Wirkung des Mittels im Sinne der e i c h a r d t sehen Protoplasmaaktivierung und des Zimmer- len 3) Schwellenreizes1 zu erzielen. Die Versuche wurden vorgenommen an einem Material von einigen adert Fällen der verschiedensten Erkrankungen männlicher und weih- her Gonorrhöe. Das anfangs benutzte Yatrenkasein habe ich ganz fgegeben wegen mitunter zu stürmischen Allgemein- oder Herd¬ iktionen, die für Arzt und Kranken gleich unangenehm sind, und ver¬ lade ausschliesslich 5 proz. Yatrenlösung, und zwar, der vollkommenen hmerzlosigkeit wegen, nur intravenös. Es wurden behandelt 62 Fälle männlicher Gonorrhöe, davon 39 ute Anteriorgonorrhöe, 6 Fälle von Prostatitis gonorrhoica, 9 Fälle it gonorrhoischer Nebenhodenentzündung und 8 Fälle mit chronischer inorrhöe; ferner 45 Fälle weiblicher Gonorrhöe, davon 8 mit akuter morrhöe, 18 mit gonorrhoischer Endometritis und 19 mit Adnexerkran- :ng. Eine deutliche Beeinflussung war festzustellen bei den chro- schen Formen in dem Sinne, als eine rasche Umwandlung des chro- schen Prozesses in einen akuten stattfand. Der spärliche Ausfluss urde vermehrt; meist gelang dann ohne Mühe der Gonokokkennach- eis. Bei Fortsetzung der Behandlung wurde der Ausfluss schnell nnfliissig, glasig, um bei energischer Lokalbehandlung bald ganz zu rsiegen. Eine Abkürzung des Krankheitsprozesses fand kaum statt, e Dauer der Behandlung betrug 3 — 4 Wochen. Noch augenfälliger ar die Beeinflussung der weiblichen1 aszendierenden Gonorrhöe. Der ckliche eitrige Ausfluss wurde meist schon nach der zweiten Spritze innflüssig und milchig trübe. Ein Moment, das auf die. Psyche der ranken stets gut wirkte. Die Einschmelzung der eitrigen Adnex- mzesse machte stetige Fortschritte, im gleichen Maasse Hessen die :hmerzen und der Ausfluss nach Ein anfangs vermehrtes Aufflackern ;s Prozesses habe ich nicht beobachtet. Etwa vorhandene Tempera¬ ir war nach der ersten Spritze um einige Zehntelgrade erhöht, am fol- *) Bier: M.m.W. 1921 Nr. 6. * 2) Ther. d. Gegenw. 1914 Nr. 3; D.m.W. 1913 Nr. 34, 38, 48 und 1920 r. 23; Med. Kl. 1921 Nr. 13; B. T. W. 1921 Nr. 13. s) D.m.W. 1920 Nr 39. 4 *) M.m.W. 1921. Nr. 18, S. 539—543. e) M.m.W. 1921 Nr. 19. genden Tage häufig kritisch abgefallen. Kollapserscheinungen traten nicht auf, Schweissausbruch selten. Die Einspritzung wurde gut ver¬ tragen. Mitunter hatten die Kranken nach der 2. bis 3. Spritze ein „nicht unangenehmes“ Wärmegefühl. Ein Zeichen, das ich als Höhepunkt, der Reaktion deutete, um dann stets mit der Dosis herabzugehen und einen längeren Zeitraum zwischen den einzelnen Spritzen einzuschalten. Dass nebenbei energische Lokalbehandlung stattfand, braucht nicht be¬ sonders hervorgehoben zu werden. _ Was die Dosierung anbelangt, so kann nur eine mittlere Norm aul- gestellt werden. Vor allem erscheint mir wichtig, me mit der Dosis im Laufe der Kur in die Höhe zu gehen. Bei akuten Erkrankungen, wo die Erreger noch nicht in den tieferen Schichten eingebettet sind, .wird man im allgemeinen mit niederen Dosen auskommen. Anders bei der weiblichen aszendierenden Gonorrhöe. Da. man hier auf ungleich viel grössere Flächen erkrankten Gewebes wirken will, wobei auch die Anzahl der virulenten Erreger bedeutend grösser ist muss man mit grösseren Anfangsdosen vorgehen. Aehnlich liegen die Verhältnisse bei der chronischen Gonorrhöe, wo die Erreger meist im tieferen Ge¬ webe sitzen, man also einen stärkeren Effekt ausüben muss, um sie schädigend zu treffen. Bei der relativ milden zellreizenden Wirkung des Yatrens kann man in diesen Fällen grössere Dosen geben, ohne be¬ fürchten zu müssen, durch zu starken Reiz die kranke Zelle zu schädi¬ gen Man kann so einen möglichst starken chemotherapeutischen Efiekt mit relativ milder Reizwirkung vereinigen. . Gegeben wurde, normale Körperkonstitution vorausgesetzt, bei akuter Gonorrhöe 5 ccm 5 proz. Yatrenlösung in 2 tägigen Zwischen- räumen. Zur Erreichung des Zieles, Schwinden der Gonokokken, waren meist 6—8 Spritzen notwendig. Je nach Auftreten einer Reaktion muss der Zwischenraum der einzelnen Spritzen verlängert und mit der Dosis zurückgegangen werden (2 — 3 ccm). Bei der chronischen Gonorrhöe und der weiblich aszendierenden Gonorrhöe gebe ich 10 ccm 5 proz. Yatrenlösung intravenös ebenfalls in 2 tägigen Zwischenräumen; erforderlich sind 8 — 10 Spritzen. Bei be¬ sonders hartnäckigen Fällen und solchen mit höherer Temperatur emp- fiehlt es sich, an 3 je aufeinanderfolgenden Tagen je eine intravenöse Injektion mit je 10 ccm 5 proz. Yatrenlösung zu geben; alsdann eine Pause von 3—6 Tagen einzulegen, um dann 'im üblichen Turnus fort¬ zufahren. Man erreicht so einen 2 maligen energischen Reiz auf das erkrankte Gewebe und eine bessere Beeinflussung der Erreger, die durch den ersten Spritzentumus schon geschädigt und unter veränderte Wachstumsbedingungen gesetzt sind. Eine Ausnahmestellung nimmt die Nebenhodenentzundung ein. Diese reagiert meist auf die erste Spritze schon* mit nach einigen Stun¬ den auftretender vermehrter Schwellung und Hitze. Es darf also die Anfangsdosis nicht zu hoch bemessen sein. Es genügten daher 4 — ß ccm Anfangsquantum, um nicht durch zu starken. Reiz eine Hem¬ mung der Zelltätigkeit hervorzurufen. — Zur Technik empfehle ich, die Einspritzung sehr langsam, im Verlaufe von 2 — 4 Minuten vor¬ zunehmen. Zusammenfassung. 1. Die Beeinflussung der gonorrhoischen Erkrankungen durch Mittel, die gleichzeitig chemotherapeutisch und zellreizend wirken, ist möglich. 2 Das Mittel muss derart beschaffen sein, dass hoher chemothera¬ peutischer Effekt mit mildem zellreizendem Effekt gepaart ist, so dass das Mittel auch in höheren Dosen angewandt werden kann, ohne zell- schädigend zu wirken. Ein Mittel mit diesen Eigenschaften scheint das Yatren zu sein. 3. Je grösser die Flächenausdehnung des Erkrankungsorozesses ist, um so höher muss die Anfangsdosis des Heilmittels sein. Ebenso muss bei chronisch-infektiösen Erkrankungen die Anfangsdosis hoch gewählt werden, um eine Ueberwindung der histogenen Gewebsimmunität, d. h Rückstimmung der Zelle (Wiederumstimmung zur normalen Funktion) 7ii Pi-rPirViPn Perinealkrampf*). Von Kurt L. FJsner, M. D. Brooklyn, N.Y. Unter dem Namen Neuralgia ano-vesicalis, Perinealneuralgie, auch Neuralgia pudendo-analis haben verschiedene Autoren (W e i r Mit- cell, Seeligmiiller, Dardel, Arnold u. a.) einen Zustand be¬ schrieben, den ich ebenfalls Gelegenheit hatte bei einigen Kranken zu beobachten, und der mir den Eindruck macht, dass es sich dabei nicht um eine Neuralgie sondern um einen Krampfzustand verschiedener Peri¬ nealmuskeln, des Sphinkter ani int. und anderer handelt. Die Kranken¬ geschichten dieser Patienten decken sich in den* wesentlichen Punkten und1 ich will deshalb keine einzelnen Krankengeschichten wiedergeben, sondern ein zusammenhängendes Bild konstruieren. . Ein solches zeigt, dass Leute verschiedenen Alters, Männer sowohl wie Frauen, im übri¬ gen anscheinend vollkommen gesund, nachts aus einem ruhigen Schlaf aufgeweckt wrnrden durch einen dumpfen, aber heftigen Schmerz im Rektum, ungefähr in der Gegend des Sphinkter int. Die Anfälle wieder¬ holen sich manchmal mehrere Nächte hintereinander, manchmal bleiben sie Monate lang aus, und das1 geht so durch viele Jahre — bis zu 40 Jahren ist mir bekannt — ohne dass der allgemeine Gesundheits¬ zustand irgendwie leidet. Die Dauer eines Anfalls währt von etwa einer Minute bis zu etwa einer halben Stunde, und die Heftigkeit des Schmerzes ist nicht gleich- *) Vortrag, gehalten im Deutschen Med. Verein New York. MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT. 400 mässig, sondern nimmt ab und zu. Wenn Winde abgehen, fühlt der Kranke gewöhnlich Erleichterung, aber meistenteils kann er eben keine Winde gehen lassen, obwohl der Drang dazu besteht. Manchmal ist der Schmerz mehr in der Gegend des Perineums, und an dem Falle haben männliche Kranke meist eine starke Erektion des Penis trotz des Schmerzes. Es ist dann gewöhnlich unmöglich zu urinieren, aber wenn Wasser entleert werden kann, lässt der Schmerz nach, oder viel¬ leicht kann auch Wasser entleert werden, weil der Schmerz resp. Krampf nachlässt. Der Kranke kann sich gewöhnlich Erleichterung verschaffen, indem er umhergeht, hüpft oder sonstwie die Beckengegend erschüt¬ tert, durch einen Vibrator z. B„ auch durch Massieren, Kneifen etc. Die Einführung eines Fingers in das Rektum während des Anfalls ist schmerzhaft und gibt keine Erleichterung, und die Digitaluntersuchung gibt keinen Aufschluss. Die Anwendung von Arzneien scheint über¬ flüssig, da wie gesagt die Anfälle meistens von selber bald aufhören, und da sie grösstenteils nachts Vorkommen, wird der Arzt selten ge- lufen. Was nun die Ursache dieses Leidens anlangt, so scheinen bei den meisten Kranken die ersten Anfälle aufgetreten zu sein, nachdem sie nach einem ungewöhnlich harten und grossen Stuhlgang einen minuten¬ langen, krampfartigen Schmerz im Rektum fühlten. Danach kamen die nächtlichen Anfälle, und zwar in der Regel,, wenn am Tage vorher Durchfall bestanden hatte, was wahrscheinlich eine Ermüdung des Sphinkter bewirkte. Eine ähnliche Wirkung haben auch lange Fahrten im Automobil oder in der Eisenbahn, langes Sitzen auf einem harten Stuhl etc. In einem Falle ist vielleicht Masturbation durch Zusammen¬ pressen der Oberschenkel verantwortlich. Andererseits scheint normaler Beischlaf keinen Anfall hervorzurufen. Nach dem Gesagten scheint mir der Schluss gerechtfertigt, dass es sich bei diesen Anfällen nicht um eine Neuralgie handelt, sondern um schmerzhafte, krampfartige Zusammenziehungen gewisser Perineal¬ muskeln, vornehmlich des Sphincter ani int. und vielleicht des ischio- und bulbocavemosus. Die ganze Art, wie diese Anfälle auftreten, ihr Verlauf, der Umstand, dass sie besonders nach Ermüdung der betreffen¬ den Muskeln sich einstellen und dass sie durch Umhergehen, Reiben etc. gelindert werden, fordert zum Vergleich mit den Krämpfen der Waden¬ muskeln auf, die ja auch gewöhnlich nach Anstrengungen im Schlaf auf¬ treten und durch Massieren, Umhergehen etc. sich bessern. Der richtige Name für diese Erscheinung wäre daher wohl Perinealkrampf. Die vorbeugende Behandlung hätte dahin zu streben, die Ansamm¬ lung grosser, harter Kotmassen zu verhindern. Anderseits ist aber von einem Gebrauch von Abführmitteln abzuraten, da, wie gesagt, häufiger Stuhlgang die Anfälle auszulösen scheint. Für den Arzt, dem solche Fälle begegnen, ist es von Wert, die relative Harmlosigkeit des Leidens zu kennen, besonders zum Unter¬ schied von tabischen Krisen, Koccygodvnie und andern ernsteren Affek¬ tionen. Aus dem physiolog. Institute der deutschen Universität in Prag' (Vorstand: Prof. Dr. A. Tschermak-Seysenegg.) Zur Verminderung (Verhütung) der Nausea bei Vesti- bularisreizung. Von Dr. Max Heinrich Fischer, Assistenten am Institute und Dr. Ernst Wodak, gew. Assistenten der Ohrenklinik. Die bei rotatorischer, kalorischer und galvanischer Vestibularis- reizung auftretenden Erscheinungen der Nausea (Schwindelgefühl, Ueb- liehkeiten, Erbrechen, Kopfschmerzen, Hitzegefühl etc.) gaben Ver¬ anlassung, nach Mitteln zu ihrer Verhütung zu suchen. Durch Fixierung des Konfes an eine Koofstütze mittels eines Riemens oder d'ergh, ferner durch Einstellung der Körper- (Kopf) Längsachse in die Drehungsachse TGüttich1)] konnten diese Beschwerden vermindert werden. Wir verwendeten bei unseren Rotationsversuchen die exakte Kopf¬ fixation mittels Beissbrettes: Auf eine Metallamelie wird unter Erwär¬ mung „Stents composition“, die in der Zahnheilkunde allseitig ver¬ wendete Abdruckmasse, aufgebracht und in die erweichte Masse ein tiefer Abdruck der Zähne gesetzt. Die Metallamelle wird an einer Stange am Drehstuhle festgeschraubt (eine geeignete Einrichtung ge¬ stattet alle möglichen Variationen, exzentrische Einstellung etc.), die Versuchsperson fixiert durch Einbeissen ihren Kopf absolut tadellos. Bei dieser Art der Kopffixation beobachteten wir, dass selbst gegen Drehung sonst überempfindliche Personen auch wiederholte rasche s) Rotationen anstandslos vertrugen, dass also keine Nauseaerscheinungen auftraten oder dieselben wenigstens ganz minimal waren, während bei denselben Personen wenige Drehungen in der sonst üblichen Weise ohne Kopffixation typische Nausea hervorriefen. Ebenso war es bei kalorischer und galvanischer Reizung. Wir stehen deshalb nicht an, unsere oben beschriebene Art der Kopffixation, wie sie ja in der Physio¬ logie seit langem üblich ist, für die Praxis wärmstens zu empfehlen. Die durch Kopffixation mit dem Beissbrett erzielte Verhütung der Nausea bei den oben genannten Vestibularisreizungen lässt vermuten, Verhandl. d. Deutsch. Otol. Gesellsch. 1914, S. 141. ") Unser nach eigenen Angaben gebauter Drehstuhl gestattet bis 1,6 Um¬ drehungen pro Sekunde: er ist sehr empfehlenswert und kann von' der Firma 0. V. Roeder (Niederlage zugleich Vertretung der vereinigten Fabriken ärztlicher Bedarfsartikel Dr. Block & Comp.) Prag II, Spalena 19 bezogen werden. Nr. dass sie auch die Seekrankheit günstig beeinflussen könnte. Dies vi< leicht um so mehr, als einer von uns die bei Bahnfahrt auftreten Nausea schon dadurch erheblich bessern kann, dass er den nach vc gebeugten Kopf zwischen beide Handflächen fixiert, wobei die Elle bogen sich auf die Knie stützen. Wir möchten daher den Vorschlag machen, an Deck bzw. in c Kajüte derartige Beissbretter (oder wenigstens Kopfstützen) an? bringen, die die Gelegenheit zu tadelloser Kopffixation geben. Wir si überzeugt, dass dadurch empfindlichen Personen, wenigstens voriibi gehend (speziell für die Zeit des stärksten Seeganges) die Unanneh lichkeiten einer Seefahrt, wenn auch nicht erspart, so doch beträchtli erleichtert werden. Zur Therapie der Oxyuriasis. Von Dr. W. Th. Schmidt in Fürstenberg (Meckl.). Gegenüber früheren Zeiten, wo man vielfach eine Beseitigung ( Oxyuren weder für möglich noch auch für nötig hielt, wird heutzuta der moderne Arzt bestrebt sein, den Oxyuren träger und erst recht d Oxyuren k r a n k e n von seinen lästigen Parasiten zu befreien, f der einen Seite haben wir in der Kriegszeit, teilweise auch noch der Nachkriegszeit, in weiten Gegenden unseres deutschen Vaterlanc eine Ausbreitung von Oxyuris vermicularis erlebt wie nie zuvor, w zum Teil auf den Mangel an Seife, zum Teil auf die relativ koh hydratreiche Kost in der Kriegszeit zurückzuführen ist. Auf der a deren Seite haben uns neuere Forschungen gezeigt, 'dass die Made würmer keineswegs allgemein als so harmlose Darmschmarotzer ai zufassen sind, für die man sie früher vielfach hielt, und dass sie neb einer grossen Reihe mehr oder minder unbestimmter subjektiver E schwerden doch auch eine Re-ihe von objektiven Symptomen auszulös vermögen. Ich erinnere dabei nur an die verschiedenen spezifisch T rumppschen Reaktionen bei Madenwurmkranken, an das viclfac! wenn auch durchaus nicht regelmässige und in jedem Fall unspczifisc Vorkommen von C h a r c o t sehen Kristallen in den Fäzes, ganz 1 sonders aber an die hohen Grade leukozytärer Eosinophilie, wie i sie bei wiederholten Selbstinfektionen mit gut gereinigten, im übrig lebensfrischen Oxyuren und die im Anschluss daran vorgenommeti regelmässigen Blutuntersuchungen in der II. med. Klinik in Berlin 1 stätigen konnte. Versuche, über die ich in kurzem eingehender 1 richten werde. Bei der Therapie der Oxyuriasis hat man eiin DreifacI zu berücksichtigen, nämlich 1. Bekämpfung der Oxyuren vom Munde her, um die jungen, i Dünndarm lebenden Würmer unschädlich zu machen. 2. Bekämpfung der Schmarotzer vom After her durch Einlär zwecks Vernichtung der im Dickdarm befindlichen, meist strotzenden Weibchen. 3. Vernichtung der am After abgesetzten Wurmeier, um eine I infektion zu verhindern. Neben Santonin, Naphtol und Benzin — sämtlich Mitteln, bei der zuweilen schwere Störungen ausgelöst werden — hat sich mir < Aluminiumsubazetat in Form der Gelonida Aluminii subacetici als eir der wirksamsten und stets unschädlichen Mittel im Kampf gegen > Oxyuriasis gezeigt, mit dem ich in vielen hundert Fällen die Made würmer habe zum Verschwinden bringen können. Dabei lasse ich 3 mal täglich an je drei aufeinanderfolgenden Tag denen je drei Ruhetage eingeschoben werden, ein Gelonid nehrr und zwar bei Erwachsenen ein solches von 1,0 g, bei Kindern v 0,5 g: kleinere Kinder bzw. Säuglinge — wir wissen ja durch Trum und Brüning, dass nicht ganz selten diese schon mit den Würmt behaftet sind — erhalten 2 mal täglich ein Gelonid von 0,5 g. I die zum Teil tief in den Darmwänden sitzenden Parasiten zu mob sieren ist es zweckmässig, jeweils zu Beginn der drei „Kurtage“ d, h. am 1„ 7. und 13. Tag — ein- bis zweimal täglich eine d. Alter des Patienten anzupassende Menge Kalomell oder eines beliebig anderen Abführmittels nehmen zu lassen. Weiter lasse ich an jedem „Kurtage“, also am 1., 2., 3„ 8., 9„ 13.. 14. und 15. Tage abends vor dem Schlafengehen und zwar am zweckmässigsten in Knieellenbogenlage und nach v<| heriger Entleerung des Mastdarmes auf dem Klosett — einen Ehrl: bis zu etwa 1 Liter Wasser machen, der möglichst etwa 10 — 15 1* nuten lang im Körper zu verbleiben hat. Es ist dabei gleich, ob m zum Einlauf stuben- bis körperwarmes Wasser verwendet und dies 1 Esslöffel Essig oder essigsaurer Tonerde oder ein Gelonid von — bei Erwachsenen die doppelte Menge — hinzufügt, oder ob rr Wasser unter 20° C verwendet, das erfahrungsgemäss auch ohne 2 Sätze die Würmer schnell abtötet. Andererseits ist zu berücksichtig! dass durch letztere Art von Einläufen leicht ein etwa ohnehin sch! bestehender Mastdarmkatarrh verschlimmert wird. Auch Abkochung von Knoblauchzwiebeln — man nimmt ihrer vier auf 1 Liter Wasser haben sich als Einlauf, abgesehen von dem oft lästigen Geruch, dun aus bewährt. Um die Neuinfektion mit den gewöhnlich zahlreich am After fl Kranken abgesetzten Madenwurmeiern unmöglich zu machen, lasse an jedem Kur- und Ruhetag den After abends nach dem Einlauf i1 Ugt. ophtalmic. oder Ugt. einer, einfetten. Während letzteres weg des Ouecksilbergehaltes zumal bei kleinen Kindern nicht ganz il bedenklich ist, tötet ersteres nicht immer mit Sicherheit die Wurme' ab, so dass ich mich schon seit längerer Zeit mit der Zusamnu März 1922. MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT. 401 . ung einer besseren Salbenkomposition befasse. Versuche, über die : ebenfalls in Kürze berichten werde. Es empfiehlt sich, während der ganzen Kur nachts eine Badehose : ragen und Handschuhe anzuziehen. In jedem Falle sind die Fin- ägel kurz zu halten und die Hände vor jeder Mahlzeit peinlich rer zu waschen. Die Partie am After ist tunlichst nach jedem ilgang mit essigsaurer Tonerde oder Essigwasser abzuspülen. Täg- ; Ganz- oder Sitzbäder sowie öfterer Wechsel der Bettwäsche rstiitzen die Kur. Wo die Verhältnisse es irgend gestatten, soll während der Kur eiweiss- und fettreiche und dementsprechend kohlehydratarme beobachtet werden. Es darf nicht unerwähnt bleiben, dass es einige seltene Fälle gibt, enen trotz Berücksichtigung aller dieser Faktoren und trotzdem betr. Kranke vielleicht schon eine Reihe von anderen Wurmkuren ;r sich hat, immer wieder Madenwürjner abgehen, sog. Oxyuren- terausscheider“, bei denen der für jedes Mittel nur äusserst /er oder gar nicht zugängliche Wurmfortsatz zahlreiche Würmer ;rbe.rgt. In diesen Fällen hat, wennschon man nicht auf einen lg verzichten will, was bei manchen unserer Oxyurenkranken, die eicht seelisch deprimiert sind und sich oft genug wegen der gen Quälgeister mit Suizidgedanken tragen, einfach- unmöglich ist . . . iesen Fällen hat der Internist mit dem Chirurgen zusammen¬ beiten, denn hier kann die Wurmkur erst nach der zunächst einmal unehmenden Appendektomie Erfolg bringen. Die zahlreiche Literatur über Oxyuriasis findet sich bei len früheren Arbeiten über diese Parasiten angegeben. Es sind dies: W. Th. Schmidt: Welche verschiedenen Methoden zur Diagnosti- ng der Oxyuriasis gibt es und welche ist wegen der Leichtigkeit der iihrung und ihrer Zuverlässigkeit die allein empfehlenswerte? Diss. Dck 1914. — Ders.: Gelonida Aluminii subacetici (Q o e d e c k e) und iriasis. M.K1. 1915. • — Ders.: Symptomatologie, Diagnostik und apie der Oxyuriasis. Fortschr. d. Med. 1920 Nr. 19. Von neueren Arbeiten sind noch zu erwähnen: Feyerab-end: Ueber die Oxural-Wurmkur. B.kl.W. 1921. — eher: Der heutige Stand unserer Kenntnisse von der Pathogenese der ninfektion des Menschen. D.m.W. 1921 Nr. 33. - — Franke: Butolan, leues Anthelminthikum. M.K1. 1920 Nr. 29. — Fürbringer: Ueber nerkrankungen. Zschr. f. ärztl. Fortb. 1920. — - Koslowsky: Butolan, neues Mittel gegen Oxyuriasis. D.m.W. 1920. — Nordhof: Der menschwanz. M.m.W. 1921. — Ochsenius: Zur Behandlung der jriasis. M.m.M. 1921. — Selter: Zur Behandlung der Oxyuriasis. W. 1921 Nr. 27. Tuberkulös oder phthisisch? Von Prof, em. Felix Marchand in Leipzig. In seinem Aufsatz „Zur Nomenklatur der Phthise“ Q sucht hoff den Beweis zu führen, dass die Alten unter dem Namen hisis“ Abzehrung des ganzen Körpers verstanden haben, und er ünd'et darauf von neuem seinen Vorschlag, zu der alten Benennung lie jetzt meist als Tuberkulose bezeichnete allgemeine Krankheit :kzukehren. Aus demselben Grunde habe er den Namen Bacillus isicus für den Erreger dieser Krankheit gewählt. „Der Ausdruck ise habe seinen Namen nicht, wie jetzt immer fälschlich an- rnmen werde, von der Zerstörung der Lungen“, vielmehr seit mehr zweitausend Jahren von dem „allgemeinen Schwund der Körper- ■■ und Körperkräfte“. Daher sei es wohl eine irrtümliche Auffas- : meinerseits, dass C e 1 s u s die Lungenschwindsucht als Phthise hrieben habe. C e 1 s u s spreche zwar von Ulzerationen der Lunge, nirgendwo nenne er diesen Prozess Lungenphthise. Dass man im Altertum unter Phthise eine mit fortschreitender Ab- ;rung und Entkräftung verbundene Krankheit verstanden habe, hat niemand ernstlich bestritten. Celsus, dessen Werk bekanntlich vesentlichen eine Zusammenfassung der alten, also der ihm allein Hinten griechischen Medizin ist, führt drei Arten des allgemeinen erschwundes („T a b e s“) auf: 1. die Atrophie, 2. die Kache- und 3. die Pht hisis, welche durch Ulzerationen in der Lunge teht; oder mit anderen Worten: die mit Ulzerationen der Lunge, en, Auswurf, Blutungen, wechselndem Fieber verlaufende Krank- die allgemeinen Schwund zur Folge hat, nannten die Griechen hisis. Ob dabei die Erkrankung der Lunge als Lungenphthise be- met wird oder nicht, scheint mir ziemlich unwesentlich zu sein, ganz anders für die Frage, auf die es hier ankommt. Des Celsus kurze, sehr charakteristische Schilderung der Phthise gründet sich auf die r oder weniger 'genauen Beschreibungen der griechischen Autoren, lie A s c h o f f anführt 2). ’) M.m.W. 1922, Nr. 6, S. 183. 2) Die von A s c h o f f zitierte genauere Beschreibung des A r e t a e u s ich, entgegen meiner sonstigen Gewohnheit, nach dem mir z. Z. allein «glichen Auszug bei Haeser zu meinem Bedauern unvollständig und rch unrichtig angeführt;1 ich bekenne mich dieses Versehens schuldig, übrigens für die Sache ohne Bedeutung ist. Es braucht kaum erwähnt 'erden, dass -die Definition der Alten keineswegs auf alle Fälle passt, wie auf solche, die trotz des mangelnden Körperschwundes doch der Phthise rechnen sind, ich erinnere nur an die Fälle von chronischen umpfungsprozessen bei alter Tuberkulose mit vikariierendem Emphysem, ie> grosser Körperfülle und starker Zyanose zum Tode führen. Alts der von Asch off selbst gegebenen Darstellung geht klar her¬ vor, dass die von ihm wieder in Vorschlag gebrachte Benennung „Phthise“ von den Alten keineswegs für alle Fälle von allgemeinem Körperschwund, sondern eben nur für die durch Zerstörung der Lunge charakterisierte Krankheit gebraucht worden ist, als deren Wesen die pathologische Anatomie ganz bestimmte, seit Laennec als tuberku¬ lös bezeichnete Veränderungen kennen gelehrt hat, und deren essen¬ tielle Ursache der Koch sehe Bazillus ist. Weiter geht daraus hervor, dass die Anwendung des Namens Phthise auf die einzelnen Lo¬ kalisationen — nach A s c h o f f s eigener Meinung selbst auf die Erkrankung der Lunge — noch viel mehr aber auf die in den übrigen Organen, bei denen von allgemeinem Schwund gar nicht die Rede zu sein braucht, ganz im Gegensatz zu dem Gebrauch der Alten steht, auf deren Autorität sich doch A s c h o f f selbst beruft, obwohl das eigentliche, sowohl pathologisch-anatomische als ätiologische Verständnis doch erst vom Anfang des vorigen Jahrhunderts an datiert. Demgegen¬ über fällt doch das Zeugnis der Altem kaum ins Gewicht. Gegen diese Ausdehnung des Namens auf die einzelnen ana¬ tomischen Lokalisationen habe ich mich „mit sehr ent¬ schiedenen Worten“ gewendet, sodann aber auch gegen den Gebrauch des mehrdeutigen Namens Phthise (ohne näheren Zusatz) für die all¬ gemeine Krankheit, für die nach vielen Schwankungen auch bei uns in Deutschland der Name „Tuberkulose“ im Sinne einer ätiologisch ein¬ heitlichen Krankheit mit sehr verschiedenen anatomischen Verände¬ rungen sich durchgesetzt hat. Ich halte diese Ansicht, die wohl von der Mehrzahl der Pathologen, Kliniker und Aerzte geteilt wird, auch jetzt gegen die Einwendungen A s c h o f f s aufrecht, weil ich die neue Nomenklatur für eine Quelle beständiger Irrtümer und damit in der Tat für eine Gefahr halte, weil, wie gerade die Geschichte der Tuberkulose deutlich genug zeigt, mit dem Namen auch der Sinn, d. h. die Be¬ urteilung der Prozesse, innig zusammenhängt. A s c h o f f behauptet ferner, dass der Name Phthise erst seit der Mitte des vorigen Jahrhunderts die Umtaufe in Tuberkulose erfahren habe, wogegen ich auf die seit Laennec gebräuchliche Bezeichnung Lungentuberkulose, tuberkulöse Phthise hingewiesen habe. (Dass diese schon damals „allgemein“ gebraucht sei, ist von mir nicht be¬ hauptet worden; ich habe nur von dem jetzt allgemein eingeführten Namen Tuberkulose gesprochen.) Es war ja gerade gegenüber den so weit auseinandergehenden Ansichten ein grosses Verdienst Laen¬ nec s, zuerst die Einheitlichkeit dieser Erkrankung erkannt zu haben 1). Bayle hatte übrigens noch 6 Formen von Lungenphthise unterschieden. Der Ersatz des alten Namens Phthise durch Tuberkulose hat erst allmählich durch die Fortschritte der pathologischen Anatomie und die experimentelle ätiologische Forschung zustande kommen können, denn die Alten haben selbstverständlich von einer Tuberkulose im heutigen Sinne des Wortes nichts wissen können. Wie lange hat es gedauert, bis man sich in der neuen Zeit, bevor die ätiologische Einheit der Krank¬ heit sichergestellt war, über die einzelnen Erscheinungsformen einiger- massen verständigen konnte! Und wir sind noch lange nicht damit Ein Ende. Ein kurzer Rückblick auf diese Entwicklung ist noch jetzt lehrreich auch für die Frage der Nomenklatur. Der gelehrte Cerutti4) be¬ hauptet, dass kein Kenner der alten Schriftsteller daran zweifelt, dass die Alten die Tuberkel der Lungen gekannt, deren Entwicklung und Symptome mit klaren Worten gelehrt haben. Dass diese Ansicht, zu¬ nächst unter Hinweis auf Hippokrates, sich so festsetzen konnte, wie es der Fall gewesen ist, war lediglich die Schuld der inkorrekten Uebersetzungen, die die des Hippokrates durch „Tuber¬ cula“, auf deutsch Tuberkel wiedergegeben haben, obwohl darunter alle möglichen äusseren und inneren Anschwellungen und entzündlichen Infiltrate, hauptsächlich die in Eiterung übergehenden, also auch akuten Ulzerationen und Abszesse verstanden wurden. So sollen z. B. die ebenfalls als „Tuberkel“ bezeichneten akuten Anschwellungen, die nach Hippokrates am Bauche durch Wunden oder durch einen Fall aus „Schleim (Pituita) und Blut“ entstehen, mit Kataplasmen behandelt werden 5). Wenn sich in der Lunge ein Phyma einstellt, so entsteht daraus Orthopnoe, heftiger Schmerz in der Brust und in den Seiten, im Kopf und An den Augen, Sehstörung, hohes Fieber und Bläschenausschlag, also eine schwere akute Krankheit, die nach 14 Tagen nachlässt; auch hier spricht die Uebersetzung von „Tuber¬ keln“ °). In der ausgezeichneten Schilderung des Gibbus heisst es ;), dass derartige Leute, wenn der Höcker oberhalb des Zwerchfells sitzt, harte und ungekochte (krude) Phymata neben (*«'«) der Lunge haben, die mit den Bändern (Nerven) fest Zusammenhängen, während unterhalb des Zwerchfells Eiterungen bis zur Inguinalgegend sich erstrecken; dass derartige Senkungabszesse tatsächlich ihren Ursprung in einer Tuberkulose der Wirbelsäule haben, konnten die Alten nicht wissen. Dennoch werden sie auch als „Tuberkel“, in der sonst so ausgezeichue- 3) Ich kann mich hier auf das Zeugnis keines Geringeren als R. Virchows selbst berufen: „Die besondere Bedeutung, welche gegen¬ wärtig fast überall mit dem Ausdruck Tuberkel und Tuberkulose verbunden wird, stammt erst vom Ende des vorigen und vom Anfang des gegenwärtigen Jahrhunderts her, und ist in dieser Schärfe namentlich durch Bayle und Laennec begründet worden.“ Geschwülste II, S. 562. 4) Fr. P. L. Cerutti: Collectanea quaedam de Phthisi pulmonum tuberculosa. Lipsiae 1839. 5) Hippokrates: Opera, ed. Kühn, vot naPiov Tom. II, S. 408. 8) Tom. II, S. 273 neyt vovvtut'; „Pulmonis Tuberculum“. ') Tom. III, ntyi tryd-owv, S. 181. 402 MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT. Nr. i ten Uebersetzung von Fuchs8) sogar als Knötchen in der Lunge be¬ zeichnet. Zu diesen Unklarheiten kam noch die Schwierigkeit der Unter¬ scheidung der Skrophula von den Tuberkeln, die noch in neuerer Zeit eine so grosse Rolle spielte. Ich verweise in dieser Hinsicht auf eie klare Auseinandersetzung von Virchow“), obwohl er selbst, wie bekannt, die Einheit der Krankheit bestritt. Nach Waldenburg soll, wie A s c h o f f anfuhrt der Name Tuberkulose iür die Allgemeinkrankheit erst im Jahre 1839 ) durch Schönlein eingeführt sein. Wenn A s c h o f f gerade auf dieses Substantiv besonderen Wert legt, welches er, auch beibehalten will, „aber nur für diejenigen anatomischen Formen der Phthise bei welchen die Tuberkel das Bild beherrschen“, so ist es gerade die a 1 1 g e m e 1 n e Bezeichnung mit ihrem ätiologischen Sinn, welche nach der historischen Entwicklung zu der jetzigen fast allgemeinen Aneikennung gegenüber der anatomischen Bedeutung gelangt ist. Es ist gewiss sehr, merkwürdig, dass jener grosse Kliniker in seinen jüngeren J amen infolge seiner allgemeinen Anschauungen von der ontologischen, ja para¬ sitären Natur der, Krankheiten in seinem darauf gegründeten schema¬ tischen naturhistorischen System gerade in der Lehre von der Iuberku- lose eine durch seine grosse Autorität besonders gefährliche Verwirrung angerichtet hat. , , c, , , Seine 12. Krankheitsfamilie Tuberkulose, die mit den Skrotcln (Farn. XI) zwar verwandt, aber nicht identisch sein sollte, sollte nur im Zellgewebe sezerni'erender Organe Vorkommen und' anatomisch durch bläschenförmige Gebilde ohne bestimmte Form, ähnlich den Eiein niederer Tiere mit dotterähnlichem Inhalt oder den Hydatiden (nach dem Vorgang des Engländers Baron) charakterisiert sein, deren Erweichung zur Phthise Veranlassung gebe. Von der Tuberkulose werden je nach dem Sitz und den Ursachen 7 verschiedene Arten angeführt. Die 13. Familie „Phthisen“ werde in neuerer Zeit nicht als eigen¬ tümlicher Krankheitsprozess anerkannt, wie die älteren Aerzte taten, sondern als Fortsetzung und höhere Entwickelung der Tuberkulose. Diese von der B i c h a t sehen Schule herrührende Ansicht teilt Sch. nicht, wenngleich die Lu nig e np h t h is e am häufigsten durch vor¬ angegangene Tuberkulose bedingt werde. Er betrachtet die Phthise als krankhafte Sekretion eigentümlicher Stoffe („Eiter“),- durch deren Menge der Körper abnimmt, daher Schwindsucht genannt, die ana¬ tomisch in der Bildung krankhafter Sekretionsflächen bestehen sollte. Es handelt sich also hier um einen ähnlichen Dualismus gegenüber der L a e n n e c sehen Lehre, wie er jetzt wieder angestrebt wird, wenn auch in sehr unbestimmter Form. Noch dazu sollte die Phthise in 5 Gruppen mit mehreren Gattungen und vielen einzelnen Arten von sehr verschiedener, z. T. ganz unklarer Bedeutung zerfallen, zu denen u. a. auch die Steinerkrankungen der Nieren und die Leberabszesse gehörten11)- , „ Ich erwähne diese, uns jetzt fernliegenden und langst der Ge¬ schichte angehörenden Dinge, weil man daran erinnert wild durch die ausgedehnte, ja allgemeine Anwendung der Namen Phthise, phthisisch auf alle in ihrem Wesen (anatomisch) noch so verschiedenen Krankheits¬ prozesse. die durch die gleiche Ursache (selbstverständlich unter Berücksichtigung der verschiedensten dem Organismus eigenen Be¬ dingungen) hervorgerufen werden, aber zum grossen Teil gar nicht dem ursprünglichen von Asch off selbst hervor¬ gehobenen Sinne des Wortes Phthise entsprechen. Asch off sieht „keinen Vorteil in der Unifizierung der verschiedenen histologischen Prozesse unter dem Namen „tuberkulös“ und hält es für bedenklich, eine in buntester morphologischer und histologischer Mannigfaltigkeit auftretende Krankheit ätiologisch nach einem morphologischen Produkt derselben zu bezeichnen. Das wäre nur dann erlaubt, wenn es keinen besseren Ausweg gibt“. Das ist gewiss richtig, es wäre gut, wenn wir eine bes¬ sere ätiologische Bezeichnung hätten, denn eine brauchbare, gleichzeitig die Aetiologie und die Morphologie, das Wesen umfassende Bezeichnung an Stelle der aus der historischen Entwicklung hervorgegangenen wird sich kaum finden lassen. Der von 0 rth seiner¬ zeit vorgeschlagene Ersatz durch „Skrofulöse“ würde keine Verbesse¬ rung sein; noch weniger ist es aber die Bezeichnung phthisisch, die weder ätiologisch, noch morphologisch, sondern lediglich von einer Begleiterscheinung eines Teiles — bei weitem nicht aller darunter entstandenen Krankheitsfälle hergenommen ist, einer Begleiterscheinung, die noch dazu sehr vielen Krankheiten zukommt, die mit Tuberkulose gar nichts zu tun haben. A s c h o f f ist daher auch nicht damit einverstanden, dass ich die bronchogenen Formen (angeblich) unter dem Namen tuberkulöser ver¬ käsender Bronchopneumonie zusammenfasse; er hält diese Verein¬ fachung nicht für einen Fortschritt. Ich habe aber auch die A s c h o f f - 8) Robert Fuchs: Hippokrates sämtliche Werke, übersetzt, 1900, Bd. III, S. 122. ins Deutsche Geschwülste Bd. II, S. 562 ff. °) Sicher schon vor 1832. zusammen vor, z. im unteren Lappi und der vorwiege! (Ich möchte nur “) Es soll nicht unerwähnt bleiben, dass diese Angaben den von einem Schüler Schönleins ohne seine Zustimmung herausgegebenen Vor¬ lesungen entnommen sind (J. L. Schön lein: Allgemeine und spezielle Pathologie und Therapie. Würzburg, Etlingersc-he Buchhandlung, 2. verbesserte Auflage in 4 Bänden, 1832, Bd. III), welche nicht als authentisch zu betrachten sind. Vergl. darüber R. V i r c h o w in seiner schönen Gedächtnisrede auf S c h ö n 1 e i n. Berlin 1865, S. 68. Indes ist wohl schwerlich anzunehmen, dass das ganze Krankheitssystem Schönleins darin unrichtig wieder¬ gegeben ist. Die später von Güterbock mit dessen Zustimmung heraus¬ gegebenen Klinischen Vorträge, Berlin 1842, enthalten darüber nichts, ausser zwei Krankheitsfällen von Tuberkulose. In späterer Zeit hat Schönlein seine Ansichten erheblich geändert. sehe Bezeichnung „azinös-nodöse“ Phthise (bzw. ruberkulose) m ihren verschiedenen Ausgängen hinzugefügt. Dci \\ esei liehe Unterschied ist nur, dass ich die beiden Formen, die zu schnelh Zerfall führende käsige Bronchopneumonie und diie mit stärkeren BinU gewebswucherungen einhergehende, im allgemeinen mehr chronis verlaufende nicht scharf voneinander trennen kann, denn bei kommen bekanntlich sehr oft in derselben Lunge ältere Herde im oberen und frische Nachschübe Eine durchgreifende Trennung der produktiven exsudativen Form halte ich eben nicht für richtig.. . läufig bemerken, dass der Ausdruck produktive luberkulo (im ätiologischen Sinne) durchaus nicht widersinnig ist, \ ,, produktiv 6 P h t h i s 6 \ den ich beanstandet hatte.) Ich habe es v meiden wollen, ein neues Einteilungsschcma der Lungentuberkulose Auch das erforderliche Instrumentarium lässt sich auf weniges -schränken: ein gutes Mikroskop, einige Farbstoffe und ein Hämoglol 12) M.m.W. 1921, Nr. 15, S. 445. 13) J. A. Vi Ile min: Etudes sur la Tüberculose, Preuves ratior et experimentales de la spöcificitd et de son inoculabilite. Paris 1868, S. !ärz 1922. MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT. 403 l, das ist alles, was man fiir die dringendsten Bedürfnisse braucht, jnanche Zwecke ist bekanntlich auch die Zählung der roten und i en Blutkörperchen unentbehrlich. Doch glaube iph kaum, dass « etwas zeitraubenden Methoden jemals in der Praxis ausserhalb i rankenhäuser allgemeine Anwendung finden werden. Tatsächlich der Arzt mit Hilfe der einfachen Verfahren, die im folgenden be- . ben werden sollen, die für ihn wichtigsten klinischen Fragen /eilige Tropfen Blut genügen für alle Untersuchungen. Man ent- p sie durch Einstechen in die Fingerbeere oder in das Ohrläppchen, lisch ist zu diesem Zwecke die vorschnellende Franke sehe Nadel, ! auch eine scharfe Lanzette oder eine halbabgebrochene Stahl- 3 genügen. Das Instrument und die Hautstelle sind vorher mit jr zu reinigen. Alkohol zu verwenden, ist weniger zweckmässig, zu langsam verdunstet. Sehr genaue Werte, die denen des strö- i ;n Blutes entsprechen, erhält man, wenn man nach N ä g e 1 i das laus der Fingerbeere entnimmt, nachdem man durch ein warmes [liad eine aktive Hyperämie der Hautgefässe hergestellt hat. Für ■iere Untersuchungen, wie z. B. die Bestimmung des Färbeindex, i olumen der Erythrozyten usw., ist das Handbad notwendig, für die ke, die man meist in der Praxis verfolgt, kann es wohl entbehrt p. nie kleine Stichwunde hört meist bald von selbst auf zu bluten und i nit Heftpflaster bedeckt. Uebrigens empfiehlt es sich, den Einstich vornherein nicht zu klein anzulegen. Das Blut muss von selbst pme jeden Druck hervoroerlen. Grosse Fehler entstehen, wenn man [durch Auspressen der Umgebung zu gewinnen sucht. ror Ausführung des Einstiches hat man sich einige saubere, am Ir in Aether-Alkohol entfettete Objektträger und Deckgläschen be¬ relegt. Den ersten sich entleerenden Tropfen wischt man fort, lächsten fängt man mit einem gereinigten Deckgläschen auf und dieses dann ohne Druck auf einen sauberen Objektträger. Dieses Ie Blutpräparat (Nativpräparat) wird unter dem Mikroskop bei enger e und verschiedenen Vergrösserungen untersucht. >ie so ungemein einfache Untersuchung des frischen, u n g e - t e n Blutpräparates ist in den letzten J ahrzehnten auf n der gefärbten Trockenpräparate zu sehr vernachlässigt worden, das normale Blutbild kennt, kann auch im ungefärbten Präparat ;ehen. Zunächst gelingt es leicht, schätzungsweise das Verhältnis rythrozyten und Leukozyten zu bestimmen. Jede stärkere Leuko- e und die meisten Leukämien verraten sich auch ohne Zählung .'eissen Blutkörperchen dadurch, dass in einem Gesichtsfelde zahl- d: ungefärbte Zellen liegen. Normalerweise sieht man sie nur ch und vereinzelt. Ferner beachte man Zahl, Form und Farbstoff- t der Erythrozyten. Verminderungen der Zahl geben sich dadurch kennen, dass die roten Blutscheiben nicht eng aneinander gedrängt, m durch grössere Zwischenräume getrennt liegen. Verschiedene iahen der Form sind leicht zu erkennen: Poikilozytose, die bei schweren Anämie Vorkommen kann, verrät sich dadurch, dass i den kreisrunden Scheiben normalgestaltcter Erythrozyten andere :hen sind, die ovale, birnen- oder ambossähnliche Formen haben, wichtiger ist es, auf Anisozytose zu, achten, besonders darauf, ob nm grosse rote Blutkörperchen sich im Präparat finden. Diese lozyten finden sich vorwiegend bei der perniziösen Anämie. Sine lit Sicherheit festgestellt, so kann dieser Befund in einem zweifel- i Falle direkt den Ausschlag für die Diagnose der B i e r m e r sehen lie geben. Mikrozyteu, abnorm kleine rote Blutscheiben, kommen 'erschiedenen, meist schweren Anämien vor. Ihr Nachweis hat : die pathognomonische Bedeutung des Megalozytenbefundes. Ist über die Grösse der Erythrozyten im Zweifel, so kann mau das trat eines Normalen bei derselben Vergrösserung ansehen. Meist is aber nicht nötig, da auch bei der Bierm er sehen Anämie die zahl der Erythrozyten normale Grösse hat und als Vergleichs- t dienen kann. leben der Form und Grösse ist es endlich noch der Farbstoffgehalt Erythrozyten, von dem man schon im ungefärbten Präparat einen ' uck gewinnen kann. Der normale, durch das Hämoglobin bedingte, (. gelblich-grünliche Farbenton des Erythrozyten ist bei mancher, lien vermindert, die Erythrozyten sehen also blass aus. Fast alle idären Anämien zeigen diese Erscheinung, sehr deutlich auch die lrose. Umgekehrt ist gerade bei der perniziösen Anämie der nglobingehalt des einzelnen Erythrozyten vermehrt, ein sehr wich- 1 differential-diagnostisches Symntom! Allerdings ist zuzugeben, dtie Schätzung des Farbstoffgehaltes eine gewisse Uebung erfordert schwieriger ist, als die Beurteilung der Zahl und Grösse der Erythro- i. r las dritte Formelement des Blutes, die Blutplättchen, sind im J'Präparat auch gut zu erkennen. Meist bilden sie kleine Häufchen, Pörnig und ziemlich stark lichtbrechend erscheinen. Wenn man ‘ nicht imstande ist, ihre Zahl genauer zu schätzen, so verraten sich 'I starke Verminderungen, wie s!e z. B. bei manchen schweren Ulenmarksschädigungen und der Werlhof sehen Krankheit vor- tnen. in einem Fehlen jener sonst recht zahlreichen Häufchen. [Südlich mag noch Jjpmerkt werden, dass man auch im frischen Prä- 1 Malariaplasmodien und Pigmentschollen in den Erythrozyten vor- ■■ch sehen kann. Bei Verdacht auf Rekurrens versäume man auch die Anfertigung eines Nativpräparates. In einem Falle, den ich vor ihren sah. waren1 durch die Färbung zunächst keine Spirochäten wveisbar. Im frischen Präparat sah man aber sehr schön die unregel¬ mässig-oszillierenden Bewegungen der Erythrozyten, die durch die sich lebhaft bewegenden Spirochäten zustande kamen. So ist also das einfache frische Blutpräparat durchaus geeignet, dem Praktiker eine grosse Zahl wertvoller Hinweise zu geben und manche Diagnose ohne weiteres zu klären: fast jede Leukämie wird sofort erkannt werden, man wird oft in der Lage sein zu entscheiden, ob eine Anämie sekundär oder perniziös ist und vieles andere. Unmittelbar nach dem frisphen Blutpräparat fertige man sofort einen oder mehrere Blutabstriche, die zur Herstellung gefärbter Prä¬ parate dienen. Für die Praxis möchte ich den Abstrichen auf Objekt¬ trägern den Vorzug vor den Deckglasabstrichen geben. Sie sind tech¬ nisch leichter ausfühl bar; ausserdem hat man bei der Grösse der Fläche auch dann noch immer Aussicht, brauchbare Stellen im Präparat zu er¬ balten, wenn die Abstriche infolge ungenügender Uebung nicht überall gleichmässig ausfallen. Um den Blutstropfen auszubreiten, bedient man sich ebenfalls am besten eines Objektträgers, der im Winkel von 45° auf den anderen aufgesetzt wird. In einigen Augenblicken ist das Prä¬ parat trocken und kann dann sofort fixiert resp. gefärbt werden. Von den zahlreichen Färbemethoden kommen für den Praktiker natürlich nur solche in Frage, die bei möglichst einfacher Technik alles für ihn wichtige zeigen. Ich empfehle vor allem die Färbung nach J e n n e r - M a y - G r ii ti w a 1 d mit eosinsuurem Methylenblau. Noch vollständigere, ja man kann fast sagen, ideale Bilder erhält man. wenn man nach Pappenheim der Jenner- eine Giemsafärbung nach- folgen lässt. Die Jennerfärbung ist für die Praxis deshalb so angenehm, weil keine Fixation nötig ist. Der Farbstoff (von Grübler, Leipzig zu beziehen) ist in Methylalkohol gelöst, der während der Färbung fixiert. Man stellt das luftrockene Präparat 3 — 5 Minuten in das Farbgläschen, spült dann kurz mit destilliertem Wasser ab. trocknet zwischen Fliess¬ papier und untersucht mit Oefimmersion. Will man die Giemsafärbung anschliessen, so legt man das nach Jenner vorgefärbte Präparat, unmittelbar nachdem es mit destilliertem Wasser nachgespült iät. für etwa 30 Minuten in die Giemsalösung, die man sich durch Verdünnen der Stammlösung (2 Tropfen Farblösung auf 1 ccm Aqua dest.) her¬ gestellt hat. Kernstrukturen und Parasiten, die bei der Jennerfärbung oft etwas blass erscheinen, kommen hierdurch besonders schön zur Darstellung. Im ganzen liefert aber schon die Jennerfärbung farbenprächtige, höchst instruktive Bilder: die Erythrozyten erscheinen rot, alle Kerne Mau. ebenso das Protoplasma der Lymphozyten. Die verschiedenen Granulationen der Leukozyten sind schön gefärbt: leuchtend rot die grossen Granula der Eosinophilen, rötlich-violett die feineren Körne- lungen der neutrophilen Leukozyten, bläulich-violett die groben Körn¬ chen der Mastzellen. Das gefärbte Blutpräparat gestattet besonders über die Leukozyten genauere Orientierung als das Nativpräparat. Haben wir im Nativ- präDarat nur gesehen, dass die Leukozvten überhaupt vermehrt sind, so können wir nunmehr feststellen, welche Art dieser Zellen die Ver¬ mehrung der Leukoztenzahl bewirkt. Sehen wir fast nur Lymphozyten, so ist die Diagnose einer lymphadenoiden Leukämie gestellt, fallen zahlreiche granulierte Zellen mit blassem, ovalem Kern auf. so werden wir an myeloische Leukämie denken usw. Das gefärbte Blutpräparat gibt auch die Möglichkeit, durch Auszählung einer grösseren Zahl (200 — 300) Leukozyten das Mischungsverhältnis dieser Zellen zu be¬ stimmen. die sog. Leukozytenformel. Diese kann grossen Wert für die Diagnose haben, auch wenn die absolute Zahl der weissen Blutkörper¬ chen nicht genau bekannt ist. So würde z. B. starke Lymphozytose bei Fehlen der Eosinophilen für Typhus abdominalis sprechen, wenn Ver¬ dacht auf Typhus vorliegt. Vermuten wir bei einem Kranken ein echtes Asthma, so kann diese Diagnose durch den Nachweis einer Ver¬ mehrung der eosinophilen Leukozyten gestützt werden. Auch an den roten Blutkörperchen ist im gefärbten Präparat manches zu sehen, was im Nativpräparat nicht oder nicht deutlich erkennbar ist. Sehr schön und viel klarer als im Nativpräparat kommt der Hämoglobin¬ gehalt des einzelnen Erythrozyten zum Ausdruck. Je mehr Hämoglobin ein Erythrozyt enthält, um so intensiver färbt er sich mit Eosim Die farbstoffreichen Erythrozyten bei perniziöser Anämie sind deutlich von den farbstoffarmen bei sekundären Anämien und bei Chlorose zu unter¬ scheiden. Diese erscheinen blass, oft so sehr, dass nur die etwas dickeren Randteile des Erythrozyten sich färben und sog. Pessarformen entstehen. Ausserdem sind im gefärbten Präparat kernhaltige Erythro¬ zyten leicht erkennbar, auch von der Kernstruktur kann man einen Eindruck gewinnen: die Normoblasten haben einen sehr chromatin- reichen, dicht gebauten Kern, zuweilen ist die radspeichenartige An¬ ordnung des Chromatins erkennbar; die sog. Megaloblasten dagegen, die vorwiegend bei perniziöser Anämie Vorkommen, haben ein lockeres Kerngerüst. Dieselbe Bedeutung wie das Auftreten kernhaltiger Erythrozyten hat auch die sog. Polychromatoohilie: der polychromatophile Erythrozyt färbt sich in der Jenn ersehen Farblösung nicht rot, sondern violett, er nimmt also auch den basischen Farbstoff Methylenblau in sich auf. Solche Zellen sind als jugendliche Erythrozyten anzusprechen1. Der Nachweis kernhaltiger oder polychromatophiler Erythrozyten spricht also für eine besonders lebhafte Blutbildung. Die dritte Untersuchungsmethode endlich, die in der Praxis; nicht entbehrt werden kann, ist die Hämoglobinbestimmung. Alle Versuche, das Gowers-Sahli sehe Hämoglobinometer durch andere, einfachere Instrumente zu ersetzen, haben bisher nicht zum Ziel geführt. Die T a 1 1 q u i s t sehe. Skala ist selbst für recht bescheidene Ansprüche zu 404 MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT. wenig exakt. Sehr gut sind die Kolbenkeilhämoglobinometer. Doch sind sie teuerer und in der Handhabung weniger einfach, als aer Gowers-Sahli sehe Apparat. Die Hämoglobinomctrie gibt uns an, ob der Kranke überhaupt anämisch ist. Sie lässt wohl den Grad, nicht aber die Art der Anämie erkennen. Darüber gibt uns erst die mikroskopische Untersuchung des Blutes Aufschluss. So bilden diese 3 'grundlegenden Untersuchungsmethoden ein fest Ineinandergreifendes System. Jede ergänzt die andere. Mit ihrer Hilfe wird der Arzt auch schon in der Sprechstunde die Mehrzahl aller sich ihm bietenden Blutkrankiieiten klären können. Soziale Mzin und Aerztliche Standesangelegenheiten. Zur Wahl des Niederlassungsorts. Für die Niederlassung wird der Bezirk der beste sein, in dem möglichst viel Einwohner auf einen Arzt kommen, in dem also der Index = Einwohner : Aerzte maximal wird. Nun geht allerdings die Einwohnerzahl nicht streng parallel mit der allein massgebenden, aber unbekannten Zahl der Kranken, die den Arzt aufsuchen. Weiter trägt die Praxis aurea zwar mehr pro Kopf, aber der einzelne Patient beansprucht auch mehr Zeit; endlich "bringt bei sehr dünner Bevölkerung der Arzt einen guten Teil seiner ■Zeit unterwegs zu, und es ist klar, dass infolge dieser und ähnlicher lokaler Faktoren (Universität, Bad, starker Fremdenverkehr) der Index noch nicht die Bonität bedeutet; aber ihre Hauptgrundlage und das einzige exakt fassbare Moment bei ihrer Ermittlung ist er eben doch, und deshalb müssen wir ihn vor allem feststellen; die Unterlagen dazü liefert das deutsche Aerzteverzeichnis (Aerzteverband-Buchhandlung, Leipzig, Dufourstr. 18). Nach ihm Ihät z. B. Angermünde-Stadt 8200 Einwohner und 7 Aerzte. also Index 1170; diese Zahl ist irre¬ führend, denn sie berücksichtigt nicht die kleineren arztlosen Orte der Umgebung, die von Angermünde aus mitversorgt werden und nicht •zu vernachlässigen sind; hat doch der Kreis 65 000 Einwohner, während die Orte im Kreis, in welchen Aerzte wohnen (Arztsitze), zusammen nur 26 000 Einwohner haben; nimmt man an, dass die Aerzte etwa gleichmässig über den Kreis verteilt sind, so hätte Stadt Angermünde mit Umgebung |200 X 26 nöö = 20 500 Einwohner und 7 Aerzte, d. h. der Index wäre ^ = 2900. Leben bekommt diese Zahl, sobald1 man sie mit anderen vergleicht, wobei zunächst der Reichsindex mit 1770 interessiert, zum anderen die Frage, inwieweit die Verteilung der Aerzte über das Reich ungleichmässig ist; um das festzustellen, dient als erste Methode die Einteilung der Siedlungen in Grössenklassen. (Tabelle 1.) Tabelle 1. Grössen¬ klasse Ein¬ wohner Index Städtegruppe und Einwohner Index Siedlungen kleiner als Index • I. 3600 820 a Berlin 820 Berlin 500 200 100 50 30 20 10 1900 2100 2250 2400 2600 2750 2900 3050 H. 50-1500 1100 j b 500—1500 0 200— 500 d 100— 200 e 50— 100 1000 1225 1150 1075 III. 10—50 1600 f 30— 50 g 20- 30 li 10- 20 1400 1650 1775 Die Einwohner sind nach Tausenden angegeben, die Aerzte nur gezählt, soweit sie Praxis ausüben. Man darf nun nicht aus der Grösse einer Stadt aus Tab. 1 ihren beiläufigen Index eruieren wollen, da die einzelnen Städte einer Grössenordnung unter sich recht erheblich differieren, was Tab 2 zeigt: Tabelle 2 (I n d i c e s). a) Städte von 500- München . 480 Breslau . 775 Frankfurt-Oflenbach . 835 b) Städte von 200- Königsberg . 880 Stuttgart . 920 Hannover . 950 Kiel . 1000 Stettin . 1000 ■Nürnberg-Fürth ...... 1200 Düsseldorf ......... 1200 1500 Einwohner. Köln 1200 Hamburg- Altona . 1300 Leipzig . 1500 Dresden . 1600 -500 Einwohner. Elberfeld-Barmen . 1200 Magdeburg . 1300 Mannheim-Ludwigshafen . . 1600 Chemnitz . ißoo Essen . i800 Dortmund . . . . . . . 1900 Duisburg-Ruhrort . 2500 c) Städte von 100 — 200 Einwohner. Wiesbaden . 440 Halle . 720 Kassel . 800 Münster . 840 Karlsruhe . 950 Braunschweig . 1100 Aachen . 1150 Erfurt . . . . . 1/60 Mainz . 1250 Saarbrücken ........ 1500 Pla»ea . 1550 Spandau . 1600 Bochum . 1600 ' Krefeld . . Arnsburg . i>-50 Mülheim-Ruhr . 23"0 Düren . . 2350 Gelsenkirchen . 2350 Oberhausen . • 3000 Hamborn . . | 3200 Eine zweite Methode zur Feststellung von Ungleichheiten i Berufsgliederung, die natürlich nur unvollständig durchführba Tab. 2 zeigt uns die dünne ärztliche Besetzung der grossen lnd Städte und aus Tab. 3 ersieht man die Verhältnisse für kleinere ! und ganze Länder. Dabei umfasst Gruppe a: Oldenburg, Han Mecklenburg, Pommern, Ostpreussen und Bayern; ohne letzteres der Gebietsindex 2280. ln Gruppe b sind Freistaat Sachsen. We: und Regierungsbezirk Düsseldorf; Überschlesien ist wegen der ! flussung seiner Verhältnisse durch die Wirren weggelassen, es den Industrieindex auf 2150 heben. Tabelle 3. Indizes des ganzen der Städte von - , p Gebietes 10-20 20-30 30- e.) yplwiegend landwirtschaftliche , .Gebiete . b) Industriegebiete . .... 1890 1250 1100 1 2050 2400 3150 1 c) Uebriges Deutschland ... 1600 1650 1500 1 Die dritte Methode endlich ist die Gegenüberstellung ein Landstriche; diese müssen natürlich arrondiert sein, man muss Erfurt zu Thüringen rechnen; ferner darf man nicht ausgerechne sehen Bremen und Oldenburg, Hamburg und Hannover eine ( legen, da solche Städte das benachbarte Land erheblich beeinfli all diese Grenzunstimmigkeiten treten zurück, wenn man die striche recht gross macht; andererseits müssen die Land1 auch leidlich homogen sein; sie dürfen nicht Bezirke mit allzi schiedenem Index umfassen. Diesen Forderungen scheint mir fol Zusammenstellung am meisten zu entsprechen (Tab. 4). Tabelle 4. Landstrich I n d a) Süddeutschland mit Hessen-KasSau . b) Nordwestdeutschland . . . = Rheinland, Westfalen, Oldenburg, Hansa. Mecklenburg, Hannover, Provinz und Freistaat Sachsen, Thüringen u. Kleinstaaten. e) 1. Pommern, Brandenburg, Nieder- und Mittelschlesien 'c) 2. Grossberlin . c) 3. Oberschlesien . . . . . d) Ostpreussen . 15t 2« 22! 82 ca. 400 27C Zur Begründung dieser Anordnung ist zu sagen: 1. Hessen-Nassau mit Hessen stimmt mit dem Süden im überein und ist daher trotz der resultierenden unschönen Grenz zugezählt. 2. Eine Gressstadt aus ihrer Umgebung herauszuschälen ist a aber auch ihre Verrechnung mit der Umgebung hat Unzuträglich! die bei Berlin das erlaubte Maass weit überschreiten; so führe isoliert auf und überlasse es dem Einzelnen, den Einfluss dieser auf ihre Umgebung gefiihlsmässig zu erfassen, diesen Einfluss, de darin ausspricht, dass die märkischen Mittelstädte bis 25 Proz., Pt sogar 40 Proz. unter dem Arztsoll liegen, Eberswalde allerdings 10 darüber, und über die Mark hinaus könnte ich den Einfluss z; mässig nicht mehr fassen. 3. Ostpreussen erscheint trotz Königsberg (Tab. 2) gering be wenn 20 Proz. der Tätigkeit der Königsberger Aerzte auf die Pri bevölkerung entfällt, so muss man die Stadt und1 80 Proz. ihrer i von der ganzen Prov